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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 3 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 1/2012)

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Januar 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 3

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Lovisa starrte angestrengt aus dem Panoramafenster der SKUNKALLA. Sie hielt das Steuerrad so fest umklammert, dass ihre Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Bernard saß abseits an dem großen Sensorbildschirm und beobachtete kleine Objekte, die planlos durch den Weltraum trieben. Kleine Felsen, Bauteile von Handelsfrachtern, sogar die ausgebrannte Hülle eines Kriegsschiffs waren zu sehen.

Schweiß stand auf Lovisas Stirn. Sie konzentrierte sich vollständig auf das Manöver und wich im letzten Augenblick einer riesigen, frei in der Schwerelosigkeit schwebenden Statue eines Elefanten aus.

“Von Steuerbord kommt ein weiteres Objekt auf uns zu.”, meldete Bernard. “Es sieht aus wie …” Bernard stockte kurz und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. “Es sieht aus wie eine Kutsche.”

Lovisa reagierte sofort und schob das Steuerrad nach vorne, um unter dem Objekt hinwegzutauchen. Kurz erhaschte sie einen Blick auf das Objekt. “Ein Auto.”, murmelte sie und drehte dann das Steuerrad mit einem heftigen Schwung nach links. Die SKUNKALLA vollführte beinahe eine Rolle, doch Dank der Trägheitsdämpfer und der künstlichen Schwerkraft war davon im Inneren des Raumschiffs nichts zu spüren.

Morle huschte über einen der Monitore. “Mein Scan zeigt das Ende des Trümmerfeld an. Die ANDORRA sollte gleich vor uns auftauchen.”

Tatsächlich, da war sie, die Raumstation ANDORRA. Lovisas Pappa hatte die Station manchmal kurz erwähnt, sie aber nie zum Gespräch gemacht. Auch die Datenbank der SKUNKALLA enthielt nur spärliche Informationen, die zudem auch veraltet waren. Lovisa und Bernard wussten nur, dass es eine alte Handelsstation des Kaiserreichs war, die vor dreißig Jahren ein Privatmann kaufte und vor dem Verfall rettete.

Die ANDORRA lag am Rande des Kaiserreichs und hatte innerhalb des Handelskartells keine große Bedeutung. Pappa hatte einmal gesagt, dass sich niemand um ANDORRA scheren würde, denn dort würde nur Dreck gehandelt. Erst viel später verstand Lovisa, dass mit dem Wort “Dreck” kein Erdreich gemeint war. Sie lächelte traurig bei dem Gedanken daran. Damals war der Weltraum noch in Ordnung gewesen.

“Vorsicht!”

Bernards Stimme riss Lovisa aus ihren Erinnerungen. Erschrocken sah sie einen großen Felsbrocken auf das Panoramafenster zufliegen und zog am Steuerrad. Die SKUNKALLA zog die Nase hoch, aber zu spät. Ein metallisches, reißendes Geräusch drang durchs Schiff und ließ alle Erschauern. Lovisa bekam ganz weiche Knie und glaubt kurz, sie müsse sich setzen. Doch das Aufleuchten der Notbeleuchtung blieb aus.

Stattdessen gab Morle Entwarnung. “Ein breiter Riss in der Außenhülle. Die interne Struktur ist intakt. Kein Verlust von Sauerstoff. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Ich empfehle eine Reparatur beim nächsten Halt.” Die künstliche Katze wechselte den Bildschirm und tauchte nun auf Bernards Sensorbildschirm auf. Mit einer ihrer virtuellen Tatzen schnappte sie nach dem Symbol des Felsen, der nun hinter der SKUNKALLA wegtrudelte. Es hatte keine Auswirkung und schmollend zog sich Morle wieder auf ihren eigenen Bildschirm zurück. “Ich empfehle auch den Kauf eines Korbs mit virtuellen Wollknäueln.”

Lovisa lächelte erleichtert. Der Schaden war geringer als sie zuerst dachte. “Falls es virtuelle Wolle gibt, bringe ich dir etwas mit.” Inmitten der Dunkelheit des Weltraums tauchte plötzlich die Raumstation auf. Sie hatten das Trümmerfeld durchflogen, dass die ANDORRA umgab. Endlich.

Die Station war im Vergleich zur SKUNKALLA riesig und ihre zehn Andockpylone ragten in den Weltraum hinaus. Die ANDORRA hatte eine Sternenform, wie Lovisa feststellte. Und sie war gut besucht. Sechs kleine Frachter und Kurierschiffe hatten angedockt. Aber kein einziges großes Schiff. Zudem waren fast alle Raumschiffe in einem schäbigen Zustand und zeigten keinerlei Markierung, von der aus auf die Herkunft oder Zugehörigkeit des Raumschiffs geschlossen werden konnte.

Auch die Station war in einem schlechten Zustand. Die meisten der Positionslichter waren tot oder flackerten wild umher. Einige der Pylone waren zerstört und somit unbrauchbar. Obwohl so viele Schiffe angedockt waren, schien kein Betrieb zu herrschen. Die ANDORRA machte einen gespenstischen Eindruck auf Lovisa. Sie blickte kurz zu Bernard hinüber, doch der Vampyrjunge wirkte mehr neugierig als verängstigt. Das machte auch Lovisa Mut.

Normalerweise nahmen die Stationen Kontakt zu sich annähernden Schiffen auf. Doch die Kommunikation blieb still. Also ergriff Lovisa die Initiative und aktivierte das Kommunikationsterminal. Es rauschte und knackte, dann meldete sich eine verschlafene Männerstimme. Der Kommunikationsbildschirm blieb leer. “Hier ANDORRA? Wer da?”

“Raumhändler SKUNKALLA. Ich übertrage ihnen unsere Daten und …”

Ein wildes Lachen knallte aus den Lautsprechern. “Schätzchen, spar dir das. Hier empfängt eh keiner eure Daten. Ich will nur wissen wer du bist. Hier legen nur Leute an die uns kennen oder die eine Empfehlung haben.”

Lovisa blickte ratlos zu Bernard. Der zuckte nur mit den Schultern. “Vielleicht solltest du Slim Jorgenson erwähnen?” Kaum hatte Bernard den Namen ausgesprochen, da fauchte Morle laut. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

“Morle, Negativeintrag über Slim löschen.” Das virtuelle Kätzchen mauzte schmollend, war dann aber ruhig.

“Slim? Slim Jorgenson?” kam es über die Lautsprecher und nun flackerte auch der Kommunikationsbildschirm auf. Das Bild rauschte zwar stark, blieb aber stabil. Ein dicker Mann war zu sehen, der in einem kleinen Büro saß. Er trug nur ein verschwitztes Unterhemd und kurze Hosen. Er grinste breit und entblößte dabei mehrere Zahnlücken. Ein großer goldener Nasenring wippte dabei auf und ab. “Sag das doch gleich, Schätzchen. Freunde von Slim sind auch meine Freunde. Folgt einfach dem Leitstrahl.” Das Bild erlosch.

“Freunde muss man haben.”, sagte Lovisa glücklich und begann mit dem Andockmanöver. Mit ruhiger Hand steuerte sie die SKUNKALLA auf den zugewiesenen Andockpylonen zu. Dabei kamen sie nahe an einigen der anderen Schiffe vorbei. Lovisa seufzte. Im Grunde passte die SKUNKALLA hierhin. Auch sie hatte überall Kratzer und Schrammen. Hoffentlich konnte Slim weiterhelfen.

Das Andockmanöver verlief problemlos und Lovisa war stolz auf sich. Aufgeregt schnappte sie sich ihren Säbel und rückte die Augenklappe zurecht. Sie wollte einen guten Eindruck hinterlassen. Bernard lächelte und schritt hinter ihr her zur Luftschleuse. “Du siehst gut aus, Lovisa. Diese Entschlossenheit passt zu dir.”

Lovisa lächelte und hoffte, dass Bernard ihre roten Ohren übersehen würde. Immerhin waren die gut unter Haaren und Hut versteckt. Aber einem Vampyr traute Lovisa derzeit alles zu. Auch, dass er rote Ohren bemerkte. Der Gedanke daran ließ sie nun auch um die Nasenspitze ein wenig glühen. Glücklicherweise erreichten sie die Luftschleuse und es galt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren.

Mit einem lauten Zischen öffnete sich das Schott. Vier muskelbepackte Kerle standen im Gang. Einer sah ungepflegter aus als der andere. Sie grinsten breit und tasteten Lovisa mit ihren Augen ab. “Hübsches Ding.”, sagte einer von ihnen und nickte dabei.

Bernard machte einen Schritt nach vorne und stellte sich zwischen Lovisa und den Kerl. “Das hübsche Ding ist Kapitänin Lovisa, Kommandantin der SKUNKALLA.” Der Vampyrjunge dachte kurz nach, dann fügte er lächelnd hinzu: “Und die amtierende Sternenbraut.”

