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RENO – Kapitel 3 – Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 25. April 2012

Reno

Kapitel 3

Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte

von

Michael Bahner

Was bisher geschah …

Reno rappelte sich auf und machte aus Gewohnheit eine Geste, als wollte er den Schmutz abwischen. Natürlich half es nichts, der Anzug stand vor Dreck und Schlamm. Aber es half ihm, sich nach dieser sinnlosen Rauferei einen Hauch von Würde zu erhalten – trotz seines derangierten Äußeren, trotz ihres zu Klump geflogenen Raumbootes und trotz seiner wütenden Pilotin, die sich gerade keuchend und schwitzend aus dem Griff der schäbig grinsenden Wache befreit hatte.

Misstrauisch beobachteten die Soldaten, wie Reno seine Waffe aufhob. Er schob sie langsam ins Holster zurück. Sie wirkten entschlossen und erweckten nicht den Eindruck, als wäre ihnen körperliche Gewalt zur Erfüllung ihrer Aufgaben fremd – oder unerwünscht. Dann machte er einige Schritte auf den Soldaten zu, den Tschang als Neurofeedback-Sklaven benutzte. Sofort verstellten ihm zwei der anderen den Weg. Sie hielten ihre Waffen gesenkt, aber er rechnete sich keine Chancen gegen sie aus, jetzt, wo er kein Überraschungsmoment ausnutzen konnte. Es lag auch nicht in seiner Absicht, den Sklaven anzugreifen, obwohl er innerlich kochte. Er brannte darauf, sich an irgend etwas oder irgend jemandem abzureagieren, gerade weil Tschang überhaupt Sklaven benutzte.

Dieser Mistkerl.

Einen Augenblick hielt er inne, um sich zu sammeln und seine Erregung unter Kontrolle zu bringen.

„Herr Tschang! Sie sind widerrechtlich in den Orbit von Aladin I eingedrungen”, verkündete er laut und so offiziell wie es ihm möglich war angesichts seines Gegenübers, das immer wieder von spastischen Zuckungen geschüttelt wurde und in einem irren, nicht menschlichen Grinsen seine Zähne fletschte. Entweder war sein Neurofeedback-Implantat defekt oder die Verbindung gestört. Reno leierte schnell alle Verstöße herunter, an die er sich erinnern konnte. Lange konnte er den Anblick nicht mehr ertragen.

„Rrrch … gut … gut … aarrrchh”, röchelte der Sklave, sabberte zwischen zusammengebissenen Zähnen, schnarchte und verdrehte die Augen, bis man nur noch das Weiße sah. „Ich bekenne mich schuldig und werde ihnen selbstverständlich vorbehaltlos folgen. Wollen Sie mich jetzt festnehmen?”

Er schwenkte den Kopf suchend wie eine Radarschüssel hin und her, bis er das Wrack anvisiert hatte.

“Oh, wie ich sehe, bedarf Ihr Shuttle offensichtlich der einen oder anderen … äh … Reparatur.” Ein Röcheln stahl sich aus seinem Mund, das ursprünglich ein Lachen gewesen war.

“Darf ich Ihnen einstweilen meine Gastfreundschaft anbieten? Die Eskorte wird Sie beide zu meinem Landeplatz begleiten. Dort gibt es alles, was Sie in Ihrer jetzigen Situation benötigen und was Ihnen vermutlich verloren oder in den diversen Teilen Ihres Shuttles zu Bruch gegangen ist. Verpflegung, Kleidung, vielleicht eine Dusche? Nein, nein, das ist keine Bestechung, glauben Sie mir. Wie gesagt, lassen Sie es sich gut gehen und vergnügen Sie sich. Sie sind meine Gäste.”

Er brach ab und sackte zusammen, als hätte jemand den Stecker gezogen. Reno starrte ihn argwöhnisch an.

Gerade als er dachte, das Gespräch wäre beendet, schnellte der Sklave wie an Fäden gezogen in die Höhe und verkündete laut plärrend: “All… allerdings fürchte ich, dass weder mein Schiff noch die Kommunikationsanlage zurzeit betriebsbereit sind. So gerne ich sie Ihnen zur Verfügung gestellt hätte. Ich habe gerade mit dem Kapitän gesprochen, beides benötigt dringend Wartung. Es gibt offenbar auch irgendwelche magnetischen oder elektrischen Störungen. Sie vergeben mir, damit kenne ich mich nicht aus. Genaueres erfahren Sie von meinen Offizieren.”

Dann ertönte ein Laut wie aus einer verbeulten Orgelpfeife, während sich der Sklave vorbeugte, als müsste er sich übergeben.

„SCHLUSS JETZT!”, entfuhr es Reno, „Nur noch persönliche Kommunikation!”

“Ok, Großer, lassen wir ihn”, sagte Lena, die neben ihn getreten war.

Die Soldaten, die den Sklaven flankierten, schien dessen Zustand nicht im Geringsten zu stören. Der Sklave keuchte schwer, während Speichelfäden in seinen Mundwinkeln wippten. Dann gab er etwas von sich, was entfernt an ein Kichern erinnerte, wankte ein paar Schritte und kippte kopfüber zwischen die Büsche.

Tschang hatte die Verbindung unterbrochen.

***

“Ich gehe auf Kontrollgang”, sagte Mom Chao.

Der Kapitän wandte seine Aufmerksamkeit beiläufig vom Fernglas ab und nickte, während einer der Wachoffiziere dienstbeflissen salutierte und rief: “Kommandantin verlässt Brücke.”

Ohne sich um das Deckpersonal zu kümmern, ging Mom Chao auf den Gang hinaus, der entlang der Längsachse die oberen Beobachtungsräume der Himmelsglanz mit der Kommandokanzel verband. Ein Offizier und zwei seiner Leute folgten ihr. Als sie die Druckschleuse betraten, stülpten sie sich wortlos die Atemmasken über. Sie kletterten hinab zum oberen Waffendeck, vorbei an Munitionskammern und Gefechtsständen; weiter hinunter zu den Schleusen der Mannschaftsdecks, durch das untere Waffendeck, bis sie vor den Schotts standen, die zu den Kielräumen und den Seilkammern führten. Das Surren der Wellen und das tiefe Brummen der nahen Dampfkerne war hier viel stärker als auf dem Kommandodeck.

Die Fahrthöhe der Himmelsglanz betrug jetzt mehr als zehntausend Ellen. Die Luft war dünn und kalt, vor allem hier in den unteren Decks, wo es weder Heizung noch Luftdruckregulatoren gab. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen.

Mom Chao zog die Wattierung ihres Kragens höher, bis sie den unteren Rand der Atemmaske bedeckte.

“Hier?” fragte sie stirnrunzelnd, zu leise, um die Schiffsgeräusche zu übertönen.

Hauptmann Hrinkel las es ihr von den Augen ab. Er überragte Mom Chao um einen guten Kopf, brachte es aber trotz seiner Größe, seiner massigen Gestalt und seiner wilden Erscheinung zustande, ihrem Blick unterwürfig zu begegnen.

“Ja, Herrin”, antwortete er, sein breites Gesicht nahe an ihren geröteten Wangen – zu nah.

Mom Chao widerstand jedoch dem Reflex, vor ihm zurück zu weichen. Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine faltigen Augenwinkel.

“Dort lagern normalerweise Enterwerkzeug und Ballast.”

Dieser Tölpel soll sich unterstehen, mich in Gegenwart anderer mit Herrin anzureden. Für ihn wie für alle anderen bin ich die Kommandantin! Die Dienerin Kaiser Nangklaos, meines Vaters – dieses Heuchlers! Ich weiß von Spionen, die von den Lippen ablesen können. Wenn einer der beiden da hinten von dieser Sorte ist, wüssten sie sofort, dass der Hauptmann mir ergeben ist – und nur mir. Und wenn, ja, wenn die Atemmasken nicht unsere Worte verbergen würden.

Hrinkel schien die Gedanken der Kommandantin zu erraten, denn er beeilte sich zu erklären, die beiden Soldaten seien ihm treu ergeben und gäben ihr Leben für ihn und seine Herrin. Er wusste auch, sollte Prinzessin Mom Chao nur den leisen Verdacht hegen, er hinterginge sie, eine ihrer Klingen wäre nicht mehr als eine Schrecksekunde von seiner Kehle entfernt. Jederzeit. So, wie er dastand – groß und wuchtig wie ein Fels vor ihrer schlanken zerbrechlichen Gestalt – könnte sie ihn innerhalb eines Augenzwinkerns niederstrecken.

Er schluckte trocken, als sie sich zum Weitergehen wandte.

Während Hrinkels Männer das Schott sicherten, stiegen Mom Chao und der Hauptmann in die warmglänzende Tiefe. Der Lärm der Maschinen drang jetzt nur noch gedämpft zu ihnen herunter. Gut versteckt war achtern zwischen den kupfernen Wänden eine Stallung eingerichtet. Heizwasser gluckerte in behelfsmäßig verlegten Rohren und verbreitete mollige Wärme. Es roch nach Stroh und Ton und blutigem Fleisch, und über allem lag der schwere modrige Geruch der Exkremente und Ausdünstungen von Libellen. Vier große Tiere schabten und zuckten im Halbdunkel, die Flügel eng an die langen Körper geschmiegt. Die Facetten ihrer großen Augen warfen den Schein der wenigen Lampen vieltausendfach zurück, sie glitzerten wie riesige Diamanten. Ihre Mandibeln begannen zu klackern und schnappten leer in Richtung der Menschen, als sie ihre Witterung aufnahmen.

An der Seite befanden sich vier mit Leder überzogene metallene Zylinder festgeschnürt in Gurtzeug, mit dem sie an den Libellen befestigt werden konnten.

Vier Futterale für vier Himmelsmenschen.

“Werden sie groß genug sein für die Fremden? Und die Libellen, können sie die Last tragen bis zu den Grünen Zinnen?”

“Sicher, Herrin”, grollte der Hauptmann. “Die Späher und die Medien sind sich sicher, dass die Fremden in Gewicht und Größe uns entsprechen. Die Libellen werden es schaffen.”

Uns entsprechen? Mir oder dir, mein lieber getreuer Hrinkel, der du doppelt so viel wiegst wie ich in meiner stärksten Panzerung.

“Verbürgst du dich dafür?”

Hrinkel straffte sich und erwiderte entschlossen: “Mit meinem Leben!”

Womit sonst?

Mom Chao nickte, während sie eins der Futterale öffnete. Wie erwartet, befand sich in seinem gepolsterten Innern ein Neuroserph am Kopfende, dehydriert und durch eine Membran geschützt. Die Berührung mit einem lebendigen Organismus sollte das dünne Häutchen auflösen, und die kleine Meduse würde sich in der Luftfeuchtigkeit regenerieren. Sie war dann imstande, Angreifer oder Wesen, die ihr zu nahe kamen, mit ihren Giften zu töten oder ihnen viele Stunden unruhiger Träume zu verschaffen.

“Werden die Fremden das hier überleben?” Sie wies vage über die Gerätschaften.

Hrinkel stutzte. Keiner der Späher und keines der Medien konnte solche Informationen beschaffen.

“Wir werden sehen”, murmelte Mom Chao. Sie schloss das Futteral und atmete tief und zischend durch die Maske.

“Und um die restlichen Himmelsmenschen, die den Arachniden bis dahin nicht zum Opfer gefallen sind, wirst du dich persönlich kümmern. Bei solchen Einsätzen kommt es unweigerlich zum Kampf – muss es zum Kampf kommen! Mit den Fremden, den Arachniden … und leider wird keiner der Fremden dabei überleben.”

Sie blickte ihrem Hauptmann in die Augen.

“Keiner, von denen der Kaiser je erfahren wird.”

***

Der Soldat mit dem Neurofeedback-Implantat hatte sich wieder halbwegs erholt und bildete mit einem seiner Kameraden die Nachhut.

Das Gelände war hügelig, was sie aber wegen des mannshohen Bewuchses nicht unmittelbar erkennen konnten. Nur der Pfad, den die Soldaten von ihrem Lager eingeschlagen hatten und dem sie jetzt wieder zurück folgten, wies deutliche Steigungen und Gefälle auf.

An einer mit lockerem Kies bedeckten Stelle rutschte Reno über die Böschung und landete kaum zwei Meter tiefer in einem schmalen algengrünen Gewässer. Lena schlidderte hinterher, konnte sich aber gerade noch halten.

Um einen Bach handelte es sich offenbar nicht. Es war keinerlei Strömung auszumachen. Reno stand bis zur Hüfte im Wasser und versuchte, nachdem er die erste Überraschung überwunden hatte, sich an Wurzeln und knorrigen Geäst nach oben zu ziehen. Wer konnte schon wissen, welche Art Parasiten sich in dieser Brühe tummelten – und was sonst dort auf der Lauer lag.

“Hilf mir”, raunte er Lena zu.

“Wie soll ich das machen, ohne selbst rein zu fallen?”

Sie reckte den Kopf und rief den Soldaten zu: “Und was ist mit Euch, ihr starken Jungs? Könntet ihr vielleicht mit anpacken?”

Über ihnen auf dem Pfad grinsten die Söldner hämisch. Sie unterließen es allerdings, ihnen zu helfen. Es sei denn, sie dachten, zu kichern oder mit den Waffen zu fuchteln wäre hilfreich.

Plötzlich erstarrten sie.

Ein dumpfes Grollen weit unterhalb der Hörschwelle ließ den Boden erzittern, erzeugte ein Muster kleiner Wellen auf der Oberfläche des Tümpels. Ganz kurz nur hielt es an, dann war es schlagartig wieder verschwunden und die Kräuselungen des Wassers verebbt. Der Pfuhl lag still und modrig da wie zuvor, vielleicht noch stiller – aber jetzt schien er zu lauern.

Tier oder Maschine? Ein Erdbeben? fuhr es Reno im ersten Moment durch den Kopf. Aber als im nächsten Augenblick ein seltsames hohes Klackern und Zirpen zu hören war – fernes und nahes, wie Signale, Meldung und Antwort? – war diese Frage schnell vergessen, und sie machten, angestachelt und fokussiert vom Adrenalin, dass sie auf den Pfad zurück kamen.

Das Klackern und Zirpen verlor sich bald in Geräuschen, die in diesem Buschland offensichtlich normal waren und Wind, Flora und scheuer Fauna zuzuschreiben waren.

Die einzige Orientierung lieferten die Orter der Soldaten – Lenas und Renos waren seit ihrer Bruchlandung hinüber – und die Sonne, die aber schon die obersten Äste der verkrüppelten Bäume erreicht hatte.

