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ZURÜCK AUF GAMORRHA – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman: “Rettungskreuzer Ikarus 52 (Gamorrha-Trilogie 2)” von Irene Salzmann (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Frühling 2014 – geteilter Preis″)

ZURÜCK AUF GAMORRHA

Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman:
“Rettungskreuzer Ikarus 52 (Gamorrha-Trilogie 2)”
von Irene Salzmann

„Schnell! Sie wird instabil.“ Der Rettungssanitäter, der die Vitaldaten überwachte, mahnte zur Eile. Schweiß lief ihm übers Gesicht.

Seine beiden Kollegen rannten neben dem Medrobot her, der die Verletzte nach der Erstversorgung auf seiner Trage in die Krankenstation von Vortex Outpost beförderte.

„Dr. Ekkri meldet, dass alles für die OP bereit ist“, keuchte der Mann auf der linken Seite der Maschine.

„Kammerflimmern“, registrierte der dritte. „HL3-Injektion, sofort!“

Der Roboter gehorchte.

Die Personen, die ihnen in den Korridoren von Vortex Outpost entgegen kamen, wichen zur Seite, pressten sich gegen die Wände oder in die Nischen der Schotte, um den Weg frei zu machen. Obwohl ihnen die Neugierde ins Gesicht geschrieben stand, wagte niemand, die kleine Gruppe durch Fragen aufzuhalten.

Wer lag unter dem weißen Tuch, das so drapiert war, dass nicht einmal der Kopf hervor lugte?

Endlich erreichten die Sanitäter den Zugang zur Klinik und konnten die schwerverletzte Patientin dem Chefarzt übergeben.

*

Yeni Alaya, Pilot des Rettungskreuzers Phoenix starrte irritiert in den Käfig, den seine zahme Ratte Katie bewohnte. Das possierliche Tierchen gebärdete sich, als wäre es verrückt geworden. Unablässig rannte es im Kreis, sprang gegen die Metallstäbe und warf sein Fressen umher.

Warum?

Alaya fand keine Erklärung. Nachdem er Katie in einem der Beiboote entdeckt und mit kleinen Leckerbissen aus ihrem Versteck gelockt hatte, war sie sehr schnell zahm geworden: Sie ließ sich streicheln, saß gern auf seiner Schulter und zeigte keinerlei Scheu vor seinen Kameraden. Mit einem Mal jedoch benahm sie sich wie toll.

Alaya fragte sich wiederholt, ob er oder irgendetwas Katie erschreckt hatte. Doch da war nichts, und er hatte sich nicht einmal schnell bewegt oder beim Verpacken seiner Souvenirs Lärm gemacht.

Er hatte sie bloß gefüttert. Das Futter war jedoch bloß beschnüffelt, aber nicht angerührt worden. Allein das Stück Schokoriegel hatte sie regelrecht … geschreddert, aber nicht gefressen. Die Krümel waren aus dem Käfig hinaus in der halben Kabine verteilt und von einem Reinigungsrobot aufgesaugt worden

Wie kann ich sie beruhigen?

Die Käsewürfel, das Kartoffelstück und die Brotscheibe ignorierte sie weiterhin. Der nächste Schokoriegel, eine andere Sorte, wurde ebenfalls bloß kurz angenagt, dann gnadenlos zerlegt und aus dem Käfig geworfen.

Als wollte sie damit sagen: Den Müll fresse ich nicht!

Das fand Alaya sehr merkwürdig. Offenbar mochte Katie Schokoriegel – genauso wie er selbst -, doch weder Twaidex noch Ares schien ihr zu schmecken.

Er seufzte. „Möchtest du lieber einen Galaxy Way? Ich finde, die sind auch am besten, aber die Sorte ist gerade aus, sagte man mir.“

*

Die Medizinstudentin Liz, die in der Krankenstation von Vortex Outpost ein Praktikum absolvierte, fühlte sich mit dieser Patientin total überfordert. So etwas – nein: jemanden hatte sie noch nie betreuen müssen.