Die Männer sahen sich gegenseitig an. Sie waren verwirrt. Einer von ihnen richtete einen Handscanner auf Bernard und schlug dann mit der flachen Hand auf das Gerät. Es gab keinen Pieps von sich. Der Redeführer spuckte auf den Boden. “Sternenbraut? Was ist denn das für ein Unsinn. Geh aus dem Weg und lass mich mal das Schätzchen betrachten.”

Der Kerl stieß mit seiner schwieligen Hand nach Bernard, um ihn aus dem Weg zu schubsen. Doch der Vamypr blieb einfach stehen. Keinen Millimeter rückte er von der Stelle, besah sich nur mit herablassender Miene die Stelle, an der ihn der Fremde berührt hatte. Der wagte einen zweiten, kräftigeren Versuch. Doch mit dem gleichen Ergebnis. Bernard rückte keine Haaresbreite weg.

Lovisa war beeindruckt von den Fähigkeiten des Vampyrjungen. Insgeheim freute sie sich, dass er sich als Beschützer vor sie gestellt hatte. Aber augenblicklich flammte in Lovisa auch etwas Zorn auf. Immerhin war sie eine Kapitänin und die amtierende Sternenbraut. Sie brauchte keinen Beschützer. Also griff sie nun ohne nachzudenken nach Bernards Schulter und drückte ihn weg, um freie Sicht zu haben.

Der Vampyr stolperte von der Wucht des überraschenden Griffs zur Seite und knallte schwer gegen die Wand des Gangs. “Entschuldigung, Kapitän”, murmelte er und rieb sich die Schulter. “Kommt nicht wieder vor.”

Erstaunt blickte der Redeführer der kleinen Truppe auf seine Hand, sah zu Bernard und dann zu Lovisa hinüber. Er schluckte schwer. “Wir sollen euch zum Kommandanten bringen. Wir zeigen euch den Weg.” Die vier Männer drehten sich um und schritten tuschelnd voran. Sie waren sichtlich verwirrt.

Während Morle die Luftschleuse zur SKUNKALLA schloss, schritten Bernard und Lovisa hinter ihrem Empfangskomitee her. “Was war denn das eben?” fragte Lovisa leise. “Der Kerl hat dich kein bisschen von der Stelle rücken können. Und er hat Muskeln wie ein Bär. Aber ich habe dich ganz leicht wegschubsen können.”

Bernard lächelte verlegen und blickte zu Boden. “Manchmal ist es gut Stärke zu demonstrieren.”, setzte er zu einer Erklärung an.

Lovisa unterbrach ihn. “Schon gut, ich habe verstanden. Die werden nun glauben ich sei noch stärker als du. Gut gemacht, mein Lieber.” Sie hauchte ihm schnell einen flüchtigen Kuss als Dank auf die Wange. Und hätten Bernards Ohren erröten können, sie würden in Flammen stehen.

Die kleine Gruppe trottete durch die Innereien der Raumstation. Die ANDORRA sah Innen kaum besser aus als Außen. Die Läden auf der Promenade waren allesamt geschlossen, doch es gab zwei Kneipen, aus denen laute Musik, raues Lachen und gelegentlich ein Schrei drangen. Überall waren Lampen defekt oder rosteten Streben und Platten vor sich hin. Oft hingen Leitungen aus der Decke oder ragten aus den Wänden, manchmal sprühten Funken aus ihren offenen Enden. Lovisa ahnte, warum ihr Pappa so wenig über ANDORRA gesprochen hatte. Die Raumstation musste eines jener Piratennester sein, die gut verborgen im Weltraum den miesesten Besatzungen Unterschlupf boten. Lovisa hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Und obwohl Bernard einen selbstsicheren Eindruck machte, erging es ihm ebenso.

Schließlich gelangten sie in ein kleines und schmutziges Büro. Hier saß der Mann, den Lovisa bereits auf dem Kommunikationsbildschirm gesehen hatte. Er sah nicht nur verschwitzt aus, sondern roch auch säuerlich. Das galt auch für sein Büro. Zudem mischte sich ein käsiger Duft dazu.

“Willkommen auf ANDORRA.”, eröffnete er das Gespräch. “Mein Name ist Lucius Bent. Ich bin der Besitzer und Manager dieser wunderbaren Raumstation. Und erfreut, eure Bekanntschaft zu machen. Ihr seid Freunde von Slim, wenn ich das richtig verstanden habe?”

Lovisa nickte unsicher, während sich ihre vier Begleiter hinter Bent stellten. Einer flüsterte seinem Boss etwas ins Ohr und der Dicke kniff nachdenklich die Augen zusammen. “Ihr habt bei meinen Leuten Eindruck hinterlassen. Das gelingt nur den wenigstens.” Lucius öffnete die Schublade seines Schreibtisches und holte ein dickes Käsebrot hervor. “Möchtet ihr auch etwas?”

Schnell schüttelte Lovisa den Kopf. Sie wollte alles, nur kein Käsebrot. Vor allem nicht von diesem Mann, der sie innerlich anwiderte. “Wo finden wir Slim?” fragte sie, um das Gespräch zu einem schnellen Ende zu bringen.

“Er kümmert sich um die Technik auf meiner Station. Ein wahres Juwel, aber stets mit seinen Zahlungen hinterher. Ich denke als Freunde von Slim, werdet ihr gerne seinen Schulden begleichen.”

Bernard und Lovisa guckten verblüfft. Damit hatte keiner von beiden gerechnet. “Warum sollten wir?” empörte sich Lovisa. “Slim war mal Besatzungsmitglied der SKUNKALLA und ich will ihn nur besuchen. Für seine Schulden ist er alleine verantwortlich.”

“Auf meiner Raumstation gilt, dass Freunde füreinander einstehen. Wir sind ein äußerst loyaler Haufen.” Lucius Bent biss in sein Käsebrot und grüne Kräutersoße rann an seinen Mundwinkeln herab, während er kaute. “Und das erwarte ich auch von unseren Besuchern. Oh, da wir schon mal dabei sind: Denkt bitte daran eure Liegegebühr zu bezahlen. Ich würde ungern euer Raumschiff beschlagnahmen.”

Lovisa keuchte auf. “Was? Aber …” Lucius Bent lachte und seine Männer grinsten. Lovsia blickte zu Bernard, der sie eindringlich anblickte und schwach den Kopf schüttelte. Obwohl die Sternenbraut den Vampyr erst seit kurzem kannte, wusste sie was er dachte: “Keinen Ärger. Nicht jetzt. Ruhe bewahren.”

“Schicken sie mir eine Aufstellung der Kosten auf die SKUNKALLA. Ich habe einige Waren dabei und bin mir sicher, dass wir uns einige werden. Kann ich nun zu Slim?”

“Natürlich.”, sagte Lucius Bent und winkte einen seiner Männer vor. “Zeig ihnen den Weg. Aber lass dir nicht auf der Nase herumtanzen.”

Der Mann sah zu Bernard und nickte bedächtig. Dann ging er mit gehörigem Abstand an Lovisa und den Vampyrjungen vorbei. “Kommt mit. Ist ein Stück. Slim lebt nahe am Zentrum. Hat er kürzer zu laufen, wenn es mal wieder brennt.”

Letztere Worte waren wohl ernst gemeint, denn auf dem Weg waren öfter Brandspurren und Schmauchflecken zu sehen. Die Raumstation hatte ihre besten Tage bereits hinter sich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie endgültig auseinanderfallen würde.

Nach einem gehörigen Fußmarsch und einer ordentlichen Kletterpartie über einige Leitern, standen Lovisa und Bernard in Slims Quartier. Der Mechaniker war noch unterwegs und sein Heim deswegen verwaist.

“Er kommt gleich zurück. Macht ein paar Reparaturen und gönnt sich einen ordentlichen Schluck, nehme ich mal an.”, erklärte Bents Mann. Er drehte sich ohne weitere Worte um und ging.

Slims Quartier war ein dreckiges, ölverschmiertes und nach Metall müffelndes Loch. Überall lagen Werkzeuge und Ersatzteile. Auf dem Boden standen einige Flaschen mit billigem Fusel und das Bett roch nach Alkohol. “Ich glaube es war ein Fehler, Slim zu suchen.”, sagte Lovisa kleinlaut. “Es scheint schlimmer als je zuvor.”

“Vielleicht.” Bernard machte einen Schritt in den Raum hinein und griff auf den Tisch. Mit seinem scharfen Blick hatte er etwas entdeckt und zog es nun unter einem schmierigen Tuch hervor. “Bist du das?”

Er reichte Lovisa ein Hologramm hinüber. Darauf waren Slim, ihr Pappa, ihre Mamma und Slim zu sehen. Sie winkten alle in die Kamera. Das lag lange zurück. Lovisa war noch ein kleines Mädchen mit Sommersprossen und Zöpfen. Das Hologramm war ein Jahr vor Nils’ Geburt aufgenommen worden.

