
ELEVIN VOM HINDUKUSCH
Leseprobe aus dem 1. Kapitel des SF-Romans
“Das Paradies der Schriftlosen”
von
Detlef Hedderich
Bereits zur Blütezeit des Khorassan durchstreife ich dieses Land, immer auf der Suche nach Vollwaisen des weiblichen Geschlechts und zwar noch vor Beginn der Menarche. Dieser Zeitpunkt tritt heute wesentlich früher ein als noch zur Blütezeit des Khorassan. Damals waren die zukünftigen Elevinnen noch um die 16 bis 17 Jahre alt, heute sind sie bereits mit 11 bis 12 Jahren am Beginn der Adoleszenz.
Doch nicht nur dieser Umstand macht es mir inzwischen schwierig, geeignete Probandinnen zu finden, von denen nach eingehenden Untersuchungen immer weniger geeignet scheinen für ein Dasein im Paradies des Minsky-Habitats. Leider sind nur die weiblichen Exemplare dieser Art in der Lage, die neuronalen Verknüpfungspunkte am Synaptischen Spalt zwischen BioWare und TecWare auszubilden. Tritt dies vor Beginn der Menarche in Kraft, werden sie Teil des neuronalen Netzwerkes im Verbund mit dem Minsky-Server.
Mit einem Kranz dichter, hellbrauner Schlingen schloß das Mädchen seine Vision ein und lenkte so darauf hin. Über den dichten Piratus zog es, in einem breiten Abstand eine ganz lose Wellenlinie. Anschließend wechselte es mit einigen dünnen Streifen zur gelben Engobe über. Das Mädchen hob sein Objekt senkrecht in die Luft und betrachtete es. Danach tupfte es mit schmalen Abständen weiße Punkte nebeneinander. Jeden dieser Punkte zog es zu einem langen Tropfen. Als es fertig war, stellte das Mädchen das Objekt wieder in den dafür vorgesehenen Purator, die Harmonie war wieder hergestellt.
Bei den männlichen Probanden kommt es nach wie vor nach Eintritt der Spermarche zu neuronalen Ceroid-Lipofuszinosen, wenn versucht wird, diese an das neuronale Netz des Minsky-Habitats anzuschließen. Auch diejenigen Exemplare, die vor Beginn dieser Phase ins neuronale Netz integriert werden, bilden die Unverträglichkeit aus. Sämtliche Versuche, diese Pollutionen auf biomolekularer oder biochemischer Weise zu unterdrücken oder auszuschalten, machen diese männlichen Individuen zu unbrauchbarer Biomasse, sobald die neuronalen Zugriffscodes des Minsky-Servers in Kraft treten.
So bilden noch immer, wie schon zur Blütezeit des Khorassan, nur die weiblichen Exemplare die Belegschaft des Minsky-Habitats. Auch sämtliche Versuche, Exemplare aus anderen Gebieten dieses Planeten heranzuziehen, scheiterten bislang kläglich. Nur die weiblichen Individuen mit einer bestimmten genetischen Konstellation sind überhaupt kompatibel zum neuronalen Minsky-Netzwerk. Und offenbar ist diese genetische Disposition in dieser Form nur in diesem Gebiet des Planeten bei seinen weiblichen Individuen anzutreffen.
Der Umstand, dass in diesem Gebiet keine Vermischung mit weit außerhalb des Gebietes stammenden Individuen stattfindet, ist sicherlich genauso Ursache der gewünschten genetischen Disposition, wie wohl auch der Umstand, dass die Bevölkerung dieses Gebietes, die aus etwa 30 Millionen Individuen besteht, sich aus einer Vielzahl ethnischer Gruppen und Stämme zusammensetzt, die diese genetische Kompatibilität erst entstehen haben lassen.
Die religiöse vorherrschende Orientierung der Menschen dieses Gebietes ist dabei mit Sicherheit ebenso ein Faktor in der Vermischung oder Nichtvermischung bestimmter Ethnien. Faktorierend ist dabei offenbar auch die Topografie, das Klima und der großzügige Genuss von Schlafmohn- und Cannabis-Produkten der Menschen hier als auch die der traditionellen Ernährungsweise.
