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Literatur-Blog

GUARDIAN ANGELS – Leseprobe des gleichnamigen Romans von E. M. Ross

Erstellt von Medu Verlag am 4. Januar 2013

GUARDIAN ANGELS

Leseprobe des gleichnamigen Romans

von

E. M. Ross

(Zum vorherigen Buch)

Ich wache manchmal noch auf, wenn die grauenhaften Träume kommen, wenn ich wieder an dem Kreuz hänge, an das sie mich genagelt haben, wenn ich wieder dem Mädchen Tanja gegenüberstehe, das ermordet wurde. Bin dann schweißgebadet, muss raus aus dem Bett und fange an, unruhig in meinem Haus herumzulaufen.

„Vergiss es endlich“, sage ich in diesen Momenten laut zu mir, genauso laut wie in der Zelle, in der ich gefangen war, auch dort habe ich in der endlosen Dunkelheit laut gesprochen, um nicht wahnsinnig zu werden. Irgendwann kann ich mich dann hinsetzen, eine Zigarette rauchen, ein Glas Wein trinken und beruhige mich langsam. In diesen Situationen kommen mir aber auch andere Gedanken, die schönen, wenn ich sie wieder vor mir sehe, meine Cathy, den Menschen, den ich vermisse wie keinen anderen, seit ich wieder in einem Zeugenschutzprogramm stecke.

Mein Name ist Nathaniel Caim, doch das wissen vielleicht fünf, sechs Leute, denn für den Rest der Menschheit bin ich jetzt Sean Caver, Ausbilder beim FBI in Quantico und Leiter der Behavioral Analysis Unit. Das mache ich seit sechs Jahren und ich kann mich glücklich schätzen, denn wenn man einen Fall wie den der „Desperate Angels“ überlebt hat, grenzt es schon an ein Wunder, immer noch beim FBI tätig zu sein. Eigentlich müsste man lachen, wenn die ganze Sache nicht so traurig wäre.

Ich war das, was man als einen aufgehenden Stern im Profiling bezeichnen würde: jung, genial und zu allem bereit – aber nur so lange, bis „alles“ mit mir passierte. Der Albtraum meines Lebens. Danach war ich gebrochen – körperlich, mental und seelisch –, suizidgefährdet, um es kurz zu machen: ich war ein Wrack.

Plötzlich trat sie in mein Leben: Catherine Kampell, ein siebzehnjähriges Mädchen. Sie passierte mir, wie eigentlich mein ganzes Leben scheinbar immer nur mit mir passiert, und auch wenn ich sie nie wiedersehen werde, muss ich zugeben, meine Gefühle für sie verwirren mich noch immer.

*

Quantico,

Donnerstag, 2. August 2018

Catherine Kampell war an diesem Morgen angekommen. Bisher hatten sie und weitere fünfzig Mitbewerber das Gelände der Akademie kennengelernt, die Unterkünfte, Hogan’s Alley, Sporthallen, Lehrgebäude, Laboratorien, einen Blick auf den Yellow Brick getan. Die von ehemaligen Anwärtern aufgestellten Schilder am Brick schwirrten ihr immer noch im Kopf herum: „Qual“, „Schmerz“, „friss oder stirb“, damit war bereits eine Menge gesagt.

Nachdem sie im Magazin ihre Ausbildungsuniformen bekommen hatte, richtete sie sich in dem Zweibett-Appartement ein. Ihre Mitbewohnerin Joan Ingres war jedenfalls in Ordnung, sie hatten sich gleich von der ersten Minute an verstanden. Joan war sechsundzwanzig, drei Jahre älter als Cat und mehr als beeindruckt zu erfahren, dass sie erst dreiundzwanzig war. Cat hatte ihren Universitätsabschluss als Master der Psycho­logie in Paris gemacht, natürlich an der V, einer der besten Fakultäten Frankreichs. Danach war sie in die Staaten zurückgekehrt und hatte als klinische Psychologin in Chicago gearbeitet. Alles nur mit dem einen Ziel, so schnell wie möglich die Erfordernisse zu erfüllen, um sich beim FBI zu bewerben. Verkürztes Studium, vorgezogene Masterarbeit und hier war sie, dreiundzwanzig und in Quantico.

