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DIE COMPUTERGESTÜTZTE KORREKTUR ZUR KOMPETENZ- UND EVALUATIONSBEWERTUNG – eine Science Fiction-Kurzgeschichte von Yvonne Rheinganz

Die computergestützte Korrektur

zur Kompetenz- und Evaluationsbewertung

eine


Science Fiction-Kurzgeschichte


von


Yvonne Rheinganz


Seufzend legte Frau Müller-Mayer den Rotstift beiseite und blickte vollends entnervt auf die neun Hefttürme, die sich zu beiden Seiten und an der Front ihres Schreibtisches stapelten. Es war eine wirklich schlechte Idee gewesen, alle Klassenarbeiten vor den Herbstferien schreiben zu lassen. Noch dümmer war es gewesen, zwei Hauptfächer zu studieren, und dann auch noch so korrekturintensive wie Deutsch und Englisch.

Die neuen Vorgaben vom Kultusministerium hatten ihr die Arbeit auch nicht gerade vereinfacht. Nun glich jede Klassenarbeit einem Kunstwerk, in das sie Bildungsstandards, Lehrplan und schulinternen Arbeitsplan vereinen musste. Sie vermutete mittlerweile sogar, dass es einfacher gewesen wäre, etwas im Bereich der Quantenmechanik zu machen.
Sie blickte auf das vor ihr liegende Heft und gab sich erneut der Verzweiflung hin.
Es wäre einfacher gewesen diesen Aufsatz neu zu schreiben, als ihn zu korrigieren.
Mit einer mangelhaften Zeichensetzung hätte sie sich ja noch anfreunden können, die Rechtschreibfehler taten ihr in den Augen weh, waren aber auch noch verkraftbar. Die Grammatik und der Stil hingegen gingen gar nicht  und vom Inhalt durfte man erst gar nicht reden.

Sie war einen Blick auf das Kompetenzblatt, das nun jeder Arbeit beilag, und raufte sich die Haare. Hier sollte sie vermerken, was der Schüler konnte und was nicht. Das Schlimme war aber, dass man bei jedem Item, welches der Schüler nicht konnte, ein Entwicklungsziel vereinbaren sollte. Welches ihr zusätzliche Fördermaterialien abrang und den Schüler nicht einmal ansatzweise interessiert.

Sie geriet wieder einmal ins Träumen und träumte von einer Maschine, die vollkommen automatisch die Aufsätze bewertete. Die erreichten Kompetenzen und das Niveau bemaß, Entwicklungstipps ausspuckte und gezielt Fördermaterialien erstellte.
Die ihren Rotstift vereinsamen ließ und ihr endlich einmal so etwas wie einen Feierabend zurückgab. Korrektur auf Buttondruck. Der Traum aller Lehrer im Jahr 2011.

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Frau Müller-Mayer-Schulze hämmerte, dem Wahnsinn nahe, auf die Tastatur ihres Computers ein. Der quittierte ihr ihre Bemühungen mit einem Blue Screen und stürzte wieder einmal vollautomatisch ab- das konnte er auch im Jahr 2051 wirklich gut. Der Computer fuhr quälend langsam erneut hoch, 10 Minuten brauchte er dazu, noch mal 5 um das Programm des Ministeriums zu laden. In dieser Zeit hätte sie früher schon zwei gute und einen schlechten Aufsatz korrigiert gehabt. Aber das war nun verboten.

Vor 10 Jahren hatte das Ministerium die computergestützte Korrektur zur Kompetenz- und Evaluationsbewertung obligatorisch und flächendeckend für alle Schulen eingeführt.

Vorher hatte man das Programm 10 Jahre lang an einer virtuellen, dem Mittelwert der Schülerschaft entsprechenden Versuchsklasse durchgeführt. Von der Grundschule bis hin zum Realschulabschluss, welcher allgemein als Basisqualifikation galt.

Das System lief die ganze Zeit über stabil und zeigte keine Auffälligkeiten. Also entschied man sich, eine weitere Testphase an realen Versuchsschulen auszulassen und führte das Programm deutschlandweit, flächendeckend ein.

Leider zeigten sich nach wenigen Wochen schon die ersten Fehler, denn man hatte bei der Versuchreihe vergessen, Items wie Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie und AD(H)S mit zu integrieren. Dies hatte schließlich der Durchschnittsschüler nicht. Auch die Variable Pubertät war vergessen worden, sodass nun das Programm bei jeder stärkeren Leistungsschwankung, Fehlermeldungen am laufenden Band ausspuckte. In diesem Fall musste jeder Fehler per Tastatureingabe bestätigt werden.

Damit die Lehrerschaft dies nicht ohne wirkliche Sichtung der Arbeit tat, hatte man sich einen wunderbaren Trick einfallen lassen: Jedes Bestätigungsfenster wurde an einer anderen Position des Bildschirms platziert und konnte nur via Mausklick auf den Button bestätigt werden. Schließlich war man den Lehrern schnell auf die Schliche gekommen, dass sie einfach nur blind auf die Entertaste drückten.

Verpflichtend war nun auch, für jeden Schüler einen eigenen Itemsatz anzulegen, der Besonderheiten des Kindes in das Programm integrierte. So konnte der Schnitzer mit dem Vergessen der verschiedenen Krankheitsbilder wieder ausgemerzt werden.

Allerdings brauchte jedes dieser Items eine Bescheinigung eines vom Ministerium anerkannten Therapeuten. Die Bescheinigung war allerdings nur 12 Wochen lang gültig, danach musste die Diagnose erneut bestätigt werden, und zwar von einem anderen Therapeuten. So wollte man die Trickserei der Eltern unterbinden, die sich in den Anfängen des Systems einfach mit dem Therapeuten ihres Vertrauens zusammengesetzt und eine entsprechend notenförderliche Diagnose ausgearbeitet hatten.

Die neue Therapeutenzuteilung erfolgte nun via Zufallsgenerator, innerhalb eines 500-Kilometer-Radius, da man ja Mobilität in der heutigen Zeit voraussetzen konnte.

Die Wartezeiten lagen mittlerweile auch nur noch bei schlappen 6 Monaten, so konnte immerhin jede zweite Arbeit mit einem entsprechenden Itemsatz ausgestattet werden. Aber auch hieran arbeitet das Ministerium bereits. Man ließ verlauten, dass man sich sicher sei, die Wartezeit binnen der nächsten 10 Jahre auf schlappe viereinhalb Monate zu verkürzen.

Diese Wartezeit war aber nicht wirklich das Problem von Frau Müller-Mayer-Schulze.
Das wirkliche Problem bestand darin, dass jeder Itemsatz für jedes Halbjahr neu angelegt werden musste. Eine Übertragung der Itemsätze in das nächste Halbjahr war nicht möglich, schließlich wollte man sicherstellen, dass sich die Lehrer bestmöglichst mit ihrer Schülerschaft auseinandersetzten.

Also saß sie nun wieder einmal da und gab erneut den Itemsatz ein, was sie sicherlich das gesamte Wochenende und unzählige Fehlermeldungen und Systemabstürze kosten würde.

Die Systemabstürze wurden im Übrigen seit 9 Jahren mit dem nächsten Update behoben.

Ihr Bildschirm blinkte und das Mitteilungsfenster ging auf: “Bitte verlassen Sie ihren Arbeitsplatz nicht, dieses Update wird in wenigen Minuten heruntergeladen sein. Status 1 von 2011 Updates, bereits 0,001% heruntergeladen. Bitte schalten Sie den Computer nicht aus.”

Frau Müller-Mayer-Schulze begann zu grinsen- wie schön, das Programm bescherte ihr endlich einmal ihren verdienten Feierabend…

ENDE

Copyright (c) 2011 by Yvonne Rheinganz

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Gregory Claeys ist Professor für die Geschichte des Politischen Denkens in London und Herausgeber einer 40-bändigen Textsammlung zum Thema.

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Updated: 11. März 2014 — 04:18

10 Comments

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  1. Maßgeschneiderte Bewertungsprofile? Witzige Idee :D.

    Trotzdem ein paar Anmerkungen.

    Mache doch zwischen die einzelnen Absätze Leerzeilen, das ist am PC wesentlich besser zu lesen. So tut man sich echt schwer. Die beiden Abschnitte kannst du ja mit ‚###‘ oder so trennen.

    Offensichtlich sind das zwei Frauen (Mutter/Tochter) mit Namen Müller-Mayer(-Schulze)??

    Die Zahlen in „9 Hefttürme“ und „2 Hauptfächer“ hätte ich literal geschrieben, also „neun“ und „zwei“.

    „(…) Es war eine wirklich schlechte Idee gewesen alle Klassenarbeiten (…)“: ein Komma nach gewesen, oder?

    „Die neuen Vorgaben vom Kultusministerium hatten ihr die Arbeit auch nicht gerate vereinfacht.“: gerade

    Was ist denn ein „Item“? 😉 Es gibt das Wort im englischen (im deutschen Sprachgebrauch habe ich das noch nicht gesehen), aber schreibe doch lieber, welche Bedeutung es hier haben soll.

  2. Liebe Yvonne, prima, dass du mitmachst bei der Anthologie! Du hast bei deiner Story beim Buchvorschlag die Buchgrafik nicht zentriert, habe ich nachgeholt. Ausserdem darfst du natürlich bei den Story kein Häkchen setzen zu sfb-Themenanthologien, da gehören nur die entsprechenden Anthologie-Einführungen/-Editorials rein, habe ich daher wieder rausgenommen. Deine Story wird dann als neuester Beitrag im Editoral der Anthologie erscheinen. Noch Fragen?

  3. Wahrscheinlich würde Frau Müller-Mayer-Schulze – so wie ich – auch für die Einführung des Duden Korrektors als erlaubtes Mittel im Deutschunterricht plädieren. Warum muss ein Schüler erst massenhaft Fehler machen, diese permanent von überlasteten Lehrern korrigiert bekommen, wenn er von Anfang an o.g. Hilfe nutzen könnte. Auch dabei würde er die aktuellen Regeln lernen und die Lehrer wären zumindest in diesem Punkt entlastet. Sie könnten ihr Augenmerk auf Stil und Inhalt, auf Talent und Fantasie des Schüleraufsatzes lenken. Damit hätten sie immer noch genug zu tun.

    mgg
    galaxykarl 😉

  4. Liebe Yvonne,

    ein wenig sperrig der Titel. Klingt wie ein Artikel zur Lehrerkonferenz. Aber die Verzweiflung der Pädagogin kam gut rüber.

    mgg
    galaxykarl 😉

  5. Der Titel war absichtlich so sperrig. Um sich richtig in das System des Systems einzufinden 😉 .

  6. Als sozusagen: systemimmanent? (= Der Begriff bezeichnet eine Eigenschaft, die aus den Regeln eines Systems geboren wird, ohne von diesem explizit gewollt zu sein.)

  7. Ja genau! Wer die Story aufmerksam liest findet auch den Titel im System wieder …

  8. Tolle Geschichte! Ich bin richtiggehend begeistert, da ich selbst auch den Lehrerberuf mal in früheren Jahren ins Auge gefaßt hatte mich aber wegen so hohem Bürokratieaufkommen dagegen entschieden habe und dann doch einen anderen Beruf erlernte! Mein Lob an die Autorin!

  9. Dr. Heinz-Theo Ullrichs

    Mir gefällt die Story. Leider gibt es noch einige Fehler darin, die behoben werden sollten. Aber sonst ist das Ganze eine lehrreiche Hommage auf den Wahnsinn des deutschen Bildungssystems. Prima! 🙂

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