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MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 29. Januar 2012

MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON

eine Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy

Niemand hatte mit dieser weißen Pracht gerechnet. Über Nacht waren die Temperaturen gefallen. Immer kälter wurde es, bis der Dauerregen der letzten Tage sich in feine, leichte Flocken verwandelte. Der Winter hatte sich klammheimlich heran geschlichen, gerade rechtzeitig um Danya ihren größten Weihnachtswunsch zu erfüllen.

Danya erwacht schlagartig, wissend, dass sich etwas Wunderbares ereignet hat. Sie reißt die Augen auf und es kribbelt schon in ihrer Nase.

Schnee!“ ruft sie laut und macht damit ihren Bruder wach, der sich grummelnd noch einmal in seinem Bett herum dreht.

Danya springt aus dem Bett und rennt zu dem Fenster hinüber. Überschwänglich reißt sie die hölzernen Läden auf und starrt in eine völlig verwandelte Landschaft hinaus. Noch immer rieselt der weiße Staub vom Himmel herab, bedeckt Häuser, Wege, Bäume und Wiesen.

Selbst die Wintersonne freut sich über das Weihnachtsgeschenk, dass die Nordwolken dem kleinen, vorwitzigen Mädchen gemacht hatten. Sie strahlt und spiegelt sich in den winzigen Schneekristallen und überall glitzert und funkelt es. Einer der Sonnenstrahlen trifft Danya neckend an der Nase, sodass sie niesen muss. Lachend ruft sie nochmal „Schnee!!“ und dreht sich zu ihrem Bruder um.

Sieh doch, Endres, alles ist weiß, als wäre der Hof voller Puderzucker!“

Nun ist es dem armen Kerl viel zu hell, um noch weiter schlafen zu können. Mühsam windet er sich aus seinem Bett, das Holz quietscht und die strohblonden Haare fallen ihm missmutig ins Gesicht. Er ist geblendet von dem Licht, dass durch die vollkomme weiße Fläche wieder und wieder gebrochen und reflektiert wird, bis es voller Enthusiasmus auf sein Gesicht trifft. Dort tanzen nun kleine, helle Pünktchen und spielen Fangen miteinander.

Schlaftrunken reibt er sich die Augen, die nur mühsam auf gehen wollen, bis er einen blinzelnden Blick aus dem Fenster wirft und staunt. Gestern war noch alles braun und schlammig gewesen, als er die Hühner in den Stall getrieben hatte.

Schnee…“ wiederholt er unbewusst die Worte seiner Schwester und bewundert andächtig, mit offenem Mund, die vollendet weiße Schönheit.

Währendessen schleicht sich seine Schwester Danya aus dem Zimmer und rast, schnell wie eine Schneewehe, aus dem Haus. Auf der anderen Seite des Fensters wartet sie darauf, dass Endres sich zeigt. Als er genauso klingt, wie sie selbst gerade, muss sie leise kichern. Erschrocken schlägt sie beide Hände vor den Mund. Verflixt, fast hätte sie sich verraten.

Im Schatten des Daches schleicht sie näher heran und unter ihren Füßen knirscht herrlich der Puderzuckerschnee. Mutter würde schimpfen, wenn sie jetzt hier wäre, denn Danya ist noch im Nachthemd und barfuß. Doch gleich werden sich die frostigen Nadelstiche in ihren Füßen lohnen.

Sie zielt sorgfältig.
Da ihr Bruder, immernoch hingerissen von dem unerwarteten Geschenk der Nordwolken, nichtsahnend am Fenster steht, kann sie sich damit Zeit lassen.

Platsch!

Der Schneeball ist nicht fest und zerschellt an dem dümmlich drein blickenden Gesicht ihres Bruders. Danya lässt sich rückwärts in den Schnee fallen und verschluckt sich an ihrem eigenen Lachen. Überschwänglich rudert sie mit ihren Armen und Beinen, wie ihre Mutter es ihnen vor Jahren gezeigt hatte, um einen Schneeengel zu machen.

Durch den Schnee hindurch hört sie ihren Bruder brüllen und lachen.

Na warte! Dir werde ich es zeigen, du Biest. Ich…
Doch die kleinen Schneebrocken in seiner Nase bringen ihn zum Niesen bevor er den Satz beenden kann.

Auch er hält sich nicht großartig mit Anziehen auf, denn schließlich kann man es sich als großer Bruder nicht leisten, sich so von seiner kleinen Schwester vorführen zu lassen.

Ich werde dich einseifen, bis dir der Schnee aus den Ohren rauskommt.“, brüllt er fröhlich von der Vordereite des Hauses, als er aus der Tür stürmt.

Na, da musste mich erstmal fangen.
Danya kichert und rappelt sich auf. Ohne zu überlegen rennt sie los, weg vom Haus, um dessen Ecke gerade ihr Bruder spurtet. Ihre Füße machen deutlich sichtbare Spuren in den Schnee. Immer wieder blickt sie über ihre Schulter zurück, um diese kleinen Unvollkommenheiten inmitten der Perfektion der Natur zu bewundern. Es ist einfach ein herrlicher Tag. Das beste, beste, beste, besteste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten, wie sie findet.

Bald schon ist Endres ihr knapp auf den Fersen, denn er ist schneller und wird von seinem Stolz angetrieben. Doch sie darf sich nicht von ihm fangen lassen, dies würde er ihr wieder ewig vorhalten, der große Bruder. Sie steht vor der Wahl: entweder am Fluss entlang und in einem weiten Bogen zurück zum Haus zu rennen, aber da wird er sie früher oder später einfangen oder über die umgefallene Eiche balancieren. Über den Fluss wird Endres ihr nicht folgen. Das weiß sie sicher, denn er hat Angst hinein zu fallen. Im Balancieren ist sie viel besser als er, viel besser sogar als die großen Jungen aus dem Dorf.

Langsam bemerkt Danya die Kälte und ihre Füße sind leuchtend rot im Kontrast zu dem grell weißen Schnee, aber sie will sich nicht die Blöße geben. Vorsichtig setzt sie einen Fuß auf die Eiche, die ebenso von den Wolken gepudert wurde, wie alles andere. Hinter sich hört sie ihren Bruder rufen und sie dreht herum, um ihn siegessicher anzulächeln.

Danya nicht!
In der Stimme von Endres klingt Angst und der Schreck verdrängt das zarte Rosa von seinen Wangen.

Der macht er sich doch nur Sorgen, dass er verliert, wenn er nicht hinterher kommt.“, murmelt sie und versucht sich zu überzeugen, dass ihren eigene Angst unnötig ist, obwohl es nicht leicht ist, auf dem rutschigen Holz zu stehen.

Endres bemührt sich Danya einzuholen, bevor sie zu weit auf dem Baumstumpf steht. Ihm ist ganz mulmig zumute. Es fühlt sich an, als hätte er einen dicken Eisklumpen verschluckt. Und es ist fürchterlich kalt. In seinen Füßen puckert und pocht es unzufrieden.

Er ist fast da.
Danya schluckt ihre Angst hinunter. Jetzt steht sie schon auf dem Baum, da wird sie es auch hinüber schaffen. Langsam hebt sie einen Fuß und setzt ihn ein bisschen weiter vorn vorsichtig wieder ab.

Na das ging doch ganz gut.
Noch einmal hebt sie einen Fuß, den anderen diesmal. Sie verlagert das Gewicht und “…Fuß wieder abstellen.”

Ha!“, ruft sie stolz, doch ihre Zähne klappern und sie bekommt kaum den Mund auf. Hände und Füße schmerzen, doch zurück ist nun genau so weit, wie das andere Ufer. Als ihre Knie zu schlottert beginnen, steigt Panik in ihr auf. Eine kleine Windböe reißt an ihrem Kleid und die Haare wehen ihr ins Gesicht.

Der wunderschöne Schnee ist jetzt nur noch eine Qual und die Eiche ist plötzlich erschreckend rutschig.

Endres? … … Endres! Ich...“
Ihre Stimme zittert, vor Entsetzen klingt sie so schrill wie klirrende Eiszapfen. Das Klappern ihrer Zähne macht es schwer sich zu konzentrieren. Über die Schulter hinweg sucht sie ängstlich ihren Bruder, doch sie kann ihn nicht sehen. Dabei verliert sie das Gleichgewicht.

Der Schrei seiner Schwester ist voller Grauen und Endres steht noch immer wie angewurzelt vor dem umgestürzten Baum. Das furchtbare Geräusch, als Danya auf das Wasser auftrifft und in den eisigen Fluten versinkt, befreit ihn aus seiner Starre. Das durfte unmöglich sein, das durfte nicht passieren.

Der Fluss ist nicht breit, aber es ist Danya nicht möglich darin zu stehen. An schwimmen ist bei der Kälte nicht zu denken. Die friesst sich in ihren Körper, in den Kopf und in ihr Herz.
ENDRES!“

Immer wieder taucht ihr Gesicht an der Oberfläche auf und Endres kann sie schreien hören. Sie ruft seinen Namen. Hektisch sucht er nach etwas, dass ihm helfen kann, sie aus dem Wasser zu ziehen. Doch der Schnee deckt alles zu. Während er zusieht, wie seine Schwester im Fluss mitgerissen wird, bleiben seine Tränen als Perlen in seinen Wimpern hängen.
So gerne würde er ihr helfen, sich zu ihr in das Wasser stürzen, aber seine Angst zu groß. Dabei sollte ein großer Bruder doch mutig sein.

Aus dem Winter-Wunderland ist schlagartig eine frostige Einöde geworden.

Danya!“
Eine junge Frau stürmt herbei und reißt Endres von dem gefährlichen Ufer zurück. Er hatte gar nicht bemerkt, wie nah er schon dem tödlich kalten Wasser gekommen ist.

Meine Güte, Endres!
Ihre tastenden Hände erkunden das Gesicht ihres kleinen Bruder, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut geht. Dann dreht sie ihn in Richtung Haus und gibt ihm einen Schubs.

Such Decken zusammen und leg Holz nach, so viel du kannst.
Sie ist schon weiter den Fluss entlang, während sie die Anweisungen gibt. Ihre Augen suchen hektisch nach den blonden Haaren der Kleinen, dem Nesthäcken der Familie.

Kleines, …

Die dunklen Haare der jungen Frau flattern im Wind und sie streicht sie sich hektisch aus dem Gesicht.
Du muss die Arme bewegen. Beweg dich! Hörst du?

Doch als sie Danya entdeckt, ist diese schrecklich blass und ihre Lippen haben eine unheilvolle Farbe. Die blauen Augen der jungen Frau blicken sorgenvoll in den Fluss. Vorne an der Biegung, könnte sie ins Wasser steigen, dort wäre es flach genug. Noch auf dem Weg dahin, wirft sie das Wolltuch und ihr Überkleid in den Schnee. Es kostet Überwindung in das klirrend kalte Wasser zu steigen. Wie tausende Stricknadeln, die ihr in die Beine geschlagen werden, fühlt es sich an. Im ersten Moment bleibt ihr einfach die Luft weg, wie ein Faustschlag schnürt ihr die Kälte den Brustkorb zu. Die Dunkelhaarige bemerkt kaum die Tränen, welche der Schmerz ihr in die Augen treibt.

Mit zitternden Händen greift sie nach dem Kind. Sie zerrt Danya an dem Nachthemd heraus aus dem Wasser. Es ist mühsam, aber sie schafft es und dabei muss sie unaufhörlich schluchzen.
Meine Kleine, sag etwas…  So sag doch etwas.

Aber es ist nur Stille und das Knischen des Schnees zu hören.

Die junge Frau reißt Danya mit zitternden Fingern das triefend nasse Nachthemd vom Körper. Der Stoff macht ein furchtbares Geräusch, als es zerreißt. Es klingt fast wie ein Schrei. Nun verflucht sie, dass sie ihren Umhang einige Schritt weiter fallen ließ. So muss sie Danya für kostbare Augenblicke im kalten Schnee liegen lassen. Mit jedem weiteren Wimpernschlag fließt das Leben aus dem kleinen Mädchen.

So schnell sie kann, wickelt sie das Wolltuch und das Überkleid um denn leblos wirkenden Körper und beginnt ihn mit steifen Fingern zu reiben. Sie selbst kann die Kälte bis in ihre Knochen spüren. Sie ist sich sicher, dass ihr nie wieder im Leben warm werden kann.

Sie dreht Danya zur Seite und versucht ihr das Wasser aus dem Magen zu drücken. Verzweifelt wirft sie einen Blick zurück zum Haus, denn dorthin muss sie das Kind bringen. Danya ist für sie viel zu schwer, um sie so weit zu tragen. Schluchzend beugt sie sich über die Kleine.

Du darfst jetzt nicht aufgeben. Hörst du mich?

Aber Danya atmet nicht, sie scheint schon jetzt wie eingefroren. Sanft berühren die Lippen der jungen Dunkelhaarigen die des Kindes.
Mein Atem für dein Leben.“, flüstert sie und verschließt Danyas Mund mit ihrem. Heißer Atem strömt in den jungen, leblosen Körper, denn das ist die einzige Möglichkeit Wärme in ihre Schwester zu bekommen. Immer wieder haucht sie Danya Leben ein, während ihre Tränen auf das bleiche Gesicht fallen. In ihren Ohren rauscht das Blut, als wäre sie noch immer in dem Fluss Es rauscht so laut, dass sie die schnellen Schritte hinter sich nicht hört.

Karin? Enders sagte…
Der junge, hochgewachsene Mann erstarrt in seiner Bewegung, als er Danya in den Armen der gemeinsamen Schwester sieht.

Ist sie?
Es ist unmöglich für ihn, die Frage zu beenden, die Worte zu sprechen, die er nichteinmal denken kann.

In diesem Augenblick beginnt das Kind zu husten und bäumt sich auf.

Danya… Atme!
Karin sieht auf.
Fass mit an, Arndt.
Sie greift erleichtert nach der Hand ihres Bruders.
Ich bin so froh, dass du da bist.

Bringen wir unsere kleine Danya nach Hause.
Mühelos hebt der junge Mann das hustende Kind hoch.
Und dich müssen wir auch ins Warme kriegen. Deine Haare sind gefroren.

Endres und die kleine Bine stehen schon Händchen haltend vor der Haustür und starren konzentriert auf ihre Geschwister, als wenn ihre Blicke sie schneller laufen lassen könnten.

Ein kleines Wölkchen hatte die großen Nordwolken überredet, der Sonne Platz zu machen. Wärmend streichelt die Sonne nun Danyas Gesicht und das Wölkchen flüstert Danyas Namen. Auch Marina kommt zur Tür und zieht sich das Wolltuch enger um die Schultern, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Kommt herein, oder wollt ihr euch erkälten?
Wie eine Glucke scheucht das große Mädchen die beiden anderen Kinder wieder hinein. Bevor auch sie zurück ins Haus geht, schaut sie für einen Moment besorgt auf die nahenden Umrisse vor der tief stehenden Sonne.

Was genau passiert war, konnte sie aus den wirren Erklärungen ihres kleinen Bruders, als dieser in das Haus gestürmt kam, nicht heraus hören. Doch dann hatte sie ihn in die Arme genommen und ihm beruhigend zugeflüstert. Danya war in den Fluss gefallen, das konnte sie aus dem Schluchzen entnehmen. Und aus den Augenwinkeln sah sie, wie Arndt war sofort los gerannt war, als er das hörte.

Das Feuer im Haus brennt hell und heiß und Claudia Marina will noch ein paar Decken mehr herbei holen. Dieser hinterhältige Fluss hatte schon einmal ein Opfer gefordert. Mit den selbst gestrickten Decken in der Hand verlieren sich ihre Gedanken in der Zeit. Erst das kektisches Treiben an der Tür schreckt sie auf.

Marina…“, beginnt Karin mit gebrochender Stimme.

Ist sie?
Das große Mädchen unterbricht ungeduldig ihre große Schwester und auch ihr fehlen die Worte, um die Frage zu beenden.

Die feste Stimme des jungen Mannes unterbricht die beiden Schwestern.
Nein.“

Mit großen Schritten geht er in den Wohnraum und legt Danya auf das provisorische Bett. Sein Blick ist verschlossen, er ist es nicht gewohnt seine Gefühle zu zeigen. Er zeigt mit verbissenem Gesicht auf den kleinen Stapel Holz neben dem Kamin und murmelt:
Ich geh Holz hacken.

Als er geht, lässt er zwei verdutzt blickende Schwestern im Haus zurück. Marina blickt in Karins erschöpftes Gesicht und bemerkt dann die Pfütze zu ihren Füßen.

Meine Güte, Liebes. Du bist tropfnass. Geh dich umziehen, ich kümmere mich um die Kleine.
Sie schiebt Karin in die Richtung ihres Zimmers, dann sieht sie sich suchend um. Bei all der Aufregung hat sie die anderen Kinder ganz vergessen. Endres und Bine hocken aneinander geklammert und verstört in der Ecke des Zimmers. Sie breitet die Arme aus und schluchzend stürmen die beiden auf sie zu.

Schhhh… schhhh… ist ja gut.
Sie hockt sich hin und sieht ihnen ins Gesicht. Zärtlich streichelt sie den beiden über die geröteten Wangen.
Geht zu Danya und rubbelt ihr die Haare trocken, macht ihr das für mich? Ich koch uns inzwischen einen schönen heißen Tee.

Mit Honig?“, fragen beide im Duett.

Marina nickt und ein Lächeln erhellt die kleinen Gesichter. Schnell wuseln sie hinüber zu ihrer Schwester, froh endlich helfen zu können. Marina erhebt sich müde. In der Küche stellt sie Wasser für den Tee auf das Herdfeuer. Diese Handbewegungen sind vielfach wiederholt, sie kann sie im Schlaf und ihre Gedanken haben Zeit für Tagträumereien. Für einen Moment lehnt sie sich gegen die Wand und schließt die Augen. Sie lauscht dem Geplapper der Kleinen und hört auf das Schlagen der Axt, Karins leises Weinen und das Schlagen ihres eigenen Herzens. Als sie das Blubbern des Wassers hört, holt sie noch einmal tief Atem
Steh mir bei, Mama… mach, dass sich unsere kleine Danya wieder erholt.

Auf einem großen Tablett stellt sie die dampfenden Tassen und ein wenig Gebäck. Das Rascheln des Gebäckbeutels lockt Nini hervor. Die kleine, flinke Hausmaus fiepst fröhlich und ihre Knopfaugen hängen an den buttrig, süßen Knabbereien. Schmunzelnd reicht Marina ihr einen besonders großen Krümel herunter und trägt das Tablett dann in die Stube.

Karin ist zurück und sie streichelt Danyas Kopf, der in ihrem Schoß liegt.

Bine hat Danyas Lieblingspuppe aus dem Schlafzimmer der Kinder geholt.
Eine kleine Stoffpuppe mit großen weißen Flügeln, weshalb sie von Danya „Flügelchen“ genannt wurde. Im Sommer war sie immer mit ihr über die Wiesen gewirbelt. Nini war schon vor geeilt und krabbelt gerade an dem Deckenhaufen hinauf. Das kluge Hausmäuschen trippelt hektisch zu dem roten Gesicht Danyas und rubbelt die kleine Schnauze an ihrer Wange. „Fiiieps“, betroffen rollt sich Bini auf der sich kaum bewegenden Brust zusammen.

Marina stellt das Tablett ab und gibt jedem eine heiße, süße Tasse Tee. Schweigend legt sie ihrer großen Schwester die Hand auf die Schulter. Beide lächeln sich aufmunternd zu. Während Karin dem fiebrigen Kind immer wieder über die Stirn streichelt, legt ihr Marina eine ihrer selbst gestrickten Decke über die Schulter. Die hatte Mutter noch mit ihr zusammen gestrickt. Beide an verschiedenen Seiten und immer wenn sie sich in der Mitte trafen, hatten sie die Nasen aneinander gerieben und fröhlich gelacht. Marinas Kichern scheucht Karin aus düsteren Gedanken auf.
Woran denkst du? Ich glaube, ich könnte auch ein wenig Frohsinn gebrauchen.

Marina streichelt mit den Fingerspitzen über die weiche, braune Wolldecke.
„Ich dachte an Mama und wie viel wir gelacht haben, als wir diese Decke zusammen strickten.“

Eine schöne Erinnerung.
Beide nicken, das Lächeln auf ihren Gesichtern schon etwas tiefer. Karin widmet sich wieder der kleinen Danya und Marina nimmt den Geschwistern Endres und Kubine die Tassen aus den Händen. Beide liegen zusammen gerollt, wie die Ninimaus, neben Danya und schnarchen ganz ganz leise, auch genau so wie die Ninimaus. Sie sind so zerbrechlich und so voller Leben.

Marina holt noch ein paar Decken. Wie gut, dass sie so gerne strickt. Und Arndt hatte sie immer belächelt, wenn sie an dunklen Winterabenden am Kamin gesessen hatte und neben dem Knistern des Feuers nur noch das Klappern der Stricknadeln zu hören war.

Arndt!“, murmelt das Mädchen. Schnell deckt sie ihre jüngeren Geschwister zu und nimmt eine Tasse in die Hand. Eine Decke und warmer Tee würde auch dem großen Bruder gut tun, findet sie.

Karin sieht ihrer Schwester hinter her. Ihre Stimme ist leise und zärtlich, wie ihre Hand, die immer wieder die heiße Stirn kühlt.
Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon. Das hat Mutter immer gesagt, wenn einer von uns Kindern weinend zu ihr gelaufen kam, weil wir uns das Knie aufgeschlagen hatten oder Bauchschmerzen uns plagten. Dann küsste sie ganz sacht die schlimme Stelle und erzählte uns von Engeln, die über uns wachen und unsere Sorgen Stück für Stück aus unseren Herzen heraus holen. Sie binden sie an Federn ihrer Flügel und dann fliegen die Sorgen davon. Um so größer die Sorge, um so länger dauert es, aber Engel werden niemals müde und irgendwann kann man dann wieder lachen.“

Karin grübelt kurz, dann beginnt sie das alte Kinderlied zu singen, dass ihre Mutter immer mit ihnen gesungen hatte, damit sie zu weinen aufhörten. Es klappte jedes Mal.

„Engel Flügel schlagen leise,

klingen wie die schönste Weise.

streicheln sanft sie dein Gesicht,

mögen sie doch Tränen nicht.

Niemals sind die Engel weit,

schenken dir bald schöne Zeit.“

Karin lacht. Es war so lange her, dass sie dieses Lied gesungen hat.

Ein Flüstern erregt ihr Aufmerksamkeit. Danya bewegt die Lippen und kaum hörbar haucht sie den Refrain des Kinderliedes:
Danya hat die Augen aufgeschlagen.

