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ÜBER DIE TRIANGULIERUNG ALS SELBSTHEILUNGSPROZESS BEI KREBSERKRANKUNGEN – KREBS ALS LEBENSCHANCE. – Ein Artikel von Bernd Holstiege.

Erstellt von Detlef Hedderich am 2. März 2012

ÜBER DIE TRIANGULIERUNG ALS SELBSTHEILUNGSPROZESS BEI KREBSERKRANKUNGEN – KREBS ALS LEBENSCHANCE

Ein Artikel

von

Bernd Holstiege.

Obwohl mindestens 50% der Krebserkrankungen ausheilen, also Krebs noch lange nicht zum Tode führen muss, wird Krebs meist mit einer lebensbedrohlichen Katastrophe, mit Tod und elendem und schmerzvollen Siechtum in Verbindung gebracht. Dies gilt nicht nur für den Erkrankten selbst, sondern oft noch mehr für sein Umfeld. Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapie sind in der Organmedizin normalerweise die Mittel der Wahl und verbessern die Lebenschancen. Psychologische Betreuung und psychotherapeutische Gespräche werden in der Rehabilitation und Nachsorge von Krebserkrankungen üblicherweise angeboten. Man hat die Erfahrung gemacht, dass diese nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Prognose von Krebserkrankungen günstig beeinflussen können, während die Ablehnung dieser Betreuung die Prognose verschlechtert.

Fallbeispiele

Ein vierzigjähriger Besitzer eines Reisebüros war an einem Kehlkopfkrebs erkrankt. Er schilderte, noch im Krankenhaus habe er Pläne gewälzt, was er nun machen könne. Er hat den Beruf gewechselt und sich den lang ersehnten Wunsch, Ausdauersport zu betreiben, erfüllt. Beim Triathlon habe ich ihn 10 Jahre später kennen gelernt. Um Sport ausüben zu können, meinte er, mit dem Rauchen aufhören zu müssen. Rauchen gilt als Risikofaktor bei Krebserkrankungen der Atemwege. Er schilderte, sein Bettnachbar, der das Gleiche hatte, sei in eine Katastrophenstimmung und Verzweiflung gefallen und bald darauf verstorben.

Einen ähnlichen Zusammenhang berichtete die Frankfurter Rundschau vor einigen Jahren bei HIV-Positiven. Ein HIV-Positiver hatte in aller Ruhe sein Leben weitergeführt und war in über 20 Jahren nicht an Aids erkrankt, während die Verzweifelten schon lange gestorben waren. Deswegen dient die psychotherapeutische Nachsorge vor allem der Beruhigung und Aufhebung von Katastrophenstimmung und Verzweiflung. Andere Krebspatienten, die Veränderungen in ihrem Leben herbei führen, etwa sich lang ersehnte Lebenswünsche, Reisen oder Trennungen aus unerträglichen Lebenssituationen erfüllen, können dadurch überleben. Die Vorstellungen über diese Veränderungen müssen jedoch in ihrem Weltbild vorhanden sein oder sich durch äußere Anregungen und Ermutigungen ergeben. Können die Erkrankten sich nicht aus unerträglichen Lebenssituationen befreien, etwa einer völlig zerstrittenen Ehe- oder Familiensituation, haben sie eine ungünstigere Prognose.

Psychosoziale Faktoren in der Nachsorge

In der Nachsorge ist der Einfluss von psychosozialen Faktoren, das heißt die Persönlichkeit und die zwischenmenschlichen Beziehungen, auch in der traditionellen, organmedizinischen Behandlung anerkannt und wird vielfältig als therapeutisches Mittel eingesetzt. Ein Krebspatient, der allein körperlich auf die befallenen Organ fixiert ist und sich den heilenden Einfluss der Zwischen- und Mitmenschlichkeit nicht vorstellen kann, hat also eine schlechtere Prognose. Daneben gibt es noch eine Vielfalt von esoterischen und pflanzlichen Behandlungsmethoden wie die Mistel, die außerhalb der Organmedizin angewandt werden, und wo wohl mehr der Glaube, beziehungsweise der Plazeboeffekt wirkt, also psychosoziale Faktoren in der Übermittlung von Glauben und Hoffnung. In ihrer Not greifen viele Krebspatienten zu allem, was irgendwie und irgendwo Hoffnung und Heilung verspricht.

Psychosoziale Faktoren bei der Entstehung

Psychosoziale Faktoren bei der Entstehung und als Teilursache der Krebserkrankung sind jedoch absolutes Tabu. Als ich dieses Thema bei einem Vortrag über die psychotherapeutische Nachsorge anzusprechen wagte, stach ich in ein Wespennest, wurde sofort nieder geschmettert und auf den Scharlatan Grossarth-Maticek verwiesen, der vor zig Jahren ein Buch über die angebliche Krebspersönlichkeit geschrieben hat und seine Untersuchungen gefälscht habe. Dieser hatte in seinem Buch über Faktoren der Krebspersönlichkeit wie Opferhaltung, massive Angst, unterdrückte Aggressionen und Feindseligkeit geschrieben. Diese Faktoren finden sich vielfach auch bei Menschen, die deswegen noch lange nicht an Krebs erkranken. Bis auf die Angst stellen die Opferhaltung und die Aggressionsbewältigung durch Unterdrückung hohe kulturelle und gesellschaftliche Werte dar.

Die Gründe und Hintergründe dieser erwähnten aggressiven Verbannung psychosozialer Faktoren sehe ich in den sowieso schon vorhandenen Schuldgefühlen von Krebskranken, der Stigmatisierung von Schwäche und Versagen, die durch den Begriff der Krebspersönlichkeit noch verstärkt würde. Viele Krebskranke halten Krebs für eine Bestrafung für ihre Sünden. Deswegen erzeugt alleine die Erwähnung psychosozialer genetischer Faktoren bei der Krebserkrankung heftige Aggressionen im gesamten Umfeld.

Krebs und Traum

Zum Vorstadium und zur Persönlichkeit von später Krebserkrankten zwei kleine Fallbeispiele: Eine Frau schilderte ihrer Freundin einen Traum, in dem sie eine Seefahrt unternahm und sämtliche weiblichen Attribute über Bord warf. Sie wurde bald darauf an Brust – und Unterleibskrebs operiert. Als sie später auf diesen Traum hingewiesen wurde, konnte sie sich an nichts erinnern.

Ein Depressiver, der als Sozialarbeiter tätig war, schilderte merkwürdige und bizarre Tagträume. Einen makaberen Traum, weil ich ihn für so zutreffend hielt, behielt ich in Erinnerung. Er schilderte den zwischenmenschlichen Zusammenhang als einen Kreis von Menschen, in dem jeder seinen Kopf im Arsch des Anderen hatte. Nach meinem Eindruck habe ich ihm wenig helfen können. Er war zu sehr fixiert auf seine Helferhaltung und Angst- und Aggressionsfreiheit. Etliche Jahre später rief er mich an und erwähnte nebenbei, er sei an Nasenkrebs erkrankt. Spontan dachte ich „kein Wunder bei den Gerüchen, die er auszuhalten hat“. Als ich zwei ärztlichen Kollegen diese Geschichte erzählte, hielten sie begeistert diese Geschichte für den Beweis der Psychogenese des Krebses. Als Beweis halte ich das für übertrieben, aber vielleicht als Hinweis. In beiden Fällen war die Wahrnehmung und Erinnerung für die Betroffenen äußerst flüchtig. Aber das Umfeld, die Freundin, die den Traum auch mehr zufällig schilderte, und der Psychotherapeut bewahrten die Erinnerung. Bei den Betroffenen waren diese Träume tief im Unbewussten versunken und hatten dennoch eine dynamische, selbstzerstörerische Kraft.

Selbstheilendes Fallbeispiel

Ein psychologischer Kollege schilderte mir seinen Umgang mit seinem Blasenkrebs. Blasenkrebs hat eine starke Nachwachstendenz und in seiner Form war fast mit Sicherheit mit einem Nachwachsen, wenn auch nicht mit einer tödlichen Metastasierung zu rechnen. Laut Aussage seines Urologen kam er knapp an einer künstlichen Blase vorbei. Er fasste den Krebs als Warnsignal und als einen Schuss vor den Bug auf, etwas in seinem Leben zu verändern. Durch seinen Beruf sowieso schon auf die Wahrnehmung seiner inneren Befindlichkeit und seines Sozialraumes ausgerichtet, sagte er sich, er dürfe nicht in Katastrophenstimmung und Verzweiflung verfallen, –  musste noch eher seine Gattin beruhigen -, müsste noch mehr sich selbst akzeptieren, innerlich präsenter sein, da er sich bei gutem äußeren Funktionieren im Inneren öfter latent durcheinander fühlte, und sich seine Aggressionen zu gestehen und mehr heraus lassen. Leichter fiel im dies, weil er schon früher mit der Selbstwahrnehmung, vor allem seiner Ängstlichkeit, günstige Erfahrungen gemacht hatte. Seinen Lebensweg und die äußere Anerkennung betrachtete er eher verwundert, da dies nicht seiner inneren Welt entsprach.

Prägend sah er seine kalte, beherrschende Mutter, voll unterdrückter Wut, die ihn immer entwertet hatte, worunter seine Hingabe-, Liebes- und Abgrenzungsfähigkeiten gelitten hatten, und als Folge seine automatische Tendenz, sich nicht genügend zu akzeptieren, sich innerlich Berge aufzubauen (Rückenbeschwerden) und vor diesen angstvoll zurück zu schrecken, statt Nähe Distanz zu suchen und die eigenen Aggressionen zu unterdrücken, als Folge aber feindselig zu sein. Auch der Vater hatte kein Gegengewicht gebildet, sondern eher ins Horn der Mutter geblasen. Offenbar gelang ihm die innere Veränderung so gut, dass der Krebs nicht nachwuchs. Jedoch schilderte er, diese Vorgänge seien eine lebenslange Aufgabe, da er immer wieder die Neigung habe, in das alte Fahrwasser zurückzufallen.

Von einem alten Schulfreund erzählte er, dass dieser an Blasenkrebs gestorben sei. Er forschte bei der Gattin nach und erfuhr, der ältere Bruder müsse der Mutter nun helfen. Aber dieser habe zwei linke Hände. Es stellte sich heraus, dass der Freund auf Abruf und Kommando der Mutter immer geholfen hatte, dies einmal verweigerte und die Empörung der Mutter über sich ergehen lassen musste. Vielleicht war die Krebserkrankung die Strafe für sein Unfolgsamsein. Eine psychologische Betreuung hatte er in der Rehabilitation nach einer künstlichen Blase abgelehnt.

Psychosoziale Faktoren bei der Genese

Autoaggression

Jeder Mensch wird in seiner Kindheit geprägt und hat insofern andere Menschen in sich. Es kommt darauf an, was er in sich herum trägt, ob dies negative, schlimme Inhalte sind. Sollte man psychosoziale Faktoren bei Krebserkrankungen akzeptieren und diese nicht weit von sich zu weisen, erscheinen mir die Konzepte der Autoaggression, beziehungsweise der Identifikation mit dem Aggressor, der projektiven Identifizierung und zur Überwindung und Selbstheilung das der Triangulierung hilfreich. Krebs könnte man zu den Autoaggressionskrankheiten zählen. Über diese Konzepte habe ich bereits Artikel geschrieben.

