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Literatur-Blog

DIE CLIQUE AUS DER INQUISITIONSTREET – Eine Kriminalkurzgeschichte von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 7. Mai 2012

Die Clique aus der Inquisitionstreet

Kriminalkurzgeschichte

von

Miriam Kleve

Die Wagen standen mit der Motorhaube voran auf der großen Klippe, die Rome hoch überragte und als Love-Spot bekannt war. Die Sonne versank malerisch am Horizont. Die Stadt wirkte wie auf einem antiken Ölgemälde.

Die Clique hatte es sich vorne an der Kante gemütlich gemacht und genoss den Ausblick. Sie stützten sich an der Leitplanke ab und spuckten Kirschkerne in die Tiefe. Es waren Ferien und die Freunde genossen es, endlich mal wieder beisammen zu sein. Das Leben hatte sie in unterschiedliche Richtungen gedrängt, aber ihre Freundschaft war wie ein Gummiband, dass sie immer wieder nach Rome und zueinander zog.

„Wo bleibt denn Ann-Marie?“ Andy hatte es sich auf dem Boden bequem gemacht. Er drehte an der Lautstärke des CD-Spielers, der an seinem Rollstuhl festgemacht war. Andy wippte mit dem Kopf zum Takt von „Take The Power Back“ und sah gelegentlich die Straße hinab.

Kelly stöhnte auf. „Das kann dauern. Ann hat noch was zu erledigen.“ Kelly war zwar die Jüngste der Clique, hatte aber gleichzeitig mit ihnen die Highschool abgeschlossen. Seitdem war sie immer müde und leicht zu reizen, wie Tim fand.

Er saß jenseits der Leitplanke und ließ gemütlich seine Beine über dem Abgrund baumeln. Neben ihm lag ein Haufen Schokoladenriegelpapier. Unglücklich sah er auf den letzten Riegel, der in seiner Brusttasche steckte. Sein Vorrat schmolz immer so schnell dahin, während sein Bauch mit der gleichen Geschwindigkeit zulegte.

„Jetzt noch?“ fragte Tim abwesend. „Am Telefon hat sie gesagt das Treffen geht klar.“ Er beschloss sich dem Übel zu stellen und den Schokoladenriegel sofort zu vertilgen.

Kelly biss sich auf die Unterlippe und verfluchte sich innerlich, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben. Dann beschloss sie, dass die Jungs es nicht anders haben wollten. „Ann hat einen Freund.“

Es war plötzlich ruhiger auf dem Love-Spot. Nur das Zirpen der Grillen, Tims Schmatzen und die ersten Zeilen von „Settle For Nothing“ waren zu hören. Andy schaltete die Musik aus.

„Schon länger?“ fragte er zögerlich. Seine Stimme zitterte leicht.

„Seit einigen Wochen. Die beiden gehen aufs gleiche College. Es ist Jimmy Glass.“ Kelly beschloss es so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen. Sie wusste, dass Andy ein Auge auf Ann geworfen hatte.

„Oh“, kam es Tim über die Lippen. Er wuchtete seine Massen in die Höhe und machte einen Schritt über die Leitplanke hinweg. Während Andy sein Asthmaspray zog, wählte Tim auf dem CD-Spieler „Know Your Enemy“ aus und ließ sich dann neben seinen Freund plumpsen.

„Ich weiß nicht was ich sagen soll, ohne dass es peinlich wird“, erklärte Tim.

Andy sah ihn gequält lächelnd an. „Es wird gerade sehr peinlich, Kumpel.“

Tim nickte nur und sah dann über Rome hinweg. „Romantischer Sonnenuntergang.“ Er zog die Nase hoch. „Sollten wir öfter machen.“ Schweigen. Dann brachen beide in lautes Gelächter aus.

Kelly schüttelte verständnislos den Kopf. „Jungs.“ Sie sah einen weißen Ford Taurus SHO die Straße hochfahren. „Ann kommt.“

Der Ford bremste scharf neben den anderen Wagen und Dreck spritzte zur Seite weg. Die Fahrertüre schwang auf und Kelly stieg aus. Sie hatte sich in Schale geworfen und sah einfach umwerfend aus. Minirock, Bluse und Lederweste. Ihre blonde Löwenmähne verdeckte ein Großteil des Gesichts.

„Sorry, Leute. Ich wurde aufgehalten. Beinahe hätte ich es nicht geschafft.“ Sie öffnete eine der hinteren Wagentüren und reckte sich in den Innenraum. Dabei kamen ihre langen Beine besonders zur Geltung. „Dafür habe ich uns etwas mitgebracht.“

Andy und Tim saßen auf dem Boden und genossen einen besonders freizügigen Ausblick. Kelly schüttelte unmerklich den Kopf. Sie nahm sich vor, mal in einer ruhigen Minute mit Ann darüber zu reden, dass selbst die besten Freunde einfach auch nur Männer waren. Aber vielleicht gehörte das auch nur zu einem der neuen Spielchen, die Ann in letzter Zeit spielte.

Ann-Marie drehte sich freudestrahlend um und hielt ein Six-Pack hoch. „Bier für alle!“ rief sie fröhlich aus und trippelte zu den anderen.

„Wo hast du das denn her?“ kam es Kelly über die Lippen.

„Beziehungen“, lachte Kelly und zwängte sich zwischen Andy und Tim. „Ah, ‘Rage Against The Machine’“, erkannte sie das Album und reichte jedem eine Dose. „Nett.“ Sie gab Kelly auch ein Bier. „Auf unsere Freundschaft!“ rief sie aus, zog den Verschluss auf und setzte die Dose an. Die anderen sahen erstaunt zu, wie Ann-Marie ihr Bier in einem Zug leerte.

„Was hast du denn da?“ fragte Andy unvermittelt.

Ann-Marie griff an ihre linke Wange. Das Haar war etwas zur Seite gerutscht und nun war deutlich ein großer Bluterguss zu sehen. „Ach das. Ich habe gestern im Keller was hochholen wollen. Und ihr wisst ja wie das ist. Bevor man sich versieht läuft man im Dunkeln auch schon gegen den Türrahmen. Noch ein Bier? Im Auto liegen noch ein paar Dosen.“

„Geht nicht“, erklärte Tim und stellte seine Dose ab. „Der Coach hat gesagt Alkohol ist schlecht fürs Spiel. Und ich brauche das Stipendium. Der Coach sagt ich bin einer der besten Linebacker und habe das Zeug zum Profi.“

„Und was ist mir dir?“ Ann-Marie sah zu Andy.

Der stellte die Dose vorsichtig auf dem Boden ab. „Alkohol und Medikamente vertragen sich nicht. Sorry, ich muss passen.“

„Gilt auch für mich.“ Kelly gab das Bier an Ann-Marie zurück, die eine Schnute zog. „Es sind zwar Ferien, aber ich will trotzdem pauken. Mit etwas Glück bin ich früher mit der Uni fertig als gedacht und kann durchstarten.“

Ann-Marie seufzte und machte sich eine weitere Dose auf. „Leute, wann habt ihr angefangen so langweilig zu werden“ Sie lachte und trank, während sich die anderen vielsagende Blicke zuwarfen.

* * *

Die Clique traf sich am nächsten Morgen im Barney’s zum Frühstück. Ann-Marie war verkatert und hatte eine große Sonnenbrille aufgesetzt. Mit ihrer knappen beigen Leinenkombination zog sie prompt die Aufmerksamkeit der männlichen Gäste auf sich. Das war Andy unangenehm, denn damit rückte er auch in den Fokus. Kelly presste genervt  ihre Lippen fest zusammen, während sich Tim nur Gedanken über seine Bestellung machte.

„Leute, wie bin ich denn gestern nach Hause gekommen?“ fragte Ann-Marie und bestellte sich bei der Bedienung, Cathy Shelter, ein Wasser, um damit die Kopfschmerztabletten runterzuspülen.

„Tim hat dich heute Morgen über die Schulter geworfen und dann nach Hause geschleppt.“, erklärte Kelly. Sie entschied sich für einen starken Kaffee mit viel Zucker.

„Danke, mein Großer.“ Ann-Marie gähnte. „Ich hoffe, ich habe nichts Dummes angestellt.“ Sie lächelte in die Runde.

„Nein“, erklärte Tim und bestellte einen Burger, Pommes, Kuchen, eine extra große Cola und einige Pancakes. „Du hast mir bei euch zu Hause über den Rücken gekotzt. Aber das ist schon in Ordnung.“

Trotz Sonnenbrille war zu sehen, dass Ann-Marie rot anlief. „Sorry, Tim. Das war keine Absicht.“

„Dann hättest du weniger trinken sollen“, setzte Kelly spitz hinzu.

Andy sprang verbal dazwischen, bevor ein Streit entbrannte. „Nur die Ruhe, Freunde. Wir sehen uns zu selten, um die wertvolle Zeit zu vertrödeln. Wir sollten uns überlegen, was wir heute anstellen.“

Die Clique dachte darüber nach an den Strand zu gehen oder das alte Baumhaus zu besuchen, aber so richtig überzeugend war für sie keine der Ideen. Cathy brachte gerade die Bestellung, als Kelly ein Resümee zog: „Leute, wir haben uns verändert.“

Tim stapelte die Teller vor sich auf und lächelte glücklich. „Danke, Cathy.“

Erst jetzt schien Ann-Marie zu merken, wer sie bediente. „Cathy? Sorry, ich hatte dich gar nicht sofort erkannt.“

Die junge Bedienung lächelte gequält. „Schon in Ordnung, Ann.“ Beide waren im gleichen Alter und hatten auf der Highschool viele Kurse gemeinsam belegt.

„Was machst du so?“ hakte Ann-Marie nach und nippte an ihrem Mineralwasser. „Auf was für ein College gehst du?“

Cathy wurde rot. „Ich habe es erst einmal nach hinten geschoben. Gibt viel zu tun. Ich muss wieder los, mein Dad guckt schon.“

Ann-Marie sah Cahy hinterher, die in der Küche verschwand, um die nächste Bestellung fertig zu machen. „Die ist aber komisch geworden.“

„Cathy hatte viel Pech nach der Highschool“, erklärte Kelly. „Ihr Dad ist einem Betrüger aufgesessen und hat dabei auch Cathys Collegefond verloren. Ihre Mom hat die Scheidung eingereicht, das Haus ist weg und jetzt lebt Cathy mit ihrem Dad im Hinterzimmer des Barney’s. Deswegen hat auch ihr Freund mit ihr Schluss gemacht.“

Ann-Marie hob die Hand vor den Mund, was Kelly als affektierte Geste einstufte. „Das ist ja schrecklich. Das habe ich gar nicht gewusst.“

„Es passiert eine Menge in Rome, von dem du nichts weißt“, erklärte Kelly. „Vor allem in unserem Viertel.“

„Ich kann mich ja nicht um alles kümmern. Es gibt viel zu tun. Das College nimmt mich vollständig in Beschlag“, rechtfertigte sich Ann-Marie angesäuert. „Das lernen fällt nicht jedem so leicht wie dir.“

Kelly starrte Ann-Marie wütend an. Erneut versuchte Andy die Situation zu retten und plapperte über das Erste, was ihm einfiel. „Leute, habt ihr schon von der Einbruchsserie gehört?“ Andy pickte sich eine dicke Pommes von Tims Teller und tunkte sie in etwas Burgersauce. „Die Polizei ist ziemlich ratlos. Lamar sagt, er hätte noch nie soviel Hektik auf dem Revier erlebt. Die Einbrecher haben nämlich auch das Haus vom Bürgermeister ausgeraubt.“

„Bei Josh Cartwright wurde auch eingebrochen?“ Ann-Marie war fassungslos. „Ich meine, bei seinem Dad. Mein Gott, wie schrecklich für Josh. Wann war denn das?“

„Eine Woche vor den Ferien“, erklärte Tim mit vollem Mund. „Aber es ist schon davor losgegangen.“

Andy nickte. Er riss sich einen halben Pancake von Tims Stapel ab. „Im Abstand von mehreren Tagen. Seit mehr als acht Wochen. Es trifft aber immer nur die wohlhabenden Leute. Die treten der Polizei zwar kräftig in den Arsch, aber der Sheriff hat keine Ahnung, was er machen soll. Die Einbrecher leisten ganze Arbeit. Lamar sagt, so etwas Schnelles ist ihm noch nie untergekommen. Und ihr kennt meinen Bruder, der übertreibt nie.“

Die anderen nickten zustimmend. „Wie schnell sind die denn?“ wollte Kelly wissen.

„Verdammt schnell.“ Andy zog einmal kräftig am Trinkhalm von Tims Cola. „Sobald der Alarm ausgelöst wird sind alle auf den Beinen. Beim letzten Mal war der Wagen innerhalb von einer Minute vor Ort. Aber die Einbrecher waren schon weg. Lamar meint, das die wohl ganz gut organisiert vorgehen müssen. Sie klauen auch nur das wirklich wertvolle Zeug. Und zwar sehr gezielt.“

Ann-Marie dachte nach. „Wahrscheinlich ist mein Dad deswegen die ganze Zeit so gereizt. Ich meine, es ist ja sein Job die Leute zu versichern. Wenn die jetzt alle bestohlen werden, dann macht das keinen guten Eindruck bei bei seinen Chefs.“

Tim nickte kauend. Er trennte mit der Gabel ein Drittel vom Kuchen ab und schob das Stück auf einer Serviette zu Andy. „Auf dem Feld machen wir auch schnelle Spielzüge. Aber Einbrechen unter einer Minute? Unmöglich. Wer soll denn so etwas bewerkstelligen? Höchstens die Leichtathleten der Highschool oder die Leute vom Rome Sports College.“

Die vier Freunde dachten nach. Kelly biss sich auf ihre Unterlippe. „Ich meine, auch der alten Zeiten wegen, ich bin schon neugierig.“

Andy biss in den Kuchen. „Der alten Zeiten wegen klingt gut. Wäre ja nicht unser erstes Mal.“

„Ich könnte daheim mal mit meinem Daddy reden, was der so weiß“, meinte Ann-Marie. Sie war glücklich, dass es in der Clique doch noch Gemeinsamkeiten gab.

Tim nickte. „Gute Idee. Ich werde noch etwas Nervennahrung besorgen. Und dann treffen wir uns heute Nachmittag bei Andy daheim.“

* * *

„Mein Gott, was ist das denn hier?“ Ann-Marie drehte sich mehrmals auf der Stelle und besah sich erstaunt das Equipment, dass Andy in der Garage installiert hatte. „Also hier passt kein Auto mehr rein.“

Überall standen Computer, lagen Elektronikteile oder verliefen Kabel. Die Garage war ein Sammelsurium unterschiedlichster Gerätschaften. Andy hatte es sich, mit seinem Rollstuhl, vor einem der wuchtigen Computertische gemütlich gemacht. Hinter ihm an der Wand hing ein altes Poster der Bill Cosby Show.

„Mein kleines Reich. Von hier aus kann ich mit der ganzen Welt in Kontakt treten. Ich habe ganz viele Ideen. Es ist unglaublich, was man alles mit Computern anstellen kann. Ich war ja schon von Windows 2 und Windows 3 begeistert, aber das neue 3.1 ist einfach genial.“ Andy war ganz aufgregt.

Kelly, Ann-Marie und Tim sahen ihren Freund an und lächelten. Sie konnten seine Begeisterung für Computer schon lange nicht mehr nachvollziehen, aber sie waren glücklich ihn glücklich zu sehen.

„Mein Dad war unterwegs. Deswegen habe ich die Unterlagen aus dem Safe genommen und mitgebracht.“ sagte Ann-Marie und ging zu ihrem Ford Taurus. „Bis zum Abend sollte ich sie zurücklegen. Schaffen wir das?“

Tim nickte. „Klar schaffen wir das.“ Er zeigte ihr den Daumen hoch.

Die Clique setzte sich an die Arbeit und ging gezielt die Unterlagen durch. Ann-Marie schlug Tim mehrmals verspielt auf die Hände, wenn er mit schokoladebeschmierten Fingern die Akten durchblätterte und dabei seine Spuren hinterließ. Kelly sammelte in aller Ruhe die wichtigen Informationen, die Andy zur Sicherheit in eine Datenbank übertrug. Für alle Fälle.

Irgendwann flog der erste Papierflieger quer über den Tisch, dann gab es eine regelrechte Papierballschlacht, an deren Ende alle lachend auf dem Boden lagen und sich die Bäuche hielten.

„Wird wohl doch etwas länger dauern, die Unterlagen zurückzulegen“, kicherte Ann-Marie und schnappte nach Luft. „Wir sollten vorher auch mal mit dem Bügeleisen drübergehen.“

Kelly zog sich am Tisch hoch und ließ sich atemlos auf den Stuhl fallen. „Gute Idee“, stimmte sie vergnügt zu. „Was haben wir denn jetzt eigentlich alles zusammengetragen?“

Andy zog sich in eine aufrechte Sitzposition. „Ich würde ja gerne nachgucken. Aber irgendwie habe ich meinen Rollstuhl verloren.“

Erneut brachen die Freunde in lautes Gelächter aus. Tim ging nach Draußen und holte den Rollstuhl wieder rein. „Mal wieder etwas verbeult. Aber noch in Ordnung.“ Er half seinem Freund in das Gefährt und schob ihn an den Tisch ran. Anschließend setzte sich Tim ebenfalls. „Also, wie geht es weiter?“

Kelly zählte alle Leute auf, bei denen eingebrochen wurde. Die anderen hörten ganz genau zu. Am Ende gab es eine Liste mit beinahe zwanzig Einbrüchen.

„Laut der Polizei gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern. Einige sind zwar miteinander verwandt oder bekannt, aber eben nicht alle“ erklärte Andy. „Alle Einbrüche geschahen im Abstand von drei bis vier Tagen. Seit dem letzten Einbruch ist allerdings mehr Zeit vergangen. Lamar glaubt, das liegt an der erhöhten Polizeipräsenz in den reicheren Vierteln. Allerdings geht es nun in den ärmeren Viertel rauer zu.“

Kelly sah sich die Liste genau an. „Alles bekannte Namen. Einzig, dass alle reich sind ist eine Gemeinsamkeit. Aber das ist bei Einbrüchen normal. Kein Dieb versucht eine arme Kirchenmaus auszurauben.“

Die beiden Jungs nickten zustimmend. Nur Ann-Marie nicht. Sie hatte ihre Hand gehoben und sprach mit leiser Stimme. „Ich glaube es gibt eine weitere  Gemeinsamkeit. Um ehrlich zu sein, ich weiß es ganz genau.“

Die Köpfe von Ann-Maries Freunden ruckten augenblicklich in ihre Richtung. Sie zuckte mit den Schultern. „Um ehrlich zu sein. Alle haben ihre Versicherungen bei meinem Dad abgeschlossen. Aber das ist ja sein Job. Der Punkt ist der“, sie wirkte nun unsicher, „ich bin die Gemeinsamkeit.“

Kelly runzelte die Stirn. „Du? Wie soll ich das denn verstehen? Bis du unter die Einbrecher gegangen?“

Ann-Marie schüttelte energisch ihren Kopf, was ihre Löwenmähne wild herumwirbeln ließ. „Nein, natürlich nicht. Es ist aber so, dass all diese Leute Söhne oder Enkel haben. Und allesamt ungefähr in meinem Alter.“

„Das ist aber nicht ungewöhnlich. Immerhin sind es ja auch alles Kunden deines Vaters. Die kennst du deswegen halt.“

„Das stimmt schon, Kel. Aber … genau mit den Leuten von der Liste bin ich vor einigen Wochen auf einem Ausflug gewesen. Ich hätte es jedenfalls sein sollen.“

Die anderen sahen Ann-Marie neugierig an. „Wie meinst du das genau?“ fragte Andy nachdenklich.

Ann-Marie druckste erst herum, dann kam sie zur Sache. „Jimmy hat vor ein paar Wochen einen Ausflug für Freunde organisiert. Wir waren gerade zusammengekommen und ich war natürlich eingeladen. Es sollte ein Partywochenende werden.“

Andy schnaubte. „Jimmy Glass. Ich hätte es wissen sollen.“

„Nein, Andy. Hör endlich auf damit und vergiss mal die alten Streitigkeiten. Jimmy ist nicht mehr wie früher. Er ist viel erwachsener“, verteidigte Ann-Marie ihren Freund.

Nun schnaubte Kelly. „Ja, das haben wir alle gesehen, Ann.“

Ann-Marie funkelte Kelly wütend an. „Das ist ganz alleine meine Sache. Außerdem geht es doch gar nicht darum. Es geht nur um die Gemeinsamkeit. Und die ist nicht nur Jimmy, sondern die bin ich auch.“

„War an diesem Wochenende etwas besonderes?“ hakte Tim nach, der Andys Wut auf Jimmy zu umschiffen versuchte. „Vielleicht jemand mal mit den Schlüsseln alleine gewesen?“

Kelly schüttelte den Kopf. „Mit den Schlüsseln alleine würdest du die ganzen Sicherheitssysteme nicht ausgeschaltet bekommen.“

„Stimmt“, erklärte Ann-Marie. „Da brauchst du Zahlencodes und Safekombinationen. Und du musst wissen, wann die Leute unterwegs sind.“

„Außerdem“, fuhr Ann-Marie fort, „waren Jimmy und ich gar nicht dabei. Alle die Namen standen auf seiner Gästeliste. Jimmy hat kurzfristig abgesagt. Wir wollten … wir wollten unsere eigene Party feiern. Die Hütte war aber schon gemietet. Also hat er das Wochenende für sine Freunde trotzdem steigen lassen.“

„Okay“, sagte Kelly gedehnt. „Dann wäre die Sache ja geklärt. Die Gemeinsamkeit wäre dann dieses besagte Wochenende in der Hütte. Wir sollten also mit jemandem sprechen, der dabei war. Und die Auswahl scheint ja groß genug zu sein.“

Ann-Marie dachte kurz nach. „Wir sollten mit Bert van Beveren reden. Er ist in der Stadt und ein ziemlich netter Kerl. Berts Eltern machen in Antiquitäten und Kunst. Laut den Unterlagen meines Dads sind ihnen einige wertvolle alte Zertifikate und Briefe abhanden gekommen.“

* * *

„Ich bin sicher, wir hätten Lamar anrufen sollen“, maulte Andy, während ihn Tim über den knirschenden Kiesweg schob.

„Wenn wir uns irren, dann ist die ganze Sache nur peinlich.“ Tim schüttelte den Kopf. „Nein, wir machen das erst einmal alleine.“

Kelly kicherte nervös. „Als Kind war das cooler.“

„Du machst, dass ich mir gerade ziemlich doof vorkomme“, stimmte Ann-Marie lachend ein.

Das Anwesen der van Beverens war ein alter, eckiger Kasten mit drei Stockwerken, der inmitten eines ausladenden Parks lag. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass hier Geld zuhause war.

Bert war überrascht die Clique aus der Inquisitionstreet zu sehen. Als er Ann-Marie erkannte bat er die vier jedoch widerwillig herein.

Bert war hochgewachsen, muskulös und hatte ein kantiges Gesicht. Sein blondes Haar fiel bis knapp über die Ohren. Er lehnte lässig an der Bar des Hauses und nippte an einem Glas Bourbon. Obwohl er versuchte lässig zu wirken, war ihm die Nervosität anzumerken.

„Und warum kommt ihr jetzt ausgerechnet auf mich?“ wollte er wissen und sah Andy abfällig an. „Ihr hättet doch auch mit den anderen Jungs sprechen können.“

Tim kaute ein Pfefferminzkaugummi und schüttelte den Kopf. Berts Unbehagen schien ihm große Freude zu machen. „Nope. Du bist doch ein ziemlich netter Kerl, denke ich mir. Also wollen wir mit dir reden.“

„Dann sollten wir uns beeilen.“ Bert nickte in Andys Richtung. „Meine Eltern kommen bald zurück. Und sie mögen keine Schwarzen.“

„Kann ich verstehen“, stimmte Tim zu. „Ich haue auch lieber auf die Blonden.“ Seine Stimme war ruhig, aber Bert verstand die mitschwingende Drohung.

„Okay. Nur keinen Streit, Leute“, mischte sich Ann-Marie ein. „Bert, an dem Wochenende in der Hütte, ist da was besonderes passiert?“

Der Blonde schreckte ertappt zusammen. „Nein, überhaupt nichts“, presste er stotternd hervor. „Wir hatten unseren Spaß. Vielleicht ein paar Bier zuviel. Aber das war es auch schon. Warum wollt ihr das denn wissen?“

„Weil bei allen Familien eingebrochen wurde, von denen jemand auf der Party war.“ Kelly zog die Liste aus der Tasche.

