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DIE KRONE DER SCHÖPFUNG – Eine Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

DIE KRONE DER SCHÖPFUNG

eine Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

Es gibt wahrscheinlich nichts, was nicht schon über uns Katzen geschrieben wurde. Dazu gehören Spekulationen und Verunglimpfungen ebenso wie absurde Phantasien und manchmal Ideen, die der Wahrheit sehr nahe kommen.

Natürlich sind wir Katzen anschmiegsam und wild, zärtlich und grausam, verspielt und mörderisch, also in jedem Fall gut für den Menschen. Aber wir sind viel mehr, was die Menschen bis jetzt zum Glück noch nicht herausgefunden haben.

Mein Name ist Mephisto, und ich gehöre der fortschrittlichsten Rasse des Universums an –Felidae. Wir sind die Krone der Schöpfung, und es soll niemand wagen, das zu bezweifeln. Seit mehreren tausend Jahren leben wir auf der Erde, unser Langzeitplan ist mehrmals ins Stocken geraten, aber immer wieder gelang es uns, das große Ziel weiter zu verfolgen: Die perfekte Erde, unser eigenes Paradies, für unser Volk zu erschaffen.

Ja, ich höre schon Ihre Einwände, die Erde gehört den Menschen, Katzen sind nichts anderes als Haustiere, die froh sein können, ein gutes Zuhause zu finden, sie sind verwöhnt und verweichlicht, besitzen keine Intelligenz und sind ohnehin unfähig allein für sich zu sorgen… Aber sehen Sie doch mal die realistische Seite. Noch unsere Urahnin Bastet wurde im alten Ägypten als Göttin verehrt, und bis heute hat sich ein geflügeltes Wort erhalten: Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal. Nun gut, wir wollen hier nicht über Hunde reden, sie sind nützliche Hilfsmittel, nicht mehr. Wir Katzen aber sind die Krone der Schöpfung. Es ist nur nicht immer ganz einfach, den Menschen das auch klar zu machen.

Nehmen Sie nur mal mein augenblickliches Zuhause. Ich lebe bei einem Weibchen, das den ganzen Tag nichts anderes tut, als Zettel vollzuschreiben oder auf dem Computer zu tippen. Schriftsteller nennt sich das. Sie hat eine blühende Phantasie, das lässt sich gar nicht bestreiten, aber wären da nicht meine nächtlichen Unterweisungen, die in ihren Träumen für Anregungen sorgen, so hätte sie nichts zu schreiben, dessen dürfen Sie versichert sein. Das ist es, was wir Katzen tun, auf der ganzen Welt. Wir beeinflussen die Menschen, die geistig in der Lage sind, unsere Gedanken zu empfangen. Das klappt nicht immer, und oft schon sind aus guten Ideen und Gedanken schreckliche Katastrophen erwachsen. Aber wir geben nicht auf, früher oder später wird die Erde zum Paradies für uns Katzen. Und das kommt auch den Menschen zugute, indirekt natürlich.

Anna Murdoch schrieb erleichtert das Wort ENDE unter das lange Manuskript. Sie war zufrieden mit ihrem Roman, der die Geschichte einer dramatischen und grausamen Forschungsreise erzählte. Einer Reise, die durch den Weltraum führte und schließlich auf einem Planeten den Abschluss fand, auf dem eine intelligente Katzenrasse lebte. Hier wurden Menschen als Versuchstiere eingesetzt, Genmutationen und Chimären waren nichts Ungewöhnliches, und viele Menschen hatten keinen anderen Daseinszweck, als den Katzen zu dienen. Doch der Planet war vom Untergang bedroht, eine andere Heimatwelt musste gefunden werden, und so hatten die Felidae Agenten ausgeschickt, die auf vielen Welten nach einem neuen Zuhause suchen sollten. Es handelte sich dabei um einen Langzeitplan über mehrere tausend Jahre, aber Katzen sind geduldig. Das weiß jeder, der mal eines der Tiere bei der Jagd beobachtet hat.

