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IM ABSEITS (Teil 2) – Leseprobe 1. Kapitel – aus: “Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 15. Mai 2012

IM ABSEITS (Teil 2)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”

von

Susanne Gavénis

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Stück für Stück schob sich der Gasriese ins Bild. Die Gambler-Circus war ihm so nahe, dass Danny die Wölbung des Planeten kaum ausmachen konnte. Es war, als wüchse eine Wand aus grellem Licht vom Fuße der Kuppel empor, und er wäre ganz sicher von ihm geblendet worden, wenn nicht ins Material der Halbkugel ein Pigment eingearbeitet gewesen wäre, das sich bei starkem Lichteinfall automatisch verdunkelte, bis das Licht kaum stärker zu strahlen schien, als es die Sterne zuvor getan hatten. Das diamantene Funkeln der fernen Sonnen wurde dadurch leider ebenfalls verschluckt, und so waren die Sterne verschwunden, noch bevor Marble Sphere die Sicht auf sie mit seinem gewaltigen Leib verdeckte.

Völlig regungslos blickte Danny auf den Planeten hinab. Ein Gedanke irgendwo tief in seinem Inneren raunte ihm zu, dass er gerade dabei war, das Versprechen zu brechen, das er seiner Mutter gegeben hatte, da er die Zeit im Sternenblick mehr und mehr ausdehnte, doch er ignorierte ihn. Er konnte seine Augen nicht von Marble Sphere losreißen. Schweigend beobachtete er die Farben und Formen in der Atmosphäre des Gasplaneten. Weiße Bänder wechselten mit beige- und orangefarbenen, kleinere, gelbliche Wirbel sprenkelten die Oberfläche wie verstreute Kieselsteine, und ein blutroter, ovaler Wirbelsturm glotzte wie das Auge eines Dämons zu ihm herauf.

Mit bloßem Auge waren keine Bewegungen sichtbar, trotzdem glaubte er, einen Hauch der Stürme zu spüren, die über den Gasriesen peitschten, seine Atmosphäre in gewaltige Strudel, Jets und thermische Löcher teilten, die heißen Gase mit kalten vermischten und Gewitter heraufbeschworen, die dem Planeten einen ewigen Wandel aufzwangen und ihm von einer Stunde zur anderen ein neues Gesicht verschafften.

Nach einer Weile begann Marble Sphere aus dem Blickfeld der Kuppel herauszuwandern, gleichzeitig verblasste die dunkle Tönung der transparenten Halbkugel allmählich und ließ erneut die fernen Sterne sichtbar werden, die allerdings rasch vom grellen Licht der Sonne Dwarf, dem Zentralgestirn des Systems, überstrahlt wurden.

Danny seufzte schwer, als er sich vorstellte, wie aufgeregt die Besatzung des Raumschiffs gewesen sein musste, als sie Longway, den dritten Planeten dieses Systems, vor nunmehr beinahe hundert Jahren, im November 2270, entdeckt hatte. Longway war erst die elfte Kolonie der Erde, und ebenso viele Planeten kannten die Menschen, die die richtigen Bedingungen für eine Besiedlung boten. Man hatte sie allesamt genutzt.

Deshalb waren noch heute Raumschiffe, mit wagemutigen Pionieren bemannt, unterwegs, um nach weiteren Planeten zu suchen, die Longway oder einer der anderen Welten glichen, auf denen der Mensch bisher Fuß gefasst hatte. Erfolge hatten sie schon lange nicht mehr zu vermelden gehabt, dennoch wünschte sich Danny, er selbst befände sich an Bord eines solchen Forschungsraumschiffs. Es wäre etwas wirklich Besonderes, mit anderen unerschrockenen Abenteurern durch bislang unbekannte Teile der Galaxis zu streifen und der Menschheit neuen Lebensraum zu erschließen, etwas von wahrer Größe und Bedeutung.

Missmutig versetzte er der durchsichtigen Wandung des Sternenblicks einen Stoß, der ihn zu einem anderen Teil der Kuppel treiben ließ. Seine Träume waren groß, doch die Wirklichkeit sah anders aus. Die Gambler-Circus war das einzige Raumschiff, auf das er je seinen Fuß gesetzt hatte, wenn man einmal von den kleineren und größeren Fahrzeugen absah, die allesamt zur Ausstattung des Zirkus gehörten. Er war hier geboren worden und hatte von klein auf nichts anderes getan, als in den Vorstellungen aufzutreten. Fliegen war das einzige, was er gut konnte, und so gab es nichts, was ihn für die Teilnahme an einer Forschungsexpedition qualifiziert hätte, außer vielleicht, deren Leiter suchte nach einem Piloten. Aber selbst falls das im Zuge der Ausrichtung einer neuen Expedition einmal der Fall sein sollte, würden sie kaum auf der Gambler-Circus danach suchen.

Der Hals wurde ihm eng. „Wenn sie es doch nur täten“, flüsterte er leise.

Nur so könnte er dem tristen Alltag an Bord der Gambler-Circus, der mit all seinen Regeln und Beschränkungen so statisch war wie die Verhaltensweisen eines Roboters, entkommen. Solange er hier festsaß, lief das Leben einfach an ihm vorbei, und abgesehen davon, dass er im Verlauf der Jahre graue Haare bekommen würde, würde sich nichts und niemals etwas für ihn ändern.

Unwillkürlich sah er zum Gasriesen hinüber, der noch immer fast ein Drittel des Sichtfeldes ausfüllte, und sofort fiel ihm die dunkle, runde Silhouette, die tief unterhalb der Gambler-Circus über dem Planeten schwebte und die er bislang absichtlich ignoriert hatte, ins Auge. Es war der Schatten eines kleinen Mondes, der auf Marble Sphere fiel. Tief unter der zernarbten Oberfläche des Mondes befand sich eine der insgesamt vierzehn Minenkolonien dieses Systems, in der viele tausend Menschen lebten und arbeiteten, um dort wertvolle Rohstoffe zu gewinnen, die für den Aufbau der noch jungen Kolonie auf Longway benötigt wurden. Nach Dutzenden von Vorstellungen, die sie im Bereich von Longway gegeben hatten, war die Gambler-Circus vor kurzem nach Marble Sphere weitergereist, um auch die Arbeiter der Minenkolonie zu unterhalten.

Nachdenklich kaute Danny auf seiner Unterlippe herum, während er auf die düstere Silhouette herabstarrte. Er würde ebenfalls auftreten und seine Flugkünste zur Schau stellen müssen, doch obwohl er sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als in seinem Gleiter zu sitzen und zu fliegen, sah er der Show stets mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie war ganz anders als das Training. Es gab keinen freien Kurs, nicht einmal eine freie Wahl der Geschwindigkeit oder der Manöver. Sie war derart strikten Beschränkungen unterworfen, dass ihm der Raum, in dem sich sein Gleiter während der Vorstellung bewegte, noch kleiner vorkam als die Kuppel des Sternenblicks. Ein Vogel in einem Käfig besaß mehr Bewegungsfreiheit als er während seines Auftritts.

Für eine Weile versuchte er, nicht an die Show zu denken, aber es gelang ihm nicht. Sein Zeitgefühl teilte ihm unmissverständlich mit, dass die Zeit der Vorstellung beinahe gekommen war, und je näher sie rückte, desto schwerer fiel es ihm, sich zu entspannen. Zunächst überlegte er, ob er noch einige akrobatische Übungen in der Nullschwerkraft ausführen sollte, entschied sich aber dagegen. Im Augenblick hätte ihm das nur noch wenig Freude bereitet. Stattdessen verhielt er ruhig auf der Stelle, presste eine Hand auf den kühlen Kunststoff und wartete ergeben auf das Unvermeidliche.

Keine Minute später fühlte er einen leichten Ruck, der durch das Schiff ging, und gleich darauf noch einen. Die beiden Fähren waren wie schon unzählige Male zuvor gestartet, um die Zuschauer vom Sammelpunkt der Mine abzuholen. Danny richtete seine Augen auf jenen Teil des Alls, an dem sie gleich darauf sichtbar wurden. Wie kleine, wandernde Sterne glitten sie von der Gambler-Circus fort und nahmen Kurs auf den Mond. Er verfolgte ihren Weg mit seinen Augen, bis die Signallampe am Eingang der Kuppel aufleuchtete. Gleichzeitig klang Merwyn Gazes Stimme auf und rief die Artisten zu der kurz bevorstehenden Vorstellung zusammen.

Folgsam, aber mit fest aufeinandergepressten Lippen stieß sich Danny von der Kuppel ab und glitt schwerelos durch den Raum zur Tür hinüber. Er beeilte sich nicht besonders, aber er trödelte auch nicht herum, da er es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, seinen kleinen Raumgleiter vor jedem Auftritt selbst auf seine Funktionstüchtigkeit hin zu überprüfen.

Natürlich misstraute er den Technikern nicht, im Gegenteil. Sie verstanden ihr Handwerk gut, aber er wollte wenigstens in einer Hinsicht das Gefühl für sich beanspruchen, etwas Wichtiges zu tun. So einfach sein Auftritt für ihn auch sein mochte, war er doch gefährlich, zumindest falls sein Fahrzeug nicht hundertprozentig in Ordnung war. Das war allerdings noch nie vorgekommen.

Unwirsch verzog Danny das Gesicht. Auch heute würde es nicht anders sein. Er hatte es noch nie geschafft, einen Fehler zu entdecken, den die Techniker übersehen hatten, und er wusste genau, dass sein Gefühl, einen bedeutenden Beitrag zum Gelingen der Vorstellung zu leisten, lediglich eine schale Illusion war.

Er presste die Lippen noch fester aufeinander. So bitter die Erkenntnis auch war, er vermochte sich keinen Weg vorstellen, der ihn von der Gambler-Circus in die Freiheit führen konnte, die er sich wünschte. Seit er denken konnte, hatte nur ein einziger Mensch an Bord des Schiffes versucht, einen derartigen Weg zu gehen – ohne Erfolg. Er war sehr bald reumütig zurückgekehrt und hatte danach nie wieder die Ambition gezeigt, die Gambler-Circus zu verlassen.

Ein tiefer Seufzer erfüllte seine Brust, doch Danny ließ ihn nicht heraus. Mit hängenden Schultern und dem unschönen Gefühl, schwere Ketten hinter sich her zu schleifen, machte er sich auf den Weg in den Hangar.

*

Als Danny vor dem großen Schott zum Hangar ankam, herrschte dort bereits ein geschäftiges Treiben. Männer, Frauen und auch einige Jugendliche drängten sich vor den Fächern, verstauten ihre Fly-Boards und traten anschließend durch die Tür, die sich angesichts des Ansturms gar nicht mehr zu schließen vermochte. Gesprächsfetzen mischten sich unter das leise Zischen, das die Schotthälften ausstießen, sobald sie sich einander näherten und doch wieder zurückweichen mussten, bevor sie sich berührt hatten, und vom Hangar her erscholl das dumpfe Dröhnen der Wartungsmaschinen und das Vibrieren der Lüftung, die in der riesigen Halle schwere Arbeit leisten musste.

Der Geruch von neuem Plastik wogte ebenso durch die Luft wie der verschiedener Lösungsmittel, mit denen die kleinen Raumschiffe vor jeder Vorstellung auf Hochglanz gebracht wurden, und dazwischen konnte Danny den seltsam süßlichen Duft des besonderen Schmierstoffes wahrnehmen, der für einen reibungslosen Betrieb der Gleiter unerlässlich war. Anders als viele andere Stoffe erstarrte er nicht, sobald er mit der Kälte des Vakuums konfrontiert wurde, sondern wurde lediglich etwas zäher. Tatsächlich erreichte er seine besten Eigenschaften erst unter den Bedingungen, denen die Gleiter im Weltraum ausgesetzt waren.

Eingezwängt zwischen den anderen Artisten der Gambler-Circus trat Danny durch das Schott in den Hangar ein, nachdem er sich seines Fly-Boards entledigt hatte. Die Tür erwies sich dabei wie schon so oft zuvor als Nadelöhr. Danny schnaubte entnervt. Wieso nur brachten es die Artisten immer wieder fertig, allesamt zur gleichen Zeit beim Hangar einzutreffen, obwohl sie alle unterschiedlich lange Wege an Bord des Schiffes zurücklegen mussten?

Leider war die Antwort denkbar einfach, schließlich spürte er selbst stets genau, wie viel Zeit noch bis zur Vorstellung blieb, und wäre nie zu spät gekommen. Viele Abläufe an Bord der Gambler-Circus waren durch das unfehlbare Zeitgefühl, über das jeder von ihnen verfügte, synchronisiert.

Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, dies sei nur auf der Gambler-Circus und auf den anderen Schiffen, deren Besatzungen zur gleichen Bevölkerungsgruppe wie sie gehörten, der Fall. Die anderen Menschen hatten ihnen sogar einen Spitznamen gegeben, der auf ihren angeblichen Besonderheiten beruhte: Gambler.

Dennoch konnte Danny sich nicht recht vorstellen, dass es anderswo nicht ähnlich zugehen sollte wie hier. Menschen wie die Artisten der Gambler-Circus stellten verglichen mit der Gesamtzahl aller Bewohner der Erde und ihrer Kolonien nur eine verschwindend kleine Minderheit dar, und dass ausgerechnet dieses winzige Grüppchen sich auf so seltsame Weise vom Rest der Menschheit unterscheiden sollte, erschien ihm wenig glaubwürdig.

Mit einer heftigen Kopfbewegung schüttelte er den Gedanken fort und sah wieder nach vorn. Unmittelbar hinter dem Schott wuchs der Hangar in die Breite, so dass sich die Artisten zum Glück alsbald verstreuten. In Gruppen oder allein strebten sie den Stellplätzen ihrer Fluggeräte zu. Unter den hellen Scheinwerfern der Deckenbeleuchtung blitzten völlig unterschiedliche Raumfahrzeuge auf, vom kleinen, schnittigen Raumgleiter bis hin zu großen, verwegen wirkenden Schiffen oder gar speziellen Anzügen, die ihren Trägern das Aussehen geheimnisvoller Aliens verlieh.

Der Vergleich war allerdings mehr Ausdruck seiner Phantasie als der Wirklichkeit, denn niemand hatte bislang einen echten „Außerirdischen“ gesehen. Auf keinem der Planeten, die seit dem nunmehr beinahe vierhundertjährigen Bestehen der interstellaren Raumfahrt erforscht worden waren, waren auch nur Spuren intelligenten Lebens entdeckt worden, das in irgendeiner Weise der Zivilisation der Menschen, so wie sie heute existierte oder in früheren Entwicklungsstadien existierte hatte, glich.

Als Danny sich vorstellte, er selbst könnte einmal einer anderen Rasse begegnen, durchrieselte ihn ein aufgeregtes Kribbeln. Doch leider war der Gedanke daran derart abwegig, dass er ihn sofort wieder verwarf und versuchte, seine Konzentration auf die unmittelbar bevorstehende Show zu richten.

Gleich darauf wurde seine Aufmerksamkeit machtvoll abgelenkt. Er hörte hinter sich die Stimmen von fünf Mitgliedern der Familie Doi, ging langsamer, sah sich zu ihnen um und verfolgte ihren Weg durch den Hangar. Ihr Ziel war, wie er nur zu gut wusste, die Challenge, das größte und eigentümlichste Schiff, das in der Vorstellung eingesetzt wurde.

Wie eine erhabene Pyramide ragte der tetraedische Leib der Challenge über dem Boden der Halle auf, und die vier Geschützkanzeln, die an jeder der vier Spitzen des Rumpfes angebracht waren, glitzerten wie geschliffene Diamanten unter den Strahlen der Deckenbeleuchtung. Die Flanken des Schiffes glänzten wie flüssiges Silber, und die kleinen Ausstoßdüsen des Antriebs, die in großer Zahl auf allen vier Seiten des Rumpfes angebracht waren, nahmen sich wie Mosaiksteinchen eines kunstvollen Ornaments aus. Trotz ihrer ungewöhnlichen Form war die Challenge das schönste Schiff, das er je gesehen hatte.

Die Dois achteten nicht darauf. Sie hatten schon lange keinen Blick mehr für die elegante Schönheit der Challenge, sondern legten wie üblich routiniert die Raumanzüge an und bemannten das Schiff. Mit knirschenden Zähnen sah Danny ihnen zu, ein enges Gefühl umschlang seinen Hals wie ein verwickeltes Stahlkabel, und eine kneifende Zange schien ihm den Magen zusammenzupressen. Wenn er doch nur Teil ihres Teams sein könnte!

Nur ein einziges Mal hatte er die Challenge betreten, doch er würde es nie, auch nicht eine einzige Sekunde lang, vergessen. Im Inneren des Schiffes, genau im Schwerpunkt des Tetraeders, befand sich eine weitere Kanzel, die des Piloten. Natürlich hatte er sich die genau angesehen.

Sein Puls beschleunigte sich, als er sich daran erinnerte, wie er sich damals in den Pilotensitz hatte gleiten lassen, wie seine Finger über die komplexen Steuerungsmechanismen getastet waren und wie er selbst im Hangar die Stärke, Schnelligkeit und Wendigkeit der Challenge hatte erahnen können.

Anders als sein Gleiter war die Challenge kaum Beschränkungen unterworfen; sie konnte enger, schneller und geschmeidiger durch den Raum gleiten als jedes andere Schiff, das er kannte, und während er sich vorstellte, in ihrer Kanzel zu sitzen und sie eigenhändig zu steuern, spürte er, wie ihn ein Gefühl unendlicher Freiheit erfüllte. Er spürte das unterschwellige Vibrieren des Antriebs, die glatten Instrumente unter seinen Fingerspitzen und den leichten Widerstand, den sie ihm entgegensetzten. In seiner Phantasie wurde die Challenge zu einer Verlängerung seines eigenen Körpers, zu einem Teil seiner selbst. Allein mit der Kraft seiner Gedanken schien er das Schiff im Weltraum tanzen zu lassen.

Als keine vier Meter rechts von ihm ein Werkzeug lärmend auf den Hangarboden polterte und ein Techniker nicht weniger lautstark zu fluchen begann, zerplatzte seine Vision. Nur die Sehnsucht blieb. Wie gern wäre er die Challenge geflogen!

Es drängte ihn danach, seit der das Schiff zum ersten Mal gesehen hatte. Das Zielschießen reizte ihn weniger – dieses Kunststück überließ er gern anderen -, aber die Challenge zu steuern war ohne Zweifel eine ganz besondere Art des Fliegens. Der Kurs des Schiffes musste so gewählt werden, dass alle vier Geschütze die besten Schussmöglichkeiten auf die von der Gambler-Circus gelenkten Zielobjekte erhielten und sie trotz ihrer Eigenbewegung rasch und präzise zerstört werden konnten. Eine derartige Aufgabe erforderte ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen, denn sobald man in der Challenge saß, gab es kein Oben und kein Unten mehr, man musste sich in allen drei Koordinaten des Raums bewegen können, ohne die Orientierung zu verlieren.

Neiderfüllt blickte er auf den tetraedischen Leib des Schiffes, in dem die Dois inzwischen verschwunden waren. Bereits mehrfach hatte er bei Merwyn Gaze angefragt, ob es nicht möglich sei, noch eine zweite Vorstellung mit der Challenge ins Leben zu rufen, eine Vorstellung, in der er der Pilot sein würde, doch seine Bitte war bisher stets abgelehnt worden.

Vor ein, zwei Jahren hatte er das noch verstanden, da er damals vermutlich noch nicht gut genug gewesen war, um das Schiff sicher bedienen zu können, aber heute sah das anders aus. Soweit er das beurteilen konnte, war er kein schlechter Pilot, natürlich längst nicht so gut wie die erfahrenen Männer und Frauen, die ihm unzählige Flugstunden voraus hatten, doch er traute es sich durchaus zu, die Challenge beherrschen zu können. An seiner Lage änderte das allerdings nichts. Die Challenge blieb für ihn unerreichbar, zumindest solange es nach Merwyn Gaze ging, und an dessen Führung würde sich – wie an allem anderen auf der Gambler-Circus – voraussichtlich auf lange Jahre hinaus nichts ändern.

Verstimmt ging Danny weiter und strebte zu dem Platz im Hangar hinüber, der seinem Raumgleiter zugeteilt war. Es war immer wieder dasselbe: Merwyn Gaze sagte, welche Vorstellungen stattzufinden hatten, er teilte die Artisten den einzelnen Vorführungen zu und zog sie wieder davon ab, falls ihm der Sinn danach stand. Ihm blieb somit nur, sich in seinen Gleiter zu begeben und in stupider Monotonie den Asteroidenkurs zu fliegen, so wie er es schon seit fünf Jahren tat.

Die Asteroiden, zwischen denen er sein Raumschiff während der Show hindurchschlängeln musste, waren natürlich keine echten Felsbrocken, die im All trieben, sondern kleine, künstliche Objekte, die zudem mit einem einfachen Steuerungsmechanismus ausgestattet waren. Auf diese Weise konnten die Zuschauer Einfluss auf die Asteroiden nehmen, sie verschieben und sie ihm sogar während des Flugs in den Weg manövrieren.

Trotzdem war seine Aufgabe nicht sonderlich schwer. Er brauchte nur einen einzigen Blick auf die dreidimensionale Darstellung des Asteroidenfelds zu werfen, die zu den Instrumenten seines Raumgleiters gehörte, um zu erfahren, welchen Kurs er einschlagen konnte. Meist sah er gleich ein Dutzend Möglichkeiten auf einmal.
(…)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I

Der Angriff

Im Buch blättern

Verlag :      AAVAA Verlag UG
ISBN :      978-3-86254-399-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 11,95 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 295 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht :      300 g

Medien :
Leseprobe(PDF)

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Die Menschheit am Scheideweg…

Als im 22. Jahrhundert der erste Mensch mit einer besonderen genetischen Mutation geboren wird, ahnt noch niemand, dass es nur der erste von vielen ist. Die Gambler sind reaktionsschneller und leistungsfähiger als jeder gewöhnliche Mensch, sie besitzen einen unfehlbaren Orientierungssinn und das perfekte Gedächtnis – und werden gerade aus diesem Grund gehasst und gejagt. Isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, fristen sie auf ihren Zirkusraumschiffen ein Leben im Schatten. Doch dann taucht aus den Tiefen des Weltraums eine Bedrohung auf, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Und die politische Führung der Erde muss erkennen, dass nur ein Gambler in der Lage ist, die Menschheit vor ihrer vollständigen Vernichtung zu bewahren.

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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DER GHOSTWRITER – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 14. Mai 2012

Der Ghostwriter

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Mit einem zufriedenem Lächeln klickte Peer auf Speichern. Endlich, er hatte es geschafft und das Manuskript fertiggestellt. Pünktlich, wie immer. Peer hing die Datei an eine E-Mail und schickte sie los. An einen unbekannten Auftraggeber. Jetzt noch alle Dateien wie gewünscht löschen und fertig.

Peer war Ghostwriter. Er schrieb Texte für andere Menschen, die dann nur noch ihren Namen daruntersetzten und seine Werke als die ihren Ausgaben. Vor allem der letzte Auftrag hatte es in sich. Peer war angestellt worden, um mehrere Romane für eine Art Detektiv-Serie zu schreiben. Sein Auftraggeber legte allerdings übertrieben viel wert auf Anonymität, zahlte aber auch gut.

Insgesamt fünf Romane waren in Auftrag gegeben worden. Eine der Vorgaben war dabei, dass die Geschichten und Morde so real wie möglich beschrieben werden sollten. Also aus dem Leben gegriffen und für den Leser stets nachvollziehbar, beinahe lehrbuchartig.

Für Peer kein Problem. Er recherchierte gerne und solange das Geld stimmte, schrieb er alles was sein Kunde wünschte. Wobei ihm bei diesem Auftrag schon mulmig zumute war. Der geisteskranke Protagonist nahm nämlich das Recht selbst in die Hand und richtete die Unschuldigen auf bestialische Art und Weise hin, war also im Grunde selbst der gesuchte Massenmörder im überspannenden Handlungsbogen.

Fünf Romane hatte Peer schon fertiggestellt. Aber bisher war noch keiner seiner Texte bei irgendeinem Verlag aufgetaucht. Das alleine war nicht ungewöhnlich. Aber stets, einige Wochen nach Abgabe, war in der Zeitung von einem bestialischen Mord an einem Kriminellen zu lesen. Und stets wurden die Morde genau so verübt, wie sie Peer beschrieben hatte. Er hatte bereits überlegt zur Polizei zu gehen, das aber wieder verworfen. Sicherlich war das pure Spinnerei. Immerhin wartete der letzte Roman mal mit einer etwas anderen Handlung auf.

Darin ging es nämlich um einen Autoren, der unwissentlich einem Serienmörder dabei half, seine Opfer zu töten. Und nun wollte der Serienmörder den Autoren aus dem Weg schaffen, um die Spuren zu verwischen. Peer fand die Sache witzig, erinnerte sie ihn doch ein wenig an seine derzeitige Auftragssituation. Zufälle gibt es, dachte er …

Ende

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz, all rights reserved

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DIE CLIQUE AUS DER INQUISITIONSTREET – Eine Kriminalkurzgeschichte von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 7. Mai 2012

Die Clique aus der Inquisitionstreet

Kriminalkurzgeschichte

von

Miriam Kleve

Die Wagen standen mit der Motorhaube voran auf der großen Klippe, die Rome hoch überragte und als Love-Spot bekannt war. Die Sonne versank malerisch am Horizont. Die Stadt wirkte wie auf einem antiken Ölgemälde.

Die Clique hatte es sich vorne an der Kante gemütlich gemacht und genoss den Ausblick. Sie stützten sich an der Leitplanke ab und spuckten Kirschkerne in die Tiefe. Es waren Ferien und die Freunde genossen es, endlich mal wieder beisammen zu sein. Das Leben hatte sie in unterschiedliche Richtungen gedrängt, aber ihre Freundschaft war wie ein Gummiband, dass sie immer wieder nach Rome und zueinander zog.

„Wo bleibt denn Ann-Marie?“ Andy hatte es sich auf dem Boden bequem gemacht. Er drehte an der Lautstärke des CD-Spielers, der an seinem Rollstuhl festgemacht war. Andy wippte mit dem Kopf zum Takt von „Take The Power Back“ und sah gelegentlich die Straße hinab.

Kelly stöhnte auf. „Das kann dauern. Ann hat noch was zu erledigen.“ Kelly war zwar die Jüngste der Clique, hatte aber gleichzeitig mit ihnen die Highschool abgeschlossen. Seitdem war sie immer müde und leicht zu reizen, wie Tim fand.

Er saß jenseits der Leitplanke und ließ gemütlich seine Beine über dem Abgrund baumeln. Neben ihm lag ein Haufen Schokoladenriegelpapier. Unglücklich sah er auf den letzten Riegel, der in seiner Brusttasche steckte. Sein Vorrat schmolz immer so schnell dahin, während sein Bauch mit der gleichen Geschwindigkeit zulegte.

„Jetzt noch?“ fragte Tim abwesend. „Am Telefon hat sie gesagt das Treffen geht klar.“ Er beschloss sich dem Übel zu stellen und den Schokoladenriegel sofort zu vertilgen.

