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Literatur-Blog

GEISTER LEBEN INTENSIVER – Eine Kurzgeschichte von Anna Breitzke

Erstellt von Anna Breitzke am 3. November 2012

GEISTER LEBEN INTENSIVER

Eine Kurzgeschichte
von
Anna Breitzke

Ich gehe niemals ohne meine Leibwache, das sollten Sie wissen. Es ist tatsächlich schon öfter vorgekommen, dass man mich an meiner Aufgabe hindern wollte. Was meine Aufgabe ist, wollen Sie wissen? Nun, da wird es ein bisschen komplizierter. Ich bin diejenige, die auf der Erde die Geister eingesammelt, wenn sie ihre Zeit abgespukt haben. Aber einige wenige von ihnen finden es reizvoll, immer so weiterzumachen und weigern sich, mir ins Totenreich zu folgen. Dann kommt meine Leibwache zum Einsatz. Die beiden sind zwar ein bisschen dämlich, aber dafür gehorchen sie aufs Wort. Als wandelnde Skelette sind sie auch nicht in der Lage mir zu widersprechen.

Sie wundern sich schon wieder? Aber nicht doch. Sehen Sie, ich bin Samtara, die Herrin der nächtlichen Wanderer, was nichts anderes bedeutet als einen Verwaltungsjob, wenn man es genau nimmt. Was glauben Sie, wie viele Listen, Dateien und Karteien zu führen sind, bis ein Spukschloss ordentlich aufgenommen ist und nach allen Regeln funktioniert? Ganz bestimmt kennen Sie in Ihrer näheren Umgebung auch ein paar Gespenster, eine weiße Frau vielleicht, oder einen kopflosen Reiter. Sie dürfen sicher sein, dass jede Einzelheit dazu in meinen Unterlagen zu finden ist. Aber gerade, weil es sich meistens um einen sterbenslangweiligen Posten handelt, wenn ich in der Vorhölle herumsitze und Listen führe, brauche ich zwischendurch ein bisschen Auslauf. Ist Ihnen eigentlich klar, wer die Bürokratie erfunden hat? Natürlich mein Chef, seine Unheiligkeit der Satan, Fürst der Finsternis, gefallener Engel und so weiter und so weiter, höchstpersönlich. Leider hat er diese verrückte grausame Idee auch auf seine Mitarbeiter ausgeweitet, und das ist der Grund, warum ich endlose Tage damit verbringen muss, unsinnige Verwaltungsakten zu führen. Ich bitte Sie, Spukgestalten zu verwalten – auf einen solchen Einfall kann doch nur der Teufel kommen.

Ich gebe ja zu, ohne diese Kartei wüsste ich nicht immer ganz genau, wann eines der Gespenster genug gespukt hat. Aber was würde das schon ausmachen?

Doch ich wollte Ihnen ja von meinen nächtlichen Ausflügen erzählen. Da war zum Beispiel dieses Liebespaar auf dem Friedhof. Die beiden hatten sich aus unerfüllter Liebe gegenseitig umgebracht, und das Verwaltungsgericht für erweiterte Mordangelegenheiten hatte lange überlegt, bevor ein Urteil gefällt wurde. Sollten die beiden gleich ins Fegefeuer, weil sie doch noch jung und relativ unschuldig waren, oder sollten sie zur Strafe ein paar hundert Jahre herumgeistern, ohne Erlösung zu finden? Mein Chef setzte sich schließlich durch und freute sich boshaft über das Urteil. Nun gut, die beiden spielten praktisch jede Nacht über mehr als dreihundert Jahre ihr Trauerspiel nach.

Das Mädchen, heulend mit ausgestreckten Armen, kniet auf dem Boden vor dem Grabstein ihrer Mutter. Der Junge wirkt entschlossen und zornig, schüttelt die Fäuste in Richtung des Herrenhauses, in dem sein Vater lebt, dann küssen sich die beiden lange. Schließlich zieht der Junge zwei scharfe Dolche hervor, tapfer stoßen die beiden sich gegenseitig die Klingen in die Herzen, und damit ist der Spuk vorbei.

Als ich das Pärchen dann abholen wollte, kam empörter Protest.

„Wir lieben uns, Samtara, du kannst uns jetzt nicht aus unserer angestammten Umgebung reißen. Hier haben wir wenigstens die Chance uns regelmäßig in den Armen zu halten“, erklärte das Mädchen wütend.

„Eure Zeit ist abgelaufen. Schluss jetzt, darüber wird nicht diskutiert“, bestimmte ich. Es war einfach nur lächerlich, aber die beiden wollten doch tatsächlich mit ihren Spielzeugen auf mich losgehen. Als ob mir zwei Dolche etwas anhaben könnten. Aber für solche Fälle hatte ich meine Leibwache dabei, Kain und Abel. Die weißen Knochenmänner wussten, wie sie mit renitenten Spukgestalten umzugehen hatten. Sie umklammerten je eine Gestalt und umhüllten sie mit dem Knochengerüst, so dass die Geister sich nicht mehr bewegen konnten. Die schimpften weiter vor sich hin, dann entstand ein Spalt in der Erde, und wir fuhren alle hinein, bis wir in der Vorhölle anlangten. Von hier aus gab es für die Ex-Geister kein Entkommen mehr, ihre Seelen wurden auf die verschiedenen Abteilungen verteilt, und ich konnte darangehen, meine Kartei wieder auf den neuesten Stand zu bringen.

Ich bin ausgesprochen froh, dass heutzutage nicht mehr so viele Geister dazukommen. Aber der Teufel hat in der aktuell lebenden Menschheit eine Menge neuer Möglichkeiten gefunden, seine Bosheit auszuleben. Man denke nur an die Werbeagenturen, die täglich arglose Zeitgenossen mit sinnlosen Spots und zahllosen Prospekten berieseln, um unnütze Produkte Gewinn bringend zu verkaufen. Oder nehmen Sie die sogenannten Sozialen Netzwerke, sie sind ebenfalls eine Erfindung des Teufels, und ich finde, das hat er wirklich gut gemacht.

Wirklich richtigen Spaß hatte ich auf der Erde, als ein fähiger Parapsychologe versuchte, einen Spuk aufzulösen. Gerade weil der Mann fast alles richtig machte, bekam ich zum ersten Mal Schwierigkeiten. Aber ich werde mir doch nicht von einem Lebenden meine Verwaltung durcheinander bringen lassen, soweit kommt das noch. Das ganze verdammte Schloss hatte der Kerl verkabelt, um den kettenrasselnden Mörder Lord Angus aufzuspüren, der seit mehr als fünfhundert Jahren seine Arbeit tun musste.

So ganz Unrecht hatte der Mensch mit seinen Überlegungen nicht, die Spukerscheinungen geben eine Menge ultrafrequenter Strahlung und etwas messbare kinetische Energie ab. Auf diese Weise hatte der Mann bereits den Weg eingrenzen können, auf dem der Geist zu seiner täglichen Arbeit ging. Dann fand der Kerl auch noch heraus, wie und wohin der Lord nach Feierabend verschwand.

Jetzt musste ich eingreifen. Ich erschien im Halbdunkel aus dem Nichts, und ringsum brach ein Gewitter in den Messgeräten los. Kain und Abel konnten gar nicht richtig körperlich werden, irgendwelche Energiefelder machten das unmöglich.

„Jetzt habe ich dich“, rief jemand triumphierend.

„Das glaubst auch nur du“, erklärte ich empört und erschien nun mit meinem körperlichen Abbild. Ich weiß, dass ich eine Schönheit bin, und dem Mann blieb der Mund offen stehen. „Du machst mir mehr Probleme als deine lächerliche Existenz wert ist. Ich will, dass du heute noch von hier verschwindest und nie wieder Geister jagst.“

„Das geht nicht.“

„Du spielst mit deinem Leben“, warnte ich.

„Ihr seid Gespenster, du kannst mir gar nichts tun.“

Diese sinnlose Unterhaltung ging noch eine Weile weiter, aber er war wirklich dumm genug zu glauben, ihm könnte nichts passieren. Schließlich hatte ich genug davon. Ich schnippte mit den Fingern und erzeugte Überspannungen in den Stromkreisen. Glaubte er denn, ich hätte keine Ahnung von der menschlichen Technik und modernem Fortschritt? Also wirklich!

Es zischte und krachte, Funken sprühten, der Gestank nach verschmorten Kunststoffen und Ozon breitete sich aus, und auf dem Gesicht des Mannes war ein resignierter Ausdruck zu sehen. Nun, er schien ein guter Verlierer zu sein, trotzdem durfte ich ihn jetzt nicht mehr am Leben lassen. Ich würde es ihm leicht machen. Kain und Abel waren jetzt endlich materialisiert.

„Schaltet ihn aus, schnell und sauber“, befahl ich. Gleich darauf lag der Wissenschaftler am Boden.

„Lord Angus“, rief ich aufgebracht, und der Poltergeist erschien mit allen seinen Ketten und stöhnte wehleidig. „Warum hast du mich nicht früher informiert?“, fuhr ich ihn an. „Der Tod dieses Mannes war vermeidbar. Das kostet dich weitere fünfzig Jahre, und es ist mir verdammt egal, ob die Leute hier im Schloss dich ernst nehmen oder nicht.“ Ich wollte keine seiner Bitten oder Entschuldigungen hören und verschwand mit meiner Leibwache.