Anna lächelte und streichelte sanft über das weiche Fell ihres Katers Mephisto. Natürlich war er die Vorlage für diese Rasse gewesen. Der Kater lebte schon mehr als 12 Jahre bei ihr, die beiden hatten sich aneinander gewöhnt und waren sich sehr ähnlich geworden. Manchmal glaubte Anna sogar, dass sie beide miteinander sprechen konnten. Mephisto schaute interessiert zu, wie die Frau ihre Arbeit beendete, dann putzte er sich ausgiebig und versank in Schlaf. Wie hätte Anna auch wissen sollen, dass ihr Kater Kontakt aufnahm zu jemandem, der für die Veröffentlichung dieses Buches verantwortlich war?

Drei Monate später schlug jedenfalls die Neuerscheinung von „Menschenversuch“ wie eine Bombe ein. Mit der richtigen Werbung ließ sich fast alles verkaufen, und die Werbekampagne, die das Buch begleitete, war von gigantischem Ausmaß. Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen berichteten über die Geschichte, kluge Menschen und solche, die sich dafür hielten, wurden befragt, Thesen und Antithesen wurde aufgestellt und gipfelten doch alle in einer Frage: Wie intelligent sind Katzen wirklich? Manch einer betrachtete seinen Stubentiger plötzlich mit anderen Augen. Aber selbst diejenigen, die das Buch aufmerksam und voller Vergnügen lasen, wären niemals auf die Idee gekommen, dass das meiste davon der Wahrheit entsprach, wenn auch nicht mit Menschen von der Erde.

Es ist gar nicht so einfach, mit Menschen zu kommunizieren, ihre Gehirne sind einfach nicht dafür geschaffen, telepathischen Kontakt aufzunehmen. Ich hatte meine liebe Müh und Not, Anna so zu beeinflussen, dass unsere Vorstellungen in ihre Gedankenwelt passten. Aber es wurde Zeit, dass die Menschen unsere Ideen übernahmen, unsere Heimatwelt geht weiter dem Untergang entgegen. Wir hatten es schon mit Politikern und Königen versucht, aber die gerieten nach einiger Zeit regelmäßig in eine Art Machtrausch und waren für uns nicht mehr zugänglich. Auch ganze Parteien, die einer Idee folgten, waren nicht die richtigen Beauftragten, die verselbständigten sich ebenfalls nach einiger Zeit und kämpften für eine bessere Menschenwelt statt für unser neues Zuhause.

Aber ich glaube, jetzt habe ich es geschafft. Die ganze Welt spricht von diesem Buch und natürlich von uns Katzen. Die Umsätze der Futterindustrie erreichen unglaubliche Höhen, meine Artgenossen werden aus den Tierheimen geholt und liebevoll gehalten, und ich glaube, es ist an der Zeit, endlich die Generalversammlung abzuhalten, mit der wir die Übernahme der Erde einleiten wollen. Während meiner Schlafphasen informiere ich unzählige Freunde, die wiederum geben die Informationen ebenfalls weiter, und als Termin für die Versammlung wird der kommende Sonntag festgesetzt.

Nun sollten Sie nicht glauben, dass wir alle gemeinsam irgendwo zusammenkommen. Das wäre viel zu auffällig und auch unmöglich. Nein, wozu sind wir Katzen und damit Telepathen? Wir werden uns ganz einfach weltweit in tiefe Konzentration versetzen. Unser augenblicklicher Anführer, von den Menschen Beasty gerufen, lebt in der Schweiz und hat mich zu seinem Stellvertreter ernannt. Eine große Ehre, aber nur folgerichtig, wenn man bedenkt, wieviel Arbeit ich in den Plan gesteckt habe. Bis zum Sonntag werde ich es mir aber noch gut gehen lassen. Leider ist Anna aufgrund ihres Bucherfolges häufig abwesend, wobei sie ihre Freundin für mich sorgen lässt. Aber jetzt ist sie zuhause, ihre Hand streichelt mein Fell und krault mich unter dem Kinn….

