ABSEITS VON ALLEM (Teil 1) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis
Erstellt von Susanne Gavénis am 28. März 2013
ABSEITS VON ALLEM (Teil 1)
aus: “Shaans Bürde”
Fantasy-Roman
von
Susanne Gavénis
Das klare, tragende Lied des Morgensängers, mit dem der winzige, unscheinbare Vogel auf unnachahmliche Weise die aufgehende Sonne begrüßte, hallte durch das Tal, brach sich an den Felsen zu einem vielfachen Echo und wehte durch das geöffnete Fenster des kleinen Backsteinhauses, über dem noch die Schatten der Nacht hingen. Die verspielte Melodie weckte Shaan, so wie an jedem Morgen.
Noch verschlafen öffnete er die Augen, fand sein Gesicht wie so oft unter statt auf dem Kissen wieder und drehte sich vom Bauch auf den Rücken. Das Laken, das sich im Schlaf fest um seine Körpermitte gewickelt hatte, schnürte ihn ein wie der Leib einer Riesenschlange. Schnaufend richtete sich Shaan auf, zog und zerrte daran, bis es ihn widerwillig freigab, und ließ sich danach ächzend auf die Matratze zurücksinken.
Mit einem leisen Stöhnen spähte er zum Fenster hinüber. Es öffnete sich nach Osten, so dass er die Sonne sehen konnte, wenn sie über den Bergen aufging. Ihr glühender Kreis lugte gerade erst über die Berggipfel hinweg, der Himmel hingegen erstrahlte bereits in feurigem Rot, das die kleinen Schäfchenwolken in lodernde Flammen verwandelte.
Die durchsichtige Gardine färbte sich ebenfalls blutig rot. Sie war zur Seite gezogen und bewegte sich rhythmisch in der leichten Brise, mit der der sommerlich warme Wind das Haus umschmeichelte. Draußen trällerte noch immer der Morgensänger, dem sich nun auch andere Vögel anschlossen, und die ersten, emsigen Bienen summten zu den Blumen, die vor dem Häuschen direkt unter der Fensterbank ihren lieblichen Duft verströmten, obwohl sich ihre Kelche gerade erst zu öffnen begannen.
Ein kleiner, bunter Schmetterling verirrte sich durch das Fenster ins Zimmer. Shaan rief seine Magie herbei und trug das zierliche Wesen mit einem sanften Windhauch zurück in die Freiheit. Er lächelte, als er ihm nachsah, dann seufzte er leise.
Die Strahlen der Sonne wurden stetig heller. Shaan zwinkerte, als sie ihn direkt in die Augen trafen, und drehte den Kopf, so dass sie nur noch seine Wange wärmten. Die Lider fielen ihm zu, doch als aus dem Inneren des Hauses ein Geräusch erklang, riss er sie erschrocken wieder auf. Sein Vater war sicher längst aufgestanden und bereitete das Frühstück zu.
Shaan holte tief Luft, um die Reste des Schlafs und die Schmerzen aus seiner übel verspannten Brustmuskulatur zu vertreiben. Sie waren eine Erinnerung an das quälende Seitenstechen, mit dem er sich gestern den gesamten Tag herumgeplagt hatte. Sein Vater hatte, wie schon so oft zuvor, seine Belastbarkeit testen wollen, und wieder einmal hatte er kläglich versagt. Sie waren viele Meilen über Stock und Stein gelaufen, stets im Trab, nie langsamer.
Gefflan war ihm wie üblich weit voraus gewesen. Er besaß die Ausdauer eines Wolfes und die Wendigkeit einer Berggämse. Shaan bewunderte ihn dafür. Ihm selbst war nach der Hälfte der Strecke die Luft knapp geworden, nach dreiviertel hätte er am liebsten aufgegeben, und auf dem letzten Viertel war er so erschöpft gewesen, dass sich alles um ihn gedreht hatte. Nur weil er sich schmerzlich der tadelnden Blicke seines Vaters bewusst gewesen war, hatte er sich zusammengerissen und bis zum Ende durchgehalten. Wäre er jedoch nur ein einziges Mal gestolpert und gestürzt, hätte er sich nicht mehr auf die Beine ziehen können, soviel war sicher.
Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, und eine warnende Stimme in seinem Innern drängte ihn dazu, keine Zeit mehr zu vertrödeln. Er biss die Zähne zusammen, missachtete den Schmerz in seinen übermäßig strapazierten Gliedern und setzte die Füße auf den Boden. Als er sich das Schlafhemd über den Kopf zog, stöhnte er erneut und hoffte, der heutige Tag möge weniger anstrengend werden als der gestrige. Nur glauben konnte er nicht daran.
Mit einem fatalistischen Seufzen griff er abermals auf seine Magie zurück, konzentrierte sich und schickte seinen Geist suchend durch das Fenster nach draußen. Er fand den kleinen Bach, der sich durch das Tal schlängelte, langte in das klare Wasser hinein und zog einen guten Eimervoll heraus. Wie von Geisterhänden geführt, schwebte es als fetter, wabernder Tropfen über die Wiese auf sein Fenster zu.
Eigentlich hatte er vorgehabt, es in die Schale zu befördern, die auf dem Tisch neben seinem Bett stand, doch dann kam ihm eine bessere Idee. Er hob es über seinen Kopf – und entließ es aus seiner Magie.
Das kühle Nass stürzte wie ein gewaltiger Regentropfen auf ihn herab. Er streckte ihm das Gesicht entgegen, genoss es, als es seine nackte Haut benetzte und den Schweißfilm mit sich fortspülte. Mit einer zweiten Fuhre Wasser wusch er sich gründlich und trocknete sich danach mit einem warmen Luftstrom, den er selbst herbeirief. Die Reste seiner ungewöhnlichen Dusche ließ er im Boden versickern. Darin hatte er längst Übung. Anschließend zog er eine feste Hose und ein dünnes Hemd über. Später würde er es vermutlich wieder ablegen, denn die Strahlen der Sonne verkündeten bereits jetzt, dass es ein heißer Tag werden würde – falls er es nicht änderte. Er konnte Regen rufen, wenn er es wollte, und nicht selten hatte Gefflan genau das von ihm verlangt.
In die Gedanken an frühere Martyrien versunken, fuhr er sich mit einem Kamm durch die dunklen Haare, und obwohl er sich nach Kräften bemühte, gab es stets eine widerspenstige Strähne, die immer wieder in seine Stirn zurückfiel. Nach ein paar erfolglosen Versuchen, sie zu bändigen, streckte er die Waffen und beeilte sich, sein Zimmer zu verlassen. Sein Vater mochte es nicht, wenn er sich zu viel Zeit beim Aufstehen ließ.
Er öffnete die Tür und trat barfuß auf den schmalen Flur hinaus. Angenehm kühle Luft schlug ihm entgegen; selbst an den heißesten Sommertagen behielt sie ihre mäßige Temperatur bei, denn das Haus war direkt an den Fels gebaut, und einige der Räume, wie etwa die Vorratskammer, waren sogar ins Gestein selbst hineingetrieben worden.
Ohne innezuhalten, hastete Shaan an mehreren Zimmern vorbei zur Küche. Unwillkürlich leiser auftretend, spähte er umher und schluckte, als er die regungslose Gestalt seines Vaters erblickte. Gefflan verweilte, ihm mit der Seite zugewandt, starr vor dem großen, weit geöffneten Küchenfenster. Der laue Wind, der aus dem Hallagat heranwehte, spielte mit seinen dunklen Haaren, die von unzähligen grauen Strähnen durchzogen waren, ansonsten stand er still, als wäre er in Stein gemeißelt.