Bert schluckte „Das kann Zufall sein. Es gibt viele Zufälle.“

„Quatsch mit Soße!“ rief Andy erregt aus und inhalierte sein Asthmaspray. „Ich werde hier warten, bis deine Eltern kommen. Und dann sollen die einem Schwarzen erklären, ob sie das für einen Zufall halten.“

„Hey, Mann, spinnst du?“ entfuhr er Bert. „Das könnt ihr nicht machen. Das gibt einen Skandal der die VIPs in Rome in Verruf bringt.“

„VIPs?“ wollte Tim wissen.

„So nennen sich die oberen eintausend der Stadt selbst.“ Ann-Marie fuhr sich durch ihr Haar. „Also ist doch etwas auf der Party passiert.“

Kelly lächelte Bert freundlich an. „Wir sind der Sache eh schon auf der Spur.“

„Genau“, sprach Andy weiter. „Du kannst es auf die zarte oder auf die harte Tour haben. Aber du bekommst es.“ Er klang wie eine der Filmrollen, die er so gerne mochte. Shaft oder Ricardo Tubbs. Seine Freunde wussten es nie so genau.

Bert hob abwehrend die Hände. „Es war nicht meine Idee. Wir hatten ja plötzlich zwei Plätze frei. Also das Doppelzimmer. Keiner hatte seine Freundin dabei. Dafür gab es ordentlich Bier. Und einer hatte Muntermacher mitgebracht. Ich weiß gar nicht mehr. Die kleinen Pillen gab es jedenfalls haufenweise in der Hütte. Dazu harte Musik. Und plötzlich stand sie da und hat uns ganz heiß gemacht. Sie meinte es ginge in Ordnung und sie sei gekommen, um etwas Spaß zu haben. Mit uns. Ganz unverbindlich.“

Die Clique war sprachlos über das, was sie gerade hörten. Tim lief sogar rot an als er langsam verstand, worauf Bert hinauswollte.

„Es lief alles nicht wie geplant.“ Tränen der Scham standen plötzlich in den Augen des van-Beveren-Sprösslings. „Irgendwie machte sich alles selbstständig. Aber sie wollte es ja auch. In jedem verdammten Zimmer, zu jeder verdammten Uhrzeit und mit jedem von uns verdammten Kerlen.“

Bert schleuderte sein Glas gegen die Wand, wo es klirrend zerschellte. Bourbon spritzt nach allen Seiten weg. „Ich fühle mich seitdem so dreckig. Ich habe einfach die Kontrolle verloren. Und dann wurde es schlimmer.“

„Wer?“ fragte Andy tonlos. „Wer?“

„Cathy“, kam es Bert leise über die Lippen. „Cathy Shelter.“

* * *

Die Clique traf Cathy im Barney’s an. Sie war bei der Arbeit und wirkte nervös. Erneut versuchte sie Ann-Maries Blicken auszuweichen.

„Cathy, wir würden gerne unter vier Augen mit dir reden“, erklärte Tim. Dann verbesserte er sich. „Ich meine natürlich zehn Augen.“

„Warum? Was wollt ihr von mir?“ Cathy sah unglücklich drein. Ihr hübsches Gesicht war plötzlich von Angst gezeichnet. „Wenn ihr nichts bestellen wollt, dann müsst ihr gehen.“

„Was ist hier los?“ fragte eine tiefe Stimme. Von hinten näherte sich Barney Shelter, Cathys Vater. „Liebes, gibt es Ärger?“

„Nein, Dad, die vier wollten gerade gehen.“

Tim schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Mister Shelter. Tut mir leid, aber Cathy hat sich ordentlich Probleme aufgeladen.“

Mister Shelter sah seine Tochter an, der leise Tränen über die Wange rannen. „Liebes?“ Die Stimme des alten Mannes war besorgt. „Kleines?“

Die anderen Gäste waren nun aufmerksam geworden und sahen in Richtung der kleinen Gruppe. Einer von ihnen, ein schlanker Schwarzer, der wie eine ältere Version von Andy aussah, kam herüber. „Hi, Leute. Was ist hier los?“

„Lammy“, stöhnte Andy auf und fing sich einen unwirschen Blick seines großen Bruders ein. „Was machst du denn hier?“

„Ich wollte mir einen extrastarken Kaffee nach der Arbeit gönnen, Andrew. Aber scheinbar gibt es hier Probleme. Und ein guter Cop ist immer im Dienst. Wir sollten die Sache lieber hinten im Büro klären.“

Barney Shelter wurde rot und wirkte peinlich berührt. „Ja, natürlich.“

Lamar sah sich im Büro um. „Nett, sie haben einige Möbel hier untergestellt. Sogar Betten. Eine gute Idee. So ein Mittagsschläfchen steigert die Produktivität.“

Andy wusste nicht ob sein Bruder gerade unheimlich dumm oder unheimlich freundlich war. „Lamar, bei der Sache geht es um die Einbruchserie der letzten Wochen.“

Mister Shelter sah Andy neugierig an, während sich Cathy setzte. Sie war nur noch ein Häufchen Elend.

Ann-Marie stupste Tim mit dem Ellenbogen in die Seite und flüsterte ihm was ins Ohr. Tim nickte nur und ergriff das Wort: „Ja, es geht um die Einbruchserie. Zufällig haben wir die fehlende Verbindung entdeckt und sind ihr gefolgt. Was wir dabei herausgefunden haben, wird in Rome niemand gerne hören wollen.“

Tim war zudem unwohl, klare Worte finden zu müssen. Andy zog einen Schokoladenriegel aus der Tasche und gab ihn Andy. Glücklich riss dieser das Papier auf, während er weitersprach. Die Vorfreude auf den Keks und das Karamell machte ihm die Sache irgendwie leichter.

„Vor einigen Wochen gab es eine ausschweifende Wochenendparty. Eine sehr ausschweifende Party, bei der Alkohol und Drogen konsumiert wurden.“ Kelly nickte Tim aufmunternd zu. Er traf die richtigen Worte.

Tim bis ein Stück vom Schokoladenriegel ab und sprach kauend weiter: „Auf dieser Party erschien ein Überraschungsgast. Eine junge und hübsche Frau, die den, allesamt allein angereisten, Herren sexuelle Gefälligkeiten erwies. Und zwar allen.“

Mister Shelter sah ratlos in die Runde. „Das verstehe ich nicht. Was hat das mit meiner Cathy zu tun?“ Er drehte sich zu seiner Tochter und war über ihren Anblick schockiert. „Kleines?“ Tränen schossen ihm in die Augen. „O nein.“ Mit einem Schritt war er bei seiner Tochter und nahm sie tröstend in die Arme.

Lamar beugte sich zu Andy hinab. „Ich hoffe es kommt jetzt irgendeine Art von Happy Ende, Andrew. Ansonsten habt ihr gerade ordentlich Mist gebaut.“

Andy sah seinen großen Bruder ernst an. „Die Sache hat ein Ende, Lammy. Aber kein Gutes.“

Kelly flüsterte Tim erneut etwas ins Ohr. Der räusperte sich. „Mister Shelter, es tut mir leid. Aber die Sache ist noch nicht zu Ende. Denn an diesem Wochenende wurden Videoaufnahmen angefertigt, die nur einen Zweck hatten: Die Partygäste allesamt zu erpressen.“

Cathy schluchzte noch lauter, während Mister Shelter kalkweiß wurde. „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“

Tim sah ernst drein. Ihm war unwohl, doch jetzt wollte er es auch zu einem Ende bringen. „Leider doch. Mit den Videoaufnahmen erpresste Cathy Informationen, die für die Einbrüche gebraucht wurden. Sie erhielt Schlüssel, Codenummern und Tresorkombinationen. Sie erfuhr wann die Familie aus dem Haus war, was es Wertvolles zu stehlen gab und wo die Sachen lagerten.“

Kelly flüsterte Tim noch etwas zu und der Große nickte verstehend. „Die Einbrecher waren nicht besonders schnell, sondern besonders clever. Erst nach der Tat lösten sie den Alarm aus, um von der Tatsache abzulenken, dass sie über Insiderwissen und Hilfe verfügten.“

„Ach du Scheiße!“ fuhr es Lamar über die Lippen. Er raufte sich die Haare. „Leute, wenn das stimmt, das ist ja unglaublich. Der Sohn vom Bürgermeister soll darin verwickelt sein? Ach du Scheiße!“

Ann-Marie sah mitfühlend zu Cathy hinüber. „Cathy, es tut mir leid.“

„Ach quatsch!“ stieß Cathy Shelter zornig und beschämt vor. „Du hast mir alles kaputt gemacht. Ich konnte nie mit dir mithalten. Ich will jetzt jemanden anrufen.“

Lamar schüttelte den Kopf. „Ich informiere erst einmal die Kollegen, Cathy, und kläre dich über deine Rechte auf. Dann hast du deinen Anruf.“

* * *

Die Clique saß in Andys Garage und las die Tagespresse. Es gab keinen Artikel mehr über die Einbruchsserie. Doch die Leute auf der Straße wussten Bescheid und tuschelten hinter vorgehaltener Hand.

„Die VIPs versuchen ihr Ansehen zu retten. Es ist von Vorteil, wenn die Zeitungen der Stadt ihnen gehören.“, meinte Kelly und legte die Rome Times zur Seite. „Aber der Gerechtigkeit wurde genüge getan.“

„Wurde es?“ fragte Andy in den Raum hinein. „Cathy hat gestanden die Sache geplant zu haben. Das weiß ich von Lamar. Mein Bruder ist selbst fassungslos. Cathy konnte die Einbrüche unmöglich alleine verübt haben. Passenderweise hat Mister Shelter gestanden, die Sache mit seiner Tochter gemeinsam durchgezogen zu haben. Ihr ward ja dabei, als wir Cathy damit konfrontierten.“

Tim nickte. „Ja. Das traue ich ihm einfach nicht zu. Es wurden auch nur wenig Diebesgut bei ihnen gefunden. Und auch kaum Bargeld. Gerade so viel, wie sie vor Gericht als Beweise brauchen. Das stinkt doch bis zum Himmel.“

„Ihr mal wieder“, lachte Ann-Marie. „Seht Schatten wo Sonnenschein ist. Leute, freut euch doch. Die alte Bande hat mal wieder zugeschlagen und einen Fall gelöst. Also, freuen.“ Ann-Marie gab jedem einen schnellen Kuss auf die Stirn. „Ich muss los, Jimmy wartet.“

Andy blickte Ann-Marie noch hinterher, als sie mit ihrem Wagen schon lange um die Ecke gefahren war. „Die Sache stinkt. Und Jimmy Glass ist Scheiße.“

Kelly nickte. „Aber es ist ihre Sache, Andy. Wir können nichts dagegen machen. Und egal was wir sagen, Ann wird höchstens sauer. Aber sie wird uns nicht glauben. So funktioniert Liebe nun einmal. Sie macht oft blind.“

„Der Prozess gegen die Shelters wird sicherlich schnell durchgewunken.“ Andy seufzte. „Keine großen Fragen. Und Cathy war verdammt wütend auf Ann. Weiß einer warum?“

Kelly seufzte. „Du wirst es nicht gerne hören, Andy. Aber bis Jimmy mit Ann zusammenkam, war er mit Cathy zusammen. Er war es bestimmt auch, der sie zum Wochenende eingeladen hat. Und er stellt den Shelters einen Anwalt. Ann ist jedoch die bessere Partie. Jimmy hatte schon immer einen Sinn für hübsche Dinge und Geld. Gerechtigkeit ist etwas wovon die Armen träumen und was sich die Reichen kaufen.“

* * *

Tim hatte es sich auf einem Stapel Reifen gemütlich gemacht und knabberte an einem Schokoladenriegel. Es war bereits spät am Abend. Eigentlich hatte er sich schon lange mit Andy, Kelly und Ann-Marie zum Abendessen treffen wollen. Aber es war auch ein günstiger Zeitpunkt, um eine dringende Sache zu erledigen. Ohne die anderen.

Ein Auto war auf der Straße zu hören, bog in die Einfahrt und bremste dann mit quietschenden Reifen in der Garage. Jimmy Glass war nach Hause gekommen. Gut gelaunt stieg er aus seinem Wagen und erstarrte, als er Tim sah.

„Was machst du denn hier?“ fragte Jimmy wütend und machte einen Schritt auf Tim zu.

Der steckte das Schokoladenpapier in die Hosentasche. „Wir sollten da mal eine Sache unter Männern regeln, Jimmy.“

„Was? Wenn es um Ann-Marie geht, Liebe fällt wohin sie will. Ich kann nichts dafür, wenn du auch zu denen gehörst, die sich unglücklich verliebt haben.“

Tim schüttelte den Kopf. „Da hast du was falsch verstanden, Jimmy. Ann ist eine Freundin. Sie kann zusammensein, mit wem sie will. Aber jeder hat sie mit Respekt zu behandeln. Ich werde jetzt dafür sorgen, dass du dir das für die Zukunft merkst.“

Jimmy begriff, was Tim meinte und schlug ohne Vorwarnung zu. Der Hieb traf Tim mit voller Kraft, aber der lächelte nur unbeeindruckt. Jimmy wurde weiß wie Milch. „Tim … ich meine … Scheiße … Tim!“

Ende

Copyright © 2012 by Miriam Kleve

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 4 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 30. April 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 4

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Langsam schob sich die SKUNKALLA durch den dunklen Weltraum. Das Raumschiff war arg geschunden. Der Antrieb war nahe einem Totalausfall und die Hülle stand kurz vor einem kritischen Bruch.

Lovisa stand am Steuerrad. Vorsichtig fuhr sie die SKUNKALLA auf einen kleinen Mond zu, der den Planeten ABORION umkreiste. Ihr Ziel war ein großer Krater. In seinem Zentrum befand sich der Eingang zu einem Tunnelsystem, das vor einhundert Jahren Teil einer Weltraummine war. Der Betreiber ging damals pleite und die Mine wurde geschlossen. Sie geriet in Vergessenheit. Fast.

Slim Jorgenson, der alte Mechaniker der Sternenbraut-Mannschaft, wusste von der Mine. Sein Großvater hatte dort einst gearbeitet und Slim abenteuerliche Geschichten erzählt. Geschichten über harte Männer, schöne Frauen, seltene Mineralien und gefährliche Weltraummonster. Die meisten Erzählungen waren natürlich reine Fantasie. Aber die Tunnel und die dazugehörige Minenstation, die gab es wirklich.

Die SKUNKALLA senkte sich nun kerzengerade ab. Sie schwebte förmlich auf die schwarze Öffnung im Boden zu, deren Rand aus gezackten Klippen bestand. Der Eingang glich beinahe einem gigantischen Weltraumwurm, der jeden Augenblick zuschnappen konnte. Lovisa hielt unweigerlich den Atem an.

Bernard spürte die Anspannung der Sternenbraut. Der Vampyrjunge legte seine Hand beruhigend auf ihre Schulter. Diese Berührung und Bernards unerschütterlicher Glaube an ihre Fähigkeiten, beruhigten Lovisa.

„Bereit machen zum Eintauchen“, sagte sie entschlossen. „Segel werden gerafft. Scheinwerfer ein. Morle, achte auf die Sensoren. Ich will eine Meldung bei weniger als einem Meter.“

Eigentlich waren die Tunnel für den Einflug großer Raumschiffe ungeeignet. Aber die SKUNKALLA musste dringend irgendwo festmachen, um überholt zu werden. Deswegen setzte die Sternenbraut-Mannschaft alles auf eine Karte. Selbst mit eingefahrenen Segeln und nur mittels Einsatz der Manövrierdüsen, war es ein riskantes Unternehmen. Es bestand die Gefahr, die Tunnelwand zu streifen und dabei die Hülle gänzlich aufzureißen oder eine Lawine auszulösen und unter Tonnen von Mondgestein begraben zu werden. Und es bestand ganz einfach das Risiko, irgendwo steckenzubleiben.

„Ich wünschte wir hätten eine Karte der Tunnel“, flüsterte Lovisa. Bernards Gehör war fein genug, um selbst die leisesten Worte zu erlauschen. Und wenn Lovisa sprach, dann hörte er besonders genau zu.

„Verlass dich auf deinen Instinkt“ sprach er ihr Mut zu. „Du und die SKUNKALLA, ihr seid eine Einheit. Ihr schafft das schon.“

Lovisa nickte entschlossen. Sie zog am Steuerrad und es ging aufwärts. „Ich folge da hinten dem Tunnel. Auf der linken Seite.“

Morle sprang über den Sensorschirm und fauchte laut. „Weniger als ein Meter! Weniger als ein Meter!“ Die virtuelle Katze jammerte. „Viel weniger als ein Meter.“

Die SKUNKALLA wurde noch langsamer. Dann war von Außen ein schabendes Geräusch zu hören. Stein glitt über Metall. Slim meldete sich besorgt über Interkom. „Was ist da oben los, bei euch? Meine Maschinen drehen beinahe durch. Und die Hülle schreit ja regelrecht um Hilfe.“

„Ich suche einen freien Tunnel“ antwortete Lovisa gepresst. Schweiß stand ihr auf der Stirn. „Hier gibt es keine Markierungen.“

„Das schaffst du schon, Kleines. Nur Mut. Ich werde die Hülle solange ein wenig trösten.“ Auch Slim stand ohne Vorbehalte hinter Lovisa. Er glaubte an seine junge Kapitänin.

Bernard schaute besorgt nach Draußen. Die scharfen Felskanten an den Seiten schoben sich immer weiter zusammen. Es gab kaum noch Platz zum Manövrieren. Doch Lovisa hielt an ihrem Kurs fest.

Beinahe schien die SKUNKALLA vom umliegenden Gestein festgesetzt, da erhöhte die Sternenbraut den Schub und drückte das Raumschiff mit Gewalt weiter. Staub und Steine wirbelten auf. Felsspitzen bohrten sich knirschen in die Raumschiffhülle. Mit einem kleinen Sprung bewegte sich die SKUNKALLA dann plötzlich voran und war wieder frei. Lovisa nahm den Schub zurück.

Der Tunnel hinter ihnen war nun ein Stück verbreitert. Nur langsam setzte sich Staub und Geröll. Die SKUNKALLA selbst schwebte in einer großen Höhle, in der sogar Platz für mehrere Raumschiffe ihrer Größe war. Die Lichtstrahlen der Scheinwerfer fraßen sich wie bleiche Finger durch die Dunkelheit und erfassten, auf der anderen Seite der Höhle, einige Schleusen. Der Eingang zur Minenstation. Sie hatten es geschafft.

Lovisa jubelte. Behutsam fuhr sie die SKUNKALLA an die Schleuse heran. „Morle, bitte an die Schleuse der Station andocken. Versuch den Stationscomputer zu erreichen und lass dir die Umweltdaten geben.“

„Aye, aye, Kapitän Lovisa“, schnurrte Morle und sprang über die Bildschirme. Ein Zittern durchlief das Raumschiff, dann stand die SKUNKALLA vollkommen still. „Die Station hat keinen Avatar. Wir sind alleine.“

„Empfängst du Daten aus der Station?“

„Ja. Die Station verfügt über eine Energiequelle. Ziemlich altes Computersystem. Miau.“ Die virtuelle Katze kam kurz ins Stocken und fauchte dann. Morle flackerte kurz, dann schien alles wieder normal. „Atembare Luft und Schwerkraft wie auf der Erde.“

Lovisa nickte und betätigte dann das Interkom. Sie fühlte sich an ihren Pappa erinnert. Er hatte die Mannschaft auch von der Brücke aus delegiert, wie er es nannte. „Slim, wir haben angedockt. Hier ist alles in Ordnung.“

„Gut gemacht, Kleines“, kam es kratzend aus dem Lautsprecher am Steuerrad. „Ich bereite die Reparaturen an der SKUNKALLA vor. Hoffentlich gibt es hier genug Ersatzteile, um das alte Mädchen wieder auf Vordermann zu bringen.“

„Brauchst du uns dabei?“

„Im Augenblick nicht, Mädchen. Warum? Ist irgendwas los?“

Lovisa warf einen kurzen Blick auf Bernard, der sie nur anlächelte. „Nein. Ich würde mir die Station nur gerne genauer ansehen.“

Slim lachte. „Ganz dein Pappa. Mach schon, Kleines. Guck dir alles an. Wird aber viel Staub und Dreck sein. Kannst ja schon mal schauen, ob du Ersatzteile findest. Ich stoße dann später dazu.“

Bernard nickte zustimmend. „Eine gute Idee, wie es sich für einen Kapitän gehört.“

„Vorher aber umziehen und Sachen packen“, befahl Lovisa lachend. „Immerhin gehen wir auf Expedition. Und Morle übernimmt solange die Brücke. Oder, Morle?“

Morle antwortete mit einem lauten Mauzen. „Immer muss ich an Bord bleiben. Bringt mir wenigstens diesmal virtuelle Wolle mit. Ich brauche etwas zu spielen.“

„Ich gucke mal, was ich finde“, lachte Lovisa gut gelaunt.

Sie und Bernard machten sich nun in ihre Quartiere auf, um sich für die anstehende Expedition umzuziehen. Lovisa wählte ihre übliche dunkle Sternenbrautmontur und schob sich die strassbesetzte  Augenklappe über das linke Auge. Dann steckte sie noch ihren Säbel ein und schlüpfte in die bequemen rosa Stiefel. Die waren ein Geschenk ihres Pappas und vollkommen raumschifftauglich, wie er immer gerne lachend betonte.

Der Vampyrjunge hatte im Lager herumgekramt. Es gab nur wenige Sachen in seiner Größe und kein Kleidungsstück gefiel ihm so recht. Also schnappte er sich einfach einen langen braunen Ledermantel und einen breitkrempigen Hut. Zusätzlich noch mit Taschenlampen ausgestattet, waren die beiden nun bereit, um auf Expedition zu gehen.

Das Schott der SKUNKALLA öffnete sich zischend und die aufbereitete Luft aus dem Raumschiff vermischte sich mit der abgestandenen Luft aus der Station. Ein moderiger Geruch lag über allem. Die Gänge der Station waren tief in den Felsen hineingetrieben und lagen in vollkommener Dunkelheit. Lovisa und Bernard knipsten ihre Taschenlampen an und leuchteten in die Finsternis hinein.

Die beiden folgten dem großen Haupttunnel ein Stück weit in die Station. Obwohl sich Menschen mit Hilfe gewaltiger Maschinen in das Mondgestein hineingegraben hatten, war der Boden oft uneben. Deswegen galt stets große Vorsicht, um einen Sturz zu vermeiden.

„Gespenstisch“, sagte Lovisa, als sie an eine Kreuzung kamen. Sie machte mit Kreide ein X an die Wand, um später leichter den Weg zurück zu finden. „Wir gehen links lang.“

Bernard nickte und folgte der Sternenbraut. Nervös sah der Vampyrjunge über die Schulter zurück. Er fühlte sich beobachtet. Als ob irgendetwas Unsichtbares in der Dunkelheit lauerte. Doch er konnte weder etwas sehen, noch konnte er etwas hören. Bernard vertraute aber auf sein Gefühl und blieb wachsam.

Tiefer und tiefer ging es in die Station hinein. Es gab düstere Mannschaftssäle zu entdecken, nach altem Schweiß riechende Umkleidekabinen, Hallen mit altem Werkzeug und Schrott, Schürfgeräte die auseinanderzufallen drohten und noch vieles mehr.

Irgendwann erreichte die kleine Expedition die Grenzen der Station, die beinahe nahtlos in die Minenschächte und Bohrtunnel übergingen.

„Gruselig.“ Lovisa hob einen kleinen Stein auf und warf ihn weit in die Dunkelheit. Der Stein verließ die künstliche Schwerkraft der Station und flog mehrere Sekunden durch die Leere, bevor er langsam zu Bode schwebte „Aber gleichzeitig auch spannend. Hier haben mal viele Menschen gelebt und ihre Arbeit verrichtet. Und jetzt ist nur noch Schrott und Müll Zeuge ihrer Bemühungen.“

„Das ist der Lauf der Dinge.“ Bernard richtete seine Taschenlampe auf den Boden. „Wir sollten zur SKUNKALLA zurück. Slim müsste alle Vorbereitungen bereits getroffen haben. Je eher wir den Mond verlassen, um so besser.“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen mit dem Ellenbogen leicht in die Seite und grinste. „Ich wusste gar nicht, dass du so ein großer Angsthase bist.“

Bernard lächelte verschmitzt. „Es ist halt eine große und dunkle Station.“ Und vor allem machte er sich Sorgen um Lovisa. Bernard war sich sicher, alleine mit den meisten Gefahren problemlos fertig zu werden. Aber die Sternenbraut war um ein vielfaches verletzlicher als ein Vampyr. Dessen war sich Bernard durchaus bewusst.

