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Literatur-Blog

DAS MÄDCHEN (Teil 2) – Leseprobe aus dem Fantasy-Roman “Der letzte Engel” von Zoran Drvenkar

Erstellt von Detlef Hedderich am 1. April 2013

DAS MÄDCHEN (Teil 2)

Leseprobe aus dem Fantasy-Roman

“Der letzte Engel”

von Zoran Drvenkar

(Zum vorherigen Teil)
Lazar sah die Gouvernante und das Mädchen zwischen den Klippen verschwinden und lud seine Armbrust nach. Er war nervös und er war vorher nie nervös gewesen. Die letzten vierzehn Jahre hatten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Er war alt geworden und während dieser Pause in eine träge Passivität verfallen, und dann tauchte dieses Haus hier wie aus dem Nichts auf, und die Nervosität brach aus. Niemand hatte nach der langen Zeit damit gerechnet. Aber wirklich niemand.

Lazar versuchte, sich zu konzentrieren. Er spürte, dass sich sein Fokus zu verschieben begann. Konzentration. Es war nicht seine Aufgabe, der fliehenden Gouvernante und dem Mädchen hinterherzurennen. Er hatte sich um das Haus zu kümmern.

Also schickte er Tulli Marsden.

Tulli holte die beiden ein, bevor sie den Strand erreichen konnten. Die Gouvernante war ohne Bedeutung, sie hörte ihn nicht einmal kommen. Er trat ihr die Beine weg, sah sie zwischen die Klippen stürzen und im Meer verschwinden. Tulli hatte gedacht, das Mädchen würde automatisch stehen bleiben, sobald die Frau nicht mehr an ihrer Seite war.

Er hatte sich getäuscht.

Das Mädchen sprang wie eine Katze von Fels zu Fels und erreichte den Strand, lange bevor Tulli die Klippen runtergestiegen war. Ihr Nachteil war, dass Lazars Männer sich mit dem Terrain vertraut gemacht hatten. Tulli folgte einem Pfad zum Meer hinunter, umrundete die Bucht und schnitt so dem Mädchen den Weg ab. Er wartete geduldig hinter den Felsen, hörte ihre Schritte über den Sand näher kommen und bereitete sich darauf vor, sie zu überraschen.

Vier Tage bevor Mona durch Tulli Marsdens Hand sterben sollte, berührte sie das erste Mal eine Erinnerung und stieß damit die Tür auf, die Lazar und seine Söldner an diesen Küstenstreifen führen sollte.

Der Morgen hatte mit einem Schauer begonnen, dann kam die Sonne durch die Wolkenfront und spannte einen mageren Regenbogen über den Küstenstreifen.

Es war der richtige Tag für ein Abenteuer.

Mona und Jasmin versteckten sich seit dem Frühstück zwischen den Klippen. Sie hatten eine Wolldecke auf den Felsen ausgebreitet und konnten von ihrem Platz aus die Kormorane im Auge behalten. Seitdem es wärmer geworden war, schlichen die zwei Mädchen jeden Tag zu den Klippen und beobachteten den Nestbau und wie das Gerüst aus Ästen entstand und mit Seetang ausgelegt wurde. Letztes Jahr hatten sie gesehen, wie die Eier ausgebrütet wurden; dieses Jahr wollten sie eines stehlen.

Die Mädchen hatten gelesen, dass Kormorane in Japan fürs Fischen gezähmt wurden. Seitdem wollten sie eins der Eier selbst ausbrüten. Auch wenn keine von ihnen Fisch besonders mochte, stellten sie sich vor, was Stella für ein Gesicht machen würde, wenn plötzlich Tüten voller Fisch vor der Tür standen. Dummerweise schienen die Kormorane zu wissen, was die Mädchen planten – sie bauten seit drei Wochen an ihren Nestern, weigerten sich aber, Eier zu legen.

»Es gibt Blumen, die haben dasselbe Blau wie die Eier«, sagte Jasmin.

»Was für Blumen?«, fragte Mona und gähnte.

Zwei Stunden hockten sie hier schon und nichts geschah.

Jasmin hob die Schultern und meinte, sie hätte die Blumen bestimmt schon mal gesehen, sie wüsste nur nicht, wo das war.

»Erinner dich«, sagte Mona.

Jasmin dachte kurz nach und stellte mit einem dramatischen Seufzer fest, sie würde sich nicht erinnern. Mona lachte.

»Du hast dir ja nicht gerade viel Mühe gegeben«, sagte sie. »Ich könnte dich wieder hypnotisieren.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, kramte sie in ihrer Rocktasche und zog ein Pendel heraus. Seitdem Mona im Fernsehen einen Bericht über Hypnose gesehen hatte, war Jasmin ihr Versuchskaninchen. Das Pendel war ein in Alufolie gewickelter kleiner Stein, der an einem Bindfaden hing. Es gab für Jasmin nichts Langweiligeres, als auf dieses alberne Pendel zu starren, während Mona irgendwelche Sprüche vor sich hinmurmelte.

»Das ist langweilig.«

»Nur weil du immer einschläfst.«

»Nur weil du mit dem Ding vor meiner Nase rumfuchtelst.«

»Das ist kein Ding, das ist ein Pendel.«

»Das ist ein Stein in Alufolie, Mona.«

Sie grinsten sich an und wurden wieder still, sie schauten den Kormoranen zu, die taten, als wären die Mädchen nicht anwesend. Mona legte ihrer besten Freundin den Arm um die Schulter, sie lehnten aneinander, und genau da geschah es – Mona berührte ungewollt Jasmins Erinnerung und diese Erinnerung hatte rein gar nichts mit der Kindheit einer Zehnjährigen zu tun.

Sie waren weit weg von der Küste. Wind umwehte sie und brachte den Duft von satter Erde mit sich. Jasmin saß auf einem Pferd und schaute sich um und Mona folgte ihrem Blick – sie sah durch Jasmins Augen, sie hörte mit ihren Ohren und atmete mit ihr die Luft. Das Pferd stand auf einer Wiese, die mit blauen Blumen bewachsen war und an das Meer im Sommer erinnerte. Das ist also das Blau, an das sie sich erinnert hat, dachte Mona, als hinter der Anhöhe eine Frau angeritten kam und laut rief:

»Wo bleibst du nur?!«

Die Frau trug ein rotes Kleid, die Lederstiefel gingen ihr bis über die Knie, ihr Hals war mit nadelfeinen weißen Tattoos bedeckt. Auf halbem Wege beugte sie sich so weit aus dem Sattel, dass sie mit einer Hand durch das Blumenmeer streichen konnte. Die Blüten flogen durch die Luft, lila Pollen stob auf, aber Mona sah das nicht wirklich. Sie hatte nur Augen für die Flügel auf dem Rücken der Frau, die eng an ihrem Körper lagen, um dem Wind so wenig Widerstand wie möglich zu bieten. Als die Frau sich wieder aufrichtete, roch sie den Duft der Blüten an ihren Fingern und brachte ihr Pferd neben Jasmin zum Stehen.

»Schwester, sie warten auf uns«, sagte sie.

Im selben Moment wusste Mona ihren Namen.

Lisk.

Und sie wusste auch, dass sie Zwillingsschwestern waren.

»Dann lass sie warten«, antwortete Jasmin in einer Sprache, die Mona fremd war, dennoch verstand sie jedes Wort, und es wurde ihr warm im Bauch, als sie den Klang –

»Bist du eingeschlafen?«

Mona schreckte hoch, die Freundinnen lehnten aneinander und hatten die Köpfe auf den Felsen gelegt. Die Wiese, die Pferde und die Reiterin waren verschwunden. Jasmin gähnte. Mona bewegte den Mund, als könnte sie die fremde Sprache im Nachhinein schmecken. Sie wusste, sie hatte nicht geschlafen. Schlaf fühlt sich anders an, dachte sie und sagte:

»Ich war da. Ich glaube, ich war in deiner Erinnerung.«

Jasmin lachte.

»Ohne mich oder was?«

»Mit dir«, sagte Mona und erzählte von dem Pferd und der Frau mit den Flügeln.

»Tattoos?«, wiederholte Jasmin mit einer Spur Neugierde.

»Bis hierhin«, sagte Mona und malte eine Welle auf Jasmins Hals.

»Netter Traum.«

»Das war kein Traum.«

»Dann eben nicht. Aber wo auch immer du gewesen bist, da war ich noch nie.«

Jasmin schaute wieder zu den Nestern, ein Kormoran breitete seine Flügel aus und faltete sie wieder zusammen. Mona legte ihrer Freundin die Hand zwischen die Schulterblätter.

»Und was ist, wenn du mal Flügel hattest?«, fragte sie.

Jasmin stand auf. Sie hatte keine Lust auf dieses Spiel, was auch immer es für ein Spiel war. Sie wollte zurück zum Haus, die Kormorane würden auch morgen noch da sein.

»Kommst du?«

»Gleich«, antwortete Mona.

Jasmin ging vor, und Mona blieb sitzen und wunderte sich, ob es vielleicht Erinnerungen gab, die man selbst nicht kannte. Dann nahm sie einen Stein und warf ihn nach den Kormoranen. Die Vögel rührten sich nicht, denn auch das waren sie gewöhnt – zornige Mädchen, die Eier stehlen wollten und ungeduldig wurden. Der Stein verfehlte die Nester um gute zwei Meter und prallte mit einem klackenden Ton von den Felsen ab. Mona stand auf und war dabei, die Wolldecke zusammenzulegen, als sie die Blume sah. Sie hing zwischen den Falten und war ein wenig zerdrückt. Mona hob sie auf, ihr Duft war herb und kühl, als wäre die Pflanze in der Dunkelheit gewachsen. Jasmin hatte sich richtig erinnert, die Blüte hatte dieselbe Farbe wie die Kormoraneier. Falls wir diese bescheuerten Eier jemals wieder zu sehen bekommen, dachte Mona und verstaute die Blume in ihrer Rocktasche, um sie Jasmin später zu zeigen.

Erst gab es Mittagessen, dann hatte Mona sich mit Helen um den Gemüsegarten zu kümmern und am Nachmittag saßen die Mädchen vor einem Film und Mona vergaß die Blume völlig. Die Haushälterin fand sie am Abend, als sie die dreckige Wäsche einsammelte. Stella war es gewöhnt, Zettel, Steine, Bänder und Süßigkeiten in den Rocktaschen zu finden. Manchmal eine Vogelfeder oder eine Muschel. Aber nie Blumen.

Stella stutzte. Sie kannte die Pflanzen in diesem Landstrich und eine von dieser Art hatte sie noch nie gesehen. Auch wenn sie nur die Haushälterin war, hatte Stella eine Verantwortung für die Mädchen. Deswegen achtete sie auf Zeichen, deswegen war sie mehr als nur die Haushälterin.

Stella gab ihren Fund an die Hausherrin weiter, die den Gouvernanten vorstand und sich um die Verwaltung des Hauses kümmerte. Natalia Hakonson war sechsundvierzig Jahre alt, und bis zu diesem Tag kannte niemand ihre Geschichte, woher sie kam oder wer sie wirklich war. Das sollte sich sehr bald ändern.

Die Hausherrin rief Mona am Montagmorgen nach dem Frühstück zu sich und fragte, woher sie die Blume hätte. Mona sagte die Wahrheit, lügen kam ihr nicht in den Sinn. Sie erzählte, wie einfach es gewesen war, Jasmins Erinnerung zu berühren. Als Natalia Hakonson das hörte, lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zu rück und war mehr als verwirrt. Nicht nur von Monas Geschichte, sondern auch von der Tatsache, dass sie die Blume gestern Nacht auf ihrem Schreibtisch liegen gelassen hatte, und jetzt war sie spurlos verschwunden. Das Büro war abgeschlossen gewesen, nichts sonst fehlte. Mona konnte sehen, wie der Hausherrin der Schweiß auf die Stirn trat. Zweimal ließ sie sich erzählen, was genau Mona in der Erinnerung erlebt hatte.

»Und du hast Jasmin einfach nur berührt?«

»Ich habe sie einfach nur berührt.«

»Zeig es mir.«

Mona verstand nicht. Die Hausherrin beugte sich vor und streckte dem Mädchen ihre Hand entgegen. Es war eine Einladung. Mona wurde rot. Sie stellte sich vor, wie sie die Hand berührte und nichts geschah. Und dann bin ich die Doofe, dachte sie und berührte die Hand. Nach wenigen Sekunden ließ sie los. Die Hausherrin wirkte enttäuscht.

»Es tut mir leid«, sagte Mona.

»Vielleicht musst du meine Hand länger halten.«

»Nein, es tut mir leid, dass du gehen musstest«, sagte Mona.

Natalia zog ihre Hand zurück. Sie saß da, als hätte ihr Mona ins Gesicht geschlagen.

»Was … Was genau hast du gesehen?«

»Ich habe nichts gesehen, ich war dort«, sagte Mona und erzählte von dem Jungen, dem sie in Natalias Erinnerung begegnet war. Sie erzählte von dem Hotel und dass es kein gutes Versteck gewesen sei. Mona sagte aber nicht, dass sie die Verzweiflung der Hausherrin körperlich gespürt hatte und dass Natalia Hakonson für eine lange Zeit so mutlos gewesen war, dass sie ernsthaft darüber nachgedacht hatte, sich umzubringen.

»Du wolltest helfen«, sagte Mona. »Deswegen bist du hier.«

Die Hausherrin starrte auf die Tischplatte, als würden ihre Gedanken dort verstreut liegen und darauf warten, geordnet zu werden.

»Mona, hör mir jetzt sehr gut zu«, sagte sie nach einer langen Pause und ohne aufzublicken. »Ich will, dass du mit niemandem über deine Gabe redest. Mit wirklich niemandem. Für eine Weile zumindest nicht. Versprichst du mir das?«

Mona versprach es ihr. Die Hausherrin sagte, das sei dann alles. Mona stand auf und wollte das Zimmer verlassen, sie blieb aber an der Tür stehen. Die Neugierde war einfach zu groß.

»Heißt er wirklich Motte?«

Die Hausherrin rührte sich nicht, sie war so erstarrt, dass sich Mona wunderte, ob ihre Gedanken jetzt vielleicht vom Tisch gerutscht waren und auf dem Boden lagen. Endlich blickte sie auf. Die Hausherrin hatte Tränen in den Augen, und Mona bereute es sehr, ihr diese Frage gestellt zu haben.

»Er heißt in Wirklichkeit Markus«, antwortete sie. »Aber der Name hat nie zu ihm gepasst.«

Mona wartete, ob da noch mehr kommen würde.