Shaan betrachtete seinen Vater stumm. Gefflan war groß und kräftig, besaß dabei aber die Geschmeidigkeit einer Wildkatze, gepaart mit der tödlichen Präzision eines jagenden Falken. Er verstand es, seine Bewegungen in einer Weise zu kontrollieren, von der er selbst nur träumen konnte. Seine Augen waren, wie so oft, auf einen Punkt weit jenseits des Tals gerichtet, zeugten von der Wanderung seiner Gedanken in die Vergangenheit, in eine Zeit, die nunmehr fast sechzehn Jahre zurücklag. Sein Gesicht war unbewegt, einer Maske aus poliertem Marmor gleich, nur in den Augen- und Mundwinkeln hatten sich spröde Falten tief in die Haut eingegraben. Manchmal sahen sie wie Risse aus, die sich in Porzellan bildeten, kurz bevor es endgültig zersprang.
Die Lippen seines Vaters waren dünn, lediglich zwei schmale Striche, die stets dicht aufeinanderlagen, so als wollten sie jedes Wort nur mit Widerwillen entweichen lassen. Wo sie zusammentrafen, zogen sie sich leicht nach unten, mal mehr, mal weniger. Zum Lächeln waren sie nicht geschaffen.
Shaan wartete geduldig. Sein Vater schätzte es nicht, aus seinen Erinnerungen gerissen zu werden, und er neigte dann dazu, ihn noch mehr zu drangsalieren, als er es ohnehin schon tat.
Die Stille zwischen ihnen hielt an, bis von draußen ein lautes Platschen erklang. Shaan griff mit seinem Geist hinaus, um die Ursache des Geräuschs zu erkunden, und fand sie sofort.
Ein Zittern lief wie eine Welle über den Körper seines Vaters, holte ihn aus seiner Starre und brachte ihn, zumindest für diesen Moment, in die Gegenwart zurück. Er wandte sich zu ihm um und musterte ihn scharf. Seine Augen glänzten wie nasse Kiesel am Rande eines kalten Gebirgsbaches.
„Warst du das?“, fragte er, und seine Mundwinkel wiesen um einen Deut mehr als gewöhnlich nach unten.
„Nein, Vater“, beeilte sich Shaan zu versichern. „Eine Forelle sprang nach einem Insekt, nichts weiter.“
Gefflan starrte ihn noch einen Augenblick lang finster an, dann drehte er sich ruckartig um, ging mit steifen Bewegungen zum bereits gedeckten Tisch hinüber und setzte sich.
Shaan folgte ihm und nahm ihm gegenüber Platz. „Das ist ein schöner Morgen, nicht wahr?“, sagte er hoffnungsvoll.
Gefflan nickte nur und begann zu essen.
Mit einem Seufzen, das irgendwo tief in seinem Inneren entstand und auch dort gefangen blieb, griff Shaan nach dem Krug mit Wasser und füllte sich einen Becher voll ein. Sein Vater trank heißen Kaffee, dem Shaan nur wenig abgewinnen konnte. Er mochte keine warmen Getränke. Ihm war das Wasser lieber, wenn es kühl und in seinem ursprünglichen, klaren Zustand belassen war.
Sie aßen schweigend und ohne aufzusehen, erst als das Frühstück beendet war, hob Shaan den Kopf und blickte seinen Vater fragend an.
„Marzen Besite wird im Verlauf des Vormittags eintreffen“, erklärte Gefflan wie beiläufig. „Er bringt uns neue Vorräte.“
Shaan wartete.
„Ich will, dass du mit ihm sprichst.“
„Tatsächlich?“, entfuhr es Shaan verblüfft. Normalerweise hielt sein Vater ihn von anderen Menschen überaus sorgsam fern – außer er verfolgte eine ganz bestimmte Absicht damit.
„Es ist eine gute Gelegenheit, deine Fähigkeit, Personen zu beeinflussen, zu testen. Du musst dich auch darin üben, wenn du ausreichend auf den Kampf vorbereitet sein willst.“
Shaan sah seine Befürchtung bestätigt. „Ist das wirklich nötig?“, fragte er vorsichtig.