„Mit den Flügeln der Zeit

fliegt die Traurigkeit davon.“

~~~

Copyright © 2009 by Simone Wilhelmy

Quelle Bilder: Chanelorn
Danke dir :)

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SCHWARZ & WEISS – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 31. Oktober 2011

SCHWARZ & WEISS

eine Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy

*

Eisig kalt hing die Stille über dem staubigen Marmorboden. Sie hatte sich in jede Ecke, in jede Rille gedrängt und erdrückte das leise Knistern der Fackeln, die hier und da an den groben Felswänden hingen. In der Ungestörtheit vergessener Orte wuchs die Stille heran, bis sie so dicht war wie die Schatten.

Das Knarren verwitterter Türangeln drängte sich in die Ruhe und plötzlich strömte laute Rockmusik in den Gang. Eine Welle von lärmenden Stimmen und Gelächter brach sich an den steinernen Wänden, brachte die Fackeln zum Flackern und wirbelte den Staub vom Boden auf. Partymusik dröhnte von Wand zu Wand und ihr Echo verebbte als zorniges Grollen in den düsteren Tiefen des Ganges.

„Fängt jetzt die Suche an?“ Die Stimme der jungen Frau mit den kristallblauen Augen hinter der Maske klang nach dem Champagner, der ihr Blut zum Rauschen brachte. Sie fühlte sich leicht und wach, aber in die Aufregung über das bevorstehende Abenteuer mischte sich auch Angst.

Weiß noch jemand, wie das Rätsel hieß?

*

„Ein silbern Band
an keuscher Hand
soll Lohn dem sein
der ihn dort fand
wo Himmelstor
und Höllenpforte
an einem längst vergessnem Orte
sich streiten um der Seelen Pfand.“

*

Der Vers war Teil der Einladung gewesen, die die Gäste zusammen mit den Masken erhielten. Weiße Seidenmasken für die Damen, verziert mit Federn und kleinen weißen Edelsteinen, jede für sich ein Kleinod und ein Unikat. Im Gegensatz dazu waren die schwarzen Seidenmasken der Herren schlicht, edel und alle identisch. Die Einladung war unterschrieben mit Schwarz & Weiß Gesellschaft. Niemand wusste, wer sich hinter dem Namen verbarg, doch wenn die Schwarz & Weiß Gesellschaft eine Party gab, fragte man nicht, sondern warf sich in Schale. Die Garderobe war vorgeschrieben, die Herren im schwarzen Anzug mit Zylinder, die Damen mit weißem Abendkleid und Handschuhe.

Zu den Klängen des Monster Mashs drängten sie sich durch die Geheimtür die dunkle Marmortreppe hinunter. Viele von ihnen hatten Champagnerflaschen mitgenommen und das Klirren der Gläser und das Lachen der von zu viel Alkohol überdrehten Männer und Frauen hallten durch die verwinkelten Tunnel.

Das schummrige Licht der Fackeln spendete mehr Schatten als Helligkeit. Die kleine Gruppe rückte trotz der Breite des Ganges enger zusammen und genoss es sich zu gruseln. Der anonyme Gastgeber wusste, wie man sich amüsierte und war bekannt für seine formidablen Partyspiele. Ein Suchspiel, ein geheimnisvolles Rätsel und als Belohnung durfte man den Schatz behalten.

Niemand zeigte sich eingeschüchtert von der Düsternis des Ortes. Der Hauch des Makabren, der spürbar in der Luft hing, regte im Gegenteil die Feierlaune noch weiter an.

Ein junger Mann mit keckem Dreitagebart erzählte mit leiser Stimme eine Schauergeschichte und die kleine Rothaarige, die sich bei zwei Männern untergehakt hatte, kicherte schrill.

Eine weitere Treppe führte hinunter zu einem Gewölbe. An den Wänden, auf dem Boden und sogar an der Decke befanden sich verwitterte Steintafeln. Ein Mann ging auf die Knie und wischte über die kaum lesbaren Buchstaben, während die anderen ausgelassen über den unebenen Boden tanzten. Ein halbleeres Glas fiel jemanden aus der Hand und landete klirrend auf einer kleinen Tafel auf dem ein Engel eingraviert war.

„Es sind die Grabinschriften.“ Der Mann auf dem Boden schrie triumphierend auf. „Wo Himmelstor und Höllenpforte sich streiten um der Seelen Pfand. Das hier ist ein Mausoleum!“

Für einen kurzen Moment tanzten sie noch weiter über die Gräber, doch dann erinnerte sie das Zitat aus dem Rätsel an die Schatzsuche. Irgendwo war hier ein kostbarer Schatz. Vielleicht war es ein ein silberner Ring, der womöglich ein Vermögen wert war.

„Hier muss irgendwo ein Versteck sein.“ vermutete eine Honigstimme. In ihrem weißen Hosenanzug stach sie aus der Gruppe hervor. Etwas war in ihrer Stimme, etwas Verlockendes, ein Versprechen, welches an den Reichtum erinnerte, den sie hier zu finden glaubten. Es wirkte wie ein Startschuss für die aufgekratzte Menge. Hektisch begannen sie nach verborgenen Nischen zu suchen. Niemand sah, wer die Urne umwarf, die mit einem Knall auf den Boden auftraf und dort eine der Grabinschriften zerbrach. Eine schwarzhaarige Schönheit durchwühlte mit kaltem Blick die Scherben. Sie zögerte, als sie die Inschrift der zerbrochenen Tafel betrachtete.

„ … unserem geliebten Kinde …“, las sie mit verunsicherter Stimme, doch dann blitzte eine Erkenntnis in ihren Augen auf.

„An keuscher Hand“ zitierte auch sie das Rätsel und sah sich dann fragend um. Sie konnte kaum verbergen, wie die Gier an ihr nagte, doch noch hielt sie die Scham zurück.

Die Frau im Hosenanzug nickte bestätigend. „So sagte der Reim….“

Niemand nahm sich mehr die Zeit den Hinweis mit den Inschriften zu vergleichen. Ein Mann, der auf der Party mit Kunststücken mit seinem Gehstock angegeben hatte, rammte diesen brutal in eine Marmorplatte und scharrte mit seinen Händen in dem Grab. Egal ob Mann oder Frau, alle versuchten nun so viele Gräber wie möglich zu öffnen und nach den Schätzen zu greifen, die sich darin befanden. Der versprochene Ring war vergessen, denn es gab genug anderes, was man finden konnte. Der hochhackige Absatz einer Frau mit braunen Locken und warmen braunen Augen zermalmte einen Handknochen. Das Knirschen ging im allgemeinen Trubel unter. Immer mehr Gräber wurden geschändet. Nicht einer zeigte auch nur den Ansatz eines schlechten Gewissens.

Von allen unbemerkt bewegte sich der Staub der zerborstenen und zertreten Knochen. Er zog sich zu kleinen Wölkchen zusammen, schlängelte um die bleichen Gebeine, die verstreut herum lagen und züngelte unter den Sohlen der gierigen Meute hervor. Dichte graue Schwaden erhoben sich und vernebelte die Luft im Mausoleum. Die Grabräuber unterbrachen hustend und würgend ihre Zerstörungsorgie.

Aus den Ritzen und Löchern der geöffneten Gräber krabbelten winzige graue Punkte, im dichten Knochenstaub kaum zu erkennen. Sie strömten aus einem Schädel, der von dem Gehstock gespalten wurde, als ein Mann in Panik damit um sich schlug. Sie flirren umher auf einer Vielzahl von Beinen. Es waren Tausende, die sich auf die Partygäste stürzten und sie bissen.

Der Staub brannte in den Augen und auf der Haut. Wo die Bisse sich entzündeten, breiteten sich gräuliche Flechten aus. Die Feiernden schrien und versuchten in blinder Panik zu fliehen. Rücksichtlos trampelten sie einander nieder, stießen blind um sich und versuchten sich und nur sich zu retten. Am Ende des Ganges führte die schmale Treppe zurück in den Ballsaal, doch sie war viel zu eng für sie alle zusammen.

Die Frau in dem anmutigen Hosenanzug, der ganz grau war vor Staub, wurde abgedrängt und eingekeilt. Ihr Vordermann drehte sich zu ihr um, die Augen seltsam verdreht. Er schnaubte und stöhnte vor Schmerzen. Dann knurrte er sie unvermittelt an und kam drohend auf sie zu. Die Augen waren blutunterlaufen und die Zähne gefletscht. Jetzt sah sie die spitzen Eckzähne.

„Ein Vampir“ erschrocken versuchte sie zurück zu weichen, doch hinter ihr war die Wand. Instinktiv hob sie die Hand und zog mit dem Daumen auf seiner Stirn ein Kreuz nach.

„Sei gesegnet“ rief sie und der Vampir wandte sich panisch ab. Während er davon lief, wischten seine Hände immer wieder über das glühende Kreuz auf seiner Stirn.

Immer mehr Menschen verwandelten sich in erschreckende Wesen und gingen aufeinander los. Sie schaffte es einen weiteren Vampir mit ihrem Segen abzuwehren, doch der nächste Angreifer hatte keine Eckzähne, dafür eine grünliche Gesichtsfarbe. Sie zeichnete das Kreuz auf seine Stirn, aber sein Grinsen verriet, dass ihm das gar nichts ausmachte. Ohne nachzudenken fragte sie: „Willst du bei mir einziehen?
Verwirrt stutzte der Kerl, der sich gerade in einen Zombie verwandelte. „Öhm, du willst etwas Festes?
Sie nickte und hauchte ihm ein „Ich liebe dich.“ in die Ohren. Das war so wirksam, wie die Segnungen bei den Vampiren.

Die Geister vertrieb sie mit Zitaten aus den Ghostbusters – Filmen und als ihr ein Werwolf mit vor Sabber triefenden Zähne entgegen trat, drohte sie ihm mit der Glitzerbodylotion der Marke Edward. Kein Werwolf, der etwas auf sich hielt, würde glitzern wie ein Vampir. Niemals!

Der letzte der unheimlichen Gestalten war ganz rot und ihm wuchsen kleine Hörnchen auf der Stirn. In den dunklen Augenhöhlen lagen seine Augen schwarz wie Kohlestücke.

„Und wie willst du mich abwehren?“, fragte er amüsiert.

„Finden wir es raus.“ Sie packte ihn an den Hörnern, zog ihn dicht an sich heran und küsst ihn leidenschaftlich, höllisch.

Als sie die Augen wieder öffnete, schlugen Flammen daraus hervor.

*

Copyright © 2011 by Simone Wilhelmy

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-100-100-100.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


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Friedl Hofbauer, geb. in Wien, Studium der Germanistik an der Universität Wien. Sie begann als freie Schriftstellerin, schreibt für Erwachsene und Kinder. Friedl Hofbauer wurde mehrfach mit dem Kinderbuchpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

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Erstellt von Simone Wilhelmy am 31. Juli 2011

PLASMAABWEISEND

eine Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy

„Ach jetzt komm schon!“

Genervt richte ich meine geliebte Kanone auf die antike Kommode vor mir.
„Du weißt, es für uns beide einfacher, wenn du freiwillig gehst.“

Wenn es sein muss, bin ich ziemlich gut mit der Waffe. Wobei man ein so großes Möbelstück auf diese Entfernung kaum verfehlen kann. Aber ich hasse es, wenn ich sie erschießen muss.

~

Eigentlich wollte ich es mir heute Abend auf meiner Couch bequem machen, mich in meine unglaublich wuschelige Fleecedecke kuscheln, Schokonüsse knabbern und dabei „Desperate Housewives“ kucken. Wenn die verzweifelten Hausfrauen mit Mord und Intrigen um sich werfen, als wäre alles ein Kaffeekränzchen, scheint mir mein Leben um so viel normaler. Und heute Abend kam eine dieser Katastrophenfolgen, die ich so mag. Ich war neugierig, wer diesmal drauf gehen würde.

Als es dann klingelte, dachte ich für einen Moment darüber nach, den Hörer einfach nicht abzunehmen.
„Gnaaa…“ Murrend strampelte ich mir dann doch die Decke von den Füßen und hetzte zum Telefon. Ich hatte gerade erst neue plasma-abweisende Arbeitskleidung gekauft und konnte es mir nicht leisten einen Auftrag abzulehnen. Was für diese Spezialimprägnierung verlangt wurde, war reiner Wucher.

Der Anrufer stellte sich jedoch als ein alter Schulfreund heraus, der für ein paar Tage in der Stadt war und mich zum Essen einlud. Für Jochen ließ ich gern meine Lieblingsserie sausen, denn ich war damals in der Oberklasse bis über beide Ohren in ihn verknallt und freute mich einen Wolf darüber ihn wieder zu sehen.
Also programmierte ich den Festplattenrekorder, was mir diesmal sogar ohne das Handbuch gelang, duschte schnell und kämpfte meine braune Mähne in eine akzeptable Ausgehfrisur, noch immer ganz stolz von meiner technischen Höchstleistung. Ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung, wo das blöde Handbuch hingekommen war.

Entsetzt stellt ich fest, dass die Wimperntusche krümmelte anstatt meinen Wimpern den anbetungswürdigen Schlafzimmerblick zu verleihen. Oh Gott, war meine letzte Verabredung tatsächlich so lange her, dass mir das Makeup vergammelt war? Das Zeug ist doch eigentlich Jahre haltbar, oder nicht? Irgendetwas machte ich im Leben verkehrt.

Nachdem mein Bett unter den Unmengen verschiedener Klamotten nicht mehr zu sehen war, fand ich eine Kombination, die mir gefiel. Endlich gab es einen Anlass die vanillefarbene Bluse mit dem auffallenden Ausschnitt zu tragen. Breit grinsend betrachte ich mich im Spiegel und bemerkte gar nicht, dass ich leise vor mich hin summte.
„I got a kiss under the bleachers – Hoping that nobody looks – Lips like liquorish – Tongue like candy …“
Da hatte sich einer dieser albernen Ke$ha Songs in mein Hirn geschlichen. Es wurde wirklich Zeit, dass ich wieder öfter ausging. Ich benahm mich wie ein Schulmädchen.

Das von Jochen vorgeschlagene Restaurant befand sich in einem dieser piekfeinen Hotels. Wenn er hier abgestiegen war, dann mussten sich seine Bücher gut verkaufen. Vielleicht sollte ich sie doch lesen, allerdings hatte ich selten die Zeit dafür. Auf meiner Waschmaschine im Badezimmer liegt griffbereit ein Kurzgeschichtenband mit einem Sense schwingendem Skelett auf dem Klo. Das Buch hatte ich gekauft, weil mir das Cover im Schaufenster der Buchhandlung auffiel. Ich fand, dass es die passende Lektüre für meinen Lieblingsleseplatz war, hatte aber bisher nicht eine Geschichte gelesen. Etwas, was jedes Silvester erneut auf meiner Liste der guten Vorsätze stand. Dafür sieht das Taschenbuch „Der Exorzist“von Blatty, welches daneben liegt, mehr als nur ein bisschen abgegriffen und zerlesen aus, aber das war schließlich auch Fachliteratur.

Ich war viel zu früh für meine Verabredung. Nervös starrte ich immer wieder auf die Uhr und hatte schon den gesamten Vorrat diesen knusprigen Brotstangen aufgefuttert, noch bevor sich der erste Kellner blicken ließ, was nicht am schlechten Service lag. Vielleicht würde mich ein Glas Wein ein wenig auflockern.

„Eine Weißweinschorle, aber bitte nicht lieblich, sondern richtig süß.“ Mir war egal, ob mich die edlen Weinkenner hier lynchten, wenn sie das hörten.

„Gern, … Frau Lovca. Lillie Lovca?“

„Ja?“

Noch bevor er weiter redete, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Der Tisch war unter dem Namen von Jochen reserviert. Also woher kannte er mich?

„Mh, wenn wir sie vielleicht in einer delikaten Angelegenheit sprechen dürften?“

Er durfte und deshalb stehe ich mit gezogener Waffe vor einem altmodischem Sideboard und lasse mich von lackiertem Holz anknurren.

Der Kellner stellte sich als stellvertretender Hoteldirektor heraus und die delikate Angelegenheit war ein Job. Ein mieser, einer von der schlimmsten Sorte, um genau zu sein, denn ein Poltergeist ließ sich nur selten „überreden“ aus freien Stücken sein bezogenes Terrain zu verlassen.

Normalerweise benutze ich allerlei populär- und pseudowissenschaftliches Wissen für die Geisterausstreibung. Erstaunlicherweise hat sich der christliche Aberglaube aus äußerst ergiebig herausgestellt. Die katholische Liturgien wirken zum Beispiel Wunder und manchmal reichte ein einfacher Schamanengesang. Das hat nichts mit Magie oder Religion zu tun. Jedes dieser Mittel bündelt Energien auf einer anderen Frequenz. Es geht nur darum alles auf die Willenskraft des Restbewusstsein abzustimmen und es ihm ein bisschen unbequem zu machen. Ein klein wenig spielt dann auch Psychologie mit rein, je nachdem wie viel Persönlichkeit noch in dem Abbild der Erinnerungen geblieben ist.
Aber Poltergeister sind strunzdumm. Sie sind die Hooligans der Geisterwelt. Stur, bösartig und impulsgesteuert. Meist ist von der Persönlichkeit nur noch blanker Hass übrig und es ist so gut wie unmöglich mit ihnen zu reden.

Ich hatte es mit Weihwasser versucht, aber ich befürchte, dass hat das blöde Mistding einer Holzkiste auf Beinen nur noch wütender gemacht.

Plötzlich beginnt die Kommode zu zittern. Laut polternd fliegen Schubladen und Flügeltüren auf und zu. Die geschnitzten Tierpfoten verzerren sich zu raubtierartigen Pranken mit denen das aufbrausende Möbelstück im flauschigen Teppich scharrt.

„Jetzt spiel dich doch nicht so auf“ motz ich und versuche unbeeindruckt zu wirken, beide Hände noch immer an der Waffe.

Meine Energiewaffe sieht wie ein altmodischer Revolver aus, der Umbau hatte mich einiges gekostet. Wenn schon schießen, dann aber mit Stil. Aber sie hat einen mörderischen Rückstoß, meine Kleine. Und wenn ich mir meine Schuhe ansehe…
Wenn ich in den Dingern schieße, macht mein Kopf Bekanntschaft mit der Wand, die 3 Meter hinter mir ist. Die sündhaft teuren Schuhe passen zwar perfekt zu dem kurzen brombeerfarbenen Rock, aber keines davon ist für einen Einsatz geeignet. Und natürlich sind die Klamotten noch nicht imprägniert. Deshalb spiele ich hier „Supernanny“ anstatt das Ding einfach abzuknallen.

Das Schlimmste am Schießen ist weder der Krach noch die Gewalttätigkeit. Schließlich sind alle auf die ich schieße schon tot. Aber wenn die hochfrequente Energie aus den Batterien in den Trommelkammern auf einen Geist oder ein besessenes Objekt trifft, wird das Ektoplasma in ein zerstörerisches Schwingen versetzt. Durch die Vibration verliert das Geistermateriel die Kontrolle über die besessenen Moleküle. Durch die starke Überhitzung kommt es im Plasma zu einer Reaktion und der Geist zersetzt sich. Es endet immer damit, dass ich mit dem Überbleibsel Ektoplasmischer Energie bespritzt werde. Klebriger, glitschiger, lila Schleim. Und der geht unglaublich schwer aus den Klamotten, von den Haaren ganz zu schweigen und wird innerhalb weniger Stunden beton-hart.

Ich werde mir heute Abend nicht die Frisur versauen.

Kurzentschlossen kicke ich die Schuhe von den Füßen und stoße dabei die kleine Volvicflasche um, in der ich Weihwasser transportiere. Die klare Flüssigkeit versickert langsam im dichten Teppich.
„Mist!“
Heutzutage bekommt man richtig gutes und vor allem echtes Weihwasser nur sehr schwer. Die Herstellung ist aufwendig und damit – natürlich – sauteuer. Nicht, dass es mir etwas genützt hatte.

Sagte ich, dass Poltergeister dumm wären? Nun, dumm wie Brot, ja, aber vielleicht doch nicht dumm wie Stulle. Denn als ich mich bücke, um nach der Flasche zu greifen, stürmt der besessene Holzwurmfraß direkt auf mich zu. Aus Reflex reiße ich die Waffe hoch und drücke ab. Es ist gar nicht so einfach aus der Bewegung heraus mit dem Energiestrahl zu zielen. Es ist ein bisschen, als würde man versuchen einen Wasserschlauch unter Hochdruck zu lenken oder eine Katze an einer steifen Leine zu führen.

Nachdem ich ein hübsches Brandmuster in die Tapete gezaubert habe, gelingt es mir doch, die Waffe wieder auf das ausgerastete Möbelstück zu halten. Es dauert bis sich die Lichtlanze auf die passende Negativ-Frequenz justiert hat, um den Geist einzufrieren. Langsam kommt der kleine Schrank zum stehen, nur wenige Trippelschritte von mir entfernt, perfekt um mich bei der Bannung vollständig zu zuschleimen. Das läuft wieder wie geplant.

Und jetzt brauche ich jede Menge Fingerspitzengefühl. Die Bannung des Poltergeistes ist eigentlich eine Rückkopplung. Mit dem Spannhebel der Waffe wird der Laser so modifiziert, dass ein Energieabbild des Geistes leicht versetzt auf ihn zurückgeworfen wird, immer wieder bis es eine Verpuffung gibt. Das ist so ähnlich, als wenn man ein Mikrofon an eine Box hält, da hat man das Gefühl, dass einem das Trommelfell platzt, nur dass bei einer Bannung der Geist platzt. Wenn ich den Hebel zu schnell ziehe, verursacht die Modifikation allerdings Interferenzen, die mir den Colt um die Ohren fliegen lassen können. Die Unsicherheit lässt mich immer zögern, wenn ich den Daumen an den Spannhebel lege. Denn ich wäre vor Jahren mal fast dabei drauf gegangen. Wenn ich jedoch zu langsam bin, hat der Geist genug Zeit sich aus der Starre zu lösen und wieder auf mich loszugehen.

Ich versuche die Bilder an die Explosion zu verdrängen und die Erinnerung an die Zeit im Krankenhaus, versuche mir einzureden, dass seitdem viel Zeit vergangen ist und ich viel dazu gelernt habe. Aber egal wie lange der Unfall her ist, jetzt sitzt mir die Angst wieder im Nacken.

„Reiß dich doch zusammen.“

Pure Konzentration verhindert das Zittern meiner Hände. Erst als ich die Waffe wieder völlig ruhig halte und mein Atem normal geht, ziehe ich den Hebel herunter. Natürlich ist es nicht ungefährlich, aber ich kenne meine Kleine gut und ich spüre, wann ich zu schnell bin, denn irgendwann geht die Erfahrung in den Körper und wird zur Intuition.

Mit einem Zischen zerreißt die psychokinetische Verbindung des Geistes mit den Holzmolekülen. Das leise „Plopp!“ der Luftdruckänderung ist kaum zu hören, als sich aus der Geisterebene das Ektoplasma ergießt und mit der Luft reagiert. Plötzlich spritzt das purpurfarbenes Glibberzeugs aus den Ritzen und Poren der Kommode und ich versuche mich hinter einem der Fenstervorhänge in Deckung zu bringen.

„Bäh!“

Vorsichtig schiebe ich den Vorhang beiseite. Es ist gar nicht so einfach zur Tür zu kommen ohne in eine Glibberpfütze zu treten. Das gesamte Hotelzimmer ist mit einer Schicht transparentem, lila Schleier überzogen. Noch glitzert die Feuchtigkeit, doch bald wird das Zeug austrocknen und zu einem schwer zerstörbarem Zuckerguss aushärten. Ich werde dem Manager Bescheid geben, dass sie sich beeilen müssen, sonst brauchen sie für die Reinigung des Zimmer einen Meißel.

Erstaunlicherweise habe ich nichts abbekommen. Nichts, nicht mal einen Spritzer. Das grenzt schon fast an ein Wunder und würde ich an Vorsehung glauben, würde ich sagen, dass es das Schicksal war. Und Jochen ist bestimmt meine wahre Liebe, der nichts im Wege stehen darf. Allerdings glaube ich weder an Vorhersehung, noch an das Schicksal und schon gar nicht glaube ich an die wahre Liebe. Andererseits bin ich Geisterjäger. Wenn ich nicht an das Übersinnliche glauben kann, wer dann?

Ein Blick auf die Uhr und ich werde nervös. Wenn ich mich beeile, schafft sie es noch zu meinem Date. Zwar etwas zu spät, aber ist das nicht ein Privileg der Frauen?

Kurz gebe ich dem Manager, der in gebührendem Abstand vor der Tür des Hotelzimmers auf mich wartet, einen abschließenden Bericht, lasse mir den Arbeitsaufwand quittieren und haste zum Restaurant. Schuldbewusst zucke ich zusammen, als ich hinter mir den entsetzten Aufschrei des Hoteliers hören, der wohl gerade einen Blick in die Suite geworfen hat. Da ich die Augen dabei für einen Moment zusammen kneife, sehe ich den Kellner nicht, der mit einer riesigen Schüssel in den Händen aus einer der Türen kommt.