Ihr Vater Eric Kampell, erfolgreicher Architekt in Europa, hatte ihr freie Hand gelassen. Nachdem sie sich auf ihre Karriere gestürzt hatte, hatte er nichts dagegen gehabt, dass sie es anstrebte Bundespolizistin zu werden – im Gegenteil, er hielt es für das Beste, nach dem, was sie als siebzehnjähriger Teenager erlebt hatte. Es war für ihn nur der logische Weg zur Verarbeitung der Erlebnisse.

Mit Mona, ihrer Mutter, die mittlerweile ein sinkender Star am Himmel Hollywoods war, hatte sie keinen Kontakt mehr. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war immer schwierig gewesen und jetzt hatte sie mit Monas vergnügungssüchtigem Leben gar nichts mehr zu tun.

Doch nur Cat selbst kannte ihre eigentliche Motivation, wusste, warum sie mit allen Mitteln – wozu auch Erpressung gehörte – zum FBI wollte. Sie hatte dem Leiter des NCAVC in Washington, John McSimmens, ziemlich zugesetzt, um eine Freigabe des Background-Checks zu bekommen. Jetzt war sie hier, einen Schritt weiter auf ihrem Weg, Nathaniel Caim zu finden. War sie erst einmal Agentin, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich als Bundesmarshall bewerben, Zugang zum Zeugenschutzprogramm der Vereinigten Staaten bekommen und ihn finden konnte.

Nate war die erste Liebe ihres Lebens gewesen, sie hatte mit ihm mehr erlebt und durchgestanden, als gewöhnliche Paare es ein Leben lang taten. Er war ihr erster Liebhaber gewesen und danach war nie ein Mann gefolgt, für den sie auch nur einen Bruchteil dieser Gefühle aufbringen konnte. Sie wollte ihn und richtete ihr Leben darauf aus ihn zu finden. Natürlich war er jetzt sechsunddreißig, konnte verheiratet sein, eine Familie, Kinder haben – doch solange sie das nicht mit Sicherheit wusste, hoffte sie. Hoffte, dass die starken Gefühle, die sie immer noch für ihn empfand, auch bei ihm die letzten sechs Jahre unverändert geblieben waren. Sie hatte nie mit irgendeinem Menschen über die Tage und Nächte mit ihm gesprochen. Es gab nur zwei, die mehr ahnten: ein Arzt in einer Privatklinik in Los Angeles und die Staatsanwältin Monica Winter. Sie wussten, dass Catherine Kampell eine Abtreibung hinter sich hatte, dass sie schwanger gewesen war, als sie und Nate aus der Gefangenschaft der Sekte hatten entfliehen können. Doch die ganze Geschichte mit den „Desperate Angels“ war so undurchsichtig und vor allen Dingen politisch brisant, dass Monica Winter ihr damals gesagt hatte, dass es vielleicht besser sei, wenn für immer darüber geschwiegen würde – wenn Cathy es so wollte.

Ja, das wollte sie. Ihr erstes Mal mit dem Mann, den sie liebte, und sie war schwanger. Es gab keine, auch nicht die geringste Möglichkeit, das Kind zu behalten. Sie gab dem Druck der Staatsanwältin nach und stimmte der Abtreibung zu. Doch bis heute bedauerte sie es. Mein Gott, sie war ein Teenager gewesen, eine junge Frau damals, zu naiv, was Intrigen und Verschwörungen betraf.

Nachdem man sie aus der Klinik entlassen hatte, lebte sie wieder auf dem Anwesen ihrer Mutter. Mona gab sich alle Mühe, doch Cathy hatte nur eins im Sinn: Nate finden. Sie wandte sich immer wieder an das FBI, versuchte Informationen zu bekommen, doch lief gegen Betonwände des Schweigens. Der zuständige FBI-Agent McSimmens und Staatsanwältin Winter rieten Mona Seasboury dazu, ihre Tochter wegzuschicken, um dem Kind, wie sie Cathy nannten, die Chance zu geben alles zu vergessen. So entschied Mona, dass Cathy zu ihrem Vater nach Europa zurückkehren sollte. Drei Monate nach ihrer Befreiung aus den Händen der „Desperates“, drei Monate, nachdem sie Nate Caim das letzte Mal gesehen hatte, landete sie in Paris und fing ein neues Leben an.