Die Autoaggression stellte die Aggression auf die verinnerlichten frühen Primärobjekte dar. Durch die Übernahme, also Verinnerlichung oder Introjektion der Welt der und den Erfahrungen mit den Primärobjekten, hauptsächlich der Mutter, befinden sich diese in der eigenen Person, im eigenen Selbst und die ursprünglichen Aggressionen auf das Umfeld richten sich gegen dieses eigene Selbst. Wut und Hass auf das primäre Umfeld werden also zu Wut auf die eigene Person und zu Selbsthass. Man kann auch von Identifikation mit dem Aggressor sprechen. Zur Autoaggression gehören auch die Schuld und die Schuldgefühle, die eigene Entwertung und Entwürdigung, Selbstverachtung und Schamgefühle. Die Scham ist die Folge eines Größenbildes von Autonomie und Stärke als Reaktion auf das ursprüngliche Ausgeliefertsein und die Ohnmacht des kleines Kindes.

Projektive Identifizierung

Die Autoaggression ist in der zwischenmenschlichen Beziehung auch die Folge der projektiven Identifizierung. Die Primärobjekte, meist die Mutter, aber auch der Vaters und andere Familienangehörige, projizieren Anteile ihrer Aggressionen auf sich selbst, Selbstentwertung und Selbsthass auf das Kind, sehen sich selbst also im Kind, und das Kind identifiziert sich mit diesen ursprünglich fremden Selbstanteilen. Sie sind also befreit und sozusagen gereinigt, und das Kind hat den schwarzen Peter und den Schmutz. Diese Vorgänge finden sich bei vielen Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen,

Containerfunktion

Aus einer anderen Perspektive gesehen kann die für die menschliche Reifung wichtige Containerfunktion, das heißt Beruhigung, Tröstung und Wiedergutmachung, der Mutter/Eltern in der Beziehung zum Kind gestört sein. Im Gegenteil, oft verursachen die Spannungen des Kindes zusätzliche Spannungen und Aggressionen der Eltern, an denen sie das Kind schuldig sehen wie „du machst mir Ärger, Kummer und Sorgen“ für Dinge, für die sich andere Eltern keinerlei Sorgen machen. Diese Zuschreibungen übernimmt das Kind, so dass die Hingabe und das Vertrauen gestört sind. Oft findet sich sogar eine Rollenumkehr, das Kind beruhigt die Mutter/ Eltern (Paternalisierung), etwa schön lieb, brav, anständig zu sein, gute Schulnoten zu präsentieren oder die hohen Ansprüche zu erfüllen, die die Eltern für sich nicht erfüllen konnten. Eine frühere Patientin, zu deren Familientradition es gehörte, dass, wenn das Kind etwa 15 Jahre alt war und selbstständiger wurde, die Mutter entweder ein neues Kind bekam oder an Krebs verstarb, berichtete, sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als sich mit ihren Problemen an ihre Mutter zu wenden.

„Falsche“ Empathie und Verhexung

Auch unter der Perspektive der Empathie, das Sichhineinversetzen und Hineinfühlen in jemand anderes, kann man die frühe zwischenmenschlichen Kommunikation betrachten. Eine Mutter mag glauben, den Charakter oder die Befindlichkeit ihres Kindes genau zu kennen, wobei sie ihre Bilder oder Befindlichkeiten aus sich selbst oder aus früheren Erfahrungen mit ihrem Umfeld nimmt, die jedoch in keiner Weise dem Kind entsprechen. In das Kind wird also ein fremdes und falsches Selbst platziert, an das das Kind glaubt und das seine Gefühlslage bestimmt. Das kann zu einer falschen Fürsorge führen. Dazu ein Beispiel: Eine junge Frau war bei ihrer Großmutter aufgewachsen, die immer wieder betont hatte, wie froh und glücklich die Enkelin sei, bei ihrer Oma aufwachsen zu dürfen. Die junge Frau betonte später “und sie war froh und glücklich “, bei einer Frau, bei der das Umfeld von einer Hexe sprach. Sie war also regelrecht verhext, worin ich den symbolischen Hintergrund der früheren Hexenverbrennungen sehe. Durch den inneren Widerstreit von eigenem und fremdem Selbst, gerät das Kind lebenslang in innere Zerrissenheit, oft in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung und verliert sich selbst. Der oben erwähnte Psychologe erzählte, mit Anfang 20 habe er mehrfach erstaunt festgestellt, er sei gar nicht so, wie seine Mutter immer gesagt hatte. Durch das Erstaunen wurde er aufmerksam gemacht, daß er bisher daran geglaubt hatte.

Transgenerationelle Perspektive

Man sieht, die Krebserkrankung kann die Folge tragischer zwischenmenschlicher Verstrickungen und mangelhafter Abgrenzungen über Generationen hinweg sein. Bei der an den weiblichen Attributen operierten Frau wurde wohl schon über Generationen hinweg geprägt, dass sie so sehr ihre Weiblichkeit ablehnte und diese zerstörte. Allein schon das christliche Heiligenbild der „Jungfrau Maria“ verweist auf die Verteufelung der Sexualität. Der Sozialarbeiter beschrieb den zwischenmenschlichen Zusammenhang in einem demütigenden Bild, wo die Selbstbestimmung, der eigene Kopf sich im Anderen auf entwürdigende Weise verlor.

Auslösungspunkt

Diese psychosozialen Erfahrungen werden im Körper, hauptsächlich im Gehirn, gespeichert und mögen jahrzehntelang dahin schlummern. Das fremde Selbst und dessen Geist sind also im eigenen Körper körperlich vorhanden. An einem Auslösungspunkt kann das fremde Selbst körperlich im Körper des Erkrankten anfangen zu wuchern, so wie es schon früher der Geist tat und durch die Verinnerlichungen weiterhin getan hat, sich auszubreiten und hat die Neigung, den Körper des Erkrankten zu zerstören. Vorherrschend sind wohl die Gefühle der Ver- oder Erbitterung und Verzweiflung, lebenslang enttäuscht oder benachteiligt zu sein, und der Hoffnungslosigkeit hinsichtlich Veränderungen. Eine Frau etwa fühlte sich von ihrer Mutter trotz ihrer Bemühungen, alles ihr recht zu machen, nie akzeptiert und musste alle Hoffnungen begraben, als diese starb. Ihre Aggressionen, im Stich gelassen zu sein, breiteten sich als tödlicher Darmkrebs aus. Eine andere Frau konnte ihrer Mutter nicht verzeihen und reagierte verbittert, daß sie das Haus ihrem nächsten Mann vererbt hatte. Sie meinte, es stehe ihr zu, so wie sie sich in vielen Situationen von ihrer Mutter benachteiligt sah. Beide Mütter hatten in ihren Töchtern ihr negatives Selbst (das Objekt als Selbst, Selbstobjekt) erlebt und konnten deswegen nicht gute Mütter sein.

Wahrscheinlich hängt der Grad der Bösartigkeit des Krebses vom Maß der Autoaggression ab. Ist diese sehr stark und massiv verankert, sind die Überlebenschancen geringer. Wegen der Weitergabe über Generationen hinweg kann der Krebs auch eine transgenerationelle Perspektive haben und in Familien gehäuft auftreten. Bei dem Freund des Psychologen mag die Aggression der Mutter, die Sünde des Ungehorsams und die Unterdrückung der eigenen Aggressionen dieser Punkt gewesen sein. Der Psychoanalytiker Günter Maass beschreibt als Auslösungspunkt in den Wechseljahren das Ziehen einer Lebensbilanz, in der das eigene Scheitern im Vordergrund steht und im Zukunftsentwurf Hoffnungslosigkeit, jemals noch etwas ändern zu können, und Verzweiflung bestehen. Dabei mögen Vorhaltungen und Vorwürfe des Umfelds eine auslösende Rolle spielen.

Jedoch spielen nicht nur negative Gefühle eine auslösende Rolle, sondern auch die Tendenz, in der Erkrankung das zu finden, was man im Leben nie gefunden hat wie Fürsorge, Kümmern und eine Erlösung von einem harten Leben. Eine Darmkrebskranke hatte an ihrem Partner kein gutes Haar gelassen und wurde schließlich von einem Gruppenmitpatienten gefragt, warum sie überhaupt noch bei ihm bleibe. Sie antwortete, weil er sie so schön pflege und sie sich so geborgen fühle. Wenn aus dieser „Bedürftigkeit“ heraus alle Bemühungen der Wiedergutmachung und des Ausgleichs durch die Opferhaltung, alle Erwartungen zu erfüllen, allen es recht zu machen, gescheitert und enttäuscht sind, können die resultierenden Aggressionen sich gegen den eigenen Körper richten. Die Anspruchshaltung ist die eigene Falle.

Triangulierung

Grossarth-Maticek hatte mit seinen Mitarbeitern ein Autonomietraining entwickelt und zur Selbstwahrnehmung ermuntert. Nicht mehr Herr in der eigenen Person zu sein, Eigenregie führen zu können und dunklen Mächten ausgeliefert zu sein, sind wohl die eigentliche Katastrophe, die im Krebs wieder erlebt wird, wieder erlebt, weil das fremde vernichtende Selbst die eigentliche Katastrophe darstellt. Diese Selbstwahrnehmung ist im doppelten Sinne zu verstehen, einmal die eigene Befindlichkeit, die eigenen Gefühle, Bilder, Phantasien und, wie oben dargestellt, die Träume, inwieweit sie Ausdruck des eigenen Lebens sind und inneren Realitäten entsprechen, und das eigene Handeln wahrzunehmen. Weiterhin gehört hinzu, sich selbst im Kontext der Vergangenheit und Prägungen zu erleben, dort die Kindheitsperspektive mit ihren Verinnerlichungen, und aktuell die Einwirkungen von außen, etwa Vorwürfen, die auf einen vorbereiteten Boden treffen und zu Schuldgefühlen, Selbstentwertungen und Aggressionen führen.

Zum anderen ist die eigene Interessenswahrnehmung innerhalb des Sozialraumes gemeint. In einem Klima und in einer Kultur der Opferhaltung, Verantwortung und Rücksichtsnahme für andere und nicht der Selbstverantwortung und Rücksichtsnahme auf sich selbst – siehe den obigen Menschenkreis – wird die Interessenswahrnehmung naturgemäß durch Vorwürfe wie Rücksichts- und Verantwortungslosigkeit erschwert. Durch die Selbstwahrnehmung wird die Regie in der eigenen Person innerhalb des Sozialraumes wieder hergestellt oder erst gewonnen.

Diese Selbstwahrnehmung beinhaltet das Konzept der Triangulierung, sich selbst und die sozialen Bezüge sozusagen wie eine dritte Person von außen zu betrachten und für sich selbst wie ein guter Vater zu sein, der das Kind aus den Verstrickungen mit der Mutter und anderen zwischenmenschlichen Bezügen heraus führt. In ihr stecken die Chancen. Deswegen stellt der Vater, im deutschen Märchen der Prinz oder im Christentum der Gott Jesus Christus, so etwas wie eine Erlöserfigur dar. Die Symbolik von Märchen und Religion können so Realität im Alltag werden.

