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HAUPTSACHE ÜBERSTUNDEN – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Hauptsache Überstunden

Kriminalkurzgeschichte

von

Günther K. Lietz

Polizeioberkommissar Guido Dellinger stand auf der Marienbrücke und schaute auf die Mosel hinab. Das Wasser floss träge vor sich hin. Träge und ermüdend. Dellinger gähnte. Er war seit drei Tagen beinahe ununterbrochen auf den Beinen. Die Verwandtschaft seiner Frau war aus Übersee eingefallen. Und die Kinder seiner Schwägerin waren die Pest. Oder schlimmer, glaubte Dellinger. Aber in zwei Wochen war sein Urlaub vorbei und er konnte sich wieder in die Arbeit stürzen. Irgendwelche Fälle bearbeiten. Sich bloß nicht mit Gisela und ihrer Familie beschäftigen müssen. Heute war sein dritter Urlaubstag.

Verschlafen blinzelte Dellinger. In wenigen Minuten sollte er wohl losgehen. Nach Hause. Er hatte freiwillig die Einkäufe übernommen, um mal raus zu kommen. Um etwas frische Luft und Ruhe zu schnuppern. Er hatte alles bekommen. Klopapier, Tampons, die Salbe gegen Akne, ein Computerspiel mit einem dicken Clown als Helden, mehrere Packungen extra weiches Toastbrot, Gläser mit Erdnussbutter und noch einiges mehr. Aber mit ihm konnten sie es ja machen. Und vor allem auf seine Kosten. Dabei klang Besoldungsgruppe A10 nach mehr Geld, als es tatsächlich war.

Dellinger seufzte. Sein Leben war eine langweilige Tretmühle. Müde sah er der jungen Frau zu, die mit dem Fahrrad angeradelt kam und weniger Meter neben ihm anhielt. Ein nettes Ding, sinnierte Dellinger. Richtig hübsch. Der Polizeioberkommissar sah auf die Uhr. Es wurde Zeit. Gisela vermisste sicherlich schon ihre Erdnussbutter.

Gerade als Dellinger die Griffe der vier schweren Plastiktüten packen wollte, sein Schwager hatte sich den Wagen für eine Tagestour mit dem Hund ausgeliehen, hörte er ein lautes Platschen. Neugierig drehte er den Kopf. Hatte die junge Frau etwas Schweres ins Wasser geworfen? Dellinger sah die Frau nicht mehr. Nur das einsame Fahrrad. In seinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken.

Er ließ die Taschen fallen und beugte sich über die Brüstung. Da war sie, trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Dellinger zog die Jacke aus, schlüpfte aus einem der Schuhe und sprang dann einfach hinterher. Vielleicht hätte ich die Krawatte auch noch ausziehen sollen, dachte er. Und dann tauchte der Polizeioberkommissar in die kalten Fluten der Mosel ein.

Aufprall und Kälte raubten ihm für einen Augenblick den Atem. Dann riss er sich zusammen und stieg mit zwei Schwimmzügen an die Oberfläche auf. Hektisch warf er den Kopf herum. Irgendwo musste die Frau doch sein. Da vorne! Dellinger warf sich im Wasser herum und nahm die Verfolgung auf. Die Trägheit des Flusses kam ihm nun zu Gute.

Nach ein paar Schwimmzügen hatte er die junge Frau erreicht, drehte sie auf den Rücken und zog sie dann hinter sich her. Die paar Jahre Baywatch gucken haben sich gelohnt, bejubelte Dellinger sich selbst und spürte dann schon kiesigen Grund unter seinen Füßen. Er schleppte die Frau an Land und begann mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Atme, verdammt, atme endlich!