Day Yaleste, Botschafterin von Lansta, war am Vortag eingeliefert worden: Tobsuchtsanfall und anschließender Zusammenbruch. Abgesehen von ihrem kolossalen Übergewicht war sie, laut Vitalanzeige, völlig gesund. Dr. Ekkri, der sie untersucht und dann seinem Kollegen Dr. Kirsh anvertraut hatte, war der Überzeugung gewesen, dass sie nach einem ordentlichen Cocktail aus Beruhigungsmitteln und einer deftigen Mahlzeit entlassen werden könnte, aber Liz bezweifelte das.

Der fettige Noakfleisch-Pudding beruhigte die Frau überhaupt nicht. Sie verweigerte die Nahrung und verlangte nach … Schokoriegeln!

Absurd, fand Liz, die vergeblich versuchte, Day Yaleste zu beruhigen. Natürlich waren alle Süßigkeiten, die sie brachte, die verkehrten.

Galaxy Way ist aus“, erklärte die Wenxi entnervt. „Nachschub kommt erst in ein paar Tagen. Probieren Sie doch mal Twaidex oder Bonny, die sind auch ganz lecker.“

„Ich will mein Galaxy Way“, heulte Day Yaleste. „Sofort! Oder Sie waren hier die längste Zeit Krankenschwester.“

Notgedrungen injizierte Liz ihr ein besonders starkes Sedativum und dachte an die kürzlich von ihr gelesenen historischen Lehrbücher, in denen empfohlen wurde, renitente Patienten durch Bäder in Eiswasser, Stromstöße, Brechmittel und Einläufe zu kurieren …

*

Junius Cornelius, ehemaliger Septimus der Konföderation Anitalle und Berater des Vizianers Pakcheon nahm aus einem kleinen Koffer, den er in seinem Kleiderschrank verwahrte, ein Funkgerät – es sah aus wie ein gebräuchliches Radio -, dem er eine Botschaft anvertraute, die so komprimiert war, dass bloß ein winziger Impuls gesendet wurde, der den Leuten in der Funkortung von Vortex Outpost nicht auffallen sollte, da er in dem Feuerwerk aus unzähligen Sendungen und galaktischer Hintergrundstrahlung nur ein kaum wahrnehmbares, kurzes Signal darstellte. Dieses würde von mehreren Relais-Stationen an den Empfänger weitergeleitet werden.

Schon seit einer Weile hatte Cornelius keinen Auftrag mehr an seine mysteriöse Informantin, die den Decknamen Sky1 benutzte, vergeben. Er hatte sie von seinem Vorgänger geerbt, jedoch davon abgesehen, sie an seinen Nachfolger Kayn Detria weiterzureichen. Zwar wusste er nicht, mit wem er es zu tun hatte, aber bislang war nie ein Anlass aufgekommen, an ihr zu zweifeln. Was auch immer Cornelius brauchte, Sky schien nahezu alles beschaffen zu können und bewahrte darüber Stillschweigen. Natürlich erhielt sie dafür ein großzügiges Honorar.

Nachdem die Nachricht abgeschickt worden war, verstaute Cornelius das Gerät wieder im Koffer und stellte ihn zurück in den Schrank. Ein richtiges Versteck war das natürlich nicht, aber Pakcheons Suite war gewissermaßen vizianisches Territorium und somit, falls kein begründeter Verdacht bestand, dass hier Verbrechen begangen wurden, für das Raumcorps tabu. Pakcheon selbst vertraute Cornelius und würde niemals auf den Gedanken kommen, ihn auszuspionieren.

Sie hatten beide ihre kleinen Geheimnisse.

*

Commodore Heinrich Färber war erschüttert. Der stellvertretende Kommandant von Vortex Outpost war von seinem Adjutanten mit einer Schreckensbotschaft aus dem Schlaf gerissen worden:

Auf Sally McLennane, Direktorin des Raumcorps und Leiterin des Geheimdienstes war ein Attentat verübt worden. Die Spezialisten waren noch mit der Spurensicherung und der Rekonstruktion des Tathergangs befasst, während Dr. Ekkri und seine Helfer um das Leben der Schwerverletzten rangen.

„Gibt es bereits Informationen aus der Klinik?“, erkundigte sich Färber besorgt.

„Bedaure“, sagte Lyonel Browers, Sally McLennanes Sekretär, der ihm gegenüber saß.