Kelly biss sich auf die Unterlippe und verfluchte sich innerlich, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben. Dann beschloss sie, dass die Jungs es nicht anders haben wollten. „Ann hat einen Freund.“

Es war plötzlich ruhiger auf dem Love-Spot. Nur das Zirpen der Grillen, Tims Schmatzen und die ersten Zeilen von „Settle For Nothing“ waren zu hören. Andy schaltete die Musik aus.

„Schon länger?“ fragte er zögerlich. Seine Stimme zitterte leicht.

„Seit einigen Wochen. Die beiden gehen aufs gleiche College. Es ist Jimmy Glass.“ Kelly beschloss es so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen. Sie wusste, dass Andy ein Auge auf Ann geworfen hatte.

„Oh“, kam es Tim über die Lippen. Er wuchtete seine Massen in die Höhe und machte einen Schritt über die Leitplanke hinweg. Während Andy sein Asthmaspray zog, wählte Tim auf dem CD-Spieler „Know Your Enemy“ aus und ließ sich dann neben seinen Freund plumpsen.

„Ich weiß nicht was ich sagen soll, ohne dass es peinlich wird“, erklärte Tim.

Andy sah ihn gequält lächelnd an. „Es wird gerade sehr peinlich, Kumpel.“

Tim nickte nur und sah dann über Rome hinweg. „Romantischer Sonnenuntergang.“ Er zog die Nase hoch. „Sollten wir öfter machen.“ Schweigen. Dann brachen beide in lautes Gelächter aus.

Kelly schüttelte verständnislos den Kopf. „Jungs.“ Sie sah einen weißen Ford Taurus SHO die Straße hochfahren. „Ann kommt.“

Der Ford bremste scharf neben den anderen Wagen und Dreck spritzte zur Seite weg. Die Fahrertüre schwang auf und Kelly stieg aus. Sie hatte sich in Schale geworfen und sah einfach umwerfend aus. Minirock, Bluse und Lederweste. Ihre blonde Löwenmähne verdeckte ein Großteil des Gesichts.

„Sorry, Leute. Ich wurde aufgehalten. Beinahe hätte ich es nicht geschafft.“ Sie öffnete eine der hinteren Wagentüren und reckte sich in den Innenraum. Dabei kamen ihre langen Beine besonders zur Geltung. „Dafür habe ich uns etwas mitgebracht.“

Andy und Tim saßen auf dem Boden und genossen einen besonders freizügigen Ausblick. Kelly schüttelte unmerklich den Kopf. Sie nahm sich vor, mal in einer ruhigen Minute mit Ann darüber zu reden, dass selbst die besten Freunde einfach auch nur Männer waren. Aber vielleicht gehörte das auch nur zu einem der neuen Spielchen, die Ann in letzter Zeit spielte.

Ann-Marie drehte sich freudestrahlend um und hielt ein Six-Pack hoch. „Bier für alle!“ rief sie fröhlich aus und trippelte zu den anderen.

„Wo hast du das denn her?“ kam es Kelly über die Lippen.

„Beziehungen“, lachte Kelly und zwängte sich zwischen Andy und Tim. „Ah, ‘Rage Against The Machine’“, erkannte sie das Album und reichte jedem eine Dose. „Nett.“ Sie gab Kelly auch ein Bier. „Auf unsere Freundschaft!“ rief sie aus, zog den Verschluss auf und setzte die Dose an. Die anderen sahen erstaunt zu, wie Ann-Marie ihr Bier in einem Zug leerte.

„Was hast du denn da?“ fragte Andy unvermittelt.

Ann-Marie griff an ihre linke Wange. Das Haar war etwas zur Seite gerutscht und nun war deutlich ein großer Bluterguss zu sehen. „Ach das. Ich habe gestern im Keller was hochholen wollen. Und ihr wisst ja wie das ist. Bevor man sich versieht läuft man im Dunkeln auch schon gegen den Türrahmen. Noch ein Bier? Im Auto liegen noch ein paar Dosen.“

„Geht nicht“, erklärte Tim und stellte seine Dose ab. „Der Coach hat gesagt Alkohol ist schlecht fürs Spiel. Und ich brauche das Stipendium. Der Coach sagt ich bin einer der besten Linebacker und habe das Zeug zum Profi.“

„Und was ist mir dir?“ Ann-Marie sah zu Andy.

Der stellte die Dose vorsichtig auf dem Boden ab. „Alkohol und Medikamente vertragen sich nicht. Sorry, ich muss passen.“

„Gilt auch für mich.“ Kelly gab das Bier an Ann-Marie zurück, die eine Schnute zog. „Es sind zwar Ferien, aber ich will trotzdem pauken. Mit etwas Glück bin ich früher mit der Uni fertig als gedacht und kann durchstarten.“

Ann-Marie seufzte und machte sich eine weitere Dose auf. „Leute, wann habt ihr angefangen so langweilig zu werden“ Sie lachte und trank, während sich die anderen vielsagende Blicke zuwarfen.

* * *

Die Clique traf sich am nächsten Morgen im Barney’s zum Frühstück. Ann-Marie war verkatert und hatte eine große Sonnenbrille aufgesetzt. Mit ihrer knappen beigen Leinenkombination zog sie prompt die Aufmerksamkeit der männlichen Gäste auf sich. Das war Andy unangenehm, denn damit rückte er auch in den Fokus. Kelly presste genervt  ihre Lippen fest zusammen, während sich Tim nur Gedanken über seine Bestellung machte.

„Leute, wie bin ich denn gestern nach Hause gekommen?“ fragte Ann-Marie und bestellte sich bei der Bedienung, Cathy Shelter, ein Wasser, um damit die Kopfschmerztabletten runterzuspülen.

„Tim hat dich heute Morgen über die Schulter geworfen und dann nach Hause geschleppt.“, erklärte Kelly. Sie entschied sich für einen starken Kaffee mit viel Zucker.

„Danke, mein Großer.“ Ann-Marie gähnte. „Ich hoffe, ich habe nichts Dummes angestellt.“ Sie lächelte in die Runde.

„Nein“, erklärte Tim und bestellte einen Burger, Pommes, Kuchen, eine extra große Cola und einige Pancakes. „Du hast mir bei euch zu Hause über den Rücken gekotzt. Aber das ist schon in Ordnung.“

Trotz Sonnenbrille war zu sehen, dass Ann-Marie rot anlief. „Sorry, Tim. Das war keine Absicht.“

„Dann hättest du weniger trinken sollen“, setzte Kelly spitz hinzu.

Andy sprang verbal dazwischen, bevor ein Streit entbrannte. „Nur die Ruhe, Freunde. Wir sehen uns zu selten, um die wertvolle Zeit zu vertrödeln. Wir sollten uns überlegen, was wir heute anstellen.“

Die Clique dachte darüber nach an den Strand zu gehen oder das alte Baumhaus zu besuchen, aber so richtig überzeugend war für sie keine der Ideen. Cathy brachte gerade die Bestellung, als Kelly ein Resümee zog: „Leute, wir haben uns verändert.“

Tim stapelte die Teller vor sich auf und lächelte glücklich. „Danke, Cathy.“

Erst jetzt schien Ann-Marie zu merken, wer sie bediente. „Cathy? Sorry, ich hatte dich gar nicht sofort erkannt.“

Die junge Bedienung lächelte gequält. „Schon in Ordnung, Ann.“ Beide waren im gleichen Alter und hatten auf der Highschool viele Kurse gemeinsam belegt.

„Was machst du so?“ hakte Ann-Marie nach und nippte an ihrem Mineralwasser. „Auf was für ein College gehst du?“

Cathy wurde rot. „Ich habe es erst einmal nach hinten geschoben. Gibt viel zu tun. Ich muss wieder los, mein Dad guckt schon.“

Ann-Marie sah Cahy hinterher, die in der Küche verschwand, um die nächste Bestellung fertig zu machen. „Die ist aber komisch geworden.“

„Cathy hatte viel Pech nach der Highschool“, erklärte Kelly. „Ihr Dad ist einem Betrüger aufgesessen und hat dabei auch Cathys Collegefond verloren. Ihre Mom hat die Scheidung eingereicht, das Haus ist weg und jetzt lebt Cathy mit ihrem Dad im Hinterzimmer des Barney’s. Deswegen hat auch ihr Freund mit ihr Schluss gemacht.“

Ann-Marie hob die Hand vor den Mund, was Kelly als affektierte Geste einstufte. „Das ist ja schrecklich. Das habe ich gar nicht gewusst.“

„Es passiert eine Menge in Rome, von dem du nichts weißt“, erklärte Kelly. „Vor allem in unserem Viertel.“

„Ich kann mich ja nicht um alles kümmern. Es gibt viel zu tun. Das College nimmt mich vollständig in Beschlag“, rechtfertigte sich Ann-Marie angesäuert. „Das lernen fällt nicht jedem so leicht wie dir.“

Kelly starrte Ann-Marie wütend an. Erneut versuchte Andy die Situation zu retten und plapperte über das Erste, was ihm einfiel. „Leute, habt ihr schon von der Einbruchsserie gehört?“ Andy pickte sich eine dicke Pommes von Tims Teller und tunkte sie in etwas Burgersauce. „Die Polizei ist ziemlich ratlos. Lamar sagt, er hätte noch nie soviel Hektik auf dem Revier erlebt. Die Einbrecher haben nämlich auch das Haus vom Bürgermeister ausgeraubt.“

„Bei Josh Cartwright wurde auch eingebrochen?“ Ann-Marie war fassungslos. „Ich meine, bei seinem Dad. Mein Gott, wie schrecklich für Josh. Wann war denn das?“

„Eine Woche vor den Ferien“, erklärte Tim mit vollem Mund. „Aber es ist schon davor losgegangen.“

Andy nickte. Er riss sich einen halben Pancake von Tims Stapel ab. „Im Abstand von mehreren Tagen. Seit mehr als acht Wochen. Es trifft aber immer nur die wohlhabenden Leute. Die treten der Polizei zwar kräftig in den Arsch, aber der Sheriff hat keine Ahnung, was er machen soll. Die Einbrecher leisten ganze Arbeit. Lamar sagt, so etwas Schnelles ist ihm noch nie untergekommen. Und ihr kennt meinen Bruder, der übertreibt nie.“

Die anderen nickten zustimmend. „Wie schnell sind die denn?“ wollte Kelly wissen.

„Verdammt schnell.“ Andy zog einmal kräftig am Trinkhalm von Tims Cola. „Sobald der Alarm ausgelöst wird sind alle auf den Beinen. Beim letzten Mal war der Wagen innerhalb von einer Minute vor Ort. Aber die Einbrecher waren schon weg. Lamar meint, das die wohl ganz gut organisiert vorgehen müssen. Sie klauen auch nur das wirklich wertvolle Zeug. Und zwar sehr gezielt.“

Ann-Marie dachte nach. „Wahrscheinlich ist mein Dad deswegen die ganze Zeit so gereizt. Ich meine, es ist ja sein Job die Leute zu versichern. Wenn die jetzt alle bestohlen werden, dann macht das keinen guten Eindruck bei bei seinen Chefs.“

Tim nickte kauend. Er trennte mit der Gabel ein Drittel vom Kuchen ab und schob das Stück auf einer Serviette zu Andy. „Auf dem Feld machen wir auch schnelle Spielzüge. Aber Einbrechen unter einer Minute? Unmöglich. Wer soll denn so etwas bewerkstelligen? Höchstens die Leichtathleten der Highschool oder die Leute vom Rome Sports College.“

Die vier Freunde dachten nach. Kelly biss sich auf ihre Unterlippe. „Ich meine, auch der alten Zeiten wegen, ich bin schon neugierig.“

Andy biss in den Kuchen. „Der alten Zeiten wegen klingt gut. Wäre ja nicht unser erstes Mal.“

„Ich könnte daheim mal mit meinem Daddy reden, was der so weiß“, meinte Ann-Marie. Sie war glücklich, dass es in der Clique doch noch Gemeinsamkeiten gab.

Tim nickte. „Gute Idee. Ich werde noch etwas Nervennahrung besorgen. Und dann treffen wir uns heute Nachmittag bei Andy daheim.“

* * *

„Mein Gott, was ist das denn hier?“ Ann-Marie drehte sich mehrmals auf der Stelle und besah sich erstaunt das Equipment, dass Andy in der Garage installiert hatte. „Also hier passt kein Auto mehr rein.“

Überall standen Computer, lagen Elektronikteile oder verliefen Kabel. Die Garage war ein Sammelsurium unterschiedlichster Gerätschaften. Andy hatte es sich, mit seinem Rollstuhl, vor einem der wuchtigen Computertische gemütlich gemacht. Hinter ihm an der Wand hing ein altes Poster der Bill Cosby Show.

„Mein kleines Reich. Von hier aus kann ich mit der ganzen Welt in Kontakt treten. Ich habe ganz viele Ideen. Es ist unglaublich, was man alles mit Computern anstellen kann. Ich war ja schon von Windows 2 und Windows 3 begeistert, aber das neue 3.1 ist einfach genial.“ Andy war ganz aufgregt.

Kelly, Ann-Marie und Tim sahen ihren Freund an und lächelten. Sie konnten seine Begeisterung für Computer schon lange nicht mehr nachvollziehen, aber sie waren glücklich ihn glücklich zu sehen.

„Mein Dad war unterwegs. Deswegen habe ich die Unterlagen aus dem Safe genommen und mitgebracht.“ sagte Ann-Marie und ging zu ihrem Ford Taurus. „Bis zum Abend sollte ich sie zurücklegen. Schaffen wir das?“

Tim nickte. „Klar schaffen wir das.“ Er zeigte ihr den Daumen hoch.

Die Clique setzte sich an die Arbeit und ging gezielt die Unterlagen durch. Ann-Marie schlug Tim mehrmals verspielt auf die Hände, wenn er mit schokoladebeschmierten Fingern die Akten durchblätterte und dabei seine Spuren hinterließ. Kelly sammelte in aller Ruhe die wichtigen Informationen, die Andy zur Sicherheit in eine Datenbank übertrug. Für alle Fälle.

Irgendwann flog der erste Papierflieger quer über den Tisch, dann gab es eine regelrechte Papierballschlacht, an deren Ende alle lachend auf dem Boden lagen und sich die Bäuche hielten.

„Wird wohl doch etwas länger dauern, die Unterlagen zurückzulegen“, kicherte Ann-Marie und schnappte nach Luft. „Wir sollten vorher auch mal mit dem Bügeleisen drübergehen.“

Kelly zog sich am Tisch hoch und ließ sich atemlos auf den Stuhl fallen. „Gute Idee“, stimmte sie vergnügt zu. „Was haben wir denn jetzt eigentlich alles zusammengetragen?“

Andy zog sich in eine aufrechte Sitzposition. „Ich würde ja gerne nachgucken. Aber irgendwie habe ich meinen Rollstuhl verloren.“

Erneut brachen die Freunde in lautes Gelächter aus. Tim ging nach Draußen und holte den Rollstuhl wieder rein. „Mal wieder etwas verbeult. Aber noch in Ordnung.“ Er half seinem Freund in das Gefährt und schob ihn an den Tisch ran. Anschließend setzte sich Tim ebenfalls. „Also, wie geht es weiter?“

Kelly zählte alle Leute auf, bei denen eingebrochen wurde. Die anderen hörten ganz genau zu. Am Ende gab es eine Liste mit beinahe zwanzig Einbrüchen.

„Laut der Polizei gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern. Einige sind zwar miteinander verwandt oder bekannt, aber eben nicht alle“ erklärte Andy. „Alle Einbrüche geschahen im Abstand von drei bis vier Tagen. Seit dem letzten Einbruch ist allerdings mehr Zeit vergangen. Lamar glaubt, das liegt an der erhöhten Polizeipräsenz in den reicheren Vierteln. Allerdings geht es nun in den ärmeren Viertel rauer zu.“

Kelly sah sich die Liste genau an. „Alles bekannte Namen. Einzig, dass alle reich sind ist eine Gemeinsamkeit. Aber das ist bei Einbrüchen normal. Kein Dieb versucht eine arme Kirchenmaus auszurauben.“

Die beiden Jungs nickten zustimmend. Nur Ann-Marie nicht. Sie hatte ihre Hand gehoben und sprach mit leiser Stimme. „Ich glaube es gibt eine weitere  Gemeinsamkeit. Um ehrlich zu sein, ich weiß es ganz genau.“

Die Köpfe von Ann-Maries Freunden ruckten augenblicklich in ihre Richtung. Sie zuckte mit den Schultern. „Um ehrlich zu sein. Alle haben ihre Versicherungen bei meinem Dad abgeschlossen. Aber das ist ja sein Job. Der Punkt ist der“, sie wirkte nun unsicher, „ich bin die Gemeinsamkeit.“

Kelly runzelte die Stirn. „Du? Wie soll ich das denn verstehen? Bis du unter die Einbrecher gegangen?“

Ann-Marie schüttelte energisch ihren Kopf, was ihre Löwenmähne wild herumwirbeln ließ. „Nein, natürlich nicht. Es ist aber so, dass all diese Leute Söhne oder Enkel haben. Und allesamt ungefähr in meinem Alter.“

„Das ist aber nicht ungewöhnlich. Immerhin sind es ja auch alles Kunden deines Vaters. Die kennst du deswegen halt.“

„Das stimmt schon, Kel. Aber … genau mit den Leuten von der Liste bin ich vor einigen Wochen auf einem Ausflug gewesen. Ich hätte es jedenfalls sein sollen.“

Die anderen sahen Ann-Marie neugierig an. „Wie meinst du das genau?“ fragte Andy nachdenklich.

Ann-Marie druckste erst herum, dann kam sie zur Sache. „Jimmy hat vor ein paar Wochen einen Ausflug für Freunde organisiert. Wir waren gerade zusammengekommen und ich war natürlich eingeladen. Es sollte ein Partywochenende werden.“

Andy schnaubte. „Jimmy Glass. Ich hätte es wissen sollen.“

„Nein, Andy. Hör endlich auf damit und vergiss mal die alten Streitigkeiten. Jimmy ist nicht mehr wie früher. Er ist viel erwachsener“, verteidigte Ann-Marie ihren Freund.

Nun schnaubte Kelly. „Ja, das haben wir alle gesehen, Ann.“

Ann-Marie funkelte Kelly wütend an. „Das ist ganz alleine meine Sache. Außerdem geht es doch gar nicht darum. Es geht nur um die Gemeinsamkeit. Und die ist nicht nur Jimmy, sondern die bin ich auch.“

„War an diesem Wochenende etwas besonderes?“ hakte Tim nach, der Andys Wut auf Jimmy zu umschiffen versuchte. „Vielleicht jemand mal mit den Schlüsseln alleine gewesen?“

Kelly schüttelte den Kopf. „Mit den Schlüsseln alleine würdest du die ganzen Sicherheitssysteme nicht ausgeschaltet bekommen.“

„Stimmt“, erklärte Ann-Marie. „Da brauchst du Zahlencodes und Safekombinationen. Und du musst wissen, wann die Leute unterwegs sind.“

„Außerdem“, fuhr Ann-Marie fort, „waren Jimmy und ich gar nicht dabei. Alle die Namen standen auf seiner Gästeliste. Jimmy hat kurzfristig abgesagt. Wir wollten … wir wollten unsere eigene Party feiern. Die Hütte war aber schon gemietet. Also hat er das Wochenende für sine Freunde trotzdem steigen lassen.“

„Okay“, sagte Kelly gedehnt. „Dann wäre die Sache ja geklärt. Die Gemeinsamkeit wäre dann dieses besagte Wochenende in der Hütte. Wir sollten also mit jemandem sprechen, der dabei war. Und die Auswahl scheint ja groß genug zu sein.“

Ann-Marie dachte kurz nach. „Wir sollten mit Bert van Beveren reden. Er ist in der Stadt und ein ziemlich netter Kerl. Berts Eltern machen in Antiquitäten und Kunst. Laut den Unterlagen meines Dads sind ihnen einige wertvolle alte Zertifikate und Briefe abhanden gekommen.“

* * *

„Ich bin sicher, wir hätten Lamar anrufen sollen“, maulte Andy, während ihn Tim über den knirschenden Kiesweg schob.

„Wenn wir uns irren, dann ist die ganze Sache nur peinlich.“ Tim schüttelte den Kopf. „Nein, wir machen das erst einmal alleine.“

Kelly kicherte nervös. „Als Kind war das cooler.“

„Du machst, dass ich mir gerade ziemlich doof vorkomme“, stimmte Ann-Marie lachend ein.

Das Anwesen der van Beverens war ein alter, eckiger Kasten mit drei Stockwerken, der inmitten eines ausladenden Parks lag. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass hier Geld zuhause war.

Bert war überrascht die Clique aus der Inquisitionstreet zu sehen. Als er Ann-Marie erkannte bat er die vier jedoch widerwillig herein.

Bert war hochgewachsen, muskulös und hatte ein kantiges Gesicht. Sein blondes Haar fiel bis knapp über die Ohren. Er lehnte lässig an der Bar des Hauses und nippte an einem Glas Bourbon. Obwohl er versuchte lässig zu wirken, war ihm die Nervosität anzumerken.

„Und warum kommt ihr jetzt ausgerechnet auf mich?“ wollte er wissen und sah Andy abfällig an. „Ihr hättet doch auch mit den anderen Jungs sprechen können.“

Tim kaute ein Pfefferminzkaugummi und schüttelte den Kopf. Berts Unbehagen schien ihm große Freude zu machen. „Nope. Du bist doch ein ziemlich netter Kerl, denke ich mir. Also wollen wir mit dir reden.“

„Dann sollten wir uns beeilen.“ Bert nickte in Andys Richtung. „Meine Eltern kommen bald zurück. Und sie mögen keine Schwarzen.“

„Kann ich verstehen“, stimmte Tim zu. „Ich haue auch lieber auf die Blonden.“ Seine Stimme war ruhig, aber Bert verstand die mitschwingende Drohung.

„Okay. Nur keinen Streit, Leute“, mischte sich Ann-Marie ein. „Bert, an dem Wochenende in der Hütte, ist da was besonderes passiert?“

Der Blonde schreckte ertappt zusammen. „Nein, überhaupt nichts“, presste er stotternd hervor. „Wir hatten unseren Spaß. Vielleicht ein paar Bier zuviel. Aber das war es auch schon. Warum wollt ihr das denn wissen?“

„Weil bei allen Familien eingebrochen wurde, von denen jemand auf der Party war.“ Kelly zog die Liste aus der Tasche.

Bert schluckte „Das kann Zufall sein. Es gibt viele Zufälle.“

„Quatsch mit Soße!“ rief Andy erregt aus und inhalierte sein Asthmaspray. „Ich werde hier warten, bis deine Eltern kommen. Und dann sollen die einem Schwarzen erklären, ob sie das für einen Zufall halten.“

„Hey, Mann, spinnst du?“ entfuhr er Bert. „Das könnt ihr nicht machen. Das gibt einen Skandal der die VIPs in Rome in Verruf bringt.“

„VIPs?“ wollte Tim wissen.

„So nennen sich die oberen eintausend der Stadt selbst.“ Ann-Marie fuhr sich durch ihr Haar. „Also ist doch etwas auf der Party passiert.“

Kelly lächelte Bert freundlich an. „Wir sind der Sache eh schon auf der Spur.“

„Genau“, sprach Andy weiter. „Du kannst es auf die zarte oder auf die harte Tour haben. Aber du bekommst es.“ Er klang wie eine der Filmrollen, die er so gerne mochte. Shaft oder Ricardo Tubbs. Seine Freunde wussten es nie so genau.

Bert hob abwehrend die Hände. „Es war nicht meine Idee. Wir hatten ja plötzlich zwei Plätze frei. Also das Doppelzimmer. Keiner hatte seine Freundin dabei. Dafür gab es ordentlich Bier. Und einer hatte Muntermacher mitgebracht. Ich weiß gar nicht mehr. Die kleinen Pillen gab es jedenfalls haufenweise in der Hütte. Dazu harte Musik. Und plötzlich stand sie da und hat uns ganz heiß gemacht. Sie meinte es ginge in Ordnung und sie sei gekommen, um etwas Spaß zu haben. Mit uns. Ganz unverbindlich.“

Die Clique war sprachlos über das, was sie gerade hörten. Tim lief sogar rot an als er langsam verstand, worauf Bert hinauswollte.

„Es lief alles nicht wie geplant.“ Tränen der Scham standen plötzlich in den Augen des van-Beveren-Sprösslings. „Irgendwie machte sich alles selbstständig. Aber sie wollte es ja auch. In jedem verdammten Zimmer, zu jeder verdammten Uhrzeit und mit jedem von uns verdammten Kerlen.“

Bert schleuderte sein Glas gegen die Wand, wo es klirrend zerschellte. Bourbon spritzt nach allen Seiten weg. „Ich fühle mich seitdem so dreckig. Ich habe einfach die Kontrolle verloren. Und dann wurde es schlimmer.“

„Wer?“ fragte Andy tonlos. „Wer?“

„Cathy“, kam es Bert leise über die Lippen. „Cathy Shelter.“

* * *

Die Clique traf Cathy im Barney’s an. Sie war bei der Arbeit und wirkte nervös. Erneut versuchte sie Ann-Maries Blicken auszuweichen.

„Cathy, wir würden gerne unter vier Augen mit dir reden“, erklärte Tim. Dann verbesserte er sich. „Ich meine natürlich zehn Augen.“

„Warum? Was wollt ihr von mir?“ Cathy sah unglücklich drein. Ihr hübsches Gesicht war plötzlich von Angst gezeichnet. „Wenn ihr nichts bestellen wollt, dann müsst ihr gehen.“

„Was ist hier los?“ fragte eine tiefe Stimme. Von hinten näherte sich Barney Shelter, Cathys Vater. „Liebes, gibt es Ärger?“

„Nein, Dad, die vier wollten gerade gehen.“

Tim schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Mister Shelter. Tut mir leid, aber Cathy hat sich ordentlich Probleme aufgeladen.“

Mister Shelter sah seine Tochter an, der leise Tränen über die Wange rannen. „Liebes?“ Die Stimme des alten Mannes war besorgt. „Kleines?“

Die anderen Gäste waren nun aufmerksam geworden und sahen in Richtung der kleinen Gruppe. Einer von ihnen, ein schlanker Schwarzer, der wie eine ältere Version von Andy aussah, kam herüber. „Hi, Leute. Was ist hier los?“

„Lammy“, stöhnte Andy auf und fing sich einen unwirschen Blick seines großen Bruders ein. „Was machst du denn hier?“

„Ich wollte mir einen extrastarken Kaffee nach der Arbeit gönnen, Andrew. Aber scheinbar gibt es hier Probleme. Und ein guter Cop ist immer im Dienst. Wir sollten die Sache lieber hinten im Büro klären.“

Barney Shelter wurde rot und wirkte peinlich berührt. „Ja, natürlich.“

Lamar sah sich im Büro um. „Nett, sie haben einige Möbel hier untergestellt. Sogar Betten. Eine gute Idee. So ein Mittagsschläfchen steigert die Produktivität.“

Andy wusste nicht ob sein Bruder gerade unheimlich dumm oder unheimlich freundlich war. „Lamar, bei der Sache geht es um die Einbruchserie der letzten Wochen.“

Mister Shelter sah Andy neugierig an, während sich Cathy setzte. Sie war nur noch ein Häufchen Elend.