*

„Kampell, können wir heute noch damit rechnen, dass Sie uns folgen?“ Agent White, der sie bisher auf dem Gelände herumgeführt hatte, sah sie leicht amüsiert an.

„Verzeihung Sir, natürlich.“

„Also, last not least, die Kantine. Wie Sie sehen, haben hier zweihundert Personen Platz, die Zeiten …“

Cat sah sich um. Es war bereits dreizehn Uhr dreißig und nicht mehr so voll. Eine Kantine wie jede andere, wie die Mensa am Chicago University Hospital: Plastik, Buffet, weiß, steril, es gab einen netten Außenbereich, wo auch jetzt vereinzelt Leute saßen und sich während des Essens unterhielten. Es gefiel ihr, sie ließ ihren Blick über die Holzbänke und Tische im Außenbereich gleiten und träumte gerade davon, schon bald dort zu sitzen, als sie den Mann sah. Sie hielt den Atem an – das konnte nicht sein.

Er trug ein blaues Sweatshirt, war verschwitzt, er kam wohl gerade vom Fitnesstraining und war erst mal essen gegangen. Um seinen Hals hing ein Ausweis – ein Special Agent, entweder zur Fortbildung hier oder er gehörte nach Quantico. Er unterhielt sich angeregt mit einem anderen Mann, sein Haar war sehr kurz geschnitten, was ihn veränderte, doch sie kannte das Gesicht, die Körperhaltung, diese Augen.

„Sir“, sprach sie White an, als die Gruppe bereits im Begriff war, die Kantine zu verlassen.

„Kampell?“ Er sah sie fragend an, sie waren nur noch zu zweit, die meisten waren bereits wieder auf dem Flur.

„Verzeihen Sie, kennen Sie den Mann dort draußen, mit dem Sweatshirt, kurzes braunes Haar, dort drüben?“

Agent White sah hinüber und dann erstaunt auf Kampell.

„Kennen Sie ihn?“, fragte er, anstatt zu antworten.

„Nein. Tut mir leid, Sir, er fiel mir nur auf, vielleicht eine dumme Angewohnheit von mir.“ Shit, das war ein Fehler, dachte Cat und bereute bereits, überhaupt gefragt zu haben.

„Angewohnheit? Nicht schlecht, Kampell, immer die Augen offen, behalten Sie das bei. Das ist Agent Caver. Sie werden noch früh genug das Vergnügen haben, er ist Ihr Ausbildungsleiter und managt die BAU hier in Quantico.“

Sie lächelte kurz in Whites Richtung.

„Na, kommen Sie, wir haben heute noch einiges vor uns.“

Cat folgte wie in Trance der Gruppe, hörte nicht, was Agent White erklärte, denn sie war am Ziel – sie hatte Nate gefunden.

(…)
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Copyright © 2012 by E. M.  Ross / Abdruck mit freundlicher Genehmigung des MEDU-Verlages.
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Bildrechte: “Psychogenese – Dem Wahnsinn auf der Spur” (Psychogenese5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Psychogenese-50-minus150-0.jpg” (Originaltitel: Psychogenese5.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Lesetipp von E. M.  Ross:

Ross, E. M.
Guardian Angels

Verlag :      MEDU VERLAG
ISBN :      978-3-941955-70-7
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 12,30 Eur[A] / 17,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 07.11.2012
Seiten/Umfang :      322 S. – 20,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 25.11.2012