Sie sehen, dass es bei uns in der Zwischenwelt viel zu tun gibt, und meine Arbeit ist ziemlich wichtig. Das heißt aber nicht, dass ich sie gern mache, sie wurde mir ebenso als Strafe auferlegt wie anderen Geistern auch. Dabei hätte ich durchaus gleich in die Hölle kommen können, als Lucretia Borgia habe ich im menschlichen Leben genug getan, um die Verdammnis zu verdienen. Aber damals brauchte seine Unheiligkeit dringend ein intelligentes Wesen, das sich auch durchsetzen konnte. Und nun warte ich auf jemanden, der mich ablösen könnte. Hätten Sie nicht Lust? Ich gebe zu, die Arbeitszeiten sind viel zu lang, die Bezahlung ist entsetzlich, und mein Chef ist unerträglich. Aber dafür haben Sie die Möglichkeit öfter mal neue Leute kennen zu lernen, und falls Ihnen eine Arbeit am Schreibtisch angenehm ist, dürfen Sie das ausleben, bis selbst der Teufel um Gnade bittet. Aber nein, lassen wir das lieber, denn sobald ich meine Arbeit aufgebe, bin ich fällig. Doch Sie sollten sich überlegen, ob Sie nach Ihrem Tod nicht Interesse hätten, irgendwo in unserer Abteilung eine nette kleine Stelle anzunehmen. Eines kann ich Ihnen versprechen, Geister leben intensiver.

ENDE

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Originaltitel: UNTOT – LB.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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DAS HERZ DER GALAXIS – Groteske von Anna Breitzke

Erstellt von Anna Breitzke am 30. Oktober 2012

DAS HERZ DER GALAXIS

Groteske
von
Anna Breitzke

Hey, hallo Sie, bleiben Sie mal stehen. Ich brauche einen Nachfolger. Leider bin ich nicht in der Lage, eine galaxisweite Stellenanzeige aufzugeben. Aber schon, um Ihnen die Aufgabe schmackhaft zu machen, bin ich gern bereit, Ihnen einen kleinen Abriss über meine Aufgaben zu liefern.

Also bitte… hallo, Sie, ich rede mit Ihnen. Nicht davonlaufen, schließlich brauche ich Ihre Hilfe. Nun gut, noch einmal von vorn. Ich brauche einen Nachfolger, und ich bin fest davon überzeugt, dass Sie der Richtige sind. Ich will Ihnen kurz erklären, worum es geht. Sehen Sie, bei mir laufen fast alle Fäden zusammen, ich steuere diesen ganzen Organismus, und sämtliche Nerven haben die Knotenpunkte in meiner unmittelbaren Nähe, so dass ich stets darüber informiert bin, wenn sich irgendwo unvorhergesehene Zwischenfälle ereignen. Nehmen Sie nur mal die Außenbezirke. Man könnte die Transportwege der Raumschiffe als Adern bezeichnen, und die Lebewesen, die da drinnen herumwimmeln, als Blutkörperchen. Zumindest diejenigen, die hier beheimatet sind. Auch wenn sie nicht immer genau das tun, was ich von ihnen erwarte – oder was gut für die Galaxis wäre – so sind sie jedoch meist recht nützlich. Ich kann ihre überschüssige Energie in die richtigen Bahnen lenken, indem ich die Raumstrassen öffne oder sperre. Es hat eine Weile gedauert, so 20 000 Jahre etwa, bis die quirligen Lebewesen begriffen haben, was ich von ihnen erwarte. Aber mittlerweile klappt die Zusammenarbeit recht gut, nun, jedenfalls in den Außenbezirken. Es kommt immer wieder zu kleineren Scharmützeln, wenn Eindringlinge versuchen, die Unversehrtheit des Organismus anzugreifen. Das darf nicht geschehen, also gibt es an diesen neuralgischen Stellen auch schon mal heftige Kämpfe, bei denen die Blutkörperchen in Scharen vernichtet werden. Aber das macht nichts, schließlich werden immer wieder neue davon produziert.

Doch was rede ich so lange von den Außenbezirken, es gibt wichtigeres. Neben mir, der ich meiner Meinung nach das Wichtigste überhaupt bin, der Primus inter Pares, gibt es noch einige Gleichwertige, die für das Funktionieren der Galaxis notwendig sind – aber alles ist abhängig von meinem reibungslosen Funktionieren. Selbst die übergeordnete Macht, nennen wir sie das Gehirn, wäre ohne mich nicht in der Lage, auch nur einen Gedanken zu fassen, geschweige denn seine Macht zu demonstrieren.

Sie haben sicher längst verstanden, wer und was ich bin – ich bin das Herz der Galaxis, der Mittelpunkt eines einzigartigen Organismus, der Milliarden von Lebewesen, Tausende von Planeten und unzählige Sonnen am Leben erhält. Natürlich gibt es ab und zu ernste Bedrohungen, zum Beispiel das Schwarze Loch in der Nähe von Alpha Centauri, das wie ein Krebsgeschwür eine ganze Reihe von Systemen verschlungen hat, bevor es mir und den Blutkörperchen gelang, die Krankheit einzudämmen. So etwas tut weh, glauben Sie mir das. Der ganze galaxisweite Organismus musste darunter leiden, und die Nervenbahnen, wie auch die Adern, wurden so stark beansprucht, dass ich, das Herz, fast bis in den Kollaps getrieben wurde. Schmerzen verursachen auch die erlöschenden Sonnen, sie bilden absterbende Zellen innerhalb der funktionierenden Einheit.

Das alles hat mich stark geschwächt, und doch hätte ich von allein wieder zu Kräften kommen können, wären da nicht diese….

Nein, ich sollte eigentlich nicht einmal daran denken, es ist so schrecklich. Aber ich muss es wohl erklären, denn sonst verstehen Sie ja nicht, warum ich einen Nachfolger brauche.

Also – es begann alles eigentlich recht harmlos. Eine der Raumstrassen, durch die täglich tausende der technischen Spielzeuge voll mit Lebewesen fliegen, kollabierte ohne Grund. So etwas kommt vor und ist zu unwichtig, als dass ich mich darum gekümmert hätte, schließlich gibt es noch genug davon. Aber scheinbar sind die Lebewesen in der Straße nicht anständig abgestorben, sie fanden unverschämterweise einen Weg am Leben zu bleiben. Nicht nur das, sie manipulierten die kollabierte Straße und riefen so eine Raum-Zeit-Verzerrung, eine Verstopfung der Adern, hervor. Langsam und schleichend wurde so aus einer kleinen, kaum beachteten Störung, ein großes Problem. Ich hatte immer mehr zu tun, musste mich immer mehr anstrengen, während die Leistung immer mehr abnahm. Es kam zu Fehlfunktionen, einem Infarkt, und viele der Lebewesen auf den Planeten, wie auch eine ganze Reihe der Raumstrassen starben völlig ab, während andere Blutkörperchen ein Eigenleben entwickelten, das ihnen gar nicht zustand. Obwohl ich ständig voll beschäftigt war, bemerkte ich zunächst nicht einmal etwas von dieser gravierenden Veränderung. Als mir klar wurde, wohin meine Energie abgezogen wurde, war es schon fast zu spät. Sofort alarmierte ich die übergeordnete Einheit, das Gehirn. Wir mussten uns auf dem schnellsten Wege selbst helfen, bevor es zu spät war. Wir wären nicht die erste Galaxis, die von einem Augenblick auf den anderen aus dem Universum verschwindet, weil der Organismus zusammenbricht.

Schnell hatten wir die Ursache für die Probleme herausgefunden, doch die dafür verantwortlichen Lebewesen erwiesen sich als äußerst hartnäckig. Entartete Zellen, weiterentwickelte Blutkörperchen, die dem Geheimnis des Lebens auf der Spur waren, aber in ihrem Eifer weit über das Ziel hinausschossen. Es war eine große Anstrengung, sie nicht nur in ihre Schranken zu weisen, sondern sie völlig aus dem Organismus zu entfernen. Gewisse Grenzen sollten eben nicht überschritten werden, das haben diese kleinen Blutkrebse jetzt hoffentlich gemerkt.

Das Gehirn sorgte dafür, dass der Planet und die lästigen Lebewesen eliminiert wurden, um weitere Versuche dieser Art zu verhindern. Dazu musste ich jedoch die Nervenknoten und die wichtigsten Lebensbahnen in diesem Bereich stilllegen. Stellen Sie sich das nur vor, alles in meiner unmittelbaren Nähe.

All diese Anstrengungen haben mich so sehr geschwächt, dass ich meinen Aufgaben nur noch mit größter Mühe nachkommen kann.

So, nun wissen Sie das Wichtigste. Hätten Sie Lust, meine Stellung einzunehmen? Ich kann Ihnen versprechen, dass Ihr Leben nicht langweilig wird. Ich finde es immer wieder faszinierend, die kleinen Lebewesen zu beobachten. Sie geben sich so große Mühe, sich selbst für wichtig zu halten, dabei sind sie doch nicht mehr als die Einzelteile eines großen Ganzen. Also, möchten Sie mein Nachfolger werden? Die Bezahlung ist mies, zugegeben, und die ständige Einmischung vom Gehirn, das die Winzlinge ihren Gott nennen, und das deshalb ziemlich arrogant geworden ist, kann ausgesprochen lästig sein. Aber trotzdem sind Sie das wichtigste in der ganzen Galaxis. Sie steuern einen ganzen Organismus, beeinflussen Milliarden von Lebewesen und sind Mittelpunkt des schönsten, was das Universum zu bieten hat.

Sagte ich es nicht schon: Sie sind das Herz der Galaxis. Nehmen Sie meinen Platz ein, bevor es zu spät ist, denn ich habe nicht mehr lange zu leben. Die Galaxis braucht ein neues Herz, der nächste Infarkt steht kurz bevor, und den werde ich nicht überstehen.

Dies ist das Stellenangebot mit allen Vor- und Nachteilen. Sie werden doch nicht etwa ablehnen? Also wirklich, nun hören Sie mal, Sie können dieses einmalige Angebot nicht einfach beiseite legen. Sie sollten es als Ehre betrachten, überhaupt in die engere Wahl gezogen worden zu sein.