In der Ferne – Reno hatte ja keine Ahnung, in welcher Entfernung sie tatsächlich standen – ragten riesige unregelmäßig geformte Spitzen in den Himmel. Was zuerst noch blaugrau und vibrierend von Dunst und Hitze kaum erkennbar gewesen war, erstarrte in der abkühlenden Luft und entflammte allmählich im Feuer der Abendsonne. Sie leuchteten wie die Zähne eines Riesen vor dem dunklen Osthimmel.

Auf vielen Welten gab es ähnlich merkwürdige Erscheinungen. In den meisten Fällen waren sie natürlichen Ursprungs. Reno fragte sich, ob diese Gebilde dort nicht vielleicht künstlich waren. Aber von wem erschaffen?

Das war allerdings nicht die einzige Frage, die ihm im Kopf herum ging. Ihr Landungsboot lag zerbröselt irgendwo im Morast, und sie beide, Lena und er, waren im Schlepptau der Soldaten auf dem Weg in das Lager dieses geheimnisumwitterten Magnaten Tschang. Mehr oder weniger als seine Gefangenen. Aber nur dort konnten sie mit der Orbitalstation Kontakt aufnehmen. Zumindest mussten sie es versuchen. Denn eins war Reno klar, dass sowohl Schiff als auch Kommunikation ausgefallen sein sollte, war nichts anderes als eine taktische Lüge. Tschang war nicht einer jener Typen, die sich ohne Zwang irgendeiner Obrigkeit unterwarfen. Sie konnten also nur hoffen, dass sich im Lager eine Gelegenheit ergab, das Kommando über das Schiff zu erlangen oder zumindest einen Funkspruch abzusetzen. Falls nicht, mussten sie beten, von den automatischen Trackern gescannt zu werden, die im tiefen Orbit ihre Bahnen zogen.

Als die Dämmerung hereinbrach, sie waren bereits über eine Stunde unterwegs, trieben die Soldaten plötzlich zur Eile. Entweder wussten sie nicht, was ihnen in der Dunkelheit begegnen könnte oder sie wussten es nur zu gut. In jedem Fall erschien es auch Reno und Lena vernünftig zu sein, so schnell wie möglich in den Schutz des Lagers zu kommen.

Nach einer weiteren Viertelstunde machten sie das bläuliche Schimmern eines Wallfeldes aus. Das Feld hatte einen Durchmesser von mindestens hundert Metern. Es war vollkommen undurchsichtig. Außer seiner ölig schillernden Oberfläche und dem sich darin spiegelnden dämmerungsgrauen Busch konnte man nichts erkennen. Links hinter dem Wall ragte der Umriss von Tschangs Raumschiff über dem schwarzen Buschland empor. Dicht an den Wall geschmiegt schien es diesen zu durchdringen. Und er bemerkte die heißen Triebwerksgase, in denen die dunklen Schemen der Vegetation flimmerten.

Ich fresse meine Stiefel, wenn Lena es nicht fertig brächte, das Ding sofort und auf der Stelle in Gang zu bringen und loszuzischen.

Aber solche Gedanken waren Makulatur, solange sie nicht an die Steuerung kamen.

Sie entfernten sich vom Schiff und gingen einige Meter am Feld entlang. Reno war beeindruckt, obwohl er es nie zugegeben hätte. Ein Feld dieser Klasse in dieser Größe hatte er noch nie gesehen.

Oder doch?

Ja, einmal. Aber das war sehr lange her.

Früher – in einem anderen Leben – hatte er ein Match in einem Hangar ausgetragen, dessen raumwärtige Öffnung durch ein ähnliches Feld geschützt gewesen war. Ein Spiel in den Docks der Hauptstreitkräfte von Hogg in einem hohen Orbit um den Hauptplaneten. Eine ganze Schar von Generälen und hohen Würdenträgern, die hohe Prominenz von Hogg und zugereiste VIPs waren unter den Zuschauern. Die Tore hätten genauso gut geschlossen werden können, aber dann wäre der Effekt, der Nervenkitzel, den man diesem erlesenen Publikum angedeihen lassen wollte, dahin gewesen. Natürlich hatte sich jede Person, auf deren Meinung auch nur das kleinste bisschen Wert gelegt wurde, gebührend beeindruckt gezeigt. Aber nichtsdestotrotz war es reine Prahlerei gewesen, eine Zuschaustellung ihrer technischen Möglichkeiten, ihrer Überlegenheit. Und für ihn und sein Team hatte es ein weiteres Neuro-Extend erfordert und letztlich, wegen der schnellen und unzureichenden Integration, auch beinahe den Sieg gekostet.

Aber seine Zeit beim Spinball war längst vorüber.

Als sie sich dem Wallfeld näherten, begann sich auf dessen Oberfläche ein Portal abzuzeichnen, wurde transparent und gab den Blick ins Innere einer Sicherheitsschleuse frei.

Außerhalb des Walls war die Luft noch erfüllt gewesen vom auffrischenden Wind und seinen fremden Gerüchen, von den Geräuschen ersterbender Tag- und erwachender Nachtaktivität. Im Inneren war alles wie verwandelt: die Kuppel, die das Wallfeld bildete, wurde von einem anderen, sehr fernen Blick in die Galaxis erhellt, von farbig schimmernden Nebeln und gleißend hellen Sternhaufen im Hintergrund, und einem exotischen und überaus beeindruckenden Planetenaufgang im Vordergrund. Der projizierte Planet war erst zur Hälfte aufgegangen, überdeckte aber beinahe zehn Grad am Himmel und setzte mit seinem Schein das Treiben unter der Kuppel effektvoll in Szene.

Auf der entfernten Seite ragte der goldene Rumpf der Kyrie Hyperion durch den Wall. Gestützt auf filigrane gebogene Stelzen sah er aus wie ein abgeschnittener glitzernder Käfer. Der gepfeilte Bug mit seiner gewölbten Pilotenkanzel, der vordere Teil der elegant geschwungenen Tragflächen für den Atmosphärenflug und die schmalen Zylinder der beiden Lifte, die beidseitig am Rumpf angebracht waren, befanden sich diesseits. Jenseits rauchten unsichtbar die Triebwerke.

Auf dem Platz vor dem Raumschiff standen mehrere Dutzend Menschen in Gruppen. Sie unterhielten sich und lachten, aßen und tranken und promenierten zwischen farbenprächtigen Pavillons und Zelten. Girlanden aus Lampions schmückten die Fassaden, bunte Wimpel und Fahnen an Stangen und langen Masten gaben dem Ganzen das Aussehen eines exotischen Basars. Das Treiben wurde untermalt von den fröhlichen Klängen einer Jazz-Kapelle. Hier war eine regelrechte Party im Gange.

Als sie die Wachen am Portal hinter sich gelassen hatten und bereits auf dem Weg an den geschmückten Zelten vorbei zum Raumschiff waren, wurden sie plötzlich von einer schrillen Stimme gestoppt.

“Halt, halt, warten Sie!”

Aus einer Gruppe vor einem der Pavillons hatte sich eine Frau gelöst. Sie war füllig, mit steil aufgetürmten silbernen Locken und wurde von einer bodenlangen Toga umweht, die ihre Proportionen mehr als dürftig verhüllte. Das leichte, durchscheinende Tuch ließ einen ungehinderten Blick auf ihren nackten Körper zu: die vollen wogenden Brüste, die bei jeder Bewegung erzitternden Falten ihres Bauches und die kegelförmigen Beine. Energisch und so schnell es für ihren Stand schicklich war eilte sie auf den Trupp zu – in der einen Hand ein kristallenes Gefäß, aus dem bei jedem Schritt Flüssigkeit schwappte, mit der anderem ihr Gewand raffend.

Die Soldaten sahen sich unschlüssig an.

“Habe ich Sie noch erwischt, Matrose”, schnaufte die dicke Frau völlig außer Atem und blickte einen der Soldaten, den sie für den Anführer hielt, zornig an.

“Frau Tekanawa, lassen Sie uns weiter gehen. Wir sind auf dem Weg zu Herrn Tschang.”

“Werden Sie bloß nicht frech, Matrose”, knurrte sie ihn an. Ihre Brüste reckten sich angriffslustig in die Höhe.

Schien es nicht so, als ob ihre Brustwarzen zu glitzern anfingen? Als ob das, was gerade noch tiefrosa war, jetzt metallisch schimmerte? Reno rieb sich die Augen, und Lena puffte ihn heftig in die Seite.

“Männer und ihr Testosteron induzierter Tunnelblick”, zischte sie.

“Nichts für ungut, aber solche Pilotenoveralls habe ich noch nie gesehen”, flüsterte er zurück. “Aber darum geht es gar nicht. Hast du nicht bemerkt, dass ihre … äh … ihre …”

“Für Sie ist mein Name immer noch Lady Tekanawa DeHogg”, herrschte sie den Söldner an. “Wenn Sie sich das nicht merken können, dann lassen Sie es sich in Ihr … Ihr Implantat drucken.” Das Wort spuckte sie regelrecht aus. “Und außerdem ist Lord Tschang überhaupt nicht mehr hier. Er ist fort, ausgeflogen und kommt erst sehr spät nach Hause. Inzwischen soll ich mich um unsere lieben neuen Gäste kümmern!”

Sie machte eine gezierte Geste mit der Hand und stellte eine unschuldige Miene zur Schau. Das schien den Soldaten kurzzeitig aus dem Konzept zu bringen. Geschickt nutzte Lady Tekanawa den Moment der Verwirrung, um dem Anführer ihr mittlerweile leeres Glas in die Hand zu drücken.

Der runzelte nur die Stirn, unterdrückte jedoch weitere Bemerkungen und konsultierte stattdessen sein Kommgerät.

“Und jetzt zu Ihnen …”

Mit einer erstaunlich behänden Drehung wandte sie den Soldaten den Rücken zu, flocht ihren Arm um Renos und umhüllte ihn mit ihrem betäubend süßen Parfüm.

“… Sie großer und ausgesprochen gut aussehender Kerl. Wie ich höre sind Sie Pirat und sie …”, sie warf einen kurzen, jedoch nicht ungnädigen Blick auf Lena, “… sie ist Ihre kleine Piratenbraut?”

“Ich bin nicht … wir sind keine …”, schnappte Lena aufgebracht.

Lady Tekanawa klimperte mit den Augen und formte entschuldigend einen Kussmund. “Nicht doch, Kleines, das war doch nicht so gemeint. Ich weiß doch, wen ich hier eingefangen habe”, damit blickte sie wieder zu Reno empor. “Sie sind Ritzo, der Recke von Parastar.”

“Mein Name ist Reno, Lady … äh …”

“Sage ich doch”, fuhr sie im Plauderton fort. “Und Sie, Matrose”, sie wandte sich wieder zornfunkelnd den säuerlich dreinblickenden Soldaten zu, “nehmen Sie endlich Ihre Küchenburschen und machen Sie, dass Sie an Ihre … Maschinen kommen … oder was auch immer. Aber halten Sie hier nicht Maulaffen feil.”

Damit zog sie Reno mit sich fort und winkte Lena, ihr zu folgen. Die Soldaten trollten sich murrend.

“Frau Tekanawa, wir müssen mit Herrn Tschang sprechen und vor allem …”

“Despina. Für euch, meine Hübschen, bin ich nur Despina. Wir sind schließlich Freunde, und ihr seid jetzt meine Mitverschwörer gegen diese erbärmliche Meute unsäglich tumber Toren.” Sie klimperte listig mit ihren Augen und ließ dann ein glockenhelles Lachen ertönen.

Fasziniert bemerkte Reno, wie der metallene Glanz ihren Brüsten entwich und diese, statt kampfbereit die Warzen zu recken, ihnen lustig wippend ihr Ziel wiesen.

“Ach jaa”, sang Despina gedehnt, “der Signore Tschang, unser aller zauberischer Zeremonienmeister”, wieder entfuhr ihr vor Entzückung ein klingendes Lachen. “Er ist einfach so verschwunden, stellt euch vor, ohne uns über seine Absichten in Kenntnis zu setzen. So ein alter Geheimniskrämer. Er sollte jedoch bald wieder hier sein! Das einzige, was er uns versprochen hat, ist eine Überraschung. Haach, seine Überraschungen, ihr Süßen”, sie fasste Lenas Arm und zog beide in verschwörerischer Eintracht zu sich heran, “die sind immer von ganz herrlich aufregender Art.”

Ihr massiger Leib zitterte vor Erregung.

“Aber vorher, müsst ihr euch stärken. Also, auf zur Gulaschkanone, ihr seht ja ganz blass aus.”

Das Grüppchen schlenderte auf einen Pavillon zu, der mit Fress-Fähnchen beflaggt war und in dessen Schutz Stewards mit turmhohen Kochmützen herrlich duftende Speisen kredenzten.

“Gibt es eine Möglichkeit, eine Kommverbindung … nach draußen zu machen?” Lena nagte skeptisch an etwas, das aussah wie eine Hähnchenkeule.

“Nach draußen! Was wollt ihr denn draußen? Papperlapapp, schaut euch um”, Despina breitete die Arme aus, “hier ist die Feier.”

In diesem Moment erschollen helle Fanfarenklänge. Die Musik der Kapelle verstummte. Das Partygeplauder und das Lachen erstarben. Alle Aufmerksamkeit war nach Osten gerichtet. Dort, wo vorher der virtuelle Planet über den Horizont gestiegen war, verschwamm die Projektion, das Wallfeld wurde durchsichtig und gab den Blick auf das im Flutlicht schmachtende Buschland frei.

Sechs mächtige Schimmel bahnten sich ihren Weg durch das Gehölz, kraftstrotzend und ungestüm an ihrem Geschirr zerrend. Die Leute reckten die Hälse, Ahs und Ohs waren zu hören. Die aufgeschreckte heimische Fauna keckerte, schrie und brüllte, duckte sich ängstlich oder floh panisch vor den fremden leuchtenden Wesen. Unter wildem Gewieher und mit sichtlicher Anstrengung zogen die Pferde einen glänzenden Streitwagen ins Licht, auf dem ein kleiner Mann stand. Aufrecht, das Kinn stolz erhoben, selbstgefällig lächelnd, hielt er die Zügel lässig in der Linken, hob triumphierend die Rechte und lenkte sein Gespann direkt auf die Versammlung zu. Sein markantes herrisches Portrait wurde auf beide Flanken der Öffnung im Wallfeld projiziert.

Aristoteles Robert Tschang.

Nette Inszenierung, dachte Reno, der zusammen mit Lena und Despina ein wenig abseits dem Schauspiel beiwohnte.

Hinter Tschangs Wagen brach von starken Tauen gezogen noch etwas aus dem Dunkel des Busches in den Kreis der Scheinwerfer: ein riesenhafter Berg aus Fleisch und Horn, drei säulenartige Beine im Dreck, drei schlaff aus der Seite baumelnd. Eine monströse Chimäre teils Büffel, teils Elefant. Staub wirbelte auf, als das Tier auf die trockene Lichtung vor dem Wallfeld gezerrt wurde und nebelte sowohl das Ungetüm, als auch den Streitwagen ein.