Die beiden drehten um und folgten den Kreidezeichen durch die Tunnel Richtung SKUNKALLA. Als sie gerade um die nächste Ecke gebogen waren, flog der kleine, von Lovisa geworfene Stein, aus der Dunkelheit zurück.

***

Irgendetwas kam Bernard auf dem Rückweg merkwürdig vor. Der Vampyrjunge griff an der nächsten Kreuzung Lovisa am Arm. „Warte kurz“, bat er und sah sich die Kreidezeichnung an. „Das ist die gleiche Zeichnung wie an der vorherigen Gabelung.“

Lovisa trat neben Bernard und strahlte das weiße X auf dem Felsen an. „Ja. Damit habe ich den Weg markiert, damit wir uns nicht verlaufen.“

Bernard schüttelte den Kopf. „Wir gehen einen anderen Weg. Ich habe ein gutes Gedächtnis. Und an diesen Tunnel kann ich mich nicht erinnern. Und dann das X an der Wand. Es ist das gleiche Zeichen wie eben. Es ist nicht einfach ein X, das du gemalt hast, Lovisa. Es ist eine exakte Kopie.“

Die Sternenbraut sah Bernard erstaunt an. Dann begriff sie, was der Vampyr andeutete. „Wir sind nicht alleine“, flüsterte sie und schluckte. Vorsichtig drehte sie sich um. Mit der Taschenlampe strahlte sie in die Dunkelheit hinein. Nichts zu sehen.

„Egal wer es ist, er ist sehr leise. Ich habe nichts gehört.“ Bernard lauschte aufmerksam, aber es blieb still. „Kann uns Morle helfen?“

Lovisa nickte und zog ihr kleines Kommlink vom Gürtel. Sie aktivierte mehrmals die Frequenz der SKUNKALLA, doch es blieb still. „Morle antwortet nicht.“

„Vielleicht ist die Verbindung gestört? Wir sind ziemlich weit gegangen und tief in den Tunneln.“

„Nein, die Verbindung steht, Bernard. Morle antwortet einfach nicht. Sie ignoriert meine Rufe. Da stimmt etwas nicht. Hier ist etwas faul.“

Bernard trat näher an Lovisa heran. Sollte jemand ihr zu nahe kommen, würde der Vampyrjunge die Sternenbraut mit seinem Leben beschützen.

Lovisa sah Bernard erstaunt an. „Hey, du Feigling, geh mal wieder auf Abstand. Wenn uns jemand etwas Böses wollte, war die ganze Zeit Gelegenheit dazu.“

Bernard machte einen Schritt zurück. „Entschuldige bitte. Ich wollte nur …“

Lovisa legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Leise. Vielleicht werden wir belauscht. Auf jeden Fall bilden die X eine Spur, der wir folgen sollen.“ Die Sternenbraut legte eine grimmige Entschlossenheit an den Tag, „Also folgen wir ihr auch. Immerhin hat sich jemand große Mühe gemacht.“

„Aye, aye, meine Kapitänin“, murmelte Bernard und folgte Lovisa. Er hoffte die Sternenbraut würde Recht behalten. Er wusste, dass es die merkwürdigsten Lebewesen im Universum gab. Viele von ihnen waren für den menschlichen Verstand nur schwer zu begreifen. Das hatten einst auch die Vampyre schmerzhaft lernen müssen.

***

Der Weg führte noch eine halbe Stunde durch die Tunnel der Minenstation, dann endete er abrupt vor einer gelben, rostigen Metalltüre. Sie waren angekommen.

Lovisa atmete tief durch, dann stieß sie die Türe auf und strahlte mit ihrer Taschenlampe in den Raum dahinter. Es war der Kontrollraum der Station.

Mehrere Terminals waren im Kreis angebracht, darüber unzählige Monitore. In der Mitte des Kontrollraums befand sich ein rundes Terminal, mit dem alle anderen Terminalstationen kontrolliert werden konnten. Dort war einstmals der Platz des Administrators, den nun eine merkwürdige Kreatur eingenommen hatte.

Sie erinnerte an einen Menschen, der aus unzähligen kleinen Maschinen und Ersatzteilen zusammengebaut war. Eine archaischer Androide, eine urtümliche Menschmaschine. Inmitten ihrer Brust, notdürftig von zwei Platinen verdeckt, pulsierte schwach die Energiequelle der Maschine. Hunderte insektenartige Augen öffneten sich und das Wesen sah auf.

Lovisa machte einen forschen Schritt in die Kommandozentrale hinein. Sie schluckte, denn die Menschmaschine machte ihr Angst. Bernard spürte, wie das Herz der Sternenbraut schneller schlug und stellte sich beschützend vor sie.

„Freude. Willkommen auf meiner Station“ sprach die Maschine mit einer summenden, monotonen Stimme. „Dankbar. Sie haben meine Einladung angenommen.“

„Wer sind Sie?“ fragte Lovisa mit unsicherer Stimme. „Was wollen Sie von uns?“

„Traurig. Ich bin einsam. Hoffnung. Aber dann kamt ihr. Freude. Meine Einsamkeit ist beendet. Freundlich. Ich habe keinen Namen. Traurig. Mein Vater starb vorher. Freundlich. Und wer seid ihr?“

Lovisa betrachtete die Menschmaschine eingehend. Sie war verwirrt. Gleichzeitig hatte sie Mitleid mit dieser künstlichen Kreatur, denn die Sternenbraut wusste leider zu gut, wie schmerzlich der Verlust der Eltern war. Bevor sie jedoch was sagen konnte, hatte Bernard das Wort ergriffen.

„Ich bin Bernard. Und das hier ist Lovisa, die Sternenbraut. Wir gehören zur Mannschaft der SKUNKALLA“, erklärte der Vampyr. „Unsere Mannschaft weiß wohin wir gegangen sind und wird bald nach uns suchen.“

Mehrere der Monitore flammten nun auf und zeigten die SKUNKALLA am Dock. „Verstehend. Eine unterschwellige Drohung. Wütend. Niemand darf mir drohen.“ Die Stimme der Menschmaschine blieb stets ohne Emotion. „Zornig. Ich kann euer Schiff jederzeit zerstören.“

Lovisa zog die Augenbrauen hoch. „Entschuldige bitte. Das war keine Drohung. Freundlich. Es ist schön dich kennenzulernen. Freude.“

Bernard blickte die Sternenbraut fragend an.  „Warum redest du jetzt auch so komisch?“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen in die Seite. „Das ist eine künstliche Lebensform. Glaube ich jedenfalls. Sie kann keine Gefühle ausdrücken. Aber sie hat sehr wohl Gefühle und drückt das verbal aus, in dem sie einfach sagt, was sie fühlt.“

„Natürlich“, murmelte Bernard und schalt sich einen Narren, nicht selbst darauf gekommen zu sein. „Und vielleicht kann sie unsere Gefühle nicht wahrnehmen. Sie hat also kein Verständnis für Empathie.“

„Vielleicht. Deswegen versuche ich auf der sicheren Seite zu navigieren und passe mich unserem Gastgeber an“, erklärte Lovisa und lächelte. „Neugierig. Warum hast du bei unserer Landung keinen Kontakt aufgenommen?“

„Freude. Ihr versteht mich. Freundlich. Ich war besorgt. Sorge. Ihr seid doch meine Freunde?“

Lovisa dachte darüber nach, bevor sie antwortete. „Freundlich. Bevor wir mit jemandem Freundschaft schließen, wollen wir ihn erst einmal besser kennenlernen.“

„Ernst. Kein Verständnis. Traurig. Kohlenstoffverbindungen gehen leicht kaputt. Freundlich. Wir kennen uns. Freude. Wir können Freunde sein. Angst. Ich will nicht mehr alleine sein.“

„Ich verstehe das. Niemand will alleine sein. Aber Freundschaft muss wachsen. Das kann zwar schnell gehen, aber auch langsam. Freundschaft ist nichts, das jemand erzwingen kann. Freundlich.“

Die Menschmaschine schwieg für einen Augenblick. „Hoffnung. Können wir uns näher kenennlernen?“

„Sicherlich. Die SKUNKALLA muss repariert werden. Solange liegen wir hier vor Anker. Es wird noch einige Tage dauern, bis wir weiterfliegen.“

Mehrere Lichter flammten in und auf der Menschmaschine auf. „Sorge. Niemand darf weiterfliegen. Angst. Er lässt niemanden weiterfliegen.“

Lovisa blickte die Menschmaschine fragend an und drehte dann langsam den Kopf zu Bernard. „Das kapiere ich nicht.“

Der Vampyrjunge machte ein grimmiges Gesicht. „Auf der Station scheint es mehr Leben zu geben, als wir denken. Vermutlich ist da Draußen noch etwas unterwegs. Kannst du mit der SKUNKALLA Kontakt aufnehmen?“

Lovisa schüttelte den Kopf. „Nein, Morle spielt noch immer die sture Miezekatze.“

„Neugierig. Morle?“ Die Menschmaschine stand auf. Dabei gerieten ihre Bauteile in Bewegung und knirschten laut.

„Der Avatar unseres Schiffes. Eine künstliche Intelligenz. So wie du. Als wir eintrafen, hat sie versucht Kontakt mit der Station aufzunehmen.“

„Besorgt. Er mag keine anderen Intelligenzen. Traurig. Deswegen hat er Vater getötet. Wut. Ich hasse ihn. Traurig. Aber er ist alles was ich habe.“

„Wer ist er?“ hakte Lovisa nach. „Noch eine Menschmaschine?“

Ein Lachen hallte aus den Lautsprechern und erfüllte den Kontrollraum. Bernard und Lovisa zuckten zusammen. „Nein. Ich bin der Avatar der Minenstation. Pheistos ist mein Name.“

Auf einem der Monitore zeigte sich der grob aufgelöste Kopf eines wild aussehenden Hundes. Er bellte laut und Lovisa fuhr erschrocken zusammen. Pheistos lachte nun. „Du bist also diese Sternenbraut, von der mir diese Miezekatze erzählt hat.“

„Was hast du mit Morle gemacht?“ schrie Lovisa besorgt. „Wenn du ihr was angetan hast, dann … dann …“

„Dann, was?“ Der virtuelle Hund grinste breit und entblößte dabei gigantische Fangzähne. „Ihr seid mir ausgeliefert. Denn ihr steckt mitten in meinem Revier fest. Und ich habe die Kontrolle über euer Raumschiff. Denn deine Miezekatze kuscht, wenn ich es will.“

Ein weiterer Monitor flammte auf und Morle war zu sehen. Das künstliche Kätzchen saß wie ein Häufchen Elend in der Bildschirmecke und blickte mit flackernden, großen Augen zum Monitor hinüber, auf dem sich Pheistos präsentierte. Der Hund knurrte und Morle versuchte sich noch kleiner zu machen.

„Entschuldigung, Lovisa. Er hat mich einfach überwältigt“, erklärte Morle kleinlaut mauzend.

Pheistos knurrte drohend und Morle war sofort ruhig. „Euer Sicherheitssystem war einfach zu zerbeißen. Kein Wunder, wenn eine stinkende Miezekatze die Arbeit eines Hundes erledigen soll. Das kann nur schief gehen. Vor allem bei so einem Hund wie mir.“

Lovisa war wütend. „Was willst du von uns überhaupt? Wir haben dir nichts getan.“

„Ha. Na und? Ich bin für die Verwaltung und die Sicherheit auf der Station zuständig, bis mein Herr irgendwann zurückkommt. Solange werde ich warten und entweder jeden vertreiben oder solange einsperren, bis mein Herr zurück ist.“

Bernard zeigte auf die leeren Sitzplätze im Kommandoraum. „Und wann wird jemand zurückkommen? So wie die Sache für mich aussieht, bist du ein herrenloser Streuner.“

Pheistos bellte augenblicklich los. Und zwar von jedem der Monitore. „Was fällt dir ein? Ich und ein Streuner? Dafür werde ich dich bestrafen. Ich werde dich zerbeißen.“

„Und wie willst du das anstellen?“ fragte Bernard. Lovisa stieß ihn warnend mit dem Ellenbogen in die Seite, aber der Vampyrjunge sprach weiter. Er war zu wütend, um sich zu besinnen. „Du bist ein Hund hinter Glas.“

Pheistos knurrte, dann war ein Rumpeln in den Tunneln zu hören. Die Menschmaschine sprach: „Besorgt. Angst.  Er hat die Maschinen aktiviert.“

„Was denn für Maschinen?“ wollte Lovisa wissen.

„Angst. Viele der alten Maschinen funktionieren noch. Besorgt. Ihr hättet ihn nicht verärgern sollen.“

Bernard sah ängstlich zu Lovisa. Das hatte er nicht gewollt. „Stell dich hinter mich, ich werde versuchen sie aufzuhalten.“

Pheistos lachte auf. „Versuch es ruhig. Dann öffne ich halt die Schleusen und lasse die Luft ab. Ich komme ohne Sauerstoff aus. Ihr auch?“

Lovisa starrte auf die Monitore. „Wir können die Sache doch auch friedlich regeln. Wir gehen einfach und das war es. Wir wollten dich nicht stören oder verärgern.“

„Zu spät. Ich habe gesehen, wie ihr meinen Herrn bestohlen habt.“

Slim, dachte Lovisa mit Entsetzen. Sie hatte Slim ganz vergessen. „Was hast du mit Slim angestellt?“ fragte Lovisa ängstlich.

Morle fauchte plötzlich. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Was?“ Pheistos verschwand flimmernd von sämtlichen Bildschirmen und tauchte kurz darauf jaulend auf einem einzelnen Monitor wieder auf. „Was macht ihr da?“

Lovisa war verblüfft und sah zu, wie Morle sich wieder ängstlich in eine der Monitorecken zurückzog. „Slim?“ fragte Sternenbraut in Richtung des virtuellen Kätzchens.

Und erneut fauchte Morle. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Aufhören!“ jaulte Pheistos und flackerte heftig. „Schaltet diesen verdammten Virus ab. Wie habt ihr das gemacht? Ich werde die Miezekatze löschen.“

„Wage es dich und ich werden den Namen unseres Mechanikers schneller und öfter rufen, als du es dir träumst“, drohte Lovisa. Der nicht zu löschende und nervige Eintrag in der Datenbank der SKUNKALLA hatte also doch etwas Gutes. Die Sternenbraut hatte aber keine Ahnung, warum nun auch die Computer der Minenstation auf den Namen Slim reagierten.

„Überrascht. Ihr bietet ihm die Stirn. Erleichtert. Er ist doch nicht allmächtig. Glücklich. Ich kann ihm entkommen.“ Die Menschmaschine stapfte zu einem der Terminals. „Entschlossen. Ich kann mich wehren.“

Pheistos jaulte laut auf und Lovisa rief mehrmals Slims Namen. Sämtliche Monitore flackerten und der virtuelle Wachhund rollte sich wehleidig über die Bildschirme. Morle schüttelte fauchend den Kopf und machte einen Satz hinter Pheistos her. Sie fuhr ihre virtuellen Krallen aus und schlug mit ihrer Pfote auf die Nase des Stationsavatars.

Mit einem Satz brachte sich Pheistos in Sicherheit. Er verkroch sich tief in der Datenbank, vor der sich Morle aufbaute. „Dummer Hund. Komm raus, damit ich dich schlagen und kratzen und beißen kann!“ rief das virtuelle Kätzchen aus.

„Mutig. Kopiere Daten. Glücklich. Das System ist bereinigt.“

Lovisa und Bernard sahen die Menschmaschine fragend an. „Was meinst du damit genau?“ fragte Lovisa nach.

„Freundlich. Ich habe Pheistos auf einen externen Datenträger kopiert und die Datenbank gelöscht. Froh. Seine Schreckensherrschaft ist beendet.“

Tatsächlich. Mit vereinten Kräften war es ihnen gelungen Pheistos zu bezwingen. Dadurch, dass er sämtliche Daten Morles auf die Station transferierte, hatte er auch die Warnung vor Slim kopiert. Lovisas Pappa hatte dafür gesorgt, dass es schwer war diesen Eintrag zu löschen. Die Warnung war ebenso hartnäckig wie ein Computervirus.

***

Slim hörte sich später an Bord die Geschichte genau an. Der alte Mechaniker hatte nichts mitbekommen und sich nur gewundert, dass die anderen Mannschaftsmitglieder solange unterwegs waren. Er war froh, dass es allen gut ging.

„Da hat uns dein Pappa noch einen Bärendienst erwiesen, Mädchen.“ Slim schüttelte der Menschmaschine die Hand. „Hast du gut gemacht, unserer Sternenbraut zu helfen. Solche Freunde können wir gut gebrauchen. Wie ist denn eigentlich dein Name.“

„Gerührt. Wir sind Freunde?“

Lovisa lächelte. „Stolz. Ja, wir sind Freunde.“ Die Sternenbraut dachte kurz nach. „Ich glaube Terminal würde gut zu dir passen. Wegen den ganzen Bauteilen und Platinen.“

Die Menschmaschine erstarrte für einen Augenblick. „Stolz. Freude. Glück. Liebe. Ich bin Terminal. Glücklich. Freundlich. Wir sind Freunde.“

Jubelnd hieß die Sternenbrautmannschaft Terminal an Bord der SKUNKALLA willkommen. Niemand wollte die Menschmaschine auf der verlassenen Station zurücklassen. Und Terminal war überglücklich, an der Seite ihrer neuen Freunde ,Abenteuer erleben zu dürfen. Und diese ließen nach der Reparatur der SKUNKALLA nicht lange auf sich warten. Es galt Nils zu befreien. Und Lovisa hatte einen Plan.

ENDE

Copyright © 2012 by Miriam Kleve

Buchtipp:


Irina Siefert
Zoran – Kind des Feuers

Verlag: Papierfresserchens MTM-Verlag
ISBN: 978-3-86196-125-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 152 S. – 21,0 x 13,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 01.05.2012

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Als der 13-jährige Zoran eine Kreuzfahrt gewinnt, weiß er noch nicht, dass ihn diese Reise in eine völlig andere Welt führen wird. Auch kann er noch nicht ahnen, dass er lernen wird, das Feuer zu beherrschen. Die Macht über das Element macht ihm zum letzten fehlenden Mitglied der TAAF, der Gruppe, deren Aufgabe es ist, das Land vor der Vernichtung zu bewahren.

Dafür muss Zoran die Ablehnung gegenüber seiner Gefährtin überwinden, denn die beiden stellen bald fest, dass sie Entscheidungen zusammen treffen müssen, wenn sie das eigene Leben und das zahlloser anderer retten wollen. Wem können sie vertrauen? Wer wird sie verraten? Doch die schwerste Aufgabe wird es, ihre Menschlichkeit, und damit Liebe und Mitgefühl, zu wahren.

Irina Siefert geboren 1995, war schon immer vom Schreiben und Lesen fasziniert und so verfasste sie schon früh eigene Geschichten.

Mit diesem Roman begann sie mit 15 Jahren. Mittlerweile schreibt sie auch gerne Kurzgeschichten, doch blieb die Vorliebe zu Romanen.

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DIE KINDER AUS DER INQUISITIONSTREET – Eine Kriminalkurzgeschichte von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 27. Februar 2012

Die Kinder aus der Inqusitionstreet

Kriminalkurzgeschichte

von

Miriam Kleve

Ach Herrjemine, war das ein Rums! Timmi, Kelly, Anna-Marie und Andy kullerten ein Stück über die Wiese. Mitten im hohen Gras blieben sie regungslos liegen. Bienen summten, Vögel zwitscherten und ein angenehmer Windhauch streichelte über ihre Gesichter.

Kelly war zwar die Jüngste des Quartetts, aber sie war auch die Klügste von ihnen. “Wir sollten im Sommer eine Schneise in die Wiese mähen. Sonst kommen wir nie problemlos zum Baumhaus.”

“Ich kann meinen Dad fragen, ob wir seinen alten Spindelmäher bekommen. Der wird von Hand geschoben und rasiert alles weg”, erklärte Ann-Marie und stand auf. Sie sah sich um. “Timmi? Andy? Alles in Ordnung?” Ann-Marie klopfte sich Dreck und Gras vom Kleid.

Die beiden Jungs lagen etwas Abseits auf dem Rücken und sahen zum blauen Himmel hinauf. Andy kramte in seiner Tasche. Er zog einen Schokoriegel hervor und gab ihn Timmi. Der griff gerne zu, entpackte den Riegel und begann ihn aufzuessen. “Danke. Das ist pure Nervennahrung. Die habe ich jetzt gebraucht.”

Die Mädchen kamen herüber und legten sich neben die Jungs. “Was gibt es zu sehen?” fragte Ann-Marie. “Kleine Wölkchen?”

“Ich sehe ein großes Piratenschiff, dass über den Atlantik segelt und erbeutetes spanisches Gold nach Tortuga bringt”, meinte Kelly.

“Für mich sehen die Wolken wie saftige Burger aus. Sie kommen gerade vom Grill. So wie Mister Eree sie macht”, sagte Timmi. Der Rest des Schokoriegels verschwand in seinem Mund.

Ann-Marie nickte. “Ja, mein Dad grillt tolle Burger.”

“Ich sehe Bill Cosby in den Wolken.” Andy kniff die Augen zusammen. “Und Theo. Und Denise …”

Timmi schlug harmlos mit der flachen Hand nach seinem Freund. “Ach, Quatsch. Du siehst überall Billy Cosby. Selbst an der Bushaltestelle.”

“Ich schwöre euch, der Mann sah aus wie Bill Cosby”, ereiferte sich Andy. “Ich schwöre.”

“Vielleicht hast du jemanden gesehen, der Bill Cosby ähnlich sieht. Das gibt es durchaus. Öfter als ihr denkt. Ich habe letzte Woche einen Artikel dazu gelesen”, steuerte Kelly ihr Wissen bei. “Wenn ihr wollt, kann ich ihn euch ausleihen.” Sie lächelte.

Anna-Marie schüttelte den Kopf. “Nö, lass mal. Ich will lieber zum Baumhaus.”

“Gehen wir vorher den Spindelmäher von deinem Dad holen?” Timmi wälzte sich zur Seite und stemmte sich dann hoch. Zusammen mit Kelly stellte er den Rollstuhl auf, während Ann-Marie Andy erst einmal in eine aufrechte Sitzposition zog.

“Das wird heute auch so gehen”, meinte sie und lächelte zuckersüß. Wenn Ann-Marie lächelte, oder schmollte oder gar weinte, dann drehte sich das Universum nur noch um sie. Das galt vor allem für Jungs. Ann-Marie war bildhübsch und süß. Kaum einer konnte ihr etwas abschlagen. Jeder sah in ihr das niedliche, puppenhafte Mädchen. Vor allem ihr Vater. Ann-Marie hasste das. Sie war am liebsten mit ihren Freunden unterwegs und ruinierte dabei ständig ihre Kleider und Blusen.

Timmi, Kelly und Ann-Marie kümmerten sich nun um Andy. Im Laufe der letzten Jahre war es zur Routine geworden, Andy wieder in seinen Rollstuhl zu setzen. Seine Mutter schüttelte regelmäßig den Kopf, wenn sie die Kratzer und Beulen begutachtete, die das Gefährt abbekommen hatte. Andy bekam dann immer ordentlich Schelte. Aber keiner verbot ihm seine Ausflüge. Die Kinder hatten manchmal sogar den Eindruck, dass Andys ganze Familie froh war, wenn er mit seinen Freunden um die Häuser zog und Abenteuer erlebte.

Andy kontrollierte seinen Rollstuhl und rückte den roten Wimpel zurecht, den Timmi aus dem Sommercamp mitgebracht hatte. So wie einen dicken Sonnenbrand, eine laufende Nase, eine tote Maus und ein paar Zentimeter mehr um die Hüften. Ann-Marie war der festen Überzeugung Timmi würde in diesem Jahr vier neue Pfandfinderuniformen brauchen. Vor allem weil der große Keksverkauf erst noch anstand. Und Timmi verkaufte die Kekse immer nur in der Nachbarschaft und ließ sich dann auch sofort zu einem Keks einladen. Die Leute konnten einfach nicht anders. Das lag sicher an Timmis Hundeblick. Kelly nannte es den Fütter-mich-Blick. Und er funktionierte fast immer.

“Wir können weiter”, sagte Andy. “Und los!”

Die Kinder arbeiteten sich gemeinsam durch die Wiese. Und mehr als einmal kippte der Rollstuhl zur Seite oder fuhr sich fest. Aber gemeinsam bekamen sie ihn immer wieder frei. Lachend erreichten sie das Baumhaus. Ann-Marie und Kelly kletterten die Strickleiter rauf, während Timmi seinen Freund auf den Schaukelsitz packte. “Fertig!” rief er hoch und klopfte Andy auf die Schulter. “Bis gleich.”

