Erstellt von Cameo Flush am 31. Oktober 2012

GRANOCK
Ein Fantasy-Fragment
von
Cameo Flush
Dieses Textstück wurde für den “Granock” Wettbewerb des Piper Verlages geschrieben. Der Autor Michael Peinkofer gab knapp 2 Seiten Text vor und die Teilnehmer sollten die Szene weiterführen. Dies war mein Beitrag (der leider nicht gewonnen hat). Trotzdem möchte ich ihn hier einem weiteren Publikum und einer Jury präsentieren.
(Anm. der Autors)
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Granock fragte sich, wie lange ihn die Bestie noch belauern wollte, bis sie auch ihn zerfetzen würde.
Sie spielt mit mir, kam ihm ein wenig erbaulicher Gedanke.
Granock schüttelte die Vorstellung von sich und tastete sich mit seiner freien Hand an der Wand entlang. Mit Grauen erinnerte er sich daran, dass er selbst mit den geschärften Sinnen eines Zauberers sie nicht hatte kommen hören. Nur einen Wimpernschlag, bevor sie seinen ersten Begleiter gepackt hatte, war ihm ein Schwall ekelerregenden Gestanks in die Nase geraten, der ihm fast den Atem geraubt hatte. Zumindest hatte dieser stinkende Odem verhindert, dass er rechtzeitig reagieren konnte.
Farawyn hat also recht, dachte er bitter, wenn er mir vorwirft, ich würde das Training meiner Reflexe vernachlässigen. Nun, vielleicht sollte ich mich wirklich nicht allein auf magische Kräfte verlassen.
Er warf einen sinnlosen Blick durch die Dunkelheit auf seinen Zauberstab und dem ebenfalls stockdunklen Elfenkristall an dessen Spitze.
Warum nur lässt sich flashyn hier nicht entzünden? Welch dämonische Macht lässt selbst Elfenwerk versagen?
Wieder blitzte die schreckliche Szene vor ihm auf, als würde er sich immer noch mit Baldouin und dessen Vetter Merywyn auf dem steilen Weg zum Stolleneingang befinden.
Die beiden Männer hatten es sich nicht nehmen lassen, ihn auf seiner Suche zu begleiten. Selbst sein Hinweis, wohin er gehen wollte – nein, musste – hatte sie nicht abschrecken können. In zu vielen Schlachten hatten sie sich als Sieger bewährt. Zwar hatten auch sie Verletzungen davongetragen, einige davon wirklich lebensbedrohlich. Aber niemals hatte in ganz Andaril jemand daran gezweifelt, dass sie zu den besten Kriegern des Landes zählten. Jedes Wort, mit dem er sie davon abhalten wollte, seinen Begleitschutz zu bilden, hatte sie nur noch mehr darin bestärkt, ihn nicht allein zu lassen. Selbst jetzt – auf diesem Weg in den Abgrund – hörte Granock noch die dröhnende Stimme Merywyns in seinem Kopf nachhallen:
„Du glaubst doch nicht einen Augenblick, dass wir dich allein dort hinunterlassen, Zauberer?“
Und sein Vetter Baldouin hatte in die gleiche Kerbe geschlagen:
„Wenn es dort dieses … Ding wirklich gibt, dann werden wir es uns holen!“
Er hatte es schließlich aufgegeben, sie umzustimmen. Ja, als er ein wenig darüber nachdachte, kam ihm der Gedanke, von zweien der besten Krieger eskortiert zu werden, sogar vorteilhaft vor. Ihre beiden Schwerter ermöglichten es ihm, auf ein eigenes zu verzichten.
Ich brauche beide Hände für meine Magie. Die Rechte trägt den Stab mit flashyn, meine Linke gibt die Richtung an, in der ein Zauber wirken soll. Da bleibt keine Hand für irgendwelche Waffen übrig!
Neue Bitterkeit stieg in ihm auf, als seine Erinnerung ihm mit gnadenloser Schärfe erneut das Bild des blitzartigen Überfalls präsentierte: Baldouin wurde plötzlich in die Höhe gerissen und sein grässlicher Schrei fast augenblicklich in einem Gurgeln erstickt, gefolgt von einem wahren Regen aus Blut.
Granock und Merywyn hatten nur einen grauen Schatten und Reißzähne in der Länge von Unterarmen sehen können. Mehr nicht.
