
DAS ZWEITE ABENTEUER DER MILENA HIMIKO KOMORE
Episodengeschichte (Teil 5)
von
Felis Breitendorf & Petra Weddehage


(Zum vorherigen Teil)
Es ist so fremd und so alleine in dieser Galaxis. Es vermisst die Klänge und Farben seiner Heimat. Doch es ist ein Wissenschaftler und durch den Riss geflogen, um zu schauen, wie dieser geschlossen werden kann. Das Überleben seiner Spezies, ja seiner ganzen Galaxis, hängt davon ab. Doch nun scheint sein Ende nahe und es wird wohl seine Mission nicht zu Ende führen können. Niemand hat ahnen können, dass es hier in diesem kalten Raum keine Klänge gibt, die es umschmeichelt, keine Farben, die ihm helfen, sein Ziel zu erreichen. Seine Kräfte schwinden und so ist es nun auf diesem tristen Planetoiden gelandet, angezogen von einer Farbe so hell wie die Sterne. Hoffnungsvoll schaut es das Objekt an, das es gefunden hat. Seine Messungen haben ergeben, dass es mindestens so alt ist, wie dieser Ort hier. Wer hat es erschaffen und warum ist es zurückgelassen worden?
Der Wissenschaftler in ihm beginnt sich interessante Theorien auszudenken. Dieses runde, schwarze Ding strahlt etwas aus. Es ist wohl Energie aber leider keine, die es brauchen kann. Verzweiflung wogt durch das Wesen und läßt seinen Körper erzittern und dunkel schimmern. Kraftlos beschließt es zu meditieren.

***
“Ich bin einverstanden. Wenn ich Ihrem Vorschlag nicht zustimme, dürfen sie anschliessend eine Teillöschung meines Gedächtnisses durchführen, was dieses Gespräch betrifft, Major Tochlavski.”
Der Mann schaut mich kurz mit seinen durchdringenen Augen an und ich bemerke, dass sie einen fast stahlgrauen Farbton besitzen. Er notiert etwas in seinen Handcomputer. Danach drückt er einige Knöpfe an dem vor ihm stehenden Gerät, damit die Abhörsicherheit gewährleistet ist. Dann spricht er mit klarer durchdringender Stimme:
“Frau Komore, wie Sie sich sicherlich vorstellen können, gibt es einen Grund, warum wir Ihnen noch keinen Ersatzarm haben anpflanzen lassen, nachdem sie Ihren Shuttleunfall hatten …”
“Das hatte ich mir schon gedacht …”
“Jedenfalls geht es hier um die höchste Geheimhaltungsstufe und um die Sicherheit der Regierung der Vereinten Planetensysteme. Die VPS sind im Besitz eines außerirdischen Artefaktes in der Größe eines kleinen Schwalbeneies. Dieses Gerät ist in der Lage, eine für unsere Begriffe fast unendlich große Menge Engergie zu speichern. Außerdem kann dieses Artefakt einige erstaunliche Dinge, die ich Ihnen jetzt nicht ausführlich erläutern möchte. Dazu später, wenn Sie meinem Vorschlag zugestimmt haben. Nur so viel: Das Artefakt haben wir in einen künstlichen Arm eingebaut mit dessen Hilfe der Träger eine ganze Reihe von Fähigkeiten nutzen kann. Welche genau das sind, dazu kommen wir ebenfalls später. Können Sie sich vorstellen, dieses Gerät an Ihren Körper anpflanzen zu lassen und dann die damit möglich werdenden Aufgaben zu erledigen?”
Da ich noch immer – wenn auch in stehender Weise – im Autodoc eingeschlossen bin und nur der Kopfbereich der Maschine geöffnet ist, damit ich dieses Gespräch führen kann, sind auch noch alle Kontrollen in Betrieb und so höre ich das akkustische Signal, das meinen Herzschlag signalisiert. Ich höre, wie sich dieser Rhythmus beschleunigt, was meine Aufregung nicht besser ausdrücken könnte. Mir ist klar, dass ich jetzt an einer Wegscheide meines Lebens stehe und dass ich bestimmte Entscheidungen nicht mehr werde rückgängig machen können. Ich horche in mich hinein. Ich denke an mein bisheriges Leben und wie ich es mir eingerichtet habe und ob ich damit glücklich bin. Der Major scheint zu ahnen, was mich bewegt und welche bedeutende Wahl ich zu treffen habe. Doch er läßt mir die Zeit, auch wenn er mich dabei mit seinen durchdringenden Augen aufmerksam beobachtet. Ich finde, dass ich mehr erfahren muß, um mich zu entscheiden und frage ihn:
“Würde ich dann zum Militär gehören und nicht mehr zur ERK?”
“Frau Komore, Sie würden direkt der VPS unterstellt sein. Besser gesagt direkt dem Regierungsrat der VPS.”
“Ich würde also nicht mehr als ERK-Ermittlerin in Aktion treten? Und müßte ich militärische Aktionen durchführen?”
“Vornehmlich wären Sie VPS-Spezial-Agentin für besondere Aufgaben. Ihr Einsatzbereich würde sehr breit aufgestellt sein. Das könnten Ermittlungen für das ERK sein, aber auch polizeiliche und auch geheimdienstliche Aufträge bis hin zu militärischen Aufträgen, die vom Rat der VPS bewilligt werden müssen.”
“Was würde sich für mich ändern, für mein Leben?”
“Zuersteinmal würde sich ändern, dass ihre Tätigkeiten der Geheimhaltung unterliegen ebenso wie ihre technischen Ausstattungen und die Natur der Aufträge.”
“Würde ich denn weiterhin zur Unterstützung Teams von anderen Fachbereichen einschliesslich der technischen Ausrüstung erhalten? Und würde ich weiterhin als Teamleiterin andere Fachbereiche befehligen und leiten?”
“Das wird sich eher einschränken, insbesondere der Umgang mit anderen Menschen wird sich reduzieren, also der Umgang mit Kollegen und Fachleuten. Sie werden hauptsächlich mit ihrer festen Partnerin arbeiten, sozusagen im Zweierteam …”
“… ich bekomme eine feste Partnerin?”
“Wie soll ich es sagen, Sie werden ein eigenes Schiff erhalten, das von einer Emergenten KI kontrolliert wird und mit der Sie zusammenarbeiten würden.”
“Eine KI?”
Mit ihrem Schiff, aus einer ehemaligen Kolonie, sind sie nun hier in dieser Einöde, einem Asteroidenfeld, unterwegs. Ihr Auftrag ist einfach: Asteroiden suchen, finden, katalogisieren, analysieren und markieren. „Auf keinen Fall wollen wir havarieren“, denkt der Käpt´n und Anführer der vierköpfigen Mannschaft mit tiefschwarzem Humor. Und nun das, ein einfacher aber lebensbedrohlicher Fehler soll ihnen allen den Kopf kosten? Die Crew der ASTARDE, ein Schiff des Besitzers einer ehemaligen Bergbaukolonie, ist von einem Brocken unglücklich erwischt worden. Fast alle Energiezellen sind dabei zerstört worden, ausgerechnet die bereits geleerten Zellen sind verschont geblieben. So machen sie sich auf die Suche nach einem Landeplatz. Da entdecken sie innerhalb des Asteroidenfeldes einen Planetoiden, der vorher von den Sensoren nicht entdeckt wurde. Die Instrumente zeigen immer noch nichts an, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen und so beschließt der Käpt´n dort zu landen. „Und dann …”, denkt er bei sich, „reiß ich Murphy, diesem alten Suffkopp, den Ar— auf“.

