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DER SPIEGEL von Michael Bahner (II)

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DER SPIEGEL

von

Michael Bahner (II)

Richard dachte sich nichts, als er an einem ganz gewöhnlichen Morgen aufstand, sich duschte, anzog und frühstückte. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es war wie gesagt ein ganz gewöhnlicher Morgen. Wie auch sehr viele Morgen zuvor.

Ich sollte eine Pause machen, dachte sich Richard und stand auf. Er streckte sich genüsslich und gähnte ausgiebig. Dann schlurfte er in den Flur, wo er einen flüchtigen Blick auf sein Spiegelbild warf. Er trottete weiter in Richtung Küche und grinste. So ein verdammt gutaussehender Typ, dachte er und schenkte sich ein Glas Milch ein. Er nahm einen Schluck und schüttelte sich. Die Milch war wohl schlecht. Richard schüttete den Rest ungesehen in den Abfluss und ging zurück zum Spiegel. Er konnte wahrhaft verstehen, warum so viele Frauen auf ihn standen. Richard  erreichte den Spiegel und blickte ihn zufrieden an. Das Spiegelbild lächelte zurück und strich sich genauso wie Richard durch die langen, schwarzen Haare. Genüsslich nickte Richard und meinte: “Junge, du siehst mit jedem Tag älter aus. Und besser.” Dann ging er zurück an seine Arbeit. Abends legte er sich in sein Bett und schlief bis spät am nächsten morgen. Auch hier wieder: Aufstehen, duschen, frühstücken, Arbeit.

Zwischenzeitlich, bei der Pause, blickte er in den Spiegel. Richard runzelte die Stirn. “Hm?” machte er. “Was ist denn das?” Vorsichtig betastete er sein Gesicht. Es war nur eine kleine Veränderung, kaum auffallend, doch Richard kannte sich und seinen Körper gut. Besonders sein Gesicht. Er stellte sofort fest, dass etwas nicht stimmte. Seine Züge waren irgendwie härter geworden. Er sah aus, als wäre er über Nacht um einige Jahre gealtert. Nur unmerklich. Richard dachte sich, dass dies ihm jedoch besser stand und dachte sich nichts dabei. Warum auch – am einen Tag gefällt man sich, am nächsten Tag findet man sich potthässlich. Dann ging er wieder an seine Arbeit, schließlich wollte er sie noch zu Ende bringen.

Auch am nächsten Tag verlief alles wie gewöhnlich, nur dass er etwas öfter als sonst in den Spiegel sah. Erneut waren seine Züge etwas strenger geworden, kantiger, älter. Einige sachte Linien zogen sich durch sein Gesicht. Nicht genug, um sie schon Falten zu nennen, aber sie irritierten Richard. Mit seinen 26 Jahren sah er aus wie knappe vierzig. Es irritierte ihn und über den Tag konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Am nächsten Morgen wachte er auf und blieb liegen. Er starrte an die Decke und dachte über die vergangenen Tage nach. Er hatte niemanden zu Gesicht bekommen, war die ganzen Tage an seiner Arbeit gesessen, hatte ziemlich wenig gegessen. Es dürfte normal sein, dass man da Halluzinationen bekommen konnte. Richard stand auf und suchte kurz nach Halt. Vor seinen Augen begann alles zu flimmern und er schwankte. Nachdem er sich wieder unter Kontrolle hatte, begab sich Richard auf den Weg zum Spiegel im Bad. Er zögerte einen Moment und lachte verlegen. “Was für ein Blödsinn.” Murmelte er und blickte auf. Graue Strähnen durchzogen sein Haar, seine Augen waren eingefallen, die Haut faltig und grobporig. Aus seiner Nase und seinen Ohren begannen Haare zu wachsen.

Richard schrie auf und stolperte einen Schritt zurück. Einige Augenblicke lang keuchte er und rang nach Atem. Dann trat er wieder an den Spiegel und betastete panisch sein Gesicht. Schweißüberströmte Haut überzog es, und sie fühlte sich so frisch und gesund an wie immer. Doch der Spiegel bewies das Gegenteil. Richard griff zitternd nach einer Strähne und riss sich ein paar Haare aus. Dann hob er sie neben sich und blickte sie an. “Schwarz” murmelte er, die Stimme seltsam entstellt. Der Spiegel behauptete indes, in Richards Hand läge eine weiße Strähne. Schlohweiß.

Richard saß im Warteraum des Arztes. Er wurde hineingerufen und nahm ihm gegenüber Platz. “Nun, Doktor?” murmelte er. Innerlich zuckte er zusammen. Er erkannte seine Stimme nicht mehr. Vor einigen Tagen hatte sie noch jung geklungen, doch in seinen Ohren klang sie wie die Stimme eines fünfzigjährigen. “Tja, Richard… Sie behaupten also, sie hätten Halluzinationen. Ich kann nichts dergleichen feststellen. In meinen Augen sind sie vollkommen gesund.” “Aber das geht nicht!” brauste Richard auf. “Das kann nicht sein! Ich… ich bin viel zu alt!” “Sie sind…” wiederholte der Doktor zögernd. “zu alt. Genau. Ich sehe aus wie fünfzig!” schrie Richard. Der Arzt blickte ihn über seine Brille hinweg an. “Aha.” Meinte er dann. “Wie fünfzig.”

