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FÜNFZIG PFENNIG – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann

FÜNFZIG PFENNIG

Eine Kurzgeschichte
von
Irene Salzmann
(2001/2017)

 

 

„Schau mal, da glitzert etwas!“

Gisela unterbrach ihr Schimpfen über den unangekündigten Lateintest, der sie völlig unvorbereitet erwischt hatte, und folgte mit den Augen dem ausgestreckten Arm von Manuela, die auf etwas deutete, das auf der Straße lag. Jetzt konnte Gisela es auch sehen: Etwas Blankes glänzte im bereits wärmenden Schein der Februarsonne.

Die beiden Mädchen befanden sich auf dem Heimweg von der Schule und hatten bereits das verkehrsberuhigte Wohngebiet erreicht. Sie warteten, bis der Golf vorübergefahren war, dann überquerten sie die Kreuzung. Ziemlich in der Mitte lag ein Fünfzig-Pfennig-Stück, das jemand verloren hatte.

„Warum hebst du es nicht auf?“, wunderte sich Gisela.

Manuela zuckte mit den Schultern und rieb ihre zierlichen Finger, die von einigen kleinen Warzen verunziert wurden. Am liebsten versteckte sie ihre Hände deswegen in den Hosentaschen, hinter dem Rücken oder ballte sie zu Fäusten. Nach einem Moment sagte sie: „Ich schulde dir eh noch etwas für das Eis vorhin – nimm du es.“

„Ach, Unsinn -“

„Doch, es ist deins.“

Erfreut bückte sich Gisela nach der Münze, besah sie kurz und steckte sie in ihre Jackentasche. Dann folgte sie rasch ihrer Freundin zum gegenüberliegenden Bürgersteig, da ein Minivan um die Ecke bog und sich eilig näherte.

„So ein Idiot!“ Gisela war etwas außer Atem. „Hier ist Tempo 30 – und nicht der Hockenheimring.“

Wie zur Antwort hupte der Fahrer kurz und machte eine hässliche Geste.

„Blödmann!“ Manuela drehte ihm den Rücken zu und wackelte als Erwiderung mit den Hüften. Dann zog sie Gisela mit sich. „Du kannst wirklich nicht so lang auf der Straße stehen bleiben. Klar, dass dann so was passiert. Auch wenn hier selten mal ein Auto durchkommt, es ist trotzdem noch eine Straße. Hast du am Nachmittag Zeit?“

Bedauernd schüttelte Gisela den Kopf. „Heute ist Handball. Aber morgen früh hole ich Dich wieder ab, und wir können zusammen zur Schule laufen, okay?“

„Okay. Bis dann.“

 

 

Am anderen Morgen saß Gisela mit ihrer Mutter am Frühstückstisch. Der Vater war bereits zur Arbeit gegangen.

„Holst du wieder Manuela ab?“, erkundigte sich die Mutter.

Gisela nickte, da sie den Mund voll hatte. Sie griff nach der Tasse Kakao.

Die Mutter furchte die Stirn. „Seid ihr nicht ein bisschen zu oft zusammen? Ich will dir den Umgang mit ihr nicht verbieten, aber du weißt auch, dass mir das Mädchen … nicht sonderlich gefällt.“

„Warum nicht?“ Endlich hatte Gisela das Stückchen Marmeladensemmel heruntergeschluckt. Musste die Mutter immer wieder damit anfangen? Das kam mit schöner Regelmäßigkeit alle drei Tage.

