sfbasar.de

Literatur-Blog

RENO – Kapitel 5 – Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Michael Bahner

RENO

Kapitel 5

Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte

von

Michael Bahner

Was bisher geschah …

Irgendwo zwischen den Planeten I und II des Aladin-Systems, nur wenige Lichtsekunden von der Orbitalstation der Weltenhüter entfernt, öffnete sich eine Raumzeit-Falte. Ein glitzerndes Tröpfchen erschien, die ölige Aura eines winzigen Wallfeldes. Zuerst nicht größer als eine Erbse blähte es sich rasch auf, und innerhalb von Sekundenbruchteilen war es zu seiner vollen Größe von beinahe hundert Metern angeschwollen. Gleißende Lichtreflexe von Aladins Zentralgestirn überzogen die Oberfläche und offenbarten seine blasige Struktur. Nicht lange und das Feld fing wieder an zu verblassen, um nichts zurück zu lassen als einen unscheinbaren Schatten, der nur noch ein paar Sterne verdunkelte.

»Signal auf …« Der Wachoffizier las die Koordinaten von der Anzeige. »Dauer: null Punkt drei.«

»Gebiet durchsuchen«, befahl der Major. Aufmerksam beobachtete er das Tiefenholo. Hochgewachsen, schmal, beinahe asketisch dürr ragte er neben dem Sitz des Leutnants auf wie ein Leuchtturm. Der durchdringende Blick aus seinen stahlblauen Augen tastete sich durch die verwirrende Vielfalt der plastischen Darstellung, doch mehr als der zuständige AS, der Artificial Slave, der den Tiefenscan durchführte und die Ergebnisse auswertete, konnte er nicht entdecken.

»Signifikanz?«, fragte er den Leutnant der Wache deshalb leise.

»Signifikanz größer fünf.« Demnach war das Signal mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als neunundneunzig Prozent nicht zufällig entstanden, aus Hintergrundrauschen oder Fluktuationen.

»Entfernung?«

»Triangulierung noch nicht möglich«, soufflierte der Sopran des überwachenden AS und erschuf einen blassen blauen Kegel im Holo, der sich an der Grenze der Darstellung verlor. Das Objekt konnte somit weiter entfernt sein als die nächste Planetenbahn. »Ich führe eine Untersuchung der Lichtkurven durch. Einen Moment.«

Das Signal war zu kurz gewesen, als dass sein Ursprung genauer hätte bestimmt werden können. Erst wenn der AS eine Bedeckung des Sternenhintergrunds ausfindig gemacht hatte und ihre Richtung eine Zeitlang maß, während die Station um Aladin I kreiste, konnten sie die Position der Quelle berechnen.

Die Wangenmuskeln des Majors mahlten, betonten seine knöchernen Gesichtszüge und ließen die auffällige Adlernase im farbigen Licht der Linien und Knoten des taktischen Displays noch mächtiger erscheinen. Er schien noch zu überlegen, welche Maßnahme er ergreifen oder ob er das Ergebnis der Positionsbestimmung abwarten sollte.

Keinen Raum für Zweifel zulassen, keine Entscheidung verzögern, keine Schwäche zeigen. Auch fernab der Kolonien galten die militärischen Maximen, denen sie zu folgen hatten. Aber wer sollte sich schon darum scheren? Hier draußen, wohin nur aufsässige, ausrangierte oder nicht mehr tragbare Personen abkommandiert wurden – oder solche, die sich im falschen Moment zu sehr an die Vorschriften hielten.

Er schnaufte und versuchte, seine düsteren Gedanken abzuschütteln, bevor sie seine Entscheidungsfähigkeit beeinflussen konnten.

»Leutnant, gehen Sie auf Alarmstufe A!« Für nicht identifizierte Erscheinungen war zunächst die kleinste Alarmstufe vorgesehen.

Nachdem der Wachoffizier den Befehl bestätigt und ausgeführt hatte, flammten orangene Leuchtbänder auf und die weibliche Stimme des AS der inneren Sicherheit verkündete den neuen Status über Interkomm. Tengler verließ den Beobachtungposten in Richtung Brücke, wo er Yamura, die Kommandantin, vorzufinden hoffte. Allerdings traf er sie dort nicht an und wurde stattdessen zu ihrem Quartier geschickt.