Areton Hynemann, Färbers Adjutant, brachte drei Tassen Kaffee und nahm ebenfalls Platz. „Wie geht es weiter?“, wollte er wissen.

Färber strich sich über sein schütteres, ergrautes Haar. „Es gibt Anweisungen für einen solchen Notfall – nur dass letztlich kein Notfall dem anderen oder dem angenommenen Ereignis gleicht. Ich werde vorübergehend die Leitung des Raumcorps und des Geheimdienstes übernehmen. Alles nimmt den gewohnten Gang. Wir lassen niemanden wissen, wie hart uns dieser Angriff getroffen hat, und halten ihn so lange geheim, wie möglich. Wahrscheinlich werden es bloß Stunden, vielleicht ein paar Tage sein, aber schon diese sollten uns helfen, eine Routine zu etablieren und erste Spuren zu finden.“

„Und wenn …?“ Hynemann wollte es nicht aussprechen.

„Dann wird vom Gremium ein neuer Direktor ernannt“, erwiderte Färber. „Und es gibt keinerlei Hochrechnungen, wer das sein könnte, da es Mrs. McLennane versäumte, einen Kronprinzen einzuführen. Die Konsequenzen für das Raumcorps, Vortex Outpost und die Rettungsabteilung sind nicht absehbar.“

„Furchtbar“, fand Browers. „Wir können also bloß hoffen.“

„Gibt es bereits Hinweise auf den oder die Täter?“, wollte Färber wissen.

„Nicht direkt“, erwiderte Browers gedehnt. „Es ist nicht das erste Attentat, das in jüngerer Zeit auf die Direktorin verübt wurde. Sie deutete an, eine Ahnung zu haben, wer dahinter stecken könnte. Allerdings hat sie mich nicht in ihre Überlegungen eingeweiht. Sie schien sich nicht sicher zu sein.“

„Könnte sie mit jemand anderem gesprochen haben?“

Browers wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. „Durchaus. Aber sie war, wie Sie wissen, sehr wählerisch, wenn es darum ging, Informationen weiterzuleiten. Captain Sentenza war anderentags bei Mrs. McLennane. Es wäre denkbar, dass sie mit ihm über die Angelegenheit gesprochen hat, denn sie hält große Stücke auf ihn. Sonst wüsste ich niemand, dem sie sich eventuell anvertrauen würde.“

Färber dachte kurz nach. „Hynemann, Sentenza soll mich aufsuchen. Machen Sie ein Routinegespräch daraus, damit niemand etwas merkt und wir noch ein wenig Zeit gewinnen. Außerdem müssen die Termine der Chefin mit meinen abgeglichen werden. Am besten koordinieren Sie und Browers das gemeinsam. Was vernachlässigbar ist, sagen Sie ab. Stellen Sie bloß Termine zu mir durch, die wichtig sind.“

Nach einem Blickwechsel mit Hynemann nickte Browers. „In Ordnung. Und wenn wir schon dabei sind: Was machen wir mit Captain Hellerman? Er wurde nach dem Austritt aus dem Sternentor von einem Wenxi-Raumer angegriffen, und die Direktorin hatte ihm einen Termin gegeben. Vielleicht hat das etwas mit dem Attentat zu tun, vielleicht auch nicht. Ich weiß nur, dass seine letzte Mission … heikel war.“

„Das heißt?“

„Gamorrha.“

Die drei Männer sahen sich an.

„Auch das noch!“, stöhnte Färber.

*

Die Einladung zum Tee von Wawa Guarani, der Botschafterin der Xavanthischen Liga, schmeichelte Junius Cornelius. Die attraktive Witwe gefiel ihm. Vielleicht etwas zu gut sogar.

Aber ihm war auch klar, dass er im Moment seinen Gefühlen nicht vertrauen durfte. Etwas in ihm sehnte sich nach einer festen Beziehung, nach einer Frau … und Kindern. Aber das war nicht wirklich er, der in den zurückliegenden Jahren lediglich Affären gehabt und den Gedanken an eine Familie weit von sich geschoben hatte. Vor zwei Jahren war er Pakcheon begegnet, der, obwohl ein Mann, etwas in ihm berührt hatte …

Cornelius konnte es sich nicht erklären. Seither hatte es keine Frauen mehr in seinem Leben gegeben.

