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Literatur-Blog

DAS KLEINE ÄFFCHEN UND DAS KROKODIL – eine Kinder-Geschichte von Leon Ferri

Erstellt von Leon Ferri am 30. Januar 2013

Das kleine Äffchen und das Krokodil

eine

Kinder-Geschichte

von

Leon Ferri

Eines nachmittags spielten das kleine Äffchen und die kleine Giraffe am Rande der Savanne. Es war sehr heiß. Darum hatten sie sich in den Schatten eines kleines Wäldchens zurück gezogen. Dort spielten sie Hasch-mich, auch wenn das nicht so gut ging. Wegen der vielen Bäume und Büsche. Ihre Eltern wollten nicht, dass sie sich versteckten.

»Es gibt so viele Gefahren und Fleisch fressende Tiere hier. Da ist es gut, einander im Blick zu haben«, sagten sie immer. Vielleicht hatten sie ja recht, aber Spaß machte es trotzdem. Und so spielten sie zwar ein bisschen Verstecken, nur nicht so viel.

»Ich hab’ dich gefunden«, rief die kleine Giraffe und beugte ihren langen Hals um den Stamm eines Baumes. »Du musst suchen.«

Aber das kleine Äffchen winkte ab, als hätte es etwas furchtbar wichtiges im Sinn. »Ach, war klar, dass du mich gleich findest. Ich habe mir nur nicht richtig Mühe gegeben, weil …«, und es tat, als ob es angestrengt horchte.

»Weil … was«, fragte die kleine Giraffe, senkte ihren Kopf, sodass er direkt neben dem kleinen Äffchen war und guckte mit großen Augen in den Wald. Die Ohren reckte sie ganz spitz nach oben.

Dann hörten sie es beide gleichzeitig: ein leises Wimmern und Heulen. Die kleine Giraffe riss die Augen noch ein bisschen weiter auf, wenn das überhaupt möglich war. Hopps-hopps war das kleine Äffchen unterdessen auf ihren Rücken geklettert und kommandierte: »Los, wir schauen nach, wer da so schrecklichen Kummer hat.«

Das Wäldchen war nicht besonders groß. Auf der anderen Seite säumte es eine Böschung, die hinunter zu einem Flussbett führte. Auf einer breiten Sandbank am Ufer des grünen Wassers lag ein Krokodil. Es klappte in einem fort sein großes Maul auf und zu, stieß immer zu Schluchzer aus und jammerte: »Auaauaau … huuuuhuhu.« Es war zwar mindestens so groß wie die kleine Giraffe, aber trotzdem noch viel kleiner als die mächtigen Krokodile, die starr wie Baumstämme im ruhigen Fluss trieben.

Das kleine Äffchen und die kleine Giraffe treffen Korro, das Krokodil. (Copyright 2013 by Leon Ferri)

»Was hast du denn? Warum heulst du, dass einem die Ohren abfallen«, schrie das kleine Äffchen aus sicherer Entfernung vom Kopf der Giraffe herunter.

Das Krokodil schwenkte träge den Kopf, schmatzte ein paar Mal, als ob es sich räuspern oder die Tränen runterschlucken musste. Dann sagte es: »Wenn du solche Zahnschmerzen hättest wie ich, würdest du auch heulen. Im übrigen heiße ich Korro und bin ein Krokodil.«

»Das sehe ich, Koro«, antwortete das kleine Äffchen.

»Nein, Korro, Ko-RRRRRRRRR-ro«, rief das Krokodil laut und nicht ohne Stolz, »mit ganz viel RRRRRRR, weil das so schön rrrrrollt und brrrrrummt.« Dann besann es sich wieder auf seine Zahnschmerzen und jammerte weiter. »Und wenn ich solche Zahnschmerzen habe, kann ich nichts essen. Und wenn ich nichts essen kann, dann muss ich verhungerrrrrn.« Und da fing das arme Krokodil noch viel lauter an zu heulen und zu schluchzen.

»Ist doch gar nicht schlecht, wenn Krokodile nichts mehr fressen können«, flüsterte da die kleine Giraffe dem kleinen Äffchen zu. »Die fressen schließlich auch Giraffen … und Affen.«

Das kleine Äffchen saß da zwischen den Hörnern der kleinen Giraffe und brütete über den Worten seines Freundes, während unten am Ufer Korro, das Krokodil, mit seinem Wehklagen fortfuhr. Es schien nicht mehr aufhören zu wollen. Offensichtlich tat seine Zahn wirklich scheußlich weh.

»Nein«, meinte es schließlich, »das können wir nicht tun. Überlege mal, wenn du nichts mehr essen könntest.«

Das sah die kleine Giraffe dann auch ein. »Aber irgendein Versprechen muss es uns geben, wenn wir ihm helfen.«

Da kam dem kleinen Äffchen eine Idee, und es rief Korro zu: »Wir helfen dir, aber nur unter einer Bedingung.«

»Jede, die ihr wollt, huuuuhuhu.«

»Du darfst von jetzt an keine Tiere mehr fressen«, bestimmte die kleine Giraffe mit ihrer hohen Stimme. »Hast du das verstanden?«

Wieder vergaß Korro ganz seine Schmerzen, drehte sich behäbig um und starrte die beiden Freunde mit offenem Maul an. »Das kann ich euch nicht versprechen, das ist ganz unmöglich.«

»Dann wird es nichts mit der Hilfe«, fiepte die kleine Giraffe und wollte gerade auf dem Absatz kehrt machen, als ihnen das Krokodil hinterher rief: »Halt, wartet. Ich kann euch versprechen, dass ich keine Affen und keine Giraffen mehr verspeise und euch auch immer helfe. Ich kann mich doch nur von Tieren ernähren. Wenn ich nur Wurzel oder Früchte oder Gras essen müsste, würde ich genauso verhuuuuhuhungern, huuuuhuhu.«

Die Freunde sahen sich erstaunt an. Daran hatten sie natürlich nicht gedacht. Dann trabte die kleine Giraffe langsam hinunter auf die Sandbank. »Gut, einverstanden. Aber wie können wir sicher sein, dass du dein Wort hältst und uns nachher nicht einfach auffrisst?«

»Ihr müsst mir schon vertrauen«, sagte das Krokodi. Und wie es sein riesiges Maul aufsperrte sah es aus, als grinste es hinterhältig. Aber so sehen Krokodile nun mal aus, sie können ihre Miene nicht ändern. »Auf der rechten Seite ist der Zahn, der so sehr schmerzt. Es ist der siebzehnte im Unterkiefer. Vom großen Eckzahn aus gezählt. Den müsst ihr mir ziehen«, bat Korro.

Da weder das kleine Äffchen noch die kleine Giraffe dem Krokodil so recht trauten, beschlossen sie, es mit einer kleinen List zu versuchen. Das kleine Äffchen besorgte zwei starke Lianen aus dem Wäldchen. Mit der einen band sie den Schwanz des Krokodils an einem nahen Baumstamm fest. Das ging ganz gut, weil sich Korro nicht so schnell herumdrehen konnte, wenn es sie hätte schnappen wollen. Dann stellten sie sich vor das Krokodil hin und sagten ihm, es solle herkommen, damit sie die andere Liane um den Zahn binden könnten.

So sehr Korro sich auch anstrengte und zog und zerrte, die Liane an seinem Schwanz hielt es fest, und es konnte nicht herkommen. Daher fing es wieder an zu jammern.

»Jetzt ist es tatsächlich so festgeleint, dass es mich nicht kriegen kann, wenn ich ihm die Liane um den Zahn lege«, flüsterte das kleine Äffchen seinem Freund zu.

Und so war es auch. Ohne den geringsten Versuch zu unternehmen, nach dem kleinen Äffchen zu schnappen, ließ sich Korro die Liane um den siebzehnten Zahn schlingen. Dann starrte es ganz groß, als die Freunde die Liane strafften. Und seine Augen quollen so arg hervor, dass es aussah, als wollten sie aus den Höhlen springen. Aber zu heulen traute es sich jetzt nicht mehr. Es war zu sehr gespannt auf den Ruck, der gleich kommen musste.

»Es scheint ja wirklich ziemlich weh zu tun«, raunte die kleine Giraffe ihrem Freund zu. »Aber Mitleid habe ich nicht. Eigentlich. Krokodil bleibt schließlich Krokodil, und Giraffenfresser bleibt … naja, ich weiß nicht … aber trotzdem.« Damit galoppierte sie los, und -Krack- flog das andere Ende der Liane mit dem wehen Zahn in hohem Bogen an ihnen vorbei.

»Danke«, brüllte es hinter ihnen her. »Vielen Dank, dass ihr mir geholfen habt.«

Als sie zurückgetrabt kamen, hatte sich Korro schon von der Liane an seinem Schwanz befreit. Er hatte sie einfach durchgebissen.

»Nochmals vielen Dank. Ich wünschte, wir könnten auch Freunde werden.«

»Freundschaft zwischen Krokodil und Affe und Giraffe? Wie soll das denn gehen?«

»Wer weiß«, sinnierte Korro mit seinem immerwährenden Lächeln. »Jedenfalls stehe ich zu meinem Wort. Und eines schönen Tages werde ich euch helfen können. Bestimmt.« Weder die Freunde noch Korro ahnten, dass dieser Tag nicht mehr fern war. »Wir Krokodile sind zwar von sehr schlichtem Gemüt und nicht besonders hell, aber was wir einmal versprochen haben, das halten wir auch. Das ist wenigstens etwas, auf das wir stolz sein können. Vielleicht genauso stolz wie auf unsere Namen mit den vielen schönen RRRRRs. Wie heißt ihr überhaupt?«

Das kleine Äffchen und die kleine Giraffe sahen sich verdutzt an. Jetzt fiel ihnen auf, dass selbst nicht den Namen des anderen kannten. Da lachten sie.

»Ich bin Gertie«, sagte die kleine Giraffe und klimperte mit ihren langen Wimpern.

»Und ich bin Pedro«, antwortete das kleine Äffchen und warf sich in die Brust.

»Gertie und Pedro, schön euch zu kennen.« Damit watschelte es in seinem schlängelnden Gang zum Fluss und ließ sich genüsslich ins Wasser gleiten.

Die Freunde meinten noch, ein blubberndes »Bis bald, Freunde« gehört zu haben. Vielleicht waren es aber auch nur Luftblasen gewesen.

Ende

Copyright © 2013 by Leon Ferri für Text und Zeichnungen.

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Schwarze Katzen-400×600-41-minus-125-41.jpg ” (Originaltitel: 20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Leo Lionni
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“Cornelius ist ein Krokodil. Seit er dem Ei entschlüpft ist, bevorzugt er den aufrechten Gang. Das eröffnet ihm Perspektiven, wie sie seinesgleichen bisher nicht möglich waren. Seine Artgenossen sehen das zunächst mit Befremden und Geringschätzung.”
Hessischer Rundfunk

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SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders”

Erstellt von Leon Ferri am 18. September 2012

“Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders”

sfbasar.de-Anthologie Band 17

mit Beiträgen der Community-Autoren

des Literatur-Blogs “sfbasar.de”

Liebe LeserInnen, liebe Community-AutorenInnen,

dass manche Uhren anders ticken zumindest als die eigene, weiß jeder, der schon mal morgens um sechs den Wecker ignoriert hat, nur um festzustellen, dass das penetrante Ding, kaum hat man sich einmal hin- und einmal hergewälzt, bereits sieben Uhr anzeigt. Oder der nervös aufs Lenkrad trommelnd die umgangssprachlich gefühlten Ewigkeiten darauf gewartet hat, dass die Ampel auf grün springt.

Aber das ist nicht das, was ich unter Zeitreisen im Sinne unserer Zeitlinien-Anthologie verstehe. Natürlich sind die eben erwähnten Dehnungen und Stauchungen der Zeit für uns Menschen höchst real, wenngleich nicht objektiv messbar. (“Entschuldige, Schatz, aber die Ampel hatte tatsächlich eine Viertelstunde Rot.”) In den Beiträgen zu dieser Anthologie dehnen und pressen wir die Zeit, fahren in die Zukunft (was wir genau genommen ständig tun) und in die Vergangenheit, verfangen uns in Zeitschleifen – und finden uns plötzlich in Parallelwelten! Aber was genau ist mit all dem gemeint?

