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Literatur-Blog

FICK DICH, UTOPIA! – Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte von Miriam Kleve

Fick dich, Utopia!

Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte
von
Miriam Kleve

Doing, Doing, Doing, so hämmerte es in ihrem Kopf. Tick Tack, Tick Tack, klang es in ihrem Ohr. Dazu diese rockig poppige Melodie – voller Feuer und Kraft. Klar, da gab es einen Text. Den ihr Herz verstand, ihr Verstand aber nicht herzte. Egal. Was zählte war alleine die Gewissheit, das Doing, Tick Tack und Melodie eine Harmonie bildeten. Sie schüttelte den Kopf, um die Gedanken wieder frei zu bekommen. Waren das die ersten Anzeichen von Wahn? Ein Ausfall der biokybernetischen Hirnimplantate? UnsichtbarerFreund64 hatte sie ja davor gewarnt, billige Ware von Europa einzukaufen. Die war nämlich genauso minderwertig wie der Schrott aus den Fucking Stars of America. Sie lachte.

Auf dem Display liefen grüne Zahlenkolonnen von oben nach unten. Der Scanner spielte Ergebnisse ein. Der Rechner wandelte einige von ihnen in grafische Darstellungen um. Irgendwo hinter dem Mond winkte ihr ein Strichmännchen zu. Ein Tropfen dunkelrotes Blut löste sich aus ihrem linken Nasenloch, wurde zu einem zarten Bächlein, kaum ein Strich, und floss träge über die Oberlippe. Sie schleckte das Blut mit der Zunge weg. Bitter. Bitteres Nasenbluten. Eine Nebenwirkung der Neuralverbindung zwischen Hirn und Schiff. Hm, sie hätte vielleicht auch hier weniger sparsam sein sollen. Aber warum?

Ihre Gedanken wurden zu Steuerbefehlen umgewandelt. Ihre Erinnerungen waren Koordinaten, ihre Gefühle spielten Vektoren ein. Das kleine Schiff, kaum mehr als eine eiförmige Kapsel aus Gold und Silber, beschleunigte, bockte, drehte sich und nahm dann Kurs auf den kleinen Asteroiden. Ein Felsbrocken voller Edelmetalle, ein Stein in der Schwerelosigkeit. Ein kleiner Punkt in der Ferne, der sich langsam näherte.

Nein, dachte sie. Nicht er nähert sich mir, sondern ich nähere mich ihm. Und er nährt sie alle. Sie kicherte. Mit ein wenig Glück waren die Wachen ebenso wahnsinnig wie sie selbst. Hatten sich das Hirn weggebrannt, irgendein Zeug eingeworfen, um sich Ideen und Illusionen hinzugeben. Diese verdammten NeoBioAlternativen. Mit ihrem Traum von einem besseren Leben. Mit ihrer Hoffnung auf ein wenig irdisches Glück. Paradies. Zuflucht. Elysium. Uotpia. Hoffnung. Fick dich, Leben!

Das Schiff bockte erneut, erneut etwas Schub geben, den Auftrag als gegeben hinnehmen. Ihre Gedanken waren ein Knäuel fleischiger Tentakeln, die sich miteinander um einen Fetzen Hirn balgten. Versuchten Gedanken zusammenzuhalten. Sie kicherte, seufzte und dockte an. Ziel erreicht. Zumindest das erste von vielen. Blieben noch einige.

Mit einem leisen Zischen, beinahe dem Seufzen der Erinnerung des ersten Kusses, vor dem nahenden Tode gleich, öffnete sich die Pilotenkapsel. Der zähe Geruch von Körper, seinen Flüssigkeiten und vertaner Zeit quoll heraus, kroch über den Boden und paarte sich mit der sterilen Atmosphäre des Hangars. Der Duft von Blut und Angst mischte sich in die Luft. Ein scharfer Zug Chemie, der Geruch von Tod und heißem StahlPlast.

KillTress7 schüttelte den Kopf. Wie war sie in den Hangar gekommen? Sie blickte sich um. Die durchlöcherten, zerfetzten, blutigen Körper etlicher NeoBioAlternativen lagen um sie herum. Ja, natürlich. Die Implantate. Sie hatten die Kontrolle übernommen, den Auftrag ausgeführt. Jedenfalls einen Teil davon. Den Menschen abgeschaltet, die Funktionen hochgefahren, Instinkte, Adrenalin, Ausbildung und Programmierung in einen Topf geworfen. Was bedeutete Menschsein überhaupt? War ihr Hirn aus biologischem Matsch, minderwertigen Implantaten und einer Hülle aus StahlPlast noch menschlich zu nennen? Die Haut war optimiert, die Augen ausgetauscht, die Knochen verstärkt, das Blut durch etwas Funktionaleres ersetzt und die Gefühle vollkommen unter Kontrolle. Fuck, Quatsch, unter Kontrolle war gar nichts. Aber in einem Universum voller Irrer war sie vielleicht die einzig Normale. KillTress7, nominiert für den Interstellaren Ausnahmepreis für Menschlichkeit.