»Du kannst jetzt gehen.«

Mona schloss die Tür hinter sich, und als drei Tage später das Haus der Kormorane in Flammen aufging, ahnte niemand von den Bewohnern, dass die Farbe einer Blume der Auslöser dafür war. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2012 by Zoran Drvenkar. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Atoren und des cbj/cbt Bertelsmann-Jugendbuchverlag

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen! Anbei zur Orientierung noch zwei Buchrezensionen:

Zoran Drvenkar
Der letzte Engel

cbj, 2012
ISBN 978-3-570-15459-5
Fantasy, Thriller, History, Jugendbuch
Hardcover mit Schutzumschlag
Umfang 448 Seiten
Umschlaggestaltung: Zeichenpool, München
Das abgebildete Cover zeigt das unkorrigierte Vorab-Exemplar

www.cbj-verlag.de
www.drvenkar.de
www.randomhouse.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Vorwort:

„Motte“, der eigentlich Markus heißt, bekommt eine anonyme E-Mail mit folgendem lapidaren Inhalt:

sorry für die schlechte nachricht
aber wenn du aufwachst, wirst du tot sein
wir wollten nur, dass du das weißt

Dieses Zitat aus dem Roman hat genügt, um meine Neugier anzufachen. Ich war sehr gespannt auf den Werkstattband (und wurde nicht enttäuscht), den wir im sfbasar vor Kurzem vorgestellt haben, dazu ein kleines Interview mit dem Autor. Hier der Link für diejenigen, welche diesen Beitrag vielleicht übersehen haben: http://sfbasar.filmbesprechungen.de/fantasy/zoran-drvenkar-der-letzte-engel-%e2%80%93-werkstattband-und-interview/

Zum Titel:

Wenn man kein gläubiger Mensch ist, tut man sich schwer, an mystische Wesen wie Engel zu glauben. Noch mehr, wenn man ein Teenager von 16 Jahren ist und einem alles Mögliche durch den Kopf geht und das Interesse an Religion, den Tod und Engel – sagen wir mal – gering bis praktisch nicht vorhanden ist. Da ist der Schock, dass es Engel wirklich gibt, enorm. Noch viel mehr, wenn man feststellt, dass man selbst zum Engel geworden ist, komplett mit Flügeln. Nun ja, komplett trifft es nicht ganz: Motte vermisst seine männlichen Geschlechtsteile, schließlich sind echte Engel weder Mann noch Frau.

Doch das ist nicht sein einziges Problem. Motte wird gejagt und weiß nicht von wem und warum. Und auch sein wirklich trauernder Vater verhält sich seltsam: Motte belauscht – tot, wie er ist – ein Telefonat, in dem sein Vater jemandem vorwirft, dass sein Sohn 3 Jahre zu früh gestorben sei. Dad hat also damit gerechnet, nein, erwartet, dass Motte im Alter von 19 Jahren stirbt?

Natürlich ist das nur der Auftakt zu einer Reise durch die Welt … und längst vergangene Zeitalter. Zwei Gruppen zeigen mehr Interesse an Motte, als ihm lieb sein kann. Zum Einen ist da „Die Bruderschaft“, die mordend und brennend durch viele Länder der Erde zieht und besondere Häuser heimsucht, dort alle Bewohner massakriert und dann die Flammen die Spuren verwischen lässt. Zum Anderen „Die Familie“, welche bemüht ist, sich dem Zugriff der Bruderschaft zu entziehen und seit zwei Jahrhunderten ein Ziel verfolgt, dass ein Christ wohl befürworten würde … und das ich hier nicht verrate.

Mein Eindruck:

Ich möchte hier an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Handlung nicht vorwegnehmen, aber so viel sei gesagt: Es gab in den letzten Monaten nur wenige Bücher, die mich gleichermaßen gefesselt haben. Und das meine ich wörtlich. Ich bin kein besonders schneller Leser, aber „Der letzte Engel“ habe ich innerhalb von zwei Tagen verschlungen.

Am Anfang sind die beiden sich abwechselnd verwendeten Schreibstile Gegenwart und Vergangenheit verwirrend, zumal sie aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten die Handlung zeigen. Dazu kommt noch, dass der Autor häufig Zeitsprünge nach vorn und hinten vollführt, die manchmal Stunden, manchmal Jahre auseinanderliegen können. Erst nach und nach verdichtet und klärt sich, was eigentlich passiert. Und das ist nach dem ersten Drittel wirklich suchterzeugend. Also nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, sondern unbedingt dranbleiben!

Den besten Satz, den ich in dem Buch gelesen habe, war auch der Letzte: „Ende vom ersten Buch“. Und was Drvenkar auf der letzten Seite angedeutet hat, lässt mich nur zu dem Schluss kommen, dass der zweite Band mindestens genauso spannend wird wie dieser erste Teil.

Nachwort:

Es ist ein seltsames Gefühl, ein „unkorrigiertes Vorab-Exemplar“ zu lesen. An manchen Stellen fragt man sich: „Bleibt das so oder wird das noch geändert?“ Über kleinere Tippfehler sieht man hier jedoch eher hinweg, als bei einem fertigen Buch, das dann einfach einen schlampig gemachten Eindruck hinterlässt. Nachdem der Verlag cbj allerdings sogar ein Hardcover mit Schutzumschlag auflegt, dürften in der Endfassung sicher alle Kleinigkeiten ausgemerzt sein.

Copyright © 2012 by Werner Karl

… und noch eine Rezension:

Zuerst schenkt Motte der mysteriösen E-Mail keinen Glauben, die seinen baldigen Tod prophezeit. Doch zu vorrückender Stunde wird er zunehmend nervöser. Schlussendlich beschließt er einfach nicht zu schlafen, so kann er ja auch nicht am nächsten Morgen tot sein. Doch Motte verliert den Kampf gegen den Schlaf und schläft beim Lesen eines Comics ein. Am nächsten Morgen erwacht er – leider tot. Kein Puls mehr und mit nichts bekleidet als Boxershorts. Außerdem wachsen seltsame flügelähnliche Gebilde auf seinem Rücken. Motto muss mit erschrecken feststellen, dass er nun ein Engel ist. Auch eine weitere Erkenntnis erschüttert ihn bis ins Mark: Er hat seinen Körper auf seinem Bett zurückgelassen und für seinen Vater ist er unsichtbar. Dieser nimmt die Nachricht von seinem Tod anders auf, als Motte das vermutet hätte, fast erscheint es so, als hätte er seinen Tod erwartet.

Zu seinem Glück kann ihn wenigstens sein bester Freund sehen, den er leider ziemlich schnell aus den Augen verliert. Als dieser Motte dann wiederfindet, ist es für den Engel schon fast zu spät …

Fazit

Die ersten paar Kapitel waren zugegebener Maßen gewöhnungsbedürftig. Schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen den Perspektiven aus denen erzählt wurde, überforderten den Leser, der sich auf eine leichte Kost im Sinne des Jugendromans eingestellt hatte. Hatte man sich jedoch erst einmal an diese recht ungewöhnliche Handhabung des Handlungsstrangs gewöhnt, ließ einen das Buch nicht mehr los und das, obwohl der Autor einen recht neutralen Schreibstil an den Tag legt. Streckenweise kam es einem schon vor, als würde man einen Bericht lesen und nicht einen Roman. Dies dürfte vor allem männliche Leser begeistern, die mit dem zugegebenermaßen gefühlsbetonten Schreibstil von Frauen wenig anfangen können. Wem der Schreibstil nicht liegt, den entschädigt die Handlung um so mehr, schnell wird einem klar, dass hier literarische und gesellschaftliche Grundmotive gut verpackt wurden.

Schnell findet man sich mitten in einem Machtkampf der verschiedenen Glaubenssysteme wieder, ohne sagen zu können, wer den nun “richtig” liegt. Dies macht die ganze Geschichte sehr realistisch, beschäftigt doch die Frage nach dem “richtigen” Glauben die gesamte Welt. So verschwimmen in der Geschichte sehr schnell die Grenzen zwischen gut und böse, richtig oder falsch, der Rettung der Welt und der Herbeiführung ihres Untergangs. Der Roman macht auf jeden Fall Lust auf mehr und ich bin schon sehr gespannt, wie es im Fortsetzungsband weitergeht.

Ein Roman, der einen bis zur letzten Seite überraschen und fesseln kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

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Veronica Roth: Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit (Band 2) – DREIMAL IM PREISRÄTSEL AUF SFBASAR.DE!

Erstellt von Detlef Hedderich am 6. Februar 2013

Veronica Roth
Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit
Band 2

Originaltitel: Insurgent
cbt
in der Verlagsgruppe Random House
ISBN 978-3-570-16156-2
Kinder- und Jugend / Fantasy
Erschienen: 10. Dezember 2012
Aus dem Amerikanischen von Petra Koob-Pawis
Umschlagmotiv: Faction symbol art ©  2012 by Rhythm &
Hues Design, Jacket art and design by Joel Tippie
Umschlagkonzeption: basic-book-design, Karl Müller-Bussdorf
Hardcover mit Schutzumschlag: 512 Seiten
Altersempfehlung ab 14 Jahren

www.cbt-jugendbuch.de
www.die-bestimmung.de
www.veronicarothbooks.blogspot.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Zur Autorin:

Veronica Roth lebt in Chicago und studierte an der dortigen Northwestern University Creative Writing. Im Alter von nur 20 Jahren schrieb sie während ihres Studiums den Roman, der später “Die Bestimmung” wurde, und mit dem sie in den USA auf Anhieb die Bestsellerlisten stürmte.

Zum Buch:

Mit „Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit“ setzt die Autorin Veronica Roth ihre Geschichte rund um eine Welt, rund um eine Stadt in der Zukunft, in der die Menschen ihren Neigungen und damit ihrer Bestimmung entsprechend in unterschiedlichen Fraktionen leben, fort. Bei Tris hat sich bereits im ersten Band der Trilogie gezeigt, dass sie keine eindeutige Bestimmung hat. Sie hat sich zwar für die Fraktion der Ferox – der Furchtlosen entschieden, könnte aber aufgrund ihrer Neigungen und Fähigkeiten auch eine Altruan – eine Selbstlose, eine Ken – eine Wissende, eine Amite – eine Friedfertige oder eine Candor – eine Freimütige sein.

Nun droht die Welt der Fraktionen zu erbrechen, nachdem die Ken mit Hilfe simulationsgesteuerter Ferox die Altruan angegriffen haben und viele Personen, darunter auch die Eltern von Tris, ihr Leben lassen mussten. Tris, ihr Freund Tobias und deren gemeinsame Freunde befinden sich auf der Flucht und finden Unterschlupf bei den Amite. Dort können sie jedoch nur vorübergehend bleiben und so stehen sie vor der Frage wie es weitergehen soll. Sie suchen nach Unterstützung aus anderen Fraktionen im Kampf gegen die Ken. Hier ist vielleicht Hilfe auch bei den Fraktionslosen zu finden, die es in unerwartet großer Zahl zu geben scheint und scheinbar gibt es auch viel mehr Unbestimmte, Menschen mit ähnlich unbestimmten Neigungen wie Tris selbst.

Während Tobias sich aufgrund seiner Kindheitserlebnisse von seinem Vater Marcus fernhält, wittert Tris in diesem Mann die Möglichkeit an Informationen zu gelangen, die sie bisher nicht hat. Gibt es vielleicht etwas, was die Mitglieder der Fraktionen gar nicht wussten, etwas dass die Machthaber vor ihnen in der Vergangenheit geheim gehalten haben?

Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit ist als zweiter Band einer Trilogie eine relativ offen gehaltene Geschichte, die von der grundlegenden Spannung lebt, die bereits nach Ende des ersten Bandes spürbar war. Wie soll es in dieser Welt weiter gehen? Welche Geheimnisse birgt sie? Hier wird natürlich gekämpft, geliebt und gelitten und alle lieb gewonnenen Charaktere aus dem ersten Band spielen eine große Rolle. Die Liebesbeziehung zwischen Tobias und Tris durchläuft ihre Höhen und Tiefen und es macht einfach Spaß dem Verlauf der Geschichte zu folgen und mehr über diese dystopische Welt zu erfahren. Wirkliche Aufklärung aber wird es wohl erst im kommenden, dritten Band geben.

Es ist in jedem Fall ratsam den Vorgängerband noch genauestens im Hinterkopf zu haben, denn  die Autorin startet ihre Erzählung dort, wo sie im ersten Band geendet hat und verschwendet keine Zeit mit großen Rückblicken. Ihre Erzählung ist dem Leben der Protagonisten in dieser Zukunftswelt angepasst: Schell und furchtlos.

„Die Bestimmung- Tödliche Wahrheit“ ist eine tolle Fortsetzung der Trilogie. Die Neugier der Leserschaft auf den Abschlussband wächst von Seite zu Ende und über das Ende des Buches hinaus.

Copyright © 2013 by Iris Gasper


Und noch eine Rezension:

Autorenporträt

Veronica Roth lebt in Chicago und studierte an der dortigen Northwestern University Creative Writing. Im Alter von nur 20 Jahren arbeitete sie während ihres Studiums den Roman, der später “Die Bestimmung” wurde und mit dem sie in den USA auf Anhieb die Bestsellerlisten stürmte.“ (Quelle: cbt)

Zum Buch

Tris hat die große Simulation der Ken einigermaßen gut überstanden, musste dabei aber auch herbe Verluste hinnehmen. So starben ihre Eltern und sie musste Will erschießen, der durch die Simulation gesteuert wurde. Die Welt an sich befindet sich im Ausnahmezustand und ein Krieg steht kurz bevor. Einzig und allein die Fraktionslosen und die Unbestimmten sind das Zünglein an der Waage. Tris versucht mit allen Mitteln eine große entscheidende Schlacht zu vermeiden …

Fazit

In diesem Band standen mehr die Ereignisse rund um die Unbestimmten im Vordergrund. Schnell wurde deutlich, dass das Separieren von bestimmten Charakterzügen nicht vorteilhaft ist. Somit werden auch die radikalen Werte- und Moralvorstellungen mehr und mehr in Frage gestellt. Der Leser ist während dieses Bandes mittendrin im Geschehen und kann zusammen mit Tris das Für und Wider bestimmter Aktionen abwägen. Dabei unterstützt der flüssige Schreibstil die spannende Geschichte, welche aber auch leider in diesem Band nicht zum Höhepunkt kommt. Dafür darf man sich mehr und mehr mit der Entwicklung der einzelnen Charaktere auseinandersetzten. So erfährt man wie Tobias zu den Ferox gekommen ist und welche Qualen er erleiden musste. Auch tauchen immer mehr Unbestimmte in den Reihen der einzelnen Fraktionen auf. Die entscheidende Rolle dürften diese dann wohl im letzten Band spielen, auf den ich schon sehr gespannt bin.