Die beiden Mädchen begannen zu ziehen. Zum Glück hatte Kelly in einem Buch nachgelesen, wie ein Flaschenzug funktionierte. Und so war es ein Leichtes Andy nach oben zu befördern, ins Geheimversteck der Bande. “Geheim” war vielleicht zu viel gesagt, denn ihre Eltern und Geschwister hatten beim Aufbau geholfen. Und manchmal kam ein Nachbar vorbei, um nach dem Rechten zu sehen oder Cupcakes vorbeizubringen.

Andy suchte sich seinen Platz und packte dann eine Stadtkarte aus. Ganz Rome war darauf zu sehen. Die anderen Kinder drückten sich nun um ihn herum. Auf der Karte waren einige Punkte rot angekreuzt. Kelly nahm einen dicken Filzstift und machte noch einige weitere Kreuze auf der Karte. “Mein Onkel hat gestern meinem Daddy erzählt, dass es weitere Vorfälle gegeben hat. Genau hier überall.”

“Und dein Onkel hat noch keine Spur?” Timmi suchte in seiner Hosentasche nach einem Streifen Kaugummi und schob ihn sich in den Mund.

Kelly schüttelte den Kopf. “Nein. Das ganze Revier ist Abends auf den Beinen, aber keine der Streifen hat den Täter zu Gesicht bekommen. Er ist regelrecht unsichtbar.”

Andy sah sich die Karte genauer an. “Ich glaube Jimmy Glass ist der Täter.”

Ann-Marie stöhnte auf. “Du glaubst immer Jimmy Glass ist der Täter. Nur weil er mal deine Familie und dich beschimpft hat.”

“Hey, das waren richtig fiese Beleidigungen”, setzte sich Timmi augenblicklich für seinen Freund ein. “Jimmy ist deswegen auch für eine Woche von der Schule suspendiert worden. Du kannst doch niemanden wegen seiner Hautfarbe so fertigmachen.”

Die Kinder sahen bedrückt zu Boden. Ann-Marie entschuldigte sich kleinlaut bei Andy. “Ich wollte ihn nicht in Schutz nehmen, Andy. Aber du hast einfach keine Beweise.”

Die Kinder sahen wieder auf die Stadtkarte. Die meisten Kreuze befanden sich in ihrem Viertel. Und das war ihr Problem. Jemand zog seit zwei Wochen Abends um die Häuser, warf Autoscheiben ein und stahl Kleinigkeiten aus dem Wageninneren. Es waren niemals wirklich teure Sachen dabei. Deswegen hegte die Polizei den Verdacht, dass es sich um eine Bande Jugendlicher handelte, die einfach randalierte.

Eines der Autos hatte Andys Bruder Lamar gehört. Und dadurch wurde die Sache persönlich. Die Bakers waren stets knapp bei Kasse und steckten das ganze Geld in die Ausbildung ihrer Kinder. Alle halfen dabei mit, auch die Großeltern. Sobald eines der Bakerkinder alt genug war, leistete es ebenfalls seinen Beitrag. Das galt auch für Lamar. Für die Reparatur eines Autofensters war derzeit einfach kein Geld vorhanden.

“Schaut mal”, sagte Kelly und zeigte auf die Kreuze. “Als der Ärger angefangen hat, da waren es nur wenige Kreuze. Dann nimmt die Anzahl der Kreuze sprunghaft zu und ebbt nach einigen Tagen wieder ab.”

“Und das bedeutet?” fragte Timmi neugierig.

“Keine Ahnung. Mir ist das nur aufgefallen. Ich wette, dass hat etwas zu bedeuten.”

Die anderen Kinder nickten zustimmend. Wenn Kelly etwas auffiel, dann hatte es immer etwas zu bedeuten. Still saßen sie nun um den Stadtplan herum und grübelten.

“Vielleicht sollten wir uns auf die Lauer legen?” schlug Andy vor. “Wir könnten Streife fahren. Wie die Polizei.”

Ann-Marie schüttelte energisch den Kopf. “Das wird mir mein Daddy niemals erlauben. Ich habe doch total strenge Zeiten.”

“Wegen dem vielen Nachdenken habe ich Hunger bekommen”, jammerte Timmi und zog die Schublade der Kommode auf. “Sind alle Schokoriegel leer?”

“Nein”, sagte Andy. Er lächelte. “Ich habe einen extra für Notfälle versteckt. Drüben, zwischen dem ganzen Schokoriegelpapier.”

Timmi lächelte zurück. “Mensch, Danke.” Glücklich suchte er im zerknüllten Papierhaufen nach dem Riegel. “Habe ihn. Wow, das ist ja ein extra dicker. Super.”

Kelly starrte Andy und Timmi abwechselnd an. “Freunde, ich glaube, ich weiß was die ganzen Kreuze bedeuten.”

***

Lamar hatte die Kinder auf dem Weg zur Arbeit mitgenommen und in der Pinnaclestreet abgesetzt. Auf dem Plan waren dort die meisten Kreuze eingezeichnet.

Andys Bruder hatte ihnen eingeschärft, keine Dummheiten zu machen. Außerdem drückte er jedem einen Zettel mit der Telefonnummer seiner Halbtagsstelle in die Hand. Lamar vergewisserte sich noch, dass der Rollstuhl seines kleines Bruders in Ordnung war. Dann erinnerte er Andy noch daran, rechtzeitig zum Essen Zuhause zu sein. Timmi versprach dafür zu sorgen.

Als die Kinder aus der Inqusitionstreet alleine waren, machten sie sich an die Arbeit. Kelly hatte eine Idee. Und die wurde nun umgesetzt. Genau dort wo die meisten Kreuze waren wollten sie ihre Suche starten. “Wie sollen wir denn hier was finden?” fragte Ann-Marie und guckte sich um. “Hier wohnen ganz viele Leute.”

“Wir gehen systematisch vor”, erklärte Kelly. “Immer zwei von uns nehmen sich eine Straßenseite  und dann klappern wir ganz einfach die Leute ab. Bis wir eine heiße Spur haben.”

“Glaubst du wirklich die Erwachsenen reden mit uns?” fragte Andy skeptisch. “Wir sind doch nur Kinder.”

Kelly strahlte über das ganze Gesicht. “Deswegen sollte Timmi doch die Vorbestellzettel für die Kekse mitbringen. Wir helfen ihm einfach dabei, die Kekse zu verkaufen und fragen nebenbei die Leute aus.”

“Vielleicht sollten wir mit Mister Church anfangen”, schlug Ann-Marie vor und zupfte sich ihr Kleid zurecht. “Der ist immer so schnell wütend. Deswegen habe ich Angst vor ihm. Lasst uns da anfangen. Dann haben wir ihn schnell hinter uns.”

Timmi hatte sich zwei Streifen Kaugummi auf einmal in den Mund geschoben und sprach nur noch undeutlich. “Woher kennst du denn diesen Mister Church?”

“Mein Dad macht für ihn die Versicherung. Und vor zwei Wochen kam er dann wütend bei uns daheim vorbei, um einen Diebstahl zu melden. Mein Dad hat gemeint, Mister Church sei selber schuld. Man dürfe keinen wertvollen Gegenstand einfach so im Auto liegen lassen.”

Kelly stand mit offenem Mund vor ihrer Freundin. Es dauerte etwas, bis sich die jüngste der Gruppe wieder gefasst hatte. “AM, warum hast du das nicht vorher gesagt?”

“Warum? Es kommen oft Kunden bei meinem Dad vorbei. Das ist in seinem Job so”, erklärte Ann-Marie. “Können wir jetzt los? Ich muss pünktlich Zuhause sein.”

Kelly kniff energisch die Lippen zusammen. “In Ordnung. Wir gehen alle zu Mister Church. Er steht jetzt auf meiner Liste ganz oben.” Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Mister Malcolm Church war überrascht als eine kleine Bande Kinder an seiner Türe klingelte. Zuerst wollte er sie wegjagen. Aber Ann-Marie hatte ihr süßestes Lächeln aufgesetzt. Und einen schwarzen Jungen im Rollstuhl fortzujagen, das brachte nicht einmal Malcolm Church übers Herz. Was würden nur die Nachbarn sagen.

“Kann ich euch helfen?” fragte Mister Church also unfreundlich.

Timmi hielt dem alten Mann einen Zettel mit Schokoladenfingerabdrücken unter die Nase. “Kekse”, meinte er nur und wartete. Mister Church sah auf den Zettel.

Kelly gab Ann-Marie einen Knuff in die Seite. “Schon gut”, flüsterte Ann-Marie. Dann trat sie vor Timmi. “Guten Tag, Mister Church. Ich helfe Timmi beim Verkaufen. Was für ein Zufall. Sie wohnen ja hier.”

Mister Church sah Ann-Marie nachdenklich an. Dann erinnerte er sich an sie. “Du bist doch die kleine Eree, oder? Ich kenne deinen Dad. Bist du nicht etwas ab vom Schuss?”

Ann-Marie dachte darüber nach was Mister Church meinte, dann schüttelte sie den Kopf. “Ich hoffe es geht ihnen wieder besser.”

“Besser?” hakte Mister Church nach. “Ich war doch gar nicht krank.”

Nun knuffte Kelly Timmi in die Seite. Der schluckte die Kaugummis runter und zog Ann-Marie energisch hinter sich. “Sie waren doch so wütend. Weil ihnen was gestohlen wurde.”

“Woher weißt du das denn?” Mister Church war verwirrt. “Ich nehme drei Packungen Schokolade mit Kokosflocken.”

“Die Kekse mit Schokostückchen sind auch lecker.” empfahl Timmi und hielt den Zettel nochmals hoch. “Einfach die Anzahl eintragen. Am besten eins mehr. Zum Verschenken.”

“Ach so, ja. Wenn du meinst.” Mister Church bestellte ganze fünf Packungen. Kelly nutzte die Ablenkung und trat gegen Andys Rollstuhl.

“Mister Church, was wurde ihnen denn gestohlen?” fragte Andy und setzte sein bestes Lächeln auf. So wie Theo aus der Cosby-Show. Das hatte Andy vor dem Spiegel lange geübt.

“Ach, mein Schachspiel. Ich fahre bei schönem Wetter immer in den Park und treffe mich dort mit Freunden. Wir spielen Schach. Deswegen liegt mein Spiel immer hinten im Auto. Eingewickelt in eine alte Decke.”

“Dann kaufen sie sich doch ein neues Schachspiel”, meinte Andy.

Mister Church guckte zornig. “Das war ein besonderes Spiel. Aus Jade, Elfenbein, Krokodilleder und teuren Edelhölzern. Das Spiel stammte aus China und ist sehr alt. Es gehörte bereits meinem Vater und dessen Vater. Ein Familienerbstück. So ein Schachspiel ist sehr wertvoll, Kinder. Der emotionale Wert ist sogar unermesslich.” Der alte Mann sah betrübt zu Boden. Tränen sammelten sich in seinen Augen. “Ich habe so viele schöne Erinnerungen an das Schachspiel.”

Schritte wurden hinter Mister Church laut. Ein schlaksiger Kerl schob sich an seine Seite. “Was ist denn los, Onkel?” fragte er flapsig. Dann sah er Andy. “Was machst du denn hier? Onkel, dass ist der Idiot, von dem ich dir erzählt habe. Wegen dem sind wir alle eine Woche von der Schule geflogen.”

“Caleb Vilmer”, keuchte Andy und griff nach seinem Asthmaspray. “Ein Kumpel von Jimmy.”

Kelly dachte blitzschnell nach. Während Mister Church verwundert die Kinder anstarrte und dann seinen Neffen ansah, flüsterte sie Timmi etwas ins Ohr. Timmi hörte gut zu. Dann streckte er die Hand in Andys Richtung. “Nervennahrung”, bat er. Schon hatte er einen Schokoriegel in der Hand und wickelte ihn genüsslich aus.

Mister Church stand kurz davor die Kinder doch wegzujagen. Da setzte Timmi kauend zu einer Erklärung an: “Mister Church. Sie haben Glück. Wir sind …” Timmi kam ins Stocken, dann fuhr er fort: “Wir sind die Kinder aus der Inqusitionstreet. Und das ist unser Fall. Hören sie gut zu. Denn wir wissen wer ihr Schachspiel gestohlen hat.”

“Was?” rief Mister Church wütend aus. “Einer von euch etwa?”

Während Ann-Marie hinter Andy in Deckung ging, fuhr Timmi unbeirrt fort. “Die ganzen kaputten Autoscheiben in der Gegend haben uns auf die Spur des Diebes gebracht. Das waren keine Randalierer. Nur ein einziger Täter. Er hat diese kleinen Diebstähle inszeniert, um einen großen Diebstahl zu verbergen. Sozusagen eine Ablenkung.”

Caleb zupfte seinen Onkel am Hemd. “Komm, lass uns reingehen. Dad kommt gleich vom Revier zurück. Der hat doch mehr Ahnung, als so ein paar Kinder.”

Mister Church sah seinen Neffen wütend an. “Caleb, sei für einen Augenblick einfach mal ruhig. Oder geh an deinen neuen Computer, diesen C irgendwas. Ich will hören, was die Kinder aus der Inqusitionstreet zu sagen haben.”

Timmi lächelte, während er den Rest des Schokoladenriegels hinunterschluckte. Er ließ sich von Kelly noch etwas ins Ohr flüstern. Und dann erzählte er weiter: “Der Dieb hat es nur auf ihr Schachspiel abgesehen. Aber sie hätten den Dieb ja sofort erkannt, wäre nur das Spiel gestohlen worden. Also hat der Dieb noch weitere Autoscheiben zerschlagen und Sachen gestohlen. Er hat also für einen Haufen Müll gesorgt und darin das eigentliche Verbrechen versteckt.”

“Ja, aber wer ist denn der Dieb?” fragte Mister Church ungeduldig. Dann sah er begreifen Caleb an. Der sprang plötzlich an seinem Onkel vorbei und stieß Andy mitsamt des Rollstuhls um. “Verdammter Bengel!” schimpfte Mister Church los und hob drohend die Faust. “Wenn ich dich erwische!”

Weit kam Caleb jedoch nicht. Nach ein paar Schritten lief er einem Polizisten in die Arme, der ihn überrascht festhielt. “Was ist hier los?” fragte der Mann und zog Caleb hinter sich her. “Malcolm, was soll der Lärm?”

Caleb zitterte am ganzen Leib. Er war vollkommen bleich. “Dad, lass mich dir die Sache erklären.”

***

Kelly, Marie-Ann, Timmi und Andy saßen in ihrem Baumhaus. Die Kinder waren überglücklich. Mister Church war wider allen Erwartungen doch ein netter Mann, denn er hatte jedem als Belohnung einen Walkman zukommen lassen.

Für Caleb sah es finsterer aus. Er hatte gestanden das Schachspiel gestohlen zu haben. Da Calebs Vater bei der Polizei arbeitete, hatte er auch gewusst wann Streife gefahren wurde. Dadurch war es Caleb ein Leichtes gewesen unentdeckt die Autoscheiben einzuschlagen, um vom eigentlichen Diebstahl abzulenken. Um seine Strafe würden sich jetzt die Erwachsenen kümmern. Die Kinder aus der Inqusitionstreet kümmerten sich lieber um ihre Belohnung.

ENDE

Copyright © 2012 by Miriam Kleve

Buchtipp:

Morton Rhue
Boot Camp

Ravensburger Buchverlag (Paperback)
Übersetzt von Schmitz, Werner
Website: http://ravensburger.de
ISBN: 978-3-473-58255-6
Seiten/Umfang: 288 S. – 18,0 x 12,3 cm
Erscheinungsdatum: 6. Aufl. 01.02.2012

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Connor ist nicht der Sohn, den sich seine Eltern wünschen. Gegen seinen Willen lassen sie ihn in ein Boot Camp bringen. Dort erwartet Connor ein brutales Umerziehungssystem, aus dem es schier keinen Ausweg gibt.

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 3 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 1/2012)

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Januar 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 3

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Lovisa starrte angestrengt aus dem Panoramafenster der SKUNKALLA. Sie hielt das Steuerrad so fest umklammert, dass ihre Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Bernard saß abseits an dem großen Sensorbildschirm und beobachtete kleine Objekte, die planlos durch den Weltraum trieben. Kleine Felsen, Bauteile von Handelsfrachtern, sogar die ausgebrannte Hülle eines Kriegsschiffs waren zu sehen.

Schweiß stand auf Lovisas Stirn. Sie konzentrierte sich vollständig auf das Manöver und wich im letzten Augenblick einer riesigen, frei in der Schwerelosigkeit schwebenden Statue eines Elefanten aus.

“Von Steuerbord kommt ein weiteres Objekt auf uns zu.”, meldete Bernard. “Es sieht aus wie …” Bernard stockte kurz und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. “Es sieht aus wie eine Kutsche.”

Lovisa reagierte sofort und schob das Steuerrad nach vorne, um unter dem Objekt hinwegzutauchen. Kurz erhaschte sie einen Blick auf das Objekt. “Ein Auto.”, murmelte sie und drehte dann das Steuerrad mit einem heftigen Schwung nach links. Die SKUNKALLA vollführte beinahe eine Rolle, doch Dank der Trägheitsdämpfer und der künstlichen Schwerkraft war davon im Inneren des Raumschiffs nichts zu spüren.

Morle huschte über einen der Monitore. “Mein Scan zeigt das Ende des Trümmerfeld an. Die ANDORRA sollte gleich vor uns auftauchen.”

Tatsächlich, da war sie, die Raumstation ANDORRA. Lovisas Pappa hatte die Station manchmal kurz erwähnt, sie aber nie zum Gespräch gemacht. Auch die Datenbank der SKUNKALLA enthielt nur spärliche Informationen, die zudem auch veraltet waren. Lovisa und Bernard wussten nur, dass es eine alte Handelsstation des Kaiserreichs war, die vor dreißig Jahren ein Privatmann kaufte und vor dem Verfall rettete.

Die ANDORRA lag am Rande des Kaiserreichs und hatte innerhalb des Handelskartells keine große Bedeutung. Pappa hatte einmal gesagt, dass sich niemand um ANDORRA scheren würde, denn dort würde nur Dreck gehandelt. Erst viel später verstand Lovisa, dass mit dem Wort “Dreck” kein Erdreich gemeint war. Sie lächelte traurig bei dem Gedanken daran. Damals war der Weltraum noch in Ordnung gewesen.

“Vorsicht!”

Bernards Stimme riss Lovisa aus ihren Erinnerungen. Erschrocken sah sie einen großen Felsbrocken auf das Panoramafenster zufliegen und zog am Steuerrad. Die SKUNKALLA zog die Nase hoch, aber zu spät. Ein metallisches, reißendes Geräusch drang durchs Schiff und ließ alle Erschauern. Lovisa bekam ganz weiche Knie und glaubt kurz, sie müsse sich setzen. Doch das Aufleuchten der Notbeleuchtung blieb aus.

Stattdessen gab Morle Entwarnung. “Ein breiter Riss in der Außenhülle. Die interne Struktur ist intakt. Kein Verlust von Sauerstoff. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Ich empfehle eine Reparatur beim nächsten Halt.” Die künstliche Katze wechselte den Bildschirm und tauchte nun auf Bernards Sensorbildschirm auf. Mit einer ihrer virtuellen Tatzen schnappte sie nach dem Symbol des Felsen, der nun hinter der SKUNKALLA wegtrudelte. Es hatte keine Auswirkung und schmollend zog sich Morle wieder auf ihren eigenen Bildschirm zurück. “Ich empfehle auch den Kauf eines Korbs mit virtuellen Wollknäueln.”

Lovisa lächelte erleichtert. Der Schaden war geringer als sie zuerst dachte. “Falls es virtuelle Wolle gibt, bringe ich dir etwas mit.” Inmitten der Dunkelheit des Weltraums tauchte plötzlich die Raumstation auf. Sie hatten das Trümmerfeld durchflogen, dass die ANDORRA umgab. Endlich.

Die Station war im Vergleich zur SKUNKALLA riesig und ihre zehn Andockpylone ragten in den Weltraum hinaus. Die ANDORRA hatte eine Sternenform, wie Lovisa feststellte. Und sie war gut besucht. Sechs kleine Frachter und Kurierschiffe hatten angedockt. Aber kein einziges großes Schiff. Zudem waren fast alle Raumschiffe in einem schäbigen Zustand und zeigten keinerlei Markierung, von der aus auf die Herkunft oder Zugehörigkeit des Raumschiffs geschlossen werden konnte.

Auch die Station war in einem schlechten Zustand. Die meisten der Positionslichter waren tot oder flackerten wild umher. Einige der Pylone waren zerstört und somit unbrauchbar. Obwohl so viele Schiffe angedockt waren, schien kein Betrieb zu herrschen. Die ANDORRA machte einen gespenstischen Eindruck auf Lovisa. Sie blickte kurz zu Bernard hinüber, doch der Vampyrjunge wirkte mehr neugierig als verängstigt. Das machte auch Lovisa Mut.

Normalerweise nahmen die Stationen Kontakt zu sich annähernden Schiffen auf. Doch die Kommunikation blieb still. Also ergriff Lovisa die Initiative und aktivierte das Kommunikationsterminal. Es rauschte und knackte, dann meldete sich eine verschlafene Männerstimme. Der Kommunikationsbildschirm blieb leer. “Hier ANDORRA? Wer da?”

“Raumhändler SKUNKALLA. Ich übertrage ihnen unsere Daten und …”

Ein wildes Lachen knallte aus den Lautsprechern. “Schätzchen, spar dir das. Hier empfängt eh keiner eure Daten. Ich will nur wissen wer du bist. Hier legen nur Leute an die uns kennen oder die eine Empfehlung haben.”

Lovisa blickte ratlos zu Bernard. Der zuckte nur mit den Schultern. “Vielleicht solltest du Slim Jorgenson erwähnen?” Kaum hatte Bernard den Namen ausgesprochen, da fauchte Morle laut. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

“Morle, Negativeintrag über Slim löschen.” Das virtuelle Kätzchen mauzte schmollend, war dann aber ruhig.

“Slim? Slim Jorgenson?” kam es über die Lautsprecher und nun flackerte auch der Kommunikationsbildschirm auf. Das Bild rauschte zwar stark, blieb aber stabil. Ein dicker Mann war zu sehen, der in einem kleinen Büro saß. Er trug nur ein verschwitztes Unterhemd und kurze Hosen. Er grinste breit und entblößte dabei mehrere Zahnlücken. Ein großer goldener Nasenring wippte dabei auf und ab. “Sag das doch gleich, Schätzchen. Freunde von Slim sind auch meine Freunde. Folgt einfach dem Leitstrahl.” Das Bild erlosch.

“Freunde muss man haben.”, sagte Lovisa glücklich und begann mit dem Andockmanöver. Mit ruhiger Hand steuerte sie die SKUNKALLA auf den zugewiesenen Andockpylonen zu. Dabei kamen sie nahe an einigen der anderen Schiffe vorbei. Lovisa seufzte. Im Grunde passte die SKUNKALLA hierhin. Auch sie hatte überall Kratzer und Schrammen. Hoffentlich konnte Slim weiterhelfen.

Das Andockmanöver verlief problemlos und Lovisa war stolz auf sich. Aufgeregt schnappte sie sich ihren Säbel und rückte die Augenklappe zurecht. Sie wollte einen guten Eindruck hinterlassen. Bernard lächelte und schritt hinter ihr her zur Luftschleuse. “Du siehst gut aus, Lovisa. Diese Entschlossenheit passt zu dir.”

Lovisa lächelte und hoffte, dass Bernard ihre roten Ohren übersehen würde. Immerhin waren die gut unter Haaren und Hut versteckt. Aber einem Vampyr traute Lovisa derzeit alles zu. Auch, dass er rote Ohren bemerkte. Der Gedanke daran ließ sie nun auch um die Nasenspitze ein wenig glühen. Glücklicherweise erreichten sie die Luftschleuse und es galt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren.

Mit einem lauten Zischen öffnete sich das Schott. Vier muskelbepackte Kerle standen im Gang. Einer sah ungepflegter aus als der andere. Sie grinsten breit und tasteten Lovisa mit ihren Augen ab. “Hübsches Ding.”, sagte einer von ihnen und nickte dabei.

Bernard machte einen Schritt nach vorne und stellte sich zwischen Lovisa und den Kerl. “Das hübsche Ding ist Kapitänin Lovisa, Kommandantin der SKUNKALLA.” Der Vampyrjunge dachte kurz nach, dann fügte er lächelnd hinzu: “Und die amtierende Sternenbraut.”