Und wie üblich gab es auf diese Frage keine konkrete Antwort. „Sie hat so etwas an sich … Wenn sie mir begegnet, ist sie verkrampft, versteckt ihre Hände und sieht mir nicht ins Gesicht. Als hätte sie etwas zu verbergen. Sie wirkt … unehrlich. Und ich möchte nicht, dass du ihretwegen in Schwierigkeiten gerätst.“

„Mama!“ Gisela war empört. „Manuela ist meine beste Freundin. Sie hat mich noch nie belogen und mir als einzige geholfen, als Sven mich ständig schikanierte. Ohne sie hätte ich ihn immer noch am Hals. Bestimmt spürt sie, dass du sie nicht leiden kannst. Wenn wir zusammen sind, lernen wir, hören Musik, gehen ins Kino … Ich weiß nicht, was du dir vorstellst, was wir sonst tun könnten. Wir überfallen keine alten Omas, rauchen nicht, trinken keinen Schnaps, nehmen keine Drogen -“

„Ist ja schon gut“, versuchte die Mutter sie zu beruhigen. „Das wollte ich damit gar nicht sagen. Ich finde es nur nicht … gut, dass du nicht auch einmal mit anderen etwas unternimmst.“ Sie seufzte angesichts Giselas beleidigter Miene. „Was hast du da eigentlich am Mittelfinger?“

„Nichts“, fauchte Gisela, blickte aber auf ihre Hand, nachdem sie die Tasse abgestellt hatte.

Zu ihrem großen Erstaunen hatte sich am Mittelglied des Fingers eine kleine Warze gebildet, die sie zuvor nicht bemerkt hatte.

 

 

Am Nachmittag zog Gisela aus dem Wohnzimmerregal einen dicken Lexikonband und schlug unter ‚Warzen’ nach. Sie wollte wissen, woher diese so plötzlich gekommen waren, denn zu der einen, die sie beim Frühstück entdeckt hatte, hatten sich noch weitere gesellt. Inzwischen waren es schon erheblich mehr, als Manuela je gehabt hatte. Vor allem interessierte es Gisela, wie sie die hässlichen Dinger wieder loswerden konnte.

Aha, Warzen übertrugen sich durch einen Virus. Ob sie sich etwa bei Manuela angesteckt hatte? Konnte eigentlich nicht sein, sonst wäre das schon früher geschehen, da sie sich oft genug die Hände gereicht und dieselben Dinge berührt hatten. Sicher wusste die Freundin, was man dagegen tun konnte. Oder nicht – schließlich ärgerte sie sich schon so lang über diesen Makel. Am besten holte sich Gisela in der Apotheke Rat. Manuela würde gleich kommen und konnte sie begleiten. Komisch, dass sich Manuela nicht längst ein Mittel besorgt hatte, sondern sich seit Ewigkeiten mit den Warzen plagte.

Es klingelte. Gisela lief zur Haustür und ließ ihre Freundin herein.

Nachdem sie sich eine Weile über die Hausaufgaben unterhalten hatten, zeigte Gisela etwas verlegen ihre Hände. „Schau mal, ich habe plötzlich auch welche. Was macht man denn dagegen?“

Manuela starrte auf die Warzen. „Es gibt eine Lösung, die man darauf streichen kann.“

„Und?“

„Meine sind … endlich weg.“ Manuelas Stimme klang glücklich, aber auch etwas bedrückt, zweifellos weil Giselas Pech ihre Freude trübte.

Etwas neidisch blickte Gisela auf die glatten Finger der Freundin, die diese leicht bewegte. Waren sie gestern nicht noch warzig gewesen?

Drei Wochen später hatte Gisela immer noch ihre Warzen. Die verschiedenen Mittel, die sie ausprobiert hatte, zeigten nicht die geringste Wirkung, und auch der Apotheker wusste keinen Rat mehr, außer den, sich an einen Hautarzt zu wenden. Notfalls könne man die Warzen operativ entfernen lassen, ein kleiner, ambulanter Eingriff … Oh nein, nur das nicht! Vor einer Operation hatte Gisela furchtbare Angst. Es musste doch einen anderen Weg geben?

Nun war sie diejenige, die ihre Hände verbergen wollte, während Manuela ihre früheren Hemmungen abgelegt hatte, die Finger mit vielen bunten Ringen schmückte und auffallenden Nagellack trug.

