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Literatur-Blog

ABSEITS VON ALLEM (Teil 1) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 28. März 2013

ABSEITS VON ALLEM (Teil 1)

aus: “Shaans Bürde”

Fantasy-Roman

von

Susanne Gavénis

(Zum vorherigen Teil)

Das klare, tragende Lied des Morgensängers, mit dem der winzige, unscheinbare Vogel auf unnachahmliche Weise die aufgehende Sonne begrüßte, hallte durch das Tal, brach sich an den Felsen zu einem vielfachen Echo und wehte durch das geöffnete Fenster des kleinen Backsteinhauses, über dem noch die Schatten der Nacht hingen. Die verspielte Melodie weckte Shaan, so wie an jedem Morgen.

Noch verschlafen öffnete er die Augen, fand sein Gesicht wie so oft unter statt auf dem Kissen wieder und drehte sich vom Bauch auf den Rücken. Das Laken, das sich im Schlaf fest um seine Körpermitte gewickelt hatte, schnürte ihn ein wie der Leib einer Riesenschlange. Schnaufend richtete sich Shaan auf, zog und zerrte daran, bis es ihn widerwillig freigab, und ließ sich danach ächzend auf die Matratze zurücksinken.

Mit einem leisen Stöhnen spähte er zum Fenster hinüber. Es öffnete sich nach Osten, so dass er die Sonne sehen konnte, wenn sie über den Bergen aufging. Ihr glühender Kreis lugte gerade erst über die Berggipfel hinweg, der Himmel hingegen erstrahlte bereits in feurigem Rot, das die kleinen Schäfchenwolken in lodernde Flammen verwandelte.

Die durchsichtige Gardine färbte sich ebenfalls blutig rot. Sie war zur Seite gezogen und bewegte sich rhythmisch in der leichten Brise, mit der der sommerlich warme Wind das Haus umschmeichelte. Draußen trällerte noch immer der Morgensänger, dem sich nun auch andere Vögel anschlossen, und die ersten, emsigen Bienen summten zu den Blumen, die vor dem Häuschen direkt unter der Fensterbank ihren lieblichen Duft verströmten, obwohl sich ihre Kelche gerade erst zu öffnen begannen.

Ein kleiner, bunter Schmetterling verirrte sich durch das Fenster ins Zimmer. Shaan rief seine Magie herbei und trug das zierliche Wesen mit einem sanften Windhauch zurück in die Freiheit. Er lächelte, als er ihm nachsah, dann seufzte er leise.

Die Strahlen der Sonne wurden stetig heller. Shaan zwinkerte, als sie ihn direkt in die Augen trafen, und drehte den Kopf, so dass sie nur noch seine Wange wärmten. Die Lider fielen ihm zu, doch als aus dem Inneren des Hauses ein Geräusch erklang, riss er sie erschrocken wieder auf. Sein Vater war sicher längst aufgestanden und bereitete das Frühstück zu.

Shaan holte tief Luft, um die Reste des Schlafs und die Schmerzen aus seiner übel verspannten Brustmuskulatur zu vertreiben. Sie waren eine Erinnerung an das quälende Seitenstechen, mit dem er sich gestern den gesamten Tag herumgeplagt hatte. Sein Vater hatte, wie schon so oft zuvor, seine Belastbarkeit testen wollen, und wieder einmal hatte er kläglich versagt. Sie waren viele Meilen über Stock und Stein gelaufen, stets im Trab, nie langsamer.

Gefflan war ihm wie üblich weit voraus gewesen. Er besaß die Ausdauer eines Wolfes und die Wendigkeit einer Berggämse. Shaan bewunderte ihn dafür. Ihm selbst war nach der Hälfte der Strecke die Luft knapp geworden, nach dreiviertel hätte er am liebsten aufgegeben, und auf dem letzten Viertel war er so erschöpft gewesen, dass sich alles um ihn gedreht hatte. Nur weil er sich schmerzlich der tadelnden Blicke seines Vaters bewusst gewesen war, hatte er sich zusammengerissen und bis zum Ende durchgehalten. Wäre er jedoch nur ein einziges Mal gestolpert und gestürzt, hätte er sich nicht mehr auf die Beine ziehen können, soviel war sicher.

Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, und eine warnende Stimme in seinem Innern drängte ihn dazu, keine Zeit mehr zu vertrödeln. Er biss die Zähne zusammen, missachtete den Schmerz in seinen übermäßig strapazierten Gliedern und setzte die Füße auf den Boden. Als er sich das Schlafhemd über den Kopf zog, stöhnte er erneut und hoffte, der heutige Tag möge weniger anstrengend werden als der gestrige. Nur glauben konnte er nicht daran.

Mit einem fatalistischen Seufzen griff er abermals auf seine Magie zurück, konzentrierte sich und schickte seinen Geist suchend durch das Fenster nach draußen. Er fand den kleinen Bach, der sich durch das Tal schlängelte, langte in das klare Wasser hinein und zog einen guten Eimervoll heraus. Wie von Geisterhänden geführt, schwebte es als fetter, wabernder Tropfen über die Wiese auf sein Fenster zu.

Eigentlich hatte er vorgehabt, es in die Schale zu befördern, die auf dem Tisch neben seinem Bett stand, doch dann kam ihm eine bessere Idee. Er hob es über seinen Kopf – und entließ es aus seiner Magie.

Das kühle Nass stürzte wie ein gewaltiger Regentropfen auf ihn herab. Er streckte ihm das Gesicht entgegen, genoss es, als es seine nackte Haut benetzte und den Schweißfilm mit sich fortspülte. Mit einer zweiten Fuhre Wasser wusch er sich gründlich und trocknete sich danach mit einem warmen Luftstrom, den er selbst herbeirief. Die Reste seiner ungewöhnlichen Dusche ließ er im Boden versickern. Darin hatte er längst Übung. Anschließend zog er eine feste Hose und ein dünnes Hemd über. Später würde er es vermutlich wieder ablegen, denn die Strahlen der Sonne verkündeten bereits jetzt, dass es ein heißer Tag werden würde – falls er es nicht änderte. Er konnte Regen rufen, wenn er es wollte, und nicht selten hatte Gefflan genau das von ihm verlangt.

In die Gedanken an frühere Martyrien versunken, fuhr er sich mit einem Kamm durch die dunklen Haare, und obwohl er sich nach Kräften bemühte, gab es stets eine widerspenstige Strähne, die immer wieder in seine Stirn zurückfiel. Nach ein paar erfolglosen Versuchen, sie zu bändigen, streckte er die Waffen und beeilte sich, sein Zimmer zu verlassen. Sein Vater mochte es nicht, wenn er sich zu viel Zeit beim Aufstehen ließ.

Er öffnete die Tür und trat barfuß auf den schmalen Flur hinaus. Angenehm kühle Luft schlug ihm entgegen; selbst an den heißesten Sommertagen behielt sie ihre mäßige Temperatur bei, denn das Haus war direkt an den Fels gebaut, und einige der Räume, wie etwa die Vorratskammer, waren sogar ins Gestein selbst hineingetrieben worden.

Ohne innezuhalten, hastete Shaan an mehreren Zimmern vorbei zur Küche. Unwillkürlich leiser auftretend, spähte er umher und schluckte, als er die regungslose Gestalt seines Vaters erblickte. Gefflan verweilte, ihm mit der Seite zugewandt, starr vor dem großen, weit geöffneten Küchenfenster. Der laue Wind, der aus dem Hallagat heranwehte, spielte mit seinen dunklen Haaren, die von unzähligen grauen Strähnen durchzogen waren, ansonsten stand er still, als wäre er in Stein gemeißelt.

Shaan betrachtete seinen Vater stumm. Gefflan war groß und kräftig, besaß dabei aber die Geschmeidigkeit einer Wildkatze, gepaart mit der tödlichen Präzision eines jagenden Falken. Er verstand es, seine Bewegungen in einer Weise zu kontrollieren, von der er selbst nur träumen konnte. Seine Augen waren, wie so oft, auf einen Punkt weit jenseits des Tals gerichtet, zeugten von der Wanderung seiner Gedanken in die Vergangenheit, in eine Zeit, die nunmehr fast sechzehn Jahre zurücklag. Sein Gesicht war unbewegt, einer Maske aus poliertem Marmor gleich, nur in den Augen- und Mundwinkeln hatten sich spröde Falten tief in die Haut eingegraben. Manchmal sahen sie wie Risse aus, die sich in Porzellan bildeten, kurz bevor es endgültig zersprang.

Die Lippen seines Vaters waren dünn, lediglich zwei schmale Striche, die stets dicht aufeinanderlagen, so als wollten sie jedes Wort nur mit Widerwillen entweichen lassen. Wo sie zusammentrafen, zogen sie sich leicht nach unten, mal mehr, mal weniger. Zum Lächeln waren sie nicht geschaffen.

Shaan wartete geduldig. Sein Vater schätzte es nicht, aus seinen Erinnerungen gerissen zu werden, und er neigte dann dazu, ihn noch mehr zu drangsalieren, als er es ohnehin schon tat.

Die Stille zwischen ihnen hielt an, bis von draußen ein lautes Platschen erklang. Shaan griff mit seinem Geist hinaus, um die Ursache des Geräuschs zu erkunden, und fand sie sofort.

Ein Zittern lief wie eine Welle über den Körper seines Vaters, holte ihn aus seiner Starre und brachte ihn, zumindest für diesen Moment, in die Gegenwart zurück. Er wandte sich zu ihm um und musterte ihn scharf. Seine Augen glänzten wie nasse Kiesel am Rande eines kalten Gebirgsbaches.

„Warst du das?“, fragte er, und seine Mundwinkel wiesen um einen Deut mehr als gewöhnlich nach unten.

„Nein, Vater“, beeilte sich Shaan zu versichern. „Eine Forelle sprang nach einem Insekt, nichts weiter.“

Gefflan starrte ihn noch einen Augenblick lang finster an, dann drehte er sich ruckartig um, ging mit steifen Bewegungen zum bereits gedeckten Tisch hinüber und setzte sich.

Shaan folgte ihm und nahm ihm gegenüber Platz. „Das ist ein schöner Morgen, nicht wahr?“, sagte er hoffnungsvoll.

Gefflan nickte nur und begann zu essen.

Mit einem Seufzen, das irgendwo tief in seinem Inneren entstand und auch dort gefangen blieb, griff Shaan nach dem Krug mit Wasser und füllte sich einen Becher voll ein. Sein Vater trank heißen Kaffee, dem Shaan nur wenig abgewinnen konnte. Er mochte keine warmen Getränke. Ihm war das Wasser lieber, wenn es kühl und in seinem ursprünglichen, klaren Zustand belassen war.

Sie aßen schweigend und ohne aufzusehen, erst als das Frühstück beendet war, hob Shaan den Kopf und blickte seinen Vater fragend an.

„Marzen Besite wird im Verlauf des Vormittags eintreffen“, erklärte Gefflan wie beiläufig. „Er bringt uns neue Vorräte.“

Shaan wartete.

„Ich will, dass du mit ihm sprichst.“

„Tatsächlich?“, entfuhr es Shaan verblüfft. Normalerweise hielt sein Vater ihn von anderen Menschen überaus sorgsam fern – außer er verfolgte eine ganz bestimmte Absicht damit.

„Es ist eine gute Gelegenheit, deine Fähigkeit, Personen zu beeinflussen, zu testen. Du musst dich auch darin üben, wenn du ausreichend auf den Kampf vorbereitet sein willst.“

Shaan sah seine Befürchtung bestätigt. „Ist das wirklich nötig?“, fragte er vorsichtig.

„Ich muss dir nicht erst sagen, dass du diese Gabe bald dringend brauchen wirst.“

„Nein, Vater.“

„Gut, dann hör mir genau zu. Ich will, dass du Marzen aus dem Tal lenkst, ihn zum nächsten Abgrund führst und über die Klippe treten lässt.“

Entsetzt sprang Shaan auf. „Das kann nicht dein Ernst sein! Ich kann doch keinen Menschen umbringen!“

„Das sollst du auch nicht“, erklärte Gefflan ungerührt. „Du kannst Marzen jederzeit mit Hilfe deiner Luftmagie auffangen.“

„Könnte ich nicht etwas anderes mit ihm tun?“

„Nein. Es ist wichtig, dass du lernst, einen Menschen auch dann zu manipulieren, wenn es seinem tiefsten Überlebensinstinkt widerspricht.“

„Aber Marzen wird sich zu Tode ängstigen!“

„Das soll er auch, ansonsten würde er sich kaum angemessen gegen deine Beeinflussung wehren.“

„Er kann sich gar nicht wehren! Niemand kann das.“

„Das weißt du nicht. Du bist bisher zwar niemals auf Widerstand gestoßen, aber das wundert mich nicht. Alles, was du bisher mit Marzen versucht hast, waren bloße Spielereien. Es war nichts dabei, was für ihn eine Gefahr bedeutet hätte oder auch nur unangenehm gewesen wäre. Vermutlich hat er nicht einmal bemerkt, dass du ihm deinen Willen aufgezwungen hast. Es ist höchste Zeit, dass du dich ernsthafter darin übst.“

Shaan rieb sich fahrig den Hals. „Ich … ich möchte niemandem ein Leid zufügen.“

Gefflans Mundwinkel sanken noch etwas tiefer herab. „Glaubst du, die Shai’yinyal würde Skrupel haben? Glaubst du, sie würde zögern, ihre Fähigkeiten bis zum Äußersten auszureizen?“

„Nein“, gab Shaan kleinlaut zu.

„Natürlich nicht! Ihre Macht ist das Maß, das du an deine Anstrengungen anlegen musst. Wenn du nicht alle deine Kräfte trainierst, könnte sie am Ende noch über dich Kontrolle gewinnen!“

„Ich glaube nicht, dass das möglich ist!“

„Etwas zu glauben genügt nicht, wenn es um deine Aufgabe geht! Du musst dir deiner Fähigkeiten absolut sicher sein, oder willst du, dass die Lanhal getötet wird?“

Shaan schüttelte stumm den Kopf.

„Dann tu, was ich gesagt habe!“

„Gibt es wirklich keinen anderen Weg?“

„Nenn mir einen, auf dem dich der gleiche Widerstand erwartet.“

Hilflos zuckte Shaan mit den Schultern. „Das kann ich nicht.“

„Dann weißt du, was du zu tun hast.“

Shaan sah zu Boden. „Ja, Vater.“

Und in seinen geheimsten Gedanken reihte er diesen Tag in die lange Reihe derer ein, die er zu hassen anfing, noch bevor sie richtig begonnen hatten.

***

Nachdem sein Vater ihn entlassen hatte, beeilte sich Shaan, ins Freie zu kommen. Ihm lag nichts daran, in der beklemmenden Enge des Hauses und seiner düsteren Stille länger als nötig zu verweilen. In der Hand hielt er ein Buch, einen Geschichtsfolianten, in dem einer der früheren Kämpfe zwischen Gut und Böse beschrieben war. Gefflan hatte ihm aufgetragen, darin zu lesen, oder besser, es auswendig zu lernen, so wie all die anderen Geschichten, die er sich bereits in sein Hirn eingebrannt hatte, denn da Besuch bevorstand, konnte er sich nicht in seiner Magie üben. Niemand durfte etwas von seinen erstaunlichen Kräften erfahren, denn auch dieser Kampf würde, wie alle vorangegangenen, im Verborgenen ausgetragen werden.

Noch immer barfuß schritt Shaan über die Wiese, spürte das feste, kühle Gras unter seinen Füßen, an dessen Halmen noch die Reste des Morgentaus hingen, und dazwischen die Krumen der schweren, feuchten Erde. Einmal sah er sich um und betrachtete nachdenklich das kleine Backsteingebäude, das nun schon seit so vielen Jahren sein Zuhause war. Es schmiegte sich eng an die Felswand am Ende des Tals, und sein Dach verschwand halb unter einem bedrohlich wirkenden Überhang, der aussah, als wolle er jeden Augenblick abbrechen und das winzige Häuschen gänzlich unter sich begraben. Von dort wucherte wilder Efeu wie grüner Regen auf die dunklen Ziegel herab, bedeckte sie fast vollständig und kroch spinnengleich über die Wände, die irgendwann einmal weiß getüncht gewesen waren. Heute besaßen sie eher die graue Farbe regenschwangerer Wolken und vermochten das Licht der Sonne nicht mehr zu reflektieren.

An sonnigen Tagen wie heute fiel das besonders auf, zumal die Felsen des Hallagat ganz eigener Natur waren. An manchen Stellen waren sie weiß wie Schnee, an anderen schwarz wie die Nacht. Helles und dunkles Gestein in den Basaltbrocken wechselten so oft, dass sie kaum mehr als feinste Adern bildeten, die sich gegenseitig umschlungen hielten, als hätte man das rabenschwarze Haar einer jungen Frau mit den gebleichten Strähnen einer Greisin verflochten. Wo immer die Sonnenstrahlen auf das weiße Quarzgestein trafen, wurden sie so blendend zurückgeworfen, dass Shaan zwinkern musste, und wo sie auf den dunklen Fels fielen, wurden sie verschluckt wie das Licht schwacher Fackeln in tiefer Finsternis.

Als er seinen Vater aus der Tür des Hauses treten sah, wandte er sich hastig wieder um und setzte seinen Weg fort. Er folgte dem Verlauf des kleinen, fröhlich vor sich hin plätschernden Baches, der direkt neben dem Haus entsprang und sich, an die natürlichen Gegebenheiten des Talbodens angepasst, wie der Leib einer großen, trägen Schlange zwischen Bäumen, Sträuchern und Wiesenkräutern dahinwand. Am anderen Ende des Hallagat suchte er sich durch die engen Felsen einen Weg nach draußen und floh schließlich durch die einzige Öffnung, die es in den Talwänden gab.

Jeder, der das Hallagat betreten wollte, musste dem Bach folgen, und auf mehreren Metern blieb einem Besucher sogar nichts anderes übrig, als durch das kühle, klare Wasser zu waten. Ein Wagen oder auch nur ein Pferd hätten niemals Einlass ins Tal gefunden, dazu war die Bresche im Fels zu winzig. Sie gewährte nur Menschen und kleineren Tieren Zutritt.

So weit ging Shaan heute morgen allerdings nicht. Das Hallagat war wie ein Halbmond geschwungen, und sein Ziel lag am Scheitelpunkt der Wölbung. Dort besaß der Bach einen weiteren Zufluss, der irgendwo weiter oben im Fels entsprang und als kleiner Wasserfall munter die Bergflanke herabsprudelte. Das kühle Nass benetzte die zarten, gelappten Blätter und die rachenförmigen, violetten Blüten des Zaibakrautes, das überall im Hallagat in Felsnischen und Gesteinsspalten wuchs, sammelte sich in einem rundlichen Becken aus weißem Stein, bevor es über dessen Rand quoll, von dort aus quer über die Wiese zum Bach hin eilte und sich schließlich mit ihm vereinigte.

Als Shaan sich der Stelle näherte, sah er zwei kleine Spatzen, die sich von der flachen Seite des Beckens vorsichtig in das Wasser vorwagten. Sie tauchten mit den Köpfen unter und schlugen heftig mit den Flügeln, so dass winzige Tropfen wie Splitter aus Sonnenlicht wild umherflogen. Er blieb stehen und wartete, bis die Vögel ihr genüssliches Bad beendet hatten. Als sie aus dem Wasser herauskamen und ihre Federn zum Trocknen spreizten, verursachte er einen leichten Luftstrom, der sanft in ihr Gefieder fuhr. Die Spatzen piepsten überrascht und erfreut. Gleich darauf tanzten sie munter im warmen Wind auf und ab, bis die Reste der Feuchtigkeit vertrieben waren, zwitscherten fröhlich und flogen davon.

Erst jetzt setzte er sich wieder in Bewegung. Auf einem kniehohen Findling, der neben dem Becken aus dem Boden ragte, ließ er sich nieder, streckte die Beine aus und tauchte die Zehenspitzen in das klare Wasser. Die Sandkörner, die an seinen Füßen hafteten, wurden fortgespült, als er spielerisch mit den Zehen wackelte, anschließend zog er die Beine an und faltete sie im Schneidersitz übereinander. In dieser Haltung konnte er stundenlang verweilen.

Er legte das Buch auf seine Knie und fuhr mit den Fingerspitzen langsam über den dicken, ledernen Einband, unentschlossen, ob er es öffnen sollte oder nicht. Es enthielt eine ausführliche Beschreibung der Geschehnisse des letzten Kampfes, der vor hundert Generationen stattgefunden hatte, erzählte, wie der Shai’lanhal dem Ruf der Lanhal gefolgt war, wie er sie getroffen und vor den Angriffen der Shai’yinyal beschützt hatte, bis der Augenblick der finalen Konfrontation, die allein zwischen der Lanhal und dem Yinyal ausgetragen wurde, gekommen war.

Trotz aller Detailgenauigkeit vermisste Shaan jedoch einen Aspekt der Schilderung schmerzlich: Zu gern hätte er gewusst, was der Junge, der vor ihm der Shai’lanhal gewesen war, angesichts der immensen Aufgabe, der er sich hatte stellen müssen, empfunden hatte. Wie hatte er sich innerlich darauf vorbereitet? Hatte er sich bereit gefühlt, der Lanhal zur Seite zu stehen?

Shaan seufzte schwer. Er selbst fühlte sich nicht bereit. Sobald er auch nur daran dachte, wie nahe die Zeit des Kampfes bereits gekommen war, pulsierte das Blut schneller durch seine Adern, begann in seinen Ohren zu rauschen, und alles, was er gelernt und geübt hatte, wich von ihm fort wie welke Blätter, die vom Herbststurm erfasst und achtlos davongeweht wurden.

Mit einer heftigen Bewegung schlug er das Buch auf, und wie von selbst fanden seine Augen die Zeilen, in denen das Wirken der vorherigen Shai’yinyal beschrieben wurde. Ihr war nicht die geringste Schwäche anzumerken. Sie war, wie sein Vater es gesagt hatte, absolut skrupellos, hatte Dinge getan, an die er nicht einmal zu denken wagte. Er fragte sich ernsthaft, wie er gegen einen solchen Menschen bestehen sollte. Nur in einem hatte Gefflan unrecht: Die Shai’yinyal konnte einem Shai’lanhal nicht ihren Willen aufzwingen. Das war noch nie zuvor geschehen, obwohl es Aufzeichnungen gab, die besagten, dass sie es in früheren Kämpfen versucht hatte. Die Beeinflussung wirkte jedoch nicht bei ihm, so wie auch er sie nicht unter seine Kontrolle zu bringen vermochte.

Selbst Gefflan wäre, sollte die Shai’yinyal je auf ihn treffen, gegen ihren Einfluss gefeit. Alle Berichte bestätigten, dass die beiden Sarns, also sein Vater und der der Shai’yinyal, weder von ihm noch von der Shai’yinyal dazu gezwungen werden konnten, gegen ihren eigenen Willen zu handeln. Vielleicht zeigte sich auf diese Weise in der neunundneunzigsten Generation bereits ein wenig von der Magie, die in der hundertsten zu ihrer vollen Entfaltung gelangte.

Aber auch wenn er selbst und Gefflan keine Marionetten der Shai’yinyal werden konnten, war die Beschützerin des Yinyal, der Inkarnation des Bösen, dennoch eine mächtige Gegnerin. Sie konnte die Elemente Erde und Feuer beherrschen, und es würde gewiss nicht einfach werden, diesen Attacken mit Luft und Wasser zu begegnen. Natürlich vermochte Wasser Brände zu löschen, und ohne Luft würde jede Flamme ersticken, aber die Glut der Shai’yinyal war nicht das gleiche wie eine Herdstelle oder ein schlichtes Lagerfeuer. Leider hatte er nichts anderes, woran er sich üben konnte.

