Erstellt von Cameo Flush am 8. Januar 2011

DIE BLASE
eine
Fantasy-Kurzgeschichte
von
Cameo Flush
Die Dunkelheit war absolut. Nicht der winzigste Schimmer versuchte die alles umfassende Schwärze zu erhellen. Es war auch still, sogar sehr still, aber nicht vollkommen. Leises und gleichmäßiges Atmen durchdrang die Finsternis und zeugte von der Existenz von etwas Lebendigem. Außer den Atemgeräuschen störte nichts die Lautlosigkeit. Vielleicht hätte ein anderes Lebewesen oder ein empfindliches Messgerät noch das Schlagen eines Herzens registriert, aber beides war nicht in der Nähe des Wesens zu finden. Weder in dessen unmittelbarer, noch näherer oder sogar weiterer Umgebung.
Wie weit zählt ein beliebig großer Raum noch zur Umgebung eines Lebewesens? Doch wohl nur so weit, wie nicht andere Exemplare in dem gleichen Raumvolumen existieren und sich gewisse Relationen ergeben. Einzelne Wesen, zufällige oder absichtliche Gruppierungen, dichte oder weniger dichte Ballungen ergeben erst durch ihre Anordnung ein Bezugsystem, in dem es möglich ist, Individuen so etwas wie eine eigene Umgebung zuzuordnen.
Aber auch dies war hier nicht möglich. Das Wesen war allein, so völlig allein, wie man es nur sein konnte. Doch solche Gedanken füllten nicht den Traum der Gestalt, die entspannt und gerade dalag und weiterhin regelmäßige und kräftige Atemzüge tat. Das Geschöpf träumte keine Bilder oder Szenen, denn dafür war es noch nicht bereit, sondern sein Geist wurde erfüllt von angenehmen Gefühlen, beruhigenden Strömungen, die außer einem Wohlsein keine weitere Aussage beinhalteten. Und das sollten sie auch nicht, noch nicht.
Nach einigen hunderttausend Herzschlägen erwachte das Geschöpf aus seinem Schlaf, blieb aber mit geschlossenen Augen liegen. Es fühlte sich weiterhin wohl, ausgeruht und seine Gedanken waren ohne Definition. Diffuses Wirrwarr und zäh sich lichtende Nebel.
Als aller ersten klaren Gedanken erkannte das Geschöpf sich selbst als männlich, obgleich ihm das wenig sagte, fehlte ihm doch der Inhalt dieser Aussage. Gleichzeitig wurde es sich seines Körpers bewusst, stark und anscheinend voll funktionsfähig. Das Lebewesen lauschte in die Stille der Finsternis und in seinen eigenen Körper, vernahm selbstverständlich das Geräusch des Atemholens und Ausstoßen der Luft aus der Nase als leises Rauschen, dazu das regelmäßige Klopfen seines Herzens.
Abrupt öffnete es beide Augen, doch die völlige Schwärze blieb bestehen.
Bin ich blind? fragte es sich und verneinte sofort selbst die Frage.
Langsam richtete das Wesen sich auf und ein weiterer klarer Gedanke brach an die Oberfläche seines Bewusstseins: Mensch.
Ich bin ein Mensch.
Wieder konnte er mit dem Begriff nichts anfangen, aber irgendwie beruhigte es ihn zu wissen – wissen? – was er war.
Eine Weile stand er so da, mit offenen Augen, die in die Dunkelheit starrten, bewegte sich nicht und versuchte Klarheit in seine Gedanken zu bringen.
Plötzlich konnte er ein weiteres Geräusch hören und im gleichen Moment orteten seine Ohren den Ursprung des neuen Lautes: Sein Magen gab einen knurrenden, kullernden Ton von sich, der sich nach kurzer Zeit wiederholte. Automatisch fuhr eine seiner Hände an den Bauch und löste eine Kettenreaktion aus.
Nackt – hungrig – Mensch – männlich – Mann – Mann – hungrig – durstig – allein – dunkel – nackt – allein – allein.