Der Feuerball am Himmel war untergegangen. Vor einiger Zeit noch hüpften die Gurtiesen über das Land als jetzt etwas Graues, Scheues unmerklich zwischen den Bäumen hin und her schlich. Die Flughansen raschelten im trockenen Laub des vorherigen Jahres.
Um diese Dämmerzeit war es dem Mädchen unmöglich, der Einsamkeit sein er Existenz etwas Schönes abzugewinnen. Es fror leicht und schürte daher das Feuer im Kamin und legte noch einige Scheite hinzu, damit es wenigstens im Innern seiner Behausung mollig warm wurde, auch wenn das nichts an der Kälte in seinem Innern änderte. Anschließend entzündete das Mädchen einen Scheit, um damit die Kerze zum Brennen zu bringen.
Viel gemütlicher würde es nicht werden. Als die Wärme des Feuers es dazu brachte, seinen Mantel aus Solminerwolle an den Haken zu hängen, spürte es, wie eine absolute Stille in seine Behausung schlich und es davon fast betäubt wurde…
Ob sich dieser Zustand im Zuge der Internationalisierung des Landes ändern wird, ist ungewiss. Gewiss ist allerdings, dass durch die weitgreifende Zunahme an Bildungsmöglichkeiten eine Entwicklung, zumindest ein Veränderung, stattfinden wird. Zwar haben die vielen Kriege der letzten Jahrhunderte bzw. Jahrzehnte immer wieder dafür gesorgt, dass das Durchschnittsalter der Menschen hier auf inzwischen etwa 15 Jahre herabgesunken ist. Doch ist dieser Umstand auch wieder von Vorteil, da sehr viele weibliche Individuen im entsprechen Alter dabei sind, die als Probandinnen – von denen dann ungefähr ein Drittel die gewünschte genetische Proposition besitzen – sich nach den eingehenden Tests als Elevinnen herauskristallisieren.
Natürlich sind Kriege schrecklich und auch die Tatsache, dass die vorherrschende religiöse Ausrichtung der Menschen hier es vor allem den weiblichen Mitgliedern sehr schwer macht, ein menschenwürdiges Dasein zu fristen. Genau dieser Umstand ist es aber, wodurch früher eine wesentlich höhere Anzahl an Probandinnen entstand, als heute. Auch war es früher so, dass die weiblichen Mitglieder stark unterdrückt wurden von den männlichen in dieser stark fundamental-religiös orientierten Gesellschaft. Und immer ist es eine männlich orientierte Gewaltenteilung, in der die Frauen das Nachsehen haben oder einfach totgeprügelt oder gesteinigt werden.
Das Haus war alt. Aus den beiden Dreiköpflern, die noch vor einigen Monaten hier gelebt hatten, waren Väter und Großväter geworden. Ihr biologischer Alterungsprozeß war ein völlig anderer als der des Mädchens. Die Dreiköpfler hatten nur eine Lebenspanne von wenigen Jahren, dann teilten sie sich und wurden zu einzelnen Tieren, die über keinerlei Verstand im übliche Sinne mehr verfügten. Ihr einziges Lebensziel bestand dann darin, zu fressen und sich fortzupflanzen. Dabei gab es drei Geschlechter, die sich gegenseitig befruchteten.
Einmal befruchtet wuchs aus einem der Drei der Baum der Leidenschaft und aus dem zweiten der Ring der Brüller und aus dem dritten kamen zwei winzige Dreiköpfler heraus, die sich von innen her aus ihrem Elterntier fraßen. Wenige Tage später war ihr Intellekt so ausgebildet, dass sie dann ihr Baumhaus, ihren Baum der Leidenschaft, bewohnen und umbauen konnten.
Ihre Nahrung bezogen sie dann nur noch aus dem Ring, in den sich einer der drei Elterntiere verwandelt hatte, eine Art hochwandigen Trog, in dem die Brüller, kleine einäugige Schlangenwesen, geboren wurden, von denen sich die Dreiköpfler ernährten, denn sie vertrugen sonst keine andere Nahrung außer diesen Schlangentieren. Ohne diese wären sie zum Tode verurteilt gewesen.
