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DIE SACHE STINKT – Fantasygeschichte von Miriam Kleve

Die Sache stinkt

Kurzgeschichte aus der Fantasy

von

Miriam Kleve

Die beiden Frauen hatten den Weg über die steile und wacklige Holztreppe bereits zur Hälfte hinauf hinter sich gebracht, als die Jüngere plötzlich stehen blieb und ihre linke Hand rechts zur Hüfte schnappte. Ihre Finger umklammerten den mit Sumpfdrachenleder umwickelten Griff eines kunstvoll geschmiedeten Kurzschwertes, das in einer kostbaren Schwertscheide aus Stoßzahn und Perlmutt steckte.

„Was ist los?“ fragte die Ältere leise und legte ihre Linke ebenfalls um den Griff ihres Kurzschwertes, das ebenfalls kunstvoll gefertigt und äußerst kostbar war.

Die Ältere blies sich eine rotgoldene Haarsträhne aus dem faltigen Gesicht und zog die Luft scharf ein. „Ich rieche etwas. Ein leichter Geruch nach Mensch. Da ist noch jemand im Haus.“

Mit dem Haus meinte sie eine alte Villa, die sich inmitten des Gartenviertels von Moloch befand. Es war ein quadratischer Steinblock, der in alle Richtungen dreißig Schritt Maß und von engen Gassen umgeben war. Die Wände waren aus hartem Granit gefertigt und einzig die Wasserspeier, mit ihren gespreizten Flügeln und den grotesken Teufelsgrimassen, bildeten den Schmuck des Hauses.

Vor kaum zwanzig Jahren noch stand die Villa der Familie von Sprungbrett auf einem grünen Hügel. Doch erst kamen die Torfstecher, dann die Kohlegräber und schlussendlich die Grundstücksmakler. Das Gartenviertel, einst ein idyllischer Platz der Reichen und Wohlhabenden, versehen mit immergrünen Bäumen und kristallklaren Teichen, hatte sich in einen Tummelplatz der geschäftigen Einwohner Molochs gewandelt. Die alten Villen ragten hier und dort noch aus der Masse der neuen und einfach gehaltenen Häuser hervor, doch ihre Tage waren gezählt. Gleiches galt für die Villa Sprungbrett, die von ihren Besitzen aufgegeben und mit Gewinn verkauft worden war.

Es gab bereits einen Abrissbefehl, der in wenigen Tagen ausgeführt werden sollte. Griselda, die ältere der beiden Frauen, hatte durch einen Kontaktmann auf der Verwaltung davon erfahren. Sie war darauf spezialisiert in Häuser einzubrechen, die kaum noch jemanden kümmerten. Das Risiko war nahezu gering und es gab oft noch Dinge, die von Wert waren. Und wie so oft, hatte sie ihre gute Freundin Kleo auf den Beutezug mitgenommen. Bisher war den beiden Frauen das Glück stets hold gewesen, doch die Zeiten schienen sich gerade zu ändern.

„Ziehen wir uns zurück?“ fragte Kleo nervös. Ihr Herzschlag beschleunigte und sie spürte die Aufregung, die ihre Glieder heimsuchte.

„Nein, Liebes. Wir sind hier die Gauner und das ist unser Revier. Wenn sich da oben jemand herumtreibt, dann wird es wohl etwas kostbareres geben, als alte Wandteppiche oder goldverzierte Kacheln“, gab Griselda als Antwort zurück. Sie griff mit der rechten Hand an ihren Gürtel, löste eine lederne Maske und zog diese vors Gesicht. Die Maske stellte einen Hundekopf dar, das Zeichen der Hundepfoten.

Kleo tat es ihrer Freundin nach. Hundepfoten hielten stets zusammen und die Jüngeren folgten stets den Anweisungen der älteren Mitglieder. So war es seit jeher Brauch in der Bande.

Durch den guten Geruchssinn von Griselda gewarnt, waren die beiden Frauen nun vorsichtig und besonders leise. Sie zogen ihre Kurzschwerter und schlichen kaum hörbar weiter nach oben. Schon bald erreichten sie den Flur, einen dunklen Gang, der weiter in die alte Villa hinein führte. Wie im übrigen Gebäude auch, drang Licht durch zerbrochene Glasfenster ein. Für die geübten Einbrecherinnen ausreichend, um den Weg zu finden.

