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Literatur-Blog

SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Lykanthropie – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar”

Erstellt von Margret Schwekendiek am 29. April 2013

Lykanthrophie – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar

sfbasar.de-Anthologie Band 26

mit Beiträgen der Community-Autoren

des Literatur-Blogs “sfbasar.de”

Lykanthropie – dieser Begriff bezeichnet die Verwandlung vom Menschen in einen Wolf, damit kann man es auch als Mensch-Wolf-Sein definieren. Die tief verwurzelte Angst des Menschen vor dem Wolf beschäftigt Schriftsteller und andere kreative Köpfe schon seit vielen Jahren. Es gibt eine Reihe von bemerkenswerten Geschichten, Romanen und natürlich auch Filmen, die sich mit diesem Thema im weitesten Sinne beschäftigen. Dabei geht es um die Verwandlung an sich, unglückliche Werwölfe, die große Liebe zwischen Mensch und Wolf oder den Kampf gegen andere Fabelwesen. Auch das Aufziehen eines Kindes im Wolfsrudel, wie Kipling es im Dschungelbuch spannend beschrieben hat, bietet sich als Thema an. In Märchen geht es häufig um den großen bösen Wolf, und nur selten kommt er gut dabei weg. Warum nicht mal eines der alten Märchen nehmen und in eine moderne Form bringen? Ich könnte mir vorstellen, dass Rotkäppchen, aber auch der Wolf und die sieben Geißlein in einer anderen Fassung einen ganz besonderen Reiz besitzen.

Es wäre schön, wenn diese Hinweise eure Phantasie beflügeln und viele Wolfsgeschichten zusammenkommen. Ich freue mich darauf, wenn unheimliche, unheimlich schöne oder auch einfach nur skurrile Stories eine bunte Mischung mit dem Oberbegriff Wolf-Sein ergeben. Die Bandbreite der menschlichen Phantasie ist unerschöpflich und bringt eine Menge Lesespaß. Nun zu den Beiträgen:

FILMBESPRECHUNG: BLUE MOON – ALS WERWOLF GEBOREN (USA 2011) – Regie: Joe Nimziki – Rezension von Johannes Schäfer

DES TEUFELS MUSTERSCHÜLER – Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

BUCHBESPRECHUNG: DIE DUNKLEN WÄCHTER 3 – ZARTER MOND von Rachel Hawthorne – Rezension von Petra Weddehage

FILMBESPRECHUNG: DIE NACHT DER WÖLFE (Kanada 2010) – Regie: Philippe Gagnon – Rezension von Johannes Schäfer

BUCHBESPRECHUNG: DIE WERWÖLFE von Christoph Hardebusch – Rezension von Alexandra Balzer

HÖRBUCHBESPRECHUNG: DIE WERWÖLFE (Hörbuch) von Christoph Hardebusch – Rezension von Sandra Stockem

BUCHBESPRECHUNG: DUNKLES VERLANGEN – WOLF SHADOW 3 von Eileen Wilks – Rezension von Irene Salzmann

GELIEBTE ZWISCHEN DEN WELTEN – Kurzgeschichte von Anna Breitzke

BUCHBESPRECHUNG: HEIMKEHR – MERCY THOMPSON 1 von Patricia Briggs & David Lawrence – Rezension von Christel Scheja

BUCHBESPRECHUNG: UNDERWORLD 2: EVOLUTION – DER OFFIZIELLE ROMAN ZUM FILM von Greg Cox – Rezension von Irene Salzmann

BUCHBESPRECHUNG: RED RIDING HOOD – UNTER DEM WOLFSMOND von Leslie Johnson – Rezension von Yvonne Rheinganz

KARTENSPIELBESPRECHUNG: WERWÖLFE von Ted Alsbach – Rezension von Günther Lietz

WOLF – Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

BUCHBESPRECHUNG: WOLFENBLUT (Band 2) von Di Toft – Rezension von Iris Gasper

BUCHBESPRECHUNG: WOLFSFIEBER – KREATUREN DER NACHT/NIGHT CREATURES 4 von Lori Handeland – Rezension von Irene Salzmann

BUCHBESPRECHUNG: WOLFSGESANG von Lori Handeland – Rezension von Irene Salzmann

NEU - WÖLFIN DES LICHTS – Leseprobe (Teil 1) der Fantasy- Trilogie „Roseend“ von Christa Kuczinski

Liebe Community-Autoren: Weitere Beiträge sind erwünscht und sollen diese Anthologie ergänzen. Wir planen bei genügend Beiträgen, diese Anthologie hier auch als PDF-File zusammen mit einem Spendenbutton (für kleine Beträge zum jeweiligen Storywettbewerb) anzubieten. Außerdem planen wir davon ein ebook und am Ende vielleicht sogar eine Printausgabe erscheinen zu lassen! Es liegt ganz an euch und eurer Teilnahme an den Anthologien! Wer also teilhaben möchte, der schreibt eine Geschichte oder einen Sachbeitrag zum Thema und stellt ihn bei uns als Artikel oder Story ein. Bei einer Story kann diese auch an den Storywettbewerben teilnehmen, muß das aber nicht zwingend! Wir hoffen auf eure Hilfe!

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Spende über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Das sfbasar.de-Team
i.A. Margret Schwekendiek

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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SIE SIND NUR MENSCHEN (Teil 3) – Phantastische Erzählung von Magret Schwekendiek

Erstellt von Margret Schwekendiek am 23. März 2013

SIE SIND NUR MENSCHEN (Teil 3)

Phantastische Erzählung

von Magret Schwekendiek

Der Präsident des Euro-Afrikanischen Volksbundes beendete seinen Brief. Er war nicht ganz glücklich mit seiner Wortwahl, aber eigentlich spielte es doch keine Rolle, denn es war mehr eine Rechtfertigung für sich selbst. Und ob jemand überhaupt einmal diesen Brief in die Finger bekam, war auch noch fraglich. Das, was er vorhatte, war Völkermord, da machte er sich nichts vor. Doch er konnte einfach nicht mehr mit ansehen, wie tagtäglich ungezählte Menschen starben. Er selbst besaß nicht genug Macht und Einfluss, um die befehlenden Offiziere auf beiden Seiten zur Vernunft zu bringen. Diese wenigen Menschen besaßen noch immer viel zuviel Macht über die Menschen, so dass die verheerenden Auseinandersetzungen kein Ende fanden, und auch auf irgendeine Weise noch immer gerechtfertigt wurden.

Der Präsident hatte vor einer Woche seinen letzten Sohn verloren, jetzt lebte nur noch eine Tochter, die allerdings fest in das Gebärprogramm eingebunden war und mittlerweile schon 12 Kindern ein kurzes Leben geschenkt hatte. Alles zum Wohle des Vaterlandes – und für die kleine Genugtuung einen Orden zu bekommen. Die Kinder des Präsidenten waren anders als er gewesen, der sich immer noch tief drinnen ein weiches Herz bewahrt hatte. Ganz sicher war Menschlichkeit ein großes Hindernis in einer Welt wie dieser, die bestimmt wurde von kühler Sachlichkeit und klarem Realismus. Er hatte Kinder mit strahlenden Augen in die Schlacht ziehen sehen, nur um nie wieder etwas von ihnen zu hören. All diese Toten schrien lautlos nach Rache. Und die gepeinigte Erde brüllte förmlich um Erlösung.

Ein Behälter aus Titan nahm den Brief auf, und mit dem nächsten Shuttle, das einen neuen Satelliten in die Erdumlaufbahn bringen sollte – noch heute Nacht – würde auch dieser Brief in eine relative Sicherheit gebracht.

Der letzte Satellit – er würde den Langzeitplan, den der Präsident schon kurz nach seinem Amtsantritt begonnen hatte, vollenden.

Die Nacht kam, und die Dunkelheit wurde, wie so oft, durch die Einschlagblitze von Lasergranaten und Neutronenwaffen erhellt. Und auch in dieser Nacht starben wieder Menschen.

Am Morgen beleuchtete die Sonne die leerstehenden Gleiterpanzer und Bodenstellungen, die praktisch unversehrt waren; nur das menschliche Material war ausgelöscht und wurde durch den ungeheuren Nachschub, den die Gebärkolonnen produzierten und die Aufzuchtstationen ablieferten, gleich wieder ersetzt.

Diesem Wahnsinn musste endlich ein Ende gesetzt werden!

Der Präsident saß allein in seinem Arbeitszimmer, er hatte sich jegliche Störung verboten, obwohl sein Sekretär händeringend darauf hingewiesen hatte, welche Arbeit anstand und wer ihn alles sprechen wollte. Doch für die nachfolgende Aufgabe brauchte der Präsident absolute Ruhe – und danach würde es keine Rolle mehr spielen.

Das Computerprogramm selbst war rasch aufgerufen, 62 der 124 Satelliten, die im Orbit kreisten, waren in der Lage, jeden Zentimeter auf der Erde lückenlos zu bestrahlen. Durch mehrmalige Passwortabfrage kam der Mann endlich in ein Unterprogramm, das niemandem sonst zugänglich war. Und die Programmierer, die das ermöglicht hatten, würden darüber nicht reden können, sie waren nach dem Ende ihrer Arbeit sehr rasch an einem hartnäckigen Virus gestorben.

Der Präsident aktivierte die heimlich eingebauten Transit-Neutronenstrahler, die in der Lage waren, die Entfernungen durch die verschiedenen Schichten der Atmosphäre zu überbrücken. Für einen winzigen Augenblick zögerte der Mann, doch dann bestätigte er seine Anweisung doppelt. Ein kleines trauriges Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Jetzt, da auch der letzte Satellit in Position war, würde es nur noch wenige Minuten dauern.

Der Präsident drückte den Knopf der Rufanlage, und gleich darauf trat der Sekretär erleichtert ein. Noch bevor er mit seinem Bericht anfangen konnte, unterbrach ihn der Präsident.

„Ich wollte Ihnen eigentlich nur sagen, dass ich mit Ihrer Arbeit zufrieden war. Das sollten Sie wissen.“

Verwirrt hielt der Mann inne. „Ich glaube, ich verstehe Sie nicht, Sir.“

„Das müssen Sie auch nicht mehr. Ich habe gerade dafür gesorgt, dass die Erde endlich zur Ruhe kommt. In genau 1,35 min werden die zusammengeschalteten Satelliten die gesamte Fläche der Erde in ein Neutronenfeld hüllen. Und danach wird es nichts mehr geben.“

Stille. Dann warf der Sekretär einen Blick auf seine Uhr, und der Präsident war sicher, richtig gehandelt zu haben. Denn der bevorstehende Tod schockte sein Gegenüber nicht einmal.

„Ich bin dankbar, dass ich Ihnen dienen durfte, Sir. Ich nehme an, Sie haben Ihre Entscheidung gut überlegt?“

„Verdammt noch mal, interessiert es Sie gar nicht, wie viele Tote es geben wird? Dass Sie selbst gleich tot sein werden? Ist Ihnen das alles egal?“

Nur ein leichtes Hochziehen der Augenbrauen. „Es ist ohnehin nicht mehr zu ändern, nein?“

Der Präsident nickte. „Danke, Sie können gehen.“

Stattdessen zündete sich der Sekretär in aller Seelenruhe eine Zigarette an. „Ein letzter Genuss“, stellte er fest.

Die beiden Männer warteten wortlos. Gleich darauf hätte jemand, der darauf achten wollte, ein leichtes Summen in der Luft hören können. Doch wenige Sekunden später gab es niemandem mehr, der noch hören konnte.

Mit den Menschen starben alle Säugetiere auf der Erde, doch es gab noch genügend andere Lebensformen, die das verheerende Strahlenfeld überlebten. Die Erde würde regenerieren – sie hatte Zeit, wenn es sein musste, tausende von Jahren.

*

Nur zögernd waren die Menschen, es gab noch 27 von ihnen, und die schemenhaften Engel aufeinander zugegangen. Jedenfalls einige von ihnen.

Marsha Hamilton gehörte zu denen, die sich fernhielten. Sie und einige andere gingen zu dem abgestürzten Raumschiff, das jetzt soweit abgekühlt war, dass man die Außenhülle berühren und daraus provisorische Hütten bauen konnte. Argwöhnisch blickte diese Gruppe auf die anderen, die sich in einen Kreis gesetzt hatten und mit den Engeln sprachen.

Ricardo Michaelis kam zu ihnen, es gab Verletzungen zu behandeln. Marsha half ihm, und nach einiger Zeit wurde klar, dass weitere Todesopfer zu beklagen sein würden.

Vincent Flanagan saß mit sechs anderen Mitgliedern seiner Crew bei Azrael und weiteren Engeln. Den Menschen zuliebe hatten sie wieder humanoide Gestalt angenommen.

„Ich möchte euch danken“, sagte der Commander jetzt zu Azrael. „Es ist für euch wahrscheinlich nicht ganz einfach uns zu dulden. Aber meine Leute brauchen die Bewegungsfreiheit.“

Die Stimme des Engels klang traurig. „Vielen wird es nichts nutzen, sie sterben.“

Das war eine klare, nüchterne Feststellung. Die Schar der Engel wirkte kompakt und dicht, denn viele von ihnen hatten sich dazu entschlossen, den Menschen fern zu bleiben, zu groß war das Misstrauen.

Doch plötzlich verschwand der Großteil von ihnen, waren einfach weg, ohne Spuren zu hinterlassen.

Vincent fühlte, wie er leichenblass wurde, dann wurde ihm schlagartig klar, dass auf der Erde eine Katastrophe stattgefunden haben musste, wenn eine so große Menge der Engel sich einfach auflöste. Fassungslos starrte der Commander in das weiße Gesicht von Azrael. Die großen dunklen Augen des Engels schienen das Nichts widerzuspiegeln, und dann lösten sich plötzlich zwei Tränen und rollten über das durchscheinende Gesicht.

„Die Menschheit der Erde hat sich selbst vernichtet“, flüsterte er.

Vincent fühlte, wie eine kalte Hand nach seinem Herzen griff. Wenn das stimmte, dann waren sie hier, die Überlebenden der „Fair Lady“, auch die letzten Überlebenden der Menschheit.

Flanagan spürte plötzlich eine sanfte Berührung an der Wange, und erstaunt stellte er fest, dass er selbst auch weinte. Azraels zartes Streicheln war tröstend, doch der Schock saß tief.

Diese Nachricht war irgendwie allen Überlebenden zu Ohren gekommen, und jetzt begannen einige der Menschen, einfach durchzudrehen. Sie liefen kopflos hin und her, griffen schließlich zu ihren Waffen und begannen aufeinander zu schießen.

„Nicht!“ brüllte der Commander und sprang auf. Doch er musste selbst den Schüssen ausweichen.

Als wieder Ruhe einkehrte, lagen weitere Menschen tot am Boden.

Jetzt gab es noch 13 der Raumfahrer und 5 Engel.

Flanagan setzte sich an einen Baum und weinte bitterlich.

*

Es war ein unwirklicher Zustand, in dem sich die letzten Menschen befanden. Ein halbherziger Versuch wurde unternommen, um einen geregelten Tagesablauf einzurichten – aber für wen?

Die Notrationen der toten Kameraden wurden aufgeteilt, es gab genug zu essen, und Wasser war ausreichend auf diesem Planeten vorhanden. Es gab sogar eine Menge Früchte, von denen die meisten essbar waren, wie einige Mutige herausfanden. Eigentlich waren alle Voraussetzungen gegeben, um auf diesem Planeten eine Kolonie, eine neue Zivilisation zu gründen.

Doch der Schock saß so tief, dass keiner sich wirklich aufraffen konnte, etwas Sinnvolles zu tun.

Und dann waren da auch immer noch die Engel, denn keiner so recht traute.

Flanagan hatte faktisch noch immer das Kommando – das Kommando über was? Die Menschen lebten ohne Perspektive, und früher oder später musste es zu einem letzten großen Knall kommen.

Trotz aller Unlust hatte sich eine gewisse Routine eingestellt. Die Zeit des Sonnenaufgangs, mittags und abends zur blauen Stunde trafen sich die 13, um gemeinsam eine Mahlzeit einzunehmen und ein paar Worte miteinander zu reden. Es war eine harmlose Bemerkung vom Doc, die das Unglück auslöste.

„Wir sollten versuchen, die medizinischen Geräte und das Labor aus dem Schiff zu retten. Dann könnten wir anfangen Pflanzen und auch die Bodenschichten hier zu untersuchen“, schlug er praktisch vor.

Marsha Hamilton, die sich in den letzten Tagen sehr zurückgehalten hatte, sprang erregt auf. „Wollt ihr denn jede Hoffnung aufgeben, von hier wieder wegzukommen? Sollen wir die Erde denn ganz und gar vergessen?“ Regelrecht hysterisch rannte sie davon. „Frag doch diese himmlischen Wesen, die wissen doch alles. Und die sind schuld daran, dass wir hier festsitzen. Ich hasse euch! Ich will zurück nach Hause! Ich hasse euch!“ Sie riss die Waffe heraus und schoss auf die Engel. Natürlich konnte sie nichts ausrichten, die Astralwesen waren nicht auf diese Art zu verletzen. Aber die Frau war nicht mehr ansprechbar, sie drehte völlig durch.

Noch immer wild schießend rannte sie weiter auf die Schemen zu, Vincent hinterher, um sie aufzuhalten. Aber Marsha war schneller.

Azrael stand in seiner humanoiden Gestalt einsam da und schaute den beiden hinterher.

Irgendwann blieb Marsha stehen. Sie drehte sich um und starrte Flanagan entgegen, ihr Blick spiegelte Wahnsinn wider.

„Kommen Sie, Marsha, jetzt ist es genug. Geben Sie mir die Waffe, und dann lassen Sie uns zurückgehen.“

„Niemals!“ schrie sie auf. Dann legte sie die Laserpistole auf den Mann an und drückte ab. Er warf sich zur Seite, und schließlich blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als selbst zu schießen.

Wie vom Blitz gefällt brach die Frau zusammen, die Waffe fiel ihr aus der Hand.

Vincent beugte sich zu ihr nieder, und wieder hatte er Tränen in den Augen.

Mit einem letzten klaren Blick schaute sie ihn an. „Warum, Marsha, warum?“ fragte er mit brüchiger Stimme. „Weil es kein Zurück mehr gibt!“ sagte sie, dann lag sie ganz still.

Flanagan trug sie auf seinen Armen zurück, um sie bei den anderen zu begraben. Rein zufällig bemerkte er, dass es jetzt nur noch 4 Engel waren.

*

Der Tod von Marsha hatte die Stimmung weiter absinken lassen. Tiefe Depression hatte die 12 Menschen ergriffen, und jeder Versuch der Engel die Menschen etwas aufzumuntern, schlug fehl. Stattdessen begannen sie untereinander wild zu diskutieren, ob es überhaupt noch einen Sinn hatte weiterzuleben. Schließlich eskalierten diese Auseinandersetzungen, so sehr der Commander sich auch bemühte seine restliche Crew zur Ordnung zu rufen. Wie schon bei Marsha kam es zu einer wilden Schießerei, und plötzlich gab es nur noch 5 Menschen und 3 Engel.

Die Situation wurde unhaltbar.

*

Vincent und die 4 anderen hatten sich dazu entschlossen, aus den Überresten des Raumschiffes eine Art Haus zu bauen. Mbotu Matabene, Doc Michaelis, Muriel Hanley und Patricia Baumann machten sich an die Arbeit, denn ein wolkenbruchartiger Regen hatte sie gelehrt, dass das Wetter nicht beständig war. Und außerdem hatte sowieso niemand etwas Besseres zu tun.

Zuerst ging alles gut, ab und zu klang sogar ein kleines Lachen auf, so als wären die Menschen auf dem Wege der Besserung. Man arbeitete Hand in Hand miteinander, und einige Tage später erhob sich ein regelrechtes Gebäude, denn die Außenhülle des Schiffes war formbar.

Der Doc hatte darauf bestanden, auch die medizinischen Instrumente zu retten, er wollte unbedingt Untersuchungen anstellen. Flanagan half ihm dabei, das empfand er als sinnvolle Aufgabe.

Mittlerweile machte sich der Commander auch Gedanken darüber, ob es nicht endlich an der Zeit war, sich um die Fortpflanzung zu kümmern.

Doch auch Matabene schien sich in dieser Richtung Gedanken gemacht zu haben, allerdings ohne seine Auserwählte zu fragen. Als er des Nachts in Patricias Zimmer ging, wehrte sich die Frau. Matabene sah plötzlich rot. Viel zu lange hatte er keine Frau gehabt, und dazu kam die Anspannung, von der sie noch alle erfüllt waren. In seinem Rausch brachte er Pat um.

