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FLUCHT INS NICHTS – Eine Kurzgeschichte von Rüdiger Heins

FLUCHT INS NICHTS

Eine Kurzgeschichte

von

Rüdiger Heins

Von dem Brotkanten, den ihm eine alte Bauersfrau über den Zaun des Lagers geworfen hatte, war bereits am zweiten Tag seiner Flucht nichts mehr übrig geblieben. Zuletzt suchte er in seiner Manteltasche die winzigen Krümel, die er sich in gewissen Abständen immer wieder in den Mund führte, um sie langsam auf der Zunge zergehen zu lassen. Das gab ihm das Gefühl, etwas Essbares im Mund zu haben, und nährte die Illusion, nicht mehr hungrig zu sein. Den Durst löschte er mit einer Handvoll Schnee. Bereits am dritten Tag seiner Flucht wusste er weder, wo er war, noch, wohin er gehen sollte.

Hans wollte nur noch weg, weit genug weg von diesem Lager, in das sie ihn gesperrt hatten. Der Krieg war verloren, das wusste Hans schon, bevor er eingezogen wurde. Er war siebzehn und hoffte, dass dieser Krieg schnell ein Ende haben würde, damit er wieder nach Hause konnte.

Sie wollten ihn noch mit seiner Kompanie, die sie in aller Eile in Koblenz zusammengestellt hatten, in den Russlandfeldzug schicken. Die Soldaten wussten, dass sie von dort nicht mehr zurückkehren würden. Ihr Zug, mit dem Mannschaftstransport nach Minsk, wurde bereits in Frankfurt an der Oder von den feindlichen Fliegern bombardiert. Die Lok wurde getroffen, der Kessel explodierte und die Waggons entgleisten. Mitten in einer endlosen Landschaft lagen die Trümmer des zerbombten Zuges. Rauch stieg zum Himmel. Es roch nach den verbrannten Kohlen des Heizofens und nach dem verbrannten Fleisch der schreienden Landser. Ihre Schreie glichen einer Todessymphonie, sie schien die Landschaft in ein bizarres Gebilde zu verwandeln. „So sieht also der Krieg aus“, dachte der Hans, als er sich aus den Brocken von Stahl und Dreck und Holz hervorarbeitete, die ihn umgaben.

Er wurde bei diesem Bombardement verwundet. Die Verletzung am Bein, das zwischen zwei schweren Munitionskisten eingequetscht war, machte ihn kampfunfähig und brachte ihm sechs Wochen in einem Lazarett und eine Woche Heimaturlaub ein. Seine Mutter war froh, dass wenigstens einer ihrer drei Söhne aus dem Krieg zurückkehrte. Ernst blieb in der Normandie und von Fritz, der zuletzt im Kessel von Stalingrad kämpfte, hatten sie schon lange nichts mehr gehört.

Hans wollte nach seinem Heimaturlaub nicht mehr in diesen „gottverdammten Krieg“ zurück. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich wieder auf den Weg zu machen.

„Mutter, bei der erstbesten Gelegenheit, die sich ergibt, brenne ich denen durch“, sagte er ihr zum Abschied. Umarmen konnten sie sich nicht. So blickten sie sich nur kurz in die Augen, reichten sich die Hände und nahmen Abschied.

Doch es gab keine Gelegenheit mehr für ihn durchzubrennen. Noch bevor er in Mainz den Bahnhof – oder das, was davon übrig geblieben war – zu Fuß erreichen konnte, hörte er unterwegs, zwischen Gau-Algesheim und Ingelheim, die Leute rufen:

„Der Krieg ist zu vorbei! Er ist aus und vorbei.“

Hans konnte das nicht glauben. Vor einigen Wochen noch wollten sie ihn nach Russland fahren und jetzt sollte alles vorbei sein?

Vorbei. Der Krieg war zu Ende. Hans war nicht allzu weit von seinem Heimatdorf entfernt. Zu Fuß wollte er zurück in sein Heimatdorf nach Dietersheim, um dort wieder sein normales Leben zu führen. Die Arbeit im Stall und auf dem Feld, das war das, was er wollte, was er konnte, und es war die Arbeit, die ihn zufrieden machte.

Wie oft hatte er es sich in all diesen Jahren gewünscht, dass dieser Krieg ein Ende haben würde. Nun, da es so weit war, konnte er das Ende nicht wirklich fühlen. Das Ende des Krieges, von dem er schon so lange geträumt hatte.

