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Literatur-Blog

DAS VERHÖR – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Das Verhör

Kriminalkurzgeschichte

von

Günther K. Lietz

Polizeihauptkommissar Bruhns hatte schon vieles gesehen. Aber das hier, das zehrte selbst an seinen Nerven.

Bisher hatte die Spurensicherung sechs Kinderleichen aus dem Keller geborgen. Immer wieder verschwanden Kollegen in weißen Plastikanzügen im Haus und kamen mit Kisten und Tüten bepackt wieder heraus, um das Material in einen der bereitstehenden Busse zu packen.

Bruhns stand Abseits der Absperrung und hatte die Hand vor den Mund gelegt. Das Ausmaß der Tat raubte ihm die Luft zu Atmen. Kollege Müller nickte ihm zu. Bruhns nickte zurück. Es wurde Zeit aufs Revier zu fahren.

Die Frau war zweiunddreißig Jahre alt, alleinstehend, arbeitslos und gut gelaunt. Sie zeigte keine Stressreaktion oder Anzeichen von Angst. Sie hatte es sich auf dem Stuhl bequem gemacht, die Beine übereinander geschlagen und zog genüsslich an einer Zigarette. Sie war entspannt. Bruhns war zufrieden.

„Guten Tag Frau Kippel. Polizeihauptkommissar Viktor Bruhns.“ Er legte ihr seinen Ausweis vor und zeigte auf seine Kollegin. „Unsere Frau Meister. Sie würde das Protokoll anfertigen. Ist das für Sie in Ordnung?“

Maren Kippel sah zur Sekretärin hinüber, die freundlich, aber unverbindlich lächelte. „Ja, kein Problem.“

„Danke. Sie haben das Recht auf einen Anwalt und können ihn jederzeit hinzuziehen.“

Kippel nickte. „Habe ich schon verstanden. Ich brauche keinen Anwalt. Ich kann für mich selbst sprechen.“

Bruhns setzte sich, während Frau Meister alles fein säuberlich protokollierte. „Sie können jederzeit das Verhör beenden und ihren Anwalt hinzuziehen, Frau Kippel. Sie müssen auch keine Antworten geben. Aber wenn Sie antworten, schreiben wir alles mit und können es später vor Gericht verwenden. Aber keine Angst, nach dem Verhör erhalten Sie eine Abschrift zum Gegenzeichnen. Die können Sie aber ausgiebig und in aller Ruhe lesen. Niemand drängt Sie.“

„Ich würde mich auch nicht drängen lassen.“ Sie zog wieder an der Zigarette und drückte den Stummel im Aschenbecher aus.

„Möchten Sie vielleicht einen Kaffee? Wir haben zwar keinen guten, aber dafür starken Kaffee. Der macht richtig wach.“ Bruhns lächelte freundlich.

„Ja, in Ordnung. Kann ich gut gebrauchen.“

„Fein. Vielleicht was zu essen? Der Kollege Müller wollte eh zum Imbiss rüber. Der kann ihnen was mitbringen. Und machen Sie sich wegen dem bezahlen keine Sorge, das übernimmt der Steuerzahler. Sie haben also die freie Auswahl.“

Maren Kippler dachte kurz nach. „Pommes mit Jägerschnitzel wäre toll. Ich hatte schon lange kein Jägerschnitzel mehr.“

Kurz darauf hielten Bruhns und Kippler Pappbecher mit Kaffee in der Hand. Kollege Müller brachte auch bald das Essen herein und reicht dazu passendes Plastikgeschirr.

„Mahlzeit“, wünschte Bruhns. Er nahm einen Schluck und bereitete sich innerlich auf das Gespräch vor. „Ich hoffe es schmeckt. Die Pommes sind manchmal ein wenig labberig.“

„Ist schon in Ordnung, Herr  Kommissar.“

Bruhns lächelte. „Eigentlich  Polizeihauptkommissar. Aber das ist schon in Ordnung. Wenn Ihnen das zu förmlich ist, können wir uns auch Duzen. Alles kein Problem.“

Maren Kippler war überrascht. „Wirklich?“

„Natürlich. Bei so vertraulichen Gesprächen wollen wir doch keine künstlichen Barrieren aufbauen, oder?“

„Nein, natürlich nicht. Also, von mir aus geht das in Ordnung.“

„Das ist gut. Viktor.“

„Maren, Viktor.“

Bruhns öffnete seine vorbereiteten Unterlagen. „Wenn du keine Antwort geben möchtest oder einen Anwalt willst, sagst du es einfach. In Ordnung?“

Kippler nickte. „Kann ich noch eine Zigarette haben?“

„Natürlich.“ Der  Polizeihauptkommissar fischte einen Stängel aus seiner Packung und bot sie der Verdächtigen an. Er gab ihr auch Feuer. Die Situation war ganz entspannt.