Das Baumhaus war jetzt unbewohnt, es stand leer, deshalb hatte sich das Mädchen hier einquartiert und es sich so gemütlich wie möglich gemacht. Hier oben, zwischen dem Geäst des Baumes, fühlte es sich relativ sicher vor den Geschöpfen, die diese neue Welt um es herum bewohnten…
Unter den rabiatesten Herrschern ist den Frauen im Land der Gotteskrieger sogar die Berufstätigkeit verboten. Und den Mädchen ist es untersagt, eine Schule zu besuchen. Da es durch den Krieg allein in den Hauptstädten Witwen im fünfstelligen Bereich gibt, die dabei völlig auf sich allein gestellt sind, bleibt vielen von diesen nichts anderes übrig, als sich ihren Lebensunterhalt zu erbetteln, was wieder nach den von den Männern aufgestellten religiösen Maximen untersagt ist. Ein absoluter Teufelskreis.
Der Bildungshunger der Kinder dieser muslimischen Gesellschaft, in der die heutige durchschnittliche Lebenserwartung etwa 44 Jahre zählt und eine Frau etwa sechs bis sieben Kinder gebiert, ist kaum zu stillen. Das Durchschnittsalter der Menschen hier liegt inzwischen bei ungefähr 15 Jahren. Damit ist diese Gesellschaft eine Kindergesellschaft. Das Straßenbild der inzwischen zum Teil mithilfe der Hilfsorganisationen aus der gesamten Welt bereits wieder aufgebauten Städte und Dörfer zeigt kaum Menschen im Erwachsenenalter. Es gibt überwiegend Kinder, dann Alte und an letzter Stelle Menschen im arbeitsfähigen Alter.
Aus seinem Versteck heraus beobachtete das Mädchen dieses merkwürdige kleine Wesen, das von zwergenwüchsiger Natur war. Es war offenbar in großer Verlegenheit, denn es suchte irgendetwas und tastete mit den Händen die Gegend ab, da es über keine Augen verfügte. Bis das Zwergenwesen plötzlich den Kopf in seine Richtung drehte.
Als das Mädchen geschockt auf das Zwergenwesen starrte, kam es in seine Richtung angehoppelt und stellte sich direkt vor sein Versteck zwischen den Büschen. Das Wesen hob seinen rechten Arm, an dem sieben fingerartige Auswüchse entfernt an eine Hand erinnerten und winkte damit dem Mädchen zu.
Das Mädchen war so erschrocken, dass es ein Geräusch von sich gab, eine Arte Glucksen, und hielt sich sofort die Hand vor den Mund. Das kann nicht sein, dieses Wesen verfügt ja über keinerlei Sinnesorgane, es kann mich nicht entdeckt haben, dachte das Mädchen.
“Ich kann es doch, weil ich in deine Gedanken eintauche und mich durch deine Augen sehe und deine Ohren höre”, vernahm das Mädchen plötzlich eine Stimme in seinem Kopf.
“Du kannst also meine Gedanken lesen?”
“Ja das kann ich”, sprach die Stimme in seinem Kopf, “ich bin ein Grogrond und lebe normalerweise in Symbiose mit einem anderen Wesen, das über Augen, Ohren und Mund verfügt”.
“Und was ist passiert, wo ist dein Partner?”
“Mein Partner hat sich wohl verlaufen, als es nach meinem Stock suchte, den ich unterwegs verloren hatte und eigentlich hätte ich nur mein Glöckchen läuten müssen, dann hätte er mich wiederfinden können. Doch ich kann mein Glöckchen nicht mehr finden!”
Schließlich half das Mädchen dem merkwürdigen Zwerg, sein Glöckchen wieder zu finden, damit es hier nicht alleine umherirren musste ohne seinen Symbionten…
Diesem Umstand ist es auch zu schulden, dass hier in hohem Maße Kinderarbeit verrichtet wird, ob auf den Feldern oder in kleinen Handwerksbetrieben. Das sehen die Vertreter der Hilfsorganisationen natürlich nicht so gerne. Lieber ist es ihnen, wenn die Kinder die Schule besuchen, damit sie später über genügend Wissen und Bildung verfügen, um einen Beruf zu erlernen, der das Überleben der Familie möglich macht.
