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Literatur-Blog

DER GHOSTWRITER – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 14. Mai 2012

Der Ghostwriter

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Mit einem zufriedenem Lächeln klickte Peer auf Speichern. Endlich, er hatte es geschafft und das Manuskript fertiggestellt. Pünktlich, wie immer. Peer hing die Datei an eine E-Mail und schickte sie los. An einen unbekannten Auftraggeber. Jetzt noch alle Dateien wie gewünscht löschen und fertig.

Peer war Ghostwriter. Er schrieb Texte für andere Menschen, die dann nur noch ihren Namen daruntersetzten und seine Werke als die ihren Ausgaben. Vor allem der letzte Auftrag hatte es in sich. Peer war angestellt worden, um mehrere Romane für eine Art Detektiv-Serie zu schreiben. Sein Auftraggeber legte allerdings übertrieben viel wert auf Anonymität, zahlte aber auch gut.

Insgesamt fünf Romane waren in Auftrag gegeben worden. Eine der Vorgaben war dabei, dass die Geschichten und Morde so real wie möglich beschrieben werden sollten. Also aus dem Leben gegriffen und für den Leser stets nachvollziehbar, beinahe lehrbuchartig.

Für Peer kein Problem. Er recherchierte gerne und solange das Geld stimmte, schrieb er alles was sein Kunde wünschte. Wobei ihm bei diesem Auftrag schon mulmig zumute war. Der geisteskranke Protagonist nahm nämlich das Recht selbst in die Hand und richtete die Unschuldigen auf bestialische Art und Weise hin, war also im Grunde selbst der gesuchte Massenmörder im überspannenden Handlungsbogen.

Fünf Romane hatte Peer schon fertiggestellt. Aber bisher war noch keiner seiner Texte bei irgendeinem Verlag aufgetaucht. Das alleine war nicht ungewöhnlich. Aber stets, einige Wochen nach Abgabe, war in der Zeitung von einem bestialischen Mord an einem Kriminellen zu lesen. Und stets wurden die Morde genau so verübt, wie sie Peer beschrieben hatte. Er hatte bereits überlegt zur Polizei zu gehen, das aber wieder verworfen. Sicherlich war das pure Spinnerei. Immerhin wartete der letzte Roman mal mit einer etwas anderen Handlung auf.

Darin ging es nämlich um einen Autoren, der unwissentlich einem Serienmörder dabei half, seine Opfer zu töten. Und nun wollte der Serienmörder den Autoren aus dem Weg schaffen, um die Spuren zu verwischen. Peer fand die Sache witzig, erinnerte sie ihn doch ein wenig an seine derzeitige Auftragssituation. Zufälle gibt es, dachte er …

Ende

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SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Krimizwerge”

Erstellt von Günther Lietz am 8. Mai 2012

“Krimizwerge”

sfbasar.de-Anthologie Band 8

mit Beiträgen der Community-Autoren

des Literatur-Blogs “sfbasar.de”

Editorial: Liebe Freunde, liebe Besucher, liebe Leser, liebe Community und vor allem liebe Freunde der kriminalistischen Unterhaltung!

Inspiriert von guten Krimis, einem nebligen kalten Wetter und der Lust auf ein neues Projekt, habe ich mich entschlossen ebenfalls eine Anthologie zu betreuen. Mein gewähltes Thema ist der Krimi und der Titel der Anthologie lautet “Krimizwerge”.

Warum der Krimi, vor allem in seiner kurzen Form? Weil ich es kann! Weil wir es können! Und weil es mal etwas anderes ist als die phantastisch-utopischen Themen, denen ich mich sonst widme. Nach einer langen Strecke unterhaltsamer, aber dennoch kräftezehrenden Strecke Phantastik und Utopie, brauche ich auch mal eine kleine Pause, um den Kopf freizubekommen, mal einen Gang zurückzuschalten und mich zu sammeln. So ein Stück kriminalistischer Text ist sozusagen mein Energydrink, der mich erquickt und mir neue Flügel verpasst, mit denen ich wieder durchstarten kann.

Alle Communityautorinnen und -autoren sind natürlich herzlich zur Anthologie eingeladen und je mehr liebe Kreative sich daran beteiligen, um so schneller füllt sie sich und um so abwechslungsreicher die Storys. Ich werde jedenfalls fleißig versuchen “Krimizwerge” mit Leben zu füllen und freue mich über jeden weiteren Beitrag.

Liebe Grüße vom Tatort!
Günther K. Lietz

NEU! – DIE CLIQUE AUS DER INQUISITIONSTREET – Eine Kriminalkurzgeschichte von Miriam Kleve

PIRATEN – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

BABYMORD – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

VIELE KÖCHE VERDERBEN DEN BREI – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

DAS VERHÖR – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

FESSELNDES ALTER – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

KAMERA AB! Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

HAUPTSACHE ÜBERSTUNDEN – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

GLAS – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

DIE KINDER AUS DER INQUISITIONSTREET – Eine Kriminalkurzgeschichte von Miriam Kleve

DER LÖWE – Kurzkrimi von Michael Pick

VOR UND ZURÜCK – Kurzgeschichte von Sascha Ladra

BLUMBERG WILLS WISSEN – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

DER MANN IM SCHRANK – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

DER TWIST – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

HÄNDE.RINGEND.GESUCHT. – Eine Kriminalgeschichte von Miriam Kleve

Liebe Community-Autoren: Weitere Beiträge sind erwünscht und sollen diese Anthologie ergänzen. Wir planen bei genügend Beiträgen, diese Anthologie hier auch als PDF-File zusammen mit einem Spendenbutton (für kleine Beträge zum jeweiligen Storywettbewerb) anzubieten. Außerdem planen wir davon ein eBook und am Ende vielleicht sogar eine Druckausgabe erscheinen zu lassen! Es liegt ganz an euch und eurer Teilnahme an den Anthologien! Wer also teilhaben möchte, der schreibt eine Geschichte oder einen Sachbeitrag zum Thema und stellt ihn bei uns als Artikel oder Story ein. Bei einer Story kann diese auch an den Storywettbewerben teilnehmen, muss das aber nicht zwingend! Wir hoffen auf eure Hilfe!

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Spende über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Das sfbasar.de-Team
i.A. Günther K. Lietz

Bildrechte: Coverillustration “Krimizwerge© 2012 by Günther K. Lietz.

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DIE DUNKELHEIT – Eine Science Fiction Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 30. April 2012

Die Dunkelheit

Science Fiction Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Mehr als alle Wunder dieser Welt wünschte sich Nick ein sorgenfreies und erfülltes Leben. Doch in seinem jetzigen Zustand war er weit davon entfernt, dass eines seiner Luftschlösser auch nur ansatzweise entstehen könnte. Anstatt zu Hause bei seiner Familie zu sitzen und sich mit den Kindern zu beschäftigen, nach ihren Leistungen in der Schule zu fragen oder seine Frau wild und hemmungslos zu lieben, trieb er einsam in seinem Tank.

Der Tank war seit mehr als vier Tagen sein neues Zuhause. Oder waren es bereits fünf Tage? Oder nur einer? Nick wusste es nicht. In der absoluten Dunkelheit hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Die Dunkelheit hatte ihm geflüstert, Tankmenschen würden durch den andauernden Schwebezustand, die Stille und die Dunkelheit, innerhalb weniger Stunden wahnsinnig. Aber Beweise gab es keine. Oder flunkerte die Dunkelheit nur? Nick hatte keine Ahnung.

Er nahm einen tiefen Zug Sauerstoff, der von außerhalb zugeführt wurde. Das Atmen fiel ihm seit einiger Zeit schwerer. Ein Zeichen dafür, dass seine Lunge bereits angegriffen war. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch die anderen Organe ihm ihren Dienste versagten. Jedenfalls nach Meinung der Dunkelheit.

War jetzt nicht der Augenblick gekommen in Panik auszubrechen? Spätestens jetzt? Doch es geschah nichts. Nick wunderte sich darüber, denn immerhin nagte der Tod bereits an seinen Knochen. Doch es blieb bei der Verwunderung.

Was hatten sie mit ihm angestellt? Was hatten sie mit ihm gemacht? Er spürte wie sich ein Fetzen Haut von seinem Rücken langsam abschälte und in der Dunkelheit versank. Doch es bereitete ihm keine Schmerzen. Nur Bedauern – des Verlustes wegen. Mit der Haut war ein alter Freund gegangen.

Etwas schien sich unter ihm zu regen, kroch an seinem Po entlang nach oben, strich über seine Hüfte, floss über das bloße Fleisch und zerplatzte mit einem leisen Knall, als es die Oberfläche der Flüssigkeit durchstieß. Es roch nach faulen Eiern, und Nick fragte sich, ob er ohne Nahrung überhaupt Blähungen haben könne. Doch er vermutete, dass der Tank mit irgendeinem Gas geflutet wurde. Oder mit etwas anderem, hörte er die Dunkelheit wispern.

Nick nahm noch einen weiteren, tiefen Zug nun bitter schmeckenden Sauerstoff und stieß sich mit den Füßen ein wenig ab. Sein Kopf stoppte nach wenigen Zentimetern an der metallenen Tankhülle. Einige Haare und etwas Kopfhaut lösten sich ab. Ein Stück Schädelknochen lag blank.

Sie wissen, schon was sie machen, sprach sich Nick selbst Mut zu. Bald werde ich bei Linda und den Kindern sein. Wir werden lachen, singen und Spaß miteinander haben.

Täuschte er sich oder verabschiedete sich gerade der linke Ringfinger von seinem Körper? Er tastete mit der Rechten nach der Linken und fühlte nichts. Nun, dann waren jetzt wenigstens Ringfinger und Zeigefinger irgendwo im Tank miteinander vereint. Oder auch nicht.

Waren nun Stunden oder Minuten vergangen, seitdem der Finger sich selbstständig gemacht hatte? Oder nur Sekunden? Nick versuchte nachzudenken und rieb sich gedankenverloren sein rechtes Ohr. Doch er griff nur ins Leere, was ihm nichts mehr ausmachte. Die Geräusche waren bisher nur gedämpft zu hören gewesen. Dann hört er jetzt eben gar nichts mehr.

Nick gähnte und fand es nur normal, dass sich sein Kiefer ohne Worte verabschiedete. Es gab ein leise Platschen, dann war er weg. Kann ich so überhaupt überleben, fragte sich Nick. Oder war es die Dunkelheit?  Nick begann müde zu werden. Er wurde schnell müde in letzter Zeit. Oder knipste nur jemand einfach sein Lebenslicht aus? Er wusste es nicht.

Dann geschah es. Geist und Körper wurden voneinander getrennt. Die Dunkelheit seufzte bedauernd.

Nick konnte nun alles ganz genaue sehen und mit seinem Blick das Wasser durchdringen. Dort unten sank sein Körper tiefer ins düstere Nass hinein. Sie hatten seinen Tod wohl bemerkt und die Halterungen gelöst. Der Körper begann zu trudeln und die restlichen Knochen, Sehnen und Muskeln lösten sich langsam auf. Nick konnte die Bakterien fast fühlen, die sich um die Verwertung der Reste kümmerten und Platz für den nächsten Kandidaten schafften.

Ein einsamer, warmer Lichtstrahl durchdrang von oben den Tank und wurde immer größer, bis er Nicks Geist vollkommen erfasste. Es war ein seltsames Gefühl, in dieses Licht getaucht zu werden. Ein angenehmes Gefühl. Nick fühlte sich zu dem Licht hingezogen und ließ sich auf seine Quelle zutreiben. Nicks Geist begann aufzusteigen, verschwand und das Licht erlosch – die Dunkelheit schwieg …

***

“Verdammt!” brüllte Heidler und knallte seine dürre Faust kraftlos gegen den großen Metalltank. “Schon wieder! Der wievielte war es, Brösler?”

Heidlers Assistent rief die Daten auf seinem Pad ab. “Nummer Zehn.”

“Familie?”

“Frau und zwei Kinder. Wir haben ihnen gesagt, er sei unheilbar  krank. Sie kommen jeden Tag und wollen ihn sehen. Wir haben sie immer vertröstet.”

“Die übliche Standardausrede”, wies Heidler Brösler an. Der alte Mann drehte seinen dürren Körper zu dem Tank herum und funkelte die Maschine böse an. “Vielleicht war er zu alt. Bestellen Sie die Kinder zu einer Routineuntersuchung. Faseln Sie etwas von Erbkrankheiten und bereiten Sie einen weiteren Tank vor. Wir steigern das Bakterienniveau und beginnen vor dem Tod mit der Übertragung. Wir nehmen die Kinder von Nummer Zehn. Vielleicht klappt es diesmal.”

“Vielleicht”, entgegnete Brösler und schaltete das Pad ab.