Ja, ich rege mich auf, sooft und solange ich will. Sie sollen jetzt endlich Ihre Arbeit antreten.

Was soll das heißen, dieser Job ist Ihnen zu stressig? Was glauben Sie überhaupt, wer Sie am Leben erhält? Es ist Zeit für ein bisschen Dankbarkeit. Nun lösen Sie mich schon endlich ab. Ich kann nicht mehr.

*

Herz an Gehirn, es entsteht gerade ein neuer Infarkt, sämtliche Raumstrassen sind blockiert, ich habe keinen Zugriff mehr….

*

Gehirn an neues Herz. Es gab eine schwerwiegende Störung, die Versorgung lebenswichtiger Bereiche wurde unterbrochen. Ein Teil meiner Neuronen ist abgestorben, ein Neustart ist zwingend erforderlich. Ich muss Ersatz finden, um das Überleben des Organismus gewährleisten.

Hey, hallo Sie, bleiben Sie mal stehen. Ich brauche einen Nachfolger.

ENDE

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

Bildrechte: “Skurrile Geschichte” (SKURILE GESCHICHTEN-SPIRALE-20110114083935-8edac2f8.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Skurrile Geschichte” (Originaltitel: 20110114083935-8edac2f8.jpg ) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Komik, Satire, Groteske

Herausgegeben von Häntzschel, Günter / Leuschner, Ulrike / Hanuschek, Sven
Verlag :      edition text + kritik
ISBN :      978-3-86916-202-7
Einband :      Paperback
Preisinfo :      32,00 Eur[D] / 32,90 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 03.05.2012
Seiten/Umfang :      279 S.
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      09.2012
Aus der Reihe :      treibhaus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre Band 8

In der Literaturgeschichte treten die fünfziger Jahre als Aufbau- und Verdrängungsjahre, nicht als eine Zeit für Komik, Satire und Groteske in Erscheinung. Der neue Band des Jahrbuchs zeigt ein anderes Bild: Weibliche satirische Stimmen wie die von Irmgard Keun werden vorgestellt, die Massenmedien der Zeit sind mit Erika Fuchs’ Disney-Übersetzungen und Kurt Ho¬ffmanns Film »Wir Wunderkinder« vertreten. Das komplexe Verhältnis zwischen Loriot und Wolfgang Hildesheimer wird rekonstruiert, die Literatur der DDR ist mit Heiner Müller und dem Kabarett »Die Distel« präsent. Die Werke Arno Schmidts wie der Wiener Gruppe stehen für komische Verfahren avantgardistischer Literatur, Zeitgeschichte mit groteskem Einschlag findet sich in den Romanen von Günter Grass. Die ›biederen‹ fünfziger Jahre gewinnen eine überraschend selbstironische Färbung.

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GELIEBTE ZWISCHEN DEN WELTEN – Eine Kurzgeschichte von Anna Breitzke

Erstellt von Anna Breitzke am 23. Oktober 2012

GELIEBTE ZWISCHEN DEN WELTEN

Eine

Kurzgeschichte

von

Anna Breitzke

„Ich flehe dich an, Herr, hilf mir. Ich liebe ihn doch so sehr.“ Die Stimme der schönen jungen Frau war kaum zu hören, und doch stand jedes ihrer Worte im Raum wie fest gemauerte Säulen.

Der Mann, an den diese verzweifelten Worte gerichtet waren, befand sich nur wenige Schritte entfernt vor einem steinernen Altar, der seltsame Zeichen eingemeißelt enthielt. Der Mann war alt, dünn und trug lange weiße Haare und einen Bart, der bis auf die Brust reichte; bekleidet war er in einen bodenlangen schwarzen Umhang über einer dunklen Kutte. Seine leuchtend blauen uralten Augen richteten sich auf Adea.

„Liebe? Du hast keine Ahnung, was Liebe ist – das überflüssigste Gefühl überhaupt. Das sage ich dir. Liebe führt dazu, dass die Menschen ihren Verstand verlieren, unlogisch handeln und die reine Lehre der Wissenschaft völlig außer Acht lassen. Liebe, pah. Hast du keine bessere Begründung für eine so schwer wiegende Entscheidung?“

„Herr, Emareon, ich bitte dich. Hast du niemals das brennende Verlangen in dir gespürt, den Schmerz bei jedem Atemzug, die Sehnsucht, den anderen zu sehen, und sei es auch nur aus der Ferne? Liebe ist das stärkste aller Gefühle, und ich würde alles tun – wirklich alles, wenn du mir nur hilfst.“

Emareon ging einige Schritte auf und ab, unruhig und verärgert.

„Du urteilst vorschnell, Adea, auch ich habe die Liebe erlebt, doch ich ließ mich davon nicht blenden. Was bleibt dir, wenn die Gefühle sterben? Der Vorgang, um den du mich bittest, ist unumkehrbar, du wirst den Rest seines Lebens…“

„Das weiß ich, Herr“, flüsterte die junge Frau.

„Und doch willst du dieses Leben wegwerfen? Du, meine beste Schülerin ?“

Sie schwieg. Alle diese Einwände, Vorwürfe und Bedenken hatte sie sich in den letzten Wochen selbst vorgehalten. Sie besaß die Fähigkeit zu einer großartigen Magierin zu werden, solange sie ihre Studien weiter führte und in die Fußstapfen von Emareon trat, dem größten lebenden Magier – ihrem einzigartigen Lehrer. Doch Adea hatte den unverzeihlichen Fehler begangen sich zu verlieben. Das allein hätte Emareon vielleicht noch verzeihen können. Doch ihr Auserwählter war ausgerechnet ein Werwolf, und nicht nur irgendeiner. Lykandor und Emareon hassten sich aus tiefster Seele, ohne dass Adea den Grund dafür hätte herausfinden können.

Lykandor hatte nur entsetzt aufgebrüllt, als er feststellte, dass Adea derart tiefe Bindungen an den Magier besaß. Er weigerte sich, auch nur in die Nähe von Emareon zu kommen, und so hatten die beiden Liebenden einen einfachen Plan entwickelt, um Nachrichten auszutauschen und Treffen zu vereinbaren.

In diesem alten Tempel, der Emareon als Heimstatt diente, wie auch als Arbeitsplatz, wuchs ein einzelner Rosenstrauch, der sicher schon zwei Menschenalter überlebt hatte. Lykandor, der täglich wenigstens einmal hierher kam, brach einen Zweig ab, um Adea seiner Liebe zu versichern. Und wenn er es für unbedenklich hielt, sich mit der jungen Frau zu treffen, legte er eine Knospe auf einen Mauervorsprung. Die beiden Liebenden hatten lange geglaubt, dass ihre Nachrichten geheim geblieben waren. Aber Emareon hatte schon früh davon gewusst, und als er spürte, dass seine Schülerin es ernst meinte, war es zum ersten großen Streit gekommen.

Adea hatte beteuert, wie sehr sie Lykandor liebte, aber der Magier war an Gefühlen nicht interessiert. Seine einzige Antwort hatte darin bestanden, die junge Frau so sehr in die Lehre und Arbeit einzubeziehen, dass sie vor Erschöpfung kaum noch in der Lage war, ihre geheimen Treffen fortzuführen.

Aber nun war eine Veränderung eingetreten. Lykandor hatte lange nachgedacht und war zu dem Entschluss gekommen Adea aufzugeben. Er wollte nicht ihr Leben zerstören, indem sie sich zwischen ihm und Emareon entscheiden musste. In den Nächten, da er sich aus der menschlichen Gestalt in einen Werwolf verwandelte, hatte er seine Instinkte nicht mehr unter Kontrolle. Er fürchtete, er könnte dabei seiner Geliebten etwas antun, und das würde er sich niemals verzeihen. Schweren Herzens hatte er Adea seinen Entschluss mitgeteilt, war dann aber von ihrer Reaktion völlig überrascht worden.

„Ich werde mich niemals von dir trennen“, hatte sie heftig hervorgestoßen. „Für mich spielt es keine Rolle, wer oder was du bist. Ich liebe dich und will für immer an deiner Seite sein.“

„Aber versteh doch…“, Lykandor riss sie heftig in seine Arme. „Ich bin ein Werwolf, ich könnte dich ungewollt verletzen oder töten.“

„Das ist mir egal. Du solltest mich ebenfalls zu einem Werwolf machen, dann spielt es keine Rolle mehr.“ Er hatte sie entsetzt angeschaut und dann den Kopf geschüttelt.

„Das geht nicht. Ich könnte dich nur in meiner Verwandlungsphase infizieren, und da habe ich noch jeden getötet, auf den ich getroffen bin. Das ist auch der Grund, warum ich die Einsamkeit suche. Nein, dieses Risiko kann und werde ich nicht eingehen.“

Adea waren Tränen über die Wangen gelaufen, doch ihr Blick blieb trotzig. „Dann werde ich einen anderen Weg finden. Emareon kann es tun.“

„Genau das wird er nicht tun, du bist seine Nachfolgerin, er wird eine Werwölfin nicht unterrichten.“

„Das ist mir egal, ich werde nicht lockerlassen oder von ihm fortgehen.“

Lykandor hatte auf sie eingeredet, doch sie war fest bei ihrem Entschluss geblieben und hatte gleich nach ihrer Rückkehr Emareon bestürmt sie zu verwandeln. Er war nicht nur ablehnend, er war entsetzt und zornig.

„Nein, das werde ich nicht zulassen. Wie konnte Lykandor nur auf eine solch absurde Idee kommen? Ich weiß ja, dass Werwölfe nicht gerade mit Klugheit gesegnet sind, aber das ist…“.

