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KATZENZAUBER – Fantasy-Kurzgeschichte von Bella C. Moremo

KATZENZAUBER

Fantasy-Kurzgeschichte
von
Bella C. Moremo

Die Hecke, die das Grundstück wie eine Mauer umgab, verbarg eine Gruppe schwarzer Kater, die durch das hohe Gras schlichen und die Laube beobachten.

An diesem Spätsommerabend drang Kerzenschein zwischen dem Spalt der zugezogenen Vorhänge des Gartenhauses bis weit auf das Grundstück hinaus und markierte so den Weg zu der geheimen Versammlung.

Eine Flut von Glückwünschen prasselte auf Eugenia, die Ranghöchste unter den älteren Damen, herab. Sie hatte gerade verkündet, dass ihre Enkelin trotz des zarten Alters bereits magische Anlagen aufwies und bei dieser Gelegenheit ihre Schwestern ermahnt, wie bedeutsam der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe für die Zukunft ihres Zirkels sei.

Wie es sich für eine angehende Hexe gehörte, erhielt nun auch ihre Enkelin einen Zweitnamen, der ihrem Äußeren und dem zu erwarteten Charakter entsprach. Die alte Dame war sich bewusst, dass der erwählte Name Aufsehen erregen würde, genauso wie die winzige Katze, die ihr Näschen über den Korbrand schob und verschlafen in die Runde blinzelte. Eugenia hob das schneeweiße Wollknäuel aus dem Korb und drückte es liebevoll an ihre Brust.

„Ihr Name ist Snow Storm!“

*

Mit ihrem weizenblondem Haar stach Ginger aus der breiten Masse der dunkelhaarigen Kinder heraus. Nach dem Unterricht verabredeten sich einige von ihnen zu einem ihrer nächtlichen Ausflüge.

Ginger verkniff sich die Frage, ob sie an dem Streifzug teilnehmen dürfte.

Die Nacht war ihr persönlicher Feind.

Ihr schneeweißes Fell verriet Ginger. Sie fiel den Menschen zu schnell auf.

Am Abend saß sie auf der Fensterbank und schaute in die Nacht hinaus.

Schneeflocken fielen vom Himmel und legten sich wie Baumwolle über die Häuser und Vorgärten. Mit gespitzten Ohren lauschte sie dem Gespräch im Nebenzimmer. Die Beratung der Hexen war in vollem Gange, die  Ranghöchste nannte das vorherrschende Problem gerade beim Namen: „Die Hexer sind eitel, übersättigt und glauben uns überlegen zu sein. Heute Nacht müssen wir besonders wachsam sein… “

Das strenge Gesicht ihrer Großmutter erschien an der Tür. Eugenia sah ihre Enkeltochter missbilligend an. Die kleine Katze wandte sich ab und drückte ihre Nase gegen das kühle Glas.

Ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf die Schatten, die sich wie Spukgestalten von der Umgebung abhoben. Einige bogen um die Hausecken, andere sprangen von den niedrigen Garagendächern zu Boden und schlossen sich ihren Kameraden an. Sie alle schien es in eine Richtung zu ziehen.

Gingers weißes Fell sträubte sich und ihre Schurrhaare bebten vor Aufregung.

Die junge Katze huschte durch den Flur, sprang auf die Türklinge und zwängte sich durch den Türspalt. Mit einem Satz stand sie auf der Außentreppe, schlitterte die vereisten Stufen hinab und flitzte zwischen den tiefhängenden Büschen hindurch. Sie folgte den Spuren und wich geschickt den hellen Lichtkegeln der Straßenlaternen aus.

Die Kirchenglocke schlug Mitternacht.

Je näher sie dem Stadtrand kam, um so höher türmte sich der Schnee am Wegesrand auf und erschwerte ein Vorwärtskommen. Die Katze mühte sich gerade um einen festen Halt, als sie im Nackenfell gepackt wurde. Ein grau gestromter Kater funkelte sie an und ließ Ginger in die Schneewehe zurückplumpsen.

„Sieh mal einer an. Eine winzige weiße Hexe. Spionierst du etwa meinen Leuten hinterher?“

„Dann sind wir ja schon zu zweit“, entgegnete Ginger und setzte alles auf eine Karte.

„Ich wette du gehörst gar nicht zu ihnen, du siehst anders aus.“

Der Kater sackte in sich zusammen und wirkte nun gar nicht mehr furchterregend.

„Ich bin Jade und du hast Recht, ich gehöre zu niemandem. “

„Ich bin übrigens Ginger.“

Der Kater fuhr sich mit einer Pfote über die Schurrhaare, an denen einige Eiskristalle hafteten.