Und dieser neue Wunsch nach Kindern, der ging nicht von ihm aus. Er hing – eine andere Erklärung gab es nicht – mit der suggestiven Gabe zusammen, die sich durch den Kontakt zu dem Telepathen entfaltet hatte, deren Wurzeln jedoch einen Ursprung hatten, den Cornelius nur zu gern vergessen würde. Aber die Vergangenheit hatte ihn eingeholt und zerstörte sein gegenwärtiges und vielleicht sogar zukünftiges Leben. Wenn er kein Mittel fand, sich von dieser Fähigkeit und dem, was sie in ihn eingebettet hatte, zu befreien, würde er sich immer mehr verlieren. Schon jetzt war er, laut Pakcheon, nicht mehr er selbst.

In Folge war sein Interesse an Wawa Guarani, wie er sich eingestehen musste, nicht echt. Nicht er wollte sie, sondern das in ihm. Die rosa Pillen, die Pakcheon ihm dagelassen hatte, bevor er nach Vizia aufgebrochen war, halfen Cornelius, diese fremden Bedürfnisse zu kontrollieren und einen kühlen Kopf zu bewahren. Noch immer fand er die Botschafterin attraktiv und freute sich über ihre Nachricht, aber er sah die Angelegenheit wieder … nüchtern.

Nachdem er Kosang, den Ableger der KI von Pakcheons gleichnamigem Schiff, über sein Vorhaben informiert hatte, begab sich Cornelius zur Suite der Botschafterin. Er trug einen von Pakcheons Anzügen – praktischerweise hatten sie dieselbe Größe und Statur -, der einer Ausgehunform am nächsten kam: eine schwarze Hose und eine hochgeschlossene, hellblaue Jacke über einem weißen Shirt. Das schulterlange, dunkelbraune Haar bändigte er mit einem blauen Band.

Pünktlich stand er vor dem Schott von Wawa Guaranis Suite. Nachdem er sich angemeldet hatte, wurde ihm geöffnet, und die Botschafterin kam ihm einige Schritte entgegen. Diesmal hatte sie die traditionellen Gewänder gegen einen bequemen Hosenanzug von lindgrüner Farbe getauscht. Dazu trug sie die violette Habac, eine raffiniert drapierte Kopfbedeckung, die sie als Witwe kennzeichnete, und den schweren Silberschmuck, den Cornelius bereits an ihr gesehen hatte.

Er verneigte sich leicht. „Vielen Dank für Ihre Einladung, Botschafterin Guarani.“

Sie lächelte ihn an. „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Bitte, seien Sie nicht so förmlich. Ich sagte Ihnen bereits, dass Sie mich Wawa nennen sollen. Wie darf ich Sie anreden?“

„Cornelius ist in Ordnung“, erwiderte er automatisch.

Tatsächlich gab es niemanden, der seinen Vornamen benutzte – außer seinen Eltern und ganz selten Pakcheon. Warum das so war, wusste er nicht. Es hatte sich so ergeben. Und es hatte ihn nie gestört. Denn es schuf eine gewisse Distanz zu den Personen, mit denen er regelmäßig zu tun hatte und die er deswegen nicht zwangsläufig als gute Bekannte oder gar Freunde erachtete, insbesondere zu den Frauen, die ihn in ihr Bett geholt hatten.

Falls Wawa Guarani enttäuscht war, ließ sie es sich nicht anmerken. „Kommen Sie herein.“

Sie führte ihn durch den kleinen Vorraum in ein gemütliches Wohn-Arbeitszimmer. Es gab drei weitere Türen, hinter denen sich eine winzige Küche, ein Schlafzimmer und eine Hygienezelle befanden. Die Suite war nicht annähernd so groß wie die von Pakcheon – selbst Cornelius hatte als Septimus eine geräumigere Unterkunft bewohnt, was deutlich machte, dass Botschafter nicht gleich Botschafter war -, aber sie wirkte gemütlich ohne diesen für den Vizianer typischen Hauch von Dekadenz.