Gedankenverloren griff Shaan mit seiner Magie hinaus, erspürte die Feuchtigkeit, die fein verteilt in der Luft hing, und zog sie zu sich heran. Innerhalb von Sekunden triefte seine Kleidung vor Nässe, und ebenso schnell wurde sie wieder trocken, als er den Wind herbeirief. Doch obwohl ihn diese Dinge kaum Mühe kosteten, waren sie, wie sein Vater nicht müde wurde zu betonen, bestenfalls Spielereien, banaler Kinderkram ohne jeglichen Belang. Manchmal fragte er sich, ob überhaupt irgend etwas von dem, was er tat, mehr war als das.

Als hätte er mit seinen tristen Gedanken ein geheimes Stichwort gegeben, erscholl plötzlich ein Horn vom Eingang des Tals her, dessen trauriger Klang als mehrfaches Echo von den Felswänden zurückgeworfen wurde. Bereits beim ersten Ton war er zusammengezuckt, beim zweiten aufgesprungen, und die folgenden begleiteten seine schnellen Schritte, mit denen er dem Talende entgegeneilte. Marzen Besite würde wie immer draußen warten. Er wagte es nie, das Hallagat zu betreten, bevor Gefflan ihn nicht ausdrücklich dazu aufgefordert hatte, deshalb gab er mit dem Horn seine Ankunft bekannt.

Das Herz klopfte Shaan bis zum Hals, als er den schmalen Einschnitt zwischen den Felsen erreichte, ins knietiefe Wasser stieg und gebückt durch die Öffnung schlüpfte, die nach draußen führte. Normalerweise hätte er sich gefreut, Marzen zu sehen, doch heute …

Fröstelnd dachte er an die schaurige Aufgabe, die sein Vater ihm gestellt hatte.

(…)(wird fortgesetzt!)

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Anmerkung der Redaktion: Da es sich hier um einen Textauszug aus einem e-book der Edition sfbasar.de handelt und wir deshalb nicht die Möglichkeit haben, ihn beim sfbasar-Award einzustellen, läuft dieser Beitrag im Storywettbewerb. Schliesslich würde es etwas merkwürdig aussehen, wenn unser eigener Titel unseren eigenen Award gewinnen würde. Wer wissen möchte, wie es weitergeht, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

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Autorin
: Susanne Gavénis
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ISBN: 9783844242577
Sprache: Deutsch
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum: 19.12.2012
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Als Enkel eines Herzogs geboren, wächst Shaan in völliger Abgeschiedenheit auf, denn ihm ist ein besonderes Schicksal bestimmt: Mit der Magie des Wassers und des Windes soll er die Lanhal, die Inkarnation des Guten, beschützen. Sollte Shaan jedoch versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern eines Einzelnen. Seit Anbeginn der Zeit tobt auf der Erde die Schlacht zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Shaan, Enkel eines Herzogs, wird von seinem Vater in der Einsamkeit der Berge mit grausamer Härte auf seine vom Schicksal bestimmte Aufgabe vorbereitet: Er ist der Beschützer der Lanhal, der Inkarnation des Guten, die alle hundert Generationen in Gestalt eines gewöhnlichen Mädchens wiedergeboren wird, um in einem mörderischen Aufeinandertreffen mit dem Yinyal, der Verkörperung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit zu kämpfen. Ausgestattet einzig mit der Fähigkeit, Wind und Wasser zu beherrschen, muss sich Shaan einer Bedrohung stellen, die alles Vorstellbare übersteigt, denn die Mächte das Bösen entsenden eine schreckliche Gegenspielerin, die ebenfalls über zwei Elemente gebietet Feuer und Erde. Und Shaan weiß: Sollte er versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Susanne Gavénis wurde 1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M.

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NEUE FRONTEN (Teil 1) – Leseprobe 1. Kapitel aus: “Gambler-Zyklus 2 – Countdown” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 24. März 2013

NEUE FRONTEN (Teil 1)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 2 – Countdown”

von

Susanne Gavénis

Müde von der Reise, dem Test und der Besprechung kehrte Danny in seine Kabine zurück, hielt sich aber noch so lange wach, bis er einen Blick auf alle frei zugänglichen Karten der Station geworfen hatte, schließlich konnte es nicht schaden, wenn er sich dort ohne Mühe orientieren konnte. Danach wies er den Computer an, ihn rechtzeitig am nächsten Morgen zu wecken, und ging schlafen. Ein tiefer, traumloser Schlaf umfing ihn, kaum dass er sich in seinem Bett ausgestreckt hatte. Er erwachte noch vor dem Weckruf des Computers, wenn auch sein Bewusstsein nur langsam aus dem schlaftrunkenen Zustand auftauchte.

Trotzdem sickerten die Geräusche der Station in seine Wahrnehmung, noch bevor er die Augen geöffnet hatte – das unterschwellige Vibrieren, das auf der Erdorbitalstation allgegenwärtig war, das Knistern in den Wänden und das leise Knacken der Lüftung. Er erkannte die Unterschiede zur Gambler-Circus sofort, obwohl er noch nicht richtig munter war, und sie brachten die Erinnerung mit der Macht eines Blitzschlags in seine Aufmerksamkeit zurück.

Von einer Sekunde zur anderen war er hellwach, fuhr mit klopfendem Herzen in seinem Bett auf und ließ in kurzen Sequenzen die Erlebnisse des gestrigen Tages Revue passieren. Bilder, Stimmungen, gesprochene Sätze und Worte, die zwischen den Zeilen verborgen geblieben waren, huschten durch seinen Kopf, vergegenwärtigten ihm von Neuem die Ankunft auf der Station, das Gespräch mit Captain Wilding, den Test, das Ankleiden und die Einsatzbesprechung.

Einiges (wenn er ehrlich war, sogar vieles) war nicht so gut gelaufen, wie er es sich gewünscht hätte; lediglich Mady war ein echter Lichtblick gewesen. Sie war hübsch und nett, und sie versuchte wenigstens, ihre Handlungen nicht von ihren Vorbehalten bestimmen zu lassen. Natürlich war sie überrascht und verunsichert gewesen, aber sie war sicher auch noch keinem Gambler begegnet, also war ihre Reaktion nur verständlich, vor allem wenn man bedachte, wie groß die Unterschiede zu gewöhnlichen Menschen tatsächlich zu sein schienen. Er hoffte sehr, dass auch die anderen, mit denen er im Laufe der nächsten Zeit zusammenarbeiten musste, Madys Einstellung zu ihm übernahmen. Er würde es zwar auch ertragen, falls sie es nicht täten, aber es wäre doch unschön, nur ablehnende Blicke zu erfahren. Andererseits war er das von der Gambler-Circus her gewöhnt; besonders die letzte Woche hatte ihn abgehärtet.

Mit einem leisen Seufzer wies er den Computer an, Licht zu machen, zog sich aus dem Bett, tappte in das kleine Bad, das zu seiner Kabine gehörte, und wusch sich. Danach streifte er mit einem tiefen Schmunzeln die Unterwäsche über, die er gestern beim Einkleiden erhalten hatte. Offenbar nahm man es mit der Uniformität auf der Erdorbitalstation sehr genau. Anschließend ging er zum Schrank hinüber, öffnete ihn und fuhr mit einer Hand über den Stoff der Uniformen, die er sorgsam darin verstaut hatte.

Man hatte ihm zwei hellgraue und zwei blaue Uniformen gegeben. Gestern Abend hatte er eine graue getragen, da es die Farbe war, die er am häufigsten auf der Station gesehen hatte, doch im Verlauf der Besprechung hatte er bemerkt, dass alle Piloten, die Captain Wilding ansprach, blaue Uniformen trugen, deshalb wäre das im Grunde auch für ihn die angemessene Bekleidung.

Trotzdem hatte er ein seltsames Gefühl dabei, als er eine der blauen Uniformen überstreifte und die Identifikationsplakette an einer Seite des Kragens, das Rangabzeichen an der anderen befestigte. Er war jetzt zwar offiziell ein Pilot der Erdflotte, aber er konnte nicht umhin, daran zu denken, wie unterschiedlich sein Weg von dem derjenigen gewesen war, die ebenfalls Blau trugen. Das war eine Kluft, die von der identischen Kleidung nicht überdeckt und schon gar nicht ausgeglichen werden konnte. Die anderen, allen voran Lieutenant Thornsburg, würden sich stets daran erinnern, und er selbst ebenfalls.

Nachdem er sich vollständig angekleidet und sein Erscheinungsbild gewissenhaft überprüft hatte, verließ er sein Quartier. Zwar zeigte das Chronometer an, dass er bis zum Beginn des Trainings noch gute zwei Stunden Zeit hatte, aber er hatte nicht vor, sie in der Abgeschiedenheit seiner Kabine zu verbringen. Es war wichtig, dass er sich auf der Station umsah, die Soldaten beobachtete und so viel wie möglich lernte, damit er jeden zusätzlichen Reibungspunkt vermeiden konnte. Auf der Gambler-Circus hatte er zuletzt wenig darauf gegeben, Streit aus dem Weg zu gehen, aber dort war ihm sein Platz im Grunde gleichgültig gewesen. Hier war das anders.

Auf dem Korridor schlug er den Weg zur nächsten Messe ein, zögerte aber, als er an Madys Kabinentür vorbeikam. Er überlegte kurz, ob er sie fragen sollte, ob sie ihn begleiten mochte, denn von ihr könnte er bestimmt noch eine Menge über die Gepflogenheiten auf der Station erfahren, und es wäre sicher auch nett gewesen, beim Frühstück nicht allein zu bleiben, aber er sah davon ab. Er hatte Mady und den anderen ihres Teams gestern Abend die Anstrengung des Trainings deutlich angemerkt, deshalb war anzunehmen, dass sie noch schlief, und er wollte sie nicht stören. Seine Fragen konnten warten, außerdem würden sich die meisten ohnehin von selbst klären.

In der Messe bestätigten sich seine Gedanken. Er fand kein einziges bekanntes Gesicht, da die einen noch im Simulator trainierten und die Mitglieder der drei übrigen Teams wohl noch schliefen. Insgesamt war der Speisesaal nur mäßig besetzt. Danny suchte sich einen Platz in der hinteren Ecke des Raums, von wo aus er alles gut im Blick behalten konnte. Er achtete darauf, ob die Männer und Frauen in der Messe ihm ein besonderes Interesse entgegenbrachten, aber das war nicht das Fall. Vermutlich wussten sie nicht, wer er war, und im Grunde war ihm das auch ganz recht so.

Während er sein Frühstück zu sich nahm, musste er plötzlich an die Gambler-Circus denken. Heute war der erste Morgen, an dem er nicht zusammen mit seinen Eltern frühstückte. Natürlich waren sie auch auf der Journey nicht bei ihm gewesen, aber auf der Reise war ihm das nicht aufgefallen. Nun wurde ihm jedoch schlagartig bewusst, dass er vielleicht nie wieder mit seinem Vater und seiner Mutter im Speisesaal der Gambler-Circus sitzen würde.

Ein Anflug von Heimweh überkam ihn. Natürlich bereute er seine Entscheidung nicht, aber es war doch auch seltsam, nur fremde Gesichter ringsum zu sehen, nicht die vertrauten Gesprächsfetzen zu hören und keine stummen, verständigen Blicke mit seinem Vater tauschen zu können. Alle üblichen Routinen waren fort, und erst jetzt fiel ihm auf, dass er sie überhaupt besessen hatte.

Kopfschüttelnd setzte er sein Mahl fort. Er würde sich sicher schnell neue Routinen zulegen, und was die fremden Gesichter anging, erledigte sich das Problem auch sehr bald. Wenn morgen früh wieder die gleichen Männer und Frauen in der Messe erschienen, würde er sie wiedererkennen, und damit waren sie nicht mehr gänzlich fremd.

Er schüttelte ein weiteres Mal den Kopf, verärgert über diesen dummen, wenig rationalen Gedanken, und wünschte, er wäre nicht so früh aufgewacht, hätte seine Kabine später verlassen und wäre in der Messe auf Mady getroffen. Auf der Gambler-Circus hatte es ihm nichts ausgemacht, die Mahlzeiten am Tisch seiner Eltern im Schweigen zu verbringen, doch er spürte genau, dass er das auf der Erdorbitalstation nicht fortsetzen wollte. Es blieb allerdings abzuwarten, ob er die Möglichkeit erhielt, daran etwas zu ändern.

Danny zog sein Frühstück absichtlich in die Länge, doch als er schließlich aufstand, war bis zum Beginn des Trainings um 8.00 noch immer eine Stunde Zeit. Er beschloss, den Trainingsraum trotzdem aufzusuchen. Da sich das vierte Team derzeit dort aufhielt, war der Raum auf jeden Fall besetzt, und er könnte die anderen beim Üben beobachten, noch bevor er selbst in den Simulator steigen musste. Das wäre sicherlich sinnvoll, wenn er seine eigenen Leistungen verbessern wollte.

Er verließ den Speisesaal und fuhr in das Stockwerk 40D hinunter. Obwohl er den Weg zum Simulatorraum erst einmal gegangen war, fand er ihn sofort wieder. Er war ihm längst vertraut. Normalerweise hätte er sich nichts dabei gedacht, doch heute versuchte er, sich in die Möglichkeiten normaler Menschen hineinzudenken, und das hieß, sich vorzustellen, wie es wäre, nicht von dem einmaligen Anblick einer Karte ableiten zu können, welchen Weg man gehen konnte und sich nicht nach einem Mal genau daran erinnern zu können.

Es gelang ihm nicht. Die Vorstellung war ihm einfach zu fremd. Mit einem Schulterzucken gab er es auf, nahm sich jedoch vor, es später noch einmal zu versuchen.

Als er vor dem Schott zum Simulatorraum ankam, blinkte über der Tür ein rotes Licht, was bedeutete, dass der Simulator in Betrieb war. Er blieb stehen und wartete, bis es erlosch, erst danach betrat er den Raum. Der Geräuschorkan, der eben noch den Raum erfüllt haben musste, war noch nicht gänzlich verklungen. Sein Echo hallte von den glatten Wänden wider, bis es sich im Summen der Maschinen verlor, die langsam heruntergefahren wurden. Die fünf Kapseln kamen gerade erst in ihrer Ausgangsstellung zur Ruhe. Über ihnen waberte die heiße Luft, und ein Hauch davon strich auch über seine Wangen, bevor sie in den Sog der Ventilation geriet, verwirbelt und abgesogen wurde.

Ein Blick zeigte ihm, dass sich die Hälfte des Teams in der gläsernen Kabine aufhielt. Drei von ihnen waren bereits auf ihn aufmerksam geworden und sahen zu ihm herüber, der vierte blickte auf, als ihn einer der anderen anstieß, und die Frau in der blauen Uniform hob nur eine Sekunde später den Kopf. Zuvor hatten sich ihre Lippen bewegt, nun aber legten sie sich stumm aufeinander. Es dauerte fast drei Sekunden, bis sie ihre Augen wieder von ihm nahm und sich wieder dem Gespräch über die Bordkommunikation zuwandte, das sie zuvor geführt hatte.

Danny vermutete, dass sie den Männern und Frauen im Simulator neue Anweisungen erteilte und beeilte sich, die gläserne Kabine aufzusuchen, damit er den Fortgang des Trainings nicht behinderte. Schweigen empfing ihn. Es mochte daher rühren, dass die Teamführerin noch immer mit den Soldaten im Simulator sprach, aber er sah die Blicke der anderen und wusste es besser. Tief in ihm regte sich eine Flamme des Zorns, aber er unterdrückte sie, bevor sie Raum in ihm gewann.

Als die Teamführerin ihr Gespräch beendet hatte, richtete sie sich auf und sah ebenfalls zu ihm herüber. Danny nahm sofort das Namensschild auf ihrer Uniform wahr. Lieutenant Tannen stand vor ihm. Er salutierte.

„Fähnrich Sims meldet sich zum Training zur Stelle“, erklärte er und hoffte inständig, dass seine Stimme in den Ohren der anderen nicht so heiser klang wie in seinen eigenen.

Lieutenant Tannen winkte ab. „Lieutenant Thornsburg ist Ihr Teamführer, nicht ich. Wenn Sie strammstehen und salutieren wollen, warten Sie auf ihn.“

Danny spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. „Aye, Lieutenant.“

Sie musterte ihn eindringlich. „Das war kein Befehl, Mr. Sims. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, welche Stellung Sie im hierarchischen System der Erdflotte einnehmen, deshalb überlasse ich es denen, die Captain Wilding zu Ihren direkten Vorgesetzten erklärt hat, Ihnen Anweisungen zu erteilen.“

Danny strich unwillkürlich über den dreistrahligen Stern an seinem Kragen. „Ich bin ein Fähnrich.“

„So sagt es Ihr Abzeichen, aber …“, Lieutenant Tannen unterbrach sich und zuckte mit den Schultern.

Danny konnte sich denken, was sie hatte sagen wollen. „Wäre es Ihnen lieber, wenn ich wieder gehe?“

Die Stille wurde plötzlich noch tiefer, und die Blicke der vier Teammitglieder gingen zwischen ihm und Lieutenant Tannen hin und her. Auch sie sah es, wie ihre Augen verrieten, straffte ihre Gestalt und versuchte ein Lächeln.

„Das ist nicht nötig, Fähnrich Sims. Bleiben Sie, wenn Sie möchten, und sehen Sie zu. Die Simulation, die gleich beginnen wird, ist die letzte, die wir in dieser Schicht durchführen werden.“

„Danke, Lieutenant.“

Danny setzte sich und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Monitore, die das Pult vor der gläsernen Wand übersäten. Vor jedem der insgesamt zehn Sitzplätze war der gleiche Satz Bildschirme angebracht; fünf zeigten die Kanzeln in Innenansicht, ein sechster stellte eine taktische Darstellung des Zielgebiets dar, ein siebter das virtuelle Schiff in Nahaufnahme, so dass man einzelne Bewegungen der Geschütze sehr genau erkennen konnte, und ein achter schließlich die Manöver, wie sie sich im All ausgenommen hätten …(…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://saargau-arts.de/

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

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Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus II

Countdown
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Verlag :      AAVAA Verlag
ISBN :      978-3-86254-415-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 11,95 Eur[A] / 17,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 263 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht :      270 g

Medien :
Leseprobe(PDF)

Wettlauf gegen die Zeit …

Fieberhaft versuchen die Menschen der Erde, sich gegen einen erneuten Angriff der außerirdischen Hewitts zu wappnen. Danny Sims weiß, dass der Augenblick der Entscheidung unaufhaltsam näher rückt. Doch bald muss er begreifen, dass der Kampf um sein Leben schon längst begonnen hat – und dass es Gefahren gibt, gegen die selbst ein Gambler machtlos ist.

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Dynastien – Klan- und Familiengeschichten”

Erstellt von Susanne Gavénis am 7. Januar 2013

“Dynastien – Klan- und Familiengeschichten”

sfbasar.de-Anthologie Band 19

mit Beiträgen der Community-Autoren

des Literatur-Blogs “sfbasar.de”

Editorial: Liebe Freunde, liebe Besucher und liebe Leser: Heute kann ich Euch einen neuen Beitrag für diese Anthologie vorstellen, die nach und nach mit immer weiteren Beiträgen und Kurzgeschichten unserer Autoren gefüllt werden soll, die den Themenschwerpunkt “DynastienKlan- und Familiengeschichten” zum Inhalt haben.

Verzweifelte Liebende im Kampf gegen Herkunft und Tradition, politische Ränkespiele, glorreicher Aufstieg und dekadenter Niedergang – all die dramatischen, mysteriösen und glanzvollen Facetten großer und einflussreicher Familien finden in dieser Anthologie ihren Platz. Ob in historischen Romanen oder Liebesgeschichten, ob in Krimi, Fantasy oder Science Fiction, überall trifft man auf Menschen, die in und mit ihrer Familie leben und lieben, kämpfen und scheitern, die Teil von etwas Größerem sind, das gleichzeitig auch ein Teil von ihnen selbst ist.

Einige der Herausforderungen, die das Wissen um diese tiefe Verbundenheit in sich birgt, kann der Leser in den folgenden Beiträgen unserer Autoren näher kennenlernen.

Liebe Community-Autoren von sfbasar.de, bitte überlegt, ob es bei Euren Geschichten welche gibt, die hier passen könnten, oder schreibt einfach etwas, von dem ihr glaubt, dass es sich um genau so eine Familien-Geschichte handelt. Selbverständlich nehme ich auch gerne andere Formen wie Gedichte, Buch- und Filmempfehlungen hier auf. Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Und jetzt viel Spaß beim Lesen und Schreiben und scheut Euch nicht, Eure Meinung hier im Kommentarteil zur Anthologie zu posten!

NEU - ABSEITS VON ALLEM (Teil 1) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

IN VORBEREITUNG: ABSEITS VON ALLEM (Teil 2) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

IN VORBEREITUNG: ABSEITS VON ALLEM (Teil 3) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

BUCHBESPRECHUNG: ANGHARA – (CHANGER OF DAYS 1) – DIE VERBORGENE KÖNIGIN von Alma Alexander – Rezension von Petra Weddehage

BUCHBESPRECHUNG: ANGHARA 2 – (CHANGER OF DAYS 2) – DIE RÜCKKEHR DER KÖNIIN von Alma Alexander – Rezension von Petra Weddehage

BUCHBESPRECHUNG: ASYLON von Thomas Elbel – Rezension von Alisha Bionda

DAS PORTAL NACH SCHOTTLAND – Leseprobe aus dem Roman: Im Schatten der Dämonen – Weltennebel 3 von Aileen P. Roberts

BUCHBESPRECHUNG: DAS VERBORGENE HAUS von Maria Ernestam – Rezension von Iris Gasper

DER CRISAN-KLAN – eine phantastische Kurzgeschichte von Ann-Kathrin Karschnick

BUCHBESPRECHUNG: DER DUFTMACHER von Ina Knobloch – Rezension von Irene Salzmann

BUCHBESPRECHUNG: DIE ERWÄHLTE – DER WEG IN DIE DUNKELHEIT 1 von Erica O’Rourke – Rezenion von Yvonne Rheinganz

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1)  aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 2)  aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 3)  aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

BUCHBESPRECHUNG: DIE TOCHTER DER TRYLL 1 – VERBORGEN von Amanda Hocking – Rezension von Yvonne Rheinganz

BUCHBESPRECHUNG: DIE TOCHTER DER TRYLL 2 – ENTZEIT von Amanda Hocking – Rezension von Yvonne Rheinganz

BUCHBESPRECHUNG: DUNKELMOND von Susanne Picard – Rezension von Petra Weddehage

EIN NEUER FRÜHLING – Leseprobe aus dem Roman: Im Schatten der Dämonen. Weltennebel 3 – von Aileen P. Roberts

BUCHBESPRECHUNG: FERNE TOCHTER von Renate Ahrens – Rezension von Iris Gasper

BUCHBESPRECHUNG: FROSTGRAS von Angelika Lauriel – Rezension von Iris Gasper

BUCHBESPRECHUNG: GRAVE MERCY – DIE NOVIZIN DES TODES von Robin LaFevers (sfb-Award-Gewinner: Beste Leseprobe Herbst 2012 – Geteilter Preis) – Rezension von Irene Salzmann

MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

BUCHBESPRECHUNG: WELTENNEBEL 1 – DAS MAGISCHE PORTAL von Aileen P. Roberts – Rezension von Iris Gasper

BUCHBESPRECHUNG: WELTENNEBEL 2 – IM REICH DER DUNKELELFEN von Aileen P. Roberts – Rezension von Iris Gasper

BUCHBESPRECHUNG: WELTENNEBEL 3  – IM SCHATTEN DER DÄMONEN von Aileen P. Roberts – Rezension von Petra Weddehage

An alle Autoren, die mitmachen möchten: Weitere Beiträge sind erwünscht und sollen diese Anthologie ergänzen. Wir planen bei genügend Beiträgen, diese Anthologie hier auch als PDF-File zusammen mit einem Spendenbutton (für kleine Beträge zum jeweiligen Storywettbewerb) anzubieten. Ausserdem planen wir davon ein ebook und am Ende vielleicht sogar eine Printausgabe erscheinen zu lassen! Es liegt ganz an euch und eurer Teilnahme an den Anthologien! Wer also teilhaben möchte, der schreibt eine Geschichte oder einen Sachbeitrag zum Thema und stellt ihn bei uns als Artikel oder Story ein. Bei einer Story kann diese auch an den Storywettbewerben teilnehmen, muss das aber nicht zwingend! Wir hoffen auf eure Hilfe!