Merywnys Reflexe waren eindeutig schneller als seine gewesen. Der Krieger stieß einen Schrei aus, der Angriff und Entsetzen zugleich ausdrückte, und schaffte es tatsächlich noch, sein Schwert zu ziehen. Geholfen hatte es ihm nicht. Ein langes Ding – von dem Granock immer noch nicht wusste, ob es ein dornenbesetzter Schwanz oder ein ebensolcher Tentakel gewesen war – war durch die Luft gepeitscht und hatte den Vetter Baldouins einfach in der Mitte durchschnitten wie ein frisch geschliffenes Messer einen Laib Brot.
Merywyns geteilter Körper war in einer Wolke aus Blut in die Tiefe gestürzt und noch im Fallen starrten seine ungläubigen und toten Augen zu Granock empor, der in diesem Augenblick nicht in der Lage war, auch nur einen Finger zu rühren. Erst als ein Schatten an ihm vorbeistürzte und Granock in diesem den Körper Baldouins erkannte, hatte er seine Starre überwinden können, sich herumgeworfen und war in den nur wenige Meter entfernten Stolleneingang mehr gestolpert als gerannt.
Warum hat mich die Bestie in diesem Moment nicht auch getötet?
Wieder hatte er das Gefühl, dass die Kreatur ein böses Spiel mit ihm trieb.
Er tastete sich vorsichtig weiter im Stollen entlang und bemühte sich, kein unnötiges Geräusch zu machen. Gleichzeitig ahnte er, dass die Sinne der Kreatur – irgendwo vor ihm in der Finsternis – auch seine leisesten Geräusche registrieren würden.
Wieder stießen seine Füße gegen etwas, was sein Verstand sofort mit Knochen assoziierte. Abrupt blieb er stehen und lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Ich bin wirklich viel zu sehr auf meine magischen Fähigkeiten fixiert, dachte er ärgerlich und verfluchte sich selbst.
„Die mir auch nicht das Geringste zu nutzen scheinen“, murmelte er leise vor sich hin und ging ganz langsam in die Knie. Seine Linke tastete am Boden herum und hatte bald einen größeren Knochen gefunden, der deutlich schwerer wog, als es der größte menschliche Knochen vermochte.
Welches Futter gibt man denn der Bestie hier zu fressen?, dachte er und wunderte sich, dass sein Unterbewusstsein sich scheinbar entschlossen hatte, hinter dem Vieh – welcher Art es auch immer angehören mochte – einen Besitzer zu vermuten. Gleichzeitig gefiel ihm der Gedanke gar nicht, das noch mehr von seiner Sorte existieren könnten. Granock schob diese unerfreulichen Aussichten in die Tiefe seines Gehirns und fragte sich, was er um den Knochen wickeln könnte, um eine primitive Fackel herzustellen.
Du kommst wirklich aus der Übung, du Anfänger, verspottete er sich selbst. Du hast dich viel zu schnell daran gewöhnt, ein paar Wörter auszustoßen und schon spendet dir der Elfenkristall so viel Licht, wie du benötigst.
Seine Hand suchte eine Weile auf dem Boden herum, konnte aber außer weiteren Knochen, kleinen Steinen und Erdkrumen nichts Brauchbares finden. Granock hielt in seiner Suche inne und lauschte in die Dunkelheit. Mehr als zwanzig Herzschläge lang wartete er und konnte nichts anderes hören als seinen eigenen Atem und – so schien es ihm zumindest – immer lauter schlagenden Herzens.
„Na schön“, murmelte er leise vor sich hin. „Probier es einfach.“
Er legte mit übertriebener Sorgfalt seinen Stab auf die Erde und suchte nach dem Saum seiner Kutte. Das Geräusch, das der Stoff erzeugte, als er mit beiden Händen breite Streifen davon abriss, kam ihm viel zu laut vor.
Da kann ich das Vieh ja gleich mit einem herzlichen Hallo hierher rufen.
Mit raschen Bewegungen wickelte er die Streifen fest um den Knochen und steckte das Ende des Letzten zu einem festen Knoten zusammen. Für einen Moment schwebte seine Rechte wieder über dem Zauberstab, ließ ihn aber dann doch liegen. Stattdessen glitt seine Hand in die Falten seiner Kutte, suchte nach dem kleinen Feuerstein und fand ihn auf Anhieb. Noch in dem Moment, als er mit schnellen Schlägen dem Stein kleine Blitze entlockte und in dem fast nicht wahrzunehmenden Licht, dass sie erzeugten, sein Werk in die Funken hielt, war ihm klar, dass die Fackel nicht lange brennen würde.
Der Stoff ist zwar trocken, aber mit nichts getränkt, was ihn länger brennen lassen würde. Ich werde mich beeilen müssen.