Die Welt war durch das Internet verbunden wie nie zuvor. Informationen wurden im Sekundentakt verbreitet, und niemand wollte darüber nachdenken, dass diese Verbindungen einmal nicht funktionieren könnten. Zahllose Daten fanden ihren Weg von einem Nutzer zum anderen, Nachrichten, Käufe und Verkäufe wurden ebenso gesendet wie hochbrisante Sicherheitsinformationen. Kurzum, ohne die elektronische Kommunikation war die Welt nicht mehr denkbar, das ganze Leben wurde von derartigen Vorgängen gesteuert. Ob es um die Stromversorgung für die Bürger ging, medizinische Geräte, Sicherheitsanlagen oder militärische Waffen – nichts funktionierte ohne elektronische Systeme und Computersteuerung.

An diesem Sonntag stand von einem Augenblick auf den anderen die Zeit still. Schlagartig erloschen Internet, Stromversorgung, Waffenleitzentralen und natürlich auch alle ferngesteuerten Anlagen für zahllose Vorgänge des täglichen Lebens. Es gab kein Fernsehen und kein Radio, keine Handygespräche oder SMS – von einer Sekunde auf die andere waren die Menschen bis ins Mittelalter zurückgeworfen. Noch funktionierten die Fahrzeuge, aber auch der Nachschub an Kraftstoffen würde bald versiegen, ohne elektronische Steuerung konnten keine Anlagen funktionieren. Es kam zu Streitigkeiten, Aufständen und zahllosen Morden und Selbstmorden. Von einer Sekunde auf die andere war jeder Mensch auf sich allein gestellt, und in nicht einmal zwei Stunden versank die Welt in ungeordnetem Durcheinander. Doch ein weltweiter Krieg aufgrund unhaltbarer gegenseitiger Beschuldigungen war ebensowenig möglich wie der Einsatz nuklearer Waffen. Nichts funktionierte.

Inmitten dieses Chaos, das in vielen Teilen der Welt ausgebrochen war, erklang plötzlich eine fremde Stimme in den Gehirnen aller Menschen. Schmerzhaft, laut und unüberhörbar bekam jeder Mensch eine kurze Erklärung darüber, dass jetzt die Felidae die Welt übernommen hätten. Die Erde sollte das neue Paradies der Katzen sein, und die Menschen hätten ihnen zu dienen. Neben Unglauben, Wut und Angst, mit denen die Katzen gerechnet hatten, war es jedoch die Lächerlichkeit, die ihnen zu schaffen machte. Ein ungeheuer großer Teil der Menschen nahm die Felidae einfach nicht ernst. Schlagartig schlug die Stimmung um. Waren die Tiere bis vor wenigen Stunden noch die geliebten Familienmitglieder, so wurden sie jetzt zu einem Feind.

Auch Anna Murdoch blickte ungläubig auf ihren Kater, der mit klugen Augen, aber gesträubtem Fell vor ihr stand. Wortlos ging sie zur Haustür und öffnete sie, dann griff sie nach einem Besen und scheuchte den Kater hinaus. Obwohl sie ihr Tier wirklich liebte, konnte sie nicht zulassen, dass ausgerechnet die Katzen ihr Leben bestimmten.

Ich habe mich getäuscht. Wir haben uns getäuscht. Die Menschen sind weder bereit noch in der Lage, uns ein neues Zuhause zu geben. Es reicht offenbar nicht aus, die Welt mundtot zu machen und telepathische Erklärungen abzugeben. Die Menschen haben ihren eigenen Willen, und den setzen sie tatsächlich um jeden Preis durch. Ich spürte, wie immer mehr meiner Artgenossen aus der Konzentration gerissen und verjagt wurden. Unsere Kräfte, mit denen wir die Welt lahm gelegt hatten, brachen schneller zusammen, als ich Miau sagen konnte. Welch eine Katastrophe. Die wenigen, die auch weiterhin bei den Menschen wohnen durften, mussten sich deutlich zurückhalten und versuchten, eine neue gute Atmosphäre aufzubauen. Beasty schickte mir wütende Gedanken und verwünschte mich in die tiefste Hundehölle. Ich selbst starrte unglücklich auf das Haus, das bisher mein Zuhause gewesen war. Warum nur hatte Anna mich nicht verstanden?