Der Psychologe hat seinen Blasenkrebs als Chance und Reifungsschritt verstanden. Sich selbst im Kontext seiner Kindheit zu sehen, war ihm vertraut, und er konnte seine Kindheit in der Aktualität wieder erleben. Unter seiner angegebenen vermehrten Präsens kann seine Selbstwahrnehmung verstanden werden. Er konnte seine innere latente Verwirrung durch die Aufspaltung und Unvereinbarkeit seiner inneren Widersprüche, etwa Nähe und Distanz, der Wunsch nach eigenen Schritten und Anlehnung und Geborgenheit, Rücksichtsnahme auf andere und auf sich selbst, integrieren, d.h. zu einer Einheit zusammen führen.

Das Wichtigste ist die Selbstakzeptanz, -bejahung, -achtung oder -anerkennung, mit sich und dem eigenen Leben einverstanden zu sein, egal wie dieses aussieht, die auch in der Selbstwahrnehmung geschaffen wird. Wurde man schon nicht in der Kindheit anerkannt und sieht als Folge die Nichtanerkennung in die Umwelt hinein, gilt es, diese nachzuholen. Die verhinderte Selbstwahrnehmung durch Verdrängung, Verleugnung oder Projektion dreht das ursprüngliche Ziel in das Gegenteil um. Schließlich muß es ja etwas Schlimmes sein, wenn man es nicht wahrnehmen will. Der Vogel Strauß beschwört sozusagen die Gefahren, vor denen er den Kopf in den Sand steckt. Diese Abwehrmechanismen sind jedoch nicht ein bewusster Willen und Vorgang, sondern eine meist unbewusste, lebenslange innere Automatik, der man auf die Schliche kommen kann. Der Psychologe realisierte auch, daß die Selbstwahrnehmung- und -akzeptanz ein lebenslanger, unter veränderten Bedingungen wie veränderten Lebensphasen und Alterungsprozessen und veränderten zwischenmenschlichen Beziehungen und Einflüssen, immer wieder ein neu zu erringender Prozess ist, da er seit seiner Kindheit eine ganz andere Welt in sich hat. Wird dieser Prozess aufgegeben, weil man etwa ein Problem ein für alle mal gelöst haben will, wird das Leben aufgegeben.

Zur Selbstachtung gehören auch der Verzicht und das Loslassen ursprünglicher Ansprüche und Lebensziele. Lebensziele können Erfolg, nach welchen Kriterien auch immer, äußerlich anerkannter Status, wofür sich viele in Schulden stürzen, oder die Familienharmonie sein, auf deren Altar die unterschiedlichen Interessen geopfert werden und alle ihren Kopf im Arsch des Anderen stecken lassen.. Der Verzicht auf die Ansprüche an andere schafft die Achtung für andere und damit mehr zwischenmenschliche Harmonie. Das konnten die oben erwähnten Krebskranken nicht, und ihre Erbitterung verbreitete sich in ihren Körperzellen.

Wichtig ist auch die Betrachtung anderer, vor allem der nächsten Bezugspersonen, wenn dies auch oft Konflikte schafft, auf deren Hintergründe und Motivationen. Das kann man jedoch nie so genau wissen, höchstens vermuten, aber man kann wissen, daß andere ihre Hintergründe und Motivationen haben. Schließlich schlagen sich deren Aussagen, deren Glauben und Realitäten und deren Verhalten als Einflüsse in der eigenen Person nieder. Anhand von Vorwürfen und Vorhaltungen – im Bild zeigt der ausgestreckte Zeigefinger auf den Anderen, unter der Hand verdeckt zeigen drei Finger auf den Vorwerfenden zurück – ist gut zu verdeutlichen, daß Vorwürfe mehr mit dem Vorwerfenden als mit dem Adressaten zu tun haben. Nimmt man die Vorwürfe an, besteht zwar ein besseres zwischenmenschliches Klima, aber ein schlechteres inneres Klima von Autoaggression und Entwertung. Weist man sie zurück, besteht ein besseres inneres, aber schlechteres zwischenmenschliches Klima. Die Tragik ist, daß bei Entwertungen immer ein schlechtes Klima herrscht, deswegen als Rettung die Selbstakzeptanz. Schließlich ist niemand allzeit der Herr guter Beziehungen, und Konflikte sind oft vorprogrammiert. In diesem Klima helfen Gespräche oft nicht weiter, da der Eine oder Andere fürchtet, daß es dann nach dem Kopf des Anderen geht und dieser die Vorherrschaft übernimmt. Ein Mediator oder ein Coach können weiter helfen.

Im Vorfeld von psychischen und körperlichen Erkrankungen ergibt sich jedoch bei der Betrachtung anderer das Problem, nicht ausreichend zwischen sich und dem Anderen differenzieren zu können, das heißt sich selbst, eigene Befindlichkeiten und Motivationen, ähnlich wie bei der falschen Empathie oder Vorwürfen, im anderen zu erleben. Auch dabei kann der Versuch der Triangulierung, vorher sich selbst aus der dritten Position heraus zu betrachten, weiter helfen. Bei den regelmäßig vorhandenen Schuldgefühlen lohnt es sich zu betrachten, wann und warum früher in der Prägephase und heute diese gemacht wurden und werden. Schuldgefühle gehen meiner Ansicht nach sowieso an der Realität vorbei, in der der Mensch in anbetracht einer Vielzahl von bewussten und unbewussten meist widersprüchlichen Hintergründen nach bestem  Wissen wahrnimmt und handelt, auch wenn er dabei ein schlechtes (Ge)Wissen bekommt und hat.

Das Beispiel des HIV-Positiven zeigt die Überlebenschancen, daß eine Bedrohung wie der HIV-Virus durchaus vom menschlichen Körper verkraftet werden kann, wenn Ruhe und Besonnenheit und nicht ein allzu großes Maß an Autoaggression vorherrscht. Die Bedingungen müssen schon in der Kindheit geschaffen sein. Die psychosozialen Bedingungen, die Krebs auslösen können, sind nicht so spezifisch und können mehr oder weniger für viele organische und alle psychischen Erkrankungen zutreffen, so daß man meiner Ansicht nach nicht von einer Krebspersönlichkeit sprechen kann. Der Weg der Triangulierung ist überall, dies trifft auch auf die vermeintlich gesunde Persönlichkeit zu, nützlich und kann lebensrettend sein.

Wie sehr die Verweigerung der Opferhaltung im Helferumkreis verpönt ist und zu Empörung und Aggressionen führt, mag das folgende Beispiel zeigen: Als seine Frau an Krebs erkrankte, begab sich der Ehemann auf große Reise und ließ verlauten, er komme erst zurück, wenn sie geheilt sei. – Gemäß der kulturellen Rollenverteilung können das Frauen wohl seltener. – Vielfach wird sein Verhalten als Rücksichtslosigkeit, Pflichtverletzung und Verweigerung von Hilfe gesehen oder vielleicht auch als eine panische Angst vor Ansteckung. Man kann sein Verhalten auch anders sehen. Er gab ihr die Chance, sich auf sich selbst zu besinnen, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren und nicht mehr mit ihm verstrickt zu sein. Kann sie sein Verhalten bejahen, besinnt sie sich, hat sie bessere Überlebenschancen. Stimmt sie in den Chor der Empörten ein, lässt ihre Aggressionen heraus, möglicherweise auch. Pflegt er sie hingebungsvoll, kann er sie zu Tode pflegen wie der Partner der Darmkrebskranken, über den sie so empört war, oder auch lebensrettend sein. Meist wird es besser sein, sich von fremden Personen betreuen zu lassen, mit denen der Kranke nicht so involviert ist. Wer kann darüber urteilen, was richtig oder falsch ist? Es wird aber nach den Normen unserer Kultur, in der Krebs eine der häufigsten Erkrankungen ist, meist vehement geurteilt und verurteilt. Wahrscheinlich sind das Maß der Aggressionen infolge der Anspruchshaltung und das Loslassen während der Pflege oder Nichtpflege ausschlaggebend für den weiteren Verlauf.

Copyright © 2012 by Bernd Holstiege

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SCHNITTSTELLEN DER PERSÖNLICHEN BEGEGNUNGEN – Zum Tod des Psychoanalytikers Prof, Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter – Ein Artikel von Bernd Holstiege.

Erstellt von Detlef Hedderich am 21. Januar 2012

Der Psychoanalytiker und Vordenker ist nach kurzer, schwerer Erkrankung am 19.12.2011 im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben. Er war neben Gottstein der große alte Mann der deutschen Friedensbewegung, galt als Wegbereiter der psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie und hat mit seinen Arbeiten über die Psychosomatik zur Entwicklung der Psychoanalyse in Deutschland entscheidend beigetragen.

Laut der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth habe Horst-Eberhard Richter nicht nur zu der kleinen und exklusiven Reihe von Wissenschaftlern gehört, die das „Innerste“ der Menschen erforscht haben. Es sei ihm auch gelungen, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich selbst erkennen und aus dieser Erkenntnis lernen können. Dazu sei er mit seinem Wissen nicht im akademischen Elfenbeinturm verblieben, sondern habe es in die Gesellschaft hineingetragen. Neben anderen Auszeichnungen hatte ihn die Stadt Frankfurt am Main, in der er von 1992 an ein Jahrzehnt das Sigmund-Freud-Institut leitete, 2002 mit der Goethe-Plakette ausgezeichnet.

Bei den persönlichen Begegnungen hatte ich seine wohlwollende und warmherzige Haltung kennen gelernt. Wie jeder Mensch hatte er natürlich verschiedene Seiten. Als ich 1972/73 an einer psychosomatischen Klinik in Berleburg arbeitete, fuhr ich mehrere Semester nach Gießen zu Seminaren über Familientherapie und –dynamik unter Leitung von H.E. Richter. Über sein erstes Buch „Eltern, Kind und Neurose“ war sein Ruf und seine Denkweise zu mir gelangt, die meinen Horizont erweiterten und die ich weitgehend teilte. Er beschrieb kindliche Erkrankungen als Ausdruck und Folge des Familiensystems. Ich wollte ihn unbedingt erleben. In seinem Seminar zeigte er Filme über Ausschnitte von Familientherapien, die anschließend gemeinsam besprochen wurden, und ließ uns in Rollenspielen thematisch kurz umrissene, typische Familiensituationen spontan spielen.

Ein Rollenspiel ist mir noch nachhaltig und denkwürdig in Erinnerung. Es gab mir Aufschluß über meine Person, die Person von H.E. und verbreitete gesellschaftliche Verhältnisse.