Ann-Marie stupste Tim mit dem Ellenbogen in die Seite und flüsterte ihm was ins Ohr. Tim nickte nur und ergriff das Wort: „Ja, es geht um die Einbruchserie. Zufällig haben wir die fehlende Verbindung entdeckt und sind ihr gefolgt. Was wir dabei herausgefunden haben, wird in Rome niemand gerne hören wollen.“

Tim war zudem unwohl, klare Worte finden zu müssen. Andy zog einen Schokoladenriegel aus der Tasche und gab ihn Andy. Glücklich riss dieser das Papier auf, während er weitersprach. Die Vorfreude auf den Keks und das Karamell machte ihm die Sache irgendwie leichter.

„Vor einigen Wochen gab es eine ausschweifende Wochenendparty. Eine sehr ausschweifende Party, bei der Alkohol und Drogen konsumiert wurden.“ Kelly nickte Tim aufmunternd zu. Er traf die richtigen Worte.

Tim bis ein Stück vom Schokoladenriegel ab und sprach kauend weiter: „Auf dieser Party erschien ein Überraschungsgast. Eine junge und hübsche Frau, die den, allesamt allein angereisten, Herren sexuelle Gefälligkeiten erwies. Und zwar allen.“

Mister Shelter sah ratlos in die Runde. „Das verstehe ich nicht. Was hat das mit meiner Cathy zu tun?“ Er drehte sich zu seiner Tochter und war über ihren Anblick schockiert. „Kleines?“ Tränen schossen ihm in die Augen. „O nein.“ Mit einem Schritt war er bei seiner Tochter und nahm sie tröstend in die Arme.

Lamar beugte sich zu Andy hinab. „Ich hoffe es kommt jetzt irgendeine Art von Happy Ende, Andrew. Ansonsten habt ihr gerade ordentlich Mist gebaut.“

Andy sah seinen großen Bruder ernst an. „Die Sache hat ein Ende, Lammy. Aber kein Gutes.“

Kelly flüsterte Tim erneut etwas ins Ohr. Der räusperte sich. „Mister Shelter, es tut mir leid. Aber die Sache ist noch nicht zu Ende. Denn an diesem Wochenende wurden Videoaufnahmen angefertigt, die nur einen Zweck hatten: Die Partygäste allesamt zu erpressen.“

Cathy schluchzte noch lauter, während Mister Shelter kalkweiß wurde. „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“

Tim sah ernst drein. Ihm war unwohl, doch jetzt wollte er es auch zu einem Ende bringen. „Leider doch. Mit den Videoaufnahmen erpresste Cathy Informationen, die für die Einbrüche gebraucht wurden. Sie erhielt Schlüssel, Codenummern und Tresorkombinationen. Sie erfuhr wann die Familie aus dem Haus war, was es Wertvolles zu stehlen gab und wo die Sachen lagerten.“

Kelly flüsterte Tim noch etwas zu und der Große nickte verstehend. „Die Einbrecher waren nicht besonders schnell, sondern besonders clever. Erst nach der Tat lösten sie den Alarm aus, um von der Tatsache abzulenken, dass sie über Insiderwissen und Hilfe verfügten.“

„Ach du Scheiße!“ fuhr es Lamar über die Lippen. Er raufte sich die Haare. „Leute, wenn das stimmt, das ist ja unglaublich. Der Sohn vom Bürgermeister soll darin verwickelt sein? Ach du Scheiße!“

Ann-Marie sah mitfühlend zu Cathy hinüber. „Cathy, es tut mir leid.“

„Ach quatsch!“ stieß Cathy Shelter zornig und beschämt vor. „Du hast mir alles kaputt gemacht. Ich konnte nie mit dir mithalten. Ich will jetzt jemanden anrufen.“

Lamar schüttelte den Kopf. „Ich informiere erst einmal die Kollegen, Cathy, und kläre dich über deine Rechte auf. Dann hast du deinen Anruf.“

* * *

Die Clique saß in Andys Garage und las die Tagespresse. Es gab keinen Artikel mehr über die Einbruchsserie. Doch die Leute auf der Straße wussten Bescheid und tuschelten hinter vorgehaltener Hand.

„Die VIPs versuchen ihr Ansehen zu retten. Es ist von Vorteil, wenn die Zeitungen der Stadt ihnen gehören.“, meinte Kelly und legte die Rome Times zur Seite. „Aber der Gerechtigkeit wurde genüge getan.“

„Wurde es?“ fragte Andy in den Raum hinein. „Cathy hat gestanden die Sache geplant zu haben. Das weiß ich von Lamar. Mein Bruder ist selbst fassungslos. Cathy konnte die Einbrüche unmöglich alleine verübt haben. Passenderweise hat Mister Shelter gestanden, die Sache mit seiner Tochter gemeinsam durchgezogen zu haben. Ihr ward ja dabei, als wir Cathy damit konfrontierten.“

Tim nickte. „Ja. Das traue ich ihm einfach nicht zu. Es wurden auch nur wenig Diebesgut bei ihnen gefunden. Und auch kaum Bargeld. Gerade so viel, wie sie vor Gericht als Beweise brauchen. Das stinkt doch bis zum Himmel.“

„Ihr mal wieder“, lachte Ann-Marie. „Seht Schatten wo Sonnenschein ist. Leute, freut euch doch. Die alte Bande hat mal wieder zugeschlagen und einen Fall gelöst. Also, freuen.“ Ann-Marie gab jedem einen schnellen Kuss auf die Stirn. „Ich muss los, Jimmy wartet.“

Andy blickte Ann-Marie noch hinterher, als sie mit ihrem Wagen schon lange um die Ecke gefahren war. „Die Sache stinkt. Und Jimmy Glass ist Scheiße.“

Kelly nickte. „Aber es ist ihre Sache, Andy. Wir können nichts dagegen machen. Und egal was wir sagen, Ann wird höchstens sauer. Aber sie wird uns nicht glauben. So funktioniert Liebe nun einmal. Sie macht oft blind.“

„Der Prozess gegen die Shelters wird sicherlich schnell durchgewunken.“ Andy seufzte. „Keine großen Fragen. Und Cathy war verdammt wütend auf Ann. Weiß einer warum?“

Kelly seufzte. „Du wirst es nicht gerne hören, Andy. Aber bis Jimmy mit Ann zusammenkam, war er mit Cathy zusammen. Er war es bestimmt auch, der sie zum Wochenende eingeladen hat. Und er stellt den Shelters einen Anwalt. Ann ist jedoch die bessere Partie. Jimmy hatte schon immer einen Sinn für hübsche Dinge und Geld. Gerechtigkeit ist etwas wovon die Armen träumen und was sich die Reichen kaufen.“

* * *

Tim hatte es sich auf einem Stapel Reifen gemütlich gemacht und knabberte an einem Schokoladenriegel. Es war bereits spät am Abend. Eigentlich hatte er sich schon lange mit Andy, Kelly und Ann-Marie zum Abendessen treffen wollen. Aber es war auch ein günstiger Zeitpunkt, um eine dringende Sache zu erledigen. Ohne die anderen.

Ein Auto war auf der Straße zu hören, bog in die Einfahrt und bremste dann mit quietschenden Reifen in der Garage. Jimmy Glass war nach Hause gekommen. Gut gelaunt stieg er aus seinem Wagen und erstarrte, als er Tim sah.

„Was machst du denn hier?“ fragte Jimmy wütend und machte einen Schritt auf Tim zu.

Der steckte das Schokoladenpapier in die Hosentasche. „Wir sollten da mal eine Sache unter Männern regeln, Jimmy.“

„Was? Wenn es um Ann-Marie geht, Liebe fällt wohin sie will. Ich kann nichts dafür, wenn du auch zu denen gehörst, die sich unglücklich verliebt haben.“

Tim schüttelte den Kopf. „Da hast du was falsch verstanden, Jimmy. Ann ist eine Freundin. Sie kann zusammensein, mit wem sie will. Aber jeder hat sie mit Respekt zu behandeln. Ich werde jetzt dafür sorgen, dass du dir das für die Zukunft merkst.“

Jimmy begriff, was Tim meinte und schlug ohne Vorwarnung zu. Der Hieb traf Tim mit voller Kraft, aber der lächelte nur unbeeindruckt. Jimmy wurde weiß wie Milch. „Tim … ich meine … Scheiße … Tim!“

Ende

Copyright © 2012 by Miriam Kleve

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Linda Castillo
Wenn die Nacht verstummt
Thriller

Übersetzt von Augustin, Helga
Verlag: Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-18452-1
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Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 23.05.2012

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IM ABSEITS (Teil 1) – Leseprobe Kapitel 1 aus: “Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 6. Mai 2012

IM ABSEITS (Teil 1)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”

von

Susanne Gavénis

Allein und unbeachtet bahnte sich Danny Sims seinen Weg durch den überfüllten Speisesaal an Bord der Gambler-Circus. Rings um ihn herum stiegen die Stimmen der über hundert Menschen im Saal von den meist voll besetzten Tischen auf und vermischten sich zu einem lautstarken, unentwirrbaren Durcheinander, über das sich nur ab und an das helle Lachen eines Kindes, die klaren Worte einer Frau oder der dröhnende Bass eines Mannes erhoben. Wie kleine Eisberge tauchten sie auf der Oberfläche eines Sees auf und tanzten für eine Weile über den Köpfen der Menschen, bevor sie wieder von einem Anschwellen der gesprächigen Geselligkeit verschluckt wurden.

Danny selbst schwieg, und er hob auch nicht den Kopf, um die Blicke der anderen zu suchen. Sein Bemühen würde doch keine Beachtung finden, das hatte er längst gelernt. Seine Schritte fanden wie von selbst den Weg zum Tisch seiner Eltern, die ihn bereits erwarteten. Wie üblich hatte er sich ihnen nicht sofort angeschlossen, als sie zum Essen gingen, sondern war ihnen nachgefolgt. Es lag ihm nicht viel daran, mehr Zeit als nötig im Gemeinschaftsraum der Gambler-Circus zu verbringen.

Ihr Tisch war bei weitem der kleinste im Saal, und das gleiche galt auch für seine Familie. Die Verwandtschaft des Direktors Merwyn Gaze etwa war viel größer, allein ihr engster Kreis, bestehend aus seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern, seinem Bruder Benjamin und dessen Anhang, nahm einen Zwölfpersonentisch voll in Anspruch, und auch alle anderen Ehepaare an Bord des Schiffes zogen zwei, drei oder vier, manche sogar bis zu sechs Kinder auf. Nur Danny hatte keine Geschwister.

Früher hatte er das oft bedauert, oder besser gesagt, die anderen Kinder hatten ihm das Gefühl gegeben, dass er es bedauern müsste, deshalb war er manchmal zu den Tischen der anderen Familien herübergegangen, um in ihr unbeschwertes Lachen und Plaudern einzutauchen. Inzwischen war es schon eine ganze Weile her, seit er das zum letzten Mal getan hatte, da seine Altersgenossen schon vor ein paar Jahren aufgehört hatten, ihn zu fragen, ob er sich ihnen anschließen wollte.

Er nahm es ihnen nicht übel, denn ihm lag seinerseits nicht viel daran, seine Gedanken mit ihnen zu teilen. Als kleines Kind hatte er es getan, aber nie etwas anderes als ungläubige Blicke oder gar ein abfälliges Lachen geerntet, und je älter er wurde, desto größer wurde die Kluft zwischen ihm und den übrigen seines Alters. Alle Kinder der Gambler-Circus gaben sich wie die Erwachsenen gänzlich der Welt des Zirkus hin, liebten die Vorstellung und lebten dafür, er hingegen hatte andere Träume, und seit er vor drei Monaten siebzehn Jahre alt geworden war, erfüllte ihn die Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung drängender als jemals zuvor.

Deshalb vermisste er die Gespräche mit den anderen nicht, sondern gab sich freiwillig dem Schweigen hin, das am Tisch seiner Eltern herrschte. Sie zogen es vor, ihre Gedanken nach dem Essen in aller Ruhe in ihrem Quartier auszutauschen und nicht hier, in dem großen Saal, in dem jeder die Stimme erheben musste, um sich seinem Gegenüber verständlich zu machen.

Danny sah sich mit gerunzelter Stirn um. Manchmal kam es ihm so vor, als hätte der Geräuschpegel in der Messe im Laufe der Zeit dazu geführt, dass jeder viel lauter sprach, als es nötig gewesen wäre, so dass er sich immer weiter hochschaukelte. Ganz ohne Zweifel war der Speisesaal der Gambler-Circus ein Ort des Lebens, der Freude und der Ausgelassenheit, doch ihm war es schon lange nicht mehr gelungen, sich von diesen hellen Stimmungen anstecken zu lassen. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er auch nicht sehr viel Wert darauf legte. Der Lärm, die Gespräche und das Lachen ringsum lenkten ihn von den Gedanken ab, die ihm wirklich wichtig waren.

Ein feines Lächeln kräuselte seine Lippen, als er sich vor der Wahrnehmung seiner Sinne verschloss und den Vormittag vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ. Er war mit seinem kleinen Gleiter draußen im All gewesen und hatte trainiert. Benjamin Gaze, der beinahe unaufhörlich auf der Brücke residierte und auch die Oberaufsicht über das Training führte, hatte ihm, nachdem er seine üblichen Übungen absolviert hatte, einen Sektor zum freien Training zugewiesen, und er hatte den begrenzten Raum, der ihm dort zur Verfügung gestanden hatte, so gut genutzt, wie es ihm möglich war.

Danny ließ halb die Lider sinken, vergegenwärtigte sich seinen Flug und spürte, wie seine Finger erwartungsvoll zu zucken begannen, so als müssten sie auch jetzt wieder komplizierte Steuerungsmanöver ausführen. Und obwohl der Gleiter keine Andruckkräfte durchließ, konnte er wieder mit jeder Faser seines Körpers fühlen, wie sich das kleine Raumfahrzeug unter seinem Willen in Kurven legte, enge Schleifen zog, Schraubenbewegungen vollführte und komplexe Muster wob, die sich wie das Bild eines abstrakten Künstlers vor dem schimmernden Samt des Alls ausgenommen haben mussten.

Die Erinnerung verblasste, als er das Schmunzeln auf den Lippen seines Vaters entdeckte und dessen strahlend graue Augen ihn belustigt, aber auch voller Verständnis musterten. Als sein Vater bemerkte, dass er mit seiner Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart zurückgekehrt war, zwinkerte er ihm zu. Hastig sah Danny zu seiner Mutter, doch sie schien seinen Gesichtsausdruck zum Glück nicht bemerkt zu haben. Ihr Blick weilte irgendwo in der Ferne und in der Vergangenheit.

Danny seufzte und blinzelte schweren Herzens die Reste der Erinnerung fort. Das Training, vor allem das freie Training, war für ihn die schönste Zeit des Tages, und es dauerte ihn sehr, dass sie für heute schon wieder vorüber war. Für seinen Geschmack war sie viel zu kurz. Merwyn Gaze gestand jedem Artisten, der an der täglichen Show der Gambler-Circus beteiligt war, zwei Stunden Raumtraining zu. Diejenigen, die gerade keinen Anteil an den Vorstellungen besaßen, durften sogar nur alle zwei Tage und dann auch nur für eine Stunde ins All.

Der Gedanke daran ließ ihn schaudern, und er hoffte inständig, dass er seinen Platz in der Show bis auf weiteres behielt. Nicht, dass ihm der Auftritt an sich wichtig gewesen wäre, im Gegenteil, aber seine Trainingszeit wollte er unter gar keinen Umständen verlieren oder auch nur um einen Deut verkürzt sehen.

Objektiv betrachtet reichte sie natürlich völlig aus, war sogar ausgesprochen großzügig. Er selbst hätte, um seine Vorstellung meistern zu können, nicht einmal einen Bruchteil der Trainingszeit benötigt, und für all die anderen Artisten galt das in gleicher Weise. Somit wäre es eine unnötige Verschwendung von teurer Energie, wenn ein jeder von ihnen so lange im Raum bleiben könnte, wie es ihm beliebte, und so etwas konnte sich die Gambler-Circus nicht leisten. Soweit er das beurteilen konnte, war die Gewinnspanne des Zirkus ohnehin nicht besonders hoch. Merwyn Gaze musste folglich darauf achten, dass keine Reserven vergeudet wurden.

Aber das zu wissen half ihm nicht, das ungestüme Verlangen in seinem Inneren zu bezähmen. Er wollte fliegen, an jedem Tag, in jeder Stunde, außer vielleicht er aß oder schlief gerade. Es gab noch ein paar andere Tätigkeiten, die ihm ebenfalls Spaß machten, doch an das unendliche Gefühl der Freiheit, das er innerhalb seines Gleiters verspürte, sobald er ihn zwischen den Sternen tanzen ließ, kam nichts heran – nicht einmal annähernd.

Leider war seine Zeit für heute vorbei, und so blieb ihm nichts, als mit einem kargen Ersatz vorlieb zu nehmen. Aber das war immerhin besser als gar nichts. Ruhelos beendete er sein Essen und warf seinem Vater einen fragenden Blick zu, kaum dass er sein Besteck beiseite gelegt hatte. Sein Vater nickte ihm zu.

„Geh nur“, sagte er gerade laut genug, um die Gespräche ringsum übertönen zu können.

Unvermittelt sah seine Mutter auf. Ihre langen, braunen Locken, die fast immer ihr Gesicht verdeckten, da sie den Kopf zumeist gesenkt hielt, fielen zurück und gaben ihre hellblauen, stets leicht feucht glänzenden Augen frei. Danny zuckte unwillkürlich zusammen, als ihr Blick ihn traf. Wann immer sie ihn ansah, hatte er das Gefühl, sie würde im nächsten Moment zu weinen beginnen, und oft genug war er es, der ihr den Anlass dafür gab.

Manchmal reichte es, wenn er begeistert über ein neues Manöver berichtete, um den unsäglich bekümmerten Ausdruck in ihren Zügen zu vertiefen, manchmal war es seine Vorfreude auf das Training, die sie betrübte, und am schlimmsten war es, wenn er durch Worte oder seine Haltung andeutete, welche Gedanken ihn von Zeit zu Zeit erfüllten. Dann schauten ihre Augen nicht nur traurig, sondern weiteten sich ängstlich und füllten sich mit einem Schrecken, der von naher Panik kündete.

Deshalb versuchte er schon seit langem, seine Träume in sich zu verschließen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Sie erkannte immer wieder, was ihn bewegte, und je älter er wurde, desto heftiger reagierte sie darauf. Es fiel ihm schwer, angemessen damit umzugehen, vor allem weil er nicht wusste, warum sie so voller Trauer war. Er war nicht die Ursache dafür, das war ihm klar, es schien nur so zu sein, dass er sie ab und an mit seinem Verhalten an ein schmerzhaftes Erlebnis aus ihrer Vergangenheit erinnerte. Aber was sie erlebt hatte, wusste er nicht, weil seine Eltern niemals darüber sprachen, auch dann nicht, wenn er mehr oder weniger direkt danach fragte, und deshalb war es schwierig, alles zu vermeiden, was ihr Kummer bereiten könnte.

Und so musste er sich damit begnügen, einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der ihr nichts von seinen wahren Gefühlen verriet.

„Ich möchte in den Sternenblick“, erklärte er wie beiläufig.

Für eine Sekunde schwieg sie, dann noch für eine weitere, und er konnte hören, wie sie tief Luft holte, so wie sie es stets tat, wenn sie ihm eine Antwort gab. Er hatte fast den Eindruck, als glaubte sie, er könne sie nicht verstehen, wenn sie nicht vorher genug Atem sammelte, um laut und einigermaßen gefestigt mit ihm zu reden.

„Hast du dich für heute nicht bereits genug zwischen den Sternen bewegt?“, fragte sie, und ihre Stimme zitterte wie ein Wimpel im Sog der Ventilation.

„Der Sternenblick ist anders als der Gleiter, Mom“, erwiderte er vorsichtig. Es war ein gutes Argument, aber es ging leider einen Deut zu weit in die richtige Richtung.

Er spürte, wie ihr Blick intensiv auf ihm ruhte, und fühlte, wie die Spannung zwischen ihnen wuchs.

„Sie gleichen sich mehr, als dass sie sich unterscheiden“, antwortete sie tonlos. „Die Bewegungen sind fast identisch.“

„Sie sind viel langsamer.“

„Warum gehst du nicht auf dein Zimmer? Du musst doch sicher noch lernen.“

Als Danny an die Schulstunden dachte, die jeden Morgen noch vor dem Training stattfanden, verzog er unwillig das Gesicht. Er sehnte sich nach einer Zeit, in der er sie nicht mehr besuchen musste, aber bis dahin musste er noch neun Monate warten. „Die Aufgaben sind nicht besonders umfangreich. Ich werde sie nachher erledigen.“

„Wann?“

„Nach der Show.“

„Das halte ich für keine gute Idee. Nach deinem Auftritt wirst du sicher müde sein, deshalb ist es besser, wenn du jetzt nicht in den Sternenblick gehst.“

Danny sah ruckartig auf. Ihr gegenüber besonnen aufzutreten war eine Sache, sich deshalb in Ketten legen zu lassen, eine andere. „Die Vorstellung strengt mich schon lange nicht mehr an. Ich könnte zehn von ihnen am Stück fliegen, ohne zu ermüden!“

Ihre Augen weiteten sich und begannen stärker als gewöhnlich zu glänzen.

„Fünf nacheinander“, schwächte er ab, obwohl fünfzehn der Wahrheit im Grunde am nächsten gekommen wäre.

Plötzlich legte sein Vater seiner Mutter eine Hand auf den Arm. Sie zuckte leicht zusammen, so wie sie es jedes Mal tat, wenn eine unerwartete Berührung sie traf, dann aber wandte sie sich ihm zu. Er lächelte sie an, und da entspannte sie sich wieder.

Verwundert schüttelte Danny den Kopf. Er begriff nicht, wie sein Vater es immer wieder schaffte, sie zu beruhigen. Er musste nicht einmal etwas sagen, ein Blick, ein Lächeln genügte. Er verstand es, sich so zu geben, dass der Kummer in ihren Augen fast verschwand. Danny wünschte, es würde ihm auch gelingen, doch er fühlte, dass er dazu seine tiefsten und persönlichsten Gedanken und Gefühle hätte aufgeben müssen, und das konnte und wollte er nicht. Es kostete ihn bereits genug, sie gänzlich für sich zu behalten und mit niemandem zu teilen.

Seine Mutter sah wieder zu ihm.

„Ich werde nicht lange bleiben“, versprach er ihr.

Sie zögerte, dann lief ein Schauer über ihre schmale Gestalt, der schließlich in ein kaum merkliches Kopfnicken mündete. „In Ordnung.“

Danny schaute überrascht drein, sprang aber sofort auf. „Danke, Mom.“

Sie sagte nichts, sondern bedachte ihn mit einem Blick, den er schon so oft bei ihr bemerkt hatte, wenn sie ihn musterte, einem Blick, in dem sich Sorge und Angst auf eine Weise mischten, die ihn frösteln ließ.

Hastig verabschiedete er sich mit einem Kopfnicken von seinen Eltern, wandte sich ab und strebte eilig auf das Schott zu. Er verstand seine Mutter zwar nicht, aber er wusste genau, dass er sich ihrem Blick schnell entziehen musste, wenn er nicht riskieren wollte, dass sie es sich doch noch anders überlegte.

Die Unberechenbarkeit seiner Mutter war jedoch nicht der einzige Grund für seine Hast, sondern auch die Aufbruchsstimmung, die an einigen der anderen Tische ausgebrochen war. Vor allem die kleineren Kinder waren unruhig geworden und hüpften wie kleine Gummibälle auf ihren Plätzen auf und ab. Wenn er Pech hatte, würden sie ebenfalls in den Sternenblick gehen, obgleich seine Eltern ihm das früher, als er noch klein gewesen war, so kurz nach dem Essen nie erlaubt hätten.

Der Sternenblick war ein besonderer Ort, einer, an dem es unerfahrenen Besuchern gut und gerne einmal den Magen umdrehen konnte. Ihm war das zum Glück nie passiert, und jetzt bestand die Gefahr überhaupt nicht mehr, da ihm die Bewegungsmuster im Sternenblick viel zu vertraut waren, als dass sie ihm auch nur das geringste Unbehagen bereitet hätten. Im Gegenteil – sie waren das einzige, was der Erfahrung im freien Raum zumindest entfernt ähnelte, und er war froh über jede Minute, die er außerhalb seiner täglichen Trainingsflüge dort verbringen konnte. Er hoffte inständig, dass die Kinder sich eine andere Beschäftigung suchten, denn er konnte den Aufenthalt im Sternenblick nur dann richtig genießen, wenn er allein war.

Das Schott des Speisesaals öffnete sich vor ihm und schloss sich hinter ihm wieder, nachdem er mit einem schnellen Schritt hindurchgetreten war. Auf der anderen Seite befanden sich direkt neben der Tür eine Reihe kleiner Fächer, die durch stabile Klappen verschlossen waren. Auf jeder Klappe prangte in leuchtender Schrift der Name des Besitzers gleich neben der Sensorplatte, auf die man die Hand legen musste, um das Fach zu öffnen.

Danny presste die Hand auf den Sensor seines Fachs, spürte, wie sich die Platte für eine Sekunde erwärmte, zog die Hand wieder zurück, und die Klappe glitt auf. Kaum war sie offen, langte er ins Innere des Faches hinein, löste das Fly-Board aus seiner Halterung und legte es vor sich auf den Boden.

Das Fly-Board war etwa fünfzig Zentimeter lang und besaß eine ovale Form. Er setzte beide Füße darauf, ging leicht in die Knie und tippte mit der rechten Fußspitze zweimal auf das metallisch schimmernde Brett. Sofort hob es ein paar Zentimeter vom Boden ab und setzte sich in Bewegung.

Viel rascher, als er zu Fuß gewesen wäre, trug es ihn durch die langen Korridore der Gambler-Circus. Die Markierungen an den Wänden und die Leuchtkörper an der Decke verwandelten sich in verwaschene Schemen, als er das Fly-Board immer mehr beschleunigte, und doch war die Geschwindigkeit immer noch so lächerlich gering, dass sich weder seine Pulsfrequenz erhöhte noch er gezwungen war, mehr als einen winzigen Hauch bewusster Konzentration auf seine Lenkbewegungen zu richten.

Natürlich flog er schneller, als Merwyn Gaze, die anderen Erwachsenen und vor allem seine Mutter es gern gesehen hätten, aber da sich im Augenblick niemand in den Gängen aufhielt, konnte auch keiner mitbekommen, dass er die Regeln heute wieder einmal großzügig interpretierte. In Gefahr geriet er dadurch nicht, denn er beherrschte das Fly-Board mit traumwandlerischer Sicherheit. Durch leichte Körperbewegungen steuerte er es um die Ecken, verlangsamte es, wann immer ein Schott vor ihm auftauchte, so weit, dass die Tür vor ihm aufgleiten konnte, bevor er sie erreichte, und beschleunigte danach sofort wieder.

