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DIE TAGE DER BESTIEN – Science-Fiction-Story von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am Dienstag 13. Oktober 2009

Sie kamen immer am frühen Morgen. Sie wussten genau, dass der Nebel sie so lange verbarg, bis sie unsere Außenposten einfach umlaufen konnten. Aber das grauenvollste an ihnen war, dass wir ihre Augen nicht sehen konnten. Die Helme ihrer Anzüge waren nicht einsehbar und zeigten nur eine glänzende Schale wie eine völlig ruhige Wasserfläche. Dies und ihr stetes Erscheinen im Morgennebel führten dazu, dass wir ihnen den Namen Nebelbestien gaben. Und sie waren wirklich Bestien. Den ersten Kontakt mit den Bestien bezahlten mehrere Hundert von uns mit ihrem Leben. Noch bevor ihr Raumschiff unsere Welt berührte, wussten wir von ihrem Kommen. Kurz nachdem sie die Ekliptik unseres Systems durchflogen hatten, konnten einige besonders Begabte unter uns mit ihnen telepathischen Kontakt aufnehmen. In der Freude endlich auf eine andere Rasse zu treffen, übersahen wir völlig die Einseitigkeit der gedanklichen Verbindung. Niemand von uns störte sich daran, dass sie anscheinend nicht zur Telepathie fähig waren. Warum auch? Unsere besten Wissenschaftler hatten schon lange prognostiziert, dass wenn ein Kontakt zustande käme, wir damit rechnen müssten, dass die Fremden weder wie wir aussehen würden, noch unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten haben müssten. Sie würden mit aller Wahrscheinlichkeit anders sein als wir. Und sie waren anders.

Ihr Raumschiff, das nicht einmal besonders groß war, senkte sich auf einem Feuerstrahl immer langsamer werdend herab, und viele unserer Leute, die an dieser Stelle lebten, vergingen im Feuer. Mit aller Verzweiflung hatten wir versucht, die Fremden darüber zu informieren, dass ihr Landepunkt genau das Zentrum einer unserer Niederlassungen traf. Wenige nur schwammen rechtzeitig von der kleinen Insel weg und versuchten sich in tiefere Behausungen zu retten. Noch immer packt mich eine eiskalte Wut, wenn ich daran denke, dass mit den Erwachsenen auch alle dort lebenden Nachkommen verbrannt waren. Und darin verstehen wir keinen Spaß. Wer unsere Kinder tötet, hat ebenfalls den Tod verdient. Außerirdischer oder nicht.

Zu Anfang glaubten wir noch an ein entsetzliches Missverständnis und begannen erneut, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wir schickten ihnen große Schwärme von Nahrung, die von einer Gruppe von Jägern geführt wurden. Sie mussten sie sofort entdeckt haben, denn als die Schwärme fast den Strand erreicht hatten, öffneten sich mehrere Tore an ihrem Schiff und drei fliegende, flache Geräte erschienen, die unmittelbar darauf mit himmelblauen Strahlen auf die Schwärme feuerten. Erst als sich die Dampfwolken wieder gesenkt hatten, sahen wir, dass die telepathischen Hilferufe der Jäger sie ebenfalls nicht vor der Vernichtung gerettet hatten. Nur einer von uns, nämlich ich selbst, dachte nur kurz daran, dass sie womöglich die Schwärme als angreifende Tiere missdeutet haben könnten. Aber warum hatten sie auch die Begleiter getötet? Von da an unternahmen wir keinen Versuch mehr, mit den Bestien zu sprechen, sondern begannen uns zu überlegen, wie wir sie bekämpfen konnten.

Unser erster Schritt war die völlige Evakuierung aller Niederlassungen im weiten Umkreis um das gelandete Raumschiff. Als zweite Maßnahme ging ein telepathischer Warnruf um den ganzen Planeten. Jeder Clanführer, jeder Jäger, jedes einzelne Individuum auf unserer Heimatwelt wusste innerhalb von wenigen Herzschlägen Bescheid über die feindliche Natur der Besucher. Danach wurden freiwillige Kämpfer rings um die Insel postiert, um die Fremden zu überwachen und um jede kleinste Information, die sie beobachten konnten, weiter zu geben. Ich war einer dieser Wächter. Eine Zeitlang tat sich seitens der Bestien nichts und so hatte ich ausreichend Gelegenheit ihr Raumschiff zu betrachten. Die Form des Schiffes glich entfernt einem der großen Seetiere, die genauso lang gestreckt waren und eine vergleichbare glatte, silberne Haut hatten. Nach oben hin verjüngte sich das Schiff zu einer Spitze, die ringsum von Öffnungen umgeben war, hinter denen wir manchmal Bewegungen wahrnehmen konnten. Das untere Ende verlief in einem Kranz aus fünf starken Beinen, die mich an die Fangarme und Saugnäpfe unseres natürlichen Feindes, des Achtarms, erinnerten. Zwischen den Beinen des Raumschiffes war der Feuerstrahl gewesen, der so vielen von uns das Leben gekostet hatte. Direkt unter dem Schiff glühte noch immer der Boden und eine weite Fläche war schwarz verbrannt. Mir wurde übel, wenn ich daran dachte, dass Hunderte Clanmitglieder dort verkohlt am Boden lagen und nie wieder zur Jagd in die Fluten tauchen würden.