Zeitreisen …

Gibt es Zeitmaschinen in Wirklichkeit oder sind es doch nur Hirngespinste von Science Fiction Autoren und weltfremden Wissenschaftlern? War da nicht noch was? Ach ja, die Relativitätstheorien von Einstein. Sie erlauben zumindest Zeitmaschinen, die in eine Richtung funktionieren, nämlich in die Zukunft. Sie nutzen die so genannte Zeitdilatation aus. (Sofern man schnell fliegende oder tief in einem Gravitationspotential ruhende Raumschiffe als Zeitmaschinen bezeichnen möchte.) Setzt man sich beispielsweise mit einer schnellen Rakete in Richtung Alpha Centauri (oder zu einem anderen Stern seiner Wahl) ab und kehrt nach einigen Jahren Raumschiffzeit wieder, wird man feststellen, dass seine Lieben, die auf der Erde Haus, Hof und Weinkeller gehütet haben, sehr viel schneller gealtert sind als man selbst. Das ist genau die Art, wie das so genannte Zwillingsparadoxon zustande kommt. Es gibt sogar Vorschläge von Wissenschaftlern, wie Reisen in die Vergangenheit möglich sein könnten. Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie zumindest lässt solche Lösungen zu. Ob sie aber in unserem Universum tatsächlich vorkommen oder sich möglicherweise technisch realisieren ließen, sei dahingestellt.

Ihr sollt aber keine Doktorarbeiten schreiben, bloß nicht. Wir AutorInnen haben es glücklicherweise einfacher. Wir sind nicht auf die Beschreibung der Gesetze unseres Universums im 21. Jahrhundert beschränkt – wir sind überhaupt nicht an irgendwelche Gesetze dieser Art gebunden. Die einzige Hürde, die sich uns in den Weg stellt, ist die Beschränktheit unserer eigenen Vorstellungskraft. Ich hoffe, diese Grenzen sind sehr sehr weit. Also, welcher Art auch immer eure Zeitmaschinen oder sonstigen Wege vor- und rückwärts durch die Zeit zu reisen sind, ich freue mich darauf.

… & Parallelwelten

Und was ist mit Parallelwelten gemeint, wie unterscheiden sie sich von den Alternativwelten? (Ihr könnt euch jetzt schon freuen: die Anthologie Steampunk – Retro-Science-Fiction & Alternativwelten wird es auch noch geben!) Was mir im Gespräch mit Detlef und nach längerem Grübeln immer klarer geworden ist: eine scharfe Grenze kann man im Grunde gar nicht ziehen.

1957 schlug ein junger amerikanischer Doktorand in seiner Dissertation eine neue Interpretation der Quantenmechanik vor: die so genannte Viele-Welten-Hypothese. (Sie umging einige Unschönheiten aus der immer noch vorherrschenden, aber von vielen Physikern als unbefriedigend empfundenen Kopenhagener Deutung.) Dieser junge Mann hieß Hugh Everett III. Hat der unsere Parallelwelten aus dem Hut gezaubert? Im Prinzip ja … oder auch nein. Gemäß Everetts Interpretation spaltet sich das Universum jedes mal auf, wenn ein quantenmechanisch unbestimmter Mischzustand in einen konkreten, messbaren übergeht. Alle möglichen Zustände werden dann gleichzeitig in verschiedenen parallelen Universen repräsentiert. Wenn beispielsweise ein radioaktives Isotop zerfallen könnte, entsteht ein Universum, in dem es zerfällt und eins, in dem es (noch) nicht zerfallen ist. Wenn wir davon ausgehen, dass unser Bewusstsein und etwas, was wir voller Stolz als den freien Willen bezeichnen, nicht außerhalb unseres Universum angesiedelt ist, so basieren möglicherweise auch unsere Gedanken und infolgedessen unsere Handlungen letztendlich auf quantenmechanischen Prozessen. Das heißt, für jede Entscheidung, die ich getroffen und für jede Handlung, die ich daraufhin ausgeführt oder unterlassen habe, gibt es in Everetts Multiversum eine alternative Welt, in der ich mich anders entschieden und in der ich infolgedessen anders gehandelt habe. Mein Leben hätte sich in jedem dieser Universen anders entwickelt. Aber nicht nur meins, sondern auch die Geschicke anderer Menschen, der gesamten Menschheit – einfach von allem! Das macht Alternativwelten wie die in Steampunk-Geschichten beschriebenen und andere durchaus plausibel. Soweit repräsentiert die Viele-Welten-Hypothese aber noch beide Varianten, sowohl die Alternativwelten als auch unsere Parallelwelten. Jetzt kommt der (zumindest für uns) entscheidende Punkt in Everetts Annahme: die verschiedenen Welten in seinem Multiversum stehen in keinem kausalen Zusammenhang mehr! Das bedeutet, man kann weder zwischen ihnen hin- und herspringen, noch irgendwelche Informationen zwischen ihnen austauschen.

Es scheint, als halte Everetts Theorie – und damit die moderne Physik – bis jetzt nur für die Alternativwelten eine passende Erklärung bereit. Alternativwelten wie die oft zitierte Erde, auf der Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat oder wie in dem Roman Vandenberg von Oliver Lange beschrieben, in dem die Russen Amerika besetzen, sind Spielarten eines Was wäre, wenn-Szenarios. Eines Szenarios, das nicht notwendigerweise in der Zukunft spielt, sondern meistens in einer (alternativen) Vergangenheit oder auch Gegenwart. Alternativwelten genügen sich selbst, sie haben (wie in Everetts Interpretation) keinerlei Verbindung zu unserer Welt – und brauchen sie auch nicht. Im Gegensatz dazu sollen die Parallelwelten tatsächlich parallel zu unserer Welt, zu unseren heimischen Dimensionen existieren. (Ihr erinnert euch vielleicht an Gamma, den Freund von Micky Maus aus der vierten Dimension? In dieser Art beispielsweise.) Wichtig ist vor allem, diese Welten sollen untereinander in Kontakt treten können, durch Portale, Risse in der Raumzeit, Maschinen, Zauberei – auf welche Weise auch immer. Der Fantasie sind wie immer keine Grenzen gesetzt. Das impliziert natürlich, dass das keine reine Science Fiction-Anthologie sein wird. Alle Genres, die sich dieser Themen annehmen, sind gern gesehen – und gelesen.

Ihr, liebe Community-AutorInnen, seid hiermit herzlich eingeladen, eure Fantasie und eure Kreativität einzubringen, um dieses Experiment in Zeit und (“parallelen”) Räumen weiter zu spinnen und diese Anthologie mitzugestalten. Ganz explizit möchte ich an dieser Stelle auch euch, liebe LeserInnen, ermuntern, uns eure Ideen, Kritik und Anmerkungen mitzuteilen. Kein Gedanke ist zu verrückt.

Jetzt kann ich euch – und auch mir – nur noch viel Spaß wünschen beim Schreiben und Lesen.

Euer (auf’s Äußerste gespannte) Herausgeber Leon Ferri

ALMAKHAN – Fantasy-Märchen von Felis Breitendorf (NEUE FASSUNG!)

BERLIN-CENTRAL – Leseprobe aus dem Science Fiction-Roman “Time Travellers” von Margret Schwekendiek (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2012″ – Geteilter Preis)

DAS HAUS MEINER ELTERN – eine fantastische Geschichte von Leon Ferri

DAS KROKODIL – Science-Fiction-Story von Werner Karl (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2011)

NEU – DIE EWIGEN STUDENTEN – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2013 – Geteilter Preis)

BUCHBESPRECHUNG: DIE NACHT DER MORLOCKS – DIE ZEITMASCHINE KEHRT ZURÜCK von K. W. Jeter – Rezension von Werner Karl

BUCHBESPRECHUNG: DIE TIME CATCHER von Richard Ungar – Rezension von Petra Weddehage

BUCHBESPRECHUNG: HOURGLASS von Myra McEntire – Die Stunde der Zeitreisenden – Rezension von Iris Gasper

BUCHBESPRECHUNG: HOUGLASS von Myra McEntire – Die Stunde der Zeitreisenden – Rezension von Irene Salzmann

BUCHBESPRECHUNG: REBELLEN DER EWIGKEIT von Gerd Ruebenstrunk - Rezension von Iris Gasper

BUCHBESPRECHUNG: SPIRALEN AUS DEM DUNKEL von Lloyd Biggle, jr. – Rezension von Michael Drewniok

BUCHBESPRECHUNG: SPLITTERWELTEN (Band 1) von Michael Peinkofer – Rezension von Petra Weddehage

BUCHBESPRECHUNG: TIMELESS von Alexandra Monir - Rezension von Yvonne Rheinganz

BUCHBESPRECHUNG: WO IST THURSDAY NEXT? von Jasper Fforde – Rezension von Armin Möhle

ZEITVERSCHIEBUNG – eine Kurzgeschichte von Bella C. Moremo

Liebe Community-Autoren: Weitere Beiträge sind erwünscht und sollen diese Anthologie ergänzen. Wir planen bei genügend Beiträgen, diese Anthologie hier auch als PDF-File zusammen mit einem Spendenbutton (für kleine Beträge zum jeweiligen Storywettbewerb) anzubieten. Ausserdem planen wir davon ein ebook und am Ende vielleicht sogar eine Printausgabe erscheinen zu lassen! Es liegt ganz an euch und eurer Teilnahme an den Anthologien! Wer also teilhaben möchte, der schreibt eine Geschichte oder einen Sachbeitrag zum Thema und stellt ihn bei uns als Artikel oder Story ein. Bei einer Story kann diese auch an den Storywettbewerben teilnehmen, muss das aber nicht zwingend! Wir hoffen auf eure Hilfe!

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Spende über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Das sfbasar.de-Team
i.A. Leon Ferri

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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DAS HAUS MEINER ELTERN – eine fantastische Geschichte von Leon Ferri

Erstellt von Leon Ferri am 28. Juli 2012

DAS HAUS MEINER ELTERN

Eine fantastische Geschichte

von

Leon Ferri

Oh, wäre mir doch dieses bösartige, schillernde (wie soll ich sagen?) … Ding … nie mehr in den Sinn gekommen. Aber im Grunde war es nur das Werkzeug eines anderen Willens.

Langsam lässt mein Erinnerungsvermögen nach. Ich merke, wie mir die Welt allmählich entgleitet. Eine Welt, die meine Welt, meine alte Welt gewesen war.

Aus meinem Mund dringen nur noch unartikulierte Laute, ich sabbere und sondere Speichelfäden ab. Ich möchte rufen, aber das einzige, was meine Kehle zustande bringt, ist ein erbärmliches Gurgeln. Mein Kopf wendet sich hilflos nach allen Seiten, auf der Suche nach einer Person, die mich tröstet und mir beisteht in meinem Kummer und meinem Zorn. Keine meiner Gliedmaßen mag mir mehr gehorchen, nutzlos zappeln sie herum, während ich auf dem Rücken liege und mich weder nach links noch nach rechts auf den Bauch drehen kann.

Eins weiß ich aber mit Bestimmtheit (fragt sich nur, wie lange noch): wer die Macht über dieses Werkzeug, diesen Knopf, hatte – und immer noch hat.

Meine Frau Claudia schimpfte schon die ganze Zeit, seit wir von der Autobahn runter waren. Je mehr sie sich in Rage redete, desto schriller und unerträglicher wurde ihre Stimme. Immer wieder fielen ihr die abwegigsten Sachen ein, und jedes mal, dachte ich, wäre wirklich nichts mehr zu sagen, ohne sich zu wiederholen. Aber dann fiel ihr doch noch etwas ein, auch wenn es an den Haaren herbeigezogen war. Jetzt schon über eine halbe Stunde lang, die ganze Fahrt über die holprige Landstraße zu der kleinen Ortschaft, wo meine Eltern gelebt hatten und wo ich geboren und aufgewachsen war.

Nur die eine Minute war sie still, als wir in den Hof fuhren und ich den Wagen parkte. Währenddessen starrte sie das große Haus an, ohne sich vom Beifahrersitz zu bewegen. Sie bedachte es mit finsteren Blicken und schien es allein Kraft ihres Willens zerstören zu wollen: das Haus meiner Eltern.

Claudia beendete ihr angespanntes Schweigen.

“Du bist ja besessen von diesem Haus”, zischte sie.

War ich das wirklich? Dabei wollte ich mich nur noch ein letztes Mal darin umschauen, nach Erinnerungen an meine Eltern und an meine Jugend suchen. Und ich wollte Abschied nehmen ganz in Ruhe und in Frieden.

“Was soll ich eigentlich hier? Schließlich waren es nicht meine Eltern. Und warum willst du unbedingt hier herumstöbern? Siehst du nicht, wie baufällig das Haus ist? Ich setze jedenfalls keinen Fuß in dieses … Gemäuer. Ich würde mich nicht wundern, wenn es über dir zusammenbricht. Außerdem habe ich mir schon einmal die Hand in eurer Haustür eingeklemmt. Der bescheuerte Türschließer ist viel zu stark eingestellt. Der ist lebensgefährlich! Wozu soll das Ding überhaupt gut sein? Hatten deine Eltern Angst, dass Hunde und Katzen im Flur rumstreunen?”

Sie lehnte sich gegen den Wagen und betrachtete mich gereizt.