Allein.
In einer fließenden Bewegung setzte sich der Mann wieder und fühlte dabei den weichen Boden, auf dem er - wie lange wohl? – gelegen hatte.
Wie komme ich hierher? Was will ich hier? Oder bin ich etwa unfreiwillig hier? Und wer bin ich? fragte er sich und konnte für den Augenblick keine Antworten finden. So blieb er lange Zeit sitzen, versuchte das Knurren seines Magens zu ignorieren und starrte weiterhin ins Nichts. Ein paar Mal schloss er die Augen wieder, weil es ihm unsinnig erschien, sie offen zu halten und trotzdem nichts zu sehen, doch jedes Mal öffnete er sie wieder.
Ich muss etwas zu Essen finden.
Schließlich erhob er sich und begann auf dem seltsam weichen Untergrund zu laufen. Nach wenigen Schritten stieß er mit dem Kopf auf Widerstand, der sich genauso weich anfühlte wie der Boden unter seinen Füßen. Er drehte sich um und lief in die andere Richtung, aber nach acht oder neun Schritten stand er erneut vor einem Hindernis. Daraufhin streckte er die Arme so weit auseinander wie er konnte und tastete sich mit der rechten Hand an der Wand – oder was immer es auch war – entlang. Nach einigen Dutzend Schritten war er sich sicher, dass er im Kreis lief.
Ich bin eingesperrt! durchzuckte es ihn, berührte ihn aber seltsamerweise nicht.
Nein, nicht eingesperrt, eher … aufbewahrt, sogar ein dumpfes Gefühl von Beschütztsein erfüllte ihn.
Ich soll hier sein! Also muss es hier auch etwas zu Essen geben. Es wäre unlogisch – von wem? – mich hier sicher aufzubewahren, ohne dafür zu sorgen, dass ich keinen leiblichen Schaden nehme.
Also ließ er sich auf alle Viere herab und begann mit fächernden Bewegungen den Boden abzusuchen. Fast gleichzeitig stieß eine Hand an etwas ebenfalls Weiches, aber in einer anderen Konsistenz als der Boden, während die zweite Hand in einer muldenartigen Vertiefung in Flüssigkeit eintauchte. Ohne zu Zögern legte er sich flach an den Rand der Mulde und trank die Flüssigkeit, die frisch und kühl, aber nicht zu kalt seine Kehle hinab rann.
Als sein Durst fürs erste gestillt war, löste er ein kleines Stück der Masse vom Rest und steckte es in den Mund. Es schmeckte vorzüglich, leicht süß und stillte mit wenigen Bissen seinen Hunger. Er nahm noch einen Schluck aus der Mulde und spülte damit die letzten Krümel in seinem Mund hinunter.
Der Mann setzte sich wieder auf den Boden und dachte nach. Allem Anschein nach war er zwar in einem geschlossenen Raum, aber nicht in einem Gefängnis. Er hatte zu Essen, zu Trinken, ein weiches Lager und litt weder an Hitze noch an Kälte. Er fühlte mit absoluter Sicherheit, dass ihm in diesem Raum nichts Nachteiliges geschehen konnte.
Dies war keine Zelle, sondern ein Schutzraum. Er wurde von jemandem oder von etwas beschützt und war vielleicht für einen bestimmten Zweck oder eine besondere Aufgabe vorgesehen. Seine Gedanken waren zwar jetzt völlig klar, aber irgendwie fehlte ihnen Inhalt, Wissen, Erfahrungen oder Erinnerungen. Aber Erinnerungen bedeuten das Wiederholen bereits geschehener Ereignisse in Gedanken.
Habe ich vorher gelebt?
Wo und als was habe ich vorher gelebt?
Ist dies ein Ort, wo Leben entsteht?
Oder bin ich erst hier geschaffen worden?
Mit weit aufgerissenen Augen versuchte er das Dunkel zu durchdringen und eine Antwort zu finden, aber alles blieb weiterhin schwarz wie die Nacht.
