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KIRCHENGUT – Eine Kurzgeschichte von Conchita Mendés und Marianna Müller

KIRCHENGUT

Eine Kurzgeschichte

von

Conchita Mendés und Marianna Müller

„Kannst du mir mal sagen wo wir jetzt sind? Wo willst du denn hin?“

„Du wolltest doch irgendwelche Kirchen sehen!“

„Nicht irgendwelche. Ich will zum ursprünglichen Sitz des Bistums von Lübeck“

„In Lübeck waren wir doch schon. Ich denk‘ da hast du alles gesehen!“

„Man! Wie oft soll ich dir das noch erklären:  Der Bischofssitz von Lübeck war vorher woanders….“

„Und wo war er?“

„Ich glaube der Ort heißt Oldenburg.“

„Mensch Uschi, Oldenburg liegt doch ganz woanders. Wir sind hier nördlich von Lübeck!“

„Oldenburg in Holstein. Du bist nicht nur ein Kulturbanause sondern auch geographisch eine totale Niete!“

„Das stört mich keineswegs,“ er lachte laut. „Hauptsache in den wichtigen Dingen des Lebens nicht!“ Und mit dem Unterleib ahmte er einige Stoßbewegungen nach, die sie aber geflissentlich übersah.

„Was ist für dich denn schon wichtig: Autofahren und Fußball!“

„Zum Beispiel. Jedenfalls nicht so’n Kulturkram den du immer sehen willst!“

„Ich frag mich manchmal wie wir zusammen kommen konnten.“

„Kannst ja aussteigen!“

Er bremste seinen Honda CRX abrupt, legte den Ellenbogen auf das offene Fenster und grinste zu ihr rüber.

„Was machst du? Was sollen wir denn hier mitten in der Landschaft?“

„Ich denk du willst aussteigen. Da hinten im Dorf ist ‚ne Kirche, die kannst du dir ja rein tun.“ Und mit diesen Worten startete er den Wagen, am Eingang des Dorfes bremste er kurz ab um das Auto vor der alten Steinkirche zu parken. Erwartungsvoll schaute er sie an:“ „Los, ich warte hier bis du wieder raus kommst. Ich frage mich warum du nicht Nonne geworden bist, dann könntest du den ganzen Tag in den ollen Gemäuern rumkriechen!“

„Es wird bald dunkel, die Kirche ist doch längst geschlossen.“

„Quatsch! Kirchen sind immer offen. Die gläubigen Fuzzis wolle doch auch nachts mit ihrem Daddy quatschen!“

Er stieg aus, ging zur Kirchenpforte und drückte die schwere Klinke; knarrend öffnete sich das Tor.

„Sag ich doch. Los, komm jetzt. Wenn du fertig bist fahren wir zum Meer.“

Das Bistum Oldenburg ist ein ehemaliges römisch-katholisches Bistum im heutigen Schleswig-Holstein und Mecklenburg, das etwa von 970 bis 1160 bestand.

Der Name Aldinburg, später Oldenburg, entstand als Übersetzung der slawischen Ortsbezeichnung Starigrad „Alte Burg“. Starigrad war der Hauptort der elbslawischen Wagrier und Sitz ihres Fürsten. In der Nähe befand sich ein Heiligtum des wagrischen Gottes Prove. Damit war die Oldenburg ein günstiger Ausgangspunkt für die Missionierung der Slawen.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bistum_Oldenburg

Eigentlich wollte sie nicht irgendeine Kirche sehen sondern die des ursprünglichen Bistums von Lübeck, die Sankt Johannis Kirche in Oldenburg. Aber diese hier gefiel ihr auch, es war eine typische alte Dorfkirche, vermutlich aus dem 13.Jahrhundert als die Slawen dieser Gegend missioniert wurden. Sie stieg aus dem Wagen und folgte Sascha in das Dunkel des Kirchenschiffs. Gelangweilt schlenderte der zwischen den Reihen der Kirchenbänke entlang in Richtung des Altars auf dem vor den Holzschnitzereien und dem mächtigen Kreuz zwei große Kerzen standen. Eine davon nahm er in die Hand:

„Ganz schön schwer das Ding!“

„Stell das wieder hin! Du kannst hier doch nicht Sachen einfach wegnehmen!“

Er betrachtete den Halter von allen Seiten: „ Ob das Gold ist?“

„Bestimmt. Stell es hin!“

Er drehte den Ständer um, suchte den Boden ab. Die dicke Kerze löste sich und fiel zu Boden.