Ich Danke meine Mutter (fick dich, Schlampe), meinem Vater (mögest du verrotten) und meinem Agenten (dieses Stück Scheiße), dass sie mich unterstützt haben (gefickt muss es heißen), damit ich heute (was war gerade für ein Tag oder Jahr?) diesen Preis in Empfang nehmen kann.

KillTress7 lud ihre Waffe nach und tanzte. Tanzte durch die kleine Station im schwerelosen Nichts. Sie überließ sich ganz dieser Melodie in ihrem Kopf. Elegant. Gedankenverloren. Sie sah nicht die Schönheit der menschlichen Schaffenskraft, spürte nicht das Leid der durch sie Sterbenden. Sie war der Tod, die Zerstörung. Sie war der Anfang vom und genau das Ende. Sie war genau das, wofür sie bezahlt wurde. Sie tanzte. Tanzte den Tod, bis sie ihr Ziel erreichte.

Schluchzen, Tränen, Angst, Trauer und Zorn ließen sie wieder zu sich kommen. Oder die Programmierung in ihrem Schädel. Doing. Ziele gescannt. Tick Tack. Zielperson gefunden. KillTress7 öffnete die Augen und erblickte die Schönheit. Sie sah den Garten Eden.

Im Kern des eisigen Felsbrockens, geboren durch menschliche Vorstellungskraft und überlegene Technologie, erblickte sie reife Früchte, Reihen voll gelben Korns, wunderbare Bäume mit wundervollen Äpfeln. Sie sog den Duft der Natur ein, spürte das Leben unter ihren Füßen. Boden, Erde, Acker. Das Kostbarste im Universum überhaupt: Nährstoffreicher Boden, der alles bot, was Pflanzen zum Wachsen brauchten. Künstliche Schwerkraft, künstliche Sonne, künstliche Früchte. Igitt! Da war in ihrem Kopf etwas durcheinandergeraten. Natürliche Früchte. Ja. Lecker. Doch auch Igitt, wenn sie darüber nachdachte. Aber ihre Implantate halfen dabei das Nachdenken zu unterdrücken.

„Warum machen sie das?“ fragte eine zarte, zerbrechliche Frauenstimme. „Was haben wir ihnen getan?“

Prima Utopia, da stand sie. Jünger als gedacht, vielleicht gerade einmal Anfang zwanzig. Ein perfekter Körper, einem Engel gleich. Langes, gelockte Blondhaar. Strahlende, unschuldig blickende Blauaugen. All das war durch BioOptimierung zu erreichen. Aber die Prima der NeoBioAlternativen war anders. Sie war echt. Die Natur in ihrer Vollkommenheit. So schön. Und so sterblich. Von ihr gab es keine Gedankenkopie. Sie besaß kein Backup ihres Körpers und ihres Geistes. Diese beschissenen NeoBioAlternativen!

Ein Dutzend kleine Kinder standen hinter hier. Ängstlich klammerten sie sich an Prima Utopia. Eines wie das andere waren kleine Engel. Die Nachkommen. Eine neue Generationen. Eine neue Generation voller Arschlöscher! Nicht künstlich, sondern natürlich. Nicht mit dem Skalpell oder im Labor optimiert. Nein. Biologisch geprüfte Fickware! Doing! Tick Tack! Melodie!

KillTress7s Stimme war etwas eingerostet und mehr ein Krächzen, als tatsächliche Worte. Sie sprach selten. Ihre Stimmmodule waren deswegen nicht nur billig, sondern auch alt. „Prima Utopia von den NeoBioAlternativen. Ihr wurdet angeklagt und für schuldig befunden des BioTerrorismus. Das Urteil für euch und euresgleichen lautet Tod durch Exekutor, in Eurem Fall KillTress7, lizensiert und beauftragt. Die Kosten für die Exekution werden Euch post mortem in Rechnung gestellt.“

Die Prima atmete tief durch. „So endet es also. Kannst Du wirklich mit der Gewissheit leben…“ Der Kopf Utopias platzte und ihr Blut und Hirn spritzte in alle Richtungen, ergoss sich über die schreienden, weinenden Kinder. Einige versuchten auf ihren kleinen Beinchen wegzurennen und bekamen Kugeln in den Rücken. Andere fanden ihr Ende mit Kopfschuss neben der Prima. Die Unschuld stirbt zuletzt, dachte KillTress7. Aber sie stirbt.

Ihr Blick wanderte über das Kunstwerk aus Tod und Blut. Und beides sickerte in den Boden, hinab zu den Seelen der Verlorenen und Hässlichen. Zu denen, die vorangegangen waren. Denen, die nicht ins Zuchtprogramm der NeoBioAlternativen passten, diesen menschenverachtenden Bastarden, die ihre Nachkommen aussiebten: die Guten ins Körbchen, die Schlechten in den Acker. Als Nahrung für das, was gesund und gut, was gesund und begehrt war. Die Frucht des Paradieses gedeiht auf dem Bodensatz der Sünde, schoss es durch KillTress7s Kopf. Und dann tanzte sie, tanzte zurück zu ihrem Schiff. Sie ließ alles zurück und verschwendete keinen Gedanken mehr an Utopia und deren Acker, in dem das Blut der Nachkommen die Scholle nährte.

