Erstellt von Chiara Kaiser am 20. April 2011

SYRIA UND BAIRAL
eine
dystopische Geschichte
von
Chiara Kaiser
To live doesn´t mean you are alive -
- Zu leben, bedeutet nicht, am Leben zu sein -
Der Beat ließ die Kiesel auf der Straße vibrieren. Der Club 24 H hatte Happy Hour. 12 Uhr. Mitternacht. Laute Absätze auf der Straße. Laute Stimmen in der Luft. Der Schrei einer Frau. Eine Gruppe Männer sprang auf und ab, fuchtelte mit den Händen und sang laut das Lied mit, das gerade lief. Im zweiten Stock: Vollkommene Stille.
Die Frau mit den kräftigen roten Haaren saß auf einem Stuhl. Gerade mal 23 Stunden altes Blut pumpte durch ihre porös gewordenen Venen. Das kaputte Herz schlug schwach und holprig. Erschöpft seufzte sie.
„Syria?“
Die tiefe Stimme Bairals wuchs durch den Raum. Durch das Alter war sie noch harziger geworden. Sie lächelte schwach. Langsam stand sie auf und ging durch den Raum. Das Straßenlicht drang durch die halboffenen Jalousien und beleuchtete ihr faltiges Gesicht. Nur noch vereinzelt waren rote Strähnen zu sehen.
Ihr langes schon silbergraues Haar fiel auf die mittlerweile schwache Brust Bairals. Sie setzte sich behutsam neben ihn. Das Bett seufzte schwer. Bairals dunkelgrünen Augen leuchteten vor Vergnügen, auch wenn sie die tiefen Schatten darunter kaum noch überstrahlen konnten.
„Du bist schön. Weißt du das?“
Sie lachte und strich ihm die noch blonden Locken aus der Stirn.
„Und du bist ein Spinner.“
Ihre dünne Stimme zitterte bereits. Er hustete schwer. Er machte ihr Platz, sie legte sich neben ihn und schloss die Augen. Ihre rechte Hand nahm seine linke.
„Irgendwie hätte ich gerne mehr gehabt als nur 24 Stunden.“
Syria nickte. Ihre Wirbel knackten. Schon bei dieser kleinen Bewegung. Nur dieser einen Bewegung. „Aber es war wirklich sehr schön. Manchmal auch schwer und traurig, aber es war es auf jeden Fall wert.“
„Kannst du dich erinnern?“, wisperte Bairal. „An was?“
„An die Schule. Ich mochte die Geschichten von der alten Welt. Vor dem Unfall.“
Syria schwieg.
„Nicht“, sagte sie kaum hörbar.
Glaubst du, dass es noch andere gibt?“ Bairal stützte den Kopf auf einen Arm und sah sie eindringlich an. Seine Haut hing von den Knochen wie Gummi. Vor wenigen Stunden war er noch so kräftig gewesen.
„Natürlich. Und wage es nicht, das eine Millisekunde zu bezweifeln.“
Noch mehr Falten gruben sich in seine Stirn. Syria hob die Hand. Die Venen waren deutlich zu sehen, der Handrücken mit Altersflecken übersät. Sie legte ihre Hand auf sein Gesicht.
„Ich liebe dich.“
Bairal küsste sie vorsichtig und die Falten verschwanden. Dann legte er sich wieder neben sie.
„Ich bin so müde.“
„Ich auch.“
Ruhige Atemzüge nebeneinander. Die Herzen schlugen schwer.
„Unser Hochzeitstanz war echt spitze.“
Er lachte. „Und das obwohl wir nur 39 Sekunden geübt haben. Und du warst die schönste Braut, Syria.“
Sie nickte.
„Tut mir leid, dass ich so eifersüchtig war.“
Er hüstelte.
„Hoffentlich hat unsere Tochter das nicht von dir. Sonst hat sie alle deine Vorzüge geerbt.“
Syria grinste.
„Hoffentlich wird sie nicht so unmusikalisch wie du. Dein Ständchen war absolut furchteinflößend.“ Sie konnte spüren wie Bairal lächelte. Sie drehte den Kopf und sah ihn an. Dann schloss sie ihre Augen.
„Manche Menschen haben ein ganzes Leben. Und erleben trotzdem nicht so viel wie wir“ , flüsterte Bairal.
Sie versuchte die Augen zu öffnen, um sein Gesicht zu sehen und konnte es nicht. Zu schwach. Mühevoll legte er den Arm um sie.