Ein Buch, das eine gute Geschichte erzählt und mit interessanten Charakteren aufwarten kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de (bisher Libri.de)

Preisrätsel 3 x 1 Exemplar: Wer eines dieser Exemplare erhalten möchte, einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): “Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit” ist als wievielter Band einer Trilogie angelegt? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 400 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! BITTE NICHT VERGESSEN, DIE ANSCHRIFT UND E-MAIL-ADRESSE MIT ANZUGEBEN!



GEWINNER: Olga de Tours, Agnesia Hanenberg, Adam Wesseler. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND SPONSOREN!

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SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Tiermärchen & -geschichten der etwas anderen Art”

Erstellt von Yvonne Rheinganz am 30. Januar 2013

“Tiermärchen & -geschichten der etwas anderen Art”

sfbasar.de-Anthologie Band 6

mit Beiträgen der Community-Autoren

des Literatur-Blogs “sfbasar.de”

Editorial: Liebe Besucher, liebe Leser, liebe Autoren es ist wieder so weit: Ein neuer Beiträg für unsere Anthologie auf sfbasar wurde aufgenommen! Der Titel unserer Anthologie lautet ja: “Tiermärchen & -geschichten der etwas anderen Art”. Das Thema bietet ein breites Spektrum, welches ausgeschöpft werden kann. Ihr könnt hier Geschichten für Kinder oder Erwachsene einstellen. Traurige, spannende, lustige oder Sachgeschichten. Mit Fabelcharakter und ohne. Die Geschichten können von echten oder erfunden, von lebendigen oder von toten Tieren handeln. Der Freiheit sind hier nur wenig Grenzen gesetzt. Natürlich hoffen wir wieder auf viele Kommentare und Rückmeldungen zu unserer neuen Anthologie. Und natürlich auf viele tolle Beiträge unserer Autoren.

BLOG – eine Kurzgeschichte von Barbara Wegener

DAS KLEINE ÄFFCHEN UND DAS KROKODIL – eine Kinder-Geschichte von Leon Ferri

DAS KLEINE ÄFFCHEN VERLÄUFT SICH – eine Kinder-Geschichte von Leon Ferri

BUCHBESPRECHUNG: DIE BIENE MAJA UND IHRE ABENTEUER – von Waldemar Bonsels und Frauke Nahrgang – Rezension von Michael Bahner

FEINDGEBIET – eine Kurzgeschichte von little_wonni (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 3/2011)

FELIX, DER KLEINE HELD – Katzen-Kurzkrimi von Susan Ott

BUCHBESPRECHUNG: IN DIE WILDNIS – von Erin Hunter – Rezension von Christel Scheja

KATZENTOD – Eine phantastische Kurzgeschichte von Günther Kurt Lietz (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 1/2010)

KATZENZAUBER – Fantasy-Kurzgeschichte von Bella C. Moremo

KLEIN OSTERHÄSCHEN UND SEIN SCHNATTERNDER STUMMELSCHWANZ – Kurzgeschichte von Barbara Wegener

BUCHBESPRECHUNG: LENA LERNT ZAUBERN von Andrea Tillmanns – Rezension von Petra Weddehage

BUCHBESPRECHUNG: OH, OH, OKTOPUS von Erik van Os & Elle van Lieshout – Rezensiert von: Yvonne Rheinganz

BUCHBESPRECHUNG: RED RIDING HOOD – UNTER DEM WOLFSMOND von Leslie Johnson – Rezension von Yvonne Rheinganz

WOLF – Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

NEU - WÖLFIN DES LICHTS – Leseprobe (Teil 1) der Fantasy- Trilogie „Roseend“ von Christa Kuczinski

(wird weiter fortgesetzt!)

Liebe Community-Autoren: Weitere Beiträge sind erwünscht und sollen diese Anthologie ergänzen. Wir planen bei genügend Beiträgen, diese Anthologie hier auch als PDF-File zusammen mit einem Spendenbutton (für kleine Beträge zum jeweiligen Storywettbewerb) anzubieten. Ausserdem planen wir davon ein ebook und am Ende vielleicht sogar eine Printausgabe erscheinen zu lassen! Es liegt ganz an euch und eurer Teilnahme an den Anthologien! Wer also teilhaben möchte, der schreibt eine Geschichte oder einen Sachbeitrag zum Thema und stellt ihn bei uns als Artikel oder Story ein. Bei einer Story kann diese auch an den Storywettbewerben teilnehmen, muss das aber nicht zwingend! Wir hoffen auf eure Hilfe!

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Spende über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Das sfbasar.de-Team
i.A.
Yvonne Rheinganz

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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DAS MÄDCHEN (Teil 1) – Leseprobe aus dem Fantasy-Roman “Der letzte Engel” von Zoran Drvenkar (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Winter 2012″)

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. Januar 2013

DAS MÄDCHEN (Teil 1)

Leseprobe aus dem Fantasy-Roman

“Der letzte Engel”

von Zoran Drvenkar

Die Männer kamen im Morgengrauen. Sie stiegen über die Klippen zum Haus hoch, nur einer von ihnen nahm die Küstenstraße. Sein Name war Dimitri Lazar und er leitete die Jagd seit vier Jahrzehnten. Lazar war einundsechzig Jahre alt und bewegte sich wie ein Sportler, der täglich trainiert. Er ging betont aufrecht und hielt die Armbrust so selbstverständlich an seiner Seite, als wäre sie ein Teil seines Körpers.

Links von ihm breitete sich die karge irische Felslandschaft aus, rechts lagen die Klippen und eine aufgehende Sonne, die aussah, als hätte sie die Nacht durchgemacht und wäre zu erschöpft, um sich voll und ganz aus dem Meer zu erheben. Jeder andere hätte einen Moment verweilt und sich das angeschaut, Lazar hatte nur Augen für das Haus und die dunklen Fenster. Er suchte nach einem Zeichen, dass ihre Ankunft bemerkt worden war.

Kein Rauch stieg aus dem Kamin auf, es war zu früh, die Fenster blieben schwarz.

Am Vorabend hatte Lazar den Lageplan mit seinen Söldnern ein letztes Mal studiert – zwei Stockwerke, eine Treppe, ein Dachboden, ein Keller und zehn Zimmer. Die Raumaufteilung war ihnen vertraut, es war nicht das erste Haus, das sie stürmten, dennoch wünschte sich Lazar, sie hätten mehr Zeit für die Vorbereitung gehabt. Ein Tag reichte einfach nicht. Dabei war es der Keller, der Lazar am meisten Sorgen machte. Sie würden im Erdgeschoss anfangen und sich hocharbeiten.

Der Keller kam immer zum Schluss.

Lazar brauchte ein paar Sekunden, um die Haustür aufzubrechen. Danach stand er im Vorraum und lauschte in die Stille. Die Armbrust lag schwer in seiner Hand. Lazar spürte den Herzschlag im Hals. Er war ausgelaugt von der Jagd, hätte es aber nie zugegeben.

Das Haus blieb still.

Lazar stellte die Funkverbindung her und gab den Befehl.

Lautlos traten seine Männer ein.

Die letzten zwei Jahrhunderte hatte sich im Haus der Kormorane kaum etwas verändert. Bücher und Kleidung kamen per Post, die Lebensmittel wurden zweimal in der Woche geliefert. Die Bewohner waren nicht rückständig. Sie hatten Fernsehen und Internet. Sie lebten in der Gegenwart, ohne ein Teil von ihr zu sein. Zeit hatte hier eine andere Bedeutung. Wer die Zeit akzeptiert, dem ist die Ungeduld fremd, lautete das eingemeißelte Motto über dem Eingang. Geduld war ihre oberste Pflicht. Sie bewahrten das Erbe, sie boten ihm Schutz, ihre Zahl war immer dieselbe.

Acht Mädchen, acht Gouvernanten und eine Hausherrin.

Sobald die Mädchen neunzehn wurden, nahmen sie den Platz der Gouvernanten ein. Es gab ein Fest, es wurde Abschied genommen und acht neue Kinder kamen dazu. Kein Mädchen im Haus der Kormorane wusste, wohin die Gouvernanten danach verschwanden, so wie auch keine von ihnen wusste, woher die Säuglinge kamen.

Die Mädchen teilten sich einen Schlafraum und hatten tagsüber die Zimmer des Hauses zur Verfügung. Die Gouvernanten waren rund um die Uhr zur Stelle und unterrichteten sie. Niemand wollte, dass die Mädchen weltfremd aufwuchsen, und so wurden ihnen keine Informationen vorenthalten.

Wenn jemand nachfragte, bekam er zu hören, es sei ein Waisenhaus. Aber kaum jemand fragte nach oder wusste, wie sich das Haus auf den Klippen finanzierte. Es lag am äußersten Ende einer Landzunge und blieb von Touristen unberührt. Der Landstrich galt als unwirtlich, nicht einmal Schafe verirrten sich hierher. Es gab keine Anlegestellen, es gab nur die Klippen und das Meer.

Das Haus der Kormorane war ein sicherer Ort für das Erbe.

Lazars Söldner arbeiteten sich vom Erdgeschoss hoch. Sie sprachen kein Wort miteinander, während sie von Zimmer zu Zimmer gingen. Fünf der Mädchen starben an der Seite ihrer Gouvernanten innerhalb der ersten zwei Minuten. Sie wurden im Schlaf überrascht. Die Männer waren lautlos, ihre Bewegungen aufeinander abgestimmt. Auf dem Weg nach oben begegneten sie ihrem ersten Problem.

Stella O’Niven war Mitte vierzig, einen Meter achtzig groß und wog keine sechzig Kilo. Die O’Nivens arbeiteten schon seit Generationen für das Haus der Kormorane und kümmerten sich um den Gemüsegarten, strichen die sturmgepeitschte Fassade im Frühjahr neu und erledigten anfallende Arbeiten. Als Haushälterin machte Stella jeden Morgen dieselbe Runde – heizte ein und setzte Teewasser für das Frühstück auf, holte den vorbereiteten Teig aus dem Kühlschrank und formte Brötchen. Sie deckte dann den Tisch und nahm eine Dusche, während die Brötchen backten und die Mädchen langsam erwachten. Jeder Tag hatte denselben Rhythmus. Nur an den Wochenenden übernahm eine der Gouvernanten die Aufgaben der Haushälterin. In dieser Zeit kümmerte sich Stella um ihre Mutter und ihre zwei erwachsenen Söhne. Sie erledigte Einkäufe, ging spazieren und spielte Karten im Club. Alles in ihrem Leben verlief in einer geordneten Bahn.

Auch dieser Morgen fing so an.

Stella war zwei Minuten vor sechs angezogen, hatte sich das Haar hochgesteckt und verließ ihr Zimmer. Sie hörte das Wasser im Badezimmer laufen, sie hörte flüsternde Stimmen und versuchte zu erraten, welche der Mädchen wach waren.

Im Halbdunkel erinnerte Stellas kerzengerade Gestalt an eine strenge Lehrerin, aber sie war alles andere als streng. Stella war die gute Seele für die Mädchen. Wann immer es Schwierigkeiten gab, kamen sie zu ihr und holten sich Rat. Stella mochte diese Rolle. Sie hatte keine Tochter, und so fühlte es sich an, als wäre sie die Mutter von acht Mädchen.

Am obersten Treppenansatz angelangt, blieb Stella für einen Moment stehen und genoss die Ruhe des Hauses. Sie kannte jede knarrende Diele und jede Ritze, durch die der Wind an den stürmischen Tagen pfiff. Es war so sehr ihr Zuhause, wie es das Zuhause der Mädchen war. Als die Standuhr im Erdgeschoss den sechsten Glockenschlag von sich gab, war Stella bereit, nach unten zu gehen.

Die fünf Männer im Eingangsbereich erstarrten und sahen zu ihr hoch.

»Aber …«

Mehr konnte Stella nicht sagen. Der Schalldämpfer gab ein sanftes Ploppen von sich. Die erste Kugel durchschlug das Herz der Haushälterin, die zweite riss ein Loch in die Hand, die sie schützend vor sich hielt. Stella war auf der Stelle tot.

Zwei der Männer fingen ihren Sturz ab und standen danach wieder still.

Niemand rührte sich.

Sie lauschten, sie hörten das Knarren von Dielen über sich, sie hörten hastige Schritte.

Lazar gab ein Zeichen, die Männer eilten die Treppe hinauf.

Alles musste jetzt schneller gehen.

Vier der Gouvernanten hatten mit Hilfe der Hausherrin die Tür zum Hauptsaal verbarrikadiert. Sie zögerten nicht, sie reagierten sofort, als wären sie auf einen Angriff vorbereitet gewesen. Lazars Männer versuchten nicht, die Tür aufzubrechen. Sie legten eine Sprengladung neben dem Türrahmen an und kamen durch die Wand.

Eine Gouvernante fehlte.

Ennis war neunundzwanzig Jahre alt und stand mit zwei der Mädchen im Badezimmer, als Lazars Männer die Wand zum Hauptsaal sprengten. Sie dachte keine Sekunde an Widerstand, sie hatte nur Flucht im Kopf und ergriff die Mädchen bei den Händen. Lautlos stiegen sie über das Balkongeländer und kletterten am Rankengerüst hinunter. Sie trugen noch ihre Schlafanzüge, und als sie unten ankamen, klatschten ihre bloßen Füße auf den Felsen.

Die Mädchen hießen Mona und Jasmin, sie waren zehn Jahre alt und beste Freundinnen. Ennis befahl ihnen, nicht zurückzuschauen. Ihr Ziel waren die Stufen, die zu den Klippen hinunterführten. Ein Pfad lief am Wasser entlang, und wenn sie dem Pfad folgten, würden sie zum Hof der O’Nivens kommen, und dort wären sie sicher, versprach die Gouvernante und schob die Mädchen vor sich her.

Sie hätten Schuhe tragen sollen.

Jasmin rutschte nach zwanzig Metern auf den nassen Stufen aus und fiel. Mona zog sie wieder hoch, als Jasmin aber versuchte aufzutreten, knickte ihr Fuß weg und sie brach in Tränen aus. Ennis nahm sie auf den Arm und hätte beinahe selbst losgeheult, weil sich Jasmin so sehr an ihr festklammerte. Es fühlte sich an, als hätte das Mädchen überhaupt kein Gewicht.