Nacht?
Eine neue Gedankenexplosion lieferte ihm Nahrung für seine Überlegungen.
Nacht – Tag – hell und dunkel – Licht – Schatten – Leben – Leben – Mensch.
Ich bin ein Mensch, ein Mann. Und ich lebe!
Er musste wieder eingeschlafen sein, denn als er erneut erwachte, lag er ausgestreckt am Boden und ein seltsamer Drang hatte ihn geweckt. Ein Teil seines Körpers fühlte sich so an, als würde er gleich platzen und unbewusst fasste er mit einer Hand in die Körpermitte. Dort befand sich ein weiterer Teil, den er bisher nicht bewusst wahrgenommen hatte, der sich jetzt aber überdeutlich bemerkbar machte.
Also erhob er sich, ging bis an den Rand des Raumes und urinierte auf den Boden. Dabei blickten seine Augen geradeaus und erst als er sich erleichtert hatte, begriff er, dass vor ihm ein Licht war.
Zwar nur ein winziger Punkt, aber eindeutig Licht. Wie gebannt starrte er darauf und unbewusst machte er einen Schritt nach vorne. Er registrierte nicht, dass seine Füße genau an der Stelle standen, auf die er gerade uriniert hatte. Weder erkannte er, dass der Boden keine Spur von Feuchtigkeit aufwies, noch das er weich und trocken war wie immer. Völlig fasziniert beobachtete er den Lichtpunkt, der ihm Halt gab in der unendlichen Finsternis.
Unendlich? Woher hatte er diesen Ausdruck? Wieso assoziierte er dieses winzige Pünktchen mit Unendlichkeit? Er blinzelte mit den Augenlidern, um sich zu vergewissern, dass das Licht auch tatsächlich existierte und nicht nur ein Hirngespinst seiner sonst arbeitslosen Augen war, aber es blieb.
Nach langer Zeit stiller Betrachtung erschien es ihm, als sei der Punkt ein klein wenig größer geworden. Kam das Licht auf ihn zu? Oder bewegte er sich zu dem Licht? Vielleicht wuchs es auch nur.
Gebannt setzte er sich nieder, ohne auch nur für einen Moment den Blick von dem Licht zu wenden. Fast hätte er nicht mehr gewagt zu blinzeln, aus Angst es könnte wieder verschwinden, aber schließlich musste er die Lider bewegen und das Licht blieb. Und wurde weiter größer.
Er konnte nicht sagen, wie lange er verfolgte, wie der Punkt sich vergrößerte. Er hatte keine Möglichkeit die verstreichende Zeit zu messen, außer in der Tatsache, dass er mehrmals aß und trank, beim ersten Mal vor Erschöpfung einschlief, da er zu lange gewartet hatte, seinem Körper eine Pause zu gönnen. Doch in der Folgezeit hielt er eine gewisse Regelmäßigkeit des Wachens und Schlafens ein und jedes Mal wurde er beim Erwachen mit einem größeren Licht als zu Beginn seines Schlafes belohnt.
Nach vielen Perioden dieses selbst auferlegten Rhythmus konnte er eine Veränderung des Lichts entdecken. Es hatte sich geteilt, bestand nun aus zwei unterschiedlich großen Lichtflecken, die immer weiter auseinander trieben. Ihm wurde nicht langweilig diesen Prozess zu beobachten, war es doch die einzige Abwechslung, die er erleben konnte. Als weitere Schlafperioden verstrichen waren, waren die beiden Lichter und er sich so nahe gekommen, dass er bei einem der nun ziemlich großen Flecken zwei weitere winzig kleine Begleiter entdecken konnte.
Mit Verwunderung fiel ihm erst jetzt auf, dass er bereits seit geraumer Zeit einen Nutzen aus den Lichtern zog. Seine Behausung nahm langsam sichtbare Formen an, die er vorher nur ertasten konnte. Viel zu sehr war er vom Anblick der Lichter gefangen gewesen, als dass er diesem Umstand schon eher Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Aber nun untersuchte er im Dämmerlicht sein Domizil.