Jeder an Bord der Gambler-Circus besaß ein Fly-Board, was auch dringend notwendig war, denn das Schiff war in seinen Ausmaßen schlichtweg überwältigend, immerhin war es die einzige Heimat der zwölf Großfamilien und seiner eigenen kleinen, die zusammengenommen beinahe dreihundert Menschen ausmachten. Ihre Wohnungen, der Speisesaal, die Aufenthaltsräume und ein Sportcenter nahmen ein gesamtes Deck in Anspruch, das mittlere und kleinste, wohlgemerkt. Das obere Deck beherbergte die Andockschleusen für die Fähren, den riesigen Kuppelsaal, von dem aus die Zuschauer die Vorstellung verfolgen konnten, die Brücke und einige Räume, die der Verwaltung unterstellt waren.

In den zwei Zwischendecks befanden sich der Antrieb, die Lebenserhaltungs- und Recyclingsysteme und alle anderen Maschinen, auf die man an Bord eines Raumschiffs nicht verzichten konnte, und im unteren und größten Deck waren die Lagerräume, die Reparaturwerkstatt und der riesenhafte Hangar untergebracht, in dem alle Fahrzeuge, die für die Show benötigt wurden, ihren Platz hatten. Mehr als ein Dutzend Lifts verbanden die fünf Ebenen, trotzdem ergaben sich aus der schieren Größe des Schiffes weite Wege, die niemand zu Fuß gehen wollte; zum Glück blieb ihnen das durch die Fly-Boards erspart.

Danny musste auf seinem Weg zum Sternenblick keinen Lift benutzen, denn er lag auf der gleichen Ebene wie der Speisesaal und die Wohnungen, allerdings genau auf der gegenüberliegenden Seite des Schiffes. Mit dem Fly-Board kam er in kürzester Zeit dort an, ließ es am Ziel zu Boden sinken und verstaute es in einem der Fächer neben dem schlichten Schott, das nichts von dem wundersamen Ort erahnen ließ, der sich hinter ihm auftat.

Das Schott wich automatisch vor Danny zurück, als er in den Erfassungsbereich des Sensors trat, und gab den Blick auf eine kleine Schleuse frei. Sofort spähte er zur rechten Wand der Schleuse hinüber, an der sich eine Steuerungstafel befand. Das Signallicht stand auf grün. Das bedeutete, er war der erste. Er nickte zufrieden.

Ohne noch länger zu zögern, trat er ein und streifte den Handlauf, der links und rechts in der Schleuse angebracht war, mit einem flüchtigen Blick, ohne ihn jedoch zu berühren. Das wäre früher vielleicht nötig gewesen, heute nicht mehr. Mit sicheren, vertrauten Bewegungen aktivierte er die Schalttafel und gab eine kurze Codefolge ein. Auf dem Display erschien die Zahl hundert. Sie blinkte zweimal auf, bevor sie im Sekundentakt heruntergezählt wurde, und je kleiner die Zahl wurde, desto mehr schwand die künstliche Schwerkraft dahin.

Danny zählte in Gedanken ungeduldig mit, fühlte gleichzeitig in seinen Körper hinein und spürte, wie sein Gewicht nachließ und eine belebende Leichtigkeit ihn ergriff. Noch bevor die Zählung bei Null angekommen war, war er leicht wie eine Feder, und es drängte ihn danach, im Wind zu tanzen. Natürlich gab es keinen Wind im Sternenblick, aber die Aufhebung der Schwerkraft verschaffte ihm mehr Bewegungsfreiheit, als irgendein Gegenstand, so leicht er auch sein mochte, in der Anziehungskraft eines Planeten jemals erlangen konnte.

Endlich glitt das Innenschott vor ihm zur Seite. Die Handläufe noch immer ignorierend, stieß sich Danny mit wohlberechnetem Schwung ab und trieb sanft in den Sternenblick hinein. Das Licht unzähliger Sterne begrüßte ihn.

Der Sternenblick trug seinen Namen zu Recht. Er war eine große Kuppel, die sich seitlich an die Gambler-Circus schmiegte. Sie besaß einen Durchmesser von etwa fünfzig Metern und war aus einem besonderen Kunststoff gefertigt worden, der stark genug war, um dem Druckunterschied zwischen dem Innenraum und dem Vakuum standhalten zu können, und zudem die lebensfeindliche Kälte des Weltalls fernhielt. Das allein wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, denn es gab viele Stoffe mit derartigen Eigenschaften, aber eins zeichnete den Kunststoff vor allen anderen ähnlichen Materialien aus: Er war durchsichtig. Das einzige Licht, das die Kuppel erhellte, kam von den Tausenden naher und ferner Sonnen, die wie Diamanten in der samtenen Schwärze des Weltraums glitzerten und den Sternenblick in einen weichen Schimmer tauchten.

Als sich das Schott wieder schloss und die Schleusenbeleuchtung von der Dunkelheit verschluckt wurde, jauchzte Danny vor Freude laut auf. Er nutzte seinen Schwung, um mehrere Salti zu schlagen, glitt elegant durch die Kuppel und gab sich der Illusion hin, frei und unbeschwert zwischen den Sternen zu schweben. An der gewölbten Wand angekommen, stieß er sich erneut ab, gab sich dabei einen neuen Richtungsimpuls und segelte frei wie ein Vogel in einer erstklassigen Thermik durch die Luft.

Er zog die Arme an den Körper, um die Rotation zu erhöhen, drehte sich um seine eigene Achse, bog sich in immer neuen Mustern durch den Raum, der schon bald viel zu klein zu werden schien. Jedes Mal, wenn er gegen eine der Wände stieß, zerbiss er einen leisen Fluch zwischen den Lippen, und ein schmerzhafter Stich durchzuckte seinen Magen. Die verdammten Mauern zerstörten die Illusion der Freiheit und zwangen ihn, umzukehren und die Richtung zu wechseln. Derartige Begrenzungen gab es im Weltraum nicht. Deshalb war der Sternenblick trotz allem nur seine zweite Wahl. Die erste würde immer sein Gleiter sein.

Nach einer Weile hörte er damit auf, mit seinem Körper verspielte Figuren in der Nullschwerkraft zu zeichnen, und ließ sich geradewegs auf den Scheitelpunkt der Kuppel zutreiben. Als er ihn erreichte, langte er nach den Handgriffen, die unsichtbar für das menschliche Auge überall auf der Halbkugel verteilt waren. Doch er musste sie nicht sehen, um sie zu finden. Er wusste, wo sie angebracht waren, und er fand sie sofort, ohne auch nur um einen Deut nachfassen oder gar seine bewusste Konzentration darauf lenken zu müssen. Er war schon so oft im Sternenblick gewesen, dass keine der Bewegungen, die er in der Schwerelosigkeit ausführte, einer besonderen Anstrengung oder geistigen Anspannung bedurft hätte.

Jetzt, da er ruhig stand, konnte er erkennen, dass sich die Sterne außerhalb der Kuppel bewegten. Richtiger gesagt war es die Gambler-Circus, die langsam um ihre eigene Achse rotierte. Sehr bald schon würde am Horizont des Sternenblicks der riesige Gasplanet aufgehen, in dessen Nähe die Gambler-Circus schon seit einigen Tagen im Raum schwebte und dem die Bewohner dieses Systems zurecht den Namen Marble Sphere gegeben hatten. Es war ein Anblick, den er ungern versäumt hätte.

In Gedanken zählte er seinen eigenen Countdown, und genau in dem Moment, in dem er mit seiner Zählung bei Null angekommen war, schob sich der erste Lichtstrahl über den Rand der Kuppel, durchstieß sie wie eine feurige Lanze, nur um auf der anderen Seite den transparenten Kunststoff erneut zu durchdringen und sich auf eine lange, ewig währende Reise durch die Unendlichkeit des Alls zu begeben.
(…)

(Weiter zu Teil 2)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I

Der Angriff

Im Buch blättern

Verlag :      AAVAA Verlag UG
ISBN :      978-3-86254-399-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 11,95 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 295 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht :      300 g

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Die Menschheit am Scheideweg…

Als im 22. Jahrhundert der erste Mensch mit einer besonderen genetischen Mutation geboren wird, ahnt noch niemand, dass es nur der erste von vielen ist. Die Gambler sind reaktionsschneller und leistungsfähiger als jeder gewöhnliche Mensch, sie besitzen einen unfehlbaren Orientierungssinn und das perfekte Gedächtnis – und werden gerade aus diesem Grund gehasst und gejagt. Isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, fristen sie auf ihren Zirkusraumschiffen ein Leben im Schatten. Doch dann taucht aus den Tiefen des Weltraums eine Bedrohung auf, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Und die politische Führung der Erde muss erkennen, dass nur ein Gambler in der Lage ist, die Menschheit vor ihrer vollständigen Vernichtung zu bewahren.

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1) aus: “Shaans Bürde” – Fantasy-Roman von Susanne Gavénis

Erstellt von Detlef Hedderich am 3. Mai 2012

DIE GEBURT DES SHAI’LANHAL (Teil 1)

aus: “Shaans Bürde”

Fantasy-Roman

von

Susanne Gavénis

Gezackte Blitze spalteten den Himmel, leckten wie gierige Feuerzungen dem Boden entgegen und rissen das Land für Sekundenbruchteile aus der tiefen Finsternis, die es schon vor Tagen verschlungen hatte. Donner folgte ihnen dichtauf, hallte am Firmament wie von einer gewaltigen Kuppel wider und fand ein vielfältiges Echo an den Felsen und Berghängen rings um die Burg, die trutzig inmitten des Infernos aufragte. Und kaum war ein Donnerschlag verklungen, fuhr der nächste Blitz wie ein flammender Speer in die Erde und beschwor den Zorn der Luft erneut herauf.

Gefflan Geyseré zuckte bei jedem Grollen erschrocken zusammen, und längst hatte sich ein Schauder auf seine Haut gelegt, der nicht mehr weichen wollte. Dabei war er beileibe kein Kind mehr, sondern vierundzwanzig Jahre alt, alt genug also, um bei einem einfachen Gewitter nicht wie ein verängstigtes Kätzchen in Panik zu verfallen. Doch das Unwetter, das außerhalb der Burg seines Vaters, des Herzogs Garbass Geyseré, tobte, war weit mehr als das. Die Elemente selbst waren in einer Aufruhr begriffen, die er noch nie zuvor erlebt hatte.

Blitz und Donner wüteten seit einer Woche über den Bergen. Am Tage hingen die Wolken so tief und waren so dicht, dass kaum mehr als ein schummeriges Dämmerlicht den Boden erreichte, in der Nacht jedoch folgten die Blitze so schnell aufeinander, dass die Dunkelheit von ihrem fahlen, flackernden Schein heller erleuchtet wurde als der Tag.

Regen prasselte seit dem ersten Blitzschlag unaufhörlich auf die Erde nieder und hatte den kleinen Bach, der dicht neben der Burg vorbeifloss, längst in einen reißenden Strom verwandelt. Sein Rauschen mischte sich mit dem wüsten Trommeln der dicken Tropfen, die Metallkugeln gleich auf die Dächer der Gebäude und Turmhäuser trafen, sie zum Vibrieren brachten und inzwischen mehr als nur ein Loch gefunden hatten, um auch diese menschliche Zufluchtsstätte, die sich mit ihren wuchtigen Mauern den entfesselten Naturgewalten so trotzig entgegenstemmte, ein für allemal vom Gesicht der Erde zu tilgen. Wasser leckte allerorten durch die Ziegel und machte es nötig, dass die Bediensteten mit Eimern und Kannen herbeieilten, damit nicht auch auf den Fluren und Korridoren Rinnsale entstanden und das Mauerwerk von innen unterhöhlten.

Nur selten hatte der Regen in den letzten Tagen nachgelassen, und wenn er es getan hatte, war er gleich darauf als Eis niedergegangen. Hagelkörner so groß wie Taubeneier hatten bereits viele Fensterläden zerschmettert, Scheiben zertrümmert und es noch schwerer gemacht, das Unwetter aus den Räumen der Burg herauszuhalten.

Ein Knecht, der sich trotz des schlechten Wetters auf den Hof hinausgewagt hatte, weil ihm sein Hund in Panik davongelaufen und durch eine geborstene Scheibe ins Freie entwischt war, war von den Hagelkörnern beinahe erschlagen worden. Mit tiefen, blutenden Wunden war er ins Haus zurückgewankt. Den Hund hatte er nicht gefunden, und Gefflan glaubte nicht daran, dass das Tier noch lebte. Entweder war es ertrunken, vom Blitz getroffen oder vom Sturm ergriffen und gegen den Fels geschleudert worden. Nichts und niemand konnte bei einer derartigen Hölle im Freien überleben.

Von den tobenden Gewalten zutiefst beunruhigt, ging Gefflan in seinem Studierzimmer, das hoch oben in einem der Turmhäuser der Burg lag, auf und ab. Manchmal trat er an die Scheibe, presste das Gesicht dagegen und versuchte, Einzelheiten in der dunklen Nacht zu erkennen. Natürlich waren die Läden vor allen Fenstern bereits zu Beginn des Gewitters verschlossen worden, doch viele von ihnen besaßen einen Spalt, der in dem massiven Holz ausgespart geblieben war und durch den man nach draußen sehen konnte.

Wann immer ein Blitz das gequälte Land in seinen grellen Schein tauchte, konnte Gefflan die Bäume erkennen, die sich am Rande des Burgbergs und auf benachbarten Kuppen erhoben. Sie bogen sich wie Schilfrohr in dem heftigen Sturm, der zusammen mit Blitz, Donner und Regen über die Berge hereingebrochen war. Manch einer von ihnen war bereits umgeknickt und wie von einer Riesenfaust zu Boden geschmettert worden, andere hatten mit ihren Wurzeln den Halt verloren, da die übermäßig angeschwollenen Gebirgsbäche jede Krume mit sich gerissen hatten, und die, die noch standen, fingen die Blitze ein und zerplatzten wie Glas unter der plötzlichen Hitze. Allein der wasserfallartige Regen verhinderte, dass die Haine rings um die Burg und an den gegenüberliegenden Felswänden in Flammen aufgingen, trotzdem war es abzusehen, dass kaum ein Baum das Ende des Gewitters erleben würde.

Auch die Burg selbst war in Gefahr. Orkanböen warfen sich mit unbändiger Macht gegen die Mauern, rissen an den Fensterläden und brachen die, die nur die geringste Schwäche aufwiesen, aus ihren Angeln, sie zerrten an den Dachziegeln, hoben die, die nicht fest mit dem First vernagelt waren, ab und schleuderten sie in den Hof hinunter, wo sie krachend zerbrachen.

Doch der Ton, der ihr Ende auf dem harten Stein verkündete, war kaum zu hören. Das Heulen des Windes war lauter als das eines Rudels Wölfe in mondheller Nacht, und der ohrenbetäubende Donner verschlang allemal die Laute, die nicht ihm selbst entsprangen.

Und als wäre es damit noch nicht genug, war auch die Erde in Wallung geraten. Seit der erste Blitz herniedergefahren war, bebte der sonst so feste Boden, vibrierte und zitterte, als wären die Feuerzungen Peitschenhiebe, die nacktes Fleisch trafen. Im ältesten Turmhaus der Burg hatten sich bereits Risse in den Mauern gebildet. Noch waren sie fein, doch sie liefen wie ein Abbild der Blitze in vielfach gezackter Bahn über die Wände, und an ihren Rändern bröckelte der Putz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie breiter werden würden, so breit, dass wirklich Gefahr für den alten Gebäudetrakt bestand, und wenn die Natur sich nicht bald beruhigte, mochten auch die neueren, stabiler gebauten Bereiche der Burg in naher Zukunft ihren Gewalten erliegen.

Wieder einmal schlug der Regen in Hagel um. Gefflan wich erschrocken zurück, als das Eis krachend gegen die Fensterläden prasselte. Er stolperte beinahe, ruderte mit den Armen und fand an der Lehne eines riesenhaften, schweren Stuhls aus massivem Eichenholz Halt.

Mit zittrigen Knien ließ er sich darauf sinken und starrte nachdenklich auf die Tischplatte. Er konnte nicht zählen, wie oft er bereits hier gesessen und die Aufzeichnungen von den vorangegangenen Kämpfen – den Kämpfen jener Menschen, die auserwählt worden waren, für das Gleichgewicht der kosmischen Mächte zu fechten – studiert hatte. Es war seine Aufgabe, sie auf neues Papier zu übertragen, altertümliche Worte gegen neue, gebräuchliche auszutauschen und so dafür zu sorgen, dass die Berichte erhalten blieben, bis der nächste Kampf stattfand. Das hatte er getan, seit sein Vater ihn vor sechs Jahren in das große Geheimnis eingeweiht hatte, von dem außer ihm selbst und seinem ältesten Bruder niemand etwas ahnte. Sein Großvater hatte es ebenfalls gekannt, und vor ihm sein Vater und dessen Vorfahren.

Über unzählige Generationen hinweg, seit Anbeginn der Zeit, hatte seine Familie der Macht des Guten gedient, hatte die Überlieferung bewahrt und würde auch den Shai, den Beschützer und Kämpfer stellen, der an der Seite der Lanhal, der Inkarnation des Guten, für einen Erhalt der Welt ohne Magie und schwarzen Zauber eintrat.

Außer ihnen kannten nur die Erben jener Familie, die sich der Seite des Bösen verschrieben hatte, die Geschichte des kosmischen Ringens, hüteten die Regeln und bewahrten das Wissen darum, so wie er und sein Vater es taten. In ihren Reihen würde die Shai’yinyal geboren werden, die Beschützerin des Yinyal, der Inkarnation des Bösen. Wenn es an der Zeit war, würden die Lanhal und ihr Shai gegen den Yinyal und seine Shai antreten und das Schicksal der Welt erneut entscheiden, ohne dass der Rest der Menschheit davon auch nur das Geringste ahnte.

Im Moment allerdings waren das für Gefflan nicht mehr als hohle Worte, Buchstaben auf Papier, die er zwar sorgfältig zu übertragen und zu bewahren gedachte, die ansonsten für ihn und sein Leben jedoch nur wenig Bedeutung besaßen. Ein Blick zur drohenden Schwärze hinter dem Fenster ließ ihn sogar befürchten, dass, wenn Sturm, Regen, Blitze und Beben nicht bald ein Ende fanden, weder seine Familie noch irgendeine andere lange genug überleben würde, um sich in dem nächsten Kampf zwischen Gut und Böse gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Die aufgebrachten Elemente legten tatsächlich den Schluss nahe, das Ende der Welt sei gekommen.

Gefflan schloss die Augen und ballte seine Hände zu Fäusten. Das durfte nicht sein! Sein Leben war noch jung, und ein anderes sollte erst noch beginnen. Sheena, seine Frau, würde bald ihr erstes Kind gebären. Sie lag seit Tagen in den Wehen. Als der erste Blitz den Himmel zerrissen hatte, hatte es angefangen, und seitdem war sie nicht mehr zur Ruhe gekommen, doch noch war das Kind nicht da.

Zornig presste er die Lippen aufeinander, als ein erneuter Donnerschlag die Wände der Burg erschütterte. Wie sollte sich eine Frau bei diesem Hundewetter auch auf eine Geburt konzentrieren können? Wie sollte sie all ihre Kraft darauf richten, wenn Erdbeben, Blitze, Donner und Sturm sie ängstigten und die bange Frage aufwarfen, ob ihr Baby noch ein Dach über dem Kopf haben würde, wenn es erst das Licht der Welt erblickt hatte?

Am liebsten wäre er zu Sheena geeilt und nicht von ihrer Seite gewichen, aber seine Mutter und die Hebamme hätten das nicht zugelassen. Sie glaubten, er würde es seiner Frau nur noch schwerer machen, wenn er wie ein aufgeregter Gockel um ihr Bett herumwackelte und mit seiner Nervosität alle ansteckte. Vielleicht hatten sie sogar recht damit, denn er war tatsächlich unruhig und überaus besorgt; andererseits glaubte er nicht, dass er die Bedingungen noch schlechter machen konnte, als sie ohnehin schon waren. Er wollte doch nur helfen, und die Untätigkeit wurde immer unerträglicher.

Grimmig entschlossen, sich nicht noch einmal abweisen zu lassen, lief er los. Er befand sich bereits auf halbem Weg zur Tür, als diese sich öffnete und Garbass Geyseré, sein Vater und Herzog über diesen Teil des Landes, eintrat. Er war ein großer, stattlicher Mann mit dichtem, braunem Haar, das noch keinen einzigen Schimmer Grau zeigte. Ein sorgsam gestutzter Vollbart bedeckte die untere Hälfte seines Gesichts und schuf einen auffälligen Kontrast zu seinen strahlenden grauen Augen, die stets mit großer Aufmerksamkeit, aber auch mit Güte und Wohlwollen das Treiben der Menschen um ihn herum beobachteten. Oft lag ein warmes, freundliches Lächeln auf seinen Lippen, doch heute war Garbass ernster als gewöhnlich. Als er sprach, klang seine Stimme dennoch ruhig und volltönend wie die eines geschulten Sängers.

„Ich dachte mir, dass ich dich hier finde.“

Gefflan hatte seinen Vater oft um seine Stimme, die jeden seiner Zuhörer augenblicklich in ihren Bann schlagen konnte, und ebenso um seine abgeklärte Art, von der er selbst meilenweit entfernt war und wohl auch immer bleiben würde, beneidet, heute aber achtete er nicht einmal darauf. Seine Aufregung ließ seine Worte wie das schäumende Wasser eines Gebirgsbaches über seine Lippen sprudeln.

„Ist es endlich soweit? Ist mein Kind geboren? Wie geht es Sheena? Ist sie wohlauf?“

Sein Herz klopfte heftig gegen seine Rippen und trieb das Blut rauschend durch seine Adern. Er wagte nicht zu blinzeln, damit ihm nicht die kleinste Regung im Gesicht seines Vaters entging.

„Die Wehen kommen jetzt in kürzeren Abständen, wie deine Mutter mir sagte, aber noch ist es nicht soweit. Du wirst dich gedulden müssen.“

„Aber das kann ich nicht! Ich warte schon so lange!“

Garbass legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Die Geburt eines Kindes richtet sich nur selten nach den Wünschen des Vaters, mein Sohn, das kannst du mir glauben. Auf dich musste ich auch sehr lange warten. Vier Tage vergingen von der ersten Wehe bis zu deiner Ankunft.“

„Es sind bereits sieben Tage vergangen!“

„Ich weiß.“

Gefflan entzog sich seinem Vater und nahm seine unruhige Wanderung durch das Zimmer wieder auf. „Daran ist nur dieses verfluchte Wetter schuld!“, rief er zornig, als zwischen zwei Donnerschlägen kurzzeitig Stille einkehrte. „Bestimmt hat Sheena Angst. Ich sollte bei ihr sein!“

Der Herzog hob zweifelnd eine Augenbraue. „Damit du neben ihrem Bett wie ein gefangener Wolf auf und ab laufen kannst?“

Erst jetzt bemerkte Gefflan, wie wuchtig er seine Füße aufsetzte und wie heftig seine Bewegungen waren. Er fühlte sich wie eine Bogensehne kurz vor dem Schuss. Abrupt hielt er inne.

Sein Vater seufzte leise und warf einen langen Blick zum Fenster hinüber. Selbst durch den schmalen Spalt in den Läden waren die grellen Blitze gut zu erkennen.

Gefflan musste der Versuchung widerstehen, sich erneut in Bewegung zu setzen. Statt dessen ballte er die Hände zu Fäusten und grub seine Fingernägel tief in seine Handflächen. Bilder flackerten vor seinem inneren Auge auf, Bilder der Zukunft, die vor ihm lag. Sheena an seiner Seite und viele Kinder, mit denen er lachen und spielen konnte, so sollte es sein. Es waren schöne Phantasien. Früher waren sie stark, plastisch und voller Farben gewesen, doch je länger das Unwetter toste und je länger er auf die Geburt warten musste, desto mehr verblassten sie, verloren ihre Fülle, ihre Klarheit, ihr Leben. Sie wichen von ihm fort wie Wolken am Himmel, die vom Sturm erfasst und zum Horizont getragen wurden, ohne dass er sie aufhalten konnte.

Ein gequälter Laut entrang sich seiner Kehle. Wo er hergekommen war, wusste Gefflan nicht, er spürte nur, dass sich plötzlich eine eiserne Schelle um seinen Magen gelegt hatte, die sich enger und enger zusammenzog und danach trachtete, ihn gänzlich einzuschnüren.

„Habt ihr euch bereits einen Namen für euer Kind ausgedacht?“, fragte sein Vater unvermittelt.

Gefflan zuckte zusammen. „Das kommt darauf an, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird“, antwortete er dumpf.

Sein Vater setzte eine ernste Miene auf. „Es wird ein Junge.“

„Das kannst du nicht wissen.“

„Nimm einfach an, dass es so sein wird. Wie wollt ihr ihn nennen?“

„Shaan.“

Der Herzog nickte zufrieden. „Das ist ein guter Name.“

„Sheena hat ihn gewählt.“

„Das dachte ich mir.“

„Vater, was hat das zu bedeuten? Wieso bist du dir so sicher, dass mein Kind ein Junge wird?“

Der Herzog seufzte schon wieder. Gefflan bekam es langsam mit der Angst zu tun.