Ein großes Problem ist dabei der weitverbreitete Opiumanbau, der ohne die Hilfe der Kinder kaum möglich ist. Doch viele Familien können sich nur dadurch ein Überleben sichern. Die noch immer herrschenden Warlords treiben diejenigen, die andere Agrarprodukte anzupflanzen versuchen, immer wieder dazu an, diesen opiaten Grundstoff anzubauen. Oft ist auch der ungeheure finanzielle Druck und der Preisunterschied der Grund, lieber das Rauschmittel anzupflanzen und zu ernten.
Auch Kabul, die Hauptstadt des Landes, hat ihre Probleme: Nach den vielen Jahren Krieg und Chaos ist es bis zur Normalität noch ein weiter Weg. Was auffällt im Straßenbild dieser Stadt, sind die vielen Menschen in Rollstühlen, auf Krücken oder sonstige Versehrte, unter denen auch eine Vielzahl von Kindern ist. Die Splitterbomben, die den Menschen hier die Gliedmaßen abreissen, können zwischen erwachsenen Kämpfern und spielenden Kindern nicht unterscheiden.
Als das Mädchen zum ersten mal auf ein anderes menschliches Wesen traf bei seinen Wanderungen durch die fremde Welt, geschah dies in der Nähe einer unbewohnten Hütte an einem See, die sich das Mädchen am Abend zuvor zu eigen gemacht hatte. Als es den Steg, der sich neben dem Haus befand, entlang streunte, sah es plötzlich ein menschliches Gesicht im Wasser. Das Gesicht eines Mädchens in seinem Alter. Dieses schenkte ihm aus der Tiefe des Wassers ein Lächeln.
Das Mädchen lächelte zurück und bemerkte, dass es offenbar schon die ganze Zeit am Lächeln war und nicht erst dem Mädchen zurück gelächelt hatte. Es trat näher an das Wasser heran und machte einige Faxen mit Händen und Gesicht, worauf das andere Mädchen es ihm nachtat. Das Mädchen hatte nicht gemerkt, dass es sein eigenes Gesicht war, sein Spiegelbild, das die ganze Zeit zurückgelächelt hatte.
Das merkte es erst, nachdem es sich einen Zopf gemacht hatte, in den es ein Band mit einem Schmuckkamm ins Haar flochte, welchen es vor einigen Tagen auf einem der Wege durch die Landschaft, die es durchschritt, gefunden hatte. Dass das Gesicht im See genauso einen Kamm haben sollte, hielt es für sehr unwahrscheinlich.
Schließlich bemerkte es, dass das andere Mädchen sein eigenes Spiegelbild war, das aus irgendeinem Grund zeitverzögert zu ihm zurückgeworfen wurde. Offenbar war dieser See von irgendeinem Phänomen beseelt, der diesen Effekt hervorrief, dass die Geschwindigkeit des zurückgeworfenen Spiegelbildes etwas später auf die Augen des Betrachters traf.
Das Mädchen hatte nach einigen Stunden des Experimentierens schließlich die Lust verloren, dieses Geheimnis näher zu ergründen und hielt es nicht für möglich, dass ihm das gelingen würde. Aus diesem Grund setzte es seine Wanderung durch die fremde neue Welt weiter fort und verließ das Haus an diesem seltsamen See…
Im Stadtverkehr von Kabul fallen die vielen Gebrauchtbusse auf. Ein Grossteil der Menschen hat weder Arbeit noch Einkommen. Kinder und Alte betteln überall. Die ehemalige Hippiestrasse aus den 1960er Jahren ist heute eine Einkaufsstrasse für die vielen Ausländer, die sich vor allem aus den zahlreichen Mitgliedern der über tausend Hilfsorganisationen zusammensetzen, die hier ihre Einkäufe tätigen.
Im Moment wirken einige Bauvorhaben in der Stadt in etwa so, als würde man die Menschen aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultieren wollen, ohne Rücksicht auf den Einzelnen. Dabei verschärft sich auch der Konflikt zwischen der Stadt und dem ländlichen Umfeld. Doch nicht nur das ökonomische Ungleichgewicht trägt dazu bei, sondern auch die unterschiedlichen Vorstellungen über die Lebensweise spalten die Gesellschaft.