Einige Gäste hielten sich geziert Schnupftücher vor Nase und Mund, als der süßliche Geruch frischen Blutes heranzog. Ein Spalier aus Tschangs Soldaten hielt die Menge zurück und bildete eine Gasse bis unter den Scheitel des Wallfeldes.

“Sehr schön”, konstatierte Lena zu Reno gewandt, “jetzt kommt noch Wilderei dazu.”

“Wir werden uns darum kümmern, wenn wir wissen, wie wir hier raus kommen.”

Despina jauchzte “Huuh”, die leuchtenden Augen auf das tote Tier gerichtet.

Als die Pferde den Bereich des Wallfeldes erreichten, wurden ihre Konturen diffus und die Illusion löste sich auf. Ihr Wiehern verlor sich im Aufheulen des E-Grummans von Tschangs Kettenfahrzeug, das hinter dem kaum noch sichtbaren Hologramm des Streitwagens erschien.

Die Menge und die Soldaten wichen zurück, als Tschang aufdrehte und mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Gasse brauste, den riesigen Kadaver im Schlepptau. Sein zufriedenes Lachen prangte von den Projektionen, war aber erst zu hören, nachdem das Heulen des Elektrotriebwerks verstummt war.

Beifall und Jubelgeschrei brandete auf, Hochrufe ertönten. Einen Moment sonnte er sich darin, dann hob er die Arme wie ein Dirigent und bat sich Ruhe aus.

Tschang begann mit seiner Rede. Bevor er aber den ersten Satz vollendet hatte, gab es einen scharfen Knall außerhalb der Kegel der Scheinwerfer. Dann wieder einen. Und noch einen! Berstendes Holz und peitschende Äste! Und mit einem Mal fing der Untergrund an zu beben, Teller und Tassen schepperten auf den Tischen. Die Partygäste sahen sich zunächst verwirrt um, und ergriffen dann die Flucht. Da sie allerdings nicht wussten, wohin sie flüchten sollten, hatte das Ganze etwas Regelloses an sich, etwas Verzweifeltes.

Reno und Lena und Despina tanzten mit im Reigen allgemeiner Panik, versuchten aber, nahe an die Innenseite des noch intakten Wallfeldes zu kommen. Dort erschien es ihnen am sichersten – wovor auch immer. Die Soldaten hatten sich unterdessen an der Öffnung des Wallfeldes gesammelt und spähten, die Waffen im Anschlag, angestrengt auf die Wand der hell erleuchteten Blätter und Hölzer. Ein paar machten sich hektisch an einem Feldprojektor zu schaffen und versuchten, die Öffnung wieder zu schließen.

Was Reno zuerst wahrnahm, war eine Walze aus undurchdringlichem Staub und Sand, Steinchen und Holzsplittern. Der Lärm wurde ohrenbetäubend. Dann brach die Stampede aus dem Dickicht, dutzende, hunderte der sechsbeinigen Kolosse, keuchend, mit hängenden Zungen, die weißen weit aufgerissenen Augen stur geradeaus gerichtet, strömten durch die Öffnung und überrannten das Wallinnere.

Im Grunde war der Ort nicht schlecht, den sich Reno, Lena und auch Despina zu ihrem Schutz ausgesucht hatten. Aber bevor die Tiere die Wallprojektoren zertrümmert hatten und so ihrer Falle wieder entkommen konnten, rannten einige von ihnen kreuz und quer durch das Lager, so auch dorthin, wo sich die Gruppe aufhielt.

Die verschmelzenden Schemen riesiger sechsbeiniger Büffel und der betäubende Gestank nach Moschus, Despinas schriller Schrei, Lenas vorgehaltene Pistole, die, neben der seinen, Salven dünner Laserblitze in die Schatten der heranstürmenden Tiere spuckte: die letzten Eindrücke brannten sich wie Schlaglichter in Renos Bewusstsein. Dann waren die Kolosse da. Ihr heißer Atem und der Staub drückten ihm die Kehle zu. Lena wurde zur Seite gestoßen, sie wirbelte herum und ihre Waffe traf Reno an der Schläfe.

Er nahm noch wahr, wie die kräftigen Hufen neben seinem Kopf aufschlugen, dann schwanden ihm die Sinne.

Fortsetzung folgt …

Copyright © 2012 by Michael Bahner

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Gestrandet in der weißen Hölle

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Chet Morrow und seine Begleiter sind auf dem Weg zu der Heimatwelt der Makis. Da das Transmittersystem der Außerirdischen eine begrenzte Sprungweite hat, müssen die Menschen und die sie begleitenden Makis immer wieder Zwischenstation auf teilweise mehr oder weniger unwirtlichen Welten einlegen. Und so kommt es, wie es kommen muss – sie stranden auf einer Eiswelt!!!

Ohne technische Hilfsmittel und die Möglichkeit, über Funk Hilfe anzufordern, scheinen sie dem Tode nahe – aber dann treffen sie auf einen ebenfalls Gestrandeten. Dieser Sternenmischling hilft ihnen nach anfänglicher Zurückhaltung und für Chet Morrow eröffnet sich ein neues Kapitel in der Geschichte menschlicher Zusammenarbeit.

Sollte die Geschichte dieser Mischlinge und die Erkenntnis daraus der Menschheit eine neue Richtung aufzeigen…?

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RENO – Kapitel 2 – Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 29. Oktober 2011

Reno

Kapitel 2

Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte

von

Michael Bahner

Was bisher geschah …

Kilometerweit zog sich eine rauchende Schneise durch das Buschland. Überall lagen brennende Äste und Sträucher auf den Böschungen und in deren näherer Umgebung. Im einsetzenden Nieselregen verwandelten sie sich schnell in qualmendes und stinkendes Holz. Die aufgeworfene Erde war übersät mit glitzernden Glaspartikeln, geschmolzen im heißen Strahl der Plasmajets. Sie zischten und klirrten leise im Regen.

Am Ende der Furche steckte der Hopper in einer Moräne aus Dreck, Steinen und Wurzeln. Ein kokelndes, zerfetztes Stück Weltraumschrott, bei dem die Pilotenzelle das einzige Teil zu sein schien, das einigermaßen intakt geblieben war. Was von dem Wrack noch heraus schaute war über und über bedeckt von einer pulsierenden Schicht dicker, weißer Raupen. Ein letztes klägliches Fauchen drang noch tief aus den Eingeweiden der Jets, dann regte sich nichts mehr.

Der Regen wurde allmählich stärker, bis er zu einem undurchdringlichen Schauer angeschwollen war, mit rauschenden grauen Schleiern, die den Hopper bald vollständig eingehüllt hatten und den Graben, in dem er lag, schnell mit schlammiger Brühe füllten.

Jetzt konnte die Libelle nichts mehr erkennen, aber sie fühlte, dass alle Informationen ihr Medium erreicht hatten. Außerdem wurde es immer schwieriger, im strömenden Regen zu manövrieren. Ihr Pelz, obwohl gut eingefettet, begann schon merklich schwerer zu werden. Wenn sie noch länger in diesem Unwetter blieb, würde sie überhaupt nicht mehr fliegen können und kriechen müssen.

Hier, in diesem von Arachniden verseuchten Land kann das tödlich sein!

Sie selbst konnte diese komplexen Überlegungen nicht anstellen, sie selbst hatte nichts von den Arachniden zu befürchten, aber sie spürte die dunkle Angst in den Gedanken ihres Mediums. Sie waren in dieser Mission ein untrennbarer Teil von ihr. Daher schwirrte sie so weit und so schnell, wie es ihr möglich war, in die Höhe und machte sie sich eilig auf den Rückweg.

Ihre wilden Artgenossen waren schon lange verschwunden.

***

Von Westen her soll ein Unwetter aufziehen? Ich hoffe, dass unser Unternehmen dadurch nicht gefährdet wird.

Kaiser Nangklao stand auf dem Balkon des Audienzsaals und wartete einen Moment, bis der kaiserliche Berater, der Spähmeister und das Medium des Spähers den Saal verlassen hatten.

Die tiefstehende Abendsonne wärmte ihm die Stirn, und er genoss den lauen Wind, der von der Ebene herauf wehte. Ihr Licht verwandelte die Dächer und Mauern unterhalb des Palastes in ein Pastellbild aus unwirklichem Rot; grobkörnig und verschwommen schimmerte es durch die Dampfwolken, die aus den Fahrzeugen, den Maschinen und den Schornsteinen der Häuser pulsierten. Und es zauberte funkelnde Splitter auf die Schindeln und Metallverkleidungen von hunderten von Türmchen und Giebeln.

Obwohl der Palast hoch über der Stadt lag, konnte der Kaiser noch den Gestank der Abgase und des Öls wahrnehmen. Er spürte auch die Feuchtigkeit, die die vielen Dampfmaschinen erzeugten. Aber es zogen auch andere Gerüche heran: von Pulver und Raketenbrennstoff. Es roch nach Ärger – nach Krieg.

Vielleicht auch nach beidem, sinnierte der Kaiser und musste unwillkürlich lächeln.

Als das erste Objekt vom Himmel gestürzt war, hatten sie zwei Späher losgeschickt. Schnelle Libellen, die zu klein waren, um Menschen tragen zu können. Stattdessen waren sie so gezüchtet und trainiert, dass sie eine Reihe simpler Befehle verstanden und einfache Aufträge, wie das Beobachten bestimmter Regionen aus großer Höhe, selbstständig ausführen konnten. Allen diesen Tieren waren Medien zugeteilt, die sich mit deren Gedanken verbinden konnten. Auf diese Art war ein Medium in der Lage, alle Sinneseindrücke seines Spähers zu empfangen und das zu fühlen und zu sehen, was auch das Tier fühlte und sah.

Es gab nur wenige Menschen, die diese wunderbare Gabe hatten; sie konnte weder erlernt noch vererbt werden. Es handelte sich um eine Mutation, eine äußerst seltene Laune der Natur, die einerseits kostbarer war als irgendein Metall auf dieser Welt, aber andererseits auch gefährlicher als die schärfste Klinge oder das größte Schlachtschiff, wenn sie richtig eingesetzt wurde. Niemand außer dem Kaiser selbst oder von ihm ernannte Personen waren befugt, über die Medien und ihre Späher zu verfügen.

Einer der Libellenspäher, die sie losgeschickt hatten, war aus heiterem Himmel von einem zweiten Himmelsobjekt getroffen worden, als sie dabei gewesen waren, die Landestelle des ersten zu erkunden. Der Schock hatte sich sofort auf das Medium übertragen und es auf der Stelle getötet. Der zweite Späher hatte sich noch aus der Gefahrenzone retten und beobachten können, wie das Objekt von dem Schwarm wilder Libellen angegriffen worden war, bei denen sie sich verborgen hatten. Die letzten Bilder, die er seinem Medium übermittelt hatte, waren jedoch umso interessanter und wichtiger: es handelte sich tatsächlich um ein Gefährt, das von Menschen gesteuert wurde. Ein Gefährt, das womöglich in den Himmel und zu den Sternen fliegen konnte – oder von dort kam!

Ich muss diese Fluggeräte besitzen, dachte der Kaiser. Wenn diese Menschen noch leben, muss ich sie mir zu Verbündeten machen – oder gefügig. Wer solche Fluggerräte bauen kann, muss auch Waffen haben, die allen unseren überlegen sind. Ich muss ihre Technik besitzen, ihre Macht. Unbewusst ballte er die Fäuste, und sein Mund verengte sich zu einem schmalen Strich. Diese Macht wird es mir ermöglichen, in jedem Land dieses Planeten die Herrschaft zu übernehmen.

Die weite Ebene hinter der Stadtmauer lag golden da und breitete sich bis zum Horizont aus. Irgendwo dort draußen waren die Grenzen seines Reiches und dahinter lagen die Objekte, die für ihn so unsagbar wichtig waren. Irgendwo dort draußen würde sich auch die Zukunft seines Reiches entscheiden.

Was für eine friedliche Szenerie, dachte er bei sich und entspannte sich wieder. Fast zu friedlich. Die Stadtwachen sind in Alarmbereitschaft und mein Heer und die Luftwaffe sind schon mobilisiert. Wir wissen ja nicht, mit wem wir es zu tun haben.

In diesem Moment schob sich von Norden ein riesiger zigarrenförmiger Schatten vor den glühenden Himmel. Er breitete sich schwarz über die Stadt aus, wild umschwirrt von einer Eskorte Libellen. Dieser Blimp war das größte der kaiserlichen Luftschiffe und maß von Bug bis zum Heck über tausend Ellen. Ein Titan von einem Schlachtschiff – aber was für ein Spielzeug mochte es gegen die Macht der Himmelsmenschen sein?

An der Seite seiner Gashülle prangte golden das geschwungene kaiserliche Wappen. Drohend und majestätisch schwebte er beinahe lautlos dahin auf seinem Weg zurück zu den Hangars, die im Windschatten der Berge auf der anderen Seite der Stadt lagen. Nur das dumpfe Brummen der Rotoren und das auf- und abschwellende Surren der Libellenflügel drang aus der Ferne zum Balkon herüber.

Jäh riss ihn ein kurzes hohes Zischen aus seinen Gedanken und signalisierte ihm, dass sich die Türen bewegt hatten. Er vernahm das leise Knirschen von Stiefeln. Leichte Schritte in geschmeidigem Leder: Mom Chao. Die Tochter seiner sechsten Konkubine, stand hinter ihm und betrachtete ihn schweigend: seine hagere Gestalt, seinen langen Umhang mit den roten samtenen Streifen, die wie Lava von innen heraus zu leuchten schienen, und seinen schmalen Kopf, der bis auf den Spitzbart umbehaart war.

Was will er nur von mir? Wie Respekt einflösend er aussieht, sein sehniger Körper, seine erhabene Haltung, seine ganze Erscheinung, dachte sie bitter. Ein großer, hagerer, alter, widerlicher Despot – und doch stark und mächtig.

An seiner Seite sah sie einen kleinen mit Saphiren besetzten Dolch in den Falten seines Umhangs funkeln. Sie wusste, dass sie trotz ihrer Jugend, ihrer Kraft und ihrer Gewandtheit einen Zweikampf nicht gewinnen würde; sie wusste auch, dass der Kaiser keine Gnade kannte, nicht für seine Feinde und nicht für sie, sein Blut.

„Das ist die Himmelsglanz”, erklärte der Kaiser unnötigerweise. „Sie ist das größte Luftschiff unserer Streitkräfte.”