“Kannst du die Vergangenheit nicht ruhen lassen und dich endlich mal um deine Arbeit und vielleicht auch um mich kümmern? An die große Karriere ist ja wohl nicht mehr zu denken. Deine Eltern sind tot. Daran ist nichts mehr zu ändern.”

Diesmal verkniff sie es sich, zu erwähnen, wie komisch sie doch gewesen wären und wie wenig sie sie gemocht hatte.

“Es ist höchste Zeit, dass du aus deinem Mauseloch heraus kommst und dich der Realität stellst. Es gibt keinen Rockzipfel mehr, an den du dich klammern kannst. Stattdessen solltest du die Herausforderungen des Lebens in deine eigenen Hände nehmen. Immerhin habe ich auch Bedürfnisse, falls du das noch nicht bemerkt hast.”

Und ob ich das hatte! Seit Jahren stand dieses leidige Thema auf ihrer Tagesordnung.

“Oder soll ich mich immer nur nach dir richten?” (Als ob sie das je hätte.) “Zweieinhalb Stunden Fahrt und ein völlig verschwitztes Kleid, trotz dieser Klimaanlage. Das Auto ist wirklich nicht mehr das Wahre. Ein bisschen größer und schneller und vor allem komfortabler könnte es schon sein. Auch wieder ein Grund, dich ein bisschen mehr um eine Gehaltserhöhung zu kümmern. Zu allem Überfluss habe ich mich an irgendetwas Scharfem geschnitten. (Verdammt, wie das weh tut.) Soll ich hier etwa verbluten? Warum stehst du stocksteif herum wie das Kaninchen vor der Schlange und starrst mich an? Was ist jetzt mit dem Rumstöbern in deiner staubigen Vergangenheit? So spannend ist die ja nicht gewesen.”

“Für mich war sie wichtig”, warf ich ärgerlich ein.

“Kein Grund, mich so anzufahren! Wichtig ist die Gegenwart und die Zukunft, sonst nichts. Und überhaupt, bedeute ich dir denn gar nichts?”

Nach einem demonstrativen Blick auf ihre Uhr fragte sie lauernd: “Soll ich vielleicht noch länger warten, bis du endlich fertig bist? Wonach willst du eigentlich suchen?”

Ein paar Entschuldigungen murmelnd zog ich mich ins Haus zurück. Ihr Finger blutete tatsächlich. Nicht schlimm zwar, aber schlimm genug, dass es ihr in den Sinn kommen könnte, zu heulen und zu jammern ohne Punkt und Komma. Womöglich riefe sie sogar den Notarzt und läge mir nachher mit der Rechnung in den Ohren, da ich ja keine Zeit aufgebracht hätte, mit ihr zum Arzt zu fahren.

Der Türschließer (er war wirklich stark eingestellt) drückte die Tür heftig ins Schloss zurück und schnitt mich von Claudias Schimpftiraden und vom heimatlichen Samstagnachmittagslärm ab, von den Rasenmähern, den Hunden und den Autos.

Drinnen war es absolut still. Ich fühlte mich wie taub. Es musste hier schon längere Zeit nicht mehr gelüftet worden sein. Die Luft roch abgestanden und muffig. Als hätte man alles seit dem letzten Tag meiner Eltern konservieren wollen, neben den Möbeln, den Bilder und dem restlichen Inventar auch alle Luft und allen Staub. Ich widerstand dem Drang, das Buntglasfenster neben der Treppe aufzureißen, und ging stattdessen über die lange Marmortreppe in den ersten Stock.

Es war noch gar nicht so lange her, seit mir dieses Bild im Kopf herumspukte, das Bild einer Kugel, groß wie ein Tennisball, überzogen von einem Mosaik aus glasierten bunten Steinchen, mit der es irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis hatte. Auch wenn ich nicht wirklich wusste, was dieser Gegenstand darstellte oder mich bewusst daran erinnern konnte, wo er zu finden war, wanderte ich wie auf Schienen durch das Haus, den dunklen Gang entlang über holzknarrende Dielen bis zu den steilen Stiegen, die in den zweiten Stock und weiter auf den Dachboden führten. Beim Hochsteigen spürte ich einen leichten Hauch. Unter dem Dach war die Luft nicht ganz so abgestanden wie unten. Der Dachboden war weder ausgebaut, noch isoliert. Durch die Ritzen zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk und durch die Fugen des Daches konnte die Luft zirkulieren. Manche der Dachpfannen sahen wirklich so aus, als könnte sie eine stärkere Brise vom Dach wehen.

Vielleicht waren einige Dachziegel so locker, dass sie sich leicht lösen ließen. Wie wunderbar würde sich das ergeben. Eine davon rutschte herab, ausgelöst durch eine der vielen Tauben aus Nachbars Schlag (sie kackten ständig unser Dachfenster voll, das in ihrer Einflugschneise lag) und fiele Claudia auf den Kopf. Eine zufällige Folge unglücklicher Umstände führte zu einem bedauerlichen Unfall.

Meine Frau (wie ich sah, hatte sie tatsächlich ihr Handy am Ohr, als ich aus einem der Dachfenster spähte) war womöglich sogar in der richtigen Entfernung. Trotzdem müsste es ein ungeheurer Glücksfall sein, sollte ich den richtigen Dachziegel erwischen und er die richtige Geschwindigkeit und den rechten Winkel haben. Und wenn er daneben fiele, wäre der Rest des Tages noch weniger auszuhalten.

Aber das Haus hatte etwas anderes im Sinn.

Neben dem Fenster stieß ich gegen eine alte Spielzeugkiste. In Wirklichkeit war es eine einfache Holzkiste, in der ich Spielzeug vermutete. Spielzeug vielleicht wie diese bunte Kugel, die mir nicht mehr aus dem Kopf wollte. Die Kugel musste hier in der Kiste sein. Ich weiß nicht, was mir die Sicherheit gab, aber ich war felsenfest davon überzeugt. Leider war die Kiste vorne mit einem Bügelschloss gesichert. Frustriert rüttelte ich daran, was natürlich nichts brachte, und dann etwas stärker am Deckel. Beim zweiten oder dritten Mal rissen hinten die Scharniere aus dem Holz und die ganze Kiste rummste auf die Bohlen. Wie ich feststellte, hatte sich dort früher schon jemand zu schaffen gemacht mit unzulänglichem Werkzeug, möglicherweise einem Taschenmesser.

Ich kramte und wühlte und verteilte Autos, Tiere, Figuren und Sammelbilder achtlos über den Boden. Und tatsächlich fand ich nach kurzer Zeit den Gegenstand, den ich suchte, sorgfältig eingehüllt in einen alten Lumpen.

Die eine Seite glitzerte in den staubigen Sonnenstrahlen und war viel schöner als in meiner blassen Erinnerung. Der Anblick zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Aus der anderen flachen Seite ragte ein vierkantiger Stahlstift. Es handelte sich offensichtlich um einen Türknauf. Und dann fiel es mir auch wieder ein: hier im Haus gab es alte Türen, die mit solchen Knäufen zu öffnen waren. (Später hatten meine Eltern zusätzlich Riegel angebracht, weil die besser zu handhaben waren.) Ich ließ die Kiste und die ganze Bescherung wie sie waren und stürmte los. Am Fuße der Bodenstiegen überlegte ich kurz, wo sich diese Türen befinden könnten. Ich sollte mich schnell daran erinnern. Wenn ich mich zu lange hier aufhielte, käme meine Frau womöglich herein, und dann wäre es vorbei mit der Ruhe. Oder, was noch schlimmer wäre, sie fände jemanden aus der Nachbarschaft, der mich suchte und holte.

Der Gewölbekeller, schoss es mir durch den Kopf.

Unter der Marmortreppe im Erdgeschoss führten alte Steinstufen in den Weinkeller. Der Zugang zur Treppe war von einer alten Brettertür verschlossen. Sie besaß einen alten Riegel – und eine Öffnung für den Türknauf. Mit klopfendem Herzen versuchte ich, den Knauf in das kleine Schloss zu fummeln, bis ich merkte, wie der Stahlstift mit einem hörbaren Schnappen einrastete. Gerade da stemmte jemand die Haustür gegen den Türschließer auf.

“Wann willst du eigentlich wieder rauskommen?”, brüllte Claudia. “Ich warte jetzt schon eine Ewigkeit. Langsam ist es mir zu dumm, mir hier draußen die Beine in den Bauch zu stehen.”

Mit einem herzhaften Ruck stieß ich die Kellertür auf, um schnell im Keller zu verschwinden. Mein Schwung war zu groß, der Widerstand der Tür zu gering und so stolperte ich Hals über Kopf die Treppe abwärts und landete auf dem Lehmboden. Über mir knallte die Tür gegen die Wand (dabei sprang der Knauf heraus und kullerte die Treppe zu mir herunter), prallte wieder zurück und fiel lautstark ins Schloss.

Benommen und stöhnend lag ich im Dunkeln. Nachdem ich mich aufgesetzt hatte, betastete ich eingehend die schmerzenden Stellen. Offensichtlich war ich mit dem Schrecken und ein paar blauen Flecken davon gekommen. Der Knauf schien ebenfalls in Ordnung zu sein.

In dem Moment öffnete sich die Tür oben an der Treppe.

“Machst du hier deine Privatparty”, fragte eine helle Männerstimme.

Das war nicht Claudia!

Ein junger Mann trippelte leichtfüßig die Stufen herunter. Er roch nach kaltem Rauch und Bier. Gleichzeitig schmeckte ich Tabak und Alkohol in meinem Mund. Unbekümmert begutachtete er den Wein im Regal hinter mir, ohne mich eines Blickes zu würdigen, und murmelte unentwegt etwas von einem siebenundfünfziger Dom Perignon, von dem ich wusste, dass wir ihn nie besessen hatten.

Ha, war das nicht der Leib- und Magenwein von James Bond? Und der junge Mann (ich stand auf) war das nicht …

“Jens!” Mein ehemaliger Schulfreund!

Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. “… mein Name ist Bond … aber wo ist denn dieser verflixte …” Dann zog er zielstrebig einen Schwarzriesling heraus und grinste mich an: “Da ist er ja.”

Dann drückte er mir noch eine Flasche von Vaters gutem Port in die Hand. Mir kam im Moment nicht in den Sinn, zu protestieren.

“Auf zwei Beinen steht sich besser. Na, eine ist ja ein bisschen knapp für uns alle”, fügte er noch hinzu, als mein Blick entgeistert von ihm zum Port und wieder zurück wanderte.

Uns alle?

Wie verändert der Flur plötzlich aussah! Draußen war die Nacht hereingebrochen, auf den Fenstersimsen leuchtete der Schnee im Schein der Straßenlampe und es schneite immer noch – mitten im Sommer? Im Hof war weder von Claudia noch dem Auto etwas zu sehen, nur mehrere dünne langsam verheilende Narben in der Schneedecke. Von den Mopeds und dem orangenen Kadett, die hinten unter dem Vordach des Schuppens standen.

Oben in der Stube waren sie alle Ralf, Christoph, Frank, Birgit … die ganze Clique. Aber sie waren so … jung, höchstens zwanzig. Die Männer hatten Bogarts auf (oder das, was sie dafür hielten), pafften dicke Zigarren und kommentierten aus zusammengebissenen Zähnen ihr Pokerblatt. Die Frauen wedelten sich mit affektierten Gesten den Qualm aus dem Gesicht, unterhielten sich über Sachen, für die Männer normalerweise keine Begriffe kennen und schauten so beiläufig auf ihre Karten, als wüssten sie nicht recht, wie diese auf ihre Hände gekommen waren. Trotzdem häuften sich vor Birgit die meisten Jetons und Rosi hatte nicht viel weniger als Frank, der Spitzenreiter unter den Männern.

Um Himmels Willen! Träumte ich?

Ich konnte mich noch ganz genau an diesen Abend vor fünfundzwanzig Jahren erinnern. Genau ein Jahr nach dem letzten Schultag und wir waren immer noch die besten Freunde. Und Rosi hatte mich damals gefragt, ob wir zusammen gehen sollten. Natürlich hatte ich sie gemocht, als Kumpel. Patent war sie ja gewesen, aber einfach nicht der Reißer, den ich mir damals in meinen Träumen ausgemalt hatte. So jemand wie Gina Lollobrigida oder Sharon Stone oder Farrah Fawcett. Claudia, meine Frau, hatte viel eher diesem Typ Frau entsprochen. Aber dieser Traum hatte sehr viel früher geendet, als mir lieb gewesen war. Claudia war ganz und gar nicht wie Rosi, sie zeterte, sie war voller Wenn und Aber und duldete kaum eine Meinung neben ihrer. Rosi war ganz anders gewesen.

Gewesen?