Die Männer sahen sich gegenseitig an. Sie waren verwirrt. Einer von ihnen richtete einen Handscanner auf Bernard und schlug dann mit der flachen Hand auf das Gerät. Es gab keinen Pieps von sich. Der Redeführer spuckte auf den Boden. “Sternenbraut? Was ist denn das für ein Unsinn. Geh aus dem Weg und lass mich mal das Schätzchen betrachten.”

Der Kerl stieß mit seiner schwieligen Hand nach Bernard, um ihn aus dem Weg zu schubsen. Doch der Vamypr blieb einfach stehen. Keinen Millimeter rückte er von der Stelle, besah sich nur mit herablassender Miene die Stelle, an der ihn der Fremde berührt hatte. Der wagte einen zweiten, kräftigeren Versuch. Doch mit dem gleichen Ergebnis. Bernard rückte keine Haaresbreite weg.

Lovisa war beeindruckt von den Fähigkeiten des Vampyrjungen. Insgeheim freute sie sich, dass er sich als Beschützer vor sie gestellt hatte. Aber augenblicklich flammte in Lovisa auch etwas Zorn auf. Immerhin war sie eine Kapitänin und die amtierende Sternenbraut. Sie brauchte keinen Beschützer. Also griff sie nun ohne nachzudenken nach Bernards Schulter und drückte ihn weg, um freie Sicht zu haben.

Der Vampyr stolperte von der Wucht des überraschenden Griffs zur Seite und knallte schwer gegen die Wand des Gangs. “Entschuldigung, Kapitän”, murmelte er und rieb sich die Schulter. “Kommt nicht wieder vor.”

Erstaunt blickte der Redeführer der kleinen Truppe auf seine Hand, sah zu Bernard und dann zu Lovisa hinüber. Er schluckte schwer. “Wir sollen euch zum Kommandanten bringen. Wir zeigen euch den Weg.” Die vier Männer drehten sich um und schritten tuschelnd voran. Sie waren sichtlich verwirrt.

Während Morle die Luftschleuse zur SKUNKALLA schloss, schritten Bernard und Lovisa hinter ihrem Empfangskomitee her. “Was war denn das eben?” fragte Lovisa leise. “Der Kerl hat dich kein bisschen von der Stelle rücken können. Und er hat Muskeln wie ein Bär. Aber ich habe dich ganz leicht wegschubsen können.”

Bernard lächelte verlegen und blickte zu Boden. “Manchmal ist es gut Stärke zu demonstrieren.”, setzte er zu einer Erklärung an.

Lovisa unterbrach ihn. “Schon gut, ich habe verstanden. Die werden nun glauben ich sei noch stärker als du. Gut gemacht, mein Lieber.” Sie hauchte ihm schnell einen flüchtigen Kuss als Dank auf die Wange. Und hätten Bernards Ohren erröten können, sie würden in Flammen stehen.

Die kleine Gruppe trottete durch die Innereien der Raumstation. Die ANDORRA sah Innen kaum besser aus als Außen. Die Läden auf der Promenade waren allesamt geschlossen, doch es gab zwei Kneipen, aus denen laute Musik, raues Lachen und gelegentlich ein Schrei drangen. Überall waren Lampen defekt oder rosteten Streben und Platten vor sich hin. Oft hingen Leitungen aus der Decke oder ragten aus den Wänden, manchmal sprühten Funken aus ihren offenen Enden. Lovisa ahnte, warum ihr Pappa so wenig über ANDORRA gesprochen hatte. Die Raumstation musste eines jener Piratennester sein, die gut verborgen im Weltraum den miesesten Besatzungen Unterschlupf boten. Lovisa hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Und obwohl Bernard einen selbstsicheren Eindruck machte, erging es ihm ebenso.

Schließlich gelangten sie in ein kleines und schmutziges Büro. Hier saß der Mann, den Lovisa bereits auf dem Kommunikationsbildschirm gesehen hatte. Er sah nicht nur verschwitzt aus, sondern roch auch säuerlich. Das galt auch für sein Büro. Zudem mischte sich ein käsiger Duft dazu.

“Willkommen auf ANDORRA.”, eröffnete er das Gespräch. “Mein Name ist Lucius Bent. Ich bin der Besitzer und Manager dieser wunderbaren Raumstation. Und erfreut, eure Bekanntschaft zu machen. Ihr seid Freunde von Slim, wenn ich das richtig verstanden habe?”

Lovisa nickte unsicher, während sich ihre vier Begleiter hinter Bent stellten. Einer flüsterte seinem Boss etwas ins Ohr und der Dicke kniff nachdenklich die Augen zusammen. “Ihr habt bei meinen Leuten Eindruck hinterlassen. Das gelingt nur den wenigstens.” Lucius öffnete die Schublade seines Schreibtisches und holte ein dickes Käsebrot hervor. “Möchtet ihr auch etwas?”

Schnell schüttelte Lovisa den Kopf. Sie wollte alles, nur kein Käsebrot. Vor allem nicht von diesem Mann, der sie innerlich anwiderte. “Wo finden wir Slim?” fragte sie, um das Gespräch zu einem schnellen Ende zu bringen.

“Er kümmert sich um die Technik auf meiner Station. Ein wahres Juwel, aber stets mit seinen Zahlungen hinterher. Ich denke als Freunde von Slim, werdet ihr gerne seinen Schulden begleichen.”

Bernard und Lovisa guckten verblüfft. Damit hatte keiner von beiden gerechnet. “Warum sollten wir?” empörte sich Lovisa. “Slim war mal Besatzungsmitglied der SKUNKALLA und ich will ihn nur besuchen. Für seine Schulden ist er alleine verantwortlich.”

“Auf meiner Raumstation gilt, dass Freunde füreinander einstehen. Wir sind ein äußerst loyaler Haufen.” Lucius Bent biss in sein Käsebrot und grüne Kräutersoße rann an seinen Mundwinkeln herab, während er kaute. “Und das erwarte ich auch von unseren Besuchern. Oh, da wir schon mal dabei sind: Denkt bitte daran eure Liegegebühr zu bezahlen. Ich würde ungern euer Raumschiff beschlagnahmen.”

Lovisa keuchte auf. “Was? Aber …” Lucius Bent lachte und seine Männer grinsten. Lovsia blickte zu Bernard, der sie eindringlich anblickte und schwach den Kopf schüttelte. Obwohl die Sternenbraut den Vampyr erst seit kurzem kannte, wusste sie was er dachte: “Keinen Ärger. Nicht jetzt. Ruhe bewahren.”

“Schicken sie mir eine Aufstellung der Kosten auf die SKUNKALLA. Ich habe einige Waren dabei und bin mir sicher, dass wir uns einige werden. Kann ich nun zu Slim?”

“Natürlich.”, sagte Lucius Bent und winkte einen seiner Männer vor. “Zeig ihnen den Weg. Aber lass dir nicht auf der Nase herumtanzen.”

Der Mann sah zu Bernard und nickte bedächtig. Dann ging er mit gehörigem Abstand an Lovisa und den Vampyrjungen vorbei. “Kommt mit. Ist ein Stück. Slim lebt nahe am Zentrum. Hat er kürzer zu laufen, wenn es mal wieder brennt.”

Letztere Worte waren wohl ernst gemeint, denn auf dem Weg waren öfter Brandspurren und Schmauchflecken zu sehen. Die Raumstation hatte ihre besten Tage bereits hinter sich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie endgültig auseinanderfallen würde.

Nach einem gehörigen Fußmarsch und einer ordentlichen Kletterpartie über einige Leitern, standen Lovisa und Bernard in Slims Quartier. Der Mechaniker war noch unterwegs und sein Heim deswegen verwaist.

“Er kommt gleich zurück. Macht ein paar Reparaturen und gönnt sich einen ordentlichen Schluck, nehme ich mal an.”, erklärte Bents Mann. Er drehte sich ohne weitere Worte um und ging.

Slims Quartier war ein dreckiges, ölverschmiertes und nach Metall müffelndes Loch. Überall lagen Werkzeuge und Ersatzteile. Auf dem Boden standen einige Flaschen mit billigem Fusel und das Bett roch nach Alkohol. “Ich glaube es war ein Fehler, Slim zu suchen.”, sagte Lovisa kleinlaut. “Es scheint schlimmer als je zuvor.”

“Vielleicht.” Bernard machte einen Schritt in den Raum hinein und griff auf den Tisch. Mit seinem scharfen Blick hatte er etwas entdeckt und zog es nun unter einem schmierigen Tuch hervor. “Bist du das?”

Er reichte Lovisa ein Hologramm hinüber. Darauf waren Slim, ihr Pappa, ihre Mamma und Slim zu sehen. Sie winkten alle in die Kamera. Das lag lange zurück. Lovisa war noch ein kleines Mädchen mit Sommersprossen und Zöpfen. Das Hologramm war ein Jahr vor Nils’ Geburt aufgenommen worden.

Jemand räusperte sich leise. Lovisa und Bernard wirbelten herum. Ein kleiner, drahtiger Kerl stand in der Türe. Sein graues Haar war schütter, die Augen lagen tief in den dunklen Augenhöhlen und er trug einen dreckigen, nach Schnaps stinkenden Overall. Die Hände waren voller Maschinenfett, das er nun versuchte notdürftig an seinem Overall abzuwischen. “Lovisa?” kam es ihm ungläubig über die Lippen und Tränen flossen ihm plötzlich über die Wangen. Es war Slim Jorgenson. “Mädchen, Kleines, was machst du denn bloß hier?”

Der Schmutz, der Gestank und die vertrackte Situation waren Lovisa mit einem Mal egal. Slim stand vor ihr, der gute alte Slim. Er war gealtert, aber er war auch ein Stück Zuhause. Mit einem Satz flog sie ihm die Arme und riss ihn dabei beinahe zu Boden. Nur mit Mühe konnte sie sich von ihm losreißen.

“Lovisa, Liebes. Ich bin auch glücklich dich zu sehen. Aber was machst du hier? Wo ist die SKUNKALLA? Wo ist dein Pappa? Aber, was hast du denn?”

“O Slim, weißt du es denn nicht? Hat dir denn keiner davon berichtet?” Lovisa musste schluchzen und Slim nahm sie tröstend in den Arm. “Pappa und die anderen, sie sind alle tot. Nur ich und Nils leben noch. Aber Nils ist weg. Und ich habe die SKUNKALLA gestohlen. Und dann habe ich Bernard getroffen. Und ich wusste nicht was ich machen sollte.” Die Worte sprudelten nur so hervor und Slim lauschte Lovisa eindringlich. Mehr als einmal musste er sich die Tränen aus dem Gesicht wischen und drückte die kleine Sternenbraut tröstend an sich. Als Lovisa alles erzählt hatte, wischten sich beide die Tränen aus dem Gesicht.

“Ich habe deinem Pappa viel zu verdanken.” Slim sah auf das Hologramm. “War schon in Ordnung, dass er mich rausgeworfen hat. Ich habe viel Mist gebaut, Lovisa. Und viel gutzumachen.”

“Was hast du bloß mit diesem Lucius Bent zu schaffen?” wollte die Sternenbraut wissen. “Er ist ein widerlicher Kerl. Und er versucht uns hier festzusetzen.”

“Tut mir Leid, dass ihr in diesen Schlamassel geraten seit. Lucius ist ein fieser Kerl. Selbst wenn du zahlst, wird er mich nicht gehen lassen. Und dich auch nicht. ANDORRA war mal eine schöne und sichere Raumstation, aber Lucius hat sie gänzlich ruiniert. Und aus Angst vor dem was ihn zur Rechenschaft ziehen könnte, hat er dieses Trümmerfeld um die Station zusammengetragen. Ist billiger als jedes Schutzschild und verhindert, dass jemand auf die Idee kommt und in der Nähe der Station springen will. Die Trümmer würden in den Hyperraum hineingezogen und dabei jeden Antrieb in Stücke reißen.”

Bernard dachte nach. “Gibt es denn keine Möglichkeit ungesehen an Bord der SKUNKALLA zu kommen und von hier zu verschwinden?”

Slim lachte heißer auf. “Mein Junge, ich bin Lucius kleines Goldstück. Er braucht mich, um die ANDORRA am laufen zu halten. Ohne mich fällt hier alles auseinander. Deswegen lässt er mich ständig beobachten und macht Stichproben. Aber er unterschätzt mich.” Der alte Mann zwinkerte den beiden zu. “Ich heuere gerne wieder auf der SKUNKALLA an. Falls du mich noch willst, Lovisa. Durch deinen Pappa, da musste ich nachdenken. War ein schwerer Schlag für mich, aber dadurch habe ich mein Leben geändert.”

Lovisa sah sich skeptisch in dem kleinen Quartier um und zeigte auf die Schnapsflaschen. “Ich glaube du trinkst noch immer zu viel, Slim.”

“Ha, das sieht nur so aus. Ich spiele Lucius und seinen Leuten was vor. Die sollen mich unterschätzen. Ich habe seit Jahren keinen Tropfen mehr angerührt. Mein Ehrenwort. Ich gebe zu, sich einen Tropfen zu genehmigen klingt verlockend. Aber ich tu es nicht. Keinen einzigen Schluck mehr. Ist schwer, aber ich halte durch.”

“Slim, ich glaube dir.”, erklärte Lovisa und umarmte den alten Mann herzlich. “Willkommen an Bord.”

“Weiß gar nicht, was ich da sagen soll.” Slim lächelte glücklich. “Na ja, bist ja jetzt mein Käptn. Mein kleines Mädchen wird erwachsen.”

Lovisa sah verlegen auf den Boden. “Mensch, Slim. Die Zeiten haben sich geändert.”

“Freunde, ich will uns die Stimmung nicht verderben, aber wir brauchen einen Plan.” Bernard sah die beiden eindringlich an. “Und zwar einen guten Plan.”

Slim nickte. “Ich denke, ich weiß da etwas. Ist eine riskante Sache und wir müssen ziemlich schnell sein. Ich habe ein paar der Sensoren manipuliert und kann uns durch die Station schleusen. Dann auf die SKUNKALLA und weg von der ANDORRA. Gibt aber ein Problem. Ich muss ungesehen in den Kontrollraum und dort von Hand die Andockvorrichtung lösen. Sind aber überall weitere Sensoren und Kameras. Einige von denen funktionieren noch. Weiß nicht, ob ich das schaffe. Das Alter steckt mir in den Knochen.”

“Ich mache das.”, erklärte Bernard. “Ich muss nur wissen wo der Kontrollraum ist und wie ich die Andockvorrichtung lösen kann.”

“Bist du dir sicher?” fragte Slim, beeindruckt von Bernards Mut. “Ist keine leichte Sache. Musst den Kameras ausweichen und versuchen die Sensoren zu umgehen.”

Lovisa kicherte. “Keine Angst. Bernard ist Spezialist in solchen Sachen.”

“In Ordnung. Dann hör mir gut zu und versuch dir alles zu merken.” Slim nahm ein Datenpad vom Tisch und begann Bernard den Plan genau zu erklären. Er packte zwei Taschen mit Werkzeug, nahm Lovisa bei der Hand und die beiden verschwanden in den Tiefen der Station. Der Vampyrjunge sah den beiden nach. Dann machte er sich auf den Weg.

Kameras und Sensoren waren für ihn kein Problem. Das hatte er bereits auf der SKUNKALLA eindrucksvoll bewiesen. Für die Technik war es sozusagen unsichtbar. Er musste nur darauf achten, dass ihn keiner von Lucius Leuten sah. Dank Bernards übermenschlichen Reflexen blieb er stets vor einer Entdeckung verborgen. Schlussendlich stand er zu allem bereit vor der Türe des Kontrollraums.

Wie Slim vorausgesagt hatte, war keiner von Lucius Leuten da. Aber die Türe war verschlossen. Bernard sah sich vorsichtig um, dann packte er den Griff und zog sie mit Gewalt auf. Zischend gab die Türe schlussendlich nach. Schnell huschte der Vampyr in den Raum hinein und suchte das Kontrollpanel, das ihm Slim beschrieben hatte. Auf einem der Monitore sah er die SKUNKALLA.

Sobald er die Andockvorrichtung gelöst hatte, war die SKUNKALLA frei. Lovisa würde das Raumschiff solange in Position halten, bis er in der Luftschleuse war. Dann galt es in einem geschickten Manöver abzulegen und ins Trümmerfeld zu fliegen. Immer auf der Flucht, dachte Bernard. Arme Lovisa.

Die Andockvorrichtung war gelöst und Bernard huschte aus dem Kontrollraum. Er machte sich auf den weg zur SKUNKALLA. Da hört er Stimmen aus einem der Räume seitlich des Gangs. Eine gehörte Lucius Bent, die andere war ihm unbekannt. Sie klang verkratzt. Scheinbar ein Kommunikationsgerät. Lautlos schlich sich Bernard an die halboffene Türe.

Es war tatsächlich Lucius, der vor einem alten Kommunikationsgerät stand. “Doch, ich schwöre es, Major. Der Junge taucht auf keinem Sensor auf. Kein Scanner kann ihn erfassen. Und mein bester Mann hat Angst vor dem Knaben. Und das Mädchen ist von der gleichen Art. Plötzlich haben die Sensoren auch sie verloren. Und meine Leute haben mir berichtet, dass sie auch unbeschreiblich stark ist.”

Nun sprach die andere Stimme, die eindeutig einer Frau gehörte. “Ich warne sie, Bent. Wenn sie lügen, dann schießen wir ihre Station aus dem All. Denken sie an unser Abkommen. Gouverneur Tailleur kann sehr wütend werden. Wir lassen sie in Ruhe, dafür liefern sie uns die Piratenbosse aus. In diesem Fall die kleine Göre und ihren Freund.”

“Ich hatte ja keine Ahnung, dass die beiden so gefährlich sind.” Lucius Bent schnappte nach Luft. “Wie schnell können sie hier sein?”

“Eine Stunde. Halten sie die beiden solange fest. Sie erhalten den üblichen Lohn.”

Bernard hatte genug gehört. Leise huschte er weiter bis zur Andockschleuse. Hier war niemand. Er gab den vereinbarten Code ein und zischend öffnete sich das Schott. Schnell schloss er die Schleuse wieder und rannte auf die Brücke. Lovisa stand bereits am Steuerrad. Sie war froh Bernard unverletzt wiederzusehen.

“Wir müssen los!” rief er aus. “Lucius hat uns an Tailleur verraten. In einer Stunde sind sie erst da, aber ich wette Lucius sucht uns bereits. Er weiß, dass die Sensoren uns nicht mehr erfassen.”

Lovisa guckte grimmig. “Verschwinden wir von hier.” Die SKUNKALLA löste sich sanft vom Andockpylon und schwebte ein kleines Stück von der Raumstation weg. Nun beschleunigte die Sternenbraut das Raumschiff und hielt auf das Trümmerfeld zu. “Slim ist im Maschinenraum. Er und Morle kümmern sich um den Antrieb und behalten den Schaden an der Außenhülle im Auge. Slim kennt auch einen Kurs durchs Trümmerfeld, der ziemlich frei von Trümmern ist. Sozusagen Lucius Fluchtkurs, falls mal etwas schief geht und er ANDORRA verlassen muss.”

Bernard blickte auf den Sensorschirm. “Die Raumstation lädt ihre Laserkanonen und richtet sie auf uns aus.” Seine Stimme klang besorgt. “Die werden schießen.”

“Tailleur will uns doch lebend.”, erklärte Lovisa, da blitzte auch schon der erste Lichtstrahl auf und sprengte einen der kleinen Felsen in die Luft. “Das hat er wohl vergessen diesem Bent zu sagen.”

Die SKUNKALLA beschleunigte und hielt auf eine Lücke im Trümmerfeld zu. Lovisa legte das Schiff seitlich und schrammte in das Feld hinein. Sie vertraute nun vollends auf Slims Angaben, ansonsten würde die SKUNKALLA mit den Trümmern kollidieren und sie alle sterben. Doch Slims Wissen um die ANDORRA und das Feld waren Gold wert. “Im Trümmerfeld sind wir sicher. Zu viele Objekte, um uns noch treffen zu können. Und sobald wir auf der anderen Seite heraus sind, können wir springen.”

Es gab weitere Laserblitze, die im Rücken der SKUNKALLA Felsen und Schrott in eine dampfende und zischende Masse verwandelte. Bernard schüttelte den Kopf. “Bents Leute haben hinter uns das Trümmerfeld in Bewegung gebracht. Der Eingang zur sicheren Strecke ist verschlossen. Bent wird sich wohl mit den Untergebenen des Gouverneurs unterhalten müssen.”

Lovisa atmete befreit auf. “Das ist seine Sache. Wir sind erst einmal in Sicherheit. Die Energie der SKUNKALLA reicht noch für einen letzten Sprung, dann muss das Schiff erst einmal gewartet werden.”

“Und wo springen wir hin?”

“Slim kennt glücklicherweise einige alte Sprungpunkte. Unter anderem eine alte Minenstation mit Raffinerie. Dort können wir uns erst einmal verstecken und neue Kraft schöpfen.”

“Aye, aye, Kapitän.”, rief Bernard fröhlich aus, während Lovisa die SKUNKALLA mit ruhiger Hand in Sicherheit steuerte.

ENDE

Nächstes kapitel

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 2 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 4/2011)

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Oktober 2011

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 2

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve



Sie wusste nicht, wie lange sie ohne Bewusstsein gewesen war. Aber Lovisa fühlte sich ausgeruht. Ihre Ohnmacht war in einen tiefen Schlaf übergegangen, den sie die letzten Tage so sehr gebraucht hatte. Doch um so wohltuender der Schlaf, um so schlimmer das Erwachen.

Sie hatte Zeit verloren. Vielleicht sogar zu viel Zeit. Und da war noch dieser tote Junge, der plötzlich vor ihr stand und den Morle mit den Sensoren der SKUNKKALLA nicht erfassen konnte. Lovisa hatte schon viele Gruselgeschichten von der Erde gehört. Doch die meisten waren als Aberglaube enttarnt oder von schlimmen Weltraumgeschichten abgelöst worden. Trotzdem war sich Lovisa sicher,  dass dieser Junge ein Vampir sein musste.

Lovisa hörte es Rascheln. Jemand war mit ihr im Raum. Vorsichtig öffnete sie die Augen einen Spalt und blinzelte. Sie lag in ihrer Kabine. Jemand hatte sie hergebracht, in ihre Koje gelegt und zugedeckt. Das Licht war gedimmt.

Nur zwei Schritte entfernt saß der Vampirjunge und blätterte in einem alten Buch, dass Lovisa zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Es war uralt und erzählte das Märchen von einem kleinen Jungen, der unbedingt Zauberer werden wollte. Lovisa hatte die Geschichte sehr gut gefallen, doch niemand hatte die fehlenden Bücher der Reihe mehr auftreiben können.

Genau in diesem Buch las der Junge, der sich als Bernard vorgestellt hatte. Lovisa schluckte und ihr Herz ging schneller. Was sollte sie nur machen? Morle war keine Hilfe. Vorsichtig sah sich die angehende Piratin um. Am Ende der Koje lehnte ihr Säbel. Wenn sie schnell genug war, konnte sie den Vampir sicherlich überraschen.

„Du brauchst dich nicht schlafen zu stellen.“ Die Stimme des Jungen klang fröhlich. Er schob das Buch zur Seite und drehte sich um. Sein Gesicht lag im Schatten und wirkte fremdartig und beängstigend. Zu Lovisas Überraschung konnte sie ihn verstehen. „Ich habe gehört, dass du aufgewacht bist. Irgendwie habe ich das Gefühl, zwischen uns beiden gibt es ein Missverständnis.“ Er lächelte und erneut sah Lovisa die beiden spitzen Eckzähne.

„Du bist ein Vampir.“, stieß sie atemlos hervor. „Ein echter Vampir. Du bis tot. Nein. Ich meine, du bist untot.“

Der Vampir strich sich mit dem Zeigefinger über eine der Augenbrauen. „Ich verstehe. Das hat sich also nicht geändert. Ich dachte die Menschen würden heutzutage anders über meine Spezies denken. Ich bin jedenfalls davon ausgegangen. Immerhin sind wir an Bord eines Raumschiffs. Das bedeutet einen großen Sprung in eurer Entwicklung. Dachte ich jedenfalls.“

„Deine Spezies? Ihr seid Monster.“

„Monster? Also erst einmal sind wir keine Monster. Mein Spezies nennt sich Vampyr. Und ich bin erst recht kein Monster, sondern Bernard. Bernard Tailleur, das habe ich dir doch gesagt.“

„Das macht es nicht besser. Der Name Tailleur genießt hier an Bord keinen guten Ruf. Im Gegenteil. Aber das erklärt einiges. Sicherlich ist Gouverneur Tailleur auch ein Vampir.“ Lovisa strampelte mit den Beinen die Decke weg. Glücklicherweise war sie darunter angezogen. Nur ihre Stiefel fehlten. Die standen vor dem Bett.