Und Flanagan, der Doc und Muriel standen plötzlich vor der unangenehmen Aufgabe über Matabene zu Gericht zu sitzen.

*

In lässiger Haltung stand Mbotu Matabene vor den drei anderen, die ein Tribunal bildeten.

„Mir ist nicht ganz klar, auf welcher Rechtsgrundlage ihr hier ein Urteil sprechen wollt“, erklärte der Afrikaner mit Spott in der Stimme.

„Ist dir überhaupt bewusst, dass du getötet hast?“ fragte Muriel schockiert.

„Ich habe damit das Unausweichliche nur abgekürzt.“

„Und wer gibt dir das Recht dazu?“ fragte der Arzt.

„Das gleiche Recht, das du dir gerade anmaßt, um zu glauben, mich verurteilen zu können. Was wollte ihr denn mit mir tun? Mich in einem Erdloch gefangen halten, bis ich mich gebessert habe?“

„Ich finde nicht, dass deine Lage es dir erlaubt, das alles auch noch ins Lächerliche zu ziehen“, mischte sich nun auch Vincent ein.

„Meine Lage?“ Matabene hob die Augenbrauen und schaute die drei Personen mit offener Verachtung an. „Was erwartet ihr jetzt? Soll ich von Reue zerknirscht am Boden liegen und um eure Vergebung betteln? Oder soll ich mir einen Strick nehmen und mich aufhängen als Sühne?“

„Hast du denn gar kein Unrechtsbewusstsein?“ fragte Muriel traurig. „Pat war doch eine von uns.“

„Ich will dir mal was sagen, Muriel. Wir sind hier nur noch ein kleiner Haufen Verlorener, die darum bemüht sein sollten, sich die letzten Tage schön zu machen. Da sollten wir aufgesetzte Moralvorstellungen, eingebildete Rechtsgrundlagen oder was auch immer, beiseitelegen.“

„Du schlägst also allen Ernstes vor, völlig ohne Regeln zusammenzuleben? Das ist Anarchie.“

„Das ist Vernunft. Und nun lasst mich einfach in Ruhe. Ihr benehmt euch lächerlich.“

Plötzlich tauchte einer der Engel auf, den die anderen als Uriel kennengelernt hatten auf. „Bist du noch menschlich, Mbotu Matabene?“ fragte er provozierend. „Als du hierhergekommen bist, warst du es noch. Ein Mensch voller Ideale, der sogar noch einen Glauben an das Gute hatte, was auf der Erde längst nicht mehr zum Alltag gehörte. Was hat dich so verändert?“

„Die Tatsache, dass niemand eine Chance hat – dass das Gute keine Chance hat. Und jetzt geh!“

Er ging drohend auf Uriel zu, der aber nicht zurückwich Sein schimmernder Körper leuchtete grell, als Matabene ihn berührte.

Und dann erstarrte der Afrikaner in der Bewegung, seine Augen quollen aus den Höhlen, dann ächzte er und brach zusammen. Und mit ihm verschwand der Engel.

*

Drei Jahre später:

Vincent Flanagan und Muriel Hanley freuten sich über ihr zweites Kind.

Nach den schrecklichen Vorfällen hatten die drei Überlebenden zunächst in Schockstarre verharrt. Doch sie lebten, und irgendwie musste das Leben weitergehen. Es sei denn, sie wollten sich gleich selbst umbringen. Aber der Lebenswille der drei Personen war stark, zu stark, um einfach aufzugeben.

Vincent und Muriel hatten Gefallen aneinander gefunden, und sich als Paar zusammengetan. Der Planet bot alles, was sie brauchten, und so waren sie überein gekommen, eine Kolonie zu bilden, zumindest den Versuch zu machen. Doc Michaelis hatte nichts weiter im Kopf als seine Untersuchungen, er legte keinen Wert darauf, selbst Vater zu werden, doch er stand Muriel bei, als die Geburt herannahte.

Und nun hielt er schon das zweite Kind in den Armen. Es war doch wie ein Wunder. Und die beiden überlebenden Engel Azrael und Gabriel schauten ebenfalls zu, glücklich darüber, dass es doch noch eine kleine Hoffnung gab.

Als Ricardo Michaelis jetzt den Blick von dem kleinen Baby hob und in die humanoiden und doch nicht menschlichen Gesichter der Astralgestalten schaute, bekam auch seine Seele plötzlich wieder etwas menschliches. Und aus dem Nichts heraus entstand plötzlich ein weiterer Engel.

Noch waren die Menschen und die Engel nicht verloren.

-ENDE-

Copyright (c) 1999 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: Cover-Apokalypsen.jpg © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer mehr von dieser Autorin lesen möchte sollte sich mal ihren letzten Roman aus der Rex Corda-Reihe anschauen:

Margret Schwekendiek & Manfred H. Rückert
Rex Corda 29 – Pakt mit dem Teufel

  • Broschiert: 204 Seiten
  • Verlag: Mohlberg Verlag; Auflage: 1 (Dezember 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3942079445
  • ISBN-13: 978-3942079440

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Rex Corda und sein Todfeind Sigam Agelon wurden auf dem Sklavenmarkt von Saffir verkauft. Nun sollen die zukünftigen Gladiatoren zu ihrem Bestimmungsort gebracht werden. Die beiden Männer kämpfen gegen ihre Bewacher und fliehen. Doch schnell stellen sie fest, dass diese Flucht nur eine Farce ist, und dass ihnen nicht nur eine Gruppe folgt …

An Bord der WALTER BECKETT überschlagen sich die Ereignisse. Zuerst taucht eine Filmaufnahme auf, in der die beiden entführten Söhne von Ralf Griffith zu sehen sind. Dann behauptet ein Kadett, dass sich ein unbekanntes Raumschiff in der Nähe befindet. Als ihm niemand Glauben schenkt beschließt er, auf eigene Faust zu arbeiten …

Auf Ferga, der Heimatwelt der Laktonen, geschehen zwei noch nie zuvor erfolgte Anschläge gegen den Staat. Zuerst wird ein Attentat auf den Manduranen Samar Tarkannt verübt. Danach werden er und der Schenna, der Beherrscher des Laktonenreichs, entführt …

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SIE SIND NUR MENSCHEN (Teil 2) – Phantastische Erzählung von Magret Schwekendiek

Erstellt von Margret Schwekendiek am 16. März 2013

SIE SIND NUR MENSCHEN (Teil 2)

Phantastische Erzählung

von Magret Schwekendiek

(Zurück zum 1. Teil)
Der Krieg, der auf der Erde tobte, würde ganz sicher der letzte sein. Sollte jemand dieses gegenseitige Abschlachten überleben, würde er bestimmt nicht mehr den Wunsch haben, gegen jemanden zu kämpfen.

Aber wer sollte schon überleben?

Die Menschheit hatte immer schon viel Wert darauf gelegt, dass praktisch alle ihre Erfindungen waffentechnisch verwertbar waren. Und um Material zu schonen, das sicher später irgendwo noch dringend gebraucht wurde, hatten sich beide Seiten auf Neutronenwaffen festgelegt. Diese Art der Vernichtungsstrahlen tötete nur lebende Wesen, jegliche Art von Material blieb erhalten, das schonte die Ressourcen der ausgebeuteten Erde. Menschen waren leichter reproduzierbar, man war dazu übergegangen, Menschen zu klonen, und die Regierungen hatten Geburtsprämien ausgelobt und Gebärkolonnen eingerichtet, wie auch Aufzuchtstationen, in denen die reproduzierten Wesen gleich konditioniert wurden. Selbst 14jährige zogen mittlerweile in diesen Krieg, der so sinnlos war und den eigentlich niemand wirklich wollte – bis auf einige machtbesessene alte Männer, die auf geheimnisvolle Weise die Fähigkeit hatten, die Menschen immer noch zu beeinflussen.

Einer von ihnen war der Präsident des Euro-Afrikanischen Volksbundes. Er machte sich schon längst keine Illusionen mehr, dass jemand diesen Krieg gewinnen konnte. Doch es war zu spät aufzuhören, in diesem Punkt würde niemand auf ihn hören, sollte er verrückt genug sein, ihn überhaupt anzusprechen.

Irgendwo hatte er sich ein bisschen Menschlichkeit bewahrt, und es tat ihm weh, dass selbst Kinder als Kanonenfutter herhalten mussten. Doch ein schneller Tod war sicher das Beste. Die Menschheit war verloren, sie hatte sich selbst zerstört, und sie verdiente es einfach nicht, noch weiter zu existieren, jedenfalls nicht in dieser Form. Er war entschlossen, die endgültige Entscheidung auf sich zu nehmen.

Seine Gedanken glitten ab zu den 200 Menschen an Bord der „Fair Lady“. Vielleicht hatten sie einen idyllischen neuen Planeten gefunden, vielleicht kehrten sie aber auch eines Tages zurück.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, überblickte die Monitorwand, auf der sämtliche Kriegsschauplätze im Überblick zu sehen waren, dann begann er einen Brief zu schreiben.

Lange suchte er nach Worten, die ihm jetzt nicht kommen wollten – dann schaute er noch einmal aus dem Fenster auf die zum Teil zerstörte Stadt. Er fühlte, dass seine Entscheidung richtig war.

*

Hysterisches Gelächter klang auf, es kam aus der Richtung von Marsha. „Engel?“ prustete sie. „Engel? Klar! Und drüben um die Ecke wohnt der Teufel, und morgen kommt Gott zum Kaffeetrinken.“ Sie hörte sich an, als wollte sie jeden Augenblick in Wahnsinn verfallen.

„Halten Sie den Mund!“ befahl Flanagan scharf. Und wirklich, sein Tonfall bewirkte, dass die Frau sich darum bemühte, die Fassung wieder zu erlangen.

„Das ist eine ziemlich kühne und absurde Behauptung“, sagte Vincent dann in die Richtung, in der er Azrael vermutete.

Plötzlich schien die bislang undurchsichtige Blase milchig zu werden, schemenhaft entstanden Konturen außerhalb, und Vincent griff an seine Augen, um sie zu reiben. Konnte er das glauben, was er zu sehen vermeinte, oder handelte es sich um ein Trugbild?

Die Schemen außerhalb der Blase waren nur entfernt menschenähnlich, sie schienen einen Kopf zu besitzen und auch vier Extremitäten. Doch einen Körper hatten sie nicht in dem Sinn wie die bekannten Lebewesen. Stattdessen erinnerten sie Flanagan an die Erzählungen über Gespenster. Astralkörper vermerkte er für sich selbst. Fast durchsichtig, ätherisch, blendend weiß. Und sie wirkten überirdisch schön!

Vincent hätte sie stundenlang anschauen können, ohne dessen überdrüssig zu werden. Energisch rief er sich selbst zur Ordnung.

In diesem Augenblick bemerkte er, dass einige der Engel verschwanden, einfach so. Sie lösten sich auf, als habe es sie nie gegeben.

Azrael schien der Wortführer der Engel zu sein, denn wieder war er es, der jetzt mit den Menschen sprach. Nachsicht und leichte Ironie, aber auch eine tiefe Trauer schienen mitzuschwingen, und der Commander stellte erstaunt fest, dass er die Worte nicht wirklich hörte – er empfand sie einfach in seinem Kopf.

Also waren die Engel Telepathen? Vielleicht! Gemessen an den vermeintlich technischen Möglichkeiten, mit denen sie die Menschen in den Blasen festhielten, war wohl auch nicht auszuschließen, dass es sich um einen technischen Vorgang handelte, statt um Telepathie. Demnach wären die Menschen, trotz aller Fortschritte der letzten zweihundert Jahre, hoffnungslos unterlegen.

„Es mag für dich kühn oder absurd sein, Vincent Flanagan, doch noch ist es eine Tatsache.“

„Noch?“

Einer der Astralkörper kam jetzt näher, formte sich zu einer Gestalt mit einem Gesicht, in dem zwei tiefdunkle Augen ins Nichts zu führen schienen, und schaute den Commander plötzlich aufmerksam an. „Zur Zeit wissen wir noch nicht recht, wie wir auf euer Erscheinen richtig reagieren sollen. Und bis eine Entscheidung gefallen ist, müsst ihr noch innerhalb der Schutzhüllen bleiben – zu unserem und zu eurem Schutz. So haben wir also Zeit, und ich will euch einen Teil unserer Geschichte erzählen, weil die meisten von euch nichts darüber wissen – leider.“

Vincent wollte Fragen stellen, doch Azrael machte eine Bewegung mit der Hand. Weiß war diese Hand und sehr schön – aber eindeutig nicht menschlich, und der Commander schwieg.

„Es ist schon sehr lange her, dass die Menschheit zum erstenmal an ein höheres Wesen glaubte, ob ihr es nun Gott nennen wollt, oder wie auch immer…“

*

„Einst gab es eine Zeit, da gab es viele Götter auf der Erde. Die Chinesen hatten die ihren, die Inder und viele andere Völker ebenso. Dann ging der Stern des griechischen Volkes auf, und es gab die sogenannten antiken Götter: Zeus, Hera, Apollo, Aphrodite, Hermes und ihre Genossen. Diese Götter wurden nach dem verheerenden Trojanischen Krieg nach Rom gebracht und bekamen dort neue Namen. Und doch waren es noch immer die gleichen Götter, aber noch in Griechenland hatten sie eine Besonderheit aufzuweisen gehabt: Sie hatten Kontakt zu den Menschen. Sie erschienen ihnen, sprachen mit ihnen und griffen manchmal sogar in die Geschichte der Menschheit ein.

Dann kam die Zeit, da die Menschen den christlichen Glauben entdeckten, er verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit durch die ganze Welt und verdrängte auch so starke und alteingesessene Gottheiten wie die Nordischen unter Odin, Thor und Loki.

Und hier im christlichen Glauben tauchte dann zum erstenmal als reales Abbild der Begriff der Engel im Bewusstsein der Menschen auf.

Sicher, auch die jüdische Religion hatte bereits Engel gekannt, sie hatten den Namen sogar geprägt – doch die Wahrnehmung der Engel durch die Menschen erhielt seine besondere Bedeutung erst durch die Verankerung ihrer Vermittlerrolle zu dem Einen – zu einem einzigen Gott.

So war aus uns vielen einzelnen, oft regionalen, Göttern plötzlich ein Sammelbegriff geworden, der uns eine Prägung gab. Wir Engel wurden angerufen, mit Bitten überhäuft, belogen, betrogen, angefleht, wir waren vorhanden – die Menschen glaubten an uns, und dadurch wurden wir zu einer Manifestation. Und keiner von euch machte sich Gedanken darüber, wie wir nun wirklich entstanden sind.

Dabei ist es einfach. Wir sind keine Geschöpfe aus Seiner unendlichen Allmacht, wer auch immer Er sein mag – nein, wir sind manifestierte Gedanken – Menschengedanken. Zuerst wirklich nur als regionale Gottheiten, später, in unserer hohen Zeit, als planetenumspannender Machtfaktor, gleich nach dem Einen.

Doch mit der Weiterentwicklung der Menschheit, der Eroberung des Weltraums und der unersättlichen Neugier wuchsen Misstrauen, Abneigung und Unglaube.

Natürlich, die Astronauten hatten weder den Einen noch uns gefunden, wie sollten sie auch, da wir Astralwesen sind und sicher keine Wohnung brauchen.

Also konnte es schon für viele Menschen aufgrund dieser vermeintlichen Tatsache keine Engel geben. Und damit starben bereits ganze Heerscharen von uns, sie lösten sich einfach auf.

Im Laufe der Zeit mussten wir feststellen, dass der Unglaube unter den Menschen sich immer mehr ausbreitete, und dass damit immer mehr von uns verschwanden. Dazu kamen die Kriege, die ihr euch selbst angetan habt, sie dezimierten uns weiter.

Und schließlich fassten wir einen Beschluss. Ein jeder von uns suchte den Menschen auf, dessen Herz noch für ihn schlug. Fragt nicht, wie das vor sich ging, auch wir brauchen unsere Geheimnisse.

Doch wir mussten zu unserem Leidwesen feststellen, dass wir als Rasse, als Wesenheit, als was auch immer, im Aussterben begriffen waren. Und das, wo wir die Erde fast ebensolange bevölkerten wie die Menschen selbst.

Nein, das wollten wir nicht. Wir wollten nicht einfach so im Nichts verschwinden, nur weil sich die Prioritäten der Menschen geändert hatten und sie nur noch an sich selbst glaubten.

Wohin das führt, erlebt ihr gerade jetzt, denn die Menschheit ist dabei sich selbst auszulöschen.

Aber das müsst ihr uns doch nicht auch antun!

Also beschlossen wir, uns völlig von den Menschen zu lösen, in den Weltraum zu gehen und uns dort ein neues Volk zu suchen, das bereit ist, an uns zu glauben, in welcher Form auch immer.

Also sandten wir Impulse aus, nachdem wir zunächst einmal diesen Planeten fanden, der für Lebewesen zu einem Paradies werden kann.

Es lag nicht in unserer Absicht, die Steuerung eures Schiffes zu verwirren und es damit zum Absturz zu bringen. Nein, wir wollten ja gar nichts mehr mit euch zu tun haben, denn erst, wenn wir ein anderes Volk finden, das uns quasi adoptiert, ist unser Überleben gesichert.

Jetzt, da ihr Menschen hier seid, stehen unsere Chancen schlecht. Denn mit jedem von euch, der stirbt, mg er nun auf der Erde sein oder hier, geht auch einer von uns. Und so sind uns die Hände gebunden, im übertragenen Sinne, denn wir wissen nicht, was wir mit euch tun sollen. Wir können euch nicht töten – wir können euch aber auch nicht einfach wieder davonfliegen lassen, denn ihr würdet unser Geheimnis in die Welt hinaustragen.

Du siehst, Vincent Flanagan, es ist eine lange, traurige Geschichte, die noch immer kein Ende gefunden hat. Schau nur…“ Bei den letzten Worten von Azrael lösten sich gerade wieder einige der Gestalten im Nichts auf.

Der Commander, wie auch die übrigen Besatzungsmitglieder, hatten ungläubig zugehört, doch während der Erzählung war den meisten klar geworden, dass jedes Wort stimmte, das Azrael von sich gab.

Insgeheim überprüfte so mancher sein Gewissen, nur um festzustellen, dass der Glaube an Engel bei den meisten gegen Null tendierte.

Doch als die Lichtgestalten sich so plötzlich auflösten, geschah das zeitgleich mit dem Tod einiger von ihnen.

Das konnte kein Zufall sein.

Aber was sollte nun weiter geschehen?

„Vorausgesetzt, ich glaube dir diese wirklich phantasievolle Geschichte“, begann der Commander nun und sah, wie ein trauriges Lächeln in dem androgynen Gesicht von Azrael auftauchte. „Was habt ihr dann also mit uns vor? Ihr könnt uns nicht für immer in diesen Hüllen gefangen halten. Schon jetzt sterben meine Leute, weil sie nicht ärztlich versorgt werden. Du beschwörst damit doch auch die weitere Vernichtung deines Volkes, oder wie immer du es nennen willst, herauf.“

Der Engel nickte traurig. „Ja, das ist uns allen klar. Aber niemand von uns kann vorhersagen, was geschieht, wenn ihr Menschen und wir Astralgestalten aufeinandertreffen.“

„Und du hast nicht den Mut es auszuprobieren? Du lässt es eher zu, dass nach und nach ein jeder von uns und von euch stirbt?“

„Meine Brüder und ich werden darüber nachdenken.“ Mit diesen Worten zog sich der Engel zurück, das heißt, er wurde ganz einfach zu einem verwehenden Schleier.

„Und jetzt?“ Marsha Hamilton schien noch immer am Rande der Hysterie. „Commander, Sie glauben doch hoffentlich kein Wort von diesem Blödsinn? Es ist doch ganz eindeutig klar, dass es sich hier um ein technisch überlegenes Volk handelt, von dem wir nicht wissen, ob es uns freundlich gesinnt ist. Aber wenn es uns gelänge, uns zu befreien und an die technischen Geheimnisse…“

„Schluss jetzt!“ befahl Flanagan. „Marsha, Sie reden Unsinn. Haben Sie hier irgendwo etwas gesehen, das auch nur im Entferntesten wie Technik aussieht? Selbst, wenn Sie die Erzählung Azraels in Zweifel ziehen, so stellen Sie doch bitte keine haarsträubenden Theorien auf, die Sie mit nichts unterlegen können. – Doc, haben Sie eine Möglichkeit gehabt, auf Ihren Instrumenten etwas abzulesen?“

Ricardo Michaelis räusperte sich. „Meine Anzeigen besagen, dass da im Prinzip nichts ist – oder fast nichts.“

„Das ist keine konkrete Auskunft, Doc. Wie wäre es, wenn Sie sich zu einer verständlichen Antwort hinreißen ließen?“ fragte der Commander mit einem bissigen Unterton, der allen Anwesenden klar machte, unter welchem Druck der Chef stand.