„Es gibt einen Text, den ich dir bislang vorenthalten habe, mein Junge. Er beschreibt die Zeichen der Wiederkehr der Lanhal, des Yinyal und ihrer Beschützer. Du weißt, dass sie alle am gleichen Tag geboren werden?“

„Natürlich, aber was hat das mit Shaan zu tun?“

„Mehr als du ahnst. Die Zeit des Kampfes ist erneut gekommen.“

Erschrocken wich Gefflan einen Schritt vor seinem Vater zurück. „Das kann nicht sein!“

„Es ist so. Der Text, den ich dir nie zum Lesen gab, berichtet, dass die Natur sich erhebt, dass Sturm, Blitz, Donner, Regen und Beben die Welt erschüttern, wenn die Inkarnationen des Guten und des Bösen ihre Ankunft ankündigen. Aber selbst wenn es diese Zeichen nicht gäbe, wüsste ich doch, welche Aufgabe auf dich und deinen Sohn zukommt. Die Überlieferung besagt, dass in unserer Familie alle hundert Generationen der Shai’lanhal geboren wird.“ Sein Vater sah ihn bedeutungsschwanger an. „Du bist die neunundneunzigste Generation, Gefflan, Shaan die hundertste. Er ist der Shai’lanhal.“

Gefflan wankte. Kalter Schweiß stand plötzlich auf seiner Stirn. „Du musst dich irren! Das kann gar nicht sein. Es gibt keine magischen Kräfte! Niemand kann die Natur beherrschen, so wie die Aufzeichnungen es über den Shai’lanhal und die Shai’yinyal berichten.“

„Shaan wird es können. Die Elemente befinden sich allein deshalb in Aufruhr, weil sie an der Geburt der beiden Shais beteiligt sind. Sie geben ihren Teil hinzu und machen sie zu dem, was sie sein werden. Dachtest du, all das, was ich dir erzählt habe, sei nur ein Märchen?“

„Ich … ich weiß es nicht“, stammelte Gefflan erschüttert. „Ich habe schon daran geglaubt, aber ich hätte nie gedacht, dass die Zeit des Kampfes schon wieder gekommen ist. Wie soll ich damit umgehen? Wie soll ich Shaan darauf vorbereiten?“

Seine Gedanken wirbelten umher wie trockenes Herbstlaub im Sturm. „Vielleicht haben sich unsere Vorfahren verzählt! Vielleicht ist noch nicht die hundertste Generation seit dem letzten Kampf erreicht. Sheena könnte ein Mädchen gebären. Ja, ganz sicher sogar wird sie das. Ein Mädchen!“

Doch sein Vater schüttelte bedauernd den Kopf. „Du kannst weder mit deinen Worten noch mit deinen Wünschen, so stark und rein sie auch sein mögen, deine Bestimmung ändern. Seit unsere Blutlinie sich dem Guten verschrieben hat, waren immer wieder Väter gezwungen, ihre Söhne auszubilden und in den Kampf gegen das Böse zu schicken. Auch du kannst dem nicht entgehen. Du musst Shaans Lehrer sein, sein Sarn, so wie es vorherbestimmt ist. Denn wenn die Zeit des Kampfes gekommen ist, wird er sich aufmachen und die Lanhal suchen. Er wird an ihrer Seite stehen, ob du es willst oder nicht. Du kannst es nicht aufhalten, Gefflan, du kannst lediglich dafür sorgen, dass Shaan so gut wie möglich auf seine Aufgabe vorbereitet ist. Das ist deine Pflicht, dein Anteil an den bevorstehenden Ereignissen.“

„Aber ich will das nicht! Das ist nicht das Leben, das ich mir für Sheena, mein Kind und mich vorgestellt hatte. Wenn es wahr ist, was du sagst, wenn Shaan tatsächlich der Shai’lanhal ist und gegen die Shai’yinyal antreten muss, könnte er sterben! Ich kann mein Kind nicht in dem Wissen aufziehen, dass es, noch bevor es richtig erwachsen geworden ist, in eine Auseinandersetzung verwickelt wird, die es das Leben kosten kann und darüber hinaus über das Schicksal der nächsten hundert Generationen entscheidet!“

„Du hast keine Wahl, Gefflan. Wenn du Shaan nicht entsprechend seiner Aufgabe erziehst und ihn nicht so gut wie möglich auf den Kampf vorbereitest, wird er auf jeden Fall sterben, denn dann wird er der Shai’yinyal nicht gewachsen sein. Und nicht nur er wird dann den Tod finden, sondern auch die Lanhal, und über die Welt wird das dunkle Zeitalter des Bösen hereinbrechen. Willst du das riskieren? Kannst du es verantworten, die Menschheit hundert Generationen lang Angst und Schrecken und der Macht bösartiger Magier auszuliefern, nur weil du dich deinem Schicksal verweigerst?“

„Hör auf damit!“, schrie Gefflan erstickt. Tränen bahnten sich ihren Weg und rannen über seine Wangen. „Ich wollte doch nur ein normales Leben führen! Ich wollte mit Sheena und meiner Familie glücklich sein!“

„Das kannst du auch jetzt noch. Ganz sicher wird Sheena dir noch viele weitere Kinder gebären. Sie werden ganz normale Mädchen und Jungen sein, und es spricht nichts dagegen, dass du sie und Shaan gemeinsam aufziehst. Die Magie der Elemente, die er zu beherrschen lernen muss, ist nicht das einzige, was für ihn wichtig sein wird. Alles weitere kannst du ihm beibringen, ohne von den anderen getrennt zu sein. Lediglich wenn du ihn mit der Magie üben lässt, sollte das im Geheimen geschehen, damit niemand davon erfährt.“

Gefflan rang um seine Beherrschung. Er wollte den Worten seines Vaters so gern Glauben schenken, aber es gelang ihm nicht. Sein Traum konnte sich nicht erfüllen, wenn Shaan tatsächlich der Shai’lanhal war. Sein Leben, Sheenas Leben und das aller Kinder, die sie noch haben mochten, würde unwiderruflich von dem bevorstehenden Kampf überschattet sein, überschattet von der Sichel des Todes, die jederzeit auf sie niedersausen und sie alle vernichten konnte.

Er zitterte so heftig wie der Boden, der wieder einmal unter seinen Füßen vibrierte. Blitze und Donner folgten jetzt noch schneller aufeinander, und der Sturm war so laut geworden, dass sein Vater die letzten Worte hatte schreien müssen. Der Aufruhr der Natur strebte einem neuen Höhepunkt zu, und Gefflan ahnte, dass die Geburt seines Sohnes unmittelbar bevorstand. Und damit auch die der Lanhal, des Yinyal und der Shai’yinyal. Sie alle würden in dieser grauenvollen Nacht zur Welt kommen, die keine Hoffnung versprach, sondern lediglich einen Vorgeschmack auf die Schlacht lieferte, die die Inkarnationen von Gut und Böse ausfechten würden. Doch bis es soweit war, konnten nur die Shais die Elemente beherrschen – nur Shaan und seine Gegenspielerin.

„Warum er?“, schluchzte Gefflan gequält. „Warum mein Sohn?“

Aber er fand kein Mitleid, sondern nur Ernst in den Augen seines Vaters. „Du solltest diese Frage nicht stellen, Gefflan, denn du wirst keine Antwort darauf finden. Akzeptiere dein Schicksal. Du kannst von dem Weg, der dir vorherbestimmt ist, ebenso wenig abweichen wie Shaan. Und vergiss nicht: Die Bürde, die dein Sohn tragen muss, ist weitaus größer als deine.“
(…)

Copyright (c) 2008/2012 by Susanne Gavénis

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht und endet, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Shaans Bürde

Im Buch blättern

Maler: Schuurman, Nelleke. Umschlaggestaltung von Ende, Katharina
Verlag :      Schweitzerhaus Verlag
ISBN :      978-3-939475-35-4
Einband :      gebunden
Preisinfo :      24,90 Eur[D] UVP / 25,60 Eur[A] UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      DC S. – 13,4 x 21,0 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 30.09.2008
Gewicht :      854 g

Medien :
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Als Enkel eines Herzogs geboren, wächst Shaan in völliger Abgeschiedenheit auf, denn ihm ist ein besonderes Schicksal bestimmt: Mit der Magie des Wassers und des Windes soll er die Lanhal, die Inkarnation des Guten, beschützen. Sollte Shaan jedoch versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern eines Einzelnen.Seit Anbeginn der Zeit tobt auf der Erde die Schlacht zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Shaan, Enkel eines Herzogs, wird von seinem Vater in der Einsamkeit der Berge mit grausamer Härte auf seine vom Schicksal bestimmte Aufgabe vorbereitet: Er ist der Beschützer der Lanhal, der Inkarnation des Guten, die alle hundert Generationen in Gestalt eines gewöhnlichen Mädchens wiedergeboren wird, um in einem mörderischen Aufeinandertreffen mit dem Yinyal, der Verkörperung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit zu kämpfen. Ausgestattet einzig mit der Fähigkeit, Wind und Wasser zu beherrschen, muss sich Shaan einer Bedrohung stellen, die alles Vorstellbare übersteigt, denn die Mächte das Bösen entsenden eine schreckliche Gegenspielerin, die ebenfalls über zwei Elemente gebietet Feuer und Erde. Und Shaan weiß: Sollte er versagen, wird nicht nur die Lanhal sterben, sondern die ganze Welt für hundert Generationen in Dunkelheit versinken.

Susanne Gavénis wurde 1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M.

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 4 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 30. April 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 4

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Langsam schob sich die SKUNKALLA durch den dunklen Weltraum. Das Raumschiff war arg geschunden. Der Antrieb war nahe einem Totalausfall und die Hülle stand kurz vor einem kritischen Bruch.

Lovisa stand am Steuerrad. Vorsichtig fuhr sie die SKUNKALLA auf einen kleinen Mond zu, der den Planeten ABORION umkreiste. Ihr Ziel war ein großer Krater. In seinem Zentrum befand sich der Eingang zu einem Tunnelsystem, das vor einhundert Jahren Teil einer Weltraummine war. Der Betreiber ging damals pleite und die Mine wurde geschlossen. Sie geriet in Vergessenheit. Fast.

Slim Jorgenson, der alte Mechaniker der Sternenbraut-Mannschaft, wusste von der Mine. Sein Großvater hatte dort einst gearbeitet und Slim abenteuerliche Geschichten erzählt. Geschichten über harte Männer, schöne Frauen, seltene Mineralien und gefährliche Weltraummonster. Die meisten Erzählungen waren natürlich reine Fantasie. Aber die Tunnel und die dazugehörige Minenstation, die gab es wirklich.

Die SKUNKALLA senkte sich nun kerzengerade ab. Sie schwebte förmlich auf die schwarze Öffnung im Boden zu, deren Rand aus gezackten Klippen bestand. Der Eingang glich beinahe einem gigantischen Weltraumwurm, der jeden Augenblick zuschnappen konnte. Lovisa hielt unweigerlich den Atem an.

Bernard spürte die Anspannung der Sternenbraut. Der Vampyrjunge legte seine Hand beruhigend auf ihre Schulter. Diese Berührung und Bernards unerschütterlicher Glaube an ihre Fähigkeiten, beruhigten Lovisa.

„Bereit machen zum Eintauchen“, sagte sie entschlossen. „Segel werden gerafft. Scheinwerfer ein. Morle, achte auf die Sensoren. Ich will eine Meldung bei weniger als einem Meter.“

Eigentlich waren die Tunnel für den Einflug großer Raumschiffe ungeeignet. Aber die SKUNKALLA musste dringend irgendwo festmachen, um überholt zu werden. Deswegen setzte die Sternenbraut-Mannschaft alles auf eine Karte. Selbst mit eingefahrenen Segeln und nur mittels Einsatz der Manövrierdüsen, war es ein riskantes Unternehmen. Es bestand die Gefahr, die Tunnelwand zu streifen und dabei die Hülle gänzlich aufzureißen oder eine Lawine auszulösen und unter Tonnen von Mondgestein begraben zu werden. Und es bestand ganz einfach das Risiko, irgendwo steckenzubleiben.

„Ich wünschte wir hätten eine Karte der Tunnel“, flüsterte Lovisa. Bernards Gehör war fein genug, um selbst die leisesten Worte zu erlauschen. Und wenn Lovisa sprach, dann hörte er besonders genau zu.

„Verlass dich auf deinen Instinkt“ sprach er ihr Mut zu. „Du und die SKUNKALLA, ihr seid eine Einheit. Ihr schafft das schon.“

Lovisa nickte entschlossen. Sie zog am Steuerrad und es ging aufwärts. „Ich folge da hinten dem Tunnel. Auf der linken Seite.“

Morle sprang über den Sensorschirm und fauchte laut. „Weniger als ein Meter! Weniger als ein Meter!“ Die virtuelle Katze jammerte. „Viel weniger als ein Meter.“

Die SKUNKALLA wurde noch langsamer. Dann war von Außen ein schabendes Geräusch zu hören. Stein glitt über Metall. Slim meldete sich besorgt über Interkom. „Was ist da oben los, bei euch? Meine Maschinen drehen beinahe durch. Und die Hülle schreit ja regelrecht um Hilfe.“

„Ich suche einen freien Tunnel“ antwortete Lovisa gepresst. Schweiß stand ihr auf der Stirn. „Hier gibt es keine Markierungen.“

„Das schaffst du schon, Kleines. Nur Mut. Ich werde die Hülle solange ein wenig trösten.“ Auch Slim stand ohne Vorbehalte hinter Lovisa. Er glaubte an seine junge Kapitänin.

Bernard schaute besorgt nach Draußen. Die scharfen Felskanten an den Seiten schoben sich immer weiter zusammen. Es gab kaum noch Platz zum Manövrieren. Doch Lovisa hielt an ihrem Kurs fest.

Beinahe schien die SKUNKALLA vom umliegenden Gestein festgesetzt, da erhöhte die Sternenbraut den Schub und drückte das Raumschiff mit Gewalt weiter. Staub und Steine wirbelten auf. Felsspitzen bohrten sich knirschen in die Raumschiffhülle. Mit einem kleinen Sprung bewegte sich die SKUNKALLA dann plötzlich voran und war wieder frei. Lovisa nahm den Schub zurück.

Der Tunnel hinter ihnen war nun ein Stück verbreitert. Nur langsam setzte sich Staub und Geröll. Die SKUNKALLA selbst schwebte in einer großen Höhle, in der sogar Platz für mehrere Raumschiffe ihrer Größe war. Die Lichtstrahlen der Scheinwerfer fraßen sich wie bleiche Finger durch die Dunkelheit und erfassten, auf der anderen Seite der Höhle, einige Schleusen. Der Eingang zur Minenstation. Sie hatten es geschafft.

Lovisa jubelte. Behutsam fuhr sie die SKUNKALLA an die Schleuse heran. „Morle, bitte an die Schleuse der Station andocken. Versuch den Stationscomputer zu erreichen und lass dir die Umweltdaten geben.“

„Aye, aye, Kapitän Lovisa“, schnurrte Morle und sprang über die Bildschirme. Ein Zittern durchlief das Raumschiff, dann stand die SKUNKALLA vollkommen still. „Die Station hat keinen Avatar. Wir sind alleine.“

„Empfängst du Daten aus der Station?“

„Ja. Die Station verfügt über eine Energiequelle. Ziemlich altes Computersystem. Miau.“ Die virtuelle Katze kam kurz ins Stocken und fauchte dann. Morle flackerte kurz, dann schien alles wieder normal. „Atembare Luft und Schwerkraft wie auf der Erde.“

Lovisa nickte und betätigte dann das Interkom. Sie fühlte sich an ihren Pappa erinnert. Er hatte die Mannschaft auch von der Brücke aus delegiert, wie er es nannte. „Slim, wir haben angedockt. Hier ist alles in Ordnung.“

„Gut gemacht, Kleines“, kam es kratzend aus dem Lautsprecher am Steuerrad. „Ich bereite die Reparaturen an der SKUNKALLA vor. Hoffentlich gibt es hier genug Ersatzteile, um das alte Mädchen wieder auf Vordermann zu bringen.“

„Brauchst du uns dabei?“

„Im Augenblick nicht, Mädchen. Warum? Ist irgendwas los?“

Lovisa warf einen kurzen Blick auf Bernard, der sie nur anlächelte. „Nein. Ich würde mir die Station nur gerne genauer ansehen.“

Slim lachte. „Ganz dein Pappa. Mach schon, Kleines. Guck dir alles an. Wird aber viel Staub und Dreck sein. Kannst ja schon mal schauen, ob du Ersatzteile findest. Ich stoße dann später dazu.“

Bernard nickte zustimmend. „Eine gute Idee, wie es sich für einen Kapitän gehört.“

„Vorher aber umziehen und Sachen packen“, befahl Lovisa lachend. „Immerhin gehen wir auf Expedition. Und Morle übernimmt solange die Brücke. Oder, Morle?“

Morle antwortete mit einem lauten Mauzen. „Immer muss ich an Bord bleiben. Bringt mir wenigstens diesmal virtuelle Wolle mit. Ich brauche etwas zu spielen.“

„Ich gucke mal, was ich finde“, lachte Lovisa gut gelaunt.

Sie und Bernard machten sich nun in ihre Quartiere auf, um sich für die anstehende Expedition umzuziehen. Lovisa wählte ihre übliche dunkle Sternenbrautmontur und schob sich die strassbesetzte  Augenklappe über das linke Auge. Dann steckte sie noch ihren Säbel ein und schlüpfte in die bequemen rosa Stiefel. Die waren ein Geschenk ihres Pappas und vollkommen raumschifftauglich, wie er immer gerne lachend betonte.

Der Vampyrjunge hatte im Lager herumgekramt. Es gab nur wenige Sachen in seiner Größe und kein Kleidungsstück gefiel ihm so recht. Also schnappte er sich einfach einen langen braunen Ledermantel und einen breitkrempigen Hut. Zusätzlich noch mit Taschenlampen ausgestattet, waren die beiden nun bereit, um auf Expedition zu gehen.

Das Schott der SKUNKALLA öffnete sich zischend und die aufbereitete Luft aus dem Raumschiff vermischte sich mit der abgestandenen Luft aus der Station. Ein moderiger Geruch lag über allem. Die Gänge der Station waren tief in den Felsen hineingetrieben und lagen in vollkommener Dunkelheit. Lovisa und Bernard knipsten ihre Taschenlampen an und leuchteten in die Finsternis hinein.

Die beiden folgten dem großen Haupttunnel ein Stück weit in die Station. Obwohl sich Menschen mit Hilfe gewaltiger Maschinen in das Mondgestein hineingegraben hatten, war der Boden oft uneben. Deswegen galt stets große Vorsicht, um einen Sturz zu vermeiden.

„Gespenstisch“, sagte Lovisa, als sie an eine Kreuzung kamen. Sie machte mit Kreide ein X an die Wand, um später leichter den Weg zurück zu finden. „Wir gehen links lang.“

Bernard nickte und folgte der Sternenbraut. Nervös sah der Vampyrjunge über die Schulter zurück. Er fühlte sich beobachtet. Als ob irgendetwas Unsichtbares in der Dunkelheit lauerte. Doch er konnte weder etwas sehen, noch konnte er etwas hören. Bernard vertraute aber auf sein Gefühl und blieb wachsam.

Tiefer und tiefer ging es in die Station hinein. Es gab düstere Mannschaftssäle zu entdecken, nach altem Schweiß riechende Umkleidekabinen, Hallen mit altem Werkzeug und Schrott, Schürfgeräte die auseinanderzufallen drohten und noch vieles mehr.

Irgendwann erreichte die kleine Expedition die Grenzen der Station, die beinahe nahtlos in die Minenschächte und Bohrtunnel übergingen.

„Gruselig.“ Lovisa hob einen kleinen Stein auf und warf ihn weit in die Dunkelheit. Der Stein verließ die künstliche Schwerkraft der Station und flog mehrere Sekunden durch die Leere, bevor er langsam zu Bode schwebte „Aber gleichzeitig auch spannend. Hier haben mal viele Menschen gelebt und ihre Arbeit verrichtet. Und jetzt ist nur noch Schrott und Müll Zeuge ihrer Bemühungen.“

„Das ist der Lauf der Dinge.“ Bernard richtete seine Taschenlampe auf den Boden. „Wir sollten zur SKUNKALLA zurück. Slim müsste alle Vorbereitungen bereits getroffen haben. Je eher wir den Mond verlassen, um so besser.“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen mit dem Ellenbogen leicht in die Seite und grinste. „Ich wusste gar nicht, dass du so ein großer Angsthase bist.“

Bernard lächelte verschmitzt. „Es ist halt eine große und dunkle Station.“ Und vor allem machte er sich Sorgen um Lovisa. Bernard war sich sicher, alleine mit den meisten Gefahren problemlos fertig zu werden. Aber die Sternenbraut war um ein vielfaches verletzlicher als ein Vampyr. Dessen war sich Bernard durchaus bewusst.

Die beiden drehten um und folgten den Kreidezeichen durch die Tunnel Richtung SKUNKALLA. Als sie gerade um die nächste Ecke gebogen waren, flog der kleine, von Lovisa geworfene Stein, aus der Dunkelheit zurück.

***

Irgendetwas kam Bernard auf dem Rückweg merkwürdig vor. Der Vampyrjunge griff an der nächsten Kreuzung Lovisa am Arm. „Warte kurz“, bat er und sah sich die Kreidezeichnung an. „Das ist die gleiche Zeichnung wie an der vorherigen Gabelung.“

Lovisa trat neben Bernard und strahlte das weiße X auf dem Felsen an. „Ja. Damit habe ich den Weg markiert, damit wir uns nicht verlaufen.“

Bernard schüttelte den Kopf. „Wir gehen einen anderen Weg. Ich habe ein gutes Gedächtnis. Und an diesen Tunnel kann ich mich nicht erinnern. Und dann das X an der Wand. Es ist das gleiche Zeichen wie eben. Es ist nicht einfach ein X, das du gemalt hast, Lovisa. Es ist eine exakte Kopie.“

Die Sternenbraut sah Bernard erstaunt an. Dann begriff sie, was der Vampyr andeutete. „Wir sind nicht alleine“, flüsterte sie und schluckte. Vorsichtig drehte sie sich um. Mit der Taschenlampe strahlte sie in die Dunkelheit hinein. Nichts zu sehen.

„Egal wer es ist, er ist sehr leise. Ich habe nichts gehört.“ Bernard lauschte aufmerksam, aber es blieb still. „Kann uns Morle helfen?“

Lovisa nickte und zog ihr kleines Kommlink vom Gürtel. Sie aktivierte mehrmals die Frequenz der SKUNKALLA, doch es blieb still. „Morle antwortet nicht.“

„Vielleicht ist die Verbindung gestört? Wir sind ziemlich weit gegangen und tief in den Tunneln.“

„Nein, die Verbindung steht, Bernard. Morle antwortet einfach nicht. Sie ignoriert meine Rufe. Da stimmt etwas nicht. Hier ist etwas faul.“

Bernard trat näher an Lovisa heran. Sollte jemand ihr zu nahe kommen, würde der Vampyrjunge die Sternenbraut mit seinem Leben beschützen.

Lovisa sah Bernard erstaunt an. „Hey, du Feigling, geh mal wieder auf Abstand. Wenn uns jemand etwas Böses wollte, war die ganze Zeit Gelegenheit dazu.“

Bernard machte einen Schritt zurück. „Entschuldige bitte. Ich wollte nur …“

Lovisa legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Leise. Vielleicht werden wir belauscht. Auf jeden Fall bilden die X eine Spur, der wir folgen sollen.“ Die Sternenbraut legte eine grimmige Entschlossenheit an den Tag, „Also folgen wir ihr auch. Immerhin hat sich jemand große Mühe gemacht.“

„Aye, aye, meine Kapitänin“, murmelte Bernard und folgte Lovisa. Er hoffte die Sternenbraut würde Recht behalten. Er wusste, dass es die merkwürdigsten Lebewesen im Universum gab. Viele von ihnen waren für den menschlichen Verstand nur schwer zu begreifen. Das hatten einst auch die Vampyre schmerzhaft lernen müssen.

***

Der Weg führte noch eine halbe Stunde durch die Tunnel der Minenstation, dann endete er abrupt vor einer gelben, rostigen Metalltüre. Sie waren angekommen.

Lovisa atmete tief durch, dann stieß sie die Türe auf und strahlte mit ihrer Taschenlampe in den Raum dahinter. Es war der Kontrollraum der Station.

Mehrere Terminals waren im Kreis angebracht, darüber unzählige Monitore. In der Mitte des Kontrollraums befand sich ein rundes Terminal, mit dem alle anderen Terminalstationen kontrolliert werden konnten. Dort war einstmals der Platz des Administrators, den nun eine merkwürdige Kreatur eingenommen hatte.

Sie erinnerte an einen Menschen, der aus unzähligen kleinen Maschinen und Ersatzteilen zusammengebaut war. Eine archaischer Androide, eine urtümliche Menschmaschine. Inmitten ihrer Brust, notdürftig von zwei Platinen verdeckt, pulsierte schwach die Energiequelle der Maschine. Hunderte insektenartige Augen öffneten sich und das Wesen sah auf.

Lovisa machte einen forschen Schritt in die Kommandozentrale hinein. Sie schluckte, denn die Menschmaschine machte ihr Angst. Bernard spürte, wie das Herz der Sternenbraut schneller schlug und stellte sich beschützend vor sie.

„Freude. Willkommen auf meiner Station“ sprach die Maschine mit einer summenden, monotonen Stimme. „Dankbar. Sie haben meine Einladung angenommen.“

„Wer sind Sie?“ fragte Lovisa mit unsicherer Stimme. „Was wollen Sie von uns?“

„Traurig. Ich bin einsam. Hoffnung. Aber dann kamt ihr. Freude. Meine Einsamkeit ist beendet. Freundlich. Ich habe keinen Namen. Traurig. Mein Vater starb vorher. Freundlich. Und wer seid ihr?“

Lovisa betrachtete die Menschmaschine eingehend. Sie war verwirrt. Gleichzeitig hatte sie Mitleid mit dieser künstlichen Kreatur, denn die Sternenbraut wusste leider zu gut, wie schmerzlich der Verlust der Eltern war. Bevor sie jedoch was sagen konnte, hatte Bernard das Wort ergriffen.

„Ich bin Bernard. Und das hier ist Lovisa, die Sternenbraut. Wir gehören zur Mannschaft der SKUNKALLA“, erklärte der Vampyr. „Unsere Mannschaft weiß wohin wir gegangen sind und wird bald nach uns suchen.“

Mehrere der Monitore flammten nun auf und zeigten die SKUNKALLA am Dock. „Verstehend. Eine unterschwellige Drohung. Wütend. Niemand darf mir drohen.“ Die Stimme der Menschmaschine blieb stets ohne Emotion. „Zornig. Ich kann euer Schiff jederzeit zerstören.“

Lovisa zog die Augenbrauen hoch. „Entschuldige bitte. Das war keine Drohung. Freundlich. Es ist schön dich kennenzulernen. Freude.“

Bernard blickte die Sternenbraut fragend an.  „Warum redest du jetzt auch so komisch?“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen in die Seite. „Das ist eine künstliche Lebensform. Glaube ich jedenfalls. Sie kann keine Gefühle ausdrücken. Aber sie hat sehr wohl Gefühle und drückt das verbal aus, in dem sie einfach sagt, was sie fühlt.“

„Natürlich“, murmelte Bernard und schalt sich einen Narren, nicht selbst darauf gekommen zu sein. „Und vielleicht kann sie unsere Gefühle nicht wahrnehmen. Sie hat also kein Verständnis für Empathie.“

„Vielleicht. Deswegen versuche ich auf der sicheren Seite zu navigieren und passe mich unserem Gastgeber an“, erklärte Lovisa und lächelte. „Neugierig. Warum hast du bei unserer Landung keinen Kontakt aufgenommen?“

„Freude. Ihr versteht mich. Freundlich. Ich war besorgt. Sorge. Ihr seid doch meine Freunde?“

Lovisa dachte darüber nach, bevor sie antwortete. „Freundlich. Bevor wir mit jemandem Freundschaft schließen, wollen wir ihn erst einmal besser kennenlernen.“

„Ernst. Kein Verständnis. Traurig. Kohlenstoffverbindungen gehen leicht kaputt. Freundlich. Wir kennen uns. Freude. Wir können Freunde sein. Angst. Ich will nicht mehr alleine sein.“

„Ich verstehe das. Niemand will alleine sein. Aber Freundschaft muss wachsen. Das kann zwar schnell gehen, aber auch langsam. Freundschaft ist nichts, das jemand erzwingen kann. Freundlich.“

Die Menschmaschine schwieg für einen Augenblick. „Hoffnung. Können wir uns näher kenennlernen?“

„Sicherlich. Die SKUNKALLA muss repariert werden. Solange liegen wir hier vor Anker. Es wird noch einige Tage dauern, bis wir weiterfliegen.“

Mehrere Lichter flammten in und auf der Menschmaschine auf. „Sorge. Niemand darf weiterfliegen. Angst. Er lässt niemanden weiterfliegen.“

Lovisa blickte die Menschmaschine fragend an und drehte dann langsam den Kopf zu Bernard. „Das kapiere ich nicht.“

Der Vampyrjunge machte ein grimmiges Gesicht. „Auf der Station scheint es mehr Leben zu geben, als wir denken. Vermutlich ist da Draußen noch etwas unterwegs. Kannst du mit der SKUNKALLA Kontakt aufnehmen?“

Lovisa schüttelte den Kopf. „Nein, Morle spielt noch immer die sture Miezekatze.“

„Neugierig. Morle?“ Die Menschmaschine stand auf. Dabei gerieten ihre Bauteile in Bewegung und knirschten laut.