Mit Guardian Angels legt E. M. Ross den zweiten Band der Angels-Reihe vor:
Sechs Jahre sind vergangen, seit Nathaniel Caim und Catherine Kampell getrennt wurden. Unter dem Namen Sean Caver ist Nathaniel nun Ausbilder beim FBI in Quantico, als ihm das Mädchen, das mit ihm gemeinsam den Albtraum ihrer Gefangenschaft bei der skrupellosen Sekte “Desperate Angels” überlebte und seither immer in seinen Gedanken blieb, plötzlich als FBI-Anwärterin gegenübersteht. Sean ermittelt als Profiler in einer Serie von Kindermorden und nimmt seine beste Schülerin mit ins Team: Catherine. Die Suche nach der Bestie, die drei kleine Jungen verschleppte, missbrauchte und in der Wildnis, an einen Baum gefesselt, sterben ließ, erweist sich als zermürbender Balanceakt, denn sie stoßen im ländlichen Colorado an Betonwände des Misstrauens und Schweigens. Plötzlich ergibt sich eine Spur, die nach Deutschland führt: Morde, die zwanzig Jahre zurückliegen, doch die gleiche Handschrift tragen. Sean und Cat werden nach Garmisch-Partenkirchen geschickt, um mit Hauptkommissar Peter Becker vom BKA die alten Fälle wieder aufzurollen. Hier kommen die drei einem jahrzehntealten Verbrechen auf die Spur und ahnen nicht, dass sie sich in akute Lebensgefahr bringen, als sie versuchen, die Pläne des Mörders zu durchkreuzen …

E. M. Ross ist Jahrgang 1962 und war jahrelang im Finanzmanagement eines großen amerikanischen Konzerns tätig. Ross lebte unter anderem in Frankreich, England, Russland, Singapur, Thailand und China und seit 2006 im Großraum Frankfurt am Main.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

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DESPERATE ANGELS – Leseprobe des gleichnamigen Romans von E. M. Ross

Erstellt von Medu Verlag am 12. Juli 2012

DESPERATE ANGELS

Leseprobe des gleichnamigen Romans

von

E. M. Ross

Montag, 21. September 2009

Ich sitze alleine im Außenbereich der Kantine, vor mir ein Teller Spaghetti und Salat, muss zugeben, es schmeckt. Josh hat mich allein gelassen, hat etwas zu erledigen, so sagt er, doch ich bin der Überzeugung, er testet mich. Natürlich, es wäre für mich ein Leichtes, jetzt abzuhauen, weit genug weg, und dann könnte ich es tun, es ist immer noch in meinen Gedanken. Doch heute scheint die Sonne, wir haben einen Indian Summer, der Park ist wunderschön mit dem gefärbten Laub und das Licht irgendwie golden, abgesehen davon schmeckt mir das Essen einfach zu gut. Er wird bald wiederkommen und auf seinem Gesicht wird keine Überraschung zu sehen sein, mich hier vorzufinden, sondern reine Freude. Josh ist ein Menschenfreund und will helfen, einer von denen, die diesen schlecht bezahlten Job von Herzen gerne machen. Nach all dem Laufen mit Josh bin ich ungemein fit, ich ziehe immer noch meine Übungen durch, körperlich bin ich gesünder als jemals zuvor, nur meine Narben und das Kunstwerk auf meinem Rücken erinnern an andere Zeiten.

Die Therapiestunden mit Lydia Merkhem sind bisher okay, ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, doch weiß ich von meinen eigenen Patienten, die ich als klinischer Psychologe in Stanford betreut habe, dass es sich noch um die Introphase bei der kognitiven Verhaltenstherapie handelt. Sie geht davon aus, dass meine eigenen Kognitionen krankhaft sind, und das versucht sie zu ändern. Wirklich beginnen kann die eigentliche Therapie erst, wenn es ihr gelungen ist, mich davon zu überzeugen, dass ich von dem Trauma rede, dann erst können Korrekturen durchgeführt werden. Doch das werde ich nicht. Ich weiß, dass meine Bewertung, was den Tod von Dra und besonders Tanja angeht, richtig ist. Ohne mich wären beide noch am Leben!

Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Irgendwann fange ich an, damit zu leben, oder ich entscheide mich dafür zu sterben, doch das ist meine Sache, nur meine.

Da kommt Josh mit seinem fröhlichen Gesicht.

„Hey, bin wieder da, wie war das Essen?“

Ich sehe ihn an.