Ich schaute an mir herunter, befühlte meine Arme, mein Gesicht. Es schien, als ob ich ein Vierteljahrhundert in die Vergangenheit gereist und wieder zwanzig Jahre alt wäre. War das das Geheimnis des Türknopfes und der Türen hier im Haus meiner Eltern? Oder lag ich in Wirklichkeit noch immer auf dem Kellerboden, betäubt vom Sturz, und alles war nur ein Traum?

Der wissenschaftshörige Realist in mir fand natürlich die Idee einer solchen Reise in die Vergangenheit, eines Hauses, durch dessen Türen sich Portale in die Zeit öffnen ließen, völlig absurd. Aber selbst wenn ich nicht daran glauben oder irgendeine vernünftige rationale Erklärung dafür finden konnte, so wollte ich doch die Gelegenheit beim Schopf packen und versuchen, ein anderes Leben zu beginnen.

Ja, es war der Abend, an dem Rosi mich gefragt hatte, an dem ich Rosi klar gemacht hatte, dass ich mit ihr nichts haben wollte. Klar und unmissverständlich, mit meinen Träumen von der idealen Frau im Kopf, von der Rosi meilenweit entfernt war. Vielleicht sollte ich meine Ziele nicht ganz so hoch schrauben wie damals – wie jetzt? Wenn ich tatsächlich die Zeit zurück gedreht hatte und diesen Fehler korrigieren konnte, war das vielleicht eine einmalige Chance, mein Leben wieder ins Lot zu bringen.

Da wir so ausgelassen waren, wollte ich noch eine Flasche Wein holen. Als ich leicht angetrunken wieder aus dem Keller stieg, sah ich Claudia in der taghellen Haustür stehen, ungeduldig, als hätte sie dort die halbe Nacht verbracht.

“Ich – re – de – mit – dir!”, sagte sie, wobei sie jede Silbe betonte.

Ich blickte an mir herunter, aber ich war wieder der Alte, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein verträumter Narr, der das Haus seiner Eltern nach Erinnerungen und wirren Geheimnissen durchforstete. Ich wusste weder, was ich denken, noch was ich sagen sollte.

“Was hast du da in der Hand? Einen Roten? Wie alt? Wenigstens etwas Vernünftiges. Wenn es noch mehr davon gibt, kannst du ihn meinetwegen aus dem modrigen Keller bergen.”

Verwirrt folgte ich ihr mit der Flasche in der Hand vor die Tür, wo sie eingehend das Etikett prüfte, als verstünde sie etwas davon. Sie drehte die Flasche ein paar Mal hin und her, neigte sie gegen das Licht und befand den Inhalt für genießbar.

“Ein Korkenzieher und ein Weinglas werden doch noch aufzutreiben sein. Natürlich, eines! Spreche ich inzwischen chinesisch? Du willst doch nicht trinken, wenn du noch fährst! Mit diesen Schuhen kann ich jedenfalls unmöglich fahren. Sie gefallen dir doch, oder nicht? Vielleicht soll ich mich auch noch auf den Fahrersitz setzen, den du vorhin vollgeschwitzt hast? Und mein Finger? Auch wenn er nicht mehr blutet, möchte ich heute noch zum Arzt gehen, um einer Blutvergiftung vorzubeugen. Liegt dir vielleicht nichts daran, dass ich gesund werde?”

“Doch.” Ich nickte schuldbewusst und verzog mich wieder ins Haus.

Welchen Streich hatte mir mein Gehirn da gespielt – oder das Haus? Der Knauf und der Keller? Vielleicht gab es noch eine andere Tür? Es blieb mir nicht viel Zeit danach zu suchen und deshalb versuchte ich mein Glück noch einmal an der Kellertür. Sollte es bloß ein Traum gewesen sein, war ich nicht schlimmer dran als vorher. Sollte mich der Türknopf aber tatsächlich in die Vergangenheit transportiert haben, so wollte ich lieber dort bleiben und mein Leben nochmal von vorne anfangen – mit Rosi.

Ich öffnete die Kellertür wieder mit dem Knauf und wollte das Licht anmachen, aber es war offenbar defekt. Also zog ich den Knauf ab, schloss die Tür und wartete ein paar Minuten, bis ich der Meinung war, es wäre genug Zeit für den Zeitreisetrick vergangen. Als ich nach dem Riegel tastete, musste ich seltsamerweise weiter nach oben greifen. Im Flur stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass ich auch keine zwanzig mehr war, sondern höchstens acht oder neun.

So schnell ich konnte rannte ich hinauf in die Küche. Dort saß mein Vater am Küchentisch, kaute an einem Apfel und las die Zeitung, wie es früher am Abend seine Gewohnheit gewesen war. Meine Mutter stand am Herd mit dem Rücken zu mir und rührte etwas über der Gasflamme.

Ich muss länger dort gestanden haben, denn mein Vater hörte auf zu kauen und blickte mich über seine Lesebrille hinweg an.

“Bist du in Rede- oder Bewegungsstreik getreten? Komm, nimm dir einen Apfel. Ich gebe dir den Sportteil.”

Meine Mutter lachte, als sie mich so stehen sah, und ich klappte hastig den Mund zu.

“Wie eine Hummelfigur”, witzelte sie. “Du zerstreuter Professor solltest mir Sauerkraut bringen und keinen Wein, sonst liegen wir morgen nach dem Mittagessen bestimmt unter dem Tisch.”

“Auch nicht das Schlechteste”, bemerkte mein Vater und zwinkerte mir zu. “Was ist denn das für ein hübsches buntes Ding, das da aus deiner Hosentasche herausschaut? Kommt mir irgendwie bekannt vor.”

Der Türknopf, schoss es mir durch den Kopf, ich darf ihn unter keinen Umständen verlieren, sonst bin ich verloren.

Ich machte auf dem Fuße kehrt, hastete nach unten und verstaute den Rotwein so gut ich konnte im dunklen Keller.

Irgendwie spürte ich, wie mir die Sache mit diesen seltsamen Zeitsprüngen entglitt. Nicht, dass ich je begriffen hätte, wie sie funktionierten, geschweige denn, ich hätte je die Kontrolle darüber gehabt. Aber ich fühlte mein Leben an mir vorbei gleiten, ohne einen Einfluss darauf zu haben, wohin mich die Reise führte. Was sollte ich nur tun? Jammern? Geister beschwören? Gott anflehen? Ich war nie sehr religiös gewesen, aber nun spürte ich den Drang, mich auf den Bauch zu werfen, die Hände zu falten und zu beten.

Ich spürte den kalten Lehm unter meinen nackten Knien, spürte wie die Feuchtigkeit begann, mein Hemd zu durchdringen, wie mein Bauch kalt und nass wurde. Den Kopf zwischen den Händen begann ich zu schluchzen. Ein Gebet formte sich in meinen Gedanken, aber kein Wort kam mir über die Lippen, nur schluchzen, mehr und immer mehr. Dann konnte ich nicht mehr an mich halten, ließ meiner Wut und Hilflosigkeit freien Lauf und heulte ungeniert drauf los. Ich spürte kaum wie sich eine wohlige Wärme über meinem Unterleib ausbreitete, als ich mich entleerte.

Unter Tränen bemerkte ich, wie die Kellertür aufgestoßen wurde und zwei Menschen die Treppe herunter gestürmt kamen. Meine Mutter nahm mich hoch, drückte mich fest an sich und flüsterte mir beruhigende Worte ins Ohr. Aber ich wollte sie nicht hören, ich wollte ihr etwas sagen, ihr mitteilen, was mit mir geschehen war und sie fragen, was ich dagegen tun konnte. Statt der Fragen formte mein kleiner unfähiger Körper nur noch mehr Schluchzer und Tränen und schließlich endloses Schreien.

“Was ist das überhaupt für ein komisches Spielzeug”, fragte mein Vater und hob den Türknopf auf. “Für dich, mein Kleiner, ist es jedenfalls zu gefährlich. Bevor du dich daran verletzt, werfe ich es lieber weg – oder schließe es irgendwo ein. Wer weiß, wozu es gehört.”

Das war das letzte Mal, dass ich meinen magischen Türknopf gesehen habe.

Und jetzt warte ich hier auf jemanden, der kommt und mich wickelt. Und darauf, dass ich größer werde und mich auf die Suche nach ihm machen kann, vorausgesetzt, ich erinnere mich dann noch an ihn. Leider gibt es jetzt keinen Weg, mein Wissen und meine Gedanken aufzuzeichnen. Und ich spüre, wie die Erinnerungen daran immer mehr verdrängt werden von weit dringenderen Bedürfnissen wie einer trockenen Windel und warmer Milch.

ENDE

Copyright © 2012 by Leon Ferri

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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DAS KLEINE ÄFFCHEN VERLÄUFT SICH – eine Kinder-Geschichte von Leon Ferri

Erstellt von Leon Ferri am 22. Oktober 2011

Das kleine Äffchen verläuft sich

eine

Kinder-Geschichte

von

Leon Ferri

Es war einmal in Afrika in der großen Grasebene, der Savanne. Da lebte ein kleines Äffchen.

... das kleine Äffchen tobt ...

Eines Tages tollte es alleine in der Savanne herum und geriet dabei immer weiter von zu Hause fort. Mit einem Mal merkte es, dass es nicht mehr wusste, woher es gekommen war und wie es wieder zurück finden sollte – es hatte sich verlaufen.

Und weil das Gras so hoch war und das Äffchen so klein, konnte es nicht sehen, wohin es gehen musste und wie es wieder zurück finden sollte zu seiner Mama, seinem Papa, seinen Geschwistern und seinen Freunden.

So irrte es kreuz und quer durch das dichte Gras und wusste weder ein noch aus. Sollte es nach links gehen oder doch lieber nach rechts? Oder vielleicht geradeaus? Überall sah es gleich aus, und so sprang es ziellos herum, bis es plötzlich gegen ein großes, gelbes Etwas stieß.

Da beugte sich ein gelber Kopf herab mit großen Augen, die es lustig anschauten. „Hallo, hast du dich etwa verlaufen?“, fragte die kleine Giraffe.

„Ach ja“, seufzte das kleine Äffchen traurig. „Kannst du mir helfen? Bitte.“

„Natürlich“, antwortete die kleine Giraffe und lächelte. „Steige nur auf meinen Rücken und, wenn du willst, auch auf meinen Kopf.“

Schnell kletterte das kleine Äffchen an der kleinen Giraffe hinauf – über die Beine auf den Rücken, über den Hals auf den Kopf. Von dort hatte es einen wunderbaren Überblick über die Savanne, die sich tief unter ihm ausbreitete wie ein riesiger grüner Samtteppich. Das kleine Äffchen klammerte sich an den Hörnern der kleinen Giraffe fest und hielt Ausschau.

Da sah es in der Ferne die Bäume vor den Bergen.

„Sieh nur“, quietschte es und hüpfte vor Freude, „da hinten in den Bäumen ist mein Zuhause, und da möchte ich wieder hin.” Dann hielt es nachdenklich einen Moment inne. „Aber hoffentlich … hoffentlich kann ich mir den Weg merken, wenn ich wieder unten im hohen Gras bin.“ Und wieder schaute es genauso traurig drein wie zuvor. Seine Augen waren jetzt ebenso groß wie die der kleinen Giraffe und glänzten tränenfeucht.

... Giraffen haben oft gute Ideen ...

Da zwinkerte ihm die kleine Giraffe zu. Sie hatte eine blendende Idee: „Hast du Lust zu reiten? Springe einfach auf meinen Rücken, dann bringe ich dich zu den Bäumen, wo du wohnst.“

Das ließ sich das kleine Äffchen nicht zweimal sagen. So rutschte es – schwupps – den borstigen Hals der kleinen Giraffe hinunter und landete auf deren Rücken.

„Halte dich gut fest“, mahnte diese noch, bevor sie mit Schwung los galoppierte. Mit ihren langen Beinen konnte sie mächtige Sätze machen und wurde immer schneller und schneller. Das kleine Äffchen musste sich mit Armen und Beinen und dem Schwanz ganz fest klammern, um bei diesem wilden Ritt nicht vom Rücken zu fallen.

Die Bäume vor den Bergen wurden bei jedem Schritt größer und größer. Es dauerte daher nicht lange, bis sie das kleine Wäldchen erreicht hatten.

Froh wieder zu Hause zu sein, sprang das kleine Äffchen vom Rücken der kleinen Giraffe und begrüßte die anderen Affen: seine Mama, seinen Papa, seine Geschwister und seine Freunde. Alle waren glücklich, dass sie das kleine Äffchen wieder bei sich hatten. Das kleine Äffchen war mindestens ebenso glücklich, dass es wieder bei seiner Familie war – wenn nicht noch ein bisschen glücklicher.

„Vielen Dank, liebe Giraffe“, bedankte es sich artig, „du hast mir wirklich sehr geholfen.“ Dann überlegte es, wie es der kleinen Giraffe eine Freude machen könnte.