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Spende über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Das sfbasar.de-Team
i.A. Susanne Gavénis

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 3) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 7. Januar 2013

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 3)

aus: “Shaans Bürde”

Fantasy-Roman

von

Susanne Gavénis

(Zum vorherigen Teil)

Elf endlose Tage behielt Gefflan seine Trauer bei. Die gesamte Zeit brütete er in seinem Gemach und verließ es nicht einmal, um mit seinen Eltern und seinen Geschwistern zu speisen. Er blieb für sich allein, lauschte über lange Stunden dem Heulen des Sturms, dem Donnergrollen, dem Prasseln des Regens und den Beben, die gemeinsam Sheenas Totenklage sangen.

Am zwölften Tag nach Sheenas Tod kehrte Ruhe ein. Das Unwetter klang ab, und die Erde beruhigte sich. Diener wagten es zum ersten Mal seit beinahe drei Wochen, die Fensterläden zu öffnen. Sie taten es auch in seinen Räumen, entfernten sich jedoch wieder, ohne ihn anzusprechen oder auf andere Weise zu stören.

Gefflan wartete, bis sie gegangen waren, dann trat er an eins der großen Fenster und schaute müßig hinaus. Noch hingen die Wolken tief und waren dunkel und schwer, doch je länger er dastand und sie betrachtete, desto heller wurden sie, und es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich gänzlich lichteten. Eine bedrückende Stille lag über der Burg und ihrer Umgebung. Es schien, als hielten Mensch und Tier gleichermaßen den Atem an, als könnten sie noch nicht fassen, dass das Gewitter endlich vorüber und die Gefahr für Leib und Leben vorbei war. Ein leises Summen in ihrer aller Ohren zeugte noch von dem Geräuschorkan, der über lange Tage auf sie eingestürmt war, und ließ die nun eingekehrte Ruhe um so tiefer erscheinen.

Unbewegt in Herz und Leib gab sich Gefflan dem Schweigen hin, das nur von seinen eigenen dumpfen Atemzügen gebrochen wurde. Mit leerem Blick starrte er auf das rissige Glas der Scheibe, auf der unzählige Wassertropfen glitzerten, Zeugen des heftigen Regens, der noch vor wenigen Stunden den Boden rund um die Burg in Morast verwandelt hatte. Sie perlten als kleine Kugeln von der glatten Oberfläche ab. Mit ihrem gezackten und vielfach verzweigten Lauf erinnerten sie an die Blitze, die noch vor kurzem Himmel und Erde verbunden hatten – ein weiteres Andenken an das überstandene Inferno.

Derer gab es viele in der Burg. Es würde Wochen dauern, alle Schäden zu reparieren, und die Natur in den Bergen würde sogar Jahre benötigen, um sich gänzlich zu erholen. Von den Hainen an den Hängen ringsum war, wie Gefflan es erwartet hatte, kaum mehr als eine Handvoll Bäume geblieben. Alle anderen waren entwurzelt und umgerissen, unterspült und fortgeschwemmt oder von der Hitze der Blitze verbrannt worden.

Von der Tür her klang ein zögerndes Klopfen auf. Er antwortete mechanisch, ohne sich vom Fenster abzuwenden oder zu seinem Besucher umzudrehen. Bereits an der Art des Klopfens hatte er erkannt, dass es nur ein Diener sein konnte, der um Einlass bat, und die leise gesetzten Schritte, die er wenig später hinter sich vernahm, bestätigten seine Vermutung.

Es fiel ihm schwer, einen langen Seufzer zu unterdrücken. Er wusste, was nun folgen würde, denn das war ein Ritual, das vor elf Tagen seinen Anfang genommen hatte, und nur er allein besaß die Macht, es zu beenden. Er wusste nicht, ob er es heute tun sollte, und so schwieg er, bis der Diener ihn ansprach.

„Verzeiht, dass ich Euch störe, Herr. Der Herzog lässt fragen, ob Ihr einen Wunsch habt.“

Gefflan verzog spöttisch die Lippen, und ein Anflug von Zynismus drängte ihn dazu zu antworten, dass nicht er es sei, der ein bestimmtes Begehren hegte. Seine Zeit für Wünsche und Träume war vorbei.

Doch er blieb stumm. Seine Gedanken und seine Trauer gehörten ihm allein. Der einzige Mensch, mit dem er alles hatte teilen wollen, war ihm entrissen worden.

„Herr?“

Gefflan holte tief Luft und gab sich einen Ruck. Letztlich konnte er dem Unvermeidlichen ohnehin nicht entgehen.

„Bring mir das Kind“, sagte er, ohne den Blick von der Scheibe mit den tausend Wassertropfen zu nehmen – versprengtes Nass auf gesprungenem Glas.

„Ja, Herr“, erwiderte der Diener hörbar erleichtert und zog sich zurück.

Gefflan wartete, sich im Herzen an Erinnerungen labend, regungslos auf seine Rückkehr.

Nach nur wenigen Minuten klopfte es erneut, und der Diener trat ein. In seinen Armen trug er, eingehüllt in eine warme, weiche Decke, den Säugling.

„Hier ist Euer Sohn, Herr“, sagte er leise und reichte ihm das Kind.

Gefflan zögerte, dann nahm er das Bündel entgegen und wies den Diener mit einer stummen Geste an, sich zu entfernen.

Während die Schritte draußen auf dem Korridor verklangen, wandte er sich erneut dem Fenster zu und sah gedankenverloren in die Ferne. Das Gewicht in seinen Händen spürte er kaum, erst als der Säugling sich regte, senkte Gefflan den Blick.

Shaan war wach. Mit dunklen, fast schwarzen Augen schaute er ihn an. Er gluckste und streckte ihm die zierlichen Finger entgegen. Gefflan hielt ihm eine Hand hin, ließ zu, dass Shaan nach seinem Zeigefinger griff. Als sich die kleine Hand um seinen Finger schloss, zuckte er zusammen. Eine Gänsehaut stellte ihm die Haare auf Armen und im Nacken auf. Es drängte ihn, sich dem fordernden Griff seines Sohnes zu entziehen, doch statt dessen wandte er den Blick ab, sah über die vom Unwetter geschundenen Berge und seufzte schwer. Das enge Gefühl, dass seit Sheenas Tod seine Körpermitte umfangenhielt, wurde noch stärker. Er wusste jetzt, dass es nie wieder von ihm weichen würde.

Mit ausdrucksloser Miene schaute er auf seinen Sohn herab und murmelte den Schwur, den sein Vater von ihm erwartete und das Schicksal von ihm verlangte.

„Shai’lanhal, wir sind geboren, um zu dienen, du der Lanhal und ich dir. So sei es, um Sheenas willen.“

Während er sprach, rissen die Wolken auf und gaben den Blick auf die Sonne frei. Sie war bereits halb hinter dem Horizont versunken. Als tiefroter Glutball schickte sie ihre Strahlen über das Land, badete es in Feuer und verwandelte die Wassertropfen auf der Scheibe in ein Meer glitzernder Granatkristalle. Selbst durch das Glas war die Wärme zu spüren, die von dem scheidenden Himmelslicht ausging.

Shaan schien es ebenfalls zu fühlen. Er drehte sein rundliches Gesicht der Sonne entgegen und blinzelte, als seine Züge von dem flammenden Rot berührt wurden. Noch ehe die Sonne gänzlich versunken war, waren die Wassertropfen von der Scheibe verschwunden.

* * *

Gefflan blieb nicht lange allein. Sein Vater gesellte sich zu ihm und betrachtete gemeinsam mit ihm die Berge, die nun unaufhaltsam von der heraufziehenden Dämmerung verschlungen wurden. Noch immer hielt er Shaan in seinen Armen. Der Säugling war bereits vor einiger Zeit eingeschlafen.

Der Herzog räusperte sich, nachdem sie eine Weile schweigend beisammen gestanden hatten. „Es ist schön, dass du Shaan endlich zu dir genommen hast.“

Gefflan entging der leichte Tadel, der in den Worten seines Vaters mitschwang, keineswegs, doch er zuckte lediglich gleichgültig mit den Schultern. „Ich dachte mir, dass dir das gefällt“, sagte er tonlos.

Sein Vater seufzte leise.

„Etwas anderes wird dir allerdings weniger gefallen.“

„Was meinst du, mein Junge?“

„Ich werde die Burg verlassen.“

Entgeistert riss der Herzog die Augen auf. „Und Shaan?“

„Ich werde ihn mitnehmen.“

„Aber wohin willst du gehen? Die Burg wäre ein guter Ort für dein Kind, um heranzuwachsen.“

„Das mag für andere gelten, aber nicht für Shaan. Er ist der Shai’lanhal. Er darf nicht hier bleiben.“

„Ich kann dir nicht ganz folgen!“

„Was ist daran so schwer zu verstehen?“, knurrte Gefflan. „Du selbst hast mir gesagt, dass ich Shaan auf seine Aufgabe vorbereiten muss. Genau das habe ich vor.“

„Dazu müsstest du die Burg und deine Familie nicht verlassen.“

„Doch, das muss ich. Die Magie soll ein Geheimnis bleiben, wie du sehr wohl weißt, und wir wissen gar nichts darüber, nicht, wann sie hervortreten und auch nicht, wie sie sich bemerkbar machen wird. Vielleicht gibt es unkontrollierte Ausbrüche seiner Kraft. Vielleicht zeigt sie sich gar, wenn er schläft. Zu viele Menschen könnten davon erfahren, wenn er bliebe.“

„Aber du kannst ihn doch nicht von allen anderen Menschen fernhalten!“

„Es ist sogar meine Pflicht, das zu tun. Seine Kontakte mit anderen müssen auf ein Minimum reduziert werden. Nur so kann ich gewährleisten, dass seine Magie nicht bekannt wird.“

„Ich weiß nicht“, meinte der Herzog unsicher. „Es würde dem Jungen gewiss nicht gut tun, wenn er irgendwo in der Einöde aufwächst.“

Gefflan schnaubte verächtlich. „Es geht nicht darum, was ihm guttut. Shaan ist kein gewöhnliches Kind. Er ist der Shai’lanhal! Hier in der Burg ließen sich seine Fähigkeiten niemals vollständig geheim halten, und wenn auch nur eine falsche Person davon erfährt, könnte das eine Katastrophe heraufbeschwören.“

„Du meinst, dann könnte auch die Gegenseite ahnen, wer der Shai’lanhal ist?“

„Ja. Wenn ich der Sarn der Shai’yinyal wäre, würde ich sehr aufmerksam auf Gerüchte lauschen, die von einem Jungen berichten, der durch magische Hand Luft und Wasser beherrscht und sie seinem Willen untertan macht. Und wenn ich ein solches Gerücht gefunden hätte, würde ich zu dem Ort gehen, von dem es erzählt, und das Kind töten. Eine einfachere Möglichkeit, den Kampf zu entscheiden, noch bevor er begonnen hat, gibt es nicht. Die Lanhal kann nur gewinnen, wenn Shaan an ihrer Seite steht. Ohne ihn wird sie nicht einmal ahnen, wer sie ist.“

Der Herzog blickte mit unglücklicher Miene auf den schlummernden Säugling herab. „Ich wünschte, ich könnte mich deinen Worten verschließen, Gefflan. Nenn es einen egoistischen Wunsch, aber ich hatte gehofft, meinen Enkel aufwachsen zu sehen.“

„Damit musst du wohl oder übel warten, bis Paslan oder meine anderen Brüder und Schwestern Kinder bekommen. Das Schicksal fragt nicht danach, was wir wollen.“

„Ich weiß, und du hast völlig recht. Wohin wirst du gehen?“

„Ich werde mich mit Shaan tief in die Berge zurückziehen und uns an einer geeigneten Stelle eine Heimstatt schaffen. Sie muss abgelegen sein und so weit von der nächsten Ortschaft entfernt, dass auch zufällige Begegnungen ausgeschlossen werden können. Shaan wird sich nur dann ausreichend im Gebrauch seiner Kräfte üben können, wenn er nicht ständig Angst haben muss, dass ein ungebetener Zuschauer ihn beobachtet.“

„Ich denke, ich weiß einen Ort, der für dich und Shaan geeignet ist“, erwiderte der Herzog. „Zehn Tagesreisen von hier gibt es ein Tal. Es heißt Hallagat und ist nur wenigen Menschen bekannt, da der Eingang zu ihm hinter riesigen Felsblöcken verborgen liegt. Es gibt dort einen kleinen Fluss, so dass Shaan Wasser hätte, an dem er seine Kräfte erproben kann und ihr, was wohl ebenso wichtig ist, nie Durst leiden müsstet, und die Umgebung ist so unwegsam und steinig, dass sich nur selten Menschen dorthin verirren.“

„Gibt es Siedlungen in der Nähe?“

„Nicht in der unmittelbaren Umgebung. Die nächste Ansiedlung ist mehr als vier Tagesreisen entfernt. Ist dir das abgeschieden genug?“

„Ja, aber ich werde es mir trotzdem erst ansehen, bevor ich mich festlege.“

„Selbstverständlich.“

„Noch etwas: Wenn ich mich entschließe, mit Shaan im Hallagat zu bleiben, sollten auch in der Burg so wenig Menschen wie möglich davon wissen. Je weniger Personen unseren Aufenthaltsort kennen, desto besser.“

„Einen Boten, der euch mit Geld, Kleidung, Nahrung und allem anderen Nötigen versorgt, müsstest du schon einweihen.“

Gefflan verzog unwirsch das Gesicht. „Das ist mir klar. Außerdem werden mir leider einige Männer beim Bau eines Hauses helfen müssen. Eine Holzhütte wird nicht genügen, immerhin werden wir dort bis zum Zeitpunkt des Kampfes bleiben. Das Haus muss stark und fest genug sein, um uns auch im Winter Schutz zu bieten.“

„Die Sorge kann ich dir abnehmen. Ein solches Haus existiert bereits.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Mein Großvater hat es vor langer Zeit bauen lassen. Es ist klein, da er es stets allein besuchte, aber für dich und Shaan wird es reichen. Mein Großvater zog sich einmal im Jahr für einige Tage dorthin zurück, um Ruhe zu finden, seinen Geist zu klären und sich an der Schönheit der Natur zu erfreuen.“

Gefflan schürzte abfällig die Lippen. „Wichtig ist nur, dass Shaan durch nichts von seiner Aufgabe abgelenkt wird. Er wird sehr viel lernen müssen, andernfalls wird er keine Hilfe für die Lanhal sein.“

„Du wirst die Aufzeichnungen von den früheren Kämpfen mitnehmen müssen, damit Shaan weiß, was auf ihn zukommt.“

„Das werde ich. Die Geschichten und die Regeln werden ihm in Fleisch und Blut übergehen, so wie es sich für den Shai’lanhal gehört.“

„Vergiss nicht, ihm beizubringen, wie man sich auch ohne Magie gegen Angriffe verteidigt. Es wird ganz sicher Situationen geben, in denen er nicht auf sie zurückgreifen kann.“

„Das habe ich nicht vergessen“, erwiderte Gefflan und warf seinem Vater einen langen Blick zu. „Und du hast es auch nicht. Ich verstehe jetzt, warum du die besten Soldaten aus dem Herzogtum zusammengerufen hast, damit sie mir von klein auf beibringen, mit Waffen und ohne sie zu kämpfen. Ich sollte dazu in der Lage sein, dieses Wissen dem Shai’lanhal zu vermitteln.“

Seine Worte gerieten bitter und anklagend, ohne dass er es verhindern konnte oder auch nur wollte. Vieles, was er früher als selbstverständlich hingenommen und nicht weiter hinterfragt hatte, erschien ihm plötzlich in einem anderen Licht. Shaan war der Shai’lanhal – das änderte alles.

Der Herzog winkelte die Arme an und drehte die Handflächen nach oben – eine entschuldigende Geste. „Ich wusste, dass du der Sarn des Shai’lanhals sein würdest.“

Gefflan bohrte seinen Blick in die Augen seines Vaters. „Ja, das wusstest du.“

Der Herzog versuchte nicht weiter, sein Handeln zu erklären, aber das war auch nicht nötig. Es war alles gesagt worden.

„Wann wirst du aufbrechen?“

„Sobald die Straßen wieder begehbar sind.“

„Möchtest du nicht warten, bis Shaan etwas älter geworden ist?“

„Nein.“

Sein Vater seufzte schwer. Da legte ihm Gefflan mit einer steifen Bewegung das Baby in den Arm.

„Nimm ihn mit, wenn du gehst, und nutze die Zeit, die dir mit ihm bleibt. Wenn wir aufbrechen, wird sie unwiderruflich vorbei sein.“

Der Herzog presste den kleinen Shaan an seine Brust. Seine Augen glänzten feucht. Gefflan kümmerte es nicht. Er hatte sich bereits halb abgewandt und versuchte mit seinen Blicken die Dunkelheit zu durchdringen, die sich wie eine schwarze Decke über das Land gebreitet hatte.

„Mit unseren Gedanken und mit unserem Herzen werden wir stets bei euch sein“, flüsterte sein Vater, trat einen Schritt an ihm vorbei und legte einen kleinen Gegenstand auf das Fensterbrett. Es war eine Metallplakette, die das Wappen der Geyserés zeigte – zwei weiße Möwen auf blauem Grund.

„Vergiss niemals, wer du bist“, mahnte er Gefflan.

Gefflan sah ihn nicht an. „Das werde ich nicht.“

Sein Vater seufzte abermals und zog sich ohne ein weiteres Wort zurück. Erst als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, nahm Gefflan die Plakette in die Hand, drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern und steckte sie schließlich mit dem ledernen Band, das an ihr befestigt war, in die Tasche.

Sieben Tage später verließ er mit Shaan die Burg seiner Ahnen. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (c) 2008/2012 by Susanne Gavénis

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Da es sich hier um einen Textauszug aus einem e-book der Edition sfbasar.de handelt und wir deshalb nicht die Möglichkeit haben, ihn beim sfbasar-Award einzustellen, läuft dieser Beitrag im Storywettbewerb. Schliesslich würde es etwas merkwürdig aussehen, wenn unser eigener Titel unseren eigenen Award gewinnen würde. Wer wissen möchte, wie es weitergeht, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

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Autorin
: Susanne Gavénis
Dateiformat: ePUB
ISBN: 9783844242577
Sprache: Deutsch
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum: 19.12.2012
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Das eBook ist bei folgenden Anbietern erhältlich:
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Das eBook ist auch erhältlich über:
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Als Enkel eines Herzogs geboren, wächst Shaan in völliger Abgeschiedenheit auf, denn ihm ist ein besonderes Schicksal bestimmt: Mit der Magie des Wassers und des Windes soll er die Lanhal, die Inkarnation des Guten, beschützen. Sollte Shaan jedoch versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern eines Einzelnen. Seit Anbeginn der Zeit tobt auf der Erde die Schlacht zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Shaan, Enkel eines Herzogs, wird von seinem Vater in der Einsamkeit der Berge mit grausamer Härte auf seine vom Schicksal bestimmte Aufgabe vorbereitet: Er ist der Beschützer der Lanhal, der Inkarnation des Guten, die alle hundert Generationen in Gestalt eines gewöhnlichen Mädchens wiedergeboren wird, um in einem mörderischen Aufeinandertreffen mit dem Yinyal, der Verkörperung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit zu kämpfen. Ausgestattet einzig mit der Fähigkeit, Wind und Wasser zu beherrschen, muss sich Shaan einer Bedrohung stellen, die alles Vorstellbare übersteigt, denn die Mächte das Bösen entsenden eine schreckliche Gegenspielerin, die ebenfalls über zwei Elemente gebietet Feuer und Erde. Und Shaan weiß: Sollte er versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Susanne Gavénis wurde 1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M.

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IM ABSEITS (Teil 3) – Leseprobe 1. Kapitel – aus: “Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 24. Dezember 2012

IM ABSEITS (Teil 3)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”

von

Susanne Gavénis

(Zurück zu Teil 2)

Bei seinem Gleiter traf Danny auf Janet Gedemer, eine drahtige, junge Frau, die er nur selten in einer anderen Kleidung als ihrer dunklen Technikermontur gesehen hatte. Sie war zehn Jahre älter als er, trug ihre dunklen Haare so kurz, dass sie wie ein Rasen steifer Kabelenden von ihrem Kopf abstanden, und auf ihrem stets fröhlich wirkenden Gesicht fanden sich beinahe ebenso viele Spuren ihrer Arbeit wie auf ihrem Overall.

Ihre Ambitionen, ihre Gamblerfähigkeiten in den Vorstellungen des Zirkus einzusetzen, waren ihren eigenen Worten nach nie besonders groß gewesen, dafür liebte sie es, in den Eingeweiden der Raumschiffe zu werkeln, sie zu warten, zu verbessern und dafür Sorge zu tragen, dass keiner der Artisten eine Fehlfunktion fürchten musste. Wenn er seinen Flug durch das künstliche Asteroidenfeld mit ähnlicher Begeisterung sehen könnte, hätte er sicher einige Probleme weniger. Aber dann wäre er wohl auch nicht mehr er selbst.

„Hallo, Danny“, rief Janet ihm gutgelaunt zu, als er zu ihr an das kleine Raumschiff trat, legte eine Hand auf die glatte Flanke des Gleiters und tätschelte sie liebevoll. „Ich habe deinen Flitzer durchgecheckt. Es ist alles in Ordnung.“

Wie üblich verspürte er den Impuls, selbst noch einen kurzen Check-up durchzuführen, trotzdem rührte er sich nicht. Janet hatte ohnehin nichts übersehen. Eine nochmalige Überprüfung konnte er sich getrost sparen.

Janet war bereits dabei, eine der Wartungsluken zu öffnen. Als sie sah, dass er regungslos blieb, hielt sie inne. „Willst du keinen eigenen Check-up vornehmen?“

„Heute nicht“, gab er einsilbig zurück.

Janet wölbte überrascht die Augenbrauen und stieß pfeifend Luft aus. „Hast du dich heute schon einmal im Spiegel angesehen? Du machst ein Gesicht wie unser werter Herr Direktor, wenn die Kasse nicht stimmt. Hattest du Ärger?“

„Nein.“

„Geht es dir nicht gut?“

„Ich bin okay.“

„Den Eindruck machst du aber nicht auf mich. Was ist los mir dir? Als du heute Morgen nach dem Training aus dem Gleiter geklettert bist, hast du so gestrahlt, dass es selbst einer Supernova schwergefallen wäre, mit dir mitzuhalten. Ich dachte, du liebst das Fliegen!“

„Das tue ich auch!“

„Nur nicht heute Nachmittag, wie mir scheint.“

Danny erwiderte nichts darauf, sondern begann schweigend, sich den Raumanzug überzustreifen, der neben dem Gleiter für ihn bereitlag. Janet beobachtete ihn dabei.

„Was ist so unterschiedlich am Training und an der Show?“, fragte sie, als er gerade damit beschäftigt war, den Saum vor seiner Brust bis zum Hals zu schließen.