“Wir haben das Genom entschlüsselt. Wir haben Krankheiten besiegt. Wir haben uns Bakterien und Viren untertan gemacht. Wir sind die Herren und Meister der modernen Technologie.” Brösler klopfte auf den metallenen Korpus des Tanks. „Körper, Verstand, Geist und Seele sind auch nur Bauteile einer Schöpfung. Und ich werde diese Bauteile separieren und neu arrangieren. Irgendwann jedenfalls.“

Brösler verließ wortlos das Labor und bereitete sich in Gedanken auf seinen eingeübten Text vor. Hoffentlich würden die Angehörigen nicht weinen. Das hielt immer unnötig auf.

Nachdem Brösler gegangen war, streichelte Heidler über das Gehäuse des Tanks und lächelte. Die Dunkelheit sang ihm ein Lied.

ENDE

Copyright © 2001 by Günther K. Lietz, all rights reserved.

Buchtipp:


Alexander Kröger
Fundsache Venus

Verlag: Projekte-Verlag Cornelius
ISBN: 978-3-86237-846-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 352 S. – 19,6 x 13,8 cm
Erscheinungsdatum: 2. Aufl. 19.04.2012

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In „Fundsache Venus“ entdeckt Wally 327 Esch als Überlebende einer Rettungsexpedition das geborstene Raumschiff, und sie findet Dirk, ihren Lebensgefährten, aus dessen toter Hand sie ein Souvenir entnimmt, das, so glaubt sie, für sie bestimmt ist. 18 Jahre hütet sie das Geheimnis dieses Geschenks. Dann berichtet sie dem Sohn Mark von der Operation in einem verlassenen Urwaldhospital und von Bea, einem Mädchen mit Tigeraugen … Sie bürdet damit dem jungen Mann eine Verantwortung auf, die er allein nicht tragen kann.

Maren 021 Call kämpft leidenschaftlich gegen die Entstehung von „Anderen“ auf der Erde und dem Mars. Sie fürchtet auf lange Sicht den Untergang des ursprünglichen Menschen.

Alexander Kröger richtet in einer mitreißenden Handlung – in Sicht auf heutige Realitäten und Tendenzen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung – das Augenmerk des Lesers auf die Verantwortung der Menschen für ihre Zukunft.

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PIRATEN – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 30. April 2012

Piraten

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Sie freute sich seit Tagen auf das lange Wochenende mit Jochen und den Kindern. Die Koffer waren gepackt, die Miezen bei den Großeltern untergebracht und der Hund bei Tante Agathe geparkt. Alle Geräte aus, die Taschentücher lagen bereit und das Navigationssystem war programmiert.

“Gabi, wo bleibst du denn?” rief Jochen. Benni und Susi saßen schon auf dem Rücksitz und streckten sich gegenseitig die Zungen raus.

“Noch einen Augenblick, Schatz.” Gabi steckte zwei Krimis ein, ein Rätselheft und mehrere Kugelschreiber, kontrollierte nochmals Waschmaschine und Herd, sah nach dem Bügeleisen und schloss dann die Haustüre. Jochen hockte schon hinter dem Steuer des Kombis und sah ungeduldig auf die Uhr, “Mausi, mach hin. Wir kommen sonst zu spät.”

Jochen war aufgeregt, immerhin war der Miniurlaub seine Idee und ein Hochzeitsgeschenk, an dem er die ganze Familie teilhaben ließ. Gabi wusste, dass ihr “Großer” vor allem an sich selbst gedacht hatte. Jochen liebte alles, was mit Piraten in Verbindung stand. Also hatte er einige Tage im Piratenland gebucht, einer großen Indoor-Ferienanlage. Während sich Draußen der letzte Schnee noch gegen die aufkommende Frühlingssonne wehrte, würde die ganze Familie karibisches Flair am künstlichen Strand genießen. Mit einem fantastischen Ausblick auf Piratenschiffe, abendliche Lichtershow und nachgespielte Freibeutergeschichten. Jochen war schon ganz gespannt. Zudem war es eigentlich eine Dienstreise und deswegen kostenlos. Und das fand Jochen besonders gut.

Das Piratenland war ausgebucht. Überall standen oder saßen Besucher in Badesachen. Animateure in Kostümen sorgten für Unterhaltung. Mit den Koffern schwer bepackt kämpften sich Jochen, Gabi, Benni und Susi bis zu den kleinen bunten Rundhäusern. Jochen hatte Tortuga gebucht, was einiges mehr kostete. Die Ausstattung war mit den anderen Häusern identisch und Gabi ging davon aus, dass der Aufpreis einfach nur wegen dem Namen zustande kam.

Im Haus gab es nur zwei Schlafzimmer, was die Kinder natürlich aufschreien ließ. Sie wollten getrennte Zimmer und nach einer halben Stunde Kinderjammern wurde Benni bei Jochen und Susi bei Gabi einquartiert. Nun war es an Jochen ein langes Gesicht zu ziehen, denn er hatte auf erotische Piratenspiele gehofft. Gabi hoffte dagegen auf Ruhe und Entspannung.

“Du ziehst dir sofort einen ordentlichen Badeanzug an, Fräulein!” donnerte Jochen durchs Haus. Er hatte vor Wut einen knallroten Kopf, was Susi vollkommen egal war.

“Papa, das ist heute ganz normal. Alle meine Freundinnen tragen einen Bikini”, versuchte Susi ihren Vater zu überzeugen, doch der war wie ein Fels in der Brandung.

“Sofort umziehen! Mir sind deine Freundinnen egal, mein Fräulein. Umziehen oder du bleibst im Haus!”

Susi zuckte mit den Schultern. “Bleibe ich halt im Haus und Simmse meinen Freundinnen, wie Steinzeit mein Vater ist.”

Jochen wollte erneut zum Brüllen ansetzen, aber Gabi packte ihn bei der Schulter. “Schatz, so sind Teenager einfach. Werde erwachsen.” Mit einem Lächeln verließ sie die Hütte und Jochen trabte seiner Frau grummelnd hinterher. Benni und Susi trotteten ebenfalls mit.

Am Strand gab es einen zum Haus gehörenden Strandkorb, den Jochen und Gabi augenblicklich in Beschlag nahmen. Benni stürzte sich sofort in die Wellen und hatte sichtlich seinen Spaß an der Sache. Susi machte sich dagegen auf den Weg zur Eisbar und genoss dabei sichtlich die Blicke der Jungs.

“Warum kann Susi nicht wie Benni sein?” schmollte Jochen und lehnte sich zurück, um seinen Sohn zu beobachten.

Gabi schlug ihren Krimi auf. “Weil Susi älter und reifer ist und neugierig auf Jungs.”

Das setzte Jochen erst recht zu. Er verkniff sich eine Antwort. “Ich hole mir einen Piraten-Hot-Dog. Willst du auch einen, Schatz?”

Gabi schüttelte geistesabwesend den Kopf. “Nein, ich lese lieber etwas. Schau dir doch mal alles an, damit sich wenigstens einer von uns hier auskennt. Wie wäre das?”

“Das wäre ganz fantastisch.” Jochen strahlte über das ganze Gesicht. “Wir sehen uns später.”

Gabi nickte. “In Ordnung. Viel Spaß. Aber arbeite nicht zuviel.”

Schon war er weg und Gabi atmete erleichtert auf. Endlich etwas Ruhe. Da traf sie auch schon ein tropfender Wasserball und durchnässte ihren Krimi. Erschrocken sah Gabi auf.

Ein junger Mann stürmte auf sie zu. Braungebrannt, durchtrainiert und mit einem verschmitzten Lächeln. “Entschuldigen Sie bitte, mir ist das Ding einfach so abhanden gekommen.”

“Kein Problem”, erklärte Gabi und warf ihm den Ball zurück.

Der junge Mann ließ den Wasserball zu Boden plumpsen und reichte Gabi die Hand. “Kevin Schmidt. Freut mich, Sie kennenzulernen.”

Gabi musterte den jungen Mann kurz, dann schüttelte sie seine Hand. “Gabriele Neubauer. Angenehm.”

Kevin setzte sich einfach neben Gabi und lächelte sie an. “Ich bin fast jedes Wochenende im Piratenland. Sie habe ich hier noch gar nicht gesehen. Neu?”

“Ja, mein Mann liebt Piraten über alles.” Gabi betonte das Wort Mann deutlich. “Sein Geschenk zum Hochzeittag.”

Kevin lachte auf. “Entschuldigen Sie, ich wollte nur höflich sein. Das soll keine Masche sein, um Sie anzubaggern.”

Gabi kam sich nun dumm vor. Was sollte ein junger Mann auch von ihr wollen. “Tut mir leid, ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist.” Gabi seufzte. “Ist halt mein erster Urlaub nach langem.”

“Keine Ursache. Mit dem Piratenland habe Sie die richtige Wahl getroffen. Hier ist es einfach wunderbar. Super zum Entspannen. Vor allem für Familien.”

“Ja, es hier ist hier sehr idyllisch.”

Kevin lächelte und deutete dann mit dem Kopf zum Strand hinunter. “Wollen Sie vielleicht mal ein paar Bälle werfen? Das macht richtig Spaß.”

Gabi dachte nach. Kevin war ein verdammt sympathischer Kerl. Also ließ sie sich breitschlagen. “In  Ordnung. Ich muss nur noch ein Lesezeichen einlegen.” Während sich Kevin schon mal den Ball schnappte und die paar Meter zu Strand schlenderte, griff Gabi ihren Ausweis aus der Tasche und legte ihn in den Krimi. Dann ging sie Kevin hinterher.

Die beiden spielten eine halbe Stunde mit dem Ball und die Zeit verging wie im Fluge. Kevin hatte sich am Wasser aufgebaut und immer wenn er den Ball verfehlte, musste er ihm in die Wellen hinterherspringen. Irgendwann schüttelte Kevin seinen Kopf und tausende von Tropfen flogen in alle Richtungen.

“Ich muss leider Schluss machen. Meine Freundin wartet schon”, erklärte er und reichte Gabi zum Abschied die Hand.

“Warten Sie einen Augenblick, Kevin.” Gabi lachte. “Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen.”

“Nein, das ist nicht nötig. Ich habe es wirklich eilig.”

“Ach, Quatsch. Auf die Minute kommt es auch nicht mehr an.” Gabi lächelte Kevin freundlich an und griff ihn bei der Hand. “Kommen Sie schon. Ist schnell erledigt.” Mit sanfter Gewalt zog sie ihn zum Strandkorb und ließ sich dort in den Sitz fallen. “Puh, das war anstrengend. Aber auch unheimlich lustig.” Gabi klopfte neben sich auf den Platz. “Setzen Sie sich doch.”

Kevin sah unbehaglich drein. “Ich weiß nicht. Was wird Ihr Mann sagen?”

“Ach, dem ist das egal. Glauben Sie mir.” Sie grinste. “Der macht sein eigenes Ding, dieser Freibeuter.”

Mit einem gequälten Grinsen setzte sich Kevin. “Ich hoffe es geht schnell.”

“Aber sicher doch”, beruhigte ihn Gabi und kramte in ihrer Tasche. “Geldbörse, Handy, MP3-Player und der Schlüssel vom Häuschen. Alles weg. So ein Mist aber auch, ich bin wohl ausgeraubt worden.”

“Was? Sie sollten sofort den Bademeister verständigen”, empfahl Kevin. “Da muss doch was getan werden. Sie müssen unbedingt zur Polizei.”

Gabi winkte ab. “Quatsch. Ich bin auf alles vorbereitet. Haben Sie mal keine Angst.” Sie griff nach ihrem Krimi. “Bin ja nicht ganz blöd.” Gabi schüttelte ihren Ausweis aus dem Heft und hielt ihn Kevin vor die Nase. “Ich bin nämlich die Polizei. Mein Mann übrigens auch. Der Betreiber vom Piratenland hat uns gemeldet, dass sich in letzter Zeit vermehrt Trickbetrüger und Taschendiebe hier herumtreiben, mein lieber Kevin. War ja sehr geschickt von Ihnen mich abzulenken, während ihre Freundin die Tasche ausraubt und sich in unserem Häuschen umsieht.”

Kevin sah sich gehetzt um und entschloss sich aufzugeben. In Badehose aus dem warmen Piratenland in die kalte Natur zu fliehen, wahrscheinlich ohne Aussicht auf Erfolg, das ließ er dann doch lieber sein.

Gabi winkte zwei Kollegen in Zivil heran, die ihr Wochenende ebenfalls im Piratenland verbrachten. “Wissen Sie, Kevin, Ihre Freundin hätte mal einen Blick in meinen Krimi werfen sollen. Dann hätte sie gewusst, dass sich Verbrechen nicht lohnt.”

ENDE

Copyright (c) 2012 by Günther K. Lietz, all rights reserved.