Schon ein komischer Zufall, dass Gisela die Warzen am selben Tag bekommen hatte, an dem die von Manuela verschwunden waren. Wäre man abergläubisch, hätte man meinen können, die gemeinen Dinger wären einfach von der einen zur anderen gewandert …

„Wir haben früher Kreide auf die Warzen“, erinnerte sich Giselas Oma, auf die Frage nach einem bewährten Hausmittel, „oder vor jeder Mahlzeit etwas Spucke. Ein Junge hatte am Teich eine Kröte gefangen und strich mit dem Finger zweimal am Tag über ihren Rücken, um seine Warzen zu heilen. An Vollmond besprachen wie sie: ‚So wie der runde Mond schwindet, so sollst auch du immer kleiner werden, bis du nicht mehr da bist.’ Zumindest schadet es nicht, wenn du das versuchst.“

Natürlich tat Gisela diese kuriosen Rezepte als Unsinn ab. Das mit der Kreide mochte ja noch einen Sinn ergeben, da die Mineralien die Viren abtöten konnten, auch das mit der Spucke, die von Enzymen angereichert war – aber Krötenstreicheln und Zaubersprüche? Dann ertappte sie sich tatsächlich dabei, wie sie vor dem Abendessen ihre Warzen anspuckte und nachts das Sprüchlein aufsagte. Am nächsten Tag ließ sie in der Schule ein kleines Stückchen Kreide mitgehen.

Nun, wenn die moderne Medizin versagte, blieben nur die alten Heilmittel übrig. Immerhin hatten ihr als Kind Omas Wadenwickel bei Fieber geholfen und ein Tee aus Fenchel, Kümmel und Anis bei Bauchweh. Wo konnte man weitere Tipps einholen?

In der Bibliothek entdeckte Gisela den Reprint eines alten Buchs, in dem Hausrezepte aus dem vorigen Jahrhundert gesammelt worden waren, die wirksam waren gegen alles von A wie Abszess bis zu Z wie Zipperlein. Einige Kräutertinkturen lasen sich recht überzeugend, fanden sie mittlerweile doch auch in der Homöopathie und in der Naturkosmetik Anwendung, doch es waren auch recht abenteuerliche Ratschläge darunter, die sicher nicht einmal dann klappten, wenn man wirklich felsenfest davon überzeugt war, dass Zaubersprüche Wirkung zeigten.

Aber das hier klang doch ganz gut: ‚Um blondes Haar glänzen zu lassen, bereite man einen Aufguss aus Kamillenblüten’. Oder: ‚Unreine Haut wasche man morgens und abends mit Brennnesselblätterwasser.’ Oma hatte häufig gesagt, dass die besten oft zugleich auch die preiswertesten und einfachsten Mittel wären. Kamille und Brennnesseln zum Beispiel konnte man am Waldrand sammeln oder in der Apotheke kaufen, wenn man keine Lust hatte, sich diese kleine Mühe zu machen.

Gisela beschloss, das Buch mit nach Hause zu nehmen und die interessantesten Sachen herauszuschreiben. Sie fischte den Leihschein, den sie ausgefüllt bei der Bibliothekarin abgeben musste, aus dem kleinen Umschlag im Buch und trug ihre Adresse ein. Vor ihr hatten erst zwei Personen diesen Titel ausgeliehen. Das eine war schon drei Jahre her, das andere erst eineinhalb Monate.

Na, wenn das keine Überraschung war! Die zweite Leserin war niemand anderes als – Manuela.

 

 

Unter ‚Warzen’ fand Gisela in dem Reprint dieselben Ratschläge, die auch ihre Oma gegeben hatte, und noch einige mehr.

Das letzte Rezept ließ Gisela eine heiße Röte ins Gesicht schießen.

Es war einfach nicht zu fassen. Jetzt setzte sich das Puzzle langsam zusammen … Aber konnte das wirklich wahr sein?

Halblaut las sie: „Wenn alle anderen Mittel versagt haben, dann wollen die Warzen weitergegeben werden. Nimm eine Münze und sage ‚Warze zur Münze, Münze in andere Hände, Warze zu Händen’. Lege sie an einem Kreuzweg ab. Wer sie findet und aufhebt, wird dich von deinen Warzen befreien und doppelt so viele bekommen wie du.“

Und doch konnte es Gisela einfach nicht glauben. Es gab keine … Zauberei, oder? Immer hatte sie über solche Geschichten gelacht, doch Tatsache war: Sie hatte ein Fünfzig-Pfennig-Stück aufgehoben, das Manuela nicht hatte berühren wollen, und am anderen Tag hatten sich die Warzen der Freundin auf Giselas Fingern befunden, sogar doppelt so viele!