Danny hielt mitten in der Bewegung inne. Warum musste sie danach fragen, wenn sie es doch nicht verstand? Außer ihm schien das niemand zu begreifen. „Ist das nicht offensichtlich?“

„Für mich nicht. Ich fliege nicht jeden Tag, wie du weißt. Erkläre es mir!“

Danny versteifte sich. Vermutlich sollte er besser den Mund halten. Alles, was er sagen konnte, würde seinen Ruf als Sonderling erneut bestätigen. Doch die anderen sahen ihn ohnehin so! Wieso also sollte er schweigen und so tun, als wäre er wie jeder andere an Bord des Schiffes?

„Im Training bin ich frei“, erklärte er mit fester Stimme. „Ich kann meine Manöver selbst bestimmen, ich kann die Geschwindigkeit wenigstens halbwegs so hoch ansetzen, wie es mir beliebt, und ich kann die Weite des Raums genießen. Das alles ist während der Vorstellung nicht möglich.“

Janet legte die Stirn in Falten. „Wäre es dir lieber, einen der Kunstflüge zu machen? Dann stünden dir keine Asteroiden im Weg.“

Danny grub seine Finger in seinen Raumanzug. „Darum geht es nicht. Die Kunstflüge sind noch stärker reglementiert als der Asteroidenkurs. Sie ermöglichen überhaupt keine freie Bewegung mehr, und auf einen derartigen Flug kann ich nun wirklich verzichten!“

„Und was stört dich dann an deinem Auftritt? Soweit ich das beurteilen kann, ist es eine der Nummern, die noch am meisten Raum für freie Manöver lässt.“

„Nicht genug. Außerdem ist der Asteroidenkurs so … so einfach!“

Janet zog eine Augenbraue steil in die Höhe und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Das hätte ich mir denken können. Du suchst wieder einmal eine Herausforderung!“

„Wenn du es so simpel ausdrücken möchtest: Ja.“

„Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen der Asteroidenkurs durchaus eine Herausforderung für dich war. Als du ihn zum ersten Mal geflogen bist, hast du zwei Tage lang von nichts anderem geredet, so stolz warst du, dass du ihn ohne Fehler gemeistert hast.“

„Das ist mehr als fünf Jahre her! Seitdem bin ich den Kurs fast jeden Tag geflogen, und ich bin heute viel besser als damals. Der Kurs ist für mich kaum mehr als ein Kinderspiel.“

„Andere würden das nicht so sehen.“

„Das glaube ich nicht.“

„Tatsächlich nicht? Und was ist mit den Menschen, die sich tagtäglich unsere Show ansehen? Glaubst du, die würden für etwas bezahlen, was sie selbst mit dem kleinen Finger bewerkstelligen könnten?“

Entnervt verdrehte Danny die Augen. Wollte oder konnte sie ihn nicht verstehen? „Davon rede ich nicht, Janet. Es geht um die Menschen an Bord der Gambler-Circus. Jeder von ihnen könnte den Kurs fliegen.“

„Das stimmt zwar, aber nicht allen ginge es so leicht von der Hand wie dir.“

Schlagartig verebbte sein Ärger, und er starrte Janet verblüfft an. „Was meinst du damit?“

Janet bemaß ihn mit einem prüfenden Blick, der so intensiv war, als versuche sie, direkt in ihn hineinzusehen. „Du bist tatsächlich in den letzten fünf Jahren sehr viel besser geworden. Ich habe die anderen Piloten manchmal darüber sprechen hören. Selbst Francis Doi meinte, er würde in einem ernstgemeinten Wettstreit mit dir ganz sicher den Kürzeren ziehen.“

„Das ist nicht dein Ernst! Francis ist der beste Pilot, den ich kenne. Niemand kann es mit ihm aufnehmen!“

„Du schon, und du bist der einzige, dem das noch nicht aufgefallen ist. Warum, glaubst du, hat Merwyn Gaze dir den Asteroidenkurs übertragen?“

„Weil es ihm so gefällt?“, schlug Danny sarkastisch vor.

Janet ignorierte seinen Tonfall. „Weil du gut bist und weil du auch mit zwölf schon besser warst als andere in deinem Alter. Ich habe es im Vorstellungslogbuch nachgesehen. Es reicht eine ganze Weile zurück, trotzdem habe ich keinen einzigen Eintrag gefunden, der darauf hinweist, dass jemals ein Junge oder ein Mädchen, die noch jünger oder auch nur im gleichen Alter wie du waren, den Kurs geflogen sind. Die jüngste nach dir war Patty Doi, und sie war neunzehn, als sie den Kurs bekam. Davor haben ihn nur Erwachsene geflogen.“

Danny zog die Stirn in tiefe Falten. Was sollte er davon nur halten? Hatte Janet recht?

Plötzliche Wut kochte in ihm hoch. „Wenn ich tatsächlich so gut bin, wie du behauptest, warum hat mir Merwyn Gaze nicht längst eine Aufgabe übertragen, die mich mehr fordert?“

Janet warf einen beredten Blick an ihm vorbei auf die Challenge. „Willst du Francis Doi schon jetzt seinen Platz abspenstig machen?“

„Vielleicht“, gab Danny unbestimmt zurück.

Janet lachte. „Alter kommt vor Schönheit, wusstest du das nicht? Im Ernst, du kannst nicht erwarten, dass der Direktor dich jetzt schon zum Star der Vorstellung macht. Bleibe bei deinem Asteroidenkurs, halte dich an die Regeln und warte auf deine Chance. Ich bin sicher, sie wird bald kommen, eher früher als später, wenn du mich fragst.“

Missmutig blickte Danny zu Boden. Er glaubte Janets Worten nicht, auch wenn sie es sicher gut meinte und selbst davon überzeugt sein mochte. Fakt war und blieb, der Asteroidenkurs war viel zu leicht für ihn, und selbst wenn er irgendwann einmal die Chance bekommen sollte, die Challenge zu fliegen, bedeutete das noch lange nicht, dass er sie so einsetzen durfte, wie es ihm vorschwebte.

Halte dich an die Regeln, hatte Janet gesagt. Das hieß, dass er stets weit unter seinen Möglichkeiten bleiben musste. Sein Unwillen über diese ungerechte Reglementierung wurde jeden Tag größer, so groß, dass er ihn kaum noch vor seiner Mutter und den anderen Menschen an Bord des Schiffes verbergen konnte. Und mit ihm wuchs der Gedanke, es nicht mehr zu tun, sich frei zu äußern und alle Fesseln zu sprengen, die ihn einschnürten und jede Bewegung, jede Veränderung verhinderten.

Er biss sich auf die Lippen, um nichts zu sagen, was er später vielleicht bereut hätte. Mitten in ihrem Schweigen scholl ein Lautsprecherruf durch den Hangar, forderte die Artisten auf, ihre Fluggeräte zu besteigen und beendete so ihr Gespräch. Danny war froh, dass er es nicht selbst tun musste.

Janet warf ihm noch einen seltsamen Blick zu, bevor sie sich zum Gehen wandte. „Guten Flug.“

„Danke“, erwiderte Danny mechanisch.

Gleich darauf ging Janet über das Deck davon. Er sah ihr nicht nach, sondern beeilte sich, die Säume um Handschuhe und Stiefel seines Raumanzugs zu schließen. Als letztes klappte er den Helm zu und beobachtete konzentriert die Anzeigen, die ihm mitteilen sollten, ob sein Anzug luftdicht war oder nicht. Er war es.

Der Anzug war nichts weiter als eine Vorsichtsmaßnahme. Die künstlichen Asteroiden waren so beschaffen, dass sie dem kleinen Gleiter, selbst wenn er mit einem von ihnen kollidieren sollte, keinen ernst zu nehmenden Schaden zufügen konnten, dennoch wäre er nie auf die Idee gekommen, ihn nicht ordnungsgemäß anzulegen. Ein gewisses Risiko bestand immer, sobald man sich in den Raum hinauswagte. Da er Zeit seines Lebens auf einem Raumschiff gelebt hatte, wusste er das.

Als unvermittelt ein leichter Ruck durch das Schiff ging, schreckte er aus seinen Gedanken auf. Die Fähren waren zurück und hatten an der Gambler-Circus angelegt. Merwyn Gaze würde die Zuschauer nun höchstpersönlich an der Schleuse in Empfang nehmen und zu dem hohen Kuppelsaal geleiten, der dem Sternenblick glich, im Gegensatz zu ihm jedoch geradezu gewaltige Ausmaße besaß. Mehr als dreihundert Personen fanden in ihm Platz und konnten von dort aus die Show verfolgen. Für jeden einzelnen gab es einen Sitz, der sich unabhängig von den anderen verstellen ließ, so dass es jedem Zuschauer möglich war, individuell zu entscheiden, welchen Ausschnitt der Kuppel er betrachten wollte.

Darüber hinaus war an jedem der Sitze ein leichter Helm angebracht, mit dessen Hilfe der Zuschauer direkt in das Geschehen außerhalb der Kuppel eintauchen konnte. Zumindest vermittelte die computererzeugte virtuelle Realität einen solchen Eindruck. Die Gäste konnten sich der Illusion hingeben, selbst im Cockpit der Raumfahrzeuge zu sitzen, oder eine andere Perspektive wählen, ganz wie es ihnen genehm war. Die unzähligen Kameras, die im Showgebiet sowie in und an den Fahrzeugen angebracht waren, ermöglichten eine Vielzahl von Einstellungen. Die von ihnen aufgenommenen Bilder wurden über den Computer der Gambler-Circus direkt an die Sitze der Zuschauer weitergeleitet.

Bei einigen Nummern konnte das Publikum sogar tatsächlich aktiv eingreifen. So etwa beim Flug der Challenge, deren Zielobjekte von den Zuschauern gesteuert wurden, oder auch beim Asteroidenfeld, bei dem die Gäste Einfluss auf Kurs, Geschwindigkeit und Ort der Asteroiden nehmen konnten.

Danny stieß missgelaunt Luft aus. Während der Vorstellung wurde wirklich alles dafür getan, das Publikum gut zu unterhalten, nur die wahren Leistungen der Artisten bekam es nicht zu Gesicht. Hin und wieder hatte er seine Eltern gefragt, warum die Einschränkungen überhaupt existierten, doch wann immer er die Sprache darauf gebracht hatte, hatten die Augen seiner Mutter wieder diesen ängstlichen, gehetzt wirkenden Ausdruck angenommen, und sein Vater hatte schnell das Thema gewechselt. Und auch die anderen an Bord der Gambler-Circus sprachen nie darüber, ganz gleich, wen er auch gefragt hatte. Seine Unzufriedenheit wurde dadurch nicht gerade geringer.

Ein Signalton scholl durch den Hangar und kündigte an, dass das Ausschleusen unmittelbar bevorstand. Im großen Kuppelsaal warteten die Zuschauer sicherlich bereits ungeduldig und voller Spannung auf den Beginn der Vorstellung. Merwyn Gaze gestaltete sie stets auf die gleiche Weise. Am Anfang erzählte er eine Geschichte, die mit jeder der verschiedenen Nummern weitergeführt wurde.

Der Leiter des Zirkus war ein charismatischer Redner, und früher hatte Danny ihm oft und gern über Funk zugehört. Heute tat er das nicht mehr, denn er kannte all die Geschichten über die wagemutigen Helden, die zu glorreichen Missionen in die Tiefen des Weltalls aufbrachen, kannte die Erzählungen über Forscher, die sagenumwobenen Schätzen nachjagten, und auch die Berichte über die Pioniertage der irdischen Raumfahrt, die Merwyn Gaze ebenfalls in ein Epos ruhmvoller Abenteuer umgewandelt hatte, waren ihm mittlerweile bestens vertraut. Er konnte und wollte sie nicht immer wieder hören.

Ohne noch länger zu zögern, kletterte er in das Cockpit seines Gleiters, das weit offen stand und bereits ungeduldig auf ihn zu warten schien. Kaum hatte er sich in den engen Sitz gezwängt, schloss er das Kanzeldach und atmete tief durch. Das Ausschleusen der Schiffe geschah nach einer genau festgelegten Routine. Die Artisten verließen die Gambler-Circus in der Reihenfolge, in der sie in der Show erscheinen würden, deshalb würden einige der anderen vor ihm starten, so etwa die Raumschiffe, die den Formationsflug ausführten. Sein Vater gehörte zu den sieben Artisten, die an diesem Kunststück beteiligt waren.

Endlich war auch seine Zeit gekommen. Benjamin Gaze gab ihm über Funk das entsprechende Kommando, gleichzeitig begann das Signallicht neben der Schleuse in grellem Grün zu pulsieren und zeigte ihm an, dass die Schleuse bereit war, ihn und seinen Gleiter aufzunehmen. Er hob sein kleines Raumfahrzeug sachte vom Boden ab, setzte es in Bewegung und ließ es bis vor das große Hangartor schweben. Die Schotten wichen vor ihm zurück, und er stieß mit dem Gleiter in die Schleuse vor. Hinter ihm schloss sich der Einlass wieder, und der Druckausgleich begann. Gewaltige Pumpen sogen die Luft aus der Schleuse und passten ihr Ambiente an die Bedingungen des Vakuums an.

Wenig später öffnete sich das äußere Schleusentor und gab den Blick auf die Sterne frei. Für einen Moment vergaß Danny seine trüben Gedanken, als er seinen Gleiter aus der Schleuse brachte und ihn mit sanftem Schwung um einige Aufbauten der Gambler-Circus herumführte, die wie eine riesige Plattform unter ihm lag.

Der Eindruck täuschte jedoch. Tatsächlich besaß das gewaltige Schiff mehr die Form einer Walze als die einer Plattform. Nur in der Nähe der Hangaröffnungen war die Wölbung der Außenwand abgeflacht.

Auf der dreidimensionalen Holografie, die sich in Augenhöhe befand, verfolgte er die Bewegung seines Gleiters mit, während er die Warteposition anflog. Sie lag unterhalb des Schiffs, falls man den im Augenblick dem Planeten zugewandten Teil der Gambler-Circus als unten bezeichnen wollte. Da die große Kuppel des Zuschauersaals auf der gegenüberliegenden Seite der Gambler-Circus thronte, konnten die Schiffe vom Publikum nicht gesehen werden, bevor sie ins Zielgebiet einflogen.

Neben den bereits in Stellung gegangenen Raumfahrzeugen brachte er seinen Gleiter zur relativen Ruhe. „Danny Sims auf Warteposition“, meldete er ordnungsgemäß an die Brücke.

Eigentlich hatte er lediglich eine Bestätigung erwartet, doch Benjamin Gaze meldete sich persönlich. „Deine Warteposition ist nicht korrekt“, knurrte er ungehalten. „Verändere sie um die Koordinaten 35/17/25.“

„Das ist doch nur ein lächerlicher Meter nach links“, rief Danny ungläubig und verärgert.

„Ich werde dich nicht noch einmal dazu auffordern“, gab Gaze bärbeißig zurück.

Danny presste die Zähne aufeinander, bis sie knirschten. „Wird gemacht“, würgte er hervor und brachte sein Schiff in die geforderte Position, dieses Mal auf den Millimeter genau. Wütend starrte er auf die Anzeige, die stets aufleuchtete, wenn die Brücke der Gambler-Circus mit seinem Gleiter Kontakt aufnahm. Er hatte das alles so satt!

Wenig später begann die Show. Die künstlichen Asteroiden zogen sich, auf einen Steuerungsbefehl hin, der von der Brücke der Gambler-Circus ausging, so dicht zusammen, wie es möglich war, und begannen dabei intensiv zu leuchten. Gleich darauf stoben sie auch schon wieder auseinander und hinterließen helle Streifen aus Licht vor dem samtschwarzen All. Sie sollten eine Nova symbolisieren.

Er kannte die Geschichte, die Merwyn Gaze in diesem Augenblick zum Besten gab, nur zu gut. Die Nova war der Impuls für die Entstehung eines neuen Sternensystems, um das sich die weitere Erzählung rankte.

Er sah den Schiffen nicht nach, die als erste die Warteposition verließen und auf das Showgebiet zustrebten. Für eine Weile blickte er nicht einmal auf die holografische Darstellung, sondern auf einen Bildschirm, der ihm eine unverzerrte Sicht nach draußen bot. Das Dunkel des Alls und die glitzernden Lichter der Sterne zogen seinen Blick auf magische Weise immer wieder auf sich, und obwohl er mitten im Weltraum schwebte, hatte er das Gefühl, weit, viel zu weit von all den Welten entfernt zu sein, die es da draußen zu finden gab.

Die erste Nummer ging schnell vorüber. Das Ballett, an dem auch seine Mutter teilnahm, folgte, und Merwyn Gaze wusste auch zu dieser Vorführung eine Geschichte zu erzählen. Das Ballett stellte die geheimnisvollen Wesen dar, die ein wundersames Artefakt in das System brachten und es dort sorgsam verbargen. Ihm folgte der Zweierflug von Allan Janis und seiner Frau Alexandra. Ihre Geschichte schilderte den Aufbruch der Helden, die auszogen, um das Artefakt zu suchen.

Kurz vor Ende ihres Fluges bekam Danny sein Zeichen von der Brücke. Jetzt war er selbst an der Reihe. Wie schon unzählige Male zuvor ließ er sein Schiff die Gambler-Circus umkreisen, so dass es bald direkt über dem Kuppelsaal stand, und verharrte dort kurz. Danach ging es weiter. Er näherte sich dem künstlichen Asteroidenfeld, und gemäß der Geschichte, die Merwyn Gaze dem Publikum erzählte, stieß er vorsichtig auf das Feld zu, zog sich wieder zurück und stieß erneut zu, so als könne er sich nicht entscheiden, welchen Weg er nehmen solle.

Tatsächlich hatte er seinen Kurs längst ausgemacht, und er verlor ihn auch nicht mehr aus den Augen, obwohl die Zuschauer nun eingriffen. Die Asteroiden fingen an, sich zu bewegen.

Das war sein Zeichen. Entschlossen ließ er seinen Gleiter in das Feld eintauchen. Fünf Minuten würde er von jetzt an benötigen, um das langgestreckte Feld hinter sich zu bringen. So war es zumindest bei den meisten früheren Vorstellungen gewesen.

Die Zuschauer waren gut, oder vielleicht war es auch nur Zufall, auf jeden Fall gelang es ihnen, ihm seinen vorgeplanten Kurs zu verbauen. Er musste auf einen anderen ausweichen. Er tat es und dachte dabei an den Streifen hellen Lichts, den er hinter sich zurückließ. Eine spezielle Veränderung seines Antriebs sorgte dafür, dass auch seine Nummer zu einem aufsehenerregenden Spektakel wurde.

Mürrisch presste er die Lippen zusammen. Er schlug Bögen, flog Schleifen und erzeugte Muster, wich Asteroiden aus – ohne die geringste Mühe, ohne Hast und in vollkommener Routine.

Doch plötzlich änderte sich das Bild. Mehrere Zuschauer kamen zur gleichen Zeit auf die gleiche Idee. Nie zuvor hatte er eine derartig perfekte Synchronisation der Bewegungen der Asteroiden erlebt. Sie war natürlich nicht absichtlich geschehen, trotzdem war er mit einem Schlag hochkonzentriert und veränderte blitzartig den Kurs seines Gleiters, um der Barriere, die unerwartet von allen Seiten auf ihn zukam, zu entgehen. Er musste den Kurs von einem Sekundenbruchteil zum nächsten ändern, um den Gleiter zwischen den Asteroiden hindurchzuschlängeln, bevor sie ihn erreichen konnten. Jemand mit einem schlechteren Reaktionsvermögen hätte eine Kollision wohl nicht mehr vermeiden können.

Aber er konnte es!

Eine Welle der Euphorie stieg in ihm empor, schoss bis in seine Fingerspitzen und beschleunigte seinen Atem und seinen Puls, während sein Gleiter nur Zentimeter an drei künstlichen Felsbrocken vorbeischoss. Die Zuschauer konnten ihn nicht aufhalten. Niemand konnte das!

Die Enge, die noch direkt vor der Vorstellung seine Kehle und seinen Magen fest umschlungen gehalten hatte, zerriss plötzlich, und er fühlte sich mit einem Mal wie ein Pfeil, der von einem übermäßig lange gespannt gehaltenen Bogen endlich abgeschossen worden war und sich nun hoch in die Lüfte erhob. Heißes Blut pulste durch seine Adern, und seine Finger legten sich wie von selbst auf die Beschleunigungstaste. Das Vibrieren des Antriebs nahm zu, und der Gleiter machte einen Satz nach vorn. Gleichzeitig wich er mit einer eleganten Pirouette mehreren Asteroiden aus, obwohl er jetzt viel schneller war.

Ein brodelndes Feuer entflammte in seiner Körpermitte und trieb ihn an. Er wollte es wissen! Er wollte wissen, wie schnell er werden konnte! Zum Teufel mit den Regeln!

Er beschleunigte weiter, sein Kurs wurde enger, härter und führte ihn sehr viel dichter an die künstlichen Asteroiden heran, als dies sinnvoll gewesen wäre – jedenfalls wenn er ein schlechterer Pilot gewesen wäre.

In seinen Ohren rauschte es, und seine Augen tauchten in die Holografie ein, so als wären sie ein Teil davon. Er erfasste alles, sah die Kurse, die ihm offen standen, wählte in Sekundenbruchteilen aus, und seine Finger setzten den Kurs um, kaum dass er sich für einen entschieden hatte. Der Gleiter erreichte seine Höchstgeschwindigkeit, die künstlichen Asteroiden rasten wie glimmende Sternentrümmer an ihm vorbei, und er ließ es sich nicht nehmen, auch weiterhin die Kurven und Schleifen seiner eigentlichen Show zu fliegen, obwohl er nun mehr als doppelt so schnell war wie zuvor. Da das Licht, das von seinen Triebwerken ausging, nur langsam verblasste, erzeugte er höchst komplexe, leuchtende Muster in der Schwärze des Weltraums. Heute bekamen die Leute für ihr Geld wirklich etwas zu sehen.

Als er mit seinem Gleiter schließlich aus dem Feld hervorstieß, jauchzte er vor Freude. Seine Wangen glühten, und jede einzelne Faser seines Körpers bebte. Endlich hatte er sich anstrengen müssen! Endlich hatte er keinen Spaziergang geflogen, sondern war gefordert worden. Die Geschwindigkeit und der schnelle Wechsel der Kursvektoren, der dadurch nötig wurde, waren völlig neu für ihn gewesen, und doch hatte er keinen einzigen Asteroiden berührt oder war auch nur in die Gefahr geraten, mit einem zu kollidieren. Janet hatte recht. Er war wirklich gut. Er war sogar besser, als er je geahnt hatte.

„Danny Sims, du wirst augenblicklich in den Hangar zurückkehren“, klang übergangslos Benjamin Gazes Stimme auf.

Danny erwachte wie aus einem Traum und ging hastig seine sensorische Erinnerung durch. Benjamin Gaze hatte ihn schon mehrfach gerufen, doch er hatte es überhört. In der Ekstase des Fluges war keine einzige Aufforderung, langsamer zu werden, in seine Aufmerksamkeit vorgedrungen. Er hatte sich bewusst davor verschlossen.

Nun war seine Show vorbei, und er konnte sie nicht länger ignorieren, obwohl er am liebsten den Gleiter gewendet hätte, um das Asteroidenfeld gleich noch einmal zu durchqueren.

Als er Benjamins Gazes Befehl bestätigte, bemühte er sich um einen möglichst neutralen Tonfall. Natürlich war ihm klar, dass er die Grenze, die von Merwyn Gaze für alle Artisten des Zirkus gesteckt worden war, weit überschritten hatte. Manöver, wie er sie eben im Feld geflogen war, hätte der Direktor vermutlich nicht einmal im Training geduldet. Das bedeutete ohne jeden Zweifel Ärger für ihn.