Ich weiß, alter Mann, dachte Mom Chao, und sie sollte von Rechts wegen mir unterstehen, mein Schiff sein. „Ja, Vater”, antwortete sie stattdessen nach einer kurzen Pause.

Der Kaiser ahnte, was in ihr vorging. Sie war Leutnant bei seinen Luftstreitkräften und befehligte dort eine Kompanie Libellen. Aber sie war auch die Tochter des Kaisers, und als solche hätte ihr eine höhere Stellung zugestanden. Dennoch wollte er ihr nicht mehr Verantwortung übertragen – noch nicht. Sie hatte zwar ein gutes Gespür für Strategie und Taktik und war auch sehr versiert im Umgang mit Waffen. Aber sie besaß auch noch diese jugendliche Arroganz, alles besser wissen zu wollen, widersprach in ihrem Jähzorn Befehlen und ließ sich noch zu oft von ihrem Enthusiasmus hinreißen. Solche Ausbrüche konnte sie am Hof ausleben, wo außer gebrochenen Herzen oder Kränkungen kein Schaden entstand. Hier konnte sich ihr Verhalten glattschleifen, bis sie sich ganz und gar auf ihr Talent konzentrieren konnte. Aber bis es soweit war, musste sie der Kaiser bei der Stange halten.

Er lächelte verhalten. „Unsere dringendste Aufgabe ist die Untersuchung dieser seltsamen Fluggeräte.” Er überlegte einen Moment. „Wir werden umgehend eine Expedition ausrüsten, ein Bergungskommando. Es darf uns niemand zuvor kommen.”

Mom Chao stutzte. „In diesem von Arachniden verseuchten Gebiet? Wer soll uns da schon zuvor kommen?”

„Ich … wir müssen diese Geräte haben und die Menschen, die darin waren. Ich bin mir sicher, dass wir nicht die einzigen sind, die hinter diesen Fremdweltlern und ihren Maschinen her sind. Aber wir müssen die ersten sein, um jeden Preis”, zischte der Kaiser. „Die Arachniden sind dabei nebensächlich, auch wenn sie nicht leicht abzuwehren sind. Aber diesen Preis müssen wir zahlen. Durch die Beobachtung unserer Späher kennen wir den genauen Standort, wo die Fremdweltler gelandet sind”, fuhr der Kaiser ungerührt fort. „In der Morgendämmerung wird die Expedition aufbrechen.”

„Es sind mehrere Tagesreisen bis dorthin”, gab Mom Chao zu bedenken, „eine lange Reise. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir so lange gegen die Spinnen bestehen können.”

„… was es unumgänglich macht, dass wir aus der Luft operieren. Und sie …”, er zeigte auf die Himmelsglanz, die sich eben zu den Hangars senkte, „… sie wird das Herzstück der Operation sein. Im Übrigen habe ich angeordnet, dass sie in der Nacht ausgerüstet wird.”

Und ich befehlige sicher wieder einen Schwarm mickriger Libellen, dachte Mom Chao und presste die Lippen aufeinander.

Kaiser Nangklao drehte sich um und fixierte seine Tochter, die sich bemühte, sich ihre Verärgerung nicht anmerken zu lassen.

Ein kleiner, begrenzter Einsatz als Kommandantin ist genau die Art Geschenk, die sie wieder gefügig macht und ihre Aufsässigkeit im Zaum hält, überlegte der Kaiser. Laut sagte er: „Es erübrigt sich vermutlich, dich zu fragen, ob du dir das Kommando zutraust?”

Mom Chao war völlig verblüfft. Sie sollte das Kommando über die Himmelsglanz bekommen, hatte sie das richtig verstanden? Sie hätte in die Luft springen mögen, vor Freude schreien, aber sie hielt sich zurück und erwiderte stattdessen mit rauer Stimme: „Natürlich traue ich es mir zu – Vater.”

JA. Es geht voran, aber das ist nur der Anfang. Und wenn du glaubst, mich mit diesem Zuckerbrot abspeisen zu können, hast du dich getäuscht, alter Mann. Die Himmelsglanz habe ich, und die Fremdweltler, wie du sie nennst … nun, was für dich so wunderbar und wertvoll ist, kann für mich nur von Vorteil sein.

„Und wenn ihnen etwas zustößt?”

„Den Fremdweltlern?”

„Ja. Wenn sich die Arachniden vor uns um sie kümmern.”

„Das wäre bedauerlich, und ich wünsche es nicht.” Die letzten Worte murmelte der Kaiser nur noch, dann wandte er sich wieder um und beobachtete, wie die Himmelsglanz mit ersterbendem Motorengeräuschen hinter den Bergen verschwand.

Sonst was, alter Mann?

Aber der Kaiser schwieg. Die Unterredung war beendet.

***

„Licht …“, stöhnte Reno, aber nichts geschah.

Obwohl er die Augen geöffnet hatte, konnte er rein gar nichts sehen. Es roch stumpf und muffig wie in einem alten Keller. Er hing vorne über in den Gurten und fühlte sich wie ein Fisch im Netz. Der Hopper hatte wenigstens zwanzig Grad Neigung und steckte vermutlich wie ein Pfeil im Boden. Mit wenigen Handgriffen hatte er sich von seinem Gurt befreit. Aber er konnte er seine Beine kaum bewegen. Als er nach unten griff, bemerkte er, dass sie mit Erde bedeckt waren. Neben seinem Sessel war ebenfalls alles voll. Das erklärte auch den Gestank. Die Schicht, die jetzt den Boden des Cockpits bedeckte, war vielleicht einen Meter tief, glücklicherweise nicht mehr.

Langsam kam ihm wieder in Erinnerung, dass sie abgestürzt waren. Wie lange mochte das her sein? Mit Mühe befreite er seine Beine und suchte in der Dunkelheit nach dem Pilotensessel. Dort fand er Lena immer noch vorschriftsmäßig angeschnallt und offenbar ohnmächtig. Sie rührte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich als er sie berührte. Es dauerte ein paar hundert nervige Sekunden bis er sie losgefummelt hatte. Er musste aufpassen, dass sie nicht mit dem Kopf auf den Boden fiel.

Schließlich zog er sie nach achtern, wo der Untergrund frei von Erdreich war. Ihre Atemmaske baumelte nutzlos an der Seite ihres Anzugs herunter; beim Ziehen schlug sie ständig gegen sein Knie.

Was soll’s, dachte Reno. Wozu noch die Maske? Er hatte es während ihrer sauberen Landung nicht mal geschafft, seine überzuziehen, also konnte die Luft nicht so schlimm sein. Trotzdem checkte er sie sicherheitshalber. Der Anzug gab sein Okay.

„Hey, Süße”, flüsterte er, den Kopf ganz nah an ihrem Gesicht. „Mach jetzt nicht schlapp. Komm schon, wach auf.” Er fühlte ihren schwachen Puls, aber sonst keine Reaktion. „Warte einen Moment …” – was für eine bescheuerte Bemerkung! – „… ich hole Licht und … und die Med-Ausrüstung.”

Vorsichtig tastete er sich weiter in die Richtung, in der er die Schleuse vermutete, als ihn ein kurzer durchdringender Schrei zusammenzucken ließ.

Lena? – Nein!

Ein fahler, Faden dünner Lichtstrahl befand sich plötzlich direkt vor ihm in der staubigen Luft und verband Backbord mit Steuerbord. In rascher Folge erschienen immer mehr, jedesmal von einem unangenehmen Quietschen begleitet. Doch bevor Reno sich orientieren konnte, um zu erkennen, woher sie kamen, brach ein mannshohes Stück kreischend aus der Seitenwand. Nur durch einen beherzten Sprung konnte er sich in letzter Sekunde in Sicherheit bringen. Das Bruchstück schlug gegen einen Sitz, der ohne nennenswerten Widerstand zusammenknickte.

Wenigstens hatten sie jetzt Licht und einen Ausgang gefunden – doch die Ränder dieser neuen Öffnung wimmelten und sonderten zähflüssiges Sekret ab, und an hauchdünnen Fäden baumelten winzige, sich krümmende Leiber.

„Verdammt, die Mistkäfer“, entfuhr es Reno. Sie mussten so schnell wie möglich raus. „Ich möchte nicht wissen, worauf die sonst noch Appetit haben – außer auf Raumboote.”

Ein leises Stöhnen drang aus dem Komm-Interface an seinem Anzug. Lena war erwacht. Gottseidank! Sie war noch vollkommen desorientiert und ließ sich mehr ziehen und schleppen, da sie noch nicht in der Lage war, ihren Beinen Befehle zu erteilen. Durch die neue Öffnung war bereits wieder Erde eingedrungen, matschiger als die im Cockpit und durchsetzt von weißen zuckenden Maden. Sie drohte, immer weiter zu rutschen und das Loch wieder zu verschließen.

Reno kämpfte sich mit seiner Pilotin über die glitschigen Massen nach draußen. Er zog und ruderte und versuchte mit den glatten Sohlen seiner Raumstiefel auf der rutschigen Oberfläche nicht den Halt zu verlieren. Plötzlich merkte er, dass Lena nicht mehr schlaff an seinem Arm hing. Offensichtlich hatte sie sich wieder einigermaßen berappelt. Sie war neben ihm und stapfte mühsam nach oben. Ihre Pistole benutzte sie wie einen Eispickel, mit dem sie sich Stück für Stück bergan zog.

„Eine der wenigen sinnvollen Anwendungen für die Dinger”, keuchte sie und schaffte es trotz der Anstrengung, über ihre Bemerkung zu kichern.

Schnell hatte Reno seine Waffe ebenfalls gezogen. Eigentlich ein Sakrileg, dachte er, machte es ihr aber nach. Dann waren sie oben, wo sie sich erschöpft auf die nasse Erde fallen ließen.

Allerdings blieb ihnen nicht viel Zeit zum Verschnaufen, denn im nächsten Moment wurde Reno von kräftigen Händen gepackt und den Abhang hinunter geschleift. Er fingerte hektisch an seiner Pistole herum, während ihm Steine und Gestrüpp gegen den Kopf knallten, wollte sich aufrichten und den Angreifer ins Visier nehmen, aber die Waffe entglitt seinem Griff. Eben hatte er sie wieder umklammert, da sah er dicht vor sich die Mündung eines Sturmgewehrs auftauchen und hörte, wie jemand in seiner Nähe „Feuer!” befahl.

Dann rollte eine Welle wie eine Feuerwalze über ihn hinweg. Reno spürte die Gluthitze noch durch den Anzug, also behielt er zur Sicherheit den Kopf unten. Über und hinter ihm knisterte und ploppte und zischte es. Schließlich verebbte das fauchende Geräusch des Feuerwerfers, nur das Poppcorn-Ploppen der zerplatzenden Raupen blieb.

Reno reagierte blitzschnell. Mit der Linken schlug er den Gewehrlauf weg und rammte seine Pistole in das, was er für Kniekehlen hielt. Die Gestalt knickte sofort ein – es war ein Mensch. Im nächsten Moment war er auf ihm und raufte mit ihm im Morast herum. Bald hatte er ihm das Gewehr entrungen und weggeschleudert, da ertönte das beißende Knacken einer Laserpistole, und auf dem Brustharnisch einer der Leute, die sie beobachteten, erblühte ein blauer Fleck, der sich schnell verflüchtigte.

Lena hatte geschossen! Aber als Reno überrascht zu ihr hinüberblickte, hing sie schon im Schwitzkasten eines anderen Soldaten.

Die Kerle ist gut gepanzert – das müssen Tschangs Leute sein! schlussfolgerte er messerscharf. Leider war das genau die Ablenkung, die sein Sparringpartner benutzte, um ihn zu überwältigen.

„Hätten wir die Formalitäten also geklärt.” Nicht weit von der Böschung entfernt stand noch ein Soldat – auf wackeligen Beinen, mit hilflos baumelnden Armen – und versuchte mäßig erfolgreich, seinen irren Blick auf die Neuankömmlinge zu heften.

Himmel, auch das noch, durchfuhr es Reno, ein ferngelenkter Sklave, ein Besessener! Dieser Mistkerl übernimmt tatsächlich Menschen.

„Ich heiße sie herzlich Willkommen auf Aladin I, meine Dame und mein Herr“, verkündete der Mann die Worte seines Meisters. „Mein Name ist Aristoteles Robert Tschang.”

Fortsetzung folgt …

Copyright © 2011 by Michael Bahner

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Flugmaschinen

Verlag : Dorling Kindersley
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Einband : gebunden
Seiten/Umfang : ca. 72 S., durchg. farb. Fotos, Ill. – 28,0 x 21,6 cm
Produktform : B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum : 09.2011
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RENO – Kapitel 1 – Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 20. September 2011

Reno

Kapitel 1

Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte

von

Michael Bahner

Ihr Auftrag war klar. Runter auf Aladin I, die markierten Quadranten abchecken, bis sie den Kerl entdeckt hatten, ihn und seine Spießgesellen einsammeln und dann nichts wie zurück zum Schiff. Hörte sich an wie eine runde Sache, im Handumdrehen erledigt.

Natürlich steckte auch hier wie immer der Teufel im Detail.

Eben trat der Sphärenhopper in die obersten Schichten der Stratosphäre ein. Als die ersten Wirbel gegen die Unterseite trommelten, begann er gleich in Panik zu bocken, kriegte sich aber mit der Zeit wieder ein und entschied sich, Insassen und Inventar nur in einem gemäßigt wilden Rock ‘n’ Roll durch die turbulente Strömung zu rütteln. Währenddessen versuchte Bill Haley aus voller Kehle mit shake, rattle and roll über das Intrakomm gegen das Trommeln anzubrüllen. Von oben züngelten noch erste helle Flammen über die Fenster, bevor sich die fotoaktiven Scheiben abdunkeln konnten. Das Brummen der vibrierenden Tragflächen und des Rumpfes wurde immer lauter und aggressiver, bis Bill mit seinen Comets schließlich in der Geräuschkulisse unterging.

Der Kerl war übrigens nicht irgendwer. Leider. Sein Name war vielleicht sogar bekannter als der des Präsidenten, wenngleich auch die wenigsten wussten, wer die Person war, die sich tatsächlich dahinter verbarg. Aristoteles Robert Tschang, Multimilliardär, einer der mächtigsten Menschen des Bundes.

Mit seiner Jacht war er vor wenigen Stunden im Orbit von Aladin I erschienen und sofort mit einem Shuttle zur Oberfläche abgetaucht. Schon das Eindringen in den Orbit des Planeten war ein offenkundiger Gesetzesverstoß, da über Aladin I immer noch ein Tabu verhängt war, aber die letzte Aktion, die Landung, ging nun gar nicht. Dass er nicht direkt von den Weltenhütern abgefangen worden war, war nicht ganz so erstaunlich, da in einer Orbitalüberwachung, die nur aus einer Station bestand, erwartungsgemäß große Lücken klafften.

