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EIN BISSCHEN BISSIG – Leseprobe aus dem gleichnamigen Roman von Barbara Wegener und H.L.Ween (Babsi Ween)

EIN BISSCHEN BISSIG

Leseprobe  aus dem gleichnamigen Roman

von

Barbara Wegener und H.L.Ween (Babsi Ween)

Die Sonne war längst hinterm Horizont verschwunden, aber Graf Cau saß immer noch aufrecht in seinem Sarg, der einen Ehrenplatz im Gewölbe unter der markgräflichen Residenz hatte. Eigentlich gab es heute Nacht genug für ihn zu tun, aber er hatte Null Bock darauf.

Sein Magen knurrte, die Karies schmerzte, und dieser Idiot von Zahnarzt trieb sich in den Grotten von Capri rum. Flirtete im Urlaub mit irgendwelchen Mafiabräuten, statt sich seiner Nöte anzunehmen.

Was war dem Dentisten eigentlich wichtiger? Sich am Mittelmeer zu verlustieren? Oder die Zahnlöcher seines Regenten zu stopfen, damit der nicht länger auf Blutkonserven angewiesen war und wieder halbwegs kräftig zubeißen konnte? Es war eine Schande. Die Leute hatten einfach kein Pflichtgefühl mehr, und der Begriff Dienstleistung war längst zum Fremdwort verkommen …

Zu allem Überfluss machten ihm noch andere Zipperlein zu schaffen. Sein Gedächtnis ließ ihn bisweilen wegen beginnender Demenz im Stich. Die Leber konnte sich nicht entscheiden, ob sie verfetten oder schrumpfen sollte. Und ohne das neue Wundermittel Vampir-AGA würde sein Ruf als immer bereiter Lustmolch gewiss schnell leiden.

Mit den Worten „Sie sind nicht mehr der Jüngste“ hatte sein Leibarzt die Wehwehchen und Unzulänglichkeiten erklärt, aber das wusste er allein. Tausend Jahre waren auch für einen Vampir aus Südosteuropa kein Pappenstiel. Das sah er an den immer kürzeren Intervallen, in denen er sich neue Freundinnen und Lustknaben zur Vitalitätserhöhung zulegte. Früher hatte es Liebschaften gegeben, die hundert und mehr Jahre hielten. Und heute? Da war er schon nach wenigen Jahren der meisten Sarghäschen überdrüssig.

Cau musste unwillkürlich an Antoinette denken, die liebreizende junge Dame mit deutschem und französischem Blut in den Adern, und er geriet ins Schwärmen. Stellte sich die Stunde des Todesbisses in seiner Fantasie ebenso bildhaft vor wie den ersten Geschlechtsakt nach ihrem Ableben und zupfte verträumt an seinen Augenbrauen.

Jetzt schweiften seine Gedanken noch mehr ab, und er überlegte, was er anziehen sollte, wenn es mit ihm irgendwann zu Ende ging.

Dann würden ihn seine Getreuen hier aufbahren und die Trauergäste an seiner Leiche vorbeidefilieren. Die verhassten Dragoner aus Vlad mit seiner Mutter Mariella. Froh, ihre Erstgeburt endlich los zu sein.

Die Neodragoner, deren Chef er seit dem Exodus aus den Karpaten war. Und die anderen Blutsauger aus aller Herren Länder, die sich sonst nur jedes zehnte Jahr zum Weltkongress in New York trafen.

Würde er sich denen, wie sie es von vampirischen Staatsoberhäuptern gewohnt waren, in traditioneller Herrschaftskleidung zeigen? Wie Ludwig XIV. im Pomp der absoluten Monarchie? Etwas moderner im schwarzen Frack? Oder sollte er aufs Ganze gehen? Er schüttelte unmerklich den Kopf. So sehr es ihn gelüstete, es Post mortem nochmals richtig krachen zu lassen, fürchtete er sich doch insgeheim vor dem Skandal, den er heraufbeschwören würde, wenn er es im Tod mit der Selbstverwirklichung übertrieb …

„Ich habe es immer gesagt, der Junge taugt nichts!“, würde Mutter Mariella zetern. Und wenn dann noch herauskam, dass er auch Knaben an der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen nicht von der Bettkante schubste, geriet womöglich die ganze Dynastie in Gefahr.

Den vielen Geliebten, ob Männlein oder Weiblein, dürfte es nach den Erfahrungen mit ihm egal sein, wie er sich im Sarg präsentierte. Aber sonst? Wenn er nur an Zar Wladimir dachte, der als Savonarola der Russen in die Vampirgeschichte eingehen wollte. Oder die prüden Tanten aus Good Old England, die in ihren Auffassungen von Sitte und Anstand noch im viktorianischen Zeitalter steckten …

Graf Cau zuckte mit den Schultern und beschloss, in die raue Wirklichkeit zurückzukehren. Carpe Noctem, auf Vampirdeutsch nutze die Nacht, war auf dem Wappen der Neodragoner zu lesen, und nach diesem Motto wollte er auch heute verfahren.