Doch als ich wieder nach vorn sehe, ist es zu spät. Ich versuche zwar noch dem Kellner auszuweichen, der selbst nur panisch die Schüssel hochhält, als würde das etwas helfen, aber ich stolpere über meine eigenen Füße. Fluchend reiße ich den Mann mit und bekomme den Inhalt der Schüssel über den Kopf gegossen. „Ahhhh, das darf doch nicht wahr sein!“

Ich bin von Kopf bis Fuß eingeschleimt von lila Glibberzeugs. Einzig der fruchtig süße Geruch unterscheidet sich zu dem Zeug aus dem Hotelzimmer. Von wegen Schicksal.
„Verflixt…Das Zeug ist überall und bei Götterspeise hilft das plasmaabweisende Imprägnierspray leider nicht. Aber wenigstens passt die Farbe zu den Schuhen.“

Copyright © 2011 by Simone Wilhelmy

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-100-140-100.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


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AELLO – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 2/2011)

Erstellt von Simone Wilhelmy am 30. April 2011

AELLO


eine
Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy
2010

Besorgt betrachte ich den Himmel. Ein Sturm zieht auf. Zu spät hatte ich mich auf den Heimweg gemacht. Nun würde ich nicht nur in die Nacht kommen, sondern musste auch noch vor dem Sturm fliehen. Ich schließe die Augen und gebe mich für einen Moment der verhängnisvollen Versuchung hin den Wind zu fühlen. Die immer stärker werdenden Böen werfen sich gegen meinen Körper und spielen mit meinem Haar. In den Tagen nach dem Schnee und vor dem Frühling, wenn die Natur Kraft sammelt, um die Welt wieder mit Farben zu füllen, kommen die Stürme. Sie bringen Wasser und Energie. Sie fegen mit ihrem Zorn die letzten Reste des Winters davon. Ich liebe diese ersten Stürme des Jahres.

Diese unbändige Stärke. Die Luft schmeckt süß, voll von Lebenskraft und Verheißung des kommenden Frühlings. Ich lasse mich treiben, fühle wie der Wind an meiner Kleidung zerrt. Es ist gefährlich, sich zu lange der Wut der Natur hinzugeben und sich von den Farben des Windes gefangen zu nehmen. Doch der Himmel in diesen Sturmnächten verzaubert mich und ich kann mich nicht abwenden von dieser Schönheit. Nach dem Weiß des Winters erscheinen mir die vielen farbigen Akzente verschwenderisch bunt und es kribbelt in meinen Fingern vor Ungeduld und Vorahnung. Ich fühle mich, als könnte ich aus dem Stand in den Himmel springen und nach den Sternen greifen, die sich hinter den getriebenen Wolken verstecken und wie Edelsteine glitzern.
Wenn ich mich jetzt nicht nach einer Unterkunft für die Nacht umsehe, wird es für mich gefährlich. Niemand sollte sich der temperamentvollen Wut einer Sturmnacht entgegenstellen, doch noch immer hält mich der Sturm in seinem Bann. Ich bin trunken von der Stärke. Mit geballten Fäusten stelle ich mich dem Wind in den Weg und schreie ihm meinen Mut entgegen.

Meine Unverfrorenheit facht die Rage des Sturmes noch an. Wie kann ich es wagen mich hier mit ausgestreckten Armen in den Wind zu stellen, anstatt mich verängstigt in Hütten oder Höhlen zu verkriechen und bangend das Wüten abzuwarten. Die Natur brüllt mich an und das Fauchen des Windes ist so laut, dass ich davon taub werde.
Nebel steigt auf und verhüllt den Boden, verschleiert den Weg hinaus. Jetzt bin ich gefangen und mein Schicksal liegt nicht mehr in meinen Händen. Doch ich habe keine Angst, denn ich fühle mich in den unsichtbaren Armen der Luft zuhause. Aello – Windsbraut – nannten mich die Alten des Dorfes und schüttelten die Köpfe. Schon immer hat es mich in den Sturmnächten hinaus getrieben. Ich wollte inmitten des Aufruhrs der Elemente stehen und die Kraft spüren und die Leidenschaft der Natur. In Nächten, in denen der Sturm um das Haus polterte, träumte ich davon auf Wolken zu reiten.

Der Regen fällt wie Tränen auf mein Gesicht. Vielleicht weine ich auch, vor Glück, weil ich endlich erfahren werde, was mich erwartet, wenn ich dem Drängen nachgebe, einfach in den Himmel zu springen. Der Wind hat plötzlich gedreht und ich verliere den Halt. Für einen Moment schwebe ich von Donnergrollen eingehüllt. Ein einschlagender Blitz vervollständigt die magische Verbindung der vier Elemente. Etwas wird passieren. Ich kann regelrecht spüren, wie sich die Härchen im Nacken aufstellen, doch es ist nicht Furcht, die mich durchflutet. Angelockt von dem Trommeln des Regens kringeln sich Regenwürmer auf der lockeren Erde. Sie sind ineinander verschlungen wie Zuckerstangen und tanzen im kühlen Mondlicht einen Fruchtbarkeitstanz. Ich kann sie genau sehen, denn ich schwebe noch immer dicht über den Boden. Der Geruch der feuchten Erde ist betörend. In diesem Augenblick wünsche ich mir, ich könnte mich in sie hinein graben, doch ich gehöre nicht hierher. Denn ich bin Aello - die Braut des Sturms.

Ein starker Luftstoß treibt mich ein Stück hinauf und mein Körper ist den Wellen des Sturms ausgeliefert. Atemlos sehe ich, wie sich der Erdboden immer weiter von mir entfernt, bis ein Windzug mich herumreißt und ich dem Himmel entgegen sehe. Ich spüre, wie der Sturm meinen Körper liebkost, über meine Wange und mein Haar streichelt. Der Regen bedeckt meine Haut mit tausenden zarter Küsse, bis ich mich atemlos der Leidenschaft hingebe. Die Kaft des Sturm dringt tief in mich ein und mein Blut kocht vor Verlangen mich endlich mit dem ungezähmtesten Element der Natur zu vereinigen. Die allerletzte Verbindung zum Boden - zu meinem alten Leben - reißt, als ich meine Vernunft verliere.  Nun werde ich nicht mehr von den Böen getragen, sondern bestimme selbst wohin ich fliege. Die Arme ausgebreitet wie Flügel krächze ich vogelartig und stoße mich von einer Böe ab.
Ich stürme dem Himmel entgegen und durchstoße die puderigen Wolken, weiß wie Zucker und verliere mich im Glitzern der Sterne.

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen20110122082624-7f63d0a3-100-112-100.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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(in Vorbereitung!)

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DER WELTENBAUM – DER FLUSS DER ZEIT – eine Mystery-Geschichte von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 16. April 2011

DER WELTENBAUM
- DER FLUSS DER ZEIT

eine Mystery-Geschichte
von
Simone Wilhelmy

Vallaria lehnt sich zurück, legt die Beine auf dem Tisch und brummt frustriert. Sie kommt nicht weiter. Es ist einfach nichts zu finden. Sie jagt einem Phantom hinterher. Mit einem Rums landet ihre Faust auf dem Tisch. Als Fabales sich ihr erschrocken zuwendet, fragt sie ihn schroffer als gewollt: „Hat Frek schon etwas von den Schatten erfahren?“

Er schüttelt langsam den Kopf und betrachtet sie schweigend mit seinen grünen Augen.

Val springt auf und zeigt mit dem Finger auf ihn. „Nein, tu das nicht! Hör auf mit diesem einfühlsamen Elfenkram. Ich will mich gar nicht beruhigen und das weißt du. Uns läuft die Zeit davon. Hyphen ist da draußen und macht wer weiß was. Vielleicht plant er weitere Experimente oder vergiftet Menschen, um sie in Schatten zu verwandeln. Wenn wir ihn nicht aufhalten…. “ Erschöpft lehnt sie den Kopf an die Wand.

Der Elf war aufgestanden und streicht ihr über den Rücken.
Ich weiß…“

Der Klang seiner melodischen Stimme ist wie eine erfrischende Brise. Sie schüttelt sich.

Nein, lass mich.“

Mit zitternden Händen entwindet sich Vallaria seinem Griff und geht aus dem Büro.

Der Abend ist stickig und schwül. Die Sonne steht tief und brennt in den Augen oder vielleicht ist es die Müdigkeit, die Val blinzeln lässt. Um diese Uhrzeit ist hier draußen keiner mehr und die Leere der Straßen treibt sie immer weiter.

Die innere Unruhe will einfach nicht vergehen. Sie sucht schon zu lange nach Hyphen, der dafür verantwortlich ist, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens in einem Labor eingesperrt war. Wo auch immer sie sucht, sie findet nur mehr über seine schrecklichen Taten heraus, aber nicht, wer er ist oder wo sie ihn findet. Es muss einen Grund geben, warum er das alles tut. Sie muss nur das Muster erkennen.

Vallaria bleibt einen Moment stehen, weil ihr schwindelig ist. Der Himmel sieht aus, als hätte jemand mit grauen Fingerfarben drüber gewischt und plötzlich fühlt es sich an, als würde er auf sie stürzen. Ohnmächtig fällt sie zu Boden.

Als Vallaria die Augen aufschlägt, ist sie in einer toten Stadt. Es gibt weder Menschen noch Tiere, sogar die Pflanzen sind verkümmert und abgestorben. Es ist ein bedrückender Anblick. Eigentlich sollte sie sich wundern, aber sie weiß, dass sie träumt, da ist dieses Kribbeln in den Fingerspitzen.

Irgendetwas stimmt hier nicht. Vallaria geht auf die hohen Häuser zu. Es dauert einen Moment, bevor sie es begreift. Alles hier hat die selbe graue Farbe, als wäre mit dem Ende allen Lebens auch jede Farben verschwunden. Val will die Hauswand berühren, doch im letzten Moment zieht sie ihre Hand zurück. Jetzt erkennt sie, warum alles grau aussieht. Die gesamte Stadt ist mit etwas überzogen, dass wie vertrocknete Haut von altem Pudding aussieht. Es ist überall.

Angewidert verzieht sie das Gesicht.

In den Schluchten der Häuserblöcke findet Vallaria nichts lebendiges. Warum ist sie hier? Das letzte Mal hatte sie diese Träume im Labor. Fremdweltträume. So lernte sie Fabales kennen. Sie hat ihn geträumt, damit sie nicht so alleine war. Heute hat sie nach niemandem gerufen. Aber jemand hatte sie her gebracht, um ihr etwas in dieser Welt zu zeigen.

Als der kleine Junge auftaucht, mit seinen kurzen Hosen und dem strohblonden, strubbeligen Haar, wirkt er wie eine Fata Morgana. Er gehört so wenig wie sie hier her. Nur für einen kurzen Moment sehen sie sich an, dann dreht der Junge sich um und rennt davon. Verwirrt sieht sie ihm nach, dann schüttelt sie den Kopf und läuft hinterher. Hinter der nächsten Ecke wartet das Kind mit großen Augen auf sie. Wenige Schritte hinter ihm steht ein riesiger Baum. Das satte Grün seiner Blätter wirkt grell zu dem fahlen Grau der Stadt.

Der Baum steht mitten auf der Straße, als wäre er durch den Asphalt gebrochen. Seine Äste haben die graue Haut des Gebäudes neben sich durchbohrt und die Fenster zerschlagen. Glas liegt auf dem Boden. Die großen Buchstaben über der Tür des Hauses erzeugen bei Val eine Gänsehaut „Portal Labor“ liest sie leise und versucht die Erinnerungen an die Vergangenheit abzuschütteln.

Sie wendet sich an den Jungen: „Ist es das, was ich sehen soll?“ Der Kleine hat bisher kein einziges Wort gesagt. Auch nach ihrer Frage bleibt er stumm. Seine kleine Hand berührt die Rinde des mächtigen Baumes und sie erschaudert, als der Baum zu blühen beginnt. Viele farbige Blüten, rund wie Kelche, wachsen aus den Ästen des Baumes. Der Anblick erinnert Vallaria an den Weltenbaum, der in vielen Religionen als die Wiege des Lebens verehrt wird, weil in jeder Blüte eine Welt Platz findet. Vorsichtig nähert sich Val dem Baum und legt ihre Hand neben die des Jungen. Als der Baum zu beben beginnt und die Blüten ihre Farbe verlieren, versucht Val sich vom Baum loszureißen, doch sie kann sich nicht rühren. Immer mehr Blüten fallen herunter. Val und der Junge stehen in einem Regen aus grauen Blütenblätter. Nur eine einzelne Blüte bleibt am Baum hängen und färbt sich schwarz. Umgeben von den wirbelnden Blüten verliert Vallaria die Orientierung. Mit einem leisen Aufschrei verliert sich ihre Sicht in dem farbigen Strom dem Portalflusses.

Fabales steht vor einer großen Pinnwand und betrachtet die Zeichnung eines Baumes, die den größten Teil der Wand ausfüllt. Der Weltenbaum. Blumenförmige Klebezettel füllen die Krone und sind mit Informationen zu Hyphen beschrieben. Noch immer ist es schwer für ihn zu verstehen, dass es so viele Welten gibt. Wenn man den Portalfluss mit eigenen Augen gesehen hat, den pulsierenden Lebenssaft des Baumes, der alle Welten verbindet, kann man sich den Baum fast vorstellen und wie tausende von Welten in den Blüten des Weltenbaumes existieren. In jeder der markierten Welten fanden sie eine Verbindung zu Hyphen, trotzdem wissen sie kaum etwas über ihn. Auffällig ist nur, dass dieser Name in Verbindung mit dem Weltenbaum auftaucht. Hyphen hat in vielen Welten die Religionen oder Forschung manipuliert und nun beginnt er Menschen zu töten.

Fabales wundert sich, dass Vallaria so lange wegbleibt. Es ist schon dunkel und eigentlich ist Val nicht gern im Dunkeln allein. Besorgt sieht er aus dem Fenster und erstarrt. Im Schatten einer Lagerhalle auf der anderen Straßenseite steht jemand und beobachtet das Büro. Das Gesicht von einer Kapuze verborgen, glotzt der Mann mit fiebrigen Augen zu ihm hinüber.

Fab braucht nur Sekunden um die Treppe hinunter zu rennen, aber als er die Straße betritt, ist der Mann verschwunden. Beklommen starrt Fab zur Hausecke. Da ist niemand.

Der Elf  ist sich nicht sicher, ob der faulige Gestank in der Luft, wirklich da ist oder ob ihm seine Erinnerung einen Streich spielt. Er hatte diesen Mann schon einmal gesehen, als seine Frau starb und er hatte ihn getötet.

„Fab?“

Vallarias aufgeregte Stimme durchschneidet die Nachtluft. Erleichtert drückt er sie an sich, als sich sich in seine Arme wirft.

Für eine Weile hält er sie fest, weil sie am ganzen Körper zittert, aber auch damit er einen Moment Zeit hat, sich wieder zu fangen.

Wo warst du?“

In ihren Augen spiegelt sich das Funkeln der Sterne, als sie mit intensiver Stimme flüstert:
Ich weiß, wo wir nach Hyphen suchen müssen.“

Der Mann mit der Kapuze bemerkt nicht, dass er leise summt, während seine Finger hektisch über die Papiere fahren, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Seine Augen, die vor Fieber glänzen, saugen die Worte förmlich auf. Der Lesestoff auf seinem Tisch scheint wahllos zusammen gestellt. Akten liegen unsortiert herum, lose geheftete Notizen stapeln sich auf wertvollen Büchern. Sogar einige altertümliche Schriftrollen wurden achtlos dazu geworfen.

Frek starrt entsetzt auf den Anblick, der sich ihm bietet. Wie ein Hornissennest summt es im ganzen Raum, aggressiv und hungrig. Jeder Tisch in dem Lesesaal ist besetzt mit diesen Kapuzenträgern, die leise summen. Im Dämmerlicht, das durch die hohen Fenster fällt, sind die Gesichter nicht zu erkennen. Frek fragt sich, wie sie ohne Beleuchtung lesen können.

Es war keine gute Idee sich hier rein zu schleichen, doch er hatte gehofft, in der alten Bibliothek, Informationen zu finden, aber nun sollte er wieder gehen.

Doch niemand scheint ihn zu bemerkten, also schiebt er sich noch ein Stück weiter in den Raum. Vielleicht kann er einen Blick auf die Unterlagen werfen. Er kann einfach nichts gegen die Neugierde machen, besonders wenn es um Bücher geht. Das brachte ihn oft in brenzlige Situationen.
Er nutzt die dunklen Schatten des Zwielichts, um sich an einen Tisch zu schleichen. Fasziniert erkennt Frek, dass die Schriften in einer Vielzahl von Sprachen verfasst sind. Nur wenige davon versteht er. Erst glaubt er, dass die Männer planlos alles lesen, was sie finden. Er sieht Forschungsberichte, so technisch, dass er den Inhalt nicht begreifen kann, aber auch Prosa und Gedichtbände liegen hier. Direkt vor ihm liegen Notenblätter. Ohne Nachzudenken streckt Frek eine Hand aus und zieht sie näher heran. Abrupt erstarrt er in der Bewegung und kann seine Dummheit kaum fassen. Doch der Mann am Tisch bemerkt ihn noch immer nicht. Tief in seine Arbeit versunken, starrt er weiterhin auf das Buch vor ihm. Freks Gedanken an Flucht verfliegen, als er aus den Augenwinkeln erkennt, wovon die Lieder handeln. Nun kribbelt die Neugier in seinem Magen.

Jeder Zettel Papier, den er sehen kann, handelt von dem Weltenbaum. Wenn er etwas näher käme, könnte er vielleicht erkennen, was der Kapuzenmann gerade liest.

Er bemerkt nicht, dass die Männer verstummt sind. Die unvermittelte Stille dröhnt in seinen Ohren. Synchron heben sie die Köpfe und starren in seine Richtung. Frek erschaudert vor Entsetzen.

Val und Fabales stehen vor dem Gebäude aus Vals Traum, dort wo der große Baum stand. Unentschlossen starrt sie auf die großen Buchstaben an der Hauswand. „Portal Labor“ steht dort und erinnert sie an ihre Zeit im Labor. Auch dort erforschten sie die Weltenbaumportale. Der Zorn über die Arroganz der Wissenschaftler kommt wieder hoch. Was, wenn sie auch hier Experimente durchführten?

Fabales lässt sie allein mit ihren Gedanken. Sie hat ihm von ihrer Vergangenheit erzählt, von ihrer Zeit als Experiment, völlig isoliert. Val reagiert noch immer empfindlich, wenn man ihr in Situationen der Schwäche zu nahe kommt, daher war es besser einfach abzuwarten.

Während sie mit den Dämonen ihrer Vergangenheit kämpft, nimmt er die seltsame Haut unter die Lupe, die über jede Oberfläche gewachsen war. Bei näherer Betrachtung sieht es aus, wie ein Geflecht feinster Wurzeln, dicht verwoben und über Jahre ausgetrocknet. Er wundert sich, wie eine ganze Stadt überwuchert sein kann. Vielleicht kann er später im Büro Untersuchungen daran machen. Als er nach einem Stück der Kruste greifen will, nimmt Val seine Hand und zieht ihn mit ins Gebäude.

Die hohe Eingangshalle erzählt noch immer von Macht und Einfluss. Die Einrichtung ist fast vollständig erhalten, als hätte die Flechte die Möbel konserviert. Große Schautafeln stehen an beiden Seiten der Halle, doch was sie einmal zeigten, ist nicht zu erkennen. Hinter dem langen Tisch der Rezeption führen breite Treppen nach oben. Fab berührt Val wortlos an der Schulter, ohne den Blick von der Galerie zu nehmen. Der Junge, den sie oben sehen, ist um einiges älter, als das Kind aus ihrem Traum, doch er hat das gleiche widerspenstige, blonde Haar und das gleiche Lächeln. Val reißt sich von Fabales los und rennt die Treppe herauf. Sie befürchtet, dass der Junge wieder davon läuft, aber er bleibt und wartet auf sie.

Wer bist du?“

Val hockt sich atemlos zu dem Jungen, dessen Augen eine verwirrende Tiefe haben. Aber sie bekommt keine Antwort. Der Junge ist so schweigsam, wie das Kind aus ihrem Traum. Dann nimmt er sie an die Hand und führt die beiden durch Gänge und Flure, tief in das Gebäude hinein. Mehrmals fragt Vallaria, wohin er sie führt und woher er den Weg kennt, ohne eine Antwort zu bekommen. Fabales zweifelt daran, dass sie hier Informationen finden. Von den Akten wird nicht viel übrig sein. Papier hat den Bewuchs der Flechte sicherlich nicht überstanden und die digitalen Daten, in den Computern, können sie ohne Strom nicht nutzen. Es gibt auch kein Licht und so ist es stockdunkel in den fensterlosen Räumen. Als Vallaria über einen umgestürzten Stuhl stolpert, kann Fab sie nur knapp auffangen. Der Junge betrachtet Val, als wollte er überprüfen, dass ihr nichts passiert ist. Dann greift er wieder nach ihrer Hand. Den beiden bleibt nichts anderes übrig, als ihm weiter zu folgen. Hinter einer Sicherheitstür, die schon vor dem Befall mutwillig zerstört wurde, führt er sie in einen langen Raum mit Computern und labortechnischer Ausrüstung. Val kann fortgeschrittene Mikroskope und Sequenzer erkennen, die für die Genforschung benötigt werden. Hier lässt der Junge die Hand von Val los, geht zu einem Stuhl, den er mit dem Fuß beiseite schiebt. Er beugt sich hinunter zu dem Abdruck, den der Stuhl auf dem Boden hinterlassen hat, wo die Flechte nicht wachsen konnte. Vallaria und Fab sehen sich verwundert an, als der Junge angewidert einen Finger ausstreckt und die freie Stelle berührt, sorgfältig darauf bedacht das Geflecht nicht versehentlich zu berühren.

Mit einem störrischen Knacken und Knistern beginnen die Lampen und technischen Geräte ihre Arbeit. Der Junge klatscht begeistert in die Hände und spaziert ohne sein Schweigen zu brechen hinaus.

Fabales stottert: „Das war… sonderbar.“

Val rennt dem Jungen hinterher, aber er ist verschwunden. Sie fürchtet, sich in den Labyrinth der Gänge zu verlaufen, also geht sie zurück zu Fab.

Du die Akten, ich den Computer.“ murmelt sie nervös. Sie hat das Gefühl, dass sie endlich fündig werden würden, aber ihre Gedanken sind bei dem Jungen. Was wenn Hyphen ihn benutzt, um sie auf eine falsche Fährte zu bringen?

Im ersten Schrank findet er nur noch Staub, wie Fabales vermutete, aber der Zweite beinhaltet Folien, Hunderte von schematischen Zeichnungen, Diagrammen und Skizzen. Er hält eine der Folien ins kalte Deckenlicht.

Val, ich glaube, das solltest du dir ansehen.“

Vallaria sitzt an einem der Computer und schüttelt ungläubig den Kopf.

Ich weiß, der Rechner ist voll davon. Woher hatten sie all dieses Wissen über den Weltenbaum und wie konnten sie das alles finden? Das muss eine Arbeit von Jahrzehnten gewesen sein. Es gibt sogar eine riesige Datenbank mit einer systematischen Auflistung der ihnen gekannten Welten.“

Sie winkt Fab zu sich.

Sieh mal, ich hab einen historischen Abriss gefunden.“
Val liest laut vor.

Offensichtlich haben die Bewohner der Welt ihr Portal des Weltenbaumes schon sehr früh in ihrer gesellschaftlichen Entwicklung gefunden und es für das Tor zu den Göttern gehalten. Jahrhundertelang gab es einen Kult um das Tor. Priester nutzten ihre Gewalt darüber zur Unterdrückung ihrer Anhänger. Irgendwann entstand eine gegenteilige Entwicklung. Die Menschen wandten sich von der Religion ab und begannen stattdessen das Portal zu erforschen. Sie führten Handel mit anderen Welten und nutzten jede Gelegenheit um mehr über das Portal zu erfahren. Die Portalnauten, die sich auf das Reisen zwischen den Welten spezialisierten, waren hoch angesehen. Sie bildeten eine eigene Wissenschaft, die Theorien über die Vernetzung der Welten entwickelte. Sie kartografierten jede Welt und die nötigen Strömungen, um im Portalstrom dorthin zu gelangen und erkannten, dass die Vernetzung einem bestimmten Muster glich. Fanatische Portalgänger sprachen in ihren Visionen von einem mächtigen Baum. Irgendwann griff die Forschung dieses Bild auf. Mit Hilfe der theoretische Mathematik und unter der Annahme es gäbe einen Weltenbaum, errechneten die Wissenschaftler eine hohe Wahrscheinlichkeit eines Metabewusstseins, das alle physikalischen Voraussetzungen steuern musste. Eine vernunftbegabte Existenz erschien nötig, um die Vielzahl der geschaffenen Welten zu kontrollieren. Sie wollten unbedingt mit dem Baum in Kontakt treten. Es gab viele vergebliche Versuche eine Kommunikation mit dem Weltenbaum herzustellen. Schließlich einigte man sich darauf, dass der Weltenbaum, wie jede Pflanze auf ihrer Welt, eine Ansammlung von chemischen Prozessen ist, ohne jegliche Kontrolle über die Welten. Es entbrannte die Diskussion, dass ohne ein übergeordnetes Wesen, ohne einen Wächter, das Portal und die damit zugänglichen Welten ihnen gehörten. Schließlich waren sie, die am weitesten entwickelte Rasse. Der Bericht endet damit, dass sie ihre Forschung nutzten, um Möglichkeiten zu finden, den Baum zu manipulieren. Ihre Machtgier steigerte sich, sie wollten nach eigenen Vorstellungen Welten erschaffen.