„Du weißt ja, dass wir dich verdächtigen die Kinder getötet zu haben. Bisher haben wir neun Leichen aus deinem Keller geholt. Sind das eigentlich alle?“

„Ihr seid wohl ganz schön am graben, was?“ Stolz schwang in Maren Kipplers Stimme mit.

„Ja, das stimmt. Meine Kollegen schieben Überstunden, um die Arbeit so schnell wie möglich zu erledigen. Wenn du uns etwas unter die Arme greifen könntest, wäre das natürlich klasse. Aber das ist alleine deine Sache.“

„Sehe ich auch so, Viktor. Sehe ich auch so.“ Die Verdächtige dachte nach. „Im Schuppen müsst ihr auch graben. Da liegen auch noch zwei. Es sind insgesamt elf.“

„Danke.“ Bruhns gab die Information an Müller weiter. „Elf Kinder hast du getötet. Oder kommt da noch mehr?“

„Nein, elf. Jedes Jahr ein Balg. Ich habe mit einundzwanzig angefangen. Immer an meinem Geburtstag.“

Bruhns war ehrlich überrascht. „Immer an deinem Geburtstag? Warum?“

„Fing alles ganz harmlos an. Beim ersten Mal wollte ich einfach nur meine Ruhe haben. Aber ich verlor meinen Job, mein damaliger Freund machte mit mir Schluss und das Konto wurde gesperrt. Alles genau an meinem Geburtstag. Also bin ich in mein Auto gestiegen und in der Gegend herumgefahren. Da lief mir der Junge vor den Wagen. Einfach so. Ich wollte keine Fahrerflucht begehen. Aber ich wollte auch keinen Ärger. Also habe ich ihn ins Feld getragen. Ihm den Strick um den Hals gelegt. Zugezogen. Immer fester. Bis er aufhörte zu zucken. Und dann noch etwas länger. Wollte ja sichergehen.“

„Verstehe“, sagte Bruhns nickend und machte sich Notizen. „Das muss dann der kleine Tobias Gerke gewesen sein. Blaue Jacke, grüner Ranzen mit gelben Sternen.“

„Ja, kann sein. War mir auch egal. Mir ging es danach jedenfalls viel besser.“ Die Aussage schien Maren Kippler zu befreien. „Tags darauf lösten sich alle meine Probleme in Wohlgefallen auf. Ich war fassungslos, das musste Schicksal sein. Oder der Teufel persönlich hat mir, für den Preis einer Kinderseele, beigestanden.“

„Und das jedes Jahr?“

„Meistens. Ich hatte ja immer wieder mal Probleme. Vor allem die letzten Jahre.“

„Die lösten sich nach jedem Mord auch alle in Wohlgefallen auf?“

„Nein, leider nicht.“ Maren Kippler sah geknickt auf die qualmende Zigarette.

„Und trotzdem hast du weiter Kinder getötet?“

„Na ja, ich habe mir gedacht, dass es so eine Art Inflation ist. Wird ja alles immer teurer.“

Bruhns gab sich Mühe, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. „Okay, fassen wir mal zusammen: Du hast die Kinder alle getötet, deren Leichen bei dir im Keller und im Schuppen vergraben wurden? Können wir das so festhalten?“

„Ja, klar. Natürlich. Kann ich noch einen Kaffee, Viktor?“

„Klar. Ich schicke Müller gerne laufen.“ Bruhns lachte. „Der muss eh auf seine Figur achten.“

Maren Kippler stimmte ins Lachen ein. „Weißt du, mit jedem Mal ist es einfacher geworden. Bei dem kleinen Jungen, da hatte ich Anfangs noch Albträume. Später nicht mehr. Da habe ich mich nur noch darauf gefreut, wenn es wieder soweit war.“

„Hast du denn alle erwürgt? Oder wie hast du das angestellt? Immerhin bist du nie erwischt worden.“

Das Gesicht der Angeklagten verfinsterte sich. „Ja, das war schon Pech, dass mitten im Urlaub die Wasserleitung kaputt geht und meine Schwägerin den Monteur kommen lässt. Der Mann tut mir leid. Ich habe gehört, er musste ins Krankenhaus eingewiesen werden.“