„Ich muss dir nicht erst sagen, dass du diese Gabe bald dringend brauchen wirst.“
„Nein, Vater.“
„Gut, dann hör mir genau zu. Ich will, dass du Marzen aus dem Tal lenkst, ihn zum nächsten Abgrund führst und über die Klippe treten lässt.“
Entsetzt sprang Shaan auf. „Das kann nicht dein Ernst sein! Ich kann doch keinen Menschen umbringen!“
„Das sollst du auch nicht“, erklärte Gefflan ungerührt. „Du kannst Marzen jederzeit mit Hilfe deiner Luftmagie auffangen.“
„Könnte ich nicht etwas anderes mit ihm tun?“
„Nein. Es ist wichtig, dass du lernst, einen Menschen auch dann zu manipulieren, wenn es seinem tiefsten Überlebensinstinkt widerspricht.“
„Aber Marzen wird sich zu Tode ängstigen!“
„Das soll er auch, ansonsten würde er sich kaum angemessen gegen deine Beeinflussung wehren.“
„Er kann sich gar nicht wehren! Niemand kann das.“
„Das weißt du nicht. Du bist bisher zwar niemals auf Widerstand gestoßen, aber das wundert mich nicht. Alles, was du bisher mit Marzen versucht hast, waren bloße Spielereien. Es war nichts dabei, was für ihn eine Gefahr bedeutet hätte oder auch nur unangenehm gewesen wäre. Vermutlich hat er nicht einmal bemerkt, dass du ihm deinen Willen aufgezwungen hast. Es ist höchste Zeit, dass du dich ernsthafter darin übst.“
Shaan rieb sich fahrig den Hals. „Ich … ich möchte niemandem ein Leid zufügen.“
Gefflans Mundwinkel sanken noch etwas tiefer herab. „Glaubst du, die Shai’yinyal würde Skrupel haben? Glaubst du, sie würde zögern, ihre Fähigkeiten bis zum Äußersten auszureizen?“
„Nein“, gab Shaan kleinlaut zu.
„Natürlich nicht! Ihre Macht ist das Maß, das du an deine Anstrengungen anlegen musst. Wenn du nicht alle deine Kräfte trainierst, könnte sie am Ende noch über dich Kontrolle gewinnen!“
„Ich glaube nicht, dass das möglich ist!“
„Etwas zu glauben genügt nicht, wenn es um deine Aufgabe geht! Du musst dir deiner Fähigkeiten absolut sicher sein, oder willst du, dass die Lanhal getötet wird?“
Shaan schüttelte stumm den Kopf.
„Dann tu, was ich gesagt habe!“
„Gibt es wirklich keinen anderen Weg?“
„Nenn mir einen, auf dem dich der gleiche Widerstand erwartet.“
Hilflos zuckte Shaan mit den Schultern. „Das kann ich nicht.“
„Dann weißt du, was du zu tun hast.“
Shaan sah zu Boden. „Ja, Vater.“
Und in seinen geheimsten Gedanken reihte er diesen Tag in die lange Reihe derer ein, die er zu hassen anfing, noch bevor sie richtig begonnen hatten.
***
Nachdem sein Vater ihn entlassen hatte, beeilte sich Shaan, ins Freie zu kommen. Ihm lag nichts daran, in der beklemmenden Enge des Hauses und seiner düsteren Stille länger als nötig zu verweilen. In der Hand hielt er ein Buch, einen Geschichtsfolianten, in dem einer der früheren Kämpfe zwischen Gut und Böse beschrieben war. Gefflan hatte ihm aufgetragen, darin zu lesen, oder besser, es auswendig zu lernen, so wie all die anderen Geschichten, die er sich bereits in sein Hirn eingebrannt hatte, denn da Besuch bevorstand, konnte er sich nicht in seiner Magie üben. Niemand durfte etwas von seinen erstaunlichen Kräften erfahren, denn auch dieser Kampf würde, wie alle vorangegangenen, im Verborgenen ausgetragen werden.