„So fühlt sich also das Ende des Krieges an“, murmelte er vor sich hin. Das Ende fühlte sich nach nichts an. Äußerlich gab es keine Veränderungen. Die zerbombten Häuser, Menschen auf der Flucht, immer wieder auch verstreut Landser. Verwundete Menschen auf den Straßen, die ziellos herumzuirren schienen. Leichen am Straßenrand, deren Verwesungsgeruch süßlich über der Trümmerlandschaft lag.

Die Amis kamen sehr schnell mit einer Pontonbrücke über den Rhein bei Bingen. Die Rheinbrücke wurde von einem Sprengkommando der Wehrmacht zerstört, um jeden Quadratmeter deutschen Bodens bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Sie kamen mit ihren Panzern und ihren Jeeps, blieben stehen, fragten nicht lange und nahmen ihn gefangen. Sie hatten weder Erbarmen angesichts des weißen Tuches, das er geschwenkt hatte, noch mit seiner Jugend. Die amerikanischen Soldaten nahmen ihn einfach mit und brachten ihn in ein notdürftig errichtetes Gefangenenlager bei Bretzenheim.

Tagsüber, wenn die Sonne ein wenig durch den bewölkten Himmel schien, war das Lagerleben erträglich. Als der Herbst mit seinen Regenfällen das Leben der Gefangenen erschwerte, gruben sie tiefe Löcher in die Erde, um dort geschützt zu sein. Die nasse Erde wurde schwer. Es gab Höhlen, die in der Nacht unter der schweren Last einstürzten. Da war niemand, der die schreienden Gefangenen hören konnte. Erst bei Tag bemerkten sie, wer von ihren Kameraden bei lebendigem Leibe begraben worden war.

Die Amis gingen und die Franzosen kamen. Jetzt gab es auch keine Tabakrationen mehr für die Männer. Einige trockneten in ihren Höhlen Blätter und Gras, indem sie darauf schliefen. Mit Zeitungspapier wickelten sie den selbst gemachten Tabak ein und klebten das Papier mit viel Spucke fest, um so wenigstens eine Ahnung von einem Rauchgenuss zu bekommen. Es blieb bei der Ahnung und der Genuss der selbst hergestellten Zigarette hinterließ einen schalen Geschmack im Gaumen und oftmals auch ein übles Gefühl im Magen. Bereits am ersten Tag im Lager dachte Hans an Flucht.

Die Flucht war einfacher, als er dachte. Alles ging sehr schnell. Sein Plan war gründlich durchdacht. An Heiligabend hatten sie im Lager von den Franzosen eine Extraration Wassersuppe mit einem Stück Brot bekommen. Das war alles.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag versteckte er sich unter einem Lastwagen, von dem er annehmen konnte, dass dieser bald aus dem Lager fahren würde. Mit seiner ganzen Kraft hielt er sich an einem Gestänge unter dem Lastwagen fest, als dieser losfuhr. Innerhalb von wenigen Minuten passierten sie unkontrolliert das Lagertor. Als der Wagen hielt, war es stockdunkel und er wusste nicht, wo er gerade war. Intuitiv löste er seine Hände und die Beine von dem Metall und fiel in den Schnee. Der Lastwagen fuhr weiter. Hans blieb liegen. Er atmete schnell. Regungslos blieb er so ein paar Minuten liegen. Beobachtete die Sterne am Himmel, der sehr klar war. Langsam entfernten sich die Lichter des Lastwagens von ihm. Laut schrie er in die Nacht hinein. Er hatte es geschafft. Seine Flucht war gelungen. Frei, er war frei. Endlich frei. Niemand würde ihn nun mehr in das Gefangenenlager nach Bretzenheim zurückbringen können.

Nachdem er eine ganze Weile regungslos war, spürte er, wie die Kälte in ihm hochstieg. Das Aufstehen fiel ihm schwer. Die steifen Glieder und der Hunger machten ihm zu schaffen. Sein Heimatdorf war nur wenige Kilometer entfernt, doch er wusste, dass sie ihn dort zuerst suchen würden. Lange musste er überlegen, wohin er gehen könnte, um untertauchen zu können. Aber es fiel ihm niemand ein, dem er sein Schicksal anvertrauen konnte. Die Frage, wohin er nun gehen sollte, hatte er sich im Lager nie gestellt. Er wusste, wo er keinen Unterschlupf finden konnte. Nach Hause zu seiner Mutter würde er sicher nicht gehen können, dort würde es auffallen, dass Hans wieder aus dem Krieg nach Hause gekommen war. Kurze Zeit spielte er mit dem Gedanken, seinen Jugendfreund Helmut um Hilfe zu bitten. Diesen Gedanken gab er schnell wieder auf.