„Weißt du was?“ fiel ihm plötzlich ein. „Bei uns im Wäldchen gibt es einen besonderen Baum mit ganz leckeren Blättern. Von denen kannst du dir nehmen so viel du willst.“

Die kleine Giraffe mochte junge, frische Blätter sehr, daher folgte sie dem kleinen Äffchen gern in das Wäldchen, bis sie bei dem Baum angekommen waren. Als die kleine Giraffe den riesigen Stamm sah und die mächtigen Äste weit über sich, reckte und streckte sie ihren Hals. Aber sie schaffte es nicht, auch nur die untersten Blätter mit ihrer Zunge zu berühren. Sie ließ den Kopf hängen und sagte: „Ich bin zwar recht groß, aber die Blätter hängen viel zu hoch für mich. Da komme ich nicht hin.“

Rasch sprang das kleine Äffchen zum Baum hinüber und kletterte behände am Stamm empor. Es huschte über die dicken Äste und die dünnsten Zweige bis hinauf in den Wipfel. Hier wuchsen die saftigsten Blätter. Von denen pflückte es so viel wie es nur tragen konnte und brachte sie der kleinen Giraffe.

„Mmh, sind die lecker“, sagte die kleine Giraffe kauend. „Vielen Dank.“

Von diesem Tag an waren das kleine Äffchen und die kleine Giraffe dicke Freunde und haben noch eine Menge spannende Abenteuer zusammen erlebt.

Ende

Copyright © 2011 by Leon Ferri für Text und Tierzeichnungen.

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Schwarze-Katzen-400×600-41-minus-125-41.jpg” (Originaltitel: 20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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EINE FRAGE DER DIPLOMATIE – eine Science-Fiction-Geschichte von Leon Ferri

Erstellt von Leon Ferri am 30. Juli 2011

Eine Frage der Diplomatie

oder

Der Korrekturbutton

eine

Science-Fiction-Geschichte

von

Leon Ferri

Es war nichts als ein kleines unscheinbares Gerät, das er bequem in die Innentasche seines Galaanzugs schieben konnte, ohne dass es auftrug. Ein Lichtleiter, der unsichtbar in das Futter eingearbeitet war, verband es mit seinem Revers. Dort befand sich das Abzeichen der Vereinigten Staaten von Terra. Das Emblem wies ihn als einen autorisierten Repräsentanten der Erde aus. Tatsächlich handelte es sich aber um einen Knopf, mit dem er das Gerät aktivieren konnte.

Der Geheimdienst nannte ihn den Korrekturbutton.

Boris Marrowitsch, Major im Geheimdienst und Verantwortlicher für die Sicherheit während der Verhandlungen, saß mit der kleinen Delegation im Salon des außerirdischen Raumschiffes. Ihm gegenüber hockten gekrümmt die grotesken Gestalten der Außerirdischen in ihren unförmigen und unansehnlichen Stofffetzen, aus denen überall verkümmerte, zuckende Gliedmaßen herausragten. Ein Tisch, blütenweiß und leer, trennte die Parteien. Keine Getränke, kein Essen. Die Außerirdischen hatten versichert, dass ihre Essgewohnheiten für menschliche Begriffe sicher nicht sehr appetitlich wären, und dass umgekehrt keiner der Außerirdischen erpicht darauf wäre, dem Ritual der Nahrungsaufnahme bei den Menschen beizuwohnen.

Darum geiferte und speichelte Kondrromo Abrrakozz, der Sprecher der Außerirdischen, gesättigt und zufrieden vor sich hin, während dem Major unbehaglich war und in der ungewohnt feuchten Luft bereits die Schweißperlen auf der Stirn glänzten.

„Eine schöne Welt habt ihrrr da“, schnarrte der Übersetzer. „Was habt ihrrr zu bieten?“

Was wir zu bieten haben, dachte Marrowitsch und sagte: „Wir haben Rohstoffe, Nahrungsmittel, Technik …“

Die Außerirdischen produzierten ein hässliches knarzendes Geräusch und schienen sich gar nicht zu beruhigen. Nach einer Verzögerung von wenigen Sekunden tönte es aus dem Übersetzer: „Ha-ha-ha.“

Marrowitsch wusste nicht, was diese garstige Rotte so belustigte, aber als er sich ein, wie er annahm, diplomatisches Lächeln gönnte, hörte das Lachen schlagartig auf. Sämtliche Augen der Außerirdischen (sie hatten eine ganze Menge) waren auf ihn gerichtet. Im nächsten Moment zuckten unzählige peitschenartige Tentakeln aus ihren zerfetzten Überwürfen. Sie schnitten tiefe Kerben in die gepanzerte Kleidung der Menschen und senkten sich mühelos in Fleisch und Knochen, dort, wo sie auf ungeschützte Stellen trafen.

Korrektur, schoss es dem Major durch den Kopf, und er schlug schnell auf den Button. Alle erstarrten augenblicklich in ihren Bewegungen, dann setzte träge aber unaufhaltsam die Zeitumkehr ein.

Und wieder schnarrte der Übersetzer: „Eine schöne Welt habt ihrrr da.“

Marrowitsch unterließ es dieses Mal, die Zähne zu zeigen und bedeutete den anderen Repräsentanten, sich zurück zu halten. Doch einer der Außerirdischen benutzte einen seiner Tentakeln, um … wer weiß, vielleicht, um sich zu kratzen. Sein Kopf zerplatzte im Maserfeuer eines nervösen irdischen Gardisten, und der Tentakel griff ins Leere.

Korrektur.

Das Licht fiel aus und die irdische Delegation wurde unruhig, während der Sprecher der Außerirdischen unbeeindruckt weiter plapperte. Offenbar konnten ihre Augen ein größeres Lichtspektrum wahrnehmen, sodass sie das Fehlen des weißen Lichts nicht störte. Zuerst war er irritiert, dass ihn niemand mehr beachtete, dann aufgebracht. So kam eins zum anderen, die Worte wurden immer ruppiger, doch kurz bevor es zum Gemetzel kam …

Korrektur.

So zogen sich die Verhandlungen endlos in die Länge, jedenfalls für den Major. Er durchlebte jede Variation, die durch die Zeitumkehr entstand, im Gegensatz zu den anderen, und versuchte, die Zusammenkunft so zu lenken, dass es nicht zum Konflikt kam. Ständig entstanden aus unscheinbaren Gesten oder unbedachten Worten die hässlichsten Missverständnisse.

Das ist wohl der Preis, der bei der Begegnung zweier so komplexer und zutiefst verschiedener Kulturen bezahlt werden muss, dachte Marrowitsch.

Schließlich, er konnte nur noch mit Mühe die Augen offen halten, waren sie zu einem Ende gekommen. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass die Außerirdischen den Menschen Maschinen und Technologie zur Verfügung stellten, während sie von der Erde mit Rohstoffen und vor allem Lebensmitteln versorgt würden. Als ganz besondere Ehrung sollte der Delegation der Erde eine Audienz bei der Königin gewährt werden.

Ein Haufen griesgrämiger Außerirdischer, der, wenn man dem Übersetzer glauben durfte, die königliche Leibgarde darstellte, geleitete sie zum Thronsaal. Aber es war eher ein Schubsen, Stoßen und Pieken, das der Major und die anderen Repräsentanten jedoch geduldig ertrugen.

Im Halbdunkel des Thronsaals wurden sie einer weißen bauchigen Gestalt gewahr, die träge auf die Delegation zu kroch. Irgendwie hatte Marrowitsch das Gefühl, dass sich dabei die Schatten im ganzen Saal bewegten. Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht, die mannshohe Gestalt war das vordere Ende eines riesigen pulsierenden Ungetüms, das den ganzen Raum ausfüllte.

Die piepsenden Laute, die die Königin beim Sprechen von sich gab, klangen im Gegensatz dazu fast lächerlich. Der Übersetzer begann wieder zu arbeiten: „Ihrrr seid die errrsten Wesen seit langerrr Zeit, die sich nicht mit uns bekrrriegen wollen. Äußerrrst ungewöhnlich.“

Marrowitsch spürte plötzlich ein Ziehen um seinen Leib. Als er an sich herabblickte, sah er, dass seine Arme von einem durchsichtigen Gespinst gefesselt waren. Er blickte sich um. Die anderen Menschen waren bereits bis zum Oberkörper in dicke weiße Kokons gehüllt und starrten mit großen Augen in weite Fernen, als ob sie in Trance wären.

Füttert mich, befahl die Königin mit schriller Stimme. Dann könnt ihr euch auch bedienen.

Kondrromo Abrrakozz fraß genüsslich das Major-Männchen vom Kopf an abwärts und raunte knurpsend: Keine Kämpfernaturen, kein Rückgrat. Friedlich wie schwachsinnige Schnork-Lämmer, diese Terraner. Widerlich! Man kann sich nicht mit ihnen streiten, man kann sie nicht bekriegen, man kann sie nur fressen.

Er fädelte ein flaches angeschleimtes Gerät zwischen seinen Mandibeln hervor und warf es auf den Boden, würgte und spuckte noch den Korrekturbutton hinterher.

- Ende -

Copyright © 2011 by Leon Ferri

Bildrechte: Erstkontakt” (http://sfbasar.filmbesprechungen.de/wp-content/uploads/Erstkontakt2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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DER ERSTE MORGEN – eine Fantasy-Horror-Geschichte von Leon Ferri (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2012)

Erstellt von Leon Ferri am 13. April 2011

Der erste Morgen

Eine

Fantasy-Horror-Geschichte

von

Leon Ferri


2011


Der erste Moment war der schwierigste.

Natürlich war Daryl nervös. Sie spürte wie klamm und kalt ihre Hände auf dem Türknauf lagen, während sie drückte. Als sie vor die schwere Holztür ins Licht des frühen Morgens trat, kniff sie vor Schreck die Augen zusammen und versuchte, durch die Tränen hindurch die Umrisse des Jungen zu erkennen.

„Los doch, koohom“, brüllte es vom Vorplatz herauf. „Wer als letztes beim Baumhaus ankommt, ist ein lahmes Ei!“

Schnell wischte sie sich mit dem Ärmel übers Gesicht, sodass sie in einem kurzen klaren Moment Figor ausmachen konnte, der pfeilschnell durch das Gras zu den dunklen Schatten der Bäume wetzte.

Mit einem Satz sprang sie die paar Stufen auf den knirschenden Schotter hinunter. Beim Loslaufen rutschte sie jedoch aus und schlug der Länge nach hin. Sie fiel so unglücklich auf die Steine, dass sie sich am Knie aufschürfte. Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie, und sie war drauf und dran zu jammern, loszuheulen wie ein junger Wolf und ins Haus zurück zu laufen. Aber sie riss sich zusammen und wartete einen Augenblick mit angehaltenem Atem.

In den letzten Monaten hatte sie viel Schmerz ertragen müssen, aber es war immer schnell wieder gut gewesen; Stiche von Spritzen und Nadeln; Bänder, die in die Haut schnürten und die gerippte, langsam verblassende Muster auf Armen und Beinen hinterließen. Das hier tat ganz anders weh – viel andauernder.

Das ist nur der Schreck. Es ist wird schon besser, gleich ist es gut. Aber die Hitze! Der Boden ist so heiß – und die Sonne ist so hell. Schnell, ich muss aufstehen!

Das Sonnenlicht brannte so auf ihrer Haut, dass Daryl den Schmerz in ihrem Knie ganz vergaß. Die langen Ärmel halfen nicht gegen das Brennen und auch nicht die Arzneien und Crèmes, mit denen man sie behandelt hatte. Dabei war es noch früh am Morgen. Die Sonne war erst vor Kurzem über die Mauer im Osten geklettert und ihr Licht noch durchbrochen von den Schatten der Blätter.

Ich kann kaum etwas sehen, der Vorplatz ist so hell. Gleich fängt mein Blut an zu kochen, meine Augen sind glühende Kohlen. Ich werde bei lebendigem Leib verbrennen. Bloß weg hier, schnell!

„Daryl, meine kleine Prinzessin, ist alles in Ordnung?“ Hinter ihr kam eine der Schwestern die Treppe herunter.

Figor! „Lahmes Ei“, quietschte sie leise, rappelte sich eilig auf und folgte verbissen und mit wehenden Zöpfen ihrer fliehenden Beute über die Wiese. Ihr Knie pulsierte schmerzhaft, aber der kühlende Luftzug tat gut, und das Brennen klang immer mehr ab, je länger sie unterwegs war. Während ihr der Wind in den Ohren rauschte und sie gierig den kühlen Atem einsog, wurde ihr wohler. Bald trugen sie ihre Füße wie von selbst, ganz ohne ihr Zutun, als wären sie selbstständige Wesen. Schließlich nahm sie nur noch den Rhythmus ihres Atmens und das regelmäßige Auf und Ab der Welt um sie herum wahr – einer rauschenden luftigen und wunderbar farbigen Welt. Wie auf Flügeln glitt sie dahin – wie eine Eule in der Nacht.

