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KAMERA AB! Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Kamera ab!

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

„Ist die Kamera drauf?“ Josef Kaluppke strich sich sein schütteres Haar zurecht und warf einen Blick auf das Skript. Kein Text, nur grobe Anweisungen. Alles gemäß der Produktionsfibel. „Können wir?“ Der in die Jahre gekommene Privatdetektiv winkte seiner Tochter zu. „Achtung, geht gleich los.“

Lydia spuckte nervös den Kaugummi aus und suchte sich die Startmarkierung auf dem Asphalt. Sie zwinkerte Rudi dem Kameramann kurz zu, dann setzte sie einen betroffenen Gesichtsausdruck auf. Jedenfalls stellte sie sich darunter Betroffenheit vor. In Wirklichkeit war es pure Ausdruckslosigkeit.

„Okay, Kamera ab!“ Toni Gruber war Produzent und Regisseur in einem. Sein Auftrag war es, die neueste Folge von „Privatschnüffler am Limit“ in den Kasten zu bekommen. Er fand den Job zwar langweilig, aber die Reality-Dokus spülten ihm wenigstens Geld in die meist leere Kasse.

Das Skript sah vor, dass Privatdetektiv Kaluppke eine untreue Ehefrau bis in die Backstube ihres Liebhabers verfolgte und er seine Tochter losschickte, damit diese das Liebespärchen in flagranti erwischte und ihren ersten Fall erfolgreich zu Ende brachte. Als Höhepunkt der Szene war vorgesehen, dass der wütende Liebhaber auf Lydia losstürmte, um sie zu verprügeln. Kaluppke würde aber rechtzeitig dazwischen gehen und den Liebhaber mit einem Fausthieb niederstrecken, während die Ehefrau weinend ihre Brüste bedeckte.

Josef Kaluppke schlich auffällig an die Türe der Backstube heran. Rudi, der Kameramann, hielt mit der Kamera auf das Schild über der Türe, auf dem ganz groß „Backstube“ zu lesen war. Kaluppke winkte und seine Tochter schlich auf Stöckelschuhen hinterher.

„Hier. Die Ehefrau ist in die Backstube gegangen, Lydia. Du musst rein und ein Beweisfoto machen. Das ist unsere Aufgabe“, erklärte Kaluppke stetig nickend und machte dabei ein verkniffenes Gesicht. Er würde gerne furzen, aber die Kamera lief ja mit.

Lydia nickte zustimmend. „Okay, Papa. Ich gehe in die Backstube und mache ein Beweisfoto für unseren Klienten. Ist das denn gefährlich?“

„Nein. Aber wenn er auf dich losstürmt, dann rufst du mich laut und ich komme auch in die Backstube.“ Josefs Stimme war einfach nur langweilig.

„In Ordnung. Dann gehe ich mal in die Backstube.“ Lydia schob sich an ihrem Vater vorbei, öffnete die Türe und ging hinein. Rudi flitzte hinterher und knallte dabei gegen den Türrahen. Mit einem leisen Schrei fiel er zu Boden. Aus der Backstube drang ein lauter Schrei. Lydia.

Josef Kaluppke fluchte. Lydia sollte rufen. Ein Entsetzensschrei stand nicht im Skript. Und sie hörte auch gar nicht mehr auf zu schreien. Der in die Jahre gekommene Privatdetektiv dachte nach, dann stürmte er los. „Scheiße!“

Lydia stand starr in der Backstube, Augen und Mund weit aufgerissen. Vor ihr auf dem Boden lagen Elke Köster und Hans Mosler, beides Schauspieler. Um sie herum hatte sich eine dicke Blutlache ausgebreitet und stellenweise mit dem Mehl vermischt, dass Toni am Morgen für die Dreharbeiten verteilt hatte. Josef sah sich die Bescherung an und übergab sich augenblicklich ins Blut. Rudi kam hinterher und hielt sofort mit der Kamera auf den kotzenden Privatdetektiv. Lydia schrie dabei ununterbrochen und Toni hatte ein breites Grinsen im Gesicht.