„Wie kommst du nur darauf, dass Lykandor diesen Vorschlag gemacht hätte? Nein, es ist ganz allein meine Idee. Und wenn du mir nicht helfen willst…“.

„Was ist dann, Adea?“, donnerte Emareon. Seine Augen blitzten zornig.

„Dann werde ich dich verlassen“, flüsterte sie.

„Ich will kein Wort mehr davon hören“, erklärte der Magier knapp und wandte sich ab. Adea weinte nicht, sie wurde nicht laut, sie blieb still, weil sie wusste, dass Emareon sich von einem Ausbruch keinesfalls beeinflussen lassen würde. Drei Tage stand eisiges Schweigen zwischen ihnen, drei Tage, in denen nur frostige Blicke gewechselt wurden. Die junge Frau bemerkte nicht, oder wollte nicht bemerkten, wie er sie immer wieder mit eigenartiger Miene ansah. Schließlich brach er das Schweigen.

„Warum, Adea? Warum? Ich könnte es noch verstehen, wenn du bei Lykandor bleiben willst. Aber warum diese Verwandlung?“

„Das würdest du nicht verstehen.“

„Du könntest versuchen, es mir zu erklären“, sagte er sarkastisch.

„Ich liebe ihn ganz einfach“, stieß sie hervor.

„Und das ist alles?“, fragte er ungläubig. Das war der Moment, in dem Adea ihn anflehte, ihr zu helfen.

Emareon wanderte einige Male im Tempel auf und ab. „Lykandor kann und wird dich nicht glücklich machen.“

„Warum hasst ihr euch so sehr?“, flüsterte sie.

„Er ist ein Verräter, ein Wortbrüchiger, ich will nichts mit ihm zu tun haben.“

„Was hat er getan, dass es in deinen Augen einem Verrat gleichkommt?“

„Das geht dich nichts an. – Ich werde dir helfen, Adea, unter einer Bedingung.“ Er sah Hoffnung in ihren Augen und unendliche Sehnsucht.

„Ich werde alles tun, was du willst“, beteuerte sie.

„Das werden wir sehen. Solltest du jemals ein Kind bekommen, gehört es mir. Du wirst es mir gleich nach der Geburt bringen und nie wieder sehen.“ Die Stimme des Magiers klang kälter als Eis und fest entschlossen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht der schönen jungen Frau.

„Das ist nicht ein Ernst“, brach es aus ihr heraus.

„Das ist meine Bedingung, sie ist nicht verhandelbar. Nun, willst du jetzt Abstand nehmen von diesem Wahnsinn?“

„Nein! Nein, ich nehme deine Bedingung an, und ich werde dich über den Tod hinaus verfolgen, wenn du meinem Kind jemals etwas antun solltest – immer unter der Voraussetzung, dass ich ein Kind bekommen kann.“

Damit war alles gesagt. Emareon war nicht wirklich zufrieden mit diesem Ausgang. Er hatte insgeheim gehofft, sie würde vor diesem letzten Hindernis zurückschrecken, aber dem war nicht so. Es blieb ihm jetzt nur noch, die Vorbereitungen für den kommenden Vollmond zu treffen.

*

In der beginnenden Dämmerung entzündete Adea mit einer Handbewegung die Kerzen. Der Altar war sauber gefegt, nur das Buch der Zaubersprüche lag auf dem grauen Stein. Mürrisch trat Emareon vor und musterte seine Schülerin, die plötzlich anfing zu zittern.

„Bevor ich deinen Wunsch erfülle, besiegeln wir unsere Vereinbarung“, sagte der Magier. „Du begehrst die Verwandlung in eine Werwölfin, um deiner Liebe zu folgen. Ich werde dir die Verwandlung zugänglich machen, aber ich verlange als Gegenleistung dein erstes Kind.“

„Und falls ich kein Kind bekomme?“, fragte sie spröde.

„Das ist mein Risiko. Aber du wirst dich daran halten, das Kind ohne Aufforderung sofort nach der Geburt zu mir zu bringen und es nie wieder zu sehen. Hast du verstanden?“

„Ja, Herr“, flüsterte Adea.

„Dann besiegeln wir den Vertrag mit unserem Blut.“ Wie aus dem Nichts lag plötzlich ein Pergament auf dem Altar. Emareon schnitt mit einem Ritualdolch in seine Handfläche, drei Blutstropfen fielen auf das Blatt. Ohne zu zögern tat die Frau das gleiche. Die Blutstropfen mischten sich und formten auf magische Weise die Worte des Vertrages. Der Magier schlug das Buch auf, holte aus seiner Tasche eine klare Phiole hervor und ließ die Frau niederknien. Sie trank die gelbliche bittere Flüssigkeit, während Emareon die notwendigen Beschwörungen aussprach.

Unsäglicher Schmerz zerriss Adea von innen heraus, jede Nervenfaser schien ein Eigenleben zu besitzen. Doch sie gab keinen Ton von sich, aber sie wand sich auf dem Boden. Schließlich löste sich ein grauenhafter Laut aus ihrer Kehle, der Körper veränderte sich in rasender Schnelligkeit, ohne jedoch schon die Verwandlung zum Wolf vorzunehmen. Das schmale Gesicht wurde blass und fast dreieckig, Haare sprossen aus der Haut, die Fingernägel wurden lang und gekrümmt, die Augen nahmen die Farbe von Bernstein an, und die Körperhaltung wurde selbst in aufrechter Position gespannt und etwas geduckt.

„Nun hast du deinen Willen“, sagte Emareon bitter. „Geht zu Lykandor, wenn du unbedingt willst, kehre nicht zurück, um deinen Schritt zu bedauern. Geh jetzt, Adea, geh und versuche nicht, mir zu danken.“

Adea murmelte trotzdem etwas, was wie inbrünstiger Dank klang, aber das hörte der Magier schon nicht mehr.

Sie brach eine Rose und machte sich auf den Weg in den Wald, um Lykandor zu suchen, dessen Geheul bei der Verwandlung weithin zu hören war. Noch während sie lief, spürte auch sie zum ersten Mal den reißenden Schmerz, der aus ihrem menschlichen Körper ein unsägliches Monster machte. Wenig später jagte der lang gestreckte, mit grauen Haaren bedeckte Körper durch den Wald, bis die Wölfin die Anwesenheit des anderen Werwolfes witterte. Lykandor hatte recht gehabt, nach der Verwandlung gab es keine Instinkte mehr, die man noch kontrollieren konnte. Nachdem die beiden schrecklichen Wesen sich zunächst bekämpft hatten, paarten sie sich wild und ungehemmt.

Am nächsten Morgen erwachten Lykandor und Adea wieder in ihrer menschlichen Gestalt, und nur einen Monat später war die Frau sicher, ein Kind zu erwarten. Sie wusste, was das hieß, sie würde dieses Kind nicht behalten dürfen. Emareon schien mehr gewusst zu haben, als er gesagt hatte, aber natürlich besaß der Magier auch die Fähigkeit in die Zukunft zu sehen. Aber hatte er wirklich alles gesehen?

*

Adea hatte ein gesundes Kind zur Welt gebracht, aber der Schmerz des Verlustes war ihr schon längst vertraut gewesen. Doch nun wollte sie Rache für den aufgezwungenen Vertrag. Ohne jemanden in ihren Plan einzuweihen machte sie sich auf den Weg zum Tempel, um ihre Tochter zu Emareon zu bringen. Die schlanke, zerbrechlich wirkende Gestalt setzte sich auf den Altar und wartete, bis der Magier auftauchte. Es war keine Befriedigung, die sie in seinen Augen lesen konnte, es war tiefe Trauer.

„Du hast, was du haben wolltest“, sagte sie kalt.

„Nein, ich sehe nur das, was du gewünscht hast. Ich will dein Kind nicht, Adea, du solltest dir nur sicher sein, dass deine Entscheidung endgültig war. Nimm es zurück, ich weiß nun, dass du anders bist als Lykandor.“ Emareon bückte sich, streichelte über die Wange und nahm das zarte Kind auf die Arme. In diesem Augenblick zeichnete sich blankes Entsetzen in den Augen von Adea ab. Der Magier reichte ihr das Baby zurück, doch nun spürte er bereits das Gift, mit dem das Kind präpariert worden war.

„Ich hätte wissen müssen, dass du nicht kampflos aufgibst“, ächzte er. „Aber auch so ist es gut. Du musst nun meine Stelle einnehmen und deine Tochter zu deiner Nachfolgerin erziehen. Hüte dich vor Lykandor, eines Tages wird er dich verraten.“

Emareon stürzte zu Boden, Adea sprang vom Altar und fing ihr Kind auf, bevor es ebenfalls auf die Erde fiel. Dann weinte sie bittere Tränen, mit denen sie das Gift von den Wangen des Kindes abwusch. Verrat? Nein, Lykandor würde sie niemals verraten, denn er lebte längst nicht mehr. Als der Werwolf versucht hatte, ihr seinen Willen aufzuzwingen, war Adea nichts anderes übrig geblieben als ihn zu töten, um ihr Kind und sich selbst zu retten. Nun trat sie die Nachfolge von Emareon an, und sie nahm sich vor, ihrer Tochter niemals zu verschweigen, welche verheerenden Folgen die Liebe mit sich brachte.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

Bildrechte: LYKANTHROPIE – Werwolfgeschichten aus dem sfbasar” (werwolfgeschichten.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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Letzte Preisänderung am 10.05.2012
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STRASSENFUND – Eine visionäre Erzählung (Überarbeitete Fassung) von Mona Mee (und Anna Breitzke)

Erstellt von Mona Mee am 23. Oktober 2012

STRASSENFUND

Eine visionäre Erzählung

(Überarbeitete Fassung)

von

Mona Mee und Anna Breitzke

Ich bin mit dem Van unterwegs, komme von einem kleinen Besäufnis mit den Kumpels vom Bau, nach einem abgeschlossenen Auftrag ist das bei uns immer so. Ich habe nur ein Bier getrunken, doch mir fallen die Augen vor Müdigkeit und Erschöpfung zu, bis ich ein Hindernis auf der Straße bemerke. Ich gehe voll auf die Eisen und bringe die Kiste gerade noch so zum Stehen, ohne über das Paket zu fahren. Mit der Taschenlampe aus dem Handschuhfach will ich nachsehen, was da liegt. Eine eingewickelte Plane, in dem sich etwas bewegt. Wollte da jemand sein Haustier entsorgen? Wie kann man nur so grausam sein? Ich schneide mit dem Schweizer Messer die Plane auseinander, dann durchfährt mich ein Schock. Da liegt ein totes Baby vor mir, schmutzig und völlig abgemagert, offenbar hatte der Wind die Plane bewegt, so dass ich dachte, hier lebt noch etwas.