„Der Avatar unseres Schiffes. Eine künstliche Intelligenz. So wie du. Als wir eintrafen, hat sie versucht Kontakt mit der Station aufzunehmen.“

„Besorgt. Er mag keine anderen Intelligenzen. Traurig. Deswegen hat er Vater getötet. Wut. Ich hasse ihn. Traurig. Aber er ist alles was ich habe.“

„Wer ist er?“ hakte Lovisa nach. „Noch eine Menschmaschine?“

Ein Lachen hallte aus den Lautsprechern und erfüllte den Kontrollraum. Bernard und Lovisa zuckten zusammen. „Nein. Ich bin der Avatar der Minenstation. Pheistos ist mein Name.“

Auf einem der Monitore zeigte sich der grob aufgelöste Kopf eines wild aussehenden Hundes. Er bellte laut und Lovisa fuhr erschrocken zusammen. Pheistos lachte nun. „Du bist also diese Sternenbraut, von der mir diese Miezekatze erzählt hat.“

„Was hast du mit Morle gemacht?“ schrie Lovisa besorgt. „Wenn du ihr was angetan hast, dann … dann …“

„Dann, was?“ Der virtuelle Hund grinste breit und entblößte dabei gigantische Fangzähne. „Ihr seid mir ausgeliefert. Denn ihr steckt mitten in meinem Revier fest. Und ich habe die Kontrolle über euer Raumschiff. Denn deine Miezekatze kuscht, wenn ich es will.“

Ein weiterer Monitor flammte auf und Morle war zu sehen. Das künstliche Kätzchen saß wie ein Häufchen Elend in der Bildschirmecke und blickte mit flackernden, großen Augen zum Monitor hinüber, auf dem sich Pheistos präsentierte. Der Hund knurrte und Morle versuchte sich noch kleiner zu machen.

„Entschuldigung, Lovisa. Er hat mich einfach überwältigt“, erklärte Morle kleinlaut mauzend.

Pheistos knurrte drohend und Morle war sofort ruhig. „Euer Sicherheitssystem war einfach zu zerbeißen. Kein Wunder, wenn eine stinkende Miezekatze die Arbeit eines Hundes erledigen soll. Das kann nur schief gehen. Vor allem bei so einem Hund wie mir.“

Lovisa war wütend. „Was willst du von uns überhaupt? Wir haben dir nichts getan.“

„Ha. Na und? Ich bin für die Verwaltung und die Sicherheit auf der Station zuständig, bis mein Herr irgendwann zurückkommt. Solange werde ich warten und entweder jeden vertreiben oder solange einsperren, bis mein Herr zurück ist.“

Bernard zeigte auf die leeren Sitzplätze im Kommandoraum. „Und wann wird jemand zurückkommen? So wie die Sache für mich aussieht, bist du ein herrenloser Streuner.“

Pheistos bellte augenblicklich los. Und zwar von jedem der Monitore. „Was fällt dir ein? Ich und ein Streuner? Dafür werde ich dich bestrafen. Ich werde dich zerbeißen.“

„Und wie willst du das anstellen?“ fragte Bernard. Lovisa stieß ihn warnend mit dem Ellenbogen in die Seite, aber der Vampyrjunge sprach weiter. Er war zu wütend, um sich zu besinnen. „Du bist ein Hund hinter Glas.“

Pheistos knurrte, dann war ein Rumpeln in den Tunneln zu hören. Die Menschmaschine sprach: „Besorgt. Angst.  Er hat die Maschinen aktiviert.“

„Was denn für Maschinen?“ wollte Lovisa wissen.

„Angst. Viele der alten Maschinen funktionieren noch. Besorgt. Ihr hättet ihn nicht verärgern sollen.“

Bernard sah ängstlich zu Lovisa. Das hatte er nicht gewollt. „Stell dich hinter mich, ich werde versuchen sie aufzuhalten.“

Pheistos lachte auf. „Versuch es ruhig. Dann öffne ich halt die Schleusen und lasse die Luft ab. Ich komme ohne Sauerstoff aus. Ihr auch?“

Lovisa starrte auf die Monitore. „Wir können die Sache doch auch friedlich regeln. Wir gehen einfach und das war es. Wir wollten dich nicht stören oder verärgern.“

„Zu spät. Ich habe gesehen, wie ihr meinen Herrn bestohlen habt.“

Slim, dachte Lovisa mit Entsetzen. Sie hatte Slim ganz vergessen. „Was hast du mit Slim angestellt?“ fragte Lovisa ängstlich.

Morle fauchte plötzlich. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Was?“ Pheistos verschwand flimmernd von sämtlichen Bildschirmen und tauchte kurz darauf jaulend auf einem einzelnen Monitor wieder auf. „Was macht ihr da?“

Lovisa war verblüfft und sah zu, wie Morle sich wieder ängstlich in eine der Monitorecken zurückzog. „Slim?“ fragte Sternenbraut in Richtung des virtuellen Kätzchens.

Und erneut fauchte Morle. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Aufhören!“ jaulte Pheistos und flackerte heftig. „Schaltet diesen verdammten Virus ab. Wie habt ihr das gemacht? Ich werde die Miezekatze löschen.“

„Wage es dich und ich werden den Namen unseres Mechanikers schneller und öfter rufen, als du es dir träumst“, drohte Lovisa. Der nicht zu löschende und nervige Eintrag in der Datenbank der SKUNKALLA hatte also doch etwas Gutes. Die Sternenbraut hatte aber keine Ahnung, warum nun auch die Computer der Minenstation auf den Namen Slim reagierten.

„Überrascht. Ihr bietet ihm die Stirn. Erleichtert. Er ist doch nicht allmächtig. Glücklich. Ich kann ihm entkommen.“ Die Menschmaschine stapfte zu einem der Terminals. „Entschlossen. Ich kann mich wehren.“

Pheistos jaulte laut auf und Lovisa rief mehrmals Slims Namen. Sämtliche Monitore flackerten und der virtuelle Wachhund rollte sich wehleidig über die Bildschirme. Morle schüttelte fauchend den Kopf und machte einen Satz hinter Pheistos her. Sie fuhr ihre virtuellen Krallen aus und schlug mit ihrer Pfote auf die Nase des Stationsavatars.

Mit einem Satz brachte sich Pheistos in Sicherheit. Er verkroch sich tief in der Datenbank, vor der sich Morle aufbaute. „Dummer Hund. Komm raus, damit ich dich schlagen und kratzen und beißen kann!“ rief das virtuelle Kätzchen aus.

„Mutig. Kopiere Daten. Glücklich. Das System ist bereinigt.“

Lovisa und Bernard sahen die Menschmaschine fragend an. „Was meinst du damit genau?“ fragte Lovisa nach.

„Freundlich. Ich habe Pheistos auf einen externen Datenträger kopiert und die Datenbank gelöscht. Froh. Seine Schreckensherrschaft ist beendet.“

Tatsächlich. Mit vereinten Kräften war es ihnen gelungen Pheistos zu bezwingen. Dadurch, dass er sämtliche Daten Morles auf die Station transferierte, hatte er auch die Warnung vor Slim kopiert. Lovisas Pappa hatte dafür gesorgt, dass es schwer war diesen Eintrag zu löschen. Die Warnung war ebenso hartnäckig wie ein Computervirus.

***

Slim hörte sich später an Bord die Geschichte genau an. Der alte Mechaniker hatte nichts mitbekommen und sich nur gewundert, dass die anderen Mannschaftsmitglieder solange unterwegs waren. Er war froh, dass es allen gut ging.

„Da hat uns dein Pappa noch einen Bärendienst erwiesen, Mädchen.“ Slim schüttelte der Menschmaschine die Hand. „Hast du gut gemacht, unserer Sternenbraut zu helfen. Solche Freunde können wir gut gebrauchen. Wie ist denn eigentlich dein Name.“

„Gerührt. Wir sind Freunde?“

Lovisa lächelte. „Stolz. Ja, wir sind Freunde.“ Die Sternenbraut dachte kurz nach. „Ich glaube Terminal würde gut zu dir passen. Wegen den ganzen Bauteilen und Platinen.“

Die Menschmaschine erstarrte für einen Augenblick. „Stolz. Freude. Glück. Liebe. Ich bin Terminal. Glücklich. Freundlich. Wir sind Freunde.“

Jubelnd hieß die Sternenbrautmannschaft Terminal an Bord der SKUNKALLA willkommen. Niemand wollte die Menschmaschine auf der verlassenen Station zurücklassen. Und Terminal war überglücklich, an der Seite ihrer neuen Freunde ,Abenteuer erleben zu dürfen. Und diese ließen nach der Reparatur der SKUNKALLA nicht lange auf sich warten. Es galt Nils zu befreien. Und Lovisa hatte einen Plan.

ENDE

Copyright © 2012 by Miriam Kleve

Buchtipp:


Irina Siefert
Zoran – Kind des Feuers

Verlag: Papierfresserchens MTM-Verlag
ISBN: 978-3-86196-125-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 152 S. – 21,0 x 13,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 01.05.2012

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Als der 13-jährige Zoran eine Kreuzfahrt gewinnt, weiß er noch nicht, dass ihn diese Reise in eine völlig andere Welt führen wird. Auch kann er noch nicht ahnen, dass er lernen wird, das Feuer zu beherrschen. Die Macht über das Element macht ihm zum letzten fehlenden Mitglied der TAAF, der Gruppe, deren Aufgabe es ist, das Land vor der Vernichtung zu bewahren.

Dafür muss Zoran die Ablehnung gegenüber seiner Gefährtin überwinden, denn die beiden stellen bald fest, dass sie Entscheidungen zusammen treffen müssen, wenn sie das eigene Leben und das zahlloser anderer retten wollen. Wem können sie vertrauen? Wer wird sie verraten? Doch die schwerste Aufgabe wird es, ihre Menschlichkeit, und damit Liebe und Mitgefühl, zu wahren.

Irina Siefert geboren 1995, war schon immer vom Schreiben und Lesen fasziniert und so verfasste sie schon früh eigene Geschichten.

Mit diesem Roman begann sie mit 15 Jahren. Mittlerweile schreibt sie auch gerne Kurzgeschichten, doch blieb die Vorliebe zu Romanen.

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DIE DUNKELHEIT – Eine Science Fiction Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 30. April 2012

Die Dunkelheit

Science Fiction Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Mehr als alle Wunder dieser Welt wünschte sich Nick ein sorgenfreies und erfülltes Leben. Doch in seinem jetzigen Zustand war er weit davon entfernt, dass eines seiner Luftschlösser auch nur ansatzweise entstehen könnte. Anstatt zu Hause bei seiner Familie zu sitzen und sich mit den Kindern zu beschäftigen, nach ihren Leistungen in der Schule zu fragen oder seine Frau wild und hemmungslos zu lieben, trieb er einsam in seinem Tank.

Der Tank war seit mehr als vier Tagen sein neues Zuhause. Oder waren es bereits fünf Tage? Oder nur einer? Nick wusste es nicht. In der absoluten Dunkelheit hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Die Dunkelheit hatte ihm geflüstert, Tankmenschen würden durch den andauernden Schwebezustand, die Stille und die Dunkelheit, innerhalb weniger Stunden wahnsinnig. Aber Beweise gab es keine. Oder flunkerte die Dunkelheit nur? Nick hatte keine Ahnung.

Er nahm einen tiefen Zug Sauerstoff, der von außerhalb zugeführt wurde. Das Atmen fiel ihm seit einiger Zeit schwerer. Ein Zeichen dafür, dass seine Lunge bereits angegriffen war. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch die anderen Organe ihm ihren Dienste versagten. Jedenfalls nach Meinung der Dunkelheit.

War jetzt nicht der Augenblick gekommen in Panik auszubrechen? Spätestens jetzt? Doch es geschah nichts. Nick wunderte sich darüber, denn immerhin nagte der Tod bereits an seinen Knochen. Doch es blieb bei der Verwunderung.

Was hatten sie mit ihm angestellt? Was hatten sie mit ihm gemacht? Er spürte wie sich ein Fetzen Haut von seinem Rücken langsam abschälte und in der Dunkelheit versank. Doch es bereitete ihm keine Schmerzen. Nur Bedauern – des Verlustes wegen. Mit der Haut war ein alter Freund gegangen.

Etwas schien sich unter ihm zu regen, kroch an seinem Po entlang nach oben, strich über seine Hüfte, floss über das bloße Fleisch und zerplatzte mit einem leisen Knall, als es die Oberfläche der Flüssigkeit durchstieß. Es roch nach faulen Eiern, und Nick fragte sich, ob er ohne Nahrung überhaupt Blähungen haben könne. Doch er vermutete, dass der Tank mit irgendeinem Gas geflutet wurde. Oder mit etwas anderem, hörte er die Dunkelheit wispern.

Nick nahm noch einen weiteren, tiefen Zug nun bitter schmeckenden Sauerstoff und stieß sich mit den Füßen ein wenig ab. Sein Kopf stoppte nach wenigen Zentimetern an der metallenen Tankhülle. Einige Haare und etwas Kopfhaut lösten sich ab. Ein Stück Schädelknochen lag blank.

Sie wissen, schon was sie machen, sprach sich Nick selbst Mut zu. Bald werde ich bei Linda und den Kindern sein. Wir werden lachen, singen und Spaß miteinander haben.

Täuschte er sich oder verabschiedete sich gerade der linke Ringfinger von seinem Körper? Er tastete mit der Rechten nach der Linken und fühlte nichts. Nun, dann waren jetzt wenigstens Ringfinger und Zeigefinger irgendwo im Tank miteinander vereint. Oder auch nicht.

Waren nun Stunden oder Minuten vergangen, seitdem der Finger sich selbstständig gemacht hatte? Oder nur Sekunden? Nick versuchte nachzudenken und rieb sich gedankenverloren sein rechtes Ohr. Doch er griff nur ins Leere, was ihm nichts mehr ausmachte. Die Geräusche waren bisher nur gedämpft zu hören gewesen. Dann hört er jetzt eben gar nichts mehr.

Nick gähnte und fand es nur normal, dass sich sein Kiefer ohne Worte verabschiedete. Es gab ein leise Platschen, dann war er weg. Kann ich so überhaupt überleben, fragte sich Nick. Oder war es die Dunkelheit?  Nick begann müde zu werden. Er wurde schnell müde in letzter Zeit. Oder knipste nur jemand einfach sein Lebenslicht aus? Er wusste es nicht.

Dann geschah es. Geist und Körper wurden voneinander getrennt. Die Dunkelheit seufzte bedauernd.

Nick konnte nun alles ganz genaue sehen und mit seinem Blick das Wasser durchdringen. Dort unten sank sein Körper tiefer ins düstere Nass hinein. Sie hatten seinen Tod wohl bemerkt und die Halterungen gelöst. Der Körper begann zu trudeln und die restlichen Knochen, Sehnen und Muskeln lösten sich langsam auf. Nick konnte die Bakterien fast fühlen, die sich um die Verwertung der Reste kümmerten und Platz für den nächsten Kandidaten schafften.

Ein einsamer, warmer Lichtstrahl durchdrang von oben den Tank und wurde immer größer, bis er Nicks Geist vollkommen erfasste. Es war ein seltsames Gefühl, in dieses Licht getaucht zu werden. Ein angenehmes Gefühl. Nick fühlte sich zu dem Licht hingezogen und ließ sich auf seine Quelle zutreiben. Nicks Geist begann aufzusteigen, verschwand und das Licht erlosch – die Dunkelheit schwieg …

***

“Verdammt!” brüllte Heidler und knallte seine dürre Faust kraftlos gegen den großen Metalltank. “Schon wieder! Der wievielte war es, Brösler?”

Heidlers Assistent rief die Daten auf seinem Pad ab. “Nummer Zehn.”

“Familie?”

“Frau und zwei Kinder. Wir haben ihnen gesagt, er sei unheilbar  krank. Sie kommen jeden Tag und wollen ihn sehen. Wir haben sie immer vertröstet.”

“Die übliche Standardausrede”, wies Heidler Brösler an. Der alte Mann drehte seinen dürren Körper zu dem Tank herum und funkelte die Maschine böse an. “Vielleicht war er zu alt. Bestellen Sie die Kinder zu einer Routineuntersuchung. Faseln Sie etwas von Erbkrankheiten und bereiten Sie einen weiteren Tank vor. Wir steigern das Bakterienniveau und beginnen vor dem Tod mit der Übertragung. Wir nehmen die Kinder von Nummer Zehn. Vielleicht klappt es diesmal.”

“Vielleicht”, entgegnete Brösler und schaltete das Pad ab.

“Wir haben das Genom entschlüsselt. Wir haben Krankheiten besiegt. Wir haben uns Bakterien und Viren untertan gemacht. Wir sind die Herren und Meister der modernen Technologie.” Brösler klopfte auf den metallenen Korpus des Tanks. „Körper, Verstand, Geist und Seele sind auch nur Bauteile einer Schöpfung. Und ich werde diese Bauteile separieren und neu arrangieren. Irgendwann jedenfalls.“

Brösler verließ wortlos das Labor und bereitete sich in Gedanken auf seinen eingeübten Text vor. Hoffentlich würden die Angehörigen nicht weinen. Das hielt immer unnötig auf.

Nachdem Brösler gegangen war, streichelte Heidler über das Gehäuse des Tanks und lächelte. Die Dunkelheit sang ihm ein Lied.

ENDE

Copyright © 2001 by Günther K. Lietz, all rights reserved.

Buchtipp:


Alexander Kröger
Fundsache Venus

Verlag: Projekte-Verlag Cornelius
ISBN: 978-3-86237-846-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 352 S. – 19,6 x 13,8 cm
Erscheinungsdatum: 2. Aufl. 19.04.2012

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In „Fundsache Venus“ entdeckt Wally 327 Esch als Überlebende einer Rettungsexpedition das geborstene Raumschiff, und sie findet Dirk, ihren Lebensgefährten, aus dessen toter Hand sie ein Souvenir entnimmt, das, so glaubt sie, für sie bestimmt ist. 18 Jahre hütet sie das Geheimnis dieses Geschenks. Dann berichtet sie dem Sohn Mark von der Operation in einem verlassenen Urwaldhospital und von Bea, einem Mädchen mit Tigeraugen … Sie bürdet damit dem jungen Mann eine Verantwortung auf, die er allein nicht tragen kann.

Maren 021 Call kämpft leidenschaftlich gegen die Entstehung von „Anderen“ auf der Erde und dem Mars. Sie fürchtet auf lange Sicht den Untergang des ursprünglichen Menschen.

Alexander Kröger richtet in einer mitreißenden Handlung – in Sicht auf heutige Realitäten und Tendenzen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung – das Augenmerk des Lesers auf die Verantwortung der Menschen für ihre Zukunft.

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PIRATEN – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 30. April 2012

Piraten

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Sie freute sich seit Tagen auf das lange Wochenende mit Jochen und den Kindern. Die Koffer waren gepackt, die Miezen bei den Großeltern untergebracht und der Hund bei Tante Agathe geparkt. Alle Geräte aus, die Taschentücher lagen bereit und das Navigationssystem war programmiert.

“Gabi, wo bleibst du denn?” rief Jochen. Benni und Susi saßen schon auf dem Rücksitz und streckten sich gegenseitig die Zungen raus.

“Noch einen Augenblick, Schatz.” Gabi steckte zwei Krimis ein, ein Rätselheft und mehrere Kugelschreiber, kontrollierte nochmals Waschmaschine und Herd, sah nach dem Bügeleisen und schloss dann die Haustüre. Jochen hockte schon hinter dem Steuer des Kombis und sah ungeduldig auf die Uhr, “Mausi, mach hin. Wir kommen sonst zu spät.”

Jochen war aufgeregt, immerhin war der Miniurlaub seine Idee und ein Hochzeitsgeschenk, an dem er die ganze Familie teilhaben ließ. Gabi wusste, dass ihr “Großer” vor allem an sich selbst gedacht hatte. Jochen liebte alles, was mit Piraten in Verbindung stand. Also hatte er einige Tage im Piratenland gebucht, einer großen Indoor-Ferienanlage. Während sich Draußen der letzte Schnee noch gegen die aufkommende Frühlingssonne wehrte, würde die ganze Familie karibisches Flair am künstlichen Strand genießen. Mit einem fantastischen Ausblick auf Piratenschiffe, abendliche Lichtershow und nachgespielte Freibeutergeschichten. Jochen war schon ganz gespannt. Zudem war es eigentlich eine Dienstreise und deswegen kostenlos. Und das fand Jochen besonders gut.

Das Piratenland war ausgebucht. Überall standen oder saßen Besucher in Badesachen. Animateure in Kostümen sorgten für Unterhaltung. Mit den Koffern schwer bepackt kämpften sich Jochen, Gabi, Benni und Susi bis zu den kleinen bunten Rundhäusern. Jochen hatte Tortuga gebucht, was einiges mehr kostete. Die Ausstattung war mit den anderen Häusern identisch und Gabi ging davon aus, dass der Aufpreis einfach nur wegen dem Namen zustande kam.

Im Haus gab es nur zwei Schlafzimmer, was die Kinder natürlich aufschreien ließ. Sie wollten getrennte Zimmer und nach einer halben Stunde Kinderjammern wurde Benni bei Jochen und Susi bei Gabi einquartiert. Nun war es an Jochen ein langes Gesicht zu ziehen, denn er hatte auf erotische Piratenspiele gehofft. Gabi hoffte dagegen auf Ruhe und Entspannung.

“Du ziehst dir sofort einen ordentlichen Badeanzug an, Fräulein!” donnerte Jochen durchs Haus. Er hatte vor Wut einen knallroten Kopf, was Susi vollkommen egal war.

“Papa, das ist heute ganz normal. Alle meine Freundinnen tragen einen Bikini”, versuchte Susi ihren Vater zu überzeugen, doch der war wie ein Fels in der Brandung.

“Sofort umziehen! Mir sind deine Freundinnen egal, mein Fräulein. Umziehen oder du bleibst im Haus!”

Susi zuckte mit den Schultern. “Bleibe ich halt im Haus und Simmse meinen Freundinnen, wie Steinzeit mein Vater ist.”

Jochen wollte erneut zum Brüllen ansetzen, aber Gabi packte ihn bei der Schulter. “Schatz, so sind Teenager einfach. Werde erwachsen.” Mit einem Lächeln verließ sie die Hütte und Jochen trabte seiner Frau grummelnd hinterher. Benni und Susi trotteten ebenfalls mit.

Am Strand gab es einen zum Haus gehörenden Strandkorb, den Jochen und Gabi augenblicklich in Beschlag nahmen. Benni stürzte sich sofort in die Wellen und hatte sichtlich seinen Spaß an der Sache. Susi machte sich dagegen auf den Weg zur Eisbar und genoss dabei sichtlich die Blicke der Jungs.

“Warum kann Susi nicht wie Benni sein?” schmollte Jochen und lehnte sich zurück, um seinen Sohn zu beobachten.

Gabi schlug ihren Krimi auf. “Weil Susi älter und reifer ist und neugierig auf Jungs.”

Das setzte Jochen erst recht zu. Er verkniff sich eine Antwort. “Ich hole mir einen Piraten-Hot-Dog. Willst du auch einen, Schatz?”

Gabi schüttelte geistesabwesend den Kopf. “Nein, ich lese lieber etwas. Schau dir doch mal alles an, damit sich wenigstens einer von uns hier auskennt. Wie wäre das?”

“Das wäre ganz fantastisch.” Jochen strahlte über das ganze Gesicht. “Wir sehen uns später.”

Gabi nickte. “In Ordnung. Viel Spaß. Aber arbeite nicht zuviel.”

Schon war er weg und Gabi atmete erleichtert auf. Endlich etwas Ruhe. Da traf sie auch schon ein tropfender Wasserball und durchnässte ihren Krimi. Erschrocken sah Gabi auf.

Ein junger Mann stürmte auf sie zu. Braungebrannt, durchtrainiert und mit einem verschmitzten Lächeln. “Entschuldigen Sie bitte, mir ist das Ding einfach so abhanden gekommen.”

“Kein Problem”, erklärte Gabi und warf ihm den Ball zurück.

Der junge Mann ließ den Wasserball zu Boden plumpsen und reichte Gabi die Hand. “Kevin Schmidt. Freut mich, Sie kennenzulernen.”

Gabi musterte den jungen Mann kurz, dann schüttelte sie seine Hand. “Gabriele Neubauer. Angenehm.”

Kevin setzte sich einfach neben Gabi und lächelte sie an. “Ich bin fast jedes Wochenende im Piratenland. Sie habe ich hier noch gar nicht gesehen. Neu?”

“Ja, mein Mann liebt Piraten über alles.” Gabi betonte das Wort Mann deutlich. “Sein Geschenk zum Hochzeittag.”

Kevin lachte auf. “Entschuldigen Sie, ich wollte nur höflich sein. Das soll keine Masche sein, um Sie anzubaggern.”

Gabi kam sich nun dumm vor. Was sollte ein junger Mann auch von ihr wollen. “Tut mir leid, ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist.” Gabi seufzte. “Ist halt mein erster Urlaub nach langem.”

“Keine Ursache. Mit dem Piratenland habe Sie die richtige Wahl getroffen. Hier ist es einfach wunderbar. Super zum Entspannen. Vor allem für Familien.”

“Ja, es hier ist hier sehr idyllisch.”

Kevin lächelte und deutete dann mit dem Kopf zum Strand hinunter. “Wollen Sie vielleicht mal ein paar Bälle werfen? Das macht richtig Spaß.”

Gabi dachte nach. Kevin war ein verdammt sympathischer Kerl. Also ließ sie sich breitschlagen. “In  Ordnung. Ich muss nur noch ein Lesezeichen einlegen.” Während sich Kevin schon mal den Ball schnappte und die paar Meter zu Strand schlenderte, griff Gabi ihren Ausweis aus der Tasche und legte ihn in den Krimi. Dann ging sie Kevin hinterher.