„Ich habe Energieströme festgestellt, sogar regelrechte Kumulationen, Sir“, gab der Mediziner steif zurück.

„Na also, das ist doch schon etwas. Mbotu, Sie sind so still. Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Was ist Ihre Meinung dazu?“

„Sir, ich neige dazu, allein schon aufgrund meiner Herkunft und meines Rassengedächtnisses, den Bericht für wahr zu halten.“

Marsha prustete wieder einmal auf, doch ihr hysterisches Gelächter ging in ein hilfloses Weinen über. „Ich bin von Verrückten umgeben, die an Engel glauben. Und deswegen werden wir alle sterben.“

Vincent wusste nicht recht, ob er Marsha anschreien oder trösten sollte. Diese verdammte Hilflosigkeit!

Und dann glaubte er seinen Augen nicht zu trauen, als von den Hüllen, die sie bisher umgeben hatten, plötzlich nichts mehr da war.

Die Engel gingen das Risiko ein, die Menschen auf ihrem Planeten frei zu lassen.

(wird fortgesetzt!)

Copyright (c) 1999 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: Cover-Apokalypsen.jpg © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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Margret Schwekendiek & Manfred H. Rückert
Rex Corda 29 – Pakt mit dem Teufel

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  • Verlag: Mohlberg Verlag; Auflage: 1 (Dezember 2012)
  • Sprache: Deutsch
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Rex Corda und sein Todfeind Sigam Agelon wurden auf dem Sklavenmarkt von Saffir verkauft. Nun sollen die zukünftigen Gladiatoren zu ihrem Bestimmungsort gebracht werden. Die beiden Männer kämpfen gegen ihre Bewacher und fliehen. Doch schnell stellen sie fest, dass diese Flucht nur eine Farce ist, und dass ihnen nicht nur eine Gruppe folgt …

An Bord der WALTER BECKETT überschlagen sich die Ereignisse. Zuerst taucht eine Filmaufnahme auf, in der die beiden entführten Söhne von Ralf Griffith zu sehen sind. Dann behauptet ein Kadett, dass sich ein unbekanntes Raumschiff in der Nähe befindet. Als ihm niemand Glauben schenkt beschließt er, auf eigene Faust zu arbeiten …

Auf Ferga, der Heimatwelt der Laktonen, geschehen zwei noch nie zuvor erfolgte Anschläge gegen den Staat. Zuerst wird ein Attentat auf den Manduranen Samar Tarkannt verübt. Danach werden er und der Schenna, der Beherrscher des Laktonenreichs, entführt …

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SIE SIND NUR MENSCHEN (Teil 1) – Phantastische Erzählung von Magret Schwekendiek

Erstellt von Margret Schwekendiek am 9. März 2013

SIE SIND NUR MENSCHEN (Teil 1)

Phantastische Erzählung

von Magret Schwekendiek

„Keine Reaktion!“ Die Stimme des Navigators Pierre Claudrine klang gepresst und resigniert.

Natürlich keine Reaktion. Seit Tagen schon versuchte die gesamte Besatzung der „Fair Lady“, des letzten großen Forschungsraumschiffes der Erde, irgendeine Reaktion des Bordcomputers zu erzwingen. Nutzlos! Jedes Bemühen war zum Scheitern verurteilt, seit diese merkwürdigen Signale aus den Tiefen des Alls aufgefangen worden waren. Und seit genau diesem Zeitpunkt reagierte in diesem Raumschiff keine Eingabeeinheit mehr. Alle Bemühungen der Menschen, die aus Raumsoldaten, Wissenschaftlern und technischem Personal bestand, wurden von der Zentralen Steuereinheit ignoriert. Statt weiter dem vorgegebenen Kurs zu folgen, um Planeten und Asteroiden ausfindig zu machen, die der ausgebluteten Erde neue Rohstoffe bescheren konnten, hatte der Bordcomputer eigenmächtig den Kurs geändert.

Laut der Anzeige der Instrumente flog die „Fair Lady“ jetzt auf den Ursprungsort der Signale zu und ließ sich durch nichts davon abhalten. So war es auch nicht viel mehr als ein neuer verzweifelter Anlauf gewesen, den Pierre unternommen hatte, von vornherein schon ohne große Hoffnung auf Erfolg.

Vincent Flanagan, der Kommandant der „Fair Lady“, biss sich auf die Unterlippe. Gab es denn wirklich keine Möglichkeit, diesen Sog von außen abzuschalten, zu umgehen – was auch immer? Es konnte und durfte nicht sein, dass jemand von außen die Kontrolle übernahm, das konnte unabsehbare Folgen haben – hatte es eigentlich schon.

Schon jetzt waren einige der Leute hysterisch geworden, und Doktor Ricardo Michaelis, der Schiffsarzt, hatte alle Hände voll zu tun, er war immer wieder dazu gezwungen, zu starken Psychopharmaka zu greifen, um eine Massenpanik zu verhindern.

Dabei hatte man doch auf der Erde so sehr darauf geachtet, keine psychisch labilen Menschen auf diese lange Reise zu schicken.

Die Erde! Flanagan dachte voller Sehnsucht an seinen Heimatplaneten, obwohl es hier an Bord doch wesentlich sicherer war.

Vor einigen Jahren hatten sich die Machtverhältnisse grundlegend verschoben, Europa und Afrika hatten sich zu einem Volksbund zusammengeschlossen, die beiden Amerika bildeten den Gegenpol, die asiatischen Staaten, einst wegen ihrer Wirtschaftsmacht gefürchtet, angesehen und auch gehasst, waren in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Doch die Menschen der Erde schienen nicht für ein friedliches Zusammenleben gemacht, die beiden großen Machtblöcke bekämpften sich bis aufs Blut, was dadurch verschärft wurde, dass die äußerst knappen Rohstoffe auf der Erde bedrohlich zur Neige gingen.

Statt zusammenzuarbeiten hatte man sich jedoch zu einem Krieg entschlossen, und ein Sieger stand noch längst nicht fest.

Aber diese Dinge waren es nicht, die dem Commander durch den Kopf gingen, nein, er hatte sich das letzte Bild der Erde bewahrt, als er aufgebrochen war zu seinem langen Flug; die Erde wie ein leuchtend blauer Diamant im All schwebend, so strahlend, so vertraut.

Er riss sich selbst aus seinen Gedanken, Sentimentalität brachte nichts.

Ein Ausruf aus der Ortungszentrale forderte seine Aufmerksamkeit. „Ein Planet, Sir, er scheint plötzlich aufgetaucht zu sein, wie aus dem Nichts. Und von dorther kommen die Signale.“

„Planeten können sich nicht verstecken“, klärte er Muriel Hanley bissig auf, doch die winkte ab. „Sie können sich den Verlauf der Ortung gerne selbst ansehen, Sir, dieser Planet war vorher nicht da, und die Signale schienen bisher aus dem Nichts zu kommen.“

Ob er wollte oder nicht, es war eine Tatsache, und sie fügte sich nahtlos ein in das Rätselraten um diese merkwürdigen Signale.

„Halten Sie es im Auge und informieren Sie mich über Veränderungen“, befahl er, und die Ortungsspezialistin nickte.

Im nächsten Augenblick ging ein heftiger Ruck durch das Schiff, alles, was nicht fest irgendwo verankert war, aber auch die Menschen, die jetzt nicht festgegurtet in ihren Sesseln saßen, flogen durch die Räume. Es kam zu schmerzhaften und auch gefährlichen Verletzungen. Nachdem jedoch eine gewisse Ruhe nach diesem Zwischenfall eingekehrt war, mussten die Raumfahrer feststellen, dass ihr Schiff sich nun mit ungeheurer Geschwindigkeit auf den mysteriösen Planeten zubewegte.

Und noch immer regierte der Bordcomputer auf keinen einzigen Befehl.

*

Innerlich hatte Vincent Flanagan mit seinem Leben abgeschlossen. Schade eigentlich, er hätte so gerne noch etwas mehr vom Weltall gesehen, neue Planeten, vielleicht sogar fremde Völker… Doch dazu war es ja wohl zu spät, denn die „Fair Lady“ stürzte ab.

Der Bordcomputer hatte auch weiterhin jede Kooperation verweigert, und so war das Raumschiff unaufhaltsam in die Atmosphäre gezogen worden, in der es sich nicht einfach so halten konnte. Ein stabiler Orbit wäre nur mit dem interplanetaren Antrieb nach Anweisungen der Navigation möglich gewesen. Diese Anweisungen kamen im Steuerelement natürlich nicht an. Auf dem Hauptbildschirm konnten Flanagan und die anderen Menschen den Planeten sehen, und er war so schön, dass es ihnen Tränen in die Augen trieb. In allen Farben des Spektrums glitzerte er, und eine Verlockung machte sich in den Menschen breit: Hier für ewig zu bleiben.

Nun, wenn jemand diesen Absturz überleben sollte, dann würde er auf jeden Fall für immer bleiben.

Die Außenhülle des Raumschiffs erhitzte sich immer mehr, eine gleißend helle, feurige Lohe flog direkt durch die einzelnen Schichten der Atmosphäre, wurde rotglühend, dann weiß – und schlug schließlich irgendwo auf dem Boden auf, bohrte sich tief ins Erdreich, schuf einen neuen Berg und blieb dann schließlich stecken.

Doch davon spürte keiner der Menschen mehr etwas. Die meisten von ihnen waren tot. Und doch hatten 52 Menschen die Katastrophe überlebt. Würden sie jedoch unter den Umständen, die sie nach dem Erwachen vorfinden sollten, überhaupt überleben wollen?

*

„Was machen wir mit ihnen?“

„Wir müssen sie prüfen, ob sie zu denen gehören, die noch den rechten Glauben haben.“

„Und wenn nicht?“

„Dann wird es bald noch weniger von uns geben.“

„Aber wir können ihnen nichts tun, selbst wenn wir feststellen, dass sie uns nicht einmal kennen. Doch, wie konnte es überhaupt passieren, dass dieses Raumschiff hierher gefunden hat?“

„Unsere Impulse zur Suche nach rechten Gläubigen sind zu wenig modifiziert.“

„Dies hier sind Menschen, und Menschen wollen nicht mehr glauben. Wie konnten sie überhaupt auf die Impulse reagieren?“

„Einige glauben schon noch. Wir müssen herausfinden, wer es ist.“

„Und dann? Es bleibt immer noch die Frage, was wir mit den Ungläubigen tun sollen.“

„Nun, früher oder später erledigt sich das Problem von allein.“

„Wir hätten unsere Impulse besser noch gezielter einsetzen müssen.“

„Daran ist jetzt nichts mehr zu ändern. Wir müssen Kontakt mit ihnen aufnehmen.“

„Damit sie uns wieder wehtun und uns vielleicht ganz vernichten?“

„Damit wir wissen, ob es noch Glauben gibt.“

„Ich habe Bedenken.“

„Die haben wir alle. Aber wir können sie dennoch nicht töten. Es ist schlimm, dass schon einige bei dem Absturz von uns gegangen sind.“

„Jedes weitere Wort ist überflüssig. Ich werde mit ihnen reden.“

„Hoffentlich glaubt noch einer an dich.“

*

Er konnte sich bewegen, ja, doch er hatte das Gefühl in einem zähen Sumpf gefangen zu sein, jede Bewegung passierte wie in Zeitlupe.

Das war das erste Gefühl.

Dann entschloss er sich, seine Augen zu öffnen, wenn er nach dem Absturz tot sein sollte, dann war es egal; sollte er aber nicht tot sein, dann wollte er wenigstens wissen, wie es dort aussah, wo er sich befand. O nein! Vincent schloss die Augen gleich wieder. Er musste sich wohl doch im Vorhof zur Hölle befinden, also war er vermutlich tot.

Oder doch nicht!

Immerhin konnte er sich bewegen, und er konnte hören, was ihm erst jetzt auffiel. Sein Körper schmerzte erbärmlich bei jeder Bewegung, die er innerhalb dieser elastischen, undurchdringlichen Hülle machte.

Was war das überhaupt?

Flanagan hatte noch im Raumschiff, wie die meisten anderen auch, den Raumanzug angezogen, ein schon fast autarkes Gebilde mit Vorräten an Wasser, Lebensmitteln und Sauerstoff für rund vier Tage. Doch jetzt war rund um diesen Schutzanzug eine Hülle zu erkennen gewesen, eine Blase, oder wie immer man das nennen wollte. Und in dieser Blase war er eingeschlossen; was sich dahinter, also draußen, befand, konnte er nicht einmal erahnen. Doch er hörte etwas, und das bewog ihn, die Augen erneut zu öffnen, auch wenn das nicht viel Sinn machte. Die Außenmikros des Schutzhelms übertrugen eindeutig menschliche Stimmen. Lebte er also doch noch?

„He, hallo, hört mich da jemand? Wer ist da?“ rief er selbst, und die eigene Stimme kam ihm merkwürdig vor.

„Vincent, sind Sie das?“ antwortete eine weibliche Stimme, die er als Marsha Hamilton, eine der Technikerinnen, identifizierte.

„Ja, ich bin’s, Flanagan. Und wer ist da noch? Weiß jemand, wo wir uns hier befinden? Kann jemand was erkennen?“

Es stellte sich nach einiger Zeit heraus, dass insgesamt 52 Menschen sich hier befanden, wo immer hier auch sein mochte. Alle schienen in relativer Nähe zueinander, alle in diesen merkwürdigen Blasen gefangen, die keiner von ihnen durchbrechen konnte. Die Hüllen lagen wie eine zweite Haut um den Raumanzug herum und widerstanden hartnäckig allen bisherigen Versuchen sie mit einem Messer aufzuschneiden oder mit den Handschuhen zu zerreißen. Die Laserwaffen hatte noch niemand ausprobiert, innerhalb der Blasen konnte es zu Rückkopplungen oder Hitzestau kommen, niemand wollte dieses Risiko eingehen.

Doch Mbotu Matabene, der zweite Offizier, hatte den Anzeigen der Instrumente vertraut, die ihm angaben, dass die Luft außerhalb des Raumanzugs, wo auch immer sie sich befinden mochte, atembar war. Und mutig hatte er den Helm abgenommen, in tiefen Zügen die klare, reine Luft eingeatmet, die ihn umgab und kam sich jetzt vor wie nach einem Glas Champagner. So prickelnd, klar und sauber war diese Luft, dass ihn der hohe Sauerstoffanteil fast in Euphorie versetzte. Das teilte er auch den anderen mit, die daraufhin größtenteils ebenfalls die Helme öffneten.

„Sind Sie verrückt?“ fuhr Flanagan dazwischen. „Noch weiß niemand, wo wir uns hier befinden, es könnten unbekannte Schadstoffe in der Luft sein, die Sie alle umbringen.“

„Nun, Commander, wenn in rund vier Tagen die Sauerstoffvorräte aufgebraucht sind, werden wir auch ziemlich tot sein, Sir. Da gehe ich lieber gleich das Risiko ein, dass in der Luft ringsum etwas Schädliches ist.“ Ein Argument, dem Flanagan durchaus folgen konnte. Und wer wusste schon, ob es nicht noch wichtig sein würde, auf die Reserven im Anzug zurückgreifen zu können?

Auch Vincent öffnete den Helm, und die Luft, die jetzt in seine Lungen strömte, war rein und köstlich, besser noch als auf der Erde, wie er feststellte.

„Weiß jemand, wo wir hier sind? Hat jemand bei dem Absturz klaren Verstand behalten und vielleicht die galaktische Position feststellen können?“ fragte er jetzt in die Runde.

„Nein, Sir, wir alle waren bewusstlos, und 148 Leute starben. Wir übrigen befinden uns alle in der gleichen Lage. Keiner von uns kann sehen, was sich außerhalb der Hüllen befindet. Wir alle sind, wenn ich es so ausdrücken darf, Sir, hilflos wie Neugeborene“, machte Matabene Meldung. „Wenn es Lebewesen auf diesem Planeten gibt, haben sie uns vollständig in der Gewalt.“

Für Flanagan war das niederschmetternd, er hatte den Befehl und die Verantwortung für alle 200 Besatzungsmitglieder getragen, und rund Dreiviertel davon waren jetzt tot, die übrigen in einer wenig beneidenswerten Lage. Der Commander unterdrückte einen Fluch, und gegen seinen Verstand machte er noch einmal den Versuch, die Hülle, die ihn umgab, zu zerreißen. Sinnlos, natürlich, und irgendwann hielt er schweratmend inne.

Ricardo Michaelis meldete sich, auch er gehörte zu den Überlebenden. „Commander, Sie sollten Ihre Kräfte und Ihre Nerven schonen, wir wissen nicht, wozu sie noch gebraucht werden.“

Aus seiner Stimme sprachen Sorge, aber auch eine gewisse Ruhe. Von den Überlebenden wusste er schon jetzt, dass mindestens drei die folgenden 24 Stunden nicht überleben würden, zu schwer waren die Verletzungen, die sie sich bei dem Absturz zugezogen hatten. Aber der Arzt nahm die Situation, wie sie kam, es hatte nicht viel Zweck, sich dagegen aufzulehnen und so sinnlos die eigenen Kräfte zu vergeuden.

„Das ist ein äußerst sinnvoller Vorschlag“, mischte sich plötzlich eine fremde Stimme ein. Stimme? Nein, vielmehr waren es gesprochene Gedanken, die urplötzlich in den Köpfen aller Überlebenden auftauchten.

Vor Schreck verstummten sie alle, doch gleich darauf brach es wie in einer Panik los, und alle redeten wie wild durcheinander, niemand konnte mehr etwas verstehen. Schließlich aber gelang es dem Commander, sich Gehör zu verschaffen.

„Ruhe jetzt! Alle! – Sie, wer immer Sie sind, identifizieren Sie sich und lassen Sie uns aus diesen Hüllen heraus. Wir möchten wissen, mit wem wir es zu tun haben.“

„Ich fürchte, das wird nicht gehen, Vincent Flanagan“, antwortete die Stimme, und der Commander musste selbst mit einem Anflug von Panik kämpfen. Er fühlte sich plötzlich, als wollte die Blase ihn erdrücken, er musste hinaus, er musste diese Hülle zerfetzen, abstreifen, zerreißen, er musste…

Flanagan presste die Finger zusammen, hätte er keine Handschuhe getragen, so würden sich die Fingernägel ins Fleisch gebohrt haben. Doch er schaffte es wieder, sich zu beherrschen.

„Nun gut, dann sagen Sie uns erst einmal, wer Sie sind, und warum Sie unser Raumschiff zu einer Bruchlandung gezwungen haben. Was wollen Sie von uns?“

„Ich bin Azrael, und es tut uns sehr leid, dass euer Schiff abgestürzt ist. Das lag nicht in unserer Absicht.“

„Azrael?“ wiederholte Flanagan. „Das sagt mir nichts. Und wer ist wir? Sind Sie Menschen, womöglich von der Erde? Wenn Sie zur amerikanischen Föderation gehören…“

„Wir sind keine Menschen, und wir gehören auch zu keiner Föderation. Wir sind Engel.“


Copyright (c) 1999 by Margret Schwekendiek

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Margret Schwekendiek & Manfred H. Rückert
Rex Corda 29 – Pakt mit dem Teufel

  • Broschiert: 204 Seiten
  • Verlag: Mohlberg Verlag; Auflage: 1 (Dezember 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3942079445
  • ISBN-13: 978-3942079440

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Rex Corda und sein Todfeind Sigam Agelon wurden auf dem Sklavenmarkt von Saffir verkauft. Nun sollen die zukünftigen Gladiatoren zu ihrem Bestimmungsort gebracht werden. Die beiden Männer kämpfen gegen ihre Bewacher und fliehen. Doch schnell stellen sie fest, dass diese Flucht nur eine Farce ist, und dass ihnen nicht nur eine Gruppe folgt …

An Bord der WALTER BECKETT überschlagen sich die Ereignisse. Zuerst taucht eine Filmaufnahme auf, in der die beiden entführten Söhne von Ralf Griffith zu sehen sind. Dann behauptet ein Kadett, dass sich ein unbekanntes Raumschiff in der Nähe befindet. Als ihm niemand Glauben schenkt beschließt er, auf eigene Faust zu arbeiten …

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EIN MERKWÜRDIGER UNFALL von Antje Ippensen und Margret Schwekendiek – Leseprobe aus der titelgebenden Novelle “Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers” der Anthologie von Alisha Bionda (Hrsg.)