***
Jetzt ist meine Neugierde wirklich geweckt. Eine KI, die ein Schiff befehligt oder kontrolliert? Das sind ja ganz neue Töne! Ich dachte immer, dass die Paranoia des Militärs es nicht zulassen würde, einer KI die alleinige Befehlsgewalt eines Raumschiffes zu übertragen, vor allem dann, wenn es bewaffnet ist. Dann kann es sich ja nur um ein sehr kleines unbedeutendes Schiff handeln, das weder Bewaffnung noch gefährliche Güter an Bord hat. Deshalb wird meine nächste Frage auch ein wenig forscher:
“Sie meinen, ich bekomme ein Shuttle, das von einer KI gesteuert wird und damit werde ich auf den entsprechenden Planeten landen und meinen jeweiligen Auftrag ausführen?”
“Frau Komore,” presst der Major aus sich heraus, wobei ihm seine Genervtheit darüber, dass er mir nicht zu viele Details offenbaren kann, bevor ich nicht fest zugesagt habe, ins Gesicht geschrieben steht, “ich verstehe ja, dass Sie mehr Information haben möchten. Bedenken Sie bitte, dass wir nur eine begrenzte Menge an Daten Ihrem Gedächtnis entnehmen können. Ohne dabei Schäden anzurichten, stoßen wir bereits jetzt an diese Grenze. Ich schlage vor, dass ich mir einen Kaffee hole und Sie sich inzwischen Gedanken machen, ob Sie den letzten Schritt tatsächlich gehen möchten.”
Auf die Frage des Majors an den Autodoc, ob ich bereits in der Lage sei, ebenfalls einen Kaffee zu goutieren, lehnt dieser strickt ab und verlässt den Raum.
In meinem Kopf beginnt sich das Karussell zu drehen. Natürlich bin ich inzwischen ganz heiß darauf, die Fähigkeiten des neuen Wunderarms auszutesten. Auf der anderen Seite ist die Sache mit der Geheimhaltung ziemlich heikel. Sowas führt meistens zur Einsamkeit, denn man kann ja dann mit niemandem mehr offen sprechen. Hinzu kommt die Sache mit der KI. Ich bin da wirklich ein gebranntes Kind. KIs sind in meinem Leben immer als Problemmacher aufgetreten. Selten mal, dass diese neunmalklugen Dinger mir in irgendeiner Weise hilfreich waren. Warum will man ausgerechnet mir eine solche Maschine aufbürden. Auch noch eine Emergente. Das ist eine ganz andere Sache als ein Computerprogramm oder selbst eine Sub-KI, die nach festen Regeln “denkt”. Auch mit perfektem Wissen über die kompletten Bestandteile und Fähigkeiten einer solchen Emergenten KI, lassen sich die Ergebnisse kaum vorhersagen. Es bleibt ein unvorhersehbares Risiko, einer Emergenten KI bestimmte Aufgaben zu überlassen, die für Menschen oder deren Sicherheitssystem von Bedeutung sind. Da ist es meist “sicherer”, sich “nichtbewußten” Subroutinen und -programmen anzuvertrauen, als solchen bewußten künstlichen Wesen. Mir wird klar, dass mich solche Gedanken nicht wirklich weiter bringen oder zu einer Lösung für mich führen werden. Ich werde nicht umhin kommen, ein Risiko einzugehen.
Als Major Tochlavski den Raum mit einem Becher Kaffee in den Händen betritt, habe ich mich zu einer Enscheidung durchgerungen. Ich werde mich darauf einlassen, auf dieses neue Abenteuer als Super-Agentin.
Als ich Major Tochlavski mitteile, den vorgeschlagenen Weg zu gehen, scheint er doch irgendwie nachdenklich. Bestimmt denkt er, dass ich nicht wirklich verstanden habe, auf was ich mich da einlasse. Er hinterfragt meine Enscheidung jedoch nicht, sondern steht mir und meinen Fragen nun bedingungslos zur Verfügung. Ich frage deshalb geradeheraus: “Wie kommt es, dass ich für diese sicherlich verantwortungsvolle Aufgabe überhaupt in Frage komme?”
Der Major schaut mir in die Augen und antwortet: “Sie sind eine von fünf Personen, die in Frage kommen. Ihr Shuttleunfall hat schließlich dazu geführt, dass wir uns spontan entschlossen haben, Ihnen dieses Angebot zu machen.”
Ich schweige einen Moment und frage dann eher vorsichtig: “Was passiert, wenn ich mich als ungeeignet für diese Aufgabe erweise? Dann wird man mich sicherlich nicht wieder gehen lassen. Und eine Löschung des Gedächtnisses in größerem Umfang ist ja dann auch nicht mehr möglich.”
Der Major scheint mit einer solchen Frage gerechnet zu haben und anwortet: “Dazu wird es wohl nicht kommen, denn die Auswahl auf fünf Personen, die für diese Aufgabe in Frage kommen, schließt dies nahezu aus. Wir haben uns ein derart detailiertes Bild von ihrem Wesen, ihrer Psyche und ihrem Verantwortungsgefühl und nicht zuletzt von ihren Fähigkeiten, die Sie vor allem als ERK-Ermittlerin im Laufe der Jahre allzuoft bewiesen haben, machen können, dass wir ein Versagen im Prinzip ausgeschlossen haben.”
“Und wenn doch?”
“Wenn doch, werden wir einen entsprechenden Weg oder eine Lösung finden, mit der wir alle leben können. Ein bisschen Vertrauen Ihrerseits sollte es schon auch geben,” wobei er zum ersten Mal eine Andeutung eines Grinsens macht und fortfährt: “schliesslich bringen wir Ihnen ja auch ein erhebliches Maß an Vertrauen entgegen, wenn wir das Objekt in Ihre Hände geben, besser gesagt in Ihren neuen Arm einbauen.”
“Jetzt möchte ich mehr darüber wissen, was es mit dem ARTEFAKT auf sich hat und wie das mit dem Arm funktionieren wird, Major!”