Er sah sich schon tief im Berg stehen, halb nackt mit einer endgültig erloschenen Fackel in der Dunkelheit, das unsichtbare und dankbare Grinsen der Bestie vor sich, die sich freute, dass er so freundlich gewesen war, ihr Mahl von der geschmacklosen Kleidung befreit zu haben.
Als der Stoff endlich Feuer fing und sich zu seiner Überraschung nur langsam in Brand setzte, fiel ihm ein, dass die Weber, von denen die Zauberer ihre Kutten bezogen, ihre Stoffe auch mit Elfenfäden durchwebten. Wahrscheinlich würde ein Stoff aus reiner Elfenseide sich nur sehr schwer oder gar nicht entzünden lassen. Jetzt entpuppte sich die Kombination aus einfacher Baumwolle und einem geringen Anteil an Elfenseide als überaus geeignetes Material für eine Fackel.
Das werde ich mir merken. Für später. Wenn es für mich ein später geben wird.
Dann griff er nach seinem Stab und erhob sich. Rasch blickte er in beide Richtungen des Ganges. Der Teil hinter ihm machte einen Bogen, den er in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Das Stück vor ihm verlief etwa dreißig Schritte gerade und verlor sich dann in der dahinter herrschenden Finsternis.
Plötzlich erscholl ein Geräusch, das nicht anderes sein konnte als das feste Aufsetzen eines Beines auf Erdboden. Granock vermeinte darin das Knacken brechender Knochen erkennen zu können, war sich aber nicht sicher. Worin er sich aber felsenfest sicher war, das war die Richtung, aus welcher das Geräusch gekommen war.
Hinter ihm!
Ein eiskalter Schauer fuhr über seine Haut und gleichzeitig stellte er fest, dass die Wände vor ihm nicht matt erschienen, sondern dem Licht seiner Fackel einen leicht glänzenden Schein zurücksandten. Er machte rasch einige leise Schritte weiter den Gang entlang und warf nur einen bestätigenden Blick auf die Wände.
Feuchtigkeit.
Ein leichter Luftzug, der ihm entgegenwehte, schmeckte feucht und modrig auf seiner Zunge. Seine Nase sog prüfend die Luft ein und ein seltsamer Geschmack legte sich auf seinen Gaumen, die Schleimhäute und schien sie verkleben zu wollen. Je weiter er in den Gang hinein ging, desto feuchter wurde die Luft. Jeden Atemzug konnte er von der Nase, über seine Luftröhre bis tief hinunter in seine Lungen verfolgen. Erschrocken blieb er stehen und horchte in sich hinein.
Welcher Brodem schwebt hier in diesen Gängen? Ist es der Furz dieser Bestie, die mir das Atmen erschwert oder die Ausdünstungen von etwas noch Gefährlicherem?
Wieder hatte er den Eindruck, dass hinter dem Vieh, das ihn unzweifelhaft jagte, ein noch mächtigerer Gegner lauerte.
Granock riss sich zusammen und packte die Fackel und seinen Stab fester. Er überwand die anfänglich beleuchteten dreißig Schritte und entdeckte in einer gleich langen Entfernung eine Abzweigung auf der rechten Seite.
Entweder hat mich die Kreatur umgangen oder ich bin in der Dunkelheit schon einmal an einer solchen Abzweigung vorbeigekommen, ohne es zu merken. Ein weiterer Schauer ließ ihm die Gänsehaut aufsteigen. Womöglich bin ich an der Bestie vorbeigegangen. Und sie hat mich nicht getötet und gefressen!
Granock war zwar noch ein recht junger Zauberer, aber nicht auf den Kopf gefallen.
Sie treibt mich vor sich her! Sie spielt nicht mit mir, sie drängt mich irgendwohin, durchfuhr es ihn. Und ein weiterer frustrierender Gedanke trug wenig dazu bei, seinen Mut und seine Zuversicht zu steigern. Entweder ist es eine Falle oder man … erwartet mich bereits.
Ersteres erschien ihm unsinnig zu sein, denn die Bestie hätte ihn sicher längst genauso rasch und unausweichlich zerfetzen können, wie sie es mit Baldouin und Merywyn getan hatte.
Und wenn dort unten jemand oder etwas auf mich wartet, dann will man etwas von mir. Also wird mich die Bestie nicht töten. Zumindest nicht, bis ich das getan oder gesagt habe, was man von mir erwartet …
„Na schön“, sagte Granock immer noch leise, aber mit deutlich mehr Hoffnung in der Stimme als zuvor.