»Keine Sorge«, sagte die Gouvernante. »Wir werden jetzt …«

Das Brechen von Glas war zu hören. Ennis schaute zurück. Sie hätte sich nicht umdrehen sollen. Eine Rauchwolke stieg aus dem Dachstuhl des Hauses auf und wuchs dem Himmel entgegen. Auch Mona blieb stehen. Sie hätten einfach weiterlaufen sollen. Der Pfeil kam aus dem Nichts und durchschlug Jasmins Nacken mit solch einer Wucht, dass die Spitze unter ihrem Kehlkopf wieder hervortrat. Jasmin schaute Ennis ungläubig an und hustete. Ein feiner Nebel aus Blut bedeckte das Gesicht der Gouvernante, dann schloss Jasmin die Augen und ihre Arme lösten sich von Ennis’ Hals und fielen leblos herab.

Die Gouvernante spürte, wie ihre Knie nachgaben. Das Gewicht auf ihren Armen schien sich verzehnfacht zu haben, als hätte das Mädchen all die Tage mit in den Tod genommen, die sie jetzt nicht mehr leben durfte. Ennis konnte Jasmin nicht mehr halten und legte sie auf die Steine. Sie wollte sich setzen und das tote Mädchen festhalten, da riss Mona an ihrem Arm. Ennis taumelte einen Schritt auf sie zu, und der zweite Pfeil zerbrach an dem Felsen, vor dem die Gouvernante eben gestanden hatte.

»Wir müssen weiter«, sagte Mona.

»Aber …«

»Komm!«

Und so sind sie zum Strand runtergerannt und haben die Pfeile ignoriert, die mit einem knallenden Echo von den Felsen wiederhallten und die Kormorane aus ihren Nestern schreckten. Ihr Ziel war das Meer, und sie sahen kein einziges Mal zurück, während hinter ihnen ihr Zuhause in Flammen aufging. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2012 by Zoran Drvenkar. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des cbj/cbt Bertelsmann-Jugendbuchverlag

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen! Anbei zur Orientierung noch zwei Buchrezensionen:

Zoran Drvenkar
Der letzte Engel

cbj, 2012
ISBN 978-3-570-15459-5
Fantasy, Thriller, History, Jugendbuch
Hardcover mit Schutzumschlag
Umfang 448 Seiten
Umschlaggestaltung: Zeichenpool, München
Das abgebildete Cover zeigt das unkorrigierte Vorab-Exemplar

www.cbj-verlag.de
www.drvenkar.de
www.randomhouse.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Vorwort:

„Motte“, der eigentlich Markus heißt, bekommt eine anonyme E-Mail mit folgendem lapidaren Inhalt:

sorry für die schlechte nachricht
aber wenn du aufwachst, wirst du tot sein
wir wollten nur, dass du das weißt

Dieses Zitat aus dem Roman hat genügt, um meine Neugier anzufachen. Ich war sehr gespannt auf den Werkstattband (und wurde nicht enttäuscht), den wir im sfbasar vor Kurzem vorgestellt haben, dazu ein kleines Interview mit dem Autor. Hier der Link für diejenigen, welche diesen Beitrag vielleicht übersehen haben: http://sfbasar.filmbesprechungen.de/fantasy/zoran-drvenkar-der-letzte-engel-%e2%80%93-werkstattband-und-interview/

Zum Titel:

Wenn man kein gläubiger Mensch ist, tut man sich schwer, an mystische Wesen wie Engel zu glauben. Noch mehr, wenn man ein Teenager von 16 Jahren ist und einem alles Mögliche durch den Kopf geht und das Interesse an Religion, den Tod und Engel – sagen wir mal – gering bis praktisch nicht vorhanden ist. Da ist der Schock, dass es Engel wirklich gibt, enorm. Noch viel mehr, wenn man feststellt, dass man selbst zum Engel geworden ist, komplett mit Flügeln. Nun ja, komplett trifft es nicht ganz: Motte vermisst seine männlichen Geschlechtsteile, schließlich sind echte Engel weder Mann noch Frau.

Doch das ist nicht sein einziges Problem. Motte wird gejagt und weiß nicht von wem und warum. Und auch sein wirklich trauernder Vater verhält sich seltsam: Motte belauscht – tot, wie er ist – ein Telefonat, in dem sein Vater jemandem vorwirft, dass sein Sohn 3 Jahre zu früh gestorben sei. Dad hat also damit gerechnet, nein, erwartet, dass Motte im Alter von 19 Jahren stirbt?

Natürlich ist das nur der Auftakt zu einer Reise durch die Welt … und längst vergangene Zeitalter. Zwei Gruppen zeigen mehr Interesse an Motte, als ihm lieb sein kann. Zum Einen ist da „Die Bruderschaft“, die mordend und brennend durch viele Länder der Erde zieht und besondere Häuser heimsucht, dort alle Bewohner massakriert und dann die Flammen die Spuren verwischen lässt. Zum Anderen „Die Familie“, welche bemüht ist, sich dem Zugriff der Bruderschaft zu entziehen und seit zwei Jahrhunderten ein Ziel verfolgt, dass ein Christ wohl befürworten würde … und das ich hier nicht verrate.

Mein Eindruck:

Ich möchte hier an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Handlung nicht vorwegnehmen, aber so viel sei gesagt: Es gab in den letzten Monaten nur wenige Bücher, die mich gleichermaßen gefesselt haben. Und das meine ich wörtlich. Ich bin kein besonders schneller Leser, aber „Der letzte Engel“ habe ich innerhalb von zwei Tagen verschlungen.

Am Anfang sind die beiden sich abwechselnd verwendeten Schreibstile Gegenwart und Vergangenheit verwirrend, zumal sie aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten die Handlung zeigen. Dazu kommt noch, dass der Autor häufig Zeitsprünge nach vorn und hinten vollführt, die manchmal Stunden, manchmal Jahre auseinanderliegen können. Erst nach und nach verdichtet und klärt sich, was eigentlich passiert. Und das ist nach dem ersten Drittel wirklich suchterzeugend. Also nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, sondern unbedingt dranbleiben!

Den besten Satz, den ich in dem Buch gelesen habe, war auch der Letzte: „Ende vom ersten Buch“. Und was Drvenkar auf der letzten Seite angedeutet hat, lässt mich nur zu dem Schluss kommen, dass der zweite Band mindestens genauso spannend wird wie dieser erste Teil.

Nachwort:

Es ist ein seltsames Gefühl, ein „unkorrigiertes Vorab-Exemplar“ zu lesen. An manchen Stellen fragt man sich: „Bleibt das so oder wird das noch geändert?“ Über kleinere Tippfehler sieht man hier jedoch eher hinweg, als bei einem fertigen Buch, das dann einfach einen schlampig gemachten Eindruck hinterlässt. Nachdem der Verlag cbj allerdings sogar ein Hardcover mit Schutzumschlag auflegt, dürften in der Endfassung sicher alle Kleinigkeiten ausgemerzt sein.

Copyright © 2012 by Werner Karl

… und noch eine Rezension:

Zuerst schenkt Motte der mysteriösen E-Mail keinen Glauben, die seinen baldigen Tod prophezeit. Doch zu vorrückender Stunde wird er zunehmend nervöser. Schlussendlich beschließt er einfach nicht zu schlafen, so kann er ja auch nicht am nächsten Morgen tot sein. Doch Motte verliert den Kampf gegen den Schlaf und schläft beim Lesen eines Comics ein. Am nächsten Morgen erwacht er – leider tot. Kein Puls mehr und mit nichts bekleidet als Boxershorts. Außerdem wachsen seltsame flügelähnliche Gebilde auf seinem Rücken. Motto muss mit erschrecken feststellen, dass er nun ein Engel ist. Auch eine weitere Erkenntnis erschüttert ihn bis ins Mark: Er hat seinen Körper auf seinem Bett zurückgelassen und für seinen Vater ist er unsichtbar. Dieser nimmt die Nachricht von seinem Tod anders auf, als Motte das vermutet hätte, fast erscheint es so, als hätte er seinen Tod erwartet.

Zu seinem Glück kann ihn wenigstens sein bester Freund sehen, den er leider ziemlich schnell aus den Augen verliert. Als dieser Motte dann wiederfindet, ist es für den Engel schon fast zu spät …

Fazit

Die ersten paar Kapitel waren zugegebener Maßen gewöhnungsbedürftig. Schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen den Perspektiven aus denen erzählt wurde, überforderten den Leser, der sich auf eine leichte Kost im Sinne des Jugendromans eingestellt hatte. Hatte man sich jedoch erst einmal an diese recht ungewöhnliche Handhabung des Handlungsstrangs gewöhnt, ließ einen das Buch nicht mehr los und das, obwohl der Autor einen recht neutralen Schreibstil an den Tag legt. Streckenweise kam es einem schon vor, als würde man einen Bericht lesen und nicht einen Roman. Dies dürfte vor allem männliche Leser begeistern, die mit dem zugegebenermaßen gefühlsbetonten Schreibstil von Frauen wenig anfangen können. Wem der Schreibstil nicht liegt, den entschädigt die Handlung um so mehr, schnell wird einem klar, dass hier literarische und gesellschaftliche Grundmotive gut verpackt wurden.

Schnell findet man sich mitten in einem Machtkampf der verschiedenen Glaubenssysteme wieder, ohne sagen zu können, wer den nun “richtig” liegt. Dies macht die ganze Geschichte sehr realistisch, beschäftigt doch die Frage nach dem “richtigen” Glauben die gesamte Welt. So verschwimmen in der Geschichte sehr schnell die Grenzen zwischen gut und böse, richtig oder falsch, der Rettung der Welt und der Herbeiführung ihres Untergangs. Der Roman macht auf jeden Fall Lust auf mehr und ich bin schon sehr gespannt, wie es im Fortsetzungsband weitergeht.

Ein Roman, der einen bis zur letzten Seite überraschen und fesseln kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

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Amy Kathleen Ryan: Sternenfeuer – vertraue niemandem. Sternenfeuer Band 2 – DREIMAL IM PREISRÄTSEL AUF SFBASAR.DE!

Erstellt von Detlef Hedderich am 17. Januar 2013

Amy Kathleen Ryan
Sternenfeuer – vertraue niemandem
Sternenfeuer Band 2

Spark (2012)
Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-65327-2
Science Fiction, Kinder & Jugend, Liebe & Romantik
Erschienen 2012
Übersetzer Momo Evers & Anja Weiligmann
Titelbild Schmuckstück: Jessica Hicks
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
Fotos FinePic, München
Umfang 429 Seiten

www.knaur.de
www.amykathleenryan.com

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Autorenporträt

Amy Kathleen Ryan wuchs in Jackson im amerikanischen Bundesstaat Wyoming auf. Sie studierte Anthropologie und Englische Literatur in Wyoming und Vermont, bevor sie sich ganz dem Schreiben zuwandte.

Zum Buch

Waverly konnte erfolgreich mit den Kindern von Bord der New Horizon entkommen. Nun muss sie sich mit dem immer mehr zunehmenden religiösen Wahn ihres ehemaligen Freundes Kieran auseinandersetzen. Dass sie gleichzeitig beginnt, für Seth Gefühle zu entwickeln, der Kieran fast umgebracht hätte, ist der Stimmung an Bord nicht zuträglich. Auch machen ihr alle anderen Vorwürfe, dass sie die Erwachsenen an Bord des anderen Schiffes zurückgelassen hat. Nun versucht die Crew, die nur noch aus einigen Jugendlichen und vielen Kinder besteht einen Weg zu finden ihre Eltern vom feindlichen Raumschiff zu retten. Doch dies ist nicht einfach, denn auf der Empyrean ist Vertrauen sehr dünn gesät. Schnell bekriegen sich die einzelnen Gruppen untereinander und verlieren das gemeinsame Ziel aus dem Blick. Wird es ihnen gelingen, ihre Mission zu Ende zu führen? …

Fazit

Lange habe ich auf die Fortsetzung von Sternenfeuer gewartet und war begeistert, als ich das Buch endlich in Händen hielt. Das ansprechende Cover und die Aufmachung des Buches stimmten einen sofort ins Lesen ein, auch wenn ich die Aufteilung des Buches in vier verschiedene “Bücher” nicht ganz nachvollziehen konnte. Der Erzählstil war gewohnt flüssig, wenn auch für mich mit zu vielen Details gespickt. Die Entwicklung der Charaktere fand ich besonders gelungen, ebenso wie das Spiel mit den unterschiedlichsten Arten von Gefühlen. Schnell konnte der Leser nachvollziehen, wie Unsicherheit zu unreflektierten Entscheidungen führen kann. Auch die Rolle der Religion und die damit verbunden Moral- und Wertevorstellungen wurde in diesem Band wieder zur Sprache gebracht. Besonders interessant fand ich hierbei die Ausgestaltung des Rachemotivs, welches sich ebenfalls im Buch der Bücher finden lässt.

Insgesamt ist das Buch eine rundum gelungene Fortsetzung des ersten Bands. Ich kann das Buch jedem uneingeschränkt empfehlen, der auf Weltraumabenteuer und Verschwörungstheorien steht.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Preisrätsel 3 x 1 Exemplar: Wer eines dieser Exemplare erhalten möchte, einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Der vorliegende Roman ist der wie vielte Band der Sternenfeuer-Reihe und wie hat er der Rezensentin insgesamt gefallen? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 300 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! BITTE NICHT VERGESSEN, DIE ANSCHRIFT UND E-MAIL-ADRESSE MIT ANZUGEBEN!


GEWONNEN HAT: Rosa Scharre, Margrete English, Kersten Breitwieser. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND AUCH UNSEREM SPONSOREN! VIELEN DANK!

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Veronica Roth: Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit (Band 2) – DREIMAL IM PREISRÄTSEL AUF SFBASAR.DE!