Wawa Guarani hatte das Mobiliar vermutlich selbst ausgewählt. Cornelius erkannte die Maserung von nur auf Xavan heimischen Holzgewächsen, die speziellen Flechttechniken, mit denen Weichholz und bastähnliche Materialien zu Sesseln, Körben und Wandteppichen verarbeitet wurden, sowie die charakteristischen Motive und warmen, erdigen Farben, die die Einrichtung zierten. Besonders beeindruckend fand er die hohen Regale, die an den Wänden angebracht waren. In Augenhöhe wurden sie von persönlichen Gegenständen, vor allem von Holowürfeln geziert. Darunter und darüber stapelten sich Bücher, Lese- und Filmkristalle und weitere Medien.

„Phantastisch!“, entfuhr es Cornelius. „Haben Sie das alles gelesen und angeschaut?“

Fast liebevoll strich Wawa Guarani über einige Buchrücken. „Das meiste davon. Wer mich kennt, der bringt mir keine Flasche Wein, kein Konfekt, keine Blumen oder andere Dinge mit – sondern etwas zum Lesen.“

„Tatsächlich?“

Die Botschafterin lachte. „Nun gut, einen erlesenen Wein weiß ich durchaus zu schätzen, und für eine Schachtel Reseda-Pralinen von Schluttnick Prime könnten Sie von mir ….fast alles haben …“

„Oh.“ Cornelius entsann sich des Gastgeschenks, das er dabei hatte. „Wenn ich das gewusst hätte … Aber wenigstens ist es kein Wein, keine Süßigkeit und auch kein Blumenstrauß.“

Aus der Jackentasche zog er ein kleines Päckchen, das in schlichtes, satiniertes Papier von dunkelroter Farbe eingeschlagen war. Mit einer weiteren angedeuteten Verbeugung überreicht er es Wawa Guarani.

„Danke“, sagte sie überrascht. „Darf ich es gleich aufmachen?“

„Natürlich.“

Sie zog das Papier auseinander und hielt daraufhin eine kleine schwarze Lackdose in der Hand. Sie öffnete das Behältnis, und ein blumig-herber Duft entfaltete sich. „Ein Tee“, stellte sie erfreut fest. „Woher wussten Sie …?“

„Ich habe ein Interview von Ihnen gesehen. Mir fiel auf, dass Sie als Einzige eine Tasse Tee vor sich stehen hatten und alle anderen Kaffeebecher. Hoffentlich sagt Ihnen die Sorte zu.“

„Das werden wir gleich wissen. Ich werde mir eine Kanne kochen. Möchten Sie auch? Oder ziehen Sie Kaffee vor? Vielleicht ein anderes Getränk?“

„Ich trinke ebenfalls gern Tee.“

Cornelius folgte Wawa Guarani in die kleine Küche. Es handelte sich um die Standardeinrichtung, und sie sah wenig benutzt aus.

„Ich bin keine gute Köchin“, hatte die Botschafterin das Bedürfnis, sich zu entschuldigen. „Es gelingt mir, Kaffee und Tee zu kochen, aber schon an Fertiggerichten scheitere ich. Entweder sind sie noch kalt oder verbrannt.“

„Auch ich bin ein lausiger Koch“, bekannte Cornelius. Darum kocht Pakcheon für uns, wenn wir Zeit haben.

„Es scheint, als hätten wir einige Gemeinsamkeiten.“ Wawa Guarani warf ihm einen tiefen Blick aus dunkelbrauen Augen zu, während sie das Teewasser erhitzte.

Cornelius lächelte unverbindlich. Zum Glück wirkten die rosa Pillen … „Kann ich irgendwie behilflich sein?“

„Es wäre sehr nett, wenn Sie das Geschirr aus dem Schrank nehmen und nach drüben tragen würden.“

Cornelius legte Teller, Tassen, Besteck, eine Zuckerdose und Servietten auf ein Tablett, brachte es ins Wohnzimmer und arrangierte alles auf dem niedrigen Couchtisch. Kurz darauf kam Wawa Guarani mit dem Tee nebst einer Schale Gebäck. Sie goss ihnen beiden ein und schob die Naschereien in Cornelius Richtung.