Er war vielleicht eine Stunde durch ein Labyrinth aus immer feuchter werdenden Gängen und Abzweigungen geschlichen und hatte an jeder Gabelung oder Kreuzung angehalten. Beim ersten Mal wählte er scheinbar den falschen Weg, denn kaum hatte er seinen Fuß in dessen Richtung gesetzt, zischte es hinter ihm – und erschreckend nah – fauchend auf und er blieb stehen. Wählte er den vorgeschlagenen Kurs, hörte er nichts.
Außerdem hatte er sicher mehr als fünfzig Mannslängen Höhenunterschied überwunden und der Weg ging weiterhin abwärts. Die zunehmende Feuchtigkeit bereitete ihm auch Schwierigkeiten einen sicheren Tritt zu fassen und zweimal wäre er beinahe gestürzt, so glitschig und schleimig wurde der Boden. Gerade als er wieder einmal ins Wanken geriet, ging die Neigung unvermittelt in ebenerdigen Boden über.
Und dort vorne endet der Gang, dachte er, als sich das Licht seiner erfreulicherweise immer noch brennenden Fackel nicht an einer Wandung spiegelte, sondern sich in einem leeren Raum verlor, der große Ausmaße zu besitzen schien. Als hinter ihm ein aufforderndes Stampfen den Boden erzittern ließ, legte er die letzten Schritte des Ganges zurück und fand sich am Rand einer offensichtlich riesigen Höhle wieder. Wasser tropfte mehrfach von einer weit entfernten Decke und manche Tropfen klangen so, als würde sie auf eine Wasserfläche treffen.
Ein unterirdischer See.
Granock hielt die Fackel weit über seinen Kopf, um nicht selbst von ihrem Licht geblendet zu sein und sah weit im Hintergrund der Höhle tatsächlich eine spiegelglatte Fläche blitzen.
Und am äußersten Rande des Sees …
Ihm stockte der Atem.
Das Bild, das sich ihm bot, hätte er nun wirklich nicht erwartet. Er blinzelte mehrere Male, doch der Anblick blieb unverändert bestehen.
„Willkommen … Zauberer“. Die Stimme der Frau war genauso faszinierend wie ihr Gesicht, ihr Körper, ihre ganze Erscheinung.
Granock hatte schon viele Frauen gesehen: Marketenderinnen, Dirnen, edle Damen und sogar Elfenfrauen mit ihrer unglaublichen Anmut und Schönheit. Doch dieses weibliche Wesen stellte sie alle in den Schatten. Und das im wahrsten und doppelten Sinne. Ihre Haut leuchtete makellos und nackt durch die Dunkelheit der Höhle. Sie strahlte ein so helles Licht aus, dass Granock aus den Augenwinkeln die Größe der Höhle nur zum Teil wahrnahm, und trotzdem mehr als beeindruckt war. Sie musste gigantisch sein. Fast automatisch sank seine Linke mit der Fackel nach unten.
„Richtig, du kannst dein Licht ruhig löschen. Ich bin in der Lage uns allen genug Helligkeit zu spenden“, sagte sie und erst jetzt hatte Granock soviel von seiner Überraschung überwunden, dass er in ihrer glockenhelle Stimme den darin eingebetteten schmeichelnden Ton bewusst hörte.
Aber bei aller Bewunderung für ihre atemberaubende Schönheit hatte er doch nicht vergessen, warum er hier war und vor allem: wie er den Weg hierher gefunden hatte. Und wie sie das Wörtchen allen betont hatte, gefiel ihm noch viel weniger. Er drehte sich langsam um und sah nur ein halbes Dutzend Schritte hinter sich die Bestie im Gang lauern.
„Hab keine Angst, Zauberer. Thyranno wird dir nichts zuleide tun. Vorerst …“
Und auch sein Name gefällt mir nicht, dachte Granock und fletschte die Zähne. Gleichzeitig fühlte er ein Bitzeln in den Fingerspitzen seiner rechten Hand aufkommen. Es fühlte sich an, als würden Tausende Ameisen über seine Haut krabbeln.
Ich kenne dieses Gefühl …
„Was ist das für ein Wesen“, sagte er und steckte langsam die brennende Fackel neben sich zwischen einige mit Moos bewachsene Steine.
Jetzt habe ich die Hand wieder frei.
„Thyranno? Er ist ein Rhurak, ein Höhlendrache. Es gibt nicht mehr sehr viele von seiner Art. Die Zwerge haben die meisten getötet. Sie störten sie ein wenig bei ihrer Jagd nach Schätzen.“
Granock glaubte ihr kein Wort.