Hyphen wird nicht erwähnt.“ stellt Fabales das Offensichtliche fest.

Val nickt. „Nein, aber ich denke, dass er zu den Portalnauten gehören könnte. Eine Splittergruppe vielleicht, die sich nach der Flucht von dieser Welt organisierte. Ist dir aufgefallen, dass es hier keine Leichen gibt?“

Du könntest Recht haben. Sie haben unfassbar viel Wissen über den Weltenbaum gesammelt.“ gibt Fabales beeindruckt zu.

Keiner von beiden bemerkt den jungen, blonden Mann, der plötzlich im Türrahmen steht, bevor er leise und behutsam zu sprechen beginnt.

Aber mit Einem hatten sie sich geirrt.“

Oh verdammt.“ flucht Frek laut und weicht langsam zurück. Diesmal ist er wirklich in Schwierigkeiten. Ein Blick über die Schulter zeigt ihm, dass der Rückweg versperrt ist. Sie haben ihn eingekreist. Wie hatte das passieren können?

Lautes Gepolter und Schreie lassen ihn und die Kapuzenträger unruhig werden, sie greifen nicht an, aber das Brummen ist aggressiver als vorher. Frek ist wie fest gewurzelt. Diese Männer machen ihm Angst.

Von der Tür hört er ein lautes Rufen. „Frek! Raus da.“

Die Männer hinter Frek sind verschwunden, dafür steckt Andesit seinen Kopf herein. Andesit hat ihn und Fabales oft aus schwierigen Situationen geholfen. Aber Frek rührt sich nicht von der Stelle.

Bist du angewachsen? Junge!“

Frek starrt auf die Kapuzenmänner, die sich nun auf ihn stürzen. Etwas ist seltsam an ihnen. Ihre Haut hat eine eigenartige Farbe, wie Asche. Im ersten Moment denkt er, dass er Adern sehen kann, doch die gelblichen Linien sind auf der Haut. Es ist ein Geflecht, dass ihn an Wurzeln erinnert.

Etwas unsanft wird er aus seinen Beobachtungen gerissen, wortwörtlich, denn Andesit hat ihn am Arm gepackt und stößt ihn zur Tür.
Immer das Selbe.“ murmelt der kleine Kerl.

Gemeinsam fliehen sie. Es sind einfach zu viele, um gegen alle zu kämpfen. Auf dem Weg hinaus stolpern sie über die Männer, die Andesit getötet hatte. Ihre Körper zerfallen erschreckend schnell. Am Eingangstor liegen nur noch die Wurzeln. Verstört bleibt Frek stehen. So etwas hat er nie zuvor gesehen. Er muss unbedingt etwas davon mitnehmen. Fabales wird einen Blick darauf werfen wollen.
Etwas kracht neben ihm, als er nach diesen Dingern greifen will. Er hört Andesit laut schreien.

Ungläubig starrt er auf den leblosen Körper seines Freundes, der teilweise verkohlt ist. Das hätte so nicht passiern dürfen. Entsetzen überkommt ihn. Zitternd beugt er sich über seinen toten Freund. In seinem Kopf gibt es nur noch einen Gedanken, er ist schuld. Er bemerkt nicht, wie die Kapuzenmänner ihn ergreifen und davon schleifen.

Der Keller unter dem Gebäude mit dem Lesesaal ist ein Labyrinth. Es ist stickig, feucht und dunkel.

Frek ist an Händen und Füßen gefesselt und in seinem Mund steckt ein Knebel. Ziemlich unsanft schleift man ihn durch die tunnelartigen Wege. Die Angst ist unbändiger Wut gewichen. Sobald er auch nur die kleinste Möglichkeit hat, würde er es ihnen zeigen.

Die Kapuzenmänner lassen sich von seinem Gezappel nicht beeindrucken. Schweigend tragen sie ihn bis vor eine Tür. Fesseln und Knebel werden ihm abgenommen. Doch bevor er etwas tun kann, stößt man ihn durch die offene Tür in eine finstere Kammer. Hinter ihm fällt ein schwerer Riegel zurück ins Schloss.

Durch ein winziges, hoch liegendes Fenster fällt Licht und dichter Staub tanzt dort. Irgendwo tropft Wasser herab. Die Wänden sind voller Schimmel, der Frek das Atmen schwer macht. An den Wänden erkennt er das gleiche Muster, wie an den Arme der Kapuzenträger. Angewidert wendet er sich ab. Fast hätte er, wegen eines Hustenanfalls, die leisen Geräusche überhört. In der hintersten Ecke, wo das Licht nicht hinkommt, ist etwas.

„Ist da wer?“
Frek krümmt sich hustend und kann nicht weiter reden.

Als Antwort kommt weiteres Rascheln und dann erklingt eine kratzige Stimme.

„Ihr habt nach Hyphen gesucht. Was wollt ihr von mir?“

Frek kann es nicht fassen. Seit Monaten suchen sie dieses Phantom und jetzt steht es hier in diesem Kellerloch. Er versucht zu erkennen, wer dort in der Ecke steht. Es fällt ihm jedoch schwer zu gehen. Seine Beine sind ganz weich und ihm ist schwindelig. Er versucht Zeit zu schinden und antwortet keuchend: „Wer sind diese Kapuzenmänner und warum lesen sie wie verrückt?“

Sie sind mein Schwarm. Sie erledigen, was getan werden muss. Die meisten von ihnen suchen für mich nach Informationen über den Weltenbaum.“
Hyphens Stimme klingt hungrig. „Ich muss alles wissen. Alles. Nur so kann ich ihn kontrollieren.“
Hyphen verstummt, während Frek zusammenbricht. „Wenn du erst zum Schwarm gehörst, wirst du alles verstehen.“

Vallaria und Fabales sehen erschrocken zur Tür. Der Mann mit den sanften blonden Locken beginnt zu reden, stockend, als wenn es ihm schwer fällt.

Ihr Ehrgeiz und Wissensdurst brachte Ruhm, Macht und Anerkennung. Die Portalnauten glaubten nicht mehr an Götter. Einzig die Forschung respektierten sie. Beweise, Experimente, Statistiken. Als der Baum ihnen nicht antwortete, kamen sie nicht auf die Idee, dass sie Fehler gemacht haben könnten. Dass es die falschen Fragen, die falsche Sprache war. Das einzige Wesen, dem sie sich unterlegen gefühlt hatten, war tot. Aber sie hatten sich geirrt.“

Der Mann lächelt Vallaria an und sieht ihr in die Augen.

Der Weltenbaum hat ein Bewusstsein. Er ist sich durchaus seiner eigenen Existenz und der vielen Welten, die er hervor bringt, bewusst. Er hatte sie nur nicht hören können. Ich… ich hatte sie nicht gehört. Sie waren so winzig. Die Menschen hier ...“ er macht eine ausholende Geste „fühlten sich so wichtig mit all ihrem Wissen, aber für mich waren sie nicht mehr als jedes andere Geschöpf.“

Die Stille im Raum ist greifbar. Val schüttelt den Kopf.

Nein, nein das kann nicht sein.”
Das klang für die junge Frau nicht plausibel. Fragen über Fragen überschlugen sich in ihrem Kopf.
Wenn der Weltenbaum in der Lage ist in seinen Welten als Mensch aufzutreten, warum hat er nicht eingegriffen?

„Warum erst jetzt?“

Mein Bewusstsein ist nicht wie eures. Die Seelen unzähliger Geschöpfe verbinden sich in mir zu einem Metabewusstsein. Ich denke in Jahreszeiten und Regentropfen. In jeder Sekunde eurer Zeit fühle ich das Vergehen und Entstehen meiner Wesen. Erst dein Kontakt mit dem Portalfluss erschuf den Funken der Erkenntnis. Langsam entwickelte sich ein neues Denken und ich begriff, dass ich mit dir Kontakt aufnehmen muss.“

In der Gestalt dieses Mannes wirkt der Weltenbaum auf Vallaria erschreckend klein, doch sie hört ihm zu.

Ich sterbe und ich hoffe, dass du mir helfen kannst.“

Der kleine Junge, das warst du, in meinem Traum und vorhin.“ stellt Val fest.

Der Mann nickt.

Bisher hat Fabales nichts gesagt. Jetzt legt er Val eine Hand auf den Arm und unterbricht sie, bevor sie mit einem Verhör anfangen kann. „Was meinst du mit, du stirbst?“

Hyphen. Es ist bestimmt Hyphen. Weißt du, wer er ist oder wo wir ihn finden?“ Vallaria stürmt auf den Weltenbaum zu. „Er vergiftet die Welten um seine Sklaven zu schaffen. Du musst ihn aufhalten.“

Ich weiß nicht wer Hyphen ist.“ Der Mann schüttelt den Kopf. „Aber es ist kein Gift. Es ist eine Krankheit. Ein Pilz, der sich immer mehr in mir ausbreitet.“

Fabales Blick fällt auf die Verflechtungen an den Wänden. „Eine Art Schimmel? Etwas wie das hier?“ Er zeigt auf die befallenden Flächen.

Wieder nickt der Mann. „Ja, deshalb hab ich euch geholt. Ich vermute, es stammt von hier. Aber diese Welt ist schon sehr lange tot und die Krankheit begann erst viel später.“

Und ich dachte, du hast mich wegen Hyphen her gebracht.“ Val starrt nachdenklich auf ihre Füße. Abrupt wendet sie sich ab und stürmt zurück zum Computer. „Irgendwo hier drinnen gibt es eine Verbindung. Ich bin mir ganz sicher.“ Hektisch fliegen ihre Finger über die Tastatur. Vallaria ist nervös und beginnt auf ihrer Unterlippe zu kauen. Sie ist ganz nah dran, davon ist sie überzeugt.

Ich lasse den Computer nach dem Namen suchen. Er ist hier drin.“ Sie klopft auf den Monitor.

Es ist Fabales, dem die Veränderung zuerst auffällt. Kleine Fältchen umgeben die Augen des Weltenbaumes. Seit dem Beginn ihres Gespräches ist der Weltenbaum fast um das Doppelte gealtert.

Val…“

Vallaria folgt Fabs Blick und runzelt erstaunt die Stirn.

Dieser Körper altert schnell, ich weiß.“ Der Mann an der Tür berührt fasziniert sein stoppeliges Kinn. „Es ist seltsam den Verfall am eigenen Körper zu erfahren.“

Bevor Vallaria etwas erwidern kann, macht der Computer seltsame Geräusche. Die Suche nach Hyphen hat etwas ergeben. Sie öffnet die Datei und beginnt zu lesen.

Hyphen ist die Bezeichnung einer Baumkrankheit. Ein Pilz, der ins Holz eindringt und den Baum von innen zersetzt. Um die Kontrolle über den Weltenbaum zu erlangen, entwickelten wir einen intelligenten Pilz. Durch die selbstständige Aneignung von Wissen, sollte der Hyphen sich weiter entwickeln, um so die bestmögliche Manipulation des Baumes zu erkennen. Wir haben die Aggressivität des Hyphens unterschätzt. Wir sind selbst für die Katastrophe verantwortlich.“

Viel zu spät bemerkt Vallaria, dass sie den Portalfluss nicht steuern kann. Sie versucht mit allen Kräften Fabales bei sich zu halten, damit er in der unberechenbaren Strömung nicht verloren geht, denn sie befürchtet ihn dann nie wieder zu finden.

Sie hatten beschlossen zu Frek und Andesit zurück zu kehren, um ihnen zu erzählen, was sie erfahren hatten und gemeinsam zu beraten, was sie nun unternehmen werden. Doch nun treibt sie hilflos herum. Ein Sog erfasst die beiden. Vallaria spürt, wie sie aus dem Fluss gerissen und zurück in irgendeine Welten geschleudert wird. Der Aufprall ist schmerzhaft. Doch ihre erste Sorge gilt Fabales. Erleichtert stellt sie fest, dass er neben ihr liegt, benommen, aber am Leben.

Sie sind in einer Art Kellergewölbe. Die stickige Luft brennt in ihren Lungen.

Vallaria macht sich Gedanken, warum sie den Portalflussich nicht mehr beeinflussen kann. Ist die Krankheit so weit fortgeschrittenen, dass Hyphen nun die Kontrolle hat? Es muss doch eine Möglichkeit geben, den Pilz zu vernichten.

Langsam richtet sich Fabales auf. „Wo sind wir?“

Ich weiß es nicht.“

Eine rauhe Stimme hallt aus einer entfernten Ecke herüber.

Willkommen, es wird Zeit, dass wir uns kennenlernen.“

Schlurfende Schritte nähern sich. Die Gestalt ist erschreckend dünn und das Gesicht mumienhaft. Was von der Haut sichtbar ist, ist mit dem Pilzgeflecht überzogen.

Hyphen.“ raunt Vallaria.

Hinter der Gestalt füllt sich der Raum mit Kapuzenträgern. Sie sehen alle gleich aus, da die Gesichter verborgen sind. Immer mehr kommen dazu, bewegen sich in synchronen Bewegungsmustern, einem Schwarm gleich.

Fabales bewegt sich unruhig. „Kannst du uns von hier weg bringen?“

Doch Vallaria schüttelt den Kopf. „Er kontrolliert jetzt den Fluss.“ Etwas lauter wendet sie sich an Hyphen. „Was willst du von uns?“

Du bist das letzte Puzzlestück, die letzte Information über den Weltenbaum. Ich brauche dich.“

Du bringst den Baum um, aber er nützt dir doch nichts, wenn er tot ist. Also warum tust du das?“ Verzweifelt versucht die Pflanzenfrau zu verstehen, was vorgeht.

Hyphen streckt die Hand nach Val aus, aber sie weicht angeekelt zurück.

Ich töte nicht den Baum, nur das natürliche Immunsystem. Wenn ich es überwinde, kann ich meine eigenen Welten erschaffen.“

Fabales stöhnt leise auf. „Frek!“ Auf den ersten Blick sehen im Schwarm alle gleich aus, aber nun erkennt er seinen Freund.

Hoffnungsvoll sieht sich Vallaria um, doch sie kann Frek nirgendwo entdecken.

Er war sehr hilfreich, dein Freund. Von ihm erfuhren wir, wie leicht du den Fluss steuerst, ohne dass dich das Immunsystem des Weltenbaumes angreift.“ Hyphen nickt und Frek schiebt seine Kapuze nach hinten. Außer einem ungesundem Flackern sind seine Augen tot und die Haut, wie bei den Anderen, mit gelblichen Flechten überwachsen.

Val schreckt zusammen.

Andesit?“ Fabales Stimme zittert.

Tot.“ Die Stimme von Hyphen klingt uninteressiert. „Aber das war kein Verlust, er wusste nichts, was uns nicht auch dein Freund erzählen konnte.“

Wieder versucht Hyphen nach Val zu greifen. Fabales stellt sich dazwischen und zieht Val ganz eng an sich heran und weicht zurück, bis sie an eine Mauer stoßen.
Auch wenn es hoffnungslos war, sie mussten es versuchen. Der Elf dreht sich um und blickt Val ihr tief in die Augen.
Ich weiß, du findest einen Weg.“

Doch sie schüttelt den Kopf. Der Portalfluss ist verschlossen, eine Flucht ist völlig unmöglich.

Ein Raunen geht durch den Schwarm, als ein Mann erscheint, von Alter und Krankheit gezeichnet.

Fabales erkennt ihn wieder und reißt betroffen die Augen auf. Er hatte gehofft, der Weltenbaum würde einen Weg finden, sie zu retten. Doch nachdem dieser so lange gegen die Krankheit in sich gekämpft hatte, sieht man ihm den nahenden Tod nun an.

Mit einer tröstenden Geste streichelt der Greis über Vals Wange.

Leben ist ein Kreislauf. Alles endet und beginnt von neuem.“

Aber ohne den Weltenbaum, wird es kein Leben geben, denkt Fabales verbittert.

Es fällt Hyphen schwer zu begreifen, was vor sich geht. All sein Denken, seine Existenz beruhen auf dem Fakt, dass der Baum kein Bewusstsein, keine Seele hat. Aber sie steht vor ihm, der Greis ist die Seele des Baumes. Das geht über sein Begreifen hinaus. Die Beweise sind eindeutig, doch er weigert sich einzugestehen, dass die Forscher einen unverzeihlichen Fehler machten. In ihm tobt ein Konflikt. Er war dazu geschaffen, den Weltenbaum zu erobern und die Natur in ihm ist stärker. Mit einem wütendem Knurren greift er an.

Fabales und Val sehen wie der Greis seine Arme hebt, als wolle er sie beschützen, dann bekommen sie einen Stoß.

Zwischen Chaos und dem Nichts spannt der Weltenbaum einen Raum für die Existenz des Lebens. Mit letzter Kraft hat die Seele des Baumes Vallaria und Fabales aus der begrenzten Enge der Portalwelten geschleudert. Auch wenn nun alle Blüten schwarz sind und langsam herab fallen, erkennen die beiden noch immer die Schönheit des Baumes.

Sie sind die letzte kreative Schöpfung, die Wiege des Lebens. Gemeinsam werden sie die Seele des neuen Weltenbaums sein.

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy

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Coville, Bruce
Die Schlacht am Weltenbaum

Übersetzt von Karl, Elke
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Die hasserfüllte Beloved ist mit ihren Jägern in das wundersame Land Kirin eingedrungen. Jetzt hat sie die Chance, die Einhörner ein für alle Mal auszulöschen! Kirins magische Bewohner schweben damit in größter Gefahr: Die Jäger haben bei ihrem rücksichtslosen Einfall ins Land der Einhörner den Weltenbaum schwer verletzt! Und mit ihm liegt auch Kirin im Sterben … Nur erbitterter Widerstand gegen Beloved und die Heilung des Weltenbaums können Kirin retten. Während die Einhörner sich auf die alles entscheidende Schlacht vorbereiten, erbittet Cara Hilfe vonseiten der Drachen. Mehr und mehr Bewohner Kirins verbünden sich, um ihre Welt zu retten – doch die Zeit verrinnt schnell …

Bruce Coville wurde 1950 in Syracuse, New York, geboren. Bevor er in den USA erfolgreicher Kinderbuchautor wurde, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Grundschullehrer. Nebenbei arbeitete er immer wieder an Kinderbüchern, teilweise gemeinsam mit seiner Frau. Bruce Coville und seine Frau haben drei Kinder, vier Katzen und einen Hund.

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DER WELTENBAUM – DIE SUCHE – eine HighFantasy-Geschichte von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 1. April 2011

DER WELTENBAUM
- DIE SUCHE -

eine HighFantasy-Geschichte
von
Simone Wilhelmy

Die Legende erzählt von einer Ruine in den Ebenen des Himmelgebirges. Vor sehr langer Zeit sei es ein heiliger Ort gewesen. Ein Ort der Zusammenkunft und Weisheit. Hier lagerten Schriftrollen, zusammengetragen aus allen Himmelsrichtungen von Gelehrten aller Rassen, um die Weisheit zu bewahren gegen die Dunkelheit. Die zerstörten Überreste der Halle des Wissens werde von Geistern und Schatten bewacht, so heißt es in den wenigen Hinweisen auf Coperto – der versteckte Ort. Eine einzelne Rose stehe in der Mitte. Ihre Ranken haben die Ruine vollkommen überwuchert und die Dornen verweigern Unwissenden den Eintritt in die Halle. Nur nach einer Prüfung des Geistes stehe es den Suchenden frei einzutreten. Nur Wenige brachen auf diesen Ort zu finden. Niemand ist je zurück gekehrt, um zu berichten, was im Inneren sei. Alte Geschichten erzählen vom Weltenbaum, dessen Wurzeln im Strom des Lebens selbst wurzeln und dessen Äste den Himmel tragen. Die Rose von Coperto sei ein Teil dieses Baumes und ermögliche Wissenden an andere Orte zu reisen, um dort zu lernen. Niemand erinnert sich, wie man den Durchgang öffnen kann.


Sie hatten den dunklen Magier unterschätzt. Sicher, der Zauber, mit dem er den Brunnen vergiftete, war stark und überraschend komplex. Doch wer rechnet schon damit, dass ein Mensch, der in der Lage ist, den Boden unter ihren Füßen zum Beben zu bringen, sich mit einem winzigen Brunnen in einer dünn besiedelten Region zu Frieden gibt. Der Magier, mit dem sie es zu tun haben, hätte gegen eine Armee antreten können. Aber sie sind nur zu viert.

Andesit versucht seinen Zwergenkörper mit verbissener Wut aufrecht zu halten, während Frek laut über den Dreck auf seiner Magierrobe lamentiert.

Andesit“ Trotz der fast menschlichen Größe ist deutlich die elfische Herkunft der Frau zu erkennen. Sie winkt dem Zwerg und ruft: „Andesit, hilf Fabales. Er schafft es nicht allein die Erdmagie zu bannen.“

Wellenartige Erdbeben erschüttern immer wieder das Land und werfen die Abenteurer zu Boden.

Bei den Ahnen!“ murmelt der Zwerg leise und verschwindet dann im Gehölz, welches die kleine Lichtung umgibt.

Die Elfe hilft dem Menschen wieder auf. „Frek, wir sollen den Brunnen suchen. Fabales vermutet, die Vergiftung des Wassers stärkt seine Kräfte. Fühlst du dich dem Bann gewachsen?

Der erboste Blick des Gildenmagiers lässt die kleine Elfe schmunzelnd.

Ist schon gut Frek, verzeih mir die Frage.

Hast du die Schatulle mit dem Trank, den ich vorbereitet habe, Shania?“

Es ist eine unausgesprochene Tradition ihrer kleinen Gruppe, dass Frek nichts bei sich trägt, was bei einem Fall zerbrechen könnte.

Sicher… Beeilen wir uns.“

Shania verzieht angewidert das Gesicht. Hier am Fuße des Brunnens stinkt es nach Tod und Verderben.
Die Vorbereitung für den Bann waren langwierig. Nächtelang hatte Frek über seine Bücher gehockt, den Schlaf aus den Augen reibend, und die Struktur des Zaubers wieder und wieder nach einer Schwachstelle geprüft.
Während er sich auf das reinigende Ritual vorbereitet, entfernte Shania die toten Tiere und Pflanzen.

Frek blinzelt zwischen halb geschlossenen Augenlider. „Bist du sicher, dass du da runter willst?“

Hab ich eine andere Wahl, mein lieber Frek?“ Die Elfe stellt eine kleine Kiste auf den Boden zwischen ihnen und holt den Trank hervor. Der Magier schüttelt besorgt den Kopf, doch da klettert sie schon, flink wie ein Eichhörnchen, am Seil hinab in das Wasser. Frek wird den Bann sprechen, Andesit und Fabales sind damit beschäftigt den Magier aufzuhalten. Nur sie kann es tun.

Es ist ein widerliches Gefühl in das verdorbene Wasser zu steigen. Sie mag nicht daran denken, was die Berührung mit dem Gift für Auswirkungen haben könnte.

Binde dich am Seil fest, Shania.“ hört sie Frek rufen.
Fast hätte sie es vergessen. Umgeben von den Dämpfen und der Magie fällt es ihr schwer zu denken. Sie nickt dankbar und knotet sich den Strick für den Eimer um die Hüften. Dann taucht sie unter, schnell, sonst würde sie sich nicht überwinden können. Das Wasser färbt ihre kurzen, weißen Haare dunkelrot. Wie Frek vorausgesagt hatte, Blutmagie. Nur mit Hilfe ihrer elfischen Sinne findet sie den verfluchten Schädel, der die Quelle vergiftet. Die frevelhafte Magie nagt an ihr, nimmt ihr jeglichen Mut. Mit letzter Kraft taucht sie wieder aus dem Wasser auf. Doch sie ist der Dunkelheit, die in dem Fluch steckt nicht gewachsen. Als sie ohnmächtig wird, übermannt sie der Alptraum.

Frek muss nun schnell handeln. In der Sprache der alten Weisen murmelt er den Bann und gießt den Trank in das Wasser. Seine Hände zittern, als er die komplizierten Muster des Zauber zu durchbrechen versucht. Das leise Wimmern aus dem Brunnenschacht lässt ihn all seine Macht zusammennehmen. Sorgfältig sucht er den Punkt, an dem der Fluch am ehestens nachgibt und stemmt seinen Geist dagegen, bis er spürt, wie die Natur unvermittelt aufatmet. Dann flüstert er die Worte, die ihn Magie sehen lassen. Wo der Zauber Schäden im Gefüge der Natur verursacht hat, sieht er die Risse und Brüche in der ursprünglichen Beschaffenheit, aber der Fluch ist gebannt. Erleichterung durchflutet Frek, für einen Moment hatte er geglaubt, er wäre nicht stark genug.
Über den Brunnenrand gebeugt ruft er nach seiner Freundin.

Shania?“

Wie eine weiße Blüte treibt sie auf dem Wasser des Brunnens.
Er benötigt all seine Kräfte, sie aus dem Brunnen zu ziehen. Schwer atmend nimmt den Totenkopf an sich und wirft ihn gegen die Brunnenmauer, wo er spröde und klirrend wie Kristall an den Steinen zersplittert.

Einen kleinen Augenblick ruhen sich beide noch aus, doch Frek weiß, dass sie darfür nicht viel Zeit haben, denn irgendwo hinter den Bäumen kämpfen ihre Freunde mit dem Magier.

Als hätte Shania seinen Gedanken gehört, reißt sie die Augen auf und flüstert erschrocken den Namen ihres Gefährten. „Fabales…