Ja, ich bin eine gefährliche Eule, die auf geschmeidigen und lautlosen Schwingen auf ihr Opfer zufliegt – und erbarmungslos zuschlägt. Nein! Keine Eule – nie wieder! Ich bin ein Falke und fliege bei Tag unter dem blauen Himmel.

So rannte sie durch das hohe Gras und die Sommerblumen zum Eichenhain nahe der Mauer, den sie aus schmalen Augenschlitzen gerade noch wahrnahm. Dort angekommen, ließ sie sich japsend ins Gras fallen und fixierte blinzelnd und zufrieden die dunkle Baumkrone über ihr.

Ich lebe noch! Die Sonne hat mich nicht erwischt. Kann sie mir wirklich nichts mehr anhaben?

Figor lehnte am Stamm einer Eiche und war ebenso atemlos wie Daryl. Aber er grinste so breit wie es ihm möglich war und winkte zu ihr herüber. „Lahmes Ei,“ stieß er keuchend hervor.

„Idiot!“

Es war ihr erster Tag draußen – ihr erster Morgen. Bisher hatte sie erst nach Einbruch der Abenddämmerung im Freien spielen dürfen. Aber die Ärzte sagten, dass ihre Behandlung fast abgeschlossen wäre, und das Sonnenlicht für sie deswegen keine Gefahr mehr darstellte. Trotzdem fürchtete sie sich noch davor; es war eine tiefe schwarze Furcht, doch den ersten Schritt hatte sie überstanden. Beim Spurt hierher hatte sich ihre Nervosität auf wunderbare Weise verflüchtigt, ihre Angst zurück gezogen in eine angenehm dicke Blase aus Watte – und sie entdeckte eine neue Welt.

Über ihr im Geäst zwitscherten die Vögel, die nachts nicht existierten, raschelten bisweilen durch das Laub und flogen hierhin und dorthin ohne erkennbares Ziel; die ersten Insekten stiegen auf und setzten sich auf Gräser und Blumen; Bienen einer weit verstreuten Gesellschaft flogen unermüdlich umher, krochen in Blüten und tauschten nach unergründlichen Regeln immer wieder die Plätze. Eine große Hummel brummte Daryl entsetzlich nahe am Gesicht vorbei. Mit beinahe hypnotischer Faszination blickte sie ihr hinterher wie sie ihre Stationen auf den Kleeblüten ansteuerte und dann mit großer Geschwindigkeit in den hellen Sonnenschein flog, bis ihr Pelzchen zu glühen begann.

Glühen. Die Sonne!

Daryl wusste, dass die Sonne noch höher steigen und noch heller und heißer strahlen würde.

Die Sonne erhitzt die Luft, die Luft fängt an zu glühen und wird vor Hitze flimmern. Dann entfacht sie ein Inferno, dem kein Wesen entkommen kann. Ich werde verbrennen, und meine glühende Asche wird vom Wind fortgetragen – wie die verlorenen Funken eines Lagerfeuers.

„Was ist denn? Träumst du? Ich bin schon fast oben und erster sowieso.“

Erst jetzt bemerkte Daryl, dass sie sich zusammengekauert hatte und ihre Beine krampfhaft umschlungen hielt. Sie schmeckte Blut auf ihren Lippen. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich mit ihren nadelscharfen Eckzähnen geritzt hatte. Sie warf einen schuldbewussten Blick zurück zum Haus und dann hinauf zu Figor. Der war bereits oben auf der Plattform angekommen und machte sich gerade daran, einen bunten Stofffetzen auf eine Wäscheleine zu spannen.

In diesem Moment, da sie sich unbeobachtet glaubte, nahm sie einen kleinen Blutstropfen von ihrer Lippe und betrachtete ihn nachdenklich.

Kann etwas so harmloses mein Leben verändern? Aber ich bin doch geheilt. Alle haben gesagt, dass ich ein Mädchen bin wie alle anderen hier auch – dass mir die Jungs irgendwann scharenweise hinterher laufen. Ich kann nach draußen gehen und brauche keine Angst mehr zu haben, dass ich …

„Yeaaah“, grölte Figor von der Festung herab. Er hatte die Westflügelflagge gehisst, und jetzt stolzierte er an der Brüstung entlang, den Dreispitz tief ins Gesicht geschoben. „Yeaaah, wir werden die Piraten in die Flucht schlagen.“ Bei diesen Worten drosch er heftig mit einem Stecken auf den Festungs-Gong, eine geschundene Bratpfanne an einer Schnur. Wie auf ein Zeichen ging im Ostflügel eine Tür auf und gab eine Schar ausgelassener Kinder frei.

Frühstückspause.

Daryl wischte sich hastig den Mund ab und kletterte Figor hinterher.

Vom Baumhaus hatten sie einen prächtigen Rundumblick. Hinter ihnen ragte die Mauer empor, die das Grundstück umgab und vor neugierigen Blicken verbarg, aber von hier oben konnten sie mühelos ein Stück des Feldwegs dahinter sehen und die daran angrenzenden Wiesen. Vor ihnen lag die Klinik mit ihrer mondänen Front.

Unten hatten sich die Kinder schnell auf der Wiese verteilt und bildeten fröhlich lachende Grüppchen. Eine dieser Gruppen rannte schon zielstrebig auf die Festung zu – die Piraten aus dem Ostflügel! Am Baum angekommen, hielten sie sich nicht damit auf, mit Kapitän Figor zu debattieren, sondern begannen sofort, die Festung zu entern; die schnellsten kamen über die Hühnerleiter und die Äste und andere – etwas langsamer – über den Strick, der von der Plattform herab hing. Plötzlich stieß Daryl einen durchdringenden schrillen Schrei aus.

Figor fuhr erschrocken herum, und die ersten räuberischen Piraten, die gerade ihre Köpfe über die Plattform streckten, erstarrten in der Bewegung.

Kleine Blumen in Karmin erblühten auf Daryls hellem Rock und bildeten zarte rote Stängel, die langsam nach unten wuchsen. Ihr Gesicht wirkte jetzt noch bleicher mit dem dünnen roten Rinnsal, das ihr aus dem Mundwinkel sickerte, dort, wo sie sich die Lippe aufgebissen hatte. Aber sie achtete nicht darauf; ihre Aufmerksamkeit war auf die Szene jenseits der Mauer gerichtet.

Drüben, auf der anderen Seite des Weges, hockte ein Pärchen auf einer Decke, ein junger Mann und eine junge Frau. Sie hielten sich zärtlich umarmt in den tanzenden Schatten der Birken und waren zu sehr mit sich beschäftigt, als dass sie spielende Kinder hinter einer Mauer bemerkt hätten – Kinder aus einer anderen Welt.

Die Sonne habe ich besiegt, aber das Blut lässt mich nicht los. Sie sind älter als ich, aber nicht zu alt. Lieber Gott, hilf mir, ich fühle mich so anders. Was geht in mir vor? Sie sind so schön anzusehen, ihre Haare, ihre Haut …

„Schnell, ihr Doofköpfe“, brüllte Figor mit sich überschlagender Stimme nach unten. „Holt jemanden!“ Als er sich umdrehte, wollte er Daryl packen, aber sie entwand sich seinem Griff, fiel gegen die hölzerne Brüstung und fauchte ihn böse an.

… ihre Rundungen, ihre Kurven, ihr Fleisch …

Jetzt kam die ganze Piratenbrut in Bewegung. Aus ihrem Entsetzen war Faszination geworden. Erinnern – wie bei einem verstaubten, beinahe vergessenen Spiel, das man aus einer Ecke des Speichers zieht. Sie kamen raunend mit gierigen Augen, dennoch vorsichtig auf die Plattform. Ein paar Kinder rasten unten über die Wiese zurück zur Klinik.

Was soll ich tun? Sie sind wie ich, und ich bin ein Teil von ihnen. Habe ich sie verraten, den Schmerz, den sie erleiden und die Entbehrungen, die sie erdulden mussten? Habe ich mich verraten?

Inzwischen war sie geschickt mit entblößten Krallen und von Speichel glänzenden Lefzen über einen dicken Ast in Richtung Mauer geklettert und mit einem beherzten Sprung auf deren Krone gelandet. Während Figor sich noch auflehnte und rebellierend den Kopf schüttelte, folgten ihr einige der Kinder winselnd und knurrend.

Blut! Nein, es ist alles gut. Wir haben die Sonne überwunden, aber unsere Wurzeln können wir nicht verleugnen.

Dann waren sie nur noch ein disziplinloser Haufen hungriger Kinder, der sich in einer rasanten und brutalen Attacke auf die vor Schreck gelähmten Menschen stürzte. Daryls Welt versank in einem Rot, das sie noch nie so leuchtend und lebendig empfunden hatte – ein warmes, süßes, köstliches Rot.

Jetzt bin ich ein Falke – aber immer noch trinke ich Blut.

ENDE

Copyright © 2011 by Leon Ferri

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-79-minus25-minus-14.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Die Bennet-Schwestern genießen in vollen Zügen ihre friedliche und behütete Jugendzeit auf dem idyllischen Landsitz ihrer Familie im viktorianischen England. Sie verbringen ihre Tage mit Lesen, Gärtnern und Tagträumereien über ihre künftigen Ehegatten – bis eine Beerdigung in der örtlichen Gemeinde einen unerwarteten Verlauf nimmt. Plötzlich graben sich überall im Land lebende Leichen aus der lockeren Erde, ausgestattet mit einem unstillbaren Verlangen nach menschlichen Gehirnen – und es gibt nur eine Familie, die den grausigen Invasoren aus dem Grab Paroli bieten kann. Elizabeth Bennet wird im Feuer der unmenschlichen Verteidigungsschlacht von einem sorglosen Teenager zu einer erbarmungslosen Jägerin der Untoten geschmiedet. Ihr zur Seite stehen zwei mutige Männer, die der unheimlichen Bedrohung auf recht unterschiedliche Art Herr werden wollen und nebenbei der bezaubernden Elizabeth ihre Aufwartung machen: Master Hawksworth ist der mutige Krieger, der sie in jeglicher Form der Kampfkunst unterrichtet, während der begabte Dr. Keckilpenny den Untoten mit Wissenschaft und Technik zu Leibe rücken will. Wird einer von ihnen das Herz der jungen Miss Bennet erobern oder werden die Herzen der Männer als Mahlzeit für eine Horde blutrünstiger Zombies dienen? Die Antwort gibt es in diesem ausgesprochen unterhaltsamen Werk voller Action, Romanzen, Satire und Zombies, das vermutlich die ehrenwerte Jane Austen dazu veranlassen wird, sich im Grabe herumzudrehen – oder aber eben jenem zu entsteigen.

Jane Austen wurde 1775 in Steventon (Hampshire) als Tochter eines Landpfarrers geboren. Sie ist die Schöpferin bedeutender klassischer Werke der englischen Literatur. Nach Meinung ihres Bruders führte sie “ein ereignisloses Leben”. Sie starb 41-jährig, unverheiratet und kinderlos, an Tuberkulose. Ihre literarische Welt war die des englischen Landadels, deren wohl kaschierte Abgründe sie mit feiner Ironie und Satire entlarvte. Psychologisches Feingefühl und eine lebendige Sprache machen ihre scheinbar konventionellen Liebesgeschichten zu einer spannenden Lektüre.

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Abgelegt unter Autorenwerkstatt, Bücher, Fantasy, Horror, Storys, sfb-Preisträger | 28 Kommentare »

DER ZAUBERER VOM MARS – eine Science-Fantasy-Geschichte von Leon Ferri

Erstellt von Leon Ferri am 15. Januar 2011

DER ZAUBERER VOM MARS

eine

Science-Fantasy-Geschichte

von

Leon Ferri


::Damit geht das diesjährige Welt Energie Symposium zu Ende. Fünf Tage lang wurden hier die neuesten Errungenschaften, Techniken und Methoden vorgestellt, wie in Zukunft Energie gewonnen werden kann. Denn eines ist klar: es ist längst an der Zeit, für unseren ständig wachsenden Energiebedarf dauerhafte Lösungen zu finden. Damit geben wir zurück ins Studio zu David Hammer.::

Der Durchgang zum großen Hörsaal im Hintergrund ist plötzlich stockdunkel. Im Vordergrund eine Menge sich drängender Journalisten, alle mit eigenen Angelegenheit beschäftigt. Dann dumpfes Grollen aus dem Hörsaal, tief wie ferner Donner. Helle Blitze lassen die weite Decke hinter dem Durchgang in allen Farben erglühen. Bewegung kommt in die Menge. Reporter, Kamerateams halten inne. Einige Leute recken die Hälse. Die hintersten drängen zum Saal mit hoch gehaltenen Kameras, Fotoapparaten und Mikrofonen.