„Wie sollten Zwerge gegen eine ganze Brut von solchen Biestern siegreich sein können, wenn nur eines von ihnen genügte, um meine beiden Begleiter in kürzester Zeit in blutige Stücke zu zerreißen?“
Sie blickte ihn trotz der Entfernung mit einem so durchdringenden Blick an, dass Granock die darin nur mühsam verhaltene Wut erkennen konnte.
„Wie ich bereits sagte: es gibt nicht mehr viele von ihnen. Auch vor dem Eindringen der Zwerge in das Massiv existierten nur wenige Hundert.“ Ihr Gesicht verzog sich zu einem hinreißenden Lächeln und wäre es das Einzige gewesen, was sie an Signalen zu ihm geschickt hätte, dann wäre Granock versucht gewesen, ihr zu glauben. Aber ihre Augen loderten für einen Moment verräterisch auf, als sie fortfuhr. „Allerdings hege ich die Hoffnung, aus den verbliebenen Exemplaren eine neue Population heranziehen zu können“, säuselte sie und Granock fühlte kalte Schauer seinen Rücken hinunterlaufen. „Die Rhuraks sind so leicht zu beherrschen und so … nützlich.“ Schlagartig veränderten sich ihr Ausdruck und auch der Tonfall ihrer Stimme. „Die Zwerge jedoch kamen in Massen und scherten sich nicht um die Bedürfnisse der angestammten Bewohner des Berges. Sie interessierte nur Gold, Edelsteine und Erz. Als mehr und mehr Zwerge in den Stollen spurlos verschwanden, machten sich Hundertschaften bewaffneter Zwerge auf und massakrierten meine Lieblinge einen nach dem anderen. Oh, die Zwerge hatten Verluste, ohne Zweifel. Aber sie scheinen sich zu vermehren, wie Karnickel auf saftigen Wiesen. Meine Rhuraks dagegen sind sehr langlebig und dadurch ist ihr Fortpflanzungstrieb, nun ja … eingeschränkt.“
Schön zu wissen, dachte Granock und stellte neben ihrem Wortschwall zwei Dinge gleichzeitig fest, die ihm seine Situation deutlich besser erscheinen ließen.
Seine Augen hatten sich mittlerweile an die Lichtverhältnisse angepasst und so konnte er sehen, dass die Frau nicht etwa auf einem Felsen am Ufer des spiegelglatten Sees stand, sondern mindestens eine Handbreit darüber schwebte.
Die zweite Feststellung lieferte ihm seine rechte Hand. Das Prickeln hatte sich in einen beständigen Strom fließender Energie verwandelt, dessen wohltuende Kraft seinen Körper bis in die letzte Faser erfüllte.
In dieser Höhle ist wieder Magie möglich!
Diese freudige Überraschung ließ ihn aber nicht leichtsinnig oder unaufmerksam werden. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich der Höhlendrache völlig lautlos aus dem Gang heraus bewegt und ein Stück seitlich von ihm in sprungbereiter Haltung niedergelassen hatte. Jetzt konnte er ihn ganz genau im Schein seiner Herrin betrachten.
Thyranno hatte etwa die Größe eines Ochsen und seine schuppige Haut schien hart wie Granit zu sein. Sein Körper war lang gezogen und endete in einem Schwanz, der eine ganze Reihe von messerscharfen Stacheln aufwies. Noch jetzt klebte an ihnen das Blut von Granocks toten Gefährten. Der Zauberer wandte sich nun ganz offen in Richtung der Kreatur und für einige Momente trafen sich ihre Blicke.
Das ist ein Jäger, schoss es Granock durch den Kopf. Und als sein Blick auf die Haut des Höhlendrachen fiel, sank seine Zuversicht wieder um einige Grade. Die Schicht aus kleingliedrigen Schuppen ermöglichte dem Tier die Wendigkeit, die es vor dem Stollen – und auch darin – mehr als bewiesen hatte. Die sechs Beine endeten in weit auffächerbaren Füßen, die zwischen den Zehen Schwimmhäute erkennen ließen. Nur die Sohlen besaßen keine harten Platten, sondern wirkten auf Granock eher wie die Ballen von überdimensionierten Katzenpfoten.
Ein lautloser Jäger!, korrigierte sich Granock und fand bestätigt, dass weder ein einzelner Zwerg, noch ein Paar ausgewachsener Krieger aus Andaril, eine Chance gegen so einen Gegner haben konnten.
