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Literatur-Blog

KATZENTOD – Eine phantastische Kurzgeschichte von Günther Kurt Lietz (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 1/2010)

Katzentod

von

Günther Kurt Lietz

Auf leisen Pfoten schleichend, duckend unter Tischen hinweg, springend über Betten und zwischen Beinen huschend, striff Mortiferus durch die Räume und Flure des Spitals.  Ein flüchtiger Schatten in den Augenwinkeln, ein leises Kratzen auf dem Boden, ein sanfter Druck auf den Schultern. Da hielt der Kater inne, jeden Muskel angespannt, wie erstarrt in der Zeit.

Er hatte ihn gewittert, spürte seine Nähe, hörte das leise Seufzen. Mortiferus bewegte sich. Er hatte ein neues Ziel und rannte nun darauf zu. Die Menschen um ihn herum nahmen den Kater nur als Schemen wahr, schenkten ihm keine Beachtung. Er kam schnell voran. Und schon bald hockte er lauernd vor der richtigen Türe.

Ein Pfleger verließ das Zimmer. Der sich schließende Spalt war breit genug für einen beherzten Satz nach vorne und schon hatte Mortiferus sein Ziel erreicht. Es stank nach Krankheit und Tod – und da stand er auch.

Eine hochgewachsene Gestalt, die schwarze Robe fleckig und straff um den fetten Leib gespannt. Die Kapuze tief nach vorne gezogen, verbarg sie das teigige Gesicht. Kleine Augen blickten gierig auf das Bett hinab, betrachteten den Menschen darin. Die rostige Sense in der Hand des Todes erzitterte, das nahe Ende lag spürbar in der Luft.

Die Frau atmete flach, kaum wahrnehmbar. Ihr weißes Haar war schütter, die Haut faltig und trocken. Ihre Lider flattertern und über die rissigen Lippen entflohen ihr einsame Worte der Erinnerung, Namen, die in ihrem Leben einst etwas bedeuteten. Dieses Leben stand nun vor seinem Ende.

„Mortiferus, ungelegen wie immer. Lagst wohl auf der Lauer.“ Die Stimme des Todes war leise, drohend und gleichzeitig voll kindlischem Zorn. „Zieh Dich zurück! Ich lasse Dich gehen, ohne Hintergedanken.“

Die Antwort des Katers bestand in einem trotzigen Fauchen. Mit einem Satz sprang er aufs Bett und fuhr die Krallen aus. Konzentriert blickt er auf die Sense in der Hand des Todes. Dieser spie aus – eine schwarze, teerartige Masse. Sie verteilte sich über den Boden, begann zu brodeln als würde sie aus dunklen Maden bestehen und löste sich dann in Nichts auf.

„Verdammt!“ Der Tod bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die niemand seinem aufgedunsenen Körper zutrauen würde. Das Blatt der Sense zischte kreischend durch die Luft.

Mortiferus stieß sich vom Bett ab. In hohem Bogen flog er über den Schlag hinweg. Der Kater berührte die Wand hinter dem Tod, wand seinen Körper und sprang den Tod von hinten an. Er schlug seine scharfen Krallen in den Rücken und Biss zu. Doch Mortiferus bekam nur den Stoff der Robe zu fassen.

„Verderbter Seelenkater! Lass ab!“ Die Stimme des Todes war schrill, füllte mit ihrem disharmonischem Klang das Zimmer. „Nicht Deine Sache, nicht Deine Sache!“

Ein heftiger Ruck nach vorne und der Kater verlor den Halt. Erneut wirbelte er durch die Luft, doch diesmal unkontrolliert. Hart schlug er auf dem Boden nieder, schüttelte seinen Kopf, der Blick benommen.

Die Sense des Todes schnitt erneut durch die Luft, hielt auf den Schädel Mortiferus‘ zu. In diesem Augenblick erlosch die Lebensflamme der Alten, machte sie ihren letzten Seufzer. Ein weißes Licht löste sich aus ihrem Körper, verdichtete sich zu einem hellen Ball. Wärme erfüllte den Raum, denn eine gute Seele war auf dem Weg in die Ewigkeit. Einzig ein Band aus flirrendem Silberlicht hielt sie noch.

„Mein! Sie ist mein!“ Der Tod kreischte, schlug mit der Sense einen Bogen von Mortiferus hinweg zum Silberband. „Du bist zu spät.“

Der Kater spürte die behagliche Wärme der Seele, sah die Gefahr. Erneut stieß er sich ab, warf sich dem Sensenblatt in den Weg. Die Schneide schnitt durch Fell, Haut und Fleisch. Mortiferus wurde gegen die Wand geschleudert und kam auf dem Bett zu liegen. Der Körper des Katers bebte – bebte vor Wut und gerechtem Zorn.