Sie und der hochgewachsene, stille Elf haben eine ganz besondere Beziehung zueinander. Sie waren zusammen aufgewachsen und Shania hatte ihn schon früh zu ihrem Gefährten bestimmt, denn sie wusste schon immer sehr genau, was sie wollte. Eine für Elfen untypische Neugierde trieb die junge Elfin aus der friedvollen Stille ihres Dorfes zu den Menschen und Fabales ging mit ihr, obwohl er nie verstanden hatte, was sie in dem hektischen Treiben der Menschen zu finden glaubte.
Aber sie liebten einander, das allein war ihm wichtig.
Die vielen Jahre inniger Nähe verwob ihre Seelen, sodass sie den Anderen in sich spüren und manchmal sogar hören können.

Frek nickt. Er hat die Erschütterung der Macht gespürt. Sie haben den Magier wütend gemacht. Wenn sie ihren Freunden helfen wollten, müssen sie sich beeilen.

*

Fabales spannt seinen Bogen. Diesen Magier kann er nicht durch einen einfachen Pfeil töten, egal wie zielsicher er trifft. Aber vielleicht lenkt ihn ein Pfeilhagel genug ab, bis Andesit es zu ihm schafft. Der Zwerg ist der Erdmagie einfach stärker verbunden als er. Mit lebendigen Pflanzen und Tieren können seine Sinne eine Verbindung eingehen, aber Steine und Felsen…
Fabales versteht nicht, wie man Magie erschaffen kann, ohne den Austausch von Empfindungen.

Fabalas schießt

Mit einem Keuchen rammt Andesit sein Schwert in den Boden.

Gut dich zu sehen, Freund.“ begrüßt der Elf den Zwerg.

Bis sie einander vertrauten, waren Jahre vergangen, doch nun verband die beiden unterschiedlichen Wesen eine tiefe Freundschaft.
Fabales  nimmt es dem Zwerg nicht krumm, dass dieser nicht antwortet, ihm ist bewusst, dass sein Freund schon dabei ist, den Erdbebenzauber des Magiers zu stören oder ihn so weit zu schwächen, dass die anderen beiden den Fluch brechen können.

Auf einer aufgeworfenen Erdscholle steht er, von einer dunkelgrünen Kutte fast vollständig verhüllt. Aus dem Schatten der Kapuze blicken fiebrige Augen hinunter zu Fabales und Andesit, als wären sie lästige Insekten, die es zu zerquetschen gilt.

Der Zwerg steht unbeweglich, ganz und gar erstarrt, den Blick fest auf den Magier gerichtet, die Hände am Schwert. Nur die Schweißtropfen auf seiner Stirn beweisen, wie viel Kraft ihm abverlangt wird. Aber unmerklich werden die Erdbeben weniger.
Nun richtet auch der Magier seinen Blick auf den Zwerg. Langsam hebt er die Hände. Fabales ist sich sicher, dass sie hier keinen Gildenmagier vor sich haben. Der Blick… etwas Fauliges, Unnatürliches geht von dem Magier aus, doch es fällt dem Elfen schwer es zu benennen. Er kann den Ekel nicht überwinden, um seine Sinne völlig auf den Gegner auszurichten.

Die Beben werden nun wieder stärker. Auch wenn man dem Magier ansieht, dass es ihn viel Kraft kostet die Hände zu heben, als würde er gegen ein starkes Gewicht drücken, schafft er es den Boden weiter aufzubrechen, ja förmlich Wellen in ihn zu schlagen.

Bitte …“ flüstert Fabales. „Shania, beeil dich.“
Die Übelkeit, die Shania verspürt, als sie in den Brunnen steigt, ist so stark, dass es auch ihm die Kehle zu schnürt und ein Schauer über seinen Rücken läuft.

Auf einmal stöhnt Andesit auf und er wankt.
Fabales weiß, alles ist verloren, wenn der Zwerg fällt. Wenn es nötig wird, kann er seinen Freund mit  Hilfe der Elfenmagie unterstützen, doch dieser hasst diese lebendige Art von Magie, da sie tagelanges Unwohlsein bei ihm verursacht und, wie er es nennt, Hummeln im Hintern. Andesit verweigert jegliche Heilmagie von seinen Freunden. Er muss schon bewusstlos sein, sonst würde er sich mit Händen und Füßen dagegen wehren.

Fabales kennt Andesits Einstellung zu seiner Magie gut, dennoch bleibt ihm nun keine Wahl. Er legt beide Hände auf die Schultern seines Freundes und stärkt ihn mit allen Kräften, die ihm noch zur Verfügung stehen.

Schlagartig fühlt sich Fabales krank. Etwas stachlig Schmerzvolles lässt seinen Hals wie Feuer brennen und einen Moment später bricht er in Panik aus. Shania, er kann sie nicht mehr fühlen.

Kurz darauf scheint die Natur um ihn herum zu explodiert, als hätten die Bäume und Sträucher befreit ausgeatmet, nachdem sie für lange Zeit den Atem anhalten mussten und der Gestank des Fluches wird vom Wind davon getrieben. Die Erleichterung der Natur ist so stark, dass selbst Andesit es spüren kann.

Gedankenverloren betrachtet Fabales die Umgebung, noch immer kann er seine Gefährtin nicht hören. Abgelenkt von seiner Sorge, bemerkt er den Feuerball nicht, der auf ihn und seinen Freund zu rast, aber Andesit schafft es gerade noch ihn zu Boden zu reißen.

Was ist los mit dir?

Wie ein Stein klammert sich die Angst um das Herz des Elfen. Eine winzige Erschütterung würde es in winzige Splitter zerspringen lassen. Das kann, das darf nicht wahr sein. Fabales schüttelt den Kopf, als verhindert das Verneinen, dass es wahr wird, dass seine Gefährtin, seine Geliebte, dass sie…

Dann endlich kann er wieder ihren Herzschlag hören, der im Gleichklang mit seinem schlägt.

FABALES, du verharzter Kalkschädel, komm zu dir.“

Andesit ist kurz davor dem geistesabwesenden Elfen ins Gesicht zu schlagen. Nachdem ihm wegen der Elfenmagie ganz hummelig ist, scheint das eine sehr gute Idee, doch der Elf hebt abwehrend die Hände und sieht sich dann suchend nach dem Magier um. „Wo ist er hin?“

Verschwunden, wollte ihm nach, als du… beschlossen hast, dich grillen zu lassen.“ knurrt der Zwerg als Antwort. Er zieht sein Schwert aus dem Boden und wendet sich, schon viel versöhnlicher, wieder dem Elfen zu.
Schon gut, alter Freund.“ Er klopft dem Großen auf den Arm, Verständnis in den Augen, als dieser sich bedanken will.
Shania?“
Nach all den Jahren weiß er um enge Verbindung der beiden Elfen und bewundert sie.

Es geht ihr gut.“ antwortet Fabales froh und sieht auch in den Augen seinen Freundes die Erleichterung. „Überzeug dich selbst.“

Lächelnd dreht er sich um und öffnet seine Arme, um Shania darin aufzufangen, die sich ihm entgegen wirft. Verwundert stellt er fest, dass ihr Herzschlag flattert. Wahrscheinlich eine Nachwirkung des Fluches, versucht er sich zu beruhigen.

Der Magier?“ stört Frek ihn in seinen Gedanken.

Sein Freund hat Recht. Noch ist keine Zeit, seine Wunden zu lecken.

Von dem Erdhügel aus, wo vorher noch der Magier gestanden hatte, können sie auf ein kleines Tal hinunter sehen und den Flüchtenden. Die Auswirkungen der Erdbeben erschwerendas Vorankommen. Überall sind tiefe Risse im Erdboden. Umgestürzte Bäume behindern ihn zusätzlich.

Er kommt nicht weit.“ brummt Andesit.

Das braucht er auch nicht. Seht ihr, dort hinten?“ Frek zeigt auf etwas.

Am Waldrand, am Ende des Tals, können sie eine eigenwillige Behausung erkennen. Die Wurzeln eines Baumes haben unter dem Zwang von Magie eine Höhlung geschaffen, gerade groß genug, um als Hütte zu dienen.

Dort hat er bestimmt seine Notizen über den Fluch und einen Transportzauber.

Angewidert starrt Fabales zur Hütte. In seinen Augen funkelt es wild auf. Überrascht sieht Shania zu ihm hinüber und beobachtet besorgt, wie ihr Geliebter zu seinem Bogen greift. Es ist ein unmöglicher Schuss, selbst für einen meisterhaften Bogenschützen. Fabales spannt den Bogen, sein Atem geht mit der Sehne, konzentriert folgt er mit der Pfeilspitze dem Magier, zielt, dann lässt er los und der Pfeil saust davon.

Gleichzeitig wird die kleine Elfe ganz blass und bricht unbemerkt neben ihren Freunden zusammen, da alle staunend dem ungeheuerlichen Schuss mit den Augen folgen.

Erst ein unangenehmes Trommeln in seinen Ohren bringt Fabales dazu sich umzusehen. Er braucht einen Augenblick bis ihm klar wird, dass es der Herzschlag seiner Geliebten. Das Gesicht von Shania verzerrt sich in Schmerzen, das Klopfen ihres Herzens wird lauter und schneller, doch nur er kann es hören. Sie schreit nicht, obwohl ihr Mund weit aufgerissen ist. Und als Fabales nach ihr greifen will, fahren seine Hände durch sie hindurch.

Dann verschwindet die von ihm so geliebte Elfe vor seinen Augen.

Nein, nein… wo willst du hin, Liebste?“ flüstert er tonlos.

Weder Frek noch Andesit bemerken, was vor sich geht. Als Shanias Herzschlag verstummt, bricht auch der Elf zusammen. Er kann einfach die plötzliche Leere in seiner Seele nicht ertragen.

Er ist tot.“ sagt Andesit, den Blick starr auf das Tal gerichtet, wo der Magier am Boden liegt, Fabales Pfeil im Rücken.

*

Es ist dunkel.
Selbst die sensiblen Augen des Elfen können nichts erkennen und im ersten Moment denkt Fabales, er wäre tot. Erleichterung prickelt in seinen Fingerspitzen. Wenn er wahrhaftig tot ist, müsste er diesen Schmerz nicht weiter ertragen.

Doch die Schatten flüstern leise Shanias Namen, nur um ihn zu quälen.

Aber wenn er nicht tot ist, wo ist er dann? Jedenfalls nicht mehr auf dem Hügel bei seinen Freunden und diese Umgebung fühlt sich wirklich an wie ein Grab, kalt und leblos.

Ein Rascheln lässt ihn zusammenzucken. Es scheint, dass er hier nicht allein in diesem Nichts ist. Langsam schälen sich Schatten aus der Dunkelheit, als von irgendwo eine Sonne auf geht. Verwirrt sieht sich Fabales um. Das Licht kommt aus langen gläsernen Ästen an der Decke. Das ist keine Sonne. Umgeben von Fels und Stein, erkennt Fabalas, dass er sich in einem geschlossenen Raum befindet, ohne Fenster und ohne eine Tür. Die Enge der Umgebung, droht Fabales zu ersticken, denn ihm scheint, dass die glatten Wände langsam auf ihn zukommen.

Man gewöhnt sich nie an das Gefühl lebendig begraben zu sein.“ flüstert jemand leise und kommt auf ihn zu.

Etwas in dieser Stimme lässt einen Teil seiner Seele erklingen und mildert mit einem sanften Streicheln über sein Herz den Schmerz in seiner Brust. Unwillkürlich lächelt der Elf.
Sehr aufmunternd… Lebst du hier?“ fragt er ohne Scheu.

Die Frau macht einen Schritt in das Licht. Und obwohl er sie niemals zuvor gesehen hat, kommt sie ihm bekannt vor. Dabei ist ihr Aussehen fremdartig. Ihre Haut ist zartgrün, wie Ranken schwingen sich stengelartige Lianen von ihrem Kopf und ihre Augen, rosa, wie die Wolken eines neugeborenen Tages.

Ja.“ Die seltsame Grüne nickt, dabei wippen die haarartigen Ranken und schlängeln sich um ihre Hüften. „Und wer bist du?“ neugierig berührt sie das schmale Gesicht des Elfen. Ihre Finger kühlen seine erhitzte Haut.

Träume ich?“ fragt er sie.

Nein.“ antwortet sie ohne nachzudenken. „Ich glaube aber, ich erträume dich.“ Die Konturen ihres Gesichtes sind noch schmaler, als die des Elfen. Es ist ein seltsamer Anblick, wie sie den Kopf wiegt, als wäre sie ein Blatt im Wind. Aber hier in dieser Gruft gibt es kein Lüftchen, keine frische Brise.

Ich bin hier so allein. Und ich hab dich vermisst.“ Als sie ihn anlächelt, verschwindet die Wut und die Trauer aus seinem Herzen und das Gefühl in tausend Teile zerbrochen zu sein, für einen Augenblick jedenfalls. Heiter lacht er sie an.
Wie kannst du mich vermisst haben? Du kennst mich doch nicht. Ich weiß  nicht einmal deinen Namen.“

Nenn mich Vallaria. Es wäre schön, wenn mich jemand so nennen würde.“ Sie lächelt und lehnt sich sanft an ihn. Vorsichtig schließen sich seine kräftigen Arme um sie.

Das alles ist furchtbar verwirrend, aber die Fremde, die sich gar nicht so fremd anfühlt, benimmt sich, als wäre es nichts besonderes. Wenn dies hier ein Traum ist, warum träumt er dann nicht von Shania?

Und wie ruft man dich? Was gefällt dir nicht an deinem Namen, dass du dir einen anderen wünscht?

Plötzlich sieht Vallaria besorgt aus. „Pssst!“ Ängstlich drückt sie sich an den Elfen. „Ich habe Angst, dass du für immer verschwindest, wenn ich wach werde. Versprichst du mir, dass du wiederkommst?

Fabales hat keine Ahnung, wovon Vallaria redet, aber die Wände des kerkerartigen Zimmers verblassen und aus der eindringenden Helligkeit fließt eine gleichgültige Stimme:
Guten Morgen Gamma, dein Training beginnt in wenigen Minuten, bitte mach dich bereit.“

*

Frek beugt sich aufgeregt über den kleinen Tisch in der Hütte des Magiers. Die meisten Unterlagen sind in einer ihm unbekannten Sprache verfasst, doch einige erkennt er als Abhandlungen über Zauber, inbesondere Flüche. Eine Karte enthält Notizen und ein kleiner Kreis zeigt den Standort des Brunnens, in dem Shania den Kristallschädel gefunden hat.

Karte der grünen Weltenblüte

Das ist… unglaublich. Seht ihr das?“
Er wedelt mit  einem Schriftstück vor Andesits und Fabales Nase.

Lass das, Frek!“ brummt der Zwerg und wirft einen besorgten Blick auf den Elfen.

Seit Fabales aus seiner Ohnmacht erwacht ist, hat er noch kein Wort gesprochen. Seine beiden Freunde löcherten ihn mit Fragen, dann versuchten sie ihm Mut zuzusprechen. Shanias Verschwinden wäre ein Zauber des Magiers. Furchtbar, aber zweifellos werden sie die Elfin finden. Er müsse nur Geduld haben.

Fabales reagierte auf nichts. Stumm sah er über die beiden hinweg in den Himmel, das Gesicht ausdruckslos. So haben sie den Elfen noch nie erlebt.

Es ist nur merkwürdig.“ sagt Frek nun und bemüht sich deutlich sich zu beruhigen. Er schaut Fabales an und senkt dann betroffen den Blick. Für einen winzigen Moment zucken seine Mundwinkel, noch einmal betrachtet er den Elfen, deutlich Angst in den Augen, bevor er dann Andesit das Schreiben hinhält.

Sieh, dies ist das Siegel der Akademie. Der Magier versuchte etwas über Coperto zu erfahren.

Ja?“ erwidert Andesit, der nicht begreift, was so Besonderes daran sein soll, wenn ein Magier einen Brief an eine Magierakademie schreibt.

Frek rollt mit den Augen. „Ersten: Dieser Mann war kein Gildenmagier, deshalb wurde seine Anfrage ja auch abgelehnt. Zweitens: Coperto, der verschollene Ort … du kennst die Legende?“

Der Zwerg schüttelt den Kopf. „Steckt nicht jeder seine Nase ständig in ein Buch.“

Mit der Übung von vielen Jahren übergeht Frek die Bemerkung mit einem schnellen Grinsen.

Der verschollene Ort. Ich erinnere mich auch nur wage, das war irgendwann während des Studiums. Es ging um eine Rose und einen Baum und Reisen zwischen den Welten. Welten … Weltenbaum.“

Frek reißt die Augen auf. „Portalzauber, das war während der Studien über Portalzauber. Möglicherweise ist Shania …“

Der Elf zuckt zusammen, als er den Namen seiner Geliebten hört und schließt die Augen, als kann er die Welt um sich herum damit ausblenden.

Andesit macht einen Schritt auf Frek zu und greift ihn hart am Handgelenk.
Leise Mensch. Erzähl keinen Unsinn, du siehst doch, wie sehr er leidet.“

Auch wenn in der Hütte kaum Platz für die drei ist, zerrt er den Magier etwas von ihrem Freund weg. Leise brummt er. „Also was meinst du mit Sh…“
Adesit räuspert sich. „Was hat das mit ihr zu tun? Und mach es kurz.“

Der Magier nickt. „Wir müssen in die Akademie. Ich kann mich nicht genau erinnern, aber wenn es wirklich um Portalzauberei geht dann… dann…“

Frek neigt sich zu Andesit hinunter, um ihm ins Ohr zu flüstern. „… ist Shania vielleicht nicht tot.“

Der Zwerg knirscht vor Überraschung mit den Zähnen.
Es war nichts mehr da. Verstehst du? Sie ist völlig verschwunden.“ raunt Frek.

Eine plötzliche Bewegung aus den Augenwinkeln lässt ihn zusammenzucken und dabei wirft er eine der kleinen Fläschchen um, die auf dem Tisch stehen.

Ich Tolpatsch!“ flucht er.

Wie schön, dass du es endlich einsiehst. Shania hat lange genug versucht, dir das klar zu machen.“

Fabales versucht sich an einem Lächeln. „Was kuckt ihr so, es wird Zeit aufzubrechen. Wir müssen zur Akademie.“

Die überraschten Blicke seiner beiden Freunde lassen ihn leise seufzen. „Also bitte.“ Er zeigt auf seine spitzen Ohren. „Elfenohren?“

*

Es ist eine hektische Reise in die Stadt der Gildenmagier. Fabales bemerkt in seiner Eile nicht, dass Andesit große Wegstrecken im Laufen zurücklegen muss, doch dieser beschwert sich nie. Frek dagegen macht zwischen keuchenden Atemzügen immer wieder seinem Unmut Luft.
Doch keiner von den beiden bittet Fabales um weniger Hast. Sie wissen, was Fabales treibt. Irgendwo wartet Shania auf ihre Hilfe. Dieser Gedanke spornt sie an.

Lagerfeuer

Fabales und Andesit brauchen keine Ruhe. Beide können notfalls mehrere Tage durchhalten. Doch geschwächt von dem Fluch und der gesprochenen Magie, fallen Frek bald die Augen zu. Als es zu dunkel für die müden, menschlichen Augen wird und Frek immer öfter stolpert, schlagen sie, trotz der Ungeduld Fabales, ein schnelles Lager auf.
Frek schläft fast sofort ein. Sonst hatte er Shania immer noch leise seine Gedichte oder aus einem der Bücher vorgelesen, die er überall mit sich herum schleppt. Doch heute Nacht ist er zu müde, um ihren Fehlen nachzusinnen.

Während der Magier vor sich hin schnarcht, sitzen der Elf und sein zwergischer Freund am Feuer und starren in die Flammen. Die Ruhe macht deutlich, wie sehr die Elfin fehlt. Shania hatte die ungleichen Charaktere zusammen gehalten. Sie konnte zwar nicht besonders gut kochen, aber sie tat es mit Enthusiasmus und Überzeugung und beim gemeinsame Mahl sprachen sie zusammen über alles mögliche. Es machte sie im Laufe der Jahre zu einer Familie. Shania machte sie zu einer Familie.
Als das Knacken der Scheite so laut wird, dass die Stille dazwischen kaum noch zu ertragen ist, bricht Andesit das Schweigen.
„Willst du es mir erzählen?“
Sein sorgenvolles Gesicht wird von hektischen Schatten verdeckt.

Für einen Moment denkt Fabales darüber nach, ihm von seinen Bedenken zu erzählen oder von dem Traum. Was soll er auch sagen. Er kann sich selbst kaum die vielen widersprüchlichen Gefühle eingestehen, die Angst und Verzweiflung, die Einsamkeit und die Sehnsucht nach einem Traum. Er trauert um Shania, aber immer wieder bemerkt er, wie seine Gedanken bei diesem grünen Wesen sind, bei Vallaria. Dann sieht er Shania vor sich, die ihn mit ihren fuschsiafarben Augen bekümmert ansieht. Ihre Augen haben fast die selbe Farbe, wie die von Vallaria, doch um so viel intensiver.

Der Rauch des Feuers schmeckt bitter nach Zweifel und Schuld. Mit einem leisen Stöhnen stürmt er in die Dunkelheit des Waldes und lässt seinen Freund ohne eine Antwort zurück.

Von nun an verschwindet Fabales jede Nacht auf dem Weg zur Akademie im Wald, als würde er dem Schlaf aus dem Weg gehen wollen.

*

Fabales erkennt die düstere Umgebung sofort wieder. Suchend blickt er sich um.

„Fabales, endlich, ich dachte, ich würde es nicht schaffen.“, erleichtert wirft sich die fremdartige Frau in seine Arme und haucht dann ihm schüchtern einen Kuss auf die Wange.

„Das du was nicht schaffen würdest?“

Die Freude Vallaria wiederzusehen ist überraschend, doch bevor sich Fabales darüber Gedanken machen kann, erklärt sie:
„In unserer Welt gibt es die Legende vom Weltenbaum.“

Der Elf starrt Val an. Obwohl es in seinen Gedanken drunter und drüber geht, zeigt sich auf seinem Gesicht keine Regung.

„Es heißt, in jeder Welt gibt es eine Planze, die als Portal in andere Welten führt. Unserer Wissenschaftler wollten in der Lage sein, das Portal dieser Welt zu kontrollieren und sie wollten gleichzeitig in der Lage sein, die Wesen anderer Welten manipulieren.“

Vallaria schweigt einen Moment und sieht Fabales in das fragende Gesicht. In seinen Augen flackert nur mühsam unterdrückte Aufregung.
Sie ist sich nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, ihm davon zu erzählen, aber er ist der Einzige, der einem Freund am nächsten kommt.

Stockend und unsicher fährt sie fort, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Es ist immer eine Pflanze, ein Abbild des Baumes selbst. Verstehst du?“
Natürlich versteht er nicht, wie soll er auch. „… In dieser Welt… bin ich das Portal.“

Fabales schweigt noch immer. In seinem Kopf rasen die Gedanken von einer Information zur anderen. Es ist wirklich sein Baum. Und Vallaria ist ein Portal? Kann sie ihn zu Shania bringen? Wie war das überhaupt möglich? Und … wenn Vallaria eine Pflanze ist, möglicherweise durch Magie erschaffen, dann würde das seine Verbundenheit mit ihr erklären.

Es ist schwer für Vallaria die Stille zu ertragen, denn noch immer hat der Elf nichts gesagt. Um seinem Blick auszuweichen, der sie zu durchbohren scheint, redet sie weiter.
„Sie wollen mich benutzen, damit ich ihnen den Weg in andere Welten ermögliche, damit sie dort die Macht ergreifen können. Die Macht des Baumes wird immer stärker in mir, deshalb kann ich dich in unseren Träumen zu mir holen.“

„Wer Sie?“, bricht Fabales plötzlich sein Schweigen. Wenn sie hier gefangen gehalten wird, würde das diesen Ort erklären. Es ist ein Gefängnis, ihr Gefängnis. Freiwillig kann eine Pflanze nicht an so einem düsteren Ort sein wollen.

„Die Wissenschaftler, die mich erschaffen haben. Aber ich will es nicht tun. Ich will mit dir gehen.“ Vallaria ist sich bewusst, dass die Anziehungkraft, die dieser Fremde auf sie ausübt, wahrscheinlich einzig aus ihrer Einsamkeit entsteht und es keinen Grund gibt, auf Erwiderung zu hoffen.
Sieh sieht Fabales in die Augen, auf der Suche nach einem kleinen Hinweis, dann wendet sie sich plötzlich müde ab.

Es berührt den Elfen, sie so traurig zu sehen und instinktiv tritt er an sie heran, um sie zu umarmen.
„Warum gehst du dann nicht? Du bist das Tor, wer sollte dich aufhalten?“ flüstert er ihr zu.
Und vielleicht kann sie ihm ja auch helfen Shania zu finden.

Der unerwartete Gedanken an seine Geliebte trifft ihn wie ein Schlag und reißt ihn aus dem Traum.

Wie ein Echo hört er beim Erwachen die Stimme Vallarias nach ihm rufen: „Bitte lass mich nicht allein!“

*

Als am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, steht Frek auf der Terrasse der Akademie und starrt gedankenverloren auf die hoch aufragenden Berge des Himmelsgebirges.

Er bemerkt den Älteren erst, als dieser eine Hand auf seine Schulter legt. „Guten Morgen Frederick.
Ich habe mit dem Dekan gesprochen und wenn du möchtest, kannst du noch heute deine Magisterprüfung ablegen.“

Lächelnd dreht sich der Magier zu seinem ehemaligen Lehrer um.
Guten Morgen.“, erwidert er und verstummt dann unsicher.

Du sagtest doch, das du deshalb gekommen bist?„, fragt der Ältere, verwundert über das Zögern des Magiers. „Du warst länger unterwegs, als die meisten von uns, du wirst den Schülern viel beibringen können.“
Der Magister klopft Frek anerkennend auf die Schulter, der noch immer schweigt.

Mit einem Räuspern betritt Andesit die Terrasse. „Frek?“

Mit einem weiteren Schulterklopfen lässt der Magister die beiden allein, auch er hatte den harten Ton in der Stimme des Zwergen gehört.

Was hast du vor?“