„Syria?“
Sie brummte zum Zeichen, dass sie ihn hörte.
„Ich bin blind.“
Sie legte ihre Hand, sehr langsam und behutsam auf seine Brust.
„Macht doch nichts.“
Er hustete heftig. Sein Torso bebte.
„Aber deine Augen sind tiefblau. Und dein Mund ist kirschrot und deine Haare brennen wie Feuer.“ Sie erhob drohend die Stimme.„Das will ich aber auch hoffen. Vergiss ja nicht, wie ich einmal aussah! Früher - , sie hob mühsam den Arm und sah auf ihre Uhr, vor vier Stunden!“
Ihre Hand wanderte langsam nach oben und kam auf seiner Brust zu liegen. Sie spürte sein Herz nicht mehr. Langsam fand seine Hand die ihre. Er küsste ihre Fingerspitzen und vor ihrem inneren Auge sah sie, wie sich die Lachfalten um seine Augen vertieften, sich langsam ausbreiteten und die Grübchen an seinem Mund erschienen, wie immer, wenn er sie berührte. Sie war glücklich. Genau in diesem Moment.
Seine und ihre Hand ruhten auf seinem Herz. Ihr eigenes zog sich ein letztes Mal zusammen. So langsam wie sich der Stundenzeiger ihrer Uhr auf die 12 bewegte. 24 Stunden Sommer. Eine einzige Umdrehung. Eine Lebensspanne.
Bairal hatte die Augen geschlossen. Seine Stimme versagte, doch sein noch immer schöner, voller Mund formte die letzten Worte.
„Wir hatten kein wirkliches Leben, aber wir haben wirklich gelebt.“
Syria lächelte. Im Sterben verzog sich ihr Mund zum letzten Mal. Er wusste es sofort. Aber der Sekundenzeiger seiner Lebensuhr näherte sich ebenfalls der 12. Der Stunde Null.
„Syria und Bairal“, dachte er ein letztes Mal.
„ Die Eintagsmenschen 1088 und 1513 haben ihre Lebenszeit verbraucht. Wir nehmen Ihnen nun ihre Uhren ab und bringen sie zur Verbrennungsanlage.“
Gabrielle nickte zustimmend zu ihrer nüchternen Berichterstattung, die ihr Diktiergerät aufnahm. Ihr schwarzer Anzug ließ sie in dem dunklen Raum fast unsichtbar werden.
Dann konnte sie nicht mehr länger an sich halten.
„Was ist mit dem Kind, Professor?“
Er sah sie mit ernsten grauen Augen an. Das Grau war zu hell, fast durscheinend.
„Aliah wird nicht für die Fehler büßen müssen. Sie hat nicht das fehlerhafte Chromosom.“
Erleichterung durchschoss Gabrielle. „Darf sie dann zu mir? Ich kümmere mich gut um sie. Sie ist ja keine Eintagsfliege.“
Schockiert schlug sie sich die Hände vor den Mund. Sie hatte das Wort gebraucht. Wie taktlos von ihr. Der Professor sah sie nur traurig an.
„Entschuldigen Sie bitte.“
Sie senkte den Kopf.
„Gehen Sie jetzt.“
Die raue Stimme des Professors trieb sie aus dem Raum. Gabrielle durchschritt schnell den Gang des zweiten Stocks im 24 H Club.
Brutstätte und Grab dieser anderen Menschen.
Im Babyzimmer wartete die Kleine auf sie. Aliah. Kein Unname. Kein Name, der sie als Büßerin brandmarkte. Als hätte die Mutter gewusst, dass ihre Tochter leben würde. Lange leben. Vielleicht wussten Mütter so etwas. Die kleine Faust des Babys schloss sich um ihren Finger, als Gabrielle ihn in Aliahs Hand legte. Dann nahm sie das Kind auf den Arm.
Sie stockte kurz, als sie an dem Zimmer der beiden Toten vorbei kam.
„Deine Eltern haben alles erlebt, was man erleben kann“, sagte sie ernst zu dem Baby.
„Sie sind zu glücklichen Menschen geworden.“
Aliah bewegte das Köpfchen, als wollte sie nicken.
Ein ganzes Leben in einem Tag und einer Nacht. 24 Stunden Leben. 24 Stunden ein schlagendes Herz.
ENDE
Copyright © 2011 by Chiara Kaiser
Bildrechte: “Liebesgeschichten” (Liebesgeschichten.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Subcover-Liebesgeschichten-minus-100-minus-60-100.jpg” (Originaltitel: Liebesgeschichten.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.
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