Erstellt von Detlef Hedderich am 17. Januar 2013

Veronica Roth
Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit
Band 2

Insurgent (2012)
cbt Verlag
ISBN 978-3-570-16156-2
Science Fiction, Kinder & Jugend, Liebe & Romantik
Erschienen 2012
Übersetzer Petra Koob-Pawis
Titelbild Faction symbol art © 2012 by Rhythm & Hues Design, Jacket art and design by Joel Tippie
Umschlaggestaltung basic-book-design, Karl Müller-Bussdorf
Umfang 509 Seiten

www.cbt-jugendbuch.de
www.die-bestimmung.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de (bisher Libri.de)

Autorenporträt

Veronica Roth lebt in Chicago und studierte an der dortigen Northwestern University Creative Writing. Im Alter von nur 20 Jahren arbeitete sie während ihres Studiums den Roman, der später “Die Bestimmung” wurde und mit dem sie in den USA auf Anhieb die Bestsellerlisten stürmte.“ (Quelle: cbt)

Zum Buch

Tris hat die große Simulation der Ken einigermaßen gut überstanden, musste dabei aber auch herbe Verluste hinnehmen. So starben ihre Eltern und sie musste Will erschießen, der durch die Simulation gesteuert wurde. Die Welt an sich befindet sich im Ausnahmezustand und ein Krieg steht kurz bevor. Einzig und allein die Fraktionslosen und die Unbestimmten sind das Zünglein an der Waage. Tris versucht mit allen Mitteln eine große entscheidende Schlacht zu vermeiden …

Fazit

In diesem Band standen mehr die Ereignisse rund um die Unbestimmten im Vordergrund. Schnell wurde deutlich, dass das Separieren von bestimmten Charakterzügen nicht vorteilhaft ist. Somit werden auch die radikalen Werte- und Moralvorstellungen mehr und mehr in Frage gestellt. Der Leser ist während dieses Bandes mittendrin im Geschehen und kann zusammen mit Tris das Für und Wider bestimmter Aktionen abwägen. Dabei unterstützt der flüssige Schreibstil die spannende Geschichte, welche aber auch leider in diesem Band nicht zum Höhepunkt kommt. Dafür darf man sich mehr und mehr mit der Entwicklung der einzelnen Charaktere auseinandersetzten. So erfährt man wie Tobias zu den Ferox gekommen ist und welche Qualen er erleiden musste. Auch tauchen immer mehr Unbestimmte in den Reihen der einzelnen Fraktionen auf. Die entscheidende Rolle dürften diese dann wohl im letzten Band spielen, auf den ich schon sehr gespannt bin.

Ein Buch, das eine gute Geschichte erzählt und mit interessanten Charakteren aufwarten kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

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Titel erhältlich bei eBook.de (bisher Libri.de)

Preisrätsel 3 x 1 Exemplar: Wer eines dieser Exemplare erhalten möchte, einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Laut der Rezensentin hat Tris die große Simulation der Ken einigermaßen gut überstanden, musste dabei aber auch herbe Verluste hinnehmen. Welche? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 300 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! BITTE NICHT VERGESSEN, DIE ANSCHRIFT UND E-MAIL-ADRESSE MIT ANZUGEBEN!


GEWINNER: Jasper Scharlach, Klaus Sahlmann, Dora Plogmann. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND SPONSOREN!

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Francesca Cosanti: Sechs Gründe für schwarze Katzen – DREIMAL IM PREISRÄTSEL AUF SFBASAR.DE!

Erstellt von Detlef Hedderich am 19. Dezember 2012

Francesca Cosanti
Sechs Gründe für schwarze Katzen

aracari Verlag
ISBN 978-3-905945-33-1
Bilderbuch
Erschienen 2012
Illustrationen Francesca Cosanti
Umfang 32 Seiten

www.aracari.ch

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Titel erhältlich bei Libri.de

Autorenporträt

Francesca Cosanti wurde 1985 in Martina Franca, Italien, geboren. Sie hat in Rom am Istituto Europeo di Design Multimedia und Illustration studiert und ist in verschiedenen graphischen und multimedialen Bereichen tätig. Sie wurde in Italien mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Zum Buch

Das kleine Mädchen Lili spielt wie jeden Tag mit ihrem Ball. Wieder einmal fliegt ihr der Ball über das Gartentor. Lili ist fest entschlossen, sich ihren Ball dieses Mal wieder zu holen. Dabei macht sie eine erstaunliche Entdeckung: Auf der anderen Seite des Tors befinden sich viele schwarze Katzen, mit denen man hervorragend spielen kann. Als sie nach Hause geht, folgen ihr die schwarzen Katzen. Nun muss Lili ihrer Mutter erklären, warum sie unbedingt die schwarzen Katzen behalten muss …

Fazit

Ein sehr schönes Bilderbuch, das nicht nur eine schöne Geschichte erzählt, sondern auch Anknüpfungspunkte für die Kommunikation zwischen Kind und Eltern bietet. Diese Geschichte kann wunderbar vom Kind weiterentwickelt werden und bietet viel Raum für Kreativität. Die Gründe für die schwarzen Katzen sind durch eine größere Schrift im Buch grafisch abgesetzt, für Leser im Anfangsunterricht sind sie aber dennoch nicht geeignet, da die Wörter einfach zu viele Silben haben. Interessanterweise ist die gesamte Geschichte im Präsens geschrieben und nicht wie sonst bei Geschichten üblich in der Vergangenheitsform. Das hat den Vorteil, dass man gleich gut in die Geschichte einsteigen kann- und den Nachteil, dass Kinder hier eine Chance verpassen die Zeitform der Vergangenheit kennenzulernen.

Die Illustrationen überforderten die Kinder nicht mit zu viel Bildinformationen und unterstützten passend den Text der Geschichte. Herrlich fand ich die vielen Katzen auf den Bildern, hier werden Kinder gleich dazu angeregt, die Anzahl der Katzen herauszufinden. Insgesamt fand ich das Buch rund um gelungen – schließlich kann ein Buch nicht alle möglichen Lernfelder bedienen.

Ein tolles Bilderbuch für alle großen und kleinen Katzenfans.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Preisrätsel 3 x 1 Exemplar: Wer eines dieser Exemplare erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Das kleine Mädchen Lili spielt wie jeden Tag mit ihrem Ball. Wieder einmal fliegt ihr der Ball über das Gartentor. Lili ist fest entschlossen, sich ihren Ball dieses Mal wieder zu holen. Dabei macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Welche? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 300 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! BITTE NICHT VERGESSEN, DIE ANSCHRIFT UND E-MAIL-ADRESSE MIT ANZUGEBEN!



GEWONNEN HAT: Rosa Frances, Tomas Elsesser, Joost Wiebrock. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND AUCH UNSEREM SPONSOREN! VIELEN DANK!

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Robert Jackson Bennett: Silenus – DREIMAL IM PREISRÄTSEL AUF SFBASAR.DE!

Erstellt von Detlef Hedderich am 4. Dezember 2012

Robert Jackson Bennett
Silenus

Originaltitel: The Troupe (New York : Orbit 2012)
Übersetzung: Frauke Meier
Deutsche Erstveröffentlichung (Paperback): Oktober 2012 (Piper Verlag/Piper Fantasy 6870)
575 S.
ISBN-13: 978-3-492-26870-7
Als eBook: Oktober 2012 (Piper Verlag)
864 KB
ISBN-13: 978-3-492-95516-4

Titel bei Buch24.de
Titel bei eBook.de/Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Um das Jahr 1910 beginnt der 16-jährige George Caroles die Suche nach seinem Vater. Er wuchs bei seiner Großmutter auf, die Mutter starb bei seiner Geburt. Der Vater hatte sich da schon davongemacht. Heironomo Silenus genießt einen legendären Ruf als Impresario einer kleinen aber feinen Gruppe, die in den „Vaudeville“-Theatern bemerkenswerte Vorstellungen gibt, an die sich allerdings anschließend kaum ein Zuschauer wirklich erinnern kann.

George, ein begabter Pianist, findet als Musiker Zugang ins Kleinkunst-Milieu. Wie es üblich ist, reist er als Mitglied einer Theatergruppe – einer „troupe“ – kreuz und quer durch Amerika. Viele Monate bleibt Georges Suche vergeblich, bis er Silenus‘ Spur aufnehmen und halten kann. In einer kleinen Stadt trifft George endlich seinen Vater und dessen bizarre Begleiter: ‚Professor‘ Kingsley und seine beunruhigend lebendigen ‚Marionetten‘; Colette, eine persische Sängerin und Tänzerin; Stanley, den stummen Cellisten, und Franny, die mit bloßen Händen Stahlträger verbiegen kann.

Silenus nimmt seinen Sohn nicht mit offenen Armen auf. Trotzdem darf George sich der Truppe anschließen. Noch seltsamer als die Vorstellungen sind deren Aktivitäten nach Theaterschluss: Die „troupe“ kämpft gegen die archaische Finsternis aus der Zeit vor der Entstehung der Welt, die sich anschickt, das Licht und mit ihm das gesamte Universum auszulöschen.

Silenus setzt ihren Attacken die „Erste Weise“ entgegen, deren Melodie die Lebensessenz der Schöpfung konserviert. Sie hält nicht nur die Finsternis, sondern auch ihre gefährlichen Handlanger, die „Wölfe“, in Schach, die notdürftig als Menschen getarnt Jagd auf die verhassten Lichtbringer machen. Doch die „Weise“ beginnt ihre Kraft zu verlieren. In größter Not sucht Silenus nach neuen, oft zweifelhaften Verbündeten und bringt dabei nicht nur seine Truppe, sondern vor allem George in Lebensgefahr, der nichts von seiner Schlüsselrolle in diesem Krieg ahnt …

Kunst als Handwerk und harte Arbeit

Der Freund der „urban fantasy“, jener Variante der Phantastik, die Fiktion und (literarische) Realität gleichzeitig mischt und doch mit einem gewissen Abstand voneinander existieren lässt, hat es in den letzten Jahren nicht leicht, wenn er (seltener sie) weder jung noch süchtig nach romantasyastisch gezähmten Schreckensgestalten ist. Wenn das Irreale in die jeweilige Gegenwart einbricht, scheinen gegenwärtig in erster Linie jungendliche Protagonisten davon betroffen zu sein, die an den daraus resultierenden Herausforderungen gleichzeitig reifen sollen. Über die Daseinsberechtigung schmachtender Vampire und kuscheliger Werwölfe muss und soll an dieser Stelle (lieber) nicht gemutmaßt werden; sie sei als Tatsache hingenommen.

Auch „Silenus“ erzählt eine „Coming-of-Age“-Geschichte. Die Hauptfigur ist 16 Jahre ‚alt‘ und recht naiv, wie es sich für einen zukünftigen Helden wider Willen gehört. Zusätzlich übernimmt George die Vertreterrolle für den Leser, wenn es darum geht, mit den Besonderheiten der geschilderten Welt vertraut zu werden. Schon bevor sich irritierende Brüche öffnen, wirkt sie exotisch, denn Autor Bennett platziert die Handlung in die Vergangenheit und dort in das Milieu einer heute ausgestorbenen Kleinkunst-Form.

Bis zum I. Weltkrieg nahm das „Vaudeville“ (in Europa: die „Music Hall“) in der Theater-Szene der USA eine wichtige Stellung ein. Vor der Erfindung des Kinos und besonders des Fernsehens wurde Unterhaltung ‚live‘ und auf der Bühne präsentiert. Nicht die Erhabenheit des großen Theaters, sondern Entertainment für ein Publikum, das nicht intellektuell stimuliert, sondern unterhalten werden wollte, war die Intention unzähliger Sänger, Komödianten oder Artisten, die einzeln oder in Gruppen von Spielort zu Spielort zogen, um dort zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen aufzutreten.

Die Welt hat mehr als vier Dimensionen

Für eine Geschichte, die wie „Silenus“ auf rasche Ortswechsel angewiesen ist, birgt dieses Milieu viele Möglichkeiten. Die Reise ist Schauspieler- und Artisten-Alltag. Bis zu einer Queste ist es quasi nur ein Schritt. Anstelle eines heiligen Grals suchen Silenus und seine Truppe nach den verstreuten Elementen der „Ersten Weise“. Anders als der Gral wird sie schließlich gefunden bzw. vervollständigt.

Bis dies gelingt, ist wieder einmal der Weg das Ziel. An gewissen Orten der realen Welt gibt es Portale, die in andere Realitäten führen. Der Besuch solcher Stätten außerhalb bekannter Räume und Zeiten sorgt einerseits für interessante Verwicklungen. Andererseits erleichtern sie dem Verfasser die Arbeit: Er kann die Handlung auf Länge bringen, indem er den einen oder anderen Ausflug einfügt, der sich spannend liest, ohne für das Geschehen von elementarer Bedeutung zu sein. Vor allem im Mittelteil verlässt sich Bennett ein wenig zu deutlich auf dieses Erzählen um des Erzählens willen.

Man verzeiht ihm aufgrund seines Einfallsreichtums sowie der Eleganz, mit der er selbst Klischee-Gestalten der Phantastik – Gespenster, (böse) Elfen, Naturgeister – neu interpretiert und ihnen frisches Leben einhaucht. In seinen besten Szenen – und diese sind erfreulich zahlreich – gelingt es Bennett, das Reale und das Irreale nicht nur zu verknüpfen, sondern dieser Verbindung eine ganz eigene Bühne zu schaffen. Darin war er in „Mr. Shivers“, seinem Roman-Erstling, noch gescheitert.

Langer Anlauf, hoher Sprung

Schon angedeutet wurde eine Auflösung, die viele lose Fäden aufgreift und verknüpft. Angesichts des buchstäblich kosmischen Rahmens, in den Bennett „Silenus“ einbettet, wird dies zu einer echten Herausforderung. Die Gefahr war groß, mit der Schilderung des wahrhaft Epischen ins Lächerliche abzudriften. Bennett kann dem nicht immer entgehen, doch insgesamt hat er seine Geschichte im Griff und krönt sie mit einem angemessen grandiosen Finale.

Ins Stolpern gerät er stattdessen in jenen Szenen, die Georges steinigen Weg zur Erkenntnis und ins Erwachsenenalter beschreiben. Während das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn selbst unter Nutzung einschlägiger, spätestens aus Kino und Fernsehen sattsam bekannter Gefühlsausbrüche glaubhaft erscheint, bietet die ‚Liebesgeschichte‘ zwischen George und Colette nur seifenoperschaumigen Kitsch, der sich über viel zu viele Seiten ergießt.

Für einen weiteren Fehler darf man nicht dem Verfasser die Verantwortung geben: „Silenus“ ist der denkbar falsche Titel für diesen Roman. Er weist der gleichnamigen Figur eine zentrale Position zu, die ihr in der Geschichte nicht zukommt. Diese heißt im Original sehr viel treffender „The Troupe“, denn es ist die besondere Dynamik der Gruppe, die diese Handlung trägt. Silenus ist auch keineswegs jener dämonisch attraktive Magier, der uns auf dem deutschen Cover mit blitzendem Blauauge durchbohrt, sondern – viel interessanter – ein verbrauchter, ausgelaugter Ritter, der mehr oder weniger erfolgreich verdrängt, dass er für die Rettung der Welt seine Mitstreiter und Freunde verheizt.

Es geht voran

Nur zwei Jahre (und ein weiteres Buch) liegen zwischen „Mr. Shivers“, Bennetts Debüt-Roman, und „Silenus“. In dieser kurzen Zeitspanne hat der Autor sichtlich an Professionalität gewonnen. Das unentschlossene Mäandern einer an sich fesselnden Geschichte ist nicht verschwunden – noch nicht, denn die Fortschritte sind so deutlich, dass sie zu der Hoffnung Anlass geben, mit Bennett einen Schriftsteller entdeckt zu haben, der nicht nur routiniert erfolgreiche Muster kopiert, sondern Innovationen versucht und sich darin noch steigern kann.