Jemand räusperte sich leise. Lovisa und Bernard wirbelten herum. Ein kleiner, drahtiger Kerl stand in der Türe. Sein graues Haar war schütter, die Augen lagen tief in den dunklen Augenhöhlen und er trug einen dreckigen, nach Schnaps stinkenden Overall. Die Hände waren voller Maschinenfett, das er nun versuchte notdürftig an seinem Overall abzuwischen. “Lovisa?” kam es ihm ungläubig über die Lippen und Tränen flossen ihm plötzlich über die Wangen. Es war Slim Jorgenson. “Mädchen, Kleines, was machst du denn bloß hier?”

Der Schmutz, der Gestank und die vertrackte Situation waren Lovisa mit einem Mal egal. Slim stand vor ihr, der gute alte Slim. Er war gealtert, aber er war auch ein Stück Zuhause. Mit einem Satz flog sie ihm die Arme und riss ihn dabei beinahe zu Boden. Nur mit Mühe konnte sie sich von ihm losreißen.

“Lovisa, Liebes. Ich bin auch glücklich dich zu sehen. Aber was machst du hier? Wo ist die SKUNKALLA? Wo ist dein Pappa? Aber, was hast du denn?”

“O Slim, weißt du es denn nicht? Hat dir denn keiner davon berichtet?” Lovisa musste schluchzen und Slim nahm sie tröstend in den Arm. “Pappa und die anderen, sie sind alle tot. Nur ich und Nils leben noch. Aber Nils ist weg. Und ich habe die SKUNKALLA gestohlen. Und dann habe ich Bernard getroffen. Und ich wusste nicht was ich machen sollte.” Die Worte sprudelten nur so hervor und Slim lauschte Lovisa eindringlich. Mehr als einmal musste er sich die Tränen aus dem Gesicht wischen und drückte die kleine Sternenbraut tröstend an sich. Als Lovisa alles erzählt hatte, wischten sich beide die Tränen aus dem Gesicht.

“Ich habe deinem Pappa viel zu verdanken.” Slim sah auf das Hologramm. “War schon in Ordnung, dass er mich rausgeworfen hat. Ich habe viel Mist gebaut, Lovisa. Und viel gutzumachen.”

“Was hast du bloß mit diesem Lucius Bent zu schaffen?” wollte die Sternenbraut wissen. “Er ist ein widerlicher Kerl. Und er versucht uns hier festzusetzen.”

“Tut mir Leid, dass ihr in diesen Schlamassel geraten seit. Lucius ist ein fieser Kerl. Selbst wenn du zahlst, wird er mich nicht gehen lassen. Und dich auch nicht. ANDORRA war mal eine schöne und sichere Raumstation, aber Lucius hat sie gänzlich ruiniert. Und aus Angst vor dem was ihn zur Rechenschaft ziehen könnte, hat er dieses Trümmerfeld um die Station zusammengetragen. Ist billiger als jedes Schutzschild und verhindert, dass jemand auf die Idee kommt und in der Nähe der Station springen will. Die Trümmer würden in den Hyperraum hineingezogen und dabei jeden Antrieb in Stücke reißen.”

Bernard dachte nach. “Gibt es denn keine Möglichkeit ungesehen an Bord der SKUNKALLA zu kommen und von hier zu verschwinden?”

Slim lachte heißer auf. “Mein Junge, ich bin Lucius kleines Goldstück. Er braucht mich, um die ANDORRA am laufen zu halten. Ohne mich fällt hier alles auseinander. Deswegen lässt er mich ständig beobachten und macht Stichproben. Aber er unterschätzt mich.” Der alte Mann zwinkerte den beiden zu. “Ich heuere gerne wieder auf der SKUNKALLA an. Falls du mich noch willst, Lovisa. Durch deinen Pappa, da musste ich nachdenken. War ein schwerer Schlag für mich, aber dadurch habe ich mein Leben geändert.”

Lovisa sah sich skeptisch in dem kleinen Quartier um und zeigte auf die Schnapsflaschen. “Ich glaube du trinkst noch immer zu viel, Slim.”

“Ha, das sieht nur so aus. Ich spiele Lucius und seinen Leuten was vor. Die sollen mich unterschätzen. Ich habe seit Jahren keinen Tropfen mehr angerührt. Mein Ehrenwort. Ich gebe zu, sich einen Tropfen zu genehmigen klingt verlockend. Aber ich tu es nicht. Keinen einzigen Schluck mehr. Ist schwer, aber ich halte durch.”

“Slim, ich glaube dir.”, erklärte Lovisa und umarmte den alten Mann herzlich. “Willkommen an Bord.”

“Weiß gar nicht, was ich da sagen soll.” Slim lächelte glücklich. “Na ja, bist ja jetzt mein Käptn. Mein kleines Mädchen wird erwachsen.”

Lovisa sah verlegen auf den Boden. “Mensch, Slim. Die Zeiten haben sich geändert.”

“Freunde, ich will uns die Stimmung nicht verderben, aber wir brauchen einen Plan.” Bernard sah die beiden eindringlich an. “Und zwar einen guten Plan.”

Slim nickte. “Ich denke, ich weiß da etwas. Ist eine riskante Sache und wir müssen ziemlich schnell sein. Ich habe ein paar der Sensoren manipuliert und kann uns durch die Station schleusen. Dann auf die SKUNKALLA und weg von der ANDORRA. Gibt aber ein Problem. Ich muss ungesehen in den Kontrollraum und dort von Hand die Andockvorrichtung lösen. Sind aber überall weitere Sensoren und Kameras. Einige von denen funktionieren noch. Weiß nicht, ob ich das schaffe. Das Alter steckt mir in den Knochen.”

“Ich mache das.”, erklärte Bernard. “Ich muss nur wissen wo der Kontrollraum ist und wie ich die Andockvorrichtung lösen kann.”

“Bist du dir sicher?” fragte Slim, beeindruckt von Bernards Mut. “Ist keine leichte Sache. Musst den Kameras ausweichen und versuchen die Sensoren zu umgehen.”

Lovisa kicherte. “Keine Angst. Bernard ist Spezialist in solchen Sachen.”

“In Ordnung. Dann hör mir gut zu und versuch dir alles zu merken.” Slim nahm ein Datenpad vom Tisch und begann Bernard den Plan genau zu erklären. Er packte zwei Taschen mit Werkzeug, nahm Lovisa bei der Hand und die beiden verschwanden in den Tiefen der Station. Der Vampyrjunge sah den beiden nach. Dann machte er sich auf den Weg.

Kameras und Sensoren waren für ihn kein Problem. Das hatte er bereits auf der SKUNKALLA eindrucksvoll bewiesen. Für die Technik war es sozusagen unsichtbar. Er musste nur darauf achten, dass ihn keiner von Lucius Leuten sah. Dank Bernards übermenschlichen Reflexen blieb er stets vor einer Entdeckung verborgen. Schlussendlich stand er zu allem bereit vor der Türe des Kontrollraums.

Wie Slim vorausgesagt hatte, war keiner von Lucius Leuten da. Aber die Türe war verschlossen. Bernard sah sich vorsichtig um, dann packte er den Griff und zog sie mit Gewalt auf. Zischend gab die Türe schlussendlich nach. Schnell huschte der Vampyr in den Raum hinein und suchte das Kontrollpanel, das ihm Slim beschrieben hatte. Auf einem der Monitore sah er die SKUNKALLA.

Sobald er die Andockvorrichtung gelöst hatte, war die SKUNKALLA frei. Lovisa würde das Raumschiff solange in Position halten, bis er in der Luftschleuse war. Dann galt es in einem geschickten Manöver abzulegen und ins Trümmerfeld zu fliegen. Immer auf der Flucht, dachte Bernard. Arme Lovisa.

Die Andockvorrichtung war gelöst und Bernard huschte aus dem Kontrollraum. Er machte sich auf den weg zur SKUNKALLA. Da hört er Stimmen aus einem der Räume seitlich des Gangs. Eine gehörte Lucius Bent, die andere war ihm unbekannt. Sie klang verkratzt. Scheinbar ein Kommunikationsgerät. Lautlos schlich sich Bernard an die halboffene Türe.

Es war tatsächlich Lucius, der vor einem alten Kommunikationsgerät stand. “Doch, ich schwöre es, Major. Der Junge taucht auf keinem Sensor auf. Kein Scanner kann ihn erfassen. Und mein bester Mann hat Angst vor dem Knaben. Und das Mädchen ist von der gleichen Art. Plötzlich haben die Sensoren auch sie verloren. Und meine Leute haben mir berichtet, dass sie auch unbeschreiblich stark ist.”

Nun sprach die andere Stimme, die eindeutig einer Frau gehörte. “Ich warne sie, Bent. Wenn sie lügen, dann schießen wir ihre Station aus dem All. Denken sie an unser Abkommen. Gouverneur Tailleur kann sehr wütend werden. Wir lassen sie in Ruhe, dafür liefern sie uns die Piratenbosse aus. In diesem Fall die kleine Göre und ihren Freund.”

“Ich hatte ja keine Ahnung, dass die beiden so gefährlich sind.” Lucius Bent schnappte nach Luft. “Wie schnell können sie hier sein?”