Buchtipp:


Viveca Sten
Die toten von Sandhamn
Komissar Andreassons dritter Fall

Übersetzt von Dagmar Lendt
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04388-4
Einband: gebunden
Seiten/Umfang: ca. 352 S.
Produktform: B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum: 1. Auflage 14.05.2012

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Der Nummer-Eins-Bestseller aus Schweden. Thomas Andreasson wird nach Sandhamn gerufen: Ein Mädchen ist verschwunden. Obwohl sofort eine fieberhafte Suche einsetzt, bleibt sie ohne Erfolg. Wo steckt Lina, und wer ist für ihr Verschwinden verantwortlich?Als Thomas’ Jugendfreundin Nora durch einen Zufall herausfindet, dass ihr Mann sie hintergeht, fährt sie trotz Eis und Schnee mit ihren Söhnen nach Sandhamn, um in Ruhe nachdenken zu können. Die Inselbewohner sind erschüttert, denn gerade ist ein Mädchen verschwunden – noch geben die Eltern die Hoffnung nicht auf, dass sie ihre Tochter lebend zurückbekommen. Doch dann machen ausgerechnet Noras Söhne beim Spielen eine schreckliche Entdeckung …

Knapp 100 Jahre zuvor: Der kleine Thorwald leidet unter den brutalen Ausbrüchen seines Vaters. Dieser vergöttert die Tochter, misshandelt aber den Sohn; die Mutter schaut untätig zu. Thorwald möchte von der Insel fliehen. Geschickt flicht Viveca Sten aus diesen beiden Erzählsträngen einen Roman, der jeden sofort in seinen Bann zieht und viel über das Leben auf der Schäreninsel im Lauf der Zeiten erzählt. Thomas Andreassons dritter Fall wurde in Schweden gleich nach Erscheinen ein Nummer-Eins-Bestseller und gilt für viele Leser als Stens bisher bester Krimi.

Viveca Sten ist Chefjuristin bei der dänischen und schwedischen Post. Sie wohnt mit Mann und drei Kindern vor den Toren von Stockholm. Seit sie ein kleines Kind war, hat sie die Sommer auf Sandhamn verbracht, wo ihre Familie seit mehreren Generationen ein Haus besitzt. In Schweden dominieren ihre Bücher die Bestseller listen, und auch in Deutschland wächst die Anzahl ihrer Fans.

Titel bei Amazon.de
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BABYMORD – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 23. April 2012

Babymord

Kriminalkurzgeschichte

von

Günther K. Lietz

Fassungslos starrte Allistair O’Neill auf die sterblichen Überreste seiner Frau June. Mitleidlos zog der Leichenbeschauer das blaue Tuch wieder über die blutigen Einzelteile. Neben dem Mann stand ein Mitarbeiter des Departments, seine Sonnenbrille locker in der Hand wippend. Der Beamte wartete einige Sekunden, dann ergriff er das Wort: “Die Leiche ist ziemlich verstümmelt. Da hat jemand ganze Arbeit geleistet. Das Baby haben wir einige Meter weiter gefunden. Der Mörder hat das Ungeborene aus dem Bauch geschnitten. Es liegt in einem extra Fach. Wollen Sie es sehen?”

Allistair blickte langsam auf. “Baby?” kam es ihm schwer über die Lippen. “Was?”

“Sorry, ich wusste nicht, dass Ihnen das unbekannt war. Sehen Sie es mal so, das spart einiges an Alimenten.”

Der Schlag kam ansatzlos und traf den verblüfften Beamten am Kinn.

***

Der Richter hatte ihn zwei Monate in den Knast gesteckt. In dieser Zeit hatten die Cops die Ermittlungen eingestellt. Ermittlungen gegen ihn, den gehörnten und verlassenen Ehemann. Allistair saß im Central Park auf einer Bank und fütterte die Tauben mit Brotresten. Seine Kleidung war ungepflegt, er roch nach billigem Fusel und die Spaziergänger machten einen Bogen um ihn.

Junes Mörder lief irgendwo da draußen herum. Und niemanden kümmerte es. Allistair verdankte nur seinem wasserdichten Alibi, dass er auf freiem Fuß war. Eigentlich hatte er alleine draußen in der Hütte sein wollen. Zum Angeln. Wie jedes Jahr. Auch nach der Trennung war das ein fester Termin für ihn. Er brauchte diese Auszeit, um wieder zu Kräften zu kommen. Ohne June mehr denn je.

Auf der Fahrt zur Hütte war er auf einen Jeep aufgefahren. Der Fahrer des anderen Wagen war sauer gewesen und es hatte eine Rangelei gegeben. Der Sheriff war hinzugekommen und hatte beide in die Ausnüchterungszelle gesteckt. Damit sie wieder zu Sinnen kamen. Ein gutes, starkes Alibi. Allistair hatte Glück gehabt. Ohne den Unfall säße er jetzt sicherlich auf dem elektrischen Stuhl.

Er sah sich den letzten Brocken Brot an, holte aus und donnerte das große trockene Vollkornteigstück einer Taube gegen den Kopf. Der Vogel fiel tot um, irgendwo kreischte ein Kind und jemand empörte sich lautstark. Doch das alles war Allistair egal.

***

“Mann, Alter, mach keinen Scheiß” wimmerte Frank Sander und wedelte abwehrend mit beiden Händen vor dem Gesicht. Er warf einen Blick nach hinten und erschauerte. Zwölf Stockwerke tiefer verliefen die Straßen von Manhatten. “Wir sind doch Freunde.”

Allistair grinste müde. “Wir waren Freunde. Bis du was mit June anfangen musstest, Frank. Mein bester Freund spannt mir meine Frau aus.”

“Mann, das ist auf Junes Mist gewachsen. Sie hat mich angebaggert. Verstehst du? Sie mich!” Franks Stimme überschlug sich. Ängstlich sah er auf die Pistole, die Allistair in der Hand hielt. “Es tut mir leid, Mann. Es tut mir ehrlich leid.”

“June ist tot, Frank. Und niemand will wissen, wer sie umgebracht hat. Nur ich. Aber ich habe gar keine Ahnung, was die letzten Monate passiert ist. Du schon, Frank. Aber du drehst lieber Däumchen, als nach dem Mörder zu suchen.”

Frank sah erneut über die Schulter. Nur noch zwei Schritte und er würde in den sicheren Tod stürzen. “Allistair, Mann, ich habe keine Ahnung. June hatte sich verändert. Ich war nur das Sprungbrett, glaub mir. Sie hat sich an mich herangemacht, um dann weiterzukommen.”

Allistair beherrschte sich mühsam. Es dürstete ihn abzudrücken oder zuzuschlagen, aber er musste sich zusammenreißen. June zuliebe. “Was meinst du? Komme endlich raus damit. Oder ich mach dich auf der Stelle kalt.” Er ging einen Schritt vor und Frank wich einen Schritt zurück.

“Mein Boss, Henry Silverstein, der ist Anwalt. June war gerade frisch mit mir zusammen und ich habe sie auf eine Party unserer Kanzlei mitgenommen. Sie ist sofort auf Silverstein los. Hat ihn umgarnt, heiß gemacht. Eine Woche später waren die beiden zusammen.”

“Und das soll ich dir glauben, Frank? Davon hätte ich gehört.”

“Mann, Alter, ehrlich. Das war mir einfach zu peinlich. Ich habe behauptet, wir wären noch ein Paar. Wollte Gras über die Sache wachsen lassen und irgendwann mal mit der Wahrheit herausrücken. Wollte ja auch keinen Stress mit Silverstein. June ist bei mit ausgezogen und dann in ein Apartment, was er bezahlt hat. Seine Frau durfte ja nichts davon mitbekommen.”

Allistair atmete tief ein. Seine geliebte June ein Flittchen, eine Schlampe? Das konnte er kaum glauben. Aber wenn doch? Mit einem leisen Knurren machte Allistair noch einen Schritt vor und stieß Frank in den Tod.

***

Henry Silverstein in die Finger zu bekommen, war schwer. Der reiche Anwalt war nie alleine anzutreffen. Jedenfalls die ersten Wochen. Doch Allistair lag auf der Lauer und nutzte seine Chance, als sie ihm sich bot.

Silverstein hatte eine neue Geliebte, der er ein Apartment in der City einrichtete und das er stets ohne Leibwächter aufsuchte. Allistair musste nur einen geeigneten Zeitpunkt abwarten, den Anwalt niederschlagen, im Kofferraum verstauen und einen Tag schmoren lassen. Dann war Silverstein bereit zum Plaudern.

Das Auto stand oberhalb der Klippe. Tief unten krachte unermüdlich die Brandung gegen die Felsen. “O’Neill, was soll der Quatsch? Kommen Sie zur Vernunft! Wir können über alles reden. Über alles.”

Allistair lachte auf. “Sie haben meine Frau auf dem Gewissen, Silverstein. Und dafür werden sie bezahlen. Mit ihrem Leben.”

Der Anwalt fuhr sich mit der Hand über die ausgetrockneten Lippen. Seine Stimme war nur noch ein heißeres Krächzen. “Ich habe nichts damit zu tun, O’Neill. Mein Ehrenwort.”

“Ihr Ehrenwort? Das ist nichts wert, Silverstein. Ich weiß nicht was passiert ist, aber Sie tragen Schuld daran. June ist tot. Und mein Kind auch.”

“Ihr Kind?” krächzte Silverstein überrascht.

Allistair sah den Anwalt abschätzend an. “Sie haben es für Ihr Kind gehalten, oder? Denn nur so ergibt Ihre Frage einen Sinn. Das June schwanger war, dass auch das Kind getötet wurde, dass stand in allen Zeitungen. Warum sollten Sie also überrascht sein?”

“O’Neill. Wir können doch über alles reden. Ihre Frau, ich meine, es war nichts Ernstes. Der Skandal, Sie müssen das doch verstehen. Sie wurden von Ihr doch auch betrogen. O’Neill, Sie müssen doch wissen was für eine Schlampe June war. Sie hat mich erpresst, mit dem Kind. Was sollte ich denn machen? O’Neill, legen Sie die Waffe weg. O’Neill …!”

ENDE

Copyright (c) 2012 by Günther Lietz

Buchtipp:


Rosemarie Bus
Es sterben immer drei
Kriminalroman

dtv Paperback
Seiten/Umfang: ca. 384 S. – 19,1 x 12,0 cm
ISBN: 978-3-423-21364-6
Erscheinungsdatum: 01.05.2012

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Die Münchner Journalistin Stella, Mitte dreißig, erhält den Auftrag, eine Geschichte über den Tod einer Kollegin zu schreiben. Valerie wurde in Umbrien erschossen, wo sie mit ihrem älteren Liebhaber Jochen und einigen anderen Deutschen in der »Casa Pornello« wohnte. Unterstützt von ihrer beherzten Mutter Irma und dem Fotografen Luis geht Stella auf Mördersuche. Ist es einer der Mitbewohner, die alle ihre Probleme mit der exaltierten, nymphomanen Valerie hatten? Oder ist etwa die Mafia im Spiel? Während ihrer Recherche verliebt sich Stella in den schönen Maresciallo Luca – und findet heraus, dass er Valerie viel besser kannte, als seine Kollegen von den Carabinieri wissen dürfen.

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VIELE KÖCHE VERDERBEN DEN BREI – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 16. April 2012

Viele Köche vergiften den Brei

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Polizeioberkommissar Armin Dübel machte es ich im mittleren Sessel gemütlich. Von hier aus hatte er einen guten Überblick und konnte sich ein Bild von den Dingen machen, die eigentlich hinter der Kamera geschahen. Links von ihm saß Alexandro Kapuzek, Lebensmittelchemiker und selbsternannter Papst der Zusatzstoffe und Aromen. Daneben, mit einer sauertöpfischen Miene und durchgedrücktem Rücken, Martina Roya. Autorin mehrerer Kochbücher, Gast vieler Kochsendungen und Expertin im Bereich der Bio-Lebensmittel.

Rechts von Polizeioberkommissar Dübel hatte sich der stark übergewichtige Olaf Schulz in den Sessel gequetscht und knabberte an einem großen Keks. Seine kleinen Schweinsäuglein huschten aufgeregt im Studio umher und beobachteten die adrette Tontechnikerin, die versuchte den entstandenen Kabelsalat zu entwirren. Ein Beamter stand dabei und achtete auf jede Kleinigkeit. Schulz war übrigens kein Experte, sondern vertrat den Verbraucher und die These, er würde von der Industrie, mittels  Geschmacksverstärker, zum Essen gezwungen.

Noch einen Sessel weiter hockte, mit professionellem Gesichtsausdruck und sehr gelassen, Erika Krainer, die amtierende Bundesverbraucherministerin. Ihr wurde nachgesagt, sie stände der Lebensmittelindustrie nahe und würde Lobbypolitik betreiben. Mit ihr war derzeit gut Quote zu machen, denn sie vertrat ihre Position meist lautstark.