Der deutsche Verlag scheint ebenfalls an Bennett zu glauben. Abermals erscheint sein aktuelles Werk als Paperback und mit modisch ‚unbeschnitten‘ wirkender Papierkante. Wichtiger ist die ebenfalls gute Übersetzung, und erfreulich ist „Silenus“ schließlich als Lebenszeichen einer Fantasy, die wider Erwarten im trost- und geistlos toten Meer der Romantasy überdauert zu haben scheint.

Autor

Über den privaten Robert Jackson Bennett, einen jungen aber sehr aktiven Schriftsteller, ist (noch) wenig bekannt. Er wurde 1984 in Baton Rouge, US-Staat Louisiana, geboren und wuchs in Katy, einer Kleinstadt in Texas, auf. Später studierte Bennett an der „University of Texas“ in Austin.

Eine akademische Karriere schlug er nicht ein, sondern sich – bald ein junger Familienvater – in einer Reihe unterbezahlter Jobs durch; u. a. arbeitete er in einem Callcenter und als Packer in einer Fabrik.

In dieser Zeit entstand „Mr. Shivers“, Bennetts Romandebüt, ein Historien-Roman mit phantastischen Elementen, dem er mit „The Company Man“ einen Kriminalroman folgen ließ, der im Jahre 1919 spielt. Auch „The Troupe“, Bennetts dritter Roman, ist wieder ein „period piece“, das dieses Mal im Milieu des US-Vaudevilles angesiedelt ist.

Mit seiner Familie lebt Robert Jackson Bennett in Austin.

Robert J. Bennetts Blog

[md]

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UND:

Zum Buch

George ist ein zarter, dürrer Junge von gerade mal sechzehn Jahren. Sein ganzes Leben hat er bisher im Haushalt seiner Großmutter verbracht, da seine Mutter bei seiner Geburt verstarb. Seinen Vater hat George nie kennenlernen dürfen. Deshalb beschließt er, von Zuhause fortzugehen und seinen Vater zu suchen. Sein einziger Anhaltspunkt ist eine alte Eintrittskarte mit dem Bild seines Vaters darauf, denn dieser gehört einer reisenden Künstlertruppe an. Er tritt in die Fußstampfen seines Vaters und wird Hauspianist eines kleinen Theaters, in dem sein Vater schon einmal aufgetreten ist. Doch seine Hoffnung wird vollkommen zerstört, als sein Vater beschließt, auf dieser Tour nicht in diesem Theater aufzutreten. Deshalb tut George, was er tun muss: Er kündigt seinen Job und reist seinem Vater hinterher. Auf dieser Reise begegnet er seltsamen Gestalten und der Stille. Als George seinen Vater endlich eingeholt hat, ist der Empfang nicht so, wie George ihn erwartet hat. Schnell kommt für ihn das böse Erwachen …

Fazit

Den Leser erwartet bei diesem Roman eine wirklich abwechslungsreiche Story mit vielen überraschenden Wendungen. Die Inhaltsbeschreibung lässt zunächst altbekannte Motive vermuten, wie etwa die Findung der eigenen Identität, der Roman ist aber auf den zweiten Blick vollkommen anders gestrickt. Schnell taucht der Leser nicht nur in die Welt des Theaters, sondern auch in eine ihm unbekannte Parallelwelt zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein, in deren Ecken dunkle Schatten lauern. Die Charaktere sind sehr ambivalent und lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Wer hier nach Archetypen sucht, sucht sie vergebens. Schnell findet man im Bösen etwas Gutes und die Motive der guten Figuren erscheinen einem auf einmal eigennützig.

Interessanterweise war überall im Roman die irische Mythologie verwoben und konnte sogar mit längst vergessenen Göttern aufwarten. Die Storylinie war dabei nicht besonders vorhersehbar und wechselte häufig die Schauplätze und schuf so eine zweite Realität, die einem so manchen Schauer über den Rücken laufen ließ. Auch Elemente des subtilen Horrors waren in dem Roman verbaut, die in der Lage waren menschliche Urängste anzusprechen. Schattenmänner, wandelnde Tote und Mörderpuppen gehörten genauso zu dieser Welt wie zauberhafte Feen und vergnügungssüchtige Elfen. Das Ende war die Krönung des Unerwarteten und lichtete zu meinem Leidwesen die Reihe der Hauptcharaktere stark. Auch scheint das Ende hier wirklich das Ende zu sein, denn es lässt nicht viel Raum für eine mögliche Fortsetzung.

Ein etwas anderer Roman, der den Leser zwar herausfordert, ihm aber dafür auch vieles Neues und Interessantes bieten kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

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Preisrätsel 3 x 1 Exemplar: Wer eines dieser Exemplare erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Was passierte mit Georges Mutter? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 300 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! BITTE NICHT VERGESSEN, DIE ANSCHRIFT UND E-MAIL-ADRESSE MIT ANZUGEBEN! ACHTUNG! DIE GEWINNTITEL SIND ALLE AM SCHNITT NICHT GLATT GESCHNITTEN SONDERN WELLIG. DER VERLAG HAT UNS DIE TITEL SO ZUGESENDET.


GEWINNER: Karla Rauscher, Margarethe Schleier, Margreth Blystone. WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND SPONSOREN!

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Amanda Hocking: Vereint. Die Tochter der Tryll Band 3. – DREIMAL IM PREISRÄTSEL AUF SFBASAR.DE!

Erstellt von Detlef Hedderich am 6. November 2012

Amanda Hocking
Vereint
Die Tochter der Tryll Band 3

Torn – A Trylle Novel (2011)
cbt Verlag
ISBN 978-3-570-16146-3
Fantasy, Liebe & Romantik, Kinder & Jugend
Erschienen 2012
Übersetzer Violeta Topalova
Umschlaggestaltung init.büro für gestaltung, Bielefeld
Umfang 346 Seiten

www.cbt-jugendbuch.de
www.amandahocking.blogspot.com/

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Autorenporträt

Amanda Hocking, geboren 1984, lebt in Austin, Minnesota. Sie wurde im Zeitraum von Dezember 2010 bis März 2011 mit neun als E-Books selbst verlegten Büchern überraschend zur Auflagen- und Dollar-Millionärin. Inzwischen verhandelt die ehemalige Altenhelferin über Filmrechte für eine ihrer Trilogien. Mit ihren selbst verlegten Romanen (und zwar ausschließlich auf der digitalen Plattform) gilt Amanda Hocking als derzeit erfolgreichste Schriftstellerin der Welt.  (Quelle: cbt)

Zum Buch

Wendy steht kurz vor ihrer Heirat mit ihrem besten Freund Tove, den sie zwar sehr nett findet aber nicht liebt. Doch ihr bleibt keine andere Wahl, wenn sie später einmal das Königreich regieren möchte. Tove ist der Einzige, dem sie bei Regierungsgeschäften Vertrauen schenken kann. Der Waffenstillstand mit den Vittra, währt nur so lange, wie Wendy nicht gekrönt wird. Doch der Tod ihrer Mutter steht unmittelbar bevor. Als der schwerverwundete Loki auftaucht und um Asyl bietet, wird Wendy deutlich vor Augen geführt, dass ihr Volk keinem Krieg standhalten kann. Eine Prophezeiung verengt Wendy Handlungsspielraum zusehends, sodass sie zu ungewöhnlichen Mitteln greift und alles aufs Spiel setzt …

Fazit

Mit diesem Roman ist Amanda Hocking der Abschluss ihrer Tryll-Reihe wirklich gut gelungen. Nicht nur die Liebesthematik steht im Vordergrund, sondern auch der Machtaspekt wird weiter ausgebaut und zu seinem Höhepunkt geführt. Dabei ist der Schreibstil der Autorin wie gewohnt sehr flüssig, lebendig und mitreißend. Die Charaktere werden einem immer sympathischer und zeigen ungeahnte Entwicklungen auf. Und auch der Verlauf der Geschichte ist anders, als der Leser dies vermutet hätte. Am Ende verschwimmen die klaren Grenzen zwischen Freund und Feind, Liebe und Hass und heben den Roman somit auf eine neue Stufe. Nur die Fans von epischen Endschlachten kamen nicht voll und ganz auf ihre Kosten, dafür entschädigt aber so mancher Schicksalsschlag und so manches unerwartete Auftauchen eines bösen Gegenspielers.

Ein rund um gelungener Abschluss einer Trilogie, die einen in magische Welten führt und einen dort gefangen hält.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

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GEWINNER: Savanna Velten, Catharina Schrewe und Roman Davids. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! Wir bedanken uns bei allen Mitspielern und unserem Sponsoren!

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GRANOCK – Ein Fantasy-Fragment von Cameo Flush

Erstellt von Cameo Flush am 31. Oktober 2012

GRANOCK

Ein Fantasy-Fragment

von

Cameo Flush

Dieses Textstück wurde für den “Granock” Wettbewerb des Piper Verlages geschrieben. Der Autor Michael Peinkofer gab knapp 2 Seiten Text vor und die Teilnehmer sollten die Szene weiterführen. Dies war mein Beitrag (der leider nicht gewonnen hat). Trotzdem möchte ich ihn hier einem weiteren Publikum und einer Jury präsentieren.
(Anm. der Autors)

********************************************
Granock fragte sich, wie lange ihn die Bestie noch belauern wollte, bis sie auch ihn zerfetzen würde.

Sie spielt mit mir, kam ihm ein wenig erbaulicher Gedanke.

Granock schüttelte die Vorstellung von sich und tastete sich mit seiner freien Hand an der Wand entlang. Mit Grauen erinnerte er sich daran, dass er selbst mit den geschärften Sinnen eines Zauberers sie nicht hatte kommen hören. Nur einen Wimpernschlag, bevor sie seinen ersten Begleiter gepackt hatte, war ihm ein Schwall ekelerregenden Gestanks in die Nase geraten, der ihm fast den Atem geraubt hatte. Zumindest hatte dieser stinkende Odem verhindert, dass er rechtzeitig reagieren konnte.

Farawyn hat also recht, dachte er bitter, wenn er mir vorwirft, ich würde das Training meiner Reflexe vernachlässigen. Nun, vielleicht sollte ich mich wirklich nicht allein auf magische Kräfte verlassen.

Er warf einen sinnlosen Blick durch die Dunkelheit auf seinen Zauberstab und dem ebenfalls stockdunklen Elfenkristall an dessen Spitze.

Warum nur lässt sich flashyn hier nicht entzünden? Welch dämonische Macht lässt selbst Elfenwerk versagen?

Wieder blitzte die schreckliche Szene vor ihm auf, als würde er sich immer noch mit Baldouin und dessen Vetter Merywyn auf dem steilen Weg zum Stolleneingang befinden.

Die beiden Männer hatten es sich nicht nehmen lassen, ihn auf seiner Suche zu begleiten. Selbst sein Hinweis, wohin er gehen wollte – nein, musste – hatte sie nicht abschrecken können. In zu vielen Schlachten hatten sie sich als Sieger bewährt. Zwar hatten auch sie Verletzungen davongetragen, einige davon wirklich lebensbedrohlich. Aber niemals hatte in ganz Andaril jemand daran gezweifelt, dass sie zu den besten Kriegern des Landes zählten. Jedes Wort, mit dem er sie davon abhalten wollte, seinen Begleitschutz zu bilden, hatte sie nur noch mehr darin bestärkt, ihn nicht allein zu lassen. Selbst jetzt – auf diesem Weg in den Abgrund – hörte Granock noch die dröhnende Stimme Merywyns in seinem Kopf nachhallen:

„Du glaubst doch nicht einen Augenblick, dass wir dich allein dort hinunterlassen, Zauberer?“

Und sein Vetter Baldouin hatte in die gleiche Kerbe geschlagen:

Wenn es dort dieses … Ding wirklich gibt, dann werden wir es uns holen!“

Er hatte es schließlich aufgegeben, sie umzustimmen. Ja, als er ein wenig darüber nachdachte, kam ihm der Gedanke, von zweien der besten Krieger eskortiert zu werden, sogar vorteilhaft vor. Ihre beiden Schwerter ermöglichten es ihm, auf ein eigenes zu verzichten.

Ich brauche beide Hände für meine Magie. Die Rechte trägt den Stab mit flashyn, meine Linke gibt die Richtung an, in der ein Zauber wirken soll. Da bleibt keine Hand für irgendwelche Waffen übrig!

Neue Bitterkeit stieg in ihm auf, als seine Erinnerung ihm mit gnadenloser Schärfe erneut das Bild des blitzartigen Überfalls präsentierte: Baldouin wurde plötzlich in die Höhe gerissen und sein grässlicher Schrei fast augenblicklich in einem Gurgeln erstickt, gefolgt von einem wahren Regen aus Blut.

Granock und Merywyn hatten nur einen grauen Schatten und Reißzähne in der Länge von Unterarmen sehen können. Mehr nicht.

Merywnys Reflexe waren eindeutig schneller als seine gewesen. Der Krieger stieß einen Schrei aus, der Angriff und Entsetzen zugleich ausdrückte, und schaffte es tatsächlich noch, sein Schwert zu ziehen. Geholfen hatte es ihm nicht. Ein langes Ding – von dem Granock immer noch nicht wusste, ob es ein dornenbesetzter Schwanz oder ein ebensolcher Tentakel gewesen war – war durch die Luft gepeitscht und hatte den Vetter Baldouins einfach in der Mitte durchschnitten wie ein frisch geschliffenes Messer einen Laib Brot.

Merywyns geteilter Körper war in einer Wolke aus Blut in die Tiefe gestürzt und noch im Fallen starrten seine ungläubigen und toten Augen zu Granock empor, der in diesem Augenblick nicht in der Lage war, auch nur einen Finger zu rühren. Erst als ein Schatten an ihm vorbeistürzte und Granock in diesem den Körper Baldouins erkannte, hatte er seine Starre überwinden können, sich herumgeworfen und war in den nur wenige Meter entfernten Stolleneingang mehr gestolpert als gerannt.

Warum hat mich die Bestie in diesem Moment nicht auch getötet?

Wieder hatte er das Gefühl, dass die Kreatur ein böses Spiel mit ihm trieb.

Er tastete sich vorsichtig weiter im Stollen entlang und bemühte sich, kein unnötiges Geräusch zu machen. Gleichzeitig ahnte er, dass die Sinne der Kreatur – irgendwo vor ihm in der Finsternis – auch seine leisesten Geräusche registrieren würden.