„Ja, das war für ihn schon ein schlimmer Anblick. Aber kommen wir zurück zu meiner Frage, Maren. Wie hast du das angestellt?“

„Na ja, ein wenig Glück war sicherlich auch dabei. Aber ich bin ja nicht doof. Ich habe schon ein wenig geplant. Bin weit herumgefahren und habe mir die Kinder zufällig herausgepickt. Zwischendurch habe ich ja ein anderes Auto gekauft. Und dann mir ab und zu mal den Wagen von meinem Bruder geliehen. Wenn der gewusst hätte, was ich gelegentlich geladen habe, der wäre ausgerastet.“ Die Verdächtige lachte heiter auf. „Wie gesagt, Glück war auch dabei.“

„Waren die Kinder nur Zufallsopfer oder gab es da einen Bezug?“

„Alles Zufall. Alles.“

Das Verhör zog sich noch drei Stunden hin, dann wurde Maren Kippler müde. „Ich will nicht mehr. Ich habe die Fragerei satt.“

„Natürlich“, sagte Bruhns verständnisvoll. „Vielleicht noch eine Frage, Maren?“

„Nein, ich will nicht mehr. Hör endlich auf, Viktor.“

„In Ordnung, in Ordnung, du bist müde und brauchst deinen Schlaf. Ich verstehe das vollkommen. Gehen wir kurz das Gesprächsprotokoll durch? Geht auch ganz schnell. Du liest es dir einfach durch. Wenn du Fragen hast, stell sie einfach. Und wenn was unverständlich ist, dass erkläre ich dir alles in Ruhe.“

„Okay, aber dann will ich in meine Zelle zurück und schlafen.“

„Klar, Maren, alles kein Problem.“

Eine halbe Stunde später brachte Müller die Verdächtige aus dem Verhörzimmer. Bruhns sah auf die Mitschrift, die vor ihm lag. Frau Meister legte ihre Hand auf seine Schulter. „Geht es, Chef?“

Bruhns atmete durch. „Manchmal finde ich meinen Job einfach nur Scheiße. Am liebsten würde ich meine Waffe ziehen und solchen Leute ein Ende machen. Aber dann wäre ich auch nur einer von ihnen. Und diese Schweine hätten gewonnen. Nein, nicht mit mir.“

„Aber sie haben ein Geständnis, Chef. Das ist doch was.“

„Es rundet die Sache nur ab. Beweise und Zeugenaussagen hätten doch ausgereicht. Am Ende wird meine Arbeit sogar dazu benutzt, um eine milde Strafe auszuhandeln. Weil so eine mordende Sau ja geständig und kooperativ war.“ Bruhns seufzte. „Das schlimmste ist, die Frau ist eh verrückt. Die kommt höchstens in eine Anstalt. Wer weiß, ob die überhaupt kapiert, wenn sie bestraft wird. Wie gehen Sie eigentlich damit um? Ich meine, Sie sind doch dabei und bekommen alles hautnah mit.“

Frau Meister sah Polizeihauptkommissar Bruhns eindringlich an. Ihr standen Tränen in den Augen. „Wissen Sie, Chef, in den Pinkelpausen gehe ich kotzen. Und daheim werfe ich Schlaftabletten ein, um nicht zu träumen.“

Ende

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

Buchtipp:

Anette Huesmann
Die Glut des Bösen
Kriminalroman

Aufbau TB
ISBN: 978-3-7466-2830-1
Seiten/Umfang: 320 S. – 19,0 x 11,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 25.06.2012

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Emma Prinz hat ein paar Sorgen zuviel. Als freie Journalistin ist es schwer, an lukrative Aufträge zu kommen. Als sie erfährt, dass im Kloster Rupertsberg eine Frau ermordet wurde, macht sie sich sogleich auf den Weg. Einer der Gäste des Klosters erzählt ihr von einer geheimen Handschrift Hildegards von Bingen, die sich im Besitz der Toten befunden haben soll, und von einem Mönch, der sie zuvor besaß und der Selbstmord beging. Emma recherchiert weiter und stößt plötzlich auf einen unerwarteten Verdächtigen: ihren eigenen Vater. Vor vielen Jahren war er der Lehrer der ermordeten Frau und der Vorgesetzte des toten Mönchs.

Ein packender Kriminalroman mit einem ungewöhnlichen Schauplatz: das Kloster der Hildegard von Bingen.

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