Ich versuche die Polizei anzurufen, aber der Akku im Handy ist leer. Mit einer Kordel aus meinem Wagen knote ich das Bündel zusammen und lege es auf die Ladefläche meines Vans. Ich wende und mache mich auf den Weg zum Polizeirevier. Vor dem Gebäude überlege ich, das tote Baby gleich mitzunehmen oder erst mit den Beamten zu reden. Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit, und man hört mir fassungslos zu. Sofort kommen zwei Beamte mit hinaus, und ich zeige den beiden die Plane. Ich schaue dumm aus der Wäsche, als ich erkenne, dass zwar die Plane mit Klebeband zusammengehalten wird, sich darin aber nichts befindet. Ich leuchte in alle Ecken des Vans und hüpfe hinein, um wirklich sicher zu sein, dass das Baby nicht irgendwo hineingerutscht ist. Doch wohin ich auch leuchte, es ist nichts zu finden.

„Haben Sie getrunken?“ fragte einer der beiden.

„Nur ein Bier“, beteuere ich und bin gern bereit zu einem Alkoholtest, der natürlich kein Ergebnis bringt.

„Sie sind vermutlich überarbeitet, aber Sie sollten vielleicht doch einen Arzt aufsuchen“, raten mir die beiden gutmütig. Ich nicke nur, denn ich möchte nicht in den Verdacht geraten, ein Spinner oder Verrückter zu sein, der vorhat, ihnen den Feierabend zu verderben. Ich nicke verwirrt, bedanke mich und steige in den Van, die beiden Beamten heben zum Gruß die Hand.

Während der Fahrt nach Hause wundere ich mich weiter, doch als ich in die Zufahrt zum Weg zu meinem Haus einbiege, muss ich über mich selbst lachen.

Mein Zuhause wirkt anheimelnd, nur etwas leer. Ein schönes Haus mitsamt Nebengebäuden, groß genug für Frau und Kinder. Aber irgendwie hat sich nie eine tiefe Beziehung ergeben, der Job hat es nicht zugelassen.

Plötzlich spüre ich, wie sich eine Hand auf meinen Rücken legt und eine unbekannte Stimme in unverständlichen Worten zu mir spricht. Mit einer Vollbremsung bringe ich den Wagen zum Stehen und schaue mich um. Ein knapp achtjähriges Mädchen befindet sich auf dem Rücksitz und spricht weiter auf mich ein, doch ich verstehe noch immer kein Wort.

Ich hole die Kleine auf den Beifahrersitz und spreche auf sie ein, um herauszufinden, woher sie kommt. Dabei stelle ich fest, dass ich mich mit dem Alter verschätzt haben muss, sie ist bestimmt schon zehn oder elf Jahre. Sie macht einen hungrigen Eindruck, ich gebe ihr einen Schokoriegel aus dem Handschuhfach. Sie verschlingt ihn förmlich, dann lächelt sie mich an, und ich stelle fest, dass sie ein hübsches Kind ist. Was soll ich tun? Zurück zum Polizeirevier? Aber wie soll ich die Existenz dieses Kindes erklären? Ich nehme sie erst einmal mit nach Hause.

Beim Aussteigen bemerke ich, dass sie noch älter sein muss, als ich geschätzt hatte, wenigstens vierzehn oder fünfzehn Jahre. Ich wundere mich wieder einmal über mich selbst.

Im Haus zeige ich ihr das Badezimmer und gebe ihr einige Kleidungsstücke, die mir schon lange nicht mehr passen, dann gehe ich in die Küche, um noch etwas zu Essen zu machen. Im Kühlschrank finden sich Leberkäse, Eier und Emmentaler, die ich in der Pfanne zubereite, während ein paar Scheiben Weißbrot im Toaster rösten.

Ich bin gerade damit fertig, alles auf dem Küchentisch anzurichten, als die Badezimmertür geöffnet wird, das Mädchen ist jetzt sauber und trägt Jeans und Pulli von mir, die nicht wirklich passen. Aber sie sind allemal besser als der schmutzige Overall, den sie im Auto trug. Und erneut muss ich meine Schätzung über das Alter revidieren, sie ist sicherlich schon neunzehn. Ihr hungriger Blick schweift über den Tisch, dann stürzt sie sich förmlich auf das Essen und verdrückt noch zusätzlich einen Großteil meiner Portion.

Ich beschließe, das Mädchen im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen zu lassen und bereite ein provisorisches Bett. Morgen können wir weitersehen. Ich habe bisher kein verständliches Wort aus ihr herausbekommen, aber darum sollen sich morgen Leute kümmern, die Ahnung davon haben.

Ich räume noch rasch die Küche auf und sehe noch einmal nach der Kleinen, sie schläft bereits und wirkt erneut älter, als ich dachte. Behutsam lösche ich bis auf eine kleine Tischleuchte alle Lampen und kann endlich selbst unter die Dusche und dann ins Bett. Ich bin so müde, dass ich nicht einmal über diesen seltsamen Tag nachdenken kann.

Irgendwann höre ich ein Geräusch und versuche wach zu werden. Ist das ein Traum? Die junge Frau kommt wie ein Schatten aus dem schwachen Licht der Lampe heraus auf mein Bett zu und ist splitterfasernackt, sie besitzt einen perfekten Körper mit wohlgeformten Rundungen an den richtigen Stellen. Zuerst glaube ich an einen verrückten Traum, doch dann spüre ich ihre sanften Hände auf meiner Haut. Sie schlüpft zu mir ins Bett und beginnt mich zu erregen, so dass ich plötzlich eine gewaltige Erektion bekomme. Undeutlich erkenne ich ihr Gesicht und sehe, dass sie erneut älter geworden ist, Anfang bis Mitte dreißig schätze ich. Aber das ist mir egal, denn unser Liebesspiel endet in einem unglaublichen Orgasmus, wie ich ihn noch nie erlebt habe.

Schwer atmend und ungeheuer zufrieden kuscheln wie uns aneinander und schlafen schließlich ein.

Ein paar Sonnenstrahlen leuchten durch den Vorhang und wecken mich aus einem wunderbaren Schlaf. Glücklich strecke ich die Hand aus, um meiner nächtlichen Gefährtin über den Körper zu streicheln, aber meine Finger treffen auf eine klebrige, feuchte Masse. Entsetzt richte ich mich auf und sehe fassungslos den Körper einer gut vierzigjährigen Frau, den toten Körper, denn die schlaffen Brüste wie auch der übrige Leib sind mit Blut besudelt, und die Augen starren tot ins Leere. In ihrem Körper steckt eines meiner Steakmesser, das ganz eindeutig die zahllosen Stichwunden verursacht hat.

Panik ergreift mich, ich werfe die Bettdecke über die Leiche der Frau, die vor meinen Augen noch immer altert. Hartnäckig flüstert mir eine innere Stimme zu, dass es sich um einen widerlichen Scherz handelt, aber mit dem Tod spielt man nicht. Das alles hier muss Realität sein.

Was soll ich tun? Die Leiche entsorgen und darauf hoffen, dass mir niemand auf die Schliche kommt? Nun, die Forensik ist soweit fortgeschritten, dass sicherlich irgendwo eine Spur auf mich deutet. Dabei bin ich doch wirklich unschuldig. Aber das muss ich auch beweisen.

Trotzdem entscheide ich mich, die Polizei zu rufen, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich überhaupt sagen soll und vielleicht für einen Mord, den ich nicht begangen habe, ins Gefängnis muss. Das Ganze ist so unwirklich, dass ich glaube, in einem schlechten Traum zu leben.

Ich versuche, gefasst zu bleiben und packe einige Sachen ein, die man vermutlich in der Untersuchungshaft braucht. Als die Polizei eintrifft, erkläre ich die Sachlage, sehe Abscheu und Unglauben in den Gesichtern der beiden Beamten und deute auf das Schlafzimmer. Ich habe nicht die Kraft, selbst hineinzugehen und will hier auf die Ankunft der Spurensicherung warten, um vielleicht noch Fragen zu beantworten.

Schließlich kommt einer der Beamten wieder heraus, sein Gesicht wirkt verwirrt und gleichzeitig angeekelt. Irgendwie erfüllt mich plötzlich Hoffnung.

„Keine Leiche zu finden?“ frage ich, doch er verzieht das Gesicht.

„Da ist durchaus eine Leiche, aber die ist ganz sicher nicht in der letzten Nacht gestorben.“ Er greift nach meiner Schulter und führt mich ins Schlafzimmer. Dort glaube ich meinen Augen nicht zu trauen.

Im Bett liegt ein verschrumpelter Körper, einer Mumie ähnlich, wenigstens achtzig bis neunzig Jahre alt. Habe ich mich heute nach mit einer Leiche vergnügt?