Der Zwerg verzieht kaum eine Miene, doch unter den steinernen Gesichtszügen versteckt er seine Empörung und die Enttäuschung nur schlecht für jemanden, der ihn so gut kennte, wie Frek.
Magisterprüfung? Und was ist mit Shania?“

Frek seufzt, beschähmt dreht sich sich weg, doch es ist Wut, die zu hören ist, als er nun endlich doch beginnt zu sprechen. Leise, verhaltende Wut, die Art, die tief aus sich selbst hervor steigt und nach Schuld schmeckt.
Was Fabales vor hat, ist Wahnsinn. Allein die Reise nach Coperto ist gefährlich genug, abgesehen von den Schatten und der Prüfung. Was passiert wenn wir durch das Tor gehen? Wer sagt, dass wir jemals einen Weg zurück finden? Und wir wissen noch nicht mal, ob Shania dort sein wird oder überhaupt noch am Leben ist. Willst du wirklich das Risiko eingehen?
Die ersten Worte waren noch leise, doch um so mehr er endlich aussspricht, was schon so lange ungesagt geblieben war, um so lauter wird er. Es ist nicht sein Fehler, dass er als Einziger sieht, wie unvernünftig ihr Unterfangen ist.
Und da war das Leben, dass er führen würde, nun da er endlich Magister werden darf.

Fabales braucht uns jetzt. Du darfst ihn nicht im Stich lassen.“, murmelt Andesit. Auch er hatte den Elfen gesehen und seine Unruhe gespürt. Fabales entglitt ihm mehr und mehr, doch gerade deshalb, musste sie jetzt zu ihm halten.
„Wir schulden ihm weit mehr als das.“

Und dann war doch noch die irrige und winzige Hoffnung, dass Shania da draussen war und auf ihre Retter hoffte. Shania…
Ich weiß…“ erwidert Frek.

*

Erschöpft lehnt Frek an den steilen Wänden des Passes. Fabales hatte ihnen kaum Pausen gegönnt. Seit Tagen irren sie in den Schluchten des Gebirges herum.

Der Weltenbaum existiert. Verbissen beharrt Fabales darauf, dass sein Traum der Beweis dafür ist, dass Shania nicht tot ist. Sicher gehörte der dunkle Magier zu denen, die Vallaria erschaffen und versklavt hatten. Bei dem Gedanken an Vallarias unsicheren Schicksal verspürt er einen Stich. Doch er muss sich jetzt erst um Shania kümmern.

Frek?“ der Elf sieht fragend zu seinem Freund.

Schon seit einer Weile versucht dieser die magischen Strukturen eines Portales zu finden. Die Energie, die nötig ist zwischen den Welten einen Durchgang zu öffnen, ist schließlich immens. Mit Hilfe eines Zaubers müsste er diese wie hell ein Leuchtfeuer sehen.

Frek schüttelt den Kopf, auch Fabales kann nichts erspüren.

Wartet mal …“ Andesit betrachtet die Oberfläche der Steinwände. Aus den Ablagerungen konnte er lesen, wie Frek aus einem Buch. Eine Weile studiert der Zwerg schweigend die Maserung der Felsenwände und stellt damit die Geduld seiner Begleiter hart auf die Probe. Gereizt und gleichzeitig erwartungsvoll starrt auch der Elf auf die Wände. Doch er kann nichts erkennen. Sie sehen genau so aus, wie gestern und vorgestern.
Der schweigsame Zwerg nickt. Magische Erschütterungen, wie das Öffnen von Pforten, brechen die feinen Linien der Sedimente. Die Unterschiede sind so fein, wie die immer dünner werdene Haare von Frek und es benötigt das richtige Gespür, um diese Irritationen von denen eines Erdrutsches, Erdbeben oder einfach der Erosion durch Zeit, zu unterscheiden.
Als sie diesen Spuren zu ihrem Mittelpunkt folgen, liegt plötzlich Coperto vor ihnen.

Der versteckte Ort liegt wie ein schlafenes Raubtier am Fuße einer Felswand, die bis den Himmel ragt und einen düsteren Schatten über die Ebene wirft. Nur die unvollständigen Mauern der Halle des Wissens stehen noch. Einzelne Säulen zeigen, dass hier früher ein prachtvolles Anwesen gewesen sein muss. Dichte Büsche versperren den Eingang zur Halle und verbergen den inneren Hof vor den Blicken der Gefährten. Alles ist grün überwuchert und still. Doch Coperto schläft nicht, es lauert.

Wie die Schatten unruhiger Wolken flitzen dunkle Flecke über die grünen Wiesen, welche die Ruine umgeben. Frek betrachtet die Schatten mit Hilfe der Magie genauer und runzelt verunsichert die Stirn.
Merkwürdig, ich kann keine Quelle finden. Irgendetwas muss diese Schatten doch verursachen.

Ich fürchte mich nicht vor Schatten.“, murmelt der Zwerg und will näher heran gehen.

Warte noch einen Moment!“ Fabales hält seinen Freund an der Schulter.

Es scheint … , „
Der Magier versucht noch immer genauere Infomationen zu erhalten.  „… sie wurden den Lebenden entrissen und magisch mit einer Art eigenständige Präsenz versehen. Leben in weiteren Sinne, da ihre Existenz nun weit über den rein physikalischen Effekt eines Schattens hinaus geht. Dies bedeutet jedoch, dass sie den Verbrauch der energetischen Magie wieder ausgleichen müssen und auf der Suche nach passenden Quellen sind.“

Warum sagt er nicht einfach, dass sie hungrig sind?„, mault der Zwerg leise Fabales zu, der nur mit den Schultern zuckt.
Und wie kämpft man gegen Schatten?“ Andesit verschränkt missmutig die Arme. „Mit einer Kerze vielleicht?

„Ja!“
Überrascht dreht sich Frek zu ihm um, „Licht, Andesit, du bist brillant. Hast du diese Aurora Rune noch? Zusammen mit Fabales Leuchtzauber und meinem Lumes Illuminiae schaffen wir es an den Schatten vorbei.

Der Elf sieht skeptisch zum Zwerg hinüber. Hoffentlich wusste Frek wovon er da sprach.
Es ist gar nicht so einfach die verschiedenen Arten der Magie miteinander zu verbinden, doch nachdem sie alle drei Lichtzauber vereint sind, umgibt die Gefährten eine blendende Kugel, vor der die Schatten tatsächlich schreiend zurückweichen.

Der Eingang der Ruine ist mit Dornenranken versperrt. Sie sind so dicht, dass kein Durchkommen möglich ist. Andesit versucht mit kräftigen Hieben eine Breche zu schlagen, doch überall, wo sein Schwert die Dornen zerteilt, wachsen sie um so kräftiger wieder nach.

Die Dornen verweigern den Eintritt.“ zitiert Frek aus der Legende. „Das muss die Prüfung sein.“

Hinter den Ranken verborgen, entdeckt Fabeles, der ein paar Schritte zur Seite gemacht hatte, ein Schild. Vorsichtig legt er es frei und liest: „Nenne uns den Namen des Weltenbaums.“

Während Frek ganz aufgeregt verschiedene Theorien zum Namen äußert, beobachtet Andesit die Schatten. Einer musste diese unheimlichen Dinger im Augen behalten und seine Freunde konnte sowieso viel besser mit Natur umgehen
In keinem der Pergamente wurde jemals ein Name erwähnt.“ schimpft der Magier.

Doch auch Fabales scheint ihm nicht zuzuhören, sacht streicht er über die Dornen.
Vallaria …“

Der geflüsterte Name zeigt sofort Wirkung. Wie Schlangen ziehen sich die Ranken zurück und geben den Eingang frei. Ohne auf die erstaunten Ausrufe seiner Freunde zu hören, geht der Elf in die Halle des Wissens. Überhaupt scheint er sich kaum noch iher Anwesenheit bewusst zu sein.

In der Mitte des weiten Hofes steht die Rose.
Zwei ineinander verschlungene Rosenstöcke formen ein Tor, wie eine Spindel, auf der oberen Spitze thront die Blüte. Es ist wunderschön.

Frek hat den Elfen eingeholt.
Das Mädchen aus deinen Träumen? Wie? Was hat sie … „
Ohne den Blick von der Rose zu wenden, erwidert Fabales: „Ich hätte auch Maiglöckchen sagen können.“
Endlich dreht er lächelnd zu dem Magier um, “ …oder Rose. Jedes Tor ist Teil des Baumes und es ist immer eine Pflanze.“

Die dunkle Samtblüte verströmt einen schweren muffigen Geruch. Um so lnager man sich in ihrer Nähe aufhält, um sie schwerer fällt das Atmen. Besorgt betrachtet Fabales nun die schwarzen Flecken auf der Blüte.
Sie ist krank.“

Auch Andesit ist näher gekommen. „Gehen wir?“ Er hält seine Hand durch den gespaltenen Rosenstock, die darin verschwindet. „Es ist offen.“ Für den Zwerg gibt es keinen Grund noch weiter das Unvermeidliche aufzuschieben. Entschlossen drängt er sich durch die Öffnung.
Auch für Fabales gibt es kein Zögern. Er geht direkt hinter dem Zwerg durch das Tor.

Während Frek sich noch einmal zum Eingang umdreht, denkt er drüber nach, dass dies die letzte Möglichkeit der Umkehr ist. Für ihn ist es sicher, dass sie nie wieder zurück in ihre eigene Welt können, das wusste er einfach. Für einen Moment gibt er dem Gedanken nach und versucht heraus zu finden, warum er sich so sicher sicher. Es gibt kein Grund. Vielleicht ist es einfach nur Angst, vor dem Unbekannten, vor einem Kampf der vielleicht seine Kräfte übersteigt.

Langsam geht er zum Tor. Davon abgesehen, dass er allein niemals an den Schatten vorbei käme, war unvorstellbar für ihn seine Freunde so im Stich zu lassen, egal wie gern er jetzt in der Sicherheit der Akademie war.

*

Träume ich?”
Vielleicht bringt das Tor von Coperto die Menschen in Vallarias Gefängnis, das würde erklären, warum Fabales jetzt die beunruhigenden steinernen Wände und die Lichtäste sieht. Erschrocken sieht sich der Elf um und sucht nach seinen Gefährten
Frek? Andesit?”

Du träumst nicht.”
Vallarias Stimme dringt von allen Seiten sanft auf ihn ein.
Ich habe in der letzten Zeit immer wieder versucht dich zu rufen, doch ich konnte dich nicht erreichen. Du hattest recht. Sie konnten mich nicht aufhalten.”

Die Wände das Raumes drehen sich plötzlich ganz schnell. Das beklemmende Gefühl verstärkt die Orientierungslosigkeit des Elfen noch.
Als das Drehen aufhört, steht die grünhäutige Frau vor ihm. Zärtlich greift sie nach seinen Händen.

Ich habe heraus gefunden, wer beauftragt hat mich zu erschaffen. Aber wir haben jetzt nicht so viel Zeit.”
Gehetzt blickt sie über ihre Schulter als würde sie ihre Verfolger dort jederzeit auftauchen, doch Fabales kann nur einen langen dunklen Tunnel sehen.

Die Welt, in die du reisen wolltest, ist besetzt. Sie ist…
Sie schüttelt den Kopf, “… dunkel und voller Schatten, die auf der anderen Seite des Portals lauern. Sie wissen, dass ihr kommt und warten auf euch.”

Schweiß tritt auf Vallarias blassgrüne Stirn und sie muss sich bei Fabales festhalten, damit sie nicht hinfällt.

Was ist mit dir?” besorgt hält der Elf sie fest in den Armen.

Ich bin nur etwas erschöpft. Es ist das erste Mal, dass ich ausser mir auch andere Personen durch ein Portal führe. Und dann gleich 3 gleichzeitig. Das ist anstrengender als erwartet.”

Fabales runzelt verwirrt die Stirn, doch er hatte sich angewöhnt einfach abzuwarten. Und nachdem Vallaria noch einen Moment Kraft geschöpft hat, erklärt sie weiter.

Als ich spürte, dass du das Tor betreten hast, wollte ich aus Neugierde wissen, wohin es dich führt. Als ich erkannte in welche Welt, euer Portal führt, wusste ich, dass es zu gefährlich ist, euch einfach weiter reisen zu lassen. Auf der anderen Seite, liegt die Welt der Schatten. Und ich weiß, dass das Tor auf ihrer Seite scharf bewacht wird. Ich konnte dich nicht einfach in die Falle laufen lassen. Ich wusste nicht, ob ich euch alle gleichzeitig durch den Portalfluss steuern kann, aber…

… Ich kann nicht bleiben. Hyphen …”

Vallarias Gesicht verzerrt sich vor Anstrengung. Die langen, weißlichen Ranken an ihrem Kopf bewegen sich, als stände Vallaria mitten in einem Sturm.

“… wir müssen weiter …”

Plötzlich wird alles schwarz.

*

Tut mir leid, es ist etwas holprig geworden.“ Eine Frau lächelt den dreien schüchtern zu.

Vallaria.“ Fabales reißt erstaunt den Mund auf. Damit hat er nicht gerechnet.

Vallaria greift nach Fabales Hand. „Ich habe den Portalfluss für euch verändert.“ Fabales kuckt erschrocken, doch Vallaria hebt beschwichtigend die Hände. „Es ist noch immer die Welt in die euer Tor geführt hätte, doch das Portal wird bewacht.“

Der Magier“ wirft Frek ein und Vallaria nickt. „Und Andere.“

Sie führt sie zu einigen Häusern. „Ich hab für euch eine Abzweigung genommen.“

Frek starrt ganz fasziniert auf Vallaria. „Bist du der Weltenbaum? Das ist aufregend. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich einige magische ähm Versuche...“

Ein strafender Blick des Elfen bringt den Magier zum Schweigen, doch Vallaria lacht nur.

Wir werden sehen, ob sich dafür Zeit findet.“

Eine schemenhafte Bewegung hinter den blinden Fenstern der halb zerfallenen Häusern, erregt Fabales Aufmerksamkeit. Das Echos eines Herzschlages lässt ihn sich unruhig umsehen. Sie war hier, muss hier sein. Der Herzschlag klingt nach einer Erinnerung.

Dies hier ist das Versteck der Flüchtlinge. Am Tor wartet eine Armee der Schatten. Der Herrscher dieser Welt nimmt jeden gefangen, der versucht hierher zu kommen.“ Vallaria zeigt auf ein leeres Haus. Von innen sieht es völlig unbewohnt aus. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier Flüchtlinge verbergen. Obwohl es keine direkte Lichtquelle gibt, ist eine Zimmerecke besonders dunkel. Langsam lösen sich einzelne Flecken aus dem Schatten. Es sieht fast so aus, als flüchte die Dunkelheit vor ihnen.

Fabales hat ein merkwürdiges Gefühl. Ohne den Blick von den seltsamen Schatten zu wenden, erklärt er Vallaria, warum sie hier sind. „Wir sind auf der Suche nach…“ Eine schemenhafte Gestalt schwebt aus der Ecke des Zimmer auf sie zu und Fabales schluchzt leise auf. Der Anblick reißt ihm den Boden unter den Füßen. „Shania.“

Die junge Elfin ist kaum zu erkennen. Sie ist durchscheinend und das Licht in ihren Augen ist verschwunden.

Oh Shania, Liebes.“ Fabales kann das Leid sehen, dass Shania empfindet. Sie ist tot. Gestorben am Gift das Fluches und nun ist ihr Geistschatten hier gebunden. Das hatte der Magier mit seinem Fluch bezweckt. Er hatte für den Herrscher dieser Welt Sklaven gesammelt und nun ist Shanias Geist einer von ihnen.

Frek, du musst ihr helfen, du musst sie befreien, tu doch etwas.“

Fabales hatte nach dem Menschen gegriffen und sieht ihn flehend an. Er kann einfach nicht ertragen, wie sehr Shania leidet. Sie ist stumm, doch die lichtlosen Augen blicken verzweifelt von einem ihrer Freunde zu dem anderen.

Doch Frek schüttelt hilflos den Kopf. „Ich weiß nicht, was ich tun kann. Sie ist durch einen Zauber gefesselt. Doch der Magier ist tot. Ich weiß nicht, was sie noch hier hält.“

Frek greift nach Shanias Hand. Sie hat nicht genügend Substanz, sodass er seine Hand hindurch gleitet. Leise flüstert er. „Es tut mir leid.“

Lange blickt Fabales in die Augen seiner Geliebte. Es ist ein Schweigen ungesagten Worte. Niemand traut sich diese Stille zu durchbrechen, bis Fabales die Hand sachte an die konturlose Wange seiner Liebsten hebt. „Ich verspreche, deinen Tot zu rächen und denjenigen finden, der Leid über so viele Wesen gebracht hat. Du kannst jetzt loslassen.“

Das Lächeln auf dem Gesicht der Elfe ist fast wie früher. Erleichtert öffnet sie den Mund um ihr letztes Lied zu singen, dass nur Fabales hören kann. Und der Weltenbaum.

Shanias Lied

Ich danke dir. Du hast mir das Licht wieder gegeben. Nun bin ich frei.

Mein Lied endet hier, doch dein Weg führt dich weiter.
Vallaria ist ein Teil des Baumes. Sie ist das Tor zu allen Welten. Und du bist der Schlüssel.
Nun ruft mich das Licht der Träumenden.

Leb wohl mein Liebster.

Ich möchte auch dich freigeben, denn ich kann sehen, wie sehr dich der Abschied quält. Doch so ist die Natur, wie Ebbe und Flut, kommt und geht das Leben. Nur das ewige Chaos des Seins und die Ordnung des Nichts ist unveränderbar.

-Ende-

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy

Buchempfehlung der Redaktion:


Geschichten unter dem Weltenbaum

Herausgegeben von Mischke, Lothar. Vorwort von Hardebusch, Christoph
Verlag :      Low, Torsten
ISBN :      978-3-940036-04-9
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,90 Eur[D]
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Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Seiten/Umfang :      ca. 300 S. – 18,5 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 28.02.2010

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Er ist das Zentrum der Welt. Seine Äste stützen das Himmelsgewölbe, tragen die Heimat der Götter und Lichtelfen. Seine Wurzeln umarmen das Reich des Todes und behüten die Geschöpfe der Nacht. Sein Stamm durchzieht die Welt der Menschen, Riesen und Zwerge, nährt sie und gibt ihnen Lebenskraft. Er ist nicht einfach nur ein Baum. Er ist der Weltenbaum.

Autoren/Geschichten:
Die silberne Rose – Johannes Harstick
Schabernack – Kira Licht
Orúthirs Pfad – Tilmann Wederich
Der Herr der Verzweiflung – Wassilios Dimtsos
Das Herz des Jägers – Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser
Die Wurzel allen Übels – Mark Stefan Tänzer
Mimirs Haupt – Bettina Ferbus
Das Elixier des Lebens – Christiane Gref
Ein Tropfen Weisheit – Ruth M. Fuchs
Marimba – Marlies Aurig
Schwalbensommer – Miriam Kraft
Heldengarten – Nathalie Gnann
Der mieseste Job der Welt – Thomas Matterne
Von toten und lebenden Helden – Mark Stefan Tänzer
Unaussprechliche Freuden – Karl Plepelits
Des Himmels Chronisten – Moira Frank
Dunkle Asche – Heike Pauckner
Das Wintermädchen – Franziska Kopka
Wiedergänger – Astrid Rauner

Titelbild von Katja Metzen
19 phantastische Geschichten in einer Anthologie des Fantasy-Forums.
Mit einem Vorwort von Christoph Hardebusch

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NACHT FÜR NACHT *II* – Lyrik von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 2. Februar 2011

…………………………….
Nacht für Nacht
…………………………….

Lyrik von
Simone Wilhelmy

Es sind die kleinen Freuden
heißt es
die das Leben ausmachen
und so suche ich
nacht für nacht
zwischen grauen Wolkenfetzen
und Sternstaub
der auf den Schneeflocken glitzert
nach etwas
dass nicht sofort
in meinen Händen schmilzt

es ist immer die Nacht
die mich sehnsüchtig macht
dabei vergesse ich
dass es das Licht ist
das mich sehen lässt


Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy


Kaufempfehlung des Autorin:

Eben, Robert
Unerreichbar nah

Gedichtsammlung

Verlag :      Books on Demand
ISBN :      978-3-8391-6725-0
Einband :      Paperback
Preisinfo :      6,50 Eur[D] / 6,70 Eur[A] / 11,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      ca. 60 S. – 19,0 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 21.07.2010
Gewicht :      73 g

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Gedichte über die Liebe, die Natur und deren Bewohner, über das Alltägliche und gezielte Kritik an unserer Gesellschaft. Unerreichbar nahIch sehe dich deutlich vor mir, sehe die Konturen deines Gesichts, den Glanz deiner Haare, das Leuchten deiner Augen. Deine Schönheit verzaubert mich. Als hättest du einen Zauberum mich gelegt, der michstets in deinen Bann zieht. Ich betrachte dichund mein Herz wird schwer. Denn was ich sehe, ist nur dein Foto, du bist unerreichbar und doch so nah. EICHENBLATT LITERATUR www.eben-robert.de

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DER WELTENBAUM – DIE FLUCHT – eine SciFi-Geschichte von Simone Wilhelmy (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2011)

Erstellt von Simone Wilhelmy am 16. Januar 2011

DER WELTENBAUM – DIE FLUCHT

eine

SciFi-Geschichte

von

Simone Wilhelmy


Experimentprotokoll Status:

Nach erfolgreicher Beendigung der Betatests des Experimentes Weltentor hat uns der Konzern mit der Weiterentwicklung der Gamma Reihe beauftragt. Uns wurde genetisches Material des Weltenbaumes und Raw-Energie, die dem Baum als Nährstoff dient, zur Verfügung gestellt. Homo Sapiens Convallaria majalis portalis hat die Grundentwicklung abgeschlossen und ist nun in einem Stadium, der den Beginn des Trainings erfordert, um die vom Konzern gewünschte Funktionalität zu fördern. Das Sicherheitslevel wird ab sofort auf Stufe F angehoben. Direkter Kontakt mit der Gamma ist nur mit Pheromonstopper erlaubt.

Die Convallaria majalis Gene erlauben dem Objekt manipulativ auf andere einzuwirken. Derzeit scheint diese Fähigkeit von der Gamma nicht kontrollierbar und tritt nur bei akuter Erregung auf. Das Kampf- und Diplomatentraining wird im Neutralisationsraum durchgeführt. Zur Steigerung der hyperkognitiven Fähigkeiten für den Zugriff auf die portalis Gene werden wir die O2-Werte im Habitat der Gamma erhöhen, zusammen mit einer Veränderung in der Lichtzusammensetzung. Wir sind derzeit nicht in der Lage die genaue Zusammensetzung der Raw-Energie zu ermitteln, geschweige denn zu synthetisieren, doch eine Angleichung des Lichtlevels wird hoffentlich ausreichen die portalis Gene zu aktivieren.

Vallaria sitzt mit angezogenen Knien auf ihrem Bett. Unruhig zappt sie hin und her, nichts kann sie fesseln. Eigentlich liebt sie diese fremden Welten, so anders als ihre. Weite Wiesen, dichte Wälder, Straßen voller Menschen, unendliche Meere, ihr 53 m² großes Quartier durfte sie noch nie verlassen.

Die junge Frau springt auf und läuft zum Spiegel. Die hellen, fast durchsichtigen Spitzen ihrer lianenartigen Haarverwachsungen schlängeln sich um ihre Taille. Ein schmales hellgrünes Gesicht mit rosafarbenen Augen sieht sie prüfend an. Sie fragt sich wieder, warum sie nicht aussieht wie die Anderen. Mit ihren biegsamen, schmalen Fingern berührt sie ihr Spiegelbild. Hinter ihr reflektiert sich das steril eingerichtete Zimmer. Dann senkt sie den Kopf und schließt müde die Augen. Das Zischen der Schleuse lässt sie zusammen zucken.

Sie hatte gehofft, dass es diesmal anders sein würde, doch ihr Tagesablauf ist immer gleich. Minutiös wiederholt sich jeder Tag aufs neue, die minimalen Änderungen rotieren in einem 8 Tages Rhythmus. Kampf, Diplomatie, Grundlagenwissen, Sprachen, Spionage, Anatomie, Psychologie, Körperbeherrschung und dann von vorn. Immer wieder. Auch sonst bietet der Tag nicht viel Abwechslung. Die Schlafphasen sind kurz. Sie machen einfach das Licht aus und nach einer Weile wieder an. Fernsehen, Unterricht, Meditation, Fernsehen und wieder schlafen.

Val sieht zur Kampfkleidung hinüber, die man hereingebracht hat. Anfangs hatten sich die Labormitarbeiter noch mit ihr unterhalten, doch seit einer Weile meiden sie jeden Augen- und Körperkontakt.

Sie streift sich das Leinenkleid vom Körper und legt die leichte Körperpanzerung an.

Beginn des Nahkampf-Trainings jetzt.“

Protokoll:

Die Entwicklung der Gamma ist zufriedenstellend. Allerdings scheint der Mangel an variierenden Reizen das Objekt emotional zu beeinflussen. Es scheint angebracht den Tagesablauf der Gamma zu modifizieren. Auswertungen der REM-Aufzeichnungen stellten eine mögliche Kontaktaufnahme mit einer Fremdwelt in der Schlafhase fest. Dies ist ein bedeutender Fortschritt in der Entwicklung der portalis Gene. Durch eine verstärkte Einstrahlung von kurzwelligem ultravioletten Licht versuchen wir nun diese Entwicklung intensiv zu fördern.