Die Zuschauerränge waren bereits geleert. Vor der ersten Reihe sprach der Notarzt mit einem weiteren Beamten und erklärte die medizinische Situation. Ein Rettungssanitäter räumten die mitgebrachten Kisten wieder ein. Das zweite Rettungsteam war bereits unterwegs, um die Patientin ins nächste Krankenhaus zu bringen.

Armin Dübel atmete tief durch. Er hatte selten mit prominenten Menschen Umgang und ein Fernsehstudio war für ihn absolutes Neuland. Zudem saß ihm der Chef im Nacken. Der wollte schnelle Ergebnisse, um sie der Presse zu präsentieren. Immerhin hatte es vor laufender Kamera einen Mordversuch gegeben. Die Nation hatte zugesehen und war schockiert.

“Entweder fangen Sie jetzt endlich mit ihrer Arbeit an oder ich gehe”, giftete die Ministerin. In Natura war sie eine schreckliche Person. “Ich genieße besondere Rechte. Meine Anwesenheit ist vollkommen freiwillig.” Immerhin war Wahlkampf und Erika Krainer würde die Situation sicherlich für ein paar Prozent ausschlachten.

“Wir alle wollen endlich fertig werden.” Kapuzek räusperte sich. “Meine Termine sind ebenso wichtig wie die Ihren. Vielleicht sogar wichtiger. Immerhin hängt von meiner Expertise ab, ob Sie den Gesetzesentwurf der radikalen Linken abwatschen können.”

“Als ob Ihre Stimme Gewicht hätte, Herr Kapuzek.” Nun mischte sich Martina Roya ebenfalls ins Gespräch ein. Kapuzek war für sie ein rotes Tuch. “Ihre Meinung steht doch schon fest. Dass Sie dabei die Menschen in den Tod stürzen, das ist Ihnen doch vollkommen egal. Sie pumpen alles mit Ihren Chemikalien voll und sehen gemütlich zu, wie die Leute immer dicker werden und dann tot umfallen.”

Schulz schnaufte zustimmend. “Ohne Geschmacksverstärker würde ich gar nicht so viel essen.” Dafür bekam er von Roya ein anerkennendes Nicken.

“Meine Damen und Herren, bitte beruhigen Sie sich alle”, ging Polizeioberkommissar Dübel verbal dazwischen. “Ich versichere Ihnen, dass ich mich beeilen werden und trotzdem Sorgfalt walten lasse. Ihre persönlichen Querelen sind mir vollkommen egal. Entweder sie kooperieren mit mir oder ich lade sie allesamt aufs Revier ein, um dort die Vernehmungen zu führen.”

Sofort waren alle ruhig und Armin Dübel nickte zufrieden. “Das hier ist eine erste Zeugenvernehmung. Ich möchte mir einen Überblick verschaffen, um den Fall gezielt aufzuklären. Für ihre Mithilfe wäre ich sehr dankbar.” Der Polizeioberkommissar winkte die Moderationsassistentin zu sich, eine junge Praktikantin. Sie war verunsichert und klammerte sich an ihre Produktionsnotizen.

“Nur keine Aufregung”, versuchte Dübel die Frau zu beruhigen. “Ich brauche Sie hier, falls ich Fragen zum Ablauf der Sendung habe. Wie ist Ihr Name?”

“Gitte Hansen, Herr Polizeioberkommissar”, antwortete die Assistentin.

Dübel lachte freundlich. “Gut, dann sind die Formalitäten ja geklärt. Könnten wir eine Aufnahme der Sendung sehen? Ab Minute zehn vor der Lasagne?”

“Natürlich, kein Problem, Herr Polizeioberkommissar.” Mit flottem Schritt ging sie zu einem der Regieassistenten hinüber und wechselte ein paar Worte ihm. Kurz darauf flimmerte ein Bild über einen der Monitore, zu Füßen der Gesprächsrunde.

Annette Wilmsen, die bekannte Talkshowmoderatorin, hatte zum Thema Ernährung eingeladen und die Runde war in einem hitzigen Streitgespräch gefangen. Alexandro Kapuzek ergriff nun das Wort und präsentierte eine Mikrowellenlasagne, die er am Morgen in einem Supermarkt eingekauft hatte. Er erklärte die Zusatzstoffe und wies darauf hin, dass alle ganz harmlos seien. Martina Roya widersprach erwartungsgemäß und erklärte, jeder der davon äße fiele tot um. Daraufhin nahm sich Kapuzek die Lasagne vom Beistelltisch und steckte einen Löffel hinein. Er würde den Beweis antreten, dass die Lasagne harmlos sei.

An dieser Stelle griff Wilmsen ein und nahm die Lasagne kurzerhand an sich. Die Moderatorin meinte, sie habe noch nichts gegessen und Hunger. Deswegen würde sie von dem Fertiggericht probieren und bot Olaf Schulz ebenfalls einen Happen an. Der lehnte panisch ab und winkte unbeholfen mit seinen fiel zu kurz wirkenden Armen. Also nahm Wilmsen einen großen Happen, merkte an, dass die Lasagne lecker sei, wurde blau und schnappte nach Luft. Hier ging die Sendung Off Air und griff der Sanitäter ein, bis der Notarzt eintraf. Schnell stand fest, dass es sich um eine Vergiftung handelte. Glücklicherweise ohne tödlichen Folgen für die Moderatorin, die nun einige Tage im Krankenhaus verbringen würde.

Polizeioberkommissar Dübel dachte kurz nach und entschied sich dann für die direkte Konfrontation. “Herr Kapuzek, haben Sie Feinde?”

Der Lebensmittelchemiker sah den Beamten überrascht an. “Ich? Warum denn ich? Ich wurde doch gar nicht vergiftet?”

Martina Roya kicherte. “Verdient hätten Sie es schon, Kapuzek.”

“Also haben Sie ein Motiv?” hakte Dübel nach und die Köchin wurde blass.

“Nein, ich meine, ich habe das nicht so gemeint wie es gerade geklungen hat.” Ihre Stimme überschlug sich beinahe. “Wir haben unsere Differenzen. Aber ganz ehrlich, kein Zusatzstoff ist so schlimm, dass er einen Mord rechtfertigen würde. Ich benutze selbst gekörnte Brühe in meiner Küche. Warum sollte ich da ein Motiv haben?”

Kapuzek schnaubte. “Aha, wusste ich es doch. Sie und Ihre Scheinheiligkeit. Gekörnte Brühe, wissen Sie überhaupt, wie schlimm das Zeug ist? Das wird Ihre Fans aber freuen zu hören.”

Polizeioberkommissar Dübel hob die Hand. “Bitte Ruhe. Das ist vollkommen unwichtig. Sie müssten sich mal reden hören.”

“Sie liegen falsch, Herr Dübel” mischte sich nun die Bundesverbraucherministerin ein und ließ absichtlich den Dienstrang unter den Tisch fallen. Als Ministerin hatte Erika Krainer keine Lust, einem, in ihren Augen, niederem Beamten Respekt zu zollen. “Es war abgesprochen, dass ich einen Löffel Lasagne essen sollte. Der Anschlag galt also mir. Als Ministerin bin ich stets im Fadenkreuz. Vor allem als Bundesverbraucherministerin. Da verstehen die Leute vieles falsch. Dabei handle ich nur zu ihrem besten. Vor allem die Kinder liegen mir am Herzen. Deswegen mein Motto: Für jedes gute Kind eine gute Mahlzeit.”

“Sie spinnen!” rief Martina Roya wütend. “Das klingt vielleicht gut, aber tatsächlich arbeiten Sie hier mit der Lebensmittelindustrie zusammen und bieten Tiefkühlkost an. Das ist einfach schrecklich.”

Erika Krainer blieb gelassen. “Das sagt die Richtige. Wollen Sie mich vielleicht auch vergiften? So wie Herrn Kapuzek?”

“Lassen Sie mich da raus”, sagte dieser nur. “Und mit Ihrem Schulessenprogramm seien Sie mal ganz ruhig. Als ich Ihrem Ministerium medienwirksam Hilfe angeboten habe, hat man mich abblitzen lassen. Wer nicht zahlt, der bekommt auch nichts von mir.”

“Bestechliches Schwein!” rief nun Roya aus.

“Für Sie Bio-Schwein, bitteschön”, entgegnete Kapuzek.

“Ruhe!” rief Polizeioberkommissar Dübel. Langsam verlor er die Geduld. “Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir Herrn Schulz befragen.”

“Mich?” Olaf Schulz sah überrascht aus. “Warum denn mich? Mich hat sicherlich niemand vergiften wollen.”

“Stimmt”, erklärte Armin Dübel. “Ich weiß noch nicht warum, aber Sie haben die Lasagne vergiftet.”

Es wurde mit einem Male still im Studio und alle blickten den dicken Mann an, der kurz vor einem Weinkrampf stand. “Was? Aber warum denn ich? Ich weiß doch gar nicht wie vergiften geht.”

“Wie alle sehen konnte, haben Sie sich mit Händen und Füßen gewehrt von der Lasagne zu probieren, Herr Schulz. Sie wussten, dass die Lasagne vergiftet war.”

“Ja”, wimmerte Olaf Schulz. “Ich habe es gewusst. Ich gebe es zu.”

Dübel war von sich selbst überrascht. Ein Schuss ins Blaue und dann solch ein Treffer. Der Polizeioberkommissar fragte sich allerdings, warum, wann und wie der dicke Mann die Tat begannen hatte.

Schulz fing an zu weinen. “In der Lasagne waren Pilze. Ich bin doch allergisch auf Pilze. Das habe ich vor der Sendung extra angegeben. Pilze sind für mich reines Gift. Da konnte ich doch nichts von essen, obwohl die Lasagne so lecker aussah. Ohne die Allergie hätte ich davon gegessen. Ich schwöre es. Ich stopfe doch alles in mich rein. Es schmeckt einfach so gut. Auch das Biozeug.”

“Sehen Sie!” rief nun Kapuzek aus. “Der ist fett vom Fressen.”

“Ha!” schrie nun auch Martina Roya. “Aber er frisst auch Biozeug.”

“Sie machen mich krank!” schrie Erna Krainer los. “Das ist doch nur ein dummer Verbraucher. Der schlingt alles runter. Deswegen müssen wir bereits bei den Kindern anfangen.”

“Ruhe!” Polizeioberkommissar Dübel war sauer. “Mir reicht es langsam. Das ist ja wie im Kindergarten.” Er seufzte. “In Ordnung, Pilzallergie. Oh, mein Telefon.”

Dübel zog sein Smartphone aus der Tasche und nahm den Anruf entgegen. Das Präsidium. Er war froh über die Pause. Diese Promis waren der reinste Horror. Am anderen Ende war ein Kollege und informierte Dübel, über die aktuelle Entwicklung. Der Polizeioberkommissar beendete das Gespräch und sah betroffen in die Runde. “Ich habe gerade eine traurige Nachricht erhalten. Frau Wilmsen ist auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Die Dosis Gift war wohl doch zu stark.”

Kaum war das letzte Wort verklungen, da hallte ein Schrei durchs Studio. Die Regieassistentin Gitte Hansen brach auf einem der vorderen Gästesitze zusammen. Dübel stand auf und ging zu ihr, um sie zu trösten. “Meine Liebe, es tut mir leid. Sie haben Ihre Chefin wohl sehr gemocht?”

“O Gott, ich werde lebenslang ins Gefängnis müssen”, schluchzte sie zitternd. “O Gott, o Gott.”

“Wie kommen Sie denn darauf?” hakte der Polizeioberkommissar nach. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus. “Hm?”

“Die Quoten, die verdammten Quoten. Die waren im Keller. Annette meinte, das würde für Aufregung sorgen. Ich sollte das Zeug in die Lasagne schütten. Aber ich wusste ja nicht, wie viel da reinkommt. Sie wollte es sich schnappen, bevor es jemand anderes nimmt. Der Dicke ist doch allergisch, das stand in den Unterlagen. Deswegen hat sie es ihm ja angeboten. Damit keiner auf die Idee kommt, dass Annette von dem Gift wusste. O Gott, o Gott. Ich muss ins Gefängnis. Ich bin doch noch so jung. Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen. Und jetzt ist sie tot. Und ich verbringe meine Jugend im Knast. Ich hatte doch noch so viel vor.”

Dübel winkte einen Beamten herbei und ließ die Regieassistentin abführen. Dann ging er zu den Talkshowgästen zurück. “Leider hat sich der Fall auf tragische Art und Weise gelöst. Sie können nach Hause. Hier ist alles erledigt.”

