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Literatur-Blog

Nachts – ein guter Klassiker

Stephen King
Nachts

Heyne / Allgemeine Taschenbuch (9220)
512 Seiten
ISBN 3453092204
Originaltitel: Four Past Midnight (1990)
Erschienen: 1999
Übersetzer: Joachim Körbe
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Stephen King können anscheinend die banalsten Dinge einfallen, bei ihm sind sie noch immer gut genug, um Stoff für eine Horrorstory abzugeben. Man nehme einige Bücher, die man aus einer Bibliothek entliehen hat, und den sicherlich gar nicht so seltenen Fall, dass man ganz einfach den Rückgabetermin verpasst hat. Eigentlich nicht weiter schlimm. Man setzt seine schönste „Es-tut-mir-Leid-Miene“ auf, zahlt eventuell etwas Nachlösegebühren und die Sache ist erledigt.

Doch nicht so bei Sam Pebbles, Held der Geschichte „Der Bibliothekspolizist“. Da er kurzfristig als Redner einspringen muß, entschließt er sich, der örtlichen Bibliothek mal wieder einen Besuch abzustatten. Er erhält zwar auch die gewünschten Bücher, aber ansonsten macht die Bibliothek auf ihn einen eher unheimlichen Eindruck. Vor allem sind es Plakate, die Kinder ermahnen sollen, die ausgeliehenen Bücher auch ja rechtzeitig zurückzubringen, die eher in ein Gruselkabinett gehören, als in eine Kinderbibliothek. Vor allem ein Plakat, das den Bibliothekspolizisten darstellt, weckt unangenehme Assoziationen in ihm, die allerdings noch keine konkreten Erinnerungen werden. Noch nicht
.
Und auch Ardelia Lortz, die Bibliothekarin, scheint nicht eben die angenehmste Zeitgenossin zu sein. Doch die Rede wird ein so überwältigender Erfolg, dass Sam schon bald nicht mehr an diese unangenehme Bibliothek denkt. Und so vergißt er natürlich, die Bücher abzugeben. Bis ihm sein Anrufbeantworter ein Gespräch mit Ardelia Lortz vorspielt…

Anfangs ist Sam die Geschichte nur unangenehm, allerdings wird sie schon sehr unangenehm, als er feststellen muss, dass er die beiden Bücher nicht mehr hat. Zufälligerweise sind sie in einen Stapel alter Zeitungen geraten, und die sind längst, wie in jedem Monat, von Dirty Dave, einem stadtbekannten Alkoholiker, abgeholt worden. Doch vollends entsetzt ist Sam, als er bei einem erneuten Besuch in der Bibliothek feststellen muss, dass sie sich völlig verändert hat. Viel moderner, viel freundlicher (auch die merkwürdigen Plakate sind verschwunden), und von einer Ardelia Lortz als Bibliothekarin hat natürlich niemand etwas gehört. Sam steht vor einem Dilemma. Wie gibt man Bücher, die man nicht mehr hat, an eine Bibliothek zurück, die nicht mehr existiert? Und der Bibliothekspolizist ist schon hinter ihm her…

Das soll an dieser Stelle zum Inhalt der Story reichen, nur noch so viel, was anschließend passiert, ist wirklich ziemlich schlimm, wenn auch nicht ziemlich neu. Mit unheimlichen Wesen, die von menschlichen Körpern Besitz ergreifen können, haben wir es in Horror und Science-Fiction ja wahrlich nicht erst seit gestern zu tun. Und auch Kindheitstraumata, die die Entwicklung der Persönlichkeit auf Jahre hinweg beeinflussen, sind ein beliebtes und immer wieder gern eingesetztes Element, wenn es in Richtung Psycho-Thriller gehen soll. Nur gelingt es eben den wenigsten Autoren, die Elemente dermaßen wirkungsvoll zu verknüpfen, wie es bei Stephen King der Fall ist. Und auch stilistisch schöpft der Meister wieder aus dem Vollen: Rückblenden, Traumsequenzen, eine matschiger Showdown und eine Prise (allerdings reichlich widerwärtigen) Sex und zum Entspannen auch mal eine Portion Gefühlsduselei. Auf letzteres hätte man meiner Meinung nach durchaus verzichten können, doch da die weibliche Heldin genau wie Kings Tochter Naomi heißt, war so etwas schon zu erwarten.