Die Situation war: Vater, Mutter, 15 jährige Tochter und 12 jähriger Sohn. H.E war der Vater, ich der Sohn und eine Studentin meine ältere Schwester. Das Familienproblem war, meine Schwester trieb es mit den Jungens, an sich altersgerecht ganz normal, für diese streng moralische Familie jedoch ein Problem. Die Mutter war zwiegespalten. Einerseits musste sie im Moralsinne dagegen sein, andererseits dachte sie an sich selbst zurück, gönnte ihrer Tochter die Freiheit und sah sich wohl selbst ein Stück in ihr. Ich selbst dachte spontan daran, in ein paar Jahren bin ich auch soweit, und wollte für meine Schwester in die Bresche springen. Da traf mich von der Seite ein wohlwollend-strenger Blick meines Vaters „Du willst doch nicht etwa…!?“ – und ich schwenkte spontan total im Sinne der Moral um, zog mit lauter Allgemeinsätzen vom Leder und machte mit diesen meine Schwester fertig. Ich hatte ein doppeltes Machtgefühl, mit der Moral die Macht in der Familie in den Händen zu tragen, als Jüngster der Stärkste zu sein. Gleichzeitig entwarf ich in meiner Zukunftsaussicht, doch später irgendwie mein Schäfchen ins Trockene zu bringen und immer zu wissen, was andere böses anstellen, um diese zu verurteilen – also eine typische Doppelmoral zu verwirklichen.

Diese meine Situation ist die mancher katholischer Priester in ihrem Verhältnis zu Frauen, Kindern und der Beichte, wie ja zunehmend heraus gekommen ist. Ich bin ja katholisch erzogen, war Ministrant, überlegte sogar mal kurz, katholische Theologie zu studieren. Aber die Mädchen waren mir wichtiger.

Als wir am Ende der Seminarstunde hinaus gingen, traf mich ein böser Blick der Studentin. Sie sagte zu mir „genau das habe ich früher auch gehört und bin deswegen mit 15 ausgezogen!“ Ich dachte mir, anscheinend wird in vielen Elternhäusern exakt dasselbe geredet. Mehrere Monate später traf ich H.E. auf der Kliniktreppe. Er sprach mich an, und ich fertigte ihn höchst unhöflich in einem Satz ab. Anschließend machte ich mir fast entsetzt Gedanken „warum eigentlich…?“ und kam darauf, ich war ihm noch immer wegen der Verführung zum Selbstboykott böse. Dann machte ich mir Gedanken, was so alles in mir steckt, die Moral und Doppelmoral, die Sätze und vor allem, um das Wohlwollen meines Vaters zu erringen, war ich zu allem bereit, sogar meine eigenen Interessen, zumindest halb, aufzugeben. Andererseits meine ich noch heute, einen moralischen Nerv von H.E getroffen zu haben. Deswegen setzte er sich so aufopferungsvoll für zahlreiche gesellschaftskritische Projekte ein wie den Giessener „Eulenkopf“, die Ärzte gegen den Atomkrieg, die Friedensbewegung, schrieb sozialkritische Bücher, hielt der Gesellschaft den Spiegel vor – und hatte als attraktiver Mann für die Frauen auch noch Zeit – ein Tausendsassa oder ein Hans Dampf in allen Gassen. Seine Moral sehe ich nicht nur als Folge seiner verinnerlichten Familienmoral, sondern auch als Folge seiner schlimmen Kriegserlebnisse und der Ermordung seiner Eltern.

Allerdings merkte ich weiterhin, ich hatte das Wohlwollen von H.E. errungen, vielleicht durch die Übernahme dieser Moralrolle, der „brave“ Sohn zu sein, mein spontanes Schauspieltalent und meine Selbstreflexionsfähigkeit. Da sie sich entsprachen, waren in den Rollenspielen weiterhin Spiel und Wirklichkeit nicht zu trennen. Das Spiel war auch ein Teil und Spiegel der Wirklichkeit. Sein Wohlwollen nutzte ich 1974, als ich Bedenken hatte, ob ich die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ bekomme, da ich in meinen Augen den Voraussetzungskatalog nicht ganz erfüllt hatte. Ich bat ihn um ein Zeugnis. Das fiel so gut aus, wie ich es von mir selbst nie erträumt hätte. Bald darauf zog er mich als einzigen außerhalb des Mitarbeiterteams seiner Klinik zu einer Fernsehreihe im SWF hinzu, in der derartige Rollenspiele spontan gespielt werden sollten. Nach dem Spiel sollte jeder seine Befindlichkeit schildern und dann das Ganze noch wissenschaftlich für den Durchschnittsfernsehzuschauer verständlich aufbereiten. Nach Zusammenstellung eines Teams machte H.E. anscheinend gekränkt selbst nicht mehr mit, und seine Mitarbeiter waren froh, endlich mal etwas selbständig ohne ihren Übervater machen zu können. Ich sehe mich noch heute in meiner Rolle als Familienvater mit langen, pappigen Haaren und Pfeife. Da alle wohl überfordert waren, blieb es bei einer Sendung. Ohne den Übervater ging es wohl auch nicht.

Auf Tagungen und Kongressen der DAF (Deutsche Gesellschaft für Familientherapie) oder der DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik), wo er federführend war, traf ich ihn gelegentlich.1991 begegnete ich ihm auf einer Demo gegen den Golfkrieg in Bonn. Er wusste sofort meinen Namen, obwohl wir uns lange nicht gesehen hatten. Während seiner Zeit in Frankfurt als Leiter des Sigmund-Freud-Instituts kreuzte ich dort nie auf, obwohl ich nicht weit wohne, vorher und hinterher schon gelegentlich. Vielleicht war ich ihm immer noch latent böse. Sicher spielte eine Vaterübertragung, d.h. die Erfahrungen mit meinem Vater, eine Rolle, während ich meinem Vater längst verziehen hatte, da ich seine menschlichen Schwächen auf dem Hintergrund seiner eigenen Kindheitsprägungen sah. Mein Vater hatte ebenfalls Züge der Doppelmoral in sich.

Vor wenigen Jahren mit über 80 hielt H.E. einen Vortrag beim FAPP (Frankfurter ärztliche Psychotherapeuten), ein guter Vortrag, aber ohne die frühere innere Wärme und das innere Leben. Er war ja auch schon über 80. In den Jahren in und nach der Studentenbewegung war er eine beliebte Leitfigur, bei denen, denen er den ungeliebten Spiegel vorhielt, und bei der Elfenbeinturmpsychoanalyse wohl weniger. Wir alle trauern um ihn.

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Richter, Horst-Eberhard
Der Gotteskomplex

Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen

Verlag :      Psychosozial-Verlag
ISBN :      978-3-8379-2214-1
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Horst-Eberhard Richter beschreibt die moderne westliche Zivilisation als psychosoziale Störung. Er analysiert die Flucht aus mittelalterlicher Ohnmacht in den Anspruch auf egozentrische gottgleiche Allmacht. Anhand der Geschichte der neueren Philosophie und zahlreicher soziokultureller Phänomene verfolgt er den Weg des angstgetriebenen Machtwillens und der Krankheit, nicht mehr leiden zu können. Die Überwindung des Gotteskomplexes wird zur Überlebensfrage der Gesellschaft und des modernen Menschen.

Horst-Eberhard Richter, Titel: Prof. Dr. med., Dr. phil., geboren: 1923, gestorben: 19.12.2011. Horst-Eberhard Richter war von 1959 bis 1962 Leiter des Berliner Psychoanalytischen Instituts und danach bis zu seiner Emeritierung 1992 Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik in Gießen. Er war Mitbegründer der Dt. Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) und leitete von 1992 bis 2002 als Geschäftsführender Direktor das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main.

Er war Mitglied im PEN-Zentrum der Bundesrepublik und erhielt u.a. den Theodor-Heuss-Preis (1980), die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt (2002) und den Ghandi-Luther King-Ikeda Award des Morehouse College, Atlanta USA (2003).

International ausstrahlende Wirkung erzielte Horst-Eberhard Richter durch seine wissenschaftlich fundierten und dennoch gut verständlichen Analysen, in denen er psychoanalytische und sozialphilosophisch-anthropologische Aspekte miteinander verbindet. Seine Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt.

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Hier kann man sich ein Video von Horst-Eberhard Richter ansehen.

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Der ewige Initiationsritus des Mannes zwischen Ohnmacht und Macht, Viel – und Eindeutigkeit – über seine Ursachen und seine Folgen. – Ein Artikel von Bernd Holstiege

Erstellt von Detlef Hedderich am 2. Dezember 2011

Initiationsriten beim Übergang vom Knaben zum Mann sind in vielen Kulturen, vor allem in archaischen Kulturen und Stammesgesellschaften verbreitet. In unserer westlichen hoch entwickelten Kultur wird dieser Begriff weniger verwendet. Trotz vieler Gemeinsamkeiten hat jede Kultur ihre eigenen Bedeutungen von Männlichkeit. Der Drang, die eigene Männlichkeit zu beweisen, kann sogar lebenslangen Suchtcharakter annehmen. Diesen Vorgang könnte man als den ewigen Initiationsritus bezeichnen. Der Unterschied ist, ich bin ein Mann oder ich muß es beweisen. Dieser Drang lässt sich darauf zurückführen, dass diese Männer ihrer Männlichkeitsanerkennung zu wenig in sich haben und deswegen immer wieder erneut beweisen müssen. Es geht vordergründig um das narzisstische Selbstbild als Mann und dessen Anerkennung im Sozialraum, auf der tieferen Ebene um ganz andere Dinge, um Macht auf dem Hintergrund von Ohnmacht und Eindeutigkeit auf dem Hintergrund von Widersprüchlichkeit, Verwirrung und Zerrissenheit.

Dieser Männlichkeitsbeweis kann auf verschiedenen Wegen erfolgen, oft in mehreren Bereichen, die allesamt zu einer starken Belastung der Persönlichkeit und als Folge zu Krankheiten führen können. Männlichkeitsbeweise können Perfektionismus, der Status, der Erfolg im Leben, im Beruf, die oberen Etagen in der Hierarchie, Macht und Geld, dicke, schnelle Autos, im Bett als guter Liebhaber oder in der hohen Potenz, sogar andere unter den Tisch zu saufen oder ein Sportass zu sein. Sogar der männliche Bauch kann ein Statussymbol sein “ein Mann ohne Bauch ist nur ein halber Mann!”. Für diese Ziele sind alle Mittel recht, auch mit dem Risiko, sich ins Unglück zu stürzen, etwa mit Schulden, lebensgefährlichem Leichtsinn und Krankheitsanfälligkeit. Diese Ziele nicht zu erreichen, können eine Entwertung oder Demütigung im Männlichkeitsbild in den eigenen und in fremden Augen bedeuten.

Einige Männer sind mit ihren Erfolgen und Beweisen zufrieden, stehen dann mit sich im Einklang, fühlen sich in ihrem eigenen Selbstbild und durch die Achtung des Umfeldes anerkannt und integrieren nachträglich ihre Männlichkeit. Andere sind jedoch nie zufrieden. Alle Männlichkeitsbeweise erfordern neue Beweise. Die Hintergründe und Gründe mögen darin liegen, dass alle Beweise beweisen, dass man es nötig hat und doch kein richtiger Mann ist. Vorwiegend diesen Fällen soll dieser Artikel gewidmet sein. In einem unendlich komplexen Geschehen können natürlich nur einige rote Fäden nachgezeichnet werden.

Vater-Sohn-Beziehung

Wie mag es dazukommen, dass Männer es so stark nötig haben, ihre Männlichkeit zu beweisen? Sie sind nicht einfach Männer, tragen die Männlichkeit in und mit sich herum, sondern müssen sie ständig und erneut beweisen.