„Ehrlich gesagt folge ich ihnen nur wegen meines Bruders.“

Ginger, die den Eindruck gewonnen hatte, dass es sich bei Jade um einen freundlichen Kater handelte, wurde wütend.

„Du willst zu ihnen gehören, obwohl sie unseren Bezirk unsicher machen. Weißt du denn nicht um die Gefahr? Die Menschen werden glauben, dass es zu viele von uns gibt und gegen uns und euch vorgehen.“

Jade hielt mitten in der Bewegung inne.

Erstaunt, als hätte er sich bisher keinerlei Gedanken über die Konsequenzen gemacht, entgegnete er: „Quatsch, es ist doch nur ein Spiel.“

Der Kater zuckte nervös mit den Ohren: „Es geht ihnen scheinbar um etwas, das sich in eurem Besitz befindet.“

Ginger flüsterte: „Pst, hörst du das auch?“

Der aufkommende Wind trug eigenartige Laute mit sich.

Jade sprang mit einem eleganten Satz über die Schneewehe hinweg und lief mit erhobenem Schwanz die Straße entlang. Ginger stolperte hinter ihm her und hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten. Sie passierten einen Parkplatz, dahinter begann der eigentliche Autofriedhof.

Sie huschten zwischen dem alten Metall hindurch und erklommen einen hohen Reifenstapel. Vorsichtig spähten sie von dort aus hinunter. Unten sahen sie die Hexer in Begleitung einer Meute riesiger Hunde.

Die kleine Katze beobachtete, wie sich ein schwarzer Kater aus der Gruppe löste.

„Das ist mein Bruder“, raunte Jade.

Zeitgleich trat ein räudig aussehender Hund vor.

„Wenn ihr uns den kostbarsten Besitz der Hexen übergebt, werden wir dafür sorgen, dass ihr deren Bezirk übernehmen könnt“, grollte der Hund mit einer heimtückischen Stimme.

Ein Raunen ging durch die Gruppe der Kater. Ihre Blicke richteten sich auf den Anführer, der sich seelenruhig hinter dem verstümmelten Ohr kratzte.

„Warum sollten wir ausgerechnet in dieser Nacht mit unserer Suche Erfolg haben?“

„Die Zeichen am Himmel stimmen überein. Alle hundert Jahre steht uns eine Nacht zur Verfügung, in der wir Unruhe stiften und Macht über die Hexen erlangen können. Haltet Ausschau nach Snow Storm.

Ginger zuckte zusammen, während Jade besorgt zum Himmel schaute, der sich inzwischen bedrohlich verdunkelt hatte.

„Ich schätze wir sollten von hier verschwinden.“

Quälend langsam machten sie sich an den Abstieg. Immer wieder rutschte Ginger ab und nur ihrem Begleiter war es zu verdanken, dass sie nicht in die Tiefe stürzte. Kaum berührten ihre Pfoten den Boden, rannte Ginger auch schon, gefolgt von Jade quer über den Platz auf den Ausgang zu. In ihrem Bezirk angekommen, hielt sie an und ließ sich erschöpft in den Schnee fallen.

„Also so schnell erreicht uns der Schneesturm nun auch wieder nicht.“

„Würdest du deinem Bruder helfen, wenn du wüsstest, wo das zu finden wäre, was sie suchen?“

Der Kater ließ sich neben Ginger nieder und schaute an ihr vorbei zu den schmucken Häusern hinüber.

„Jeder ist sich selbst der Nächste, dass habe ich mit den Jahren gelernt!“

Ginger stand auf und schüttelte ihr Fell. Jade, der mit geschlossenen Augen im Schnee lag, hing weiterhin seinen Gedanken nach.

„Ich muss jetzt gehen. Es sind nicht alle so, weißt du… Ich hoffe, wir sehen uns wieder, wenn diese Nacht vorüber ist.“

Bevor er reagieren konnte, war sie schon entwischt.

Sie hielt mitten im Lauf inne. Dunkle Schemen, die hinter Büschen hervortraten, unter parkenden Autos hervorkrochen oder aus Kellerfenstern schlüpften, entpuppten sich zu ihrer Erleichterung als eine Gruppe junger Katzen. Sie umringten Ginger und redeten auf sie ein: „Eugenia hat alle Hexen informiert. Sie sagte, dass du dich heimlich davon geschlichen hättest.“

Ginger umriss mit knappen Worten, was sich auf dem abgelegenen Autofriedhof zugetragen hatte. Ihr Bericht klang nach dem Hirngespinst einer Traumwandlerin. Doch niemand lachte, keiner nannte sie eine Lügnerin oder verhöhnte sie gar. Ginger brauchte einen Moment um zu begreifen, dass die Katzen ihre Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet hatten, das sich hinter ihr befinden musste. Verwirrt drehte sie sich um und erblickte Jade der ihnen entgegenlief. Das einsetzende Raunen innerhalb der Gruppe und die verwunderten Ausrufe wurden immer lauter. Ihr Zweitname war mittlerweile mehrmals gefallen. Das der Kater ihn gehört hatte und eins und eins zusammenzählte, erkannte Ginger an seinem Blick.