Noch immer barfuß schritt Shaan über die Wiese, spürte das feste, kühle Gras unter seinen Füßen, an dessen Halmen noch die Reste des Morgentaus hingen, und dazwischen die Krumen der schweren, feuchten Erde. Einmal sah er sich um und betrachtete nachdenklich das kleine Backsteingebäude, das nun schon seit so vielen Jahren sein Zuhause war. Es schmiegte sich eng an die Felswand am Ende des Tals, und sein Dach verschwand halb unter einem bedrohlich wirkenden Überhang, der aussah, als wolle er jeden Augenblick abbrechen und das winzige Häuschen gänzlich unter sich begraben. Von dort wucherte wilder Efeu wie grüner Regen auf die dunklen Ziegel herab, bedeckte sie fast vollständig und kroch spinnengleich über die Wände, die irgendwann einmal weiß getüncht gewesen waren. Heute besaßen sie eher die graue Farbe regenschwangerer Wolken und vermochten das Licht der Sonne nicht mehr zu reflektieren.
An sonnigen Tagen wie heute fiel das besonders auf, zumal die Felsen des Hallagat ganz eigener Natur waren. An manchen Stellen waren sie weiß wie Schnee, an anderen schwarz wie die Nacht. Helles und dunkles Gestein in den Basaltbrocken wechselten so oft, dass sie kaum mehr als feinste Adern bildeten, die sich gegenseitig umschlungen hielten, als hätte man das rabenschwarze Haar einer jungen Frau mit den gebleichten Strähnen einer Greisin verflochten. Wo immer die Sonnenstrahlen auf das weiße Quarzgestein trafen, wurden sie so blendend zurückgeworfen, dass Shaan zwinkern musste, und wo sie auf den dunklen Fels fielen, wurden sie verschluckt wie das Licht schwacher Fackeln in tiefer Finsternis.
Als er seinen Vater aus der Tür des Hauses treten sah, wandte er sich hastig wieder um und setzte seinen Weg fort. Er folgte dem Verlauf des kleinen, fröhlich vor sich hin plätschernden Baches, der direkt neben dem Haus entsprang und sich, an die natürlichen Gegebenheiten des Talbodens angepasst, wie der Leib einer großen, trägen Schlange zwischen Bäumen, Sträuchern und Wiesenkräutern dahinwand. Am anderen Ende des Hallagat suchte er sich durch die engen Felsen einen Weg nach draußen und floh schließlich durch die einzige Öffnung, die es in den Talwänden gab.
Jeder, der das Hallagat betreten wollte, musste dem Bach folgen, und auf mehreren Metern blieb einem Besucher sogar nichts anderes übrig, als durch das kühle, klare Wasser zu waten. Ein Wagen oder auch nur ein Pferd hätten niemals Einlass ins Tal gefunden, dazu war die Bresche im Fels zu winzig. Sie gewährte nur Menschen und kleineren Tieren Zutritt.
So weit ging Shaan heute morgen allerdings nicht. Das Hallagat war wie ein Halbmond geschwungen, und sein Ziel lag am Scheitelpunkt der Wölbung. Dort besaß der Bach einen weiteren Zufluss, der irgendwo weiter oben im Fels entsprang und als kleiner Wasserfall munter die Bergflanke herabsprudelte. Das kühle Nass benetzte die zarten, gelappten Blätter und die rachenförmigen, violetten Blüten des Zaibakrautes, das überall im Hallagat in Felsnischen und Gesteinsspalten wuchs, sammelte sich in einem rundlichen Becken aus weißem Stein, bevor es über dessen Rand quoll, von dort aus quer über die Wiese zum Bach hin eilte und sich schließlich mit ihm vereinigte.
Als Shaan sich der Stelle näherte, sah er zwei kleine Spatzen, die sich von der flachen Seite des Beckens vorsichtig in das Wasser vorwagten. Sie tauchten mit den Köpfen unter und schlugen heftig mit den Flügeln, so dass winzige Tropfen wie Splitter aus Sonnenlicht wild umherflogen. Er blieb stehen und wartete, bis die Vögel ihr genüssliches Bad beendet hatten. Als sie aus dem Wasser herauskamen und ihre Federn zum Trocknen spreizten, verursachte er einen leichten Luftstrom, der sanft in ihr Gefieder fuhr. Die Spatzen piepsten überrascht und erfreut. Gleich darauf tanzten sie munter im warmen Wind auf und ab, bis die Reste der Feuchtigkeit vertrieben waren, zwitscherten fröhlich und flogen davon.