Erstellt von Margret Schwekendiek am 21. Januar 2013

EIN MERKWÜRDIGER UNFALL

von Antje Ippensen und Margret Schwekendiek
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Leseprobe aus der titelgebenden Novelle “Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers” der Anthologie von Alisha Bionda (Hrsg.)

„Ich finde deine Ansicht nicht richtig, Holmes“, klagte mein alter Freund Doktor Watson. Er begriff meine Gedankengänge wieder einmal gar nicht.

„Was findest du nicht richtig, Watson?“, fragte ich geduldig zurück.

Er räusperte sich. „Du bist dagegen, dass Frauen am öffentlichen Leben teilnehmen. Willst du auf das Wissen und die Fähigkeiten der Hälfte der Menschheit verzichten – vorgeblich, um sie zu beschützen? Schau dir doch die Welt an, Holmes. Es sind die Frauen, die dafür sorgen, dass die Familien einen Zusammenhalt haben, dass ausreichend zu essen da ist, dass Kinder eine Erziehung erhalten…“.

„Genug, Watson, genug, du begreifst meine Überlegungen überhaupt nicht. Ich bin der Letzte, der die Damenwelt in einen gläsernen Käfig stecken möchte, um sie dem Leben fernzuhalten. Wir haben immerhin schon eine ganze Reihe von Fällen gehabt, in denen Frauen tragende Rollen zukamen. Aber sei doch mal ehrlich, ihr Urteilsvermögen lässt sehr zu wünschen übrig, und für höhere Bildung sind die wenigsten geeignet. Natürlich besitzen sie ein gutes Organisationstalent, was besonders den Familien zu Gute kommt. Aber würdest es wirklich für gut befinden, wenn Frauen wählen und politische Entscheidungen treffen? Auf welcher Grundlage würden sie entscheiden? Ihnen fehlt die Übersicht über das Weltgeschehen.“

„Doch, ich würde es gut finden“, erklärte er mit Bestimmtheit. „Sie brauchen nur die Möglichkeit, sich zu informieren, dann sind sie auch in der Lage, politische Entscheidungen zu treffen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich zweifle doch manchmal an deinem gesunden Menschenverstand. Aber genug davon, mir scheint, dieser langweilige Nachmittag erhält jetzt eine gewisse Spannung durch eine überaus aparte Besucherin.“

„Wovon redest du nun schon wieder?“

„Ach, Watson, würdest du deinen Blick ab und zu mal aus dem Gefängnis deines Kopfes ab und der überaus erfreulichen Umgebung zuwenden, hättest du diese junge Dame längst gesehen.“ Mein Freund schüttelte den Kopf und warf einen Blick aus dem Fenster, was natürlich längst zu spät war. Es klingelte bereits an der Haustür der Bakerstreet 221b.

„Eine Dame möchte Sie sprechen“, meldete Mrs. Hudson, die Vermieterin und Haushälterin unserer kleinen Wohngemeinschaft. Mrs. Hudson war nicht anzumerken, ob sie Missbilligung angesichts der jungen Dame empfand, die so selbstbewusst unser Domizil betrat.

„Ich lasse bitten“, rief ich, und damit spielten Emotionen anderer Menschen keine Rolle mehr.

Es war in der Tat ein entzückendes weibliches Wesen, das jetzt unseren Salon betrat. Sie mochte zwischen 22 und 24 Jahren zählen, trug Knöpfelschuhe und besaß Kleidung, die ordentlich und gepflegt wirkte. Ihr zartes Gesicht besaß eine edle Blässe, und der Hauch eines Parfüms schwebte kaum wahrnehmbar um ihren Körper.

Die Hände passten jedoch irgendwie nicht zu dem Ganzen Ensemble, wie es mir sofort auffiel. Saubere, kurz geschnittene Nägel, glatte Haut – und doch waren zarte Spuren von Tinte in den Tiefen der Papillaren zu erkennen, wie auch einige raue Stellen an den Fingern, die auf eine starke Beanspruchung deuteten. Die junge Frau machte auf mich nicht den Eindruck, als würde sie die Hilfe eines Meisterdetektivs benötigen.

Watson war bereits aufgestanden und bemühte sich mit einer lächerlichen Zuvorkommenheit um die junge Dame.

„Watson, es reicht“, erklärte ich einigermaßen ungeduldig. „Setzen Sie sich bitte, und berichten Sie von Ihrem Problem“, forderte ich.

Sie knetete etwas nervös die Hände um die Schlaufe ihrer kleinen Handtasche, aber noch war ich mir nicht sicher, was sie wirklich von mir wollte. Es irritierte mich. Natürlich freute ich mich darüber, mit einer interessanten Fragestellung konfrontiert zu werden, aber ich legte Wert darauf, mir aufgrund meiner Beobachtungen und Schlussfolgerungen sofort einen zutreffenden Eindruck zu verschaffen. Irgendwie war das hier nicht ganz möglich, die Einzelheiten widersprachen einander. Nun war ich wirklich gespannt. Die Zeit meiner Langeweile schien vorbei, so dachte ich, bis ich hörte, um was es ging.

„Mein Name ist Marjorie Cameron, Mr. Holmes, und ich weiß gar nicht, ob Sie mir überhaupt helfen können.“

„Nun, dann sollten Sie mir einfach Ihr Anliegen nennen, und ich werde Ihnen sagen, ob ich Ihnen dienlich sein kann.“

Sie blickte mich aus veilchenblauen Augen an. „Sie werden sicherlich in der Zeitung gelesen haben, dass vor etwa zwei Wochen der Henker von London durch einen plötzlichen Unfall verstorben ist“, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort.

„Sicher.“ Ich nickte, die Meldung hatte mich nur am Rande interessiert.

„Ich bin seine Tochter, Mr. Holmes, und ich bitte Sie, den Mörder meines Vaters zu finden.“

Jetzt hatte sie mich in der Tat überrascht, denn trotz der Namensgleichheit war mir die Verbindung nicht gleich offenbar gewesen. Dennoch runzelte ich die Stirn. „Soweit mir erinnerlich, handelte es sich bei dem bedauernswerten Ableben Ihres Herrn Vater um einen Unfall. Was bringt Sie zu der Ansicht, es könnte sich um einen Mord handeln?“ fragte ich rasch.

Watson stand auf und machte eine heftige Handbewegung. „Mein Beileid, Miss Cameron“, sagte er und tätschelte die Hand der jungen Frau. „Holmes, du bist wieder einmal viel zu direkt und unsensibel. Sie steht sicherlich noch unter Schock. Ich werde Mrs. Hudson bitten, einen Tee zu bringen.“

„Nun, der Tee macht Angus Cameron auch nicht mehr lebendig“, gab ich zu bedenken. „Es interessiert mich tatsächlich, wie Sie zu der Ansicht gekommen sind, Ihr Vater wäre ermordet worden, Miss Cameron. Man hat den Leichnam Ihres Vaters aus der Themse gezogen, er hatte eine fast leere Whiskyflasche bei sich und trug bis auf eine Verletzung am Kopf keinerlei Wunden. Diese Verletzung entstand meiner Ansicht nach durch den Sturz und ist nicht für den Tod verantwortlich.“

„Das klingt alles sehr logisch, Mr. Holmes, entspricht jedoch nicht wirklich den Tatsachen. Mein Vater war ein mäßiger Trinker, ich habe ihn nie volltrunken erlebt. Er hat sein Leben lang dafür gesorgt, dass meine verstorbene Mutter und ich ein geordnetes Leben ohne finanzielle Beeinträchtigungen führen konnten. Um ehrlich zu sein – ich war nicht einmal darüber informiert, dass mein Vater als Henker gearbeitet hat. Mir war nur bekannt, dass er im Vollzugsdienst als staatlicher Beamter tätig war. Aber Henker…“. Sie brach ab, schluckte und rang um ihre Fassung.

Wider Willen nötigte mir ihre Haltung Respekt ab, obwohl das nichts an meiner Ansicht änderte. „Das alles mag so sein, Miss Cameron“, erklärte ich sanft. „Doch damit wird nicht Ihre Vermutung bezüglich eines Mordes gefestigt. Haben Sie irgendwelche Beweise, die über Vermutungen und Ansichten hinausgehen?“

„Nein, Mr. Holmes, die habe ich nicht. Aber vielleicht ändert das hier Ihre Ansicht.“ Sie entnahm ihrer Handtasche einen Brief und reichte ihn mir. Ich überflog die wenigen Worte.

„Cameron, du bist ein Mörder, du tötest einen Unschuldigen. Aber du wirst der erste sein, der meine Rache aus dem Grab zu spüren bekommt. George Sullivan.“

Nun ja, ich konnte mich an diesen Prozess und das daraus resultierende Urteil erinnern. Sullivan war einer der typischen Diebe, wie es sie in jedem Londoner Stadtteil reichlich gibt. Der Unterschied zu anderen Dieben bestand wohl darin, dass dieser Mann seine Opfer zuletzt nicht nur bestohlen, sondern auch mit einen Schnitt durch die Kehle ermordet hatte. Selbst in meinen Augen eine ziemliche Verschwendung von Energie und Menschenleben. Das Gericht befand den Mann für schuldig, obwohl es nur Indizien gab und er bis zu seinem Tod – und offenbar auch darüber hinaus – seine Unschuld beteuerte.

„Wollen Sie mir weismachen, dass der verurteilte Mörder Sullivan wiederauferstanden ist, um Ihren Vater zu töten, Miss Cameron?“, fragte ich spöttisch.

Die junge Dame warf mir einen zornigen Blick zu. „Es ist mir durchaus geläufig, Mr. Holmes, dass es keine Geister gibt, die herumgehen und morden“, erklärte sie eisig. Watson grinste bei diesen Worten breit, ihm schien die Sache Spaß zu machen.

„Nun, dann könnte man davon ausgehen, dass er Helfer hatte, die den Mord ausgeführt haben. Immer vorausgesetzt, es handelt sich tatsächlich um einen Mord, was ich noch nicht recht glauben kann. Es tut mir leid, aber ich fürchte, ich kann Ihnen in der Tat nicht behilflich sein. Allerdings könnten Sie mir eine Frage beantworten, rein zur Befriedigung meiner Neugier.“

Sie runzelte die Stirn und sah noch immer empört und verletzt aus.

„Welche Frage wäre das?“, wollte sie spröde wissen und stand bereits auf.

„Wie kommt es, dass eine junge Frau Ihrer Herkunft und Bildung nach Cheapside geht? Ihre Schuhe sind sehr ordentlich gereinigt, doch an den Rändern zeigen sich kleine Reste des dort vorkommenden Schlamms mit den unvermeidlichen Abfällen eines Fischmarktes. In diesem Zusammenhang finde ich auch die Tintenflecke an ihren Fingern interessant.“

Sie wurde bleich wie ein Leichentuch und setzte sich unwillkürlich wieder. „Woher wissen Sie…?“, hauchte sie fassungslos.

„Miss Cameron, meine Beobachtungs- und Kombinationsgabe sind es, die mir einen gewissen Ruf verschafft haben, den ich wohl kaum sträflich vernachlässigen werde.“

„Sie sind in der Tat sehr klug, Mr. Holmes. Was könnte jemand von meiner Herkunft und Bildung ausgerechnet in diesem Viertel tun, in dem außer einem Fischmarkt und unendlich viel Armut und Umbildung kaum etwas zu finden ist?“, fragte sie überraschend bitter. „Ich will es Ihnen sagen. Ich habe auf eigene Faust den Mörder meines Vaters gesucht und bin dabei auf den Sohn von George Sullivan getroffen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, zu helfen und gleichzeitig Fragen zu stellen. Jason unterstützt mich, aber allein schaffe ich es einfach nicht, deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.“

Das verblüffte mich in der Tat ein wenig.

„Ich habe das Elend und die Unwissenheit dort gesehen, Mr. Holmes, und ich habe mich entschlossen, den Kindern etwas Bildung zu ermöglichen. Beantwortet das Ihre Fragen?“ Sie lachte fast verzweifelt auf. „Ich wollte eigentlich nur den Mörder finden, stattdessen habe ich mich selbst in ein Abenteuer gestürzt…“.

„Das ist sicher ein löblicher Vorsatz, aber ganz allein Ihre Angelegenheit, Miss Cameron“, unterbrach ich schroff. Sie wollte doch hoffentlich keine Bestätigung von mir für ihren Anfall von Wohltätigkeit. „Aber was ist das eine Geschichte mit dem Sohn von Sullivan?“, hakte ich nach.

„Jason? Er ist ein netter Kerl, der sehr unter dem leidet, was sein Vater getan hat. Er war bestimmt nicht der Mörder.“

„Das zu beurteilen sind Sie wohl kaum in der Lage“, wies ich sie zurecht.

„Das ist Ihre Meinung“, fauchte sie mich an.

Erstaunlich, dieses Selbstbewusstsein! Ich befand in diesem Augenblick, dass sie meiner Hilfe würdig war, und sei es nur, um zu beweisen, wie sehr sie sich irrte.

„Ich werde die Nachforschungen aufnehmen“, sagte ich bestimmt.

„Aber Holmes, du hast doch gerade gesagt…“, begann Watson und verstummte gleich wieder.

„Warum dieser Sinneswandel?“, fragte Marjorie Cameron. „Sie sind doch gar nicht davon überzeugt, dass ich recht habe. Warum also wollen Sie plötzlich den Fall untersuchen?“

„Weil eine so mutige, kluge, junge Frau einen Beweis für die Wahrheit verdient. Und wer weiß, vielleicht wird es sogar interessant.“ Davon war ich zwar nicht wirklich überzeugt, doch ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass hier etwas nicht zusammenpasste. Solche Gefühle schätze ich nicht besonders, aber das ging Miss Cameron gar nichts an.

Es gab noch einige Fragen, die sie mir beantworten musste, dann verabschiedete ich die junge Frau und rieb mir erwartungsvoll die Hände.

„Holmes, ich verstehe dich nicht, du bist doch kein wankelmütiger Mensch“, klagte mein alter Freund. „Aber vermutlich wirst du gute Gründe haben, deine Meinung zu ändern.“

„In der Tat, mein lieber Watson, ich hoffe, dir sind all die vielen kleinen Ungereimtheiten ebenso aufgefallen wie mir. Es könnte sich tatsächlich zu einem interessanten Fall entwickeln.“

„Nein, mir sind sie nicht aufgefallen“, knurrte der gute Doktor, dann seufzte er. „Ich finde, du hast Miss Cameron nicht besonders zuvorkommend behandelt, ganz im Gegenteil sogar.“

„Das mag daran liegen, dass diese junge Dame mir nicht in allen Punkten die Wahrheit gesagt hat.“

„Und nun glaubst du plötzlich doch, dass der Henker ermordet wurde?“

„Das hast du zur Abwechslung absolut treffend ausgedrückt, Watson. Glauben bedeutet nämlich, nicht wissen. Und in diesem Augenblick weiß ich nicht genug.“ Ich beendete diese Diskussion, denn ich fand einiges in der Angelegenheit durchaus nachdenkenswert. (…)

Copyright (C) 2012 by Antje Ippensen und Margret Schwekendiek. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin und des Verlages.

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Plaschka, Oliver / Hauser, Erik / Hoese, Desirée und Frank / Carpenter, Tanya / Krain, Guido / Ippensen, Antje / Schwekendiek, Margret
Meisterdetektive / Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers

Herausgegeben von Bionda, Alisha
Verlag :      Fabylon
ISBN :      978-3-927071-77-3
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,90 Eur[D] / 15,40 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 30.10.2012
Seiten/Umfang :      ca. 200 S. – 215,0 x 135,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 11.2012

“Mein lieber Watson, die Windungen eines Frauengehirns, in denen es ständig von Emotionen wetterleuchtet, sind und bleiben rätselhaft.” Sherlock Holmes – “Die Tochter des Henkers”

Die Autoren-Duos, in dem je einer die Rolle des Meisterdetektivs oder die seines Freundes Dr. Watson übernahm – Tanya Carpenter & Guido Krain, Erik Hauser & Oliver Plaschka, Désirée & Frank Hoese, Antje Ippensen & Margret Schwekendiek – entführen den Leser in spannende Fälle des klassischen Sherlock Holmes-Crimes.

Ob es das Rätsel eines Rad fahrenden Affen zu lösen gilt, mysteriöse Todesfälle in einem Kurhotel, die Geschehnisse um die Tochter des Henkers von London, oder aber die elementare Frage zu klären, ob es Sherlock Holmes nun wirklich gab.
Auf alles finden die Autoren eine spannende Antwort.

Crossvalley Smith schuf mit seinen Grafiken dazu noch optische Highlights.

Alisha Bionda wurde in Düsseldorf geboren und bereiste mit ihren Eltern die halbe Welt. Sie liebt Bücher, Rockmusik, die Farbe Schwarz, Katzen und Hunde und New York. Ihr Motto: Vernunft braucht manchmal eine Pause!

Arthur Conan Doyle wurde 1859 im schottischen Edinburgh geboren. Seine Eltern waren beide strenge Katholiken, daher war es nicht verwunderlich, daß ihr Sohn eine Jesuitenschule besuchen mußte. Später studierte Doyle in Edinburgh Medizin und heiratete 1884 Louise Hawkins. Bis 1891 arbeitete er als Arzt in Hampshire. Danach widmete er sich ausschließlich dem Schreiben. Während des Südafrikanischen Krieges (1899 bis 1902) diente er als Arzt in einem Feldlazarett. Im Jahr 1902 wurde er zum Ritter geschlagen. Nach dem Tod seines Sohnes, der den Folge einer Kriegsverletzung erlag, beschäftigte er sich mit okkultistischen Studien. Arthur Conan Doyle starb am 7. Juli 1930 in seinem Haus in Windlesham, Sussex. 1887 schuf er den wohl berühmtesten Detektiv der Weltliteratur: Sherlock Holmes, den Meister des rationell-analytischen Denkens. Die Figur Holmes überschattete Doyles literarisches Schaffen derart, dass der Autor seinen Protagonisten sterben ließ – und ihn knapp zehn Jahre später wiederauferstehen lassen musste: zu groß war die Popularität von Holmes und seinem Partner Dr. Watson.

Rezension zu Tochter des Henkers auf Literra in der alle vier Stories besprochen wurden

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PROFITABLE GRÜSSE – Eine Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

Erstellt von Margret Schwekendiek am 7. Januar 2013

PROFITABLE GRÜSSE

Eine Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

Mein stolzes Raumschiff flog nach der, sicherlich obligatorischen, Begrüßung eines Fremdrassigen durch die lange Schleuse. Ein Schott aus molekularverdichtetem Stahl öffnete sich, und dahinter wurden die Andockplätze sichtbar, in dem jetzt schon zwölf Schiffe lagen.

Ich wußte, daß noch mindestens 20 Schiffe im Umkreis von rund zehn Lichtjahren im Anflug waren. Also konnte ich davon ausgehen, daß auf dieser Handelsstation mitten im All die Abfertigung relativ zügig vorangehen würde, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Würde auch ich schnell vorankommen?

Wenig später war mein Schiff, die stolze XICANA, von den stählernen Halteklauen umgeben, und ich konnte die Zentrale verlassen, um im Kontor meine Fracht anzumelden und einen Käufer zu finden.

Im Kontor hatte ich eigentlich nur Roboter erwartet, aber dieses Volk, das sich Menschen nennt, scheint mir etwas merkwürdig zu sein. Nicht nur, daß sie ausgesprochen seltsam aussehen, so ganz ohne Fell, mit nackter Haut wie ein frisch Geschlüpftes, sie versuchen ihre Nacktheit auch noch mit lächerlichen Stofffetzen zu verbergen, die in ihrer Farbe und Zusammenstellung unseren Augen wehtun.

Nun, wir sind ein tolerantes Volk, das seit vielen Jahren die Raumfahrt betreibt, wir haben gelernt, mit den Unzulänglichkeiten anderer Völker zu leben und darüber hinwegzusehen.

Trotzdem war ich überrascht, hier im Kontor jetzt Terraner vorzufinden, welche sich um die Fracht und den Zoll kümmerten.

Ich ging zu einem hin, der gerade ganz den Eindruck machte, als habe er die ganze Zeit nur auf mich gewartet. Ich grinste ihn nach Art meines Volkes an, besonders darauf achtend, daß die nadelspitzen Zähne aufleuchteten und ich so einen besonders guten Eindruck auf ihn machte. Er starrte mich an, erwiderte meine Freundlichkeit aber nicht. Nun gut, das konnte ich verstehen – wer hätte je einen Terraner mit so schönen Zähnen gesehen, wie sie bei meinem Volk üblich waren?