“Eine Stunde. Halten sie die beiden solange fest. Sie erhalten den üblichen Lohn.”

Bernard hatte genug gehört. Leise huschte er weiter bis zur Andockschleuse. Hier war niemand. Er gab den vereinbarten Code ein und zischend öffnete sich das Schott. Schnell schloss er die Schleuse wieder und rannte auf die Brücke. Lovisa stand bereits am Steuerrad. Sie war froh Bernard unverletzt wiederzusehen.

“Wir müssen los!” rief er aus. “Lucius hat uns an Tailleur verraten. In einer Stunde sind sie erst da, aber ich wette Lucius sucht uns bereits. Er weiß, dass die Sensoren uns nicht mehr erfassen.”

Lovisa guckte grimmig. “Verschwinden wir von hier.” Die SKUNKALLA löste sich sanft vom Andockpylon und schwebte ein kleines Stück von der Raumstation weg. Nun beschleunigte die Sternenbraut das Raumschiff und hielt auf das Trümmerfeld zu. “Slim ist im Maschinenraum. Er und Morle kümmern sich um den Antrieb und behalten den Schaden an der Außenhülle im Auge. Slim kennt auch einen Kurs durchs Trümmerfeld, der ziemlich frei von Trümmern ist. Sozusagen Lucius Fluchtkurs, falls mal etwas schief geht und er ANDORRA verlassen muss.”

Bernard blickte auf den Sensorschirm. “Die Raumstation lädt ihre Laserkanonen und richtet sie auf uns aus.” Seine Stimme klang besorgt. “Die werden schießen.”

“Tailleur will uns doch lebend.”, erklärte Lovisa, da blitzte auch schon der erste Lichtstrahl auf und sprengte einen der kleinen Felsen in die Luft. “Das hat er wohl vergessen diesem Bent zu sagen.”

Die SKUNKALLA beschleunigte und hielt auf eine Lücke im Trümmerfeld zu. Lovisa legte das Schiff seitlich und schrammte in das Feld hinein. Sie vertraute nun vollends auf Slims Angaben, ansonsten würde die SKUNKALLA mit den Trümmern kollidieren und sie alle sterben. Doch Slims Wissen um die ANDORRA und das Feld waren Gold wert. “Im Trümmerfeld sind wir sicher. Zu viele Objekte, um uns noch treffen zu können. Und sobald wir auf der anderen Seite heraus sind, können wir springen.”

Es gab weitere Laserblitze, die im Rücken der SKUNKALLA Felsen und Schrott in eine dampfende und zischende Masse verwandelte. Bernard schüttelte den Kopf. “Bents Leute haben hinter uns das Trümmerfeld in Bewegung gebracht. Der Eingang zur sicheren Strecke ist verschlossen. Bent wird sich wohl mit den Untergebenen des Gouverneurs unterhalten müssen.”

Lovisa atmete befreit auf. “Das ist seine Sache. Wir sind erst einmal in Sicherheit. Die Energie der SKUNKALLA reicht noch für einen letzten Sprung, dann muss das Schiff erst einmal gewartet werden.”

“Und wo springen wir hin?”

“Slim kennt glücklicherweise einige alte Sprungpunkte. Unter anderem eine alte Minenstation mit Raffinerie. Dort können wir uns erst einmal verstecken und neue Kraft schöpfen.”

“Aye, aye, Kapitän.”, rief Bernard fröhlich aus, während Lovisa die SKUNKALLA mit ruhiger Hand in Sicherheit steuerte.

ENDE

Nächstes kapitel

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NEWROPA – Science Fiction Roman von Michael Pick (Leseprobe) (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 1/2012)

Erstellt von Michael Pick am 23. Januar 2012

NEWROPA

Science Fiction Roman

von

Michael Pick

(Leseprobe)

Auf Sirius` persönlicher Landkarte war Taranjuk ein blinder Fleck. Es wäre klug gewesen, Meyer intensiver nach dem Auftrag und der Stadt zu befragen, doch der Leiter des Geheimdienstes war in den Tagen vor Sirius Abreise merkwürdig zurückhaltend. Gut sollte Sirius der Aufenthalt unter Menschen tun. Alles, was Meyer zum Reiseziel über die Lippen kam, war, dass Taranjuk im Sommer einer altmodischen zinnernen Badewanne glich. Mit dieser Aussage war wenig anzufangen. Vielleicht war gemeint, dass die Menschen aus allen Richtungen in die weitläufige Senke unter der Lena strömten. Allerdings dürfte die alte Königin Sibiriens heute nicht mehr als ein Rinnsal sein.

Sehr wahrscheinlich, vermutete Sirius, war der Metroknotenpunkt Taranjuk zu keiner Zeit erfrischender als irgendein anderer Ort im Untergrund. Meyer aber tat, als wäre es ein Heiligtum, ein Erlösungsort. Wohlmöglich lag es daran, dass die Stadt früher, vor der Sonnenexploration, ein Weltraumbahnhof gewesen war. Einen knappen Kilometer nördlich der Stadt waren vor mehr als einhundert Jahren die Sojus-Raketen der Russischen Förderation ins All gestartet. Ein Ort, an dem die Sehnsucht schon immer zu Hause gewesen war. Meyer hatte Sirius wissen lassen, dass man ihn dort erwartete.

Als Sirius seinen Fuß auf den Bahnsteig setzte, jaulten die Klimaanlagen wie Sirenen bei einem Bombenangriff. Die Luft flimmerte. Über die Senke zwischen seinen Schulterblättern floss der Schweiß wie früher die Lena nach der Eisschmelze. An seinem Poloshirt, unter der pastellfarbenen Jacke mit Schulterpolstern, gab es jedenfalls keine trockene Faser mehr.

Mit einem wimmernden Ton verabschiedete sich die Metro, mit der Sirius gekommen war. Eine Wolke glühendheißer Luft zog ihr wie ein Schweif hinterher. Schweißtropfen sprangen von Sirius` braunen Haaren, krauchten über die vernarbte Haut, bis sie sich in den kurzen Stoppeln an Wange und Kinn auflösten.

Im schwachen Dämmerlicht lagen zwei Bahnsteige vor ihm. Ein weißes Schild mit einem großen, kohleschwarzen A hing zwischen einem Getränke- und einem Süssigkeitenautomat. Ein Bahnhof wie es ihn in tausend anderen Untergrundstationen gab, und dennoch war hier etwas sonderbar. Es dauerte einen Wimpernschlag, bis Sirius begriff, dass sich außer ihm nur zwei Personen im Gebäude befanden.

Im schalen Licht der Bahnhofslaternen erwartete ihn ein Pärchen. Den Mann erkannte Sirius sofort. Sein Name war Stanislaw Fedorow. Zuletzt hatte Sirius ihn, vor einem Jahr gesehen. Fedorow als Leibwächter von Präsident Salusconi; und Sirius der Pilot der EUROPE, der Metro des Staatsoberhauptes. Sirius hatte einen Unfall verursachen müssen, bei dem der Präsident um ein Haar tödlich verunglückt wäre. Die Angelegenheit hatte einen Riesenwirbel verursacht. Fedorow verlor wegen der Sache seinen Job. Aber Sirius Verlust war größer gewesen. Irgendwie verlor man andauernd etwas.

Fedorow stand wie ein Stier auf dem Bahnsteig, breitbeinig, den feisten Nacken bis unter die Ohren geschoben. Sein Gehabe wirkte umso lächerlicher, als der Mann gerade so groß wie ein durchschnittlicher Elfjähriger war. An einem Typ wie Fedorow biss sich die Zeit die Zähne aus. Das kantige Gesicht mit dem spitzen Kinn wie frisch aus einer Brotbackform gepresst. Wenn er lachte, entblößte er schiefe, gelbe Zähne. Der schwarze Rollkragenpullover dämmte mühsam die Muskelberge und jeden Augenblick war zu befürchten, dass die Nähte platzten. Sport war eine von vielen Aktivitäten, die Sirius gleichgültig ließen.

Fedorows Begleiterin lehnte an einem Stützpfeiler. Die blonden Haare schimmerten im fahlen Licht. Sie hatte es kurzgeschnitten, aber nicht militärisch. Der angedeutete Mittelscheitel glich einem zugewachsenen Dschungelpfad. Zwei, drei Strähnen fielen über die glatte Stirn bis zu den hellblauen Augen, deren Blick missmutig auf Sirius lag. Sie trug Jeans und ein frostblaues T-Shirt.

„Savic“, Fedorow spuckte den Namen auf die grauen Betonplatten.

Sirius hievte die Reisetasche über die Schulter, „Fedorow. Welche Überraschung.“

„Nicht für mich“, Fedorows Oberlippe bleckte wie ein Schäferhund, der seinem Gegner zur Begrüßung die Schneidezähne zeigte, „ich wusste, dass wir uns wegen der Sache mit Salusconi wiedersehen. Da ist einiges offen geblieben. Es war ein verdammt guter Job beim Präsidenten.“

Die Blonde räusperte sich. Fedorow schürzte die Lippen und glotzte wie eine Scholle. Er stellte die Frau als Elena Hammarby vor.