Doing! Tick Tack! KillTress7 kicherte. Neben ihr im Cockpit schwebte ein praller, saftiger und vollkommener Apfel. Sie nahm ihn und biss hinein. Doing!

Ende

Copyright (c) 2015 by Miriam Kleve, all rights reserved

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Implantable Electronic Medical Devices (Kartoniert)
von Fitzpatrick, Dennis

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Verlag:  Elsevier LTD, Oxford
Medium:  Buch
Seiten:  IX, 183
Format:  Kartoniert
Sprache:  Englisch
Erschienen:  September 2014
Maße:  238 x 197 mm
Gewicht:  329 g
ISBN-10:  0124165567
ISBN-13:  9780124165564

Beschreibung
Implantable Electronic Medical Devices provides a thorough review of the application of implantable devices, illustrating the techniques currently being used together with overviews of the latest commercially available medical devices. This book provides an overview of the design of medical devices and is a reference on existing medical devices.

The book groups devices with similar functionality into distinct chapters, looking at the latest design ideas and techniques in each area, including retinal implants, glucose biosensors, cochlear implants, pacemakers, electrical stimulation therapy devices, and much more. Implantable Electronic Medical Devices equips the reader with essential background knowledge on the application of existing medical devices as well as providing an introduction to the latest techniques being used.

A catalogue of existing implantable electronic medical devices Up-to-date information on the design of implantable electronic medical devices Background information and reviews on the application and design of up-to-date implantable electronic medical devices.

Beschreibung (ins Deutsche übersetzt)
Implantierbare Electronic Medical Devices bietet eine gründliche Überprüfung der Anwendung von implantierbaren Geräten, die die Techniken, die derzeit zusammen mit Übersichten über die neuesten kommerziell verfügbaren medizinischen Geräten verwendet. Dieses Buch bietet einen Überblick über die Gestaltung von Medizinprodukten und ist ein Verweis auf den bestehenden medizinischen Geräten.

Die Buchgruppen Geräte mit ähnlicher Funktionalität in einzelne Kapitel, Blick auf die neuesten Design-Ideen und Techniken in den einzelnen Bereichen, einschließlich Netzhautimplantate, Glucose Biosensoren, Cochlea-Implantate, Herzschrittmacher, elektrische Stimulationstherapie-Geräte und vieles mehr. Implantierbare Electronic Medical Devices stattet den Leser mit wichtigen Hintergrundwissen über die Anwendung der bestehenden medizinischen Geräten, sowie eine Einführung in die neuesten Techniken zum Einsatz.

Ein Katalog der existierenden implantierbaren elektronischen Medizin Up-to-date Informationen über die Gestaltung von implantierbaren elektronischen Medizinhintergrundinformationen und Bewertungen über die Anwendung und Auslegung von up-to-date implantierbaren elektronischen medizinischen Geräten.

Inhaltsverzeichnis
Retinal Implants Smart Contact Lenses Phrenic Nerve Stimulation Glucose Biosensors Cochlear Implants Pacemakers and Implantable Cardioverter Defibrillators (ICD) Bladder Implants Electrical Stimulation Therapy for Pain Relief and Management Electrical Stimulation Therapy for Parkinson’s Disease and Dystonia Electrical Stimulation Therapy for Epilepsy Peripheral Nerve Stimulation (PNS) Lower Oesophagus Stimulator (LOS) or Lower Esophagus Stimulator (LES)

Inhaltsverzeichnis (ins Deutsche übersetzt)

Netzhaut-Implantate Smart-Kontaktlinsen Zwerchfellnervenstimulation Glucose Biosensoren Cochlea-Implantate Schrittmacher und implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) Bladder Implantate Elektrostimulationstherapie zur Schmerzlinderung und Verwaltung elektrische Stimulation Therapie für Parkinson-Krankheit und Dystonie elektrische Stimulation Therapie für Epilepsie periphere Nervenstimulation (PNS) Nieder Ösophagus Stimulator (LOS) oder unteren Speiseröhre Stimulator (LES)

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
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Updated: 2. Dezember 2015 — 02:38

4 Comments

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  1. Ich war mal so frei. Hoffe es passt alles und gefällt. Ich finde die Story richtig gut, Miriam.

  2. Wie MEHRMALS besprochen und immer wieder darauf hingewiesen: Danke für Buchtipps, alles andere NICHT ohne Absprache! Habe meinen Beitrag entsprechend zurückgebaut. 🙁

  3. Nette Geschichte, gibt es eine Fortsetzung?

    Finde die Idee gut, wenn auch hart. Aber so sind nichtmenschliche Humanoide nun einmal. Ich selbst erwäge eine Geschichte zu schreiben, in welcher ein ähnlicher Protagonist vorkommt, aber konnte mich bisher noch nicht dazu entschließen, sie auf Papier zu bringen (antike, aber lyrische Ausdrucksweise).

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