Aber auch er selbst war zornig, und er bereute seine Handlung nicht. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl uneingeschränkter Freiheit erfahren. Es berauschte ihn noch immer, und es war weder gerecht noch verständlich, dass man ihn so lange davon abgeschnitten hatte. Obwohl er bereits unzählige Stunden im All verbracht hatte, war das sein erster wahrer Flug gewesen. Siebzehn Jahre lang hatte man es ihm verwehrt, sich selbst kennen zu lernen, und wenn er nicht aus eigenem Antrieb entschlossen hätte, sich jenseits der Grenzen zu begeben, wäre ihm ein so wichtiger, elementarer Teil seiner eigenen Persönlichkeit noch immer unbekannt. Das konnte und wollte er den Gebrüdern Gaze nicht so schnell verzeihen.

(…)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-minus110-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I

Der Angriff

Im Buch blättern

Verlag :      AAVAA Verlag UG
ISBN :      978-3-86254-399-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 11,95 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 295 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht :      300 g

Medien :
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Die Menschheit am Scheideweg…

Als im 22. Jahrhundert der erste Mensch mit einer besonderen genetischen Mutation geboren wird, ahnt noch niemand, dass es nur der erste von vielen ist. Die Gambler sind reaktionsschneller und leistungsfähiger als jeder gewöhnliche Mensch, sie besitzen einen unfehlbaren Orientierungssinn und das perfekte Gedächtnis – und werden gerade aus diesem Grund gehasst und gejagt. Isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, fristen sie auf ihren Zirkusraumschiffen ein Leben im Schatten. Doch dann taucht aus den Tiefen des Weltraums eine Bedrohung auf, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Und die politische Führung der Erde muss erkennen, dass nur ein Gambler in der Lage ist, die Menschheit vor ihrer vollständigen Vernichtung zu bewahren.

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 2) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 6. September 2012

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 2)

aus: “Shaans Bürde”

Fantasy-Roman

von

Susanne Gavénis

(Zum vorherigen Teil)

Nach einer Weile ließ der Herzog Gefflan allein. Zuvor hatte er ein Buch aus einem der Regale genommen, es auf den Tisch gelegt und auf einer bestimmten Seite aufgeschlagen. Danach war er gegangen, ohne ein weiteres Wort zu sagen, aber natürlich hatte Gefflan den Wink verstanden.

Zunächst rührte er sich nicht von der Stelle, konnte jedoch nicht verhindern, dass sein Blick immer wieder zu dem Buch hinüberglitt. Selbst auf die Entfernung brannte sich das Bild, das den oberen Teil der Seite zierte, wie Säure in seine Augen. Es zeigte Blitze, dunkle, drohende Wolken, eine bebende Erde und Regen, der so dicht wie ein Fluss vom Himmel fiel.

Irgendwann trat er näher, um es genauer betrachten zu können, und schließlich setzte er sich. Mit fest zusammengepressten Lippen starrte er auf das Bild, das so trefflich die Ereignisse außerhalb der Burg wiedergab, und im dazugehörigen Text fand er den letzten Beweis, den er längst nicht mehr benötigte. Er konnte nicht leugnen, dass die Zeichen da waren.

Trotzdem las er die Zeilen wieder und wieder. Es war eine alte Schrift, verschnörkelt und schwer zu entziffern, und auch das Papier war vergilbt und spröde. Als er umblätterte, brach an der Seite eine kleine Ecke ab. Mechanisch stand Gefflan auf, holte sich neues Papier herbei, tunkte die Feder, die immer neben dem stets gefüllten Tintenfass auf dem Tisch ruhte, in die dunkle Flüssigkeit und begann, die Beschreibung der Zeichen, die von der Wiederkehr des Kampfes kündeten, gewissenhaft zu übertragen. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort und Satz für Satz kopierte er die Schrift, auf dass sie auch für spätere Generationen erhalten blieb.

Als er fertig war, blätterte er weiter und fand eine Liste, in der all jene verzeichnet waren, die seit Anbeginn der Zeit auf der Seite des Guten gekämpft hatten. Sie umfasste unzählige Namen, Männer wie Frauen; seine Ahnen, die vor ihm das Wissen bewahrt und weitergegeben hatten.

Gefflan wurde der Mund trocken. Sein Name war der letzte auf der Liste. Er hob den Arm, füllte den Federkiel erneut mit Tinte und setzte die Spitze auf das Papier. Seine Hand zitterte, als er die Zahl Hundert und Shaans Namen eintrug. Dahinter setzte er das Zeichen des Shai’lanhal – eine Wellenlinie für das Wasser und einen Wirbel für den Wind, die Elemente, die Shaan sich untertan machen konnte, so wie jeder Shai’lanhal vor ihm es vermocht hatte.

Als es vollbracht war, hielt er inne und betrachtete mit stumpfem Blick sein Werk. Sein Vater hatte recht. Shaan war der Shai’lanhal. Daran konnte weder er noch irgend jemand sonst etwas ändern.

Er seufzte leise und lauschte überrascht dem melancholischen Laut, der traurig und verloren durch den Raum schwebte. Stille umgab ihn mit der erstickenden Schwere eines Leichentuchs. Von einer Sekunde auf die andere war der Donner verhallt, der Sturm verstummt, der Regen hatte ausgesetzt und die Erde schlief wieder. Gefflan begriff sofort, was das bedeutete.

„Shaan“, flüsterte er.

Ein wimmernder Schrei wehte durch die Korridore der Burg. Er schien von ganz weit her zu kommen, und Gefflan war sich nicht sicher, ob er ihn tatsächlich gehört hatte. Eine Gänsehaut kroch seinen Rücken hinauf.

Ein süßer, schwerer Duft stieg ihm plötzlich in die Nase, und er erkannte ihn sofort. Es war das Parfüm, gewonnen aus den Kelchblättern roter Rosen, das Sheena so häufig benutzte. Ihm war, als könne er auch ihre Stimme hören, liebevoll und zärtlich, und ihre Gegenwart war auf einmal so nahe, als stünde sie direkt hinter ihm. Verwirrt sprang er auf und fuhr herum, doch da war niemand. Er war allein.

„Sheena?“, rief er fragend. Nackte Angst krallte sich in seinen Magen.

Ein krachender Donnerschlag verkündete, dass die Macht des Gewitters noch nicht gebrochen war. Sein grollendes Echo verstreute den Rosenduft.

Gefflan erstarrte. „Sheena!“, keuchte er erstickt, dann stürzte er in Richtung Tür, noch bevor der Donner gänzlich verstummt war. Mit langen Schritten hastete er die breite Treppe des Turmhauses hinab.

Eine kalte Hand umschloss sein Herz und schien seine Haut mit Raureif zu überziehen. Er ahnte das Unheil, fühlte es. Die Leere in seinem Inneren wuchs bereits, fraß sich dunkel und klamm in seine Seele und hinterließ ein Loch, das niemals wieder geschlossen werden konnte.

Noch einmal rief er den Namen seiner Frau, als er ihre Gemächer beinahe erreicht hatte. Canninen, Sheenas junge Zofe, trat eben aus der Tür und kam ihm entgegen, als sie ihn erblickte. Sie breitete die Arme aus, als wolle sie ihn auffangen. Tatsächlich stoppte sie seinen Lauf, doch dazu musste sie ihn nicht einmal berühren. Die Blässe und Starrheit ihres Gesichts bannten ihn auf der Stelle.

„Was ist mit meiner Frau? Wie geht es ihr?“

Canninen presste die Lippen aufeinander und wich seinem Blick aus. Erschrocken setzte er dazu an, sich an ihr vorbeizudrängen, doch sie schob sich ihm in den Weg. „Herr, verzeiht, aber Ihr dürft jetzt nicht hinein. Die Hebamme und die Herzogin kämpfen um das Leben Eurer Frau. Ihr dürft sie nicht stören.“

Gefflan schwankte, als hätte sie ihm gerade ein Messer in die Brust gestoßen. Mit einer Hand stützte er sich schwer gegen die Korridorwand. „Was … was ist geschehen?“

„Es … gab Komplikationen. Die Lage des Kindes war falsch, und es kostete uns alle Mühe, sie zu korrigieren. Als es endlich gelungen war, war Eure Frau bereits sehr schwach. Sie hatte kaum noch genug Kraft, Euren Sohn zur Welt zu bringen. Und danach…“ Sie stockte.

„Sie stirbt!“, kreischte Gefflan mit schriller Stimme, packte Canninen an den Schultern und schüttelte sie heftig. „Sag mir warum!“

„Es ist im Verlauf der Geburt zu schweren Blutungen gekommen. Wenn es nicht gelingt, sie zu stoppen …“

Sie schlug die Augen nieder.

Gefflan stieß sie von sich und hastete zur Tür. Als er hindurchstürzte, wäre er beinahe mit seiner Mutter zusammengeprallt. Seine Augen weiteten sich entsetzt, als er die Tränen auf ihren Wangen sah.

„Mutter“, krächzte er. Er wollte sie bitten, sie anflehen, ihm nicht die Botschaft zu bringen, die er mehr als alles andere fürchtete, doch kein weiteres Wort kam über seine Lippen.

Sie schaute ihn an und schüttelte zutiefst bekümmert den Kopf.

Gefflan wich vor ihr zurück. „Nein, nicht sie! Nicht Sheena!“

Seine Mutter nahm ihn beim Arm und führte ihn stumm in den angrenzenden Raum. Er folgte ihr gehorsam wie ein kleines Kind, setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen, bis er vor dem Bett seiner Frau stand. Die Hebamme hatte ein weißes Laken über sie gebreitet, doch dort, wo es nicht bis zum Boden reichte, konnte er das Bettuch sehen. Es war getränkt mit Sheenas Blut – getränkt mit ihrem Leben.

Neben dem Lager seiner Frau sank er auf die Knie. Er tastete nach ihrer Hand und presste sie an seine Wange. Tränen benetzten Sheenas zarte Haut, die durchscheinender war als je zuvor. Seine Augen hefteten sich auf ihr Gesicht, suchten verzweifelt nach einem Zeichen, nach einem Hauch von Leben, doch vergebens. Auch ihre Brust hob und senkte sich nicht. Sie lag still.

Aus dem Augenwinkel sah er seine Mutter und die Hebamme, die zu ihm traten. Die Hebamme hatte ein kleines Bündel im Arm. Gefflan schaute nicht zu ihr hin. Er vergrub das Gesicht in Sheenas langen, dunklen Haaren, die vor ihm auf dem Kissen ausgebreitet lagen, und sog tief Luft ein. Doch den Duft roter Rosen fand er nicht mehr.

* * *

Irgendwann spürte er eine leichte Berührung an der Schulter und hob langsam den Kopf.

„Es tut mir so leid für dich, mein Junge“, hörte er seinen Vater wie aus weiter Ferne sagen.

Gefflan antwortete nicht, sondern starrte lediglich blicklos vor sich hin, während ihm Tränen ungehemmt über die Wangen liefen, auf das Kissen und auf Sheenas Haar tropften.

Garbass schwieg eine Weile, dann wies er in den hinteren Teil des Raumes, wo, einsam und verloren wirkend, eine Wiege stand.

„Du hast dir Shaan noch nicht angesehen.“

Gefflan zuckte zusammen und biss sich auf die Lippe, bis er Blut schmeckte.

„Er ist dein Sohn“, drängte der Herzog weiter.

Bitternis stieg in Gefflan empor, brachte den Geschmack von Galle auf seine Zunge. „Er ist der Shai’lanhal.“

„Das macht ihn nicht weniger zu deinem Kind.“

„Ich will ihn nicht sehen!“, stieß Gefflan hervor und umklammerte die kalte Hand seiner Frau fester.

„Der Junge braucht dich.“

„Und ich brauche Sheena! Wir wollten doch unser Leben miteinander teilen! Wir wollten…“ Unsägliche Pein erstickte seine weiteren Worte.

Sein Vater kniete sich neben ihn und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir sehr leid.“

Gefflan schüttelte seine Hand mit einem heftigen Ruck ab. „Tut es das?“

Der Herzog blinzelte verwirrt. „Was meinst du?“

„Du kennst die Aufzeichnungen besser als ich. Du wusstest sicher, dass die Mutter eines Shai’lanhals nicht leben kann.“

Sein Vater wirkte schockiert. „Aber nein, mein Junge, wie kommst du nur darauf? Shaans magische Kräfte und Sheenas Tod haben nichts miteinander zu tun!“

„Tatsächlich nicht? Die ganze Welt ist in Aufruhr, nur weil er geboren wurde! Das Unwetter hat mehr Schaden angerichtet und mehr Leben gekostet als alle Frühjahrs- und Herbststürme der letzten Jahre zusammengenommen! Wie also könnte ich glauben, dass Sheenas Tod nicht auf Shaan zurückgeht? Sie ist bei seiner Geburt gestorben!“

„Es mag hart klingen, wenn ich das sage, aber daran ist nichts Ungewöhnliches. Viele Männer verlieren ihre Frauen ans Kindbett.“

„Mutter hat sechs Kinder zur Welt gebracht!“

„Dafür bin ich dem Schicksal noch immer dankbar, Gefflan, aber es hätte auch anders sein können. Niemand kann im Voraus sagen, ob Mutter und Kind das Ende einer Schwangerschaft wohlbehalten überstehen.“

„Wer weiß schon, was möglich ist, wenn man nur die richtigen Schriften kennt.“

„Es ist nirgends verzeichnet, dass die Mutter eines Shai’lanhals unweigerlich sterben muss. Soviel bestimmt das Schicksal nicht voraus.“

Gefflan presste die Lippen aufeinander. „Das glaube ich nicht.“

„Gefflan, hör auf damit!“, ermahnte ihn sein Vater streng. „Wenn es derartige Aufzeichnungen gegeben hätte, hätte ich dir davon erzählt.“

„Und riskiert, dass ich mich entscheide, niemals zu heiraten?“ Gefflan lachte bitter auf. „Mach mir doch nichts vor, Vater! Du hast mir nie gesagt, dass mein Kind der Shai’lanhal sein wird, weil du Angst hattest, ich könnte vor dieser Verantwortung davonlaufen. Ist es da nicht wahrscheinlich, dass du auch über Sheenas bevorstehenden Tod geschwiegen hast?“

Herausfordernd starrte er ihn an, doch sein Vater hielt seinem Blick ohne Mühe stand.

„Das habe ich nicht, denn dass sie starb, war nicht vorherbestimmt. Und was mein Schweigen angeht, solltest du eines wissen: Ich wollte, dass du ein unbeschwertes Leben führen kannst, bis das Schicksal sich erfüllt.“

Gefflan sah von ihm fort. „Das läuft auf dasselbe hinaus. Du hast für mich die Wahl getroffen, indem du mir verheimlicht hast, wer mein Sohn sein wird, und warum hättest du das tun sollen, wenn nicht aus Sorge, ich könnte mich gegen mein Schicksal auflehnen? Du hattest sogar recht damit. Wenn ich gewusst hätte, dass Shaan der Shai’lanhal sein wird, hätte ich es nicht gewagt, eine Familie zu gründen. Das hätte ich meinen Geschwistern überlassen. Eins ihrer Kinder hätte genauso gut der Shai’lanhal sein können, aber das hast du geschickt verhindert. Du hast mir diese Bürde aufgeladen!“ Er machte eine heftige Geste in Richtung der Wiege.

Sein Vater stand auf und sah mit gerunzelter Stirn auf ihn herunter. „Du bist mein ältester Sohn. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass du dich hinter deinen jüngeren Geschwistern verstecken willst. Möchtest du ihnen eine Aufgabe zumuten, die du selbst nicht zu tragen bereit bist? Ist das die Einstellung zum Leben, die ich dich gelehrt habe? Wenn es so ist, habe ich versagt.“

Gefflan schluchzte unter den anklagenden Worten seines Vaters hilflos auf. „Ich will Sheena zurück! Ich kann ohne sie nicht leben!“

„Ich verstehe deine Trauer und ich fühle mit dir, doch wenn du dich deinem Kummer ergibst, wird die Welt in Dunkelheit versinken. Tausende werden sterben, und kein Mensch wird lachen können, bis der nächste Kampf beginnt. Soll man sich so an dich erinnern? Soll die Aufzeichnung über dich berichten, dass du den Kampf aufgabst, noch bevor er begonnen hat? Dass du deinen Sohn im Stich ließest, obwohl er dich mehr als jedes andere Kind auf der Welt brauchte? Shaan kann nicht gewinnen, wenn du ihm deine Hilfe verweigerst, und dann, Gefflan, das bedenke wohl, wird Sheena umsonst gestorben sein.“

Gefflan zuckte zusammen. Irgendwo in seinem Inneren gellte ein Schrei, doch über seine Kehle kam kein Laut.

„Das willst du doch nicht, oder?“

Stumm schüttelte Gefflan den Kopf.

Erst jetzt kehrte die Milde in die Augen seines Vaters zurück. „Lass dir Zeit bei deiner Trauer. Deine Mutter und ich werden uns solange um Shaan kümmern.“

Damit ließ er ihn allein. (…)

(zum nächsten Teil)

Copyright (c) 2008/2012 by Susanne Gavénis

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Da es sich bei diesem Textauszug um eine ergänzte Version handeln wird, wenn der Roman fertig ist, läuft dieser Beitrag im Storywettbewerb. Wenn die ergänzte Ausgabe, die dann alle drei Teile beinhalten wird, erschienen ist, wird das Ganze dann umziehen zu den Leseproben. Bis dahin aber soll der Beitrag im Storywettbewerb mitlaufen. Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der kann versuchen ein Exemplar des eigentlich vergriffenen Vorläufers zu ergattern. Wenn nicht, muß man eben warten, ob die Autorin hier weitere Teile platziert oder das Gesamtwerk neu erscheint, ein Versuch könnte sich lohnen. Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Shaans Bürde

Im Buch blättern

Maler: Schuurman, Nelleke. Umschlaggestaltung von Ende, Katharina
Verlag :      Schweitzerhaus Verlag
ISBN :      978-3-939475-35-4
Einband :      gebunden
Preisinfo :      24,90 Eur[D] UVP / 25,60 Eur[A] UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      DC S. – 13,4 x 21,0 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 30.09.2008
Gewicht :      854 g

Medien :
Sonstige Informationen(JPG)

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Als Enkel eines Herzogs geboren, wächst Shaan in völliger Abgeschiedenheit auf, denn ihm ist ein besonderes Schicksal bestimmt: Mit der Magie des Wassers und des Windes soll er die Lanhal, die Inkarnation des Guten, beschützen. Sollte Shaan jedoch versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern eines Einzelnen.Seit Anbeginn der Zeit tobt auf der Erde die Schlacht zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Shaan, Enkel eines Herzogs, wird von seinem Vater in der Einsamkeit der Berge mit grausamer Härte auf seine vom Schicksal bestimmte Aufgabe vorbereitet: Er ist der Beschützer der Lanhal, der Inkarnation des Guten, die alle hundert Generationen in Gestalt eines gewöhnlichen Mädchens wiedergeboren wird, um in einem mörderischen Aufeinandertreffen mit dem Yinyal, der Verkörperung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit zu kämpfen. Ausgestattet einzig mit der Fähigkeit, Wind und Wasser zu beherrschen, muss sich Shaan einer Bedrohung stellen, die alles Vorstellbare übersteigt, denn die Mächte das Bösen entsenden eine schreckliche Gegenspielerin, die ebenfalls über zwei Elemente gebietet Feuer und Erde. Und Shaan weiß: Sollte er versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Susanne Gavénis wurde 1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M.

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IM ABSEITS (Teil 2) – Leseprobe 1. Kapitel – aus: “Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 15. Mai 2012

IM ABSEITS (Teil 2)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”

von

Susanne Gavénis

(Zurück zu Teil 1)

Stück für Stück schob sich der Gasriese ins Bild. Die Gambler-Circus war ihm so nahe, dass Danny die Wölbung des Planeten kaum ausmachen konnte. Es war, als wüchse eine Wand aus grellem Licht vom Fuße der Kuppel empor, und er wäre ganz sicher von ihm geblendet worden, wenn nicht ins Material der Halbkugel ein Pigment eingearbeitet gewesen wäre, das sich bei starkem Lichteinfall automatisch verdunkelte, bis das Licht kaum stärker zu strahlen schien, als es die Sterne zuvor getan hatten. Das diamantene Funkeln der fernen Sonnen wurde dadurch leider ebenfalls verschluckt, und so waren die Sterne verschwunden, noch bevor Marble Sphere die Sicht auf sie mit seinem gewaltigen Leib verdeckte.

Völlig regungslos blickte Danny auf den Planeten hinab. Ein Gedanke irgendwo tief in seinem Inneren raunte ihm zu, dass er gerade dabei war, das Versprechen zu brechen, das er seiner Mutter gegeben hatte, da er die Zeit im Sternenblick mehr und mehr ausdehnte, doch er ignorierte ihn. Er konnte seine Augen nicht von Marble Sphere losreißen. Schweigend beobachtete er die Farben und Formen in der Atmosphäre des Gasplaneten. Weiße Bänder wechselten mit beige- und orangefarbenen, kleinere, gelbliche Wirbel sprenkelten die Oberfläche wie verstreute Kieselsteine, und ein blutroter, ovaler Wirbelsturm glotzte wie das Auge eines Dämons zu ihm herauf.

Mit bloßem Auge waren keine Bewegungen sichtbar, trotzdem glaubte er, einen Hauch der Stürme zu spüren, die über den Gasriesen peitschten, seine Atmosphäre in gewaltige Strudel, Jets und thermische Löcher teilten, die heißen Gase mit kalten vermischten und Gewitter heraufbeschworen, die dem Planeten einen ewigen Wandel aufzwangen und ihm von einer Stunde zur anderen ein neues Gesicht verschafften.

Nach einer Weile begann Marble Sphere aus dem Blickfeld der Kuppel herauszuwandern, gleichzeitig verblasste die dunkle Tönung der transparenten Halbkugel allmählich und ließ erneut die fernen Sterne sichtbar werden, die allerdings rasch vom grellen Licht der Sonne Dwarf, dem Zentralgestirn des Systems, überstrahlt wurden.

Danny seufzte schwer, als er sich vorstellte, wie aufgeregt die Besatzung des Raumschiffs gewesen sein musste, als sie Longway, den dritten Planeten dieses Systems, vor nunmehr beinahe hundert Jahren, im November 2270, entdeckt hatte. Longway war erst die elfte Kolonie der Erde, und ebenso viele Planeten kannten die Menschen, die die richtigen Bedingungen für eine Besiedlung boten. Man hatte sie allesamt genutzt.

Deshalb waren noch heute Raumschiffe, mit wagemutigen Pionieren bemannt, unterwegs, um nach weiteren Planeten zu suchen, die Longway oder einer der anderen Welten glichen, auf denen der Mensch bisher Fuß gefasst hatte. Erfolge hatten sie schon lange nicht mehr zu vermelden gehabt, dennoch wünschte sich Danny, er selbst befände sich an Bord eines solchen Forschungsraumschiffs. Es wäre etwas wirklich Besonderes, mit anderen unerschrockenen Abenteurern durch bislang unbekannte Teile der Galaxis zu streifen und der Menschheit neuen Lebensraum zu erschließen, etwas von wahrer Größe und Bedeutung.