Aber ein Zauberer?
Er wandte sich wieder der schwebenden Schönheit zu, die ihm die ganze Zeit mit Besitzerstolz und einer dahinter mühsam unterdrückten Ungeduld beobachtet hatte.
Sie ist alles Mögliche, nur keine Jungfrau!
Granock bemühte sich, die Bestie an seiner Seite vorläufig zu ignorieren und konzentrierte sich auf die Lichtgestalt, die keine Absichten erkennen ließ, zu ihm zu kommen. Er war versucht, mit einer Hand den Schein seiner primitiven Fackel abzuschirmen. Er unterließ es, als er sah, dass sie schon ziemlich weit abgebrannt war und es nicht mehr lange dauern dürfte, bis sie erlosch.
Ich muss wissen, wer oder was sie wirklich ist, überlegte er und spürte das beruhigende Gefühl der Magie durch seinen Körper fließen. Weiß sie von dem, was die Zwerge wirklich in diesem Berg suchten? Hat sie es vielleicht sogar selbst gefunden? Aber dann schüttelte er den Kopf. Nein, denn dann wäre sie längst aus dem Berg heraus und würde das Land verheeren. Nur für einen Wimpernschlag spielte er mit dem Gedanken, sie könnte eine Gefangene des Höhlendrachen sein. Aber ein Blick in ihre Augen offenbarte ihm die wahren Herrschaftsverhältnisse.
„Wie heißt du und wie kommst du in diese Abgründe?“, fragte er. Er war auf ihre Antwort tatsächlich gespannt, auch wenn er fest damit rechnete, dass sie ihm etwas vorlügen würde. Gleichzeitig bereitete er sich innerlich auf einen Angriff vor.
„Gefalle ich dir?“, wich sie aus und öffnete ein wenig ihre Beine, sodass er ungehindert ihre Scham sehen konnte.
„Du bist die schönste Frau, die ich je in meinem Leben gesehen habe“, gab er unumwunden zu und bemerkte einen weiteren Umstand, der sich bisher seiner Aufmerksamkeit entzogen hatte. Um die schwebende Frau herum schien es ganz leicht zu flimmern, so als stiege warme Luft nach oben wie in einer Wüste. Doch hier war es kalt und feucht und sein forschender Verstand hatte die Erklärung scheinbar schon gefunden.
Das, was ich sehe, entspricht nicht der Wahrheit.
„Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie du an diesen Ort kommst. Und vor allem: was dich hier hält?“
„Das Gleiche könnte ich dich fragen, Zauberer: Was willst du hier?“
Sie hat zugegeben, überlegte Granock, dass ihre Kreaturen zumindest einen großen Teil der Zwerge in diesem Berg kaltblütig umgebracht haben. Die Überlebenden – wenn es denn welche geben sollte – werden nach ihrem Kopf schreien. Thyranno hat Baldouin und Merywyn auf dem Gewissen. Aufgrund ihrer Anordnung! Und auch jetzt bedroht mich dieses Vieh und wartet nur darauf, dass sie den Befehl dazu gibt. Mehr als genug für viele auf dieser Welt, zum Schwert zu greifen. Leide habe ich kein Schwert. Vielleicht sollte ich sagen: Den Göttern sei Dank habe ich bessere Waffen aufzubieten! Machen wir dem Schauspiel ein Ende, entschloss er sich und legte absichtlich Hohn in seine Antwort.
„Ich wollte die Zwerge besuchen und stelle nun fest, dass dein Schoßtier sie alle umgebracht hat. Und meine Begleiter“, sagte er kalt. „Und du trägst die Verantwortung dafür!“, fuhr er donnernd fort und verlegte sein Gewicht auf seinen rechten Fuß.
Scheinbar hatte auch sie eingesehen, dass er ihr nicht die Antworten liefern würde, die sie sich vielleicht erhofft hatte und auch ihr Trugbild ihn nicht täuschen konnte. Das Flimmern steigerte sich von einem Augenblick zum nächsten, weitete sich immens aus und füllte, mit die Augen verwirrendem Wabern, Granocks gesamtes Sichtfeld. Die Leuchtkraft nahm dabei ebenfalls zu und der Zauberer musste seine freie Hand erheben, um noch etwas erkennen zu können. Gleichzeitig drangen nun merkwürdige und entsetzlich klingende Geräusche an sein Ohr.