Die Orbitalstation bestand aus einem riesigen Torus, mehrere Stockwerke dick, den filigrane Speichen mit einem zentralen Zylinder, der Nabe, verbanden. Wie ein gigantischer Kreisel tanzte er über Aladin I und verlieh den Habitaten, die sich in seinem Inneren befanden, so etwas wie Schwerkraft. Im Ring selbst betrug sie beinahe ein g, was der Beschleunigung auf der alten Heimat, der fernen Erde entsprach. Obwohl – die wenigsten Menschen hier draußen hatten die Erde je gesehen. Die meisten stammten von einer der zahlreichen Kolonien oder waren Raumaffen, im Weltraum geboren. Wenn man sich der Nabe durch eine der Speichen näherte, wurde der Schwereeffekt immer geringer. Aus diesem Grund waren weiter innen Mannschaftsunterkünfte, sowie einige Laboratorien für Experimente und Untersuchungen in verringerter Schwerkraft oder Mikrogravitation untergebracht. Der Zylinder im Zentrum selbst rotierte nicht. Er beinhaltete die Hangars, eine kleine Reparaturwerft und den Port, eine Ansammlung höhlenartiger Vertiefungen an den Stirnseiten des Zylinders, in denen sich die Anlegestationen befanden. Sich mit einem Raumfahrzeug in eine kreiselnde Anlegebucht zu navigieren war also unnötig und man umging auch die Unannehmlichkeiten, die der Vestibularapparat, das menschliche Gleichgewichtsorgan, bei solchen Bewegungen hervorrief.

Seine Schuhe machten kaum Geräusche, als er der Schlangenlinie einer der Gänge folgte, die den gesamten Torus in seiner Länge durchzogen.

›Mitten im Dienst geht sie in ihr Quartier?‹, überlegte Tengler. ›Ich kann mich nicht erinnern, dass das schon jemals bei ihr vorgekommen wäre. Ob es wegen ihrer Tochter ist? Immerhin ist es Lenas erster Bodeneinsatz. Und dann noch zusammen mit diesem Hasardeur, diesem Reno. Nein, ich mag ihn nicht. Ein Typ, der immer nur Ärger macht. Mich würde es nicht wundern, wenn er den Einsatz vermasselt, was ich im Übrigen schon die ganze Zeit befürchte. Habe ich das je erwähnt? Und vermasseln heißt bei diesem Auftrag, dass sie dabei drauf gehen können. Womöglich steht sogar die Sicherheit der Station auf dem Spiel – oder Schlimmeres. Nicht auszudenken. Hätte ich ein Wörtchen mitzureden gehabt, hätte dieser Abenteurer nie einen Fuß auf die Station gesetzt. Ich weiß nicht wie, aber auf irgendeine Art hat er sich Yamuas Vertrauen erschlichen.‹

Er schlug ein schnelleres Tempo an und verfiel in einen schrittsynchronen Atemrhythmus.

›Wie auch immer, ich trage in Personalfragen die Verantwortung, aber ich kann auch nicht Yamuras ›Empfehlung‹ infrage stellen. Außer meinem guten Rat, meiner Menschenkenntnis und der weiß Gott stümperhaften und löchrigen Vita dieses Spinball-Helden konnte ich ihrer … Blauäugigkeit … nichts mehr entgegen setzen.‹

Tengler schnaubte verärgert, als er an ihr Quartier trat. Verriegelt. Für einen Moment überlegte er, ob er die Kommandantin stören sollte, ungeachtet dieses vermaledeiten Signals. Dann zischte die Tür beiseite.

»Kommen Sie rein, Major«, krächzte General Jakov trockenkehlig ohne aufzusehen, »und schließen Sie die Tür.« Dick und tief in einem Sessel versunken hockte er der Kommandantin gegenüber. Es schien, als beobachtete sie etwas Bedrohliches, die Augen ängstlich auf den leeren Tisch geheftet.

Yamura war so konzentriert auf ein imaginäres Objekt zwischen sich und dem General, dass sie Tengler zunächst nicht bemerkte. Ihre Augen zuckten fiebrig und fokussierten wild durch die Leere über dem Tisch. Eine VR-Sitzung. Offensichtlich sehr persönlich – oder geheim. Es war keine Wache anwesend.

Der General rieb sich die müden Augen, blickte den Ankömmling schweinsäugig an und strich sich über den schweißnassen Haarkranz. »Alarmstufe A? Was gibt es denn?«, schnaufte er.

In diesem Augenblick entfuhr es Yamura: »Kontakt.« Sie hustete trocken.