Dann erst nahmen sie Platz, die Botschafterin auf dem Sofa, Cornelius ihr gegenüber auf einem Sessel. Anstandshalber nahm er einen mit weißer Glasur verzierten Keks und legte ihn auf den Teller.

„Waren Sie schon einmal auf einer Welt der Xavanthischen Liga?“, erkundigte sich die Botschafterin.

„Leider nein. Aber ich habe mir Dokumentationen angesehen und darüber gelesen. Xavan scheint ein sehr schöner Planet zu sein. Die Felsenstädte, die weiten Plantagen um sie herum, die Seenplatten …“

„Ja, Xavan, meine Heimat, ist eine idyllische Welt. Sie sollten Sie wirklich einmal besuchen. Bestimmt wird es Ihnen dort gefallen. Alles mit eigenen Augen zu sehen, ist immer besser, als Informationen aus zweiter Hand zu studieren.“

„Ja. Vielleicht ergibt sich bald eine Gelegenheit.“ Wieder blieb Cornelius unverbindlich.

Wawa Guarani senkte den Blick. „Verzeihen Sie. Ich vergesse immer wieder, dass Sie nicht mehr …“ Sie verstummte.

„Ich kann auch als Privatmann reisen“, entgegnete Cornelius. „Es gibt keinen Grund für Sie, sich zu entschuldigen. Dass ich nicht länger Septimus bin und auch nicht mehr im Dienst der Konföderation Anitalle stehe, ist weder ein Weltuntergang noch ein Tabuthema für mich. Die Alternative, der Berater des vizianischen Gesandten zu sein, hat auch seinen Reiz.“

Und dieser ist hellblau, langhaarig und sehr eifersüchtig. Vorsicht!

Schnell wechselte er das Thema. „Ist das Ihre Familie, Botschaf… Wawa?“ Er wies auf die Holowürfel.

„Schon besser.“ Wawa Guarani hatte den Versprecher bemerkt und quittierte ihn mit einem Zwinkern. „Meine Eltern, mein verstorbener Mann, unsere Tochter, mein Schwager, einige Freunde. Ich vermisse sie sehr. Gibt es Menschen, die Ihnen fehlen?“ Sie drehte sich, während sie die kurze Erklärung gab, nicht um und nippte an ihrem Tee. „Mhm. Lecker!“

Cornelius begriff, dass sie nicht über ihren Mann sprechen wollte. Über die Medien hatte er keine näheren Auskünfte über ihn und seinen Tod erfahren können. Es war lediglich von einem tragischen Unfall die Rede gewesen. Das ließ darauf schließen, dass Wawa Guarani einigen Einfluss hatte, der die Sensationsjournaille bremste.

„Meine Eltern.“ Nicht wirklich, weil zu anstrengend. „Sonst niemanden. Der Clan der Cornelier ist ziemlich groß. Alle haben hohe Ränge innerhalb der Marine und der Politik inne. Ich hingegen …“ Er lachte leise und nur ein kleines bisschen bitter. „Nun, als der schwarze Catzig der Familie habe ich bloß wenig Kontakt zu meinen entfernteren Angehörigen.“ Zum Glück. „Die meisten kenne ich nicht einmal. Aber das macht nichts.“ Pakcheon ist der Einzige, den ich vermisse.

Wawa Guarani nickte.

Cornelius war sich sicher, dass sie ihre eigenen Schlüsse aus seinen Antworten zog.

Mit beiden Händen umfasste er die dunkelbraune, henkellose Tasse und trank einen kleinen Schluck Tee.

Warum hat sie mich eingeladen? Obwohl sie das Gegenteil behauptet hat, will sie etwas von mir, kann es aber nicht in Worte fassen. Eine Affäre wird es wohl nicht sein. Die wäre allenfalls … Mittel zum Zweck, wenngleich ich nicht glaube, dass sie der Typ dafür ist. Wahrscheinlich wird sie noch einige weitere Treffen arrangieren, bevor sie mit der Sprache herausrückt.