Kreisrund, acht bis neun Schritte im Durchmesser, die Wände … gekrümmt. Er blickte abrupt nach oben. Rund.
Alles außer dem Boden war rund. Seiner Vermutung nach verlief diese Rundung auch unter dem Boden weiter, nur zu seiner Bequemlichkeit oder um seinen natürlichen Anforderungen gerecht zu sein, war der Boden einigermaßen waagerecht.
Eine Kugel.
Blase, drängte sich ihm ein Begriff auf.

Abbildung 1: „Ein Mann in einer Blase“ von Dennis Glies
Auf dem Boden die Stelle, an der die Nahrung lag. Jetzt im schwachen Licht konnte er sie endlich auch sehen. Blass, fast weiß und wie es ihm erschien, in der gleichen Menge, die er beim allerersten Mal erfühlt hatte. Aber er hatte unzählige Male davon gegessen, also müsste sie längst verbraucht oder zumindest weniger geworden sein. Das gleiche mit der Flüssigkeit in der Mulde. Die Mulde war genauso weit bis knapp unter den Rand gefüllt, wie bei seiner ersten Mahlzeit vor langer Zeit.
Er glaubte, dass im unteren Teil der Blase ein Vorrat vorhanden sein musste, der auf geheimnisvolle Weise lautlos an die Oberfläche kam, um von ihm verbraucht zu werden. Auch seine Ausscheidungen verschwanden genauso rätselhaft im Boden, wie die Nahrung und die Flüssigkeit erschienen.
Der Mann schritt eine Weile in der Blase herum, aß ein paar Bissen, betastete im langsam heller werdenden Schein der Lichtflecken Boden und Wände und grübelte über die Natur der Blase und den Grund seines Hier seins nach. Als er nach einiger Zeit erkannte, dass ihn das nicht weiterbrachte, konzentrierte er sich wieder auf die Lichter.
Es dauerte eine Weile, bis sich in ihm der Gedanke formte, dass tatsächlich er, bzw. die Blase sich bewegte und nicht die Lichter. Noch einmal schritt er die Blase ab und untersuchte jede Stelle auf das Genaueste, konnte sich aber nicht erklären, wie und durch was sie bewegt wurde. Immer noch war es still, außer den Geräuschen, die er selbst verursachte.
Nach einem nicht zu bestimmenden Zeitraum erreichten die Lichter eine Größe und gegeneinander zunehmende Entfernung, dass er sie nur noch einzeln betrachten konnte. Gleichzeitig nahm erfreulicherweise die Helligkeit so weit zu, dass er die Blase und sich selbst gut erkennen konnte. Ohne großes Erstaunen stellte er fest, das die Blase aus einem Material bestand, das transparent war. Auch Stellen, die sich weich und bei zunehmendem Druck fest anfühlten, konnte er mühelos mit seinen Blicken durchdringen. Einzig der Boden war nicht zu durchschauen.
Sein Versuch, die Mulde leer zu trinken und dabei möglicherweise zu beobachten, wie sie gefüllt wurde, scheiterte kläglich und brachte ihm nur ein, dass er sich häufig erleichtern musste. Allerdings konnte er beobachten, wie sein Urin sofort beim Auftreffen auf dem Boden versickerte und nach wenigen Augenblicken hinten als sprühende Spur austrat. Das vorn und hinten der Blase ergab sich aus der Linie, die das große Licht vor ihm und dem zweiten Licht mit den beiden Begleitern hinter ihm bildete.
Mittlerweile war eindeutig zu sehen, dass er sich auf die riesige Scheibe zu bewegte, zu der die eine der beiden Lichter geworden war. Die zweite nahm mehr und mehr das Aussehen einer flachen Hand an, die schräg in der Schwärze schwebte. Sein Ziel – er nahm an, dass die Scheibe vor ihm das Ende seiner Reise sein musste – hatte sich ebenfalls verändert. Der vorher kreisrunde, geschlossene Fleck hatte sich zunehmend in voneinander getrennte Teile aufgelöst, die nun wie ein gewaltiges Wagenrad vor ihm aufragten. Die Ränder des Rades waren aber nicht verbunden, sondern teilten sich in zwei einzelne Arme auf, die sich spiralartig um die dichte und hellere Achse drehten.