Zwei Sekunden später blinzelte sie sich aus der Immersion und war wieder in der realen Welt angekommen. Sie benötigte nur einen winzigen Moment, um zur Besinnung zu kommen und den Schwindel zu vertreiben, der sich nach dem Auftauchen aus einer virtuellen Welt unwillkürlich einstellte. Und als sie aus dem Sessel schnellte waren ihre Bewegungen graziös und kontrolliert wie immer. Ein schlanker stählerner Pfeil, der von der Sehne schnellte. Ehe sich der Major versah, war sie schon an ihm vorbei und zur Tür hinaus geeilt, und hinterließ nichts als eine Spur aus Schweiß und einem Hauch von Melonenduft.

Der General und der Major beeilten sich, ihr zu folgen.

›Kontakt? Was für ein Kontakt?‹, wollte Tengler fragen, als er die Antwort bereits über sein Kommgerät erhielt: das Signal, von dem er Yamura in Kenntnis setzen wollte, hatte sich als Zerstörer zu erkennen gegeben. Seinen Tarnkappenschild hatte das Kriegsschiff heruntergefahren, als sicher war, dass außer der Station der Weltenhüter keine Raumfahrzeuge in unmittelbarer Umgebung waren. Das Kriegsschiff war Teil einer Flotte, die die Regierung mit der Kontaktierung fremder Welten beauftragt hatte. Sie unterstand dem direkten Befehl des Präsidenten und besaß die Legitimation, jede zivile oder militärische Operation durchzuführen, die zur Erreichnung dieses Ziels notwendig war. Das war nicht die Art von Gesellschaft, auf die Tengler oder irgendein anderer Weltenhüter Wert legte.

Nachdenklich trabte er hinter seiner Kommandantin her.

»Ich glaube, General Jakov«, rief Yamura über die Schulter, »dass mir das Essen heute nicht schmecken wird.«

›Und ich glaube nicht, dass Jakov Sie gehört hat‹, schmunzelte Tengler in sich hinein. ›Außerdem gibt es nichts, was dem General den Appetit verderben könnte.‹

Während ihr Tengler mühelos folgte, ließ sich Jakov keuchend und dankbar nach der ersten Kurve abhängen und wuchtete sich stattdessen in einen Lift, der ihn zur Brücke brachte.

Die Verbindung wurde sofort hergestellt, als Yamura und Tengler die Brücke betraten. Jakov erwartete sie bereits.

»Generalin Yamura, hier spricht die Silberne Klaue

›Ein Schiff der Silbernen Flotte also, die erste Garde des Präsidenten.‹

»Mein Name ist Kapitän Reiher.«

›Ja, genau danach ist mir‹, dachte Yamura und taxierte ihr Gegenüber. Bullig, äußerlich ruhig, abwartend; angetan mit der unscheinbaren Uniform seiner Besatzung; ohne Orden, Glitzer oder Geprange. Nur die schmalen Rauten und das Laub auf seinen Schulterklappen verrieten seinen Rang. Er saß in seinem Kommandosessel – hinter ihm, kaum hörbar, die ferne Geschäftigkeit der Brücke, neben ihm stehend einer seiner Offiziere mit angelegtem VR-Set, der subvokale Gespräche führte – und strich unendlich langsam und geduldig mit dem Finger über die Armlehne. In die Übertragung waren das Wappen des Präsidenten, sowie die militärische Kennzeichnung seines Schiffes und seiner Flotte eingeblendet.

Yamura war, als ob sie ihn kannte oder kennen sollte, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, woher. So stand sie da und ließ einen Augenblick verstreichen, um ihren Puls zu senken. Ihr exakt gezirkelter Pagenschnitt, weltraumschwarz, umrahmte die vornehme Blässe ihres unnatürlich symmetrischen Gesichts, die dunkle Tiefe ihrer mandelförmigen Augen, die immer ein bisschen zu schielen schienen, die zierliche Schattenlinie ihrer Nase und das irisierende Plasmablau des Ovals, das ihre Lippen formte.

Schließlich verkündete sie: »Willkommen auf Aladin I« und begrüßte ihn gemäß dem Protokoll. Sie vergewisserte sich, es nicht wie Verpiss dich! klingen zu lassen.

Der Kapitän des Kriegsschiffes lächelte ein Eberlächeln, und die Narbe, die senkrecht durch seine Lippen ein Plus auf Backbord schnitzte, öffnete und schloss sich wie ein grotesk verdrehtes kleines Mündchen. Es war keine freundliche Geste. Yamura hatte den Eindruck, er würde gleich nach ihr schnappen und sie zerfleischen. ›Runterschlucken oder ausspucken?‹, dachte sie reglos. ›Vermutlich letzteres.‹

Er biss jedoch nicht zu, sondern übermittelte die Signatur seiner Legitimation und forderte zunächst um einen gesicherten Quantenkanal. Als dieser hergestellt war, versicherte sich Reiher der Unterstützung der Weltenhüter bei all seinen Vorhaben.

