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GEISTER LEBEN INTENSIVER – Eine Kurzgeschichte von Anna Breitzke

GEISTER LEBEN INTENSIVER

Eine Kurzgeschichte
von
Anna Breitzke

Ich gehe niemals ohne meine Leibwache, das sollten Sie wissen. Es ist tatsächlich schon öfter vorgekommen, dass man mich an meiner Aufgabe hindern wollte. Was meine Aufgabe ist, wollen Sie wissen? Nun, da wird es ein bisschen komplizierter. Ich bin diejenige, die auf der Erde die Geister eingesammelt, wenn sie ihre Zeit abgespukt haben. Aber einige wenige von ihnen finden es reizvoll, immer so weiterzumachen und weigern sich, mir ins Totenreich zu folgen. Dann kommt meine Leibwache zum Einsatz. Die beiden sind zwar ein bisschen dämlich, aber dafür gehorchen sie aufs Wort. Als wandelnde Skelette sind sie auch nicht in der Lage mir zu widersprechen.

Sie wundern sich schon wieder? Aber nicht doch. Sehen Sie, ich bin Samtara, die Herrin der nächtlichen Wanderer, was nichts anderes bedeutet als einen Verwaltungsjob, wenn man es genau nimmt. Was glauben Sie, wie viele Listen, Dateien und Karteien zu führen sind, bis ein Spukschloss ordentlich aufgenommen ist und nach allen Regeln funktioniert? Ganz bestimmt kennen Sie in Ihrer näheren Umgebung auch ein paar Gespenster, eine weiße Frau vielleicht, oder einen kopflosen Reiter. Sie dürfen sicher sein, dass jede Einzelheit dazu in meinen Unterlagen zu finden ist. Aber gerade, weil es sich meistens um einen sterbenslangweiligen Posten handelt, wenn ich in der Vorhölle herumsitze und Listen führe, brauche ich zwischendurch ein bisschen Auslauf. Ist Ihnen eigentlich klar, wer die Bürokratie erfunden hat? Natürlich mein Chef, seine Unheiligkeit der Satan, Fürst der Finsternis, gefallener Engel und so weiter und so weiter, höchstpersönlich. Leider hat er diese verrückte grausame Idee auch auf seine Mitarbeiter ausgeweitet, und das ist der Grund, warum ich endlose Tage damit verbringen muss, unsinnige Verwaltungsakten zu führen. Ich bitte Sie, Spukgestalten zu verwalten – auf einen solchen Einfall kann doch nur der Teufel kommen.

Ich gebe ja zu, ohne diese Kartei wüsste ich nicht immer ganz genau, wann eines der Gespenster genug gespukt hat. Aber was würde das schon ausmachen?

Doch ich wollte Ihnen ja von meinen nächtlichen Ausflügen erzählen. Da war zum Beispiel dieses Liebespaar auf dem Friedhof. Die beiden hatten sich aus unerfüllter Liebe gegenseitig umgebracht, und das Verwaltungsgericht für erweiterte Mordangelegenheiten hatte lange überlegt, bevor ein Urteil gefällt wurde. Sollten die beiden gleich ins Fegefeuer, weil sie doch noch jung und relativ unschuldig waren, oder sollten sie zur Strafe ein paar hundert Jahre herumgeistern, ohne Erlösung zu finden? Mein Chef setzte sich schließlich durch und freute sich boshaft über das Urteil. Nun gut, die beiden spielten praktisch jede Nacht über mehr als dreihundert Jahre ihr Trauerspiel nach.

Das Mädchen, heulend mit ausgestreckten Armen, kniet auf dem Boden vor dem Grabstein ihrer Mutter. Der Junge wirkt entschlossen und zornig, schüttelt die Fäuste in Richtung des Herrenhauses, in dem sein Vater lebt, dann küssen sich die beiden lange. Schließlich zieht der Junge zwei scharfe Dolche hervor, tapfer stoßen die beiden sich gegenseitig die Klingen in die Herzen, und damit ist der Spuk vorbei.

Als ich das Pärchen dann abholen wollte, kam empörter Protest.

„Wir lieben uns, Samtara, du kannst uns jetzt nicht aus unserer angestammten Umgebung reißen. Hier haben wir wenigstens die Chance uns regelmäßig in den Armen zu halten“, erklärte das Mädchen wütend.

„Eure Zeit ist abgelaufen. Schluss jetzt, darüber wird nicht diskutiert“, bestimmte ich. Es war einfach nur lächerlich, aber die beiden wollten doch tatsächlich mit ihren Spielzeugen auf mich losgehen. Als ob mir zwei Dolche etwas anhaben könnten. Aber für solche Fälle hatte ich meine Leibwache dabei, Kain und Abel. Die weißen Knochenmänner wussten, wie sie mit renitenten Spukgestalten umzugehen hatten. Sie umklammerten je eine Gestalt und umhüllten sie mit dem Knochengerüst, so dass die Geister sich nicht mehr bewegen konnten. Die schimpften weiter vor sich hin, dann entstand ein Spalt in der Erde, und wir fuhren alle hinein, bis wir in der Vorhölle anlangten. Von hier aus gab es für die Ex-Geister kein Entkommen mehr, ihre Seelen wurden auf die verschiedenen Abteilungen verteilt, und ich konnte darangehen, meine Kartei wieder auf den neuesten Stand zu bringen.