***

Es regnete den ganzen Tag über. Dellinger hatte sich seinen alten Regenmantel übergezogen und prompt lief ihm das Wasser, über den aufgestellten Kragen hinweg, in den Mantel hinein. Das lumpige Stück hätte schon längst in den Müll gemusst. Aber Gisela hatte ihrem Cousin Clyde den neuen Regenmantel gegeben. Nur leihweise. Angeblich. Guido Dellinger hatte deswegen die Nase gestrichen voll. Er stand lieber in seinem kaputten Mantel auf der Straße und versuchte eine nasse Zigarette anzuzünden, als daheim mit allen Monopoly zu spielen. Er hasste Monopoly. Aber erst, seitdem die Verwandtschaft zu Besuch war und täglich Monopoly spielte.

Rohde winkte Dellinger zu. Er stand am Fenster seines Büros und schnippte einen Zigarettenstummel in die Büsche. Dellinger trabte hinüber und grüßte knapp. Das hatte ihm noch gefehlt, ein Gespräch mit dem Chef. Dabei hatte er doch nur seine Zeugenaussage zum Besten gegeben. Rohde war neugierig und wollte Details wissen. Schlussendlich war der Fall klar: Selbstmord. Und mit Dellinger gab es einen Zeugen aus der ersten Reihe. Leichte Sache. Was für Kollege Köhler. Der war ja bekanntermaßen langsam beim Denken.

Dellinger war dagegen um so schneller. Zuhause wartete Gisela mit dem ganzen Ami-Pack. Hier gab es dagegen unbezahlte Überstunden, einen neugierigen Chef und Rauchverbot im Gebäude. Polizeioberkommissar Guido Dellinger beschloss den Tag im Büro zu verbringen und bot sich  an, anstelle Köhlers die Sache zu erledigen.

***

Die Füße lagen gemütlich hoch, der heiße Kaffee dampfte in der Tasse und Gisela würde sich bis zum Abend abgeregt haben. Sollte sie sich bei Wendy ausheulen, ihrer verfressenen Großcousine. Dellinger las sich die Akte durch. Der Gerichtsmediziner hatte sich beeilt, immerhin stand das Wochenende bevor. Ein Wochenende mit der Verwandtschaft. Dellinger seufzte und griff zum Telefon. Irgendwas war immer. Und wenn nicht, auch egal. Er machte doch nur seinen Job.

Die Gerichtsmedizin tobte vor Wut, plapperte etwas von Überstunden und unnötigen Untersuchungen. Immerhin sei der Fall klar. Es gab immerhin einen Polizisten als Zeugen. Aber genau an diesem Wochenende entdeckte Dellinger überraschend seinen Diensteifer. Hier war etwas faul. Vielleicht. Jedenfalls gab es nun gute Gründe, um im Büro zu übernachten. Nur er, die Couch und der kleine Fernseher. Eine angenehme Vorstellung.

***

Aus dem Minibackofen drang der Geruch warmer Brötchen herüber. Die Maschine spuckte frischen Kaffee aus und Kollege Köhler hatte Eier und Marmelade mitgebracht. Dazu ein Croissant vom Bäcker um die Ecke. Dellinger war glücklich, dass nannte er endlich mal einen Urlaub. Herzhaft biss er in das Croissant und sah sich die Bilder der Toten an.

Nadine Glückner, ein junges und hübsches Ding. Viel zu jung, um sich das Leben zu nehmen. Sie kam aus wohlhabendem Haus, war die Tochter von Rainer Glückner, einem Industriellen. Armes Ding. Warum war sie wohl in den Tod gesprungen? Die Familie hatte einen Abschiedsbrief gefunden und vorbeigebracht.

Dellinger nahm den Brief aus der Akte und las ihn sich durch. Nur wenige Worte und allesamt maschinengeschrieben. Das Telefon klingelte. Auf dem Diplay wurde der heimische Festnetzanschluss angezeigt. Gisela. Oder einer der unliebsamen Schmarotzer aus den Staaten. Das eigene Haus beim Aktienpoker verspielen und sich dann bei der deutschen Verwandtschaft einquartieren. Der Polizeioberkommissar ließ das Telefon klingeln. Irgendwie musste es doch möglich sein, noch mehr Überstunden zu machen. Köhler kam herein und fragte nach, ob Dellinger Lust auf eine Partie Skat hatte. Dellinger hatte  Lust.

