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FESSELNDES ALTER – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Fesselndes Alter

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Miss Fowler saß in ihrem kleinen Garten auf der wackligen Holzbank und beobachtete, wie die Bienen von Blume zu Blume flogen. Die alte Dame lächelte und nahm einen Schluck Lady Grey. Sie mochte das feine Orangenaroma des Tees. Eine der Bienen verirrte sich und tanzte summend vor der Nase der alten Dame herum. Dann machte die Biene kehrt und gesellte sich wieder zu ihren Freundinnen, die gerade die rosafarbenen Begonien entdeckten. Miss Fowler strich sich durch ihr schütteres weißes Haar, dann stellte sie die Tasse auf der Bank ab, nahm sich ihren Gehstock und stand auf. Sie hatte noch Arbeit zu erledigen.

***

Detective Sergeant Booker öffnete seinem Vorgesetzten Detective Chief Inspector Ben Reed die kleine Gartentüre. „Guten Morgen, Chef.“ DS Booker war gut gelaunt, wie immer. Scheinbar gab es nichts auf der Welt, das ihn erschüttern konnte. Genau der richtige Mann für Mordfälle.

„Was haben wir?“ DCI Reed ignorierte die Handvoll Schaulustigen, die sich am Gartenzaun drängelten und sehen wollten, was es für Neuigkeiten gab.

Booker ließ sein Notizbuch aufschnappen und fasste alles Wichtige zusammen. „Ms Angelina Fowler. Einundachtzig Jahre. Alleinstehend. Tochter lebt in London, Enkelin im Nachbarort. Ich habe einen Wagen geschickt, um letztere abzuholen.“

„Gut gemacht.“ Reed hielt an der Haustüre inne und sah zur Holzbank vor dem Haus. Er studierte eingehend die Tasse mit dem kalten Tee, dann ging er weiter. „Gemütlich.“

Die alte Miss hatte Geschmack gehabt und ihr kleines Häuschen bequem und heimelig eingerichtet. Gemusterte Tapeten, ein abgewetzter Holzboden im Flur und ein weicher Teppich im Wohnzimmer. Viel kleines Porzellan, Bilder in Sepia auf dem Kamin, bequeme Ohrensessel, gestickte Taschentücher und Spitzendeckchen auf Tischen und Anrichten.

„Das Opfer wurde von Mister Angus McFly gefunden, Versicherungsvertreter. Er hatte einen Termin bei ihr. Die Haustüre war offen. Oberes Stockwerk.“ DS Booker zeigte die Treppe hoch. „Zweite Türe links, Chef. Der Raum neben dem Schlafzimmer.“

„Wie ist die alte Dame ums Leben gekommen?“ DCI Reed betrachtete die Bilder an der Wand, die von einem langen und weitgehend glücklichen Leben erzählten. Lachende Gesichter, Erinnerungen an gute Tage, an glückliche Tage. Diese Reisen in fremde Leben lösten in dem Detective Chief Inspector stets Unbehagen aus. Er fand keinen Gefallen daran in die Leben fremder Menschen einzudringen und alles auf den Kopf zu stellen. Doch wenn er gerufen wurde, dann war das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Und er tat nur seinen Job.

Booker ging voran und stellte sich neben die Türe. „Die alte Dame wurde mit einem Lederriemen erdrosselt, nachdem sie der Täter mit Handschellen an einem Querbalken festmachte.“

„Wer tut denn so etwas einer netten alten Dame an?“ Reed war erschüttert und betrat den Tatort. Mit einem kurzen Blick erfasste er vollkommen die Situation. „Booker?“

„So wie es aussieht, polierte sich die nette alte Ms Angelina Fowler ihre Rente als Domina auf, Chef.“

***

Der Duft eines billigen Deos lag in der Luft. Doch es konnte den Geruch von saurem Schweiß kaum überdecken, der Angus McFly umgab. Selbst die Fliegen mieden den fetten Mann, der wie ein Häufchen Elend in der Ecke saß. Der Stuhl unter ihm war zwar ein robustes Möbelstück, wirkte aber aufgrund der Masse des Mannes zerbrechlich.

DCI Reed und DS Booker hatten sich ebenfalls gesetzt, allerdings mit einem gehörigem Abstand zum Zeugen. Booker machte sich Notizen, während Reed das Verhör führte.

„Es ging also um eine Versicherung, Mister McFly? Habe ich sie da richtig verstanden?“

Der fette Mann nickte eifrig und seine Speckrollen kamen dabei in Wallung. Der Stuhl unter ihm knirschte bedenklich. „Ja, das stimmt.“ Sein Gesicht war verkniffen. „Das habe ich doch bereits gesagt. Ms Fowler hatte um ein Gespräch gebeten. Es ging um eine Hausratversicherung.“

„Wirklich?“ hakte Reed ungehalten nach und zeigte auf einen Stapel Unterlagen. „Die alte Dame hatte bereits eine Versicherung. Warum sollte sie noch eine abschließen?“

„Vielleicht wollte sie wechseln. Bitte, kann ich jetzt gehen? Ich habe daheim noch Verpflichtungen, denen ich nachkommen muss.“

„Mister McFly, es geht hier um einen Mord. Verstehen sie. Jemand hat Ms Fowler gewaltsam vom Leben in den Tod befördert. Und sie haben die alte Dame ja gesehen. Die Umstände sind merkwürdig.“

„Das mag sein, aber was habe ich damit zu tun?“ presste er hervor.

„Ich wüsste halt gerne, in was für einem Verhältnis sie genau zueinander standen. Die Sache mit der Versicherung, die nehme ich ihnen nicht ab.“ Reed lächelte. „Also, wie ist es? Wollen sie nicht lieber mit der Sprache heraus?“

McFly schwitzte wie ein Schwein. Und er gab er seinen Widerstand auf. „Ja, ja, verdammt, es stimmt. Ich war einer ihrer Kunden.“ Der fette Mann schloss beschämt die Augen. „Wenn das die Leute erfahren, ich wäre ruiniert, Chief Inspector. Mein Job hängt von meinem guten Ruf ab.“

„Damit hätten sie immerhin ein Motiv“, erklärte Booker und hakte eine seiner Notizen ab.

„Was?“ Angus McFly riss die Augen auf und wurde bleich. „Aber ich habe sie angerufen. Warum sollte ich das machen?“

Reed zucke mit Schultern. „Ich bin kein Gedankenleser. Gehen sie erst einmal nach Hause, Mister McFly. Wir melden uns, falls noch etwas anliegt. Halten sie sich, die nächsten Tage, bitte zu unserer Verfügung.“

„Danke.“ Leise stöhnend hievte McFly seinen Körper in die Höhe und tippelte mit kleinen Schritten auf die Türe zu. Reed und Booker sahen dem Mann hinterher. Plötzlich war aus McFlys Schritt ein leises Knacken zu hören und der Mann seufzte erleichtert auf. Aus dem linken Hosenbein purzelte eine Wäscheklammer auf den Boden. Mit nun hochrotem Kopf wankte der Versicherungsvertreter aus dem Haus.

***

Mary Fowler-Higgins stand vor dem Wohnzimmerfenster und blickte in der Garten ihrer Großmutter hinaus. Es war bereits dunkel, aber die grellen Lampen der Spurensicherung leuchteten das Grundstück aus. Reed und Booker standen hinter hier. Die beiden Polizisten gaben der jungen Frau noch einige Sekunden, um sich zu sammeln, dann setzten sie die Vernehmung fort.

„Ist ihnen wirklich niemand bekannt, der ihrer Großmutter etwas derartiges antun könnte?“ Reed versuchte Mitgefühl in seine Stimme zu legen. „Jemand mit dem sie vielleicht Streit hatte?“

„Niemand.“ Mary Fowler-Higgins strich sich die Tränen aus dem Gesicht. Die junge Frau setzte sich auf die kleine Eckbank. Nervös strich sie die dabei verrutschte Tischdecke zurecht. „Ein Unfall. Oder eine Krankheit. Aber Mord? Wer rechnet denn damit, Chief Inspector? Das ist so schrecklich. Und dann noch … was werden bloß die Nachbarn sagen? Was soll ich meiner Mutter sagen?“

Reed und Booker sahen sich kurz an. Der Chief Inspector legte dann tröstend seine Hand auf die Schulter der Trauernden. „Ihr Verlust ist sicherlich schmerzlich. Aber da Draußen läuft ein Mörder herum, denn wir fangen sollten. Sie müssen uns helfen. Ihrer Großmutter zuliebe.“

Die junge Frau nickte. „Natürlich. Aber ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ja auch nicht gewusst, was meine Großmutter so alles treibt.“ Erneut flossen Tränen. „Sie war so lebenslustig. Hat sich immer um alle gekümmert. Als wir Geldprobleme hatten vor ein paar Jahren, da ist sie eingesprungen. Und jetzt weiß ich auch, woher das Geld kam. Ich fühle mich so schmutzig und so schuldig.“

Booker reichte Mary Fowler-Higgins ein Papiertaschentuch. „Ihre Großmutter hat das gerne für Sie getan. Da bin ich mir sicher“, versuchte er zu trösten. Reed verdrehte nur die Augen.