Das Bistum Oldenburg in Holstein wurde vom Hamburger Erzbischof Adaldag im Auftrag von Kaiser Otto I. wahrscheinlich im Jahre 972 zum Zwecke der Christianisierung der abodritischen Siedlungsgebiete im heutigen Ostholstein und in Mecklenburg gegründet. Es gibt auch Ansichten, die eine Gründung bereits 968 oder schon vor 950 vertreten.

Bereits für die Zeit um 950 sind durch Ausgrabungen mehrere christliche Körpergräber und ein hölzernes Kirchengebäude auf der Oldenburg nachgewiesen. Es handelt sich nach den Grabbeigaben um die Gräber von Eliten, sehr wahrscheinlich Angehörige der Fürstenfamilie.

Zum ersten Bischof von Oldenburg wurde von Adaldag ein Geistlicher namens Egward bestimmt. Die Nachrichten über einen angeblich ersten Bischof namens Marco oder Merka, der als Bischof von Schleswig belegt ist, sind sehr unsicher. Stattdessen wird vermutet, dass Erzbischof Adaldag dem Schleswiger Bischof eigenmächtig einen Missionsauftrag für das Gebiet des Abodritenreiches erteilt hatte. Das Gebiet des Bistums reichte von der dänischen Grenze an der Kieler Bucht bis an die Grenze des Bistums Havelberg im Süden, wurde aber im nächsten Jahrhundert auf das eigentliche Wagrien (Ostholstein) beschränkt. Oldenburg war als Suffraganbistum dem damaligen Erzbistum Bremen unterstellt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bistum_Oldenburg

„Idiot! Du machst alles kaputt!“

„Das ist kein Gold. Ist kein Stempel dran.“

„Du bist so blöd dass es schon weh tut!“ Und sie versuchte ihm den Ständer zu entreißen, er lachte, hielt fest, und je mehr sie zerrte um so mehr amüsierte er sich, riss sich los und lief hinter den Altar, ein Bereich der durch einen schweren Vorhang abgetrennt war. Uschi folgte ihm, er hielt inne:

„Äh, guck mal was hier noch alles rum liegt: Kreuze, Becher und so. Die machen hier dunkle Messen und saufen dabei,“ und er konnte sich kaum halten vor Lachen über seine ach so witzige Bemerkung.

„Sei still!“ fauchte sie ihn an und versuchte ihm den Mund zuzuhalten. Einen Moment blieben sie starr stehen. Dann hörte er es auch: Die Eingangstür hatte sich bewegt, langsame Schritte im Kirchenschiff. Sie sahen sich an: „Mach jetzt bloß nichts Falsches,“ flüsterte sie.

„Ist hier jemand?“ rief eine Männerstimme von vorne, „hallo?“

Die Dämmerung hatte das Innere der Kirche erfasst, absolute Stille.

Langsam entfernten sich die Schritte, wieder bewegte sich die Tür, ein Schlüssel drehte im Schloss.

Als Kirchengüter (Bona ecclesiastica), in einigen Fällen auch Klostergüter, bezeichnet man die im Besitz der Kirche und der mit ihr verbundenen Institutionen befindlichen Vermögensobjekte. Man teilt sie ein in Stiftungsgüter (Dos), mit denen die Kirche bei der Stiftung als Grundvermögen ausgestattet wurde, und neuerworbene Güter (Bona noviter acquisita), die von der Kirche erst später erworben wurden. Sie sind entweder Bona particularia, die zum Nutzen einzelner Kirchenglieder bestimmt sind, z.B. die kirchlichen Pfründen (Beneficia, Bona beneficialia), oder Beneficia communia, die zu den allgemeinen kirchlichen Zwecken bestimmt sind. Die letzteren wurden auch Kirchenärar (Kirchenkasten, Fabrica ecclesiae) genannt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchengut

Uschi und Sascha sahen sich an, fragender Blick: Ob die Luft rein ist? Vorsichtig öffnete er den Vorhang einen Spalt und lugte ins Kirchenschiff, versuchte das Halbdunkel zu durchdringen: Nichts. Auf Zehenspitzen schlich er weiter um die Ecke – „Zieh die Schuhe aus!“  Diesmal tat er was sie sagte, sockfuss tastete er sich weiter vor während sie ängstlich im hinteren Bereich wartete, zwischendurch vorsichtig nach ihm Ausschau haltend. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er zurück:

„Hier ist niemand. Komm, lass uns abhauen.“

Sie suchte seine Hand, aber er war schon zwei Schritte voraus. Am Altar blieb er stehen, nahm die zweite Kerze, wog sie in der Hand.

„Warte einen Moment,“ flüsterte er ihr zu, lief zurück hinter den Schrein um den anderen Kerzenständer zu holen, den er dort abgelegt hatte. In jeder Hand eines dieser goldenen Stücke hastete er zur Tür.

„Was hast du vor? Du willst die Dinger doch nicht mitnehmen!?“

„Warum denn nicht? Vielleicht ist es ja wirklich Gold. Komm jetzt!“

„Stell das wieder hin, du Idiot!“

Aber Sascha war schon an der Tür, stellte die Ständer zu Boden, die Kerze, die noch immer auf dem einen prangte brach er einfach ab, dann drückte er die schwere Klinke:

Zu!

„Scheiße! Der Sack hat uns eingeschlossen!“

„Na prima.“ Sie hatte ihn erreicht, wütend starrte sie ihn an: „Und jetzt? Jetzt sieh mal zu, wie du uns hier wieder raus bringst!“

„Ach, ich bin jetzt Schuld, oder was?“

„Wenn du die Kerzen in Ruhe gelassen hättest, hätten wir uns dem Kerl ja zeigen können!“

„Auch ja? Du wolltest doch unbedingt in diese blöde Kirche!“

„Und du wolltest von Anfang an die Ständer klauen!“

„Was hat das denn damit zu tun?“

„Ach! Leck mich, du Arsch!“

Langsam trottete sie zurück zum Altar und setzte sich auf die Stufe, er folgte ihr ein Stück, sie sah die Flamme seines Feuerzeuges mit dem er sich eine Zigarette anzündete.

„Du willst hier doch nicht rauchen?!“ fauchte sie.

„Tu ich doch schon. Was dagegen?“

Sie schnaubte wütend

„Ein Bier wär nicht schlecht,“ legte er nach, „da hinten war doch ein Kelch, vielleicht haben die ja auch den Wein dazu,“ und er begab sich wieder hinter den Altar um im Schein seines Feuerzeuges nach einer Flasche zu suchen, vergebens. Missmutig kam er zurück und setzte sich neben sie.

Schweigen.

„Jetzt stell die Kerzen wieder an ihren Platz und dann warten wir bis morgen die Kirche wieder geöffnet wird,“ sagte sie schließlich leicht frustriert.

Er sah sie an als hätte sie nicht alle beisammen: „Hier wird es doch noch einen zweiten Eingang geben,“ und mit diesen Worten stand er auf und verschwand im Dämmerlicht.

Ihr war unheimlich. Ab und zu hörte sie seine Schritte, immer noch auf Socken, manchmal ein „Au“ oder „Scheiße“, wenn er sich gestoßen hatte. Geschieht ihm recht, dachte sie.

„Hier ist eine Tür!“ hörte sie ihn triumphieren und dann gleich: „Scheiße, auch zu!“ Seine schleichenden Schritte machte die Situation nicht heimeliger und als sie das leise Knarren der Treppe zur Empore über der Eingangstür vernahm lief ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Vorsichtshalber verkroch sie sich hinter dem Altar, auf dem Boden hockend hoffte sie, er möge bald aufhören mit seiner Suche, aber als er endlich um die Ecke kam, wollte ihr das Herz in die Hose fahren.