Voller Sorge, dass sich Jade angesichts der veränderten Situation nun doch als ihr Feind outen könnte, trat sie einen Schritt zurück und tauchte in den Schutz der vielen Körper unter. „Warte!“

Ihre Blicke trafen sich für einen Moment inmitten der anderen Katzen. Ginger war sich plötzlich sicher, dass von diesem Kater keinerlei Gefahr ausging.

„Die Hunde nähern sich der Stadt und die Kater beginnen, den gesamten Bezirk zu umzingeln. Ich hätte eine Idee, wie wir sie aufhalten können …“

Als die Kirchenglocke die Ein Uhr-Marke überschritt, erreichten sie den Stadtrand.

Bisher waren ihnen vereinzelt Kater begegnet, die kurzerhand von einigen der Katzen, die sich im Schatten der Häuser aufhielten, überrumpelt und außer Gefecht gesetzt wurden. Wie Jade vorhergesehen hatte, brachen je weiter die Nacht voranschritt, die Reihen der notorischen Einzelgänger auseinander.

Der Kater stoppte mitten im Lauf, so dass Ginger gegen ihn prallte. Sie veränderten ihre Positionen als sich wenige Meter vor ihnen, riesige Gestalten aus dem Schneegestöber schälten.

Jade schnappte nach Gingers Nackenpartie und zerrte sie hinter sich her. Was überaus gewalttätig wirkte, war in Wahrheit ein zarter Biss. Je näher die Werwölfe ihrem vermeintlichen Opfer kamen, umso enger zog sich der Kreis der Katzen um sie zusammen. Direkt über einer hohen Schneewehe ließ Jade Ginger fallen. Sie plumpste in den lockeren Schnee, der in sich zusammenfiel und die kleine Katze unter sich begrub.

Nur noch gedämpft drangen die aufbrandenden Geräusche zu ihr durch. Im Geiste stellte sie sich vor, wie der ganze Hexenzirkel, geschlossen nach vorne trat und mit gemeinsamen Kräften den Fluch, der wiederum hundert Jahre überdauern würde, erneuerte.

Stille trat ein. Als Nächstes wurde Ginger unter dem Schnee hervorgezogen. Dass es Jade war, erkannte sie erst, als sein Gesicht dicht über ihrem auftauchte.

„Es war gar nicht so leicht, dich wiederzufinden,“ raunte er.

Eine autoritär wirkende Katze bahnte sich ihren Weg durch das Gewusel, das sich sogleich in alle Himmelsrichtungen zerstreute. Die jungen Katzen wurden von ihren Müttern und Großmüttern zielstrebig eingefangen und traten unter schwachem Protest den Rückweg an.

Eugenie schaute von ihrer Enkelin zu Jade. Seine aufrechte Körperhaltung signalisierte seine Entschlossenheit, Ginger auch weiterhin beschützen zu wollen.

Es gab kein vernünftiges Argument, das gegen diese Freundschaft sprach.

In hundert Jahren, wenn Ginger und Jades heldenhafte Tat längst in Vergessenheit geraten wäre, würde es abermals eine weiße Katze geben, die ihre Gemeinschaft daran erinnern würde, dass man nur gemeinsam gegen die Schattenseiten einer modernen Welt bestehen konnte.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Bella C. Moremo

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Schwarze-Katzen-400×600-41-50-41.jpg” (Originaltitel: 20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Bernhard Hennen, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatische Altertumskunde. Als Journalist bereiste er den Orient und Mittelamerika, bevor er sich ganz dem Schreiben fantastischer Romane widmete. Mit seinen Elfen-Romanen stürmte er alle Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der deutschen Fantasy-Autoren. Hennen lebt mit seiner Familie in Krefeld.

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6 Comments

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  1. Felis Breitendorf

    Diese Geschichte hat mir richtig gut gefallen, sie hat was episches, hat Tiefe und ist trotzdem irgenwie spritzig bis gefühvoll! Mehr davon, Bella!

  2. Bella C. Moremo

    Hallo Felis,
    es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.

    LG

  3. Martina Möchel

    An sich hat mir die Geschichte sehr gut gefallen, aber irgendwas habe ich da nicht ganz verstanden, wieso Werwölfe??

  4. Bella C. Moremo

    Hallo Martina,
    Da es sich bei den Katzen in der Geschichte in Wirklichkeit um Hexen handelt, wollte ich Hunde nicht einfach als Hunde durchgehen lassen. 😉

    LG

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