Um dennoch den guten Eindruck zu verstärken, spreizte ich also auch noch mein Fell, bis die spitzen Dornfortsätze sich zeigten. Ich war voll und ganz davon überzeugt, mich von meiner besten Seite zu zeigen, immerhin wollte ich hier gute und schnelle Geschäfte machen.

„Mein Name ist Xix von Xiva-Korta III, und mein Schiff hat alle Laderäume voll mit den besten Xila-Früchten“, erklärte ich und hörte gleich darauf, wie das Übersetzungsmodul meine klangvollen Laute in die seltsam krächzende Sprache der Menschen umwandelte.

„Kenne ich nicht“, kam die unhöfliche Antwort. „Und Waffen im Fell sind an Bord dieser Station auch nicht erlaubt. Nennen Sie die Koordinaten Ihres Systems, damit wir es in unsere Daten umrechnen. Vielleicht können wir dann feststellen, was sich hinter Ihrer merkwürdigen Fracht verbirgt, und ob es überhaupt Handelsware für diese Station ist.“

Keine Manieren, diese Terraner, wirklich nicht. Wenn er schon nichts wußte, durfte er es nicht zeigen, das setzte ihn in eine schlechte Position für den Handel.

Aber ich wollte nun einmal Handel treiben, und daher blieb ich höflich.

„Xila-Früchte sind unsere wertvollsten Güter“, erklärte ich würdevoll und lächelte noch immer.

„Das kann schon sein. Aber ich brauche die Koordinaten Ihrer Heimatwelt.“

Ich seufzte, und der Terraner wich erschreckt zurück. „Ich will wirklich nur profitablen Handel treiben“, versuchte ich es noch einmal. „Und den dafür fälligen Zoll werde ich gern entrichten. Aber ich brauche einen Händler, der meine Xila-Früchte aufkauft. Willst du das also bitte jetzt registrieren, Terraner, damit ich weitermachen kann?“

„Ich brauche erst…“

„Die Koordinaten meiner Heimatwelt. Ja, ich glaube, ich verstehe. Bekomme ich dann im Gegenzug diejenigen der Erde? Vielleicht kann ich ja dann direkt Handel aufnehmen…“

„Nein!“ sagte er mit einer Lautstärke, die mir deutlich machte, daß er sich jetzt doch gut amüsierte. Aber warum dann dieses Ratespiel, wenn er doch Freude an mir hatte?

„Handel ist mein Leben“, sagte ich fröhlich in gleicher Lautstärke, und der Mensch schlug sich die oberen Extremitäten an den Kopf. Dann drückte er einen Knopf, und wenig später kam ein weiterer Terraner herein. Wie ich hellsichtig erkannte, war es ein Weibchen. Ich hoffte, sie würde ebensoviel Freude verbreiten, aber nicht ganz so schwierig sein.

Die beiden Terraner konferierten, wobei sie ihre Übersetzungsmodule ausschalteten. Ich hörte nur die seltsamen Laute, die sie als Sprache bezeichneten, mit dem unmöglichen Klangrhythmus. Aber ich verstand natürlich, daß dieses Gespräch nicht für mich bestimmt war.

Leider schien mit dem Auftauchen des Weibchens die gute Laune verflogen zu sein. Dann endlich wandte sie sich an mich, mit dem kläglichen Versuch freundlich zu sein. Ihre Zähne waren eigentlich eine Beleidigung, aber ich erkannte dennoch die Bemühung an.

„Von wo kommen Sie?“

Ich wiederholte meine Identifizierung und wies darauf hin, daß es Zeit wurde, meine Früchte zu verkaufen. Xila-Früchte sind schließlich nur begrenzt haltbar.

Sie machte den schwachen Versuch zu seufzen, das mußten die Terraner eindeutig noch verbessern, jedes Kleinkind auf unserem Planeten brachte es besser zustande.

„Ich kann Ihre Ware nicht klassifizieren, daher kann ich auch keinen Zoll festlegen oder Sie an einen Händler verweisen“, sagte das Weibchen.

Ich strahlte sie entzückt an, endlich ging es voran, selten hatte ich einen besseren Auftakt gehört, um den Handel zu eröffnen.

„Ich wäre bereit, dich mit einem Prozent zu beteiligen“, machte ich meinerseits ein lächerliches Angebot. Jetzt hatte auch sie Spaß, denn sie erhob die Stimme.

„Ich lasse mich doch nicht von Ihnen bestechen“, kam die laute und erfreute Antwort.

Endlich verstanden wir uns.

„Bei zwei Prozent hätte ich noch immer einen kleinen Profit“, erklärte ich ebenso laut.

Das Weibchen wechselte die Farbe ihres nackten, unbedeckten Gesichts. „Ich sagte schon, daß ich mich nicht bestechen lasse. Wenn Sie nicht sofort zu den Formalitäten zurückkehren, werde ich meinen Vorgesetzten rufen.“

Einfach köstlich! Diese Art des Feilschens war mir neu, aber ich ging darauf ein, weil es Spaß machte.

„Wenn du es wünscht und es bei euch so üblich ist, hole ich dann auch gern meinen Maschinisten. Vier Prozent?“ bot ich an.

Ein Blick auf meinen Chronographen belehrte mich, daß es an der Zeit war, zu einem Abschluß zu kommen, bevor die Xila-Früchte…

Plötzlich stand ein Maurianer neben mir. Ich mag dieses Volk nicht, sie haben überhaupt keinen Stil und sind zum Handeln eindeutig zu dumm. Aber ich hatte nicht mehr viel Zeit.

Das Weibchen machte große Augen, als wir uns leider mit wenigen Worten einig wurden, und der Maurianer übernahm sogar den fälligen Zoll, ohne zu murren.

Wir gingen in mein Schiff, und ich gab ihm eine Probe der Früchte, wobei ich nur ein klein wenig mogelte.

Die Fracht wurde umgeladen, trotz meiner Zeitnot verabschiedete ich mich von den Terranern. Gute Handelspartner, wahrhaftig, wenn sie noch ein wenig üben. Eilig verließ ich dann das Kontor. Und doch erreichte mich noch der Funkspruch des Maurianers – so ein Pech.

„Wenn ich dich das nächste Mal in die Finger kriege, Xix, wirst du bezahlen. Du hast mich betrogen. Die Früchte waren schon überreif. Mein Schiff – mein ganzes, schönes Schiff.“ Er gab seltsame Laute von sich, die ich jedoch nicht einordnen konnte. Aber im Hintergrund der Zentrale konnte ich natürlich die Brut der Xul-Fladen sehen, die aus den Früchten geschlüpft waren und jetzt das Schiff bevölkerten.

Na ja, bei allen fließenden Göttern – was hatte der Maurianer eigentlich erwartet, nach einer Reise von mehr als hundert Lichtjahren konnten die Xila-Früchte nicht mehr ganz frisch gewesen sein, die kosmische Strahlung förderte nun einmal das Wachstum der Fladen. Warum machte er jetzt so ein Theater?

Aber immerhin hatte ich mein Geld. Und beim nächsten Mal würde ich doch besser gleich mit den Terranern abschließen. Die freuten sich wenigstens.

Ende

Copyright (c) 2013 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer mehr von dieser Autorin lesen möchte sollte sich mal ihren Roman anschauen:

Schwekendiek, Margret
TIME TRAVELLERS

Mit Trans-Time-Net durch die Zeit

Herausgegeben von Bionda, Alisha
Verlag :      p.machinery
ISBN :      978-3-942533-10-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,90 Eur[D] / 14,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 15.01.2012
Seiten/Umfang :      ca. 188 S. – 190,0 x 120,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.2012
Aus der Reihe :      Dark Wor(l)ds 2

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Titel bei Booklooker.de
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Die TTN setzt via Zeitnetz Erlebnisreisen an, spezielle Reisebegleiter sorgen dafür, dass keine Paradoxa entstehen. Leider klappt das nicht immer, und es stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass fast alle großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte auf den Einfluss der Zeitreisenden zurückzuführen sind – sei es durch einen Unfall, Absicht oder auch Bösartigkeit.

Cate Nichols, 32 Jahre alt, attraktive Individualistin mit einem Hang zu interessanten Männern für ein Abenteuer, arbeitet seit einiger Zeit für die TTN und hat eine umfassende Schulung hinter sich. Beim staatlichen Sicherheitsdienst wurde sie suspendiert wegen zu großer Härte im Einsatz, nach einer Persönlichkeitserneuerung stellt die TTN sie an, weil sie Leute braucht, die manchmal über die moralischen Grenzen hinweggehen können.

Der Sicherheitschef und zugleich Vorgesetzter von Cate Nichols ist Cashmere Ogilvie, von seinen Freunden liebevoll Cashogi genannt. Er koordiniert nicht nur den aufwendigen Sicherheitsapparat der TTN, er schult auch die Reiseleiter, die von niemand anderem Befehle annehmen. In der Zentrale der TTN kommt es zu Spannungen, als die Regierung versucht das Monopol zu brechen.

Die Zeitreise entpuppt sich als Fiasko, als einer der Reisenden das Netz verlässt, Cate muss ihn wieder aufspüren, die übrigen bleiben allein zurück, und der Konflikt zwischen Frauen und Männern schwelt in einer ziemlich beengten Situation.

Die Geschichte, aus Sicht einer Frau geschrieben, beschäftigt sich weniger mit der Technik als vielmehr mit dem Leben selbst. Gefühle, Ereignisse und Wahrnehmungen aus dem heutigen und dem fiktiven zukünftigen Leben zeigen deutlich, dass die Menschen immer Menschen bleiben werden – und Frauen bleiben immer Frauen.

Margret Schwekendiek, Jahrgang 1955, schreibt seit fast zwanzig Jahren professionell und hat schon viele Genres bedient. Ihre Leidenschaft liegt eindeutig in der SF und im Horror. Neugier, Kreativität und Fantasie gehen Hand in Hand, wenn ein neues Projekt ansteht. Eine Geschichte über Zeitreisen war schon lange ein Herzenswunsch.

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DES TEUFELS MUSTERSCHÜLER – Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

Erstellt von Margret Schwekendiek am 28. Oktober 2012

DES TEUFELS MUSTERSCHÜLER

Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

Grenzverletzung

Es war immer wieder ein erregendes Gefühl auf der Bühne zu stehen. Ich bin das, was man einen Star nennt, und ich genieße diesen Zustand, gibt er mir doch die Gelegenheit, meinen ganz speziellen Hunger zu stillen, ohne meinen Nahrungsquellen erst nachlaufen zu müssen. Noch während ich meine Songs sang und mit der speziellen Choreografie den perfekten Tanz vorführte, schweiften meine Blicke über das Publikum. O ja, da wäre genau die richtige Frau, dort vorne in der dritten Reihe der dicht gedrängten Personen, die sich wünschten, dass ich sie für einen winzigen Moment mit einem Blick beschenke. Einige hatten es sogar geschafft, kleine Plakate mit in die Halle zu bringen, sinnentleerte Wünsche standen darauf: „Ich liebe dich! – Ich will ein Kind von dir! – Du bist der Größte!“, und was der Nichtigkeiten mehr sind.

Das alles berührt mich nicht. Weder will ich eines dieser Geschöpfe heiraten, noch werde ich jemals auf diese rein menschliche Art ein Kind zeugen können. Ich habe nur eines im Sinn, wenn ich diese manchmal wild kreischenden Wesen vor mir sehe – eine frische Nahrungsquelle. Ich bin ein Vampir, und ich brauche Blut. Das erschreckt Sie? Aber nicht doch, wir Vampire sind gar nicht so unterschiedlich zu übrigen Menschen. Wir führen unser Leben, haben Erfolg im Beruf oder auch nicht, und schlagen uns mit dem Finanzamt herum, wie jeder andere auch. Nur unsere Nahrung ist etwas anders, wir brauchen nun mal Blut, um zu überleben. Nicht immer müssen die Opfer dabei auch sterben, aber in jedem Fall vergessen sie, was geschehen ist, dafür können wir sorgen.

Ich beendete mein Lied und schickte meiner Auserwählten für heute ein strahlendes Lächeln. Sie wirkte völlig verzaubert, genauso wollte ich sie haben. Nach dem Konzert gab ich Autogramme, beantwortete Unmengen sinnloser Fragen und zog mich schließlich aufatmend in meine Garderobe zurück. Mit einem Gedankenbefehl holte ich die Frau zu mir, niemand würde sie draußen aufhalten. Sie betrat meine Garderobe und streckte verlangend die Hände aus. Ich nahm sie in die Arme und küsste sie, berührte ihren Körper und trieb sie zur Ekstase, warum sollte sie nicht auch etwas Spaß haben? Sie reagierte in der gewohnten Weise, der Körper zog sich zusammen vor Lust, und doch war mit ihr etwas anders. Dafür habe ich ein untrügliches Gespür. Na ja, wer wollte schon das Gefühlsleben junger Frauen erforschen?

Erst jetzt zog ich sie so fest in meine Arme, dass eine Gegenwehr unmöglich wurde. Ich spürte, wie meine Fangzähne sich vorschoben, die Ader an ihrem Hals pulsierte heftig, mein Hunger war nicht mehr zu bezähmen, und ich schlug meine Fänge in ihren Hals.

Igitt, das Blut schmeckte gar nicht, doch ich trank und trank. Erst dann bemerkte ich die Veränderung bei der jungen Frau.

Obwohl sie noch in meinem Bann stand, versuchte sie, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Verdammt, warum hatte ich nicht früher bemerkt, dass sie zu der anderen Seite gehörte? Es war nicht meine Art die Werwölfe aufzuscheuchen, sie haben ihre Bedürfnisse und Opfer, und ich die meinen. Aber nun war das Unglück passiert. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie zu töten, wollte ich nicht, dass sie die Grenzverletzung weiter erzählte.

Obwohl das Blut einen ekelhaften Geschmack besaß, saugte ich die Frau aus. Ihre Hände hatten sich bereits zu Pfoten mit Krallen und Haaren verformt, die vorher kurzen Haare gingen über in sauberes Fell, und das Gesicht zog sich bereits in die Länge.

Ich war satt, die nächste Nahrung würde ich erst in einigen Tagen brauchen. Aber konnte ich dieses Wolfsblut überhaupt vertragen? Nun, ich würde es merken, hoffentlich wurde ich nicht krank davon.

Zwei Tage später war ich sicher, dass ich keine bleibenden Schäden davongetragen hatte. Die Leiche der Werwölfin hatte ich verbrannt, niemand würde die Überreste finden. Ich konnte mein Leben wieder aufnehmen und würde in Zukunft vorsichtiger sein.

*

Rachegefühle

Wie konnte er es wagen? Wie konnte ein verdammter niederträchtiger Vampir meine Schwester nicht nur als Nahrung missbrauchen, sondern sie sogar töten? Oh, ich wusste Bescheid. Als meine Schwester Selinde nicht zurückgekommen war, hatte ich mich auf die Suche gemacht. Unser Clan besitzt einen sicheren Sinn für seine Mitglieder, und er führte mich zu den Überresten. Als ich ihre Knochen berührte, wusste ich die ganze Wahrheit.

Ein Vampir! Nach dieser gemeinen Grenzverletzung hatte er das Recht auf sein Überleben verwirkt.

Nun kann man einen Vampir nicht einfach töten, nicht einmal wir Werwölfe besitzen genügend Kraft dafür. Aber Selinde musste gerecht werden, ich hatte meine Schwester sehr geliebt, und der Verlust hinterließ eine dauerhafte Lücke in meinen Inneren. Ich grübelte einige Tage hin und her, aber ich fand keinen Weg, um meine Schwester zu rächen, und so suchte ich einige Tage später den Leitwolf unseres Rudels auf. Er residierte als Polizeichef an einer verdammt guten Stelle. Es lag in seiner Macht, uns alle zu schützen, aber er führte sein alltägliches Leben genauso wie wir alle, mochte es sich nun um Vampire oder Werwölfe handeln. Er brachte mich auf eine Idee, wie ich den Vampir vom Angesicht der Erde tilgen konnte. Im Grunde war es mir egal, auf welche Weise er seine Nahrung fand, solange er uns nicht in die Quere kam. Aber dieses Mal sollte ihn seine Art Opfer auszuwählen teuer zu stehen kommen. Es würde nicht leicht werden, da gab ich mich keinen Illusionen hin. Aber ohne Selinde war alles so leer, diese Lücke musste gefüllt werden.

*

Transformation

Auf der Bühne wirkte der Mann so charmant, dass nicht nur Frauen in Ekstase gerieten, auch einige Männer entwickelten Gefühle, die weit über die Freude an der Musik hinausgingen. Doch der Sänger und Tänzer mit dem ungeheuren Charisma bevorzugte Frauen – einen bestimmten Typ Frauen, um genau zu sein. Groß mussten sie sein, aber nicht zu schlank, sie sollten einen intelligenten Eindruck machen und nicht übertrieben geschminkt sein, rotbraun war die Haarfarbe, die ihm besonders gefiel.

Es gab an diesem Abend eine Frau, auf die alle diese Merkmale zutrafen. Wie viermal pro Woche üblich trat der Sänger auf, und es gab keine Unterschiede zu den sonstigen Darstellungen. Er gab Autogramme, scherzte mit seinen Fans und verschwand anschließend in seiner Garderobe. Kurze Zeit später folgte ihm die hübsche Frau mit den langen rotbraunen Haaren.

In der Umarmung des Mannes erlebte sie zuerst höchste Lust, und dann zeigte der Vampir sein wahres Gesicht. Das alles war schon oft so abgelaufen, und meist verließen die Frauen den Raum wieder, ohne sich an mehr erinnern zu können als das beste Sex-Abenteuer ihres Lebens.

Heute war das alles anders; die Frau erlag nicht den Verführungskünsten, sie war bei vollem Bewusstsein, als er ihr seine Zähne in den Hals schlug. Sie genoss es sogar und sah triumphierend, wie sich sein Gesicht veränderte.

Natürlich, ihr Blut schmeckte anders, er musste sofort wissen, dass sie ein Werwolf war. Doch sie hielt seinen Kopf fest, und der Blutrausch sorgte dafür, dass er nicht mit der Nahrungsaufnahme aufhörte.

Als sie spürte, dass das Leben aus ihr herausfloss, ließ sie ihn los. Er knurrte sie an, seine blutigen Fänge wirkten Furcht einflößend, und doch lachte sie.

„Das ist meine Rache, Vampir. Ich habe mir Silbernitrat in die Adern gespritzt, es wird dich lähmen, und du wirst hier liegen bleiben, bis die Sonne aufgeht und dich verbrennt. Das ist meine Rache für Selinde, meine Schwester. Hast du wirklich geglaubt, niemand würde es merken, wenn du einen Werwolf tötest? – Nun, Vampir, spürst du schon, wie deine Glieder schwer werden? Versagen deine Beine schon den Dienst? Wirst es dumpf in deinem Kopf?“

Er blickte sie ganz ruhig an, weil er keine Anstalten machte sich zu bewegen, konnte sie nicht feststellen, ob das Silbernitrat bereits wirkte.

„Und du, Werwölfin, hast du geglaubt, ich wäre nicht in der Lage mich vorzubereiten? Ich kenne den Zusammenhalt in euren Clans, früher oder später musste einer von euch kommen. Es tut mir leid, denn es lag nicht in meiner Absicht, die Grenzen zwischen unseren Völkern zu verletzen. Aber es ist nun mal geschehen, und es wäre klüger gewesen, hättest du auf andere Weise Genugtuung gefordert. Denn auch ich habe mich vorbereitet, und während du so eifrig darauf bedacht warst, mich bei der Nahrungsaufnahme zu unterstützen, habe ich dich zum Vampir gemacht. Spürst du nun schon das Verlangen nach Blut, den Rausch, alles in dich aufzunehmen? Fühlst du die Veränderung deiner Sinne, das feine Gehör, das selbst den Pulsschlag des anderen wahrnimmt? Ich werde tot sein, nun ja, aber vorher werde ich meine Adern öffnen, und du wirst als Neuling gar nicht anders können als mein Blut zu trinken. Und dann – nun, dann bist du ebenfalls tot, dein Gift wirkt auch in dir. Ist es wirklich das, was du wolltest?“

Seine Stimme war langsam und immer konzentrierter geworden, das Gift wirkte in ihm. Aber auch die Werwölfin spürte, wie ein Blutrausch sie überkam.

„Ja, ja, ja“, keuchte sie. „Ohne meine Schwester bin ich nichts, diese Leere kann niemand füllen. Ja, ich werde sterben, Vampir, und es wird mir nicht einmal leid tun.“

Mit einem hässlichen Lachen riss er sich mit den Fängen die Adern an der Hand auf, das Blut sprudelte heraus, und die Werwölfin stürzte sich auf die so bereitwillig angebotene Nahrung.