Bernard legte die Stirn in steile Falten. Etwas bereitete ihm offensichtlich Sorge. „Irgendwie habe ich mir das Aufwachen anders vorgestellt. Ganz anders.“

„Ich mir auch.“ Lovisa tastete mit den Händen ihren Hals ab. Sie fand keine Bissspuren und war erleichtert. „Und damit du es weißt, ich schmecke schrecklich. Und jeden Morgen frühstücke ich Knoblauch und Thymian.“

„Was? Wie kommst du denn jetzt darauf? Oh.“ Seine Miene hellte sich auf und er brach in schallendes Gelächter aus. „Ich verstehe, das hatte ich ja ganz vergessen. Wegen den spitzen Zähnen glaubt ihr ja, wir würden uns von Blut ernähren. Das mit dem Knoblauch habe ich auch gehört, aber die Sache mit dem Thymian ist mir neu.“ Bernard lächelte. „Keine Bange, Vampyre sind keine Blutsauger.“

Sein Lächeln war ansteckend und bisher hatte er keine Anstalten gemacht, Lovisa anzugreifen und seine Zähne in ihren Hals zu schlagen. Sie entspannte sich ein wenig und schwang ihre Beine über den Rand der Koje, um besser zu sitzen. Lovisa legte die Hände in den Schoß und betrachtete Bernard eingehend. „Wo kommst du eigentlich genau her? Wo ist deine Familie? Und warum hast du in einer Kiste geschlafen?“

„Bitte, langsam. Ich beantworte gerne deine Fragen. Aber ich brauche auch ein paar Antworten. Ich fühle mich momentan ziemlich verwirrt.“

Lovisa nickte. „Das geht mir genauso. Also in Ordnung, wie du mir, so ich dir. Du gibst mir Antworten und ich dir dann auch.“

„Einverstanden. Also, meinen Namen kennst du ja schon. Wie ist denn deiner?“

Lovisa wurde rot. Trotz dem großen Schrecken einem Vampir gegenüber zu stehen, hielt sie es plötzlich für unhöflich, sich nicht vorgestellt zu haben. „Lovisa Larsson. Und das Schiff hier, das ist die SKUNKKALLA.“ Sie reichte Bernard ihre Hand, die er ergriff und sanft drückte. Es war ein angenehmes Gefühl. Die Hand war zwar kühl, aber keinesfalls kalt, wie Lovisa befürchtet hatte.

„Freut mich dich kennenzulernen, Lovisa. Also, ich bin ein Vampyr und stamme von dem Planeten Illthanséa. Ich bin vor sehr langer Zeit auf euren Planeten gekommen. Damals sind die Menschen ebenfalls mit Schiffen gefahren, doch die hatten gewaltige Segel und dienten dazu, die Meere eures Planeten zu bereisen.“

Lovisa guckte Bernard verblüfft an. „Das ist aber ziemlich lange her. Du bist ja uralt. So siehst du gar nicht aus.“

„Um ehrlich zu sein, so groß ist der Unterschied zwischen und beiden gar nicht. Ich altere beinahe wie ein Mensch. Aber wenn wir schlafen, dann setzt der Alterungsprozess aus. Und manchmal vergessen wir regelrecht aufzuwachen. Ich habe aber wohl länger als jeder andere meiner Art geschlafen. Du hast gesagt, es gäbe einen Gouverneur Tailleur? Das ist sicherlich ein Verwandter von mir. Ich sollte unbedingt mit ihm reden.“

„Nein!“ stieß Lovisa hervor und ihre Stimme überschlug sich dabei fast. „Niemals! Ich kehre niemals wieder in die Nähe dieses Mannes zurück!“

Bernard war unter der dem plötzlichen heftigen Ausbruch zusammengezuckt und sah Lovisa erschrocken an. In seinen Augen wirbelten goldene Punkte umher. „Was hat er dir angetan?“ Aufrichtiges Mitgefühl schwang in Bernards Stimme mit. „Was war so Schreckliches, dass du so viel Angst vor ihm hast?“

„Er, er …“ Lovisa atmete tief durch. Dann begann sie zu erzählen. Erst langsam und stockend, dann immer schneller und schluchzend. Die Tränen rannen ihr übers Gesicht, als sie von Tailleurs Verbrechen erzählte, wie sehr sie ihren Pappa, Nils und die ganze Mannschaft der SKUNKKALLA vermisste. Am Ende saß sie auf der Kante ihrer Koje, nur mehr ein Häufchen elend, mit verweinten Augen, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen.

„Entschuldige, dass wusste ich nicht.“ Bernards Stimme war tonlos. Mitgefühl lag in seinem Blick, als er zu Lovisa hinüberging und sich neben sie setzte. Bernard starrte einige Sekunden zu Boden, dann legte er seinen Arm um sie. „Was dieser Mann getan hat ist schrecklich und entehrt den Namen Tailleur. Egal was geschieht, ich werde dir beistehen, Lovisa. Versprochen. Bei meiner Ehre, ich werde erst ruhen, wenn die Gerechtigkeit wieder hergestellt ist.“

Seine Worte klangen stark und aufrichtig. Tief im Inneren wusste Lovisa, dass es Bernard ehrlich meinte. Es war gut, jemanden zum Anlehnen zu haben und sie legte ihren Kopf an seine Schulter. Obwohl sie den Vampyr erst seit kurzer Zeit kannte, kam er in diesem Augenblick einem Freund am nächsten.

„Und was ist mir dir?“ fragte Lovisa und blickte ihn an.

Bernard lächelte und stupste mit dem Zeigefinger leicht gegen ihre gerötete Nase. „Unwichtig. Wir kümmern uns erst einmal um dich. Einverstanden?“

Lovisa seufzte. „Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll.“

„Ich glaube, das kommt von alleine, sobald du ein Ziel hast. Etwas, auf das du zulaufen kannst, das du erreichen willst. Was ist dein Ziel? Hast du schon eins?“

„Nils, mein kleiner Bruder. Er ist mir als einziges geblieben. Ich will ihn zurück.“

„Ja, das kann ich verstehen. Familie ist wichtig, sie ist Teil des Herzens und Teil der Seele. Sie hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Das ist ein gutes Ziel.“

„Aber wie soll ich ihn finden? Das Universum ist so groß.“

Bernard dachte nach. „Stimmt. Aber wir sind bereits zu zweit. Und das macht dich stärker als noch vor einigen Stunden.“

„Wir sind zu dritt. Morle ist auch dabei.“

Kaum hatte Lovisa Morles Namen ausgesprochen, flammte der Bildschirm an ihrem Bett auf und die virtuelle Katze sprang herbei. „Du hast mich gerufen? Wollen wir spielen?“

Bernard betrachtete die Animation eingehend, während Lovisa über den Bildschirm streichelte. „Morle ist eine künstliche Intelligenz. Sie hilft mir die SKUNKKALLA zu steuern. Ohne Mannschaft ist das ziemlich schwer. Ich weiß auch gar nicht alles. Morle wird immer aktiviert, wenn ich ihren Namen laut ausspreche. Das Programm ist da viel zu empfindlich.“

„Lovisa, bist du krank? Die Sensoren der SKUNKALLA haben merkwürdige Lebenszeichen bei dir festgestellt. Ich kann nichts richtig zuordnen. Mein Lernprogramm spielt verrückt.“ Morle schmollte und verzog sich in eine Ecke des Bildschirms.

„Wie funktioniert das?“ fragte Bernard und versuchte Morle zu berühren. Seine Finger erreichten den Bildschirm und die künstliche Katze fauchte erschrocken auf. Mit einem Satz war sie in der nächsten Ecke. Lovisa lachte.

„Wie ulkig.“, meinte sie. „Das hat sie noch nie gemacht. Das ist neu.“

Morle war offensichtlich verwirrt. „Miau! Warum lachst du? Was ist hier los? Wer spricht hier noch außer uns?“

Jetzt lachte auch Bernard. „Entschuldige, Morle. Mein Name ist Bernard. Ich gehöre zur Spezies der Vampyre. Sensoren können uns nur sehr schwer wahrnehmen. Um mich zu lokalisieren, musst du dich an meiner Stimme orientieren.“

„Ein Vampyr?“ Morle schien erstaunt. Auf dem Bildschirm explodierten plötzlich hunderte von Bällen.

„Morles Programm arbeitet.“, erklärte Lovisa. „Entweder rechnet sie gerade oder fragt eine Datenbank ab. Ah, da ist sie ja wieder.“

Die Bälle verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren. Morle sprang in die Mitte des Bildschirms. „Es gibt keine Spezies mit der Bezeichnung Vampyr. Es gibt nur Vampire in meiner Datenbank. Und dabei handelt es sich um Fiktion.“

Bernard blickte erstaunt auf den Bildschirm. „Ich kenne Computer, aber solche Systeme waren mir bisher unbekannt. Kann Morle nach allen Informationen suchen, die jemand will?“

„Morle kann nach allen Informationen suchen, die Morle will.“, fauchte Morle und zog eine Schnute. Ihre Augen verengten sich dabei zu schmalen Schlitzen. „Morle ist eine künstliche Intelligenz und besitzt als virtuelle Wesenheit sogar Rechte.“ Das Kätzchen war sauer.

„Entschuldige“, meine Bernard. „Ich muss mich erst daran gewöhnen. Hier ist einiges anders als ich es kenne. Aber ich lerne schnell.“

Lovisa nickte. „Das habe ich gemerkt. Du sprichst meine Sprache mit jeder Minute besser. Wie machst du das?“

„Vampyre lernen sehr schnell. Ich habe mich ein wenig in deinem Zimmer umgesehen. Und dann dieses wunderbare Buch gefunden. Vampyre und Menschen sind sich in einigen Dingen recht ähnlich und ich kannte ja noch die alten Sprachen. Deswegen ist es sehr einfach, deine Sprache zu lernen.“

„Verstehe.“ Lovisa blickte sich um. „Und wie hast du mein Zimmer gefunden?“

Bernard strich sich mit dem rechten Zeigefinger über die rechte Augenbraue. „Du musstest ja irgendwohin. Also habe ich dich durch das Schiff getragen. Es gibt an Bord viele Räume. Aber der hier schien zu dir zu passen.“

„Ja. Tailleurs Leute hatten noch keine Zeit, um hier klarschiff zu machen.“

„Ihr Menschen habt zwar den Weltraum erobert, aber ich habe das Gefühl, ihr liebt noch immer eure See.“

Nun war es an Lovisa zu lachen. „Das stimmt. Aber das liegt daran, dass wir gerne alte Sachen auf neue Dinge ummünzen. Das spart Zeit und diese Bildnisse machen es leichter, Sachen zu verstehen. Deswegen pflastern wir den Weltraum mit unseren nautischen Begriffen regelrecht zu. Und bei einem Segler wie der SKUNKKALLA, bieten sich der Vergleich mit einem Segelschiff doch auch an.“

Bernard kam aus dem Staunen kaum heraus. „Die SKUNKKALLA ist ein Segler? Wie funktioniert das?“

Lovisa stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch. Sie kramte in der Schublade und holte das alte Modell des Frachters hervor. „Siehst du, das Raumschiff hat Segel. Sie haben eine Multifunktion. Innerhalb eines Systems setzen wir die Segel und der Sonnenwind fängt sich darin. Er bläst uns regelrecht voran. Gleichzeitig wird so Energie gewonnen und in den Sprungantrieb gespeist. Der ist wichtig, um große Entfernungen zurückzulegen. Das Universum liegt nämlich in Wellen und Falten. Mit genug Energie und einem passenden Sprunggenerator, kann ein Raumschiff das ausnutzen. Allerdings muss der Kurs gut berechnet werden und gute Routen sind teuer.“

„Das klingt ziemlich simpel.“, sagte Bernard skeptisch. „Irgendwie zu simpel.“

„Frag mich lieber nicht. Mit dem Computer kann ich zwar einen Sprung berechnen, aber wie das alles wirklich funktioniert, da habe ich keine Ahnung. Wir hatten an Bord einen Ingenieur, der sich um alles gekümmert hat. Jetzt versucht Morle ihn zu ersetzen.“ Lovisa zeigte auf den Bildschirm.

Morle war gerade dabei und lief einem virtuellen Wollknäuel hinterher, das ständig seine Farbe änderte. „Miau!“

„Aber ein richtiger Ersatz ist das auf keinen Fall.“, erklärte Lovisa weiter.

„Das wird unser nächster Schritt sein.“ Bernard klatschte laut in die Hände. Lovisa und Morle zuckten vor Schreck zusammen. „Du bist eine Kapitänin mit einem Schiff. Jetzt brauchst du noch eine Mannschaft, um Gouverneur Tailleur ein Schnippchen zu schlagen und Nils zu befreien.“

„Stimmt. Eigentlich liegt das auf der Hand. Aber woher soll ich eine Mannschaft bekommen? Sich mit Gouverneur Tailleur anzulegen bedeutet, sich eine Menge Ärger einzuhandeln. Da brauche ich mutige Leute.“

Bernard dachte darüber nach. „Gibt es einen Piratenhafen? Einen Treffpunkt für Schmuggler und Gauner?“

„Sicherlich, aber mir sind die Sprungpunkte unbekannt. Pappa hat solche Stationen gemieden. Wir sind einfache Kauffahrer. Wir waren es jedenfalls.“, erklärte Lovisa mit bedrückter Stimme. „Aber vielleicht kann uns Slim helfen.“ Ihre Miene hellte sich auf. „Er war bis vor zwei Jahren Mechaniker auf der SKUNKKALLA. Dann hatte er Streit mit meinem Pappa und wurde gefeuert.“

Morle tauchte fauchend auf. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung.“ Das virtuelle Kätzchen rollte sich über den Bildschirm, bis es an den Rand stieß und dann mit gesträubtem Fell zurücksprang. „Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

Bernard zuckte mit den Schultern. „Das mag sein. Aber wir sollten mit dem Mann reden. Auch wenn er nicht anheuert oder du dich gegen ihn entscheidest, so hat er doch zur Mannschaft gehört. Er kennt sich an Bord aus, kann dir Tipps geben und weiß vielleicht, wen du an Bord nehmen kannst.“

„Das ist eine gute Idee, Bernard.“ Lovisa gab dem verdutzten Vampyr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Lass uns auf die Brücke gehen und ich setze den Kurs. Ich weiß noch wie Pappa sagte, Slim würde auf ANDORRA arbeiten. Das ist eine kleine Raumstation. Sobald die SKUNKKALLA genug Energie hat, werden wir springen.“

Sie verließen Lovisas Zimmer und marschierten auf die Brücke. Morle folgte ihnen über die Bildschirme an den Wänden und Bernard sah sich staunend die SKUNKKALLA an. Obwohl er Raumschiffe kannte, faszinierte ihn der kleine Frachter.

Lovisa ging zum Kompass hinüber und aktivierte den Astrogationscomputer. Konzentriert suchte sie nach den Koordinaten von ANDORRA und ließ sich von Morle die Sprungparameter anzeigen. Lovisa entschied sich für eine sichere Route über zwei Sprungpunkte. Das sie dann einige Tage länger unterwegs waren, nahmen die junge Kapitänin in kauf.

„Ziel ist ausgewählt und Kurs gesetzt. In einer Stunde ist die SKUNKKALLA bereit zum Sprung.“ Lovisa ging zum großen Panoramafenster hinüber. Mit verschränkten Armen sah sie in den Weltraum hinaus. „Zwei Leute habe ich ja schon. Das ist ein Anfang. Schritt für Schritt auf mein Ziel zu.“ Ihr Stimme hatte an Zuversicht gewonnen.

Lovisa griff sich an die Stirn und schob ihre Augenklappe über das linke Auge. „Ha, hier kommt die Piratenbraut Lovisa mit ihrer furchtlosen Crew!“

„Ich glaube du bist keine Piratenbraut.“, sagte Bernard und lächelte Lovisa an. Dann stellte er sich neben sie und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Du bist mehr. Du bist eine Sternenbraut.“

ENDE


Copyright (c) 2011 by Miriam Kleve

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Gußmack, Norbert K.
Die Ankunft der Lichtbringer

Verlag :      Re Di Roma-Verlag
ISBN :      978-3-86870-268-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,95 Eur[D] / 14,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 18.08.2011
Seiten/Umfang :      ca. 232 S. – 19,0 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 31.08.2011

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»Man nennt uns die Lichtbringer , denn viele Völker lehrten wir die Beherrschung des Feuers und nahmen ihnen so die Furcht vor der Finsternis.« -Mahra, hohe Ratsfrau der Candareen Mit der Ankunft der Lichtbringer scheint für die Menschheit ein neues Goldenes Zeitalter anzubrechen. Die Candareen zeigen sich großzügig, für ihre wundervollen Geschenke verlangen sie keine Gegenleistung. Die Herzen der Menschen fliegen ihnen zu, nur eine kleine Minderheit misstraut den Besuchern. Doch weder die Anhänger der Candareen noch ihre Gegner begreifen, worum es den fremden Wesen wirklich geht.

Kurzbiografie:
Geboren am 30. März 1987 im österreichischen Köflach, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. In seiner Jugendzeit mehrfach Mitarbeit an archäologischen Ausgrabungen. Volontär am Institut für Genomik und Bioinformatik, TU Graz. Studium der Geschichte in Graz (schreibt derzeit an seiner Diplomarbeit), gleichzeitig Ausbildung zum akademischen Medienfachmann (erfolgreich beendet im Sommersemester 2011). Kurzpraktikum bei einer großen österreichischen Tageszeitung. Wintersemester 2011: beginnt mit einem Molekularbiologie-Studium. Am 31. August erschien sein Erstlingswerk mit dem Titel “Die Ankunft der Lichtbringer”.

Zum Interview: 10 Fragen an Norbert K. Gußmack

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 1 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 3/2011)

Erstellt von Miriam Kleve am 28. Juli 2011

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 1

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Die grünen Großsegel entrollten sich vollständig, bevor sich der Sonnenwind in ihnen sammelte. Lovisa Larsson, Kapitänin der SKUNKKALLA, stand in der Pflicht am Steuerstand und hielt mit ihren Händen das Steuerrad des Schiffs fest im Griff. Ihre langen blonden Haare waren zu Zöpfen gebunden und die kleine Stupsnase zuckte nervös in einem Meer aus Sommersprossen. Das linke Auge wurde von einer rosa Augenklappe verdeckt, auf der Strasssteine einen grinsenden Totenkopf bildeten.

Lovisa blickte aus dem Panoramafenster des Cockpits. Die Haltestreben von PORT ESPACE schoben sich mit zunehmender Geschwindigkeit nach hinten weg. Einige große Handelsschiffe und Kreuzer des Kaiserreichs lagen vor Anker und versperrten mit ihren gigantischen und klobigen Rümpfen den Weg.

Am Steuerstand blinkte plötzlich das Flaggensymbol. “Morle?” Die Datenflut auf dem linken Monitor verschwand und eine weiße Katze erschien. Das Fell war struppig und wies goldbraune und schwarze Flecken auf. Ein sanftes Schnurren drang über die Lautsprecher. “Morle, die kaiserliche Marine hat gemerkt, dass die SKUNKKALLA ihren Liegeplatz verlassen hat. Sende bitte ein Störsignal.” Eigentlich war das Signal dazu gedacht Piraten an Kommunikation und Sensorerfassung zu hindern, aber das Signal konnte auch gegen jedes andere Schiff eingesetzt werden.

Morle, die neue künstliche Intelligenz der SKUNKKALLA, bestätigte mit einem leisen Miauen und schon war ein statisches Rauschen zu hören. Die Marine würde ein paar Minuten brauchen, um das Signal zu filtern. In dieser Zeit musste der Antrieb aufgeladen sein oder Lovisa würde einem langen Aufenthalt im Kerker von PORT ESPACE entgegensehen. Gouverneur Luc Tailleur betrachtete die SKUNKKALLA als sein Eigentum, nachdem er Lovisas Vater und die gesamte Mannschaft über die Planke gehen ließ.

Lovisa hatte mit ansehen müssen, wie ihr Pappa und ihre Freunde jenseits der schützende Hülle des Raumhafens elend ums Leben kamen. Der Druck presste ihnen die Luft aus den Lungen, die Kälte ließ sie schockgefrieren und schlussendlich zerplatzten ihre Körper. Seitdem wurde Lovisa jede Nacht von grausigen Albträumen geplagt, in denen sie die letzten Minuten ihres geliebten Pappas immer wieder miterlebte.

Morle gab ein Mauzen von sich. Der Antrieb war aufgeladen und der Kompass zeigte den Kurs an. Lovisa musste nur noch an den Marineschiffen vorbei. Sie reffte die Segel und spielte mit dem Ruder. Ihr Vater hatte sie für ihre Risikobereitschaft oft gescholten, doch nun war er tot und Lovisa auf der Flucht. Um zu entkommen und Nils zu retten, musste sie Risiken eingehen. “Verzeih mir, Pappa.”, kam es leise über ihre Lippen.

Tailleur hatte die SKUNKKALLA aufbringen lassen. An Bord von Kapitän Larssons Schiff fanden die Kontrolleure einige Kisten Irish Ale. Das Getränk war zwar verboten, doch bei den Kauffahrern üblich und gerne getrunken. Die Kontrolleure drückten deswegen eigentlich ein Auge zu und bekamen meist zwei oder drei Flaschen des starken Gebräus zugeschanzt. Doch Tailleur hatte die Flaschen an Bord zum Anlass genommen, um die SKUNKKALLA nach PORT ESPACE schleppen und genau untersuchen zu lassen. Larsson hatte seinen beiden Kindern gegenüber versucht zuversichtlich und unbeeindruckt zu bleiben. Aber Lovisa spürte die Angst ihres Pappas. Und Nils ebenfalls. Nils war zu jung und deswegen hatte der alte Kapitän Larsson, am letzten Tag seines Lebens, nur Lovisa seine privaten Zugangscodes zur SKUNKKALLA verraten.

“Die Kreuzer der kaiserlichen Marine laden ihre Geschütze auf, Kapitän Lo.” Morles Ton war verspielt. Das künstliche Kätzchen war noch jung und unbekümmert. Seine Datenbank enthielt zu wenig Informationen, um Gefahren richtig einschätzen und entsprechend reagieren zu können.

“Ich weiß. Keine Panik.” Die SKUNKKALLA drehte sich stumm unter dem Rumpf eines der Handelsschiffe weg. Nur wenige Meter trennten sie voneinander. Niemand würde das Feuer eröffnen und riskieren den Händler zu treffen. Lovisa riskierte dagegen bewusst eine Kollision. Eine falsche Bewegung und die SKUNKKALLA wäre manövrierunfähig. Aber sie brauchte die Deckung.

“Ich habe keine Panik.” Morle gähnte. “Ich will spielen.” Plötzlich waren bunte Bälle auf dem Bildschirm zu sehen und wirbelten wild umher. In der Energiebalance gab es Schwankungen.

“Bitte nicht jetzt, Morle. Später. Wir müssen erst einmal hier weg und ich habe keine Mannschaft. Du bist deswegen jetzt meine Mannschaft.” Lovisas Stimme zitterte, Tränen standen in ihren Augen. Die Situation überforderte das Mädchen. “Komm schon, Morle, hilf mir noch ein wenig. Wir können später spielen.” Morle blickte vom Monitor aus beleidigt zu Lovisa, aber die Bälle verschwanden und die Energiebalance stabilisierte schlagartig.

Auf Gouverneur Luc Tailleurs Anweisung hin wurden die Kinder voneinander getrennt. Nils hatte gerade einmal angefangen Lesen zu lernen und war deswegen für den Dienst an Bord eines Schiffes noch ungeeignet. Tailleur hatte ihn auf eine Militärakademie geschickt, deren Namen aber verschwiegen. Lovisa sollte Küchendienst auf der MOUETTE verrichten, Tailleurs Schiff. Sie war ihm zu mager und zu widerspenstig, um Dienst zu schieben oder gar als gute Partie verheiratet zu werden. Tailleur konnte ohne weiteres entsprechende Anweisungen erlassen, denn immerhin hatte er die Vormundschaft über die beiden Larsson-Kinder erhalten. Dabei war Lovisa bereits alt genug, um ihren Pappa als Offizierin zu unterstützen. Und sie hatte dem fetten Gouverneur auch mit ihrer Flucht bewiesen, das sie kein Kind mehr war.

