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THE NEXT GENERATION – eine gesellschaftskritische Kurzgeschichte von Yvonne Rheinganz

THE NEXT GENERATION

Eine gesellschaftskritische Kurzgeschichte
von
Yvonne Rheinganz

Vollkommen verstört stehe ich vor der Bibliothek. An der Tür kündet ein kleines Schild von einer großen Katastrophe: Bibliothek wegen Personalproblemen geschlossen. Der Zettel in meiner Hand fängt an zu zittern. Stunden habe ich investiert, um mir die passende Literatur zusammenzusuchen. Und nun? Mein Zeitplan bricht zusammen wie ein Kartenhaus und nimmt meine innere Ruhe mit. Schweiß bricht mir aus jeder Pore und ich atme zunehmend hektischer. Ich stehe kurz vorm Kollaps und bin am Hyperventilieren, als sich von hinten eine Hand auf meine Schulter legt. Ich drehe mich um und blicke in ein mir flüchtig bekanntes Gesicht. Meine Stimme bricht, als ich mitteile: „Die Bibliothek ist geschlossen.“ Dies wird mit einem mitleidigen Blick quittiert. „Dann gehst du eben morgen hin, ist doch nicht der Weltuntergang“, teilt er mir mit. Ich stemple den Typen vor mir als Verrückten ab. Einen Tag später gehen? Das geht nicht, das passt nicht in den Zeitplan. Der Zeitplan ist überlebensnotwenig. Alles muss geplant sein. Es gibt keine Zeit für Abweichungen. Mein Leben ist bis zu meinem 40 Geburtstag durchgeplant. Riesterrente, Bausparvertrag, Berufsunfähigkeitsversicherung – alles wichtige Bestandteile meines Lebens. Das erste Kind ist mit 30 geplant und ein zweites wird es nicht geben. Das ist unwirtschaftlich und frisst zuviel Zeit. Das eine ist schon unvernünftig, aber irgendwer muss ja für die nächste Generation sorgen. Mit 30 muss alles stehen: Familie und fester Job, pure Alltagsroutine. Auch das Leben meines zukünftigen Kindes steht schon fest: Natürlich wird es das Abitur machen und studieren gehen. Am besten etwas Vernünftiges wie Maschinenbau oder Ingenieurinformatik, aber auch BWL wäre im Rahmen des Erträglichen. Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft, fähiges Humankapital. Tragbar für den Staat und ökonomisch sinnvoll für die Wirtschaft. Ich blinzle. Der Typ steht immer noch da, schaut mich mitleidig an und der Moment dehnt sich bis ins Unendliche aus. Du musst dir auch einmal Zeit nehmen nach links und rechts zu sehen sagt er mir. Nach links und rechts sehen – er scheint nicht zu wissen, dass das vollkommen unerwünscht ist.

Das Mädchen vor mir ist ein grandioses Sinnbild für die vollkommene Zerstörung des humnoldschen Bildungsideals. Sie sind alle so die Neuen. Manche kommen und dürfen noch nicht einmal alleine Autofahren. Sie sind 17 Jahre jung wurden früher eingeschult und durch G8 durchgeprügelt. Danach schickt man sie in die Uni und drückt ihnen fertige Stundenpläne in die Hand. Sie sind verlässlich wie ein Uhrwerk, arbeiten Teilmodule und Module ab. Schreiben Hausarbeiten und halten Referate. Sie sitzen nachts, um zwölf vor ihren Rechnern um sich für ihre Prüfungen anzumelden oder sich in Kurse einzuschreiben. Sie sammeln fleißig Creditpoints, wie wir früher Fußballsammelbildchen. Und sie wissen nicht, was Leben heißt. Sie sind eine graue Masse und unterscheiden sich nicht voneinander. Sie verfallen in Panik, wenn ein Hinderniss auftaucht und sie schauen nicht nach rechts oder links. Keine Beteiligung mehr in Fachschaften oder Gremien der studentischen Selbstverwaltung. Theatergruppen bestehen nur noch aus fünf Leuten und im Uni-Chor finden sich fast nur noch Musikstudenten. Das Einzige was sie nutzen ist der Unisport – nicht weil es ihnen Spaß macht, sondern weil der ideale Arbeitnehmer gesund und vital ist.

Morgens hetzen sie gestresst zu ihren Veranstaltungen und nachdem sie das obligatorische Referat abgeliefert haben verfallen sie in Winterstarre. Von diesem Moment an ist der Kurs sinnlos und frisst ihnen nur die Zeit. Reihenweise verschanzen sie sich hinter ihren Laptops und bereiten die Referate für den nächsten Kurs vor. Was sie lernen sollen, interessiert sie nicht. Wenn man sie fragt, was sie in diesem Kurs machen antworten sie Creditpoints sammeln. Das treibt manchen Kursleiter in die Verzweiflung oder zu Taten die die vollkommene Hilfslosigkeit wiederspiegeln. Es gibt nun stündliche Lektüretests wie in der Schule, denn sonst macht es für die Studierenden keinen Sinn mehr ihre Texte zu lesen. Schließlich muss die Kosten-Nutzen-Relation stimmen und diese scheint mit purem Wissenszuwachs nicht ausbalanciert zu sein. Also führen wir weitere Regeln ein: 75 % der Lektüretest müssen bestanden sein und in jeder Stunde ist eine Zusammenfassung abzuliefern. Ohne Regeln geht es in dieser Generation nicht, weiß eine Kollegin zu berichten.

Wir stehen vor einer humanitären Katastrophe, denn wir haben uns verschätzt, als wir unsere Kalkulation für die optimale Förderung des Humankapitels machten. Leistungs- und konkurrenzfähiger sollten sie werden- für den freien Markt. Sie sollten unsere Wirtschaft vorantreiben und uns an der Exportspitze halten. Nun stehen wir vor dem Ergebnis unseres Zuchtprogramms. Sie brechen in Verzweiflung aus, wenn sie Führungsaufgaben übernehmen sollen, sind unkreativ und scheuen Innovationen. Sie sind Einzelkämpfer und glänzen mit der vollkommenen Perfektion der Ellenbogengesellschaft, obwohl wir Teamfähigkeit fördern wollten.

Da wir auf ein Weckerklingeln nicht hoffen können, ist nun Schadensbegrenzung gefragt. Doch keiner weiß wie – schließlich sind Kreativität und Innovation schon seit Längerem als Zeitverschwendung verschrien. Rudern wir also erst einmal zurück machen aus G8 wieder G9, verzichten aber auf einen vollkommenen Neustart des Systems.

Dafür ist nämlich keine Zeit …

© 2012 Yvonne Rheinganz

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Updated: 1. Juni 2015 — 08:36

4 Comments

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  1. Wie aus dem Leben gegriffen?

  2. Die Geschichte ist genauso passiert. Unialltag eben. Dachtest du, dass man dort noch große Dichter und Denker trifft?

  3. Eine unglaubliche Vorstellung, dass du (oder jemand, den du kennst) das wirklich so erlebt hat.

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