Missmutig versetzte er der durchsichtigen Wandung des Sternenblicks einen Stoß, der ihn zu einem anderen Teil der Kuppel treiben ließ. Seine Träume waren groß, doch die Wirklichkeit sah anders aus. Die Gambler-Circus war das einzige Raumschiff, auf das er je seinen Fuß gesetzt hatte, wenn man einmal von den kleineren und größeren Fahrzeugen absah, die allesamt zur Ausstattung des Zirkus gehörten. Er war hier geboren worden und hatte von klein auf nichts anderes getan, als in den Vorstellungen aufzutreten. Fliegen war das einzige, was er gut konnte, und so gab es nichts, was ihn für die Teilnahme an einer Forschungsexpedition qualifiziert hätte, außer vielleicht, deren Leiter suchte nach einem Piloten. Aber selbst falls das im Zuge der Ausrichtung einer neuen Expedition einmal der Fall sein sollte, würden sie kaum auf der Gambler-Circus danach suchen.

Der Hals wurde ihm eng. „Wenn sie es doch nur täten“, flüsterte er leise.

Nur so könnte er dem tristen Alltag an Bord der Gambler-Circus, der mit all seinen Regeln und Beschränkungen so statisch war wie die Verhaltensweisen eines Roboters, entkommen. Solange er hier festsaß, lief das Leben einfach an ihm vorbei, und abgesehen davon, dass er im Verlauf der Jahre graue Haare bekommen würde, würde sich nichts und niemals etwas für ihn ändern.

Unwillkürlich sah er zum Gasriesen hinüber, der noch immer fast ein Drittel des Sichtfeldes ausfüllte, und sofort fiel ihm die dunkle, runde Silhouette, die tief unterhalb der Gambler-Circus über dem Planeten schwebte und die er bislang absichtlich ignoriert hatte, ins Auge. Es war der Schatten eines kleinen Mondes, der auf Marble Sphere fiel. Tief unter der zernarbten Oberfläche des Mondes befand sich eine der insgesamt vierzehn Minenkolonien dieses Systems, in der viele tausend Menschen lebten und arbeiteten, um dort wertvolle Rohstoffe zu gewinnen, die für den Aufbau der noch jungen Kolonie auf Longway benötigt wurden. Nach Dutzenden von Vorstellungen, die sie im Bereich von Longway gegeben hatten, war die Gambler-Circus vor kurzem nach Marble Sphere weitergereist, um auch die Arbeiter der Minenkolonie zu unterhalten.

Nachdenklich kaute Danny auf seiner Unterlippe herum, während er auf die düstere Silhouette herabstarrte. Er würde ebenfalls auftreten und seine Flugkünste zur Schau stellen müssen, doch obwohl er sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als in seinem Gleiter zu sitzen und zu fliegen, sah er der Show stets mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie war ganz anders als das Training. Es gab keinen freien Kurs, nicht einmal eine freie Wahl der Geschwindigkeit oder der Manöver. Sie war derart strikten Beschränkungen unterworfen, dass ihm der Raum, in dem sich sein Gleiter während der Vorstellung bewegte, noch kleiner vorkam als die Kuppel des Sternenblicks. Ein Vogel in einem Käfig besaß mehr Bewegungsfreiheit als er während seines Auftritts.

Für eine Weile versuchte er, nicht an die Show zu denken, aber es gelang ihm nicht. Sein Zeitgefühl teilte ihm unmissverständlich mit, dass die Zeit der Vorstellung beinahe gekommen war, und je näher sie rückte, desto schwerer fiel es ihm, sich zu entspannen. Zunächst überlegte er, ob er noch einige akrobatische Übungen in der Nullschwerkraft ausführen sollte, entschied sich aber dagegen. Im Augenblick hätte ihm das nur noch wenig Freude bereitet. Stattdessen verhielt er ruhig auf der Stelle, presste eine Hand auf den kühlen Kunststoff und wartete ergeben auf das Unvermeidliche.

Keine Minute später fühlte er einen leichten Ruck, der durch das Schiff ging, und gleich darauf noch einen. Die beiden Fähren waren wie schon unzählige Male zuvor gestartet, um die Zuschauer vom Sammelpunkt der Mine abzuholen. Danny richtete seine Augen auf jenen Teil des Alls, an dem sie gleich darauf sichtbar wurden. Wie kleine, wandernde Sterne glitten sie von der Gambler-Circus fort und nahmen Kurs auf den Mond. Er verfolgte ihren Weg mit seinen Augen, bis die Signallampe am Eingang der Kuppel aufleuchtete. Gleichzeitig klang Merwyn Gazes Stimme auf und rief die Artisten zu der kurz bevorstehenden Vorstellung zusammen.

Folgsam, aber mit fest aufeinandergepressten Lippen stieß sich Danny von der Kuppel ab und glitt schwerelos durch den Raum zur Tür hinüber. Er beeilte sich nicht besonders, aber er trödelte auch nicht herum, da er es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, seinen kleinen Raumgleiter vor jedem Auftritt selbst auf seine Funktionstüchtigkeit hin zu überprüfen.

Natürlich misstraute er den Technikern nicht, im Gegenteil. Sie verstanden ihr Handwerk gut, aber er wollte wenigstens in einer Hinsicht das Gefühl für sich beanspruchen, etwas Wichtiges zu tun. So einfach sein Auftritt für ihn auch sein mochte, war er doch gefährlich, zumindest falls sein Fahrzeug nicht hundertprozentig in Ordnung war. Das war allerdings noch nie vorgekommen.

Unwirsch verzog Danny das Gesicht. Auch heute würde es nicht anders sein. Er hatte es noch nie geschafft, einen Fehler zu entdecken, den die Techniker übersehen hatten, und er wusste genau, dass sein Gefühl, einen bedeutenden Beitrag zum Gelingen der Vorstellung zu leisten, lediglich eine schale Illusion war.

Er presste die Lippen noch fester aufeinander. So bitter die Erkenntnis auch war, er vermochte sich keinen Weg vorstellen, der ihn von der Gambler-Circus in die Freiheit führen konnte, die er sich wünschte. Seit er denken konnte, hatte nur ein einziger Mensch an Bord des Schiffes versucht, einen derartigen Weg zu gehen – ohne Erfolg. Er war sehr bald reumütig zurückgekehrt und hatte danach nie wieder die Ambition gezeigt, die Gambler-Circus zu verlassen.

Ein tiefer Seufzer erfüllte seine Brust, doch Danny ließ ihn nicht heraus. Mit hängenden Schultern und dem unschönen Gefühl, schwere Ketten hinter sich her zu schleifen, machte er sich auf den Weg in den Hangar.

*

Als Danny vor dem großen Schott zum Hangar ankam, herrschte dort bereits ein geschäftiges Treiben. Männer, Frauen und auch einige Jugendliche drängten sich vor den Fächern, verstauten ihre Fly-Boards und traten anschließend durch die Tür, die sich angesichts des Ansturms gar nicht mehr zu schließen vermochte. Gesprächsfetzen mischten sich unter das leise Zischen, das die Schotthälften ausstießen, sobald sie sich einander näherten und doch wieder zurückweichen mussten, bevor sie sich berührt hatten, und vom Hangar her erscholl das dumpfe Dröhnen der Wartungsmaschinen und das Vibrieren der Lüftung, die in der riesigen Halle schwere Arbeit leisten musste.

Der Geruch von neuem Plastik wogte ebenso durch die Luft wie der verschiedener Lösungsmittel, mit denen die kleinen Raumschiffe vor jeder Vorstellung auf Hochglanz gebracht wurden, und dazwischen konnte Danny den seltsam süßlichen Duft des besonderen Schmierstoffes wahrnehmen, der für einen reibungslosen Betrieb der Gleiter unerlässlich war. Anders als viele andere Stoffe erstarrte er nicht, sobald er mit der Kälte des Vakuums konfrontiert wurde, sondern wurde lediglich etwas zäher. Tatsächlich erreichte er seine besten Eigenschaften erst unter den Bedingungen, denen die Gleiter im Weltraum ausgesetzt waren.

Eingezwängt zwischen den anderen Artisten der Gambler-Circus trat Danny durch das Schott in den Hangar ein, nachdem er sich seines Fly-Boards entledigt hatte. Die Tür erwies sich dabei wie schon so oft zuvor als Nadelöhr. Danny schnaubte entnervt. Wieso nur brachten es die Artisten immer wieder fertig, allesamt zur gleichen Zeit beim Hangar einzutreffen, obwohl sie alle unterschiedlich lange Wege an Bord des Schiffes zurücklegen mussten?

Leider war die Antwort denkbar einfach, schließlich spürte er selbst stets genau, wie viel Zeit noch bis zur Vorstellung blieb, und wäre nie zu spät gekommen. Viele Abläufe an Bord der Gambler-Circus waren durch das unfehlbare Zeitgefühl, über das jeder von ihnen verfügte, synchronisiert.

Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, dies sei nur auf der Gambler-Circus und auf den anderen Schiffen, deren Besatzungen zur gleichen Bevölkerungsgruppe wie sie gehörten, der Fall. Die anderen Menschen hatten ihnen sogar einen Spitznamen gegeben, der auf ihren angeblichen Besonderheiten beruhte: Gambler.

Dennoch konnte Danny sich nicht recht vorstellen, dass es anderswo nicht ähnlich zugehen sollte wie hier. Menschen wie die Artisten der Gambler-Circus stellten verglichen mit der Gesamtzahl aller Bewohner der Erde und ihrer Kolonien nur eine verschwindend kleine Minderheit dar, und dass ausgerechnet dieses winzige Grüppchen sich auf so seltsame Weise vom Rest der Menschheit unterscheiden sollte, erschien ihm wenig glaubwürdig.

Mit einer heftigen Kopfbewegung schüttelte er den Gedanken fort und sah wieder nach vorn. Unmittelbar hinter dem Schott wuchs der Hangar in die Breite, so dass sich die Artisten zum Glück alsbald verstreuten. In Gruppen oder allein strebten sie den Stellplätzen ihrer Fluggeräte zu. Unter den hellen Scheinwerfern der Deckenbeleuchtung blitzten völlig unterschiedliche Raumfahrzeuge auf, vom kleinen, schnittigen Raumgleiter bis hin zu großen, verwegen wirkenden Schiffen oder gar speziellen Anzügen, die ihren Trägern das Aussehen geheimnisvoller Aliens verlieh.

Der Vergleich war allerdings mehr Ausdruck seiner Phantasie als der Wirklichkeit, denn niemand hatte bislang einen echten „Außerirdischen“ gesehen. Auf keinem der Planeten, die seit dem nunmehr beinahe vierhundertjährigen Bestehen der interstellaren Raumfahrt erforscht worden waren, waren auch nur Spuren intelligenten Lebens entdeckt worden, das in irgendeiner Weise der Zivilisation der Menschen, so wie sie heute existierte oder in früheren Entwicklungsstadien existierte hatte, glich.

Als Danny sich vorstellte, er selbst könnte einmal einer anderen Rasse begegnen, durchrieselte ihn ein aufgeregtes Kribbeln. Doch leider war der Gedanke daran derart abwegig, dass er ihn sofort wieder verwarf und versuchte, seine Konzentration auf die unmittelbar bevorstehende Show zu richten.

Gleich darauf wurde seine Aufmerksamkeit machtvoll abgelenkt. Er hörte hinter sich die Stimmen von fünf Mitgliedern der Familie Doi, ging langsamer, sah sich zu ihnen um und verfolgte ihren Weg durch den Hangar. Ihr Ziel war, wie er nur zu gut wusste, die Challenge, das größte und eigentümlichste Schiff, das in der Vorstellung eingesetzt wurde.

Wie eine erhabene Pyramide ragte der tetraedische Leib der Challenge über dem Boden der Halle auf, und die vier Geschützkanzeln, die an jeder der vier Spitzen des Rumpfes angebracht waren, glitzerten wie geschliffene Diamanten unter den Strahlen der Deckenbeleuchtung. Die Flanken des Schiffes glänzten wie flüssiges Silber, und die kleinen Ausstoßdüsen des Antriebs, die in großer Zahl auf allen vier Seiten des Rumpfes angebracht waren, nahmen sich wie Mosaiksteinchen eines kunstvollen Ornaments aus. Trotz ihrer ungewöhnlichen Form war die Challenge das schönste Schiff, das er je gesehen hatte.

Die Dois achteten nicht darauf. Sie hatten schon lange keinen Blick mehr für die elegante Schönheit der Challenge, sondern legten wie üblich routiniert die Raumanzüge an und bemannten das Schiff. Mit knirschenden Zähnen sah Danny ihnen zu, ein enges Gefühl umschlang seinen Hals wie ein verwickeltes Stahlkabel, und eine kneifende Zange schien ihm den Magen zusammenzupressen. Wenn er doch nur Teil ihres Teams sein könnte!

Nur ein einziges Mal hatte er die Challenge betreten, doch er würde es nie, auch nicht eine einzige Sekunde lang, vergessen. Im Inneren des Schiffes, genau im Schwerpunkt des Tetraeders, befand sich eine weitere Kanzel, die des Piloten. Natürlich hatte er sich die genau angesehen.

Sein Puls beschleunigte sich, als er sich daran erinnerte, wie er sich damals in den Pilotensitz hatte gleiten lassen, wie seine Finger über die komplexen Steuerungsmechanismen getastet waren und wie er selbst im Hangar die Stärke, Schnelligkeit und Wendigkeit der Challenge hatte erahnen können.

Anders als sein Gleiter war die Challenge kaum Beschränkungen unterworfen; sie konnte enger, schneller und geschmeidiger durch den Raum gleiten als jedes andere Schiff, das er kannte, und während er sich vorstellte, in ihrer Kanzel zu sitzen und sie eigenhändig zu steuern, spürte er, wie ihn ein Gefühl unendlicher Freiheit erfüllte. Er spürte das unterschwellige Vibrieren des Antriebs, die glatten Instrumente unter seinen Fingerspitzen und den leichten Widerstand, den sie ihm entgegensetzten. In seiner Phantasie wurde die Challenge zu einer Verlängerung seines eigenen Körpers, zu einem Teil seiner selbst. Allein mit der Kraft seiner Gedanken schien er das Schiff im Weltraum tanzen zu lassen.

Als keine vier Meter rechts von ihm ein Werkzeug lärmend auf den Hangarboden polterte und ein Techniker nicht weniger lautstark zu fluchen begann, zerplatzte seine Vision. Nur die Sehnsucht blieb. Wie gern wäre er die Challenge geflogen!

Es drängte ihn danach, seit der das Schiff zum ersten Mal gesehen hatte. Das Zielschießen reizte ihn weniger – dieses Kunststück überließ er gern anderen -, aber die Challenge zu steuern war ohne Zweifel eine ganz besondere Art des Fliegens. Der Kurs des Schiffes musste so gewählt werden, dass alle vier Geschütze die besten Schussmöglichkeiten auf die von der Gambler-Circus gelenkten Zielobjekte erhielten und sie trotz ihrer Eigenbewegung rasch und präzise zerstört werden konnten. Eine derartige Aufgabe erforderte ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen, denn sobald man in der Challenge saß, gab es kein Oben und kein Unten mehr, man musste sich in allen drei Koordinaten des Raums bewegen können, ohne die Orientierung zu verlieren.

Neiderfüllt blickte er auf den tetraedischen Leib des Schiffes, in dem die Dois inzwischen verschwunden waren. Bereits mehrfach hatte er bei Merwyn Gaze angefragt, ob es nicht möglich sei, noch eine zweite Vorstellung mit der Challenge ins Leben zu rufen, eine Vorstellung, in der er der Pilot sein würde, doch seine Bitte war bisher stets abgelehnt worden.

Vor ein, zwei Jahren hatte er das noch verstanden, da er damals vermutlich noch nicht gut genug gewesen war, um das Schiff sicher bedienen zu können, aber heute sah das anders aus. Soweit er das beurteilen konnte, war er kein schlechter Pilot, natürlich längst nicht so gut wie die erfahrenen Männer und Frauen, die ihm unzählige Flugstunden voraus hatten, doch er traute es sich durchaus zu, die Challenge beherrschen zu können. An seiner Lage änderte das allerdings nichts. Die Challenge blieb für ihn unerreichbar, zumindest solange es nach Merwyn Gaze ging, und an dessen Führung würde sich – wie an allem anderen auf der Gambler-Circus – voraussichtlich auf lange Jahre hinaus nichts ändern.

Verstimmt ging Danny weiter und strebte zu dem Platz im Hangar hinüber, der seinem Raumgleiter zugeteilt war. Es war immer wieder dasselbe: Merwyn Gaze sagte, welche Vorstellungen stattzufinden hatten, er teilte die Artisten den einzelnen Vorführungen zu und zog sie wieder davon ab, falls ihm der Sinn danach stand. Ihm blieb somit nur, sich in seinen Gleiter zu begeben und in stupider Monotonie den Asteroidenkurs zu fliegen, so wie er es schon seit fünf Jahren tat.

Die Asteroiden, zwischen denen er sein Raumschiff während der Show hindurchschlängeln musste, waren natürlich keine echten Felsbrocken, die im All trieben, sondern kleine, künstliche Objekte, die zudem mit einem einfachen Steuerungsmechanismus ausgestattet waren. Auf diese Weise konnten die Zuschauer Einfluss auf die Asteroiden nehmen, sie verschieben und sie ihm sogar während des Flugs in den Weg manövrieren.

Trotzdem war seine Aufgabe nicht sonderlich schwer. Er brauchte nur einen einzigen Blick auf die dreidimensionale Darstellung des Asteroidenfelds zu werfen, die zu den Instrumenten seines Raumgleiters gehörte, um zu erfahren, welchen Kurs er einschlagen konnte. Meist sah er gleich ein Dutzend Möglichkeiten auf einmal.
(…)

(Weiter zu Teil 3)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I

Der Angriff

Im Buch blättern

Verlag :      AAVAA Verlag UG
ISBN :      978-3-86254-399-1
Einband :      Paperback
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Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 295 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht :      300 g

Medien :
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Die Menschheit am Scheideweg…

Als im 22. Jahrhundert der erste Mensch mit einer besonderen genetischen Mutation geboren wird, ahnt noch niemand, dass es nur der erste von vielen ist. Die Gambler sind reaktionsschneller und leistungsfähiger als jeder gewöhnliche Mensch, sie besitzen einen unfehlbaren Orientierungssinn und das perfekte Gedächtnis – und werden gerade aus diesem Grund gehasst und gejagt. Isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, fristen sie auf ihren Zirkusraumschiffen ein Leben im Schatten. Doch dann taucht aus den Tiefen des Weltraums eine Bedrohung auf, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Und die politische Führung der Erde muss erkennen, dass nur ein Gambler in der Lage ist, die Menschheit vor ihrer vollständigen Vernichtung zu bewahren.

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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IM ABSEITS (Teil 1) – Leseprobe Kapitel 1 aus: “Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 6. Mai 2012

IM ABSEITS (Teil 1)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”

von

Susanne Gavénis

Allein und unbeachtet bahnte sich Danny Sims seinen Weg durch den überfüllten Speisesaal an Bord der Gambler-Circus. Rings um ihn herum stiegen die Stimmen der über hundert Menschen im Saal von den meist voll besetzten Tischen auf und vermischten sich zu einem lautstarken, unentwirrbaren Durcheinander, über das sich nur ab und an das helle Lachen eines Kindes, die klaren Worte einer Frau oder der dröhnende Bass eines Mannes erhoben. Wie kleine Eisberge tauchten sie auf der Oberfläche eines Sees auf und tanzten für eine Weile über den Köpfen der Menschen, bevor sie wieder von einem Anschwellen der gesprächigen Geselligkeit verschluckt wurden.

Danny selbst schwieg, und er hob auch nicht den Kopf, um die Blicke der anderen zu suchen. Sein Bemühen würde doch keine Beachtung finden, das hatte er längst gelernt. Seine Schritte fanden wie von selbst den Weg zum Tisch seiner Eltern, die ihn bereits erwarteten. Wie üblich hatte er sich ihnen nicht sofort angeschlossen, als sie zum Essen gingen, sondern war ihnen nachgefolgt. Es lag ihm nicht viel daran, mehr Zeit als nötig im Gemeinschaftsraum der Gambler-Circus zu verbringen.

Ihr Tisch war bei weitem der kleinste im Saal, und das gleiche galt auch für seine Familie. Die Verwandtschaft des Direktors Merwyn Gaze etwa war viel größer, allein ihr engster Kreis, bestehend aus seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern, seinem Bruder Benjamin und dessen Anhang, nahm einen Zwölfpersonentisch voll in Anspruch, und auch alle anderen Ehepaare an Bord des Schiffes zogen zwei, drei oder vier, manche sogar bis zu sechs Kinder auf. Nur Danny hatte keine Geschwister.

Früher hatte er das oft bedauert, oder besser gesagt, die anderen Kinder hatten ihm das Gefühl gegeben, dass er es bedauern müsste, deshalb war er manchmal zu den Tischen der anderen Familien herübergegangen, um in ihr unbeschwertes Lachen und Plaudern einzutauchen. Inzwischen war es schon eine ganze Weile her, seit er das zum letzten Mal getan hatte, da seine Altersgenossen schon vor ein paar Jahren aufgehört hatten, ihn zu fragen, ob er sich ihnen anschließen wollte.

Er nahm es ihnen nicht übel, denn ihm lag seinerseits nicht viel daran, seine Gedanken mit ihnen zu teilen. Als kleines Kind hatte er es getan, aber nie etwas anderes als ungläubige Blicke oder gar ein abfälliges Lachen geerntet, und je älter er wurde, desto größer wurde die Kluft zwischen ihm und den übrigen seines Alters. Alle Kinder der Gambler-Circus gaben sich wie die Erwachsenen gänzlich der Welt des Zirkus hin, liebten die Vorstellung und lebten dafür, er hingegen hatte andere Träume, und seit er vor drei Monaten siebzehn Jahre alt geworden war, erfüllte ihn die Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung drängender als jemals zuvor.

Deshalb vermisste er die Gespräche mit den anderen nicht, sondern gab sich freiwillig dem Schweigen hin, das am Tisch seiner Eltern herrschte. Sie zogen es vor, ihre Gedanken nach dem Essen in aller Ruhe in ihrem Quartier auszutauschen und nicht hier, in dem großen Saal, in dem jeder die Stimme erheben musste, um sich seinem Gegenüber verständlich zu machen.

Danny sah sich mit gerunzelter Stirn um. Manchmal kam es ihm so vor, als hätte der Geräuschpegel in der Messe im Laufe der Zeit dazu geführt, dass jeder viel lauter sprach, als es nötig gewesen wäre, so dass er sich immer weiter hochschaukelte. Ganz ohne Zweifel war der Speisesaal der Gambler-Circus ein Ort des Lebens, der Freude und der Ausgelassenheit, doch ihm war es schon lange nicht mehr gelungen, sich von diesen hellen Stimmungen anstecken zu lassen. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er auch nicht sehr viel Wert darauf legte. Der Lärm, die Gespräche und das Lachen ringsum lenkten ihn von den Gedanken ab, die ihm wirklich wichtig waren.

Ein feines Lächeln kräuselte seine Lippen, als er sich vor der Wahrnehmung seiner Sinne verschloss und den Vormittag vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ. Er war mit seinem kleinen Gleiter draußen im All gewesen und hatte trainiert. Benjamin Gaze, der beinahe unaufhörlich auf der Brücke residierte und auch die Oberaufsicht über das Training führte, hatte ihm, nachdem er seine üblichen Übungen absolviert hatte, einen Sektor zum freien Training zugewiesen, und er hatte den begrenzten Raum, der ihm dort zur Verfügung gestanden hatte, so gut genutzt, wie es ihm möglich war.