»Sie sind sich natürlich darüber im Klaren, dass ich die uneingeschränkte Befehlsgewalt habe, und dass ich für keine meiner Operationen Ihre Zustimmung benötige oder mich Ihnen gegenüber rechtfertigen muss?«

»Natürlich«, bestätigte Yamura angespannt.

»Nichtsdestoweniger werde ich Sie gerne von meinen Unternehmungen in Kenntnis setzen, sofern Sie Ihren bisherigen Verantwortungsbereich berühren«, er lächelte wieder bissig und zeigte geschliffene Zähne.

›Soso.‹

Yamura kannte nur Erzählungen von Geschichten über Truppen, die mit Atem- und Sichtextensions frisiert in Kampfeinsätze zogen, zugedröhnt mit Enthemmer- und Berserkersims ihre Gegner bis zur Erschöpfung hetzten und zerfleischten – mit präparierten oder gezüchteten Gebissen. Hörensagen. Möglicherweise war alles nur ein Schauermärchen und dieser ›gefährliche‹ Kapitän – mehr Schein als Sein – mimte den Buhmann. Möglicherweise aber auch nicht.

»Wir sind hier, um die Vorbereitungen für eine Zusammenkunft des Gesandten des Präsidenten, Gouverneur Dojo, mit einem … äh … Oberhaupt der Einheimischen auf Aladin I zu treffen.«

›Beinahe wäre ihm der Häuptling rausgerutscht‹, dachte Yamura hämisch. ›Gouverneur Dojo, interessant. Gouverneur wovon? Womöglich der zukünftige von Aladin I? Immerhin lässt er die Katze jetzt aus dem Sack. Kuscht euch, ihr Weltenhüter, haltet die Klappe und schaut schön zu wie richtige Männer wichtige Arbeit machen.‹

»Fühlen Sie sich wie zu Hause«, erwiderte Yamura ohne eine Spur von Charme.

Reihers Blick trübte sich kurz, als er auf seine VR-Line zugriff, eine Gedankenverbindung mit den KI-Systemen seines Schiffes. Dann zeigte er wieder grimmige Fröhlichkeit. »Ich sehe, sie haben einen aktiven Alarm. Hoffentlich nicht meinetwegen.«

»Major, gehen Sie auf Alarmstufe Null«, befahl Yamura tonlos, während sie sich auf dem Kommandosessel niederließ, flankiert von Jakov und Tengler. Woher wusste er von dem Alarm? Yamura verdrängte den Gedanken, sie könnten sich in ihre Systeme gehackt haben. »Kapitän Reiher«, fuhr sie laut fort, »wir haben zurzeit eine Oberflächenmission laufen. Bevor Sie irgendwelche Maßnahmen ergreifen, erbitten wir eine Frist, um die Sache zum Abschluss zu bringen.«

Wieder schien der Kapitän Sekunden abwesend zu sein.

»Hmm, das sieht nicht gut aus, Generalin«, erwiderte er gedehnt. »Außer Ihrer Mission sind Aktivitäten im Gange, die mit den Interessen des Präsidenten und der Weltenregierung nicht vereinbar zu sein scheinen. Wir können es nicht zulassen, dass außerhalb und ohne Wissen des offiziellen Corps zur Kommunikation mit fremden Zivilisationen irgendeine Person Kontakt mit der Bevölkerung aufnimmt.«

»Niemand nimmt Kontakt auf!«, erwiderte Yamura einen Tick zu hastig. Sie wagte einen schnellen Blick zu Tengler, der in einer hilflosen Geste eine Grimasse schnitt und im nächsten Moment zu einer Reihe von Konsolen eilte, wo er mit zwei Unteroffizieren die Systeme checkte. Yamura betete, dass die Silberne Klaue und ihr Kapitän ihnen keinen Trojaner untergeschoben hatten. Sie zwang sich zur Ruhe und fuhr zu Reiher gewandt fort: »Eins unserer Shuttles befindet sich auf der Oberfläche. Es ist … havariert«, gab sie widerwillig zu. »Die Mannschaft muss evakuiert werden.«

»Einfach so havariert?«, staunte der Kapitän des Militärschiffes und tat, als überlegte er einen Moment. Dann schüttelte er bedächtig und stirnrunzelnd den Kopf. »Frau Generalin, ich gebe Ihnen eine Frist von einhundert Kilosekunden, um die Angelegenheit zu regeln.«

Das entsprach etwa einem Sonnentag auf Aladin I, überschlug Yamura in Gedanken.