Immer noch rappelte und holperte der Hopper durch die Atmosphäre. Lena saß neben Reno im Pilotensessel – ihr Gesicht war hinter der Insektenmaske des Raumhelms verborgen – und wackelte wie ein Cocktail-Shaker. Leidenschaftslos und kalt wie gecrashtes Eis, dachte Reno. Nur nicht die Beherrschung verlieren. Das war auch ihre Aufgabe. Als das Rütteln zu stark wurde, startete sie widerwillig einen der Plasmajets. Aber nur kurz. Reno vermutete, dass sie wegen dieser Aktion eine Schnute zog. Das tat sie immer, wenn ihr etwas gegen den Strich ging. Die Jets konnten über weite Entfernungen registriert werden, auch von außerhalb der Atmosphäre. Wenigstens trat die beabsichtigte Wirkung sofort ein: der Hopper beruhigte sich fast augenblicklich.

Ein weiteres Detail ihres Auftrags war, dass sie unerkannt bleiben mussten, und das aus gutem Grund. Aladin I war einer der Planeten, die sich am Rande des Gebietes befanden, das die Menschen bisher erforscht und auch teilweise besiedelt hatten. Der Planet war zwar noch unerforscht, aber er beherbergte eine reiche Flora und Fauna – und intelligentes Leben in Form einer offensichtlich humanoiden Rasse, einer Zivilisation der Prä-Raumfahrt-Ära. Solche Zivilisationen waren zunächst tabu. Warum? Erstens damit sie in aller Ruhe erforscht und ausgespäht werden konnten; zweitens damit aufgrund dieser Ergebnisse Pläne ausgearbeitet werden konnten, in welcher Art mit diesen Leuten kommuniziert und gegebenenfalls verhandelt werden musste; und drittens damit genug Zeit blieb, um schweres Kampfgerät in die Umlaufbahn zu schaffen, falls von Seiten der Eingeborenen nicht der Wunsch bestand, nach den Regeln des Bundes zu kommunizieren.

Aber drittens gab es natürlich offiziell nicht. Auf der Militärakademie beschränkte sich die höhere Mathematik, die Zahlen über drei einschloss, auf die Leute, die die Offizierslaufbahn einschlugen; die niedrigeren Dienstgrade mussten sich mit eins, zwo und jawoll begnügen. Und das Militär bestimmte die Regeln auch weitab der Kolonien.

Und für uns brave Weltenhüter gilt dasselbe, dachte Reno und runzelte die Stirn. Dann studierte er wieder die Aufzeichnungen der Tiefenscans. Ausgedehnte Waldlandschaften durchzogen von glitzernden Flussbändern. Weiter. Gebiete, in denen Steppe in Wüste überging. Weiter. Übergang in vertrockneten Wirsing, braunes faltiges Land, Hügel und Berge ohne oder nur mit kümmerlicher Vegetation. Weiter. Schimmliges Grün über den Falten mit braunen Ringen und immer mehr weißen Häubchen. Weiter. Hinter den Schnee bedeckten Gipfeln fiel das Land schnell wieder ab und lief in eine weite grüne Ebene aus ohne sonstige erkennbare Struktur. Das war ihr Ziel.

Allmählich wurden die Fenster wieder durchsichtig, und das Sonnenlicht verteilte glitzernde Lichter und schwere schwarze Schatten über die Armaturen. Der Hopper fegte im steilen Gleitflug zwischen den Wolken hindurch, um möglichst schnell an Höhe zu verlieren. In weniger als zwei Kilosekunden würden sie ihr Ziel erreichen; wie zur Bestätigung tanzte ihr Zielpunkt auch wieder lustig über das Suchholo.

Reno seufzte tief, brachte Roy Orbison mitten im Vibrato von Pretty Woman zum Schweigen und nahm seine Atemmaske ab. Das Rauschen in seinen Ohren, der Nachhall Abstiegs und der Musikbeschallung, ebbte langsam ab. Und dann war nur noch das leise Singen der weit ausgestreckten Flügel zu hören.

„Ich möchte nur wissen, was er auf der Oberfläche will“, sinnierte Lena. „Nach Rohstoffen forschen? Das kann er doch per Satellit machen oder anderen überlassen.“

„Sklavenhandel, Waffen verschieben, sich als König aufspielen, was weiß ich“, brummte Reno. „Mit Sicherheit ist es illegal. Was glaubt er überhaupt? Dass wir ihn nicht finden? Na, so ausgebufft, scheint er doch nicht zu sein. Der kann sich auf was gefasst machen, alles was recht ist.“

„Komm schon, Großer, cool down,“ nuschelte Lena hinter ihrer Maske hervor. Sie steuerte den Hopper in eine lange Linkskurve, sodass der Punkt auf dem Suchholo wieder ins Zentrum mäanderte. „Reize niemanden, der größer und stärker ist als du selbst. Du kannst sicher sein, dass er kooperativ ist, in seinen kleinen goldenen Vogel steigt und abzwitschert. Er weiß ja ganz genau, was er darf und was nicht. Und ganz offen wird er uns oder das Militär nicht gegen sich aufbringen. So dumm ist er nicht.“ Vorsichtig knetete sie das Steuer, um ihre steifen Finger zu entkrampfen. „Außerdem, was kann ihm schon passieren? Er ist einer der reichsten Leute im Bund. Mit ein paar Tausendern an den richtigen Stellen, vielleicht einer geeigneten Beförderung …“

„… haben wir ihn nur auf einer kleinen Sightseeing-Tour begleitet, uns mit Tee, Plätzchen und Ekstasims eingeschleimt, und am Schluss küssen und umarmen wir uns und haben uns schrecklich lieb“, beendete Reno mürrisch den Satz und beäugte seine Pilotin skeptisch.

„Richtig, mein Held,“ bestätigte Lena und lächelte unter ihrem Helm still in sich hinein.

„Ok, du hast das Kommando – so lange wir in der Luft sind -, aber wenn er unten Sperenzchen macht“, sagte Reno und tätschelte seine Pistole, „dann werde ich ihn als Grillfleisch im Kühlfach zurück transportieren.“

Als der Hopper in die Zielgerade einschwenkte, überließ Lena der KI das Steuer und nahm ebenfalls ihre Maske ab. „Lass deine Artillerie stecken“, sagte sie beiläufig und strich sich ein paar rote Strähnen aus der Stirn. „Wir werden die Sache ganz ruhig über die Bühne bringen, ganz ohne Hauen und Schießen.“

Dann sah sie ihn mit ihren großen hypnotisch grünen Augen an und fragte mit gespielter Schüchternheit: „Meinst du, dass du das hinbekommst?“

Reno brachte als Antwort nicht mehr als ein zustimmendes Grunzen zustande.

Genau in diesem Moment heulte der Alarm auf und rote Lichter fingen an, hektisch zu blinken. Ehe einer von ihnen reagieren konnte, übernahm die Abwehr-Automatik das Schiff. Die Gurte strafften sich augenblicklich und zogen sie mit einem so heftigen Ruck in die Polster zurück, dass den beiden nur noch ein kränkliches „Hmmpf“ entfuhr. Statt der Gleitflügel ragten jetzt die Hochgeschwindigkeitsstummel aus dem Rumpf, und die sanften Bewegungen wichen einem brutalen Impuls-Staccato, als die KI mit den reaktivierten Plasmajets Ausweichmanöver flog.

Jetzt ist’s vorbei mit der Heimlichkeit, dachte Reno ernüchtert.

Soweit er erkennen konnte, wurden sie von mehreren schnellen Flugkörpern attackiert; neun oder zehn, vielleicht auch ein Dutzend. Bei den Beschleunigungen fiel es ihm schwer, die Instrumente zu fokussieren. Alles verschwamm vor seinen Augen; Lichter, Wolken, Instrumente; rot, weiß, blau, schwarz, schillerndes Grün überlappten sich und wurden eins. Er schloss die Augen und sah nur noch rosa Irrlichter und helle Blitze, die über seine Lider zuckten. Das hochfrequente Kreischen der Plasmajets dröhnte in seinen Ohren. Dann legte ein lauter Knall seine Hörfähigkeit lahm, und der Schlag kurz darauf hätte ihn beinahe auch seines Denkvermögens beraubt.

Unter pochenden Schmerzen öffnete er wieder die Augen. Gleich würden die Endorphine wirken und Schmerzen und Sternchen vertreiben. Lena hatte bereits wieder das Steuer übernommen. Wann was das denn passiert? Vielleicht war er doch länger weg gewesen als er gedacht hatte. Reno wusste, wie ergeizig sie war und wie wenig sie der KI in kritischen Situationen vertraute. Ganz im Gegensatz zu ihm. Außerdem hatte sie es irgendwie geschafft, die Maske während dieser wilden Achterbahnfahrt wieder überzustülpen. Wie war ihm völlig schleierhaft; er wagte kaum, seine Arme aus der Fixierung zu lösen, weil er Angst hatte, sich bei den gegenwärtigen hektischen Manövern damit k.o. zu schlagen. Er konnte also nur noch abwarten, auf Lenas Fähigkeiten vertrauen – und anständig Schiss haben.

Lena kurvte scheinbar ziellos durch die Gegend, schien aber mit ihrer undurchschaubaren Kunst einigen Erfolg zu haben. Zumindest waren auf dem Holo weniger feindliche rote Punkte als zu Beginn zu erkennen.

Ein dumpfer Schlag lenkte Renos Aufmerksamkeit auf das linke Seitenfenster, an dem eine grünliche schleimige Substanz klebte und mit surrealer Behäbigkeit von der enormen Luftströmung in Richtung Heck verzerrt wurde. Es musste sich um eine extrem zähe Masse handeln. Dunkle Schlieren zerfaserten langsam und gaben etwas frei, das entfernt einem riesigen Insektenflügel ähnelte, der über eine lange schwarze Sehne mit einem bunt schillernden ovalen Objekt verbunden war. Das gewölbte Ding zitterte wie verrückt in der Strömung, sodass Reno nicht genau erkennen konnte, was es war. Plötzlich stand es jedoch still, für einen kurzen Moment, als es von einem vorüberziehendem Schleimklumpen fixiert wurde, und war dann in der nächsten Sekunde verschwunden.

Ich flippe aus, dachte Reno entgeistert. Facettenaugen, groß wie meine Hand! „He, Lena,“ keuchte er. „Hallunziniere ich oder sind das … da draußen … äh … Scheiß … Rieseninsekten.“

Er konnte sie kaum verstehen, als sie unter ihrer Maske mit zusammengebissenen Zähnen zu murmeln begann. „Sie haben eher …“ Rasches Abtauchen über die Steuerbordseite, und sie pfiffen durch ein paar Wolkenfetzen auf die beunruhigend detaillierte und viel zu nahe Oberfläche zu. „… eher Ähnlichkeit mit Libellen auf der Erde …“

Ein Schuss Amphetamine bewahrte Reno vor einer Ohnmacht, als sie nach einem halsbrecherischen Turn wieder auf den azurblauen Himmel zurasten. „Wenn wir nur ein paar Waffen hätten, könnten wir das Viehzeug einfach abknallen.“

„… außerdem scheinen sie …“ Jetzt schossen sie in einer ballistischen Flugkurve abwärts, wie ein Meteor. „… direkt über unserem Ziel zu sein …“ Vorne durch das Fenster konnten sie die Libellen auf diese Entfernung nicht erkennen, nur die Holos verrieten ihnen, dass sie sich genau auf ihrer Flugbahn befanden. Doch dann zogen sie sich im Zickzack zurück, wie wenn sie sich entschlossen hätten, den Weg endlich frei zu geben.

Aus den Augenwinkeln sah Reno, wie sie die riesenhaften Libellen in einiger Entfernung mit aberwitziger Geschwindigkeit passierten. Doch dann erkannten sie, leider viel zu spät, warum sie zurück gewichen waren.

Zuerst sah es so aus, als seinen sie in Nebel geraten, bis sie mit Schrecken feststellen mussten, dass dieser Nebel sich an den Scheiben, dem gesamten Rumpf und den Flügeln festsetzte – und wuselte! Tausende und abertausende winziger Raupen oder Maden begannen, sich durch das harte Material des Hoppers zu fressen, von dem Reno bis zu diesem Zeitpunkt gedacht hatte, es sei unzerstörbar.

Lena riss das Steuer hastig an sich und fuhr gleichzeitig die Tragflächen aus, um den Hopper abzufangen. Sie musste versuchen, ihn so schnell wie möglich runter zu bringen und ihn dabei so gut wie möglich abzubremsen. Mit einem Mal krachten die ersten Bruchstücke aus den Tragflächen und von der Unterseite des Rumpfes, sodass der Hopper zunehmend an Auftrieb verlor und durchsackte.

Sie rasten bereits wenige zehn Meter über eine niedrigere Vegetation aus Büschen und verkrüppelten Bäumen dahin, jedoch immer noch mit viel zu großer Geschwindigkeit. Ihr Fluggerät jaulte ohrenbetäubend und strich jetzt so knapp über dem Boden, dass sein enormer Luftdruck eine kegelförmige Schneise im Buschwerk hinterließ und sich die Störung schwingender Gräser und Äste wellenförmig ausbreitete. Das letzte, was sie wahrnahmen, war, dass die steuerbordseitige Tragfläche beim ersten Bodenkontakt wie ein Holzbalken zersplitterte und den Hopper um seine Gierachse wirbelte. Schlamm, Äste und Steine wirbelten hoch, durchschlugen die Fenster, drangen ins Cockpit und begruben sie unter sich.

zur Fortsetzung  …

Copyright © 2011 by Michael Bahner

Leseempfehlung des Autors:

Mein Insektenhotel
Wildbienen, Hummeln & Co. im Garten

von Melanie Orlow
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Letzte Preisänderung am 03.05.2011
Seiten/Umfang : 192 S. – 19,0 x 13,0 cm
Produktform : B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum : 18.04.2011

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Fleißig, nützlich, friedlich

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DIE MACHT DER ASCHE – Eine Science Fiction Geschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 27. April 2011

Die Macht der Asche

Eine Science Fiction Geschichte

von

Michael Bahner

Plötzlich waren sie da! Niemand hatte sie kommen sehen, niemand hatte sie gehört. Als hätte sie die Brise aus dem Meer geweht, die jeden Morgen den frischen Geruch von feuchtem Seetang und Salz auf die Anhöhen trug. Kaum zweihundert Meter von unserem Camp entfernt ragten ihre schlanken Gestalten über die Farne, unbeweglich; nur die Federn ihres Kopfschmuckes flatterten im Wind. Natürlich waren sie vorher auch schon da gewesen, nur hatte es niemand bemerkt, nicht mal die Instrumente, mit denen wir die Umgebung unseres Lagerplatzes abgescannt hatten.