„Ich habe alles über Sie gehört“, sagte sie mit der Betonung auf ALLES. Dann streckte sie Sirius demonstrativ nicht die Hand hin.

„Tatsächlich? Ich hoffe, nicht nur Fedorow hat von mir erzählt.“

„Seien Sie froh, dass er es getan hat. Seine Beiträge waren noch am schmeichelhaftesten. Wo haben Sie Ihre Klamotten her? Frisch von einer Zeitreise? Oder halt“, sie zupfte an den Schulterpolstern von Sirius Jacke, „das Zeug war hoffentlich nie modern.“

Fedorow grunzte. Er wirkte sehr zufrieden.

„Wir sollten jetzt gehen. Der General wartet nicht gerne.“

Das Bahnhofsgebäude gähnte öde. Am Ausgang lungerten zwei Sicherheitsbeamte, der kleine runde Platz und der Tunnel davor waren leergefegt, als hätte alles Lebende diesen Ort verlassen. Sirius fragte sich, wo sich die Menschenmassen versteckt hielten, die angeblich Taranjuk zu dieser Jahreszeit überrennen sollten. Oder war es nur die falsche Tageszeit?

Vor der Metrostation parkte ein ETSIEBEN, ein Elektrotransporter der mittleren Kategorie, viersitzig, kastenförmig. Als Fedorow ihn startete, surrte der Motor wie eine Katze und die kleinen breiten, schwarzen Reifen zitterten. Sirius verstaute seine Tasche im Frachtraum. Er setzte sich zu Hammarby auf die lederbezogene Rückbank. Die Frau duftete nach Erdnüssen, die Flanken der klobigen Nase bebten, als scheuten sie vor seinem Geruch.

„Wissen Sie“, sagte Sirius, „mein Abteilungsleiter ist ein merkwürdiger Mensch. Manchmal redet er tagelang nicht oder verschweigt das Wichtigste. Von Ihnen zum Beispiel hat er mir nicht erzählt. Im Vergleich dazu, faselte er von einer bedeutenden Mission in Taranjuk. Lebenswichtig. Fast hätte er mich neugierig gemacht.“

Sirius erinnerte sich lebhaft an die zuckenden Finger von Meyer, als dieser von dem Auftrag berichtet hatte. Abteilungsleiter Meyer war ein Kerl von einhundertzwanzig Kilogramm und zeigte für gewöhnlich das Gemüt einer dösenden Riesenschildkröte.

„Er wird seine Gründe gehabt haben“, Hammarby zog einen Bleistift aus ihrer Hosentasche und kaute darauf herum.

„Sicherlich.“

„Es ist Colonel Fraziers Aufgabe, es ihm zu sagen“, mischte sich Fedorow ein, während er den Transporter aus dem Haupttunnel in eine Seitengasse steuerte. Dieser Tunnel war kaum breiter als der ETSIEBEN und dürftig beleuchtet. Seitdem die Menschheit wegen der gestiegenen Sonnentemperatur unter die Erdoberfläche flüchten musste, war Licht eines der größten Probleme.

„Ihm WAS zu sagen?“, aber die ohnehin dünne Unterhaltung war eingeschlafen und das Surren des Transporters bedeutete das einzige Geräusch, das die Stille begleitete. Die Scheinwerfer des Wagens bestrahlten die Wände mit einem diffusen Licht.

Nach einhundert Metern wurde der Transporter langsamer, ohne dass Sirius einen Grund dafür ausmachen konnte. Zwischen handbreiten weißen Linien, die ein Quadrat auf den Boden zeichneten, blieb der Wagen stehen und Fedorow wandte sich Sirius zu.

„Anschnallen und festhalten.“

Sirius kniff die Augen zusammen und stutzte über Fedorows sonderbares Ansinnen. Er bemerkte, dass Hammarby tatsächlich einen Gurt über ihren Oberkörper streifte. Die Angelegenheit klärte sich, als über ihnen eine Deckenplatte verschoben wurde und der Transporter samt der Platte, auf der er stand, empor stieß, als wäre er ein Helikopter oder wenigstens ein Fahrstuhl. Sirius, der mit einer solchen Boshaftigkeit nicht gerechnet hatte, kugelte über die Rückbank, bis er mit dem Kopf in Hammarbys Schoß landete.

„Haben Sie noch alle Blätter am Baum?“, Sirius spürte kleine, harte Fäuste in seinen Seiten.

Soweit er begreifen konnte, befanden sie sich in einem engen Schacht, der steil nach oben führte. Es war stockdunkel, was besonders unangenehm war, denn so konnte er Hammarbys Fäuste nicht sehen, die pausenlos auf ihn eintrommelten.

Fedorow knipste die Innenbeleuchtung des ETSIEBEN an. Als er Sirius auf Hammarby liegen sah, lachte er auf. Hammarby schnaufte und versuchte Sirius an seinem Kopf fortzustoßen, was dazu führte, dass sich die Verwicklungen verkomplizierten. Endlich gelang es Sirius, sich zu befreien.

„Machen Sie so was nicht noch einmal“, grunzte Hammarby und blitzte Sirius gewittrig an.

„Gewiss“, sagte Sirius und setzte sich gerade hin.

Die Elevation des ETSIEBEN fand ein Ende. Unvermutet strahlte Licht von Deckenlampen und über Wandreflektoren in den Transporter. Sie befanden sich in einer Halle mit hoher Decke. Fünfzehn Meter oder mehr, schätzte Sirius. Die Höhe wirkte, als befände sich ein Himmel über ihren Köpfen.

Fedorow steuerte zwischen Bergen von Paketen hindurch, die sich links und rechts von ihnen bis unter die Decke türmten, als hätte er nie etwas anderes getan. Bei der Halle könnte es sich genauso gut um das Lager eines Exportunternehmens handeln, dachte Sirius.

„Willkommen in der Dockstation“, rief Fedorow nach der ersten Linkskurve.

„Dockstation von was?“

„Er hat wirklich keine Ahnung“, sagte Fedorow, „das kann ja noch lustig werden. Ein Pilot, der die Richtung nicht kennt.“

Ich könnte immer noch umkehren und zurückfahren, dachte Sirius. Graubraune Pakete in unterschiedlichen Größen, wo auch immer er hinsah. Hammarby schwieg wie ein Stein. Hinter einer Pappwand schälte sich ein Container heraus, vor dem der Transporter zum Stehen kam.

„Wir sind da“, erklärte Fedorow.

Hammarby sprang aus dem Transporter und hämmerte gegen die Stahltür. Der Container war aus Blechplatten zusammengeschweißt und nachlässig weiß gespritzt, als wäre er sich seiner provisorischen Funktion bewusst. Auf der Tür klebte ein kleinkariertes Papier mit der Aufschrift: Colonel Connor Frazier. Ein schnittiges „Herein!“ donnerte durch das Metall.

Hinter der Tür war es schummrig, sodass Sirius nur grau und hell unterscheiden vermochte. Rechts von ihnen sprang schattenhaft ein Schreibtisch aus dem Dunst. Fedorow, in strammer Haltung, erstattete augenblicklich Bericht und gab Sirius Gelegenheit, den Offizier hinter dem Schreibtisch näher zu betrachten. Er schätzte ihn auf Mitte Vierzig, dem Ende der Dekade näher als dem Anfang. Sein Gesicht sah aus wie die gezeichnete Karte eines Schlachtfeldes. Aus dunkler Haut blitzten braune Augen wie zwei Artilleriebattalione. Tiefe Gräben durchzogen die Stirn und verliehen dem Antlitz den erforderlichen strengen Anstrich. Weiter unten lagen Lippen wie wulstige Infanterieregimenter in Reserve, dunkelrot gewandet, überschattet von einer knorpeligen, weitläufigen Nase als Reiterei. Hautkrater, wie sie Sirius aus den Lehrbüchern über Pockennarben kannte, puderten das schwarze Gesicht. Ein Schlachtfeld gespickt mit Einschüssen.

Stanislaw Fedorow beendete seinen Bericht, indem er auf Sirius zeigte. Der Colonel wirkte unzufrieden, aber das mochte ein Dauerzustand sein.

„Ich kann Sie nicht leiden, Savic. Ihr Ruf ist miserabel. Ich hätte Sie wegen der Sache mit Präsident Salusconi eher umgebracht, als Sie mit auf diese Mission zu nehmen, aber Sie sind mir von oberster Stelle aufgezwungen worden“, die klare Stimme erhob sich laut in dem Raum, als spräche er zu hundert statt zu drei Personen. Die braunen Augen blickten Sirius trocken an. „Ich sage es, damit wir klar sind.“

„Sonnenklar. Besser als ein verlogenes Willkommen“, konstatierte Sirius. Er kannte diese Reaktion zu Genüge. Der Unfall, den er mit der EUROPE verursachen musste, ging damals durch alle Medien. Selbstverständlich die offizielle Version, die mit der Wirklichkeit soviel gemein hatte wie Sirius mit einem blondierten Strahlemann.