„Beruhige dich, Kleines.“ Toni unterdrückte den immer stärker werdenden Würgereiz. „Das ist unsere Chance ganz groß rauszukommen!“

Lydia hörte auf zu schreien und klappte den Mund zu. „Was?“

Alle sahen auf Toni, ihren Produzenten. „Denkt doch mal nach. Wir sind die ersten am Tatort. Wir machen hier die ganz dicke Quote. Das ist unser Durchbruch. Das hier, das ist echt.“

Josef starrte auf die beiden Toten. „Ja, das ist doch das Problem, Mann.“

„Quatsch.“ Toni schüttelte energisch den Kopf. „Ich meine, das ist kein Problem. Einfach mal nachdenken, Leute. Wir lösen den Fall. Wir, die wir hier stehen. Detektive am Limit, das ist unsere Chance.“

Josef, Lydia und Rudi dachten drüber nach. „Und was sagen wir der Polizei?“ Rudi hielt mit der Kamera auf Toni. „Das kann Ärger geben.“

„Blödsinn. Wenn wir denen den Täter präsentieren, dann schütteln die uns die Hand. Die Jungs werden sich doch nicht mit den Medien anlegen wollen. Wir sind immerhin die vierte Gewalt im Staat.“

Lydia wollte etwas entgegnen und setzte bereits zum Sprechen an, doch dann ließ sie es lieber. Stattdessen nickte ihr Vater zustimmend. „Ja, das könnte klappen.“

Toni grinste breit. „Nein, das wird klappen.“

„Und wie stellen wir das an?“ Josef sah sich ratlos um. „Ohne Skript habe ich gar keine Ahnung, was ich machen soll?“

„Ich denke du bist Privatschnüffler?“ Nun sah wiederum Toni ratlos drein.

„Ja, nicht ganz. Ich meine, ein wenig untreue Männer beschatten und in Mülleimern kramen. Das war es auch schon.“

„Das ist doch ein Anfang. Wir haben genug Folgen abgedreht. Da kommt doch einiges an Wissen zusammen. Verlass dich einfach auf deinen Instinkt, Jupp.“

Josef kratzte sich am Kinn. „Ich denke, das bekomme ich hin.“ Nun kniete er sich neben die Leichen und sah sie sich genauer an. Rudi hielt mit der Kamera drauf und zoomte in die Nahaufnahme. Josef musste erneut kotzen.

Lydia trippelte hinter ihren Vater und sah ihm über die Schulter. „Gibt es denn einen Verdächtigen, ein Motiv oder eine Tatwaffe?“

„Ich denke, die beiden sind noch nicht lange tot. Das Blut fließt ja noch.“ Josef berührte mit der Fingerspitze die tote Elke. „Ist noch warm. Ich denke die Tat ist keine Minute her.“

Toni kratzte sich am Kopf. „Mal im Ernst, kühlt eine Leiche wirklich in einer Minute aus?“

Josef, Lydia und Rudi zuckten mit den Schultern. Lydia nahm ihr Smartphone in die Hand und suchte das Internet ab, während Rudi mit der Kamera auf ihren Ausschnitt zoomte und dann zum Telefon schwenkte.

„Laut Internet kann das stimmen. Sind die denn schon starr?“

Josef nahm die Hand von Hans und schüttelte sie. „Nö.“

„Dann sind es auf jeden Fall weniger als ein bis zwei Stunden, Papa. Wenn wir es ganz genau wissen wollen, müssen wir ein Thermometer in die Leber stecken.“

Alle waren ruhig, dann schüttelte Toni den Kopf. „Sagen wir zwanzig Minuten.“

Josef richtete sich auf und sah in die Kamera. Ein Tropfen Kotze hing noch an seiner Unterlippe. „Nun, wir kennen den Tatort und die ungefähre Tatzeit. Was uns fehlt sind noch Waffe und Motiv. Dann haben wir den Täter.“

„Was für eine Waffe muss es denn sein?“ Lydia sah neugierig auf Elke hinab. „Ist schon ziemlich blutig.“

„Ich denke, es war ein langes Tortenmesser.“ Toni zeigte auf den Tisch. „Jedenfalls liegt da eins.“

Josef sah sich die Klinge an. „Da ist aber kein Blut dran.“

„Aber es wäre originell.“

„Stimmt.“ Josef schnappte sich das Tortenmesser und tunkte es ins Blut. „Die Tatwaffe hätten wir also. Fehlt noch ein Motiv.“

„Vermutlich hatte Elke eine Affäre“, sagte Lydia gedehnt. „Steht ja so auch im Skript.“

Rudi richtete die Kamera wieder auf die Leichen. „Und mit wem? Hans ist tot. Der scheidet als Täter aus.“

„Es sollte am besten jemand aus dem Team sein.“ Toni leckte sich über die Zähne. „Josef und Lydia brauchen wir noch als Detektive. Also bleibst nur du, Rudi.“

Rudi senkte die Kamera. „Spinnst du? Du kannst mich doch nicht einfach zum Täter machen. Ich muss doch die Kamera halten.“