Wieder stießen seine Füße gegen etwas, was sein Verstand sofort mit Knochen assoziierte. Abrupt blieb er stehen und lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Ich bin wirklich viel zu sehr auf meine magischen Fähigkeiten fixiert, dachte er ärgerlich und verfluchte sich selbst.

„Die mir auch nicht das Geringste zu nutzen scheinen“, murmelte er leise vor sich hin und ging ganz langsam in die Knie. Seine Linke tastete am Boden herum und hatte bald einen größeren Knochen gefunden, der deutlich schwerer wog, als es der größte menschliche Knochen vermochte.

Welches Futter gibt man denn der Bestie hier zu fressen?, dachte er und wunderte sich, dass sein Unterbewusstsein sich scheinbar entschlossen hatte, hinter dem Vieh – welcher Art es auch immer angehören mochte – einen Besitzer zu vermuten. Gleichzeitig gefiel ihm der Gedanke gar nicht, das noch mehr von seiner Sorte existieren könnten. Granock schob diese unerfreulichen Aussichten in die Tiefe seines Gehirns und fragte sich, was er um den Knochen wickeln könnte, um eine primitive Fackel herzustellen.

Du kommst wirklich aus der Übung, du Anfänger, verspottete er sich selbst. Du hast dich viel zu schnell daran gewöhnt, ein paar Wörter auszustoßen und schon spendet dir der Elfenkristall so viel Licht, wie du benötigst.

Seine Hand suchte eine Weile auf dem Boden herum, konnte aber außer weiteren Knochen, kleinen Steinen und Erdkrumen nichts Brauchbares finden. Granock hielt in seiner Suche inne und lauschte in die Dunkelheit. Mehr als zwanzig Herzschläge lang wartete er und konnte nichts anderes hören als seinen eigenen Atem und – so schien es ihm zumindest – immer lauter schlagenden Herzens.

„Na schön“, murmelte er leise vor sich hin. „Probier es einfach.“

Er legte mit übertriebener Sorgfalt seinen Stab auf die Erde und suchte nach dem Saum seiner Kutte. Das Geräusch, das der Stoff erzeugte, als er mit beiden Händen breite Streifen davon abriss, kam ihm viel zu laut vor.

Da kann ich das Vieh ja gleich mit einem herzlichen Hallo hierher rufen.

Mit raschen Bewegungen wickelte er die Streifen fest um den Knochen und steckte das Ende des Letzten zu einem festen Knoten zusammen. Für einen Moment schwebte seine Rechte wieder über dem Zauberstab, ließ ihn aber dann doch liegen. Stattdessen glitt seine Hand in die Falten seiner Kutte, suchte nach dem kleinen Feuerstein und fand ihn auf Anhieb. Noch in dem Moment, als er mit schnellen Schlägen dem Stein kleine Blitze entlockte und in dem fast nicht wahrzunehmenden Licht, dass sie erzeugten, sein Werk in die Funken hielt, war ihm klar, dass die Fackel nicht lange brennen würde.

Der Stoff ist zwar trocken, aber mit nichts getränkt, was ihn länger brennen lassen würde. Ich werde mich beeilen müssen.

Er sah sich schon tief im Berg stehen, halb nackt mit einer endgültig erloschenen Fackel in der Dunkelheit, das unsichtbare und dankbare Grinsen der Bestie vor sich, die sich freute, dass er so freundlich gewesen war, ihr Mahl von der geschmacklosen Kleidung befreit zu haben.

Als der Stoff endlich Feuer fing und sich zu seiner Überraschung nur langsam in Brand setzte, fiel ihm ein, dass die Weber, von denen die Zauberer ihre Kutten bezogen, ihre Stoffe auch mit Elfenfäden durchwebten. Wahrscheinlich würde ein Stoff aus reiner Elfenseide sich nur sehr schwer oder gar nicht entzünden lassen. Jetzt entpuppte sich die Kombination aus einfacher Baumwolle und einem geringen Anteil an Elfenseide als überaus geeignetes Material für eine Fackel.

Das werde ich mir merken. Für später. Wenn es für mich ein später geben wird.

Dann griff er nach seinem Stab und erhob sich. Rasch blickte er in beide Richtungen des Ganges. Der Teil hinter ihm machte einen Bogen, den er in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Das Stück vor ihm verlief etwa dreißig Schritte gerade und verlor sich dann in der dahinter herrschenden Finsternis.

Plötzlich erscholl ein Geräusch, das nicht anderes sein konnte als das feste Aufsetzen eines Beines auf Erdboden. Granock vermeinte darin das Knacken brechender Knochen erkennen zu können, war sich aber nicht sicher. Worin er sich aber felsenfest sicher war, das war die Richtung, aus welcher das Geräusch gekommen war.

Hinter ihm!

Ein eiskalter Schauer fuhr über seine Haut und gleichzeitig stellte er fest, dass die Wände vor ihm nicht matt erschienen, sondern dem Licht seiner Fackel einen leicht glänzenden Schein zurücksandten. Er machte rasch einige leise Schritte weiter den Gang entlang und warf nur einen bestätigenden Blick auf die Wände.

Feuchtigkeit.

Ein leichter Luftzug, der ihm entgegenwehte, schmeckte feucht und modrig auf seiner Zunge. Seine Nase sog prüfend die Luft ein und ein seltsamer Geschmack legte sich auf seinen Gaumen, die Schleimhäute und schien sie verkleben zu wollen. Je weiter er in den Gang hinein ging, desto feuchter wurde die Luft. Jeden Atemzug konnte er von der Nase, über seine Luftröhre bis tief hinunter in seine Lungen verfolgen. Erschrocken blieb er stehen und horchte in sich hinein.

Welcher Brodem schwebt hier in diesen Gängen? Ist es der Furz dieser Bestie, die mir das Atmen erschwert oder die Ausdünstungen von etwas noch Gefährlicherem?

Wieder hatte er den Eindruck, dass hinter dem Vieh, das ihn unzweifelhaft jagte, ein noch mächtigerer Gegner lauerte.

Granock riss sich zusammen und packte die Fackel und seinen Stab fester. Er überwand die anfänglich beleuchteten dreißig Schritte und entdeckte in einer gleich langen Entfernung eine Abzweigung auf der rechten Seite.

Entweder hat mich die Kreatur umgangen oder ich bin in der Dunkelheit schon einmal an einer solchen Abzweigung vorbeigekommen, ohne es zu merken. Ein weiterer Schauer ließ ihm die Gänsehaut aufsteigen. Womöglich bin ich an der Bestie vorbeigegangen. Und sie hat mich nicht getötet und gefressen!

Granock war zwar noch ein recht junger Zauberer, aber nicht auf den Kopf gefallen.

Sie treibt mich vor sich her! Sie spielt nicht mit mir, sie drängt mich irgendwohin, durchfuhr es ihn. Und ein weiterer frustrierender Gedanke trug wenig dazu bei, seinen Mut und seine Zuversicht zu steigern. Entweder ist es eine Falle oder man … erwartet mich bereits.

Ersteres erschien ihm unsinnig zu sein, denn die Bestie hätte ihn sicher längst genauso rasch und unausweichlich zerfetzen können, wie sie es mit Baldouin und Merywyn getan hatte.

Und wenn dort unten jemand oder etwas auf mich wartet, dann will man etwas von mir. Also wird mich die Bestie nicht töten. Zumindest nicht, bis ich das getan oder gesagt habe, was man von mir erwartet …

„Na schön“, sagte Granock immer noch leise, aber mit deutlich mehr Hoffnung in der Stimme als zuvor.

Er war vielleicht eine Stunde durch ein Labyrinth aus immer feuchter werdenden Gängen und Abzweigungen geschlichen und hatte an jeder Gabelung oder Kreuzung angehalten. Beim ersten Mal wählte er scheinbar den falschen Weg, denn kaum hatte er seinen Fuß in dessen Richtung gesetzt, zischte es hinter ihm – und erschreckend nah – fauchend auf und er blieb stehen. Wählte er den vorgeschlagenen Kurs, hörte er nichts.

Außerdem hatte er sicher mehr als fünfzig Mannslängen Höhenunterschied überwunden und der Weg ging weiterhin abwärts. Die zunehmende Feuchtigkeit bereitete ihm auch Schwierigkeiten einen sicheren Tritt zu fassen und zweimal wäre er beinahe gestürzt, so glitschig und schleimig wurde der Boden. Gerade als er wieder einmal ins Wanken geriet, ging die Neigung unvermittelt in ebenerdigen Boden über.

Und dort vorne endet der Gang, dachte er, als sich das Licht seiner erfreulicherweise immer noch brennenden Fackel nicht an einer Wandung spiegelte, sondern sich in einem leeren Raum verlor, der große Ausmaße zu besitzen schien. Als hinter ihm ein aufforderndes Stampfen den Boden erzittern ließ, legte er die letzten Schritte des Ganges zurück und fand sich am Rand einer offensichtlich riesigen Höhle wieder. Wasser tropfte mehrfach von einer weit entfernten Decke und manche Tropfen klangen so, als würde sie auf eine Wasserfläche treffen.

Ein unterirdischer See.

Granock hielt die Fackel weit über seinen Kopf, um nicht selbst von ihrem Licht geblendet zu sein und sah weit im Hintergrund der Höhle tatsächlich eine spiegelglatte Fläche blitzen.

Und am äußersten Rande des Sees …

Ihm stockte der Atem.

Das Bild, das sich ihm bot, hätte er nun wirklich nicht erwartet. Er blinzelte mehrere Male, doch der Anblick blieb unverändert bestehen.

„Willkommen … Zauberer“. Die Stimme der Frau war genauso faszinierend wie ihr Gesicht, ihr Körper, ihre ganze Erscheinung.

Granock hatte schon viele Frauen gesehen: Marketenderinnen, Dirnen, edle Damen und sogar Elfenfrauen mit ihrer unglaublichen Anmut und Schönheit. Doch dieses weibliche Wesen stellte sie alle in den Schatten. Und das im wahrsten und doppelten Sinne. Ihre Haut leuchtete makellos und nackt durch die Dunkelheit der Höhle. Sie strahlte ein so helles Licht aus, dass Granock aus den Augenwinkeln die Größe der Höhle nur zum Teil wahrnahm, und trotzdem mehr als beeindruckt war. Sie musste gigantisch sein. Fast automatisch sank seine Linke mit der Fackel nach unten.

„Richtig, du kannst dein Licht ruhig löschen. Ich bin in der Lage uns allen genug Helligkeit zu spenden“, sagte sie und erst jetzt hatte Granock soviel von seiner Überraschung überwunden, dass er in ihrer glockenhelle Stimme den darin eingebetteten schmeichelnden Ton bewusst hörte.

Aber bei aller Bewunderung für ihre atemberaubende Schönheit hatte er doch nicht vergessen, warum er hier war und vor allem: wie er den Weg hierher gefunden hatte. Und wie sie das Wörtchen allen betont hatte, gefiel ihm noch viel weniger. Er drehte sich langsam um und sah nur ein halbes Dutzend Schritte hinter sich die Bestie im Gang lauern.

„Hab keine Angst, Zauberer. Thyranno wird dir nichts zuleide tun. Vorerst …“

Und auch sein Name gefällt mir nicht, dachte Granock und fletschte die Zähne. Gleichzeitig fühlte er ein Bitzeln in den Fingerspitzen seiner rechten Hand aufkommen. Es fühlte sich an, als würden Tausende Ameisen über seine Haut krabbeln.

Ich kenne dieses Gefühl …

„Was ist das für ein Wesen“, sagte er und steckte langsam die brennende Fackel neben sich zwischen einige mit Moos bewachsene Steine.

Jetzt habe ich die Hand wieder frei.

„Thyranno? Er ist ein Rhurak, ein Höhlendrache. Es gibt nicht mehr sehr viele von seiner Art. Die Zwerge haben die meisten getötet. Sie störten sie ein wenig bei ihrer Jagd nach Schätzen.“

Granock glaubte ihr kein Wort.

„Wie sollten Zwerge gegen eine ganze Brut von solchen Biestern siegreich sein können, wenn nur eines von ihnen genügte, um meine beiden Begleiter in kürzester Zeit in blutige Stücke zu zerreißen?“

Sie blickte ihn trotz der Entfernung mit einem so durchdringenden Blick an, dass Granock die darin nur mühsam verhaltene Wut erkennen konnte.

„Wie ich bereits sagte: es gibt nicht mehr viele von ihnen. Auch vor dem Eindringen der Zwerge in das Massiv existierten nur wenige Hundert.“ Ihr Gesicht verzog sich zu einem hinreißenden Lächeln und wäre es das Einzige gewesen, was sie an Signalen zu ihm geschickt hätte, dann wäre Granock versucht gewesen, ihr zu glauben. Aber ihre Augen loderten für einen Moment verräterisch auf, als sie fortfuhr. „Allerdings hege ich die Hoffnung, aus den verbliebenen Exemplaren eine neue Population heranziehen zu können“, säuselte sie und Granock fühlte kalte Schauer seinen Rücken hinunterlaufen. „Die Rhuraks sind so leicht zu beherrschen und so … nützlich.“ Schlagartig veränderten sich ihr Ausdruck und auch der Tonfall ihrer Stimme. „Die Zwerge jedoch kamen in Massen und scherten sich nicht um die Bedürfnisse der angestammten Bewohner des Berges. Sie interessierte nur Gold, Edelsteine und Erz. Als mehr und mehr Zwerge in den Stollen spurlos verschwanden, machten sich Hundertschaften bewaffneter Zwerge auf und massakrierten meine Lieblinge einen nach dem anderen. Oh, die Zwerge hatten Verluste, ohne Zweifel. Aber sie scheinen sich zu vermehren, wie Karnickel auf saftigen Wiesen. Meine Rhuraks dagegen sind sehr langlebig und dadurch ist ihr Fortpflanzungstrieb, nun ja … eingeschränkt.“

Schön zu wissen, dachte Granock und stellte neben ihrem Wortschwall zwei Dinge gleichzeitig fest, die ihm seine Situation deutlich besser erscheinen ließen.

Seine Augen hatten sich mittlerweile an die Lichtverhältnisse angepasst und so konnte er sehen, dass die Frau nicht etwa auf einem Felsen am Ufer des spiegelglatten Sees stand, sondern mindestens eine Handbreit darüber schwebte.

Die zweite Feststellung lieferte ihm seine rechte Hand. Das Prickeln hatte sich in einen beständigen Strom fließender Energie verwandelt, dessen wohltuende Kraft seinen Körper bis in die letzte Faser erfüllte.

In dieser Höhle ist wieder Magie möglich!

Diese freudige Überraschung ließ ihn aber nicht leichtsinnig oder unaufmerksam werden. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich der Höhlendrache völlig lautlos aus dem Gang heraus bewegt und ein Stück seitlich von ihm in sprungbereiter Haltung niedergelassen hatte. Jetzt konnte er ihn ganz genau im Schein seiner Herrin betrachten.