Erst jetzt setzte er sich wieder in Bewegung. Auf einem kniehohen Findling, der neben dem Becken aus dem Boden ragte, ließ er sich nieder, streckte die Beine aus und tauchte die Zehenspitzen in das klare Wasser. Die Sandkörner, die an seinen Füßen hafteten, wurden fortgespült, als er spielerisch mit den Zehen wackelte, anschließend zog er die Beine an und faltete sie im Schneidersitz übereinander. In dieser Haltung konnte er stundenlang verweilen.
Er legte das Buch auf seine Knie und fuhr mit den Fingerspitzen langsam über den dicken, ledernen Einband, unentschlossen, ob er es öffnen sollte oder nicht. Es enthielt eine ausführliche Beschreibung der Geschehnisse des letzten Kampfes, der vor hundert Generationen stattgefunden hatte, erzählte, wie der Shai’lanhal dem Ruf der Lanhal gefolgt war, wie er sie getroffen und vor den Angriffen der Shai’yinyal beschützt hatte, bis der Augenblick der finalen Konfrontation, die allein zwischen der Lanhal und dem Yinyal ausgetragen wurde, gekommen war.
Trotz aller Detailgenauigkeit vermisste Shaan jedoch einen Aspekt der Schilderung schmerzlich: Zu gern hätte er gewusst, was der Junge, der vor ihm der Shai’lanhal gewesen war, angesichts der immensen Aufgabe, der er sich hatte stellen müssen, empfunden hatte. Wie hatte er sich innerlich darauf vorbereitet? Hatte er sich bereit gefühlt, der Lanhal zur Seite zu stehen?
Shaan seufzte schwer. Er selbst fühlte sich nicht bereit. Sobald er auch nur daran dachte, wie nahe die Zeit des Kampfes bereits gekommen war, pulsierte das Blut schneller durch seine Adern, begann in seinen Ohren zu rauschen, und alles, was er gelernt und geübt hatte, wich von ihm fort wie welke Blätter, die vom Herbststurm erfasst und achtlos davongeweht wurden.
Mit einer heftigen Bewegung schlug er das Buch auf, und wie von selbst fanden seine Augen die Zeilen, in denen das Wirken der vorherigen Shai’yinyal beschrieben wurde. Ihr war nicht die geringste Schwäche anzumerken. Sie war, wie sein Vater es gesagt hatte, absolut skrupellos, hatte Dinge getan, an die er nicht einmal zu denken wagte. Er fragte sich ernsthaft, wie er gegen einen solchen Menschen bestehen sollte. Nur in einem hatte Gefflan unrecht: Die Shai’yinyal konnte einem Shai’lanhal nicht ihren Willen aufzwingen. Das war noch nie zuvor geschehen, obwohl es Aufzeichnungen gab, die besagten, dass sie es in früheren Kämpfen versucht hatte. Die Beeinflussung wirkte jedoch nicht bei ihm, so wie auch er sie nicht unter seine Kontrolle zu bringen vermochte.
Selbst Gefflan wäre, sollte die Shai’yinyal je auf ihn treffen, gegen ihren Einfluss gefeit. Alle Berichte bestätigten, dass die beiden Sarns, also sein Vater und der der Shai’yinyal, weder von ihm noch von der Shai’yinyal dazu gezwungen werden konnten, gegen ihren eigenen Willen zu handeln. Vielleicht zeigte sich auf diese Weise in der neunundneunzigsten Generation bereits ein wenig von der Magie, die in der hundertsten zu ihrer vollen Entfaltung gelangte.
Aber auch wenn er selbst und Gefflan keine Marionetten der Shai’yinyal werden konnten, war die Beschützerin des Yinyal, der Inkarnation des Bösen, dennoch eine mächtige Gegnerin. Sie konnte die Elemente Erde und Feuer beherrschen, und es würde gewiss nicht einfach werden, diesen Attacken mit Luft und Wasser zu begegnen. Natürlich vermochte Wasser Brände zu löschen, und ohne Luft würde jede Flamme ersticken, aber die Glut der Shai’yinyal war nicht das gleiche wie eine Herdstelle oder ein schlichtes Lagerfeuer. Leider hatte er nichts anderes, woran er sich üben konnte.