Alexandro Kapuzek grunzte. “Wie ich es immer sage, es kommt auf die richtige Dosis an.”

“Idiot”, fauchte Martina Roya. “Schlussendlich hat sie die Chemie umgebracht.”

“Unsinn.” Bundesverbraucherministerin Erna Krainer erhob sich aus dem Sessel und warf einen mitleidigen Blick auf den heulenden Olaf Schulz. “Das war reine Gier. Quote und Geld. Und niemand denkt an die Kinder. Das ist ein Fall für die Presse.”

Dübel seufzte sauertöpfisch.

ENDE

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

Buchtipp:


Tom Hillenbrand
Rotes Gold
Ein kulinarischer Krimi
Xavier Kieffers zweiter Fall

Kiepenheuer & Witsch Paperback
ISBN: 978-3-462-04412-6
Seiten/Umfang: ca. 350 S.
Erscheinungsdatum: 1. Auflage 19.04.2012
Aus der Reihe: KiWi 1262

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»Tom Hillenbrand regt genussvoll den Appetit der Krimileser an.« Die Welt. Seit der Luxemburger Koch Xavier Kieffer mit Frankreichs berühmtester Gastrokritikerin liiert ist, wird er zu den exklusivsten Events eingeladen. Doch das edle Dinner beim Pariser Bürgermeister endet bereits nach der Vorspeise: Ry’nosuke Mifune, Europas berühmtester Sushi-Koch, kippt plötzlich tot um. Die Diagnose lautet: Fischvergiftung. Doch Kieffer ist skeptisch und deckt schnell Widersprüche auf. Er taucht ein in die Welt der Sushiküche und muss erkennen, dass es Fische gibt, die teurer sind als Gold – und wertvoller als ein Menschenleben.

Tom Hillenbrand, geboren 1972, studierte Europapolitik, volontierte an der Holtzbrinck-Journalistenschule und war Ressortleiter bei Spiegel Online. Der begeisterte Hobbykoch und Foodie verliebte sich während eines mehrmonatigen Luxemburger EU-Praktikums in das Großherzogtum. Sein erster Roman (»Teufelsfrucht«) stand monatelang auf Platz eins der Bestsellerliste in Luxemburg. Tom Hillenbrand lebt in München. Das Hörbuch erscheint im Frühjahr 2012 bei Audio Media.

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TELEFONRECHNUNG – Eine Kurzgeschichte von Günther Kurt Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 5. April 2012

Telefonrechnung

Eine Kurzgeschichte von
Günther Kurt Lietz
Überarbeitete Fassung 2012

Eine Rechnung flattert ins Haus. Man liest sie und bemerkt nebenbei, dass sie falsch ist. Doch der umsichtige Absender vermerkte seine Anschrift, die Kundennummer und die Durchwahl. Also greift man zum Telefonhörer und macht sich daran, das Problem zu lösen.

Es klingelt durch. Einmal, zweimal – und es meldet sich eine nette Computerstimme. Sie erklärt, dass jede angefangene Minute nur ein wenig Heidengeld kostet, dass über ein Menü sofort der richtige Ansprechpartner zur Verfügung steht, dass es ein neues Produkt im Shop gibt, dass ich einfach nur die Eins drücken muss, um … Eins!

Es klingelt durch. Einmal, zweimal, mehrmals, vielmals und keiner geht ran. Also ein zweiter Versuch wenige Minuten später. Es meldet sich eine nette Computerstimme. Sie erklärt … EINS! Und man hat Erfolg. Es meldet sich ein Mensch. Eine nette Dame. Sie flötet mir mit freundlicher Stimme ins Ohr: „Der Herr Sachbearbeiter ist nicht da. Er ruft sie gleich zurück. Danke für ihr Verständnis. Wiederhören.“

Man wartet, den Blick aufs Telefon geheftet und das Schreiben vor sich auf dem Tisch liegend. Langsam drückt die Blase und fordert ihr Recht. Aber wenn der Mann ausgerechnet jetzt anruft? Schweiß bricht aus. Soll ich gehen? Bin ich schnell genug? Vielleicht klingelt es gerade wenn ich die Hose runterlasse. Man wartet, hält ein, wird vom eigenen Körper gepeinigt und geht schließlich doch auf Klo, immer ein Ohr zum Telefon hin. Und … es klingelt nicht!

Nach dem Toilettengang wartet man also weiter. Und wartet, kocht das Mittagessen, wartet, kümmert sich um die Hausaufgaben der lieben Kleinen, wartet, liest einige Seiten eines guten Buches, wartet und – es klingelt. Also geht man ran, leicht erbost über das Warten. Doch es ist nur die Oma und sie will hören was es Neues gibt. „Ich warte!“ kommt es schon laut über die Lippen und der Hörer liegt auf der Gabel. Und man wartet weiter.

Bis es dann am nächsten Tag klingelt und der Sachbearbeiter sich bequemt doch noch anzurufen. Ich gebe ihm Namen, Adresse und Kundennummer. Er sucht im Computer und fragt dann: „Sind sie es wirklich?“

„Was? Genervt?“ will man unwirsch fragen, doch ist man lieber höflich und lächelt, obwohl der gute Mann das Lächeln nicht sieht. „Natürlich“, erkläre ich und frage mich, wer sonst wegen meiner Rechnung anrufen sollte.

„Hm, nun, dann sehen wir mal nach“, murmelt der Mann vor sich hin und ich höre Tasten anschlagen. Warum sagt der „wir“? Ich sehe doch gar nichts. Egal. Er macht seine Arbeit und gleich wird sich alles auflösen. „Sie haben die letzten zwei Anträge zu spät abgegeben. Da mussten wir also höhere Beiträge anrechnen.“

Klingt vernünftig. Ist aber falsch. „Hier im Schrieb steht sechzig Euro für zwei Monate. Wegen zu spät abgegeben? Ich war pünktlich.“

„Moment“, kommt es vom anderen Ende und ich muss warten. Aber darin habe ich langsam Übung. Ich glaube allerdings, der Mann glaubt mir nicht, dass ich glaubwürdig bin. Und dann ist er schon wieder da. „Hallo? Sind sie noch dran? Ich habe mir die Unterlagen gezogen. Sie haben zu spät abgegeben.“

„Das kann nicht sein“, erwidere ich nun etwas unwirsch und bereue meinen Ton sofort. Es ist vielleicht unklug, so mit ihm zu reden. Immerhin will ich etwas von ihm. Papier raschelt und siehe da – ich habe Erfolg.

„Tatsächlich. Ich habe eine drei für eine acht gehalten. Sie waren pünktlich.“ Na Gott sei Dank. „Mit einem Antrag.“ Und schon nehme ich meinen Dank wieder zurück.

Es kommt zu einem kurzen Wortwechsel und ich sehe ein, der Mann kann nicht gut gucken. Also lass ich mich breitschlagen und akzeptiere für einen Monat Verspätung. Ich will ja nicht kleinlich sein, wegen dreißig Euro für einen Monat. Ich bin doch kein Erbsenzähler.

„Hören sie, ich habe die Beiträge gerade neu berechnet.“ Gut, wenigstens kann er Kopfrechnen. „Das macht dann dreihundert Euro.“ Oder auch nicht. Oder er hat eine Null zu viel hinten angehangen.

„Bitte?“ frage ich langgezogen. „Dreihundert? Das muss ein Fehler sein.“

Und er rechnet und ich warte wieder. „Sie haben recht. Entschuldigung.“ Nun, lieber ein spätes Einsehen als gar kein Einsehen. „Es sind nur hundert Euro.“

Da hätte er auch einen Hundertwasser verlangen können. „Bitte? In ihrem Schreiben steht zwei Monate zusammen für sechzig Euro.“ Langsam meldet sich die Blase wieder zu Wort. Sehr ungünstig für mich. Der Druck wächst, auf beiden Seiten, am Ohr und in der Blase. „Wie kommen sie denn auf hundert Euro? Wenn ich sechzig durch zwei teile, erhalte ich dreißig Euro.“

„Das ist nun einmal so. Außerdem habe ich ihnen gar kein Schreiben geschickt, worin steht, zwei Monate und sechzig Euro“, merkt er unhöflich an. Jetzt ist er auch noch eingeschnappt. Ausgerechnet er. Ich reche nach. Wenn zwei Männer ihm sechzig mal mit einer Zeitung auf den Hinterkopf hauen, dann haut ein Mann also einhundert Mal … Fokus! Ich muss mich konzentrieren!

„Aber ich habe das Schreiben vor mir liegen. Schwarz auf Weiß.“

„Ich habe kein Schreiben geschickt.“, sagt er und bleibt hart. Der Mann ist strohdumm und stur. Eine gefährliche Kombination. Mir wird Angst und Bange, dass er nochmals nachrechnet und ich mein Haus verpfänden muss.

Ich beschließe erst einmal klein beizugeben, zu tun als wäre ich einverstanden und nach dem Gespräch meine Blase zu leeren. Der Tee verlangt sein Recht. „Gut, dann schicken sie mir aber bitte eine neue Rechnung.“ Mit zwei Schreiben werde ich in einigen Tagen persönlich vorbeigehen und ihm alle Briefe unter seine arrogante Nase reiben. Da wird er ja mal sehen, was ich nicht bekommen habe. Jawoll! Ein schöner Plan, den ich da gerade fasse.

„Schön, dass sie das endlich einsehen, mein Herr. Ich schicke ihnen dann eine neue Rechnung zu. Die alte werfen sie ruhig weg.“

„Die Rechnung?“ frage ich. Meine Frau wird er wohl kaum meinen.

„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe ihnen keine Rechnung geschickt“, erklärt er, müde vom Gespräch. Wahrscheinlich meint er doch die Frau.

„Na gut. Auf Wiederhören“, verabschiede ich mich und renne zur Toilette.

Und das Ende vom Lied, die Moral der Geschichte, die Pointe des Witzes? Ich habe meine alte Rechnung noch immer, eine neue kam nie bei mir an und alles löste sich in Wohlgefallen auf. Was mir von dem Gespräch blieb war die Erkenntnis: Sechzig geteilt durch Zwei sind Einhundert.

Ende

Copyright (c) 2009 by Günther K. Lietz

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Rodari, Gianni
Gutenachtgeschichten am Telefon

Illustriert von Kuhl, Anke. Übersetzt von Schimming, Ulrike
Verlag :      Fischer Taschenbuch
ISBN :      978-3-596-85481-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      14,99 Eur[D] / 15,50 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 17.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 208 S. – 24,0 x 15,8 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 08.03.2012
Aus der Reihe :      Die Bücher mit dem blauen Band 85481

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Es gibt sie noch, die guten alten Gutenachtgeschichten!

»Denk dran«, sagt die Tochter von Signor Bianchi, bevor ihr Papa mal wieder auf Reisen geht. »Jeden Abend erzählst du mir eine Geschichte!« Kein Problem für Signor Bianchi – Gutenachtgeschichten, die so kurz sind, dass man sie am Telefon erzählen kann, sind seine Spezialität. Eine gute Gutenachtgeschichte mischt ein wenig Phantasie in die Wirklichkeit und baut somit eine Brücke ins Reich der Träume. Sie handelt von Schokoladenstraßen, einem Haus aus Eiscreme oder dem Sternschnuppenmagier – traumhaft und federleicht.

Andersen-Preisträger Gianni Rodaris Klassiker interpretiert von Anke Kuhl: ein Klassiker in neuem Gewand.

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DAS VERHÖR – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 2. April 2012

Das Verhör

Kriminalkurzgeschichte

von

Günther K. Lietz

Polizeihauptkommissar Bruhns hatte schon vieles gesehen. Aber das hier, das zehrte selbst an seinen Nerven.

Bisher hatte die Spurensicherung sechs Kinderleichen aus dem Keller geborgen. Immer wieder verschwanden Kollegen in weißen Plastikanzügen im Haus und kamen mit Kisten und Tüten bepackt wieder heraus, um das Material in einen der bereitstehenden Busse zu packen.

Bruhns stand Abseits der Absperrung und hatte die Hand vor den Mund gelegt. Das Ausmaß der Tat raubte ihm die Luft zu Atmen. Kollege Müller nickte ihm zu. Bruhns nickte zurück. Es wurde Zeit aufs Revier zu fahren.

Die Frau war zweiunddreißig Jahre alt, alleinstehend, arbeitslos und gut gelaunt. Sie zeigte keine Stressreaktion oder Anzeichen von Angst. Sie hatte es sich auf dem Stuhl bequem gemacht, die Beine übereinander geschlagen und zog genüsslich an einer Zigarette. Sie war entspannt. Bruhns war zufrieden.