Die SKUNKKALLA zog jenseits des Handelsschiffes hoch und reckte den Bug Richtung freien Raum. Morle korrigierte Lovisas Manöver und verhinderte dadurch ein Wegtrudeln. Nun erst kam der schwierige Teil des Manövers. Die SKUNKKALLA musste sich weit genug von PORT ESPACE entfernen, um den Sprungantrieb aktivieren zu können. Von der Station weg und zum Sprungpunkt hin bekamen die Schiffe genug Gelegenheit, um die SKUNKKALLA mit einer Breitseite ihrer Kanonen wegzupusten. In den Abenteuerfilmen, die Lovisa so gerne sah, erschien die Sache immer einfach, doch in der Wirklichkeit war dem Mädchen elend zumute und sie widerstand nur schwer dem Drang sich zu übergeben.

Tailleur und seine Leute auszutricksen war einfach gewesen. Lovisa konnte sich auf der MOUETTE frei bewegen. Die Einen hielten sie für ein dummes Kind, das keine Gefahr darstellte, und die Anderen hatte Mitleid mit ihr und ließen Lovisa viele Freiheiten. Niemand hatte etwas dagegen, dass sie ihre Habseligkeiten von der SKUNKALLA holte. Die Zugangscodes zum Computersystem und Steuerung waren ja immerhin von Gouverneur Tailleur geändert worden. Dass es für den Notfall einen weiteren Satz Codes gab, damit hatte niemand gerechnet. Und selbst wenn, Lovisa hatte keine Mannschaft und die bisherige künstliche Intelligenz des Schiffs, ein übellauniger Hund mit Namen Linus, war gelöscht. Dafür hatte Tailleur gesorgt. Aber Lovisa kannte sich mit der SKUNKKALLA sehr gut aus und lud ihre Morle ins Computersystem des Schiffes. Für das virtuelle Kätzchen glich das alles nur einem Spiel. Und so legte sich Morle tief im Computersystem auf die Lauer, um dort auf Lovisa zu warten.

Das Mädchen drehte hektisch am Steuerrad und sah in den Weltraum hinaus. Sie versuchte einen unvorhersehbaren Kurs zu fahren, um dem Feuer der Kanonen auszuweichen. Aber niemand schoss auf die SKUNKKALLA. “Morle, was ist mit den Waffen der Kreuzer?”

“Geladen und ausgerichtet. Mindestens einhundert Kanonen haben uns im Visier.”

“Was?” Lovisa musste schlucken. Aber ihr Hals zog sich regelrecht zusammen und sie konnte nicht. Wie dumm sie nur war. Wie hatte sie nur glauben können, den Kanonen der Marine zu entgehen? Das Flaggensymbol blinkte wieder. Die Marine hatte das Störsignal vollständig gefiltert. Lovisa ignorierte den Kontaktversuch.

Die Larssons waren einfache Kauffahrer. Trotzdem kannten sie einige geheime Sprungpunkte, die auch von Piraten und Schmugglern genutzt wurden. Mit den persönlichen Codes ihres Pappas hatte Lovisa Zugriff auf diese Informationen. Und ihr Plan stand fest. Sie würde die SKUNKKALLA stehlen, Nils befreien und dann untertauchen. Damit wäre sie natürlich eine Piratin, aber das war Lovisa egal. Sie fühlte sich niemandem verpflichtet und vor allem das Kaiserreich hatte sie enttäuscht, denn bösartige Männer wie Gouverneur Luc Tailleur standen in seinen Diensten.

Lovisa hatte alles ganz genau geplant. Die Arbeiter bereiteten die SKUNKKALLA zum Verkauf vor und brachten dazu das Schiff von der Werft zu den Handelsdocks. Dort waren weniger Soldaten unterwegs. Und deswegen viel weniger Leute, die Lovisa kannten. Bei so vielen Besuchern auf PORT ESPACE ging sie einfach in der Masse unter. Mit ein wenig Glück und Verschlagenheit brachte sie Wertsachen aus Tailleurs Quartier auf die SKUNKKALLA. Der Gouverneur hatte einige Kostbarkeiten gehortet. Lovisa ging davon aus, dass er ebenso in den Besitz dieser Sachen gekommen war, wie er sich auch die Wertsachen der Larssons einverleibt hatte. Lovisa empfand es deswegen nur als gerecht, Tailleur zu bestehlen.

“Bereitmachen zum Sprung!” Lovisa war aufgeregt. Das war ihr erster eigener Sprung. Sie selbst hatte die Berechnungen durchgeführt und das Schiff auf Position geflogen. Eigentlich hätte ihr Pappa sie dabei begleiten und aufpassen müssen. Doch die Dinge lagen nun anders. Lovisa war fest davon überzeugt, dass ihr Pappa zusah und ganz fest seine beiden dicken Daumen drückte.

“Aye.” Morle bestätigte den Befehl und fuhr die Segel vollständig ein. “Waffenfeuer. Zwei Kanonen werden von der MOUETTE entladen.” Ein klagendes Mauzen war über die Lautsprecher zu hören. “Die Berechnung sagt an, dass das Waffenfeuer unsere Fahrrinne kreuzt. Das Handbuch empfiehlt in solchen Situation den Abbruch des Sprungs.”

Lovisa presste fest die Lippen zusammen. Ihr Pappa hatte davon erzählt. Sprang ein Schiff zu spät, glitt es ins Waffenfeuer, wurde getroffen und nahm schweren Schaden oder konnte sogar zerstört werden. Um solch einen Unfall zu verhindern, gab es eine Notabschaltung im Computersystem. Doch Lovisa hatte sie deaktiviert, um nicht durch irgendetwas aufgehalten zu werden. Wenn sie den schwarzen Punkt finden würde, dann käme sie aus dem System weg. Und jeder würde glauben die SKUNKKALLA sei im Waffenfeuer zerstört worden. Das Mädchen erinnerte sich gut an Pappa Larssons Worte, dass es eine großen Portion Glück mit ordentlich Schlagsahne bedurfte, um den schwarzen Punkt zu  finden. Der schwarze Punkt, jener sagenumwobene Augenblick, in dem alles möglich war. “Morle, Sprung!”

Das virtuelle Kätzchen fauchte freudig auf, dann schien sich das Universum um Lovisa zusammenzuziehen und sie in sich einzusaugen, nur um Lovisa wenige Augenblicke später wieder auszuspucken, eingetaucht in bittere Galle und einem ziehenden Schmerz, der unangenehm in jeder Zelle des Körper brannte. Lovisas Sinne waren für einen Augenblick vollständig von Eindrücken überflutet, dann klärte sich ihre Wahrnehmung und der Schmerz ließ nach. Ihre Beine knickten weg und Lovisa plumpste hart auf den Hintern. “Status?” Ihre Stimme war ein heißeres Krächzen. Sie musste husten.

“Alles Systeme online. Der Antrieb ist zwar entladen, aber der SKUNKKALLA geht es gut.”

Lovisa lachte befreit auf. Sie war Gouverneur Luc Tailleur und der kaiserlichen Marine entkommen. “Danke, Morle. Ohne dich hätte ich das nie geschafft.” Lovisa strich über den Monitor und Morle schnurrte zufrieden.

Die nächste Stunde verbrachte Lovisa damit die SKUNKKALLA zu prüfen. Sie setzte erneut die Großsegel, um den Antrieb so schnell wie möglich wieder aufzuladen. Morle kontrollierte dabei den Energiefluss, um ein frühes Ausbrennen der Energiezellen zu verhindern. Sie war jedoch ziemlich unerfahren. Dadurch kam es zu Energieschwankungen. Entweder Morle lernte schnell dazu oder der Antrieb würde nach drei oder vier weiteren Sprüngen kaputt sein.

Während die Segel der SKUNKKALLA die Energieteilchen des Sonnenwindes einfingen, um damit den Antrieb aufzuladen, machte Lovisa klarschiff. Es war einsam an Bord und das Mädchen ließ seiner Trauer und den Tränen freien Lauf. Aufzuräumen würde sie vielleicht etwas ablenken.

Lovisa durchstöberte die Beute, die sie von der MOUETTE mitgenommen hatte. Im Kopf rechnete sie aus, was die einzelnen Posten wert waren. Von einer großen und schweren Holzkiste erhoffte sie sich einen guten Gewinn. Die Kiste war poliert und sah antik aus. Schwere Verschlüsse hielten den Deckel an seinem Platz, der luftdicht abschloss. Zwar gab es ein Vorhängeschloss, aber Lovisa schlug es mit einem großen Kerzenständer einfach ab. Neugierig schob sie ihre Augenklappe hoch, um besser gucken zu können.

Der schwere Deckel kippte nach hinten weg und Lovisa konnte den Inhalt der Kiste begutachten. Sie war überrascht. Mit ihren großen blauen Augen starrte sie auf einen Jungen, vielleicht ein oder zwei Jahre älter als sie. Er lag lang ausgestreckt in der Kiste, die Augen geschlossen, die Hände auf der Brust gefaltet. Seine Haut war bleich, sein Haar dunkel. Der Junge tat keinen Atemzug, denn er war tot. Lovisa schluckte. Gouverneur Luc Tailleur war ein mordender Widerling. Lovisa streckte ihre Hand aus und streichelte mit dem Zeigefinger über die kalte Wange des Jungen. Selbst im Tode sah er süß aus.

Seufzend stand sie auf. Die Holzkiste war eine Stasiseinrichtung und gemacht, um die Verwesung aufzuhalten, dachte sie sich. Es gab keine sichtbaren Bedienelemente. Das Vorhängeschloss hatte wohl diese Funktion innegehabt, aber das lag zerschlagen am Boden. Lovisas Blick glitt suchend durch den Raum. Sie überlegte die Kiste an den Bordcomputer anzuschließen, damit Morle die Überwachung übernahm. Der Gedanke einen Toten an Bord zu haben bereitete dem Mädchen unbehagen. Ihr Blick kehrte zur Kiste zurück. Und die war leer.

Lovisas Herz setzte für einen Augenblick aus, dann begann es wie wild zu rasen. Eine bleiche Hand streckte sich über ihre Schulter und der dazugehörige Zeigefinger strich über Lovisas Wange. Sie machte einen Sprung nach vorne und wirbelte dabei herum. Mit an die Wand gedrücktem Rücken starrte sie den Jungen an, der nun ziemlich lebendig vor ihr stand. Seine Augen waren geöffnet und schwarz wie der Weltraum.

Der Junge lächelte freundlich, dann sprach er. Es war französisch, eine der alten Sprachen des Kaiserreichs. Dabei entblößte er seine weißen Zähne und überrascht stellte Lovisa fest, dass die Eckzähne länger und spitzer waren, als bei einem Menschen üblich. Die Worte des Jungen drangen dumpf an Lovisas Ohr heran, so als ob sie erst einmal durch eine Schicht Watte hindurch mussten. “Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Bernard, Bernard Tailleur. Verzeih mir bitte meine Frage, aber ich bin sehr durstig. Hast du vielleicht etwas zu trinken für mich?”

“Morle, Eindringlingsalarm.” Lovisas Stimme war kaum mehr als ein Piepsen, doch die feinen Sensoren der SKUNKKALLA registrierten die Worte. Einer der Monitore im Raum flammte auf und Morle sprang fauchend herbei. Der Junge runzelte fragend die Stirn.

“Meine Sensoren nehmen keinen Eindringling wahr, Kapitän Lo. Du bist alleine Bord.” Morle machte einen freudigen Purzelbaum. “Ist das ein neues Spiel?.”

Lovisa fühlte ihren Puls rasen, dann wurde ihr schwarz vor Augen. Sie stürzte Richtung Boden und das Letzte was sie fühlte waren zwei starke Arme, die sie auffingen.

Nächstes kapitel

Copyright (c) 2011 by Miriam Kleve

Buchtipp der Autorin:

Brezina, Thomas C.
Ein Fall für dich und das Tiger-Team – Bd. 17

Piraten aus dem Weltall

Konzeption von Kintzel, Caroline / Fearn, Naomi
Verlag :      SchneiderBuch
ISBN :      978-3-505-12872-1
Einband :      gebunden
Preisinfo :      8,99 Eur[D] / 9,30 Eur[A] / 14,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      156 S., 40 schw.-w. Abb. – 18,7 x 12,6 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 08.09.2011

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Die Tiger können es kaum glauben: ein Ufo ist im Gruselwald gelandet! Doch die Außerirdischen, die mit grellen Lichtstrahlen auf die Erde gesandt werden, verschwinden genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind. Biggi, Luk und Patrick ahnen noch nicht, dass die Wesen bald zurückkehren werden. Denn das Tiger-Team weiß zu viel …

Thomas C. Brezina schreibt spannende Krimis, romantische Abenteuer und lustige Familiengeschichten. Dabei erschafft er ganz eigene, unverwechselbare Welten. Er lädt seine Leser ein, ihn dabei zu begleiten und schickt sie auf viele wilde, wunderbar verrückte Reisen! Thomas C. Brezinas Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Er lebt in London und in Wien.

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VERRAT – Eine SF-Kurzgeschichte von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Januar 2011

Verrat

von

Miriam Kleve

In dem Moment wo ein greller Blitz die Dunkelheit der alten Lagerhalle zerriss und ein dumpfer, bedrohlicher Klang die Stille durchbrach, wusste Belfagor, dass heute sein junges Leben endete. Neben ihm wurde Scharf, ein Messerstecher aus Duisburg, von unsichtbarer Hand ein Stück emporgehoben und rücklings niedergeworfen.

Scharf hatte nicht zu den nettesten Freizeitgenossen gezählt, aber dennoch bedauerte Belfagor den Tod des zuverlässigen Mannes. Aber nur für einen Wimpernschlag. Sein eigenes Leben hing an einem seidenen Faden. Und der Feind in der Dunkelheit hielt die Schere in Form einer schallgedämpften Pistole bereit. Mit solch einer Waffe arbeitete niemand vom Sicherheitsdienst. Der unbekannte Schütze war sicher ein Jobber, so wie Belfagor selbst. Allerdings war Belfagor erst seit kurzem in dem Geschäft tätig.

Irgendwo zwischen den hohen Containern war ein leises, kaum hörbares Rascheln zu orten. Ein weiterer gedämpfter Schuss löste sich und etwas spritzte blutig auseinander. Schritte kamen langsam näher, verharrten still in der Dunkelheit und entfernten sich mit gleichmäßigem, gelassenem Tritt.

Erst jetzt wagte Belfagor leise auszuatmen. Er wusste nicht wer oder was an seiner Stelle gestorben war. Und er wollte es auch gar nicht wissen. Geduckt huschte er zu Scharf hinüber. Er war mit einem sauberen Schuss erledigt worden. Das Eintrittsloch befand sich genau dort, wo das Amulett des Schutzheiligen Peter zuvor locker vor der Brust baumelte. Nun war es weg. Das große Austrittsloch war ein gezackter See aus dunklem Blut und zerrissenem Fleisch.

Jemand hatte ihren Job verraten, das war mehr als deutlich. Zu Beginn war alles planmäßig verlaufen. Belle hatte das versiegelte Magnetschloss in wenigen Sekunden geknackt und dann am Eingang Position bezogen. Scharf und Belfagor waren eingedrungen, fanden wie mit Petersen abgesprochen die gekennzeichnete Transportkiste und dann…hörten sie Belles gellenden Schrei und kurz darauf wurde Scharf erschossen. Zwei gute Jobber hatten sterben müssen. Und nur um eine Kiste am Zoll vorbei zu schmuggeln. Aber so waren die Jobs: Hart und gnadenlos.

Belfagor nahm Scharfs Maschinenpistole an sich. Modell City Combat. Der tote Jobber hatte heute keine Möglichkeit gehabt sich seiner Haut zu wehren. Der Gegner war einfach besser gewesen.

***

Als Kay die abgewetzte Magnetkarte ins Sicherheitsschloss schob und sich mit einem Daumenabdruck identifizierte, wurde er von hinten brutal gepackt und hart gegen die Hauswand gepresst. Seine Nase prallte gegen den rauen, feuchten Putz und Blut schoss aus der Nase, floss über die Wange, um dann aufs frisch gewaschene Hemd zu regnen. Der kalte Lauf einer Maschinenpistole bohrte sich schmerzhaft in den Nacken des Informanten. Trotz des Martyriums gab Kay keinen lauten Schrei von sich. Er kannte das Geschäft. Allerdings entrang sich ihm ein schmerzhaftes Aufstöhnen.

Belfagor krallte sich in den Haaren seines Opfers fest und schob Kay gegen die Türe. “Rein!”

Die beiden Männer verschwanden im dunklen Hauseingang. Erst im Wohnzimmer blieben sie stehen. Belfagor gab Kay einen Schubs. Dieser stolperte vor und hielt nur mit Mühe das Gleichgewicht. Langsam drehte er sich um. “Mann, was willst du?”

“Schnauze, ich stelle hier die Fragen!” Die Mündung der Maschinenpistole zeigte auf Kays Kopf.

“Nur die Ruhe, Mann. Nur die Ruhe.”

“Du hast den Job auf das Zolllagerhaus ins laufen gebracht. Und jemand hat den Job verraten. Und außer mir und dir sind alle tot die davon wussten.”

Scheiße, zuckte es durchs Kay Kopf. “Hey, Mann. Glaub mir, ich habe damit nichts zu tun. Das ihr aufgeflogen seid tut mir leid, aber ich habe damit nichts zu schaffen.”

“Leere Worte!” Tränen schossen Belfagor in die Augen, als er an Belle und Scharf dachte.

“Mann, du bist doch kein Dummkopf. Du kennst meinen Ruf.”

“Für Geld macht man alles…”

“Nicht ich, Mann. Wenn ich falsch spiele bin ich tot. Glaub mir, ich habe nichts damit zu tun.” Kays Stimme hatte einen weinerlichen Ton angenommen und die Beine des Informanten zitterten vor Angst.

Belfagors Zeigefinger lockerte sich unmerklich am Abzug. “Wenn du es nicht warst, wer war es dann?”

Kay zuckte vorsichtig mit den Schultern. “Woher soll ich wissen wem ihr noch vom Job erzählt habt. Ich habe jedenfalls nicht geplaudert. Du musst doch wissen wer vom Job weiß und noch lebt.”

“Da wären ich, du – und Petersen. Aber warum sollte Petersen uns anheuern und dann töten?” Belfagor spannte den Zeigefinger wieder an. Er war sichtlich nervös. Und das gefiel ihm nicht. “Ich lebe noch weil eine Hafenratte meinen Platz auf der himmlischen Sandbank eingenommen hat. Du lebst noch weil mir Zweifel gekommen sind. Und ob Petersen ebenfalls lebt steht in den Sternen. Bleibt für einen Schuldigen nicht viel Auswahl.”

“Mann, keine Ahnung warum Petersen euren Kopf wollte, aber ich war es nicht und deswegen muss er es einfach sein. Und mehr juckt mich nicht. Leg die Maschinenpistole weg bevor sie losgeht. Ich weiß, dass du nicht viel Erfahrung mit Schusswaffen hast.”

“Du weißt viel über mich. Vielleicht zu viel.” Belfagor schluckte seine Trauer und seine Wut herunter. Er musste einen kühlen Kopf behalten  und nachdenken.

Kay versuchte zu schlucken, doch sein Hals war trocken. Seine Stimme rutschte ein kleines Stück höher und kratzt unangenehm. “Belfagor, wenn du mich jetzt abknallst machst du dir in der Gegend nur Feinde. Ich kann dir noch nützlich sein.”

“Spinnen wir das Garn etwas weiter. Wenn Petersen es wirklich war und mich für tot hält, dann bleibt nämlich nur noch ein Zeuge. Du.”

“Scheiße!” Kay wusste was das bedeutete: Seinen Tod. So oder so, wenn er nicht irgendeine Abmachung traf würde man seine Gedärme von irgendeiner Wand kratzen.

“Ich habe nichts zu verlieren.” Belfagor zog den Abzug mehrmals durch.

***

“Warum mache ich das nur…” murmelte Kay verdrossen und seilte sich langsam an der nassen Außenwand der Lagerhalle ab. “Das ist doch ein Himmelfahrtskommando.”

“Schnauze!” Neben Kay hing ein muskulöser Russe, der selbst für jemanden aus Neo-Russland den Begriff groß neu definierte. Er trug einen maßgeschneiderten Tarnanzug mit Dutzenden von Taschen. Aus einer dieser Taschen zauberte er eine lange Plastikschnur hervor. “Belfagor sagt wir soll sein auf sein Zeichen warten. Und ich soll auf dich aufpassen. Und nun hilf mir!”

Kay war froh, dass der Russe nicht den üblichen durch Verstrahlung hervorgerufenen Hirnfehler besaß. Doch an seinen Umgangsformen musste er noch arbeiten. “Nur die Ruhe, Stanislav. Nur die Ruhe.”

Die beiden Männer legten mit der Schnur einen Kreis, den Stanislav mit einem Tacker kurzerhand an der Wand befestigte. “Das geht so.”, meinte er trocken und begann mit einem Minibohrer zwei kleine Löcher in die Wand zu bohren.

Durch die eine Öffnung führte Kay eine Sonde ein, an der anderen Öffnung befestigte er eine handliche Abschussvorrichtung. Der Troll lud die Vorrichtung mit einer kleinen Metallkugel und richtete sie auf das Loch aus. Dabei legte er eine Präzision und Fingerfertigkeit an den Tag, die niemand von einem Kerl seiner Statur erwartete. Nach getaner Arbeit bestätigte Kay ihre Bereitschaft, in dem er den Sprechknopf seines Funkgerätes zwei mal betätigte.

Belfagor registrierte in seinem Ohrhörer das Knacken und wusste, dass Draußen alles in Ordnung war. Nun mussten sie nur noch warten. Schweren Herzens hatte er Kay doch vertraut und die Kugeln aus der City Combat in die Wand gejagt.

Kay hatte sofort mit seiner Arbeit als Informant begonnen und freiwillig einen erfahrenen und kybernetisch aufgebesserten Söldner aufgetrieben. Stanislav war ein Kumpel Scharfs gewesen. Ihm ging es nicht nur um das Geld, sondern auch um Genugtuung. Nach einem Gespräch mit Belfagor beschloss der Russe ein sehr wachsames Auge auf Kay zu haben. Man konnte nie wissen wem zu trauen war.

Die drei Männer hatten beschlossen Petersen zur Rede zu stellen. Genau in der Lagerhalle der Zollbehörde, in der Belle und Scharf den Tod gefunden hatten. Zwar war die Halle versiegelt, doch das war kein Hinderungsgrund für Stanislav und seinen kleinen Technikpark. Belfagor wusste nicht genau was aus dem bevorstehenden Treffen resultieren würde, doch es würde zumindest neue Informationen geben.

Wie abgesprochen hatten sich Kay und Stanislav an der dem stinkenden Hafenbecken zugewandten Seite der Lagerhalle gehängt und die Wand mit dem speziellen Sprengkabel und der handlichen Abschussvorrichtung präpariert. Belfagor hoffte, dass die Sicherheitsmaßnahmen ausreichen würden um ihn zu schützen. Hier waren schon einmal Jobber gestorben. Noch mal sollte das nicht passieren. Vor allem nicht ihm.

Belfagor hörte wie das Tor aufgeschoben wurde und machte sich bereit. Er umklammerte Scharfs Maschinenpistole fest mit der Rechten und drückte mit der linken den Signalgeber. Dann trat er aus dem Schatten eines Containers hervor und ins Licht einer flimmernden Neonröhre hinein. Von hier konnte er den Eingang überblicken, aber er bot auch ein gutes Ziel.

Petersen war alleine gekommen. Sein Körper zeichnete sich gegen die durch den Eingang flutende Sonne nur als Schatten ab. Bis der Mann vortrat. Er überflog kurz die Kulisse, dann blieb sein Blick auf Belfagors Waffe ruhen. “Misstrauisch?”

“Ja!” Belfagors Ton war hart.

“Dafür das sie den Job versaut haben schlagen sie ziemlich viel Lärm.” Petersen ging selbstsicher ins Halbdunkel vor. Er wirkte ruhig und gelassen, als schien ihn das alles nichts anzugehen. “Der Informant war sehr verstört.”

“Jemand hat uns verraten.”

“Und was hat ihr Fehler mit mir zu tun?” Er legte großen Wert auf die Betonung des Wortes “ihr”.

“Von den Menschen die etwas vom Job wussten leben nur noch sie und ich. Und ich habe nichts verraten.”

“Ich sagte doch, sie haben einen Fehler gemacht.” Petersens stimme hatte einen wütenden Unterton angenommen.