::Marietta? Was ist da los? Da hinten scheint etwas im Gange zu sein.::

::Einen Moment, David:: Sie dreht sich um, versucht, ebenfalls auf Zehenspitzen, freien Blick aufs Podium zu bekommen. Umsonst. ::Len, die Kamera!::

Verwackelte Bilder als der Kameramann seinen Apparat in die Höhe hebt.  Aufgeregtes Gedränge. Köpfe, alle zum Podium hin gerichtet. Ausgestreckte Arme mit Aufnahmegeräten. Blitzlichtgewitter beleuchtet für kurze Zeit den Saal. Dann geht innen das Licht wieder an.

Aus dem Off::Im Augenblick, David, können wir nichts sehen. Das müsste einer der Gastredner sein … das ist …::

Len, der Kameramann::Al-Shafir. Kalid Al-Shafir.:: Das Bild wackelt als die Kamera nach unten kommt.

Marietta, einhändig in ihrem Pod blätternd, zwinkert ins Bild. ::Er hat ein fotografisches Gedächtnis. Sci-TVs wandelndes Lexikon. Danke, Len.:: Sie liest vor::Professor Doktor Kalid Al-Shafir von der Universität Kairo. Oha, ein Archäologe! Ein paar populärwissenschaftliche Publikationen, sonst … ein bisschen glücklos.:: Amüsiert hochgezogene Augenbrauen. ::Der Vortrag lautete: Der Mars als Quelle neuer Energien.:: In die Kamera, schmunzelnd, leicht spöttisch::Interessantes Thema für einen Archäologen und auch ein gelungener und ::(Lachen im Saal):: – wie es sich anhört – höchst vergnüglicher Abschluss der Energietagung.::

Sie befragt einen der Journalisten, die sich ihren Weg aus dem Hörsaal bahnen.

::Köstlich der Mann. Er will magische Energie auf dem Mars sammeln und dazu benutzen, um  unsere Energieprobleme zu lösen.:: Zeigt mit dem Daumen hinter sich zum Durchgang. ::Haben Sie seinen kleinen Budenzauber mitbekommen? Lasershow, Holos oder was weiß ich. Sagt, er hätte einen Geist beschworen. Zum Piepen. Das reicht jedenfalls für einen kleinen Einspalter.:: Geht kopfschüttelnd davon. ::Herrlich!::

Marietta, stirnrunzelnd::Einspalter?::

David lacht. ::War wohl ein bisschen vor ihrer Zeit.:: Sie wirkt leicht pikiert, gespielt, woraufhin er fortfährt::Nichts für ungut. Vielen Dank, Marietta – und Len – für Ihren aufschlussreichen Bericht.::

Interview im Studio. Im Hintergrund eine Büste, das Bild eines Mannes in den Fünfzigern. Wirres, graues Haar, ausgemergelte raue Haut, beschattet von hervorstehenden Wangenknochen, spitzes Kinn und geschwungener weißer Schnurrbart. Text darunter: Kalid Al-Shafir.

Der Reporter, links, beugt sich aufmerksam aus seinem Sessel. Über ihm prangt wie eine Sprechblase das Emblem von Sci-TV.

::Und Sie, als Leiterin des Instituts, haben ihn daraufhin in den entferntesten Winkel unserer Welt geschickt?::

Professor Aset Mansour, ihm gegenüber, rechts, hebt abwehrend die Hand; goldene Armreifen klingeln leise.

Er beeilt sich. ::Er hat viele Leute verärgert und ist auch sonst nicht gerade ein Aushängeschild für Ihr Institut.::

::Ich möchte Ihnen Ihre … Auslegung nicht vorhalten, aber diese Geschichte wird im Allgemeinen ganz falsch interpretiert. Es war schon lange der Wunsch Professor Al-Shafirs, auf dem Mars archäologische Studien zu betreiben.::

::Er wird also mundtot gemacht?::

Sie, unbeirrt::Dass er der erste ist und er – wie man es hierzulande ausdrückt – auf der grünen Wiese anfangen kann zu arbeiten, macht ihm nichts aus. Im Gegenteil, diese Arbeitsweise kommt ihm sehr entgegen. Er ist seit jeher jemand, der gerne Neuland betritt.:: Sie produziert ein gewinnendes Lächeln, einstudiert und vielfach erprobt. ::Und das jetzt nicht nur metaphorisch, nicht wahr?::

Der Reporter lächelt höflich, aber unbeeindruckt. Dann blickt er auf seine Notizen und fährt fort::Er hat einen Geist beschworen vor zwei Monaten während seines Vortrags in …::

::Sie glauben an Geister?:: Sie ist eindeutig belustigt. ::Es war wohl eher eine fein inszenierte Abschiedsvorstellung, seinem zugegebenermaßen eigenwilligen Sinn von Humor geschuldet und seiner zuweilen dramatischen Art.::

::Wir hätten Professor Al-Shafir dazu gerne selbst befragt. Nicht jeder teilt da Ihre … konservative Sicht der Dinge. Wurde er nicht nach seiner Vorlesung abgeführt?::

Sie, korrigierend::Er wurde nach seiner Vorführung zum Flughafen begleitet. Er sollte seinen Flug nicht verpassen.::

Er, mit schiefem Lächeln, lauernd:: … den er bereits gebucht hatte?::

Kurzes helles Lachen. ::Ich bitte Sie.::

::Nach Aussage einiger Kollegen war diese Beschwörung eines Geistes …::

„Dschinn. Es war ein Dschinn, um genau zu sein.“ Professor Al-Shafir hangelte sich umständlich durch die Öffnung in die Kabine hinein und klettete sich auf dem Platz hinter seinem Assistenten fest. Als dieser leicht irritiert und peinlich berührt die Sendung unterbrechen wollte, hielt ihn der Professor mit einem beiläufigen Winken davon ab.

„Schauen Sie sich das ruhig an, Tom.“ Er strich die kurze geschwungene Linie seines Schnurrbartes entlang. „Nett, wirklich nett. Aber mehr nicht. Wissen Sie, tatsächlich gibt es keine einzige Aufnahme von meiner kleinen … Vorführung.“ Es war das erste Mal, seit sie die Reise zum Mars angetreten hatten, dass der Professor in dieser leutseligen Art mit Tom redete – dass er überhaupt mit irgend jemandem mehr Worte wechselte als unbedingt nötig. Mit seiner kratzigen Stimme fuhr er unbekümmert fort: „Es gibt eben mehr Dinge im Universum, als sich diese Betonköpfe erträumen können.“

Tom raffte seinen Mut zusammen und stellte die Frage, die ihm auf den Lippen brannte: „Soll das heißen, dass der Geist – der Dschinn – echt war? Meinen Sie das mit der magischen Energie wirklich ernst?“

Al-Shafir blickte ihn einen Moment irritiert von der Seite an, so, als ob er jetzt erst bemerkt hätte, dass sich dort jemand befand. Dann schnaufte er geräuschvoll durch die Nase aus, sank beinahe resignierend in sich zusammen und antwortete mit einem gequälten Unterton: „Der Dschinn … nein, der war nicht echt. Dieser Reporter hatte recht, das war Budenzauber, wie er so respektlos bemerkte. Sie sollten sich allerdings überlegen, warum es keine Aufnahme davon gibt. Das, mein lieber Tom, war einer der letzten magischen Momente, die uns die schwindenden Ressourcen der magischen Energie auf der Erde beschert haben. Und ich bin …“, er hob theatralisch die Arme und rollte die schwarzen Augen. Eine Geste, die zusammen mit seiner dramatisch erhobenen Stimme tief beeindruckt hätte, wäre er nicht, wie alle Fluggäste an Bord, mit einem albernen Overall in leuchtendem Orange bekleidet gewesen. „… ich bin der einzige, der diese alte Kunst, die Beschwörung magischer Wesen und Kräfte noch beherrscht. Vor vielen hunderten von Jahren waren diese Rituale, das Wissen und der Umgang mit den magischen Kräften noch weit verbreitet. Dieses Wissen wurde von vielen Menschen benutzt, gerade so, wie die Leute heutzutage die moderne Technik verwenden. Die alten Sagen, Legenden und auch die Märchen der abendländischen Welt zeugen davon.“

„Diese magischen Energien wurden verbraucht?“

„Die Vorräte nahmen mehr und mehr ab, und damit einhergehend gerieten die Fähigkeiten und Kenntnisse, diese zu nutzen, immer mehr in Vergessenheit. Heutzutage gibt es auf der Erde daher kaum noch Quellen magischer Energie.“ Traurig blickte er auf die Hände in seinem Schoß.

„Und Sie meinen, auf dem Mars gibt es noch solche Energien?“

Ein Leuchten trat in seine Augen. „Davon bin ich überzeugt. Nach meiner Theorie ist die magische Energie nur eine andere Form von Energie, wie wir sie kennen oder wie sie in der Naturwissenschaft definiert wird. Diese spezielle Energieform ist zunächst an Materie gebunden bis sie freigesetzt wird.“

„Und da es keine Zauberer auf dem Mars gibt“, stellte Tom fest, „müssen die Quellen dort noch reichlich sprudeln.“

Al-Shafir wackelte mit seinem knöchernen Finger in Toms Richtung. „Exakt. Aber sagen wir besser: es gibt dort noch keine Zauberer.“

Wo war Tom da nur rein geraten, er, als angehender Archäologe? Ein wenig bestürzt blickte er auf die Tastatur vor sich, dann zum Professor. „Ich habe ein Stipendium, Professor. Ich soll Ihnen bei Ihren archäologischen Forschungen auf dem Mars helfen und meine eigenen Studien dazu betreiben. Darüber soll ich meine Doktorarbeit schreiben. Was soll damit passieren, wenn ich plötzlich anfange …“, er suchte händeringend nach einer Vokabel, die den Professor am wenigsten kränkte, „… Geister zu beschwören?“

„Ein Stipendium“, sinnierte Al-Shafir, die Augen im dunklen Schatten seiner buschigen Brauen verborgen, „denken Sie mal an. Eine beachtliche Leistung! Insbesondere wenn man an Ihren Notendurchschnitt denkt, der Sie nicht gerade für eine Karriere in der Archäologie prädestiniert. Das soll jetzt keine Beleidigung sein“, fuhr er schnell fort. Dann packte er Tom mit beiden Händen am Arm und sagte: „Tom, es gab vermutlich noch nie Leben auf dem Mars, geschweige denn Zivilisation. Wir sind auf dem Weg in die Abstellkammer der wissenschaftlichen Welt, wir sind abgeschrieben! Wollen Sie eine Arbeit schreiben über … die erfolglosen Versuche, auf dem Mars nach Scherben zu buddeln?“

Tom sah ihn entrüstet und zornig an, erwiderte jedoch kein Wort.

„Mansour wollte mich los werden. Mein kleines Faible für den Mars kam ihr da gerade recht und, wenn ich das so sagen darf, Sie ebenfalls. Wissen Sie, was sie mir angeboten hat? Falls meine Ausgrabungen Erfolg hätten, will sie mir ihren Platz im Institut abtreten. Natürlich weiß sie, dass auf dem Mars ebenso wenig Artefakte von Zivilisationen existieren wie Delfine in der Wüste. Sie wollte vor mir auf die Knie fallen – diese Demütigung“, knurrte er verbittert. Dann drückte er Toms Arm noch fester und zischte im ins Ohr: „Es gibt aber keinen Grund, zu verzagen, Tom. Dieses Weib wird dafür bezahlen! Sie wird vor mir auf die Knie fallen; alle werden sie vor mir im Staub kriechen und mich anflehen, sie an meinen Schätzen teilhaben zu lassen, ihnen Energie für ihre jämmerlichen Wissenschaften und ihre ganzen dekadenten Eskapaden zu geben. Und zu alldem brauche ich Sie, mein Lieber. Sie werden mein Faktotum sein, wenn ich mich der großen Kunst der Magie hingebe.“

Was soll ich sein?“ fragte Tom entgeistert.

Al-Shafir wedelte beschwichtigend in der Luft herum. „Sie werden an meinem Erfolg teilhaben, glauben Sie mir. Die Welt wird uns zu Füßen liegen.“

Seit Beginn des Terraforming-Prozesses vor vielen Jahrzehnten gab es auf dem Mars noch genügend Regionen, die nicht unter der ständigen Kontrolle der Terraforming Ingenieure standen, sogar im weiteren Umland von Bradbury, der einzigen Stadt auf dem Mars. Bradbury war nicht mehr als eine lose Ansammlung mittelgroßer Habitate, eine bunte Mischung wissenschaftlicher, industrieller und politischer Niederlassungen aus aller Herren Länder in den verschiedensten Stilrichtungen des Zeitalters der Raumfahrt.