Dreh- und Angelpunkt ist das Bildungswesen des Landes, in dem etwa die Hälfte aller Menschen sich im Schulkindalter befindet. Auch die Mädchen erobern sich nach langer entbehrungsreicher Zeit, in der ihnen jegliche schulische Bildung untersagt war, diese zurück. Oft sitzen die Schulklassen in einem vom Krieg ausgebombten Bus, der als Klassenraum herhalten muß. Etwa 2000 Schulen wurden in den letzten 50 Jahren durch Kriegshandlungen in Trümmer gelegt. Die Lernbegeisterung der Kinder ist dennoch da und die wenigen ausgebildeten Lehrkräfte geben sich alle Mühe, unter diesen Bedingungen Bildung unter die jüngsten Mitglieder ihres Volkes zu bringen.
Das Mädchen ließ seinen Blick umherschweifen und setzte sich plötzlich in Bewegung. Ohne zu zögern ging es den Weg hinunter und nach wenigen Schritten begann es sogar zu laufen. An der Wegkreuzung schlug es die Richtung zur Siedlung der Großköpfler ein. Es lief und lief, bis es ganz atemlos war.
Erst dann begann es, das Tempo zu drosseln und zu gehen und allmählich wurden seine Schritte wieder langsamer. Schließlich schlurfte es nur noch vorwärts. Hin und wieder schniefte es, schluckte und weinte. Am Wege fand es einen Brogradienstock und hob ihn auf. Wütend begann es damit, alle Pflanzen und Gräser umzuhauen, drosch schließlich auf alles ein, um es totzuschlagen.
Dabei trottete es langsam in Richtung der Siedlung weiter. Einmal blieb es stehen, um nachzudenken. Eigentlich war es gut, dass es nicht mehr zurück konnte in die ursprüngliche Heimat, in seine Welt. Was gab es dort schon zu erwarten außer Trauer, Leid und Elend. Und doch war es irgendwie nett gewesen in der Heimat. Und auch auf dem Hof war es nett gewesen, die Arbeit in den Feldern hatte dem Mädchen gefallen.
Alles wäre so schön gewesen in der alten Heimat, wenn nur Papa und Mama nicht von den Gotteskriegern verschleppt und später getötet worden wären, so dass es danach als Waise von Männern mit Gewehren vom Hof weggeholt wurde. Schließlich hatte der unheimliche aber freundliche Fremde es in seine Obhut genommen. Und jetzt lebte es in dieser verrückten fremden Welt, wobei es nicht weiß, wie es überhaupt hier hergekommen war, und die irgendwie endlos zu sein schien…
So bleibt einer solchen Kindergesellschaft nichts anderes übrig, als diejenigen Schüler nach Beendigung der Oberschule – ohne Lehrerausbildung – selbst ins Lehrerdasein zu werfen. Achtzig Prozent dieser neuen Lehrkräfte sind Frauen, die dafür spärliche 50 Dollar im Monat erhalten. Die Anzahl der Kinder ist derart hoch, dass die Schüler in drei Schichten täglich von 7:00 Uhr morgens bis 19:00 Uhr nachmittags unterrichtet werden.
Die Kinder besuchen, soweit sie die Möglichkeit dazu haben, vom 7. bis zum 13. Lebensjahr die Grundschule, danach dürfen sie freiwillig, solange die Familien mitspielen, weiterführende Schulen bis zum 13. Schuljahr besuchen. Die Bedingungen sind dabei schwierig. Es fehlt an allem: an Heften, Stiften, Stühlen, Tischen und Bänken. Reichen die ausgebombten Busse, Zeltplätze und Ruinen nicht aus, wird im Freien gelernt. Dabei zeigt es sich, dass vor allem die Mädchen sehr gute Lernerfolge vorweisen können.
Dies ist eigentlich absurd in einer Gesellschaft, die vor wenigen Jahren noch im Mittelalter lebte und Frauen hier ganz und gar von Bildung ausgeschlossen waren. Gerade diese Ungerechtigkeit Frauen gegenüber ist die Ursache für den starken Zulauf der Hilfsorganisationen, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, diese Ungerechtigkeit zu ändern und Frauen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu emanzipieren. In wenige Jahren wird die Bildungselite daher eher bei den jungen Frauen anzutreffen sein als bei den jungen Männern, von denen viele wieder als Opfer in kriegsähnlichen Auseinandersetzungen ihr Leben lassen werden.