Eine total verrückte Geschichte, befand die Autorin lächelnd und schrieb lächelnd das Wort ENDE darunter. Sicher, die Anna in der Geschichte hatte etwas Ähnlichkeit mit ihr selbst, aber hier im Haus gab es keine Katzen, nur zwei Hunde, und die eigneten sich nicht für derart durchgeknallte Ideen. Unglaubhaft, absurd und bizarr. Man sollte sich so etwas besser nicht einmal in Gedanken vorstellen. Katzen, die die Herrschaft übernehmen, die komplette Welt ins Chaos stürzten und ihr eigenes Paradies auf Erden erschaffen wollten? Nein, zum Glück war das nicht mehr als ein Auswuchs der eigenen verrückten Phantasie. Aber interessant war ein solcher Gedanke allemal. Schließlich war allgemein bekannt, dass Katzen über eine hohe Intelligenz verfügten. Zum Glück würden Hunde niemals solche absurden Ideen entwickeln. Sie waren zufrieden damit, mit ihren Frauchen und Herrchen zusammen zu leben, verwöhnt zu werden und Katzen zu jagen – jedenfalls galt das für viele von ihnen.

Emily und Finja, die beiden Golden Retriever-Hündinnen hatten jedes geschriebene Wort aufmerksam verfolgt und grinsten sich jetzt an. Menschen waren ja so dumm. Die glaubten doch tatsächlich, dass Katzen eine höhere Intelligenz besaßen als Hunde. Wie absurd! Hunde waren nur besser in der Lage, ihre Klugheit zu verstecken. Und die Eroberung der Welt war nun einmal ein Langzeitplan, an dem die Hunde seit ihrer scheinbaren Domestizierung arbeiteten. Emily und Finja genossen einen Hundekuchen, den sie als besonderes Leckerli erhielten, und warteten geduldig weiter ab. Früher oder später würde der Tag der Macht schon kommen.

ENDE

Copyright (c) 2013 by Margret Schwekendiek / Die Grafik (c) 2013 schuf  Melina Tanger

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie vielseitig die Autorin ist, der kann sich mal anschauen, was sie sonst noch so schreibt, unter anderem:

VOM KÖNIG DER STERNE

Margret Schwekendiek

Roman / Science Fiction

Bestellen: Jetzt bestellenRomantruhe

Lex Galactica: Band 4
Fester Einband, 256 Seiten

1. Auflage, 13.95 EUR

Im Jahr 2317 hat der aldebaranische Botschafter Drep Doye seinen Traum von einem Vielvölkerplaneten verwirklicht. Seine Freunde Damien Cavelorn und Amber Donegal haben sich inzwischen von der Kopfgeldjagd zurückgezogen und regieren als Bürgermeister von Glastonbury Tor. Damiens Sohn Guy Duncan ist inzwischen in die Fußstapfen seines Vaters getreten und fliegt bei der Jagd einer steckbrieflich Gesuchten in ein bisher unbekanntes Sonnensystem ein. Die dortigen Bewohner, Nachfahren irdischer Kolonisten, dienen König Oswald, der sich ein kleines Sternenreich im inneren Bereich des Spiralarms der Galaxis errichtet hat. Um dieses Reich vor Entdeckung zu schützen, jagt seine Flotte Guy Duncan zurück bis Glastonbury Tor, wo die Schlacht um den Friedensplaneten entbrennt.

2 Comments

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  1. Ich dachte wir hätten so viele Katzen- und Hunde-Liebhaber unter unseren Autoren und Lesern. Will nicht mal jemand von Euch was zu dieser niedlichen Geschichte sagen? Oder vielleicht hat jemand eine Frage an die Autorin oder an die Künstlerin der Grafik? Bestimmt plaudern die gerne mal aus dem Nähkästchen … 😉

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