Beunruhigend ist jedoch die Reaktion der Gamma. Ihre selbstständige Entscheidung, ihre Erfahrung vor uns zu verheimlichen, zeigt Tendenzen zu unkontrollierbarer Handlungsweise. Zur Verhaltensmodifikation werden sowohl positive als auch negative Reize eingesetzt. Eine zu autarke Haltung der Gamma gefährdet die vom Konzern gesetzten Ziele. Das vorrangige Bestreben des Experimentes ist die Kontrolle über das Portal. Der Konzern fordert erneut eine Aufstellung von Erfolgsanalysen und Verlaufsprognosen. Man drängt auf eine baldige Fertigstellung des Homo Sapiens Convallaria majalis portalis. Wir werden also für die erfolgreiche Interaktion der Gamma mit Fremdvölkern ein zusätzliches manipulatives Training in den Übungszyklus aufnehmen.

Eigentlich sollte Vallaria völlig geschafft sein. Sie hatten ihre Freizeit gekürzt und dafür das Training verdoppelt. Trotzdem schafft es Val nicht sich ein Lächeln zu verkneifen. Es war ganz sicher kein Traum. Sie hatte Kontakt hergestellt.

Als man ihr die Nahrungsportionen kürzte und statt der freien Zeit nach der Meditation sofort das Licht auf Nacht dimmte, war Vallaria klar, dass sie Recht hatte. Sie hatte den Kontakt hergestellt, auf den man sie so lange vorbereitet hatte und die Männer, deren Blicke sie durch die Kameras spürt, wollen nun wissen, was sie gesehen hat. Und weil sie ihre Traumerfahrung vor ihnen verschweigt, bestraft man sie.

Vallaria zuckt zusammen, als sie das Geräusch der Luftschleuse hört. Das passiert ihr in letzter Zeit immer wieder. Sie hasst dieses Geräusch, weil es sie mit seiner perfekten Regelmäßigkeit daran erinnert, dass sie keine Macht über ihre eigene Zeit besitzt.

Aber es ist nicht richtig, also die Zeit ist nicht richtig, die Schleuse ist zu früh.

Überrascht dreht sich Val um. Aufgeregt wippen die Spitzen ihrer Haarstengel um ihre Hüfte. Der dunkelhaarige Labormitarbeiter würdigt sie keines Blickes. Mit einer fahrigen Handbewegung berührt er seinen Nasenprotektor, während er den Raum durchquert.

Und mit einer unerwarteten Klarheit, erkennt Vallaria, was in dem Techniker vorgeht. Die Trainingseinheiten zum Deuten von Gestik und Mimik waren nie eine besondere Stärke von ihr, aber nun fallen ihr die zittrigen Händen und die winzigen Schweißperlen auf. Der Mann hat Angst, um exakt zu sein, er hat Angst vor ihr.

Die Übungen zur Körpersprache sind vorbereitend für ihre spätere Aufgabe. Um sein Gegenüber manipulieren zu können, muss man ihn verstehen und in der Lage sein, die richtigen Bewegungen zu imitieren, um damit das gewollte Verhalten hervorzurufen. Das bewusste Manipulieren eines Anderen kam ihr immer falsch vor. Das ist wie Lügen, aber sie hatte ja keine Wahl. Vielleicht könnte es jetzt jedoch hilfreich sein.

Als der Techniker zum Monitor hinüber geht, weicht Val zurück und geht in einem kleinen Bogen Richtung Schleuse, ohne dass der Techniker bemerkt, dass ihm der Rückweg abgeschnitten ist. Er macht sich am Monitor zu schaffen. Dass sie ihr die einzige Möglichkeit nehmen, sich zu beschäftigen, ist wohl eine weitere Strafe für ihr Schweigen. Aber Vallaria braucht das Fernsehen nicht mehr, denn in ihren Träumen kann sie nun jederzeit jede Welt besuchen, die sie möchte.

Nachdem er mit wenigen Handgriffen den Monitor entfernt hat, blickt sich der Techniker suchend um und erkennt, dass er nicht ohne weiteres an ihr vorbei kommt. Val lächelt unschuldig. Sie beherrscht ihre Mimik perfekt. Ein weiterer Teil ihrer Ausbildung. Mit großen Augen schaut sie zu ihm hinüber, blinzelt unsicher. Ihr Mund ist leicht geöffnet, als würde sie über etwas wundern. Kurz überlegt sie, ob das wohl die angemessene Reaktion für den Verlust ihres Monitors wäre. Als er nicht weiß, wie er reagieren soll, senkt sie den Blick. Sie darf nicht zulassen, dass er in Panik ausbricht und andere auf die Situation aufmerksam macht. Sie gibt den Schleusengang also frei, bleibt jedoch mit zusammengesunkenen Schultern daneben stehen. Unauffällig macht sie sich kleiner, kreuzt die Beine und knetet ihre Finger, Indikatoren von Schwäche. Der Techniker darf sich nicht bedrängt fühlen. Wenn er sie bemitleidet, macht er vielleicht Fehler.

Tatsächlich sieht sie, wie er die Schultern strafft und ein erleichtertes Lächeln in sein Gesicht huscht. Er bemerkt nicht, wie sich der Geschmack der Luft verändert.

Der Überwachungsmonitor in der Zentrale zeigt einen steigenden Pheromongehalt der Luft an, was nicht allzu ungewöhnlich ist. Der Techniker in Vallarias Zimmer ist ein Stressauslöser, bei dem Vallarias Stoffwechsel, wie erwartet, eine natürliche Droge ausschüttet, die bei möglichen Feinden den Adrenalinwert senkt, um so Aggressionen zu verhindern. Außerdem wirkt diese Droge auf animalischen Instinkte, die die Paarungsbereitschaft erhöhen. Aus diesem Grund wurden die Protektoren entwickelt.

Vallaria versucht sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Seit kurzem erst kann sie ihre Droge bewusst einsetzen. Das ist noch eine aufregende Veränderung, die sie verschweigt.

Aus den Augenwinkeln beobachtet sie, wie sich der Techniker langsam der Tür nähert. Obwohl er versucht sie nicht anzusehen, versichert er sich immer wieder mit einem schnellen Blick, dass sie sich nicht bewegt.

Die Sicherheitslektionen des Konzerns waren eindringlich. Er ist sich nicht sicher, aber sie scheint ihm harmlos. Ihr Lächeln ist unschuldig und so hinreißend, dass er vergisst, wie fremd sie aussieht mit dieser hellgrünen Haut und den Gliedmaßen, die alle einen Tick zu lang scheinen. Sie wirkt eher schmal und zerbrechlich auf ihn, ganz im Gegensatz zu der gefährlichen Kreatur, vor der er gewarnt wurde. Doch die energischen Wiederholungen der Anweisungen im Umgang mit der Gamma lassen sich nicht einfach ausblenden.

Mit einem leisen Seufzer des Bedauerns hebt er die Hand, um das Touchpad der Schleuse zu berühren, da spürt er ihre Hand auf seinem Arm. Das Vermeiden von Körperkontakt war der wichtigste Punkt der Sicherheitsvorschriften.

Obwohl der Nasenprotektor den Techniker vor der Veränderung in der Luft schützt, hilft ihm bei einer Berührung nichts, da die Droge auch über die Schweißporen aufgenommen werden kann.

Was soll ich denn jetzt ohne Monitor machen?“ Val blinzelt dem Techniker zu.

Verstört öffnet der Techniker die Tür und stottert: „Ich… vielleicht… ich muss gehen.“, und eilt aus dem Raum.

Mhpf.“ Enttäuscht lässt sich Val aufs Bett fallen. Sie ist sich nicht sicher, was sie erwartet hatte, aber so sollte es nicht laufen.

Als das Licht abgedunkelt, denkt sie an die anderen Welten, die sie vielleicht bald besuchen kann. Es muss ein unglaubliches Gefühl sein, wenn der Himmel über dem Kopf unendlich scheint. Sie war bisher nur in den Räumen des Labors. Ihr fällt auf, dass sie nicht einmal weiß, wie es hinter der Schleuse aussieht. Sie weiß nicht, dass das Labor im Inneren eines Kometen liegt, der in einen unbewohnten Bereich des Sonnensystems gebracht wurde. Der Konzern wollte sichergehen, dass die Wissenschaftler ihren Auftrag ungestört durchführen können. Der Tagesablauf der Wissenschaftler wird also nicht von einer Sonne bestimmt, sondern von den Nachtzyklen der Gamma. Da das Sicherheitsrisiko während der kurzen Nachtphasen am niedrigsten ist, nutzen auch die Forscher die Zeit zum Ausruhen.

Das verhasste Zischen weckt Val aus ihren Dämmerzustand. Mit aufgerissenen Augen starrt sie an die Raumdecke und versucht ganz natürlich zu atmen. Als die Tür sich schließt, hört Vallaria, wie jemand unsicher mit den Füßen scharrt und dann leise Schritte. Jemand räuspert sich, berührt vorsichtig ihren Arm. Unruhig wälzt sich Val im Bett herum, obwohl sie hart an ihren Reflexen gearbeitet hat und sich niemals so überrumpeln lassen würde, unterdrückt sie jeden Implus den Fremden am Arm zu packen und über das Bett zu werfen. Als sich der Techniker über sie beugt, kann sie seinen erregten Atem spüren. Also hat ihr Plan besser funktioniert, als es den Anschein hatte.

Mit einer schnellen Handbewegung streicht sie seinen Protektor aus seiner Nase und unterbindet jeden Protest mit einem Kuss. Die manipulative Droge freizusetzen, fällt ihr jetzt leichter. Es dauert kaum eine Minute, bis sie ihn unter Kontrolle hat, da er die Pheromone sowohl nasal als auch durch die Mundschleimhaut aufnimmt.

Valaria weiß, dass ihr nicht viel Zeit bleibt. Sie braucht Informationen und es muss irgendwo einen Raum geben, in dem alle Überwachungsdaten ausgewertet werden. Sie entscheidet, dass es der beste Ort ist, mit ihrer Suche anzufangen.

Schon auf dem Weg in den Kontrollraum fragt sie den Techniker aus. Dort angekommen öffnet Val mit ein paar schnellen Handbewegungen unzählige Fenster mit Informationen und Referenzlinks. Eine große schematische Zeichnung eines Baumes erregt ihre Aufmerksamkeit. Zu jeder Blüte gibt es Infos über Einwohner, demografische Statistiken, politische Entwicklungen und eine wirtschaftliche Einschätzung. Es sind alles verschiedene Welten. Der Anblick verschlägt ihr für einen Moment den Atem. Alle Welten sind mit einer Art verzweigtem energetischem Wurzelwerk verbunden, die auf dem Bildschirm hellgrün pulsieren.

Unter der Kategorie „GAMMA“ findet sie eine lange Liste von Projektdateien. Ihr Blick bleibt beim Experimentprotokoll hängen. Die Homo Sapiens Convallaria majalis portalis, also sie, ist das Portal der Welt des Konzerns, die jeweils Instanzen des Weltenbaumes sein und Reisen zwischen den verschiedenen Welten ermöglichen. Vallaria begreift, dass sie deshalb von anderen Welten träumt.

Sprachlos liest sie über sich und ihren Entwicklungsverlauf. Genetische Experimente? Auf ihrer Stirn bildet sich eine tiefe Falte und wütend schlägt sie mit der Faust auf den Schreibtisch. Ein Experiment? Sie ist Eigentum eines ominösen Konzerns? Wie kann ein lebendes Wesen Eigentum von jemandem sein?

Der Techniker fällt bewusstlos zu Boden, als sich die Konzentration der Droge um ein Vielfaches verstärkt. Außer sich vor Empörung bemerkt Val nicht, wie ihre Körperchemie außer Kontrolle gerät. Eine weitere Datei offenbart die Zielsetzung, die der Konzern im Gegenzug zur Finanzierung festlegte. Sie öffnet weitere Dokumente und versucht möglichst viele Informationen zu bekommen. Das war der wichtigste Punkt ihres Unterrichtes, egal ob Kampf oder Spionage. Mach deine Recherchen gründlich, lerne deinen Feind kennen, so findest du die Schwächen, die er verbergen will. Der Konzern hat sie gut trainiert. Dafür sollte sie dankbar sein, nun vielleicht später.

Hochkonzentriert saugt sie die Fakten auf, erst das leise Stöhnen des Mannes zu ihren Füßen bringt sie zurück zur Tatsache, dass jeden Moment die Sicherheit hier auftaucht. Sie hat ohnehin genug erfahren.

Leise schleicht sie in ihre Räume zurück. Erst als sie auf ihrem Bett liegt, kommen die Tränen. Sie fühlt sich missbraucht und ist unsicher, wieviel von ihren Entscheidungen sie selbst bestimmt und was durch die Genzusammenstellung vorgeschrieben wird.

Wenn die Gene stärker werden und sie zu dem wird, was der Konzern von ihr erwartet, ein Portal, eine Waffe, wird dann etwas von der Vallaria übrig bleiben, die sie jetzt ist?

Erschöpft von der körperlichen und emotionalen Anstrengung flüchtet sie in ihre Träume mit einem von weiten unendlich blauen Himmel und einem spitzohrigen Wesen.

Protokoll:

Es gab einen unautorisierten Zugriff auf die Weltenbaum-Daten. Außerdem fand man einen Techniker bewusstlos im Archiv. Aufgrund dieses Sicherheitslecks werden alle Mitarbeiter bis Sicherheitsstufe 5 ausgetauscht. Alle empfindlichen Referenzen auf eine Zusammenarbeit des Konzern mit Hyphen werden unmittelbar entfernt.

Möglicherweise hat dieser Vorfall etwas mit den ungewöhnlichen Werten der Gamma zu tun, die wir in den aufgezeichneten Daten der Nachtphase gefunden haben. Der Vorfall wird eine eindringliche Untersuchung zur Folge haben. Der Konzern wird darüber informiert.

Gleichzeitig zeigt die Gamma einen weiteren Fortschritt. Der Kontakt zu Fremdwelten wird nun willentlich aufgenommen. Dies ist der REM und Elektroenzephalografie-Untersuchung von letzter Nacht zu entnehmen. Ihre anhaltende Weigerung diese Entwicklung zu offenbaren, ist äußerst bedenklich. Die eigenständigen Entscheidungen trotz Verhaltensmodifikation bringen das Experiment in Gefahr. Eventuell ist ein Neustart nötig. In dem fortgeschrittenem Stadium des Projektes wären die Auswirkungen fatal. Trotzdem wird der sofortige Start einer konfigurierten DELTA-Reihe veranlasst. Durch die Einschränkung der Individualität muss eine Beeinträchtigung der Funktionalität in Kauf genommen werden.

Vallaria starrt die Wand an. Der Unterricht fiel heute aus. Stattdessen unterzieht man sie wiederholt einer Befragung mit Biosignalgerät. Es wundert sie, wieso die Wissenschaftler glauben, dass sie dadurch etwas erfahren. Die Kontrolle von Atmung und Puls war eines der ersten Dinge, die man ihr beigebrachte. Als dann die erweitere Ausbildung begann, musste sie auch lernen ihre Mimik und Gestik bewusst einzusetzen. Es fällt ihr also nicht schwer, ihren nächtlichen Ausflug zu verschweigen. In den Verhörpausen hat sie Zeit zu grübeln und ihre Gedanken schweifen zu ihrem Traum zurück und den Daten, die sie im Archiv gefand. Sie kann nicht fassen, was sie gestern gesehen hat. Sie wurde genetisch erschaffen. Erschaffen, um mit ihrer Hilfe andere Welten zu plündern. Val fällt die Auflistung der Welten nach ihrer Wirtschaftlichkeit wieder ein. In ihrer Vorstellung berühren ihre Finger die Abbildung des Weltenbaumes. Ein Teil ihrer Gene stammt von ihm. Das macht ihn wohl zu ihrer Familie. Es ist ein seltsames Gefühl eine Familie zu haben. Val beißt sich auf die Unterlippe. Wieviel sie wohl an ihrer DNS herumgebastelt haben? Alles was sie weiß, alles was sie kann, ist vom Konzern beschlossen. Und sie wollen aus ihr eine Waffe machen. Wenn sie ganz ehrlich ist, hat ihr das Kampftraining wirklich Spaß gemacht und sie verspürt auch keinerlei Schuldbewusstsein, weil sie den Techniker für ihre Zwecke manipulierte. Hätte sie ihn töten können?

Die Unruhe in ihr steigt. Convallaria majalis. In früheren Versuchen fand man heraus, dass die Gene des Weltenbaumes nicht ohne eine pflanzliche Komponente agieren. Die Verbindung der Maiglöckchengene hat sich als stabilste erwiesen. Vallaria erinnert sich, dass man sich besonders für den intensiven Geruch interessierte, der potenzielle Bestäuber anlockt. Sie tat also genau das, was von den Wissenschaftlern geplant war. Sie verwendete die Droge als Waffe, um den Feind zu überwältigen und an Informationen zu gelangen.

Rastlos wandert sie durch den kleinen Raum und etwas aus ihrem Traum, drängt sich in ihr Bewusstsein.

Warum gehst du dann nicht? Du bist das Tor, wer sollte dich aufhalten?“ flüstert sie sich leise zu. Wer sollte sie aufhalten, wenn sie einfach in eine andere Welt verschwindet. Niemand.

Der Konzern aktiviert einfach eine andere GAMMA und macht mit den Forschungen weiter. Vallaria kann das sie nicht zulassen. Wenn sie das Experiment endgültig beenden will, muss sie alle relevanten Daten vernichten.

Sie schließt die Augen. Es ist etwas anderes, in ihren Träumen Kontakt mit einer Fremdwelt aufzunehmen, als tatsächlich ein Portal zu erschaffen. Sie sucht nach der inneren Stärke, nach der Stimme ihrer Familie in sich. Das Labor ist ein Teil des Weltenbaumes. Sie versucht sich das Labor in einer Blüte vorzustellen und visualisiert den Baum, wie sich seine Wurzeln in die Urmaterie bohren und die Raw-Energie in sich aufnehmen. Sie sieht, wie seine Äste sich bis an den Rand des Nichts erstrecken und seine Größe den Raum schafft, in der das Leben existieren kann. Als sie das leise Rascheln der Blätter hören kann, beginnt die Luft um sie herum zu flackern. Ihr letzter Blick fällt auf die Überwachungskamera in der Ecke des Raumes und sie hofft, es bleibt genug Zeit, bevor man ihr Verschwinden bemerkt.

Als Vallaria wieder die Augen öffnet, steht sie in einem dunklen Flur.

Ach du Schande!“

Mit zitternden Händen und Knien lehnt sich Val an die Wand.

Sie weiß nicht, wie lange sie im Fluss der Welten war, der die Portale miteinander verbindet, es können Sekunden oder genau so gut Stunden gewesen sein. Ihr Körper steht unter Strom und wenn sie die Augen schließt, sieht sie den Fluss, leuchtend grün und rot. Als das Zittern nachlässt und sie ruhiger atmet, lässt sie sich in die Knie sinken, plötzlich erschöpft. Von irgendwo hört sie laute Stimmen und sie erinnert sich, dass nicht viel Zeit bleibt. Es fällt ihr schwer, die wundervollen Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen. Erleichtert stellt sie fest, dass sie noch im Labor ist. Es war fast unmöglich im Portalfluss nicht mitgerissen zu werden. Im ersten Moment war sie orientierungslos. Erst als sie sich auf den Puls des Weltenbaumes einließ und aufhörte gegen die Strömung zu kämpfen, war sie in der Lage, den Fluss zu steuern. Sie war in Kontakt mit allen Weltenblüten und jeder Lebensknospe.

Vallaria ist noch vollkommen überwältigt von der Erinnerung an die unermesslichen Eindrücke.

Dann hatte sie die Anderen gespürt. Die anderen GAMMAs im Labor sind, wie die Portale und Vallaria, genetisch mit dem Weltenbaum verwandt. Wie ein Leuchtfeuer konnte Val die Signale ausmachen. Sie versuchte, so nah wie möglich heran zu kommen, bevor sie zurück in ihre Welt trat. Sie hofft, sie steht vor der richtigen Tür. Leider befindet sich nur ein weiterer Gang dahinter und eine Schleuse. Die Beschriftung der Schleuse und die Wache sind sichere Anzeichen, dass dies der genetische Lagerraum ist.

Langsam kommt die Wache auf sie zu, unschlüssig, was sie mit dem wertvollen Objekt machen soll, das gerade in ihre Arme gelaufen ist. Niemand hat nach ihrem Verschwinden erwartet, dass die GAMMA zurück kommt. Ihre Exekution ist demnach noch nicht beschlossen, stellt Val erleichtert fest. Aber sie muss verhindern, dass die Wache ihre Entdeckung meldet, sonst wird sie keine Zeit mehr haben, die Forschungsdaten im Archiv zu vernichten. Wie es scheint, kommt der Wachposten gar nicht auf den Gedanken. Er sieht sich schon, wie er seinen Fang präsentiert. Vielleicht bekommt er eine Zulage, schließlich sind diese Laborratten ganz scharf auf die Grüne.

Vallaria kann diese Gedanken in seinem Gesicht lesen, dieses gierige Grinsen und die Überheblichkeit. Langsam atmet sie ein. Sie hört die unerbittliche Stimme ihres Trainers in ihrem Kopf. Als sie wie im Training mit der Analyse der Situation und des Gegners beginnt, senkt sich eine beruhigende Kälte über ihre Gedanken. Ihr Gegner ist stärker, aber unvorbereitet. Aufgrund der Enge sind Schusswaffen innerhalb des Labors nicht zu gebrauchen. Anstatt dem Schlagstock, greift der Wachmann nach dem ES, eine gefährliche Waffe, die dem Opfer einen elektrischen Schlag verpasst. Wenn er sie damit trifft, wäre sie sofort ausgeschaltet, ein schneller Sieg. Doch um ihr den betäubenden Schock zu verpassen, muss er ganz nah an sie heran. Mit dem Schlagstock könnte er sie auf Abstand halten, doch er will kurzen Prozess machen. Val lässt ihn näher kommen und konzentriert sich. Sie verlagert das Gewicht und als er sich auf sie stürzt, schnellt ihr Bein hoch und trifft ihn seitwärts am Kopf. Bewusstlos bricht der Mann zusammen. Er hat den Tritt nicht kommen gesehen, weil er sie unterschätzt hat.

Verblüfft betrachtet Val den reglosen Körper. Sie dachte nicht, dass es so einfach geht, dass es ihr so leicht fällt. Mit zittrigen Fingern tastet sie nach dem Puls des Mannes. Er lebt. Für mehr Sorgen hat sie keine Zeit. In der Uniform findet sie eine Schlüsselkarte und als sie die Tür zum GenLager öffnet, ist ihre Atmung wieder fast normal. Dafür ist sie ausgebildet und es fühlt sich irgendwie richtig an. Nachdem sie den Bewusstlosen in den Lagerraum gezerrt hat, blickt sie sich um. Der Raum wirkt wie ein Korridor, denn es ist so eng, dass man sich kaum drehen kann. Lange Tische mit wissenschaftlichen Geräten finden sich auf einer Seite und auf der Anderen sind hohe Schränke. Dahinter kann sie leere Glaskolben sehen. Die kleinen Plastikschilder tragen die Bezeichnung GAMMA 1-5. Vallaria schluckt und berührt mit ihren Fingerspitzen die gläsernen Tanks. Es gibt fünf Behälter. Nur der erste ist gereinigt und trocken. In den Anderen finden sich Spritzer einer grünlichen Flüssigkeit. Es scheint, als war bis vor kurzen noch etwas darin. Langsam geht sie weiter und hinter dem nächsten Schrank entdeckt sie drei weitere Kolben. In dem gefärbten Wasser kann sie eine Art Knopse erkennen, ungefähr handtellergroß und von einem dunkelgrünen, fleischig dicken Blatt umschlungen. Das Schild am unteren Ende der Behälter ist mit DELTA 1-3 bezeichnet. Eine weitere Versuchsreihe. Sie haben die GAMMAs vernichtet und eine DELTA-Reihe gestartet. Aufgeregt und wütend rennt sie zum Wachmann zurück, den sie an der Tür unter einen der Tische gestopft hat und nimmt seinen Schlagstock. Sie versucht ihr Selbstmitleid zu verdrängen, hier geht es nicht nur um sie, redet sie sich ein. Schließlich versucht sie zu verhindern, dass die Blüten des Weltenbaumes zerstört oder ausgenutzt werden, denn das haben sie mit ihrer Hilfe vor. Dafür hat man sie erschaffen, damit der Konzern Zugang zu allen Welten bekommt, die ihm nützlich scheinen. Als sie auf die Behälter einschlägt und das Glas unter der Kraft ihrer Wut zersplittert, erklärt sie sich immer wieder, dass sie diese Monster aufhalten muss. Dass es das einzig Richtige ist, was sie da tut. Doch es laufen ihr Tränen übers Gesicht, als der Nährsaft auf den Boden spritzt und die Knospen auf den Tisch fallen. Vallaria bringt es nicht übers Herz die Deltas zu zerschlagen. Sie fühlt sich wie die große Schwester und auch wenn man nicht erkennen kann, dass aus ihnen einmal Wesen wie sie werden, ist es ihr nicht möglich, sie zu töten. Eine nach der Anderen nimmt sie in die Hand, streichelt zärtlich über die Blütenblätter und übergibt sie dem Fluss. Das Portal in sich zu finden und zu öffnen ist leicht. Ein kurzes Blinzeln, sie stellt sich vor, dass sie den Knospen einen leichten Schubs gibt, dann sind sie verschwunden.