(wird fortgesetzt!)
Copyright © 2013 by Felis Breitendorf & Petra Weddehage
Bildrechte: “AbenteuerMilenaHimikoKomore” (AbenteuerMilenaHimikoKomore11.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Bildrechte: “Die Raumfahrerin” (Raumfahrerin 22,5mm hoch.jpg) © 2013 by Detlef Hedderich/sfbasar.de
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BUCHTIPP DER REDAKTION:

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Zeichnungen von Guillory, Rob. Übersetzt von Frisch, Marc Oliver
Verlag : Cross Cult
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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 10.08.2012
Seiten/Umfang : ca. 128 S. – 18,0 x 12,0 cm
Produktform : B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum : 1. Aufl. 12.2012
Tony Chu – der cibopathische Bundesagent, der von allem, was seinen Gaumen kitzelt, übernatürliche Eindrücke erhält und damit bereits so manch heiklen Fall gelöst hat – ist entführt worden. Er wurde in einen Hinterhalt gelockt, K. O. geschlagen, an einen abgelegenen Ort verschleppt und ohne die geringste Chance auf Flucht festgesetzt. Um von seinen Fähigkeiten zu profitieren, plant Tonys Entführer, ihn mit einem Menü seiner Wahl zu füttern, um herauszufinden, was Tony „sehen“ kann. Tonys Tochter Olive wurde aus dem gleichen Grund entführt. Zwei Kidnapper, zwei Entführte und zwei sehr unterschiedliche Ergebnisse …Der fünfte Band der mit dem Harvey-Award und mehreren Eisner-Awards ausgezeichneten Serie über Bullen und Buletten, Köche und Kannibalen, Erleuchtete und Entführer!
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