Im Grunde genommen hätten sie gar nicht hier sein dürfen. Dieses Eiland war so weit abgelegen von anderen Inseln und entfernt von den Schifffahrtsrouten im Stillen Ozean, dass es fast unmöglich war, zufällig darauf zu stoßen. Und was hätte man hier finden wollen? Allwöchentlich fuhr ein Patrouillenboot die Küstenlinie ab, um die Strände und Buchten zu kontrollieren, ohne jemals Spuren von Landungen entdeckt zu haben.

Obwohl wir die Fremden im Auge behielten, ließen wir uns von ihnen zunächst nicht stören, und wir versuchten auch nicht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Zwei Soldaten wurden abkommandiert, ihre Aktivitäten zu überwachen. Das sollte genügen, wie mir der Kommandant versicherte. Dann waren sie wieder verschwunden. Sie hatten sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Keiner der Wachen konnte sagen, welche Richtung sie eingeschlagen hatten. Und ich muss zugeben, dass ich erleichtert war, ihre tätowierten Gesichter und ihre abschätzenden undurchdringlichen Mienen nicht mehr sehen zu müssen. So konnte ich mich wieder vorbehaltlos meinen Untersuchungen widmen.

Mit einer letzten Anstrengung zog sich Stevenson auf den Felssims. Er schwitzte und keuchte erbärmlich, und die Schnittwunden an seinen Händen schmerzten furchtbar. Als er von der Kante weg zur Felswand gekrochen war, nestelte er zuerst die Wasserflasche aus seinem Rucksack, um seinen Durst zu stillen. Das Wasser war warm und erfrischte ihn kein bisschen; immer noch hämmerte ihm der Puls im Schädel. Unten war die Luft schwül und heiß gewesen und voll von Mücken. Hier oben aber spürte er einen leichten Luftzug, der ihm langsam im Schatten seines Hutes die Hitze aus dem Gesicht nahm.

Erst dann registrierte er wieder Kiira-Lee, die kaum einen halben Meter von ihm entfernt an den Fels geschmiegt dalag in ihrem Tarnanzug von undefinierbarer Farbe und Musterung, und die Gegend mehrere zehn Meter unter ihnen beobachtete.

Subtropischer Regenwald bis zum Meer; mehrere kleine Wasserfälle südlich von ihnen und, davon gespeist, mehrere Rinnsale, die sich in einem Bachbett weit unten vereinten. Im Westen war der Pazifik zum Greifen nah, tiefblau in der hochstehenden Sonne, aber bestimmt drei Kilometer entfernt. Von dort waren sie heute Morgen aufgebrochen, von ihrem Camp oberhalb des Strandes und dann kreuz und quer durch den Urwald gehetzt.

Dem Soldaten des Begleitschutzes war der Schädel zertrümmert worden. Ich hatte so etwas vorher noch nie gesehen; es war … grauenhaft … unbeschreiblich. Es war der Funker gewesen, er hatte das Satelliten-Telefon gehabt und den GPS-Empfänger. Beides war jetzt weg. Natürlich nahmen wir sofort an, dass es die Fremden gewesen waren. Wer sonst? Also brachen wir das Lager ab und machten uns davon.

Wir waren in erhöhter Alarmbereitschaft. Es bestand keine Verbindung mehr zur Außenwelt, und durch den Verlust des GPS-Empfängers hatten wir keine Möglichkeit mehr, unseren genauen Standort zu bestimmen. Wir konnten uns nur noch an den prägnanten Landmarken der Insel orientieren, was auf freiem Gelände möglich ist, im dichten Wald, durch den wir uns bewegten, jedoch ausgeschlossen.

„Und?“ Stevenson erhob die Stimme, um das Geschrei der Vögel zu übertönen.

Kiira-Lee schüttelte den Kopf.

„Keiner da?“

„Keine Menschenseele. Die größten Infrarotsignaturen sind die von wilden Ziegen. Aber die Fremden waren viel größer.“ Sie schob sich vorsichtig von der Kante zurück und kauerte sich ebenfalls an die Felswand. Als sie die Gesichtsmaske lüftete, sah Stevenson, dass auch an ihr die letzten Stunden nicht spurlos vorüber gegangen waren. Ihre kantigen Wangenknochen traten noch mehr hervor, und unter den Augen hatten sich dunkle Schatten gebildet.

Er trank noch einen Schluck und schloss dann für einen Moment die Augen. Wie dem auch war, im Vergleich zu ihr sah er miserabel aus. Er hatte bei Weitem nicht ihre Kondition, und die Fähigkeiten ihrer Ausbildung konnte er nur erahnen. Die Felswand hatte sie wie eine Gämse erklommen und sich dann auf die Lauer gelegt, um ihn zu decken. Keine Hilfe, keine Hand für ihn beim Aufstieg. Dafür hatte sie ein ganzes Magazin verbraucht mit ziellosen Schüssen in die Bäume.

Die Insel war militärisches Sperrgebiet und stand seit über zwanzig Jahren unter Quarantäne, daher durfte sie offiziell auch nur das Militär betreten; zumindest mussten sie immer einen Begleittrupp stellen. Unserer bestand aus fünf Soldaten und Kiira-Lee, der Leibwache, die vom Konzern zu meinem Schutz angestellt worden war; ich selbst war, als Angehöriger der Forschungsabteilung des Konzerns, für die wissenschaftliche Seite der Expedition zuständig.

Wovor sollte sie mich eigentlich schützen? Vor den Fremden? Jetzt … vielleicht. Aber dann hätte der Konzern schon vorher von der Existenz dieser Fremden wissen oder andere Gefahren befürchten müssen!

Stevenson zog vorsichtig ein kleines, gut verschlossenes Reagenzgläschen aus einer gepolsterten Kartusche und betrachtete aufmerksam dessen Inhalt. Nichts weiter als feinster Staub; anthrazitfarben in dieser Konzentration und silbern schimmernd an Stellen, wo sich das Sonnenlicht darauf spiegelte. Als er das Röhrchen drehte, fiel ein Teil der Substanz in winzigen Flöckchen nach unten; dazwischen bildete sich eine winzige unscheinbare Wolke, die sich von Sekunde zu Sekunde mehr verdichtete; Strukturen erschienen, bildeten Wirbel und zogen Kreise. Dann verflüchtigen sie sich so geheimnisvoll, wie sie gekommen waren und fielen wieder als anthrazitfarbene Schicht am Boden des Röhrchens aus.

Stevenson atmete langsam und vorsichtig aus, während er das Reagenzglas in die Kartusche zurück schob und diese sicher verstaute. Er hatte sie wieder geweckt!

Nano-Roboter, nicht größer als Staubkörner in der Luft und im Normalfall unsichtbar für das menschliche Auge. Die Trennung und Wiederverwertung allen künstlichen Mülls, von den verschiedensten Metalllegierungen bis hin zu den neuesten Kunststoffen sollten die Nanos bewerkstelligen. Das jedenfalls war die offizielle Version gewesen.

Selbstverständlich war das Militär in erster Linie daran interessiert, mit diesem Projekt eine Waffe zu entwickeln, genauso wie der Konzern.

Aber die Schwärme hatten nie richtig funktioniert. Schon im ersten Jahr waren die Beobachter und Wissenschaftler abgezogen und die Stromversorgung gekappt worden. Alle Pläne und Unterlagen lagen daraufhin unter Verschluss.

Oder hatten die Schwärme zu gut funktioniert? Dennoch, ohne Energiezufuhr und über die lange Zeit hinweg hätten sie nicht mehr funktionieren dürfen. Nun sollte ich heraus finden, was noch von den Nanos übrig geblieben war und ob die Insel darüber hinaus sicher war.

Mit stoischer Ruhe genehmigte sich Kiira-Lee einen synthetischen Imbiss aus retardierten Kohlehydraten und bedeutete Stevenson, ebenfalls einen zu sich zu nehmen. Sie hatten während ihrer Kletterei viel Energie verloren und benötigten noch Kraft für den weiteren Aufstieg.

„Gut“, sagte sie kauend und fixierte ihn, „reden wir. Ungefähr eine halbe Stunde bleibt uns, dann gehen wir weiter.“ Sie zeigte hinauf zur Sonne, die eine gute Faust breit von der Felskante entfernt war – eine halbe Stunde. „Sagen Sie mir, was ich wissen muss. Je mehr Sie mir sagen, desto besser kann ich Sie beschützen und uns hier wieder raus bringen. Also, wer sind die und warum sind sie hinter uns her?“

Stevenson begann, an seiner Wegzehrung zu knabbern und zuckte mit den Achseln. „Ganz im Ernst, ich weiß es nicht. Sie sind …“, er suchte nach den richtigen Worten, „… nicht vorgesehen.“

Ein paar Sekunden lang starrte sie ihn noch an. „Verstehe“, murmelte sie leise, dann blickte sie hinaus auf den schmalen Streifen am Horizont, wo das Meer in den Himmel überging.

Stevenson wollte sich aufsetzen, aber Kiira-Lee hielt ihn zurück.

„Bleiben Sie unten.“

Mitten in der Geste erstarrte sie für den Bruchteil einer Sekunde.

Stevenson fühlte sich brutal auf den Boden gepresst und schmeckte den erhitzten Stein des Simses. Im selben Moment sirrten mehrere Pfeile durch die Luft und schlugen genau dort gegen den Felsen, wo sie eben noch gesessen hatten.

In einer einzigen fließenden Bewegung hatte Kiira-Lee die hautenge Gesichtsmaske wieder übergezogen und kroch vorsichtig zur Kante.

„Nichts“, zischte sie, und Stevenson glaubte, so etwas wie Ungeduld in ihrer Stimme zu hören, was gar nicht ihrem sonst so professionellen Gleichmut entsprach. Sie scannte noch eine Weile den Regenwald ab – im infraroten und im sichtbaren Licht, mit Geräuschetrennern und der Analyse von Auffälligkeiten zufälliger Bewegungen und noch viel mehr Sachen, die Stevenson nicht verstand.

Drei vom Trupp waren noch übrig, Kiira-Lee und ich, und immer noch liefen wir im Zickzack durch den Wald vor unseren Verfolgern davon. An manchen Stellen konnten wir durch das Blattwerk die Felswand erkennen. Sie diente uns als primäre Orientierung, und wir meinten, uns parallel zu ihr nach Norden zu bewegen. Aber das war ein Irrtum, wie sich später heraus stellen sollte.

Dieser Irrtum war den restlichen Soldaten des Trupps zum Verhängnis geworden und die Tatsache, dass auf irgendeine sonderbare Weise die Nano-Roboter aktiv waren und allmählich Panzerungen und Waffen zerstörten. Ich habe keine Beweise, aber leugnen kann ich es auch nicht.

Schließlich drängte sie zum Aufbruch. Die Sonne war weiter gezogen und hatte den Felssims im Schatten zurück gelassen, dennoch lagen sie hier oben immer noch wie auf dem Präsentierteller. Ob sie also versteckt im Fels zugrunde gingen oder von den Fremden beim Klettern wie Fliegen von der Wand geschossen wurden, war im Grunde genommen gleichgültig. In der Nacht hochsteigen war unmöglich.

Der Aufstieg im Schatten war weniger anstrengend, zumal der Fels weiter oben zunehmend flacher wurde und sie dort immer häufiger auf Büsche und kleinere Bäume stießen, die ihnen zusätzlichen Halt boten. Sie schafften es tatsächlich, ohne dass sie die Fremden noch einmal angriffen. Offensichtlich hatten sie sich entschlossen, die Wand zu umgehen, und im Norden einen flacheren Aufstieg im Wald zu nehmen. Ihnen nach geklettert waren sie jedenfalls nicht. Trotzdem sollten sie länger brauchen als Stevenson und Kiira-Lee.

Als er durch die Büsche krabbelte, erinnerte sich Stevenson daran, wie sie vor zwei Tagen beim Abstieg durch den Urwald einen halben Tag unterwegs gewesen waren. Er wollte lachen, aber er brachte nicht mehr als ein erschöpftes fröhliches Hecheln zustande. Das bedeutete, sie hatten einen Vorsprung, und konnten den Helikopter noch vor den Fremden erreichen.

Er wollte es Kiira-Lee mitteilen und schaute sich nach ihr um. Aber sie war verschwunden. Da entdeckte er sie hinter einem Busch wie sie auf dem Bauch liegend stöhnte und sich wand. Aus ihrer Schulter ragte ein langer hölzerner Pfeil, schwarz, vom Feuer gehärtet. Er steckte mitten im Panzer!

Zuerst hatten wir angenommen, dass ein Geschoss seinen Helm durchbohrt hatte, aber es war ein Stein gewesen!

Der Helm war brüchig geworden. An der Stelle, an der der Stein eingedrungen war, bröselte das Metall weg. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr daran, dass die Nano-Roboter noch aktiv waren, was sie allen Vorhersagen nach nicht mehr hätten sein dürften. Die Masten, die Mikrowellensender, von denen die Nanos ihre Energie bezogen hatten, waren doch zerstört!

Hase und Igel! Es waren mindestens zwei Gruppen, vermutlich aber mehr. Stevenson war kurz davor, in Panik auszubrechen. „Sie sind überall. Und der Hubschrauber? Himmel, Sie sind die einzige von uns, die ihn fliegen kann.“

Kiira-Lee brachte ihn mit einem Zischen zum Schweigen. Es strengte sie spürbar an, und so schwieg sie einen Augenblick, um erneut Kraft zu schöpfen. Die Panzerung auf ihrem Rücken knisterte, und plötzlich knickte der Pfeil ab und fiel ins Gras. Der Anzug versiegelte anschließend die kleine Wunde. Umständlich rappelte sie sich auf in die Hocke.

„Springen kann ich nicht mehr, aber Ihnen möglicherweise den Rücken freihalten.“

Stevenson starrte sie immer noch fassungslos an, und dann tat sie etwas, was er nie für möglich gehalten hätte. Sie genehmigte sich ein befriedigtes Lächeln und flüsterte: „Geiler Anzug, wie? Der sollte mir diese Nano-Biester vom Leib halten …“ sie wiegte den Kopf skeptisch hin und her. „Hat jedenfalls besser gehalten, als der Scheiß vom Militär. Dazu noch ein kleiner Cocktail mit reichlich Endorphinen und Adrenalin, und ich bin wieder ganz die Alte.“ Ihre Miene war hinter der Maske nicht auszumachen, aber ihre Augen waren plötzlich wieder kalt und humorlos.

Sie gab ihm noch genaue Anweisung, wie er laufen musste, sagte ihm, dass der Helikopter einen KI-Modus besaß, der ihn sicher von der Insel wegbringen sollte. Und dann spurtete er los. Auf der Hochebene standen nur Büsche und vereinzelt Bäume, sodass Stevenson ordentlich Tempo machen konnte.