Eine große Rolle spielt die Vaterbeziehung. Väter, die zu wenig in sich die anerkannte Männlichkeit tragen, neigen dazu, ihre negativen Seiten in ihrem Sohn zu sehen, also eine Projektion und ihn dadurch runter und fertig zu machen. Dadurch fühlen sie sich gestärkt, und der Sohn ist der Versager, die Memme, der Softie, das Weichei oder verkörpert in ihren Augen ein anderes Negativbild. Die Väter beziehen ihre Selbstbilder aus dem kulturellen Umfeld, noch viel mehr von ihren eigenen Vätern, so dass die männliche Entwertung über Generationen hinweg weiter vererbt werden kann.

Wie das biblische Beispiel von Kain und Abel zeigt, kann Achtung und Missachtung auf zwei Söhne verteilt, sozusagen aufgespalten werden. Da der missachtete Sohn noch um die Anerkennung des Vaters ringt, die er für seine Selbstachtung benötigt, muß er seine Wut und seinen Hass auf den Vater auf den Bruder umleiten, den er erschlägt. Im biblischen Mythos von „Abraham und Isaak“ bietet sogar Abraham die Opferung seines Sohnes Isaak an, um die Anerkennung von Gottvater zu erringen. Gemäß dem Spruch „aus der Not eine Tugend machen“ könnte man auch annehmen, er wandele seine Wut und seine Angst vor dem Vater in ein heiliges Opfer um.

Entwertete Söhne bemühen sich um Anerkennung, zuerst einmal dort, woher die Missachtung kommt, also bei ihren Vätern, doch noch den Anforderungen der Väter gerecht zu werden und deren ausgesprochene Erwartungen zu erfüllen. Diese Bemühungen sind jedoch eine Beziehungsfalle, zum einen, weil ihre Väter aus Selbstregulationsgründen es nötig haben, ihre eigenen negativen Anteile im Sohn zu sehen, denn sonst wären sie selber ein Versager, zum anderen, weil ein Mann, der sich ständig auf die untere Ebene begibt, sich entwürdigt, somit als “Arschkriecher ” gesehen und nicht geachtet wird. Ein Vater möchte nämlich andererseits stolz auf seinen Sohn sein, weil dies sein Männlichkeitsbild aufwertet, und das kann er durch dessen Bemühungen nicht. Bei der Erniedrigung des Sohnes handelt es ich um unausgesprochene Erwartungen und Ansprüche nach Demütigung und Unterwerfung. Insofern geraten Väter in eine selbst gesetzte Beziehungsfalle und beziehen ihre Söhne in dieses Drama ein. Dann müssen Vater und Sohn anderweitig ihr Männlichkeitsbild aufpolieren.

Die Rolle der Mutter in der Dreierkonstellation

Normalerweise wächst ein Sohn nicht alleine mit seinem Vater auf, sondern die Mutter spielt in einer Dreier- oder Mehrfachkonstellation eine noch gewichtigere Rolle. Viele Frauen haben Probleme mit ihrer Weiblichkeit, etwa Maria, die Mutter Gottes als Jungfrau, und schon alleine dadurch Probleme in ihrer Beziehung zum Mann. Sie sehen ihre Missachtung als Frau in ihn hinein und fühlen sich von ihm missachtet. Ihren noch ungeprägten Sohn können sie in viel stärkerem Maße beeinflussen, so daß ihre Söhne viel mehr auf sie hören als ihr Männer, und müssen den Sohn nicht so fürchten. Als Folge wird der brave Sohn mehr anerkannt als der Ehegatte, meist in dem Maße, in dem er sich unterwirft, wird er wie zu einem Gott hochgehoben. Sie fühlen sich durch einen Sohn vermehrt anerkannt, sehen das Gute in den Sohn und das Böse in den Mann hinein. Der missachtete Vater muß mit seinem hoch gelobten Sohn in Konkurrenz treten, auf ihn neidisch und eifersüchtig sein und ihn zur Selbstaufwertung entwerten. In diesem Fall ist der Ausgangspunkt die Selbstentwertung der Frau, häufig in kulturellen Bildern vermittelt, während oben als Ausgangspunkt die Selbstmissachtung des Vaters steht, die sich gegenseitig bedingen.

Bei vielen Frauen sind von vorneherein der Sohn oder die Kinder wichtiger als ihr Partner. Der Vater ist nur als Erzeuger wichtig, spielt eine sekundäre Rolle und hat das Geld zu verdienen, während sie ihren Sohn auf den Sockel hebt und mit ihm oder den Kindern in einer Dualunion lebt. Oft wird der brave Sohn als verlängerter Arm der Mutter in den Kampf gegen den Vater eingesetzt.

Diese Beziehungsverhältnisse sind in Mythen fest gehalten. Ein biblisches Beispiel ist die heilige Familie, wo der Sohn der Gott ist und der Vater Joseph für die Dualunion Mutter – Sohn bescheiden im Hintergrund das Geld zu verdienen hat. Dazu sagte mir ein Pfarrer mit wegwerfender Handbewegung “der Josef, schwache Figur!” Jedoch sind nicht alle Väter so friedlich wie Josef. Er ist ja eine Idealisierung auf dem Hintergrund des alltäglichen Gegenteils. Wenn der Vater die Vergöttlichung des Sohnes mit trägt wie Josef und nicht ein eher realistisches Gegengewicht und Vorbild darstellt, an dem der Sohn sich orientieren kann, dabei der Mutter sozusagen den Kopf zurecht setzt, wird der Sohn zusätzlich vom Vater zu einem göttlichen Selbstbild verführt, dass im späteren Leben keinerlei Realitäten stand hält, und er immer wieder seine Göttlichkeit beweisen muß.

Ein anderes mythisches Beispiel, das noch heute auf den Alttag zu übersetzen ist, wird in der Ödipussage dargestellt. Der Sohn heiratet die Mutter und erschlägt den Vater. Vorausgegangen war nach vorherigen schlimmen Ereignissen eine Orakelbefragung, vermittelt durch blinde Seher, hellsichtig und blind zugleich, als deren Folge der Vater zur Verhinderung der Prophezeiung den Sohn umzubringen versuchte. Diese allegorische Erzählung spiegelt die alltäglichen Gegebenheiten wieder; zuerst das Unglück, dann auf dessen Hintergrund der Zukunftsentwurf, anschließend die Verhinderungsstrategie, der aber gerade durch diese ihre Erfüllung findet. Ohne die Prophezeiung und Verhinderungsstrategie wäre das Unglück nicht passiert. Die unbewussten Motive werden insofern dargestellt, daß Ödipus die früheren Unglücke, die Prophezeiungen, Verhinderungsstrategie und Vater und Mutter nicht kannte, und das Geschehen wie von dunklen Mächten gesteuert trotzdem schicksalhaft seinen Ablauf nahm. Die Folgen für Ödipus spiegeln weiterhin den schicksalhaften Ablauf ab, seine Selbstblendung, um seine Schuld und Schande im Umfeld nicht zu sehen, und daß das Umfeld, die Bürger von Theben seine Schuld nicht so wie er sahen. Infolge der schicksalhaften ursprünglichen Opferrolle und des verinnerlichten Glaubens – vereinfacht gesagt, der Mensch lebt nach dem, was er glaubt, was ist – wird der Sohn zum Täter, und ein Täter muß an seinem Verhalten schuld sein. Der Leser wird fragen, was die Ödipussage mit dem Männlichkeitsbeweis zu tun hat. Ohnmacht und Ausgeliefertsein an die Umstände müssen als Verhinderungsstrategie in Macht, sogar Tötung umgewandelt werden.

Aufgrund des Neides der Väter auf den Sohn, dass dieser von der Mutter mehr anerkannt wird als sie selber, hacken die Väter auf diesem herum, sozusagen der Sohnesmord. Er ist der Blitzableiter für ihre Wut, von der Partnerin nicht anerkannt zu werden. Dann ist die Tragik des Sohnes, daß er infolge der Nichtanerkennung des Vaters vonseiten der Mutter vom Vater gerade nicht anerkannt wird. Der Sohn bekommt von der Mutter die Gratifikationen und vom Vater die Entwertung.

Aber auch der Neid einer entwerteten Mutter auf den hoch gelobten Sohn, der so viel mehr als sie selbst, nicht zuletzt von ihr, anerkannt wird, kann zur Entwertung des Sohnes durch die Mutter beitragen. Dann können sich beide Eltern auf Kosten des Sohnes wiederum einig sein. Oft schwingen Mutter und Vater zwischen beiden Polen hin und her, so daß ein Sohn zwischen Vergöttlichung und Verteufelung in Verwirrung gerät.

Ein auf den Thron gesetzter Sohn hat natürlich Ansprüche auf dementsprechende Honorierung und Rückspiegelung an die Umwelt, die das Umfeld aber nicht erfüllen kann. In ihr wird er auf Normalmaß zurecht gestutzt. Gemessen an den eigenen verinnerlichten Ansprüchen muß er jedoch sich entwertet vorkommen. Wenn dieser Sohn sein überhöhtes Selbstbild auch noch nach außen trägt, wie etwa Jesus Christus, eventuell sogar von einer Anbetergemeinde zusätzlich angebetet und verführt wird, wird sein Höhenflug von einem noch heftigeren Absturz begleitet sein. Jesus wurde gekreuzigt.

Muttersöhnchen

Die starke Verstrickung des Sohnes mit der Mutter und sein Leben nach den Bildern der Mutter, führen in den meisten Kulturen zur Entwertung des Sohnes und des Mannes. Bei uns heißt es beispielsweise “Muttersöhnchen “. Ein Muttersöhnchen wird von den meisten Männern nicht anerkannt und kann sich selbst nicht anerkennen. Hinzu kommt die Wut des Vaters, dass der Sohn mehr auf die Mutter bezogen ist und mehr auf sie hört als auf ihn. Diese Wut bekommt der Sohn und nicht als Teilursache die Mutter ab, weil der Vater auch um die Anerkennung der Mutter ringt und diese nicht aufs Spiel setzen will. Oft stellen sich die Mütter schützend vor ihren Sohn, was die Wut und Entwertung durch den Vater steigert. Er ist ja der Böse. Ein Vater der um die Anerkennung seiner Partnerin ringt und sie nicht einfach hat, sieht sich in seiner Männlichkeit entwertet, und der Kreislauf geht von neuem los.

Da die Beeinflussung durch und die Verstrickung mit der Mutter ein weit verbreitetes Phänomen ist, finden andere Jungen Gelegenheit, ihre latente Scham und ihre Wut auf sich selbst an jemanden, bei dem dies besonders offensichtlich ist, abzuleiten und zu delegieren. Durch diese Gruppendynamik gerät er dann noch zusätzlich für die Anderen mit in eine Opferrolle und wird bloß gestellt und lächerlich gemacht.