„Um was für eine Mission handelt es sich?“

Der Colonel blickte Sirius mit einem seltsam gespannten Ausdruck an, als wäre er zufrieden, einen Wissensvorsprung zu haben.

„Damit wir uns von Anfang an verstehen, Sie unterstehen meiner direkten …“

Ein Schrei unterbrach den Colonel. Ein zweiter folgte. Direkt vor dem Container. Etwas oder jemand schlug gegen die Tür. Der Colonel sprang auf und warf Fedorow einen besorgten Blick zu. Hammarby dagegen schienen die Geräusche nicht zu beunruhigen, sie lehnte an der Containerwand, als wäre sie kurz davor, sich zu Tode zu langweilen.

Die Tür wurde aufgestoßen und eine kleine, schwarzhaarige Frau stürmte in das Büro. Mit dunkelbraunen Hotpans und einem Trägerhemd, das sich eng um ihren knabenhaft schlanken Körper schmiegte, sah sie aus, als käme sie direkt von einer Tanzvorstellung. Schulterlange Haare fielen in leichten Wellen bis über die Scapula. Sie blickte kurz um sich, blieb eine Zehntelsekunde länger an Sirius hängen, richtete den Oberkörper auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sirius prüfte aus Gewohnheit, empfand aber keinerlei körperliche Erregung bei ihrem Anblick. Er fühlte sich wie ein Eunuch, auf jeden Fall furchtbar alt.

„Sie müssen diesen Idioten von mir fernhalten“, rief das Mädchen Colonel Frazier zu.

Die Sprecherin rückte den Stuhl, der an der gegenüberliegenden Seite von Fraziers Schreibtisch stand, drehte ihn mit der Sitzfläche zur Tür und setzte sich. Obgleich sie allem Anschein nach auf der Flucht war, wirkte sie jetzt ruhiger als Fedorow, dessen Gesicht, seit die Frau den Container betreten hatte, von tiefer Röte überzogen war.

„Was soll das Theater, Dominic?“, der Colonel schien nicht überrascht, mehr verärgert, vielleicht angesichts Sirius` Anwesenheit.

„Sie können machen, was Sie wollen. Ich werde mich von diesem Idioten nicht bespringen lassen. Mission hin oder her. Der ist so vollkommen schwanzgesteuert, dass in seinem Kopf ein zweites Spermalager eingerichtet sein muss.“

„Warum auch nicht“, rief ein junger Mann, der in der Zwischenzeit unbemerkt den Container betreten hatte. Gebaut wie ein Boxer, wie er Sirius unter T-Shirt und Jeans schien. „Praktisch wär`s allemal.“

Sein Mund reichte von einem Ohr zu anderen. Bewunderns-, fast schon beneidenswert, registrierte Sirius den dichten, blonden Haarwuchs des Neuankömmlings. Die Augen schimmerten im leichten Blau, marmorne Haut; die ganze Erscheinung gereichte einem griechischen Gott oder wenigstens einem schwedischen Hochspringer zur Ehre.

„Befehl ist Befehl, Dominic. Ich würde Ihnen vielleicht recht geben, wenn es nur Sie und Cedric betreffen würde. Aber so ist es nicht. Sie wissen das; Sie sind ein kluges Mädchen.“

Die Frau auf dem Stuhl, die der Colonel mit Dominic angesprochen hatte, verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

„Ernsthaft, Colonel. Stellen Sie sich ein halbes Dutzend Kinder von Cedrics Intelligenz, äh, besser von Cedrics Nichtintelligenz, vor. Wenn das die Zukunft der Menschheit werden soll, dann wäre es besser, wir sterben aus. Schleunigst.“

Der Blonde, dessen Name Sirius mit Cedric vermutete, grinste verlegen oder betroffen oder beides.

„Sie vergessen“, der Colonel erhob sich, „dass diese Kinder zur Hälfte von Ihnen wären. Und jetzt möchte ich sie beide bitten, das letzte Mitglied unserer Crew zu begrüßen: Sirius Savic. Er ist Pilot und wird Elena Hammarby unterstützen.“

„Das wüsste ich aber“, grummelte Hammarby laut genug, dass alle im Raum es hören konnten.

„Willkommen“, rief Cedric und stakte auf Sirius zu. „Savic? Der Name kommt mir bekannt vor.“

„Er ist ein Idiot“, Dominic schüttelte den Kopf und sah den Colonel mit hochgezogenen Augenbrauen an. So, als wollte sie sagen, sie hätte es immer schon gewusst.

„Cedric ist nur dumm, Savic ist der Idiot“, ergänzte Hammarby.

„Savic“, als hätte Fedorow darauf gewartet, sich hervortun zu können, „hat vor einem Jahr beinahe Präsident Salusconi umgebracht“, Fedorow mühte sich wenig, seine Verachtung für Sirius zu verbergen, „er hat die EUROPE, die Untergrundbahn des Präsidenten, zum Entgleisen gebracht und dabei zehn Menschen getötet.“

„Sie haben nicht erwähnt, dass der Unfall Ihnen den Job gekostet hat“, Sirius hielt Fedorows Blick stand.

„Savic gehört zur Besatzung, ob es gefällt oder nicht. Hammarby, Sie zeigen ihm die NEWROPA. Und Elena“, der Colonel wirkte für Sirius` Geschmack eine Spur zu ernsthaft, „bringen Sie ihn nicht schon am ersten Tag um.“

Die blonde Frau grunzte, was alles bedeuten konnte. Sirius folgte ihr wie ein ertappter Hund, behielt aber die Augen geschärft, sofern seine Führerin es mit den Befehlen des Colonels nicht allzu sorgfältig nehmen sollte.

Die junge Pilotin verschlang den Raum mit ihren Schritten und achtete nicht darauf, ob Sirius mit ihr mithalten konnte. Sie liefen durch ein Labyrinth, dessen Wände gestapelte graubraune Pappkartons formten. Die Pfade, die diesen Pappdschungel durchdrangen, kannten nicht einen geraden Meter. Die Richtung änderte sich stetig, sodass der Benutzer nicht weiter als ein oder zwei Meter im Voraus schauen konnte. Am Ende verschwand gar der ganze Gang hinter einer graubraunen Kartonwand.

Sirius hatte gerade Zeit sich zu fragen, was wohl zu tun wäre, als Hammarby drei Kartons aus der Mauer stieß und auf diese Weise die Sicht auf eine Halle freigab. Ihre hochgezogenen Augenbrauen schienen eine Art Erlaubnis zum Eintritt. Im Vorbeigehen steckte Sirius einen Signalsender zwischen die Pakete. Nachdem er die Halle betreten hatte, schob Hammarby die Kartons wieder zurück in die Mauer.

(wird fortgesetzt)

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Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-46-minus54.jpg” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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DAS WESEN DES HÜTERS – Eine Science-Fiction-Geschichte von Günther Kurt Lietz (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 4/2011)

Erstellt von Günther Lietz am 31. Oktober 2011

Das Wesen des Hüters

Science-Fiction-Geschichte
von
Günther Kurt Lietz
2002/2011

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages brachen sich in der Atmosphäre und ließen die kahle Wüstenlandschaft von Kadira in einem sanften Orange erstrahlen, das sich zum Himmel hin in ein goldenes Licht wandelte. In weiter Ferne stieg ein kleiner Modulfrachter der Ediken auf gleißenden Flammensäulen in die Höhe empor und ließ den lebensfeindlichen Planeten unter sich.

Nascha-Ra-Hua bedeutet wörtlich übersetzt „Hüter vom Wind“ und war der Name des schlanken Mannes, der einsam auf einer der unzähligen Klippen stand, die das weite Land wie ein gezackter Rahmen umgaben.

Bis auf einen kleinen Lendenschurz war sein gelenkiger Körper nackt und die schwarzviolette Haut badete in der untergehenden Sonne, sog die letzte, energiespendende Strahlung in sich auf. Die Atmung des einsamen Manns war flach und seine Brust hob sich nur unmerklich. Die Borsten im Nacken hatten sich aufgerichtet und filterten lebenswichtige Mineralien aus der Luft.

Der starke Hornkamm Nascha-Ra-Huas zitterte unmerklich. Dort wo er in die Stirn überging prangte eine kleine rote Narbe. Einst hatte sich an dieser Stelle das Nikar-Ra-Kima befunden, eine Körperdrüse. Doch war sie ihm bereits im Kindesalter entfernt worden und hatte so aus dem gewaltbereiten Vokadi einen friedlichen Vokadi-Ras geformt.

Nascha-Ra-Hua spürte den heißen Stein unter seinen Füßen. Er spürte wie der warme Wind über seinen Rücken strich und den Brutbeutel umschmeichelte. Der Blick seiner gelben Echsenaugen folgte dem Frachter, dessen menschlichen Mannschaft und der kostbaren Fracht.