Wieder zuhause angekommen sank Richard in den Sessel. Egal, was der Arzt sagen würde. Er war krank. Entweder er war wirklich so alt – was er nicht glaubte – oder er hatte Halluzinationen. “Das kann nicht sein” murmelte Richard in Gedanken und stand auf. Unglücklicherweise stand er dabei direkt vor dem Spiegel. Halb gebückt stand er einige Sekunden noch vor dem Spiegel und blickte in dieses Bild des Schreckens, bevor er sich wieder fallen ließ. Seine Haare waren weiterhin grau geworden. Und weiß. Kein einziges Haar zeugte mehr davon, dass er einmal schwarze Haare gehabt hatte. Sein Gesicht war noch faltiger geworden. Die Haut hing schlaff herunter. “Oh mein Gott” murmelte Richard erschöpft und tastete mit seiner Hand vorsichtig sein Gesicht ab. Seine Hand zuckte zurück, als er seine Wangen berührt hatte. Glatt wie eh und je. Eine Strähne hing ihm in sein Gesicht. Er streifte sie gedankenverloren weg und hielt dann inne. Er zog die Strähne erneut in sein Blickfeld und stellte fast gleichgültig fest, dass er schwarze Haare in den Händen hielt.

Am nächsten Tag verzichtete er darauf, auch nur den geringsten Blick in den Spiegel zu werfen und verbrachte den Tag damit, im Bett zu liegen und zwischendurch etwas zu essen und zu trinken. Den Tag darauf fühlte sich Richard frisch und ausgeruht, durch nichts zu erschüttern, die Sonne schien, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Ein richtig guter Tag, dachte sich Richard und schwang sich aus dem Bett. Er stellte sich mit geschlossenen Augen vor den Spiegel und grinste. Das war lange genug ein Albtraum gewesen. Heute ist es vorbei. Er öffnete die Augen und blickte in ein graues, zerfurchtes Gesicht, die Haut, soweit sie nicht herunterhing, spannte sich straff über die Knochen, die Augen lagen tiefer in den Höhlen denn je, auf dem Kopf trohnten noch die letzten Büschel weißer Haare, die dünn und weiß an seinen Schläfen herunter hingen. Alters- und Pigmentflecken überzogen alle Stellen, die er sehen konnte, die Haare in den Ohren und in seiner Nase waren nun endgültig nicht mehr zu übersehen, der dürre Hals schien die Last des Kopfes nicht mehr tragen zu können. Der zahnlose Mund entblößte eitriges Zahnfleisch und eine verkrustete Zunge.

Richards Grinsen erlosch abrupt und machte tiefer Betroffenheit Platz. Eine geschlagene Minute stand er da und beobachtete das Spiegelbild. Sein Blick flackerte und Schweiß trat auf die Stirn, die unnatürlich hoch erschien. Befremdet wandte sich Richard ab und setzte sich in einen Sessel. Minutenlang war er nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Was war passiert? Er hatte schon viele Sendungen wie X-Factor und Twilight Zone gesehen, doch hatte er bisher nicht weiter über dergleichen nachgedacht. Das war, wie er früher gedacht hatte, zu unglaublich. Aber nun wurde es vor seinen Augen zu erschreckender Realität. Mit seiner Zunge tastete er vorsichtig die noch vorhandenen Zahnreihen ab. Sah er im Spiegel seine Zukunft? Oder – Richard erschrak. Oder würde es gar sein Lebensfunke sein? Würde er eines Moments vor dem Spiegel diese wandelnde Leiche umkippen sehen und würde er gleichzeitig sterben? Es lief im kalt den Rücken herunter und blickte in die Nähe des Spiegels. Aus diesem Winkel konnte er nicht in den Spiegel sehen, doch er ahnte, dass das nächste Mal etwas passieren würde. Vorsichtig stand Richard  auf und schob sich an der Wand entlang auf den Spiegel zu. Vorsichtig löste er ihn vom Haken und trug ihn zum Fenster, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Ein flaues Gefühl entstand in seinem Magen und er öffnete das Fenster.

Langsam lehnte sich Richard nach draußen und sah nach, ob er jemanden treffen könnte. Doch es war niemand zu sehen und so wuchtete er den Spiegel auf das Fenster. In diesem Moment fiel sein Blick auf die Gestalt in dem Spiegel. Die Augen dieses Monsters wurden plötzlich größer und nach einem Sekundenbruchteil sank sie zusammen. Richard spürte einen scharfen Stich im Herzen und fiel aus dem Fenster. Drei Stockwerke tief. Er war tot.