Je länger er auf das Gebilde starrte, desto mehr löste sich die ganze Figur in winzig kleine Bruchstücke auf, die alle aus verschiedenfarbigen Lichtern bestanden. Nach vielen Schlafperioden konnte er die Lichter nach ihrer Farbe unterscheiden. Weiß und Gelb waren die weitaus dominierenden Farben, aber es gab auch viele rote, blaue und orange Lichter, durchzogen von schwarzen Wolken, farbigen Gasen und wirbelnden Nebeln. Vom Anblick dieses Schauspiels gefangen, nahm der Mann nur noch automatisch Nahrung und Flüssigkeit zu sich, und auch nur noch dann, wenn sein Körper ihn mit hartnäckigem Knurren und trockenen Lippen dazu aufforderte.
Mehr und mehr richtete sich die Blase auf einen der beiden Spiralarme aus und flog auf einen Ort zu, den er vorher noch als den äußeren Rand der ursprünglichen Scheibe bezeichnet hätte. Entweder flog die Blase nun schneller als bisher, oder die zunehmende Nähe anderer Objekte verursachte in ihm das Gefühl schnellerer Bewegung. Die Blase rauschte in einer Geschwindigkeit in den Spiralarm ein, dass die Lichter zu Streifen wurden, die eine Art Tunnel bildeten, den er durchflog.
Plötzlich verlangsamte sich der Flug wieder und eine Gruppe von Objekten erschien vor seinen Augen, die von einer hellen, gelben, nicht sonderlich großen Sonne beleuchtet wurden. Er zählte neun, zum Teil sehr unterschiedlich große Objekte, die wiederum von vielen kleineren umkreist wurden.
Monde, blitzte ihm die dafür passende Bezeichnung durch den Kopf und wieder erlebte er eine Kette von neuen Begriffen, die wie aus dem Nichts auftauchten.
Mond – Lichter – Sterne – Planeten – Planeten – Leben – Sonne – Universum – Leben – Leben.
LEBEN!
Ich bin ein Mensch und ich lebe, dachte er wieder. Und nur auf Planeten gibt es Leben. Im freien Weltall – wieder ein neues Wort, das sich langsam mit Bedeutung füllte – kann es kein Leben geben.
Also muss ich von einem Planeten kommen, überlegte er und versuchte in seinen Gedanken eine Spur zu entdecken, die ihm verriet, von welchem Planeten er stammen könnte.
Oder ich bin geschaffen worden und bin jetzt auf dem Weg zu einem Planeten, auf dem ich leben kann …soll?!
Es kann kein Zufall sein, dass ich hier in dieser Blase stecke und diese Reise – von woher? – unternommen habe. Jemand oder etwas hat mich in diese Situation gebracht, also steckt eine geplante Absicht dahinter.
Während dieser Überlegungen hatte sich der Flug der Blase weiter verlangsamt und er hatte genügend Zeit, sich die Planeten und Monde dieses Systems anzusehen. Einige erschienen ihm wie gewaltige Ansammlungen von nicht fester Materie, glichen eher sich drehenden Kugeln bunter Gase. Andere, kleinere hatten feste Konturen und vielfältige Verformungen ihrer Oberfläche. Er konnte auf ihnen Tausende von kreisförmigen Gebilden entdecken, die das Gesicht der Planeten wie Wunden und Narben bedeckten.
Sein mit der Betrachtung der Planeten und Monde beschäftigtes Bewusstsein nahm nur nebenbei zur Kenntnis, dass er weder Wunden noch Narben in ihrer ursprünglichen Bedeutung hätte erklären können. Aber beim Anblick der zerfurchten Planeten waren die Wörter aufgetaucht und er nahm sie einfach hin. Irgendwann würde er auch dafür die Lösung bekommen.