Geduckt huschte Griselda vor. Sie sog nochmals tief die Luft ein, dann zeigte sie nach Links auf eine der schweren Holztüren, die nur angelehnt war.

Kleo nickte und schlich an ihrer Freundin vorbei, um neben der Türe Stellung zu beziehen. Sie stellte sich aufrecht und presste ihren Körper fest gegen die Wand, während Griselda einen kleinen Stoffbeutel vom hinteren Teil des Gürtels löste und dann locker in der Hand wog.

Der Beutel hatte mehrere metallene Ösen und war mit einer Lederschnur kunstvoll verschlossen, deren Knoten nun von Griselda gelöst wurde. Sie legte ihr Schwert auf den Boden, zog kräftig an der Schnur, die sich mit kleinen Funken aus den Ösen des Beutels löste. Die ältere Frau warf den Beutel nun durch den Türspalt in den Raum hinein und schloss die Augen. Es folgte ein lautes Zischen, dann zuckte ein Blitz aus dem Zimmer.

Mit einem stummen Lob auf das Blendpulver huschte Kleo, dicht gefolgt von Griselda, los. Ihre Blicke suchten geübt das Zimmer ab, doch es war niemand anwesend. Der Raum selbst war leer, jemand hatte sogar die Splitter der zerbrochenen Fenster entfernt.

„Das verstehe ich nicht“, stieß Griselda hervor, dann erfasste ihr Blick ein feuchtes Leinentuch, das nur wenige Schritte vor ihr lag. „Verdammt!“ rief sie aus und warf sich zur Seite.

Zwei Wurfsterne flogen just in diesem Augenblick durch die offene Türe. Einer traf Kleo am Hals und riss eine kleine blutende Wunde, der andere prallte harmlos auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes gegen die Wand.

Griselda ignorierte das leise Stöhnen von Kleo, die kraftlos in die Knie ging und dann mit dem Gesicht voran zu Boden fiel. Ein leises Knacken diente als Anzeichen, dass ihre Nase dabei zu Bruch gegangen war.

„Zeig dich, du Bastard!“ stieß Griselda hervor und ging hinter einem alten Ohrensessel in Deckung. Sie griff mit ihrer rechten Hand ebenfalls einen Wurfstern und blickte lauernd zur Türe. „Feigling, uns einfach so von hinten anzugehen. Dabei ist doch genug für alle da.“

„Ich will aber gar nichts stehlen, kleine Hundepfote“, hauchte ein warme weibliche Stimme von hinten und Griselda spürte die Spitze eines Dolches, die sich leicht zwischen ihre Schulterblätter bohrte. „Lass deine Waffen fallen und ich lasse hier und jetzt Gnade vor Recht ergehen. Versuch mich anzugreifen und ich sorge dafür, dass du eine Lektion in Niederlage erfährst.“

„Fenster?“ fragte Griselda, ließ Kurzschwert und Wurfstern fallen. Sie war erfahren genug um zu wissen, wann es galt aufzugeben.

„Richtig“, bestätigte die fremde Frau den Verdacht. „Du hättest vorher daran denken sollen, dass ich die Türe umgehen könnte, in dem ich einfach das kurze Stück über den Sims balanciere und hinter dir einsteige.“

„Keine Glassplitter, ich hätte das beachten sollen“, seufzte die Einbrecherin. „Der Trick mit dem Tuch und dem daran haftenden Geruch war schon gut. Das ist kein Zufall, oder?“

„Wieder richtig. Der Geldadel hat ein Problem damit, dass die Hundepfoten gezielt ihre Abrisshäuser plündern.“

„Die Sachen landen doch auf dem Müll. Was kümmert es dann den Adel?“

Die fremde Frau lachte kurz auf. „Und was kümmert es mich? Ich mache mir darüber keine Gedanken, ich mache nur meine Arbeit. Ihr beide bringt mir ein nettes Sümmchen ein und vielleicht schreckt das die Banden im Viertel für einige Tage ab, in die alten Häuser einzusteigen.“

„Bring es zu Ende!“

Die Fremde hob ihre linke Hand. Die langen und schlanken Finger waren mit einem eleganten dunkelblauen Handschuh aus weichem Leder geschützt. „Du solltest vielleicht wissen, dass dich Lorelei Schnittmesser gestellt hat, meine Liebe“, flüsterte die Frau und berührte die Haut an Griseldas Hals. Mit einem leisen Seufzen ging die Einbrecherin zu Boden.