-ENDE-

 

Copyright © 2016 by Michael Bahner. Mit freundlicher Genehmigung durch http://warbunny.de/ (Dreamlake Industries)

Bildrechte: Bildrechte: “Psychogenese – Dem Wahnsinn auf der Spur” (Psychogenese5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/ – http://saargau-arts.de/

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buch. (Kartoniert)
von Bahner, Michael

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Verlag:  Books on Demand
Medium:  Buch
Seiten:  188
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Juli 2009
Maße:  212 x 151 mm
Gewicht:  283 g
ISBN-10:  3839113512
ISBN-13:  9783839113516

Beschreibung
Viele Kurzgeschichten, viele dahingeschmissene Gedanken, Unmengen an Kopfbildern und Träumen und Wünschen.Thematisch angesiedelt irgendwo zwischen Leben und Tod, Traum und Realität, Liebe und Verzweiflung, Ankunft und Flucht.

Über den Autor (Interview)
Seit wann schreibst du deine Geschichten?

Ich schreibe jetzt schon, seit ich 16 bin. Seither gab es immer wieder Phasen, in denen ich mehr geschrieben habe, und Phasen, in denen … weniger zustande kam. Aber die erste Geschichte kam eben wie gesagt mit sechzehn.

Und wie kamst du dann auf die Idee, ein Buch zu schreiben?

Naja, eigentlich geschrieben habe ich das Buch ja nicht aktiv. Ich habe einfach alle Geschichten genommen, die ich bisher geschrieben habe, und habe gemerkt, dass es eigentlich ziemlich viele sind. Und dann kam die Überlegung, dass ich die eigentlich in Buchform bringen könnte. Daher kann ich auch nicht sagen, wie lange ich effektiv gebraucht habe, weil zum Beispiel die ersten beiden Geschichten gar nicht im Buch vorkommen, und ich wie gesagt Phasen hatte, in denen ich fast täglich eine Geschichte schrieb.

Seit ich das Buch rausgebracht habe, habe ich zum Beispiel nur zwei oder drei kleine Texte geschafft, und das war vor über einem Jahr.

Und wie viele Geschichten hast du insgesamt so geschrieben?

Knapp über sechzig Geschichten. Ein paar davon sind Gedichte, ein paar sind unvollendet, und ich schätze mal zehn weitere habe ich nicht in die Öffentlichkeit entlassen, weil sie doch zu privat sind.

Und alle Geschichten sind in dem Buch veröffentlicht?

Nein, natürlich nicht. Ich habe, weil meine Freunde das nicht machen wollten, selbst entscheiden müssen, welche Geschichten es wert sind, und welche nicht. Ich habe viel Blödsinn geschrieben, der in der Weite des Internets glücklicherweise untergeht. Von den ganzen Geschichten gibt es genau genommen nur relativ wenige, die ich auch selbst wirklich gut gelungen finde. Wen es aber interessiert, kann sich gerne auf meiner Homepage vergnügen und sich in den Geschichten dort verlieren. Aber ich darf vorwarnen, auf der Homepage sind die unkorrigierten Texte, bei denen ich nicht auf Rechtschreibung und Grammatik geachtet habe. Leider sind auch im Buch selbst viele Fehler, die ich aber erst gefunden habe, nachdem ich es auf Papier hatte.

Um was geht es so in deinen Geschichten?

Eine gute Frage. Eigentlich schreibe ich über alles Mögliche, was mir gerade durch den Kopf geht.

Ich habe einige Geschichten über die Liebe, oder über die Abwesenheit der Liebe. Ich habe relativ viele Geschichten, die einen düsteren Nachgeschmack haben. Ich habe ein paar lustige Texte, und ein paar ruhige, in denen es um gar nichts geht und ich nur eine Situation beschreibe. Ein paar Mal habe ich einfach meine Gefühle niedergeschrieben, andere Male habe ich über das Schreiben geschrieben. Ich kann nicht einen gemeinsamen Nenner finden, um was es insgesamt geht. Um Krieg und Frieden, hassen und lieben, Tod und Leben, Aktivität und Passivität, um Gefühle, um Bilder, und oft um Stimmung. Das geht vielleicht durch, denn ich versuche oft eine bestimmte Stimmung hervorzurufen. Leider ist es oft keine schöne Stimmung, das muss ich zugeben.

Also schreibst du auch über aktuelle Ereignisse?

Also Wirtschaftskrise, Köhlers Rücktritt oder 9/11? Nein. Aktuelle Ereignisse höchstens im Sinne von „das Gefühl beschäftigt mich gerade sehr“. Ich habe Träume, Wünsche, Hoffnungen – natürlich geht das nicht spurlos an mir vorbei, ich habe eine Menge darüber geschrieben, wie schön es wäre, eine Freundin zu haben. Ich habe auch meine Gefühle ausgedrückt, als ich seinerzeit mal eine Freundin hatte, und als sie mich dann verlassen hat. Das ist ein ziemlich bewegendes Ereignis, und solche Dinge nehme ich oft als Aufhänger, um eine Geschichte zu schreiben. Ob man das dann aber noch als Geschichte betrachten kann, weiß ich nicht. Das wäre dann ja eher ein Essay oder so.

(Mit frerundlicher Genehmigung von http://www.scheffel-gymnasium.de/faecher/deutsch/Bahner_Wacker_2010/Bahner_Wacker_2010.htm)

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