Das Blatt des wahren Todes hätte sein Leben gekostet. Doch die Sensen der falschen Tode besaßen keine echte Macht. Sie dienten nur zum schmerzlichen zerschneiden des Bandes und fingen die Seelen der Unglücklichen. Der wahre Tod hatte den Dämonen und Teufeln das Feld überlassen. Er war hinfort, innerhalb eines Augenblicks verschwunden.

Mortiferus hatte diese plötzliche Leere im Multiversum gespürt. Er war ihr gefolgt und hatte erkannt, was diese Leere für das Leben und die Seelen bedeutete. Und so stellte sich Mortiferus den Höllenwesen, die als falsche Tode auf Seelenraub gingen.

Die Wunden des Katers schlossen sich fließend und der Tod erstarrte in seinen Bewegungen. „Was?“ Ungläubig blickte er auf seinen Feind hin, vergaß gar den Seelenraub. „Seelenkater …“

Ein letztes Mal sprang Moriferus auf seinem Feind zu, warf sich des Katers Körper dem Gesicht der Höllenkreatur entgegen. Die Krallen schlugen unter die Kapuze, fuhren tief in waberndes, weiches Fleisch. Fauliger Geruch erfüllte den Raum, dann sank der falsche Tod in sich zusammen, wurde zu Nichts. Er war hinfort.

Eine Aufgabe blieb noch zu erledigen. Die Seele musste ihrer Bestimmung zugeführt werden, musste den letzten Weg gehen. Doch diese Seele war rein und Mortiferus überließ ihr die Entscheidung. Mit seinen Krallen zerschnitt er sauber das Seelenband. Der Kopf des Katers lag schräg und sein neugieriger Blick betrachtete die Seele. Ihre Entscheidung war gefallen.

Das Licht und die Wärme der Seele verdichteten sich, zogen sich zusammen, nahmen Form und Gestalt an. Eine Katze erblickte das Licht der Welt, eine weitere Seelenkatze, eine Wächterin des Todes.

Ende

Copyright © 2010 by Günther Kurt Lietz

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Schwarze Katzen-400×600-41-0-41.jpg ” (Originaltitel: 20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Zum Artikel: Todesengel auf Samtpfoten

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Ein kleiner Tip für Katzenliebhaber:

Auf leisen Pfoten 2011
Postkartenkalender von
Reinhard Becker und Jochen Mariss
Verlag: Grafik Werkstatt Bielefeld
ISBN:
978-3940466549
Einband: Spiralbindung
Preisinfo: 7,95 Eur[D] UVP / 7,95 Eur[A] UVP / 15,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang: ca. 13 S. – 17,0 x 16,0 cm
Erschienen: 1. Auflage 06.2010
Gewicht: 123 g
Aus der Reihe: Kalender

Titel bei buch24.de

Für Katzen-Fans ist der Postkartenkalender „Auf leisen Pfoten“ ein Muss. Zwölf wunderschöne Fotografien von spielenden und dösenden Stubentigern, kombiniert mit tierisch süßen Sprüchen rund um die anmutigen Schönheiten, begleiten Katzen-Freunde mit diesem Kalender durch das Jahr. Der Clou: Die Motive sind heraustrennbar und lassen sich als Postkarte versenden. Außerdem kann man den Kalender problemlos als Wand- und Tischkalender verwenden.

20 Comments

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  1. Tolle Story – passt ja wie die Faust aufs Auge zum vorvorherigen Artikel: „Todesengel auf Samtpfoten – eine Katze mit besonderen Fähigkeiten.“ – wirklich gelungen! KLASSE!!

  2. Diese Geschichte zeigt uns mal wieder ganz deutlich, dass Katzen eigenwillige Wesen sind. Sie haben ihren eigenen Kopf, aber wenn es drauf ankommt, sind sie der beste Freund des Menschen. Sie wissen, auf welcher Seite sie stehen: Auf der Guten natürlich und das auch in der Welt der Fantasie.

    Wir brauchen jetzt dringend eine Fortsetzung dieser Geschichte über die Gemeinschaft der Seelenkatzen, oder??? Ich sage nur: Weiter so….