„Erschrick mich nicht so! Ich hab‘ Angst!“

Bereits unter den ersten christlichen Kaisern ging ein Teil des profanierten Tempelgutes auf die christliche Kirche über, zugleich erhielt sie durch Vermächtnisse, Schenkungen, Erbschaften etc. große Reichtümer, die zu Gunsten des Klerus, zum Kirchenbau und besonders zu Wohltätigkeitszwecken verwendet wurden. Später bekam die Kirche durch die Fürsten Staatsgüter, und der im Fränkischen Reich per Gesetz eingeführte Zehnt vermehrte die Einkünfte der Kirche weiter. Besonders in der Zeit der Kreuzzüge erhielten die Kirchengüter bedeutenden Zuwachs, der ebenfalls vielen Wohltätigkeitsinstitutionen, aber auch der höheren Geistlichkeit sowie dem Bau und der künstlerischen Ausstattung von Kirchengebäuden zugutekam. Auch gab es damals Streitigkeiten mit den Lehnsherren der Kirche, die die Vakanzgelder und die Hinterlassenschaften der Prälaten für sich in Anspruch nahmen und auch sonst den Kirchengütern nicht immer den erwarteten Schutz gewährten.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchengut

Im Dunkel sah sie, wie er grinste, er nahm sie nicht ernst. “Angst? Wovor denn? Was hast du denn entdeckt?“

„Wie? Was soll ich denn entdeckt haben?“

„Huuuu! Ein offenes Grab vielleicht aus dem dich der Zombi-Bischhoff angegrinst hat?“

„Hör auf mit dem Quatsch! Ich bin doch garnicht rumgelaufen!“

Er lachte. „Nein, du bist nicht rumgelaufen! Dann war es wahrscheinlich der Bischoff, der da die Empore rauf gestiegen ist.“

„Du machst mich wahnsinnig mit deinem blöden Gelaber!“

„Und du nervst mit deiner angeblichen Angst!“

„Was hast du überhaupt da oben gewollt? Im ersten Stock ist bestimmt kein Ausgang, das sollte selbst dir Hirni klar sein!“

Sein Gesicht versteinerte, mit starrem Blick sah er sie an: „Du bist nicht auf der Empore gewesen?“

Schlagartig wurde ihr die Bedeutung seiner Frage bewusst, ihre Hände begannen zu zittern, ein Schauer nach dem anderen lief ihr über den Rücken, heftig krallte sie sich an ihm fest.

„Wir sind nicht alleine hier,“ hauchte sie mit erstickender Stimme.

Minute für Minute verging ohne dass sie es wagten, sich zu bewegen, krampfhaft horchten sie in das Dunkel des Kirchenschiffs. Langsam hatten sich die Augen darauf eingestellt, wage Konturen waren zu erkennen aber nichts bewegte sich, kein Geräusch.

„Vielleicht war es nur der Wind,“ flüsterte er schließlich.

„Der windstille Wind knarrt die Stiege zur Empore rauf!“

„Hör auf mit deinen blöden Kommentaren!“

„Dann unternimm jetzt endlich was Vernünftiges!“

Schweigen. Horchen. Nichts.

„Wir bleiben einfach hier hocken, bis morgen die Kirche wieder geöffnet wird,“ konstatierte er mit einem Hauch von Hilflosigkeit.

Sie sah ihn von der Seite an, seine Augen glänzten matt in der Dunkelheit: das hatte sie vorhin auch schon vorgeschlagen. Sie streckte leise ihre Beine aus und lehnte sich an die Wand. Was blieb ihnen anderes übrig als zu warten, langsam beruhigte sich ihr Innerstes.

Leises Knarren aus dem vorderen Bereich, panisch krallte sie ihre Finger in seinen Arm. Sie wagten kaum zu atmen. Das Knarren verstummte. Langsam näherte sich ein kaum hörbares Rascheln, als wenn Stoff über den Boden gezogen würde.