Am Ende des Ganges sind die Kühlbehälter. Hinter einer Glasscheibe, welche die gesamte Breite des Raumes einnimmt, ist alles ordentlich beschriftet. Leider ist das Schloss elektronisch gesichert. Der kleine Kühlraum bietet neben den eingelassenen Kassetten, mit dem genetischen Material, Platz für einen winzigen Arbeitstisch, an denen man Proben nehmen kann und etwas Platz, um daran zu stehen. Val ist sich nicht sicher, ob sie so zielgerichtet den Portalfluss nutzen kann, aber es ist die einzige Möglichkeit hinein zu kommen. Sie legt die Hände an die Scheibe, als könnte sie damit erfühlen, wie dick sie ist und schließt die Augen, um sich zu konzentrieren. Ein kurzes Flackern der Luft hüllt sie ein, als sie verschwindet und im Kühlraum wieder erscheint. Val blinzelt und atmet heftig. Vor Aufregung spürt sie kaum die Kälte, die ihren Atem in Wölkchen verwandelt. Schnell greift sie nach der Kassette, die mit portalis beschriftet ist und öffnet sie. Auf ihren Handteller rollen gelbliche Kügelchen, die wie Blütenpollen aussehen. Als Val sie berühren will, zerfallen sie zu glitzerndem Blütenstaub, der sich kribbelnd auf ihrer Hand verteilt. Sie wagt es kaum zu atmen, damit sie das feine Pulver nicht aufwirbelt. Am besten wäre es wohl, den Blütenstaub im Fluss zu verteilen. Sie blinzelt und verschwindet. Zusammen mit dem Pulver taucht sie in den Portalfluss und plötzlich fühlen sich ihre Hände heiß an. Erschrocken springt sie zurück und knallt schmerzhaft gegen die Schleuse. Etwas benommen verlässt sie das Lager. Was immer auch gerade passiert ist, sie muss sich später damit beschäftigen.

Am Ende eines langen Korridors sieht sie hektisch einige Wachleute entlang laufen. Vielleicht hätte sie die Uniform des bewusstlosen Wachmanns anziehen sollen, dann würde sie nicht so aufgefallen. Allerdings gibt es bei der Sicherheit nur wenige mit grüner Haut. Den Gedanken, sich den Weg frei zu prügeln, schiebt sie mit einem Kopfschütteln wieder weg, sowas klappt nur im Film. Ohne bewusst die Entscheidung zu treffen, verschwindet Val. Den Portalfluss zu benutzen, ist wie Treppen steigen. Sie war schon einmal im Archiv, sie musste nur den Weg dorthin wiederfinden. Es ist zu spät, sich Gedanken zu machen, was sie dort erwartet. Das wissenschaftliche Archiv ist leer bis auf einen Mann, der hektisch an einem der Terminals arbeitet. Fast zärtlich legt sie ihre schlanke Hand an seinen Hals. Sie braucht den Puls nicht suchen. Den Carotis-Druckpunkt, mit dem sie den Druck im Hirn des Laboranten bis zur Ohnmacht oder gar dem Tod ansteigen lassen kann, findet sie im Schlaf. Vallaria öffnet die vor Anspannung trockenen Lippen und flüstert: „Du solltest besser die Türen verriegeln.“

Da die Halsschlagader das Gehirn mit Blut versorgt, kontrolliert Vallaria den Mann durch ihre Droge innerhalb von Sekunden. Mit abwesendem Blick nickt er und betätigt die Türkonsole. Vallaria verschränkt die Arme und betrachtet den Wissenschaftler mit einem kalten Blick.

Unterhalten wir uns ein bisschen.“

Protokoll:
Wir haben die Entwicklung des Objekts unterschätzt, sowie ihre Insubordination. Die GAMMA ist außer Kontrolle. Das genetische Material, sowie alle relevanten Daten und die DELTA-Reihe wurden zerstört. Ohne die genetischen Proben des Weltenbaumes ist eine neue Versuchsreihe nicht möglich. Da der Spender mittlerweile infiziert ist, kann keine weitere Probe genommen werden. Das Experiment ist gescheitert.
Wir mussten den Konzern in Kenntnis setzen.

Persönliche Bemerkung:
Mir ist klar, dass der Konzern dafür sorgen wird, dass nichts von unseren Forschungen bekannt wird. Ich bin sicher, dass jemand auf dem Weg ist, um alle vorhandenen Daten zu sichern und das Labor zu säubern, einschließlich aller Mitarbeiter. Eine Flucht ist nicht möglich. Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist.

Protokollende

Freiheit:

Vallaria starrt in die Sonne bis ihr die Augen tränen. Sie liegt rücklings auf einer Wiese und gräbt ihre Zehen in die Erde. Mit einem zufriedenen Seufzer schließt sie die Augen und betrachtet das Nachbild auf ihrer Netzhaut. Ihre Gedanken wandern zurück ins Labor. Die Informationen, die sie erhalten hat, sind lückenhaft. Besonders eine Sache lässt sie nicht los. Wie ist das Labor an das genetische Material vom Weltenbaum gekommen? In den Unterlagen wird als Quelle der Name Hyphen angegeben, doch es gibt keinen weiteren Bezug. Ihre Recherche der Datenbank des Konzerns hat nur einen Querverweis ergeben. Wie es scheint, war jemand mit diesem Namen auch ausschlaggebend für die Umsetzung ihres Experimentes. Bisher ist es Val nicht gelungen, ihn ausfindig zu machen. Da hat jemand alle Spuren gründlich vernichtet. Sie verdankt es nur ihrer Gründlichkeit, dass sie einen Anhaltspunkt fand.

Val streckt die Beine aus und beobachtet die Wolken.

Sie hat den Mann im Archiv nicht getötet. Erleichtert erinnert sie sich an diesen Moment. Obwohl sie dazu in der Lage war, zog sie es nicht mal in Erwägung.

Nachdem sie der Presse genug Informationen über das geheime Labor und andere Machenschaften des Konzerns zugespielt hat, war es nicht mehr möglich, das Experiment unter den Teppich zu kehren. Die Menschen stürzten sich auf den Konzern, wie wilde Tiere. Nun müssen sich die Wissenschaftler und das Management ihrer Verantwortung stellen.

Langsam richtet sich Vallaria auf und zieht die Beine an. Ihre Hand liegt auf ihrer Tasche, in der sich eine verstaubte Akte befindet, die sie im Keller eines alten Bürogebäudes des Konzerns fand. Es ist eine Originalnotiz aus der Zeit, bevor man alles mit Computern erledigte und enthält eine Zusammenfassung der Vereinbarungen mit Hyphen, Jahrzehnte bevor das Experiment überhaupt in Planung war. Ein einzelnes Wort steht in Klammern als Anmerkung zu Hyphen. Fremdweltkontakt.

Val lässt sich wieder ins Gras zurück fallen. Es sind so viele Welten und sie wird jede einzelne durchsuchen, um zu verhindern, dass Hyphen dieses Experiment wiederholt.

Mit einem Lächeln dreht sie ihr Gesicht zur Sonne.

-Ende-

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy

Kaufempfehlung der Autorin:


Pharo, Miriam
Sektion 3|Hanseapolis – Schattenspiele

Verlag :      Acabus Verlag
ISBN :      978-3-941404-41-0
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,90 Eur[D] / 12,90 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Seiten/Umfang :      248 S. – 19,0 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 05.2010
Gewicht :      277 g

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Gefangen in den Eingeweiden der Stadt.

Die Europäische Föderation im Jahr 2066: Die einstigen blühenden Hansestädte im Norden existieren nicht mehr. Hamburg ist ein Nobelbezirk von Hanseapolis – einer Megacity mit über 20 Millionen Einwohnern –, die Lübecker Region eine riesige Industriezone. Dass die Cops 72 Stunden und mehr am Stück Dienst tun, ist keine Seltenheit. Denn Hanseapolis schläft nie.

Der Fall des ermordeten Mädchens im Sumpf wird für Elias Kosloff, Senior Detective beim Morddezernat von Hanseapolis, zum Albtraum: In den Helium-3-Förderminen auf dem Mond kommt er einer Verschwörung ungeahnten Ausmaßes auf die Spur, gleichzeitig holt ihn seine Vergangenheit wieder ein. Ein alter Freund trachtet ihm nach dem Leben … und er ist nicht der Einzige.

„Miriam Pharo, die Autorenkollegin, die es meisterhaft versteht SF-Literatur zu schreiben. Die Genres Science-Fiction, Krimi, Thriller, aber auch zarte Gefühle und gesellschaftspolitische Visionen, treffen hier in einem goldenen Schnitt zusammen.“ Michael Milde (Autor von „Das Post Scriptum Gottes“)

Auch der zweite Teil des SF-Erfolgskrimis „Sektion 3|Hanseapolis“ besticht durch Tempo und eine dichte Atmosphäre. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite!

Miriam Pharo, Jahrgang 1966, studierte in Mainz und Heidelberg Slawistik, Romanistik und Politikwissenschaften. Seit 1993 arbeitet sie als Werbetexterin für diverse Agenturen und Unternehmen. Die französischstämmige Autorin lebt mit ihrem Mann südlich von München, wo an einem milden Frühlingstag die Idee zu Sektion 3|Hanseapolis entstand.

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GLAS – Lyrik von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 14. November 2010

…………………………….
Glas
…………………………….

Lyrik von
Simone Wilhelmy

Während ich wieder einmal die Splitter
einer zerbrochenen Freundschaft entferne,
denke ich darüber nach,
wie oft mein Herz sich noch der Bitterkeit erwehren kann,
die sich bei jedem neuen Bruch
tiefer hinein bohrt in die Unschuld.

Wie Kristall brach sich das trübe Licht in deinen Gefühlen,
die dann doch nur geschmolzener Dreck waren,
dünnes Glas, zerbrechlich, ohne Klang.

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy



Kauftipp der Redaktion:

Benedikt XVI. / Fries, H / Hahn, Ulla / Hurtz, Klaus
Dreiklang des Lebens

Glaube Hoffnung Liebe

Herausgegeben von Hurtz, Klaus
Verlag :      Kühlen, B
ISBN :      978-3-87448-328-5
Einband :      Paperback
Preisinfo :      9,80 Eur[D] / 10,10 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      LXIV S., zahlreiche farbige Abbildungen – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      24.03.2010
Gewicht :      166 g

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Zur Einstimmung: Alle Menschen verbindet die eine Sehnsucht nach gelingendem Leben; letztlich ist jedes Leben ein Sehnen und ein Suchen nach den Antworten, die es stimmig, sinnvoll und lebenswert werden lassen. Und gerade in Zeiten persönlicher Bedrängnis oder gesellschaftlicher Krisen, in individuellen oder kollektiven Umbruchsituationen wird die Frage nach dem richtigen Grundton des Daseins besonders laut. Wie ist die große Harmonie zu finden, die das Leben in Einklang bringt mit sich selbst und der Welt? In einer globalen Weltordnung ist der Chor der Antworten vielstimmig. Doch die Weisheit unserer Ahnen bietet uns einen Dreiklang an, der in den einleitenden Einschüben des Rosenkranzgebetes enthalten ist: Glaube, Hoffnung, Liebe. Es ist gelebte Lebenserfahrung, dass der nicht fehlgehen kann, der sich diesem Dreiklang anvertraut; nicht umsonst spricht man deshalb von den drei göttlichen Tugenden. Und wo immer Glaube, Hoffnung, Liebe zur Grundmelodie eines Lebens wird, da ist das Leben in Fülle möglich. So liegt es nahe, diesen Grund(ant)worten nach zu meditieren. Hierzu boten sich die Texte an, die in dem Buch “Lebensgesätze” (1994) versammelt waren. Viel zu schnell ist das Büchlein vergriffen gewesen, doch da die Ausführungen nichts von ihrer Tiefe und Frische verloren haben, bin ich dankbar und froh, sie in dieser Form noch einmal vorlegen zu können. Klaus Hurtz

Klaus Hurtz, geboren 1955, ist Pfarrer in Mönchengladbach-Reydt und Studentenpfarrer an der Fachhochschule Niederrhein.Joseph Ratzinger wurde 1927 in Marktl am Inn geboren. Er war Professor für systematische Theologie in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg und jüngster theologischer Berater auf des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65). 1977 wurde er Erzbischof von München und Freising. 1981 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Präfekten der Glaubenskongregation. Am 19. April 2005 wurde er als erster Deutscher seit 482 Jahren auf den Heiligen Stuhl gewählt.Die promovierte Germanistin Ulla Hahn war Lehrbeauftragte an den Universitäten Hamburg, Bremen und Oldenburg, anschließend bis 1989 Literaturredakteurin bei Radio …

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VON ERINNERUNGEN GEFESSELT – Fantasystory von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 17. September 2010

Von Erinnnerungen gefesselt

Eine Fantasy Kurzgeschichte

von

Simone Wilhelmy

Die Stadt war in Vergessenheit geraten. Durch die leeren Straßen fegt ein warmer Wind, der die Stimmen der Vergangenheit vor sich her treibt. Die Verzweifelten, die bis zu Letzt in den verrottenden Mauern der Häuser ausgehalten hatten, verhungerten oder wurden getötet.

Die Luft ist dunkel, als wäre der Nachthimmel herabgestiegen, um die Stadt vor sich selbst zu verbergen. Hin und wieder hört man das leise Klingen von Ketten, die aneinander schlagen.

Danya kann nicht glauben, was sie sieht. Wo einmal das rege Treiben der Bewohner war, herrscht nun trostlose Stille.

Lange war sie weg gewesen. Die Elfe wusste nicht, wie lange sie in der Einsamkeit des Waldes meditiert hatte. Die Stadt sieht aus, als wären es Jahrhunderte gewesen. Vielleicht war sie wirklich solange weg, stellt Danya erschrocken fest. Nachdem sie einmal dem Tode entronnen war, ist der Fluss der Zeit für sie brüchig und voller Sprünge. Nun sind all ihre Freunde verschwunden. Die Einsamkeit der Stadt durchdringt ihre Haut und ballt sich in ihrem Magen zu einem festen Knoten, der sie schluchzen lässt. Trotz des warmes Windes friert die Elfe und sie reibt über ihre Arme um die Gänsehaut zu vertreiben.

Verloren läuft sie durch die Gärten. Den verwilderten Hecken und überwucherten Beeten wohnt eine ungezähmte Schönheit inne und Danya bleibt stehen um sie zu bewundern. Die Natur hatte sich den Ort zurück erobert, nachdem die Menschen verschwunden waren. Doch die Tiere bleiben diesem Ort fern und so wird die unheimliche Stille nicht einmal von gelegentlichem Zwitschern oder Bellen durchbrochen. Nur das ferne Klirren von Metall hallt durch die Gassen.

Von Neugierde getrieben folgt Danya dem einzigen Geräusch in der Stadt. Als würde es sie locken wollen, ist es nun ständig zu hören und bringt sie immer näher an den Stadtplatz.

Es ist ein grausiger Anblick, der sich ihr bietet. Die Ketten verlaufen quer über den Platz und scheinen aus den Häusern am Rande zu wachsen. Sie sind schmutzig und mit dunklen Rost verkrustet und mit Dornen bestückt, gewundene metallene Rosenranken.

Chanelorn in Ketten

Ein Aufschrei durchdringt die Taubheit des Schocks. Wie fest gewurzelt steht sie am Rande des Platzes und sie erkennt, dass es ihr eigener Schrei war, der sie aufschrecken ließ. Dann rennt sie los.

“Chanelorn!”

Am Ende der Ketten, von ihnen umschlungen und gefesselt und mitten auf dem Platz, hängt ein junger Dunkelelf..

“Meine Güte, lass das nicht wahr sein.”

Ohne auf die Dornen zu achten, greift Danya nach den Ketten. Immer wieder versucht sie den Körper zu befreien, doch auch wenn die Metallranken ganz und gar verrostet scheinen, lassen sie sich nicht zerreißen. Danya will nicht aufgeben, immer wieder zerrt sie an den Ketten, erst ein leises Stöhnen unterbricht ihre hektischen Versuche.

“Chan, lebst du? Was ist passiert?”

Verzweifelt versucht sie nochmals die Ranken zu zerstören. Sie muss doch etwas tun, um ihn da runter zu bekommen. Dabei reißen die spitzen Dornen tiefe Wunden in den jungen Drow. Kaum hörbar flüstert er:”Danya bitte… nicht…” und versinkt wieder in Ohnmacht.

Die zierliche Elfe sinkt bei Chanelorns Füssen zu Boden. Die Hilflosigkeit zurrt sich wie ein Knebel um ihr Herz.”Was soll ich tun?” fragt sie in die Leere der Straßen.

Auf dem Boden unter dem Gefesselten mischt sich das getrocknete Blut der jahrhunderte langen Folter mit frischen Tropfen aus den neuen Wunden, die durch Danyas Zerren an den Ketten entstanden waren und ihren heißen Tränen

“Er sieht irgendwie zufrieden aus, finde ich.”

Wie aus dem Nichts legt sich eine kindliche Hand auf Danyas Schulter. Ein kleiner Junge mit nackten Patschefüßen, kurzen Hosen und strubbeligen weißen Haaren lächelt Danya an, als sie sich nach der feinen hellen Stimme umdreht.

“Wer bist du?” doch in dem grinsendem Gesicht erkennt sie sofort eine jüngere Version ihres Freundes wieder. Danya ist verwirrt. Sie kann sich Chanelorn nicht pausbäckig und fröhlich lächelnd vorstellen. Seine Kindheit war gefährlich, einsam und voll von Gewalt. Er lächelte selten, doch immer mit einer Traurigkeit in den Augen, die davon erzählt, dass er weiß, dass es für ihn kein Glück auf dieser Welt gibt. In dem Alter des Jungen, der jetzt mit glitzernden Augen vor ihr steht, hatte er schon mit angesehen, wie seine Mutter getötet wurde, war von einem Mann, der sich sein Vater nannte misshandelt und eingesperrt worden und er hatte selbst getötet. Es war Notwehr, doch die Unschuld, die das kindliche Abbild vor ihr ausstrahlt, hatte er schon längst verloren.

“Wer bist du?” wiederholt sie.

“Ich bin der einzige Teil von Chanelorn, der loslassen konnte, als die Stadt von den Göttern verlassen wurde, als die große Flucht begann.”

Danya schüttelt ungläubig den Kopf. Viele Jahre war diese Stadt ihr Zuhause gewesen. Einen Augenblick kann sie die Schreie der Flüchtenden hören, als der Zorn der Götter über die Stadt herein bricht.

“Warum ist er nicht mit ihnen gegangen?” Danya sitzt noch immer kraftlos auf dem Boden und richtet nun den Blick auf den Chanelorn, der teilnahmslos über ihnen in den Ketten hängt.

“Dies ist der einzige Ort an dem er je glücklich war. Hier gab es Menschen, die ihn mochten und brauchten. Gerade als er anfing Vertrauen zu haben, als er einen Funken Hoffnung fand, doch noch ein zu Hause gefunden zu haben, wurde ihm wieder alles geraubt. Er hätte nicht gehen können.”

“Deshalb die Ketten?” die Elfe erinnert sich an einen Traum. Sie hatte als Seelenheilerin in dieser Stadt gearbeitet. Mit magischen Träumen hatten sie die Probleme erkundet und schon einmal hatte sie Chanelorn in Ketten gesehen. Damals war er unerwartet und ungeplant in einen dieser Träume gestürmt. Und die Dunkelheit in seinem Herzen wand sich in den selben Ketten um die Hände und Füße, wie sie es jetzt hier tun. Es war ihre Magie, die ihm diese Ketten gezeigt hatte und als die Stadt durch die Götter verflucht wurde, waren die Straßen auch voller Magie.

“Er hat sich selbst an die Stadt gekettet. ” entsetzt will Danya nach Chanelorn greifen, doch sie hat Angst ihm wieder weh zu tun. “Warum nimmt er freiwillig so viel Schmerz auf sich? Ich versteh es nicht. Ich habe ihn nie wirklich verstanden. Ich war ihm keine gute Freundin.”

Der kleine Junge berührt zärtlich die Füße von Chanelorn. “Er glaubt, dass es richtig ist, dass er leidet. Die Dunkelheit, die ihn umgibt, die er ausstrahlt, hat nicht nur ihn vergiftet. Er ist…. Es ist…”

“… kompliziert.” ergänzt Danya flüsternd. Sie kennt das Gefühl der Scham, wenn die eigenen Schwächen die Menschen, die man liebt, verletzt. “Er fühlt sich schuldig.” und ihre eigene Schuld überflutet sie. Sie war nicht da, als er sie gebraucht hatte.

Abrupt sieht sie auf und greift nach der Hand des Jungen. “Kannst du etwas für ihn tun? Kannst du ihm helfen?”

Doch er schüttelt nur den Kopf. “Ich kann nichts für ihn tun. Die Entscheidung seine Vergangenheit gehen zu lassen, kann nur er treffen. Er ist sein eigener Richter.”

Die Elfe versucht die Hände von Chanelorn zu erreichen. “Chan? Hörst du mich, es ist gut, du hast genug gelitten. Ich bitte dich, hör damit auf.” Nicht eine Regung bei ihrem Freund. Nichts, was darauf hinweist, dass er sie gehört hat, nur das Klirren der Ketten, als der Wind über den Platz jagt.

“Er hört dir nicht zu.”

“Er wird nie freiwillig loslassen.” Hoffnungslos sieht sie zu dem Jungen hinunter.

“Dann musst du…”

“Nein! NEIN! Das kann ich nicht, du weißt, dass ich das nicht kann, Chan.” entsetzt unterbricht sie ihn und schüttelt vehement den Kopf. “Oh bitte nicht…” ihre Stimme verliert sich kraftlos.

“Gibt es keinen anderen Weg?”

Der junge Chan jedoch schweigt. Unbewegt sieht er sie an, abwartend, wie sie sich entscheiden wird.

Danya flüstert leise einige wenige Worte und hebt sich mit einem Sprung in die Luft. Schwebend verharrt sie vor dem Gesicht Chanelorns. Sie hebt seinen Kopf und streichelt zärtlich seine Wange.
“Mein lieber Freund.” Ihre Augen suchen seinen Blick, doch was sie darin sieht, verschlägt ihr den Atem. Da ist nur noch Leid und Trauer in seinen Augen. Der helle Verstand und das gerechte, warmherzige Wesen wurde von dem Schmerz seiner Seele verdrängt. Selbst wenn sie tausend Jahre mit ihm reden würde, könnte sie ihn nicht erreichen. Als letzten Versuch spricht sie die magischen Verse, die sie benutzt, wenn sie versucht die Seelen anderer zu heilen, auch wenn sie weiß, dass ihre Lichtmagie dem Dunkelelfen Schmerzen zufügen wird. Sie berührt die Ketten um Chans Handgelenke und schließt die Augen. Es ist ein altes elfisches Lied der Heilung, was sie singt, lautlos, nur ihre Lippen bewegen sich. Selbst als er gequält aufschreit, hört sie nicht auf. Erst als die Ketten beginnen sich enger um seine Handgelenke zu winden und ihm dabei die Haut aufreißen und die Dornen sich tiefer und tiefer hinein drücken, presst sie ihre Lippen geschlagen aufeinander.

Mit zitternden Händen greift sie nach ihrem Dolch. Sie traut sich kaum zu Atmen. Langsam sinkt ihre Stirn an seine. Sein Körper ist fast unerträglich heiß, als würde er von innen heraus verbrennen. Dann berühren ihre Lippen seinen Mund zu einem sanften Kuss. Sie hatte ihn noch nie auf dem Mund geküsst, niemals. Auch wenn sie es sich schon oft vorgestellt hatte und sich immer wieder gewünscht hatte. Danya holt Luft, öffnet ihre Lippen und küsst ihn noch einmal mit etwas mehr Leidenschaft. Der Dolch trifft Chanelorn direkt ins Herz.

Mit einem Ruck lösen sich die Ketten von ihm und er fällt. Danya hat Mühe ihn aufzufangen. Mit Chanelorn in den Armen gleitet sie hinunter auf den Boden. Seine strahlend blauen Augen weit auf gerissen, starrt er sie nun direkt an. Bestürzt klammert sich Danya an ihren Freund. Er würde sterben, durch ihre Hand. Sie spürt, wie das Leben aus ihm heraus fließt und mit seinem letzten Atemzug verschwindet er vor ihren Augen.

“Wo ist er hin?” irritiert dreht sie sich dem Jungen zu, der immer noch ruhig hinter ihr steht.

“Das weiß ich nicht. Ein Teil von ihm ist tot, schon vor langer Zeit gestorben, als diese Stadt starb, doch ein anderer Teil ist weiter gegangen, nun da er endlich frei ist. Ich danke dir.” er hält ihr eine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. “Und nun kannst auch du endlich gehen, Danya. Diese Welt hier ist nur noch für die Schatten der Vergangenheit.”

Wie betäubt hört Danya die Worte des Jungen und nickt. “Und was ist mit dir?”

“Ich bin einer dieser Schatten. Dies hier ist nun meine Welt.”

Die letzten Worte verklingen im Wind der Veränderung, der Danya hinweg trägt in eine neue Welt, ein neues Leben, irgendwo. Vielleicht trifft sie dort auf ihren Freund Chanelorn. Mit dieser Hoffnung schließt sie die Augen und lässt sich treiben.

-Ende-

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy

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