Einer der Planeten hatte sogar ein Band um sich herum, das sich bei der Annäherung in mehrere kleinere Bänder auflöste und in ihm den Wunsch weckte, einmal darauf laufen zu können. Für einen Augenblick schien es, also sollte sein Flug ihn genau zu diesem Planeten führen, aber dann folgte die Blase doch weiter ihrer Bahn und zog an dem Ringplaneten vorbei.
Fast enttäuscht blickte der Mann noch eine Weile dem sich entfernenden Planeten nach, drehte sich dann aber wieder in Flugrichtung um. Er passierte einen weiteren – wie es ihm schien, noch größeren – Planeten und sah dann eine Gruppe von viel kleineren auf sich zukommen. Der erste in seiner Richtung war fast völlig rot, bis auf zwei kleine, weiße Kappen, die sich genau gegenüberlagen, doch der dahinter liegende Planet verschlug ihm den Atem.
Er war etwa doppelt so groß wie der rote, aber seine leuchtendblaue Oberfläche war umhüllt von einer dünnen Gasschicht, in der blütenweiße Flecken schwebten. Von der gelben Sonne aus gerechnet war es der dritte Planet des Systems und bei weitem der schönste von allen. Hatte ihn der Anblick des Ringplaneten schon begeistert, so war er doch von diesem völlig hingerissen. Auch dieser hatte zwei weiße Kappen, aber unter der Gasschicht konnte er braune und grüne Bereiche erkennen, die scharf abgegrenzte Ränder hatten, die sie von den blauen Flächen trennten. Er war sich völlig sicher:
Das war sein Ziel.
Und wie zur Bestätigung hielt die Blase genau auf diesen Planeten zu, obwohl hinter ihm noch zwei weitere zu sehen waren. Die Geschwindigkeit hatte weiter abgenommen, war aber immer noch so groß, das der Mann den Eindruck hatte, dass wenn sie nicht weiter sinken würde, er vielleicht an dem herrlichen blauen Planeten vorbeischießen oder gar auf ihn draufstürzen könnte. Sofort verwarf er diese Befürchtung wieder, denn es erschien ihm unsinnig, ihn so eine weite Reise unternehmen zu lassen und dann am Ziel durch zu hohe Geschwindigkeit umzukommen.
So ängstigte er sich auch nicht, als die Blase in die Atmosphäre des Planeten eindrang und nach wenigen Augenblicken in Flammen getaucht war. Die Temperatur innerhalb der Blase blieb gleich, doch konnte er leider nichts mehr außer den Flammen sehen. Er spürte weder Hitze, noch Bewegung, war sich aber sicher, dass er ohne den Schutz der Blase den Flug nicht überlebt hätte. Nach kurzer Zeit lösten sich die Flammen auf und er konnte wieder die Oberfläche erkennen. Das Tempo musste sich enorm, und von ihm unbemerkt, verringert haben, denn jetzt konnte er eine Unzahl von Einzelheiten betrachten, die gemächlich unter ihm vorüber zogen.
Riesige grüne Flächen, bestehend aus vielerlei Pflanzen wechselten sich ab mit weiten, flachen Ebenen, deren Böden in den unterschiedlichsten Farben vor ihm lagen. Schier unendlich war auch die Zahl von Lebewesen – Tieren – die dort grasten.
Er konnte seine Augen nicht von ihnen lassen und beobachtete so völlig voneinander verschiedene Arten in einer Menge, die ihm erneut den Atem verschlugen.
Völlig vergessen lag der Brocken Nahrung und die Flüssigkeit in der Mulde neben ihm, obwohl sein Magen wieder kullernde Geräusche von sich gab. Er wusste mit absoluter Sicherheit, dass er hier das Ende der Reise vor sich hatte und er nicht mehr auf die Versorgung durch die Blase angewiesen war. Dieser Planet hatte alles, was er benötigen würde. Er brauchte nur die Blase zu verlassen und diese Welt in Besitz nehmen.