Wie bereits erwähnt, hat der Umstand, dass in dieser Gesellschaft ein Umbruch stattfindet, die Begleiterscheinung, geeignete Probandinnen als Besatzung für das Minsky-Habitat zu finden, nicht einfacher werden lassen. Seit Beginn meines Auftretens auf diesem Planeten ist es mir gelungen, in mehr als 400 Jahren 20.000 Elevinnen zu evozieren…
Ein paar Tage lang hatte es ununterbrochen geregnet. Da war dem Mädchen nichts anderes übrig geblieben, als in seiner Behausung auszuharren und sich mit dem Würfel, der an einer Kette um seinen Hals hing, zu beschäftigen. Es fand heraus, wie es mit dem Ding sprechen konnte und dass der Würfel alle seine Fragen nach bestem Gewissen zu beantworten versuchte.
So fragte das Mädchen das Ding, wo es sich befand. Der Würfel erklärte, dass es sich in einer virtuellen Welt befand, die im Inneren eines Computers existierte. Der Würfel erklärte ihm, dass es eines von vielen Mädchen sei, das von der Erde fortgeholt wurde. In ein Stasisfeld eingeschlossen und mit einem technischen Überlebenssystem verbunden, existiert es nun in millionenfach langsamerer Taktgeschwindigkeit als in der echten Welt.
In der virtuellen Welt erscheint die Geschwindigkeit normal. Alle Lebewesen, die sich darin aufhalten, befinden sich in Wirklichkeit alle in Stasisfeldern. Durch die Verlangsamung der tatsächlichen Lebensgeschwindigkeiten, ist es vielen Bewohnern fremder Welten, die sich in weit voneinander entfernten Galaxien befinden, möglich, miteinander zu kommunizieren. Ohne Stasisfelder, die zusammen mit den biologisch-technischen Lebenserhaltungssystemen, die die daran angeschlossenen sozusagen in Zeitlupe altern läßt, wäre keine Kommunikation zwischen den verschiedenen intelligenten Lebensformen des Universums möglich. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Entfernungen zwischen den Galaxien Millionen von Lichtjahre entfernt sind.
Da die Obergeschwindigkeit für den Austausch von Information die Lichtgeschwindigkeit ist, läßt sich eine Kommunikation nur dadurch bewerkstelligen, dass man den Lebensablauf der jeweilgen intelligenten Lebensform extrem verlangsamt. Dies gilt für alle Lebensformen, nicht nur für die Menschen, die dadurch mittels einer Art kosmischen Internets in der virtuellen Fantasiewelt aufeinander treffen. In Wirklichkeit liegt jedes dieser Wesen angeschlossen an seine jeweilige Apparatur im Stasisfeld Millionen von Lichtjahre entfernt in seiner eigenen Galaxis.
-Ende-
(Fortsetzung folgt!)
Copyright (C) 2012 by Detlef Hedderich
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Zwei Leseempfehlungen der Redaktion:
Karl Wutt
Afghanistan. Von innen und außen.
Welten des Hindukusch
Verlag : Springer Wien
ISBN : 978-3-211-99153-4
Einband : Paperback
Preisinfo : ca. 39,95 Eur[D] / ca. 39,95 Eur[A] / ca. 62,00 CHF UVP
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Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang : 350 S.
Erscheinungsdatum : 1., st Edition. 01.05.2010
Aus der Reihe : Edition Transfer
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Karl Wutt zählt zu den subtilsten Kennern Afghanistans, weil er – als Architekt, Ethnologe und reisender Forscher – in den letzten Jahrzehnten immer wieder Monate in entlegenen Regionen des Landes verbrachte und das in engstem Kontakt mit der lokalen Bevölkerung.
Seine poetischen Fotos und Schilderungen sind Ausdruck solcher Annäherungen an fremd gebliebene, neuerdings wieder fremder gewordene, in sich sehr unterschiedliche Kulturen. Einem durch Kriegsberichte, Islamistenterror, Kulturkampfpropaganda vergröbertem‚ westlichen Blick’ werden Nuancen und die Vielfalt von Lebensweisen bewusst gemacht.