Ende

Copyright (c) 2012 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-100-minus158-100.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchtipp der Autorin/Redaktion:

Koch, Boris / Plaschka, Oliver / Ludwigs, Sabine / Grashoff, David / Schwekendiek, Margret / Larf, Rena / Thomas, Gabi / Siegmund, Fabienne / Weiand, Inken / Pauly, Gisa / Dresen, Andreas / Walter, K. Peter / Fulczyk, Thomas / Glomp, Ingrid / Stone, Melanie / Niebios, Markus / Hüsgen, Angela
Chill & Thrill

Anthologie

Herausgegeben von Bionda, Alisha / Carpenter, Tanya. Illustriert von Martyna, Andrä
Verlag :      Fabylon
ISBN :      978-3-927071-50-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,90 Eur[D] / 15,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
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Letzte Preisänderung am 12.10.2011
Seiten/Umfang :      ca. 200 S.
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 10.2011
Aus der Reihe :      SEVEN FANCY 4

CHILL & THRILL – das ist prickelnde Entspannung mit einem Augenzwinkern. 18 Autoren unterhalten Sie auf kurzweilige und sehr abwechslungsreiche Weise. Andrä Martyna hat jede Story zudem mit einer Entry-Grafik versehen. In den vorliegenden Erzählungen landet schon mal ein Detektiv zuerst mit der Nase zwischen den Brüsten seiner Mandantin, statt in einem neuen Fall. Ein wackerer Bauer muss auf kreative Weise seinen Nachbarschaftsstreit beenden. Während es in der neuen Wohnung einer Studentin nicht mit rechten Dingen zugeht. Und am Ende stellt sich dem Leser auch noch die eigenartige Frage: Existiert Bielefeld tatsächlich – oder doch nicht? Der Startschuss ist gefallen: Wir wünschen Ihnen angenehmes CHILLEN und THRILLEN!

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WOLF – Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

Erstellt von Margret Schwekendiek am 21. Oktober 2012

WOLF

Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

Gattung: Canis lupus (Wolf)
Ich bin eine Wölfin, eine aus jenem Geschlecht, das von den Menschen seit Jahrtausenden verfolgt, gejagt und abgeschlachtet wird. Lange Zeit haben wir uns aus dem Einflussbereich der Menschen zurückgezogen, nur wenn der Hunger zu stark und die Beute zu wenig wurde, blieb uns keine andere Wahl, als die Herden anzugreifen. Im Grunde wollten wir nie etwas anderes als die Menschen auch: Respekt. Schließlich sind wir uns irgendwie sehr ähnlich, die Menschen und wir. Das Sozialverhalten ist praktisch gleich, wir sorgen gut für unseren Nachwuchs, leben in geordneten Rudeln und bekämpfen Außenseiter. Eine besondere Komponente kommt allerdings ins Spiel, wo man die Habgier und Eigensucht der Menschen mit unserem Verhalten zu vergleichen sucht, denn das kann nicht funktionieren. Wir besitzen eine klare Hierarchie, vom Alpha-Tier als dem Rudelführer bis hinunter zum letzten Omega-Mitläufer. Auch wenn es hart klingt, dass ein Omega immer der letzte ist, so sorgen wir auf unsere Weise doch für sein Überleben, sofern er das Leben überhaupt verdient. Aber dafür sorgt der Rudelführer schon bei der Geburt. Nicht lebensfähige Welpen werden ohne falsche Barmherzigkeit aussortiert, ein Instinkt, der den Menschen völlig abhanden gekommen ist. Außerdem sind die Menschen der irrigen Ansicht, dass man jedes Leben erhalten muss. Ich bitte Sie, warum die Schwachen oder Dummen erhalten? Sie vernichten das ganze Rudel.

Nichts von diesen Gedankengängen schoss mir durch den Kopf, als ich mit meinem Gefährten durch den kalten Winterwald streifte. Wir hatten seit drei Tagen keine Beute geschlagen, der Hunger zehrte in unseren Eingeweiden, und die Kälte fraß sich durch unser dickes Fell.

Es war eine merkwürdige Zeit bei den Menschen, sie holten sich Bäume ins Haus, wurden seltsam still und friedlich und schienen für kurze Zeit zu einem geordneten Benehmen miteinander zu finden. Leider hielt dieser Zustand nie lange an, aber wir gedachten uns die Ruhe zu Nutze zu machen. Es gab einfach keine andere Beute, wir mussten uns ein Schaf aus der Herde holen.

Mein Gefährte und ich kannten die örtlichen Gegebenheiten, und so wussten wir auch, dass es uns recht einfach gelingen konnte, ein Tier zu reißen und damit zu fliehen. Im Stall gab es ein Loch in der Bretterwand, es war groß genug, um uns Durchschlupf zu bieten, also würden wir auch ein kleines Beutetier hindurch ziehen können.

Das Geschrei der Tiere war unbeschreiblich. Sie drängten sich eng aneinander, senkten zur Abwehr die Köpfe und versuchten uns auszuweichen. Wir rochen die Angst, registrierten die Unruhe und hatten Mühe, ein passendes Tier zu finden. Aber der Hunger machte uns rasend, sonst wären wir angesichts dieser Schwierigkeiten schon längst wieder verschwunden.

Endlich gelang es meinem Gefährten ein Jungtier zu Boden zu werfen, und ich erlöste die heftig strampelnde Beute. Wir durften hier nicht bleiben, es konnte nicht lange dauern, bis der Mensch, dem die Herde gehörte, durch den Lärm angelockt wurde. Mit vereinten Kräften zogen wir die Beute zum Fluchtweg. Ich sprang nach draußen und zog, während mein Gefährte bereits Kampfstellung einnahm, weil der Mensch bereits den Stall betreten hatte.

Laut schimpfend kam ein Mann angelaufen, in der Hand hielt er ein Gewehr. O ja, wir kannten diese tödliche Waffe, die in der Lage war, auf große Entfernung zu töten. Ich zerrte weiter wie wild an der Beute, mein Gefährte sprang laut knurrend und hin und her, stets darauf bedacht, kein ruhiges Ziel zu bieten. Endlich hatte ich das Schaf außerhalb der Wand, mein Gefährte schrie mir zu, ich sollte verschwinden, aber das konnte ich nicht. Ich würde ihn nicht hier allein lassen, und wenn schon jemand sterben musste, dann würden wir das beide sein – oder keiner.

Wir umkreisen den Menschen, der keine Angst zu verspüren schien. Er hatte das Gewehr im Anschlag und folgte unseren Bewegungen, für einen Zweibeiner in ungewöhnlicher Schnelligkeit. Ein Schuss knallte, ich jagte erschreckt Haken schlagend umher und hörte das schmerzvolle Jaulen meines Gefährten. Er war getroffen, Blut sprudelte wild aus einer Wunde an seiner Schulter, und er sank mit einem seltsamen Laut zu Boden. Der Geruch machte mich fast wahnsinnig, und der Gestank aus der Waffe tat ein Übriges. Nur so ist es zu erklären, dass mir die Veränderung an dem Menschen zunächst völlig entging.

Als ich in drohender Pose vor ihm stand, ständig darauf gefasst, einem weiteren Schuss ausweichen zu müssen, warf er das Gewehr plötzlich weg. Er brüllte und begann sich erschreckend zu verändern. Statt mich anzugreifen ließ er sich auf Hände und Füße nieder, knurrte, grollte und stöhnte. Sein Kopf streckte sich, Fell wuchs in rasender Schnelligkeit aus seiner Haut, und aus dem runden Kopf wurde ein lang gezogener – Wolfsschädel.

Längst war mein Jagdtrieb erloschen, ich spürte Hunger und Kälte nicht mehr, stattdessen wich ich zurück und wollte zu meinem Fluchtweg. Mein Gefährte lag tot am Boden, ihm konnte ich nicht mehr helfen, für Schmerz und Trauer würde später noch Zeit sein. Aber die Gefahr befand sich direkt vor mir, ein Menschenwolf – nein, ein Mannwolf, so wie es in unseren alten Liedern und den Überlieferungen der Menschen voller Angst und Ehrfurcht beschrieben wurde. Werwölfe, so nennen Menschen diese verwunschene Gattung, die zu keinem unserer Völker gehört und nur auf Vernichtung aus ist.

Seiner wilden ungezügelten Kraft hatte ich nichts entgegenzusetzen, ich musste flehen, wenn ich mein eigenes Leben retten wollte. Doch das schaffte ich nicht mehr. Der Geruch nach Blut, Hass und ungezügelter Wut wurde erschreckend, und dann war der Werwolf auch schon über mir. Ich jaulte und knurrte, wehrte mich nach Kräften und wusste doch, dass ich unterliegen würde. In dem Augenblick, da ich aufgeben und die Kehle zum finalen Biss strecken wollte, geschah etwas Unvorhergesehenes.

Mein tot geglaubter Gefährte kam noch einmal zu sich und griff mit letzter Kraft den Werwolf an. Der ließ von mir ab. Statt jedoch zu flüchten wollte ich nun meinerseits meinem Gefährten beistehen.

„Flieh“, röchelte der verzweifelt und verbiss sich in die Hinterläufe des Werwolfs. Ich spürte den herannahenden Tod, nach einem letzten traurigen Blick in die goldbraunen Augen meines Gefährten wollte ich nun endlich davonlaufen. Aber nun hatte sich der Werwolf doch noch einmal befreit. Nadelspitze Zähne bohrten sich in meinen Brustkorb, der Schmerz war unbeschreiblich, aber ich riss mich mit einem grauenvollen Heulen los und trabte davon.

Irgendwann kam ich im Wald an und ließ mich auf ein weiches Polster aus Tannennadeln fallen. Mein Rudel hatte Beute gemacht, und ein Stück Fleisch lag für mich bereit. Doch die anderen wichen von mir zurück, irgendetwas schien an meinem Geruch nicht mehr in Ordnung zu sein.

„Du bist nicht mehr eine von uns. Geh und komm nie zurück, wir müssten dich sonst töten.“

So wurde ich aus dem Rudel gejagt und fiel wenig später in rabenschwarze Ohnmacht, so dass ich glaubte, nun wäre mein Tod gekommen. Das hätte ich sogar begrüßt, nachdem mein Gefährte auch nicht mehr lebte.

*

Gattung: Canis versipellis (Wolf – Hund von veränderlicher Gestalt)
Aber ich kam wieder zu mir, seltsame Gedanken schossen mir durch den Kopf, und mein Körper schmerzte unendlich. Es riss mich förmlich auseinander, und mein Jaulen klang schauerlich durch den ganzen Wald. Am liebsten wäre ich gestorben, als ich sah, welche Veränderung mit mir vorging – ich wurde ein Mensch!

Hässliche weiße Haut erschien, als das weiche dichte Fell sich zurückbildete, auf dem Kopf wuchsen stattdessen lange goldene Haare. Ich spreizte die Finger und sah, dass auch die Krallen verschwunden waren. Als ich jetzt zum Mond starrte und den Liedern meines Volkes beim Jaulen neue Erkenntnisse zufügen wollte, klang mein Heulen mit der menschlichen Stimme schal und leer.

*

Ein Mensch! Unwillkürlich schüttelte ich mich und spürte jetzt auch die bittere Kälte. Nun war mir klar, warum die Menschen Felle benutzten, um sich zu wärmen. Doch in mir brannte ein Gefühl, das jeden Gedanken an menschliche Verhaltensweisen auslöschte. Rache!

Dieser Werwolf hatte mit seinem Biss nicht nur mein Leben verändert, so dass das Rudel mich ausgestoßen hatte – dieser Werwolf war der Mörder meines Gefährten! Das konnte ich ihm niemals verzeihen.

Ohne lange nachzudenken trabte ich in Richtung der menschlichen Siedlung. Dieses Mal war ich auf andere Beute aus.

Rücksichtslos drang ich in das Haus ein, ignorierte das Weibchen und die beiden Welpen, die in panischem Schrecken an die Wand zurückwichen. Warum eigentlich? Ich sah doch aus wie ein Mensch, oder nicht? Hätten sie nicht eher erstaunt sein müssen? Egal, mein Ziel war klar.

Der Mann sprang vom Tisch auf, an dem er mit seinem Rudel gesessen hatte. Jetzt hatte er keine Waffe zur Hand und offenbar konnte er sich nicht noch einmal verwandeln. Aber plötzlich sah ich ein Messer in seiner Hand, und es gelang mir nur im letzten Moment auszuweichen. Dann bekam ich ihn zu fassen und schlug meine Fänge in seinen Hals. Er kam nicht mehr dazu, mir gefährlich zu werden.

Der Blutrausch in mir war unglaublich stark. Ich zerfetzte die Kehle, spürte das heiße Blut, das meinen Körper vollspritzte, und schmeckte den Tod. Erst als der Körper sich nicht mehr regte, ließ ich von ihm ab.

Längst waren die Schreie des Weibchens und der Welpen verstummt, sie erwarteten jetzt ebenfalls den Tod. Mir lag nichts daran, diese Wesen zu töten, mein Blutrausch war für den Moment gestillt. Ich warf einen letzten Blick auf den zerfetzten Kadaver, er würde keine weiteren Monstren mehr erschaffen können. Und ich wollte so etwas nicht. Aber ich konnte meine neuen Fähigkeiten für andere Zwecke nutzen, doch darüber wollte ich erst einmal nachdenken.

Jetzt fühlte ich mich unglaublich erschöpft. Mühsam taumelte ich aus dem Haus und schleppte mich zurück in den Wald, wo ich wiederum ohnmächtig zusammenbrach.

*

Gattung: Vivat inter terrarum (Leben zwischen den Welten)
Als ich erwachte, besaß ich meine wölfische Gestalt wieder und lag in einer Höhle. Wie war ich hierher gekommen? Und wer hatte frische Beute an diesem Platz hinterlassen?

Heißhungrig fraß ich, bis nichts mehr übrig war, dann übermannte mich der Schlaf. Als ich erneut erwachte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Ein uralter Wolf saß neben mir und leckte mir von Zeit zu Zeit über das Fell.

„Du bist der große Wolf“, stellte ich ehrfürchtig fest. „Du hast keine Scheu vor mir, obwohl ich eine Bestie geworden bin.“

„Daran bist du unschuldig“, gab er zurück.

„Ich bitte dich, mich zu töten, damit ich keine Gefahr mehr für unser Volk bin“, erklärte ich demütig.

„Nein, das wäre ein sinnloser Tod. Du musst jetzt darüber nachdenken, wie du weiterleben willst. Du hast an dem Menschen blutige Rache genommen, und ich kann dich nicht dafür verurteilen. Aber das Rudel wird dich nicht wieder aufnehmen, du wirst zum Einzelgänger werden. Trotzdem kannst du etwas für unser Volk tun. Ich werde dich zu nichts auffordern, aber denke darüber nach, ob du die Jagd auf unser Volk vielleicht aufhalten kannst.“

Er lief davon, und ich starrte dem alten grauen Isegrim hinterher. Dann schlief ich weiter.

*

Hier bin ich nun. Ich habe mich damit abgefunden, dass mein Platz weder bei meinem Volk noch bei den Menschen ist. In den Vollmondnächten wechsle ich meine Gestalt und setze mich auf die Spur derjenigen, die Wölfe nur um des Vergnügens Willen jagen. Sie werden von mir ausgemerzt, so wie der Rudelführer lebensunwerte Welpen aussortiert, um das Rudel stark zu halten. Es macht mir gar nichts aus, und mittlerweile beherrsche ich meine menschliche Gestalt recht gut; ich habe sogar gelernt Kleidung zu tragen. Doch in der meisten Zeit meines Lebens bin ich das, was ich immer war und für den Großen Wolf auch immer sein werde: Canis Lupus, die Wölfin.

Copyright (c) 2012 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Schwarze Katzen-400×600-41-128-41.jpg ” (Originaltitel: 20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchtipp der Autorin/Redaktion:

Stösser, Achim / Carpenter, Tanya / Stone, Melanie / Schwekendiek, Margret / Budinger, Linda / Zietsch, Uschi / Peinecke, Niklas / Montillon, Christian / Hilleberg, Florian / Isenberg, Jörg / Wesensbitter, Mikis / Schweikard, Thorsten / Moritz, Mario / Haubold, Frank W. / Martyna, Andrä
DER PERFEKTE FRIEDE

Dark Wor(l)ds 1

Herausgegeben von Bionda, Alisha. Zeichnungen von Moritz, Mario. Vorwort von Urbanek, Hermann
Verlag :      p.machinery
ISBN :      978-3-942533-05-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,90 Eur[D] / 14,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 22.05.2011
Seiten/Umfang :      ca. 196 S. – 190,0 x 120,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 05.2011
Aus der Reihe :      Dark Wor(l)ds 1

Ein bunter Mix aus den unterschiedlichsten SF-Themenkreisen:
Die Bandbreite der gebotenen Beiträge reicht von reinen Pointenstorys bis zur Aufarbeitung gesellschaftlicher und politisch relevanter Themen, von Alternativwelt- und Zeitreise-Geschichten über Space-Opera-Texte, humoristisch-groteske Beschreibungen der Verlagsszene, Erstkontakte mit Fremdlebewesen der unterschiedlichsten Art und Lösungen geschichtlicher Fragen bis hin zu Projektionen heutiger Probleme in die nähere Zukunft. Aber Vorsicht! Oft trügt der Schein, und die Lösung, die der Autor für sein fragliches Problem gefunden hat, ist nicht immer die, die der Leser erwartet.

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AM ENDE STEHT DAS WORT – Eine Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

Erstellt von Margret Schwekendiek am 7. Oktober 2012

AM ENDE STEHT DAS WORT

Eine Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

11 Uhr Vormittag, Treffpunkt Literaten-Ghetto
Anwesend sind der Reporter der Com-Central-Cableworks (CCC), Jason Low, sowie etwa zwanzig neugierige Zuschauer. Rundum sechs Wächter in den grauen Uniformen der Book-Guard

JaLo: Alle Achtung, meine Damen und Herren an den Tri-Vi-Geräten daheim, liebe Zuschauer. Wir haben zwanzig mutige Menschen gefunden, die bereit sind, mich heute auf der Exkursion in das Literaten-Ghetto zu begleiten. Natürlich sind wir gut abgesichert, die Book-Guard wird dafür sorgen, daß niemand mit dem schädlichen Virus des Lesens angesteckt werden kann. Aber wir werden Ihnen heute diese Reportage zeigen, um Ihnen allen zu versichern, daß niemand von uns Gefahr läuft, einem dieser Infizierten nahe zu kommen. Wir wollen Ihnen beweisen, daß diese Andersartigen gut weggeschlossen sind – ebenso übrigens wie die Bücher, mit denen ohnehin keiner von uns etwas anfangen könnte. Und vielleicht wird es auch einige von Ihnen interessieren, was diese Literaten überhaupt in ihrem Ghetto tun. Immerhin war die Regierung gezwungen, für ihre Sicherheit zu sorgen, nachdem es durch eine wahre Inflation an Büchern während des großen Vid-Medienaufbaus fast zu einer Revolution der Literaten gekommen wäre. Doch diese Krankheit wurde eingedämmt, und heute können wir sie als fast ausgerottet bezeichnen.

(JaLo greift sich einen der Besucher heraus)
He, hallo, Sie – Sie werden heute einer meiner Begleiter sein. Was stellen Sie sich vor, was uns da hinter diesem undurchsichtigen Elektrozaun erwartet?

Besucher: Ich weiß nicht recht. Ich bin nur hier, weil ich die Eintrittskarten und das anschließende Essen mit Ihnen gewonnen habe. Und es interessiert mich auch nicht besonders, was die da drinnen mit dem Papier anstellen. Lesen – das ist doch anstrengend, und außerdem muß man dabei denken. Wer will das schon? Geben Sie mir gleich ein Digigramm für meine Nichte? Und darf ich meine Mutter grüßen? – Hallo, Mami, ich bin im Tri-Vi. Es ist wirklich wahr. (Winkt fröhlich in die Kamera)

JaLo: (Zieht den Mann aus dem Blickfeld) Großartig, hier haben wir also schon mal einen der Gewinner. Ich bin sicher, dies hier wird ein unvergeßliches Erlebnis für Sie werden. Aber trotzdem wiederhole ich meine Frage, jetzt aber an jemand anders: Was erwarten Sie im Ghetto?

Besucher: Nun, ich denke, da drin befinden sich alle die Menschen, die sich der großartigen Rundum-Betreuung durch die verschiedenen Tri-Vi-Sender entziehen, indem sie lesen und schreiben.