Nein, das musste ein wirklich dämlicher Zufall sein. Nur weil bisher nichts geholfen hatte, was sie auch an Salben, Pudern und Tinkturen probierte, bloß weil alles irgendwie passte, hieß das nicht, dass Manuela Gisela die Warzen angehext hatte. So ein Unsinn. Es gab keine Hexen, keine Zauberei … blödes Buch!

Aber: Manuela hatte das gleiche Buch gelesen, bevor das mit den Warzen passiert war.

Der nagende Zweifel blieb. Vielleicht gab es doch Phänomene, die sich rational nicht erklären ließen. War da nicht dieses schöne Shakespeare-Zitat?

Noch etwas fiel Gisela ein. Manuela hatte damals dafür gesorgt, dass Sven endlich aufhörte, sie beide dauernd blöd anzumachen. Wie der Freundin das gelungen war, hatte Gisela nie so richtig verstanden. Irgendetwas musste Manuela jedenfalls zu ihm gesagt haben, und seither war er ihnen konsequent aus dem Weg gegangen.

Eine Weile blätterte Gisela umher, bis sie unter ‚böse Nachbarn’ einen Hinweis entdeckte: ‚Wenn dir eine Person übel gesonnen ist, dann kaue Wermut-Blätter mit Honig. Bittersüß müssen deine Worte sein. Sprich zu ihm, dass er sich von dir fern halten möge. Die ausgespiene Masse streiche des Nachts, wenn dich niemand sieht, auf seine Türschwelle. Wenn er am nächsten Morgen aus dem Haus tritt, wird Bitterkeit seinen Magen zusammenziehen, sobald er dir übel will, und Süße wird er spüren, wenn er alle bösen Gedanken fahren lässt.‘

Ausgespuckte Wermutblätter und Honig vor der Haustür – verrückt … Vielleicht hatte Manuela Sven gedroht, ihm sein Rennrad zu demolieren? Oder ihn zu verpetzen, wenn er seine Aufgaben bei jemand anderem abgeschrieben hatte? Nein, das hätte diese Dumpfbacke nicht eingeschüchtert, eher angestachelt, sie noch mehr zu terrorisieren. Es musste etwas anderes gewesen sein, etwas sehr Wirkungsvolles, denn Sven hatte von einem Tag zum nächsten aufgehört. Ein zweiter Zufall?

Konnte es so viele Zufälle geben?

„Zitrone und Yoghurt“, sagte Gisela zum Eisverkäufer an der Kreuzung gegenüber der Schule, wandte sich dann zu Manuela und fragte: „Was möchtest du?“

„Melone und Schoko. Danke. Und nächstes Mal lade ich dich ein.“

„Vier Mark“, sagte der Verkäufer und reichte den Mädchen die Eistüten.

Gisela nestelte an ihrer Jackentasche nach den Münzen, die sie lose darin trug. Sie zog zwei Zweimarkstücke heraus, und ein Fünfziger sprang mit hellem Klingeln auf den Boden, rollte davon zum Randstein …

Schnell stoppte Manuela das Geld mit dem Fuß, gerade als es die Straße erreicht hatte. Sie hob die Münze auf und reichte sie Gisela.

Diese lächelte. „Behalte den Fünfziger – ich schulde dir noch einen.“

Manuela wurde blass.

Am anderen Morgen waren Giselas Warzen verschwunden, und Manuela kreierte mit dünnen Handschuhen einen neuen Modetrend in der Klasse.

Die beiden sprachen nicht mehr mit einander.

-ENDE-

Copyright (C) 2001/2017 by Irene Salzmann

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) ©2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/


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Updated: 3. April 2017 — 15:10

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