In weniger als einer Viertelstunde brachte sie das Sphärenshuttle von der Andockstation auf Phobos nach B.Haven, einer großen Senke südwestlich von Bradbury. Ihr nördlicher Rand war gesäumt von drei Habitaten in den schrillen Farben einer postkubistischen Komposition, in denen die Abfertigungshalle, der Tower mit seinen abgesetzten Radarkuppeln, sowie die obligatorische Notunterkunft und eine medizinische Station untergebracht waren.

Die wichtigsten Stationen, die Tom Butler, des Professors erster guter Geist auf dem Mars, ansteuerte, waren das geologische Institut der Universität Zürich, dann das ägyptische Konsulat und zuletzt der Hangar von Mole Mars Mining, eines Grubenunternehmens, das mangels Aufträgen seinen kolossalen Fuhrpark und seine Expeditionsausrüstungen für Exkursionen und dergleichen vermietete.

Ein freundlicher Geologe der Uni Zürich, nicht viel älter als Tom selbst, versorgte ihn mit einer Sammlung Koordinaten der Formationen, die der Professor geheimnisvoll als potenziell bewohnt zu erkennen glaubte, was auch immer er damit meinte. Im Konsulat bescheinigte die wichtigste und zugleich einzige Amtsperson im Habitat, der Konsul höchst persönlich, mit ernster Miene, einer Batterie ritueller Stempel und einigen feierlichen und äußerst bedeutungsschwangeren Hinweisen die Grabungslizenz für eine der Regionen, die Professor Al-Shafir ausgewählt hatte. Schließlich verhandelte Tom, der zunehmend Spaß an der Sache gewann, geschickt mit einem gelangweilten Supervisor von Triple-M, und erwarb schließlich für wenig Geld einen Rover mit einem Tender aus Wasserstoffzellen, sowie ein kleines Habitat – Verpflegung für eine Woche inklusive.

Drei Tage waren vergangen seit sie auf dem Mars gelandet waren. Drei Tage, in denen der Professor das Labor des Habitats nicht verlassen und wiederum kaum ein Wort mit Tom gewechselt hatte. Die Frage, ob sich sein Assistent um ein paar Arbeiter für die anstehenden Ausgrabungen bemühen sollte, wischte Al-Shafir beiseite mit der Bemerkung, dass er sich darum selbst kümmern wollte. Tom sollte sich um Verpflegung und medizinische Versorgung bemühen und vor allem dafür sorgen, dass er hier ungestört arbeiten konnte.

„Meinetwegen lassen Sie sich Angebote machen für Arbeiter, Fahrzeuge, Werkzeuge, Bodensondierungen – solche Sachen. Nur halten Sie sie mir vom Leib. Ich möchte nicht, dass hier Fremde herum schnüffeln.“ Mit diesen Worten schickte Al-Shafir seinen Assistenten nach Bradbury.

Als Tom wieder zurück kam, dämmerte bereits der Abend. Soweit hatte sein Ablenkungsmanöver Erfolg gehabt, allerdings hatte ihm der Konsul mitgeteilt, dass er ihrem Wunsch nach Abgeschiedenheit nur bis zur kommenden Woche entsprechen könnte. Aset Mansour, die Leiterin des archäologischen Instituts, war an Bord der nächsten Fähre, und im Begriff, die Fortschritte Professor Al-Shafirs zu begutachten.

Tom stieg aus dem Rover und besah sich die eigenartigen Lichtspiele des Himmels. Zarte Pastellfarben waren durchzogen von Sprenkeln türkisgrünen Lichts, eingebettet in ein wachsendes Meer golden glitzernder Sterne. Direkt über ihm entstanden urplötzlich Wolken. Sie verdichteten sich zu einem riesigen Wirbel, aus dessen Mitte ein unstet umher tanzender sich widerspenstig krümmender Schlauch herab fuhr, wild umkreist von dünnen Wolkenschlieren.

Instinktiv duckte er sich und wurde im nächsten Moment niedergeworfen, als ein Beben den Untergrund erschütterte, begleitet von einem Grollen tief unter der Oberfläche. Und Tom meinte, dieses eigenartige Geräusch schon einmal gehört zu haben.

Als er sich aufgerappelt hatte, war der Wolkenwirbel verschwunden, und in der Nähe waren keine sichtbaren Spuren einer Verwüstung oder eines Einschlags zu erkennen. Nur das Habitat war von einer hellen Aura umgeben. Tom stürzte in die Schleuse, wo er sich hastig aus seinem Thermoanzug schälte. An der Wand des kleinen Aufenthaltsraums, den sie zum Labor umfunktioniert hatten, kniete der Professor. Vor ihm stand in wirbelnde Flammen gehüllt eine entfernt menschliche Gestalt, grau und blau wie frische Tonerde, grobschlächtig und unfertig wie der Entwurf eines Riesen, beinahe vier Meter groß, größer als die Höhe des Raumes es zuließ und dennoch vollständig präsent in ihren gewaltigen Ausmaßen. Al-Shafir hatte einen leibhaftigen Golem erschaffen!

Tom erstarrte in der geöffneten Tür, während der Professor mit erhobenen Händen leise wie in Trance vor sich hin murmelte. Mit einem Mal begannen die Wände des Habitats zu schwingen, bis die Fugen quietschten. Das Wesen sprach mit quälender Behäbigkeit in seinem fast unhörbar tiefen Bass: „Meister, was ist Euer Begehr!“

Die Antwort des Professors war nicht zu verstehen, sein Zustand unverändert in  sich gekehrt. Nach wenigen Augenblicken erzitterten die Wände erneut: „Ja, Meister.“ Sand rieselte aus der Höhe vom Kopf des Golems auf Al-Shafirs Haupt, als sich das Ungetüm verbeugte. Dann verflüchtigten sich seine Umrisse, und zurück blieb nichts als der erstickend erdige Geruch. Der Raum war jetzt wieder so groß wie zuvor.

„… das war anstrengender … als ich gedacht hatte …“

Mit glasigen Augen, zitternd und sichtlich unter Schmerzen erhob sich Professor Doktor Kalid Al-Shafir, Archäologe und erster Zauberer auf dem Mars, und kotzte Tom vor die Füße.

Von Tag zu Tag überstand Al-Shafir die Beschwörungen besser, obwohl Tom ihn immer noch mit hohen Dosen von Endorphinen versorgen musste, die er in der medizinischen Ausrüstung fand. Der Golem hatte inzwischen eine ganze Schar kleiner Dschinnies und Felsengeister rekrutiert, mit deren Hilfe er aus dem Felsmassiv gewaltige Brocken herausschlug, um sie zu den nahtlosen Mauern eines riesigen Palastes zusammenzufügen.

Das Bauwerk entstand hinter dem Habitat, verhüllt von einer Wolke aus Sandstaub und den knackenden Blitzen der Entladungen reiner magischer Energie; rumpelnd und donnernd, sodass Tom bereits fürchtete, ihr Habitat bräche zusammen und die vielen hundert Tonnen umher fliegender Bausteine würden sie begraben. Aber außer den gestörten Nachtruhen trugen sie keinen Schaden davon.

Mit dem Palast wuchs auch die Wolke, und immer mehr mussten die Geister den Berg abtragen, aus dem sie Baumaterial gewannen und in dessen Schatten die Mauern und Kuppeln des Palastes empor wuchsen.

Doch Al-Shafir, der Zauberer vom Mars, kannte keine Grenzen. War sein Palast schon über die Maßen groß mit gewaltigen Bögen und über und über bedeckt von fein gearbeiteten Kacheln mit glasig gebrannter Oberfläche, so hatte er immer neue und größere Ideen.

„… ein großer Harem, bewohnt von fünf Dutzend Frauen … und Eunuchen zu ihrem Schutz … zwanzig Säle mit hohen Fenstern … Springbrunnen und Teiche … blühende Gärten und Vögel mit schillerndem Gefieder … Palastwachen in glänzenden Rüstungen und Bedienstete …“

„Meister“, donnerte der Golem, und wieder rieselte Sand und fielen ein paar kleinere Brocken Gestein von Kopf und Schultern. „Was Ihr verlangt ist unmöglich.“

Al-Shafir horchte auf und hob dann langsam den Kopf, um seinem Geist in die Augen zu blicken, da er meinte, ihn nicht richtig verstanden zu haben.

„Meister“, noch mehr Brocken fielen Al-Shafir vor die Füße und Sand und Staub bedeckten seine Haare mit einer rötlichen Schicht. Die Arme des Golems berührten beinahe den Boden, als er sich demütig vor seinem Herrn beugte. „Wir können nur das beschaffen, was auch existiert. Es gibt kaum Wasser; und die Pflanzen und Tiere, die Ihr wünscht, gibt es nur auf der Erde, aber nicht hier. Wir haben keine Farben und keine Stoffe, mit denen wir den Palast schmücken könnten, kein Metall für Rüstungen, Beschläge, Werkzeuge und Waffen.“ Er machte eine Pause, in der Al-Shafir wie versteinert dastand und ihn anglotzte. „Menschen, die wir bezaubern könnten, gibt es nur in der Siedlung“, er deutete in Richtung Bradbury.

Der Professor blickte ihn mit leeren Augen an. Dann besann er sich und sagte schnell: „Nein, nein. Nur das nicht. Beim Propheten, wir wären verloren, wenn Bradbury und der Hafen nicht mehr besetzt wären.“

„Den Palast haben wir erschaffen, gebaut aus der Kruste dieser Welt. Und jetzt …“ Mehr und mehr Brocken fielen von ihm ab, sodass Al-Shafir einen vorsichtigen Schritt zurück machte. „… jetzt sind wir müde, Meister.“ Er fiel donnernd auf die Knie, worauf Al-Shafir umgestoßen wurde und rücklings im Staub landete.

„Was soll das heißen?“ rief er.

„Wir werden ruhen. Unsere Kräfte schwinden. Es gibt nicht genug magische Energie auf dieser Welt.“ Damit fiel der Golem in sich zusammen, zu einem leblosen Haufen feuchten Tons. Vereinzelte Blitze zuckten noch knisternd über seine Oberfläche, bis er vollends vergangen war.

Draußen erhob sich plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm. Als der Professor gefolgt von Tom ins Freie kam, packte ihn dieser am Arm und zerrte ihn zum Rover. Hinter ihnen rutschte ein Teil des Berges ab und begrub den Palast und das Habitat unter sich.

Aus sicherer Entfernung beobachteten sie die Katastrophe. Das war also das Ende ihrer Karriere und das Ende des ersten und einzigen Zauberers auf dem Mars.

„Wie ich sehe, haben Sie sich mächtig ins Zeug gelegt … was das Rumbuddeln betrifft“, lachte Aset Mansour, als sie zwischen den Steintrümmern des Felsabbruchs hindurch ging. „Bravo, bravo. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Archäologie auch mit Sprengstoff betrieben wird. Aber sagen Sie, weshalb haben Sie Ihr Habitat gleich mit in Schutt und Asche gelegt? Wissen Sie nicht was so was kostet?“ Sie sah ihn mit einem tadelnden Blick aus der Ferne an.

Al-Shafir stand nur stumm da, schickte noch ein Stoßgebet zu den Mächten, die er beschworen hatte … Lasst sie büßen für ihren Hochmut! … und wartete ergeben darauf, dass sie ihn zurück ließ auf seinem einsamen Posten am Ende der Welt. Hier würde er bleiben den Rest seiner Tage.

Aber plötzlich stand sie vor ihm (Sie überragte seine gramgebeugte Gestalt fast um einen Kopf) und starrte ihn böse an. Al-Shafir brachte es nicht über sich, ihr ins Gesicht zu blicken – bis sie vor ihm auf die Knie ging. Sie warf ihm ärgerlich einen Gesteinsbrocken vor die Füße.

„Sie Hund“, stieß sie giftig hervor. „Ich weiß nicht woher, aber Sie haben schon immer gewusst, dass es hier etwas zu finden gibt, nicht wahr? Geben Sie’s zu!“

Al-Shafir blickte verwirrt auf den Boden zu seinen Füßen. Dort lag das Bruchstück einer Kachel. Die filigran geritzten Ornamente unter der verglasten Oberfläche glitzerten wie Katzengold in der hochstehenden Sonne.

ENDE

Copyright (c) 2011 by Leon Ferri

Bildrechte: Coverillustration “Märchen.jpg” (Originaltitel: nixe01.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Märchen-62-minus120-0.jpg” (Originaltitel: nixe01.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Ulf von Rauchhaupt, geb. 1964, studierte Physik und Philosophie und war von 1992 bis 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik in Garching. Nach zwei Jahren als Research Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Museum in München. Seit 2001 ist er Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im Jahr 2002 erhielt er den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus.

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