„Stimmt. Der Punkt geht an dich. Aber ohne geeigneten Täter können wir keinen Fall lösen.“

Das war nun ein Dilemma. Toni rief schlussendlich eine Agentur an und ließ sich kurzfristig einen weiteren Schauspieler schicken. „Geht doch.“

Er hatte ein breites Grinsen im Gesicht. „Der Täter ist Mitte vierzig und ein ehemaliger Callboy, der mit Elke ein Verhältnis hatte. Hans hat das herausbekommen und die beiden bis in die Bäckerei verfolgt, um sie zur Rede zu stellen. Es gab einen heftigen Streit und Udo, so heißt der Liebhaber, hat mit dem Tortenmesser zugestochen. Zufällig waren Jupp und Lydia in der Nähe, um den Fall zu lösen.“

Josef rieb sich nachdenklich den Nasenrücken. „Irgendwie läuft das was falsch.“

„Eine unerwartete Wendung? Lass das mal lieber, das kapieren die Zuschauer doch nie.“ Toni suchte sich ein Versteck hinter den Mehlsäcken. „Geht mal in Stellung, der Mörder kommt gleich.“

„Dieses Schwein“, stieß Lydia angeekelt hervor und hockte sich hinter einen Tisch, während sich Josef neben Toni setzte. Rudi stellte sich hinter die Leichen und hielt mit der Kamera frontal auf die Türe.

***

Kommissar Lindner schüttelte den Kopf, während seine Kollegen nur mühsam ein Lachen unterdrücken konnte. Lindner hatte die DVD gestoppt. „Wie bescheuert muss man denn da sein?“ fragte er in die Runde und erntete nur Achselzucken. „Die haben den angeforderten Schauspieler überwältigt, verprügelt und einen Tag lang festgesetzt, um die Sendung zu schneiden und stellenweise sogar nachzuvertonen. Und dann sind sie mit der fertigen DVD aufs nächste Revier marschiert.“

„Quote machen die damit garantiert.“ Müller Zwo trank einen Schluck Kaffee und lachte auf. „Aber anders als gedacht. Und wie laufen die echten Untersuchungen im Mordfall?“

„Keine Chance den Täter zu finden. Diese Idioten haben den Tatort vollständig kontaminiert, anschließend für einige Szenen noch umgebaut und dann die Leichen eingefroren, damit sie bis zur Premiere ‚frisch‘ bleiben.“

Nun konnte sich niemand mehr halten und das ganze Revier brach in Gelächter aus. Das war einfach zu dämlich.

ENDE

Copyright © 2012 by Günther Lietz

Buchtipp:


Martin Walker
Delikatessen
Der vierte Fall für Bruno, Chef de police

Diogenes Hardcover
ISBN: 978-3-257-06819-1
Seiten/Umfang: 416
Erscheinungsdatum: 24.04.2012

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›Savoir vivre‹: Archäologische Funde zeigen, dass man schon vor 30 000 Jahren im Périgord gut leben konnte. Aber der Tote, auf den man bei neuen Grabungen stößt, stammt eindeutig aus dem falschen Jahrhundert und weist alle Spuren eines Gewaltverbrechens auf.

Martin Walker, geboren 1947, ist gebürtiger Schotte und nicht nur Schriftsteller, sondern auch Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und studierte Geschichte in Oxford sowie internationale Beziehungen und Wirtschaft in Harvard. Danach war er 25 Jahre lang Journalist bei der britischen Tageszeitung ›The Guardian‹. Heute ist er Vorsitzender eines privaten Think Tanks für Topmanager mit Sitz in Washington. Martin Walker verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. über Gorbatschow und Clinton sowie das neue Amerika. Seine Bruno-Romane erscheinen gleichzeitig in zehn Sprachen und neu auch auf Französisch.

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3 Comments

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  1. Hier fehlt ein Komma:

    „Sein Auftrag war es(,) die neueste Folge von “Privatschnüffler am Limit” in den Kasten zu bekommen.“

    Bei: “Ja, nicht ganz. Ich meine, ein wenig untreue Männer beschatten und im Mülleimer kramen. Das war es auch schon.” – besser: in „Mülleimern“

    Ich finde diese Story spitze, besonders geil finde ich: “Stimmt.” Josef schnappte sich das Tortenmesser und tunkte es ins Blut. “Die Tatwaffe hätten wir also. Fehlt noch ein Motiv.”

  2. Und wer klärt nun den Fall auf?

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