Der Beamte scheint etwas Ähnliches zu denken, vielleicht hält er mich auch für völlig durchgeknallt.

„Hier ist kein Blut zu sehen, die Frau ist unmöglich hier gestorben. Aber Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass das eine strafbare Handlung ist?“

Ich verstehe gar nichts mehr und schaue ihn nur fragend an.

„Sie werden sich vor Gericht wegen Störung der Totenruhe verantworten müssen. Und nun erzählen Sie uns doch mal, auf welchem Friedhof Sie die alte Frau ausgegraben haben.“

Hilflos zucke ich die Schultern. „Ich habe keine Ahnung“, erkläre ich verzweifelt.

„Sie werden einen guten Anwalt und einen noch besseren Psychiater brauchen, um eine einigermaßen verständliche Verteidigung aufzubauen. Bis jetzt klingt das alles sehr unwahrscheinlich, aber wir werden die Wahrheit schon noch herausfinden.“

Ich breche förmlich zusammen und halte mich selbst für verrückt. Natürlich bin ich froh, keinen Mord begangen zu haben, aber was ist nun wirklich geschehen seit gestern Abend? Ich werde nie wieder ein alkoholisches Getränk anfassen…

Ende

Copyright (C) 2012 by Mona Mee und Anna Breitzke

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen-86-minus72-minus16.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Originaltitel: UNTOT – LB.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Chance, Karen
Verlockend untot

Roman

Übersetzt von Brandhorst, Andreas
Verlag :      Piper
ISBN :      978-3-492-26851-6
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Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 15.06.2011
Seiten/Umfang :      496 S.
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      13.01.2012
Aus der Reihe :      Piper Taschenbuch 6851
Fantasy  6851

Cassie Palmer ist zurück! Nun muss sich die Seherin der magischen Gemeinde mit den Problemen herumschlagen, die so ein Job mit sich bringt. Nach einer Zeremonie wird ihre Macht sich nämlich erst vollständig entfalten – doch so weit wollen es ihre Feinde am liebsten gar nicht kommen lassen. Sie versuchen, Cassie vorher zu töten, und gehen dabei nicht gerade zimperlich vor: Ein Dämon bemächtigt sich Cassies Körper, und es erfordert all ihre Tricks und die Kräfte ihrer Freunde, allen voran eines gewissen attraktiven Kriegsmagiers Pritkin, um sie aus den Klauen ihres Peinigers zu befreien. Und wenn möglich, bevor der Dämon sie in ihrer eigenen Badewanne ertränkt.

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PACK DEN ZOMBIE IN DEN TANK – Eine Kurzgeschichte von Anna Breitzke

Erstellt von Anna Breitzke am 6. Oktober 2012

PACK DEN ZOMBIE IN DEN TANK

Eine

Kurzgeschichte

von

Anna Breitzke

Das leuchtend blonde Haar von Dani Parker fiel in schimmernden Kaskaden über die Schultern der jungen Frau, als sie aus dem Auto stieg. Sie war zum ersten Mal in Langenberg, einem verschlafenen kleinen Nest mit kaum 500 Einwohnern. Doch genau hier sollte ihr neues Zuhause sein. Ihr Onkel Jakob hatte ihr seinen Besitz hinterlassen; ein stattliches Haus mit hochwertigem Inventar, Grundbesitz und ein bedeutendes finanzielles Legat – unter der Voraussetzung, dass sie mindestens fünf Jahre in Langenberg lebte. Dani hatte gerade ihre Arbeit verloren; als Innenarchitektin für ein großes Möbelhaus hatte sie gar nicht schlecht verdient, doch das Möbelhaus war in die Pleite geschlittert, hauptsächlich aufgrund von Fehlern im Management. So sehr Dani ihrem Chef diese Niederlage gönnte, so schwer war sie selbst davon betroffen. Die Erbschaft war wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, und die 29jährige hatte ohne nachzudenken zugesagt, schließlich konnte sie mit dem Geld das Haus völlig neu einrichten, falls es nicht ihrem Geschmack entsprach.

Das erste, was ihr auffiel, war ein seltsamer Geruch, der über der ganzen Landschaft lag – irgendwie muffig und erdig schien er überall zu sein. Dani rümpfte die Nase. Sie hatte immer in der Stadt gelebt, hier auf dem Land musste sie sich vielleicht daran gewöhnen. Die Häuser in Langenberg standen nicht dicht gedrängt, überall gab es gut gepflegte Gärten, jeder hütete sein eigenes Grundstück wie eine Burg.

Aber natürlich war die Ankunft der neuen Bewohnerin nicht unbemerkt geblieben, zwei Nachbarn kamen langsam auf sie zu, ein höfliches Lächeln im Gesicht, die Mienen aber eindeutig zurückhaltend. Beim Näherkommen wurde der muffige Geruch womöglich noch stärker. Dani verschloss sich innerlich und übte sich in Selbstbeherrschung, sie wollte nicht unhöflich wirken.

„Ich bin Anton Dorngeber, und das ist Falk Berger“, stellte der gedrungene ältere Mann sich und den anderen Neuankömmling vor. „So, Sie sind also die Nichte vom Jakob? Er hat öfter von Ihnen gesprochen und uns kurz vor seinem Tod noch darum gebeten, uns während der ersten Zeit um Sie zu kümmern. Ist schließlich nicht so ganz einfach, wenn man plötzlich aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird. Und bis Jakob seine neue Stelle antritt dauert es noch eine Weile.“

„Wie bitte?“, fragte Dani irritiert. „Onkel Jakob ist tot, der kann keine neue Stelle antreten.“

Die Männer tauschten einen wissenden Blick aus. Dani hatte nicht vor, sich länger als nötig mit den streng riechenden Nachbarn abzugeben, sie lächelte sparsam.

„Sie sind sehr freundlich, aber ich glaube, ich komme schon allein zurecht“, erklärte sie zurückhaltend, was die zwei betont ignorierten.

„Wir würden es uns niemals verzeihen, Ihnen nicht alles gezeigt und erklärt zu haben“, behauptete Falk und schnappte sich die Reisetasche aus dem offenen Kofferraum.

„Kommen Sie, Dani, das Haus wird Ihnen gefallen“, sagte Anton, griff nach ihrem Arm und führte die Widerstrebende ins Gebäude.

„Wow“, staunte Dani und bekam leuchtende Augen.

Jakob Parker hatte in der Tat einen hervorragenden Geschmack besessen, die Räume waren mit Antiquitäten eingerichtet, in der Küche gab es die beste Ausstattung, die man für Geld kaufen konnte, und das Haus entzückte Dani durch eine individuelle Raumaufteilung.

Zufrieden registrierten die beiden Männer, dass die Frau sich auf den ersten Blick wohl fühlte. Falk blieb in der Nähe des Eingangs stehen, und Anton postierte sich neben der Tür zum Keller.

„Ich denke, wir sollten Sie gleich mit dem Personal bekannt machen“, meinte er.

„Was? Wieso Personal? Davon habe ich gar nichts gewusst.“

„Das ist für jemanden von außen auch nicht ganz leicht zu verstehen“, gab der Mann zurück und kratzte sich am Kopf. „Sehen Sie, unser Personal hier ist etwas – nun ja, eigenartig. Aber es ist billig im Unterhalt, stellt keine Ansprüche und kann rund um die Uhr arbeiten.“

Dani runzelte die Stirn. „Das sollten Sie mir näher erklären“, bat sie.

„Aber gern.“ Anton strahlte plötzlich über das ganze Gesicht, dann öffnete er die Kellertür. Der Gestank wurde unbeschreiblich, Dani hielt sich entsetzt die Nase zu und wich zurück. Dann weiteten sich ihre Augen, der Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei, und das Gesicht wurde schneeweiß.

Falk kam näher, bereit, den schlanken Körper aufzufangen – oder festzuhalten.

Aus dem Keller kamen undefinierbare grunzende Geräusche, endlich trat das „Personal“ ins grelle Tageslicht.

„Darf ich vorstellen, das sind Heinrich, Maria, Ewald und Dieter. Und demnächst kommt noch Jakob dazu“, sagte Anton.

Dani schnappte nach Luft, ihre Stimme war krächzend und kaum verständlich. „Das sind – Zombies!“, stieß sie entsetzt hervor.

„Aber ja. Die besten Arbeiter, die man sich vorstellen kann. Sie halten den Garten von Unkraut frei, fressen Schädlinge und Ungeziefer und tun, was man ihnen sagt, natürlich nur in begrenztem Rahmen.“

Die entsetzlichen Gestalten schlürfen mühselig die Treppe hinauf und postierten sich in Reih und Glied.

„Das ist eure neue Herrin“, sagte Anton langsam mit Betonung, deutete auf Dani und fixierte dann die ausdruckslosen stumpfen Gesichter der Zombies. Maria – man konnte nur an Hand der verfilzten langen grauen Haare und einer angefressenen Brust erkennen, dass es sich einmal um eine Frau gehandelt haben musste – hing ein loses Auge bis auf die Wange hinunter.

Dani fragte sich unwillkürlich, wie die Untoten überhaupt etwas wahrnehmen konnten. Das Summen einer Fliege durchbrach die eintretende Stille. Blitzschnell schnappte Dieter nach dem Insekt, schneller als das menschliche Auge dem Vorgang folgen konnte. Mit schmatzenden Geräuschen vertilgte der Zombie den Leckerbissen.

Dani fiel erst einmal in Ohnmacht.