Danny ließ halb die Lider sinken, vergegenwärtigte sich seinen Flug und spürte, wie seine Finger erwartungsvoll zu zucken begannen, so als müssten sie auch jetzt wieder komplizierte Steuerungsmanöver ausführen. Und obwohl der Gleiter keine Andruckkräfte durchließ, konnte er wieder mit jeder Faser seines Körpers fühlen, wie sich das kleine Raumfahrzeug unter seinem Willen in Kurven legte, enge Schleifen zog, Schraubenbewegungen vollführte und komplexe Muster wob, die sich wie das Bild eines abstrakten Künstlers vor dem schimmernden Samt des Alls ausgenommen haben mussten.

Die Erinnerung verblasste, als er das Schmunzeln auf den Lippen seines Vaters entdeckte und dessen strahlend graue Augen ihn belustigt, aber auch voller Verständnis musterten. Als sein Vater bemerkte, dass er mit seiner Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart zurückgekehrt war, zwinkerte er ihm zu. Hastig sah Danny zu seiner Mutter, doch sie schien seinen Gesichtsausdruck zum Glück nicht bemerkt zu haben. Ihr Blick weilte irgendwo in der Ferne und in der Vergangenheit.

Danny seufzte und blinzelte schweren Herzens die Reste der Erinnerung fort. Das Training, vor allem das freie Training, war für ihn die schönste Zeit des Tages, und es dauerte ihn sehr, dass sie für heute schon wieder vorüber war. Für seinen Geschmack war sie viel zu kurz. Merwyn Gaze gestand jedem Artisten, der an der täglichen Show der Gambler-Circus beteiligt war, zwei Stunden Raumtraining zu. Diejenigen, die gerade keinen Anteil an den Vorstellungen besaßen, durften sogar nur alle zwei Tage und dann auch nur für eine Stunde ins All.

Der Gedanke daran ließ ihn schaudern, und er hoffte inständig, dass er seinen Platz in der Show bis auf weiteres behielt. Nicht, dass ihm der Auftritt an sich wichtig gewesen wäre, im Gegenteil, aber seine Trainingszeit wollte er unter gar keinen Umständen verlieren oder auch nur um einen Deut verkürzt sehen.

Objektiv betrachtet reichte sie natürlich völlig aus, war sogar ausgesprochen großzügig. Er selbst hätte, um seine Vorstellung meistern zu können, nicht einmal einen Bruchteil der Trainingszeit benötigt, und für all die anderen Artisten galt das in gleicher Weise. Somit wäre es eine unnötige Verschwendung von teurer Energie, wenn ein jeder von ihnen so lange im Raum bleiben könnte, wie es ihm beliebte, und so etwas konnte sich die Gambler-Circus nicht leisten. Soweit er das beurteilen konnte, war die Gewinnspanne des Zirkus ohnehin nicht besonders hoch. Merwyn Gaze musste folglich darauf achten, dass keine Reserven vergeudet wurden.

Aber das zu wissen half ihm nicht, das ungestüme Verlangen in seinem Inneren zu bezähmen. Er wollte fliegen, an jedem Tag, in jeder Stunde, außer vielleicht er aß oder schlief gerade. Es gab noch ein paar andere Tätigkeiten, die ihm ebenfalls Spaß machten, doch an das unendliche Gefühl der Freiheit, das er innerhalb seines Gleiters verspürte, sobald er ihn zwischen den Sternen tanzen ließ, kam nichts heran – nicht einmal annähernd.

Leider war seine Zeit für heute vorbei, und so blieb ihm nichts, als mit einem kargen Ersatz vorlieb zu nehmen. Aber das war immerhin besser als gar nichts. Ruhelos beendete er sein Essen und warf seinem Vater einen fragenden Blick zu, kaum dass er sein Besteck beiseite gelegt hatte. Sein Vater nickte ihm zu.

„Geh nur“, sagte er gerade laut genug, um die Gespräche ringsum übertönen zu können.

Unvermittelt sah seine Mutter auf. Ihre langen, braunen Locken, die fast immer ihr Gesicht verdeckten, da sie den Kopf zumeist gesenkt hielt, fielen zurück und gaben ihre hellblauen, stets leicht feucht glänzenden Augen frei. Danny zuckte unwillkürlich zusammen, als ihr Blick ihn traf. Wann immer sie ihn ansah, hatte er das Gefühl, sie würde im nächsten Moment zu weinen beginnen, und oft genug war er es, der ihr den Anlass dafür gab.

Manchmal reichte es, wenn er begeistert über ein neues Manöver berichtete, um den unsäglich bekümmerten Ausdruck in ihren Zügen zu vertiefen, manchmal war es seine Vorfreude auf das Training, die sie betrübte, und am schlimmsten war es, wenn er durch Worte oder seine Haltung andeutete, welche Gedanken ihn von Zeit zu Zeit erfüllten. Dann schauten ihre Augen nicht nur traurig, sondern weiteten sich ängstlich und füllten sich mit einem Schrecken, der von naher Panik kündete.

Deshalb versuchte er schon seit langem, seine Träume in sich zu verschließen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Sie erkannte immer wieder, was ihn bewegte, und je älter er wurde, desto heftiger reagierte sie darauf. Es fiel ihm schwer, angemessen damit umzugehen, vor allem weil er nicht wusste, warum sie so voller Trauer war. Er war nicht die Ursache dafür, das war ihm klar, es schien nur so zu sein, dass er sie ab und an mit seinem Verhalten an ein schmerzhaftes Erlebnis aus ihrer Vergangenheit erinnerte. Aber was sie erlebt hatte, wusste er nicht, weil seine Eltern niemals darüber sprachen, auch dann nicht, wenn er mehr oder weniger direkt danach fragte, und deshalb war es schwierig, alles zu vermeiden, was ihr Kummer bereiten könnte.

Und so musste er sich damit begnügen, einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der ihr nichts von seinen wahren Gefühlen verriet.

„Ich möchte in den Sternenblick“, erklärte er wie beiläufig.

Für eine Sekunde schwieg sie, dann noch für eine weitere, und er konnte hören, wie sie tief Luft holte, so wie sie es stets tat, wenn sie ihm eine Antwort gab. Er hatte fast den Eindruck, als glaubte sie, er könne sie nicht verstehen, wenn sie nicht vorher genug Atem sammelte, um laut und einigermaßen gefestigt mit ihm zu reden.

„Hast du dich für heute nicht bereits genug zwischen den Sternen bewegt?“, fragte sie, und ihre Stimme zitterte wie ein Wimpel im Sog der Ventilation.

„Der Sternenblick ist anders als der Gleiter, Mom“, erwiderte er vorsichtig. Es war ein gutes Argument, aber es ging leider einen Deut zu weit in die richtige Richtung.

Er spürte, wie ihr Blick intensiv auf ihm ruhte, und fühlte, wie die Spannung zwischen ihnen wuchs.

„Sie gleichen sich mehr, als dass sie sich unterscheiden“, antwortete sie tonlos. „Die Bewegungen sind fast identisch.“

„Sie sind viel langsamer.“

„Warum gehst du nicht auf dein Zimmer? Du musst doch sicher noch lernen.“

Als Danny an die Schulstunden dachte, die jeden Morgen noch vor dem Training stattfanden, verzog er unwillig das Gesicht. Er sehnte sich nach einer Zeit, in der er sie nicht mehr besuchen musste, aber bis dahin musste er noch neun Monate warten. „Die Aufgaben sind nicht besonders umfangreich. Ich werde sie nachher erledigen.“

„Wann?“

„Nach der Show.“

„Das halte ich für keine gute Idee. Nach deinem Auftritt wirst du sicher müde sein, deshalb ist es besser, wenn du jetzt nicht in den Sternenblick gehst.“

Danny sah ruckartig auf. Ihr gegenüber besonnen aufzutreten war eine Sache, sich deshalb in Ketten legen zu lassen, eine andere. „Die Vorstellung strengt mich schon lange nicht mehr an. Ich könnte zehn von ihnen am Stück fliegen, ohne zu ermüden!“

Ihre Augen weiteten sich und begannen stärker als gewöhnlich zu glänzen.

„Fünf nacheinander“, schwächte er ab, obwohl fünfzehn der Wahrheit im Grunde am nächsten gekommen wäre.

Plötzlich legte sein Vater seiner Mutter eine Hand auf den Arm. Sie zuckte leicht zusammen, so wie sie es jedes Mal tat, wenn eine unerwartete Berührung sie traf, dann aber wandte sie sich ihm zu. Er lächelte sie an, und da entspannte sie sich wieder.

Verwundert schüttelte Danny den Kopf. Er begriff nicht, wie sein Vater es immer wieder schaffte, sie zu beruhigen. Er musste nicht einmal etwas sagen, ein Blick, ein Lächeln genügte. Er verstand es, sich so zu geben, dass der Kummer in ihren Augen fast verschwand. Danny wünschte, es würde ihm auch gelingen, doch er fühlte, dass er dazu seine tiefsten und persönlichsten Gedanken und Gefühle hätte aufgeben müssen, und das konnte und wollte er nicht. Es kostete ihn bereits genug, sie gänzlich für sich zu behalten und mit niemandem zu teilen.

Seine Mutter sah wieder zu ihm.

„Ich werde nicht lange bleiben“, versprach er ihr.

Sie zögerte, dann lief ein Schauer über ihre schmale Gestalt, der schließlich in ein kaum merkliches Kopfnicken mündete. „In Ordnung.“

Danny schaute überrascht drein, sprang aber sofort auf. „Danke, Mom.“

Sie sagte nichts, sondern bedachte ihn mit einem Blick, den er schon so oft bei ihr bemerkt hatte, wenn sie ihn musterte, einem Blick, in dem sich Sorge und Angst auf eine Weise mischten, die ihn frösteln ließ.

Hastig verabschiedete er sich mit einem Kopfnicken von seinen Eltern, wandte sich ab und strebte eilig auf das Schott zu. Er verstand seine Mutter zwar nicht, aber er wusste genau, dass er sich ihrem Blick schnell entziehen musste, wenn er nicht riskieren wollte, dass sie es sich doch noch anders überlegte.

Die Unberechenbarkeit seiner Mutter war jedoch nicht der einzige Grund für seine Hast, sondern auch die Aufbruchsstimmung, die an einigen der anderen Tische ausgebrochen war. Vor allem die kleineren Kinder waren unruhig geworden und hüpften wie kleine Gummibälle auf ihren Plätzen auf und ab. Wenn er Pech hatte, würden sie ebenfalls in den Sternenblick gehen, obgleich seine Eltern ihm das früher, als er noch klein gewesen war, so kurz nach dem Essen nie erlaubt hätten.

Der Sternenblick war ein besonderer Ort, einer, an dem es unerfahrenen Besuchern gut und gerne einmal den Magen umdrehen konnte. Ihm war das zum Glück nie passiert, und jetzt bestand die Gefahr überhaupt nicht mehr, da ihm die Bewegungsmuster im Sternenblick viel zu vertraut waren, als dass sie ihm auch nur das geringste Unbehagen bereitet hätten. Im Gegenteil – sie waren das einzige, was der Erfahrung im freien Raum zumindest entfernt ähnelte, und er war froh über jede Minute, die er außerhalb seiner täglichen Trainingsflüge dort verbringen konnte. Er hoffte inständig, dass die Kinder sich eine andere Beschäftigung suchten, denn er konnte den Aufenthalt im Sternenblick nur dann richtig genießen, wenn er allein war.

Das Schott des Speisesaals öffnete sich vor ihm und schloss sich hinter ihm wieder, nachdem er mit einem schnellen Schritt hindurchgetreten war. Auf der anderen Seite befanden sich direkt neben der Tür eine Reihe kleiner Fächer, die durch stabile Klappen verschlossen waren. Auf jeder Klappe prangte in leuchtender Schrift der Name des Besitzers gleich neben der Sensorplatte, auf die man die Hand legen musste, um das Fach zu öffnen.

Danny presste die Hand auf den Sensor seines Fachs, spürte, wie sich die Platte für eine Sekunde erwärmte, zog die Hand wieder zurück, und die Klappe glitt auf. Kaum war sie offen, langte er ins Innere des Faches hinein, löste das Fly-Board aus seiner Halterung und legte es vor sich auf den Boden.

Das Fly-Board war etwa fünfzig Zentimeter lang und besaß eine ovale Form. Er setzte beide Füße darauf, ging leicht in die Knie und tippte mit der rechten Fußspitze zweimal auf das metallisch schimmernde Brett. Sofort hob es ein paar Zentimeter vom Boden ab und setzte sich in Bewegung.

Viel rascher, als er zu Fuß gewesen wäre, trug es ihn durch die langen Korridore der Gambler-Circus. Die Markierungen an den Wänden und die Leuchtkörper an der Decke verwandelten sich in verwaschene Schemen, als er das Fly-Board immer mehr beschleunigte, und doch war die Geschwindigkeit immer noch so lächerlich gering, dass sich weder seine Pulsfrequenz erhöhte noch er gezwungen war, mehr als einen winzigen Hauch bewusster Konzentration auf seine Lenkbewegungen zu richten.

Natürlich flog er schneller, als Merwyn Gaze, die anderen Erwachsenen und vor allem seine Mutter es gern gesehen hätten, aber da sich im Augenblick niemand in den Gängen aufhielt, konnte auch keiner mitbekommen, dass er die Regeln heute wieder einmal großzügig interpretierte. In Gefahr geriet er dadurch nicht, denn er beherrschte das Fly-Board mit traumwandlerischer Sicherheit. Durch leichte Körperbewegungen steuerte er es um die Ecken, verlangsamte es, wann immer ein Schott vor ihm auftauchte, so weit, dass die Tür vor ihm aufgleiten konnte, bevor er sie erreichte, und beschleunigte danach sofort wieder.

Jeder an Bord der Gambler-Circus besaß ein Fly-Board, was auch dringend notwendig war, denn das Schiff war in seinen Ausmaßen schlichtweg überwältigend, immerhin war es die einzige Heimat der zwölf Großfamilien und seiner eigenen kleinen, die zusammengenommen beinahe dreihundert Menschen ausmachten. Ihre Wohnungen, der Speisesaal, die Aufenthaltsräume und ein Sportcenter nahmen ein gesamtes Deck in Anspruch, das mittlere und kleinste, wohlgemerkt. Das obere Deck beherbergte die Andockschleusen für die Fähren, den riesigen Kuppelsaal, von dem aus die Zuschauer die Vorstellung verfolgen konnten, die Brücke und einige Räume, die der Verwaltung unterstellt waren.

In den zwei Zwischendecks befanden sich der Antrieb, die Lebenserhaltungs- und Recyclingsysteme und alle anderen Maschinen, auf die man an Bord eines Raumschiffs nicht verzichten konnte, und im unteren und größten Deck waren die Lagerräume, die Reparaturwerkstatt und der riesenhafte Hangar untergebracht, in dem alle Fahrzeuge, die für die Show benötigt wurden, ihren Platz hatten. Mehr als ein Dutzend Lifts verbanden die fünf Ebenen, trotzdem ergaben sich aus der schieren Größe des Schiffes weite Wege, die niemand zu Fuß gehen wollte; zum Glück blieb ihnen das durch die Fly-Boards erspart.

Danny musste auf seinem Weg zum Sternenblick keinen Lift benutzen, denn er lag auf der gleichen Ebene wie der Speisesaal und die Wohnungen, allerdings genau auf der gegenüberliegenden Seite des Schiffes. Mit dem Fly-Board kam er in kürzester Zeit dort an, ließ es am Ziel zu Boden sinken und verstaute es in einem der Fächer neben dem schlichten Schott, das nichts von dem wundersamen Ort erahnen ließ, der sich hinter ihm auftat.

Das Schott wich automatisch vor Danny zurück, als er in den Erfassungsbereich des Sensors trat, und gab den Blick auf eine kleine Schleuse frei. Sofort spähte er zur rechten Wand der Schleuse hinüber, an der sich eine Steuerungstafel befand. Das Signallicht stand auf grün. Das bedeutete, er war der erste. Er nickte zufrieden.

Ohne noch länger zu zögern, trat er ein und streifte den Handlauf, der links und rechts in der Schleuse angebracht war, mit einem flüchtigen Blick, ohne ihn jedoch zu berühren. Das wäre früher vielleicht nötig gewesen, heute nicht mehr. Mit sicheren, vertrauten Bewegungen aktivierte er die Schalttafel und gab eine kurze Codefolge ein. Auf dem Display erschien die Zahl hundert. Sie blinkte zweimal auf, bevor sie im Sekundentakt heruntergezählt wurde, und je kleiner die Zahl wurde, desto mehr schwand die künstliche Schwerkraft dahin.

Danny zählte in Gedanken ungeduldig mit, fühlte gleichzeitig in seinen Körper hinein und spürte, wie sein Gewicht nachließ und eine belebende Leichtigkeit ihn ergriff. Noch bevor die Zählung bei Null angekommen war, war er leicht wie eine Feder, und es drängte ihn danach, im Wind zu tanzen. Natürlich gab es keinen Wind im Sternenblick, aber die Aufhebung der Schwerkraft verschaffte ihm mehr Bewegungsfreiheit, als irgendein Gegenstand, so leicht er auch sein mochte, in der Anziehungskraft eines Planeten jemals erlangen konnte.

Endlich glitt das Innenschott vor ihm zur Seite. Die Handläufe noch immer ignorierend, stieß sich Danny mit wohlberechnetem Schwung ab und trieb sanft in den Sternenblick hinein. Das Licht unzähliger Sterne begrüßte ihn.

Der Sternenblick trug seinen Namen zu Recht. Er war eine große Kuppel, die sich seitlich an die Gambler-Circus schmiegte. Sie besaß einen Durchmesser von etwa fünfzig Metern und war aus einem besonderen Kunststoff gefertigt worden, der stark genug war, um dem Druckunterschied zwischen dem Innenraum und dem Vakuum standhalten zu können, und zudem die lebensfeindliche Kälte des Weltalls fernhielt. Das allein wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, denn es gab viele Stoffe mit derartigen Eigenschaften, aber eins zeichnete den Kunststoff vor allen anderen ähnlichen Materialien aus: Er war durchsichtig. Das einzige Licht, das die Kuppel erhellte, kam von den Tausenden naher und ferner Sonnen, die wie Diamanten in der samtenen Schwärze des Weltraums glitzerten und den Sternenblick in einen weichen Schimmer tauchten.

Als sich das Schott wieder schloss und die Schleusenbeleuchtung von der Dunkelheit verschluckt wurde, jauchzte Danny vor Freude laut auf. Er nutzte seinen Schwung, um mehrere Salti zu schlagen, glitt elegant durch die Kuppel und gab sich der Illusion hin, frei und unbeschwert zwischen den Sternen zu schweben. An der gewölbten Wand angekommen, stieß er sich erneut ab, gab sich dabei einen neuen Richtungsimpuls und segelte frei wie ein Vogel in einer erstklassigen Thermik durch die Luft.

Er zog die Arme an den Körper, um die Rotation zu erhöhen, drehte sich um seine eigene Achse, bog sich in immer neuen Mustern durch den Raum, der schon bald viel zu klein zu werden schien. Jedes Mal, wenn er gegen eine der Wände stieß, zerbiss er einen leisen Fluch zwischen den Lippen, und ein schmerzhafter Stich durchzuckte seinen Magen. Die verdammten Mauern zerstörten die Illusion der Freiheit und zwangen ihn, umzukehren und die Richtung zu wechseln. Derartige Begrenzungen gab es im Weltraum nicht. Deshalb war der Sternenblick trotz allem nur seine zweite Wahl. Die erste würde immer sein Gleiter sein.

Nach einer Weile hörte er damit auf, mit seinem Körper verspielte Figuren in der Nullschwerkraft zu zeichnen, und ließ sich geradewegs auf den Scheitelpunkt der Kuppel zutreiben. Als er ihn erreichte, langte er nach den Handgriffen, die unsichtbar für das menschliche Auge überall auf der Halbkugel verteilt waren. Doch er musste sie nicht sehen, um sie zu finden. Er wusste, wo sie angebracht waren, und er fand sie sofort, ohne auch nur um einen Deut nachfassen oder gar seine bewusste Konzentration darauf lenken zu müssen. Er war schon so oft im Sternenblick gewesen, dass keine der Bewegungen, die er in der Schwerelosigkeit ausführte, einer besonderen Anstrengung oder geistigen Anspannung bedurft hätte.

Jetzt, da er ruhig stand, konnte er erkennen, dass sich die Sterne außerhalb der Kuppel bewegten. Richtiger gesagt war es die Gambler-Circus, die langsam um ihre eigene Achse rotierte. Sehr bald schon würde am Horizont des Sternenblicks der riesige Gasplanet aufgehen, in dessen Nähe die Gambler-Circus schon seit einigen Tagen im Raum schwebte und dem die Bewohner dieses Systems zurecht den Namen Marble Sphere gegeben hatten. Es war ein Anblick, den er ungern versäumt hätte.

In Gedanken zählte er seinen eigenen Countdown, und genau in dem Moment, in dem er mit seiner Zählung bei Null angekommen war, schob sich der erste Lichtstrahl über den Rand der Kuppel, durchstieß sie wie eine feurige Lanze, nur um auf der anderen Seite den transparenten Kunststoff erneut zu durchdringen und sich auf eine lange, ewig währende Reise durch die Unendlichkeit des Alls zu begeben.
(…)

(Weiter zu Teil 2)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I

Der Angriff

Im Buch blättern

Verlag :      AAVAA Verlag UG
ISBN :      978-3-86254-399-1
Einband :      Paperback
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Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

Erstellt von Detlef Hedderich am 3. Mai 2012

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1)

aus: “Shaans Bürde”

Fantasy-Roman

von

Susanne Gavénis

Gezackte Blitze spalteten den Himmel, leckten wie gierige Feuerzungen dem Boden entgegen und rissen das Land für Sekundenbruchteile aus der tiefen Finsternis, die es schon vor Tagen verschlungen hatte. Donner folgte ihnen dichtauf, hallte am Firmament wie von einer gewaltigen Kuppel wider und fand ein vielfältiges Echo an den Felsen und Berghängen rings um die Burg, die trutzig inmitten des Infernos aufragte. Und kaum war ein Donnerschlag verklungen, fuhr der nächste Blitz wie ein flammender Speer in die Erde und beschwor den Zorn der Luft erneut herauf.

Gefflan Geyseré zuckte bei jedem Grollen erschrocken zusammen, und längst hatte sich ein Schauder auf seine Haut gelegt, der nicht mehr weichen wollte. Dabei war er beileibe kein Kind mehr, sondern vierundzwanzig Jahre alt, alt genug also, um bei einem einfachen Gewitter nicht wie ein verängstigtes Kätzchen in Panik zu verfallen. Doch das Unwetter, das außerhalb der Burg seines Vaters, des Herzogs Garbass Geyseré, tobte, war weit mehr als das. Die Elemente selbst waren in einer Aufruhr begriffen, die er noch nie zuvor erlebt hatte.

Blitz und Donner wüteten seit einer Woche über den Bergen. Am Tage hingen die Wolken so tief und waren so dicht, dass kaum mehr als ein schummeriges Dämmerlicht den Boden erreichte, in der Nacht jedoch folgten die Blitze so schnell aufeinander, dass die Dunkelheit von ihrem fahlen, flackernden Schein heller erleuchtet wurde als der Tag.

Regen prasselte seit dem ersten Blitzschlag unaufhörlich auf die Erde nieder und hatte den kleinen Bach, der dicht neben der Burg vorbeifloss, längst in einen reißenden Strom verwandelt. Sein Rauschen mischte sich mit dem wüsten Trommeln der dicken Tropfen, die Metallkugeln gleich auf die Dächer der Gebäude und Turmhäuser trafen, sie zum Vibrieren brachten und inzwischen mehr als nur ein Loch gefunden hatten, um auch diese menschliche Zufluchtsstätte, die sich mit ihren wuchtigen Mauern den entfesselten Naturgewalten so trotzig entgegenstemmte, ein für allemal vom Gesicht der Erde zu tilgen. Wasser leckte allerorten durch die Ziegel und machte es nötig, dass die Bediensteten mit Eimern und Kannen herbeieilten, damit nicht auch auf den Fluren und Korridoren Rinnsale entstanden und das Mauerwerk von innen unterhöhlten.