***

Rainer Glückner saß wie ein Häufchen Elend hinter seinem Schreibtisch. Die Augen waren rotgeweint. Armer Kerl, dachte sich Guido Dellinger und ließ seinen Blick über die Whiskyflaschen wandern, die fein säuberlich auf einer gläsernen Anrichte standen. Sicherlich teures Zeug, vermutete der Polizeioberkommissar und seufzte. Mit seinem Gehalt waren nur die üblichen Supermarktwhiskys in der eigenen Auswahl.

Den Vater einer Toten an einem Sonntag wegen einer Aussage zu belästigen, war normalerweise ein Unding. Das war schlechter Stil. Aber Dellinger brauchte die Aussage noch heute. Daheim wartete nämlich Gisela mit dem Schweinebraten. Extra fettfreier Schweinebraten. Dellinger rollten sich bei dem Gedanken daran die Fußnägel hoch. Und zum Nachtisch gab es Eis mit Sahne und Sirup. Aber den Schweinebraten wollte die bucklige Verwandtschaft unbedingt mit so wenig Fett wie möglich haben. Wegen dem kollektiven Übergewicht der Familie.

Dellinger schüttelte den Kopf und wandte sich wieder der Befragung zu. Er machte sich keine Notizen. Der Kommissar wollte nur die Zeit totschlagen. Zugegeben, es mangelte ihm an Sensibilität. Aber daran mangelte es den Amis ja auch. Immerhin hatten sie das Go-Home-Schild bei ihrer Ankunft ignoriert, dass Dellinger an die Haustüre genagelt hatte. Nicht unbedingt ignoriert, eher für einen Scherz gehalten. Außer Gisela, die wusste wie ihr Schatzi dachte.

Glückner beantwortete schniefend die paar Fragen, die ihm Polizeioberkommissar Dellinger stellte. Der Mann versuchte sich zusammenzureißen, was ihm nur schwer gelang. Die Türe ging auf und Nadine Glückner kam herein. Sie und Dellinger sahen sich gleichermaßen verblüfft an. Doch Rainer Glückner stellte umgehend klar, dass es sich um seine jüngere Tochter Nancy handelte.

Dellinger schüttelte sich. Nancy. Sicherlich einer dieser amerikanischen Namen. Sie sah ihrer Schwester ähnlich. Sehr sogar. Ein nettes Ding. Sportlerin mit Auszeichnung. Studierte Jura. Ein clevers Ding. Und nun fast alleine auf der weiten Welt. Mutter tot. Schwester tot. Dellinger drückte nochmals sein Beileid aus. Eine traurige Sache, stimmte er nickend zu. Und freute sich. Mit ein wenig Glück musste er die nächsten Tage Überstunden schieben. Bis die Verwandtschaft wieder abreiste. Dann gab es nur noch ihn, Gisela und einen besonders fettiger Schweinebraten.

Der Polizeioberkommissar verabschiedete sich, packte seinen Hut und ging.

***

Eigentlich war es ihm nur um die Überstunden gegangen. Niemals hatte Guido Dellinger geglaubt, an der Sache könne etwas dran sein. Die paar Informationen aus dem Gespräch mit Rainer und Nancy Glückner waren eine willkommene Gelegenheit, um daraus eine abstruse Geschichte zu stricken. Und nun saß Polizeioberkommissar Dellinger vor seinem Chef. Rohde grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Dellinger war zu Rohde marschiert und hatte behauptet, es gäbe Zweifel am Tathergang. Die Schwester könnte ein Motiv haben , wolle alleine das ganze Erbe. Und so sicher sei er sich mit seiner Aussage auch gar nicht mehr. Die ganze Geschichte rundete er mit einigen Details aus dem Gespräch mit Glückner ab. Und Rhode ließ ihm freie Hand.

Für den Polizeioberkommissar war es eine echte Überraschung, als ihm der Gerichtsmediziner plötzlich zustimmte und sich die Akte nochmals ansah. Die Hämatome am Hals waren vielleicht nicht vom Rettungsversuch. Die konnten auch von jemand anderem stammen.