*

Obwohl sie eigentlich vorgehabt hatte, auf der Stelle wieder abzureisen, war Dani doch geblieben. Die Aussicht auf das reiche Erbe war einfach zu verlockend, und in der Stadt hätte ihr niemand ein Wort geglaubt. Hier in Langenberg wurden die Zombies wie nützliche Haustiere im Keller gehalten und nur bei Bedarf herausgeholt. Kein Außenstehender erfuhr jemals etwas davon. Es stimmte, sie waren genügsam und sogar praktisch, wenn man den abscheulichen Gestank in Kauf nahm.

Dani hatte weniger als eine Woche gebraucht, um die Existenz der Unwesen als unabänderliche Tatsache zu akzeptieren. Für sich selbst hatte sie beschlossen, die Zombies weitgehend zu ignorieren. Sie überließ es Falk, sich um die täglichen Anweisungen zu kümmern.

Dani fuhr mit ihrem neuen Auto zur Tankstelle und hielt sich angeekelt die Nase zu, als sie einen der Untoten zwischen den Zapfsäulen herumlungern sah. Für koordinierte Arbeiten reichte das Verständnis der Zombies nicht aus, er würde ihren Wagen sicher nicht betanken. Karl, der Inhaber der Tankstelle, kam aus dem Kassenhäuschen und schimpfte.

„Mach, dass du hier wegkommst, such dir einen neuen Herrn.“ Dann schubste er die zerlumpte Gestalt heftig beiseite. „Tut mir leid, Dani, dieser Kerl gehört zu niemandem und sucht ein neues Zuhause. Können Sie ihn vielleicht noch unterbringen?“

„Nein danke, ich habe mehr als genug davon“, gab sie doppeldeutig zurück und verzog das Gesicht. Als der Zombie wieder näher kam, schob auch sie den halb verwesten Körper heftig beiseite und griff anschließend nach einem Papierhandtuch. Der Zombie besaß jedoch ein ausgesprochenes Anlehnungsbedürfnis. Dani schnappte nach Luft, als ein Schwall stinkender Gase aus dem Brustkorb entwich.

„Verschwinde“, befahl sie unwillig, erreichte aber genau das Gegenteil. Sie bekam einen Anflug von Panik und begann wie wild mit der Zapfpistole auf das graue zerfetzte Fleisch einzuschlagen. Es knackte und schmatzte, als das Metall den kaum vorhandenen Widerstand durchbrach. Einzelteile flogen durch die Luft, fielen auf den asphaltierten Boden und zuckten dort noch eine Weile, bevor sie raschelnd völlig austrockneten. Ein paar kleinere Stücke aber fanden, wie magisch angezogen, ihren Weg durch den offenen Tankdeckel und vermengten sich mit dem Benzin. Es brodelte plötzlich im Tank und eine graue Wolke kroch hervor.

Dani sah das aus dem Augenwinkel, und die Vermutung jetzt erst den Tank reinigen lassen zu müssen, steigerte ihre Wut eher noch. Sie schlug solange auf den Zombie ein, bis der verwesende Körper nur noch aus übel riechenden Einzelteilen bestand, die mit glucksenden und schmatzenden Geräuschen ihr unwirkliches Leben endgültig aufgaben.

Karl hatte den Vorfall unbewegt verfolgt und zuckte nun die Achseln.

„Das war unnötig, Dani, irgendwer hätte ihn bestimmt noch brauchen können. Aber egal, Sie sollten jedenfalls in die Werkstatt fahren, um den Tank auspumpen und das Benzin filtern zu lassen.“

Dani beruhigte sich langsam wieder und schaute Schuld bewusst drein. „Tut mir Leid für die Schweinerei, ich weiß gar nicht, was über mich gekommen ist.“

„Macht nichts, so einen Koller hatten wir alle schon mal, muss wohl am Gestank liegen. Machen Sie sich keine Gedanken…“ Er kam nicht mehr dazu weiter zu sprechen. Hinter dem Haus kamen zwei Zombies herangeschlürft. Einer von ihnen hatte nur noch einen Arm, der andere trug den Kopf in seltsam verdrehter Haltung.

„Peter, du hast schon wieder deinen Arm liegen gelassen. Also los, ihr zwei, macht hier sauber, dann sammelt eure Einzelteile auf.“

Mit einer gewissen morbiden Faszination schaute Dani gebannt zu, wie die beiden Untoten die Überreste ihres Kameraden fraßen. Das Schmatzen und Grunzen war abstoßend, aber sie konnte den Blick nicht abwenden. Schließlich war das grausige Mahl beendet, die Zombies wankten davon.

Dani setzte sich in ihren Wagen und hoffte, dass sie es noch bis zur Werkstatt schaffen würde, bevor der Motor den Geist aufgab, was er sicherlich tun würde. Nach kaum 200 m schon spürte sie die Veränderung. Die Geschwindigkeit sank, der Motor lief unruhig, begann zu spucken und zu ruckeln.

„Lass mich jetzt nicht im Stich, komm schon, es sind doch nur 10 km“, flehte sie im Stillen. Ein gewaltiger Knall erschütterte den Wagen, Dani fluchte, trat auf die Bremse und würgte das Auto ab. Sie drehte den Schlüssel, hörte ein asthmatisches Keuchen und schickte ein Stoßgebet – wohin auch immer.

Mit einem satten Schlürfen sprang der Motor wieder an und schnurrte gleich darauf sanft wie eine Katze. Verwundert fuhr Dani weiter. Statt sich aufgrund der unvorhergesehenen Beimischung im Benzin am Rande des Exitus zu befinden, lief die Maschine glatt wie ein Uhrwerk, nein, besser sogar.

Dani berührte kaum das Gaspedal, da schoss das Auto voran wie ein Rennwagen. Verblüfft verringerte die Frau die Geschwindigkeit, ein verrückter Gedanke brach sich Bahn. Sollten die Fetzen der Zombies vielleicht nutzen statt zu schaden? fragte sie sich. Verrückt, sicherlich, aber was war hier in Langenberg nicht verrückt? Allein das Zusammenleben mit den Untoten war doch schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Auto fuhr jedenfalls besser als vorher. Aus reinem Übermut schlug Dani den Weg auf die Autobahn ein und zweifelte wenig später an ihrem Verstand, als der Tacho nicht einmal mehr die Geschwindigkeit anzeigen konnte. Außerdem wurde der Tank kaum leerer. Der jungen Frau kam zu Bewusstsein, dass sie mit keinem der Nachbarn über dieses Phänomen sprechen konnte, alle waren der Ansicht, man könnte auf Dauer gar nicht auf die Zombies verzichten, während Dani gerade genüsslich darüber nachdachte, die gesamten Untoten, einen nach dem anderen, als Additiv im Tank zu benutzen.

Sie hatte sich noch längst nicht damit abgefunden, ihr Leben mit diesen widerlichen Kadavern zu teilen. Dani fuhr stundenlang über die Autobahn, bis schließlich doch die Tankanzeige unwiderruflich dem Reservestrich zustrebte. Sie tankte und stellte auf dem Rückweg fest, dass der Sprit ohne diesen besonderen Zusatz nicht einmal halb so weit reichte und schon gar nicht zu einem so großartigen Tempo führte.

Dani war absolut sicher, dass die Überreste der Zombies die Leistungssteigerung hervorgerufen hatten, und in den nächsten Tagen versuchte sie diese Theorie zu erhärten.

*

Niemand vermisste zunächst die Zombies, was auch daran lag, dass immer wieder mal einer versehentlich von den anderen gefressen wurde. Dani hatte mit den 4 eigenen Zombies angefangen und war immer wieder überrascht, wie stark der Motor durch diesen Zusatz gesteigert wurde.

Ein paar Wochen ging die ganze Sache gut, und Dani hoffte bereits, dass ihr Plan, alle Zombies auszurotten, Erfolg haben könnte, doch sie hatte die Intelligenz und den Eigennutz der übrigen Langenberger unterschätzt.

Falk kam als erster zu ihr. „Wo sind deine Leute?“, fragte er unverblümt, denn bisher hatte er sich darum gekümmert, dass die Untoten ihre Anweisungen erhielten.

„Weg“, sagte Dani ungerührt. „Ich bin nicht der Meinung, dass ich sie brauche, also habe ich sie fortgeschickt.“

„Wohin?“, beharrte Falk.

„Das kann dir doch egal sein“, erklärte sie ungeduldig.

Er ging wortlos davon, und am nächsten Tag standen nicht nur Falk und Anton vor ihrer Tür, sondern auch eine Reihe weiterer Einwohner. Jetzt bekam Dani doch etwas Angst. Bisher hatte sie sich nicht besonders für die Leute hier interessiert, aber sie spürte die unterschwellige Feindseligkeit. Dabei konnte Langenberg doch in wenigen Wochen frei von diesem Horror sein, wenn nur alle mitmachten. Sie beschloss, in die Offensive zu gehen.

Mit wenigen Worten erklärte sie ihr bisheriges Handeln und zählte die Vorteile auf, merkte aber bereits nach wenigen Sätzen, dass in der Menschenmenge wilde Wut entstand.

„Sie ist eine Mörderin und Verräterin“; rief jemand.

„Sie hat nicht das Recht, unser Leben zu kritisieren, und sie darf sich nicht einfach am Eigentum anderer vergreifen.“

„Ja, seid ihr denn alle verrückt?“, rief Dani. „Ihr alle habt euch seit ewigen Zeiten von diesen – diesen Dingern terrorisieren lassen. Ich biete euch die Möglichkeit, endlich frei zu leben wie andere Menschen auch.“

„Das wollen wir aber gar nicht“, brüllte jemand.

„Nein, das wollen wir nicht. – Wir wollen unsere Zombies zurück!“

„Ihr seid ja alle komplett verrückt“, schimpfte Dani. „Ich kann euch die Dinger nicht zurückgeben, sie sind weg, endgültig tot.“

„Dann werden wir wohl für Nachschub sorgen müssen“, erklärte Anton fast gemütlich. In seinem Blick stand Entschlossenheit zu lesen, und plötzlich bekam Dani panische Angst. Diese Irren hier konnten doch nicht – sie würden doch nicht …

Doch, die Langenberger konnten, und sie taten es auch.