Nie hätte er für möglich gehalten, dass er so lange laufen konnte, obwohl sein Herz schlug, als wollte es zerbersten und obwohl seine Lunge schmerzte. Beinahe dachte er, dass kein Schmerz ihn am Laufen hindern könnte.

Dann sah er die Rotorblätter des Helikopters aus der flachen Senke hervorstehen. Als er an den Rand kam … waren sie schon da. Bevor er davon laufen konnte – wohin hätte er fliehen sollen? – wurde er von hinten zu Boden geworfen.

„Soldat isser nich“, brabbelte eine der Gestalten und schwang etwas in der Luft. Dann wurde Stevenson schwarz vor Augen.

Jetzt sitze ich hier an Bord eines Bootes aus Schilfrohr oder Bambus und habe gerade die letzten Zeilen meines mündlich aufgezeichneten Berichtes zu Papier gebracht. Es ist ein Wunder, dass das Gerät so lange durchgehalten hat. Nun gibt es unter dem Druck meiner Finger nach, zersetzt sich zusehends und der auffrischende Wind verteilt den Staub übers Meer.

Die Wächter der neuen Herrschaft haben mich verschont, weil ich kein Kämpfer bin, wie sie sagten und ihnen noch von Nutzen sein könnte. Das Reagenzglas mit den Nanos haben sie gleich an sich genommen und in eine Kiste gesteckt. In dem kurzen Moment, als sie den Deckel angehoben hatten, habe ich sie gesehen: Dutzende von Glasbehältern angefüllt mit dem schwarzen toten Staub der Nanos – die Asche der Wächter.

Nach der Sonne zu urteilen – ihrem Lauf und ihrem Höchststand – sind wir unterwegs nach Amerika, Richtung Vereinigte Staaten. Fünfzehn oder zwanzig unscheinbare Boote mit ein paar Verrückten oder Abenteurern an Bord auf den Spuren Thor Heyerdahls; im Gepäck eine unauffällige schwarze Substanz.

Die Küstenwache wird sie kontrollieren. Aber sie sind ahnungslos. Es ist unwahrscheinlich, dass sie einen Funkspruch absetzen können, bevor ihr Schiff unter dem Angriff der Nanos zerbricht. Dann werden sie landen, und ich mit ihnen. Ich frage mich, welche Rolle sie mir zugedacht haben. Ich schaudere bei dem Gedanken, und es ist nicht die kühle salzige Gischt, die mir über die Bordwand ins Gesicht weht.

Wenn sie in der Abenddämmerung anfangen, von ihrem Eroberungszug zu singen – von der Macht der Asche -, kommen mir meine Erinnerungen an die Welt, aus der ich vor nicht mehr als einer Woche aufgebrochen bin, vor wie die fernste Vergangenheit. Es wird nicht viel übrig bleiben von der Zivilisation, wie ich sie kenne.

Ende

Copyright © 2011 by Michael Bahner

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Akteure, Erwartungen, Kontroversen und Konjunkturen

Herausgegeben von Kehrt, Christian / Schüßler, Peter / Weitze, Marc-Denis
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Seiten/Umfang :      366 S., zahlr. Abb. – 22,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 03.2011
Gewicht :      515 g
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Nicht erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts stehen »Neue Technologien« im Fokus der Öffentlichkeit. Von der Kernenergie über die Mikroelektronik bis hin zur Bio- und Nanotechnologie und dem Internet scheinen sie die Möglichkeitshorizonte moderner Gesellschaften zu definieren.

Die Debatten um »Neue Technologien« erlauben deshalb Einblick in zentrale gesellschaftliche Interessenlagen, Konfliktlinien und Entwicklungsdynamiken. Anhand konkreter Beispiele beleuchtet dieser Band den meist in forschungs- und innovationspolitischen Kontexten verwendeten Begriff »Neue Technologien« in soziologischer und historischer Perspektive.

Christian Kehrt (Dr. phil.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut Schmidt Universität der Bundeswehr Hamburg.

Peter Schüßler (Dipl.-Soz.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsinstitut des Deutschen Museums München.

Marc-Denis Weitze (Dr. rer. nat.) ist wissenschaftlicher Referent an der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), München.

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IM PSYCHIVERSUM – Eine fantastische Kurzgeschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 17. April 2011

Im Psychiversum

Eine fantastische Kurzgeschichte

von

Michael Bahner

Nebel. Schwarze Nebel, von hinten, von vorne, von unten, von überall kamen sie her.

#Das ist normal, wenn man Kontakt aufnimmt. Vor allem, wenn man’s eilig hat; und eilig hat man es meistens. Am Anfang kitzelt es etwas im Psychosensorium. Und da man nicht lachen kann, wird das Ganze leicht unangenehm. Aber mit ein bisschen Übung hat man die Sache sehr schnell im Griff. Das wirst du auch bald merken.#

::Au.::

#Nicht so hastig. Wenn du so unvorsichtig mit den Fühlern umgehst, wirst du ruckzuck rausgeworfen. Bleib dicht hinter mir, und sei vor allem vorsichtig mit deinen Bewegungen. Siehst du da vorne den gelben Fleck? Gut. Da gehen wir zuerst hin.#

::Warte auf mich, ich komm nicht vorwärts.::

#Ach herrje, das habe ich ganz vergessen. Du darfst nicht deinen Körper motivieren, der nützt dir hier überhaupt nichts. Pass auf. Fühle, wie ich mich bewege. Ungefähr hier hier muss es dich anstrengen. Probiere es mal.#

::Ja, da strengt’s an. Und, schau her, ich bin schon vorwärts gekommen.::

#Gut, gut. Du musst zwar noch üben, aber für den Anfang war’s schon recht gut. Weißt du, deine Bewegungen dürfen nicht deinen Körper bewegen, das kann sonst recht gefährlich werden. Natürlich passen andere Leute auf, dass ihm nichts passiert. Aber so hundertprozentig sicher ist das auch nicht. Komm, besuchen wir den gelben Fleck.#

Beide kamen sie an den gelben Fleck und nahmen in ihm Platz. Die große Psyche hüllte sich um die kleine und vermittelte ihr eine andere Welt.

#Merk dir alles gut.#

Die dunklen Nebel verschwanden, formten Gebäude – sehr seltsame Gebäude –, schufen Wesen in jeder Größe, Farben, den Himmel, Dimensionen, gaben jedem Ding und jeder Kreatur einen Namen und machten sie mit der Kleinen bekannt. Und die Kleine freute sich so sehr, sodass die Große sie etwas bändigen musste. Beide verließen den gelben Fleck, um sich in der Welt umzusehen und um sich in ihr zurecht zu finden. Die Große war immer ganz dicht bei der Kleinen und immer in Sorge um deren Körper, der sich mit jeder ihrer psychomobilen Kapriolen mit bewegen musste. Schließlich rief sie die Kleine zur Ordnung, ermahnte sie, wieder brav zu sein und mit ihr nach Hause zu gehen.

#Für heute ist es genug. Außerdem kann man nie sicher sein, ob die Leute, die deinen Körper pflegen und vor Schaden bewahren sollen, gerade aufpassen. Aber wenigstens hast du jetzt mal das Psychiversum ein wenig kennengelernt. Und das behalte für die Zukunft: wie sicher du auch immer deine Psyche zu motivieren vermagst, tue nie unüberlegte Handlungen. Dein Körper wird immer an die hängen, bis zum Tod und wird immer mit motiviert werden. So, für heute lassen wir es gut sein. Sei also schön brav bis morgen, dann hole ich dich wieder ab. Gute Nacht.#

::Gute Nacht.::

Beide kehrten wieder heim.

Die Schwester beruhigte das Kind, legte es in sein Bett und setzte sich ein wenig daneben. Nach einigen Minuten war es eingeschlafen, und die Schwester löschte das Licht und verließ das Zimmer. Nach und nach erloschen auch die anderen Lichter in der Therapieanstalt für geistesgestörte Kinder.

Ende

Copyright © 1984 by Michael Bahner

Bildrechte: “Psychogenese – Dem Wahnsinn auf der Spur” (Psychogenese5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Psychogenese-50-minus150-0.jpg” (Originaltitel: Psychogenese5.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Leseempfehlung des Autors:

Varus, Chiara / Norstrøm, Sven
Das vierte Stockwerk

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ISBN :      978-3-86254-161-4
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Letzte Preisänderung am 22.03.2011
Seiten/Umfang :      ca. 239 S. – 20,0 x 14,0 cm
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Erscheinungsdatum :      1. Auflage 22.03.2011
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Die Studenten Kai und Simon haben nur eins im Sinn: Saufen und Kiffen. Aus akuter Geldnot nehmen sie einen Job als Nachtwächter in der Psychiatrie an. Eigentlich prima, doch hier lauert ein uralter Dämon. Der ergreift Besitz von Kai und hat ebenfalls nur eins im Sinn: Chaos und Zerstörung. Nun ist es an Simon, seinen Freund zu retten – und nebenbei die Menschheit. Gemeinsam mit seinem Nachbarn, dem übergewichtigen Programmierer Achim, nimmt er den Kampf auf. Dabei stellen sich ihre Gegner als ebenso skurril heraus wie ihre Mitstreiter. Doch was tun, wenn jeder Plan schief geht? Wenn jeder Verbündete einen verarscht? Und wer geht Bier holen? „Etwas in ein Buch zu schreiben, bedeutet auch immer, eine Geschichte zu erzählen. Soll diese Geschichte etwa von fünf Versagern handeln?“

Sven Norstøm (geb. 1978) plante Apple aufzukaufen. Leider reichte sein Erspartes nicht mal für einen gebrauchten Amiga 500. Nun spart er auf Google. Als unverbesserliche PC-Userin („Ein Mac zum Zocken?“) strebte Chiara (geb. 1976) die Weltherrschaft mit Windows-basierten Kampfdronen an. Windows 98. Noch Fragen? Beide besuchten dieselbe Grundschule, lernten sich aber erst viel später kennen. Da blickten sie bereits auf eine lange Karriere voller Callcenter- und Studentenjobs zurück. Aber was soll’s. Man kann immer noch in die Politik gehen.

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SCHWARZE TRÄUME – Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 28. Oktober 2010

SCHWARZE TRÄUME

Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte

von

Michael Bahner

„Ich bin gespannt, was er uns Geheimnisvolles zeigen will.“

Jürgen, Karin und ich hatten uns im hinteren Teil der Wirtschaft einen freien Tisch gesucht, vom Schankraum abgegrenzt durch ein niedriges Geländer. Wir wollten ungestört sein, wegen … ja, weswegen eigentlich? Irgendwie, wenn auch stillschweigend, hatten wir diesem Treffen einen konspirativen Charakter zugesprochen, und das einzig und allein aus dem Grund, den Peter angedeutet oder, besser gesagt, verschwiegen hatte mit dem ihm eigenen konspirativen „Hmhmmm“. In Wirklichkeit waren wir an diesem Tisch nicht weniger beobachtet als an den anderen, was bei dem stets hohen Geräuschpegel im Storchen auch nicht nötig war. Aber wir waren im Begriff, einer Verschwörung beizuwohnen – und wenn es nur um die neuesten pikanten Anekdoten über unsere Dozenten ging -, und unsere symbolische Abgrenzung sollte diesem Umstand Rechnung tragen.

Die Bedienung hatte wie immer ein Lächeln auf den Lippen, was nicht verwunderlich war, denn wir waren schon ein paar fesche junge Männer. Karin konnte guten Gewissens als Mann gerechnet werden. Wenn ihr Gesicht hinter dem schwarzen Pony verschwand, was oft geschah, waren wir einfach drei Kerle; und da sie stets einen weiten Strickpullover trug, waren letztendlich alle sichtbaren Hinweise auf ihr Geschlecht getilgt.

„Na, ihr Hübschen,“ tönte Peters Tenor, „habt ihr schon bestellt?“

Peter begann, von seiner Amerika-Reise zu erzählen, von der er letzte Woche zurück gekommen war. Der Flug nach New York, wie er von dort nach North Dakota gecruised war – stilecht in einem 69er Chevy -, und so weiter und so fort. Die meisten Geschichten hatte er uns schon auf dem Campus erzählt. Jetzt waren wir gespannt darauf, zu erfahren, welchem Zweck diese mysteriöse Zusammenkunft diente. Zugegeben, Peter war ein großer Erzähler vor dem Herrn, wenn auch mit Sicherheit manches mehr dem Wunsch als der Wirklichkeit entsprang; aber er hielt uns hin, er piesackte uns. Und das Schlimmste war, dass sein Grinsen immer breiter wurde, je öfter wir ihn baten, endlich mit seinem Geheimnis rauszurücken.

Als die Bedienung unsere Weizen brachte, ließ er, freilich immer noch von einem Ohr bis zum anderen strahlend, einen höchst bedeutsamen Moment verstreichen, bis sie wieder verschwunden war. Jürgen nahm ihm schnell das Bier weg. Und damit war der Augenblick gekommen, da er aufgab, nicht ohne Triumph in den Augen.

„Ein indianischer Fliegenfänger?“ stellte Jürgen belustigt fest, während Karin und ich leicht enttäuscht unser Bier konsultierten, leider ohne dadurch tiefere Erkenntnis zu erlangen.

„Ein Traumfänger,“ korrigierte Peter, fügte aber schnell hinzu: „aber kein gewöhnlicher! Kennt ihr die Legende der Entstehung des Traumfängers?“

Mach schon!“, ermahnten wir ihn im Chor.

„Schon gut. Nur so viel: Es gibt verschiedene Legenden von allen möglichen Indianerstämmen in Amerika. Eine spezielle besagt, dass alles Gute aus den Träumen im Netz hängen bleibt und für denjenigen erhält, dessen Schlaf bewacht wird. Alles Schlechte aber verschwindet durch das Loch in der Mitte.“

Und der Peter ist ein Schaaaf“, intonierte Karin glucksend.

„Am nächsten Morgen werden sie von den frühen Sonnenstrahlen ausgelöscht.“

„Und du hast hier deinen schlechten Traum gefangen und willst ihn uns vorführen“,  konstatierte ich und wedelte mit dem Finger vor dem Netz im Innern des Traumfängers herum.

„Also, darauf kann ich jubelnd verzichten“, kicherte Karin und spülte mit ihrem Bier nach. Beipflichtend hoben wir – außer Peter – die Gläser und besiegelten unser Einverständnis ebenfalls mit einem kräftigen Schluck.