Granock warf einen raschen Blick auf Thyranno, doch die Bestie blickte ihn nur unverwandt an und schien auf einen Befehl seiner Herrin zu warten. Der lauernde Blick des Drachen traf Granock wie ein Stich. Kaum hatte er sich von diesem Blick gelöst, ließ ihn das neue Bild der Frau erbeben, wie ein Eisen auf einem Amboss, wenn der Hammer auf es niederfährt. Anstelle eines bezaubernden Weibes, hing dort nun ein Wesen über dem See, dass selbst den abgebrühten Farawyn erschüttert hätte.
Keine makellose Haut mehr sondern nass glitzernde Schuppen. Kein wohlgeformter Leib sondern monströse und verunstaltete Glieder, sich windend, schlängelnd, vor Kraft strotzend. Das, was bei dem Trugbild noch golden glitzerndes Haar gewesen war, flog nun wirr und sabbernd durch die Luft. Schleimige Tropfen fielen auf den See und dort, wo sie auftrafen, zischte und rauchte es. Der Kopf des Unwesens war groß wie ein Zelt und tatsächlich hatte Granock das Bild flatternder Bespannung und Seilen vor Augen, als er sich abgestoßen einen Schritt zur Seite bewegte.
Sofort fauchte Thyranno auf und machte ebenfalls einen mächtigen Schritt auf ihn zu.
Granock blieb wie angewurzelt stehen und doch drängte in ihm alles zur Flucht.
Ich habe keine Chance gegen beide zugleich, dachte er und fasste seinen Stab mit dem Elfenkristall fester. Mit Grauen beobachtete er, wie sich ein riesiges Maul auffaltete und anstelle einer Zunge ein glibberig glitzender Rüssel ausrollte und genau auf ihn zielte.
Was auch immer aus diesem Schlund dringen mag, ich werde nicht warten, bis es mich trifft.
Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als ein dicker Strahl einer gelblichen Flüssigkeit hervorschoss und mit rasender Eile genau auf ihn zuflog.
„Sym tabbue nu e mórr!“, schrie er mit aller Kraft und stieß den Elfenkristall mit beiden Händen hoch in die Luft. Neun Schritte näher dem Tod! Und kaum hatte er die letzte Silbe beendet, erstarb das Getöse des Untiers und jegliches andere Geräusch in der riesigen Höhle.
Granock atmete auf, als er sah, dass der gelbe Speichel des Monsters nur eine Armlänge vor ihm wie ein giftiger Speer in der Luft verharrte, gefangen in der eingefrorenen Zeit.
Neun Schritte, dachte er und dankte den Göttern und Elfen für diesen mächtigen Zauber. Überleg dir gut, wohin du neun Mal deine Füße setzt!, mahnte er sich selbst und sah sich um. Beim letzten Schritt bricht die Starre und die Zeit fließt, als wäre nichts geschehen.
Doch Granock hatte diesen Zauber schon zwei Mal in seinem Leben einsetzen müssen und hatte sich vor der ersten Silbe an den bestmöglichen Anfangspunkt für die Schritte gebracht. Er machte zwei Schritte und hielt an, tat einen Dritten und stoppte erneut.
Ich benötige einen weniger, um den perfekten Standpunkt zu erreichen, dachte er und legte mit Vorsicht die Schritte Vier bis Acht zurück. Ein letzter Blick auf den Drachen und seine Gebieterin, dann machte er einen winzigen Schritt.
Aber er genügte.
Die Starre brach und jedwede Bewegung setzte dort an, wo sie so abrupt geendet hatte.
Der Strahl aus dem Maul des Monsters traf Thyranno mitten in den aufgerissenen Rachen. Der Höhlendrache würgte und spuckte sofort, doch es war zu spät. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich seine zahnbewehrte Schnauze in einen blubbernden und zischenden Albtraum.
Aber Granock hielt sich nicht mit dem Todeskampf des Höhlendrachen auf, sondern rannte die wenigen Schritte in den Stollen, durch den er getrieben worden war. Er warf nur einen Blick zurück und sah, dass die schleimige Ausgeburt der Finsternis verwirrt in der Luft schwebte und nicht begriff, was gerade geschehen war. Dann verschwand er im Dunkel des Gangsystems.
Thyranno ist tot, überlegte er befriedigt und hastete vorwärts. Und das riesige Monster kann mir in diesen engen Gängen nicht folgen. Wenn es einen Weg aus dem Berg gefunden hätte, hätte es ihn schon längst genommen. Die Zwerge in diesem Teil des Massivs sind ebenfalls tot und nichts deutet darauf hin, dass sie die Waffe gefunden haben.
Granock tastete sich an den Wänden entlang so schnell er konnte.