In der Reformationszeit erlitten die Kirchengüter bedeutende Verluste, indem den Landesfürsten, den Vasallen sowie den städtischen Haushalten und einzelnen Kirchengliedern beträchtliche Teile des Kirchengutes zufielen. Doch wurde auch manches zu milden Stiftungen, zur Gründung höherer wissenschaftlicher Anstalten etc. verwendet. Die gesetzlichen Bestimmungen über die rechtlichen Verhältnisse der Kirchengüter bilden einen Abschnitt des Kirchenrechts, und es hat sich, da die allgemeine kirchliche Gesetzgebung nicht ausreichend erschien, besonders die kirchliche Partikulargesetzgebung damit beschäftigt. Zunächst hat man dem Erwerbungsrecht der Kirchengüter gewisse Schranken gesetzt, was schon im 16. Jahrhundert durch die Amortisationsgesetze geschehen war. So waren z.B. nach dem Gesetz von 1833 alle Schenkungen an kirchliche inländische Anstalten der Behörde anzuzeigen, und ab einem Betrag von über 1000 Talern genehmigungspflichtig. In den katholischen Ländern wurde dieser Punkt meist in den Konkordaten geordnet.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchengut

„Er kommt hier her! Tu doch was!“

„Was denn?!  Wir haben nicht mal einen Stock um uns zu wehren!“

„Die Kerzenständer! Hol die Kerzenständer vom Altar!“

„Ich geh jetzt nach vorne und hol die Dinger, alles klar, Dann bin ich die beste Zielscheibe aller Zeiten.“

„Es ist doch dunkel. Er kann dich genauso schlecht sehen wie wir ihn!“

„So finster ist es nun auch wieder nicht. Außerdem hat der doch bestimmt so’ne Brille für Nachtsicht!“

„Hol jetzt die Kerzenständer!“

„Die sind nicht mehr auf dem Altar, die liegen vorne an der Tür.“

„Was? Du Arschloch! Du hast sie da liegen gelassen!“ Ihre Stimme überschlug sich, sie war so laut dass es im Kirchenschiff ein Echo gab, mit den Fäusten schlug sie auf ihn ein.

„Brüll doch noch lauter,“ fuhr er sie an während er ihre Schläge abwehrte, „dann kommt er hier gleich um die Ecke!“

Wütend starrten sie sich an, schwiegen aber, lauschten. Nichts. Das Rauschen war verstummt. Lange Minuten vergingen, absolute Stille.

„Er ist weg,“ flüsterte er.

„Der steht doch bestimmt irgendwo rum und wartet auf uns!“

Mutig hob er den Kopf: „Ich geh jetzt nach vorne und hol‘ die Ständer.“

„Du bist auch so klein dass du nicht zu sehen bist!“

„Ich krieche da links hinter den Bänken entlang, das Geräusch kam von rechts.!

Sie grinste spöttisch, als er sich aber auf allen Vieren auf den Weg machte hielt sie ihn am Bein fest: „Ich bleibe hier nicht allein zurück!“

„Dann komm doch mit“, und mit einem Ruck riss er sich los.

So leise wie möglich krochen sie langsam zur linken Seite hinter den Bänken entlang zum Ausgang. Sie zitterte am ganzen Körper, rechnete damit, dass plötzlich ihr Bein gepackt würde, im Geiste hörte sie höhnisches Lachen, sie spürte den Atem des Fremden förmlich über sich, seinen Umhang, der durch ihr Haar strich, immer wieder hielt sie in Panik Saschas Bein fest. Der hielt dann still, lauschte, nichts. Oder? Da waren doch Schritte! Hinter ihr! Sie spürte seine Hand an ihrem Bein, panisch schrie sie auf, sprang auf und rannte an Sascha vorbei nach vorne, am ganzen Leib zitternd quetschte sie sich in die Ecke des Gemäuers.