Die beiden spielten eine halbe Stunde mit dem Ball und die Zeit verging wie im Fluge. Kevin hatte sich am Wasser aufgebaut und immer wenn er den Ball verfehlte, musste er ihm in die Wellen hinterherspringen. Irgendwann schüttelte Kevin seinen Kopf und tausende von Tropfen flogen in alle Richtungen.

“Ich muss leider Schluss machen. Meine Freundin wartet schon”, erklärte er und reichte Gabi zum Abschied die Hand.

“Warten Sie einen Augenblick, Kevin.” Gabi lachte. “Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen.”

“Nein, das ist nicht nötig. Ich habe es wirklich eilig.”

“Ach, Quatsch. Auf die Minute kommt es auch nicht mehr an.” Gabi lächelte Kevin freundlich an und griff ihn bei der Hand. “Kommen Sie schon. Ist schnell erledigt.” Mit sanfter Gewalt zog sie ihn zum Strandkorb und ließ sich dort in den Sitz fallen. “Puh, das war anstrengend. Aber auch unheimlich lustig.” Gabi klopfte neben sich auf den Platz. “Setzen Sie sich doch.”

Kevin sah unbehaglich drein. “Ich weiß nicht. Was wird Ihr Mann sagen?”

“Ach, dem ist das egal. Glauben Sie mir.” Sie grinste. “Der macht sein eigenes Ding, dieser Freibeuter.”

Mit einem gequälten Grinsen setzte sich Kevin. “Ich hoffe es geht schnell.”

“Aber sicher doch”, beruhigte ihn Gabi und kramte in ihrer Tasche. “Geldbörse, Handy, MP3-Player und der Schlüssel vom Häuschen. Alles weg. So ein Mist aber auch, ich bin wohl ausgeraubt worden.”

“Was? Sie sollten sofort den Bademeister verständigen”, empfahl Kevin. “Da muss doch was getan werden. Sie müssen unbedingt zur Polizei.”

Gabi winkte ab. “Quatsch. Ich bin auf alles vorbereitet. Haben Sie mal keine Angst.” Sie griff nach ihrem Krimi. “Bin ja nicht ganz blöd.” Gabi schüttelte ihren Ausweis aus dem Heft und hielt ihn Kevin vor die Nase. “Ich bin nämlich die Polizei. Mein Mann übrigens auch. Der Betreiber vom Piratenland hat uns gemeldet, dass sich in letzter Zeit vermehrt Trickbetrüger und Taschendiebe hier herumtreiben, mein lieber Kevin. War ja sehr geschickt von Ihnen mich abzulenken, während ihre Freundin die Tasche ausraubt und sich in unserem Häuschen umsieht.”

Kevin sah sich gehetzt um und entschloss sich aufzugeben. In Badehose aus dem warmen Piratenland in die kalte Natur zu fliehen, wahrscheinlich ohne Aussicht auf Erfolg, das ließ er dann doch lieber sein.

Gabi winkte zwei Kollegen in Zivil heran, die ihr Wochenende ebenfalls im Piratenland verbrachten. “Wissen Sie, Kevin, Ihre Freundin hätte mal einen Blick in meinen Krimi werfen sollen. Dann hätte sie gewusst, dass sich Verbrechen nicht lohnt.”

ENDE

Copyright (c) 2012 by Günther K. Lietz, all rights reserved.

Buchtipp:


Viveca Sten
Die toten von Sandhamn
Komissar Andreassons dritter Fall

Übersetzt von Dagmar Lendt
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04388-4
Einband: gebunden
Seiten/Umfang: ca. 352 S.
Produktform: B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum: 1. Auflage 14.05.2012

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Der Nummer-Eins-Bestseller aus Schweden. Thomas Andreasson wird nach Sandhamn gerufen: Ein Mädchen ist verschwunden. Obwohl sofort eine fieberhafte Suche einsetzt, bleibt sie ohne Erfolg. Wo steckt Lina, und wer ist für ihr Verschwinden verantwortlich?Als Thomas’ Jugendfreundin Nora durch einen Zufall herausfindet, dass ihr Mann sie hintergeht, fährt sie trotz Eis und Schnee mit ihren Söhnen nach Sandhamn, um in Ruhe nachdenken zu können. Die Inselbewohner sind erschüttert, denn gerade ist ein Mädchen verschwunden – noch geben die Eltern die Hoffnung nicht auf, dass sie ihre Tochter lebend zurückbekommen. Doch dann machen ausgerechnet Noras Söhne beim Spielen eine schreckliche Entdeckung …

Knapp 100 Jahre zuvor: Der kleine Thorwald leidet unter den brutalen Ausbrüchen seines Vaters. Dieser vergöttert die Tochter, misshandelt aber den Sohn; die Mutter schaut untätig zu. Thorwald möchte von der Insel fliehen. Geschickt flicht Viveca Sten aus diesen beiden Erzählsträngen einen Roman, der jeden sofort in seinen Bann zieht und viel über das Leben auf der Schäreninsel im Lauf der Zeiten erzählt. Thomas Andreassons dritter Fall wurde in Schweden gleich nach Erscheinen ein Nummer-Eins-Bestseller und gilt für viele Leser als Stens bisher bester Krimi.

Viveca Sten ist Chefjuristin bei der dänischen und schwedischen Post. Sie wohnt mit Mann und drei Kindern vor den Toren von Stockholm. Seit sie ein kleines Kind war, hat sie die Sommer auf Sandhamn verbracht, wo ihre Familie seit mehreren Generationen ein Haus besitzt. In Schweden dominieren ihre Bücher die Bestseller listen, und auch in Deutschland wächst die Anzahl ihrer Fans.

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EIN NEUER FRÜHLING – Leseprobe aus dem Roman: Im Schatten der Dämonen. Weltennebel 3 – von Aileen P. Roberts

Erstellt von Aileen P. Roberts am 25. April 2012

EIN NEUER FRÜHLING

Leseprobe aus dem Roman:

Im Schatten der Dämonen – Weltennebel 3

von Aileen P. Roberts

In Gedanken versunken stand Darian vor dem düsteren Felsmassiv an der Grenze zum Zwergenland und dachte schaudernd an die Zeit, als er allein und verloren in den Gängen des Unterreichs umhergeirrt war. Aus eigener Kraft hätte er dort nie wieder herausgefunden, doch eine Gruppe von Tiefengnomen hatte sich seiner angenommen und ihm die Rückkehr ans Tageslicht ermöglicht. Nun wollte er sein Versprechen einlösen und ihnen die versprochene Belohnung zukommen lassen. Gestern Abend hatte er eigenhändig einen Rehbock geschossen, und dieser lag nun fertig zerlegt vor dem versteckten Zugang ins Unterreich. Schon seit einiger Zeit wartete Darian darauf, dass eines der kleinen pelzigen Wesen erschien.

»Wer weiß, wann diese Tiefengnome ins Freie kommen«, gab Hauptmann Torgal wieder einmal zu bedenken, so wie öfters in den letzten Stunden. »Ihr habt Euren guten Willen bewiesen, Darian, wir sollten wirklich zurück zum Lager gehen.«

»Nein«, erwiderte er bestimmt, »ich habe diesen Wesen mein Leben zu verdanken und möchte mich erkenntlich zeigen. Wenn ich das Fleisch einfach so hier liegen lasse, schleppt es am Ende ein Bär oder Wolf fort, und das wäre nicht richtig.«

Seufzend ließ sich der alte, grauhaarige Hauptmann auf den Boden sinken und schickte sich an, sein vom häufigen Gebrauch schon recht schartiges Schwert zu polieren.

Die Dunkelheit brach herein, und die beiden Männer setzten sich ans Lagerfeuer, wo sie sich leise über Darians Zeit im Reich der Dunkelelfen unterhielten. Die Verwunderung über viele der Dinge, die Darian aus dem Unterreich und der Dunkelelfehauptstadt Kyrâstin erzählte, stand Torgal noch immer offen ins Gesicht geschrieben. Sein ganzes, nun schon über sechzig Sommer dauerndes Leben hatte er Dunkelelfen für skrupellose, mörderische Wilde gehalten, und auch Darian war dieser Auffassung gewesen. Erst die Begegnung mit Mias Vater Zir’Avan und einigen anderen Dunkelelfen hatte den jungen König schließlich dazu bewegt, seine Meinung zu revidieren.

Funken sprühten auf, als Darian einen weiteren Ast ins Feuer warf, und auf einmal nahm er am Rande des Felsmassivs eine kleine, annähernd kniehohe Gestalt wahr, die neugierig ihren pelzigen Kopf ins Freie streckte.

Langsam, um den Tiefengnom nicht zu erschrecken, erhob er sich. »Fleisch – für euch«, sagte er in der knurrenden, abgehackten Sprache der Unterreichbewohner. Der kleine Tiefengnom mit den kugelrunden dunklen Augen, die aus einem pelzigen, bräunlich schwarzen Gesicht heraus starrten, blieb stocksteif stehen.

»Drrraggrann?«, knurrte er dann.

Darian nickte, denn so sprachen die Tiefengnome seinen Namen aus. Das kleine Wesen drehte seinen Kopf wieder in Richtung der Höhle, brummte etwas, und kurz darauf wuselten weitere fünf Tiefengnome aus der Öffnung heraus.

Darian machte Torgal, der mit gezogenem Schwert aufgesprungen war, ein beruhigendes Zeichen. Er wusste, dass der Hauptmann, im Gegensatz zu ihm, die Sprache der Tiefengnome nicht verstand und die dunklen Wesen mit den spitzen Zähnen als Bedrohung ansah.

Langsam und mit misstrauischen Blicken kamen die Tiefengnome näher, schnappten sich dann rasch die Fleischbrocken und verschwanden wieder in ihren dunklen Gängen.

»Gut, morgen früh können wir zurück zum Lager«, stellte Darian fest.

Kopfschüttelnd blickte Hauptmann Torgal zu der Stelle, wo die Tiefengnome verschwunden waren. »Wir leben wahrlich in seltsamen Zeiten.«

In nahezu verschwenderischer Pracht hatte der Frühling sein buntes Kleid über Albany gelegt, als Darian, seine Gefährtin Mia und der Zauberer Nordhalan erneut aufbrachen, nur wenige Tage, nachdem Darian seine Schuld bei den Tiefengnomen beglichen hatte. Von ihrem Lagerplatz am Rannocsee reisten sie nach Westen, um Darians und Mias kleine Tochter Leána abzuholen. Sie hofften, dass das Mädchen durch das geheime Eichentor auf der Nebelinsel bereits direkt aufs Festland, an die Westküste, gelangt war. Sollte dies nicht gelungen sein, stand ihnen eine längere Reise auf die im Westen liegende Insel der Nebelhexen bevor.

»Was ist, wenn sie irgendwo sonst raus kommt und nicht bei Cadman?« Darian machte sich große Sorgen um Leána, und auch an Mia bemerkte er leichte Anzeichen von Unruhe, selbst wenn sie sich bemühte, diese nicht zu zeigen.

»Tagilis hat gesagt, Lilith wird sie begleiten, ganz sicher kommen sie zurecht.«

Trotzdem drängte Darian seine Gefährten zur Eile. In der Ferne konnten sie einen Weiler erkennen, der sich in den Schutz uralter Bäume schmiegte. Kräftige Männer arbeiteten emsig am Bau einer neuen Straße.

»Wenn das Portal erst geschlossen ist, solltet ihr euch zu erkennen geben«, riet Nordhalan. »Sicher werden sich die Menschen dir und Atorian mit Freuden anschließen.«

»Atorian vielleicht schon, mir eher nicht«, gab Darian zu bedenken und dachte mit Grauen daran, wie er vor einigen Sommern sein Königreich hatte verkommen lassen, als er von einem teuflischen Dunkelelfenpilz abhängig gewesen war.

»Wir werden ihnen alles erklären«, meinte Mia aufmunternd und beobachtete lächelnd, wie Schwärme von Schmetterlingen über die Wiese vor ihnen flogen und in der Sonne die wildesten Tänze ausführten. Auch die Bäume waren bereits erblüht, überall tollten junge Hasen, Rehe, und hier und da sogar die scheuen Waldgnome umher.

Mia blieb stehen, schloss kurz die Augen und wenig später schwirrte eine große Gruppe von Heidefeen um sie herum. Die winzigen geflügelten Frauengestalten verharrten kurz, dann stoben sie auch schon wieder davon.

»Ich habe sie gebeten, nach Leána und Lilith zu suchen.« Sie hob bedauernd die Arme. »Ob sie das allerdings wirklich tun werden, weiß ich nicht. Sie lassen sich leicht ablenken, und wenn irgendwo eine besonders hübsche Blume blüht, kann es sein, dass mein Auftrag sofort wieder vergessen ist.«

»Trotzdem finde ich es beachtlich, dass du Elementarwesen beschwören kannst«, warf der große Zauberer mit dem langen grau-schwarzen Bart ein. »Keinem meiner Gilde ist das jemals gelungen.«

Mia lächelte zaghaft. Die Gabe, Elementarwesen zu beschwören, war ihr ausgeprägtestes Talent. Ansonsten beschränkten sich ihre magischen Fähigkeiten auf sehr einfache Zauber.

Ein lautes Geräusch ließ Darians Hand zu seinem Schwert fahren, aber dann entspannte er sich. In der Ferne stapfte nur eine Gruppe Waldtrolle durch das Unterholz, und die drei Gefährten eilten rasch weiter. Sie wollten sich nicht auf einen Kampf mit den groben Wesen einlassen, die sich zwar meist friedlich verhielten, jedoch zur Paarungszeit eine deutliche Neigung zu aggressiven Handlungen zeigten. Es dauerte nicht lange, und einige kleine Heidefeen kamen zurückgeschwirrt und tanzten aufgeregt vor Mia auf und ab.

»Sie sind ganz in der Nähe!« Sofort rannte Mia los, wobei ihr langer schwarzer Zopf wild hin und her pendelte. Selbst Darian, der wieder gut in Form und ein ausdauernder Läufer war, konnte sie kaum einholen. Nordhalan zählte bereits an die zweihundert Sommer und ging ihnen daher langsamer hinterher.

Ein strahlendes Lächeln überzog Mias Gesicht, als sie sah, wie zwei kleine Gestalten auf einem verhältnismäßig großen Pferd über die blumenübersäte Lichtung vor ihnen trabten. Ein Paar winziger brauner Wurzelgnome sprang erschrocken zur Seite, als das gräulich-braune Pferd mit der wallenden schwarzen Mähne angaloppierte und mit donnernden Sprüngen näher kam. Ein zweites dunkelbraunes Pferd, welches am Sattel angebunden war, folgte.

»Mutter!« Noch bevor der imposante Hengst richtig zum Stehen kam, war das schwarzhaarige Mädchen aus dem Sattel gesprungen und umarmte Mia stürmisch. Wenig später wurde auch Darian mit überschwänglicher Freude begrüßt und schloss seine kleine Tochter glücklich in die Arme.

Lilith, die zierliche blonde Frau mit der etwas eigenartig anmutenden Knollennase stieg langsam aus dem Sattel. »Aramia, Darian, ich bin so froh, dass ihr wohlbehalten aus dem Unterreich zurückgekehrt seid.«

Mit einem Lächeln umarmte Mia ihre Nebelhexenfreundin, während Leána Darian aufgeregt erzählte, dass sein Hengst Menhir nicht durch das Portal hätte gehen wollen, sie ihn aber dazu überredet habe. Ein schwarzer Blitz, der von links auf Leána zusprang, ließ Darian zusammenzucken. Dann jedoch erkannte er die schwarze Wölfin Fenja, die ihre kleine Freundin mit feuchten Küssen bedeckte.

»Fenja wollte unbedingt mitkommen«, sprudelte Leána los. »Und sie hat sich nicht so angestellt wie Menhir!«

»Ist denn alles gutgegangen?«, erkundigte sich Mia.

Lilith nickte und deutete auf das zweite Pferd, einen braunen Hengst, der etwas schmaler und eleganter als der kräftige Menhir war. »Liah konnte ich nicht mitnehmen, sie ist inzwischen hochträchtig, daher habe ich dir Lavos mitgebracht.«

Langsam ging Mia zu dem Pferd, das sie aus klugen Augen freundlich ansah.

»Er ist noch recht jung, aber gut ausgebildet. Ich denke, ihr werdet euch mögen.«

Zufrieden klopfte Mia dem Tier den Hals.»Ja, das denke ich auch.«

Leána hatte Darian an der Hand gefasst und zog ihn nun zu ihrer Mutter, wobei sie ununterbrochen vor sich hin plapperte.

»Hast du ihr schon erzählt, was ihre Aufgabe ist …«, begann Darian zögernd, aber Lilith schüttelte rasch den Kopf.

»Wir werden es später tun, wenn sie nicht mehr ganz so aufgeregt ist«, meinte Mia leise und streichelte ihrer quirligen Tochter über die dichten dunklen Haare.

»Was wollt ihr mir erzählen?«

»Du wirst bald deinen Großvater kennenlernen.« Mia beugte sich hinab und Leána sah sie mit ihren großen blauen Augen an.

»Ich habe einen Großvater?«

»Ja, er sieht allerdings etwas … nun ja … anders aus als wir. Er ist ein Dunkelelf und …«

Bevor sie ausgeredet hatte, erschien Nordhalan auf der Lichtung, und Leána rannte sofort freudig auf ihn zu.

»Bist du mein Großvater? Warum hast du denn gar kein Schwert? Haben alle Dunkelelfen so lange Bärte?«

Nach einem Augenblick der Überraschung nahm Nordhalan die Kleine auf seinen Arm. »Nein, ich bin kein Dunkelelf und sie tragen gar keine Bärte. Ich bin Nordhalan, ein Zauberer und Freund deiner Eltern.«

»Ach so.« Zuerst wirkte Leána enttäuscht, aber dann strahlte sie schon wieder. »Willst du auch mein Freund sein? War dein Vater vielleicht ein Zwerg, weil du so viele Haare im Gesicht hast?« Sie runzelte grübelnd ihre glatte Stirn. »Aber dafür bist du viel zu groß, es sei denn, deine Mutter war ein Bergtroll.«

»Leána, nicht alle Wesen sind aus verschiedenen Rassen entstanden«, erklärte Mia geduldig, »Nordhalan ist ein Mensch, und du wirst noch viele reinrassige Menschen kennenlernen.«

»Oh!« Nun schien sie sich ein wenig vor dem Zauberer zu fürchten und ging lieber rasch zu Darian zurück, dem sie ihre Arme um die Hüfte schlang.

»Keine Angst, Leána«, versicherte Nordhalan freundlich, »nicht alle Menschen sind schlecht.«

Sie nickte zustimmend, versteckte aber trotzdem schutzsuchend ihren Kopf an Darians Rücken.

»Komm, Leána, dein Onkel Atorian freut sich schon darauf, dich wiederzusehen, genauso wie Tagilis«, forderte Darian sie auf.

»Sie sind auch hier?« Leána begeisterte dies sichtlich, und sie fragte, ob sie auf Menhir reiten dürfe, was ihr Darian auch erlaubte. Jedoch bestand er darauf, die Zügel zu führen.

Glücklich thronte Leána auf dem großen Pferd und sah sich neugierig um, stellte dann jedoch enttäuscht fest: »Auf dem Festland sieht es gar nicht viel anders aus als auf der Nebelinsel.«

»Wo stand denn das Tor, welches aufs Festland führt?«, wollte nun Nordhalan wissen und musterte die kleine Nebelhexe Lilith unauffällig.

»Gar nicht weit von unserem Dorf entfernt«, erklärte sie mit heller, jedoch energischer Stimme. »Zwei ineinander verschlungene Eichen haben es bezeichnet, und auch auf der anderen Seite waren sehr ähnliche Bäume zu sehen. Es war faszinierend. Ich spürte nur ein kurzes Kribbeln, dann waren wir auf der anderen Seite.«

»Ich habe Cadman getroffen«, erzählte Leána und wippte im Takt von Menhirs ausgreifenden Schritten auf und ab. »Er hat sich gefreut, weil Fenja so ein hübscher großer Wolf geworden ist.«

»Wollte er nicht mitkommen?« Mia sah sich suchend um.

»Nein«, Lilith verzog ihren Mund, »ich denke, der alte Mann hat sich vor mir gefürchtet, weil ich eine Nebelhexe bin.«

Allmählich verstummten die Gespräche, und nachdem sie den ganzen Tag lang geritten waren, erreichten sie am Abend den geheimen Lagerplatz, der verborgen in einem schwer zugänglichen Tal an den Ufern des Rannocsees lag. Zusätzlich hatte Nordhalan noch einen Schutzzauber über die Siedlung gelegt, welche dem flüchtigen Betrachter vorgaukeln würde, die Halbinsel sei völlig unbewohnt. Mehrere mit Stroh oder Heidekraut gedeckte Holzhütten schmiegten sich in den Schutz hoher Bäume und Hecken; rund um das Dorf waren einige Felder angelegt worden, mit denen sich die knapp zwanzig Bewohner ihren nötigen Lebensunterhalt sicherten. Zunächst verhielt sich Leána ungewohnt ängstlich wegen der fremden menschlichen Männer, aber als sie ihren Onkel und Tagilis sah, legte sich ihre Scheu, und vor allem den Zwerg Edur schien sie sofort in ihr Herz zu schließen, denn er machte alle möglichen Scherze mit ihr und ließ sie auf seinen breiten Schultern reiten.

Nach dem Abendessen, als sich alle am Feuer in der größten Hütte versammelten, saß Leána bereits vertrauensvoll auf Nordhalans Schoß und lauschte halb schläfrig den Gesprächen der Erwachsenen, von denen sie vermutlich nicht allzu viel verstand.

Als Nordhalan ein wiederholtes Zupfen an seinem buschigen langen Bart spürte, sah er hinab zu dem kleinen Mädchen.

»Was machst du denn da?«, fragte er empört.

Leána hielt stolz seinen zu mehreren Zöpfen geflochtenen Bart in die Höhe. »Das sieht hübsch aus, außerdem hängt er dir dann nicht so leicht in der Suppe.«

Alle Anwesenden begannen laut zu lachen, während Nordhalan die Kleine mit säuerlicher Miene auf den Boden setzte.

»Mein Bart hat noch niemals in der Suppe gehangen«, betonte er.

»Vater, lässt du dir auch so einen Bart wachsen?«, bettelte sie. »Es macht Spaß, Zöpfe hineinzuflechten.«

Kopfschüttelnd und noch immer grinsend kniff Darian sie spielerisch in die zierliche Nase. »Nein, ich möchte keinen Bart tragen, und bitte lass den von Nordhalan in Zukunft in Ruhe. Ich glaube, er ist da etwas empfindlich.«

Leána seufzte abgrundtief. »Menschen verstehen einfach keinen Spaß, dass sagt Murk auch immer.«

Nur sehr mühsam gelang es Nordhalan, seine strenge Miene aufrecht zu erhalten, und als er zusah, wie die Kleine rasch auf Darians Schoß kletterte und an seiner Schulter einschlief, musste er sich eingestehen, dass er Darians Tochter schon jetzt in sein Herz geschlossen hatte.

Während Darian sich mit Torgal und Edur unterhielt, betrachtete Nordhalan ihn und Leána eingehend. Das Mädchen hatte die filigranen Züge und auch die rabenschwarzen Haare ihrer Mutter geerbt, wenngleich die von Aramia seidiger und glatter waren, Leánas Haar etwas dicker und leicht gelockt. Die großen blauen Augen hingegen stammten eindeutig von Darian, und auch ihr Lächeln erinnerte an den jungen Erben von Northcliff.

Diese kleine Familie wird es nicht einfach haben, überlegte der Zauberer bedrückt.

Noch an diesem Abend brachen hitzige Diskussionen aus, wie sie weiter vorgehen sollten, denn endlich schien die Ausführung ihres Auftrages, den sie von Merradann bekommen hatten, nicht mehr ganz unmöglich zu sein. Das Orakel – in Darians früherer Welt auch bekannt unter dem Namen Merlin – hatte sie aufgefordert, sämtliche Weltenportale in Albany zu schließen, damit Samukal keine weiteren Dämonen mehr durch diese beschwören konnte. Drei Zauberer von zwei unterschiedlichen Rassen bedurfte es, um diese Aufgabe zu bewerkstelligen. Doch erst im Dunkelelfenreich hatten sie dank Mias Urgroßvater Ray’Avan herausgefunden, dass Leána vermutlich eine Portalfinderin war. Heute beschlossen sie, in spätestens zwei Tagen zum Stein von Alahant aufzubrechen.

Doch selbst, wenn sich Leánas Fähigkeit wirklich zeigte – ob sie die Weltentore dann tatsächlich schließen können würden, schien eher fraglich. Denn noch hatten sie keine Nachricht von den Elfen erhalten, die versprochen hatten, im Frühling einen Zauberer zu schicken.

»Vielleicht wartet der Elfenmagier bereits am Stein«, mutmaßte Hauptmann Torgal und fuhr sich durch die kurzgeschnittenen grauen Haare. Darian wusste, dass Torgal all diese Magie ebenso suspekt war wie den anderen Männern, und umso höher rechnete er es ihm an, dass er zu seinem Versprechen stand, an seiner Seite um Northcliff zu kämpfen.

Langsam zerstreute sich die Menge, und die Männer zogen sich in die umliegenden Hütten zurück.

Darian hielt seine kleine Tochter im Arm und starrte grüblerisch ins Feuer. Nachdem Mia sich noch kurz und mit leise mit Lilith unterhalten hatte, trat sie zu ihm.

»Was hast du? Du wirkst so nachdenklich.«

Darian blickte zu ihr auf und betrachtete zärtlich, wie sich das Licht in ihren dunkelgrünen Augen fing und einen sanften Glanz auf ihr ebenmäßiges Gesicht zauberte.

»Leána wird niemals die Welt sehen, in der ich aufgewachsen bin«, sagte er mit leisem Bedauern. »Weißt du, vorher habe ich nicht wirklich daran gedacht, aber wäre es nicht vielleicht besser, wenn wir alle durch das Portal gingen und in der anderen Welt ein neues Leben anfingen?«

Mia zog ihren Stuhl näher zu ihm heran und streichelte ihm über die halblangen dunkelblonden Haare. »Willst du wirklich Samukal euer Königreich überlassen?«

»Nein, natürlich nicht«, gab er zu und schämte sich plötzlich seiner eigennützigen Gedanken. »Aber Leána ist noch so klein. Vielleicht wäre sie in der anderen Welt sicherer.«

»Ich weiß nicht, Darian, ich habe einige Zeit dort gelebt, und ich fand die andere Welt nicht sonderlich sicher.« Dann lachte sie plötzlich auf. »Und kannst du dir Tagilis, deinen Bruder oder Torgal und Nassàr vielleicht als normale Angestellte in einem Büro in London oder Edinburgh vorstellen? Mal abgesehen davon wären wir auch dort immer auf der Flucht, denn wir alle werden sehr viel älter als normale Menschen, und das würde irgendwann auffallen.«

»Du hast schon Recht.« Die Worte seiner Gefährtin hatten ein Lächeln auf sein Gesicht gezaubert. »Die drei würden vielleicht einige Zeit als verkappte und schrullige Antiquitätenhändler durchgehen«, scherzte Darian, wurde aber sogleich wieder ernst und seufzte tief. »Ich weiß, unsere Aufgabe liegt hier, und wir werden sie meistern!«

Aufmunternd drückte Mia seine Hand, dann nahm sie ihm ihre tief und selig schlafende Tochter aus dem Arm und legte sie sanft in eines der einfachen Holzbetten.