In Guido Dellingers Kopf drehten sich die Gedanken und daheim tobte Gisela. Schlussendlich verstand sie aber, warum ihr Guido den Urlaub beenden musste. Die Arbeit halt. Die Arbeit war ein guter Grund.

Nancy Glückner wurde ins Präsidium geladen, zum Verhör. Polizeioberkommissar Dellinger saß ihr gegenüber. Sie war nur ein Häufchen Elend. Nancy sah mitleiderregend aus. Aber sie hatte sicherlich keine nervige Verwandtschaft aus den Staaten zu Besuch.

Der Gedanken daran ließ die Wut in Dellinger hochkochen und er ging sofort hart ran, konfrontierte die Schwester der Toten mit seiner abstrusen Idee: Sie habe ihre Schwester in der Badewanne ersäuft, unter der Brücke deponiert und sei dann verkleidet in die Fluten gesprungen, um Zeugen für einen Selbstmord zu haben. Kaum im Wasser habe sie Nadines Leiche losgemacht und sich selbst irgendwo versteckt, während er, der tapfere Polizeioberkommissar, sofort hinterhergesprungen sei und sein eigenes Leben für eine bereits Tote riskiert habe.

Laut weinend brach Nancy Glückner zusammen und gestand alles. Guido Dellinger war mehr als überrascht. Er war regelrecht schockiert. Niemals hatte er daran gedacht, ein echtes kriminalistisches Gespür zu besitzen. Er war stolz auf sich. Und sein Chef ebenfalls. Und dessen Chef auch.

Auch Gisela war stolz. Ebenso wie die ganze Verwandtschaft. Und um Dellingers Erfolg im Kreis der Familie zu feiern, verlängerten die lieben Verwandten ihren Urlaub. Das Lächeln des Polizeioberkommissars gefror. Er hoffte auf den nächsten Fall. Irgendetwas. Hauptsache sofort. Hauptsache Überstunden.

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

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Eine mythische Kultstätte aus der Steinzeit wird zum Tatort für einen brutalen Mord. Kurz darauf entdecken Wanderer in einer nahegelegenen Höhle eine weitere Leiche. Hauptkommissar Wanner aus Kempten und sein österreichischer Kollege Inspektor Berger ermitteln in einem äußerst undurchsichtigen Fall. Motive und mögliche Täter gibt es genug. Und einen Mörder, der alles tut, um seine eigene Haut zu retten …

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7 Comments

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  1. Klasse geschrieben, ist aber meine Meinung nach ehrer ein Tag aus dem Leben eines genervten Kriminalpolizisten als eine Krimistory. Aber seis drum, hauptsache sie liest sich gut und das ist hier eindeutig der Fall! 🙂

  2. Alles drin, was zu einem Krimi gehört. 🙂

  3. Kleiner Korrekturvorschlag:
    und einen besonders fettiger Schweinebraten –> fettigen Schweinebraten oder und ein besonders fettiger, beides zusammen geht nicht 😉

    Den Zeitrahmen von Sprung – deponieren der Leiche und dem Rettungssprung des Kommissars finde ich sehr knapp und daher nicht so ganz glaubwürdig. Immerhin muss die Leiche ja auch noch eine gewisse Strecke vom Brückenpoller aus im, wie Du geschrieben hast, trägen Fluss zurücklegen, um dann gesehen werden zu können. Findet sich der Leichnam zu nahe der Brücke, entsteht der Verdacht der Manipulation sofort.

    Lieben Gruß

    Ariana

  4. Vielleicht einen kleinen unauffälligen Elektroaussenbordmotor an die Leiche bringen, der diese in die Flußmitte schiebt und sich dann vom Objekt löst und auf den Grund sinkt? 😉

  5. Oder einen Delphin abrichten und zum Einsatz bringen. 😉 Ein Mini-U-Boot könnte eventuell auch von Nutzen sein.

  6. Hahaha, sehr gute Idee! 😀 😉

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