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KÖRPERFRESSER – Eine Fantasy-Kurzgeschichte von Barbara Wegener

KÖRPERFRESSER

Fantasy-Kurzgeschichte

von

Barbara Wegener

Schnee! Marlies hasste Schnee. Und heute war wieder so ein Tag, der zeigte, dass ihre Abneigung Gründe hatte.

„Liebling, ich hab den Weg zum Auto gefegt und dein Auto ausgegraben. Wünsch dir ´nen schönen Tag. Kann heute etwas später werden.“ Jens drückte ihr liebevoll einen Kuss auf die Stirn und verließ die Wohnung.

Marlies überflog die to-do-Liste, seufzte und verließ nun auch das Haus.

Wie Jens versprochen hatte, konnte sie problemlos bis zu ihrem feuerroten Golf rollen. Dann aber entfuhr ihr ein nicht sehr damenhaftes „Scheiße! Diese Idioten sollte man …“

Der Winterdienst hatte ganze Arbeit geleistet, die Straße vom Schnee befreit und diesen an den Rand geschoben. Bei der geringen Höhe der Schneehügel war es eigentlich kein Problem, über sie hinweg zu steigen und sich ins Auto zu setzen. Dumm nur, dass der Rollstuhl von Marlies weder über eine Klettervorrichtung verfügte noch über ein Heißluftgebläse, um den Schnee zu tauen. Also war es erst mal nichts mit dem Autofahren.

Der Tag hatte gerade erst begonnen und Marlies wollte sich nicht gleich in der Frühe aufregen. Fahre ich halt mit dem Bus, dachte sie.

Die Haltestelle war nur zweihundert Meter entfernt, und sie musste nur um die nächste Ecke fahren. Mit Schwung rollte sie den Bürgersteig entlang und stoppte dann abrupt. Direkt hinter der Kurve türmte sich der Schnee. Der Nachbar hatte zwar den Weg von seinem Haus zum Auto, nicht aber den Gehweg geräumt. Manchmal könnte sie ihn … Hier kam sie nicht weiter. Also, zurück zum Haus und ein Behindertentaxi rufen.

„Da müssten sie aber bis heute Nachmittag warten. Der Wagen ist unterwegs.“, meinte die Dame am Telefon.

Natürlich stand auch keine Droschke zur Verfügung. Warum sollte der Tag nicht so mies weitergehen, wie er angefangen hatte? Marlies verwünschte die Taxizentrale.

Der gefrusteten Frau blieb nichts anderes übrig, als ihren Mann anzurufen.

Jens war nicht sonderlich erbaut. Schließlich hatte er anderes zu tun, als heimzufahren und die Schneebarriere zu entfernen. Aber er war nach dreißig Minuten da.

Endlich konnte es losgehen. Es war schon fast Mittag, als Marlies die Innenstadt erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte sie einen freien Behindertenparkplatz. Doch entweder türmten sich auf ihnen Schneeberge, oder sie waren mit falsch parkenden Autos belegt. Schließlich hatte sie doch Glück. Marlies fuhr langsam die Hauptstraße entlang, als sie einen Mann die Bank verlassen und zu seinem dicken Benz eilen sah. Und wie nicht anders zu erwarten, stand die Limousine auf einem deutlich markierten Behindertenparkplatz.

Marlies öffnete das Seitenfenster.

„Ihnen ist schon klar, dass sie hier nicht parken dürfen?“, rief sie wütend.

„Ich war nur schnell Geld holen. Höchstens zwei Minuten stehe ich hier. Regen sie sich nicht auf“, kam als Antwort. Er setzte sich ins Auto und fuhr mit quietschenden Reifen weg. Marlies konnte nur noch den Kopf schütteln. Sie parkte ein, legte den Parkausweis gut sichtbar aufs Armaturenbrett und begann mit ihren Einkäufen. Zumindest hatte sie es vor.

Sie saß jetzt neben dem Auto im Rollstuhl und suchte nach einer Absenkung, um auf den Bürgersteig zu kommen. Vergeblich. Vor der ersten, wenige Meter entfernten Absenkung hatte jemand Sperrmüll auf den Gehweg gestellt, und vor einer weiter entfernten parkte ein Transporter. Marlies blieb also nur die Option, trotz dichten Verkehrs mühsam die verschneite Fahrbahn entlang zu rollen, bis sie endlich eine Möglichkeit fand, auf den Fußweg zu kommen.

Nun also die ganze Strecke zurück zur Bank, wo sich inzwischen vor dem Geldautomaten eine Schlange gebildet hatte. Notgedrungen reihte sie sich ein, und bald standen weitere Leute hinter ihr an. Nach fünfzehn Minuten war sie endlich mit dem Geldabheben dran, rollte seitlich an den Automaten und führte ihre Kreditkarte zum für diese vorgesehen Schlitz, als der hinter ihr stehende Fettwanst sich so dicht an sie drängte, als wolle er auf ihrem Schoß Platz nehmen.

Marlies drehte sich um und fauchte: „Soll ich ihnen meine PIN-Zahl aufschreiben, oder sehen Sie gut genug, was ich eintippe?“ „Was interessiert mich Ihre PIN-Zahl“, kam als Antwort und dann ein gemurmeltes „Immer diese beleidigten Behinderten.“ Aber wenigstens trat er einige Schritte zurück.