Thyranno hatte etwa die Größe eines Ochsen und seine schuppige Haut schien hart wie Granit zu sein. Sein Körper war lang gezogen und endete in einem Schwanz, der eine ganze Reihe von messerscharfen Stacheln aufwies. Noch jetzt klebte an ihnen das Blut von Granocks toten Gefährten. Der Zauberer wandte sich nun ganz offen in Richtung der Kreatur und für einige Momente trafen sich ihre Blicke.

Das ist ein Jäger, schoss es Granock durch den Kopf. Und als sein Blick auf die Haut des Höhlendrachen fiel, sank seine Zuversicht wieder um einige Grade. Die Schicht aus kleingliedrigen Schuppen ermöglichte dem Tier die Wendigkeit, die es vor dem Stollen – und auch darin – mehr als bewiesen hatte. Die sechs Beine endeten in weit auffächerbaren Füßen, die zwischen den Zehen Schwimmhäute erkennen ließen. Nur die Sohlen besaßen keine harten Platten, sondern wirkten auf Granock eher wie die Ballen von überdimensionierten Katzenpfoten.

Ein lautloser Jäger!, korrigierte sich Granock und fand bestätigt, dass weder ein einzelner Zwerg, noch ein Paar ausgewachsener Krieger aus Andaril, eine Chance gegen so einen Gegner haben konnten.

Aber ein Zauberer?

Er wandte sich wieder der schwebenden Schönheit zu, die ihm die ganze Zeit mit Besitzerstolz und einer dahinter mühsam unterdrückten Ungeduld beobachtet hatte.

Sie ist alles Mögliche, nur keine Jungfrau!

Granock bemühte sich, die Bestie an seiner Seite vorläufig zu ignorieren und konzentrierte sich auf die Lichtgestalt, die keine Absichten erkennen ließ, zu ihm zu kommen. Er war versucht, mit einer Hand den Schein seiner primitiven Fackel abzuschirmen. Er unterließ es, als er sah, dass sie schon ziemlich weit abgebrannt war und es nicht mehr lange dauern dürfte, bis sie erlosch.

Ich muss wissen, wer oder was sie wirklich ist, überlegte er und spürte das beruhigende Gefühl der Magie durch seinen Körper fließen. Weiß sie von dem, was die Zwerge wirklich in diesem Berg suchten? Hat sie es vielleicht sogar selbst gefunden? Aber dann schüttelte er den Kopf. Nein, denn dann wäre sie längst aus dem Berg heraus und würde das Land verheeren. Nur für einen Wimpernschlag spielte er mit dem Gedanken, sie könnte eine Gefangene des Höhlendrachen sein. Aber ein Blick in ihre Augen offenbarte ihm die wahren Herrschaftsverhältnisse.

„Wie heißt du und wie kommst du in diese Abgründe?“, fragte er. Er war auf ihre Antwort tatsächlich gespannt, auch wenn er fest damit rechnete, dass sie ihm etwas vorlügen würde. Gleichzeitig bereitete er sich innerlich auf einen Angriff vor.

„Gefalle ich dir?“, wich sie aus und öffnete ein wenig ihre Beine, sodass er ungehindert ihre Scham sehen konnte.

„Du bist die schönste Frau, die ich je in meinem Leben gesehen habe“, gab er unumwunden zu und bemerkte einen weiteren Umstand, der sich bisher seiner Aufmerksamkeit entzogen hatte. Um die schwebende Frau herum schien es ganz leicht zu flimmern, so als stiege warme Luft nach oben wie in einer Wüste. Doch hier war es kalt und feucht und sein forschender Verstand hatte die Erklärung scheinbar schon gefunden.

Das, was ich sehe, entspricht nicht der Wahrheit.

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie du an diesen Ort kommst. Und vor allem: was dich hier hält?“

„Das Gleiche könnte ich dich fragen, Zauberer: Was willst du hier?“

Sie hat zugegeben, überlegte Granock, dass ihre Kreaturen zumindest einen großen Teil der Zwerge in diesem Berg kaltblütig umgebracht haben. Die Überlebenden – wenn es denn welche geben sollte – werden nach ihrem Kopf schreien. Thyranno hat Baldouin und Merywyn auf dem Gewissen. Aufgrund ihrer Anordnung! Und auch jetzt bedroht mich dieses Vieh und wartet nur darauf, dass sie den Befehl dazu gibt. Mehr als genug für viele auf dieser Welt, zum Schwert zu greifen. Leide habe ich kein Schwert. Vielleicht sollte ich sagen: Den Göttern sei Dank habe ich bessere Waffen aufzubieten! Machen wir dem Schauspiel ein Ende, entschloss er sich und legte absichtlich Hohn in seine Antwort.

„Ich wollte die Zwerge besuchen und stelle nun fest, dass dein Schoßtier sie alle umgebracht hat. Und meine Begleiter“, sagte er kalt. „Und du trägst die Verantwortung dafür!“, fuhr er donnernd fort und verlegte sein Gewicht auf seinen rechten Fuß.

Scheinbar hatte auch sie eingesehen, dass er ihr nicht die Antworten liefern würde, die sie sich vielleicht erhofft hatte und auch ihr Trugbild ihn nicht täuschen konnte. Das Flimmern steigerte sich von einem Augenblick zum nächsten, weitete sich immens aus und füllte, mit die Augen verwirrendem Wabern, Granocks gesamtes Sichtfeld. Die Leuchtkraft nahm dabei ebenfalls zu und der Zauberer musste seine freie Hand erheben, um noch etwas erkennen zu können. Gleichzeitig drangen nun merkwürdige und entsetzlich klingende Geräusche an sein Ohr.

Granock warf einen raschen Blick auf Thyranno, doch die Bestie blickte ihn nur unverwandt an und schien auf einen Befehl seiner Herrin zu warten. Der lauernde Blick des Drachen traf Granock wie ein Stich. Kaum hatte er sich von diesem Blick gelöst, ließ ihn das neue Bild der Frau erbeben, wie ein Eisen auf einem Amboss, wenn der Hammer auf es niederfährt. Anstelle eines bezaubernden Weibes, hing dort nun ein Wesen über dem See, dass selbst den abgebrühten Farawyn erschüttert hätte.

Keine makellose Haut mehr sondern nass glitzernde Schuppen. Kein wohlgeformter Leib sondern monströse und verunstaltete Glieder, sich windend, schlängelnd, vor Kraft strotzend. Das, was bei dem Trugbild noch golden glitzerndes Haar gewesen war, flog nun wirr und sabbernd durch die Luft. Schleimige Tropfen fielen auf den See und dort, wo sie auftrafen, zischte und rauchte es. Der Kopf des Unwesens war groß wie ein Zelt und tatsächlich hatte Granock das Bild flatternder Bespannung und Seilen vor Augen, als er sich abgestoßen einen Schritt zur Seite bewegte.

Sofort fauchte Thyranno auf und machte ebenfalls einen mächtigen Schritt auf ihn zu.

Granock blieb wie angewurzelt stehen und doch drängte in ihm alles zur Flucht.

Ich habe keine Chance gegen beide zugleich, dachte er und fasste seinen Stab mit dem Elfenkristall fester. Mit Grauen beobachtete er, wie sich ein riesiges Maul auffaltete und anstelle einer Zunge ein glibberig glitzender Rüssel ausrollte und genau auf ihn zielte.

Was auch immer aus diesem Schlund dringen mag, ich werde nicht warten, bis es mich trifft.

Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als ein dicker Strahl einer gelblichen Flüssigkeit hervorschoss und mit rasender Eile genau auf ihn zuflog.

„Sym tabbue nu e mórr!“, schrie er mit aller Kraft und stieß den Elfenkristall mit beiden Händen hoch in die Luft. Neun Schritte näher dem Tod! Und kaum hatte er die letzte Silbe beendet, erstarb das Getöse des Untiers und jegliches andere Geräusch in der riesigen Höhle.

Granock atmete auf, als er sah, dass der gelbe Speichel des Monsters nur eine Armlänge vor ihm wie ein giftiger Speer in der Luft verharrte, gefangen in der eingefrorenen Zeit.

Neun Schritte, dachte er und dankte den Göttern und Elfen für diesen mächtigen Zauber. Überleg dir gut, wohin du neun Mal deine Füße setzt!, mahnte er sich selbst und sah sich um. Beim letzten Schritt bricht die Starre und die Zeit fließt, als wäre nichts geschehen.

Doch Granock hatte diesen Zauber schon zwei Mal in seinem Leben einsetzen müssen und hatte sich vor der ersten Silbe an den bestmöglichen Anfangspunkt für die Schritte gebracht. Er machte zwei Schritte und hielt an, tat einen Dritten und stoppte erneut.

Ich benötige einen weniger, um den perfekten Standpunkt zu erreichen, dachte er und legte mit Vorsicht die Schritte Vier bis Acht zurück. Ein letzter Blick auf den Drachen und seine Gebieterin, dann machte er einen winzigen Schritt.

Aber er genügte.

Die Starre brach und jedwede Bewegung setzte dort an, wo sie so abrupt geendet hatte.

Der Strahl aus dem Maul des Monsters traf Thyranno mitten in den aufgerissenen Rachen. Der Höhlendrache würgte und spuckte sofort, doch es war zu spät. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich seine zahnbewehrte Schnauze in einen blubbernden und zischenden Albtraum.

Aber Granock hielt sich nicht mit dem Todeskampf des Höhlendrachen auf, sondern rannte die wenigen Schritte in den Stollen, durch den er getrieben worden war. Er warf nur einen Blick zurück und sah, dass die schleimige Ausgeburt der Finsternis verwirrt in der Luft schwebte und nicht begriff, was gerade geschehen war. Dann verschwand er im Dunkel des Gangsystems.

Thyranno ist tot, überlegte er befriedigt und hastete vorwärts. Und das riesige Monster kann mir in diesen engen Gängen nicht folgen. Wenn es einen Weg aus dem Berg gefunden hätte, hätte es ihn schon längst genommen. Die Zwerge in diesem Teil des Massivs sind ebenfalls tot und nichts deutet darauf hin, dass sie die Waffe gefunden haben.

Granock tastete sich an den Wänden entlang so schnell er konnte.

Für eine neue Fackel ist noch Zeit genug, wenn ich aus der unmittelbaren Umgebung dieses Untiers entkommen bin, dachte er und ignorierte die Verletzungen an Füßen und Händen, die er sich an scharfen Steinen zuzog.

Was sind diese Wunden schon gegen die 27 Schritte, die ich nun insgesamt meinem Tod näher gekommen bin. Alles hat seinen Preis.

Mit diesem Gedanken floh Granock durch die Dunkelheit und nur ein kleiner Teil seines Verstandes beschäftigte sich mit der Befürchtung, dass in dem Labyrinth vor ihm noch Artgenossen Thyrannos auf ihn lauern mochten.

Copyright © 2012 by Cameo Flush

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

DIE GEWINNERSTORY IST ALS E-BOOK BESTELLBAR

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Michael Peinkofer
Das Zauberer Handbuch

Piper Verlag
ISBN 978-3-492-26791-5
Bildung, Sachbuch
Erschienen 2012
Titelbild Alan Lathwell
Umschlaggestaltung Guter Punkt, München
Umfang 332 Seiten

www.piper-verlag.de
www.michael-peinkofer.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Autorenporträt

Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikations-wissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift »Moviestar«. Mit seiner Serie um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasy-Autoren Deutschlands. Seine Romane um »Die Zauberer« wurden zu Bestsellern. 2012 hat Michael Peinkofers neue Trilogie um das Schicksal der »Splitterwelten« begonnen.

Zum Buch

Michael Peinkofer beschreibt, gegliedert in 5 verschiedenen Kapitel mit einer unterschiedlichen Anzahl von Unterkapiteln die Entstehung eines Romans von der Pike an. Hierbei berichtet er meist aus seinen persönlichen Erfahrungen heraus, wie er gleich zu Anfang des Buches deutlich macht. Er beginnt bei den Vorbereitungen, wie etwa die Erstellung einer Grobskizze des Handlungsaufbaus bis hin zur Skizzierung der Figuren und führt hierdurch in den Schreibprozess ein. Daran anknüpfend erfolgt eine Einordnung des Fantasyromans, bei dem sowohl auf den Aufbau, im Sinne des klassischen Dramas, wie auch auf Archetypen eingegangen wird. Erst danach wird zur Ausgestaltung des Romans übergegangen, in Szenen und Perspektivfragen eingeführt, sowie auf grundlegende stilistische Mittel und Dialogführung eingegangen. Anschließend wird noch kurz darüber aufgeklärt, mit welchem Personenkreis sich der werdende Autor herumschlagen muss oder darf, um dann damit abzuschließen, wie man am besten sein Buch an den Mann (in diesem Fall der Agent) oder an einen Verlag bringt. Durchdrungen ist der ganze Band nicht nur von Szenen aus seinen eigenen Büchern, sondern auch von Rückbezügen auf Tolkien und Star Wars.

Fazit

Das Buch war ein guter Ratgeber für den Einstieg ins Schreiben. Allerdings wurde ich nicht mit ihm warm. Das lag nicht am Schreibstil, denn der war sehr gut und auch nicht daran, dass es an praktischen Beispielen zur Veranschaulichung gemangelt hätte, sondern einfach an mir selbst und meiner Persönlichkeit als Schreiber. Zum einen hätte ich bei jedem Kapitel mehr gewollt, was aber eine kurze Einführung einfach nicht liefern kann und zum anderen passte der Ratgeber nicht zur Grundstruktur meines eigenen Schreibens. Ich bin einfach kein Plotter. Allerdings habe ich auch noch nie die Ansprüche an mich selbst gestellt einen ganzen Roman zu verfassen, vielmehr lebe ich immer in den einzelnen Momenten mit meinen Charakteren auf. Für jemanden allerdings, der den Anspruch an sich hat, einen Roman zu verfassen und dem das Plotten, mit Kapitelstrukturierung liegt, für den ist das Buch Gold wert. Nach dieser kurzen Einführung ins Schreiben weiß man nämlich genau, wo man noch tiefer bohren und mehr Wissen sammeln muss: Sei es bezüglich des Erzählstils oder des Dialogschreibens. Besonders gut gefiel mir, dass am Ende des Romans noch eine kurze Literaturliste zu finden war – da werde ich mir so manchen Band einmal zur Vertiefung zu Gemüte führen.

Ein gutes Einstiegswerk für werdende Autoren, die sich mit dem Plotten nicht allzu schwer tun.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

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