  3. Irgendwie hat mich der Artikel „Todesengel auf Samtpfoten“ zu dieser Geschichte herausgefordert. Es freut mich, dass die Geschichte gefällt. Ob es eine Fortsetzung geben wird, dass steht in den Sternen. 😉 🙂

  4. Witzig, die Katze als Freund des Menschen? Habt Ihr denn nicht das Buch von Schmitts gelesen? – „Hunde haben Herrchen und Katzen Bedienstete“

  5. Ey Alter, Respekt, Respekt! Die Story hat mir sehr gut gefallen, wirklich. Der Mythos der Katzen ist um eine Facette reicher geworden. Schumeline möchte gerne in der Katze ein Symbol des Guten sehen, wer nicht? Ich hab auch zwei Haustiger und seit 30 Jahren Katzen. Es sind einfach geniale Lebensgenossen. Aber liebe Schumeline: Katzen wurden über Jahrhunderte als Boten des Todes und als dunkle Gefährten des Bösen, ja sogar des Teufels himself betrachtet und gnadenlos gejagt. Die ägyptischen Pharaonen sahen in ihnen hingegen gottgleiche Wesen. In jedem Fall ragen sie aus der Masse aller Tiere mit Abstand heraus. Sie unterwerfen sich dem Menschen nicht in der Art, wie es z.B. Hunde tun, angeblich des Menschen bester Freund. Katzen haben halt einen eigenen Kopf. Aber genug davon. Günther hat hier den Auftakt(?) zu einem tollen Thema gemacht. Der Gedanke an einen Wächterorden aus Seelenkatzen, seit Urzeiten im Kampf gegen den bösen Tod, als Partner des wahren Todes, als von Menschen geliebte und damit hervorragend getarnte Special-Unit der Engel hat schon ewas Beruhigendes und Aufregendes zugleich. Hey, da ist richtig Zündstoff drin. Überleg´s dir Günther; wir würden uns freuen, wenn du da mal was nachlegst. Super! Euer galaxykarl

  6. Danke für das Lob. 🙂

  7. eine niedliche Geschichte, leicht zu lesen, die Idee ist schön, wenn auch nicht so neu, aber sie macht Spaß. Ich finde die Story ein klein wenig oberflächlich, so richtig gepackt hat es mich nicht.

  8. Felis Breitendorf

    Ich finde sie trozdem würdig zu gewinnen!

  9. Juhu! Ein Hoch auf die Katzenfans und ich kann Schlumeline nur zustimmen, wir brauchen eine Fortsetzung.

    Eine wirklich schöne Idee, dass die Katzen die Seelen von den Toten abholen. (Ich persönlich kenne ja nur den Pudel des Todes von den Nichtlustig-Comics ^^)

    Echt klasse Geschichte…

  10. Wow, ich hätte jetzt nicht gedacht, dass die Story so gut gefällt. Bisher macht die sich beim Wettbewerb ganz gut. Ich denke aber, das liegt an dem Kater. Katzen an sich sind ja ganz tolle Tiere und vor allem ist jede so einzigartig. 🙂

    Wenn ich da an die gute Sheila aus der Nachbarschaft denke. Sobald wir zusammensitzen und uns einen kleinen Whisky genehmigen kommt sie schon daher, begehrt Einlass, holt sich von jedem ihre Schmuseeinheiten ab, schaut nach einer kleinen Leckerei und ist dann wieder weg. Sie ist in ihrem Revier so bekannt, dass sie kein Auto schreckt – was wohl nur auf dem Land geht. Jedenfalls schlendert sie gemütlich über die Straße, als sei sie eine Königin. Und im Grund genommen ist sie das auch, denn bisher hat niemand gewagt einfach weiterzufahren oder gar zu hupen. Autofahrer nehmen auf diese kleine Königin stets Rücksicht, was Sheila nur mit einem müden Schulterzucken quittiert, bevor sie gemütlich in die Gärten schlendert. Das nenne ich Charakter. 🙂

  11. Ihr wisst doch: Hunde haben Herrchen und Katzen haben Bedienstete!

  12. Gratulation nochmal von meiner Seite zum 2. Platz beim Story-Wettbewerb!

  13. Hi Günther,

    diese Geschichte würde hervorragend in die Anthologie „Tiergeschichten“ passen.
    Darf ich sie mit aufnehmen?

  14. Hi!

    Jo, mach ruhig. 🙂

  15. Supi! Danke schön. Detlef baust du sie ein? Du weißst doch der Spendenbutton …

  16. Was hier in Form einer Katze funktioniert, ist nun anderweitig möglich:

    Schwindender Geruchssinn kündet von nahendem Tod sagt eine Studie:

    https://de.nachrichten.yahoo.com/studie-schwindender-geruchssinn-k%C3%BCndet-nahendem-tod-142733819.html

    Was sagt Ihr dazu?

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