Identifizierung mit dem Männlichkeitsbild des Vaters

Da der Vater meist der erste Mann im Leben eines Sohnes ist, wird durch ihn das Männlichkeitsbild vermittelt. Aber noch mehr als vom Vater selbst wird dieses von der Mutter weiter gegeben und sich zu eigen gemacht, da diese meist viel mehr anwesend ist und dadurch Bewertungen und Bedeutungen vermittelt, die in das Selbst- und Weltbild eingeschrieben werden. Ist der Vater entwertet, sieht sich der Sohn durch die Identifizierung mit dem Vaterbild in seinem eigenen Männlichkeitsbild entwertet. Der Sohn sieht den Vater und sich selbst mit den Augen der Mutter. Liest man diese Widersprüche und Kreisläufe, kann der Eindruck des Kuddelmuddels entstehen. Aus dieser Verwirrung und Zerrissenheit kann dann der Weg der Macht, Eindeutigkeit und Widerspruchslosigkeit heraus führen.

Traumatisierung

Entwertungen und Demütigungen in der Kindheit, vermittelt durch die Familien- und Beziehungskonstellationen und die erlebten Erfahrungen, werden als (Psycho-)Traumatisierung bezeichnet, die das Kind in seinem Reifungsprozess überfordern und es auf einer unreiferen Stufe stehen lassen. Diese unreifere Stufe wird auch in der körperlichen Hirnstruktur, in den Neuronen und deren Verästelungen, eventuell im Sinne der Epigenetik (Ab- oder Anschaltung von Genen durch Erfahrungen und dessen Vererbung) in den Nervenzellen eingeprägt und verfestigt. Seele und Körper sind eng miteinander verknüpft. Seelische Prozesse wie Angst haben körperliche Begleiterscheinungen, und körperliche Prozess seelische Folgen, teils in einem Teufelskreislauf. Die Traumatisierung ist also nicht nur ein seelischer und psychosozialer Prozess, sondern auch ein körperlicher. Da diese Prozesse je nach Aggressions-, Angst und Schamgrad umso heftiger körperlich und seelisch eingeprägt werden und oft im späteren Leben weiter bestehen, spricht man auch von einem posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS). Das Trauma muss mit allen Mitteln ausgeglichen und die Männlichkeit bewiesen werden. Aber gerade diese Mittel können wie in der Ödipussage zum eigentlichen Trauma werden. Jegliche Beweise und Beweisversuche bestätigen die Unmännlichkeit, ansonsten wären sie nicht nötig. Zusätzlich muß die Angst mit schwingen, die Kompensationen und Wiedergutmachung nicht zu schaffen. Zum einen die ständigen Ängste, zum anderen die Bemühungen können zu einem unendlichen Stress werden und total überfordern.

Kompensation in der Außenwelt

Ein Mann, der die Entwertung in sich sieht, steht als Ersatz für die erlebten Erfahrungen und die eigenen Eltern unter dem Zwang, ständig seinen Erfolg und Status in der Außenwelt nachzuweisen. Dies braucht er für sein narzisstisches Selbstbild, um mit sich als Mann im Reinen zu sein. Die Außenwelt soll befriedigen und kompensieren, was in der Kernfamilie nicht geschehen ist. Dafür mag ihm jegliches Mittel recht sein. Er mag sich, um seinen Erfolg nach außen darzustellen, in Schulden stürzen. Viele Statussymbole werden durch Schulden erreicht. „Große Klappe und nichts dahinter“ das Durchschauen und die Bloßstellung müssen gefürchtet werden. Die weltweite Finanzkrise ist durch das gierige finanzielle Erfolgsstreben hervorgerufen worden. Ein Mann, der ständig seine Potenz nachweisen muss, kann durch die Angst vor dem Versagen impotent werden. Die Angst wird zu einer sich selbst erfüllen Prophezeiung, nicht allein durch die Angst, sondern stärker noch durch den Glauben an die Bedrohungen, nach dem gelebt wird.

Alterung

Der Alterungsprozeß kann für jemanden, der ständig seine Stärke und Männlichkeit beweisen muß, ein zusätzliches Problem werden. Das Aussehen, oft die Attraktivität, und die Kraft lassen in verschiedenen Bereichen des Lebens nach. Wenn nicht Klugheit und Weisheit des Alters und der wohlverdiente Ruhestand hinzu gewonnen werden, ist Alterung der reinste Entwertungsprozess. Deswegen führt das Alter zu vermehrten Erkrankungen. Zum Ausgleich muß der Alternde ständig die Jüngeren demütigen und unterdrücken. Die Alterung und der Neid auf Jugend und Attraktivität mag auch ein Mitgrund für die Entwertung des Sohnes durch den alternden Vater sein.

An alternden leistungsambitionierten Rennradfahrern ist mir der ewige Initiationsritus besonders deutlich aufgefallen. Sie müssen ständig ihre Kraft und Stärke, die Rangfolge in der Hierarchie als Symbol ihrer Männlichkeit beweisen, nicht nur im Wettkampf, sondern auch oft im Training. Die Losung heisst, „das Beste geben, die eigenen Grenzen übertreffen“. Wenn im Alter ihre Kräfte nachlassen, versuchen sie durch zusätzliches hartes Training ihre Schwäche zu kompensieren. Die Schwäche, nicht mehr mithalten zu können, ist für manche die größte Demütigung. Mit dem Spruch „man gönnt sich ja sonst nichts!“ wird das beste und teuerste Rennrad, immer auf dem neuesten Stand, und teuerste Outfit gekauft. Wer da nicht mithält, ist unten durch. Infolge des ewigen Stresses, körperlicher Überforderung und Angst zu versagen, ist es kein Wunder, wenn Stresssymptome auftreten. Sie und das Umfeld wundern sich, obwohl sie immer Sport getrieben und nie geraucht haben, auch noch fit erschienen, daß gehäuft Herzerkrankungen (Herzinfarkt, Rhythmusstörungen, Bypass, Stunt) an der Altersgrenze mit etwa 60 auftreten. Kommt das verbreitete Doping noch hinzu, gefährden sie sich um der Männlichkeit und Leistung willen noch stärker. Der alternde Körper und vor allem die Psyche halten das nicht mehr aus. Sie gönnen sich nicht das Wesentliche wie eine altersgerechte ruhige, entspannte Sportausübung. Der Geist im Körper sagt „nein“ bis zum in Erkrankungen verdeckten Suizid, wenn er kein anderes Mittel findet. Natürlich spielen noch andere Hintergründe eine Rolle. Auch bei den Bodybuildern und anderen Sportlern spielen ähnliche Mechanismen eine ähnliche Rolle.

Autoaggression

Meines Erachtens trägt zur Erkrankung neben körperlicher und seelischer Überforderung, Angst vor dem Versagen und Bloßstellung noch mehr die Autoaggression bei. Die Autoaggression ist die Aggression gegen die früheren verinnerlichten Bezugspersonen bzw. Objekte. Da diese sich durch die Verinnerlichung und Übernahme von Erfahrungen, Bewertungen und Bedeutungen in der eigenen Person befinden, richtet sich die Aggression gegen das eigene Selbst. Die ursprüngliche Aggression gegen die Eltern, entwertet und vereinnahmt zu werden, Ansprüchen ausgesetzt zu sein und diese nicht erfüllen zu können, zwischen den Fronten als Blitzableiter zu dienen, wird zur Autoaggression. Der Mensch geht auf sich selbst, seine Seele etwa in Depressionen, Angsterkrankungen und seinen Körper etwa als Schmerz-, Herz-, Stoffwechsel- oder Krebserkrankungen los. Durch die Autoaggression entsteht die selbstzerstörerische Komponente.

Bei einer Mutter, die schon beim Fötus im Mutterleib, beim Säugling und Kleinkind unter Ängsten und Spannungen, etwa etwas falsch zu machen, dazu noch im Konflikt mit dem übrigen Umfeld wie dem Vater oder den Omas steht, sich überfordert sieht etwa in der Vereinbarkeit von Beruf und Betreuung, Aggressionen auf das Kind hat, weil es dauernd schreit und deswegen schreit es umso lauter und aggressiver, übertragen sich diese Spannungen auf das Kind. Hinzu kann kommen, dass die Mutter ihre positive Aufmerksamkeit wegen einer eigenen seelischen oder körperlichen Erkrankung wie einer Depression nicht auf das Kind richten kann. Das Kind findet bei der Mutter nicht die zur Reifung nötige Wärme, Geborgenheit und Sicherheit. Es ist in einer Dualunion ohnmächtig ausgeliefert. Aber trotzdem entstehen in dem Kind Aggressionen, die in diesem frühen Lebensstadium als solche nicht fassbar sind und sich gegen die eigene Person richten. Mütter und das weitere Umfeld erleben zusätzlich verschärfend die Gründe oft nicht in sich, sondern im Kind, beschuldigen dieses „Du machst mir Ärger, Kummer und Sorgen“, die das Kind als Schuld in sich hinein nimmt. Da diese Prozesse oft über Generationen hinweg ablaufen, sind sie in der biblischen Schöpfungsgeschichte als Erbsünde erfasst.

Das Kind gerät in eine abgrundtiefe Verunsicherung und Verwirrung. Es kann nicht zwischen sich und der Mutter und dem Umfeld unterscheiden. Um aus der Ohnmacht heraus zu kommen, setzt es vor allem im späteren Leben auf Macht, sicherlich nicht als bewusster, sondern als unbewusster, automatischer Ablauf, und um aus der Verwirrung herauszukommen, Eindeutigkeit, Objektivität und Klarheit dagegen. Oft wird dies von den Eltern noch gefordert. Aus dieser Perspektive können objektive Wissenschaften und deren Macht, die nichts anderes gelten lassen, also die Folge schwerer frühkindlicher Störungen sein. Der männliche Status, der Erfolg, die Macht bis zum Despoten und Alleinherrscher sind derartige Macht- und Eindeutigkeitssymbole.

Da die Welt aber komplex und widersprüchlich ist, ist diese männliche Eindeutigkeit nie oder nur beschränkt zu gewinnen. Die Einen jubeln zu, die Anderen lehnen das ab, so dass umso mehr die Deutungshoheit gesucht werden muss. Bei allen Männlichkeitsbeweisen schwingen die Entwertung, Angst, Scham, Aggression und Autoaggression in einem Teufelskreislauf mit.

Die Macht des Kindes

Wenn das Kind sich nicht brav und angepasst verhält, sondern trotzig rebelliert, verweigert oder sabotiert, gerät die Mutter und das Umfeld in Sorge, Ärger und Kummer. Dadurch hat das Kind Macht über die Befindlichkeit der Mutter. Dann ist es kein Wunder, dass die meistgelesenen pädagogischen Bücher von dem Orthopäden Schreber Ende des 19. Jahrhunderts die Maxime vertraten „der Wille des Kindes ist um jeden Preis zu brechen“. Wir wissen, was Generationen von gebrochenen Menschen angestellt haben, zwei Weltkriege, Genozid an den Juden und noch viel mehr. Dort haben sie scheinbar ihre Macht wieder erlangt.

Wenn die Aggression nicht in Kriegen, Zerstörung oder Rowdytum nach aussen abgeleitet werden kann, kann sie sich als Krankheiten auswirken. Am Krankheitsbild der Pubertätsmagersucht (Anorexia nervosa), aber auch anderen Krankheiten, wo sich alle Sorgen machen, ist der Zusammenhang zwischen Rebellion, Ohnmacht, Macht und autoaggressiver Selbstzerstörung besonders gut zu studieren.