Immer wieder zog er seine Kreise durch die Dörfer um Bingen herum. Er ging nur nachts, nahm Wege durch die Felder und schlief tagsüber in einem der Heuschober, die am Wegesrand standen.

Ab und zu stahl er sich bei einem Bauern ein Ei, dass er roh austrank. In einem Keller fand er auch Äpfel und andere Vorräte, die seinen Hunger stillten.

In der dritten Nacht seiner Flucht gelang es ihm, in der Scheune seines Elternhauses zu übernachten. Auf dem Hof hörte er früh am Morgen die Stimme seiner Mutter. Das war für ihn das Zeichen zum Aufbruch. Er schlich sich über den Hinterhof hinaus auf die Straße. Vorbei an der Kirche, um sich dann in den Feldern zu verstecken.

Am 31. Dezember 1945 war er bereits fünf Tage auf der Flucht. Auf der Flucht vor den Franzosen, auf der Flucht vor diesem unmenschlichen Gefangenenlager, auf der Flucht vor der Kälte, auf der Flucht vor seinem Hunger. Tage der Flucht, an denen er nicht wusste, wohin er flüchten sollte. Auf der Höhe der Rochuskapelle angelangt, hörte er einen lauten Knall. Sofort ließ er sich in den Graben fallen. Adrenalin schoss ihm durch den Körper. Er schwitzte, lag schnaufend im Schnee und war ein Bündel aus Angst.

Wieder knallte es und wieder und wieder. Dann drang durch das laute Knallen das Läuten der Glocken. Zunächst nur ganz leise, dann immer lauter werdend. Hans verstand jetzt. Der Krieg war zu Ende. Das Jahr auch. Ein neues Jahr begann und er wusste immer noch nicht, wohin.

ENDE


Copyright © Text 2013 by Rüdiger Heins / Einganggrafik by Lichtprojekt-Seidenbach-2010

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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WEITERE WERKE DES AUTORS FINDEN SICH IN UNSERER BUCHEMPFEHLUNG:


Heins, Rüdiger
Urstrom: Vier Theaterstücke vom Jenseits ins Diesseits

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Verlag :      Bertugan-Verlag
ISBN :      978-3-939165-26-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,50 Eur[D] / 14,50 Eur[A] / 21,50 CHF UVP
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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.10.2012
Seiten/Umfang :      145 S. – 21,0 x 13,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 09.2012
Gewicht :      200 g

4 Theaterstücke:

“Gilgamesch und Enkidu”
“Fee: Ich bin ein Strassenkind”
“Vision der Liebe” (Hildegard von Bingen)
“Allahs heilige Töchter”

„Die vier Theaterstücke von Rüdiger Heins gelten Menschen am Rande der Gesellschaft, seien dies nun Frauen aus einer islamischen Kultur, Strassenkinder, Tyrannen einer längst vergangenen Epoche oder gar Mystikerinnen, wie eine Hildegard von Bingen. Immer geht es dabei letztlich um die Vision einer menschlicheren Welt. Der Autor spielt virtuos mit den verschiedensten szenischen Formen: vom lyrischen Drama über das epische Theater und das Dokumentarstück bis hin zum postdramatischen Theater unserer Tage, in dem Musik und Tanz gleichrangig neben den Text treten. Das ist bestes postmodernes Theater, wie wir es so nur noch von Christoph Marthaler her kennen.“ Prof. Dr. Mario Andreotti, Dozent für neuere deutsche Literatur und Sachbuchautor.

„Das alles erzählt Rüdiger Heins in seinem Stück ganz unaufgeregt. Das sich andere aufregen könnten, nimmt er in Kauf. Mutig, zumal sein intelligentes Stück nun zufällig in eine heiße Debatte geraten ist, um Äußerungen Thilo Sarrazins  zur Integrationspolitik.  Susanne Böhme, SWR 2

Rüdiger Heins bringt Brennpunkthemen auf die Bühne, wie sonst nur wenige. Deswegen schätze ich seine künstlerische Arbeitsweise sehr. Außerdem besitzt er den Mut, den man für diese Arbeit braucht! Die Themen, die er aufgreift, beschäftigen mich auch. Der Unterschied besteht darin, dass er die Empathie hat, aus sozialen Themen literarische Kulissen zu bauen. Das bewundere ich an ihm. Günter Wallraff, Köln

Titel erhältlich bei Amazon.de

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4 Comments

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  1. Das Erscheinungsbild der Short Story gefällt mir sehr. Danke Detlef! Gruß Rüdiger

  2. Freut mich, dass du zufrieden bist!

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