Belfagor riß die Waffe hoch. “Ich?” schrie er und kniff wütend beide Augen zusammen. Petersen zuckte mit keiner Wimper, beobachtete aber genau die auf ihn gerichtete Waffe.

“Wenn ich einen Auftrag vergebe erwarte ich professionelles Vorgehen. Das was sie auch von mir erwarten. Ich gehöre nicht zu den Auftraggebern die ihre Leute verraten. Ein schlechter Ruf treibt die Preise in die Höhe.”

“Sie kommen sich wohl großartig vor?” Belfagor unterdrückte seine Wut. Am liebsten würde er dem Mann eine Garbe in die Brust jagen. Doch er zwang sich ruhig zu bleiben, nachzudenken.

“Kommen sie endlich zur Sache. Wenn sie mich umlegen wollen machen sie es. Doch an eines sollten sie denken, das ich alleine gekommen bin ist als Vertrauensbeweis zu werten. Und wenn sie mich umbringen werden meine Leute sie suchen und töten.”

Ein einsamer  Gedanke krallte sich in Belfagors Verstand und wurde innerhalb einer Sekunde zur Gewissheit. Man hatte ihn benutzt. Man hatte das Team benutzt. Er hatte Petersen aus seiner sicheren Umgebung gelockt. Hier war der Mann frei zum Abschuss. Und wenn es Petersen erwischte, würden alle glauben der Jobber Belfagor war es. Die losen Enden würde von ganz alleine gekappt.

“Dreck!” Belfagor rannte vor. “Runter!” Er war schnell genug um Petersen zu verblüffen, aber nicht schnell genug, um ihn am ziehen einer Waffe zu hindern. Bevor weitere Worte die Sache klären konnten, jaulten ihm Kugeln um die Ohren.

Petersen rollte sich schießend zur Seite. Zwar wollte er sich vor Belfagor in Sicherheit bringen, aber es rettete ihm das Leben vor einem anderen Schützen. Eine einsame Kugel knallte dort in den Betonboden, wo vorher noch Petersen stand. Der unbekannte Schütze war wieder da.

“Das ist eine Falle!” rief Belfagor und drückte den Signalgeber.

Die Abschussvorrichtung katapultierte die kleine Metallkugel durch das Loch in die Lagerhalle, nur einige Meter von Belfagor entfernt. Als die Kugel auftraf riss die äußere Hülle auf und feiner Rauch quoll hervor, begleitet von einem hohen Piepton. Gleichzeitig zündete das Sprengkabel und schnitt eine runde Öffnung in die Wand. Der Weg für Kay und Stanislav war frei.

“Petersen, in den Rauch!” Belfagor rollte sich über den Boden auf die Rauchwolke zu. Immer knapper jagten hinter ihm Kugeln in den Boden. In dem Moment wo er sein Ziel erreichte endete das Feuer des Heckenschützen.

Stanislav hatte sich als erster durch das gezackte Loch gedrückt. Das er sich dabei die Haut ritzte und Blut hervorquoll ignorierte der Russe. Aus seinem Holster zog er einen überdimensionalen Revolver, trat neben einen nahestehenden Container und sicherte Kay.

Der Informant blieb unglücklich an einem Zacken des Lochs hängen und verlor das Gleichgewicht. Mit einem leisen Aufschrei fiel er zu Boden. Fluchend kam er wieder auf die Beine, öffnete hastig seine pralle  Umhängetasche und nahm einige Metallkugeln heraus, die er ohne nachzudenken in  verschiedene Ecken der Lagerhalle warf. Das hohe Piepsen erfüllte die Lagerhalle nun komplett – Schallwellenblocker.

Seitdem der Heckenschütze das Feuer eröffnet hatte waren nur wenige Sekunden vergangen. Belfagor richtete sich im Schutz der Blocker auf und suchte mit den Blicken die Lagerhalle ab. Von Petersen und dem Schützen war nichts zu sehen. Letzterer brauchte eine saubere und ungestörte Schusslinie. Belfagor den Kopf und blickte sich um.

Hoch droben, knapp unter dem Dach der Lagerhalle hing der Mann. Er war in eine schwarze Kampfmontur gekleidet und trug einen enganliegenden Helm mit einem schwarzen Visier aus Metall. Es war wie Belfagor vermutet hatte, der Mörder arbeitet rein nach dem Gehör. Es gab einige Gerüchte über Jobber die ihre Ohren künstlich verbesserten, aber das war die erste menschliche Fledermaus die Belfagor je gesehen hatte.

Durch die Blocker seiner Ziele beraubt schwang sich der Heckenschütze auf einen Querbalken. Er wollte das unsicher gewordene Schlachtfeld verlassen, aber die Schallblocker nahmen ihm die Orientierung. Belfagor hob die City Combat und zielte auf den Mörder seiner Kumpels. Mehrmals drückte er ab und jagte noch Kugeln in den toten Körper, als dieser schon nach unten fiel.

“Alles in Ordnung?” rief Stanislav und huschte geschmeidig zu Belfagor hinüber. “Ist der Killer tot? Und Petersen?”

“Ich bin hier.” Petersen löste sich zwischen zwei Containern aus der Dunkelheit. In seiner rechten Hand hielt er eine Pistole. Das moderne Laserzielsystem war deaktiviert. Der linke Arm des Mannes hing leblos am Körper. Blut quoll aus einer schlimmen Schulterwunde. Petersen verzog vor Schmerz das Gesicht.

Belfagor steckte als Zeichen seines neuen Vertrauens die Maschinenpistole weg und ging langsam auf Petersen zu. “Tut mir leid, dass ich ihnen misstraut habe. Mir wurde zu spät klar, dass sie das eigentliche Opfer sind.”

“Wie meinen sie das?”

“Man hat mich benutzt, um sie ans Freie zu locken. So hatte der Killer leichtes Spiel. Ich hatte geglaubt nur dem Zufall mein Leben zu verdanken, aber der Killer hatte absichtlich daneben geschossen. Er hat mich für seinen Job benutzen wollen.”

Petersen drehte sich wortlos um. Schweigend verließ er die Lagerhalle. Belfagor verstand. Er hatte sich keine Freunde gemacht. Nur Feinde. Aber er hatte Petersens Leben gerettet und damit waren sie wieder quitt. Der Mann wusste nun, dass jemand seinen Kopf wollte. Was auch sonst. Fressen oder gefressen werden.

Kay kam fluchend nach vorne. “Damit habe ich meine Unschuld bewiesen, Mann. Du solltest dir überlegen ob du als Jobber taugst. Ich schick dir die Rechnung.”

“Mach das.” Belfagor grinste breit. Noch mal würde ihm so etwas nicht passieren. Vielleicht konnte er Stanislav zur Zusammenarbeit überreden. Egal was die Zukunft brachte, er war nun ein ganzes Stück klüger.

Ende

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HÄNDE.RINGEND.GESUCHT. – Eine Kriminalgeschichte von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 3. September 2010

HÄNDE.RINGEND.GESUCHT.

Eine Kriminalgeschichte

von

Miriam Kleve


Der Anruf riss sie um Mitternacht aus dem Schlaf. Linda  öffnete die Augen und stierte in die Dunkelheit. Neben ihr waren die tiefen Atemzüge von Harald zu hören. Er hatte sich an das späte Klingeln gewöhnt, ebenso wie Linda. Sie seufzte, griff zum Nachttisch und nahm das Mobiltelefon ans Ohr. Sie hatte es geahnt, es war dienstlich. Eine Stunde später stand sie am Ufer des Kiessees und blickte auf die Leiche einer jungen Frau hinab.

Berger stand vor ihr, eingehüllt in seinen alten Regenmantel und mit dem obligatorischen Notizbuch in den Fingern. „… Hand abgetrennt, Blutspur, hier zusammengebrochen auf Grund der schweren Verletzung, das Übliche wie bei den anderen auch.“ Ohne große Emotionen vollendete der Polizeibeamte seinen Bericht und steckte dann das Notizbuch ein. Linda wusste, dass es leer war. Berger brauchte das verdammte Ding einfach nur als Erinnerungshilfe. Alleine die Möglichkeit alles aufschreiben zu können, spornte sein Gedächtnis an.

„Zeugen?“ Linda gähnte. Sie zitterte. Es war kalt. Der Herbst war lausig.

Berger schüttelte den Kopf. „Keine. Die Gerichtsmedizin ist ausgelastet. Das wird etwas dauern. Die vorläufige Beschau geht vom bekannten Profil aus.“

Nieselregen setzte ein. Linda stieß wütend Luft aus. „Scheiß Nacht, Berger! Scheiß Fall! Ich habe Urlaub!“ Sie war sauer und Berger bekam es ab.

„Ist mir bekannt, aber es ist ihr Fall. Es ist nicht meine Schuld, dass der Täter mitten in ihrem Urlaub beschließt mal wieder jemanden zu töten.“

„Stimmt, aber sie sind derzeit das einzig verfügbare Arschloch. Das können sie ruhig persönlich nehmen.“

Berger zuckte nur mit den Schultern, sein Gesicht blieb ohne Ausdruck. „Immerhin bin ich ihr persönliches Arschloch. Sie können mich jucken wenn es kratzt.“

Linda blickte auf die Plane hinab. „Die übliche Blutspur, nehme ich an. Warten wir bis Morgen oder gehen wir sofort los?“

„Der Sandweg ist sehr beliebt. So eine Sache spricht sich schnell herum. Hier wird Morgen die Hölle los sein.“

„Natürlich, was auch sonst. Kommen sie schon Berger, ich habe keine Lust auf den Köter zu warten.“

Sie nahmen Stabtaschenlampen aus dem Wagen, suchten im Schein der starken Lichtstrahlen nach den Blutspuren und folgten diesen. Nach einigen Metern verließen die beiden Polizeibeamten den Weg, brachen durch ein dichtes Gestrüpp und kamen schlussendlich zu einem kleinen, vom Weg her verborgenen Platz.

Jemand hatte ein rundes Zelt aufgebaut. Die Blutspur nahm zu und führte zum offenen Eingang hin. Linda und Berger traten heran und blickten hinein.

In der Mitte des Zelts war ein Metallpfahl durch den Boden getrieben, daran blutige Handschellen, daneben ein noch blutigerer Fuchsschwanz. Blut, Haut, Fleisch, Knochen – es roch nach Verzweiflung, Qual und Tod. Neben dem Pfahl lag eine abgetrennte Frauenhand.

„Scheiße!“ In extremen Situationen neigte Berger doch zu Gefühlsausbrüchen. „Es ist wirklich der gleiche Mist. Angekettet, gequält und schlussendlich dazu gebracht, sich mit der Säge selbst zu befreien. Flucht, Blutverlust, Zusammenbruch und Tod. Ich hasse meinen Job.“

„Quatsch, Berger, sie lieben ihren Job. Sie vergessen das nur manchmal. Arschlöcher lieben einfach so einen Scheiß.“ Linda besah sich den Tatort ganz genau. „Ein Fall für die Spurensicherung. Ich bin müde, ich fahre gleich nach Hause und komme gegen Mittag in die Inspektion.“ Sie bewunderte die Arbeit. Der Täter verstand sein Handwerk.

Es war sein vierter Mord in zwei Jahren. Sie alle verliefen nach dem gleichen Muster, wichen nur in Details von der Vorgehensweise ab. Für die Presse ein gefundenes Fressen. Vor allem die Boulevardzeitungen schnappten gerne nach solchen Geschichten, würden Panik schüren, die Polizei als einen Haufen von Dummköpfen darstellen und natürlich alles besser wissen. Und die Leute würden glauben, das in Zeiten von Genanalyse, Profilern und Computersimulationen nur ein Haufen von Dummköpfen bei den Ermittlungen so versagen konnte. Doch die echte Polizeiarbeit, die sah anders aus.

Erneut lag viel Beinarbeit vor ihnen, mussten Leute befragt und eine Pressekonferenz vorbereitet werden. Der Chef würde rot anlaufen, wütend herumschreien und schlussendlich alle zusammenstauchen. Linda begann ihren Beruf zu hassen. Vor allem hasste sie den Tag, als sie der SOKO Petra zugewiesen wurde. Der erste Fall in dieser Reihe.

Zuerst hatte der Ehemann in Verdacht gestanden, aber das zweite Opfer hatte keine Verbindung zum Fall Petra. Ebenso wie Nummer drei und sicherlich auch Nummer vier. Es gab auch keine offensichtlichen Gemeinsamkeiten bei den Frauen. Außer das es Frauen waren.

Linda nippte an ihrem Kaffee. Heiß. Schwarz. Zucker. Gut. Sie stellte die Tasse ab und betrachtete das Motiv auf der Seite. Ein Schaf mit rotem Cape, das über die Wolken flog. Die Tasse hatte am Rand einen Sprung. Linda fand, die Tasse passte wunderbar zu ihr. Harald fand das auch, deswegen hatte er sie ihr geschenkt. Keine neue Tasse, nein, eine alte. Typisch Mann. Das war seine Art von Romantik. Ein Idiot. Aber ein lieber Idiot. Linda lachte.

„Berger, liegt der Bericht der Gerichtsmedizin endlich vor? Es sind ja nun schon einige Tage ins Land gezogen. Die Presse steht uns auf den Füßen, die Leute haben Angst und der Innenminister hat gestern mit dem Chef telefoniert. Wenn mein Kopf rollt, dann rollt ihr Kopf mit, Berger. Und zwar schneller als meiner.“

„Wollen sie den Bericht wirklich lesen? Keine neuen Erkenntnisse. Alles wie gehabt. Dafür aber ein paar schöne blutige Bilder. Ich überlege mir, das ein oder andere ins Netz zu stellen.“

„Sie sind ein Schwein, Berger. Denken sie daran vorher die Markierungen wegzuschneiden. Und schicken sie mir dann den Link.“

Linda klappte nochmals die Akte Petra auf. „Gibt es hier eine Verbindung zum ersten Opfer? Vielleicht gemeinsame Bekannte?“

„Nein. Aussagen der Familie und Freunde nach, sind sich die beiden noch nicht mal beim Einkaufen über den Weg gelaufen.“

„Die vier stammen doch aus einer Stadt. Wir sind Großstadt, aber da muss es doch was geben. Berger, denken sie einfach mal nach.“ Linda zog die alten Tatortfotos aus der Akte und sah sie sich genauer an. Ein liebloser Mord. Roh und ungenau. Aber der Täter war mit der Zeit besser geworden. Er hatte Übung bekommen. Beim letzten Opfer war er beinahe künstlerisch vorgegangen. Er. Sie gingen von einem Mann als Täter aus. Ein Serientäter. Mit vier Opfern kein Neuling mehr. Krank. Triebgesteuert. Aber keine sexuellen Handlungen. Trotzdem erregt und voller Lust. Lust auf harten, schnellen und kompromisslosen Sex. Keine Worte, keine Gefühle. Nur Sex. Linda hielt inne. Nein, sie hatte ihre eigene Erregung, ihre eigene Lust auf den Täter projiziert. Gefährlich, das war unprofessionell. Das behinderte die Ermittlungen.

Linda blickte auf die Uhr. Es war noch Zeit bis Feierabend. Bloß keine Überstunden. Sie steckte die Bilder zurück. Hoffentlich war Harald pünktlich. Und hoffentlich in Stimmung. In letzter Zeit setzte ihm der Stress zu. Oder setzte sie ihm zu? Die Grenzen verschwammen einfach zu oft.

Berger verließ das Büro, zog die Türe hinter sich mit einem lauten Knall zu. Er hatte die Fotos mitgenommen. Seine neusten Trophäen. Linda schüttelte den Kopf. Um die Bilder würde sich die Presse reißen, gut zahlen. Hoffentlich ist Berger schneller als Schulze aus der Medizin. Sie hatte eine Abmachung mit Berger. Das Finanzamt hatte geschrieben. Ein kleiner Geldsegen wäre passend.

Linda massierte sich die Nase, dachte über den Fall nach. Sie hätte lieber etwas Leichtes gehabt. Aber es war auch herausfordernd. Und eigentlich war sie auch dankbar. Sie erinnerte sich an ihren ersten Fall. Ebenfalls eine blutige Sache, aber kein Serienmörder. Mord aus Eifersucht. Beinahe hatte sie sich übergeben. Aber dann war doch alles drin geblieben. Sie erinnerte sich an den Geruch, die Aufregung, die Farben und die Erregung. Die Erregung und die Lust. Es war wie ein Rausch. Nach Dienstschluss hatte sie Harald das Hirn rausgevögelt. Linda lächelte. Ein Rausch, eine Sucht.

Rausch, Sucht, hat sie dich einmal gepackt, dann bist du in ihrem Griff. Das hatte Harald mal zu ihr gesagt. Er hatte den besseren Job. Zwar weniger Geld, aber mehr gute Sprüche für alle Lebenslagen. Immer so altklug und weise. Er war auch ein ganzes Stück älter.

Linda kam ein Gedanke. Rausch, Sucht. Keine Verbindungen zwischen den Opfern. Wie zufällig gewählt. Frauen, das schwache Geschlecht. Keine Verbindungen zwischen den Opfern, das war kein Zufall. Hier lag Absicht hinter dem Zufall. Als Berger zurück ins Büro kam, war Linda bereits unterwegs.

Sie spielte die besorgte Polizistin. Entschuldigte sich bei den Wagners. Erklärte, sie wolle die Familie selbst über die aktuellen Ermittlungen informieren, bat um stillschweigen der Presse gegenüber. Ja, ein weiterer Fall. Nein, keine weiteren Spuren. Ja, sehr traurig. Nein, auch keinen neuen Verdacht. Zwei Jahre, zu wenig Zeit um die Trauer zu verarbeiten. Mann, Kinder, alle standen noch unter Schock. Aber die Tante, Petras Schwester, hatte sich um Kinder und Mann gekümmert. Ja, das gegenseitige Trösten hatte sie zueinanderfinden lassen. Langsam ging es wieder aufwärts.

Berger der Idiot, dachte Linda. Wagner der Genius. Und ich mittendrin. Sie saß im Auto, den Blick auf das Haus der Wagners. Sie hatte keine Beweise. Nur eine Ahnung. Der Mann war ausgeglichen, das Haus ruhig, alles so idyllisch. Ich wäre weggezogen, dachte Linda. Dieses Schwein. Aber ohne Beweise keine Möglichkeit ihn in die Finger zu bekommen.

Die Türe öffnete sich, Wagner kam heraus. Er trug einen Sportanzug, Laufschuhe und Reflektoren. Er ging joggen. In den Abendstunden. Linda drehte den Zündschlüssel, drückte leicht aufs Gas und fuhr hinterher.

Wagners Strecke war ruhig und abgeschieden. Er liebte die Ruhe. Hatte er mal gesagt. Einsame Plätze, leere Wege. Laufen schien ideal, um einen passenden Tatort zu finden. Linda überlegte, ebenfalls mit dem Laufen anzufangen. Sie lachte, gab Gas und fuhr Wagner von der Seite an. Nein, fahren ist weniger anstrengend, dachte Linda. Wagners Körper krachte in die Büsche. Als Linda ihn ins Auto zog und dabei wie eine alte Bustüre keuchte, beschloss sie doch mit dem Laufen anzufangen. Nur der Fitness wegen.

Mit dem blutenden Wagner auf dem Rücksitz fuhr Linda los. Der Mistkerl atmete rasselnd. Vielleicht was mit der Lunge, vielleicht auch nur Kettenraucher. Linda zuckte mit den Schultern und verwarf beide Gedanken. Sie dachte lieber darüber nach, wie es weiterging. Ihr Ziel war eine kleine Lagerhalle außerhalb der Stadt.

Obwohl Wagner regelmäßig Sport trieb, war er ein schwerer Kerl. Ihn aus dem Wagen zu hieven und in die Halle zu schleifen, kostete einiges an Mühe. Ebenso den Mistkerl an die Rohre zu ketten.

„Sie?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Der Atem rasselte noch immer. „Was? Warum?“

„Dumme Frage, Wagner. Sie haben wohl gedacht, dass sie damit durchkommen. Allerdings sind sie zu auffällig an die Sache herangegangen. Wissen sie, ich weiß wie sie denken, denn ich denke genauso. Sie haben Petra umgebracht und sich dann ein zweites Opfer gesucht. Gute Idee, um von sich abzulenken. Hat prima geklappt. Aber sie sind auf den Geschmack gekommen. Das kann ich gut verstehen.

Ihr Plan war verdammt gut. Aber ihr Alibi, das hatten sie von Petras Schwester. Und mit der haben sie nun ein Verhältnis. Also irgendwie sehe ich da wunderbar ein Motiv, sie Mistkerl. Und nun zahle ich es ihnen mit gleicher Münze heim.“

„Was, ich verstehe nicht. Ich brauche einen Arzt. Sie sind Polizistin.“ Sein Blick flehte. Und er verstand, was gerade geschah. „Bitte, ich habe Kinder.“

„Hat Petra auch gebettelt, Wagner? Sicherlich. Aber sie hatten auch keine Gnade.“ Linda zog ein Taschenmesser aus ihrer Jacke. „Ich habe keine Ahnung, wie sie die Frauen dazu brachten sich selbst Gliedmaßen abzuschneiden, um den Ketten zu entkommen.“ Sie warf ihm das Messer zu. „Ich habe da meinen eigenen Weg. Wissen sie, Wagner, sie sterben auf jeden Fall. Sich mit dem Messer die Hand abzuschneiden, das dauert zu lange. Viel zu lange. Und selbst wenn sie es schaffen, der Blutverlust und die inneren Verletzungen erledigen sie. Aber sie werden trotzdem versuchen sich loszuschneiden. Und wissen sie warum?“

Er sah sie an, in seinen Augen Hass, Wut, Verzweiflung und blankes Entsetzen. So viele Gefühle auf einmal.

„Wissen sie, ich werde rausgehen, Benzin vergießen und das Gebäude dann anzünden. Der Rauch und die Hitze werden sie davon überzeugen, dass sie vielleicht eine kleine Chance haben zu überleben, wenn sie sich die Hand abschneiden. Der Überlebensinstinkt wird sie anlügen. Schöne Grüße an Petra.“

Linda drehte sich um ging. Wagner flehte, schrie rasselnd, versuchte zu brüllen. Sie hörte weg. Es gab wichtigere Dinge zu erledigen. Benzin musste strategisch wichtig vergossen und angezündet werden, Linda brauchte einen guten Ausblick auf das Spektakel und dann noch der Heimweg. Es würde kaum Zeit zum Vögeln bleiben, bis die Kollegen anriefen.

Ende

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Buchtip der Redaktion:

Flieger, Jan
Dunkel ist der Weg der Rache

Schwarzhumorige Kriminalgeschichten

Zeichnungen von Dunsch, Peter
Verlag :      Ziethen, Harry
ISBN :      978-3-935358-47-7
Einband :      gebunden
Preisinfo :      9,90 Eur[D] / 10,20 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      96 S., zahlreiche schw.-weiß Abbildungen – 20,0 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 18.03.2010

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Überraschende Lösungen zeichnen Fliegers Geschichten aus. Bei seinen Erzählungen könnte man das Motto vermuten: »Wer zu früh handelt, den bestraft das Leben.« Er versammelt eine faszinierende Mischung von Tätern: Mörder, die zu spät merken, dass sie den Falschen gemordet haben, denen ein todsicheres Alibi zum Verhängnis wird, die von ihrer eigenen Hinterlist ereilt werden. Sein Schreibstil ist rational, klar und dennoch prickelnd. Die Spannung bleibt bis zum Schluss. Flieger gehört zu den Autoren, die gekonnt unterscheiden können zwischen Dramatisierung bis manchmal hin zum Peinlichen oder eben einer klaren, aber trotzdem überraschenden Lösung. Freie Presse Chemnitz

Mord(s)stimmung in der Bibliothek. Man hört nur den leisen Atem von Frauen und Männern, die dem Geschehen lauschen. Diese Spannung schürt ein Experte in Mord(s)geschichten. Meißner Tageblatt

Jan Flieger, *1941. Seine Krimis waren in der DDR alle Bestseller, und in Krimi-Anthologien steht er neben Stanley Ellin, Dorothy Sayers und Patricia Highsmith. Sein Krimi »Tatort Teufelsauge« ist Lehrstoff an der Universität Toronto. Seine Kinderbücher erscheinen in vielen Ländern, so auch in China. Der Autor lebt in Leipzig. Peter Dunsch (PeDu), *1947, BMSR-Mechaniker, Ingenieur für Brandschutz, Dipl.-Lehrer, Kriminalist i.R., Karikaturist, Schöpfer der Malheftserie Das bärenstarke Ausmalheft, Illustrator zahlreicher eigener und fremder Bücher.

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