Nachträglichkeit

Zuerst einmal laufen diese Dinge einfach ab. In jedem Stadium und jeder Situation, auch bei einer schweren Erkrankung, besteht die Chance, Reifungsschritte zu machen. Um aus dem Teufelskreislauf heraus zu kommen, gilt es, sich sozusagen in die 3. Position zu bringen und wie von aussen die Abläufe zu betrachten, die sogenannte Triangulierung. Werden die Abläufe betrachtet und können sie ausgesprochen werden, sind sie nicht mehr so schlimm. Ausgesprochenes ist nicht so schlimm wie unaussprechliches. Wichtig ist auch wahrzunehmen, dass man selbst Opfer von früheren Verhältnissen ist, wofür man nichts kann und nicht schuldig ist, aber durch die Verinnerlichungen und Prägungen zum Täter wird. Auch wenn man sich selbst aufgrund dieser Bilder nicht selbst achten kann, sich für einen Versager hält wie etwa ein Hartz4-Empfänger, ist es wichtig, sich trotzdem anzuerkennen und zu mögen. Dann kann man auch mehr andere anerkennen und hat bessere soziale Beziehungen.

Weitere Reifungsschritte können sein, die eigenen Grenzen anzuerkennen und nicht nach den höchsten Zielen zu streben, also Loslassen oder Verzicht wie die mönchische Bescheidenheit. Nicht umsonst steht am Apollotempel in Delphi die Inschrift „gnothi s’auton“, erkenne dich selbst, und zwar als Mensch und nicht als Gott.

Wichtig ist, eigenen Grenzen zu schaffen und aufrecht zu erhalten, und andere Menschen als Personen zu sehen, die ein eigenes Innenleben und eigene Motivationen in sich haben, auch eine Form der Triangulierung. Das bedeutet, Entwertungen und Vorwürfe als Ausdruck des Innenlebens und der Bewertungen des Anderen zu sehen. Bei Vorwürfen zeigt der Zeigefinger offen auf den Anderen, und verdeckt unter der Hand zeigen drei Finger zurück. Diese kommen auch nur an, wenn sie sich in der eigenen Person befinden, also auf fruchtbaren Boden fallen. Aber auch dann besteht noch die Chance, im Falle von Rechtfertigung und Entschuldigung, die eigenen Bewertungen zu erforschen und gerade dadurch dazu zu lernen. Bei Vorwürfen besteht oft nur Abwehr und nicht mehr die Offenheit, was der Andere zu sagen hat und was in der eigenen Person los ist.

Und wie ist das mit den Frauen? Sie wachsen oft unter ähnlichen Umständen auf. Was müssen sie in unserer Kultur beweisen – etwa zu sein wie die Männer oder ihre Weiblichkeit in Attraktivität, Mütterlichkeit, Fürsorglichkeit oder anderen weiblichen Bereichen und Tugenden auszutoben? Männer sind nicht weniger fürsorglich als Frauen, verwirklichen dies nur in einer anderen kulturellen Rolle, wofür der Männlichkeitsbeweis der Klarheit, Macht und Eindeutigkeit dienen kann, um aus dem Labyrinth und Dickicht der Unklarheit, Vieldeutigkeit und Undurchdringlichkeit heraus zu kommen.

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Rohr, Richard
Die Männer-Bibel

Meditationen auf dem Weg zur Freiheit

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Übersetzt von Spannbauer, Christa
Verlag :      Kösel
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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
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Seiten/Umfang :      400 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      03.10.2011

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Richard Rohr, weltbekannter Autor und spiritueller Lehrer, zeigt Männern, wohin die Freiheit lockt: Raus aus engen Rollenklischees und falschen Erwartungen. Raus aus einem Denken, das nur Gewinner und Verlierer, entweder-oder kennt. Mit knappen Meditationen und täglichen Impulsen zeigt Richard Rohr, dass Veränderung möglich ist. Schritt für Schritt entdecken Männer sich und ihr Umfeld neu, nehmen sich mit Leib und Seele wahr. Sie beschreiten dabei einen Weg der Initiation, an dessen Ende sie nicht „echte Kerle“, sondern wahre Männer sind.

Richard Rohr, geb. 1943, Franziskanerpater, internationaler Redner und Exerzitienmeister und ein bekannter Vorkämpfer der spirituellen Erneuerung. Gründer der Lebensgemeinschaft New Jerusalem in Cincinatti und des Zentrums für Aktion und Kontemplation in Albuquerque/ New Mexico. Mit dem Thema Initiation beschäftigt er sich bereits seit vielen Jahren.

Christa Spannbauer, geb. 1963, studierte Anglistik und Germanistik mit Schwerpunkt in Geschlechterforschung und feministischer Theorie. In ihren Arbeiten setzt sie sich insbesondere mit der Konstruktion von Männlichkeit und der aktuellen kritischen Männerforschung auseinander. Seit 2003 Assistentin des Benediktiners und Zen-Meisters Willigis Jäger und Öffentlichkeitsbeauftragte des Benediktushofes, eines Zentrums für spirituelle Wege in der Nähe von Würzburg. Vorstandsmitglied der Stiftung West-Östliche Weisheit und Journalistin.

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Offenheit – Das Unmögliche zu denken und auszuprobieren – Daniel Shechtman erhielt 2011 den Nobelpreis für die sogenannten Quasikristalle – ein Artikel von Bernd Holstiege

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. Oktober 2011

Seit über 100 Jahren bestand das wissenschaftliche Dogma, daß Kristalle aus Quadern und Prismen und auf einer aus den Zahlen 2, 3 , 4 und sechs bestehenden Symmetrie beruhen. Nur dann fügen sie sich nahtlos aneinander. Bei Versuchen mit einer Legierung von Aluminium und Mangan in seinem Labor in Washington D.C kam der Israeli Daniel Shechtman 1982 zu dem Ergebnis, dass eine Fünfersymmetrie zugrunde liegen müsse. Bisher galt dies für wissenschaftlich absurd. Er selbst konnte es zuerst kaum glauben, bestand aber auf seinen Untersuchungen, galt bei seinen Kollegen für verrückt und wurde aus dem Institut herausgeekelt. Er ging in seine Heimatuniversität nach Israel, wurde aber auch dort belächelt. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis seine Ergebnisse publiziert und die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf den Kopf gestellt wurden.

1992 änderte die internationale Kristallographie-Union ihre Definition für Kristalle. Inzwischen wurden hunderte von künstlichem Quasikristallen hergestellt. Erst vor zwei Jahren wurde ein natürlich vorkommendes Kristall in der Fünfersymmetrie aus Aluminium, Kupfer und Eisen in Ostrussland gefunden. Diese Quasikristalle eröffnen eine Fülle von technischen Möglichkeiten. In Fresken haben die arabischen Sarazenen in Spanien die Fünfersymmetrie schon vor hunderten von Jahren dargestellt. Also haben schon frühere Kulturen die kristalline Fünfersymmetrie in Bildern erkannt. Auch vor Shechtman schlossen andere Forscher auf Fünferkristalle, trauten aber ihren Augen nicht, dachten eher an Messfehler oder fürchteten in Kenntnis der Normen und Realitäten ihre Disqualifizierung, so daß sie ihre Versuche nicht veröffentlichten. Shechtman zeigte also Mut, gegen das naturwissenschaftliche Establishment anzugehen und innerhalb dieser Welt seine fachliche Reputation zu gefährden. Dazu gehört eine selbstbewusste Persönlichkeit, die die Achtung in sich trägt und nicht auf Fremdachtung angewiesen ist. Dies ist eine Frage der Prägungen in der Kindheit.

Zählebige Dogmen

Wissenschaftliche und religiöse Dogmen haben eine große Zählebigkeit, vor allem wenn sie für die Autoritäten und Meinungsführer Einfluss, Macht und Geld beinhalten. Dadurch entsteht ein System, das den Mitgliedern kaum noch die Möglichkeit lässt, über den Topfrand hinaus zu schauen und wenig Spielraum für Innovationen gewährt. Jegliche Erkenntnisse außerhalb dieser Dogmen erscheinen undenkbar und werden als Ketzertum unerbittlich bestraft. Deswegen kommen viele Innovationen und großartige Erfindungen mehr von sozusagen noch unschuldigen Neulingen oder Außenseitern.

Der Fall eines Chemikers

Mit einem langjährigen Freund, einem Diplom-Chemiker, gehe ich ab und zu joggen, und wir tauschen uns über Themen im Randbereich zwischen Naturwissenschaft und Psychologie aus. Er erzählt von sich, er dürfe es kaum sagen, dass er den entscheidenden Teil seiner Doktorarbeit innerhalb von drei Wochen geschrieben habe, indem er eine ganz spezifische Reaktionsfähigkeit an einem räumlich total blockierten großen Molekül nachwies. Er kam auch mehr zufällig darauf. Nach anerkannter wissenschaftlicher Lehrmeinung sollte ein derartig blockiertes Molekül diese spezifische chemische Reaktion überhaupt nicht eingehen können. Er meint, wenn er noch mehrere Jahre im naturwissenschaftlichen Denksystem verharrt hätte, wäre diese Erfahrung und somit seine Dissertation auch für ihn unmöglich gewesen.

Jetzt mit 70 Jahren ist er dabei, noch ein volles Geschichtsstudium durchzuziehen, um die wissenschaftliche Qualifikation zu erwerben und nachzuweisen, dass im griechischen Altertum die sogenannte dunkle Phase vor der Errichtung der Polis (Stadtstaaten) durchaus nicht dunkel war und als Vorbereiter der griechischen Hochkultur zu gelten habe. Zur Vorbereitung und wissenschaftlichen Qualifikation hat er das Latinum und Graekum nachgemacht. Von ihm werde ich über bedeutsame naturwissenschaftliche Erkenntnisse informiert. Was der gemeinsame Sport nicht alles hergibt!

Ein Altphilologieprofessor

Ein befreundeter Altphilologieprofessor – inzwischen gestorben -, mit dessen Sohn ich in die Klasse gegangen bin und der inzwischen ebenfalls emeritierter Altphilologieprofessor ist, erzählte mir, er sei bei seinem Onkel aufgewachsen, einem bekannten Altphilologen, da seine Eltern früh gestorben seien. Dessen Sohn, mit dem der Professor aufgewachsen war, durfte nicht Altphilologie studieren, wurde stattdessen Pfarrer und trauerte lebenslang der Altphilologie nach. Er als Neffe selbst durfte Altphilologie studieren, da er seinem Onkel nicht so nahe stand. Der Onkel ging sogar soweit, für wissenschaftlich unhaltbar zu halten, dass in der Odyssee der Sohn Telemach seinen Vater Odysseus unterstützt hatte. Hinter dieser wissenschaftlichen Erkenntnis stand wohl eine Vater-Sohn-Problematik und -Erfahrung, in der ein Sohn nie den Vater unterstützt hätte, weil er sich selbst vom Vater nicht unterstützt sah. Die Macht der Wissenschaft fundierte also nicht allein auf Macht und Einfluss, sondern auch auf frühkindlichen Erfahrungen, in denen es ebenfalls um Ohnmacht und Macht geht, die von früher auf heute übertragen werden.