Die fliegenden Waffen waren nach ihrer Tat ohne erkennbare Regung wieder in den Öffnungen des Schiffes verschwunden. Trotz meiner hervorragenden Linsen konnte ich nicht mit Bestimmtheit die Stellen definieren, an denen sich die Tore befinden mussten. Außer den Fenstern an der Spitze unterbrach nichts die Oberfläche des Raumschiffes. Ich hörte mit halber Aufmerksamkeit den spärlichen Gedankenberichten der anderen Beobachter zu, konzentrierte mich aber so gut es ging auf die Diskussion unserer Führer über die Möglichkeiten einer Verteidigung oder eines Angriffes. Grimmig nahm ich zur Kenntnis, dass die überwiegende Zahl der Stimmen die Chancen eines Angriffes besprachen. Fast niemand beschäftigte sich mit Passivität oder gar Rückzug. Mich erfüllte Stolz bei dem Gedanken, dass wir immer noch Jäger waren. Eine starke Nation, keine Schwächlinge wie die riesigen Sammler, die uns zwar geistig überlegen waren, doch niemals eine aggressive Handlung begehen würden.

Gerade als sich der Boden abgekühlt hatte und nur noch vereinzelt Rauchschwaden emporstiegen, erschien eine neue Öffnung an einer Seite des Schiffes. Viel kleiner als die anderen, aber doch so groß, das auch einer von uns bequem darin Platz gefunden hätte. Und dann sahen wir die Nebelbestien zum ersten Mal. Sie gingen aufrecht auf zwei Beinen, hatten weder einen Schwanz noch erkennbare Flossen. Zu beiden Seiten ihres seltsam flachen Körpers ragte je ein Fangarm heraus, dessen Ende in mehrgliedrigen Greifern auslief. Aber diese Fangarme wirkten steif, nicht elastisch und waren an drei Gelenken beweglich. Wie konnte eine Rasse mit nur zwei Armen derart erfolgreich sein, dass sie Raumfahrt betreiben konnten, an der unsere Wissenschaftler bisher nur theoretisch arbeiteten? Der Kopf der Bestien steckte in Helmen, die ringsum geschlossen waren. Auf dem Rücken trugen die Fremden zylindrische Körper, von denen Leitungen an verschiedene Stellen des Helmes führten. In den Greifern ihrer Fangarme hielten sie allerlei verschiedene Gegenstände, von denen niemand ahnen konnte, was sie darstellten. Einzig ein Gerät trug jeder von ihnen, und dieses Gerät würden wir allzu bald kennen lernen.

Einer der Außerirdischen trat an den Rand der neuen Öffnung und berührte eine verborgene Stelle. Unmittelbar darauf schob sich zu seinen Füssen eine flache Rampe heraus, die schnell den Boden erreichte. Er hielt sein Gerät schräg vor sich und lief langsam in komischen, leicht schaukelnden Bewegungen herunter. Wahrscheinlich resultierte diese Gangart aus der Tatsache, dass sie nur zwei Beine hatten. Mit Genugtuung gab ich diesen Beweis ihrer körperlichen Rückständigkeit an unsere Führer weiter. Dem ersten folgten in lockerem Abstand weitere. Als zehn von ihnen auf dem Boden standen, schwärmte ungefähr die Hälfte von ihnen aus und näherte sich dem Wald. Der erste, er schien der Anführer zu sein, blieb in der Mitte stehen und verfolgte das Vordringen seiner Leute. Telepathisch konnte ich verfolgen, wie andere Beobachter sehen konnten, dass die Nebelbestien allerlei verschiedenes Gerät aufbauten, Messungen machten und Proben von allem entnahmen, was sie finden konnten.