Lorelei richtete sich aus der Hocke wieder auf. Sie war eine kleine und schlanke Person und trug ihre weiche Lederrüstung, in dunklen Blautönen und Rottönen gehalten. Darüber hatte sie einen kurzen schwarzen Ledermantel gezogen, dessen Kapuze ihr freundliches Gesicht verbarg. Einige lockige, türkisfarbene Haarspitzen ragten widerspenstig hervor und die kastanienbraunen Augen blitzten freudig auf.

„Auftrag ausgeführt“, murmelte Lorelei leise und fuhr mit ihrer Zungenspitze zufrieden über die schmalen rosa Lippen. Sie steckte ihr silberverziertes Kurzschwert zurück in die Schwertscheide und sammelte ihre beiden Wurfsterne ein. Dann zog sie sich den feuchten Lappen mit dem Rattengeruch aus dem Gürtel, mit dem sie ihren eigenen Geruch überdeckt hatte, und warf ihn zu Boden. Die Zeit der Täuschung war vorüber, sie hatte, was sie brauchte.

Lorelei war vor zwei Wochen vom Sekretär der Familie von Silberstern beauftragt worden, einige der Einbrecher dingfest zu machen, die sich im Gartenviertel an den alten Villen bereicherten. Einem der Sekretäre waren die Einbrüche aufgefallen und die von Silbersterns hatten ihre Prinzipien: Sie ließen sich von niemandem bestehlen. Also hatten sie eine der angesehensten Kopfgeldjägerinnen Molochs angeworben, um den Gaunern einen Denkzettel zu verpassen.

Zuerst hatte Lorelei ein entsprechendes Gebäude ausgemacht, dann das Gelände genau untersucht und sich auf die Lauer gelegt. Und zwar erfolgreich – wie üblich. Sie würde den von Silbersterns einen entsprechenden Abschlussbericht vorlegen und sich von dem Kopfgeld erst einmal einen kleinen Urlaub in einem der äußeren Viertel leisten. Lorelei hatte schon immer davon geträumt, mal eines des zwergischen Dampfbäder zu besuchen. Dieser Traum rückte nun in greifbare Nähe.

Lorelei verschnürte ihre Beute fachgerecht und rief dann die Polizei. Ein sauertöpfischer Inspektor und seine maskierten Ledernacken nahmen sich der Sache an, verluden die Verbrecher in eine vergitterte Gefangenenkutsche und machten sich auf den Weg nach Rex Nebula, dem Stadtzentrum. Solch kleine Fische würden sie einem Schnellgericht überantworten und damit war die Sache erledigt.

Ende

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Mein Buchtipp:

Royce Buckingham
Die Karte der Welt

Übersetzt von Michael Pfingstl
Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-442-26884-9
Paperback, 608 S., 15. 07. 2013

Ein junger Kartograph. Er zeichnet mit Blut und verändert die Welt.

Das Königreich Abrogan wird im Norden durch den Schleier begrenzt. Noch niemand, der ihn durchschritten hat, ist je zurückgekehrt. Als der junge Schweinehirte Wex wegen seines Zeichentalents aufgefordert wird, bei der Vermessung der Grenze zu helfen, freut er sich, sein ärmliches Dorf zu verlassen. Doch dann stellt sich heraus, dass er mit seinen Strichen auf der Landkarte den Schleier zurückdrängt. Dahinter wartet ein Land voller Abenteuer, neuer Gefährten – und ein alter, von Rachegedanken zerfressener Feind.

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Updated: 3. September 2013 — 14:43

3 Comments

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  1. Schöne Geschichte. 2008 geschrieben. Nette Idee.

  2. So eine vielfältige Mischung hatteen wir aber auch noch nie in den Wettbewerben. Da wird es schwer sich für die richtigen zu entscheiden. Was meint Ihr? 😛

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