Für eine neue Fackel ist noch Zeit genug, wenn ich aus der unmittelbaren Umgebung dieses Untiers entkommen bin, dachte er und ignorierte die Verletzungen an Füßen und Händen, die er sich an scharfen Steinen zuzog.
Was sind diese Wunden schon gegen die 27 Schritte, die ich nun insgesamt meinem Tod näher gekommen bin. Alles hat seinen Preis.
Mit diesem Gedanken floh Granock durch die Dunkelheit und nur ein kleiner Teil seines Verstandes beschäftigte sich mit der Befürchtung, dass in dem Labyrinth vor ihm noch Artgenossen Thyrannos auf ihn lauern mochten.
Copyright © 2012 by Cameo Flush
Bildrechte: “Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/
DIE GEWINNERSTORY IST ALS E-BOOK BESTELLBAR
BUCHTIPP DER REDAKTION:
Michael Peinkofer
Das Zauberer Handbuch
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-26791-5
Bildung, Sachbuch
Erschienen 2012
Titelbild Alan Lathwell
Umschlaggestaltung Guter Punkt, München
Umfang 332 Seiten
www.piper-verlag.de
www.michael-peinkofer.de
Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de
Autorenporträt
Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikations-wissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift »Moviestar«. Mit seiner Serie um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasy-Autoren Deutschlands. Seine Romane um »Die Zauberer« wurden zu Bestsellern. 2012 hat Michael Peinkofers neue Trilogie um das Schicksal der »Splitterwelten« begonnen.
Zum Buch
Michael Peinkofer beschreibt, gegliedert in 5 verschiedenen Kapitel mit einer unterschiedlichen Anzahl von Unterkapiteln die Entstehung eines Romans von der Pike an. Hierbei berichtet er meist aus seinen persönlichen Erfahrungen heraus, wie er gleich zu Anfang des Buches deutlich macht. Er beginnt bei den Vorbereitungen, wie etwa die Erstellung einer Grobskizze des Handlungsaufbaus bis hin zur Skizzierung der Figuren und führt hierdurch in den Schreibprozess ein. Daran anknüpfend erfolgt eine Einordnung des Fantasyromans, bei dem sowohl auf den Aufbau, im Sinne des klassischen Dramas, wie auch auf Archetypen eingegangen wird. Erst danach wird zur Ausgestaltung des Romans übergegangen, in Szenen und Perspektivfragen eingeführt, sowie auf grundlegende stilistische Mittel und Dialogführung eingegangen. Anschließend wird noch kurz darüber aufgeklärt, mit welchem Personenkreis sich der werdende Autor herumschlagen muss oder darf, um dann damit abzuschließen, wie man am besten sein Buch an den Mann (in diesem Fall der Agent) oder an einen Verlag bringt. Durchdrungen ist der ganze Band nicht nur von Szenen aus seinen eigenen Büchern, sondern auch von Rückbezügen auf Tolkien und Star Wars.
Fazit
Das Buch war ein guter Ratgeber für den Einstieg ins Schreiben. Allerdings wurde ich nicht mit ihm warm. Das lag nicht am Schreibstil, denn der war sehr gut und auch nicht daran, dass es an praktischen Beispielen zur Veranschaulichung gemangelt hätte, sondern einfach an mir selbst und meiner Persönlichkeit als Schreiber. Zum einen hätte ich bei jedem Kapitel mehr gewollt, was aber eine kurze Einführung einfach nicht liefern kann und zum anderen passte der Ratgeber nicht zur Grundstruktur meines eigenen Schreibens. Ich bin einfach kein Plotter. Allerdings habe ich auch noch nie die Ansprüche an mich selbst gestellt einen ganzen Roman zu verfassen, vielmehr lebe ich immer in den einzelnen Momenten mit meinen Charakteren auf. Für jemanden allerdings, der den Anspruch an sich hat, einen Roman zu verfassen und dem das Plotten, mit Kapitelstrukturierung liegt, für den ist das Buch Gold wert. Nach dieser kurzen Einführung ins Schreiben weiß man nämlich genau, wo man noch tiefer bohren und mehr Wissen sammeln muss: Sei es bezüglich des Erzählstils oder des Dialogschreibens. Besonders gut gefiel mir, dass am Ende des Romans noch eine kurze Literaturliste zu finden war – da werde ich mir so manchen Band einmal zur Vertiefung zu Gemüte führen.
Ein gutes Einstiegswerk für werdende Autoren, die sich mit dem Plotten nicht allzu schwer tun.
Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz
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