In der zweiten Erzählung des Buches geht es um eine Polaroidkamera, die der fünfzehnjährige Kevin zu seinem Geburtstag geschenkt bekommt. Sie macht zwar Bilder, aber leider ist darauf nicht das zu sehen, was eigentlich darauf zu sehen sein sollte. Stattdessen zeigt sie immer wieder das Bild eines Hundes. Doch dieser Hund sieht nicht nur sehr gefährlich aus, er hat auch auf jedem weiteren Foto seine Position geringfügig verändert.

Kevin bringt die Kamera zu Pop Merill, von dem er sich Hilfe verspricht, doch ist er da leider genau an den Falschen geraten. Denn Pop Merill entpuppt sich als ziemlich mieser Typ, der nur darauf scharf ist, die Kamera einigen seiner Kunden, von denen mehrere normalerweise an übernatürlichen Phänomenen interessiert sind, zum Kauf anzubieten. Als Kevin schließlich beschließt, die Kamera zu vernichten (mittlerweile setzt der Hund zum Sprung an, und anstatt eines Halsbandes trägt er eine Krawatte von Kevin), da vertauscht Pop einfach die Kameras, und Kevin zerschlägt ein völlig normales Gerät. Doch auch Pop hat nicht viel Freude an dem Fotoapparat, denn alle seiner potentiellen Käufer wollen mit so einer Kamera nichts zu tun haben. Und als Pop die Gefahr schließlich selbst erkennt, hat das Ding schon die Macht über ihn gewonnen. Der Hund springt…

„Zeitraffer“ ist für mich wesentlich schwächer als der „Bibliothekspolizist“, was wohl vor allem an der weniger komplexen Handlung liegt. Natürlich weiß der Leser ziemlich früh, dass der Hund irgendwann aus dem Foto springen wird, doch bis es dann endlich soweit ist, muss er fast zweihundert Seiten lesen, und dann ist die Geschichte auch schon fast vorbei. Stephen King bevölkert die Story mit allerlei skurrilen Typen (die potentiellen Kunden von Pop Merill), die aber alle nur den einen Zweck haben: Seiten zu füllen. Und Kevins Gegenmittel gegen den teuflischen Hund erschien mir viel zu simpel, um eine wirksame Waffe gegen solch ein bestialisches Geschöpf zu sein. War es schließlich auch nicht, wie der Schlussgag dann zeigt, der allerdings auch furchtbar aufpassen muss, um nicht auf den eigenen meterlangen Bart zu treten.

„Zeitraffer“ soll gemeinsam mit „Stark“ (jetzt auch als Taschenbuch bei Heyne) und „Needfull Things“ (als Hardcover bereits in deutsch erhältlich) eine Castle-Rock-Trilogie bilden, in der die letzten Geschichten aus dieser imaginären Stadt erzählt werden, die in so vielen Werken von Stephen King eine Rolle spielt. So werden auch in „Zeitraffer“ Personen oder Ereignisse erwähnt, die dem Leser aus anderen Arbeiten bekannt sind (Sheriff Pangborn oder Cujo), das macht die Geschichte zwar nicht besser, aber der Mensch freut sich.

Neben den beiden Geschichten hat es sich der Meister wieder nicht nehmen lassen, reichlich Vorworte zu schreiben, Vorworte, bei denen es wirklich Spaß macht, sie zu lesen. Bleibt noch zu erwähnen, dass „Nachts“ ja eigentlich nur die zweite Hälfte des in den USA erschienen Buches FOUR PAST MIDNIGHT ist, die erste Hälfte erschien bei Heyne unter dem Titel „Langoliers“. Aber warum soll man ein simples Taschenbuch mit etwa tausend Seiten für zwanzig Mark drucken, wenn man daraus doch genauso gut zwei Jumbos für fast fünfzig Mark machen kann? Und sein Geld ist Stephen King immer noch wert… (Renald Mienert)

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2. Meinung von Bernd Krosta:

1. Story: Der Bibliothekspolizist

Bibliothekspolizei, was soll denn das sein? Nun, laut den Vorbemerkungen zu diesem Roman scheinen die amerikanischen Kinder doch gewissen Bammel vor diesen Personen zu haben, wenigstens die etwas Kleineren. In der Art von: Bringst Du dein geliehenes Buch nicht pünktlich zurück, kommt der Bibliothekspolizist bei dir vorbei. Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, wie das war, als ich noch Bücher ausgeliehen habe; heutzutage kauft man ja alles. Aber als Kind war das doch die beste Art, günstig (günstiger als umsonst geht es wohl nicht) etwas zu lesen zu bekommen. Doch wenn ich mich recht entsinne, gewisse Manschetten hatte ich auch davor, den Rückgabetermin zu verpassen.

Na okay, zurück zum Roman: Unser Hauptdarsteller, Sam Peebles, der ein Makler- und Versicherungsbüro betreibt, sieht sich plötzlich in der Situation, eine Rede vor dem Rotarier-Verein halten zu müssen. (Wie soll man dazu sagen – Wirtschaftsclub? Oder Selbständigenvereinigung?) (…)

Jedenfalls ist es der Verein der wichtigen Firmenbesitzer – zumindest derjenigen, die sich dafür halten – in dem kleinen Städtchen Junction City – nein, nicht Castle Rock. (Diesmal jedenfalls!) Die für diesen Abend vorgesehene Hauptperson, der Clown Amazing Joe (was für ein Name!) hat sich im Vollsuff den Hals gebrochen – zwar überlebt (passend zu King), aber wie man sich denken kann, fällt er halt für diesen Abend aus. Wieso als Ersatz für einen Clown ein Redner kommen soll, habe ich auch nicht ganz verstanden. (…) Naja, Sam wird halt etwas bedrängt, diese Rede zu halten. Und weil seine Teilzeitsekretärin (übrigens die Teilzeitsekretärin der meisten Geschäftsleute von Junction City, oder besser noch, die einzige überhaupt) seine Rede nicht schlecht, aber ziemlich trocken findet, macht Sam sich auf den Weg zur Bibliothek, um sich dort etwas Auflockerungslektüre mit ein paar passenden Witzen oder Anekdoten zu besorgen, die man eben so geschickt in Reden einbauen kann.

Die Bibliothek ist ein grässlicher, älterer Bau mit einer typischerweise altjungferlichen Bibliothekarin, die einen nicht ganz sympathischen Eindruck auf Sam macht. Sie ist zwar äußerst höflich und kann das Gewünschte auch schnell besorgen, aber ihre Augen, so jedenfalls Sams Eindruck, sagen etwas ganz anderes als das Lächeln auf ihren Lippen. Sehr negativ ist Sam auch die Kinderabteilung aufgefallen. So gibt es dort einige nicht ganz freundliche Poster, eben vom Bibliothekspolizisten – oder auch von der Art, dass ein Kind nicht mit Fremden mitfahren soll. Für kleine Kinder allemal recht erschreckend. Dies versucht Sam natürlich der Bibliothekarin klarzumachen, aber die kann (naturgemäß) mit Sams Ausführungen nichts anfangen, sondern fühlt sich nur davon belästigt. Auf alle Fälle warnt sie ihn, die geliehenen Bücher unbedingt pünktlich zurückzubringen, sonst würde der Bibliothekspolizist vorbeikommen. Wie wir uns denken können, haben solche Warnungen bei King einen gewissen zu beachtenden Hintergrund – sehr zu beachten! Aber Sams Rede wird ein Riesenerfolg. Die Tipps aus den geliehenen Büchern sind großartig, und prompt wird Sam mit Aufträgen für seine Firma überschüttet. Es könnte also gar nicht besser laufen, wenn da nicht die Bücher wären, die man doch recht leicht verlegen oder gar verlieren kann, oder was weiß ich, was noch so alles mit geliehenen Büchern passiert, die unbedingt wieder pünktlich in der Bücherei zurück sein müssen, wenn eine nicht ganz durchsichtige Bibliothekarin mit dem Bibliothekspolizisten droht. Wie ihr Euch denken könnt, passiert natürlich etwas, im King schen Stil.