Sie würde ihn finden, das wusste Nascha-Ra-Hua. Doch als sie kam war er trotzdem überrascht. Mit bebenden Nasenlöchern nahm er ihre Witterung auf und spürte dann die Anwesenheit der anderen auf seiner Haut, noch bevor sich eine feingliedrige Hand auf seine Schulter legte.

„Du hast dem Gesetz widersprochen und die Reliquie den Menschen ausgehändigt.“, sagte eine tiefe, warme Stimme. Es war die Stimme von Nima-Natul-Horan, seiner Geliebten.

Nascha-Ra-Hua drehte sich langsam zu ihr um. Seine Augen suchten die Ihren und er versank für einen kurzen Augenblick in ihrer Seele, bevor er sich an einer Erklärung versuchte. „Es stand uns nicht zu, die Reliquie zu besitzen. Sie gehört nicht unserem Volk. Wo war da Recht, frage ich dich? Ich bin der sanfte Wind der Frieden bringt und nicht der Sturm, der Zorn über seine Feinde wirft.“

Nima-Natul-Horan schmiegte sich an ihren Geliebten. Auch sie trug nur einen Lendenschurz und die Reibung ihrer nackten Körper aneinander hatte etwas erregendes an sich. Trotz der gefährlichen Situation. „Das Gesetz schützt unser Volk vor den Außerirdischen. Und vor unseren dunklen Brüdern.“ Sie atmete tief durch ihr drei Nasenlöcher ein und hauchte warme Luft in Nascha-Ra-Huas Mundhöhle. „Ich kenne dich, mein Geliebter. Deswegen fand ich dich vor ihnen. Aber es wird nicht lange dauern bis die Adepten dich gefangen nehmen. Du hast dich dem Hochverrat schuldig gemacht.“

„Habe ich das wirklich?“ Er lachte leise und strich mit der linken Hand über ihren Hornkamm, der sich durch einen starken Knochenschild und scharfe Konturen auszeichnete. Die Ausläufer endeten tief im Nacken, nur zwei Handbreit über dem Geschlechterbeutel. „Wir sind nicht die Richter dieses Universums. Ich kann den Gedanken kaum ertragen, dass wir uns schuldig machen, anderen Spezies ihr Erbe vorzuenthalten.“

Nun war Nima-Natul-Horan daran zu lachen. „Du bist so wunderbar ehrlich.“, sagte sie und schüttelte sanft den Kopf. In diesem Augenblick erlosch das Licht der Sonne endgültig und die Sterne begannen am Nachthimmel zu erblühen.

Die Augen der beiden Vokadi-Ras veränderten sich unmerklich. Das Gelb wurde leuchtender und glitzerte im Sternenlicht. Nascha-Ra-Hua liebte den Augenblick, wenn sich das Sichtspektrum verschob. Er bewunderte die Natur gerne bei Nacht, in der er sah wie am Tage. Nein, in der er besser sah als am Tage. Er glaubte die Wärme sehen zu können, die sich nun aus dem Boden löste und in die kühler werdende Nacht entfloh.

Nima-Natul-Horan schob ihre Hand unter Nascha-Ra-Huas Kinn und schmiegte ihre Wange an die seine. „Erinnerst du dich manchmal an die Kima-Zeremonie? An den Schwur in Frieden zu leben und dem Gesetz zu gehorchen? Nicht nur uns, sondern auch die anderen Wesen des Universums zu schützen? Was du getan hast erschüttert das Gesetz. Vielleicht führt uns deine Tat ins Verderben.“ Ihre Worte waren immer leiser geworden und kaum noch zu vernehmen. Sie glichen einem Flüstern. „Ich habe Angst, Nascha-Ra-Hua. Ich habe Angst, dich zu verlieren. Und ich habe Angst, unseren Frieden zu verlieren.“

„Warum? Was hat die Reliquie mit unserem Volk zu schaffen? Die Ältesten verbergen sich gerne hinter ihren Traditionen. Sie meiden den Kontakt mit den Außerirdischen. Aber diese Menschen sind doch gar nicht so übel. Ich habe sie von einer friedfertigen Seite kennengelernt.“

„Vielleicht trübt deine Zeit als Adept des Botschafters deine Objektivität.“, entgegnete Nima-Natul-Horan schärfer als sie eigentlich wollte. „Die Ediken führen ständig Krieg und verbannen, was sie nicht haben wollen. Und ausgerechnet jetzt sollen sie den Frieden akzeptiert haben? Mein Liebster, die Außerirdischen denken nur an sich selbst. An ihre Macht und an ihren Einfluss.“

Er liebte ihre wütende Art. Vorsichtig strich er mit seinen Fingerkrallen über ihren Hals und lächelte. „Auch wir leben in ständigem Krieg. Nur an der Oberfläche unterscheiden sich unsere Schlachtfelder und Absichten. Doch tief im Inneren ist es nur Tod und Verderben. Auch die Ältesten trachten nach Macht.“

„Vielleicht. Das gebe ich gerne zu. Vielleicht hast du richtig gehandelt. Aber sollten wir uns darüber wirklich Gedanken machen?“ Sie war besorgt. „Lass uns gehen. Lass uns gehen, bevor die Adepten zu nahe sind. Wir könnten in die Wüste fliehen. Ich kenne eine kleine Höhle. Es gibt dort ein wenig Wasser. Irgendwann haben sich die Gemüter abgekühlt und wir können vielleicht zurückkehren. Doch jetzt sind die Leute aufgebracht und werden dich richten wollen. Wir müssen ihnen Zeit geben, um sich zu beruhigen.“

Nascha-Ra-Hua schob sie ein Stück von sich weg und starrte sie fassungslos an. „Was sagst du da? Ich werde mich auf keinen Fall verstecken. Ich habe nichts getan und stehe zu meiner Tat. Ich habe dem Gesetz widersprochen, aber ich hatte Gründe. Die Ältesten werden diese Gründe akzeptieren müssen. Irgendwann werden sie mich verstehen und die Richtigkeit meiner Tat einsehen.“

„Und was ist wenn du erkennst, dass es falsch ist?

„Das werde ich nicht, meine Liebste. Glaub mir.“

„Ras selbst hat die Reliquie empfangen und vor den Menschen verborgen. Willst du ihn in Frage stellen?“

„Ich stelle nicht Ras sondern seine Propheten in Frage. Ich glaube sie kennen die wahre Lehre, aber sie gehen einen falschen Weg.“

„Die Menschen haben dich verdorben.“, warf ihm Nima-Natul-Horan bitter vor. In ihren Augen spiegelte sich eine tiefe Traurigkeit. „Lass uns von hier verschwinden. Bitte, ich flehe dich an.“

Nascha-Ra-Hua fasst sie mit den Händen an den Schultern. „Es wäre falsch, Liebste. Glaub mir. Jeder muss seinen Weg gehen. Ich muss es. Und du musst es auch. Nun bitte ich dich allerdings, deiner Pflicht nachzukommen. Es ist für uns alle das Beste.“

Eine Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel und rann über die zart gezeichnete Wange. Sie stoppte kurz in einem winzigen Grübchen, um dann ihren Weg fortzusetzen. „Sie werden es nicht verstehen.“, sagte sie leise und traurig, schüttelte sanft ihren Hornkamm und löste sich von ihm.

Nima-Natul-Horan trat einen Schritt zurück und tastete zu ihrem Lendenschurz hinunter. Nur zögerlich betätigte sie den Signalgeber und gab ihren Kameraden damit ihre Position und auch die seine bekannt. Sie tastete zu ihrer Stirn hoch und berührte den Sensor unter der Kopfhaut. „Adeptin Nima-Natul-Horan meldet den Gesuchten gefunden zu haben. Er hat sich freiwillig gestellt. Ich bitte um einen Transport zur Hauptstadt.“

Sie lauschte den Worten in ihrem Ohr, nickte mehrmals leicht und schaltete dann das Kommunikationsimplantat wieder ab. „Sie werden es nicht verstehen.“, flüsterte sie und ließ dann stumm ihren Tränen den Lauf. Nascha-Ra-Hua fasste sie sanft am Kinn und drückte seine Stirn an die ihre.

***

Die Zelle war klein und kahl. Sie war aus Sandstein erbaut und mit Bakterien gesichert worden. Eine in der Decke verborgene Beleuchtung spendete sanftes, orangenfarbenes Licht. Die einzige Türe nach draußen bestand aus Kunstfasern und war geschlossen.

An einer Seite des Raums war ein Quader aus der Wand gefahren, auf dem ein dünner Kalkstein lag. Nascha-Ra-Hua hatte es sich darauf bequem gemacht und ließ die letzten Tage vor seinem Auge nochmals vorbeiziehen.

Die Ältesten hatten sich stumm seine Worte angehört und zur Beratung zurückgezogen. Das war mehr als er verlangen konnte. Und obwohl ihn Nima-Natul-Horan gewarnt hatte, war die Verkündung des Urteils für ihn ein Schock.