Als hätte die Blase nur auf diesen seinen Gedanken gewartet, setzte sie zur Landung an. Weich und ohne die geringste Erschütterung berührte sie den Planeten an einer Stelle, die von sanften Hügeln, grasbedeckt und saftig aussehend, umgeben war. Fast im gleichen Moment, als die Blase zur Ruhe kam, schoben sich zwei Teile genau vor ihm auseinander und verschwanden im unteren Teil der Blase.
Ohne zu Zögern schritt der Mann hinaus und atmete die würzige, mit vielen unbekannten, aber verlockenden Düften durchsetzte Luft dieser Welt ein. Seine Füße wurden gekitzelt von den weichen Halmen des Grases, das dicht gewachsen war und von vielen bunten Sprenkeln anderer Pflanzen durchbrochen wurde.
Als ein leichter Luftzug seinen Rücken berührte, drehte er sich herum und sah die Blase wieder in den Himmel aufsteigen. Ohne Bedauern folgte er ihr mit seinen Blicken so lange, bis sie in den Wolken verschwand, dann wandte er sich um und schritt den vor ihm liegenden Hügel hinauf.
Das Laufen fiel ihm nicht schwer, im Gegenteil, er verspürte eine Lust, den ganzen Planeten zu durchwandern, neugierig auf alles, was es zu entdecken gab. Ohne außer Atem zu kommen, schritt er zügig den Hügel hinauf, der von Bäumen umgeben war, die allerlei Früchte trugen. Als er ihn bestiegen hatte, stand er auf einer weiten, fast kreisförmigen Lichtung, in dessen Mitte ein gewaltiger einziger Baum stand, der ebenfalls Früchte trug.
Wieder knurrte sein Magen und forderte nachdrücklich Nahrung und die roten Früchte des Baumes sahen reif und herrlich aus.
Aber von diesem Baum würde er nicht essen.
Nicht heute.
- Ende -
Copyright © 1997 by Cameo Flush
Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-minus74-minus54.jpg” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.
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Liebe auf den ersten Blick war es weiß Gott nicht – so lässt sich der Beginn der Romanze zwischen Adam und Eva beschreiben, wenn wir uns nicht auf die Genesis, sondern auf die Tagebücher berufen, die Mark Twain (1835-1910) seinen biblischen Protagonisten in die Federn diktierte. Mit ebenso humor- wie liebevoller Nachsicht verhandelt der weltberühmte amerikanische Autor hier die keineswegs paradiesischen Unzulänglichkeiten der Geschlechter am Beispiel des ersten Traumpaars der Geschichte. Dass die beiden schließlich doch noch zueinanderfinden, ist ein seltenes Glück für die Menschheit – und für den Leser!
Mark Twain, eigentlich Samuel Clemens, geb. am 30.11.1835 in Florida (Missouri). Im Alter von 12 Jahren musste er die Schule abbrechen und begann eine Lehre als Schriftsetzer. Mit 17 Jahren ging er nach New York, dann nach Philadelphia, wo er die ersten Reiseskizzen schrieb. Von 1857 bis 1860 war er Lotse auf dem Mississippi, nahm am Sezessionskrieg auf der Seite der Konföderierten teil und war 1861 Silbersucher in Nevada. 1864 lebte er in San Francisco, 1866 als Reporter auf Hawaii und 1867 als Reisender in Europa und Palästina. Er gründete einen Verlag, mußte aber 1894 Konkurs anmelden und ging auf Weltreise, um mit Vorträgen seine Schulden abzutragen. Mark Twain starb am 21.4.1910 in Redding (Conneticut). Twain wurde insbesondere durch die Abenteuer von Huckleberry Finn und Tom Sawyer bekannt. Er gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren des 19. Jahrhunderts und besticht besonders durch sein humoristisches und satirisches Talent.
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