Nachdem es dunkel geworden war, erschien Zir’Avan, Mias Vater, in der Hütte. Aus dem Schatten jenseits des Feuerscheins kristallisierte sich die hochgewachsene, schlanke Gestalt des Dunkelelfen heraus, dessen Haut von deutlich dunklerer Farbe war als die der Menschen. Seine langen anthrazitfarbenen Haare hingen ihm bis beinahe zur Hüfte. Mal wieder beeindruckte Darian Zir’Avans eigenartige Aura aus Unerbittlichkeit, Würde und Stolz, wie er hochaufgerichtet, mit gestrafften Schultern dort in der Tür stand, und alles und jeden mit seinem durchdringenden Blick musterte. Dieses Wesen war ganz sicher der tödlichste Gegner, den man sich vorstellen konnte mit ganz eigenen, für Menschen häufig kaum nachvollziehbaren Moralvorstellungen. Jetzt trat der Dunkelelf leise und behutsam an Leánas Bett.

»Dies ist meine Enkeltochter?«, fragte er kaum hörbar und ein zärtlicher Ausdruck trat auf sein sonst so beherrschtes und meist unbewegtes Gesicht.

Mia lächelte stolz, und Darian war froh, dass sie sich jetzt besser mit ihrem Vater verstand. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie Zir’Avan nur Verachtung und Hass entgegengebracht, aber seitdem er ihr und ihren Gefährten im Unterreich sehr geholfen hatte, begann sie ihm langsam zu vertrauen.

»Ich bin von großem Stolz erfüllt. Dieses kleine Wesen ist wundervoll.«

»Warte nur, bis sie wach ist und anfängt, deine Haare zu Zöpfen zu drehen oder ähnlichen Unsinn«, warnte Darian schmunzelnd, was Zir’Avan jedoch nicht davon abhielt, sie weiterhin fasziniert zu betrachten.

Nur sichtlich ungern riss er sich von ihr los.

»Die Nacht bricht herein, wir sollten mit dem Training beginnen«, wandte er sich dann an Darian.

Ebenso wie die anderen Männer hier, übte dieser sich nun schon seit geraumer Zeit mit Zir’Avan im Schwertkampf, denn der Dunkelelf war ein Meister darin und konnte ihnen allen wertvolle Ratschläge geben. Torgal und seine Männer hatten zwar noch immer Vorbehalte gegen den Dunkelelfen, doch da er ihnen bislang keinen Anlass gegeben hatte, der ihr Misstrauen bestätigt hätte, nutzten sie diesen unerwartete Gelegenheit.

Da Zir’Avan das helle Tageslicht unangenehm war, warteten sie meist bis zum Einbruch der Nacht, entzündeten dann Feuer in dem verborgenen Tal und trainierten mit hölzernen Übungswaffen – mit richtigen Waffen wäre der Kampf gegen Mias Vater viel zu gefährlich gewesen. Auch heute ließ Zir’Avan sie Angriff und Verteidigung gegen die den Dunkelelfen eigenen wirbelnden Schläge üben. Obwohl Darian wusste, dass Zir’Avan nur mit halber Kraft angriff, sah er, dass Torgal, Nassàr und Fendor schon nach kurzer Zeit völlig erschöpft waren.

Darian selbst hielt sich ein klein wenig besser, da er bereits mit Bas’Akir geübt hatte, aber auch er wusste, dass er noch viel zu lernen hatte. Der Beste von ihnen war Atorian, dessen Klinge nur so durch die Luft zischte und der Zir’Avans Attacken meist zielsicher parierte. Leichte Eifersucht machte sich in Darian breit, und er nahm sich vor, härter zu trainieren. Allerdings hatte Atorian auch schon über zweihundertfünfzig Sommer und Winter Zeit gehabt, um seine Kriegskunst zu perfektionieren. Rein äußerlich wirkte er dabei nicht viel älter als Darian, der Anfang dreißig war. Die Erben von Northcliff konnten durchaus bis zu fünfhundert Jahre alt werden, wenn sie nicht vorher getötet wurden, und alterten auch rein äußerlich entsprechend langsam.

Die Männer und Mia hatten bereits eine ganze Weile trainiert und langsam, aber sicher erlahmten besonders die Schläge von Torgal und den älteren Männern. Gerade wollte Darian vorschlagen, das Training zu beenden, als die Männer ohnehin innehielten, denn plötzlich stand Leána vor ihnen, nur in ein dünnes Hemdchen gekleidet und mit zerzaustem Haar.

»Darf ich auch mitmachen?«, fragte sie begeistert, dann fiel ihr Blick auf Zir’Avan und sie ging ohne Scheu auf ihn zu. »Du hast dunkle Haut, so ähnlich wie eine Sumpfnyade«, stellte sie fest.

Zunächst schien Zir’Avan der Vergleich mit einer Sumpfnyade zu missfallen, dann zeichnete sich allerdings ein Schmunzeln auf seinem Gesicht ab. »Mein Name ist Zir’Avan, und ich bin dein Großvater.«

»Bringst du mir bei, auch so gut mit dem Schwert zu kämpfen?«, bat sie und fasste an den Griff seiner schlanken Elfenklinge.

»Natürlich, meine Kleine.« Sichtlich erfreut über das Interesse seiner Enkeltochter versprach er: »Ich werde dir ein kleines Schwert aus starkem Holz schnitzen.«

»Sie ist erst sechs, das kann noch warten«, mischte sich Darian jetzt ein und fasste seine Tochter an den Schultern.

»Kinder meines Volkes erhalten bereits in ihrem dritten Sommer ein Schwert.« Unverständnis stand in Zir’Avans Zügen.

»Leána ist aber keine Dunkelelfe.«

Beruhigend legte Mia ihrem Gefährten eine Hand auf die Schulter. »Auch auf der Nebelinsel hat sie schon spielerische Kämpfe mit den anderen Kindern ausgetragen, es wird ihr nicht schaden.«

»Mia, sie ist ein kleines Mädchen, das kann doch nicht dein Ernst sein!«

Mia nahm Darian an der Hand und führte ihn etwas abseits. »Es ist wichtig, dass Leána lernt, sich zu verteidigen. Sie hat Dunkelelfenblut in sich und wird sicher eine gute Kriegerin werden.«

»Sie ist …«, er fuchtelte wild in ihre Richtung, »klein und zart. Leána kann warten, bis sie meinetwegen fünfzehn oder sechzehn ist.«

»Sie soll ja noch nicht in einen richtigen Kampf ziehen. Aber jetzt lernt sie leichter und spielerisch, und Zir’Avan ist ein hervorragender Lehrmeister.«

Darian behagte die Vorstellung, dass Leána eine Kriegerin werden sollte überhaupt nicht, aber da er sich freute, dass Mia ihren Vater zu akzeptieren begann, willigte er schließlich ein. Nach längerem Nachdenken musste er sich auch eingestehen, dass es gut war, wenn Leána schon jetzt mit dem Training begann. Sicher, sie war ein kleines Kind, aber in dieser Welt war es wichtig, von Kindesbeinen an mit dem Schwert vertraut zu sein. Er selbst hatte den Umgang mit der Waffe erst mühselig und unter großer Anstrengung erlernen müssen, als er mit fünfundzwanzig hierher gekommen war.

Sie wird es leichter haben als ich, dachte er, wenngleich er sich kaum auszumalen wagte, dass dieses niedliche kleine Mädchen eines Tages gezwungen sein würde, jemanden zu töten. Aber das wäre wohl immer noch besser, als selbst getötet zu werden.

Im Augenblick sprang Leána wild um Edur herum und versuchte, ihn am Bart zu fassen.

»Musst du nicht eigentlich längst schlafen?«, keuchte der Zwerg irgendwann entnervt.

»Nein, ich habe Dunkelelfenblut in mir, ich kann viel länger wach bleiben«, erwiderte sie selbstbewusst, und setzte ihre Jagd fort.

Schließlich gab sich der junge Zwerg geschlagen. »Gut, aber ich bin kein Dunkelelf und muss ins Bett.«

»So, und wir haben jetzt noch das Vergnügen, Wache zu halten«, meinte Nassàr, eine Grimasse schneidend, zu seinem Freund Fendor. Als Mia und ihr Vater anboten, dies für sie zu übernehmen, schoben die beiden Männer trotzig ihr Kinn vor und schüttelten die Köpfe. Kurz drauf löste sich die Gruppe auf, und jeder verschwand in die umliegenden Hütten.

Langsam schritten Nassàr und Fendor zwischen den in Dunkelheit liegenden Holzhütten hindurch und überquerten den schmalen Damm, der aufs Festland führte. Ihr Lager, das während der letzten sechs Sommer und Winter zu einem kleinen Dorf angewachsen war, war nahezu perfekt vor feindlichen Blicken geschützt. Diese Insel lag am Rande eines Sees, war von Bäumen und Büschen bewachsen, und das Tal war nur durch einen Pass in den Bergen zugänglich.

»Besser wir halten selbst Wache als ein – Dunkelelf«, sprach Fendor Nassàrs Gedanken aus.

»Da hast du Recht.« Der alte grauhaarige Krieger fuhr sich über den Dreitagebart. »Seine Kampfkunst ist beeindruckend, aber ich würde ihm nicht mein Leben anvertrauen.«

Einträchtig umrundeten die Männer den See, um zu dem Pass zu gelangen, der hinauf in die wilden Berge führte.

»Ich wünschte, die kleine Kaya käme wieder vorbei«, begann Fendor irgendwann und blickte sehnsüchtig in den sternenübersäten Frühlingshimmel. Die junge Frau hatte vor einigen Monden den verletzten Tagilis von Ilmor zum Rannocsee begleitet und war kurze Zeit geblieben – nicht ohne mit ihrer quirligen und unkomplizierten Art allen Männern den Kopf zu verdrehen. Leider war sie dann jedoch wieder nach Ilmor abgereist.

»Meinst du nicht, sie ist etwas zu jung für dich?«, entgegnete Nassàr grinsend.

»Ach was, ich bin noch gut in Form.« Fendor fuhr sich durch das noch immer volle braune Haar. »Außerdem sehe ich jünger aus.«

»Ha, ha, wenn, dann kommt sie eher wegen dieses Halbelfen zurück. Sie hat ihm ganz schön glühende Blicke zugeworfen.«

»Was?« Fendor sah seinen Freund entsetzt an, bemerkte dann aber, dass dieser ihn nur aufziehen wollte.

»Blödsinn, Tagilis ist …« Der Krieger beendete seinen Satz nicht, sondern deutete schaudernd auf den nahen See, wo der Halbelf am Ufer saß, eine durchscheinende Gestalt vor sich, mit der er sich offensichtlich unterhielt. Die schwachen Strahlen des Mondlichts genügten, um die Umrisse der schwebenden Frau auf geisterhafte Weise nachzuzeichnen. »Das ist aber schon gruselig, oder?«

Mit einem Gefühl der Beklemmung nickte Nassàr. Als erfahrenen Krieger von über sechzig Sommern erschreckte ihn so schnell nichts, aber ein Halbelf von der Nebelinsel, der einen Geist als Gefährtin hatte, war doch etwas zu viel.

»Das sind eigenartige Zeiten, Fendor. Wir sind mit Nebelhexen, Dunkelelfen und anderen Halbwesen verbündet, am Ende wird noch ein Bergtroll zu unseren Gefährten zählen.«

Belustigt schlug Fendor seinem Freund auf die Schulter, und sie machten sich an den Aufstieg, um den Zauberer Nordhalan und ihren Gefährten Markat abzulösen, die am Eingang zum Tal Wache gehalten hatten…

Ende (von Kapitel 1)

Copyright (c) 2011/2012 by Aileen P. Roberts

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, eine Rezension zur Unterstüzung anbei, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Aileen P. Roberts
Im Schatten der Dämonen
Weltennebel 3

Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1. Auflage: 02/2012
TB 47590, Urban Fantasy
ISBN 978-3-442-47590-2
Titelgestaltung von UNO Werbeagentur, München unter Verwendung eines Motivs von Jürgen Gawron
Karte von Andreas Hancock

www.goldmann-verlag.de
www.aileen-p-roberts.de
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Als der Student Darian von Mia, einer Kommilitonin, erfährt, dass er in Wahrheit der lange verschollene Königssohn von Albany ist, glaubt er ihr zuerst kein Wort. Doch schneller, als es dem jungen Mann lieb ist, wird die für ihn fiktive Welt, von der Mia erzählt, zur Wirklichkeit. Zu seinem Entsetzen entpuppt sich sein Adoptivvater Samukal als Mörder seiner Eltern und als mächtiger Zauberer. Fehenius der Bruder Samukals, schafft es zudem, dass Darian bei seinem Volk in Ungnade fällt. Mit Mias Hilfe gelingt es Darian, seinen tot geglaubten Bruder Atorian zu befreien, der in einem unterirdischen Gefängnis vor sich hinvegetierte. Der Zauberer Nordhalan schließt sich ihnen an. Gemeinsam reisen die Brüder mit Mia ins Reich der Dunkelelfen. Mias Vater will ihnen helfen, einen Zauberer unter den Dunkelelfen zu finden, denn nur so können sie Samukal besiegen.

Samukal hat sich mit mächtigen Dämonen eingelassen. Während Atorian und Darian den Widerstand gegen Fehenius und Samukal organisieren, verliert der Zauberer nach und nach die Kontrolle über die Wesenheiten, die er herbeigerufen hat. Diese richten fürchterliches Unheil unter der Bevölkerung an. Darian bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss die verschwundenen Drachen finden und nach Albany zurückbringen; bloß dann haben die Gefährten eine Chance, Samukal und seine Schergen zu besiegen.

Der dritte Teil ist noch düsterer als seine beiden Vorgänger. Die Autorin verschärft den Ernst der Lage zusehends. Ihre Protagonisten beginnen, sich weiter mehr zu entwickeln. Allen voran der mächtige Zauberer. Samukal, der Gegenspieler und Erzfeind Darians, verliert an Boden, als ihm die Kontrolle über die Geister bzw. Dämonen, die er rief, entgleitet. Der große Zauberer fängt allerdings an zu begreifen, dass eine viel mächtigere Figur die Fäden hinter den fürchterlichen Aktionen zieht, die diese Schreckgespenster ausführen. Ein Sinneswandel setzt bei diesem machtbesessenen Mann ein. Darian ist ihm ans Herz gewachsen, und da er ihn wie einen Sohn großgezogen hat, liebt er ihn auch wie einen Sohn. Das wird dem Zauberer klar, als er selber nicht mehr in der ersten Reihe mitspielt.

Atorian findet endlich die Wiedergeburt seiner großen Liebe. Das entspannt die Situation zwischen ihm und Mia. Diese ist einfach froh, dass der Bruder ihres Liebsten endlich aufhört, ihr Avancen zu machen. Das Verhältnis zwischen Mia und ihrem Vater wird immer besser. Dieser gesteht der jungen Frau, dass er ihre Mutter aufrichtig geliebt hat. Die Umstände ihrer Trennung ergeben endlich Sinn für Mia. Der Groll, den sie die ganze Zeit in ihrem Herzen pflegte, beginnt, sich aufzulösen. Darian ist froh, dass Atorian noch lebt, denn nun muss er nicht mehr auf den Thron zurückkehren. Er will bei Mia bleiben und mit ihr und ihrer beider Tochter zusammenleben. Die Protagonisten, die nur als Nebenfiguren auftreten, sind mit ihrem Handeln genauso agil und real eingebunden wie die Hauptfiguren des Dreiteilers. Durch viele kleine Aktionen und einigen Situationen, in der die Autorin ihre Figuren wirken lässt, bekommen diese mehr Tiefe. Natürlich hat Aileen P. Roberts reichlich Fallstricke für ihre Protagonisten aufgespannt und nicht jeder bekommt das, was er eigentlich verdient. Sei es denn im Guten oder im Bösen.

Mit dem dritten und letzten Teil der „Weltennebel“-Trilogie verabschiedet sich die Autorin mit einem fulminanten Abenteuer und Finale von ihren Figuren. Das Ende ist derart offen gesetzt, das eins sicher sein dürfte: Dies ist bestimmt nicht der letzte Besuch von Aileen P. Roberts in Albany. Wenn sie wieder einen Weg dorthin findet, dürfen die Leser sie bestimmt begleiten, um bekannte Gestalten wie Darian oder Mia ein Stück weit ihres Weges zu begleiten. Wer „Thondras Kinder“, ebenfalls von der Autorin, oder die Trilogie „Die Gilde der schwarzen Magier“ von Trudi Carvan, schätzt wird sich mit diesem Buch spannende Lesestunden schenken.

Copyright der Rezension © 2012 by Petra Weddehage (PW)

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DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON? – Eine Kurzgeschichte von Martina Müller

Erstellt von Müller am 24. April 2012

DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON?

Eine Kurzgeschichte

von

Martina Müller

Ich hatte mir einen Wandertag gegönnt. Jetzt saß ich im Speiseraum Zur Alten Post und wollte zu Abend essen. Ich winkte die Kellnerin herbei und bestellte “einmal Schweinelende mit Erbsen und Kartoffeln”. Als Nachtisch bestellte ich “Rhabarber mit Honig”. Die Bedienung brachte mir noch einen Orangensaft. Ich nahm ein Zimmer in dem Gasthof und legte mich sofort ins Bett, da ich vom Wandern erschöpft war.

Am nächsten Tag holte mich mein Geselle Kurt mit dem Pferdewagen ab und wir fuhren direkt zum Kinderheim. Kurt begann mein Handwerkszeug im Hof des Heims aufzubauen und der Hausmeister half: einen Stuhl, eine kleine Bank und zwei Holzblöcke für die Füße, die Wanne mit dem Ton und natürlich die Drehscheibe. Kurt brachte mir einen Topf mit Wasser, legte Schwamm und Abschneidedraht auf der Bank zurecht. Ich folgte dem Hausmeister ins Gerätehaus, damit ich mich dort umziehen konnte. Als ich herauskam, wurden die ersten Kinder auf den Hof geführt. Während ich mich auf den Stuhl setzte, waren einige fesche dabei, die an meiner Drehscheibe drehten und kicherten.

Nachdem ich die Kinder aufgefordert hatte, sich so aufzustellen, dass die kleineren vorne und die mittleren dahinter und ganz hinten die großen standen, begann ich mit der Arbeit. Nun stellte mich der Heimleiter den Kindern vor. Als ich bereit war, fragte ich ein kleines Mädchen, was ich herstellen solle. Sie antwortete: “Eine schöne Vase bitte”, und hielt sich anschließend verlegen die Hände vor den Mund.

“Also eine Vase”. Ich holte einen feuchten, grauen Tonklotz aus der Wanne und legte los: “Zuerst kommt der Ton auf die Scheibe, und zwar genau in die Mitte”. Mittlerweile hatte ich mit den Füßen die untere Scheibe in Schwung gebracht, und auch die obere Scheibe kreiste mit. Als endlich genügend Umdrehungsgeschwindigkeit vorhanden war, warf ich den Tonklotz darauf, spritzte ordentlich Wasser darüber und drückte ein paar Sekunden mit den Händen dagegen, damit die Tonmasse gleichmäßig verteilt wurde.

“Zuerst forme ich mit den Daumen den Vasenboden. Er darf nicht zu dünn werden. An den Seiten bilde ich mit den Fingern die Würste, die ich zu den Wänden hochziehen werde.” Schnell tauchte ich die Hände ins Wasser, dann ließ ich zwischen Daumen und Zeigefinger die Tonwülste hochlaufen. Ich drückte mit dem Zeigefinger, der die Innenseite formte, gegen den Ton, wodurch eine bauchige Wand entstand. Die Kinder klatschten in die Hände als sie das sahen und freuten sich und jauchzten und quitschten.

Nachdem ich die Scheibe angehalten hatte, fragte ich die Kinder, ob sie meinten, dass die Vase schön werden würde, worauf sie freudig bejahten. Ich lächelte zurück und griff nach dem Schwamm, der auf der Bank lag und stieß die Scheibe wieder an. Ich hielt den Schwamm an die Außenseite der Vase und zog damit den Ton schräg zur Mitte hin. Es formte sich eine mäßig große Öffnung und schon klatschten die Kinder wieder in die Hände und freuten sich, denn jetzt sah das Ganze schon nach einer richtigen Vase aus.

Ich forderte einen der Jungen auf, vorsichtig an die Außenseite der Vase zu fassen wobei ich leicht an der Scheibe drehte. “Das fühlt sich gut an und richtig gleichmäßig”, sagte er erstaunt. Ich erklärte ihm, dass das so sein muß, damit die Vase beim Brennen nicht reißen oder ungleichmäßig werden würde. Nachdem der Junge auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahm ich den Abschneidedraht. Ich zog ihn stramm und trennte damit die Vase von der Scheibe.

Nachdem ich die Vase von der Scheibe auf die Bank gesetzt hatte, fragte ich die Kinder, was sie davon hielten, wenn wir eine richtige Kanne herstellen würden. Sie brüllten „ja“. Auf meine Frage, ob mir einer von ihnen helfen möge, streckten sich alle Kinderhände in die Höhe. Ich wählte ein etwa elfjähriges Mädchen aus. Es kam zu mir und ich setzte es vor mich auf den Hocker. Mein Geselle hatte schon einen vorbereiteten Tonklotz aus dem Wasser gefischt und warf ihn mir auf die Scheibe. Ich begann die Scheibe zu drehen, spritzte Wasser auf den Klotz und nahm die Hände des Mädchens, um damit den Boden des Objektes zu formen. Anschließend zog ich mit seinen Händen eine ovale Form nach oben. Erneut wurde geschwammelt und kaum dass man hinschaute, war die Grundform der Kanne fertig.

Auf diese Weise stellte ich genauso viele Objekte her wie Kinder da waren. Mit jedem Kind formte ich mit deren Händen die von ihnen gewünschten Gegenstände. In der Zwischenzeit hatte mein Geselle Kurt den Ofen auf Temperatur gebracht und wir begannen die schon trockenen Rohlinge zu brennen. Die Kinder staunten nicht schlecht als ihre Werke aus dem Ofen ans Tageslicht geholt wurden. Ich fragte sie, was sie davon hielten, den Beruf des Töpfers zu erlernen. Alle waren begeistert und meldeten sich, um in die Liste eingetragen zu werden, die Kurt vorbereitet hatte.

Nachdem ich mich von den Kindern verabschiedet hatte, trat der Leiter des Kinderheims an mich heran, um Weiteres in die Wege zu leiten. Zusammen schauten wir die Liste an, auf der ich eingetragen hatte, wie ich die Fähigkeiten und das Talent eines jeden einzelnen Kindes eingeschätzte. Der Leiter schaute mich sorgenvoll an. Er meinte, dass ich von den dreißig Kindern die Zwölf heraussuchen sollte, von denen ich meinte, dass sie für den Beruf des Töpfers in der staatlichen Manufaktur des Reiches taugten. Ich traf meine Wahl und übergab ihm die Liste.

Nachdem mein Geselle alle Teile unserer kleinen mobilen Töpferei auf den Pferdewagen geladen hatte, setzte ich mich neben ihn. Er ließ die Zügel schnalzen, sodass unser Gefährt vom Hof rollte. Als wir auf die Straße einbogen, kam uns eine schwarz glänzende Limousine mit SS-Emblemen auf den Wimpeln entgegen. Kurz dahinter tuckerte der Diesel des grauen Personenbusses mit der Aufschrift der staatlichen Fabrik für Töpferwaren. Kurt fragte mich, was mit den Kindern geschehe. Worauf ich ihm antwortete: “Ein Dutzend Kinderseelen haben wir gerettet. Die müssen zwar hart in der Töpferei des Reiches arbeiten, aber sie dürfen leben!”

“Und die restlichen Achtzehn?”, wollte er wissen.

Ich schaute ihn kurz an und in Kurts Augen spiegelte sich die Angst und Sorge um die restlichen Kinder wider. Er schien zu ahnen, was ich ihm sagen würde: “Nicht alle Kinder aus diesem Heim sind für das Reich von Wert. Alle Reichsfabriken haben jetzt offenbar wieder ihren Soll-Stand an Arbeitern erreicht…”

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Martina Müller

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus60-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

Peschke, Franz
Ökonomie, Mord und Planwirtschaft

Die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich

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ISBN :      978-3-89733-259-1
Einband :      Paperback
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Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 02.04.2012
Gewicht :      1006 g
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Franz Peschke beschreibt in seinem Buch die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich im Zeitraum von 1932/ 1933 bis 1950. Vor allem in der Zeit bis zum Beginn des 2. Weltkriegs spielten die Auswirkungen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses auch in der Anstalt Wiesloch eine große Rolle.

Nach einer chaotischen Anfangsphase arbeitete Wiesloch mit den neu eingerichteten Gesundheitsämtern und Erbgerichten eng zusammen und hielt sich an die gesetzlichen Vorgaben. Sterilisierungen fanden bis 1944 statt. In Wiesloch wurde bei Beginn des 3. Reiches eine eigene erbbiologische Abteilung unter Dr. Schiffmann eingerichtet und 1939 unter Dr. Overhamm erneuert. Der Schriftwechsel dieser Abteilung, wie er sich in den Sippentafeln spiegelt, wird hier ausführlich rezitiert.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges treten die Sterilisierungen zurück. An ihre Stelle treten Verschubungen von Patienten, die als „planwirtschaftliche Maßnahmen“ geführt wurden und die der „Euthanasie“, also der Ermordung der Patienten dienten. Der Autor schildert das Schicksal der Sicherungsverwahrten, der Juden, der Ost-, und Zwangsarbeiter, der Kinder, aber auch die Geschichte der so genannten Forschungsabteilung Wiesloch und der zur Euthanasie verlegten Patienten.

Das Kriegsende, die Rückgewinnung von Gebäuden für die Anstalt, die rückgekehrten Patienten, die z.B. nach Stephansfeld oder Hadamar verschubt worden waren, und die Wiedergutmachungsleistungen an in Wiesloch sterilisierten Patienten werden abschließend thematisiert.

Dr. med. Franz Peschke, ist seit 1998 in München als Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse niedergelassen; seine medizingeschichtliche Promotionsarbeit ist unter dem Titel “!Ausländische Patienten in Wiesloch. Schicksal und Geschichte der Zwangsarbeiter, Ostarbeiter, ‚Displaced Persons‘ und ‚Heimatlosen Ausländer‘ in der Heil- und Pflegeanstalt, dem Mental Hospital, dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch und dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden” veröffentlicht worden; Er schrieb außerdem eine Geschichte der Pflegeanstalt Rastatt, “Schreck’s Anstalt: Eine Dokumentation zur Psychiatrie und ‚Euthanasie‘ im Nationalsozialismus am Beispiel der Pflegeanstalt” (1993); Seit 2005 ist er Mitherausgeber und Autor in der Reihe “Aspekte der Medizinphilosophie”.

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