„Was hast du denn,“ fauchte er sie an, als er sie erreicht hatte, „bist du verrückt?“

„Er hat mich angefasst!“ stammelte sie.

„Blöde Kuh! Das bildest du dir doch nur ein! Jetzt weiss er wenigstens dass wir hier sind!“

Unfähig zu antworten, ließ sie sich an der Wand nach unten in die Hocke gleiten, Tränen rannen über ihre Wangen, Panik, es war nur noch Panik!

Kopfschüttelnd begab er sich zur Tür, aufrecht, nun war ohnehin alles egal. Auf dem Boden suchte er nach den Ständern, er wusste es genau, hier hatte er sie hingelegt, aber sie waren verschwunden. Mist!

Als er zu ihr zurück ging, starrte sie ihn immer noch zitternd von unten an, fragend.

„Sie sind weg,“ sagte er lapidar, was alles andere als beruhigend auf sie wirkte.

„Wie, weg?“ Das war das einzige was sie hervor brachte.

„Na eben weg, verschwunden, in Luft aufgelöst!“ Mit etwas Abstand setzte er sich neben sie in einer Mischung aus Wut und Angst. Sie rutschte zu ihm heran und umklammerte ihn, unwillig stieß er sie weg, aber sie ließ nicht locker. Schweigend starrten sie in die Dunkelheit, lauschten angestrengt. Sie glaubte leises Atmen zu hören, mit wirrem Blick stierte sie ihn an, das Atmen wurde lauter, regelmäßig aber deutlich zu hören.

„Er ist über uns!“ flüsterte sie fast hysterisch, „direkt über uns auf der Balustrade!“

Sascha saß starr auf dem Boden, er hatte es auch gehört, über ihnen war jemand, der deutlich hörbar atmete. Beklemmende Angst überfiel ihn, lähmte ihn, während Uschi wimmernd hin und her hastete bis sie schließlich schluchzend zu Boden sank.

Stille.

Die Frage über das Subjekt des Eigentums hat man dahin beantwortet, dass die einzelne Gemeinde oder das betreffende Institut als das berechtigte Subjekt für das Vermögen bezeichnet wird, das für besondere kirchliche Zwecke gestiftet wurde. Jedoch ist das Eigentumsrecht derselben insofern beschränkt, als die Wahrung der Kirchengüter und die Verhinderung jeder Zweckentfremdung Sache der kirchlichen Oberbehörde ist und der Gemeinde nur die Verwaltung zusteht. An den vom Staat verwalteten Zentral- und Religionsfonds hat nicht die Gemeinde, sondern die Landeskirche das Eigentum. Die von freigemeindlicher Seite bei Separationen vorgeschlagene Teilung der Kirchengüter unter die Ausscheidenden und Zurückbleibenden kann daher nicht stattfinden, weil sich dadurch die Substanz des Vermögens, der Parochie gegenüber, vermindern würde; ebenso wenig wie der Vorschlag, sämtliche Kirchenärarien zu einem allgemeinen Hauptfonds für kirchliche Zwecke zu vereinigen, wodurch der Charakter der Lokalstiftung verletzt wird. Bei dem Eigentum an den Gütern erloschener geistlicher Stiftungen, d.h. solcher, deren fundationsmäßige Bestimmung nicht mehr erreicht werden kann, kommt das frühere Heimfallsrecht nicht in Anwendung, sondern derartige Kirchengüter sind unter Verfügung des Staats nur wieder zu kirchlichen Zwecken zu verwenden. Rücksichtlich der Besteuerung der Kirchengüter von Seiten des Staates bildete sich seit der festeren Gestaltung der Steuerverfassungen in Deutschland meist der Grundsatz aus, dass die Kirchen und kirchlichen Stiftungen hinsichtlich des Totalgutes von den ordentlichen Landessteuern durch Verträge, Verleihungen oder Herkommen gewöhnlich befreit waren, und nur in außerordentlichen Fällen hielten sich die Landesherren für berechtigt, auch die Kirchengüter, selbst ohne päpstlichen Indult, zur Besteuerung heranzuziehen. In den neueren Gesetzen finden sich die älteren Privilegien der Kirche und kirchlichen Stiftungen in dieser Beziehung bald erhalten, bald aber auch aufgehoben, oder doch wenigstens auf die unmittelbar zum Gottesdienst und zur Wohnung der kirchlichen Beamten bestimmten Gebäude beschränkt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchengut

Das Atmen war verstummt. Langsam fand er seine Fassung wieder: Sie mussten hier weg! Aber wohin? Verstecken. Unter das Gestühl. Genau! Er packte Uschi und zerrte ihren zitternden Leib zwischen die Bankreihen, so gut es ging schob er sie darunter, er selbst quetschte sich unter die Nachbarbank.

Zäh rann die Zeit dahin, sie wagten nicht sich zu bewegen, konnten kaum Atmen. Und plötzlich war es wieder da, dieses leise Rauschen, Stoff strich über den Boden. Es kam näher, ab und zu ein leises Knarren der alten Dielen. Er lugte unter der Bank hervor, mit den Augen versuchte er das Dunkel zu durchdringen, nichts war zu erkennen. Doch dann, da war er, direkt vor ihm, Saschas Herz wollte stehen bleiben, das Gewand berührte den Boden, bedeckte die Füße, er verharrte, er könnte ihn packen, zu Boden werfen, Überraschungseffekt. Vorsichtig streckte er einen Arm aus –

Urplötzlich packte eine fremde Hand sein Gelenk, umklammerte es mit eisernem Griff – panisch schrie er auf.

Der Spuk war genauso schnell vorbei wie er gekommen war, wie gelähmt verharrte Sascha unter der Bank, nur noch zitternd, nicht in der Lage auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Uschi rührte sich nicht, war er tot?

Die Zeit strich dahin, absolute Stille, kein Rascheln, keine Schritte, kein Keuchen, aber die beiden wagten es nicht auch nur ein Wort zu sagen, geschweige denn aufzustehen.

An den großen Fenstern zeigte sich die aufkommende Morgendämmerung, unterbrochen durch das bläuliche Blitzen der Polizeiautos. Sie hörten Stimmen, Motorengeräusch, schlagende Autotüren. Dann laut, wie durch einen Verstärker irgendwas wie: „Kirche umstellt, rauskommen, mit erhobenen Händen…“ Es dauerte zähe Sekunden bis sie ihre Sinne sortiert hatten, bis sie verstanden, was da draußen vor sich ging. Die Kirchentür wurde aufgeschlossen, wieder die Aufforderung, herauszukommen. Uschi rappelte sich zuerst auf, schaute zur Bank unter der Sascha kauerte, zögerlich kroch er hervor, mit erhobenen Händen schlichen sie zur Tür. Polizisten in Kampfanzügen, Handschellen klickten, ein älterer Herr mit weißem Haar, alles wie aus einer anderen Welt. Wortfetzen, unglaublich, Gottes Eigentum zu stehlen, verruchte Sünder, in der Hölle schmoren. ..

Kirchendiebstahl oder Kirchenraub (in älteren Wörterbüchern auch sacrilegium) ist der Diebstahl von Gegenständen aus einer Kirche, bzw. der Diebstahl von geweihten Gegenständen, die dem Gottesdienst dienen (Res sacrae). Diese Form des Diebstahls wird nach deutschem (§ 243 Nr. 4 StGB) und österreichischem Recht (§ 128 Abs. 1 Nr. 2 StGB) als „besonders schwerer Fall“ mit bis zu zehn Jahren Freiheitsentzug bestraft. Als schwerwiegend wird hier die potenzielle Verletzung religiöser Gefühle durch die Entweihung von Sakralgegenständen eingeschätzt. Im Mittelalter wurde die Todesstrafe verhängt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchendiebstahl

„Keine Sorge, Herr Pastor,“ sagte ein älterer Polizist, „unsere Kollegen werden das Diebesgut schon finden.“

Die kühle Morgenluft tat gut, Uschi atmete tief durch.