„Ihre Tochter“, wagte er einen Vorstoß auf dem persönlichen Sektor, „wie alt ist sie?“

„Elf. In drei Wochen wird Alara zwölf. Sie besucht eine sehr gute Schule für begabte Kinder.“ Ein Schatten flog über Wawa Guaranis Gesicht. „Ich wünschte …“ Es sah so aus, als würde sie anfangen zu weinen, aber sie fasste sich sogleich wieder. „Ich wünschte, ich könnte mit ihr feiern. Doch meine Aufgaben hier lassen das nicht zu. Alara ist verständig genug, um das zu verstehen. Ich glaube, inzwischen ist sie sogar froh, wenn sie mit ihren Freunden eine Party organisieren kann, auf der es keine … lästigen Erwachsenen gibt.“

„Da kann ich nicht mitreden. Ich habe keine Kinder und könnte mich allenfalls auf meine Teenagerzeit berufen. Doch die jetzige Generation ist gewiss wieder ganz anders.“

„Sie wären bestimmt ein guter, verständnisvoller Vater.“

Cornelius lief ein Schauder den Rücken hinab. Oh …, sie sucht doch nicht etwa nach einem Ehemann und Adoptivvater? „Danke. Vielleicht später einmal.“

Themenwechsel!

„Die vielen Bücher … Was lesen Sie?“

„Alles, was ich in die Finger bekomme.“ Wieder ein tiefer Blick.

Cornelius wich ihren Augen aus und schaute die bunten Buchrücken und Folien der Kristalle an. Es schien keine Ordnung zu geben, zumindest keine offensichtliche, die die Autoren alphabetisch oder die Genres berücksichtigte.

Die dominante Frau‘ von N. K. Azume, las er. Es stand zwischen ‚Glaubenswelt, Riten und Brauchtum von Völkern der Entwicklungsstufe A und B‘ von Prof. Dr. Dr. Ueland und ‚Die unheimliche Macht der Nossa‘ von S. Ralzi. Ein Brett tiefer: ‚Kochen mit Fertiggerichten‘ von A. Syk, ein Stück weiter mit auffällig grünem Einband ,Pentakkische Blumenarrangements“ von Lhorca, genau darunter ‚Unterwerfung und Herrschaft in der Beziehung‘ von Anonymus.

„Eine bunte Mischung.“

„So wird es nie langweilig. Was lesen Sie gerade?“

„Uelands ‚Glaubenswelt‘. Das gleiche Buch, das sich im Regal über Ihrer rechten Schulter befindet.“

„Ah.“ Wawa Guarani drehte sich nun doch um und zog den Band heraus. „Ein sehr informatives, aber auch umstrittenes Werk. Was halten Sie von den Theorien des Professors?“

„Meinen Sie den Punkt, in dem er fordert, friedliche, aufgeschlossene Kulturen sanft zu lenken, um ihnen all die Fehler zu ersparen, die die meisten Zivilisationen begangen haben, bevor sie ihre globalen Probleme in den Griff bekamen und über die Grenzen ihrer Welt hinauszublicken und zu –denken begannen?“

Cornelius war überrascht, dass seine Gastgeberin gerade dieses Thema vertiefen wollte. Doch keine Suche nach einem Ehemann und Vater für ihre Tochter?

„Das ist schon sehr provokant, nicht wahr?“, beantwortete sie seine Frage mit einer Gegenfrage. „Seinen Forschungen zufolge haben andere raumfahrende Völker dies erfolgreich praktiziert, zu beider Nutzen. Sie erhielten wertvolle Rohstoffe, und die Eingeborenen durchliefen die nächsten Entwicklungsstufen sehr viel schneller.“

„Und mindestens so oft schlug das Experiment fehlt, weil den Bewohnern der ausgewählten Welten die geistige Reife fehlte, um mit den neuen Kenntnissen angemessen umzugehen. Ihren Mentoren war das egal, denn sie zogen weiter, nachdem sie bekommen hatten, was sie wollten – oder weil sie sich in Sicherheit bringen mussten vor dem Mob, der die Götter als Wesen erkannt hatte, die bluten und sterben konnten.“

Wawa Guarani begann, in dem Buch zu blättern, das offenbar einige zusätzliche Seiten und handschriftliche Notizen enthielt. „Nun, hier steht -“

„Entschuldigung, Wawa.“ Spontan fiel ihr Cornelius ins Wort. „War das eben eine Widmung? Kennen Sie den Professor?“