So verging der erste Tag. Leider starben in der Nacht – außer mir und einem weiteren Beobachter – alle anderen. Unsere lumineszierenden Augen stellten für die Bestien ein wunderbares Ziel dar, auf das sie sofort feuerten, als sie es sahen. Ich danke noch heute dem Gott aller Dinge für meine Rettung und fühle noch immer den Schmerz auf meinen Schuppen, als der blaue Strahl mich fast berührte. Nur meiner Wendigkeit und Schnelligkeit habe ich es zu verdanken, das ich noch am Leben bin. Und diese Eigenschaften gab mir – wie alles auf unserem Planeten – der Gott aller Dinge. Warum die Nebelbestien auf uns schossen, kann ich bis heute nicht sagen. Niemand weiß, warum sie uns angriffen und bei jeder Gelegenheit töteten. Doch ich darf die Ereignisse nicht vorwegnehmen.

Nach dieser Nacht verzichteten wir notgedrungen auf eine nächtliche Beobachtung und bauten unser Vorwarnsystem auf. Hunderte von Blinkern und Tausende von Nachtseglern wurden um das Raumschiff platziert und seltsamerweise von den Nebelbestien in Ruhe gelassen. Sie erkannten nicht, dass diese Wesen Teil unserer planetenweiten Gemeinschaft waren und uns halfen. Sie ignorierten sie völlig, so dass wir nach und nach die Blinker und Nachtsegler immer näher an sie heranführten. Zwar war es umständlich, nicht telepathisch zu kommunizieren und auch die Qualität der Nachrichten war weniger ergiebig, aber immerhin riskierten wir kein einziges kostbares Leben mehr. Diese Nachricht wurde wie ein erster kleiner Sieg von allen aufgenommen, die sie hörten und in uns stieg die Zuversicht, bald die Bestien zu vertreiben.

Doch dann folgte der zweite Tag. Wie immer stieg der Nebel aus dem Wald empor und senkte sich die Strände entlang herab. Die ersten Stunden des Tages waren sonst stets ein Dankgebet an den Gott aller Dinge gewesen, friedlich und wunderschön. Wie hatten wir es geliebt, den Nebelschwaden zu folgen, die auf das Wasser fielen, sich träge dahin bewegten und schließlich sich in den langsam aufsteigenden grünen Sonnenstrahlen auflösten. Die Luft roch danach immer so frisch nach Wald, dass ich oft dem Drang nachgab, das Wasser zu verlassen und mich an den Waldrand setzte und meine Schuppen in der Sonne wärmte. Nun war mir diese Freude verdorben, denn jedes Erscheinen des Nebels, brachte auch die Bestien zum Vorschein. Entweder liebten sie ebenfalls den Nebel oder irgendeine unbekannte Bosheit trieb sie aus ihrem Schiff heraus.

Nur ein einziges Mal gelang es uns, einen von ihnen im Wasser zu töten. Er stand sehr nahe an der schwachen Brandung und bemerkte den Fangarm nicht, der sich vorsichtig an ihn heranschlängelte. Auch als einer seiner Artgenossen ihm einen kurzen Warnruf zuschrie, konnte er nicht mehr rechtzeitig reagieren. Blitzschnell und mit unbarmherzigem Griff umschlang einer von uns seine Beine und zog ihn unter Wasser. Dort erdrückten wir ihn. Leider konnten wir ihn nicht mitnehmen, da plötzlich von allen Seiten die blauen Strahlen tief ins Wasser drangen und einige von uns augenblicklich töteten. Das Wasser wurde kochend heiß und wir mussten uns ohne die Leiche entfernen. Unsere Führer bedauerten dies, hätten sie doch zu gerne eine der Bestien gefangen und untersucht. Doch mit aller gebotenen Konsequenz wurden uns solche Versuche in der Zukunft untersagt. Kein Individuum durfte noch einmal so leichtsinnig sein Leben verlieren.