„Was ich nicht verstehe,“ hörte sie einen jungen Polizisten in Zivil fragen, „warum sind die denn noch mal zurück gekommen?“

„Manche Täter tun das, im tiefsten Innern schämen sie sich oder haben keine Lust mehr, oder was weiß ich, jedenfalls tun sie unbewusst Dinge um gefasst zu werden.“

Und als der Junge ungläubig drein schaute setzte der andere hinzu: „Glaub mir, da kommst du Greenhorn auch noch hinter. Das hier ist der zehnte oder fünfzehnte Kirchenraub, da wird’s irgendwann langweilig!“

„Von wegen‚ wollen gefasst werden‘“ mischte sich eine Polizistin ein, „die konnten den Hals nicht voll kriegen, haben den Becher hier vergessen.“

Uschi schaute sich zu ihr um. An der Ecke des Kirchengemäuers stand die Uniformierte und hielt den goldenen Becher hoch, hinter ihr bemerkte sie eine kleine Ausbuchtung der Gesteinsmassen mit einer kleinen Tür, deutlich war der Anfang einer engen Wendeltreppe zu erkennen. Der Fluchtweg von der Empore, es fiel ihr wie Schuppen von den Augen.

***

Etwas abseits auf dem Parkplatz des Supermarktes, vom Kirchenareal getrennt durch eine Reihe kleiner Bäume hatte schon die ganze Nacht der schwarze Porsche mit den verdunkelten Scheiben gestanden. Langgestreckt auf dem Fahrersitz beobachtete die junge Frau mit einem Fernglas das Geschehen vor der Kirche, eng anliegender schwarzer Body, kurze dunkle Haare. Ruhig wartete sie bis die letzten Rücklichter der Polizeiwagen auf die Hauptstraße eingebogen und hinter den geduckten Häusern des Dorfes verschwunden waren. Sie legte das Fernglas ins Handschuhfach, ihre Hand tastete sich zum Beifahrersitz, auf dem eine zusammengefaltete Mönchskutte lag, mit einer kurzen Bewegung schlug sie den Stoff zur Seite. Die Kerzenständer glänzten matt in der Dämmerung, zärtlich fuhr sie mit der Hand über das goldene Metall:  Schwer, alt, mit Geschichte. Es erregte sie, diese wertvollen Stücke anzufassen.

Mit einem Ruck schlug sie den Stoff zurück, startete den Motor, langsam schob sich der Porsche über den Parkplatz zur Strasse, in dreißig Minuten würde sie in Lübeck sein.

-ENDE-

Copyright (C) 2015 by Conchita Mendés und Marianna Müller

Bildrechte: Eingangsgrafik” (kirche.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

 

 

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Verlag:  Müller, Michael GmbH
Medium:  Buch
Seiten:  216
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Januar 2015
Maße:  190 x 118 mm
Gewicht:  312 g
ISBN-10:  3956540131
ISBN-13:  9783956540134

Beschreibung
Wer nicht in Lübeck war, der kennt Deutschland nicht. Egal, ob Sie eine der größten Kirchen der Welt bestaunen, das populärste Literaturmuseum der Republik besuchen, unglaublich gutes Marzipan verköstigen oder einfach durch die Altstadt flanieren wollen, die selbstverständlich von der UNESCO als Weltkulturerbe zertifiziert wurde. Die charmante, offene Minimetropole am Meer ist immer eine Reise wert. Zumal mit Travemünde ein Seebad mit Steilküste, oldschool-Charme und einem Drei-Sterne-Koch zur Stadt gehört.

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Autor
Matthias Kröner wurde 1977 in Nürnberg geboren. Seit 2007 lebt der Autor und Kolumnist in der Nähe von Lübeck. In seiner fränkischen Heimat studierte er u. a. Literaturwissenschaft und Geschichte, nahm mehrere Literaturpreise entgegen und gründete die Literaturcombo „Mundpropaganda“ (mit Leonhard F. Seidl). Matthias Kröner schreibt u. a. Prosa und Lyrik für den Bayerischen Rundfunk und den Eulenspiegel.

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