Nur selten hatte der Regen in den letzten Tagen nachgelassen, und wenn er es getan hatte, war er gleich darauf als Eis niedergegangen. Hagelkörner so groß wie Taubeneier hatten bereits viele Fensterläden zerschmettert, Scheiben zertrümmert und es noch schwerer gemacht, das Unwetter aus den Räumen der Burg herauszuhalten.

Ein Knecht, der sich trotz des schlechten Wetters auf den Hof hinausgewagt hatte, weil ihm sein Hund in Panik davongelaufen und durch eine geborstene Scheibe ins Freie entwischt war, war von den Hagelkörnern beinahe erschlagen worden. Mit tiefen, blutenden Wunden war er ins Haus zurückgewankt. Den Hund hatte er nicht gefunden, und Gefflan glaubte nicht daran, dass das Tier noch lebte. Entweder war es ertrunken, vom Blitz getroffen oder vom Sturm ergriffen und gegen den Fels geschleudert worden. Nichts und niemand konnte bei einer derartigen Hölle im Freien überleben.

Von den tobenden Gewalten zutiefst beunruhigt, ging Gefflan in seinem Studierzimmer, das hoch oben in einem der Turmhäuser der Burg lag, auf und ab. Manchmal trat er an die Scheibe, presste das Gesicht dagegen und versuchte, Einzelheiten in der dunklen Nacht zu erkennen. Natürlich waren die Läden vor allen Fenstern bereits zu Beginn des Gewitters verschlossen worden, doch viele von ihnen besaßen einen Spalt, der in dem massiven Holz ausgespart geblieben war und durch den man nach draußen sehen konnte.

Wann immer ein Blitz das gequälte Land in seinen grellen Schein tauchte, konnte Gefflan die Bäume erkennen, die sich am Rande des Burgbergs und auf benachbarten Kuppen erhoben. Sie bogen sich wie Schilfrohr in dem heftigen Sturm, der zusammen mit Blitz, Donner und Regen über die Berge hereingebrochen war. Manch einer von ihnen war bereits umgeknickt und wie von einer Riesenfaust zu Boden geschmettert worden, andere hatten mit ihren Wurzeln den Halt verloren, da die übermäßig angeschwollenen Gebirgsbäche jede Krume mit sich gerissen hatten, und die, die noch standen, fingen die Blitze ein und zerplatzten wie Glas unter der plötzlichen Hitze. Allein der wasserfallartige Regen verhinderte, dass die Haine rings um die Burg und an den gegenüberliegenden Felswänden in Flammen aufgingen, trotzdem war es abzusehen, dass kaum ein Baum das Ende des Gewitters erleben würde.

Auch die Burg selbst war in Gefahr. Orkanböen warfen sich mit unbändiger Macht gegen die Mauern, rissen an den Fensterläden und brachen die, die nur die geringste Schwäche aufwiesen, aus ihren Angeln, sie zerrten an den Dachziegeln, hoben die, die nicht fest mit dem First vernagelt waren, ab und schleuderten sie in den Hof hinunter, wo sie krachend zerbrachen.

Doch der Ton, der ihr Ende auf dem harten Stein verkündete, war kaum zu hören. Das Heulen des Windes war lauter als das eines Rudels Wölfe in mondheller Nacht, und der ohrenbetäubende Donner verschlang allemal die Laute, die nicht ihm selbst entsprangen.

Und als wäre es damit noch nicht genug, war auch die Erde in Wallung geraten. Seit der erste Blitz herniedergefahren war, bebte der sonst so feste Boden, vibrierte und zitterte, als wären die Feuerzungen Peitschenhiebe, die nacktes Fleisch trafen. Im ältesten Turmhaus der Burg hatten sich bereits Risse in den Mauern gebildet. Noch waren sie fein, doch sie liefen wie ein Abbild der Blitze in vielfach gezackter Bahn über die Wände, und an ihren Rändern bröckelte der Putz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie breiter werden würden, so breit, dass wirklich Gefahr für den alten Gebäudetrakt bestand, und wenn die Natur sich nicht bald beruhigte, mochten auch die neueren, stabiler gebauten Bereiche der Burg in naher Zukunft ihren Gewalten erliegen.

Wieder einmal schlug der Regen in Hagel um. Gefflan wich erschrocken zurück, als das Eis krachend gegen die Fensterläden prasselte. Er stolperte beinahe, ruderte mit den Armen und fand an der Lehne eines riesenhaften, schweren Stuhls aus massivem Eichenholz Halt.

Mit zittrigen Knien ließ er sich darauf sinken und starrte nachdenklich auf die Tischplatte. Er konnte nicht zählen, wie oft er bereits hier gesessen und die Aufzeichnungen von den vorangegangenen Kämpfen – den Kämpfen jener Menschen, die auserwählt worden waren, für das Gleichgewicht der kosmischen Mächte zu fechten – studiert hatte. Es war seine Aufgabe, sie auf neues Papier zu übertragen, altertümliche Worte gegen neue, gebräuchliche auszutauschen und so dafür zu sorgen, dass die Berichte erhalten blieben, bis der nächste Kampf stattfand. Das hatte er getan, seit sein Vater ihn vor sechs Jahren in das große Geheimnis eingeweiht hatte, von dem außer ihm selbst und seinem ältesten Bruder niemand etwas ahnte. Sein Großvater hatte es ebenfalls gekannt, und vor ihm sein Vater und dessen Vorfahren.

Über unzählige Generationen hinweg, seit Anbeginn der Zeit, hatte seine Familie der Macht des Guten gedient, hatte die Überlieferung bewahrt und würde auch den Shai, den Beschützer und Kämpfer stellen, der an der Seite der Lanhal, der Inkarnation des Guten, für einen Erhalt der Welt ohne Magie und schwarzen Zauber eintrat.

Außer ihnen kannten nur die Erben jener Familie, die sich der Seite des Bösen verschrieben hatte, die Geschichte des kosmischen Ringens, hüteten die Regeln und bewahrten das Wissen darum, so wie er und sein Vater es taten. In ihren Reihen würde die Shai’yinyal geboren werden, die Beschützerin des Yinyal, der Inkarnation des Bösen. Wenn es an der Zeit war, würden die Lanhal und ihr Shai gegen den Yinyal und seine Shai antreten und das Schicksal der Welt erneut entscheiden, ohne dass der Rest der Menschheit davon auch nur das Geringste ahnte.

Im Moment allerdings waren das für Gefflan nicht mehr als hohle Worte, Buchstaben auf Papier, die er zwar sorgfältig zu übertragen und zu bewahren gedachte, die ansonsten für ihn und sein Leben jedoch nur wenig Bedeutung besaßen. Ein Blick zur drohenden Schwärze hinter dem Fenster ließ ihn sogar befürchten, dass, wenn Sturm, Regen, Blitze und Beben nicht bald ein Ende fanden, weder seine Familie noch irgendeine andere lange genug überleben würde, um sich in dem nächsten Kampf zwischen Gut und Böse gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Die aufgebrachten Elemente legten tatsächlich den Schluss nahe, das Ende der Welt sei gekommen.

Gefflan schloss die Augen und ballte seine Hände zu Fäusten. Das durfte nicht sein! Sein Leben war noch jung, und ein anderes sollte erst noch beginnen. Sheena, seine Frau, würde bald ihr erstes Kind gebären. Sie lag seit Tagen in den Wehen. Als der erste Blitz den Himmel zerrissen hatte, hatte es angefangen, und seitdem war sie nicht mehr zur Ruhe gekommen, doch noch war das Kind nicht da.

Zornig presste er die Lippen aufeinander, als ein erneuter Donnerschlag die Wände der Burg erschütterte. Wie sollte sich eine Frau bei diesem Hundewetter auch auf eine Geburt konzentrieren können? Wie sollte sie all ihre Kraft darauf richten, wenn Erdbeben, Blitze, Donner und Sturm sie ängstigten und die bange Frage aufwarfen, ob ihr Baby noch ein Dach über dem Kopf haben würde, wenn es erst das Licht der Welt erblickt hatte?

Am liebsten wäre er zu Sheena geeilt und nicht von ihrer Seite gewichen, aber seine Mutter und die Hebamme hätten das nicht zugelassen. Sie glaubten, er würde es seiner Frau nur noch schwerer machen, wenn er wie ein aufgeregter Gockel um ihr Bett herumwackelte und mit seiner Nervosität alle ansteckte. Vielleicht hatten sie sogar recht damit, denn er war tatsächlich unruhig und überaus besorgt; andererseits glaubte er nicht, dass er die Bedingungen noch schlechter machen konnte, als sie ohnehin schon waren. Er wollte doch nur helfen, und die Untätigkeit wurde immer unerträglicher.

Grimmig entschlossen, sich nicht noch einmal abweisen zu lassen, lief er los. Er befand sich bereits auf halbem Weg zur Tür, als diese sich öffnete und Garbass Geyseré, sein Vater und Herzog über diesen Teil des Landes, eintrat. Er war ein großer, stattlicher Mann mit dichtem, braunem Haar, das noch keinen einzigen Schimmer Grau zeigte. Ein sorgsam gestutzter Vollbart bedeckte die untere Hälfte seines Gesichts und schuf einen auffälligen Kontrast zu seinen strahlenden grauen Augen, die stets mit großer Aufmerksamkeit, aber auch mit Güte und Wohlwollen das Treiben der Menschen um ihn herum beobachteten. Oft lag ein warmes, freundliches Lächeln auf seinen Lippen, doch heute war Garbass ernster als gewöhnlich. Als er sprach, klang seine Stimme dennoch ruhig und volltönend wie die eines geschulten Sängers.

„Ich dachte mir, dass ich dich hier finde.“

Gefflan hatte seinen Vater oft um seine Stimme, die jeden seiner Zuhörer augenblicklich in ihren Bann schlagen konnte, und ebenso um seine abgeklärte Art, von der er selbst meilenweit entfernt war und wohl auch immer bleiben würde, beneidet, heute aber achtete er nicht einmal darauf. Seine Aufregung ließ seine Worte wie das schäumende Wasser eines Gebirgsbaches über seine Lippen sprudeln.

„Ist es endlich soweit? Ist mein Kind geboren? Wie geht es Sheena? Ist sie wohlauf?“

Sein Herz klopfte heftig gegen seine Rippen und trieb das Blut rauschend durch seine Adern. Er wagte nicht zu blinzeln, damit ihm nicht die kleinste Regung im Gesicht seines Vaters entging.

„Die Wehen kommen jetzt in kürzeren Abständen, wie deine Mutter mir sagte, aber noch ist es nicht soweit. Du wirst dich gedulden müssen.“

„Aber das kann ich nicht! Ich warte schon so lange!“

Garbass legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Die Geburt eines Kindes richtet sich nur selten nach den Wünschen des Vaters, mein Sohn, das kannst du mir glauben. Auf dich musste ich auch sehr lange warten. Vier Tage vergingen von der ersten Wehe bis zu deiner Ankunft.“

„Es sind bereits sieben Tage vergangen!“

„Ich weiß.“

Gefflan entzog sich seinem Vater und nahm seine unruhige Wanderung durch das Zimmer wieder auf. „Daran ist nur dieses verfluchte Wetter schuld!“, rief er zornig, als zwischen zwei Donnerschlägen kurzzeitig Stille einkehrte. „Bestimmt hat Sheena Angst. Ich sollte bei ihr sein!“

Der Herzog hob zweifelnd eine Augenbraue. „Damit du neben ihrem Bett wie ein gefangener Wolf auf und ab laufen kannst?“

Erst jetzt bemerkte Gefflan, wie wuchtig er seine Füße aufsetzte und wie heftig seine Bewegungen waren. Er fühlte sich wie eine Bogensehne kurz vor dem Schuss. Abrupt hielt er inne.

Sein Vater seufzte leise und warf einen langen Blick zum Fenster hinüber. Selbst durch den schmalen Spalt in den Läden waren die grellen Blitze gut zu erkennen.

Gefflan musste der Versuchung widerstehen, sich erneut in Bewegung zu setzen. Statt dessen ballte er die Hände zu Fäusten und grub seine Fingernägel tief in seine Handflächen. Bilder flackerten vor seinem inneren Auge auf, Bilder der Zukunft, die vor ihm lag. Sheena an seiner Seite und viele Kinder, mit denen er lachen und spielen konnte, so sollte es sein. Es waren schöne Phantasien. Früher waren sie stark, plastisch und voller Farben gewesen, doch je länger das Unwetter toste und je länger er auf die Geburt warten musste, desto mehr verblassten sie, verloren ihre Fülle, ihre Klarheit, ihr Leben. Sie wichen von ihm fort wie Wolken am Himmel, die vom Sturm erfasst und zum Horizont getragen wurden, ohne dass er sie aufhalten konnte.

Ein gequälter Laut entrang sich seiner Kehle. Wo er hergekommen war, wusste Gefflan nicht, er spürte nur, dass sich plötzlich eine eiserne Schelle um seinen Magen gelegt hatte, die sich enger und enger zusammenzog und danach trachtete, ihn gänzlich einzuschnüren.

„Habt ihr euch bereits einen Namen für euer Kind ausgedacht?“, fragte sein Vater unvermittelt.

Gefflan zuckte zusammen. „Das kommt darauf an, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird“, antwortete er dumpf.

Sein Vater setzte eine ernste Miene auf. „Es wird ein Junge.“

„Das kannst du nicht wissen.“

„Nimm einfach an, dass es so sein wird. Wie wollt ihr ihn nennen?“

„Shaan.“

Der Herzog nickte zufrieden. „Das ist ein guter Name.“

„Sheena hat ihn gewählt.“

„Das dachte ich mir.“

„Vater, was hat das zu bedeuten? Wieso bist du dir so sicher, dass mein Kind ein Junge wird?“

Der Herzog seufzte schon wieder. Gefflan bekam es langsam mit der Angst zu tun.

„Es gibt einen Text, den ich dir bislang vorenthalten habe, mein Junge. Er beschreibt die Zeichen der Wiederkehr der Lanhal, des Yinyal und ihrer Beschützer. Du weißt, dass sie alle am gleichen Tag geboren werden?“

„Natürlich, aber was hat das mit Shaan zu tun?“

„Mehr als du ahnst. Die Zeit des Kampfes ist erneut gekommen.“

Erschrocken wich Gefflan einen Schritt vor seinem Vater zurück. „Das kann nicht sein!“

„Es ist so. Der Text, den ich dir nie zum Lesen gab, berichtet, dass die Natur sich erhebt, dass Sturm, Blitz, Donner, Regen und Beben die Welt erschüttern, wenn die Inkarnationen des Guten und des Bösen ihre Ankunft ankündigen. Aber selbst wenn es diese Zeichen nicht gäbe, wüsste ich doch, welche Aufgabe auf dich und deinen Sohn zukommt. Die Überlieferung besagt, dass in unserer Familie alle hundert Generationen der Shai’lanhal geboren wird.“ Sein Vater sah ihn bedeutungsschwanger an. „Du bist die neunundneunzigste Generation, Gefflan, Shaan die hundertste. Er ist der Shai’lanhal.“

Gefflan wankte. Kalter Schweiß stand plötzlich auf seiner Stirn. „Du musst dich irren! Das kann gar nicht sein. Es gibt keine magischen Kräfte! Niemand kann die Natur beherrschen, so wie die Aufzeichnungen es über den Shai’lanhal und die Shai’yinyal berichten.“

„Shaan wird es können. Die Elemente befinden sich allein deshalb in Aufruhr, weil sie an der Geburt der beiden Shais beteiligt sind. Sie geben ihren Teil hinzu und machen sie zu dem, was sie sein werden. Dachtest du, all das, was ich dir erzählt habe, sei nur ein Märchen?“

„Ich … ich weiß es nicht“, stammelte Gefflan erschüttert. „Ich habe schon daran geglaubt, aber ich hätte nie gedacht, dass die Zeit des Kampfes schon wieder gekommen ist. Wie soll ich damit umgehen? Wie soll ich Shaan darauf vorbereiten?“

Seine Gedanken wirbelten umher wie trockenes Herbstlaub im Sturm. „Vielleicht haben sich unsere Vorfahren verzählt! Vielleicht ist noch nicht die hundertste Generation seit dem letzten Kampf erreicht. Sheena könnte ein Mädchen gebären. Ja, ganz sicher sogar wird sie das. Ein Mädchen!“

Doch sein Vater schüttelte bedauernd den Kopf. „Du kannst weder mit deinen Worten noch mit deinen Wünschen, so stark und rein sie auch sein mögen, deine Bestimmung ändern. Seit unsere Blutlinie sich dem Guten verschrieben hat, waren immer wieder Väter gezwungen, ihre Söhne auszubilden und in den Kampf gegen das Böse zu schicken. Auch du kannst dem nicht entgehen. Du musst Shaans Lehrer sein, sein Sarn, so wie es vorherbestimmt ist. Denn wenn die Zeit des Kampfes gekommen ist, wird er sich aufmachen und die Lanhal suchen. Er wird an ihrer Seite stehen, ob du es willst oder nicht. Du kannst es nicht aufhalten, Gefflan, du kannst lediglich dafür sorgen, dass Shaan so gut wie möglich auf seine Aufgabe vorbereitet ist. Das ist deine Pflicht, dein Anteil an den bevorstehenden Ereignissen.“

„Aber ich will das nicht! Das ist nicht das Leben, das ich mir für Sheena, mein Kind und mich vorgestellt hatte. Wenn es wahr ist, was du sagst, wenn Shaan tatsächlich der Shai’lanhal ist und gegen die Shai’yinyal antreten muss, könnte er sterben! Ich kann mein Kind nicht in dem Wissen aufziehen, dass es, noch bevor es richtig erwachsen geworden ist, in eine Auseinandersetzung verwickelt wird, die es das Leben kosten kann und darüber hinaus über das Schicksal der nächsten hundert Generationen entscheidet!“

„Du hast keine Wahl, Gefflan. Wenn du Shaan nicht entsprechend seiner Aufgabe erziehst und ihn nicht so gut wie möglich auf den Kampf vorbereitest, wird er auf jeden Fall sterben, denn dann wird er der Shai’yinyal nicht gewachsen sein. Und nicht nur er wird dann den Tod finden, sondern auch die Lanhal, und über die Welt wird das dunkle Zeitalter des Bösen hereinbrechen. Willst du das riskieren? Kannst du es verantworten, die Menschheit hundert Generationen lang Angst und Schrecken und der Macht bösartiger Magier auszuliefern, nur weil du dich deinem Schicksal verweigerst?“

„Hör auf damit!“, schrie Gefflan erstickt. Tränen bahnten sich ihren Weg und rannen über seine Wangen. „Ich wollte doch nur ein normales Leben führen! Ich wollte mit Sheena und meiner Familie glücklich sein!“

„Das kannst du auch jetzt noch. Ganz sicher wird Sheena dir noch viele weitere Kinder gebären. Sie werden ganz normale Mädchen und Jungen sein, und es spricht nichts dagegen, dass du sie und Shaan gemeinsam aufziehst. Die Magie der Elemente, die er zu beherrschen lernen muss, ist nicht das einzige, was für ihn wichtig sein wird. Alles weitere kannst du ihm beibringen, ohne von den anderen getrennt zu sein. Lediglich wenn du ihn mit der Magie üben lässt, sollte das im Geheimen geschehen, damit niemand davon erfährt.“

Gefflan rang um seine Beherrschung. Er wollte den Worten seines Vaters so gern Glauben schenken, aber es gelang ihm nicht. Sein Traum konnte sich nicht erfüllen, wenn Shaan tatsächlich der Shai’lanhal war. Sein Leben, Sheenas Leben und das aller Kinder, die sie noch haben mochten, würde unwiderruflich von dem bevorstehenden Kampf überschattet sein, überschattet von der Sichel des Todes, die jederzeit auf sie niedersausen und sie alle vernichten konnte.

Er zitterte so heftig wie der Boden, der wieder einmal unter seinen Füßen vibrierte. Blitze und Donner folgten jetzt noch schneller aufeinander, und der Sturm war so laut geworden, dass sein Vater die letzten Worte hatte schreien müssen. Der Aufruhr der Natur strebte einem neuen Höhepunkt zu, und Gefflan ahnte, dass die Geburt seines Sohnes unmittelbar bevorstand. Und damit auch die der Lanhal, des Yinyal und der Shai’yinyal. Sie alle würden in dieser grauenvollen Nacht zur Welt kommen, die keine Hoffnung versprach, sondern lediglich einen Vorgeschmack auf die Schlacht lieferte, die die Inkarnationen von Gut und Böse ausfechten würden. Doch bis es soweit war, konnten nur die Shais die Elemente beherrschen – nur Shaan und seine Gegenspielerin.

„Warum er?“, schluchzte Gefflan gequält. „Warum mein Sohn?“

Aber er fand kein Mitleid, sondern nur Ernst in den Augen seines Vaters. „Du solltest diese Frage nicht stellen, Gefflan, denn du wirst keine Antwort darauf finden. Akzeptiere dein Schicksal. Du kannst von dem Weg, der dir vorherbestimmt ist, ebenso wenig abweichen wie Shaan. Und vergiss nicht: Die Bürde, die dein Sohn tragen muss, ist weitaus größer als deine.“
(…)

(Zum nächsten Teil)

Copyright (c) 2008/2012 by Susanne Gavénis

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Da es sich bei diesem Textauszug um eine ergänzte Version handeln wird, wenn der Roman fertig ist, läuft dieser Beitrag im Storywettbewerb. Wenn die ergänzte Ausgabe, die dann alle drei Teile beinhalten wird, erschienen ist, wird das Ganze dann umziehen zu den Leseproben. Bis dahin aber soll der Beitrag im Storywettbewerb mitlaufen. Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der kann versuchen ein Exemplar des eigentlich vergriffenen Vorläufers zu ergattern. Wenn nicht, muß man eben warten, ob die Autorin hier weitere Teile platziert oder das Gesamtwerk neu erscheint, ein Versuch könnte sich lohnen. Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Shaans Bürde

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Maler: Schuurman, Nelleke. Umschlaggestaltung von Ende, Katharina
Verlag :      Schweitzerhaus Verlag
ISBN :      978-3-939475-35-4
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Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 30.09.2008
Gewicht :      854 g

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Als Enkel eines Herzogs geboren, wächst Shaan in völliger Abgeschiedenheit auf, denn ihm ist ein besonderes Schicksal bestimmt: Mit der Magie des Wassers und des Windes soll er die Lanhal, die Inkarnation des Guten, beschützen. Sollte Shaan jedoch versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern eines Einzelnen.Seit Anbeginn der Zeit tobt auf der Erde die Schlacht zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Shaan, Enkel eines Herzogs, wird von seinem Vater in der Einsamkeit der Berge mit grausamer Härte auf seine vom Schicksal bestimmte Aufgabe vorbereitet: Er ist der Beschützer der Lanhal, der Inkarnation des Guten, die alle hundert Generationen in Gestalt eines gewöhnlichen Mädchens wiedergeboren wird, um in einem mörderischen Aufeinandertreffen mit dem Yinyal, der Verkörperung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit zu kämpfen. Ausgestattet einzig mit der Fähigkeit, Wind und Wasser zu beherrschen, muss sich Shaan einer Bedrohung stellen, die alles Vorstellbare übersteigt, denn die Mächte das Bösen entsenden eine schreckliche Gegenspielerin, die ebenfalls über zwei Elemente gebietet Feuer und Erde. Und Shaan weiß: Sollte er versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Susanne Gavénis wurde 1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M.

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