„Guten Tag Frau Kippel. Polizeihauptkommissar Viktor Bruhns.“ Er legte ihr seinen Ausweis vor und zeigte auf seine Kollegin. „Unsere Frau Meister. Sie würde das Protokoll anfertigen. Ist das für Sie in Ordnung?“

Maren Kippel sah zur Sekretärin hinüber, die freundlich, aber unverbindlich lächelte. „Ja, kein Problem.“

„Danke. Sie haben das Recht auf einen Anwalt und können ihn jederzeit hinzuziehen.“

Kippel nickte. „Habe ich schon verstanden. Ich brauche keinen Anwalt. Ich kann für mich selbst sprechen.“

Bruhns setzte sich, während Frau Meister alles fein säuberlich protokollierte. „Sie können jederzeit das Verhör beenden und ihren Anwalt hinzuziehen, Frau Kippel. Sie müssen auch keine Antworten geben. Aber wenn Sie antworten, schreiben wir alles mit und können es später vor Gericht verwenden. Aber keine Angst, nach dem Verhör erhalten Sie eine Abschrift zum Gegenzeichnen. Die können Sie aber ausgiebig und in aller Ruhe lesen. Niemand drängt Sie.“

„Ich würde mich auch nicht drängen lassen.“ Sie zog wieder an der Zigarette und drückte den Stummel im Aschenbecher aus.

„Möchten Sie vielleicht einen Kaffee? Wir haben zwar keinen guten, aber dafür starken Kaffee. Der macht richtig wach.“ Bruhns lächelte freundlich.

„Ja, in Ordnung. Kann ich gut gebrauchen.“

„Fein. Vielleicht was zu essen? Der Kollege Müller wollte eh zum Imbiss rüber. Der kann ihnen was mitbringen. Und machen Sie sich wegen dem bezahlen keine Sorge, das übernimmt der Steuerzahler. Sie haben also die freie Auswahl.“

Maren Kippler dachte kurz nach. „Pommes mit Jägerschnitzel wäre toll. Ich hatte schon lange kein Jägerschnitzel mehr.“

Kurz darauf hielten Bruhns und Kippler Pappbecher mit Kaffee in der Hand. Kollege Müller brachte auch bald das Essen herein und reicht dazu passendes Plastikgeschirr.

„Mahlzeit“, wünschte Bruhns. Er nahm einen Schluck und bereitete sich innerlich auf das Gespräch vor. „Ich hoffe es schmeckt. Die Pommes sind manchmal ein wenig labberig.“

„Ist schon in Ordnung, Herr  Kommissar.“

Bruhns lächelte. „Eigentlich  Polizeihauptkommissar. Aber das ist schon in Ordnung. Wenn Ihnen das zu förmlich ist, können wir uns auch Duzen. Alles kein Problem.“

Maren Kippler war überrascht. „Wirklich?“

„Natürlich. Bei so vertraulichen Gesprächen wollen wir doch keine künstlichen Barrieren aufbauen, oder?“

„Nein, natürlich nicht. Also, von mir aus geht das in Ordnung.“

„Das ist gut. Viktor.“

„Maren, Viktor.“

Bruhns öffnete seine vorbereiteten Unterlagen. „Wenn du keine Antwort geben möchtest oder einen Anwalt willst, sagst du es einfach. In Ordnung?“

Kippler nickte. „Kann ich noch eine Zigarette haben?“

„Natürlich.“ Der  Polizeihauptkommissar fischte einen Stängel aus seiner Packung und bot sie der Verdächtigen an. Er gab ihr auch Feuer. Die Situation war ganz entspannt.

„Du weißt ja, dass wir dich verdächtigen die Kinder getötet zu haben. Bisher haben wir neun Leichen aus deinem Keller geholt. Sind das eigentlich alle?“

„Ihr seid wohl ganz schön am graben, was?“ Stolz schwang in Maren Kipplers Stimme mit.

„Ja, das stimmt. Meine Kollegen schieben Überstunden, um die Arbeit so schnell wie möglich zu erledigen. Wenn du uns etwas unter die Arme greifen könntest, wäre das natürlich klasse. Aber das ist alleine deine Sache.“

„Sehe ich auch so, Viktor. Sehe ich auch so.“ Die Verdächtige dachte nach. „Im Schuppen müsst ihr auch graben. Da liegen auch noch zwei. Es sind insgesamt elf.“

„Danke.“ Bruhns gab die Information an Müller weiter. „Elf Kinder hast du getötet. Oder kommt da noch mehr?“

„Nein, elf. Jedes Jahr ein Balg. Ich habe mit einundzwanzig angefangen. Immer an meinem Geburtstag.“

Bruhns war ehrlich überrascht. „Immer an deinem Geburtstag? Warum?“

„Fing alles ganz harmlos an. Beim ersten Mal wollte ich einfach nur meine Ruhe haben. Aber ich verlor meinen Job, mein damaliger Freund machte mit mir Schluss und das Konto wurde gesperrt. Alles genau an meinem Geburtstag. Also bin ich in mein Auto gestiegen und in der Gegend herumgefahren. Da lief mir der Junge vor den Wagen. Einfach so. Ich wollte keine Fahrerflucht begehen. Aber ich wollte auch keinen Ärger. Also habe ich ihn ins Feld getragen. Ihm den Strick um den Hals gelegt. Zugezogen. Immer fester. Bis er aufhörte zu zucken. Und dann noch etwas länger. Wollte ja sichergehen.“

„Verstehe“, sagte Bruhns nickend und machte sich Notizen. „Das muss dann der kleine Tobias Gerke gewesen sein. Blaue Jacke, grüner Ranzen mit gelben Sternen.“

„Ja, kann sein. War mir auch egal. Mir ging es danach jedenfalls viel besser.“ Die Aussage schien Maren Kippler zu befreien. „Tags darauf lösten sich alle meine Probleme in Wohlgefallen auf. Ich war fassungslos, das musste Schicksal sein. Oder der Teufel persönlich hat mir, für den Preis einer Kinderseele, beigestanden.“

„Und das jedes Jahr?“

„Meistens. Ich hatte ja immer wieder mal Probleme. Vor allem die letzten Jahre.“

„Die lösten sich nach jedem Mord auch alle in Wohlgefallen auf?“

„Nein, leider nicht.“ Maren Kippler sah geknickt auf die qualmende Zigarette.

„Und trotzdem hast du weiter Kinder getötet?“

„Na ja, ich habe mir gedacht, dass es so eine Art Inflation ist. Wird ja alles immer teurer.“

Bruhns gab sich Mühe, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. „Okay, fassen wir mal zusammen: Du hast die Kinder alle getötet, deren Leichen bei dir im Keller und im Schuppen vergraben wurden? Können wir das so festhalten?“

„Ja, klar. Natürlich. Kann ich noch einen Kaffee, Viktor?“

„Klar. Ich schicke Müller gerne laufen.“ Bruhns lachte. „Der muss eh auf seine Figur achten.“

Maren Kippler stimmte ins Lachen ein. „Weißt du, mit jedem Mal ist es einfacher geworden. Bei dem kleinen Jungen, da hatte ich Anfangs noch Albträume. Später nicht mehr. Da habe ich mich nur noch darauf gefreut, wenn es wieder soweit war.“

„Hast du denn alle erwürgt? Oder wie hast du das angestellt? Immerhin bist du nie erwischt worden.“

Das Gesicht der Angeklagten verfinsterte sich. „Ja, das war schon Pech, dass mitten im Urlaub die Wasserleitung kaputt geht und meine Schwägerin den Monteur kommen lässt. Der Mann tut mir leid. Ich habe gehört, er musste ins Krankenhaus eingewiesen werden.“

„Ja, das war für ihn schon ein schlimmer Anblick. Aber kommen wir zurück zu meiner Frage, Maren. Wie hast du das angestellt?“

„Na ja, ein wenig Glück war sicherlich auch dabei. Aber ich bin ja nicht doof. Ich habe schon ein wenig geplant. Bin weit herumgefahren und habe mir die Kinder zufällig herausgepickt. Zwischendurch habe ich ja ein anderes Auto gekauft. Und dann mir ab und zu mal den Wagen von meinem Bruder geliehen. Wenn der gewusst hätte, was ich gelegentlich geladen habe, der wäre ausgerastet.“ Die Verdächtige lachte heiter auf. „Wie gesagt, Glück war auch dabei.“

„Waren die Kinder nur Zufallsopfer oder gab es da einen Bezug?“

„Alles Zufall. Alles.“

Das Verhör zog sich noch drei Stunden hin, dann wurde Maren Kippler müde. „Ich will nicht mehr. Ich habe die Fragerei satt.“

„Natürlich“, sagte Bruhns verständnisvoll. „Vielleicht noch eine Frage, Maren?“

„Nein, ich will nicht mehr. Hör endlich auf, Viktor.“

„In Ordnung, in Ordnung, du bist müde und brauchst deinen Schlaf. Ich verstehe das vollkommen. Gehen wir kurz das Gesprächsprotokoll durch? Geht auch ganz schnell. Du liest es dir einfach durch. Wenn du Fragen hast, stell sie einfach. Und wenn was unverständlich ist, dass erkläre ich dir alles in Ruhe.“

„Okay, aber dann will ich in meine Zelle zurück und schlafen.“

„Klar, Maren, alles kein Problem.“

Eine halbe Stunde später brachte Müller die Verdächtige aus dem Verhörzimmer. Bruhns sah auf die Mitschrift, die vor ihm lag. Frau Meister legte ihre Hand auf seine Schulter. „Geht es, Chef?“

Bruhns atmete durch. „Manchmal finde ich meinen Job einfach nur Scheiße. Am liebsten würde ich meine Waffe ziehen und solchen Leute ein Ende machen. Aber dann wäre ich auch nur einer von ihnen. Und diese Schweine hätten gewonnen. Nein, nicht mit mir.“

„Aber sie haben ein Geständnis, Chef. Das ist doch was.“

„Es rundet die Sache nur ab. Beweise und Zeugenaussagen hätten doch ausgereicht. Am Ende wird meine Arbeit sogar dazu benutzt, um eine milde Strafe auszuhandeln. Weil so eine mordende Sau ja geständig und kooperativ war.“ Bruhns seufzte. „Das schlimmste ist, die Frau ist eh verrückt. Die kommt höchstens in eine Anstalt. Wer weiß, ob die überhaupt kapiert, wenn sie bestraft wird. Wie gehen Sie eigentlich damit um? Ich meine, Sie sind doch dabei und bekommen alles hautnah mit.“

Frau Meister sah Polizeihauptkommissar Bruhns eindringlich an. Ihr standen Tränen in den Augen. „Wissen Sie, Chef, in den Pinkelpausen gehe ich kotzen. Und daheim werfe ich Schlaftabletten ein, um nicht zu träumen.“

Ende

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

Buchtipp:

Anette Huesmann
Die Glut des Bösen
Kriminalroman

Aufbau TB
ISBN: 978-3-7466-2830-1
Seiten/Umfang: 320 S. – 19,0 x 11,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 25.06.2012

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Emma Prinz hat ein paar Sorgen zuviel. Als freie Journalistin ist es schwer, an lukrative Aufträge zu kommen. Als sie erfährt, dass im Kloster Rupertsberg eine Frau ermordet wurde, macht sie sich sogleich auf den Weg. Einer der Gäste des Klosters erzählt ihr von einer geheimen Handschrift Hildegards von Bingen, die sich im Besitz der Toten befunden haben soll, und von einem Mönch, der sie zuvor besaß und der Selbstmord beging. Emma recherchiert weiter und stößt plötzlich auf einen unerwarteten Verdächtigen: ihren eigenen Vater. Vor vielen Jahren war er der Lehrer der ermordeten Frau und der Vorgesetzte des toten Mönchs.

Ein packender Kriminalroman mit einem ungewöhnlichen Schauplatz: das Kloster der Hildegard von Bingen.

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FESSELNDES ALTER – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 26. März 2012

Fesselndes Alter

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Miss Fowler saß in ihrem kleinen Garten auf der wackligen Holzbank und beobachtete, wie die Bienen von Blume zu Blume flogen. Die alte Dame lächelte und nahm einen Schluck Lady Grey. Sie mochte das feine Orangenaroma des Tees. Eine der Bienen verirrte sich und tanzte summend vor der Nase der alten Dame herum. Dann machte die Biene kehrt und gesellte sich wieder zu ihren Freundinnen, die gerade die rosafarbenen Begonien entdeckten. Miss Fowler strich sich durch ihr schütteres weißes Haar, dann stellte sie die Tasse auf der Bank ab, nahm sich ihren Gehstock und stand auf. Sie hatte noch Arbeit zu erledigen.

***

Detective Sergeant Booker öffnete seinem Vorgesetzten Detective Chief Inspector Ben Reed die kleine Gartentüre. “Guten Morgen, Chef.” DS Booker war gut gelaunt, wie immer. Scheinbar gab es nichts auf der Welt, das ihn erschüttern konnte. Genau der richtige Mann für Mordfälle.