Danach errichteten wir unser Verteidigungssystem, bestehend aus Schleuderern, Tarnflossern und Spuckern. Die Schleuderer postierten wir knapp unterhalb der Wasseroberfläche. Sie konnten zwar ihre Stromschläge unter Wasser weitaus effektiver einsetzen, aber die Nebelbestien kamen leider nicht mehr an oder ins Wasser. Zugegeben, waren die Schleuderer im Kampf nicht besonders erfolgreich, aber den einen oder anderen der Fremden erledigten sie doch. Und dies ohne eigene Verluste. Dagegen gelang es den Tarnflossern weitaus mehr Nebelbestien zu erwischen. Sie krochen des Nachts ans Ufer und nahmen innerhalb kürzester Zeit die Farbe des Sandes, des Bodens oder der Steine an, auf denen sie sich niederlegten. Kamen dann am nächsten Morgen die Nebelbestien aus ihrem Schiff, hielten die plötzlich aufklaffenden, mit drei Reihen messerscharfen Zähnen bewehrten Mäuler der Tarnflosser reiche Beute. Hier erlitten wir zu unserem Bedauern vereinzelt Verluste, da es vorkommen konnte, dass ein Tarnflosser durch das erstaunlicherweise rote Blut der Nebelbestien seine getarnte Position verriet und ermordet wurde. Außerdem mussten sich die Tarnflosser nach einer Nacht wieder ins Wasser zurückziehen, um nicht auszutrocknen. Am effektivsten wurde die Verteidigungslinie durch die Spucker gehalten. Sie benötigten nur alle paar Tage die Gelegenheit, sich wieder ausreichend mit Wasser zu benetzen. Sonst ernährten sie sich von den Früchten des Waldes, die ihnen so zunehmend schmeckten wie uns. Wahrscheinlich würden die Spucker zu den ersten Symbionten gehören, die mit uns auf Dauer das Wasser verlassen würden. Die Wissenschaftler waren sich in diesem Punkt völlig einig. Und im Kampf erzielten sie mit uns die größten Erfolge. Näherte sich eine Nebelbestie auch nur bis auf ein paar dutzend Schritte dem Waldrand, so wurde sie mit einem scharf gebündelten Strahl ätzender Substanz getroffen. Die beschossenen Gegner waren hoffnungslos verloren, denn die Spucker konnten die Substanz je nach Bedarf so in ihrem Körper herstellen, dass das Opfer entweder nur gelähmt, getötet oder aufgelöst wurde. Normalerweise dienten die Opfer den Spuckern als Nahrung, hier jedoch verschmähten sie die Beute und spritzten nur tödliche Substanz. Nach den ersten viel versprechenden Schüssen, erkannten die Bestien die Gefahr und schossen ihre blauen Strahlen an den Ausgangspunkt des Ätzangriffes und metzelten viele der Spucker nieder, die nicht rechtzeitig ihre Position änderten.

Den Hauptkampf aber führten wir. Schon immer waren wir Kämpfer gewesen. Lange Zeiten waren wir eine Gefahr für jedes Lebewesen in den weiten Meeren unseres Planeten. Sogar untereinander führten wir Kriege, aber das liegt noch weiter zurück, in den dunklen Jahrhunderten vor der Symbiose. Manche unserer Wissenschaftler und Historiker meinen sogar, dass wir den Schritt ins All längst getan hätten, hätten wir uns nicht über unbegreiflich lange Zeiträume damit beschäftigt uns mit allem und jeden zu bekriegen, der nicht so war wie wir. Aber das ist vorbei. Was geblieben ist, ist die Fähigkeit zum Kampf. Dem Gott aller Dinge sei Dank, dass wir diese Eigenschaft nicht völlig abgelegt haben, sonst hätten wir gegen die Nebelbestien keine Chance gehabt. Unsere Kämpfer, einschließlich mir, starteten am elften Tag nach der Landung einen Angriff auf die Bestien. Jeder von uns grub sich in der Nacht in den lockeren Sand ein, bedeckt und zusätzlich verborgen durch einen Tarnflosser. Der Wind und die Dünung verwischten während der Nacht die Spuren, so dass im Morgennebel des neuen Tages der Strand so unberührt wie immer da lag, von der verbrannten Erde im Umkreis des Raumschiffes einmal abgesehen.

Wir hofften heute den letzten entscheidenden Schlag gegen die Nebelbestien führen zu können. Ich selbst hatte unsere Führer davon unterrichtet, dass die Zahl der Bestien deutlich abgenommen hatte, denn von Tag zu Tag waren immer weniger aus dem Raumschiff gekommen. Der Einwand eines Führungsmitgliedes, dass die Fremden womöglich nur vorsichtiger geworden seien und noch eine große Anzahl von ihnen im Raumschiff verborgen sein könnten, widerlegte ich mit dem Argument, dass nicht unendlich viele von ihnen darin Platz haben können. Die maximale Zahl, die dort zu Anfang gewesen sein konnte, minus die Zahl der Gefallenen, ergab die Zahl der noch zu bezwingenden Bestien, das war nur logisch. Nach einigem Hin und Her einigte man sich auf eine Zahl von etwa fünfzehn bis zwanzig verbliebener Feinde und dies schien unseren Führern, als auch uns, eine besiegbare Anzahl. Also warteten wir die Dämmerung und den Morgennebel ab.

Kaum hatte das erste grüne Licht die Überhand über die Dunkelheit erlangt und wenig später sich der erste Nebel erhoben, öffnete sich wieder das Tor des Raumschiffes. Die dünne Heckflosse der Tarnflosser übertrug uns das vereinbarte Signal, unsichtbar und unhörbar für jeden Gegner. Untereinander gaben wir uns telepathisch Nachricht, wann der Zeitpunkt gekommen war, an dem so viel als möglich Nebelbestien in ausreichender Nähe zu uns standen. In der Nacht hatten wir die Schleuderer und Spucker zurückgezogen. Erstens aus dem Grund, das nicht zufällig wir von ihnen getroffen wurden, und zweitens, weil sie nicht intelligent genug waren, um an einem zeitgebundenen Plan teil zu haben. Doch sollten dreihundert Paare aus Tarnflossern und uns genügen, die vielleicht zwanzig Nebelbestien zu erledigen.

Dann betrat der erste von ihnen die Rampe. Und so wie er sich bewegte, schien es mir der Anführer zu sein, denn nach wenigen Schritten blieb er mitten auf der Rampe stehen und sah sich misstrauisch um. Mehrere Herzschläge lang passierte gar nichts und fast hatte ich den Eindruck, als könnte er die Falle riechen, doch dann hob er ohne sich umzudrehen seinen linken Fangarm und winkte nach hinten. Daraufhin folgten ihm sieben oder acht weitere Bestien die Rampe hinab. Sie verteilten sich wie gewöhnlich sternförmig und hielten ihre Strahlenwaffen schussbereit vor sich. Aber außer den tatsächlich insgesamt neun Nebelbestien erschien keine weitere mehr. Sollten wir uns geirrt haben? Gab es nur noch diese neun? Oder waren die restlichen an Bord des Schiffes geblieben?

Langsam blieb einer nach dem anderen stehen und die Tarnflosser gaben Signal, das jeder der Neun nicht mehr als zwei Schritte entfernt war. Jetzt angreifen?, ging die telepathische Frage durch unsere Reihen und zu unseren Führern. Nein!, lautete die rasche Antwort. Wir sollten warten, ob noch welche folgen würden oder erkennbar war, dass noch welche im Raumschiff waren. Aber nach vielen Herzschlägen standen die Neun immer noch reglos und keine weiteren erschienen. Gerade als der Anführer der Nebelbestien sich bewegte, kam der Angriffsbefehl. Mit einer Geschwindigkeit, die Bruchteile von Herzschlägen einnahm, schlugen die Tarnflosser ihre rochenartigen Flossen auseinander und schnappten mit ihren Mäulern nach den Bestien. Drei von ihnen fielen sofort den Zähnen zum Opfer. Zwei anderen wurden die Beine weggerissen, so dass ihre Strahlenschüsse sinnlos im Himmel verliefen. Einer lief in seiner Fluchtdrehung direkt in die Fangarme eines unserer Kämpfer und wurde gnadenlos zerquetscht, seine Waffe entfiel ohne Schuss seinen Greifern. Den letzten Dreien gelangen mehrere Schüsse, denen zwei Tarnflosser und einer von uns zum Opfer fielen, doch dann wurden auch sie von der Übermacht überwältigt. Das ganze hatte nicht mehr Zeit beansprucht, als ein Blatt brauchte, um vom Baum zu fallen. Nach dem erfreulich kurzem Kampf kam mir der Gedanke seltsam fremd und doch vertraut vor, das ich den Vergleich mit dem Blatt wählte, anstelle den, dass eine Welle der zweiten folgt, was ungefähr den gleichen Zeitraum bedeutete.

Das Raumschiff! Der telepathische Hinweis brachte mich in die Realität zurück. Vielleicht war der Kampf noch nicht zu Ende. An der Spitze der Kämpfer stieg ich die Rampe empor. Langsam, vorsichtig, aber nicht ängstlich. Es war nicht schwierig auf dem fremden Material zu gehen, aber meine Fußtentakel spürten deutlich die Fremdheit des ungewohnten Untergrundes. Im gleichen Augenblick, als wir den Schleusenraum betraten, der kahl und leer war, empfing mein Gehirn einen fremden Gedankenfetzen. Angst, nackte Angst und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Ich war verwirrt, aber neugierig. Fast hätte ich den Grund meines Hierseins vergessen, wenn nicht ein anderer Kämpfer an den Schaltern der Schleuse herumprobiert und wahrscheinlich eher aus Zufall den richtigen erwischt hätte. Hinter der Schleuse lag ein Gang, der der Rundung nach der Außenhülle zu folgen schien. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf und schritten vorsichtig voran. Nach kurzer Strecke standen wir vor einem weitaus kleineren Tor, das sich wie von selbst öffnete, als wir nahe genug heran waren.

Wieder erhielt ich eine gedankliche Nachricht. Mein Gott, sie kommen! Und dazu wieder das Gefühl panischer Angst. Ich empfing die Gedanken einer Bestie! Ich konnte sie verstehen! Was war das für eine Bestie, die an einen Gott glaubte? Und war ihr Gott derselbe, an den wir glaubten?

Ich zwang mich, meine Gefährten zu befragen und danach unsere Führer, aber nur wir hier in dem Raumschiff erhielten den Gedankenkontakt. Wahrscheinlich hielt eine Eigenschaft der Hülle die draußen stehenden Kämpfer davon ab, die fremde Bestie zu empfangen. Entschlossen betraten wir den Raum hinter der kleinen Tür und dann sahen wir sie. Völlig klar nahm ich die Gedanken der Bestie auf, die dort auf einer Liege lag, verletzt durch einen Spucker. Das Loch musste in den vergangenen Tagen ziemlich gewachsen sein, denn die Randspritzer waren längst durch den sich fortschreitenden Prozess weg gefressen worden. Die Nebelbestie definierte sich in Gedanken selbst als weiblich, soviel war auf Anhieb lesbar. Aber das faszinierendste war, dass sie keinen Helm trug. Lange, seidig wirkende und unheimlich feine Wedel wie von Unterwasserpflanzen umrahmten ihr Gesicht, das nur zwei Augen aufwies, in der Mitte von einem geraden Ding mit ebenfalls zwei Löchern unterteilt war und einer großen Öffnung, aus der lang gezogene, von Schmerz verfärbte Laute drangen. Als sie uns sah, weiteten sich ihre Augen und sich versuchte sich trotz des blutenden Loches in ihrer Körpermitte aufzurichten. Dazu benutzte sie die seitlichen Fangarme, aber ihre kraftlosen Greifer rutschten auf dem Blut und hellem Sekret aus und sie fiel zurück.

Noch bevor ich etwas sagen konnte, schoss ein Fangarm eines Kämpfers hervor und schlug mit voller Kraft an eine Stelle knapp unterhalb ihres Kopfes. Dort – so hatten wir die Erfahrung gemacht – waren sie am leichtesten zu töten. Das letzte, was ich von der Sterbenden empfing, war:
Ihr Bestien!

- Ende -

Copyright © 1998 by Werner Karl
Erstveröffentlichung in SOLAR-X 115, Fanzine des Andromeda SF-Clubs Halle, Juli 1999

Titel bei Amazon.de:
Kunst der Tarnung
Symbiose im Tierreich
Paradiese in blauen Tiefen
Hallo? Jemand da draußen?

5 Kommentare zu “DIE TAGE DER BESTIEN – Science-Fiction-Story von Werner Karl”

  1. Die Raumfahrerin sagt:

    Tolle Story! Gefällt mir gut. Endlich mal aus der Sicht von Fremden, wie wir Menschen uns gebärden und rücksichtslos auf fremdem Planeten das Recht erkauft zu haben dort tun und lassen zu können, was wir möchten. Weiter so! Vielleicht machst du ja eine Fortsetzung und beschreibst, wie die Wesen das Raumschiff in Gang bringen (vielleicht mit Hilfe Ihrer telepatischen Fähigkeiten mit dem KI-Bordcomputer Kontakt aufnehmen) und nun Ihrerseits die Erde oder einen anderen Planeten besuchen… ???

  2. Günther sagt:

    Wow, das ist verdammt gut. Hat mir sehr gefallen. :)

  3. Lesekritik sagt:

    Wirklich guter Stoff, mehr davon!

  4. Detlef Hedderich sagt:

    Hallo “Lesekritik”, sag doch mal, was dir an dieser Story so gefallen hat und warum!

  5. Galaxykarl sagt:

    @Lesekritik

    Ich auch, ich auch, ich will´s auch wissen. Hechel, hechel.

    Mit galaxisweit-gespannten Grüßen
    galaxykarl ;-) )

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