JaLo: Eine gute Antwort, mein Lieber, eine hervorragende Antwort – und sogar richtig. Diese armen bedauernswerten Wesen bestehen auf der verrückten Ansicht, daß Bücher, Stifte und Papier zu ihrem Leben gehören. Sie haben bis heute nicht begriffen, daß es für jeden von uns einfacher und verständlicher ist, über die Tri-Vi-Sender oder die 4-D-Audits, die neuen interaktiven Hör-Marathons, die Welt zu erleben. Ich gehe davon aus, liebe Zuschauer, daß Sie, ebenso wie ich, keine endlos lange Zeit mehr mit dem Erlernen des Lesens verschwendet haben. Heutzutage gibt es schließlich den allgegenwärtigen Comp-Link, den Computer, der aufs Wort gehorcht. Die neue Version der Firma Microgates ist übrigens sogar in der Lage, Ihre Träume zu analysieren. Sie bekommen die neue Version als Upgrade über den Tri-Vi-Link von CCC für lächerliche 99 Credits. Lassen Sie sich diese neuartige Berieselung nicht entgehen, Sie verpassen sonst etwas. Aber versuchen wir, beim Thema zu bleiben. Die Technik macht stets weitere Fortschritte. Wozu sollte sich noch jemand die Mühe machen, seine Augen und seinen Kopf mit sinnlosen Buchstaben vollzustopfen? Vielleicht können wir dieser Frage heute noch auf den Grund gehen, denn die Book-Guards, unsere Beschützer, führen uns nun endlich durch den streng abgesicherten Eingang. Wir betreten eine andere Welt, liebe Zuschauer. Nun ja, bis jetzt sieht es hinter dem Elektrozaun noch relativ normal aus. Kleine Häuser stehen in Reih und Glied, so wie in anderen Siedlungen auch. Nur wenige Menschen sind auf der Straße zu sehen.

Sie, hallo, Sie sind ebenfalls Besucher. Was halten Sie davon?

Besucher: Ich finde, daß diese ganze Anlage sehr teuer und großzügig ausgestattet ist. Ich bin erstaunt, wie viele Steuergelder ausgegeben werden, um diese Außenseiter der Gesellschaft so luxuriös unterzubringen. Davon abgesehen wirken sie wie ganz normale Menschen. Sind sie wirklich so gefährlich? Ich meine – lesen und schreiben ist doch sicher etwas, was unsere Vorfahren einmal alle gekonnt haben… (Bevor er zuende sprechen kann, wird er von kräftigen Männer der Book-Guard betäubt und abgeführt)

JaLo: Sie sehen, liebe Zuschauer, dieser Virus ist tatsächlich überall aufzufinden. Wir alle müssen sehr wachsam sein, um die Ansätze gleich auszurotten, bevor solche defätistischen Ansichten Zugang in unsere schöne bunte Tri-Vi-Welt finden. Hat dieser Mann nicht ausgesehen wie ein ganz normaler Mensch? Aber das macht sie ja gerade so gefährlich, daß man ihnen nicht schon am Gesicht ansehen kann, daß sie Literaten sind. Bei alledem dürfen Sie als normaler Mensch aber nicht vergessen, daß einige dieser Außenseiter dazu verpflichtet sind, der Regierung beizustehen. Leider ist es immer noch notwendig, daß neue Programme für unsere Computer eingerichtet werden. Es sollte daher in unserem Interesse sein, daß diese Wesen zufrieden sind, damit wir alle davon profitieren können. Aus diesem Grund werden sie auch relativ gut behandelt. Aber jetzt wollen wir doch endlich eines dieser Häuser betreten, um festzustellen, was die Literaten von uns normalen Menschen unterscheidet. Für Sie daheim, liebe Zuschauer, gibt es jetzt eine kleine Werbepause mit den neuesten Produktinformationen. Schalten Sie nicht ab, hier geht es gleich spannend weiter.

Werbeeinblendungen

JaLo: Hier also befinden wir uns in einer sogenannten Studierstube. Und wirklich, meine lieben Zuschauer, es wirkt für uns, die wir uns hier befinden, noch grauenerregender als für Sie an den Bildschirmen. All diese Bücher, Relikte aus einer längst vergessenen Zeit, die uns noch dunkler vorkommt als das Mittelalter. Ich bin sicher, niemand von Ihnen hegt ernsthaft den Wunsch, sich damit abzugeben. Aber hier haben wir einen der Literaten. Fragen wir ihn, warum er sich selbst außerhalb der bestehenden Medien-Gesellschaft stellt. Also – Mister – ach, Sie sind Nummer 138911-4? Was hat Sie dazu gebracht, sich dem allgegenwärtigen Tri-Vi-Konsum zu entziehen und sich stattdessen der Vergangenheit, also dem gedruckten Wort, zuzuwenden?

Literat: Das ist einfach zu erklären und für jemanden wie Sie wahrscheinlich schwer zu verstehen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß Sie alle, die Sie sich rund um die Uhr von nichtssagenden Sendungen berieseln lassen, nicht mehr in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden? Sie haben die Geschichte verdrängt, aus der wir eigentlich alle lernen sollten. Sie haben die großen Dichter und Denker totgesagt, die noch in der Lage waren, uns etwas zu vermitteln. Sie alle sind gleichgeschaltet, haben nur noch eine Meinung, die Ihnen von außen eingeflößt und von der herrschenden Klasse bestimmt wird. Sie alle wissen nichts mehr über die Welt, die Vielfalt der Natur, und schon gar nichts mehr darüber, daß wir alle eigentlich ein fruchtbares Miteinander, meinetwegen auch Gegeneinander, bilden sollten. Menschen haben einmal dafür gekämpft, lesen und schreiben erlernen zu dürfen…

JaLo: Ja, danke, ich glaube, das reicht jetzt. Aber wer braucht schon eine eigene Meinung, liebe Zuschauer?

(Schiebt den Literaten beiseite) Sie haben uns jetzt sehr ausführlich erklärt, daß Sie sich nicht bereit finden wollen, gesellschaftskonform zu leben. Auch ich halte Ihre Ansichten für extrem gefährlich. Und ich denke, wir sollten diesen Besuch jetzt abbrechen. Sie sehen, liebe Zuschauer, es ist eine Art Geisteskrankheit, von der die Literaten befallen sind, und wir tun gut daran, sie wegzusperren, zu unser aller Bestem. Wie auch ich sehnen Sie sicherlich alle den Tag herbei, an dem wir auf die Hilfe dieser Außenseiter nicht mehr angewiesen sind, den Tag, da auch die letzten hoheitlichen Aufgaben endlich komplett von den Computern übernommen werden können. Und dann wird es hoffentlich auch möglich sein, solche fehlgeschalteten Individuen schon vor der Geburt zu erkennen und zu eliminieren. Bis dahin kann ich Ihnen allen nur raten, achten Sie auf Ihre Nachbarn, Freunde und Bekannten. Sorgen Sie dafür, daß diese gefährlichen Außenseiter nicht frei zwischen uns herumlaufen können. Melden Sie jeden Verdächtigen der Book-Guard, um jede Gefahr gleich aus dem Verkehr zu ziehen. Unsere Sendezeit für diesen außergewöhnlichen Besuch ist um. Wir verwöhnen Sie mit einer kleinen Werbepause, danach schalten wir um zur täglichen Quiz-Show „Rate oder stirb“. Die heutigen Gladiatoren werden bemüht sein, Sie bis zu ihrem bitteren Tod zu unterhalten. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Jason Low fuhr mit seinem Schwebegleiter nach Hause, verschloß alle Türen und Fenster, steckte sich Pfropfen in die Ohren, um die Dauerberieselung durch die nicht ausschaltbaren Monitore abzublocken. Dann öffnete er ein Geheimfach und nahm einen Gegenstand heraus. Wenig später glitt ein Lächeln auf sein Gesicht. In den Händen hielt er ein Buch, in dem er mit Vergnügen las: William Shakespeare „Viel Lärm um Nichts“.

ENDE

Copyright (c) 2012 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer mehr von dieser Autorin lesen möchte sollte sich mal ihren Roman anschauen:

Schwekendiek, Margret
TIME TRAVELLERS

Mit Trans-Time-Net durch die Zeit

Herausgegeben von Bionda, Alisha
Verlag :      p.machinery
ISBN :      978-3-942533-10-2
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Seiten/Umfang :      ca. 188 S. – 190,0 x 120,0 cm
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Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.2012
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Die TTN setzt via Zeitnetz Erlebnisreisen an, spezielle Reisebegleiter sorgen dafür, dass keine Paradoxa entstehen. Leider klappt das nicht immer, und es stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass fast alle großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte auf den Einfluss der Zeitreisenden zurückzuführen sind – sei es durch einen Unfall, Absicht oder auch Bösartigkeit.

Cate Nichols, 32 Jahre alt, attraktive Individualistin mit einem Hang zu interessanten Männern für ein Abenteuer, arbeitet seit einiger Zeit für die TTN und hat eine umfassende Schulung hinter sich. Beim staatlichen Sicherheitsdienst wurde sie suspendiert wegen zu großer Härte im Einsatz, nach einer Persönlichkeitserneuerung stellt die TTN sie an, weil sie Leute braucht, die manchmal über die moralischen Grenzen hinweggehen können.

Der Sicherheitschef und zugleich Vorgesetzter von Cate Nichols ist Cashmere Ogilvie, von seinen Freunden liebevoll Cashogi genannt. Er koordiniert nicht nur den aufwendigen Sicherheitsapparat der TTN, er schult auch die Reiseleiter, die von niemand anderem Befehle annehmen. In der Zentrale der TTN kommt es zu Spannungen, als die Regierung versucht das Monopol zu brechen.

Die Zeitreise entpuppt sich als Fiasko, als einer der Reisenden das Netz verlässt, Cate muss ihn wieder aufspüren, die übrigen bleiben allein zurück, und der Konflikt zwischen Frauen und Männern schwelt in einer ziemlich beengten Situation.

Die Geschichte, aus Sicht einer Frau geschrieben, beschäftigt sich weniger mit der Technik als vielmehr mit dem Leben selbst. Gefühle, Ereignisse und Wahrnehmungen aus dem heutigen und dem fiktiven zukünftigen Leben zeigen deutlich, dass die Menschen immer Menschen bleiben werden – und Frauen bleiben immer Frauen.

Margret Schwekendiek, Jahrgang 1955, schreibt seit fast zwanzig Jahren professionell und hat schon viele Genres bedient. Ihre Leidenschaft liegt eindeutig in der SF und im Horror. Neugier, Kreativität und Fantasie gehen Hand in Hand, wenn ein neues Projekt ansteht. Eine Geschichte über Zeitreisen war schon lange ein Herzenswunsch.

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BERLIN-CENTRAL – Leseprobe aus dem Science Fiction-Roman “Time Travellers” von Margret Schwekendiek (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2012″ – Geteilter Preis)

Erstellt von Detlef Hedderich am 4. April 2012

BERLIN-CENTRAL

Leseprobe

aus dem Science Fiction-Roman “Time Travellers”

von

Margret Schwekendiek

(Vorgeschichte)

Sommer 2734 – 4. September 2736 Berlin-Central

Vorbereitungen

Trans-Time-Net Inc. steht in blauen Lettern auf silbernem Grund über dem beeindruckenden Portal des schlanken Hochhauses mitten in Berlin-Central, nicht weit von der Spree entfernt, deren Grundstücke in Ufernähe als die teuersten Plätze der Stadt gelten. Wer das TTN-Gebäude zum ersten Mal sieht, bekommt rasch einen Schwindelanfall, denn es erstreckt sich unendlich hoch und erreicht tatsächlich die Wolken. An klaren Tagen kann man jedoch das ungewöhnliche Logo erkennen, das auf der Spitze des Turmes prangt: Eine Art Spinnennetz, in dessen Zentrum eine Spirale ins Unendliche zeigt. Wer auch immer dieses Zeichen entworfen hat, derjenige besitzt ein Gefühl für Symbolik. Denn die TTN sitzt tatsächlich wie eine Spinne in ihrem Netz, sie zieht alle Fäden, die auch nur im entferntesten mit dem Thema Zeitreisen zu haben – und sie allein besitzt das Monopol auf diese Veranstaltungen.

Das oberste Gebot, das, welches man gleich am Eingang eingehämmert bekommt, ist Verschwiegenheit. Selbst über alltägliche Vorgänge wird der Mantel des Geheimnisses gebreitet, um für den Besucher oder Touristen so undurchschaubar wie möglich zu werden. Das hat letztendlich dazu geführt, dass die Sicherheitsabteilung der TTN fast größer ist als diejenige für Entwicklung und Forschung.

Als ich mich bei der TTN beworben habe, hatte ich eigentlich im Sinn, bei der Security anzufangen. Aufgrund meiner Ausbildung hielt ich mich für die beste Wahl. Meine Überraschung war groß, als Cashmere Ogilvie mich für die Reiseleitung auswählte. Schnell begriff ich aber auch, wie er auf diesen Gedanken kam.

„Sehen Sie, Miss Nichols, unsere Zeitreisen sind ausgesprochen exklusive Veranstaltungen. Nur eine Minderheit der Menschheit kann sich diese Art Luxus leisten. Leider ist es aber auch so, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe glaubt, aufgrund von Reichtum oder Herkunft besonders privilegiert zu sein. Anweisungen zu befolgen gehört nicht zu dem, was diesen Leuten in irgendeiner Form zusagt. Da es jedoch von immenser Wichtigkeit ist, dass alle Reisenden innerhalb des Zeitnetzes bleiben, wird es unter anderem Ihre Aufgabe sein, Ausbrüche zu verhindern und im schlimmsten Fall die Ausreißer zurückzuholen. Es handelt sich um eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Sie werden eine Menge Autorität benötigen – und Ihre unbestreitbaren Talente, die Sie als Agentin für den staatlichen Sicherheitsdienst ausgezeichnet haben. Gleichzeitig werden Sie eine Menge Diplomatie aufbringen müssen, um diese Leute bei Laune zu halten und jedem einzelnen das Gefühl zu geben, dass allein er die wichtigste Person der Gruppe ist. Sie haben jetzt die Rahmenbedingungen gehört. Trauen Sie sich diese Aufgabe zu? In einer Stunde will ich Ihre Antwort, Miss Nichols. Denken Sie gut darüber nach. Diese Antwort könnte Ihr ganzes Leben verändern.“

Ich wäre eine Närrin gewesen, Nein zu sagen, und doch dachte ich in dieser Stunde darüber nach. Wer zur TTN geht, verkauft in gewisser Weise seine Seele, aber das wusste ich damals noch nicht. Jetzt ist es auf jeden Fall zu spät, um einen Rückzieher zu machen, doch im Grunde will ich das auch gar nicht. Meine Arbeit ist interessant und entspricht genau meinen Neigungen – auch wenn der Charakter einiger Vorgesetzter und besonders einiger Zeittouristen sehr zu wünschen übrig lässt. Nun gut, daran werde ich kaum etwas ändern können. Doch ich habe mittlerweile festgestellt, wie faszinierend es ist, die Geschichte der Menschheit aus nächster Nähe zu erleben, darauf möchte ich nicht gern verzichten. Wenn da nur nicht ständig die Besserwisser und gelegentlichen Ausreißer wären.

Ich kann mich noch genau an meine erste Zeitreise erinnern. Gewissermaßen zum Einstand sollte ich ein Ehepaar betreuen, zwei ältere Leutchen, die noch einmal zu ihrem allerersten Treffen zurückgehen wollten. Ein einfacher Auftrag, eine kurze problemlose Reise – so dachte ich. So dachten alle, auch Cashogi, wie Cashmere Ogilvie von uns allen genannt wird. Doch gerade er hätte es besser wissen müssen, er kannte die beiden recht gut.

Bernhard und Grace Driscoll waren seit fast zwanzig Jahren verheiratet, und im Laufe der Zeit hatten offenbar die Erinnerungen der beiden gelitten. Jedenfalls stritten sie vehement darüber, wie das erste Treffen vor einundzwanzig Jahren abgelaufen war. Nun, eine Zeitreise war sicherlich die beste Möglichkeit, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Die obligatorische medizinische Untersuchung brachte zutage, dass Bernhard an einem Herzfehler litt, der zuerst behandelt werden musste. Bei der heutigen Medizintechnik kein Problem. Drei Tage später konnte es schon losgehen.

Die beiden Driscolls und ich benutzten das TTN-eigene Shuttle zum Knotenpunkt in der Raumstation, von wo aus wir starten wollten. Die TTN hat viel Geld und Beziehungen gebraucht, um die eigene Station, die für Zeitreisen benutzt wird, ins All zu bringen. Normalerweise kontrolliert die Regierung jeden noch so kleinen Satelliten, selbst die für das Navigations- und Teleportsystem. Aber diese Station, die permanent von drei Personen besetzt ist, wird nicht einmal staatlich überwacht. Nun gut, der Aufsichtsratsvorsitzende Hagen von Bolldorf besitzt in der Tat viel Macht, und wahrscheinlich weiß er auch, was er tut.

Wir drei wurden im Hangar von Dr. Lefebvre in Empfang genommen und gleich zum Knotenpunkt geschickt, der für jede Reise und die entsprechende Personenzahl immer neu erstellt werden kann. Ein kreisrunder Raum mit einigen Schalensesseln erwartete uns. Die Wände dort sind glatt und schmucklos. Ich kannte die Theorie. Auch in der Vergangenheit würden wir in einem solchen Raum herauskommen, vielleicht handelte es sich sogar um den gleichen Raum, der mit uns versetzt wurde, zu der Zeit interessierte mich das noch nicht. Er befand sich in einer Zeitblase, einem zeitlichen Kontinuum, und konnte von den Menschen der Vergangenheit nicht entdeckt werden. Neben dem Kotenpunkt als Aufenthaltsraum gab es auch zwei Schlafräume für je zwei Personen, eine Vibrationsdusche und einen Nahrungsautomaten. Zeittouristen müssen autark sein, nur in Ausnahmefällen und nach vorheriger Absprache durfte das Kontinuum verlassen werden, um zum Beispiel Nahrung der entsprechenden Epoche zu kaufen, ein solcher Ausflug kostete allerdings extra viel Geld, denn es galt, jede Möglichkeit eines Paradoxons schon im Vorfeld zu berechnen und damit zu verhindern. Selbstverständlich besaß ich für die jeweilige Zeit das entsprechende Geld.

Heute war nicht mit ungewöhnlichen Vorfällen zu rechnen, unsere Reise sollte nur etwa vier Stunden dauern.

Dr. Lefebvre implantierte die Neuraltransmitter in den Handgelenken der beiden, sie konnten später problemlos wieder entfernt werden, ich selbst trug ein permanent sendendes Gerät, das man mir dauerhaft eingesetzt hatte. Neurochips wurden den beiden in den Oberarm injiziert, sie wanderten zum Gehirn und lösen sich nach einiger Zeit wieder auf. Mit ihnen konnte jedoch bei einem Unfall oder einem Ausreißer die ungefähre Position festgestellt werden. Niemand sollte in der Zeit verloren gehen – gewollt oder ungewollt. Schon gar nicht solche Leute, die über beste Verbindungen in die Konzernzentrale verfügen.

Nun gut, wir wurden endlich fertig, wobei mir bereits auffiel, dass die beiden grundsätzlich gegenteiliger Meinung zu sein schienen, selbst bei Nebensächlichkeiten.

Der Durchgang war kaum zu spüren, und als ich meine Reisenden aufforderte mir folgen, konnten sie kaum glauben, dass wir bereits angekommen waren.

Das Jahr 2715 unterschied sich nicht besonders von unserer aktuellen Zeit, und im Schutz unserer Zeitblasen verließen wir den Knotenpunkt und befanden uns nach kurzem Spaziergang schon in dem riesigen Vergnügungsviertel der Stadt München-Plus.

Die Stadt war auf den Überresten der alten Stadt München aufgebaut, und man hatte aus Nostalgie einige der alten Gebäude erhalten, die sich mitten im Zentrum befanden. Heute bildeten sie den Mittelpunkt des Vergnügungsviertels. Das Hofbräuhaus war aus einer speziellen Zementmischung neu aufgebaut und haltbar gemacht worden, und ich schüttelte nicht zum ersten Mal den Kopf über die primitive Weise sich zu vergnügen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Alkohol, aber wenn die Auswirkungen nicht beherrscht werden können, ist es relativ sinnlos, die Menschen unter dem Vorwand, sich besser zu amüsieren, damit zu konfrontieren. Heute genügt nach dem Alkohol eine kleine Tablette, und innerhalb von Minuten ist der Normalzustand wiederhergestellt. Unfälle im Rauschzustand sind sowieso ausgeschlossen, unsere Verkehrsmittel fahren zum größten Teil vollautomatisch.

Aber gerade in solchen Amüsiervierteln gibt es auch immer wieder Möglichkeiten, an illegale Drogen heranzukommen, deren Wirkung nicht zu unterschätzen ist.

Zum Glück hatte ich auch aus dieser Richtung keinen Ärger zu befürchten, die beiden Driscolls waren meiner Meinung nach viel zu ängstlich, um etwas so eindeutig Illegales zu tun. Ob sich diese Zurückhaltung auch geschäftlich auswirkte, wusste ich nicht, und es interessierte mich auch nicht. Das einzige, was mich irritierte, war die Tatsache, dass die beiden in ihrer Jugend hier gewesen sein sollten. Abgesehen von den Streitereien untereinander hielt ich sie für absolut harmlos und erzkonservativ.

„Wo hat denn Ihr erstes Treffen stattgefunden?“, wollte ich jetzt wissen.

„Im Konzertsaal, bei denen Rising Eagles“, kam es von Grace.

„In der Retro-Disco“, sagte zur gleichen Zeit Bernhard.

Die schlanke Frau mit den perfekten weißen Zähnen und den blauen Haaren über einem faltenlosen Gesicht, blickte ihren Mann an. „Musst du eigentlich immer eine andere Meinung haben als ich?“, fauchte sie.

„Wenn dein Gedächtnis dir Streiche spielt, ist das wohl unvermeidbar“, kam die trockene Antwort.

„Entschuldigung, streiten Sie bitte zu einem anderen Zeitpunkt weiter, sonst wird die Zeit knapp“, unterbrach ich die erneut aufkommende Diskussion. „Wir haben nur vier Stunden, und so sollten wir nichts davon verschwenden. Gehen wir zuerst ins Konzert, und danach in die Disco, falls es noch nötig ist.“ Dieser Kompromiss wurde angenommen.

Die Konzerthalle war nach alten Vorlagen dem ehemaligen Hauptbahnhof nachgebaut. Statt der Schienen war jedoch eine moderne Bühne installiert, es gab Sitzplätze und Stehtribünen, und selbst ohne Konzert herrschte hier eine Menge Publikumsverkehr.

„Nun, wo haben Sie denn gesessen oder gestanden?“, erkundigte ich mich und versuchte die zahllosen Besucher, die zu ihren Plätzen strömten, im Auge zu behalten, ob ich die beiden Driscolls als jüngere Version irgendwo entdecken konnte. Natürlich hatte ich Bilder der beiden gesehen, ich würde sie bestimmt erkennen. Aber nun war es Grace, die einigermaßen ratlos wirkte.

„Hier stimmt etwas nicht, die Umgebung war ganz anders, und hier treten auch gerade nicht die Rising Eagles auf. Es sieht fast so aus…“

„… als hättest du dich getäuscht“, erklärte Bernhard schadenfroh. „Also los, auf in die Disco.“

„Warten Sie noch fünf Minuten, nur um sicher zu sein, dass Ihre Frau sich wirklich getäuscht hat. Bis dahin dürften die meisten Besucher ihre Plätze aufgesucht haben, und ich werde mit dem automatischen Gesichterscan einen Versuch machen.“

„Meinetwegen tun Sie, was Sie nicht lassen können“, gab er süffisant zurück.

Aber wie ich schon vermutet hatte, gab es die beiden nicht, also gingen wir weiter zur Retro-Disco. Ein Höllenlärm empfing uns, und ich glaubte für einen Moment meinen Augen nicht zu trauen. Ich war zum ersten Mal in dieser Art Disco und hatte kaum eine Vorstellung, was sich dort abspielte. Hierher kamen Menschen, die sich benahmen wie halb oder völlig Verrückte in einer vergangenen Zeit. Auf verschiedenen Tanzflächen hopsten und stampften Menschen in seltsamen Kostümen herum, die Moderichtungen waren total unterschiedlich, ebenso wie die Musik, wie ich schon am Rhythmus der Tänze erkennen konnte. Die Musik selbst wurde über Schallisolatoren auf die jeweilige Tanzfläche begrenzt. Der unglaubliche Lärm hier drinnen kam von den Leuten, die sich außerhalb der begrenzten Flächen befanden. Wie konnte man es hier länger als nur zwei Minuten aushalten, wenn man nicht hier sein musste?

Das Entsetzen spiegelte sich vermutlich in meinem Gesicht, denn Bernhard blickte mich spöttisch an. „Das ist offenbar kein Freizeitvergnügen für Sie?“

„Nein, ich ziehe etwas anderes vor.“

Wir mussten uns anschreien, um uns verständlich zu machen.

„In welcher Epoche sind Sie gewesen?“, fragte ich und machte eine hilflose Handbewegung in die riesige Halle hinein.

„Die siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts“, kam es von ihm spontan, und ich versuchte mich zu orientieren.

Aber seine Frau hatte den Weg schon längst gefunden, sie ging zielstrebig auf eine der Bühnen zu und wiegte sich dabei in den Hüften. Diese beiden erstaunten mich immer wieder. Konzentriert glitten meine Augen über das Publikum, doch auch hier musste ich einen Scan durchführen, das Gewimmel ließ es nicht zu, einzelne Personen zu erkennen.

„Nein, Sie sind beide nicht hier“, erklärte ich wenig später.

„Dein Gedächtnis lässt also auch nach“, erklärte Grace genüsslich.

„Hüte deine Zunge“, fuhr er sie an. Bevor erneut ein Streit ausbrechen konnte, zog ich die zwei aus der Disco hinaus, um endlich dem infernalischen Krach zu entfliehen. Schließlich standen wir wieder in der großen Verteilerhalle. Blinkende Hologramme priesen alle Vergnügungen an, die man sich nur vorstellen konnte, zahllose Menschen schlenderten suchend oder gelangweilt umher, andere hasteten zielstrebig auf bestimmte Etablissements zu. Wir standen mitten in der Menge, und doch konnte niemand uns sehen. Wir befanden uns im Schutz des Zeitnetzes, und es kam sogar vor, dass jemand durch uns hindurchging, ohne etwas davon zu bemerken.

„Was nun?“, fragte ich das Ehepaar. „Offenbar hat die Erinnerung Sie beide getäuscht. Es tut mir leid, dass Sie Ihr Geld scheinbar umsonst ausgegeben haben. Wir haben noch etwas über eine Stunde Zeit, möchten Sie vielleicht etwas anderes sehen? Oder fällt Ihnen vielleicht doch noch ein, wo Ihr erstes Treffen stattgefunden hat?“

In diesem Augenblick funktionierte so etwas wie mein siebter Sinn. Ich sah eine Gestalt in einen Club hineingehen. Während Grace und Bernhard weiterhin in scharfen Worten ihre Uneinigkeit demonstrierten, konzentrierte ich mich auf den Club.

„Kommen Sie mit“, forderte ich, und die beiden folgten mir verblüfft. Ein Single-Club, in dem einsame Menschen versuchten einen Partner zu finden – für ein paar Stunden, eine Nacht oder sogar einige Tage. Nur selten entstanden daraus dauerhafte Beziehungen.

„Da sind Sie“, sagte ich und deutete auf eine Frau, die gerade schüchtern suchend durch den Saal schritt. Ich gestehe, ich musste mir das Lachen verbeißen.

Grace wirkte scheu und harmlos, bis sie einen Mann gesehen hatte, der offenbar ihrem Beuteschema entsprach. In dem Augenblick veränderte sie sich völlig. Der Körper wurde straff, sie hielt den Kopf aufrecht, und ihre Augen funkelten. Verführerisch leckte sie sich über die Lippen und ging mit einem ausdrucksvollen Hüftschwung auf den Mann zu, der allein an einem Tisch saß und die anwesenden Frauen musterte. Also nicht Bernhard, wie ich sehen konnte.

Grace sprach mit ihm und setzte sich unaufgefordert. Wir waren nicht nahe genug heran, um etwas zu verstehen, doch es war unschwer zu erkennen, dass ihre Anmache bei ihm nicht wirkte. Er schüttelte unwillig den Kopf, und als die Frau noch näher rückte, stand er abrupt auf.

Bernhard neben mir mühte sich, ein lautes Gelächter zu unterdrücken, während seine Frau wütend zischte. Die junge Grace stampfte zornig mit dem Fuß auf, als der Mann sich davon machte. In diesem Augenblick entdeckte ich Bernhard, der gerade ebenfalls einen Korb erhalten hatte. Reiner Zufall führte die beiden zusammen, als Grace über die eigenen Füße stolperte und direkt in seinen Armen landete. Er zog sie einfach auf die kleine Tanzfläche, auf der ein paar wenige Paare im Takt leiser Musik hin und her schoben. Doch es hielt die beiden nicht lange dort. Hand in Hand verließen sie den Club und unterhielten sich angeregt.

„Nun, dann wäre diese Sache doch endlich geklärt“, sagte ich zufrieden.

Doch die beiden begannen schon wieder mit ihrem Streit. „Das war voll und ganz geplant“, behauptete er. „Es gab nicht den geringsten Grund in meine Arme zu stolpern.“

„Du hast dich förmlich dorthin geworfen, wo ich gerade stand, nur um mich aufzufangen“, fauchte sie zurück.

„Da haben wir es gerade gesehen, dass du auf reiche Beute aus gewesen ist“, fuhr er fort.

„Und du hattest nichts besseres zu tun, als dich mir an den Hals zu werfen. Das sagt man doch sonst nur Frauen nach“, behauptete sie.

„Ich hatte einfach Mitleid…“.

„Entschuldigen Sie“, mischte ich mich ein und erntete empörte Blicke von den beiden. „Wir sollten uns nun in aller Ruhe auf den Rückweg machen, Mr. und Mrs. Driscoll. Ich kann allerdings nicht einsehen, worüber Sie jetzt noch etwas zu streiten haben.“

„Wir streiten nicht“, behauptete sie stur.

„Das hört sich aber so an. Wenn Sie sich nicht vertragen können, ist mir absolut unklar, warum Sie überhaupt zusammenbleiben. Ihre persönlichen Differenzen scheinen so groß zu sein, dass Sie sich vielleicht scheiden lassen sollten.“

Für einen Augenblick herrschte lähmende Stille, und ich fühlte die Blicke der beiden wie körperliche Berührungen. Aber dann gingen sie förmlich auf mich los, beschimpften mich übel und machten Anstalten mich anzugreifen. Nun gut, diese beiden würde ich mit links und verbundenen Augen noch besiegen können. Aber das war ja nicht Sinn und Zweck dieser Reise.

Ich lernte in diesem Augenblick einen sehr wichtigen Grundsatz. Halte deine eigene Meinung zurück, solange nicht jemand danach fragt. Ich hatte mir zwei Feinde gemacht, und dabei war ich der Ansicht gewesen, dass die beiden so nicht länger zusammenleben konnten. Aber offenbar benötigten die zwei ihre Streitereien in ihrem Leben wie Luft zum Atmen. Es gelang mir nur mühsam, die beiden soweit zu beruhigen, dass wir die Rückreise vornehmen konnten, und ich rechnete mit einem heftigen Donnerwetter von Cashogi.

Entnervt und angespannt setzte ich mich in meinem bequemen Sessel auf, während Grace und Bernhard noch benommen liegen blieben. Dr. Lefebvre nickte mir zu, alles in Ordnung. Ich verließ den Raum und begab mich zum Shuttle, mit dem ich allein in die Zentrale nach Berlin zurückkehren würde, das Ehepaar würde direkt mit einem Privatflugzeug in die Heimatstadt gebracht werden.

Noch immer fand ich den Anblick des TTN-Hauptquartiers beeindruckend, aber nach dieser ersten Reise war es durchaus möglich, dass ich im hohen Bogen aus der Crew der Trip-Commander geworfen wurde. Wie hatte ich nur so dumm sein können?

Cashmere Ogilvie saß in seinem Büro, das kühl und sachlich wirkte. Nicht einmal ein Foto war irgendwo zu sehen. Es gab nichts Persönliches aus der Welt von Cashogi, er hätte ebenso gut eine Maschine sein können. Ich wollte es schnell hinter mich bringen. Was ich danach machen würde, war mir noch nicht klar. Für Menschen mit meiner Ausbildung und Vorgeschichte waren Arbeitsplätze dünn gesät.

„Hatten Sie einen anregenden Ausflug, Cate?“, erkundigte sich Ogilvie.

Ich schob trotzig das Kinn nach vorne. „Sie wissen recht gut, dass diese Reise für mich ein Fiasko gewesen ist“, gab ich zurück. „Wie lang ist die Liste der Beschwerden, die Mr. und Mrs. Driscoll über mich abgegeben haben?“

„Erstaunlich kurz“, sagte er knapp. „Sie haben die Aufgabe besser gemeistert als andere Kollegen vorher in einer ähnlichen Situation. Haben Sie wenigstens etwas daraus gelernt?“

„O ja“, fauchte ich. „Sollte ich tatsächlich noch einmal in eine solche Situation kommen, werde ich Ohrenstöpsel mitnehmen und mich sicher nicht noch einmal einmischen. Aber die Gefahr besteht für mich wohl kaum. Haben Sie vor mich fristlos zu feuern, oder bekomme ich zwei Tage Galgenfrist?“

„Fristlos feuern?“ Völliges Unverständnis war aus seinen Worten zu hören, aber dann lächelte er verschmitzt. „Cate, sind Sie so dumm, oder tun Sie nur so? Diese Reise war natürlich ein letzter Test, um festzustellen, wie Sie unter Stress Ihre Aufgabe meistern. Die beiden sind von Natur aus schwierig, und sie hatten tatsächlich den Auftrag Sie zusätzlich zu reizen, was ihnen offensichtlich gut gelungen ist. Und Sie, Cate, haben sich fabelhaft verhalten. Sie haben sogar mehr getan, als Sie hätten tun müssen, denn es ist Ihnen gelungen, den wahren Sachverhalt aufzuklären. Ich würde sagen, alles in allem ist es gut gelaufen.“

In diesem Augenblick hätte ich ihm ins Gesicht schlagen können. Wie hatte er mich derart ins offene Messer laufen lassen können? Ein Test, ob ich unter Stress richtig reagiere? Welche Erkenntnis konnte er daraus ziehen, die nicht bereits durch zahlreiche Psychogramme und Simulationen als unumstößliche Tatsachen auf dem Tisch lagen?

„Dann sind Sie jetzt wohl bedeutend klüger als vorher?“, fragte ich scharf.

Ogilvie zuckte die Schultern. „Es war nicht meine Idee, ich war meiner Sache schon vorher sicher, aber das wurde von oben entschieden, und ich bin froh, dass jetzt jeder Zweifel ausgeräumt ist. Sie dürfen jetzt nach Hause fahren, voraussichtlich haben Sie zwei Tage frei, bevor Sie regulär eingeteilt werden. Ich danke Ihnen.“

„Das war alles?“, fauchte ich ihn an. „Sie gehen jetzt ganz einfach darüber weg? Halten Sie mich für eine Maschine, von der man Gebrauch machen kann, um sie dann einfach abzuschalten?“

„Was erwarten Sie, Cate Nichols? Eine Belobigung dafür, dass Sie Ihre Pflicht ausgeführt haben? Das wäre ein bisschen viel verlangt, oder? Ich sage Ihnen etwas. Sie werden alle Tage so von mir behandelt werden, solange Sie Ihren Job gut erfüllen. Sollten Sie Probleme haben, können Sie jederzeit zu mir kommen, und wenn es sein muss, werde ich für Sie kämpfen – solange Sie im Recht sind. Aber machen Sie Fehler, werde ich Sie genüsslich in der Luft zerreißen. Haben wir uns verstanden, Miss Nichols? Falls ja, werden wir gut miteinander auskommen. Falls nein, dann ist dort die Tür. Aber Sie werden nie eine zweite Chance bekommen, ist das klar?“

So deutlich hatte ich es nun auch wieder nicht wissen wollen.

„Ich habe verstanden, Sir. Danke für die Aufklärung“, sagte ich rasch.

„Nun gut, Sie dürfen das Shuttle benutzen, falls Sie die freien Tage außerhalb verbringen möchten.“

„Nein, danke, ich bleibe in Berlin.“

So begann meine Arbeit für die TTN, und Cashmere Ogilvie hat mir damals die Wahrheit gesagt. Er behandelt jeden relativ unpersönlich, aber er steht hinter allen seinen Leuten. Wir Trip-Commander sind eine kleine Gruppe, die ungeheuer viel Verantwortung trägt. Wenn wir nicht aufpassen, können gravierende Veränderungen im Zeit-Gefüge entstehen, und selbst Kleinigkeiten können sich zu Katastrophen auswachsen. In jeder Schulung wird uns das eingehämmert, und natürlich bekommt das auch jeder Reisende gesagt. Nur, ob die Leute das auch verstehen, daran wage ich so manches Mal zu zweifeln. Immer wieder kommt es zu Versuchen, eine Kleinigkeit aus der Vergangenheit mitzunehmen oder etwas dazulassen. So gehört es auch zu unseren Aufgaben, alle Einzelheiten zu beachten.

Ich arbeite mit großer Hassliebe für die Zeitreisegesellschaft, denn es ist wirklich so, dass man seine Seele verkauft, sobald man hier arbeitet. Und doch macht es auch viel Spaß. Wo sonst hätte man die Gelegenheit die Geschichte aus erster Hand mitzuerleben? Sie sehen also, es ist ein interessantes Leben, wenn auch nicht gerade ein gewöhnliches. Aber nun wollen wir einsteigen in eine der verrückten Geschichten, die unendliche Ereignisse nach sich ziehen.

Alles begann damit, dass Cashogi mir einen ungewöhnlichen Auftrag gab. Ich sollte eine Gruppe höchst unterschiedlicher Leute in die Zeit begleiten, von denen offenbar jeder ganz persönliche Gründe hatte, um ausgerechnet im Jahr 1963 aufzutauchen, um das Attentat auf Präsident John F. Kennedy mitzuerleben.

Copyright (c) 2012 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wie es weitergeht erfährt man hier:

Schwekendiek, Margret
TIME TRAVELLERS

Mit Trans-Time-Net durch die Zeit

Herausgegeben von Bionda, Alisha
Verlag :      p.machinery
ISBN :      978-3-942533-10-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,90 Eur[D] / 14,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 15.01.2012
Seiten/Umfang :      ca. 188 S. – 190,0 x 120,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.2012
Aus der Reihe :      Dark Wor(l)ds 2

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Die TTN setzt via Zeitnetz Erlebnisreisen an, spezielle Reisebegleiter sorgen dafür, dass keine Paradoxa entstehen. Leider klappt das nicht immer, und es stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass fast alle großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte auf den Einfluss der Zeitreisenden zurückzuführen sind – sei es durch einen Unfall, Absicht oder auch Bösartigkeit.

Cate Nichols, 32 Jahre alt, attraktive Individualistin mit einem Hang zu interessanten Männern für ein Abenteuer, arbeitet seit einiger Zeit für die TTN und hat eine umfassende Schulung hinter sich. Beim staatlichen Sicherheitsdienst wurde sie suspendiert wegen zu großer Härte im Einsatz, nach einer Persönlichkeitserneuerung stellt die TTN sie an, weil sie Leute braucht, die manchmal über die moralischen Grenzen hinweggehen können.

Der Sicherheitschef und zugleich Vorgesetzter von Cate Nichols ist Cashmere Ogilvie, von seinen Freunden liebevoll Cashogi genannt. Er koordiniert nicht nur den aufwendigen Sicherheitsapparat der TTN, er schult auch die Reiseleiter, die von niemand anderem Befehle annehmen. In der Zentrale der TTN kommt es zu Spannungen, als die Regierung versucht das Monopol zu brechen.

Die Zeitreise entpuppt sich als Fiasko, als einer der Reisenden das Netz verlässt, Cate muss ihn wieder aufspüren, die übrigen bleiben allein zurück, und der Konflikt zwischen Frauen und Männern schwelt in einer ziemlich beengten Situation.

Die Geschichte, aus Sicht einer Frau geschrieben, beschäftigt sich weniger mit der Technik als vielmehr mit dem Leben selbst. Gefühle, Ereignisse und Wahrnehmungen aus dem heutigen und dem fiktiven zukünftigen Leben zeigen deutlich, dass die Menschen immer Menschen bleiben werden – und Frauen bleiben immer Frauen.

Margret Schwekendiek, Jahrgang 1955, schreibt seit fast zwanzig Jahren professionell und hat schon viele Genres bedient. Ihre Leidenschaft liegt eindeutig in der SF und im Horror. Neugier, Kreativität und Fantasie gehen Hand in Hand, wenn ein neues Projekt ansteht. Eine Geschichte über Zeitreisen war schon lange ein Herzenswunsch.

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