»In der Regel ist mir nicht an überstürzten Aktionen gelegen. Aber ich denke, es ist in Ihrem Interesse und im Interesse Ihrer Leute, dass Sie es dringlich machen. Am Ende der Frist werden wir in einer Umlaufbahn um Aladin I sein – vermutlich schon vorher -, und ich werde nicht zögern, militärische Maßnahmen zu ergreifen, wenn bis dahin nicht alles sauber ist. Denken Sie daran.«

Er holte tief Luft und ließ seine Worte sinken. Yamura bewegte sich kaum merklich, aber unbehaglich auf ihrem Sessel. Diese Art militärischer Maßnahmen waren ihr bekannt. Wenn er keine Landungsboote mit Truppen runterschicken wollte – und dafür hatte Reiher offensichtlich keinen Grund, es sei denn, er wollte ein sinnloses Massaker vermeiden -, dann würde er mit Sicherheit einen Orbitalschlag befehlen.

›Himmel, ein Orbitalschlag!‹, Yamura hielt unwillkürlich die Luft an. Eine Maßnahme, die im Umkreis von einem Klick kleine Schiffe in glühende Schlacke und alles, was grünte und blühte, kreuchte und fleuchte in Asche verwandelte, gebettet in einem dampfenden Krater. Sie mussten ihm unbedingt zuvor kommen und ihre Leute aus der Gefahrenzone schaffen. So schnell wie möglich. Auch wenn seit einiger Zeit der Funkkontakt abgerissen war. Aber das konnte sie diesem schießwütigen Berserker nicht auch noch auf die Nase binden.

Schließlich bestätigte sie mit gepresster Stimme: »Gut, einhundert Kilo.« Es gab keinen Ausweg.

»Noch einmal, Generalin: es darf auch während dieser Zeit unter keinen Umständen Kontakt mit Einheimischen geben. Instruieren Sie Ihre Bodenmannschaft. Außerdem muss das Wrack verschwinden.«

Er schickte sich an, sein bissiges Lächeln aufzusetzen, stattdessen wurde sein Blick wieder glasig. Er knurrte etwas Unverständliches, aber es war leicht zu erraten, dass es keine Formulierung für’s Protokoll war. »Es gab ein fremdes Raumschiff, das zur Oberfläche geflogen ist«, entnahm er den Informationen seiner VR-Line. »Trotz Ihrer Überwachung«, fügte er etwas lauter hinzu und fixierte Yamura einen Moment. »Aber das ist jetzt nebensächlich. Die Signatur ist … ah, ein alter Bekannter …«. Seine Narbe öffnete sich ein wenig, als die nadeligen glitzernden Zähne durch die schmale Mundöffnung linsten. »Tschang! So eine Überraschung.« Es klang wie ein leises Husten, als er lachte. Kaum hörbar, aber unheimlich, als hätte ihm Yamura eine riesige Freude bereitet. Aber woran dieser Mann seine Freude hatte wollte sie lieber nicht denken.

»Generalin, Ihre Frist läuft. Gehen Sie an die Arbeit«, befahl er in militärischem Staccato, wobei er mit der Rechten zweimal auf die Armlehne klopfte – zack zack.

Mit dem zweiten Klopfen war die Verbindung getrennt.

Yamura stieß lang und gründlich die Luft aus, als hätte sie einen Dauerlauf hinter sich gebracht. Tengler überprüfte zusammen mit den Unteroffizieren immer noch die Computersysteme auf Konsistenz und Artefakte. Als Yamura und Jakov zu ihnen stießen, schüttelte der Major nur den Kopf.

»Die Bluthunde haben noch nichts entdeckt«, sagte der Mann an der Konsole.

Tengler übersetzte: »Bluthund nennen die Computerleute einen AS, der in den Systemen nach Mustern spürt, nach Korrelationen, Auffälligkeiten …«

»Danke, danke«, nickte Yamura schnell, denn sie war mit den Begriffen durchaus vertraut.