Karl Wutt sucht Qualitäten – sein Buch beweist, wie sehr es dabei auf Aufmerksamkeit ankommt: Einzelheiten verweisen auf Verborgenes, Zeichen auf Erzählungen, Gestaltung auf Universelles. Die dokumentierte Sichtweise „von innen und außen” spielt auf uferlose Grenzerfahrungen an, auf ein ständiges Hin und Her von Transferbeziehungen, auf Verstehen und Erahnen, auf das Überschreiten von Schwellen, auf unzugänglich Bleibendes.
Karl Wutt
geb. 1943 in Buchscheiden (Kärnten).
Studium der Architektur an der TU Wien.
1971 – 97 Feldforschungen bei Kalasha, Pashai und anderen Ethnien des Hindukusch.
1978 Dissertation über >Architektur einiger Hindukusch-Täler<.
Lehrbeauftragter am Institut für Völkerkunde der Universität Wien.
1990 – 2004 Lehrtätigkeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
2000 Foto Ausstellung, >Children<, zusammen mit Suchitra Van, >Estrangements<, Kupferstichkabinett der Kunstakademie, Wien.
Seit 2002 Reisen nach Afghanistan, Studium der Pashai nach dem Krieg.
2007 Ausstellung über Afghanistan an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
2008 Ausstellung, >Stile, von Gegenden und Gegenständen< bei: aut.architektur und tirol (vormals Architekturzentrum), Innsbruck.
Publikationen (Auswahl):
- >Pashai. Landschaft. Menschen. Architektur<, Graz, 1981.
- >Afghanistan, auf den zweiten Blick<, Akademie der bildenden Künste, Wien, 2007.
- >Stile von Gegenden und Gegenständen von Karl Wutt, Bohatsch Visual Communication, aut. architektur und tirol, und Arno Ritter (Taschenbuch – November 2008)
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Sayed H. Hossaini
Die Erzählprosa der Dari-Literatur in Afghanistan 1900 – 1978
Verlag : Kovac, J
Website: http://www.verlagdrkovac.de
ISBN : 978-3-8300-5000-1
Einband : Paperback
Preisinfo : 75,00 Eur[D] / 77,10 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang : 192 S. – 21,0 x 14,8 cm
Erscheinungsdatum : 1. Auflage 03.2010
Gewicht : 247 g
Aus der Reihe : POETICA 108
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Im multinationalen Afghanistan haben sich in den Sprachen Dari (afghanisches Persisch) und Pashto zwei Literaturen herausgebildet, die jeweils auf eine gewisse Tradition zurückblicken können. Im vorliegenden Werk wird ein Abschnitt der Dari-Literatur behandelt, der die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung des Landes widerspiegelt.
Während in der Vergangenheit die Poesie eine größere Rolle spielte, hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Prosa herausgebildet, die nach europäischem Vorbild besonders Essays, Memoiren, Theaterstücke, Reisebeschreibungen, Erzählungen und vor allem Kurzgeschichten umfasst, während der Roman in dieser Epoche als noch nicht ausgereift galt.
Afghanische Literaten stellen in ihren Werken die moderne afghanische Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen dar.
Behandelt werden vor allem sozialkritische, aber auch historische, folkloristische und psychologische Themen. Die Thematik wird im vorliegenden Werk an ausgewählten Beispielen exemplarisch demonstriert.
Als Zeitraum wurden die Jahre 1900 bis 1978 gewählt, d. h. von der Einbeziehung Afghanistans in die moderne Entwicklung bis zur sog. „Aprilrevolution“, nach der das Land in das bis heute andauernde Unglück geriet.
Angesichts des im deutschsprachigen Raume bislang vorherrschenden Defizits hinsichtlich der Kenntnis der gesellschaftlichen Probleme Afghanistans sowie der kulturellen Leistungen des afghanischen Volkes ist das Buch eine sachkundige und aussagekräftige Studie, die zugleich auch junge, hier lebende Afghanen mit der Literatur ihrer leidgeprüften Heimat vertr macht.
In keinem anderen deutschsprachigen Werk (und wohl auch nicht in anderen westlichen Sprachen) kann man einen so vollständigen Überblick über Dari-sprachige Autoren und ihre Werke finden.
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