„Gut.“

„Es freut mich, dass du nicht versucht hast zu türmen. Bist du fertig? Dr. Merkhem wartet.“

Ich nicke, stehe auf und nehme mein Tablett, um es zur Geschirrrückgabe zu bringen.

„Josh, wenn ich es gewollt hätte, dann hätte ich es tun können, denn die beiden, die du dort zu meiner Überwachung platziert hast, sind nicht schnell genug für mich.“ Dabei sehe ich auf die beiden jungen Pfleger am Nachbartisch.

Joshua schüttelt den Kopf.

„Das ist der Nachteil, wenn ein Patient mal beim FBI war, vormachen kann ich dir nichts. Das ist Krankenhausvorschrift, weißt du doch. Abgesehen davon wäre es mittlerweile ein Leichtes für dich, mich abzuhängen, wenn wir joggen. Darum bleibt es eine Vertrauenssache, und wie gesagt, ich freue mich, dass du noch da bist!“

„Hallo Dr. Caim.“

Sie erhebt sich aus ihrem Sessel, der in dem kleinen Arbeitszimmer vor dem Bücherregal steht, und schüttelt meine Hand. Ich muss wie immer grinsen, wenn sie mich Dr. Caim nennt.

„Warum amüsiert es Sie jedes Mal so, wenn ich Sie mit Doktor anrede, Sie sind doch ein Kollege, oder?“

Wir sitzen uns gegenüber, kein Schreibtisch zwischen uns, der Distanz schafft, es ist das ideale Ambiente für eine Therapie.

„Weil Sie so offensichtlich die gleichberechtigte Partnerschaft betonen, die bei der kognitiven Verhaltenstherapie empfohlen wird.“

„Ist das so falsch, wenn wir Partner sind anstatt Patient und Arzt?“

Ihre Stimme ist immer etwas weicher, wenn wir die Therapiestunden beginnen.

„Nein, aus ärztlicher Sicht nicht. Ich bin nun mal der Experte meiner Gedankenmuster, und Sie müssen mich aktiv beteiligen – Aaron Temkin Becks’ Theorie. Also, Doktor, Ihrer Meinung nach, bei welchem der sechs Schritte der kognitiven Umstrukturierung sind wir angekommen?“

Sie lehnt sich entspannt zurück, während ich auf der Stuhlkante sitze, leicht vorgebeugt, mit den Unterarmen auf meinen Oberschenkeln, die Hände ineinandergelegt. Ein Außenstehender könnte aufgrund der Körpersprache annehmen, ich wäre der Arzt und sie der Patient.

„Sagen Sie es mir, Dr. Caim.“

„Das Vorstellen des kognitiven Modells haben wir hinter uns, da ich als Psychologe weiß, was dieses Modell ist. Schritt zwei vielleicht …“ – ich bin sehr bewusst sarkastisch – „… Bewusstwerdung der dysfunktionalen Kognition? Ups! Das ist das Problem, ich glaube, die kann mir nicht bewusst werden, da ich sie nicht habe! Damit sind Schritt drei und vier, Infragestellung und Reflexion dieser, genauso hinfällig wie Schritt fünf und sechs, die Entwicklung alternativer Überzeugungen und deren Training.“

Sie sieht mich durchdringend an.

„Jetzt redet der FBI-Agent in Ihnen und nicht der Doktor.“

„Ach ja?“

„Ja. Denken Sie nochmals für einen Moment als Arzt. Wenn Sie einen sechsundzwanzigjährigen Menschen vor sich haben, von dem man nur weiß, dass er neunzig Tage gegen seinen Willen gefangen gehalten wurde …“

Sei still!, denke ich, Zorn kocht wieder hoch in mir …

„… den man gekreuzigt hat …“

„Hören Sie auf!“ Wut ballt sich in meinem Magen, das geht keinen was an!

„… und der, nachdem sein Leben wie durch ein Wunder gerettet wurde …“

Ich springe so heftig auf, dass der Stuhl umfällt, ich bin so wütend, dass sich meine Fäuste verkrampfen.