“Was haben wir?” DCI Reed ignorierte die Handvoll Schaulustigen, die sich am Gartenzaun drängelten und sehen wollten, was es für Neuigkeiten gab.

Booker ließ sein Notizbuch aufschnappen und fasste alles Wichtige zusammen. “Ms Angelina Fowler. Einundachtzig Jahre. Alleinstehend. Tochter lebt in London, Enkelin im Nachbarort. Ich habe einen Wagen geschickt, um letztere abzuholen.”

“Gut gemacht.” Reed hielt an der Haustüre inne und sah zur Holzbank vor dem Haus. Er studierte eingehend die Tasse mit dem kalten Tee, dann ging er weiter. “Gemütlich.”

Die alte Miss hatte Geschmack gehabt und ihr kleines Häuschen bequem und heimelig eingerichtet. Gemusterte Tapeten, ein abgewetzter Holzboden im Flur und ein weicher Teppich im Wohnzimmer. Viel kleines Porzellan, Bilder in Sepia auf dem Kamin, bequeme Ohrensessel, gestickte Taschentücher und Spitzendeckchen auf Tischen und Anrichten.

“Das Opfer wurde von Mister Angus McFly gefunden, Versicherungsvertreter. Er hatte einen Termin bei ihr. Die Haustüre war offen. Oberes Stockwerk.” DS Booker zeigte die Treppe hoch. “Zweite Türe links, Chef. Der Raum neben dem Schlafzimmer.”

“Wie ist die alte Dame ums Leben gekommen?” DCI Reed betrachtete die Bilder an der Wand, die von einem langen und weitgehend glücklichen Leben erzählten. Lachende Gesichter, Erinnerungen an gute Tage, an glückliche Tage. Diese Reisen in fremde Leben lösten in dem Detective Chief Inspector stets Unbehagen aus. Er fand keinen Gefallen daran in die Leben fremder Menschen einzudringen und alles auf den Kopf zu stellen. Doch wenn er gerufen wurde, dann war das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Und er tat nur seinen Job.

Booker ging voran und stellte sich neben die Türe. “Die alte Dame wurde mit einem Lederriemen erdrosselt, nachdem sie der Täter mit Handschellen an einem Querbalken festmachte.”

“Wer tut denn so etwas einer netten alten Dame an?” Reed war erschüttert und betrat den Tatort. Mit einem kurzen Blick erfasste er vollkommen die Situation. “Booker?”

“So wie es aussieht, polierte sich die nette alte Ms Angelina Fowler ihre Rente als Domina auf, Chef.”

***

Der Duft eines billigen Deos lag in der Luft. Doch es konnte den Geruch von saurem Schweiß kaum überdecken, der Angus McFly umgab. Selbst die Fliegen mieden den fetten Mann, der wie ein Häufchen Elend in der Ecke saß. Der Stuhl unter ihm war zwar ein robustes Möbelstück, wirkte aber aufgrund der Masse des Mannes zerbrechlich.

DCI Reed und DS Booker hatten sich ebenfalls gesetzt, allerdings mit einem gehörigem Abstand zum Zeugen. Booker machte sich Notizen, während Reed das Verhör führte.

“Es ging also um eine Versicherung, Mister McFly? Habe ich sie da richtig verstanden?”

Der fette Mann nickte eifrig und seine Speckrollen kamen dabei in Wallung. Der Stuhl unter ihm knirschte bedenklich. “Ja, das stimmt.” Sein Gesicht war verkniffen. “Das habe ich doch bereits gesagt. Ms Fowler hatte um ein Gespräch gebeten. Es ging um eine Hausratversicherung.”

“Wirklich?” hakte Reed ungehalten nach und zeigte auf einen Stapel Unterlagen. “Die alte Dame hatte bereits eine Versicherung. Warum sollte sie noch eine abschließen?”

“Vielleicht wollte sie wechseln. Bitte, kann ich jetzt gehen? Ich habe daheim noch Verpflichtungen, denen ich nachkommen muss.”

“Mister McFly, es geht hier um einen Mord. Verstehen sie. Jemand hat Ms Fowler gewaltsam vom Leben in den Tod befördert. Und sie haben die alte Dame ja gesehen. Die Umstände sind merkwürdig.”

“Das mag sein, aber was habe ich damit zu tun?” presste er hervor.

“Ich wüsste halt gerne, in was für einem Verhältnis sie genau zueinander standen. Die Sache mit der Versicherung, die nehme ich ihnen nicht ab.” Reed lächelte. “Also, wie ist es? Wollen sie nicht lieber mit der Sprache heraus?”

McFly schwitzte wie ein Schwein. Und er gab er seinen Widerstand auf. “Ja, ja, verdammt, es stimmt. Ich war einer ihrer Kunden.” Der fette Mann schloss beschämt die Augen. “Wenn das die Leute erfahren, ich wäre ruiniert, Chief Inspector. Mein Job hängt von meinem guten Ruf ab.”

“Damit hätten sie immerhin ein Motiv”, erklärte Booker und hakte eine seiner Notizen ab.

“Was?” Angus McFly riss die Augen auf und wurde bleich. “Aber ich habe sie angerufen. Warum sollte ich das machen?”

Reed zucke mit Schultern. “Ich bin kein Gedankenleser. Gehen sie erst einmal nach Hause, Mister McFly. Wir melden uns, falls noch etwas anliegt. Halten sie sich, die nächsten Tage, bitte zu unserer Verfügung.”

“Danke.” Leise stöhnend hievte McFly seinen Körper in die Höhe und tippelte mit kleinen Schritten auf die Türe zu. Reed und Booker sahen dem Mann hinterher. Plötzlich war aus McFlys Schritt ein leises Knacken zu hören und der Mann seufzte erleichtert auf. Aus dem linken Hosenbein purzelte eine Wäscheklammer auf den Boden. Mit nun hochrotem Kopf wankte der Versicherungsvertreter aus dem Haus.

***

Mary Fowler-Higgins stand vor dem Wohnzimmerfenster und blickte in der Garten ihrer Großmutter hinaus. Es war bereits dunkel, aber die grellen Lampen der Spurensicherung leuchteten das Grundstück aus. Reed und Booker standen hinter hier. Die beiden Polizisten gaben der jungen Frau noch einige Sekunden, um sich zu sammeln, dann setzten sie die Vernehmung fort.

“Ist ihnen wirklich niemand bekannt, der ihrer Großmutter etwas derartiges antun könnte?” Reed versuchte Mitgefühl in seine Stimme zu legen. “Jemand mit dem sie vielleicht Streit hatte?”

“Niemand.” Mary Fowler-Higgins strich sich die Tränen aus dem Gesicht. Die junge Frau setzte sich auf die kleine Eckbank. Nervös strich sie die dabei verrutschte Tischdecke zurecht. “Ein Unfall. Oder eine Krankheit. Aber Mord? Wer rechnet denn damit, Chief Inspector? Das ist so schrecklich. Und dann noch … was werden bloß die Nachbarn sagen? Was soll ich meiner Mutter sagen?”

Reed und Booker sahen sich kurz an. Der Chief Inspector legte dann tröstend seine Hand auf die Schulter der Trauernden. “Ihr Verlust ist sicherlich schmerzlich. Aber da Draußen läuft ein Mörder herum, denn wir fangen sollten. Sie müssen uns helfen. Ihrer Großmutter zuliebe.”

Die junge Frau nickte. “Natürlich. Aber ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ja auch nicht gewusst, was meine Großmutter so alles treibt.” Erneut flossen Tränen. “Sie war so lebenslustig. Hat sich immer um alle gekümmert. Als wir Geldprobleme hatten vor ein paar Jahren, da ist sie eingesprungen. Und jetzt weiß ich auch, woher das Geld kam. Ich fühle mich so schmutzig und so schuldig.”

Booker reichte Mary Fowler-Higgins ein Papiertaschentuch. “Ihre Großmutter hat das gerne für Sie getan. Da bin ich mir sicher”, versuchte er zu trösten. Reed verdrehte nur die Augen.

“Glauben Sie? Granny hat mich geliebt, das weiß ich. Ich war jeden Woche einmal hier und habe sie besucht. Wir haben Karten gespielt. Sie hat mir gezeigt wie man backt. Und ich habe ihr das Internet erklärt. Sie wollte alles ganz genau wissen. Um online zu shoppen und mit ihrer Freundin in den USA zu skypen.”

Reed nickte anerkennend. “Ihre Großmutter war eine sehr aufgeweckte Person.”

“Vielleicht wäre es nicht so weit gekommen, wenn ich sie nicht wieder um Geld gebeten hätte. Vielleicht hätte sie sich zur Ruhe gesetzt.”

“Wofür brauchten Sie denn Geld?”

Mary Fowler-Higgins schniefte laut und richtete sich auf. Sie drückte ihren Oberkörper nach vorne und präsentierte ihre prallen Brüste. “Sehen Sie, englische Wertarbeit. Die waren vorher viel zu klein. Und Granny meinte sie könne das verstehen. Männer wollten halt etwas zum Zupacken haben.”

Die beiden Polizisten starrten auf den Ausschnitt der jungen Frau. Dann liefen sie rot an und sahen weg. “Entschuldigung.” Reeds Stimme klang gepresst.

“Ist schon gut, dafür habe ich sie doch machen lassen” schniefte Mary Fowler-Higgins. “Meine Großmutter hat sie bezahlt. Und sie wollte keinen Penny zurück. Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander.”

DCI Reed dachte nach. “Ich habe hier im Haus gar keinen Computer gesehen. Sagten Sie nicht, Sie hätten ihrer Großmutter das Internet erklärt? Vielleicht hat der Mörder den Rechner ihrer Großmutter gestohlen.”

“Meine Großmutter hatte keinen großen Rechner.” Mary Fowler-Higgins wischte sich die Tränen erneut weg. “Sie hat sich so ein kleines Netbook gekauft. Mit eingebauter Kamera und Mikrofon. Ich habe ihr einen ganzen Abend lang erklärt, wie man damit Aufnahmen machen kann. Sie wollte für ihre Freundin unbedingt einen Geburtstagsgruß aufnehmen. Ich wollte Granny dabei helfen, aber sie wollte es unbedingt allein hinbekommen. Schlussendlich hat sie es dann auch geschafft.”

“Ich schau mal nach” erklärte Booker knapp und verließ den Raum. Wenige Minuten später kam er mit dem Netbook der Toten zurück.

“Genau. Das ist das Gerät meine Großmutter. Irgendwo muss das Netzteil herumliegen. Ich kenne auch das Passwort.”

Zehn Minuten später standen Mary Fowler-Higgins, Booker, Reed und die Spurensicherung vor dem Netbook. Die Enkelin weinte, während Booker fassungslos den Kopf schüttelte und Reed angewidert den Mund verzog.

“Sie hat alles aufgenommen.” Detective Sergeant Booker schrak zusammen. “Autsch, dass muss wehgetan haben.”

Reed nickte. “Da, das ist es. Schlechte Qualität, aber immerhin.”

“Das Netbook war zwischen einigen Plüschkissen auf der Kommode versteckt.”

“Und da passiert es.” Der Detective Chief Inspector zeigte auf den kleinen Monitor. “Sie hat ihre Gäste erpresst. Und der hier hat sich nicht erpressen lassen und die alte Frau ermordet. Die ganze Tat wurde aufgenommen.”

“Schrecklich” kommentierte Booker die Szene und riss sich dann von den Bildern los. “Ich werde sofort die Fahndung veranlassen. Mit diesen Bildern ist es kein Problem den Mörder aufzuspüren.”

Reed klappte das Netbook zusammen. “Jetzt brauche ich einen Tee. Einen Earl Grey vielleicht.”

ENDE

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

Buchtipp:


Eva Ehley
Frauen lügen
Ein Sylt-Krimi

Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19427-8
Seiten/Umfang: ca. 368 S. – 19,0 x 12,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 05.04.2012

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Hochspannung im Norden Deutschlands: Auf Sylt geht ein Feuerteufel um, der einen perfiden Plan verfolgt …

Es brennt auf Sylt. Der Speisesaal eines Luxushotels, das Wartehaus einer Bushaltestelle und das Verdeck eines Autos stehen in Flammen. Während die ermittelnden Kommissare Sven Winterberg, Silja Blanck und Bastian Kreuzer fieberhaft nach dem Brandstifter suchen, trifft der Journalist Fred Hübner seine einstige große Liebe Susanne wieder. Ihr hat das abgebrannte Hotel gehört, nur darum ist sie nach jahrelanger Abwesenheit auf die Insel zurückgekehrt. Doch schnell ist Fred der Grund für ihr Bleiben. Als Susanne darüber nachdenkt, ihren vermögenden Mann zu verlassen, geschieht ein Mord. Und das ist nur der Anfang …

Der zweite Fall für die Sylter Ermittler Sven Winterberg, Silja Blanck und Bastian Kreuzer.

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KAMERA AB! Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 19. März 2012

Kamera ab!

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

“Ist die Kamera drauf?” Josef Kaluppke strich sich sein schütteres Haar zurecht und warf einen Blick auf das Skript. Kein Text, nur grobe Anweisungen. Alles gemäß der Produktionsfibel. “Können wir?” Der in die Jahre gekommene Privatdetektiv winkte seiner Tochter zu. “Achtung, geht gleich los.”

Lydia spuckte nervös den Kaugummi aus und suchte sich die Startmarkierung auf dem Asphalt. Sie zwinkerte Rudi dem Kameramann kurz zu, dann setzte sie einen betroffenen Gesichtsausdruck auf. Jedenfalls stellte sie sich darunter Betroffenheit vor. In Wirklichkeit war es pure Ausdruckslosigkeit.

“Okay, Kamera ab!” Toni Gruber war Produzent und Regisseur in einem. Sein Auftrag war es, die neueste Folge von “Privatschnüffler am Limit” in den Kasten zu bekommen. Er fand den Job zwar langweilig, aber die Reality-Dokus spülten ihm wenigstens Geld in die meist leere Kasse.

Das Skript sah vor, dass Privatdetektiv Kaluppke eine untreue Ehefrau bis in die Backstube ihres Liebhabers verfolgte und er seine Tochter losschickte, damit diese das Liebespärchen in flagranti erwischte und ihren ersten Fall erfolgreich zu Ende brachte. Als Höhepunkt der Szene war vorgesehen, dass der wütende Liebhaber auf Lydia losstürmte, um sie zu verprügeln. Kaluppke würde aber rechtzeitig dazwischen gehen und den Liebhaber mit einem Fausthieb niederstrecken, während die Ehefrau weinend ihre Brüste bedeckte.

Josef Kaluppke schlich auffällig an die Türe der Backstube heran. Rudi, der Kameramann, hielt mit der Kamera auf das Schild über der Türe, auf dem ganz groß “Backstube” zu lesen war. Kaluppke winkte und seine Tochter schlich auf Stöckelschuhen hinterher.

“Hier. Die Ehefrau ist in die Backstube gegangen, Lydia. Du musst rein und ein Beweisfoto machen. Das ist unsere Aufgabe”, erklärte Kaluppke stetig nickend und machte dabei ein verkniffenes Gesicht. Er würde gerne furzen, aber die Kamera lief ja mit.

Lydia nickte zustimmend. “Okay, Papa. Ich gehe in die Backstube und mache ein Beweisfoto für unseren Klienten. Ist das denn gefährlich?”

“Nein. Aber wenn er auf dich losstürmt, dann rufst du mich laut und ich komme auch in die Backstube.” Josefs Stimme war einfach nur langweilig.

“In Ordnung. Dann gehe ich mal in die Backstube.” Lydia schob sich an ihrem Vater vorbei, öffnete die Türe und ging hinein. Rudi flitzte hinterher und knallte dabei gegen den Türrahen. Mit einem leisen Schrei fiel er zu Boden. Aus der Backstube drang ein lauter Schrei. Lydia.

Josef Kaluppke fluchte. Lydia sollte rufen. Ein Entsetzensschrei stand nicht im Skript. Und sie hörte auch gar nicht mehr auf zu schreien. Der in die Jahre gekommene Privatdetektiv dachte nach, dann stürmte er los. “Scheiße!”

Lydia stand starr in der Backstube, Augen und Mund weit aufgerissen. Vor ihr auf dem Boden lagen Elke Köster und Hans Mosler, beides Schauspieler. Um sie herum hatte sich eine dicke Blutlache ausgebreitet und stellenweise mit dem Mehl vermischt, dass Toni am Morgen für die Dreharbeiten verteilt hatte. Josef sah sich die Bescherung an und übergab sich augenblicklich ins Blut. Rudi kam hinterher und hielt sofort mit der Kamera auf den kotzenden Privatdetektiv. Lydia schrie dabei ununterbrochen und Toni hatte ein breites Grinsen im Gesicht.

“Beruhige dich, Kleines.” Toni unterdrückte den immer stärker werdenden Würgereiz. “Das ist unsere Chance ganz groß rauszukommen!”

Lydia hörte auf zu schreien und klappte den Mund zu. “Was?”

Alle sahen auf Toni, ihren Produzenten. “Denkt doch mal nach. Wir sind die ersten am Tatort. Wir machen hier die ganz dicke Quote. Das ist unser Durchbruch. Das hier, das ist echt.”

Josef starrte auf die beiden Toten. “Ja, das ist doch das Problem, Mann.”

“Quatsch.” Toni schüttelte energisch den Kopf. “Ich meine, das ist kein Problem. Einfach mal nachdenken, Leute. Wir lösen den Fall. Wir, die wir hier stehen. Detektive am Limit, das ist unsere Chance.”

Josef, Lydia und Rudi dachten drüber nach. “Und was sagen wir der Polizei?” Rudi hielt mit der Kamera auf Toni. “Das kann Ärger geben.”

“Blödsinn. Wenn wir denen den Täter präsentieren, dann schütteln die uns die Hand. Die Jungs werden sich doch nicht mit den Medien anlegen wollen. Wir sind immerhin die vierte Gewalt im Staat.”

Lydia wollte etwas entgegnen und setzte bereits zum Sprechen an, doch dann ließ sie es lieber. Stattdessen nickte ihr Vater zustimmend. “Ja, das könnte klappen.”

Toni grinste breit. “Nein, das wird klappen.”

“Und wie stellen wir das an?” Josef sah sich ratlos um. “Ohne Skript habe ich gar keine Ahnung, was ich machen soll?”

“Ich denke du bist Privatschnüffler?” Nun sah wiederum Toni ratlos drein.

“Ja, nicht ganz. Ich meine, ein wenig untreue Männer beschatten und in Mülleimern kramen. Das war es auch schon.”

“Das ist doch ein Anfang. Wir haben genug Folgen abgedreht. Da kommt doch einiges an Wissen zusammen. Verlass dich einfach auf deinen Instinkt, Jupp.”

Josef kratzte sich am Kinn. “Ich denke, das bekomme ich hin.” Nun kniete er sich neben die Leichen und sah sie sich genauer an. Rudi hielt mit der Kamera drauf und zoomte in die Nahaufnahme. Josef musste erneut kotzen.

Lydia trippelte hinter ihren Vater und sah ihm über die Schulter. “Gibt es denn einen Verdächtigen, ein Motiv oder eine Tatwaffe?”

“Ich denke, die beiden sind noch nicht lange tot. Das Blut fließt ja noch.” Josef berührte mit der Fingerspitze die tote Elke. “Ist noch warm. Ich denke die Tat ist keine Minute her.”

Toni kratzte sich am Kopf. “Mal im Ernst, kühlt eine Leiche wirklich in einer Minute aus?”

Josef, Lydia und Rudi zuckten mit den Schultern. Lydia nahm ihr Smartphone in die Hand und suchte das Internet ab, während Rudi mit der Kamera auf ihren Ausschnitt zoomte und dann zum Telefon schwenkte.

“Laut Internet kann das stimmen. Sind die denn schon starr?”

Josef nahm die Hand von Hans und schüttelte sie. “Nö.”

“Dann sind es auf jeden Fall weniger als ein bis zwei Stunden, Papa. Wenn wir es ganz genau wissen wollen, müssen wir ein Thermometer in die Leber stecken.”

Alle waren ruhig, dann schüttelte Toni den Kopf. “Sagen wir zwanzig Minuten.”

Josef richtete sich auf und sah in die Kamera. Ein Tropfen Kotze hing noch an seiner Unterlippe. “Nun, wir kennen den Tatort und die ungefähre Tatzeit. Was uns fehlt sind noch Waffe und Motiv. Dann haben wir den Täter.”

“Was für eine Waffe muss es denn sein?” Lydia sah neugierig auf Elke hinab. “Ist schon ziemlich blutig.”

“Ich denke, es war ein langes Tortenmesser.” Toni zeigte auf den Tisch. “Jedenfalls liegt da eins.”

Josef sah sich die Klinge an. “Da ist aber kein Blut dran.”

“Aber es wäre originell.”

“Stimmt.” Josef schnappte sich das Tortenmesser und tunkte es ins Blut. “Die Tatwaffe hätten wir also. Fehlt noch ein Motiv.”

“Vermutlich hatte Elke eine Affäre”, sagte Lydia gedehnt. “Steht ja so auch im Skript.”

Rudi richtete die Kamera wieder auf die Leichen. “Und mit wem? Hans ist tot. Der scheidet als Täter aus.”

“Es sollte am besten jemand aus dem Team sein.” Toni leckte sich über die Zähne. “Josef und Lydia brauchen wir noch als Detektive. Also bleibst nur du, Rudi.”

Rudi senkte die Kamera. “Spinnst du? Du kannst mich doch nicht einfach zum Täter machen. Ich muss doch die Kamera halten.”

“Stimmt. Der Punkt geht an dich. Aber ohne geeigneten Täter können wir keinen Fall lösen.”

Das war nun ein Dilemma. Toni rief schlussendlich eine Agentur an und ließ sich kurzfristig einen weiteren Schauspieler schicken. “Geht doch.”

Er hatte ein breites Grinsen im Gesicht. “Der Täter ist Mitte vierzig und ein ehemaliger Callboy, der mit Elke ein Verhältnis hatte. Hans hat das herausbekommen und die beiden bis in die Bäckerei verfolgt, um sie zur Rede zu stellen. Es gab einen heftigen Streit und Udo, so heißt der Liebhaber, hat mit dem Tortenmesser zugestochen. Zufällig waren Jupp und Lydia in der Nähe, um den Fall zu lösen.”

Josef rieb sich nachdenklich den Nasenrücken. “Irgendwie läuft das was falsch.”

“Eine unerwartete Wendung? Lass das mal lieber, das kapieren die Zuschauer doch nie.” Toni suchte sich ein Versteck hinter den Mehlsäcken. “Geht mal in Stellung, der Mörder kommt gleich.”

“Dieses Schwein”, stieß Lydia angeekelt hervor und hockte sich hinter einen Tisch, während sich Josef neben Toni setzte. Rudi stellte sich hinter die Leichen und hielt mit der Kamera frontal auf die Türe.

***

Kommissar Lindner schüttelte den Kopf, während seine Kollegen nur mühsam ein Lachen unterdrücken konnte. Lindner hatte die DVD gestoppt. “Wie bescheuert muss man denn da sein?” fragte er in die Runde und erntete nur Achselzucken. “Die haben den angeforderten Schauspieler überwältigt, verprügelt und einen Tag lang festgesetzt, um die Sendung zu schneiden und stellenweise sogar nachzuvertonen. Und dann sind sie mit der fertigen DVD aufs nächste Revier marschiert.”

“Quote machen die damit garantiert.” Müller Zwo trank einen Schluck Kaffee und lachte auf. “Aber anders als gedacht. Und wie laufen die echten Untersuchungen im Mordfall?”

“Keine Chance den Täter zu finden. Diese Idioten haben den Tatort vollständig kontaminiert, anschließend für einige Szenen noch umgebaut und dann die Leichen eingefroren, damit sie bis zur Premiere ‘frisch’ bleiben.”

Nun konnte sich niemand mehr halten und das ganze Revier brach in Gelächter aus. Das war einfach zu dämlich.

ENDE

Copyright © 2012 by Günther Lietz

Buchtipp:


Martin Walker
Delikatessen
Der vierte Fall für Bruno, Chef de police

Diogenes Hardcover
ISBN: 978-3-257-06819-1
Seiten/Umfang: 416
Erscheinungsdatum: 24.04.2012

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›Savoir vivre‹: Archäologische Funde zeigen, dass man schon vor 30 000 Jahren im Périgord gut leben konnte. Aber der Tote, auf den man bei neuen Grabungen stößt, stammt eindeutig aus dem falschen Jahrhundert und weist alle Spuren eines Gewaltverbrechens auf.

Martin Walker, geboren 1947, ist gebürtiger Schotte und nicht nur Schriftsteller, sondern auch Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und studierte Geschichte in Oxford sowie internationale Beziehungen und Wirtschaft in Harvard. Danach war er 25 Jahre lang Journalist bei der britischen Tageszeitung ›The Guardian‹. Heute ist er Vorsitzender eines privaten Think Tanks für Topmanager mit Sitz in Washington. Martin Walker verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. über Gorbatschow und Clinton sowie das neue Amerika. Seine Bruno-Romane erscheinen gleichzeitig in zehn Sprachen und neu auch auf Französisch.

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