Alles in allem eine ganz nette Geschichte, irgendwo typisch King, nichts Besonderes, ganz nett halt. Der Nachteil bei einer solchen Short-Story (immerhin knapp 300 Seiten) ist für mich, dass King sich nicht richtig ausleben kann. Für seine Verhältnisse ist die Handlung ziemlich zusammengepresst, und natürlich bleiben auch die vielen Be- und Umschreibungen der Personen, der Umgebung usw., der Länge der Geschichte angepasst, auf der Strecke. Ich lese lieber dickere Schinken von ihm.

2. Story „Zeitraffer“

Die zweite Geschichte dieses Buches hat schon am Beginn einen großen Vorteil: Sie spielt in Castle Rock. Castle Rock, der Schauplatz so netter Storys wie Dead Zone, Cujo, Die Leiche (Kurzgeschichte – verfilmt „Stand by me“), Stark-The Dark Half (Castle Rock wird immerhin erwähnt, ebenso wie sein neuer Sheriff Alan Pangborn – nach Sheriff Bannerman, der in Cujo ins Gras beißt) und Needful Things (mit dem guten Alan Pangborn als Hauptdarsteller…). Ja, Castle Rock ist schon ein beliebter Ort.

Kevin Delevan erhält nun in dieser Geschichte eine Fotokamera zum Geburtstag – eine Sun 660. (Sun 666 wäre doch bestimmt eine nettere Typenbezeichnung gewesen) Die Sun 660 ist ein Polaroidapparat, also eine von den Dingern, die diese Sofortbilder machen. Bis auf einen kleinen Unfall am Geburtstag, bei dem die Kamera auf den Boden fällt und einen unbedeutenden Schaden erleidet, könnte alles in bester Ordnung sein, bis auf die Tatsache eben, dass sie immer das gleiche Bild macht. Egal was Kevin auch fotografiert, auf dem Bild erscheint irgendein Mischlingsköter, der vor einem Zaun steht. Ganz schön lästig, was soll man schon mit so einer Kamera anfangen?! Aber dann fällt Kevin, oder besser gesagt, zuerst seiner Schwester, etwas auf. Das Bild verändert sich nämlich leicht, ganz leicht, als ob der Hund sich in Zeitlupe bewegt. Und wenn man die Bilder in der richtigen Reihenfolge zusammenhält, bekommt man sogar eine Art Daumenkino. (Kennt Ihr doch noch?!) Trotz allem scheint das natürlich noch immer nicht weiter tragisch zu sein, wenn man nicht wüsste, dass die Geschichte von Stephen King ist. Die Handlung nimmt also ihren Lauf (der Schrecken auch).

Insgesamt (ich kann ja schon mal mit dem Resümee anfangen) hat mir die zweite Story besser gefallen (trotz des kürzeren Textes). Vielleicht auch bloß durch das Erscheinen von alten Bekannten, wie Castle Rock und so. Für mich war es der typischere King Roman, Kleinstadt, Kinder und Schrecken – möglicherweise ist es aber auch nur der Unterschied zwischen den King-Äras. Bei „Zeitraffer“ spielt King wieder mit dem jugendlichen Darsteller und deren Ängsten, wie z. B. bei „ES“ oder bei „Christine“, während bei „Der Bibliothekspolizist“ der Schrecken der Kindheit in die erwachsene Gegenwart führt (halt, ist ja auch wieder wie bei „ES“). Na gut, bevor ich mich weiter verstricke, die zweite Story gefiel mir eben etwas besser, aber insgesamt war es ein gut zu lesendes Buch, wie bei King halt immer. Die Storys sind zwar nicht mehr jüngsten Ursprungs, sondern inzwischen gut zehn Jahre alt, aber das schmälert nicht ihre Qualität.

Wer also gerne King liest und gerade kein ausgewachsener Roman von ihm zur Hand ist, ist ganz gut bedient. (Bernd Krosta)

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Nachts

Updated: 31. Januar 2009 — 15:20

3 Comments

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  1. Hei di dei, den hab ich auch gelesen – KULT!

  2. Hast du den etwa auch gelesen, Werner?

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