Sie blickte auf und reichte ihm das Buch. Ihre Finger berührten sich. „Nein … Die Widmung und die Notizen stammen von meinem Schwager. Er war einer von Uelands ersten Schülern. Der Band beinhaltet auch ein Essay von Taharqa.“

Interessiert schlug Cornelius den Band auf und tat so, als habe er nicht bemerkt, dass die Botschafterin das Buch einen kaum merklichen Moment zu lang festgehalten hatte. „Für meine liebe Schwägerin Wawa, Dein Taharqa, der immer an Dich denkt, Halane, 27.Januar 440“, las er. Dann blätterte er Seite für Seite um. Er bemerkte, dass einige Zettel in Buchgröße mit ergänzenden handschriftlichen Ausführungen hinein gelegt und am Rand der Seiten Notizen in winziger, aber gestochen scharfer Schrift in Druckbuchstaben hinzugefügt worden waren.

„Ist Ihr Schwager ein Anhänger von Uelands Theorien?“, erkundigte sich Cornelius.

„Unbedingt“, erwiderte Wawa Guarani. „Wie stehen Sie dazu? Es wird gemunkelt, dass die Konföderation Anitalle Sie auf Welten schickte, deren Bewohner noch nicht die Entwicklungsstufe D überschritten hatten – somit auf verbotene Welten.“

„Das munkelt man?“ Cornelius lächelte dünn. „Zweifellos wird man auch weiterhin munkeln, egal ob ich es bestätige oder abstreite.“ Ist es das, was sie von mir erfahren will? Aber wozu?

„Jemand, der Erfahrungen vor Ort sammeln konnte, dürfte sich zu dem Thema wesentlich kompetenter äußern können als ein anderer, der seine Weisheiten allein aus Büchern bezieht. Finden Sie nicht, dass man von Fall zu Fall entscheiden sollte? Dass manche Kulturen von einer sanften Förderung sehr profitieren würden, während -“

Der Signalgeber des vizianischen Vielzweckarmbands an Cornelius‘ linkem Handgelenk summte.

Kosang. Wenn sie mich kontaktiert, hat sie wichtige Nachrichten.

Mit einem Anflug von Erleichterung klappte Cornelius das Buch zu und gab es der Botschafterin zurück. Die Unterbrechung kam ihm ganz gelegen. Sie ist davon überzeugt, dass ich auf einer verbotenen Welt war. Wie viel weiß sie? Oder ist das reine Spekulation?

Er erhob sich. „Ich muss leider gehen. Vielen Dank für Ihre Einladung.“

Wawa Guarani begleitete ihn zur Tür, das Buch hinter überkreuzten Armen wie ein Schutzschild vor sich tragend. „Vielleicht können wir unsere Unterhaltung bei Gelegenheit fortsetzen.“ Leicht neigte sie den Kopf.

„Es wäre mir ein Vergnügen“, sagte Cornelius und verbeugte sich. (…)

(Weiter zum nächsten Teil)

Copyright (C) 2012/13 by Irene Salzmann, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

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Zurück auf Gamorrha – Band 52 (Rettungskreuzer Ikarus) [Kindle Edition]

Irene Salzmann (Autor), Lothar Bauer (Illustrator)

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 449 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 140 Seiten
  • Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
  • Verlag: Atlantis Verlag Guido Latz (29. Juni 2013)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
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Ein Unglück kommt nie allein:

Auf Sally McLennane wurde ein Attentat verübt. Während die Ärzte um das Leben der Direktorin des Raumcorps kämpfen, geht ihr Stellvertreter Heinrich Färber den wenigen Spuren nach; diese weisen auf einen alten, tot geglaubten Feind hin.

Für die beiden schwerkranken Schmuggler, die vom Rettungskreuzer Phoenix nach Vortex Outpost gebracht worden waren, scheint es keine Heilung zu geben. Um zu erfahren, was ihnen zugestoßen ist, riskiert die vizianische Telepathin Shilla ihr Leben.

Eine mysteriöse Droge überschwemmt die Galaxis. Nicht nur trägt sie die Handschrift von Sally McLennanes Widersacher, sondern es scheint auch eine Verbindung zu den Schmugglern und damit zu einer verbotenen Welt zu geben.

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