Bereits am nächsten Tag wurde in feierlicher Prozession der Leichnam von Dani Parker zu Grabe getragen. Auf den Gesichtern der Mitglieder des Trauerzuges war jedoch kein Bedauern über den allzu frühen Verlust zu sehen, stattdessen nur Befriedigung und eine gewisse Genugtuung.

*

Nach gut zwei Wochen streckte sich mitten in der Nacht ein Arm aus dem Erdreich, Erde rieselte in das Loch, das entstand, als ein schmaler kaum verwester Körper mühselig aus dem frischen Grab gestemmt wurde. Mit langsamen schlurfenden Schritten bewegte sich die Gestalt durch die leeren Straßen und schlug zielstrebig den Weg zum Haus von Jakob Parker ein. Hier war mittlerweile eine entfernte Verwandte von Jakob und Dani eingezogen, die schnell die hier herrschende Realität begriffen und akzeptiert hatte. Sie öffnete die Tür, rümpfte die Nase und deutete in Richtung Kellertreppe.

„Du kennst den Weg. Morgen kannst du anfangen, im Garten das Ungeziefer zu beseitigen. Und wenn du das nicht richtig machst, werde ich nach und nach deine Einzelteile in meinen Motor stecken, hast du verstanden?“

In dem stumpfen leeren Blick des neuen Zombies regte sich nichts, durch kein Zeichen gab Dani zu verstehen, dass sie die Anweisungen begriffen hatte. Aber sie trottete mit schleifenden Schritten die Treppe hinunter. Ihr Leben richtete sich jetzt nur noch danach, Nahrung zu finden und Befehle zu erfüllen.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Originaltitel: UNTOT – LB.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Bernd Harder, geb. 1966, ist Chefredakteur einer medizinischen Fachzeitschrift. Als Chefreporter des nichtkommerziellen Magazins „Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken“ ist er ständig mit außergewöhnlichen Behauptungen und mysteriösen Begebenheiten konfrontiert.

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KONSUMVERWEIGERUNG – Eine Kurzgeschichte von Anna Breitzke

Erstellt von Anna Breitzke am 14. April 2012

KONSUMVERWEIGERUNG

Eine

Kurzgeschichte

von

Anna Breitzke

„Ich will, dass jeder erfasst ist – jeder, verstehen Sie?“ Desmond Clarke, der Generaldirektor von Buycom Unlimited schnauzte seinen Stellvertreter an und warf die Folie mit der Gesamtaufstellung der weltweiten Kunden zornig auf den Tisch. „Es gibt immer noch gut drei Prozent der Weltbevölkerung, die weder eine Kreditkarte haben, noch unsere Bonusprogramme nutzen. Drei Prozent, Smith, wissen Sie, was das heißt? Das sind rund zweihundert Millionen Menschen, die wir mit unseren gezielten Werbemaßnahmen nicht erreichen können. Wissen Sie, was das noch heißt? Unsere Kunden weigern sich, den Werbeetat zu erhöhen, weil es noch zu viele Leute gibt, die aus dem Raster fallen. Und als letztes heißt es, Smith, dass unsere Gehälter noch längst nicht ihre volle Höhe erreicht haben. – Also, wie wollen Sie diese drei Prozent in unser System integrieren? All das ist – Konsumverweigerung.“ Das letzte Wort brüllte er förmlich hervor und schlug mit der Faust auf den Tisch.

William Smith, der Stellvertreter, stand kerzengerade da und schluckte schwer. Er arbeitete nun schon seit fünf Jahren für und mit Clarke und hatte in dieser Zeit manchen Wutausbruch stoisch ertragen. In dieser Zeit hatten sie aber auch hervorragende Erfolge vorzuweisen. Die Buycom Unlimited kontrollierte jeden Einkauf, der mit einer Kredit- oder Bonuskarte getätigt wurde. Aus den Käufen wurde für jeden Kunden ein Profil erstellt, aus dem nicht nur hervorging, was wann wo konsumiert wurde, auch die Reisegewohnheiten, die Vorlieben und natürlich die Laster ließen sich aus diesem Programm ablesen. Die Menschen selbst schien es nicht zu stören, dass sie zu gläsernen Kunden mutierten, viele freuten sich sogar darüber, dass die Werbebotschaften deutlich weniger geworden waren. Nur einigen wenigen war bekannt, dass die Werbung jetzt subtil und passend auf den Einzelnen abgestimmt erfolgte – häufig genug nahmen die Menschen die versteckten Werbebotschaften gar nicht mehr wahr. Aber sie reagierten in der gewünschten Weise darauf. Die Gewinne der großen Konzerne, die das Bonusprogramm ursprünglich ins Leben gerufen hatten, waren in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Offenbar reichte das aber noch nicht, so dass der „Boss“ einen Wutanfall bekommen hatte. Der Druck von oben lastete schwer auf ihm.

Was sollte Smith tun? Es lief bereits eine weltweite Kampagne, um auch die letzten Konsumverweigerer zu bekehren, die tatsächlich noch immer Bargeld in der Tasche trugen, und die kostenlosen Karten – wie auch die kleinen Geschenke – einfach ablehnten. Offenbar gab es sogar in der Regierung einige von ihnen, denn trotz aller Bitten und Aufforderungen hatte sich der Finanzminister dem Druck der Werbeindustrie nicht gebeugt – das Bargeld wurde nicht abgeschafft. Auch war es den Geschäften untersagt worden, Kunden, die mit Bargeld statt Karte zahlen wollten, wegzuschicken. Aber halt, da konnte man vielleicht ansetzen.

„Sir, ich verstehe Ihre Empörung“, sagte Smith beschwichtigend. „Leider weigern sich Teile der Regierung, mit uns zu kooperieren, so dass wir das Geld noch immer nicht abschaffen konnten. Aber ich sehe da gerade eine gigantische Kampagne vor mir, die nur ein Minimum kostet, die Konsumverweigerer aber scharenweise in unser System treiben wird.“

„Ich höre“, grollte Clarke wenig überzeugt.

„Wir lassen einige der hartnäckigen Konsumverweigerer beschatten, um zunächst alles über sie zu erfahren. Dann werden sie vom Sender CNI eingeladen und quasi an den Pranger gestellt. Wir nehmen ihnen das Bargeld weg, sie bekommen nur eine einzige Karte mit eingeschränkter Funktion und müssen sich damit mindestens einen Monat selbst am Leben erhalten. Das wird sie die Vorteile der Bonusprogramme lehren, denn damit lässt sich auf der ganzen Welt alles kaufen, was ihnen jetzt natürlich verwehrt ist. Bei alledem sind selbstverständlich unsere mobilen Kameras im Einsatz, und die Werbung kann in diesem Fall konzentriert einsetzen. Man könnte den Probanden zum Beispiel untersagen, diese oder jene Waren zu kaufen – wie auch immer, Sir, die genaue Ausarbeitung können unsere Strategen übernehmen.“

„Was ist, wenn die Leute sich weigern?“, stellte Clarke eine wichtige Frage in den Raum. „Wenn ich richtig informiert bin, nehmen diese Leute auch nicht an Preisausschreiben oder Wettbewerben teil. Sie werden also auch kein Interesse daran haben, weltweit über unsere Sender zu gehen.“

Smith lächelte sardonisch. „Ich denke doch, dass sie mitmachen werden. Denn sehen Sie, Sir, es liegt tatsächlich in unserer Macht, diesen Menschen sonst alles zu nehmen, was ihnen lieb und teuer ist – ihre Arbeit, ihr Haus, ihre Existenz. Doch, Sir, ich bin überzeugt, sie alle werden hocherfreut sein, sich an unserer Aktion beteiligen zu dürfen.“

Clarke blickte noch ein wenig skeptisch drein, nickte dann aber. „Bereiten Sie alles vor, Sie haben drei Tage, dann werden wir die Aktion starten.“

Das war sehr knapp, wie Smith bei sich selbst feststellte, aber sie lebten nun einmal in einer schnelllebigen Zeit, er war sicher, dass er es schaffen würde. Zufrieden verließ er das Büro.

Desmond Clarke starrte seinem Assistenten nachdenklich hinterher. Der Mann war gut, sehr gut sogar. Aber immer noch nicht gut genug. Solange er selbst vom System noch nicht erfasst worden war, gab es noch immer Hoffnung, dass sich außer ihm selbst einige Menschen der allgemeinen Erfassung entziehen konnten. Er saß hier in der Schaltzentrale der Macht, trieb das System immer weiter voran, und entzog sich ihm trotzdem selbst. Er lächelte zufrieden, auch mit dieser Aktion bestand, seiner Meinung nach, noch keine Gefahr, dass er sich integrieren lassen musste. Mit einem guten Gefühl betastete er das Geld in seiner Tasche.

Zwei Tage später erhielt Desmond Clarke die Aufforderung, an der neuen sensationellen Unterhaltungsshow von CNI teilzunehmen. Selbstverständlich war die Teilnahme freiwillig, doch eine Weigerung würde unter Umständen schwer wiegende Folgen nach sich ziehen, da diese Sendung im Sinne der Allgemeinheit stattfand. Clarke kapitulierte, sein Stellvertreter hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Am nächsten Tag übernahm William Smith den Posten des Generaldirektors der Buycom Unlimited.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

Bildrechte: Coverillustration “Überraschungsgeschichten-der-besonderen-Art1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “ÜBERRASCHUNGSGESCHICHTEN-60-minus-90-0-20110114100400-0d964f2a.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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