Mein eigener Fall

Ich selbst hatte eine psychoanalytische Ausbildung begonnen. Bald erschien sie mir zu langwierig, zeitaufwendig und teuer und auch dort wurde, wie ich an meinen Lehrmeistern sehen konnte, nur mit Wasser gekocht. Ich bekam mit, daß ich in der Praxis auch ohne vollständige Ausbildung genauso arbeiten konnte. Also tat ich das. Später ging mir durch den Kopf, wenn ich die Erzählungen der befreundeten ausgebildeten Psychoanalytiker hörte, ob ich nicht doch etwas versäumt hätte. Heute bin ich froh, daß ich damals zu faul war und andere Interessen hatte, wäre in einem bestimmten Denk- und Glaubenssystem erzogen worden und  hätte mir wohl nicht so leicht die Freiheit des Geistes bewahrt.

Ein freierer Geist macht mehr Spaß, nimmt eigene Ideen mehr ernst und lässt eher Anregungen von außen annehmen und verwerten, z.B. den Nebensatz in einem Roman von Manuel Garcia Marquez über die Jungfräulichkeit in der bürgerlichen Ehe, die Bibel, hier speziell die Heilige Familie, als Metapher oder Symbolik der auch noch heute traumatisierten Familie zu sehen und zu interpretieren. Deutsche Märchen und griechische Mythen auf den Alltag zu übersetzen, war mir vom Beginn meiner Weiterbildung her vertraut. Sigmund Freud sieht ja auch die Ödipussage im Zentrum seiner Psychoanalyse. Für mich sind in der Ödipussage noch andere, vielleicht noch wichtigere Themen enthalten, wie das Rätsel der Sphinx, das Rätsel des Menschen, das durch Lösung und Nichtlösung vom Tode bedroht ist, die blinden Seher, aufgrund von deren Prophezeiungen die schlimmen Dinge, die sonst kaum geschehen wären, wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen erst geschehen können und die Blendung des Ödipus. Den Hinweis meines Altphilologieprofessors habe ich dankbar angenommen, Ödipus wolle seine Schande in den Augen anderer nicht sehen. Diese Feststellung führt in das Zentrum etwa von Angstkrankheiten, wobei Angst bei vielen, auch körperlichen Erkrankungen eine tragende Rolle spielt.

Vater-Sohn-Konflikt in der Wissenschaft

Die Ödipussage stellt den Vater-Sohn-Konflikt dar. Die Ehe mit der Mutter und den Inzest, die noch gravierendere Konflikte sind, lasse ich beiseite. In der Wissenschaft gibt es Lehrer und die Schüler und Zuarbeiter, die in der Hierarchie ebenfalls meist nach oben kommen wollen. Das können sie häufig nur, wenn sie treue Diener ihrer Herren sind. Andere Thesen, Kritik gelten oft als Loyalitätsbruch, Verrat, Ketzerei, symbolisch als Vatermord und werden mit Sohnesmord bestraft, es sei denn, der Lehrer ist eine selbstsichere Persönlichkeit. Gegenüber autoritären Vätern kann andererseits Protest, Aufbegehren, aber auch Kreativität zur Leitlinie werden, wie vielleicht bei meinem Freund und mir, und zu Dauerkonflikten führen. Bei der Verfolgung dieses Protestes kann wiederum die Offenheit verloren gehen. Dies alles kann auch bei Daniel Shechtman im Hintergrund eine Rolle spielen.

Zum 150. Geburtstag von Freud hatte ich im Weltexpress eine zweiteilige Artikelserie (heute nur noch unter www.bholstiege.de/weltexpress.htm zu lesen) veröffentlicht. Freud selbst als Erfinder der Psychoanalyse hatte andersdenkende Psychoanalytiker wie Jung und Adler aussortiert, und diese gründeten eigene psychoanalytische Schulen. Seine Nachfolger und Epigonen waren in ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung rigider als Freud selbst. Ein Jahr später veröffentlichte ich einen Artikel “151 Jahre nach Freud “, in dem ich auf die privaten Erkenntnisse außerhalb der psychoanalytischen Wissenschaft hinwies, die die Psychoanalyse bereicherten und zu weiteren Fortschritten führten. Es ist wohl das Schicksal vieler neuer Systeme und Erfindungen, diese gegenüber allen Anfeindungen zu verteidigen, dabei zu erstarren und erst in einem weiteren Reifungsschritt sich wieder zu öffnen.

Die Objektivierungstendenz in der Wissenschaft

Wissenschaft, vor allem Naturwissenschaft versucht objektiv und absolut zu ein, die Fakten zu erhärten, hieb- und stichfest zu machen und den menschlichen subjektiven Charakter auszuschalten. Dadurch wird sie entmenschlicht. Jegliche Absicherung erfolgt jedoch gegenüber einer Verunsicherung und Unklarheit bis zum Angstcharakter, wenn die Fakten nicht zutreffend sind. Dann müssen sie umso mehr erhärtet werden. Das ist wiederum sehr menschlich. Dadurch geht jedoch die Offenheit verloren, und es etablieren sich rigide oder totalitäre Wissenschaftsstrukturen. Die menschliche Wahrnehmung der Wahrheit, Tatsachen und Objektivität hat jedoch eine weite Spannbreite von der Paranoia, dem Wahn, der Wahrnehmung von Nichttatsachen als Tatsachen, bis zur einigermaßen realitätsgerechten Wahrnehmung. Wissenschaftliche Institute können Lieder davon singen, wie Phantasten ihre Erkenntnisse und Apparate wissenschaftlich zu legitimieren versuchen.

Freiheit der Künstler

Allein die Künstler haben in unserer Kultur das Privileg der subjektiven Freiheit der Darstellung. Bei Schriftstellern ist meist offensichtlich, daß ihre Schreiberei mit ihnen selbst zu tun hat. Deswegen versuche ich weniger Wissenschaftler zu sein, in den renommierten Fachzeitschriften zu veröffentlichen, wo die Hierarchie verbreitet ist, sondern mehr in Richtung Künstler zu sein, Offenheit und Kreativität zu bewahren und meine Erkenntnisse wie in einem Gemälde zu integrieren.

Die Relativität der Wahrheit

„Einigermaßen realitätsgerecht“ schreibe ich deswegen, weil die subjektive Wahrnehmung nie vollständig auszuschalten ist. Sogar die Naturwissenschaft wird vom subjektiven menschlichen Geist erkundet und validiert. Die Wahrheit ist in meinen Augen eine Frage 1. des Standpunktes des Beobachters, und 2. des beobachteten Gegenstandes oder Menschen, also 3. der Perspektive, 4. der Beleuchtung, worin die kindlichen Prägungen und die innere Wahrnehmung einfließen, 5. des Interesses, etwa Macht und Einfluss zu verteidigen und 6. des jeweiligen Zeitpunktes. Kein Mensch bleibt ewig an einer Stelle stehen, aber auch dann bewegt sich wie in einem Kinofilm im Innenleben die Wahrnehmung, und die Zeit verändert sich. Also verändert sich die Wahrheit ständig.- Ich versuche offen gegenüber weiteren Faktoren zu sein, wenn dem Leser noch etwas einfällt.- Lasse ich einen der Faktoren weg, etwa die Zeit oder das Interesse und setze diese als selbstverständlich voraus, ergibt sich eine perfekte Fünfersymmetrie. Aber diese Wahrheit ist so wenig bekannt wie bis vor kurzen die Quasikristalle, wo alle Welt doch die objektiven Fakten sucht und sie durch die Wissenschaft erhärten läßt. In Artikeln über den Aberglauben (siehe unter der obigen Adresse) habe ich die Naturwissenschaft als den neuen Aberglauben bezeichnet, wo doch ihr Ziel ist, aus dem mittelalterlichen Aberglauben heraus zu führen und das auch vielfach geschafft hat.

Objektivität als Heilung

In der Medizin haben die objektiven Fakten Heilungscharakter. In einem völlig diffusen, nicht faß- und erklärbaren Krankheitsgeschehen, zumindest nach naturwissenschaftlichen Kriterien, ist derjenige Arzt der Größte, der eine klare, eindeutige und unanfechtbare Diagnose fällt und einen klaren, erfolgsversprechenden Behandlungsplan entwirft. Da die meisten Krankheiten mit Verunsicherung und Ängsten verbunden sind, die die Krankheit verschlimmern oder sogar Ursache sein können, weiß dann der Kranke, wo er dran ist, ist beruhigt, und die Selbstheilungskräfte können sich entfalten, solange nicht andere gewichtigere Gründe ihn in der Krankheit verharren lassen. Deswegen ist die naturwissenschaftliche Medizin favorisiert, wo exakte Blut- und Urinwerte, sichtbare Röndgenbilder zu erfassen sind, und nach naturwissenschaftlichen Kriterien operiert, bestrahlt und Medikamente eingesetzt werden. Bewusste und vor allem unbewußte Prägungen, Familien- und soziale Dynamiken und –konflikte stören nur und werden ausgeklammert. Das können jedoch die eben angeführten gewichtigeren Fakten sein. Solange der Kranke beruhigt ist und Hoffnung schöpft, ist bei vielen Krankheiten eigentlich unerheblich, welche Diagnose getroffen und Therapie eingeleitet wird. Allein schon die Diagnose „Krebs“ ruft bei vielen Erkrankten eine krankheitsverschlimmernde Panik und Verzweiflung hervor, auch wenn dies nicht berechtigt ist. Deswegen müssen alle beteiligten Seiten wie die Industrie durch Werbung Einfluß auf den Glauben des Kranken nehmen, nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch um zu heilen.

Der Nobelpreis für Daniel Shechtman ist für mich Anlaß, etwas über Offenheit, Unklarheit, Unsicherheit, Nichtwissen als kreative Möglichkeiten zur Erweiterung des Wissens und Starrheit und Absicherungssysteme zu schreiben. Wie sagte Sokrates, einer der bekanntesten Philosophen des griechischen Altertums „ich weiß, daß ich nichts weiß!“ Wie im Universum eröffnet jegliches Wissen neue Fragen, die der Frager (noch) nicht weiß.

Copyright © 2011 by Bernd Holstiege

http://bholstiege.bh.funpic.de/

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Marie Curie erarbeitete sich ihren Platz in der Welt der Wissenschaft – zu einer Zeit, in der die meisten Frauen von höherer Bildung ausgeschlossen waren. Die in Polen als Maria Sklodowska geborene Frau zog nach Paris, weil in ihrem Heimatland Mädchen nicht studieren durften. Zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie forschte sie an Uranverbindungen, entdeckte die chemischen Elemente Polonium und Radium und erfand den Begriff „radioaktiv“. Als einzige Frau erhielt sie gleich zwei Nobelpreise, anteilig 1903 den für Physik, 1911 dann auch den für Chemie. Luca Novelli erzählt spannend und mit Sachverstand vom Leben dieser außergewöhnlichen Frau.

Luca Novelli ist Verfasser zahlreicher Bücher über Naturwissenschaften und Natur, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Er arbeitet als wissenschaftlicher Berater für die RAI, das staatliche italienische Fernsehen und leitete zehn Jahre lang eine Zeitschrift für Grafik und Design. Für die Reihe „Lebendige Biographien“ erhielt er 2004 den italienischen Andersen-Preis als bester populärwissenschaftlicher Autor.

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