Ich bin ausgesprochen froh, dass heutzutage nicht mehr so viele Geister dazukommen. Aber der Teufel hat in der aktuell lebenden Menschheit eine Menge neuer Möglichkeiten gefunden, seine Bosheit auszuleben. Man denke nur an die Werbeagenturen, die täglich arglose Zeitgenossen mit sinnlosen Spots und zahllosen Prospekten berieseln, um unnütze Produkte Gewinn bringend zu verkaufen. Oder nehmen Sie die sogenannten Sozialen Netzwerke, sie sind ebenfalls eine Erfindung des Teufels, und ich finde, das hat er wirklich gut gemacht.

Wirklich richtigen Spaß hatte ich auf der Erde, als ein fähiger Parapsychologe versuchte, einen Spuk aufzulösen. Gerade weil der Mann fast alles richtig machte, bekam ich zum ersten Mal Schwierigkeiten. Aber ich werde mir doch nicht von einem Lebenden meine Verwaltung durcheinander bringen lassen, soweit kommt das noch. Das ganze verdammte Schloss hatte der Kerl verkabelt, um den kettenrasselnden Mörder Lord Angus aufzuspüren, der seit mehr als fünfhundert Jahren seine Arbeit tun musste.

So ganz Unrecht hatte der Mensch mit seinen Überlegungen nicht, die Spukerscheinungen geben eine Menge ultrafrequenter Strahlung und etwas messbare kinetische Energie ab. Auf diese Weise hatte der Mann bereits den Weg eingrenzen können, auf dem der Geist zu seiner täglichen Arbeit ging. Dann fand der Kerl auch noch heraus, wie und wohin der Lord nach Feierabend verschwand.

Jetzt musste ich eingreifen. Ich erschien im Halbdunkel aus dem Nichts, und ringsum brach ein Gewitter in den Messgeräten los. Kain und Abel konnten gar nicht richtig körperlich werden, irgendwelche Energiefelder machten das unmöglich.

„Jetzt habe ich dich“, rief jemand triumphierend.

„Das glaubst auch nur du“, erklärte ich empört und erschien nun mit meinem körperlichen Abbild. Ich weiß, dass ich eine Schönheit bin, und dem Mann blieb der Mund offen stehen. „Du machst mir mehr Probleme als deine lächerliche Existenz wert ist. Ich will, dass du heute noch von hier verschwindest und nie wieder Geister jagst.“

„Das geht nicht.“

„Du spielst mit deinem Leben“, warnte ich.

„Ihr seid Gespenster, du kannst mir gar nichts tun.“

Diese sinnlose Unterhaltung ging noch eine Weile weiter, aber er war wirklich dumm genug zu glauben, ihm könnte nichts passieren. Schließlich hatte ich genug davon. Ich schnippte mit den Fingern und erzeugte Überspannungen in den Stromkreisen. Glaubte er denn, ich hätte keine Ahnung von der menschlichen Technik und modernem Fortschritt? Also wirklich!

Es zischte und krachte, Funken sprühten, der Gestank nach verschmorten Kunststoffen und Ozon breitete sich aus, und auf dem Gesicht des Mannes war ein resignierter Ausdruck zu sehen. Nun, er schien ein guter Verlierer zu sein, trotzdem durfte ich ihn jetzt nicht mehr am Leben lassen. Ich würde es ihm leicht machen. Kain und Abel waren jetzt endlich materialisiert.

„Schaltet ihn aus, schnell und sauber“, befahl ich. Gleich darauf lag der Wissenschaftler am Boden.

„Lord Angus“, rief ich aufgebracht, und der Poltergeist erschien mit allen seinen Ketten und stöhnte wehleidig. „Warum hast du mich nicht früher informiert?“, fuhr ich ihn an. „Der Tod dieses Mannes war vermeidbar. Das kostet dich weitere fünfzig Jahre, und es ist mir verdammt egal, ob die Leute hier im Schloss dich ernst nehmen oder nicht.“ Ich wollte keine seiner Bitten oder Entschuldigungen hören und verschwand mit meiner Leibwache.

Sie sehen, dass es bei uns in der Zwischenwelt viel zu tun gibt, und meine Arbeit ist ziemlich wichtig. Das heißt aber nicht, dass ich sie gern mache, sie wurde mir ebenso als Strafe auferlegt wie anderen Geistern auch. Dabei hätte ich durchaus gleich in die Hölle kommen können, als Lucretia Borgia habe ich im menschlichen Leben genug getan, um die Verdammnis zu verdienen. Aber damals brauchte seine Unheiligkeit dringend ein intelligentes Wesen, das sich auch durchsetzen konnte. Und nun warte ich auf jemanden, der mich ablösen könnte. Hätten Sie nicht Lust? Ich gebe zu, die Arbeitszeiten sind viel zu lang, die Bezahlung ist entsetzlich, und mein Chef ist unerträglich. Aber dafür haben Sie die Möglichkeit öfter mal neue Leute kennen zu lernen, und falls Ihnen eine Arbeit am Schreibtisch angenehm ist, dürfen Sie das ausleben, bis selbst der Teufel um Gnade bittet. Aber nein, lassen wir das lieber, denn sobald ich meine Arbeit aufgebe, bin ich fällig. Doch Sie sollten sich überlegen, ob Sie nach Ihrem Tod nicht Interesse hätten, irgendwo in unserer Abteilung eine nette kleine Stelle anzunehmen. Eines kann ich Ihnen versprechen, Geister leben intensiver.

ENDE

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Originaltitel: UNTOT – LB.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Updated: 2. September 2015 — 00:25

6 Comments

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  1. Wie gefällt Euch diese Geschichte von Anna? Wie findet Ihr den Buchtipp von mir?

  2. Hat wirklich keiner hier eine Meinung zu dieser Geschichte?

  3. Ich würde mich sehr über Eure Meinung zu dem Buchtipp freuen, na?

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