Peters gefaltete Hände umzäunten schützend sein kostbares Kleinod, während er uns mit einem höchst jovialen Lächeln gewähren ließ. Dann nahm er es auf und drehte es vorsichtig zwischen Daumen und Mittelfinger, während sein Zeigefinger über dem Gespinst gestikulierte. „Das Besondere – das Außergewöhnliche – an diesem Stück ist, dass sich in seinem Zentrum …“ Sein Zeigefinger kreiste über der Mitte. „… dort befindet sich …“, wieder dämpfte er verschwörerisch die Stimme, so dass wir gezwungen waren – sehr zu unserem Missfallen -, uns noch weiter zu ihm über den Tisch zu beugen. „… ein Schwarzes Loch!“

Karin prustete und spülte mit Bier nach, während Jürgen und ich Peter mit hämischen Bemerkungen bedachten.

„Ich denke, du bist Physiker“, sagte ich, „und da lässt du dir so einen Blödsinn aufschwatzen?“

„Beweise mir, dass es nicht stimmt!“ erwiderte er schnippisch und provozierte damit postwendend unseren einmütigen und gerechtfertigten Widerspruch. Schließlich, da er es sofort einsah, überlegten wir gemeinsam, wie wir weiter vorgehen wollten.

„Es ist sowieso prinzipiell nicht möglich.“ Damit begann Karin, uns darüber aufzuklären, dass so ein Schwarzes Loch gar nicht existieren konnte. „Erstens, wegen der Entropie.“ Sie ersparte uns nähere theoretische Einzelheiten aus ihrer Vorlesung – war es die über Allgemeine Relativitätstheorie gewesen oder über Kosmologie? – und belehrte uns stattdessen in anschaulichen populärwissenschaftlichen Metaphern.

„Aus diversen Gründen muss ein Schwarzes Loch Strahlung abgeben. Der Mechanismus, seinerzeit von Hawking auf ein solides mathematisches Fundament gestellt, hat mit Vakuumfluktuationen am Ereignishorizont zu tun. Am Ereignishorizont“ – dargestellt von Karins Bierdeckel – „verwandeln sich spontan entstandene virtuelle Teilchen-Antiteilchen-Paare in reale Teilchen oder Antiteilchen.“

Für das eine beschrieb sie mit dem Fingernagel einen Bogen vom Rand des Bierdeckels zu dessen Mitte, und das andere bewegte sich auf dem Tisch entlang Karins Finger zum Bierglas hin.

„Ein Partner verschwindet, während sich der andere außerhalb des Horizontes entfernen und dadurch dem Schwarzen Loch Masse entziehen kann. Je kleiner es ist, desto schneller zerstrahlt es. Da die Masse deines Loches extrem klein sein müsste – sieht ja nicht besonders schwer aus! -, dürfte es nur sehr kurze Zeit existiert haben“, schloss sie ihren Vortrag, während wir noch andächtig lauschten.

„Das heißt, du hast auch keine Idee, wie wir einen Beweis hin bekommen“, stellte Peter trocken fest.

„Zweitens …“

„Dann schaut jetzt mal genau hin.“

Mit den Händen bildete er eine Hohlkugel, in deren Innerem sich der Traumfänger befand. Durch eine Öffnung zwischen seinen Daumen lugte er hinein, was ihm nach wenigen Augenblicken wieder ein befriedigtes Lächeln auf das Gesicht zauberte. Dann versuchten wir der Reihe nach, dasselbe Kunststück zu vollbringen. Nur, was hatte er gesehen? Jürgen entfuhr nach einer Weile ein anerkennender Pfiff; Karin gab mir den Traumfänger schließlich wortlos weiter, völlig in Gedanken versunken.

Als ich endlich, erregt vor lauter Neugierde, meine nervösen Hände und den Ring soweit organisiert hatte, dass das Netz weitgehend abgeschattet war, spähte ich mit angehaltenem Atem durch die kleine Lücke. Zunächst sah ich nichts, und ich vermutete schon, dass sich die anderen einen Jux mit mir gemacht hatten. Doch dann, als ich den restlichen Lichtschimmer dadurch ausgesperrt hatte, dass ich mein Beobachtungsinstrument unter den Tisch hielt, blitzte es plötzlich im Augenwinkel. Ich fixierte die Stelle, und da war tatsächlich ein schwaches Glimmen wie das Licht eines Sterns, das durch die Atmosphäre in Bewegung gerät. Weil ich zuerst meinen Augen nicht traute, blinzelte ich ein paar Mal und veränderte den Blickwinkel, soweit das bei diesem rudimentären Versuchsaufbau möglich war. Aber das Ergebnis war dasselbe. Wir hatten eine echte Entdeckung gemacht – nein, genau genommen war es Peters Entdeckung, die wir lediglich bestätigten.

Eine gewisse Erregung überkam mich, als ich wieder in die Runde blickte. „Es leuchtet. Das Schwarze Loch leuchtet!“

Jürgen prostete Peter zu, der mit einem äußerst zufriedenen Gesichtsausdruck den Ring wieder vor sich hin legte. „Toller Trick, mein Lieber. Aber jetzt sag mal ehrlich, wie bringst du das fertig?“

Bevor er etwas erwidern konnte, sagte Karin: „Mal angenommen, da wäre wirklich so etwas wie ein Schwarzes Loch in deinem Netz. Bei seiner geringen Masse wäre der Wirkungsquerschnitt so klein, dass es mit nichts wechselwirken könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass es mit irgend etwas anderem zusammenstieße, wäre verschwindend gering.“

„Ich denke, das ist so ein Spielzeug mit statischer Elektrizität oder so“, beharrte Jürgen, ohne von der Speisekarte aufzuschauen.

„Das nächste ist: was hält dein Schwarzes Loch denn hier drin fest?“ fuhr Karin unbeirrt fort. „Es müsste sich eigentlich schnurstracks ohne jeden Widerstand zum Erdmittelpunkt und dann weiter bis nach … nach …“

„Neuseeland“, soufflierte ich leise.

„… Neuseeland bewegen und immer hin und her pendeln.“

„Indianische Magie“, antwortete Peter ungerührt und zuckte mit den Achseln.

Ich hob beschwichtigend die Arme. „Wir sollten weitere Experimente machen und uns nicht zu sehr von der Theorie verwirren lassen.“

Karin warf mir einen entgeisterten Blick zu. „Was? Experimente machen ohne Theorie, ohne Regeln? Hast du vielleicht eine Wünschelrute dabei?“

Autsch! Damit war ich mindestens zwei Punkte auf ihrer Trivialitätsskala gestiegen.

„Ich meine, wir sollten erst messen, dann rechnen“, erwiderte ich lahm, was mir auch nicht mehr als ein abschätziges Augenrollen einbrachte.

Inzwischen bestellte Jürgen noch ein Bier und einen Flammkuchen; wir übrigen folgten seinem Beispiel, wobei Karin zu ihrem Bier einen griechischen Salat bestellte, „… mit viel Peperoni, bitte“ – was dem weiteren Verlauf der Dinge eine entscheidende Wendung geben sollte.

„Warum, übrigens, strahlt unser Schwarzes Loch?“ fiel Jürgen ein. „Materie fällt hinein und verschwindet einfach auf Nimmerwiedersehen.“

„Vielleicht, wenn Teilchen nahe genug an den Ereignishorizont heran kommen, werden die Gezeitenkräfte so groß, dass Elektronen und Atomkerne auseinander gerissen werden“, riet ich aufs Geratewohl. „Heißes Plasma“, fügte ich hinzu und wedelte theatralisch mit den Armen.

„Und das strahlt ordentlich“, ergänzte Jürgen strinrunzelnd. „Vielleicht sogar zu sehr. Aber wir haben doch nur das schwache Licht gesehen.“

„Durch die Rotverschiebung kann der harten Strahlung ziemlich viel Energie entzogen werden“, Karin zuckte mit den Achseln. „Aber … ich weiß nicht. Das gefällt mir nicht so richtig.“

Als die dampfenden Flammkuchen und der Salat serviert waren, erstellten wir mampfend und knurpsend eine Liste der Anwendungen, die sich aus dem Schwarzen Loch bauen ließen, Ehrungen und Preise, die  wir bekämen. Und natürlich sponnen wir in unserer Fantasie, wie unser Glücksbringer das Insigne einer neuen Macht darstellte, unserer Macht – naiv, aber nach unserem fortgeschrittenen Bierkonsum überaus amüsant. Messer und Gabel waren unsere Zauberstäbe, mit denen wir lachend Staubsauger und Müllschlucker erschufen; Müllaufbereitungsanlagen funktionierten wir zu Müllzerstörungsanlagen um; Atommüll ließen wir mit einem Streich unseres Zaubernetzes verschwinden. Verloren gegangene und nicht ersetzbare Ressourcen? Fröhlich pfiffen wir darauf und prosteten uns zu.

Nach einer Weile hatte Karin den Einfall mit der exotischen Materie, die möglicherweise das Schwarze Loch stabilisierte. Sie war immer noch irritiert, dass es nicht schon längst nach Hawkings Voraussage zerstrahlt war. Gleichzeitig konnte die exotische Materie auch dafür herhalten, ein Wurmloch zu einem weit entfernten Ort im Universum offen zu halten. Damit war unter grölendem Gelächter die Idee des Alientelefons geboren, und wir schickten sofort, den Traumfänger wie ein Mikrofon haltend, blödsinnige Ansagen zu den Sternen.

Doch immer noch fehlte uns der endgültige Beweis, dass es sich tatsächlich um ein Schwarzes Loch handelte.

„Jetzt kommt ein feines Fresschen.“ Aus einer Laune heraus griff ich mir ein Speckstückchen und hielt es in die Mitte des Netzes. Amüsiert beobachtete Peter meine Aktion, während Karin nur glucksen konnte mit einem Salatblatt als Knebel. Plötzlich erstarrte sie mitten in der Kaubewegung; Peter legte sein letztes Stück Flammkuchen unberührt auf den Teller zurück; und Jürgen glotzte mit großen Augen auf meine Hand. Das Speckstück war verschwunden!

Ich brachte nur ein kleinlautes Kichern zustande, dann drehte ich beide Hände um, hob den Traumfänger auf, um zu schauen, ob ich es nicht verloren hatte.

Es folgten weitere Speckstückchen, dann kleine Teigbrocken und ein Sträußchen Petersilie von Jürgens Gemüse-Deko; Karin spendierte einen Zwiebelring, ein Blättchen Öl verschmierten Salat und eine dunkle Olive – mit Kern!

Wir waren völlig aus dem Häuschen. Es war echt, ein wahrhaftiges Schwarzes Loch, gefangen in einem albernen Netz aus Darmschnur. Peter thronte zutiefst befriedigt auf seinem Stuhl. Ich wusste, dass er sich diebisch freute, uns dieses unvergessliche Ereignis beschert zu haben, nur konnte er noch nicht erahnen, wie unvergesslich es noch werden sollte.

Und Karin? Ihr machten die letzten Erkenntnisse wirklich zu schaffen, denn offensichtlich hielt sich die Physik dieses Schwarzen Loches überhaupt nicht an die Physik in unseren Büchern. Sie überlegte fieberhaft hin und her, schrieb mit einer Peperoni unsichtbare Formeln in den Salat und schüttelte immer wieder den Kopf. Indessen waren wir drei abermals dazu übergegangen, Zukunftspläne zu schmieden.

An das, was dann geschah, kann ich mich nur noch bruchstückhaft erinnern.
Abgelenkt durch unsere Diskussion, bemerkte ich beiläufig, wie Karin die Peperoni – ihren Schreibgriffel – zum Netz des Traumfängers führte. Im nächsten Moment war alles in schmerzendes Weiß getaucht, das sich in meine Haut, meine Augen und meinen Kopf brannte; Elefanten auf meiner Brust; den Bruchteil eines Lidschlags die Sonne, die auf mich ein stürzte – dann öffnete ich vorsichtig die Augenlider.

Ich befand mich in einem Mehrbettzimmer der Schnarrenberg-Klinik. Die Explosion hatte großes Aufsehen erregt. Wir waren als Brandstifter und Bombenleger abtransportiert und ins Krankenhaus geschafft worden. Dies hatte man uns während unserer Bewusstlosigkeit angelastet und auch noch als die Ärzte uns zusammen flickten.

Später wusste das Tagblatt zu berichten, dass von der Polizei ein terroristischer Hintergrund nicht ausgeschlossen wurde, wobei wir nur die Opfer waren. Natürlich war das Unsinn. Sie konnten nicht mal ein Streichholz gefunden haben, aber was sollten sie auch sagen? Und wir schwiegen selbstverständlich, denn man hätte uns mit Sicherheit sofort in die Psychiatrische Klinik verlegt.

Unser sagenhaftes Experiment jedoch konnten wir nie wiederholen. Peters Traumfänger war nun nicht mehr als ein indianisches Schmuckstück, und auch die anderen, die wir in der Zeit danach besorgten, waren nicht mehr als leidlich dekorativer Firlefanz, der nicht einmal seinen ursprünglichen Zweck erfüllte, denn bis heute verfolgt es uns im Traum – unser kleines Schwarzes Loch.

Ende

Copyright (C) 2010 by Michael Bahner

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen100-minus141-0.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Leseempfehlung des Autors:

Susskind, Leonard
Der Krieg um das Schwarze Loch

Wie ich mit Stephen Hawking um die Rettung der Quantenmechanik rang

Übersetzt von Griese, Friedrich
Verlag :      Suhrkamp
ISBN :      978-3-518-42205-2
Einband :      gebunden
Preisinfo :      29,90 Eur[D] / 30,80 Eur[A] / 43,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
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Seiten/Umfang :      541 S.
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 06.10.2010
Gewicht :      727 g

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Wenn etwas in einem Schwarzen Loch verschwindet, geht es dann für immer verloren? Stephen Hawking, der berühmte britische Physiker, und Leonard Susskind, Physiker und Theoretiker aus den USA, gerieten über diese Frage in Streit. Hawking vertrat die These, dass alles, was je von einem Schwarzen Loch verschluckt worden sei, nicht wiederkehren könne. Wäre dem wirklich so, würde das unser ganzes Verständnis des Universums von Grund auf erschüttern, hielten Leonard Susskind und der niederländische Physiker Gerald t’Hoofd dagegen. Mehr als drei Jahrzehnte dauerte der Streit der Wissenschaftler über das Phänomen der Schwarzen Löcher.

Leonard Susskinds Buch Der Krieg ums Schwarze Loch ist eine anschauliche, dramatische Expedition durch die Welt der modernen Physik und die galaktischen Weiten. Der weltweit angesehene Forscher erläutert darin, wie aus einer der spannendsten Auseinandersetzungen in der Quantenmechanik ein neues Paradigma, der genauso merkwürdig und revolutionär wie Heisenbergs Unschärferelation ist.

„Leuchtend und unterhaltsam.“ The Los Angeles Times

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