„Glauben Sie? Granny hat mich geliebt, das weiß ich. Ich war jeden Woche einmal hier und habe sie besucht. Wir haben Karten gespielt. Sie hat mir gezeigt wie man backt. Und ich habe ihr das Internet erklärt. Sie wollte alles ganz genau wissen. Um online zu shoppen und mit ihrer Freundin in den USA zu skypen.“

Reed nickte anerkennend. „Ihre Großmutter war eine sehr aufgeweckte Person.“

„Vielleicht wäre es nicht so weit gekommen, wenn ich sie nicht wieder um Geld gebeten hätte. Vielleicht hätte sie sich zur Ruhe gesetzt.“

„Wofür brauchten Sie denn Geld?“

Mary Fowler-Higgins schniefte laut und richtete sich auf. Sie drückte ihren Oberkörper nach vorne und präsentierte ihre prallen Brüste. „Sehen Sie, englische Wertarbeit. Die waren vorher viel zu klein. Und Granny meinte sie könne das verstehen. Männer wollten halt etwas zum Zupacken haben.“

Die beiden Polizisten starrten auf den Ausschnitt der jungen Frau. Dann liefen sie rot an und sahen weg. „Entschuldigung.“ Reeds Stimme klang gepresst.

„Ist schon gut, dafür habe ich sie doch machen lassen“ schniefte Mary Fowler-Higgins. „Meine Großmutter hat sie bezahlt. Und sie wollte keinen Penny zurück. Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander.“

DCI Reed dachte nach. „Ich habe hier im Haus gar keinen Computer gesehen. Sagten Sie nicht, Sie hätten ihrer Großmutter das Internet erklärt? Vielleicht hat der Mörder den Rechner ihrer Großmutter gestohlen.“

„Meine Großmutter hatte keinen großen Rechner.“ Mary Fowler-Higgins wischte sich die Tränen erneut weg. „Sie hat sich so ein kleines Netbook gekauft. Mit eingebauter Kamera und Mikrofon. Ich habe ihr einen ganzen Abend lang erklärt, wie man damit Aufnahmen machen kann. Sie wollte für ihre Freundin unbedingt einen Geburtstagsgruß aufnehmen. Ich wollte Granny dabei helfen, aber sie wollte es unbedingt allein hinbekommen. Schlussendlich hat sie es dann auch geschafft.“

„Ich schau mal nach“ erklärte Booker knapp und verließ den Raum. Wenige Minuten später kam er mit dem Netbook der Toten zurück.

„Genau. Das ist das Gerät meine Großmutter. Irgendwo muss das Netzteil herumliegen. Ich kenne auch das Passwort.“

Zehn Minuten später standen Mary Fowler-Higgins, Booker, Reed und die Spurensicherung vor dem Netbook. Die Enkelin weinte, während Booker fassungslos den Kopf schüttelte und Reed angewidert den Mund verzog.

„Sie hat alles aufgenommen.“ Detective Sergeant Booker schrak zusammen. „Autsch, dass muss wehgetan haben.“

Reed nickte. „Da, das ist es. Schlechte Qualität, aber immerhin.“

„Das Netbook war zwischen einigen Plüschkissen auf der Kommode versteckt.“

„Und da passiert es.“ Der Detective Chief Inspector zeigte auf den kleinen Monitor. „Sie hat ihre Gäste erpresst. Und der hier hat sich nicht erpressen lassen und die alte Frau ermordet. Die ganze Tat wurde aufgenommen.“

„Schrecklich“ kommentierte Booker die Szene und riss sich dann von den Bildern los. „Ich werde sofort die Fahndung veranlassen. Mit diesen Bildern ist es kein Problem den Mörder aufzuspüren.“

Reed klappte das Netbook zusammen. „Jetzt brauche ich einen Tee. Einen Earl Grey vielleicht.“

ENDE

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

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Eva Ehley
Frauen lügen
Ein Sylt-Krimi

Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19427-8
Seiten/Umfang: ca. 368 S. – 19,0 x 12,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 05.04.2012

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