Gedankenverloren griff Shaan mit seiner Magie hinaus, erspürte die Feuchtigkeit, die fein verteilt in der Luft hing, und zog sie zu sich heran. Innerhalb von Sekunden triefte seine Kleidung vor Nässe, und ebenso schnell wurde sie wieder trocken, als er den Wind herbeirief. Doch obwohl ihn diese Dinge kaum Mühe kosteten, waren sie, wie sein Vater nicht müde wurde zu betonen, bestenfalls Spielereien, banaler Kinderkram ohne jeglichen Belang. Manchmal fragte er sich, ob überhaupt irgend etwas von dem, was er tat, mehr war als das.
Als hätte er mit seinen tristen Gedanken ein geheimes Stichwort gegeben, erscholl plötzlich ein Horn vom Eingang des Tals her, dessen trauriger Klang als mehrfaches Echo von den Felswänden zurückgeworfen wurde. Bereits beim ersten Ton war er zusammengezuckt, beim zweiten aufgesprungen, und die folgenden begleiteten seine schnellen Schritte, mit denen er dem Talende entgegeneilte. Marzen Besite würde wie immer draußen warten. Er wagte es nie, das Hallagat zu betreten, bevor Gefflan ihn nicht ausdrücklich dazu aufgefordert hatte, deshalb gab er mit dem Horn seine Ankunft bekannt.
Das Herz klopfte Shaan bis zum Hals, als er den schmalen Einschnitt zwischen den Felsen erreichte, ins knietiefe Wasser stieg und gebückt durch die Öffnung schlüpfte, die nach draußen führte. Normalerweise hätte er sich gefreut, Marzen zu sehen, doch heute …
Fröstelnd dachte er an die schaurige Aufgabe, die sein Vater ihm gestellt hatte.
(…)(wird fortgesetzt!)
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Anmerkung der Redaktion: Da es sich hier um einen Textauszug aus einem e-book der Edition sfbasar.de handelt und wir deshalb nicht die Möglichkeit haben, ihn beim sfbasar-Award einzustellen, läuft dieser Beitrag im Storywettbewerb. Schliesslich würde es etwas merkwürdig aussehen, wenn unser eigener Titel unseren eigenen Award gewinnen würde. Wer wissen möchte, wie es weitergeht, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:
Autorin: Susanne Gavénis
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Als Enkel eines Herzogs geboren, wächst Shaan in völliger Abgeschiedenheit auf, denn ihm ist ein besonderes Schicksal bestimmt: Mit der Magie des Wassers und des Windes soll er die Lanhal, die Inkarnation des Guten, beschützen. Sollte Shaan jedoch versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.
Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern eines Einzelnen. Seit Anbeginn der Zeit tobt auf der Erde die Schlacht zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Shaan, Enkel eines Herzogs, wird von seinem Vater in der Einsamkeit der Berge mit grausamer Härte auf seine vom Schicksal bestimmte Aufgabe vorbereitet: Er ist der Beschützer der Lanhal, der Inkarnation des Guten, die alle hundert Generationen in Gestalt eines gewöhnlichen Mädchens wiedergeboren wird, um in einem mörderischen Aufeinandertreffen mit dem Yinyal, der Verkörperung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit zu kämpfen. Ausgestattet einzig mit der Fähigkeit, Wind und Wasser zu beherrschen, muss sich Shaan einer Bedrohung stellen, die alles Vorstellbare übersteigt, denn die Mächte das Bösen entsenden eine schreckliche Gegenspielerin, die ebenfalls über zwei Elemente gebietet Feuer und Erde. Und Shaan weiß: Sollte er versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.
Susanne Gavénis wurde 1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M.
Abgelegt unter Autorenwerkstatt, Bücher, Diskussionen, Fantasy, Leseprobe, Nominierungen (sfb-Wettbewerb), Storys, eBooks | 2 Kommentare »