Auch sie erhebt sich, spricht aber gnadenlos weiter: „… nur auf eine Gelegenheit wartet, sich umbringen zu können – wie nennen Sie das dann?“

Die Tür öffnet sich und Josh tritt in den Raum.

„Alles in Ordnung, Doc?“

Er sieht mich mit ernstem Gesicht an, ich löse meine Fäuste und bücke mich, um den Stuhl aufzuheben, dann setzte ich mich, bin müde und die Kopfschmerzen fangen wieder an.

„Tut mir leid“, sage ich so leise, dass nur sie es hören kann.

„Alles okay, Josh, gehen Sie wieder.“

Die Tür schließt sich hinter ihm, wir sind wieder allein.

„Also, Dr. Caim, wie nennen Sie das dann?“

Ich beiße mir von innen in die Wangen, merke, dass mir Tränen in die Augen steigen. Sie wiederholt ihre Frage noch einmal sehr sanft. Ich blicke auf.

„Ein pathologisches Fehlverhalten aufgrund eines Traumas“, sage ich kleinlaut und kann es nicht verhindern, dass mir eine Träne über die Wange läuft.

Dr. Merkhem nickt, ich lege meine Handflächen auf mein Gesicht und wische darüber.

„Nate, Sie selbst haben gerade Schritt zwei der Therapie eingeleitet, die Bewusstwerdung Ihrer nicht funktionalen Gedanken und Bewertungen. Damit wir sie infrage stellen können, müssen Sie mir erzählen, warum Sie sich selbst töten wollten.“

Mein Kopf pocht, ich kann nicht mehr ruhig sitzen und stehe auf, gehe ans Fenster und sehe auf den Park der Klinik. Sie ist still, wartet darauf, dass ich rede. Keine Ahnung, wie lange ich ohne ein Wort aus dem Fenster blicke.

„Ich habe zwei Menschen getötet.“

„Wie haben Sie die beiden getötet?“

„Ich habe zugelassen, dass sie umgebracht wurden, sie sind gestorben wegen meiner Unzulänglichkeit. Ich hätte sie retten können.“

„Meinen Sie ihre Partnerin Agent Romano und das Mädchen Tanja Semonin?“

„Ja.“

Ich werde immer leiser und möchte mich wieder in Schweigen zurückziehen, doch sie merkt das genau.

„Hören Sie jetzt nicht auf, Nate. Was war Ihrer Meinung nach so unzulänglich, was hätten Sie tun können?“

Ich kann sie nicht ansehen.

„Wenn ich getan hätte, was man von mir verlangte, würde Tanja jetzt noch leben. Doch ich konnte nicht.“

„Was konnten Sie nicht?“

Mein Gott, ich sehe alles wieder vor mir, den Altar mit Tanja, den Meister mit dem Dolch, ich höre ihn sagen: „Geh zu ihr, Sohn des Camio, und zeuge das Kind, auf das wir warten.“ Noch mehr Tränen, ich muss mich an der Fensterbank festhalten, denn ich habe das Gefühl zu fallen.

„Mit ihr schlafen.“

Dr. Merkhem steht auf und kommt auf mich zu, sie bleibt hinter mir stehen.

„Diese Menschen haben von Ihnen verlangt, mit ihr Sex zu haben?!“

Ich nicke nur. Sie legt eine Hand auf meine Schulter, während ich ein Taschentuch aus meiner Jeans krame.

„Nate, Sie haben sich nur geweigert, ein dreizehnjähriges Kind zu vergewaltigen, das ist kein Fehler. Sie haben ihr nicht die Kehle durchgeschnitten, Sie haben sie nicht getötet.“

Ich drehe mich um, lehne mich gegen die Fensterbank, ich bin erschöpft.

„Nein, ich habe ihr nicht die Kehle durchgeschnitten, doch dieser perverse Kranke hat es getan, und zwar aufgrund meiner Worte! Ich wollte so schlau sein … dachte, wenn ich auf sein Spiel eingehe, dann kann ich ihn überzeugen …“

Sie sieht mir in die Augen.