»… jetzt hören sie sich das an«, rief der Systemmann plötzlich aus. »Wiederhole das, aber über Lautsprecher.«

»Es scheint alles normal zu funktionieren«, wiederholte der AS der Sicherheit. »Nur … mir ist ein bisschen schwindelig.«

Yamura und Jakov starrten sich verdutzt an. Tengler reagiert sofort und gab Anweisung, den AS zu isolieren und mehr Kontroll-Entitäten zu aktivieren. Dann begannen sie, das komplette System der Orbitalstation nach Unstimmigkeiten zu durchforsten.

Die Kommandantin beobachtete die Aktion eine Weile und bemerkte schließlich: »Das scheint mir ziemlich paranoid zu sein, Major.«

Tengler hielt mitten in der Bewegung inne, doch bevor er etwas erwidern konnte, ergänzte Yamura mit ihrem sparsamen Lächeln: »Eine gesunde Paranoia. Weiter so.«

»General«, sie zog Jakov mit sich fort. »Sie werden sich unverzüglich um die Bergung der Bodenmannschaft kümmern. Schicken Sie mehr Drohnen raus und dann ein Rettungsboot, ich will die beiden schleunigst wieder auf der Station haben.«

»Und was ist mit dem Eindringling?« Jakov versuchte keuchend mit Yamura Schritt zu halten.

»Tschang?« Sie seufzte und zuckte mit den Schultern. »Wir müssen Prioritäten setzen. In einem Tag wird sich dieser silberne Haudegen des Präsidenten um dieses Problem kümmern. Es würde mich aber sehr wundern, wenn sich Tschang nicht irgendwie rauswindet, mit oder ohne Orbitalschlag. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber der Kerl ist eine unvergängliche und vor allem eine lebende Legende.«

Sie blieb stehen und wandte sich dem General zu. »Verstehen Sie mich nicht falsch, sein Ableben wäre für mich kein großer Verlust, aber wir sollten unsere Anstrengungen nicht an der falschen Stelle vergeuden. Es gibt nur zwei Personen, über die ich mir Gedanken mache.«

›Und um eine mache ich mir wirklich Sorgen‹, fügte sie im Stillen hinzu. ›Ich wüsste zu gerne, was mit ihr geschehen ist.‹

zur Fortsetzung …

zur Kapitelübersicht …

Copyright © 2013 by Michael Bahner

NEU Download der Story als mobi (Kindle) und epub

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Summe über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Leseempfehlung des Autors:

Revis, Beth
Godspeed – Die Ankunft

Verlag : Dressler
ISBN : 978-3-7915-1678-3
Einband : gebunden
Seiten/Umfang : 480 S. – 21,0 x 15,0 cm
Produktform : B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum : 01.08.2013

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

Der fulminante Abschluss der Godspeed-Trilogie! Endlich können Amy und Junior die Godspeed verlassen. Ein neues Leben auf dem Zielplaneten Zentauri wartet auf sie. Aber diese neue Erde entpuppt sich nicht als das Paradies, das Amy und Junior erhofft hatten. Wer oder was lebt noch auf diesem Planeten? Können Amy und Junior die eigene Kolonie retten? Und was wird aus ihrer gemeinsamen Zukunft? Mehr unter: www.godspeed-das-buch.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei eBook.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

13 Comments

Add a Comment
  1. Mein Buchtippvorschlag:

    Rebhann, Anja
    Von Innen- und Außenräumen
    Eine Analyse zeitgenössischer deutschsprachiger Science-Fiction-Literatur

    http://www.buchhandel.de/default.aspx?strframe=titelsuche&caller=vlbPublic&nSiteId=11&Func=Search&stichwort=erstkontakt

    oder falls dir das zu literaturwissenschaftlich ist, alternativ:

    Revis, Beth
    Godspeed – Die Ankunft

    Sag Bescheid!

  2. Das zweite finde ich hier besser. Das erste könnte man doch dem Reno geben, oder?

  3. In den letzten, kann ich aber machen bzw. was entsprechendes bei buchhandel raussuchen.

  4. Ach Quark, sorry. Das ist ja der Reno! Also, „Godspeed – Die Ankunft“ fände ich super.

  5. Magst du es nicht selbst reinstellen, ich habe derzeit ein Haufen unerledigter Arbeit …?

  6. Ok.

    (hier kommt der Kommentar hin … 😉 )

  7. Prima, Micha, aber gibt es das Teil nur bei Amazon? Kannst du auch das Cover noch mit einem Bestellink mit externer Öffnung hinterlegen?

  8. Ich schaue mal nach und mache die anderen ggf. noch ran.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme