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Literatur-Blog

DER EISERNE WALD – Leseprobe (Kapitel 2) des Romanes gleichen Titels von Chris Howard

DER EISERNE WALD

Leseprobe (Kapitel 2) des Romanes gleichen Titels

von

Chris Howard

(Zum vorherigen Teil)
Der Typ vom Schrotthof machte mir einen guten Preis für das Metall, weil er meinen Dad gekannt hatte. »Der beste Baummeister der Steel Cities«, sagte der Mann und schielte mich mit seinem Glasauge eindringlich an.

»Das Kompliment hätte ihm gefallen.«

»Ich habe ihn gewarnt. Habe ihm das gesagt, was ich jedem sage – gibt keinen Grund, Richtung Westen zu gehen.« Er kaute auf seiner Unterlippe. »Überhaupt keinen.«

»Er dachte, wir würden dort Arbeit finden.«

»Habt ihr es überhaupt bis nach Vega geschafft?«

»Fast.«

Wir hatten Electric City schon in der Ferne gesehen, und am nächsten Tag wären Pa und ich auch dort angekommen. Aber mitten in der Nacht war ich aufgewacht, weil Pa mir eine Hand aufs Gesicht gedrückt und gesagt hatte, er hätte Stimmen gehört. Er befahl mir, mich nicht vom Fleck zu rühren. Bloß im Wagen zu bleiben und nicht rauszukommen.

»Es gab einen Sandsturm«, erklärte ich. »Und draußen haben uns irgendwelche Typen aufgelauert.«

»Und die haben deinen Dad dann mitgenommen.«

Ich nickte.

Der Mann rieb sich das Glasauge und starrte mit sorgenvoller, mitleidiger Miene auf die Haufen aus Altmetall und Plastik. »Angeblich gibt es Sklavenhändler da draußen. Habe gehört, die entführen immer wieder Leute. Machen dann Geschäfte mit der Bergungsinnung.«

»Könnte sein«, nickte ich. Früher hatte ich geglaubt, die Märchen von angeblich Entführten dienten nur zur Abschreckung, damit man nicht einfach herumwanderte. Es gab bestimmt ein Dutzend Geschichten über das, was mit denen passiert war, die vermisst wurden. Die verschwunden und niemals zurückgekommen waren. Aber das mit den Sklavenhändlern, das erschien mir gar nicht so unwahrscheinlich. Deshalb hatte ich schließlich jeden Bergungstrupp in den Steel Cities überprüft, von Norden bis Süden alles durch, hatte aber weder Pas Gesicht entdeckt noch einen Truppführer gefunden, der ihn gesehen hätte. »Andere behaupten, es wären irgendwelche Freaks aus Vega«, fuhr der Einäugige fort, und mein Magen verkrampfte sich. Die Version hatte ich auch schon gehört. Die Geschichte vom Fleischhandel. Es wächst nichts mehr außer Mais, und es lebt nichts mehr außer den Menschen, da könnte schon einer krank genug sein, die Speisekarte etwas umzustellen.

»Ganz ehrlich?« Ich versuchte, die Ruhe zu bewahren. »Ich möchte mir gar nicht vorstellen, dass mein alter Herr bei jemandem auf dem Teller gelandet sein könnte.«

Sofort musste ich daran denken, wie ich schwitzend, zitternd und verängstigt hinten im Wagen gesessen hatte. Nachdem der rote Staub sich gelegt hatte, war nichts mehr zu sehen gewesen. Und jetzt gab es keinen Ort mehr, an dem ich noch suchen konnte. Es war fast ein Jahr vergangen.

»Sie kommen nie wieder zurück, alles andere ist unwichtig. « Ich beugte mich zur Seite und spuckte auf den Boden. »Wenn man entführt wird, ist man doch schon so gut wie tot.«

Der Mann musterte mich mit seinem gesunden Auge. »Wende deinen Wagen, Junge«, befahl er mir und drehte sich weg. »Wir laden das Zeug ein.«

Ich musste sechs Mal fahren, um das gesamte Metall zu transportieren, und unterwegs musste ich zwei Stürme abwarten – unberechenbare Winde wirbelten den Dreck zu Staubwolken auf, die den Himmel verdunkelten. Bei der letzten Fuhre ging mir fast der Sprit aus. Der Wagen kroch nur noch dahin und brummte widerwillig.

Der Schrotthof lag etwas außerhalb, mitten in den Barackenvierteln, die dem Gebiet südlich der Stadt anhafteten wie ein übler Gestank. Viel zu langsam schlich der Wagen an den Zelten und Tipis vorbei, an den Plastikhütten, deren Wellblechdächer in der Hitze brutzelten. Bald umkreiste mich ein Mob aus verdreckten Kindern. Sie drückten ihre Gesichter an die Scheiben, schrien und sangen einzelne Strophen alter Lieder. Ihr nacktes Zahnfleisch war geschwollen, und sie hatten jede Menge offene Wunden im Gesicht. Irgendwann bekam ich Angst, ich könnte einige von den Kleineren überfahren, also stellte ich eine Ladung Popcorn in die Mikrowelle und wartete, bis der Beutel sich aufblähte und das Klingeln ertönte. Dann schleuderte ich den Beutel quer über die Straße, und sobald er aufplatzte, stürzten sich die Kinder darauf und wühlten im Dreck herum.

Eine Mahlzeit weniger für mich. Aber was hätte ich denn sonst tun sollen?

Ungefähr zwei Straßen weiter entdeckte ich den Laster von GenTech. Er war kaum zu übersehen – ein leuchtend violettes Ungetüm, vollgestopft mit Mais. Rechts und links davon standen Agenten mit schicken Schutzbrillen vor den Augen, die violetten Anzüge völlig verstaubt. Atemmasken schützten ihre Lungen. Sie hatten die Pistolen gezogen und die mit Stacheln bewehrten Schlagstöcke erhoben. Und hinten, direkt aus dem Laster heraus, verkauften Preisen. Selbst bei dem minderwertigsten Mais zählt für die meisten jedes Korn. Egal ob du Sprit daraus braust oder ihn dir einverleibst, so oder so ist das Zeug nicht billig. Nicht, solange nur GenTech ihn anbauen kann und es das Einzige ist, was überhaupt noch wächst.

Klar, man kann versuchen, eines der Körner einzupflanzen, und wenn man genug Wasser findet, wird es auch prima wachsen. Aber auf jedem Maiskorn jeder neuen Pflanze wird in winzigen, violetten Buchstaben der Name GenTech stehen. Und wenn die Agenten dich dann finden, bringen sie dich um.

So einfach ist das.

Die Baracken waren schon nicht mehr ganz so dicht besiedelt. Der Winterexodus hatte begonnen: Mutige Kämpfer brachen nach Westen auf, Richtung Vega, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wenigstens war jetzt Winter. Um während der warmen Monate nach Westen zu ziehen, musste man schon sehr verzweifelt sein. Vega befindet sich jenseits der Plantagen von GenTech, und auf diesen Plantagen schlüpfen während des Sommers die Heuschrecken.

Maisstengel sind nämlich das Einzige, in das eine Heuschrecke sich noch hineingraben kann. Und sie bleiben stets in der Nähe des einen Ortes, an dem sie noch nisten können. Aber ernähren können sich die Heuschrecken nicht von den Maiskörnern. GenTech hat dafür gesorgt, dass man den Mais kochen muss, um ihn kauen zu können. Sie haben den Mais immer weiter manipuliert, bis er so ziemlich alles überleben konnte. Doch sie haben ihre Arbeit so gut gemacht, dass die Natur etwas fast ebenso Raffiniertes hervorgebracht hat – denn falls es einen Weg gibt, die Heuschrecken auszurotten, hat ihn bisher noch niemand entdeckt.

Und das ist der Grund, warum man während der Sommermonate besser einen großen Bogen um die Plantagen macht. Da draußen gibt es dann nur die Wilderer in ihren Tunneln und die Feldarbeiter, die von GenTech kaum mehr als einen Hungerlohn bekommen. Denn sobald die Heuschrecken schlüpfen, stürzen sie sich auf das einzige Lebewesen, das ihnen noch als Nahrung dienen kann: den Menschen.

Menschliches Fleisch.

Für meinen letzten Dollar bekam ich eine halbe Stunde an der Wassersäule, also setzte ich mich auf die Motorhaube und hörte zu, wie das schmutzige Wasser in den Kanister tröpfelte.

Am Ende des Blocks versammelten sich einige zerlumpte Gestalten und scharten sich um einen alten Rasta, der große Reden schwang. Er stand so krumm, dass sein Bart durch den Dreck schleifte, und umklammerte einen alten Hockeyschläger, den er zum Wanderstab umfunktioniert und bunt umwickelt hatte, klassisch in Rot, Gold und Grün. Eifrig faselte er etwas von Zion und dem König, der uns über das Meer führen würde. Bringt genug Geld auf, und sie werden ein Schiff bauen, sagte der Rasta. Ein Schiff, das groß genug ist, um die Brandung zu überwinden.

An dieser Stelle verlor der Rasta fast sein gesamtes Publi21 kum. Denn es gab keine Möglichkeit, die Brandung zu überwinden. Keine Chance. Und es gab auch keinen König, der einen irgendwo hinführte, wo noch etwas wuchs. Pa hatte mir das erklärt: Alles, was aufrichtigen Glauben wert war, das sollte man auch mit den Augen sehen können.

Ich betrachtete die staubige Straße, die Plastikwände und die getrockneten Pisseflecken. Wahrscheinlich hatte die Tatsache, dass nur noch Baracken und Stahlstädte übrig waren, viel damit zu tun, dass die Leute irgendwann angefangen haben, Bäume zu bauen. Denn selbst für die Reichen ist das Leben hässlich. Aber baut man sich einen Baum, dann hat man etwas, das man gerne ansieht. Etwas, woran man glauben kann.

»Fleißig am Arbeiten, wie?«, brummte eine Stimme hinter mir.

Ich wirbelte herum und entdeckte Crow, der gerade aus einem Zelt an der Ecke trat. Er trug seine Sonnenbrille, die Kopfhörer baumelten vor seiner Brust. Der Kerl überragte mich um einiges. Musste mindestens zwei Meter groß sein. »Sechs Fuhren«, erwiderte ich und zeigte auf die Metallberge hinten im Wagen. »Ich werde Sprit brauchen, wenn ich nach Hause komme.«

»Nach Hause?« Crow lachte. Gemächlich und trocken. Er blickte zur blutroten Sonne hinauf, die sich in wilden Blitzen auf seiner Brille spiegelte.

»Ich werde dir Sprit brauen, kleiner Mann«, sagte er schließlich, dann schlenderte er die Straße hinunter. »Aber du bist ein Nomade, Mann. Vergiss das nicht.«

*

Als ich mit der letzten Fuhre zurückkam, stand Frost mitten auf dem Feld und musterte stirnrunzelnd die Metallhaufen.

»Ist das auch genug?«, murmelte er. Sein Gestank und die abfällig verzogenen, rissigen Lippen verrieten mir, dass er entweder direkt nach dem Aufstehen zur Flasche gegriffen oder sie die ganze Nacht nicht aus der Hand gelassen hatte.

»Mit dieser Ladung müsste es reichen«, erklärte ich ihm, während ich einige rostige Bleche und eine Kiste mit alten Scheinwerfern auslud. Frost setzte sich mit seinem dicken Hintern in den Staub und sah mir zu.

»Ich habe eine Markierung gemacht«, sagte er. »In der Mitte vom Feld.« Der Alkohol ließ seine Aussprache schlampig werden, deshalb konnte ich hören, dass er aus irgendeiner Gosse gekommen sein musste, bevor er reich wurde. Wenn deine Familie während der Großen Dunkelheit nicht so viel wie möglich gehortet hatte, gab es nur wenige Möglichkeiten, in den Steel Cities zu Geld zu kommen: Arbeiten für GenTech oder in der Bergungsinnung. Sammle fleißig brauchbare Überreste aus der alten Welt und feilsche noch fleißiger. Oder werde ein Mörder oder Dieb.

»Und wozu?«, fragte ich und deutete auf das große, rote X, das Frost mit Sprühfarbe auf den Boden gemalt hatte. »Geht dich nichts an.« Frost zeigte drohend mit dem Finger auf mich, wobei mir die Brandnarben an seinem Daumen auffielen. Die Haut war rissig und gerötet. Er war also nicht nur ein Trinker, sondern auch ein Raucher. Ein Crystal-Junkie. Und das wiederum bedeutete, dass jene Gosse, aus der Frost gekrochen war, nichts war im Vergleich zu der, in der er nun steckte.

Mühsam rappelte er sich auf und wollte zum Haus zurückkehren.

Wahrscheinlich würde er sich etwas Crystal reinziehen und dann seinen Rausch ausschlafen. Hauptsache, er kam aus der Hitze raus, die langsam aus dem Boden aufstieg und alles gab, um der Sonne den Rang abzulaufen. Der Wind legte auch schon wieder zu. Uns stand ein Staubsturm bevor.

»Das frei halten, Mister B.«, brüllte Frost, während er davonwankte. »Frei halten.«

Mir war schleierhaft, warum Frost eine Lücke mitten in seinem Wald haben wollte, aber es war mir auch egal. Sobald ich wieder Sprit hatte, konnte ich die Akkus der Werkzeuge aufladen. Und wenn dann der Himmel aufklarte, würde ich das Metall reinigen, bis es glänzte. Pa sagte einmal, Bäume seien nicht nur Nahrungslieferanten und hübsch anzuschauen gewesen. Sie hätten nicht nur Schatten gespendet und den Wind abgehalten. Sie hätten auch das Wasser gereinigt, das Erdreich festgehalten und dafür gesorgt, dass die Luft für alle atmenden Wesen angenehmer wurde. Das sind natürlich alles nur Geschichten. Selbst mein Großvater hatte keinen echten Baum mehr gesehen. Man datiert die Große Dunkelheit auf einen Zeitpunkt, der über hundert Jahre zurückliegt. Also alles nur Legenden, blasse Abbilder der Vergangenheit. Und genau das würde ich bauen. Einen Wald aus Metall, Plastik, Samt und Lichtern. Bäume, wie sie mein Vater gebaut hatte und sein Vater vor ihm ebenfalls. Bäume, die ich auf Fotos oder Zeichnungen gesehen hatte. Und Bäume, die ich mir ganz allein ausgedacht und nach Worten benannt hatte, die ich mochte. Wie zum Beispiel die Ponderosa-Birne oder das Engelsblatt.

Ich würde eine ganze Baumgruppe entwerfen und anschließend den Baum konstruieren, den Frosts Frau auf dem Körper trug. Einen Baum, den ich vorher weder gebaut noch auf irgendeinem Bild gesehen oder auch nur beschrieben bekommen hatte. Aber ich war mir sicher, dass dieser Baum einmal gelebt und geatmet hatte. Etwas, das so vollkommen aussah, konnte sich niemand ausdenken.

(…)

Copyright © 2013 by Chris Howard, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Droemer Knaur Verlags

Wer wissen will, wie die Geschichte dieser Leseprobe weitergeht kann das Buch über einen unserer Bestellinks ordern oder durch das Klicken auf das Cover:

Howard, Chris
Der eiserne Wald

Roman

Übersetzt von Lungstraß, Charlotte
Verlag :      Droemer Knaur
ISBN :      978-3-426-51289-0
Einband :      Paperback
Preisinfo :      9,99 Eur[D] / 10,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 02.08.2013
Seiten/Umfang :      368 S. – 18,0 x 11,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      02.09.2013

In einer Zukunft, in der fast alle Pflanzen und Tiere ausgestorben sind, arbeitet der junge Banyan als Tree Builder und fängt die Schönheit der längst ausgestorbenen Bäume in kunstvollen Eisennachbildungen ein. Bei einem seiner Aufträge begegnet er einer Frau, auf deren Haut der Weg zu den letzten Bäumen auf Erden verzeichnet ist. Er erliegt der Vorstellung von diesem Paradies und macht sich gemeinsam mit der Fremden auf den Weg dorthin. Doch die zwei sind nicht die Einzigen, die die Bäume suchen, und so führt sie ihre Reise immer wieder an den Rand des Todes …

Chris Howard hat in den USA bereits mehrere Fantasy- und Science-Fiction-Romane veröffentlicht. Er hat außerdem einen Abschluss in Umweltmanagement und Waldökologie und organisiert Sporttouren für Jugendliche durch die unberührte Wildnis der USA, von Kanada, Mexiko und Hawaii.

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Updated: 9. März 2014 — 20:20

2 Comments

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  1. Verstehe gar nicht, warum – laut Aussagen einiger Buchhändler – der Titel so gefloppt ist, die Leseprobe liest sich doch richtig gut! Was meint Ihr? Was sagen denn die Gewinner des Gewinnspiels, hat sich der Roman zu lesen gelohnt?

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