Die vampirgräfliche Leibgarde hatte auch schon bessere Tage gesehen. Im ausgehenden Mittelalter sogar für Feldzüge gegen andere Dynastien herangezogen, war sie in den letzten hundert Jahren zahlenmäßig immer mehr geschrumpft und von der Schlagkraft her allenfalls noch als persönliche Schutztruppe geeignet.

Zudem brodelte es in der Garde. Weil ihr Chef eigene Ambitionen auf den Thron hatte, gab es ein Getuschel über den Regenten hier und ein Ondit da. Grund genug für den karrieregeilen Anführer, seine Leute zusammenzutrommeln und zum Halali gegen den verhassten Cau zu blasen.

Tiriac, wie der machtgeile Obergardist hieß, begann nach dem Appell, nichts nach draußen dringen zu lassen, sofort mit einer Schimpfkanonade auf den Grafen. „Dieser senile Schwule ist noch unser Untergang. Er schert sich einen Scheiß um Sitte und Moral, sperrt seine Geliebte in sehr eindeutiger Absicht in ihren Sarg, läuft heute schon kurz nach dem Aufstehen mit einer neckischen Schürze rum und vieles mehr. Wenn ich ihn ins Ausland begleite, höre ich doch all die Lästereien über ihn …“

Drei Untergebene klatschten höflich Beifall und ermutigten Tiriac, seinen tollkühnen Plan näher zu erläutern.

Dreißig Minuten nach dem Aufstehen erreichte Cau, nach der täglichen Körperpflege mit Unmengen von Kölnisch Wasser, einen Gewölbeteil, den kaum einer kannte. Er hatte hin und wieder als Folterkeller gedient, hauptsächlich aber als Wirtschaftstrakt für die Wäscherei und andere Infrastruktureinrichtungen der vampirgräflichen Residenz. Damals wäre er nicht im Traum auf die Idee gekommen, sich unters Gesinde zu mischen. Es sei denn, um nach einem Lustobjekt Ausschau zu halten. Dann aber, in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, war die Leibeigenschaft verboten worden, und viele Höflinge wanderten in besser bezahlte Jobs ab. Mit der Folge, dass es niemanden gab, der ihm beim Schrubben und Waschen zur Hand ging. Höchstens für den Frühjahrsputz ließen sich zwei, drei Migrantinnen aus Afrika finden, die den gröbsten Dreck beseitigten und bezahlbar waren.

Und Nicole, die er vor zehn Jahren mit dem Biss in den Hals beglückt und nach ihrem Übertritt ins Schattenreich zur Hauptmaitresse ernannt hatte? Die wusste wahrscheinlich nicht mal um den Bügelraum, in dem alle möglichen Wäschestücke darauf warteten, geglättet zu werden. Aber Nicole war ohnehin Vergangenheit, auch wenn er sie vorhin noch in der Schatztruhe neben seinem Sarg rumoren gehört hatte …

Cau griff nach einer der antiquierten silbernen Herrenblusen, die er zu offiziellen Anlässen trug, und legte sie vor sich aufs Bügelbrett, griff nach dem vorsintflutlichen Bügeleisen und errötete vor Scham, als er sich eingestehen musste, bei so niederer Arbeit Lust zu empfinden.

„Du bist pervers!“, würde seine Mutter jetzt tönen, und vielleicht lag sie mit ihrer Einschätzung nicht völlig daneben. Auch wenn er es für normal hielt, mit einer winzigen rosa Halbschürze, die mit Mühe sein Geschlecht bedeckte, und sonst nichts auf dem welken Leib die Hausarbeit zu verrichten, gab es doch Anhaltspunkte dafür, dass nur wenige andere Geschlechtsgenossen so wie er herumliefen.

Um Mitternacht leerte sich der Wäschekorb allmählich, und er freute sich wie ein Schneekönig, wieder auf die altmodischen, aber entzückenden Kleider aus dem 17. und 18. Jahrhundert zurückgreifen zu können. Antoinette würde er aus naheliegenden Gründen noch nicht mit dieser Aufmachung schockieren wollen, aber die eine oder andere Gelegenheit, die bodenlangen Gewänder zu tragen, ergab sich bestimmt …

Mariella, Großfürstin der Dragoner und Mutter des verbannten Cau, hielt zu mitternächtlicher Stunde Hof in der Bergfestung Vlad. Einer unterirdischen Anlage, die sogar der blutrünstige kommunistische Diktator in Bukarest für uneinnehmbar gehalten hatte. Mariella nahm ihre Amtspflichten immer noch ernst, trotz der tausenddreihundertvierzehn Lenze, die sie auf dem Buckel hatte. Die Kabinettsmitglieder berichteten, was sich in den letzten zehn Tagen in ihren Ressorts zugetragen hatte, und kurz vor dem Sitzungsende meldete sich nochmals der geschwätzige Postminister zu Wort. Wedelte dazu mit einem Brief und gab, als Mariella ihm zunickte, die Einladung zur Geburtstagsfeier des verlorenen Sohnes bekannt.