„Wie?“

„Ich sagte, dass Tanja nicht die Richtige sei, um ein Kind zu zeugen, dass ich mir die Frau dafür selbst aussuchen müsse. Das war der Grund, warum sie getötet wurde!“

Dr. Merkhem schüttelt den Kopf, kann aber ein gewisses Entsetzen in ihrem Gesicht nicht verbergen.

„Nein, Nate, das war nicht der Grund, warum man sie tötete. Sie starb, weil sie in den Händen eines Mörders war, weil Tanja genau wie Sie ein Opfer war, nicht weil Sie versucht haben, ihr Leben zu retten. Kommen Sie, wir setzen uns wieder.“

Sie führt mich am Arm zurück zum Stuhl und ich lasse mich hineinfallen.

„Wie fühlen Sie sich?“

Komisch, die Frage macht mich gar nicht zornig, im Gegenteil, ich höre in mich hinein, um zu verstehen, wie ich mich fühle.

„Müde, traurig, hilflos und einsam.“

„Sie sind nicht allein, ich helfe Ihnen und die Trauer, die Sie fühlen, wird weniger werden. Nate, fangen Sie an zu erzählen, ganz von vorne.“

Ich atme tief ein und dann finde ich Worte, von denen ich dachte, dass sie mir nie über die Lippen kämen. Stück für Stück berichte ich ihr alles, was passiert ist in den schlimmsten neunzig Tagen meines Lebens. Es dauert genauso lange, meine Geschichte zu erzählen, wie meine Gefangenschaft gedauert hat. Immer wieder muss ich aufhören, da ich es nicht ertrage oder einfach nur Heulkrämpfe bekomme, doch am nächsten Tag geht es wieder. So erfährt Dr. Lydia Merkhem meine Geschichte und sie muss mir schwören, diese niemals, unter gar keinen Umständen vor irgendwem zu wiederholen.

(Zur nächsten Leseprobe)

Copyright © 2012 by E. M.  Ross / Abdruck mit freundlicher Genehmigung des MEDU-Verlages.

Bildrechte: “Psychogenese – Dem Wahnsinn auf der Spur” (Psychogenese5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Psychogenese-50-minus150-0.jpg” (Originaltitel: Psychogenese5.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Lesetipp von E. M.  Ross:

Ross, E. M.
Desperate Angels

Verlag :      MEDU VERLAG
ISBN :      978-3-941955-57-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 12,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis

Letzte Preisänderung am 08.05.2012
Seiten/Umfang :      304 S. – 20,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 05.2012

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Drei tote Teenager in Virginia: blutjung, superreich und unschuldig. Man findet jedes der ermordeten Mädchen arrangiert als Engel in weißem Rüschenkleid mit betenden Händen, einem Engelsflügeltattoo – und Sperma.

Die Spezialeinheit des FBI rekrutiert den jungen Agenten Nathaniel Caim, der die Sonderkommission „Angel“ als Profiler unterstützen soll.

Als er undercover mit seiner abgebrühten Partnerin Tandra Romano okkulte Sekten infiltriert, fängt unerwartet für ihn selbst ein abartiger Albtraum an: Tandra wird während eines Rituals brutal vor seinen Augen abgeschlachtet, Nathaniel hält man anschließend monatelang in einer winzigen Zelle in Dunkelhaft, er wird allabendlich tätowiert und vergewaltigt.

Knapp mit dem Leben entkommen, doch psychisch wie physisch fürs Leben gezeichnet, muss er bald feststellen, dass er eine Art Galionsfigur der Sekte – der Desperate Angels – geworden ist.

Trotz neuer Identität und Zeugenschutzprogramm heften sich ihm die Desperate Angels und, wie es scheint, auch noch andere Mächte erneut an die Fersen. Der unfassbare Albtraum seines Lebens geht gnadenlos weiter …

E. M. Ross wurde 1962 im Ruhrgebiet geboren. Als Finance Manager war Ross für einen großen amerikanischen Konzern tätig und lebte unter anderem in Frankreich, England, Russland, Singapur, Thailand und China. Im Jahre 2006 kehrte Ross nach Deutschland zurück und wohnt seither im Großraum Frankfurt am Main. „Desperate Angels“ ist Ross’ erster Roman.

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