Als Marlies die Bank verließ, fuhren zwei Einsatzfahrzeuge der Polizei und ein Rettungswagen mit hoher Geschwindigkeit und Blaulicht vorbei. Augenblicke später hielt einer der Funkwagen direkt neben ihrem Auto. Zwei Beamte stiegen aus und stürmten in das Haus, neben dem sie sich befand. Marlies sah entgeistert den geringen Abstand zwischen ihrem und dem Polizeifahrzeug. Das darf doch nicht wahr sein, schoss es durch ihren Kopf, wie komme ich jetzt in den Wagen?

Hinter ihr schrie plötzlich eine Frau und Marlies, immer noch wütend, drehte sich neugierig um. Was sie sah, ließ ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen. Der Fettwanst vom Geldautomaten wälzte sich auf dem Boden. Unter ihm bildete sich eine Blutlache, und irgendwas schien unter seiner Jacke und Hose zu krabbeln.

„Nehmt sie weg! Nehmt sie weg!“, schrie er unentwegt, während er versuchte, die Jacke aufzureißen.

„Da! Nehmt sie weg!“

Marlies sah die kleinen pelzigen Ungeheuer, als sich der Mann in ihre Richtung drehte. Er versuchte, sich von ihnen zu befreien, doch lösten sie sich, wenn er nach ihnen griff, sofort auf und andere Monster traten dafür auf den Plan. Sie schlugen dem Mann ihre scharfen Zähne ins Fleisch und Marlies fand, dass zur Mahlzeit nur noch das Lätzchen um den Hals der Ungeheuer fehlte …

„Da ist doch gar nichts!“, rief eine Frau, die dem Mann helfen wollte. „Was ist hier los? Der Kerl löst sich ja auf!“ Mit schreckweiten Augen lief sie von dannen.

Marlies wunderte sich. Warum sah sie die Biester, aber sonst offenbar niemand? Sie konnte den Monstern sogar beim Fressen des Fettwanstes zuschauen, während die anderen Menschen mit dem Anblick immer weniger werdenden Fleisches vorlieb nehmen mussten.

Und das Schrecken nahm kein Ende. Aus dem Haus, in dem die Polizisten verschwunden waren, stürzte voller Panik eine mur mit Jogginganzug und Hausschuhen bekleidete Frau.

„Hilfe! Da oben liegen zwei Skelette!“, rief sie und brach ohnmächtig zusammen.

Marlies wurde es mulmig. Zwei weitere Streifen- und ein Mannschaftswagen hielten am Straßenrand, und die herausspringenden Polizisten sperrten das Gelände weiträumig ab. Niemand durfte rein, niemand raus.

Dann klingelte das Handy.

„Liebling, wo bist du?“, schrie Jens durchs Telefon.

„In der Innenstadt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was hier grade passiert ist.“ Marlies wollte ihm von den Vorfällen berichten, doch er unterbrach sie. „Unsere Nachbarin Birgit hat mich im Büro angerufen. Sie wollte wegen irgendwelcher Formulare zur Werkstatt ihres Mannes, doch als sie dort ankam, sah sie schon Polizisten herumlaufen, und von ihrem Mann waren nur noch die Knochen übrig.

Und es gibt mehr solcher Fälle. Kurz vor der Stadtgrenze ist ein Benz ins Schleudern gekommen und in eine Hauswand gekracht. Vom Fahrer konnten wie vom Nachbarn in der Werkstatt nur noch die Knochen geborgen werden. Weitere Opfer sind wohl ein Mitarbeiter des Schneeräumdienstes, ein Heizungstechniker und eine Beschäftigte der Taxizentrale! Was ist denn da los?“

Marlies hatte ihrem Mann aufmerksam zugehört, doch jetzt lenkte sie einer der Polizeibeamten ab: „Zwei Kollegen hat’s erwischt. Nur noch Skelette. Und der Bewohner, zu dem sie wollten, sieht genauso aus. Der war mitten im Umzug, hatte gerade die letzten Kisten gepackt und Sachen für den Sperrmüll rausgestellt. Da vorne liegt das Zeug.“

Marlies stutzte. Alle, über die sie sich geärgert hatte, waren Opfer der Minimonster geworden. Vom Fahrer des Winterdienstes über den Nachbarn, die Dame von der Taxizentrale, den Benz-Fahrer, den Mann mit dem Sperrmüll an der ersten Gehwegabsenkung, den mit seinem Lieferwagen die zweite Absenkung blockierenden Heizungstechniker, den Fettwanst von der Bank bis zu den beiden Polizeibeamten, die ihren Wagen zugeparkt hatten.

Marlies sah sich nochmals um und erblickte wieder viele kleine Pelztiere, die ihr jetzt aber friedlich vorkamen. Warum nur blieben sie für die anderen unsichtbar? Plötzlich sprach sie eins der Tierchen an: „Wir haben alle erwischt! Das machen die nicht noch einmal!“

Dann verschwanden sie, und zurück blieben Knochen, verängstigte Menschen und eine verunsicherte Marlies, die künftig mit ihren Verwünschungen vorsichtiger umgehen wollte …

– Ende –

Copyright (C) 2012 by Barbara Wegener


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5 Comments

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  1. Für mich die bislang beste Kurzgeschichte der Autorin und ein Anwärter für den Hauptpreis! Herrlich! Was meint Ihr?

  2. Christa Kuczinski

    Wirklich gut geschrieben. 😉

    Ich glaube hier passt die Perspektive nicht :Der gefrusteten Frau blieb nichts anderes übrig, als ihren Mann anzurufen.
    Ansonsten, gefällt mir!!!

  3. Christa Kuczinski

    Ähm, keine Ahnung warum statt des D s ein Grinsi. aufgetaucht ist*

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