Die oberste Vampirin ihres Landes war nicht sonderlich amüsiert, ließ sich aber nichts anmerken. Statt herum zu poltern, diskutierte sie mit dem Kabinett das für und wider des Staatsbesuchs. Und als alles gesagt war, meinte sie lakonisch: „Warum soll ich mich aufregen? Wir bleiben fünf Stunden da und jubilieren. Schließlich feiert nicht mein Sohn Cau, sondert die liebe Tochter Geburtstag …“

Zuerst stutzten die meisten Anwesenden über Mariellas Witz, doch dann fiel bei ihnen der Groschen, und das Lachen nahm kein Ende …

Zwölf Stunden waren seit der Bügelorgie ins Land gegangen. Cau schmerzte der Rücken, weil Hohlkreuz, Plateausohlen unter den Schuhen und langes Stehen sich bei ihm nicht mehr vertrugen, und er wälzte sich hin und her. Obwohl todmüde, war bei ihm an Schlaf nicht zu denken, und so sinnierte er über die gute alte Zeit. Bei objektiver Betrachtung verlor die zwar viel von ihrem Glanz, aber Cau war ein guter Gaukler, sogar sich selbst gegenüber. Er koppelte die ersten Jahre der Verbannung und die endlosen Schläge der verhassten Mutter einfach aus, und schon blieben die angenehmeren Seiten seiner tausendjährigen Existenz übrig. Wenn er nur an den Spaß beim Nonnenklatschen dachte. Das war im 15. Jahrhundert neuer Zeitrechnung bei den Vampiren groß in Mode, und er war ein Meister in dieser Disziplin gewesen. Irgendwie waren Nonnenklatschen und Baseball miteinander verwandt, nur dass es früher statt Baseballschläger ausgeblutete Kirchendienerinnen gewesen waren, mit deren Hilfe ein Menschenschädel in die Höhe geschleudert wurde.

Über diese Erinnerung fielen Cau die Augen zu, und sein letzter Gedanke vor dem traumlosen Schlaf war der an die Tracht, die er einer Nonne abgenommen und dann klammheimlich anprobiert hatte. Letztlich der Beginn einer Leidenschaft, die ihn bis heute nicht losließ. (…)

Copyright © 2013 by Barbara Wegener und H.L.Ween (Babsi Ween)

Bildrechte: “Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen will, wie es weitergeht, kann den folgenden Titel als ebook bestellen:

Graf Cau, knapp tausendjähriges Oberhaupt des Vampirgeschlechts der Neodragoner, ist hoffnungslos in die Abiturientin Toni verliebt. Die erwidert seine Zuneigung und will ihm unbedingt in sein Schattenreich folgen. Eine fast normale Love Story, wären da nicht des Grafen kariöse Beißer, seine Gier nach erotischen Abenteuern mit Männlein und Weiblein und eine gewisse Vorliebe für Frauenkleider. Nach allerlei Irrungen und Wirrungen gibt es zwar ein Happy End, aber bis dahin ist in den Kellergewölben der markgräflichen Residenz zu Bayreuth und anderswo der Teufel los.

Babsi Ween: Ein bisschen bissig (ebook)

Format: Kindle Edition
Dateigröße: 192 KB
Verlag: Satzweiss; Auflage: 1 (30. Mai 2013)
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch


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8 Comments

Add a Comment
  1. Wer mag was zu dieser Leseprobe sagen?

  2. Barbara Wegener

    Argh… Die Umwandlung in Fließtext hat einige Leerzeichen verschluckt … (Bitte dazudenken. Im Original sind sie drin^^)

  3. Barbaram, ich habe den Beitrag jetzt unter deinem Zugansnamen eigestellt, d.h. du kannst jetzt gerne Änderungen daran vornehmen, nachdem du dich eingeloggt hast. Machst du das?

  4. Barbara Wegener

    Hallo Detlef. Irgendetwas hab ich da nicht hinbekommen. Kannst du die Schrift vergrößern?
    Danke

  5. Habe es repariert, ist ja jetzt praktisch ein neuer Textabschnitt, richtig?

  6. Barbara Wegener

    Liebe Leser, liebe Besucher, liebe Autoren.

    Nach Rücksprache mit Detlef habe ich einen anderen Textausschnitt aus der Satire gewählt, da er offensichtlich besser zum Thema passt.
    Ich wäre über Reaktionen dankbar.

  7. Mag mal jemand was dazu sagen?

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