Die Ältesten sahen vom Todesurteil ab, straften ihn aber mit dem Exil. Nascha-Ra-Hua war verdammt worden, auf einer entlegenen Kolonie sein Dasein zu fristen. Auf den ersten Blick war es eine schwere Strafe, fernab der Heimat und Muttersonne leben zu müssen. Doch konnte er aus dem Exil weiterhin wirken. Vielleicht konnte er sein Volk sogar aufrütteln und sie aus der Isolation führen.

Nascha-Ra-Hua erschrak als die Türe mit einem schabenden Geräusch zur Seite glitt. Vor ihm stand Nima-Natul-Horan, gekleidet in einen sandfarbenen Tarnanzug. Hinter ihr standen zwei Männer und blickten sich nervös um.

Nima-Natul-Horan stürzte auf Nascha-Ra-Huar zu, der aufgesprungen war, und fiel in seine Arme. „Wir müssen uns beeilen, Geliebter.“, flüsterte sie und hauchte ihm warm ins Gesicht. „Wir haben nur ein kleines Zeitfenster, bis die Sensoren wieder normal arbeiten.“

Nascha-Ra-Hua war froh Nima-Natul-Horan zu sehen. Dennoch schob er sie von sich weg. Er schüttelte heftig den Kopf. „Zu fliehen wäre der falsche Weg. Ich nehme die Strafe an. Egal wohin sie mich schicken, ich werde kämpfen, um den Vodokai-Ras meine Ansichten zu verdeutlichen.“

„Jetzt ist keine Zeit zum Diskutieren. Es ist nicht von Belang was Recht ist. Nascha-Ra-Hua, wenn du hier bleibst wirst du wirklich kämpfen müssen. Die Ältesten haben dich verschont, weil sie keinen Märtyrer gebären wollen. Sie schicken dich ins Exil, um den Mantel des Vergessens über dich auszubreiten. Sie wollen dich nach Amar-Kadi schicken.“ Sie schluckte schwer und ihr Hornkamm zitterte. „Nach Amar-Kadi.“, wiederholte sie ängstlich.

Schreckliche Bilder von einem verwüsteten Planeten und blutigen Schlachtfeldern blitzten vor Nascha-Ra-Huas Augen auf. Bilder von Tod und Verderben. Brüder die gegeneinander kämpften. Licht und Schatten eines Volks schlugen dort eine immerwährende Schlacht. „Ist das wahr?“ fragte er, um Beherrschung ringend.

Nima-Natul-Horan nickte. „Ich habe es eben erfahren. Freunde die mir teuer sind werden uns bei der Flucht helfen. Lass uns gehen. Bitte.“

Wieder nickte er, ließ sich von ihr an der Hand nehmen und aus der Zelle führen. Nima-Natul-Horan klebte einen Signalgeber an die Wand, der Nascha-Ra-Huas Lebenszeichen vortäuschen würde. So konnten sie sich ein wenig Zeit erkaufen.

Die beiden Nascha-Ra-Hua fremden Männer führten die Flüchtlinge sicher durch die unterirdische Anlage nach oben. Sie kannten sich aus und umgingen die Alarmsensoren. Ihre Hilfe konnte mit dem Tod bestraft werden. Doch sie schienen vor einer Strafe keine Angst zu haben, sondern sorgten sich vielmehr um Nascha-Ra-Huas Leben.

Am Ziel angelangt standen sie auf einem kleinen Sandplatz. Ein zweisitziges Schwebekrad stand bereit, die Packtaschen prall gefüllt. Während Nascha-Ra-Hua hinten aufsaß und die Sicherheitsgurte anlegte, verabschiedete sich Nima-Natul-Horan von den beiden Männern.

„Wir sind euch für eure Hilfe dankbar. Ihr habt selbstlos gehandelt.“

Einer der Männer schüttelte sanft den Kopf. „Nein, das war nicht selbstlos. Nascha-Ra-Hua ist ein wahrer Hüter des Wissens. Er weiß wann es Zeit ist loszulassen. Wir leben in selbstgewählter Isolation, spielen uns arrogant als Hüter des Universums auf und vergessen dabei, dass wir die anderen Völker nicht vor sich selbst, sondern vor uns schützen sollten. Seine Ideen und Erkenntnisse sind auch die unseren. Mit ihm haben wir einen Mann, dem wir lauschen und von dem wir lernen können. Vielleicht wird es ihm irgendwann gelingen, ein Umdenken zu erreichen. Wir dürfen nicht gegen die anderen Völker leben, sondern wir müssen mit den anderen Völkern leben. Nur so kann es uns gelingen der Bedrohung Herr zu werden, die aus unseren eigenen Reihen kommt.“

Nima-Natul-Horan drückte ihm sanft die Schulter. „Gut gesprochen, mein Freund. Unsere Herzen schlagen in einem gemeinsamen Wohlklang. Ich liebe Nascha-Ra-Hua und werde ihm helfen. Ob wahr oder falsch ist mir egal. Gemeinsam sollten wir alle unsere Ziele erreichen. Auch wenn sie verschieden aussehen, so sind sie doch alle gleich. Wir wollen in Frieden leben. Jeder.“

Nima-Natul-Horan drehte sich um, lief auf das Schwebekrad zu und ließ ihr altes Leben zurück, um ihrem Herzen zu folgen.

Ende

Copyright (c) 2002/2011 by Günther Kurt Lietz

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen20110122082624-7f63d0a3-100-30-100.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

BUCHEMPFEHLUNG DER REDAKTION:

DAS BUCH AUS DEM DIE VORLIEGENDE STORY STAMMT IST NOCH LIEFERBAR UND KANN BESTELLT WERDEN!

Welten voller Hoffnung
Anthologie. Sciencefiction, Fantasy, Phantastik. Kurzgeschichten

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ISBN :      978-3-934582-11-8
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Seiten/Umfang :      228 S. – 15,5 x 22 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      09.2002
Gewicht :      370 g

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Die verschiedenen Geschichten (auch Gedichte) dieser Anthologie entstammen den Genres Science Fiction, Fantasy, Phantastik und Horror. Für das Projekt konnten zahlreiche Autorinnen und Autoren gewonnen werden, die sich in der Science Fiction bereits einen gewissen Namen gemacht haben. …

Sie beschäftigen sich auf unterhaltsame und spannende Weise sowohl mit zwischenmenschlichen als auch sozialen Problemen unserer künftigen oder einer fiktiven, fremden Welt. Dabei wird von Hoffnungen erzählt, die Lebewesen hegen, seien sie nun Bewohner eines realen oder eines fiktiven, phantastischen Lebensraums. Manche dieser Hoffnungen gehen in Erfüllung, andere nicht … Nicht zuletzt zeigen einige Geschichten, dass es auch in Zukunft möglich sein wird, mit ein wenig Nächstenliebe oder Menschlichkeit viel Not und Leid zu lindern.

Die großen, gesellschaftlichen Zusammenhänge finden nur am Rande Berücksichtigung. Vielmehr drehen sich die unterschiedlichen Beiträge um das Verhalten gegenüber dem direkten Kontrahenten, sei es Freund oder Feind, wobei es durchaus vorkommen mag, dass es sich bei dem Widersacher um die eigene Person handelt.

Leseproben:

“Imago
Claudia Toman

Die Rufe waren laut und ängstlich, überall im Berg verbreitete sich das unheimliche Gerücht und wurde zur schrecklichen Gewissheit. Etwas Furchtbares war bei den Arbeiten im ersten Stollen gefunden worden, etwas so Entsetzliches, dass ihr gesamtes Zuhause in Gefahr war. Niemand konnte diese Gefahr beim Namen nennen, und keiner wusste genau, was das für eine Entdeckung war, aber als man es zur Maahm gebracht hatte, war die Alte in Tränen ausgebrochen, und nun war man sicher, dass es nichts Schlimmeres geben konnte als das Ding aus dem ersten Stollen.

Die Maahm war die Älteste der Überlebenden im Berg, meist schlief sie oder sang vor sich hin, und nur ganz selten schrie sie noch oder jammerte. Für die Menschen war sie eine Heilige, eine Lebende der letzten und ersten Stunde, sie war die Einzige, die sich noch daran erinnern konnte, wie die Überlebenden vor vielen Dutzenden von Jahren in den Berg geflohen waren, alle anderen, die mit ihr gekommen waren, waren längst tot. Schon seit langem hatte die Maahm nicht von früher gesprochen, es war, als hätte sie ihre Geschichten mit der Zeit verloren, und ein halbes Jahrzehnt war sie nun völlig  …”

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“Die Zeit des Peter W.
Bodo Kroll

Alles war ganz harmlos! Ich stand gerade in der Küche, als mir plötzlich schwindlig wurde. Mein Sehvermögen trübte sich für einen kurzen Moment. Es war, als ob der Bildschirm meines Computers nur noch eine ganz große Pixelauflösung hätte. Die Konturen wurden rasterhaft, die Farben reduzierten sich auf Schwarz und Weiß.

Auf einmal war alles wieder ganz normal.

Verwundert griff ich nach dem Wasserkocher, um den Tee für meine Frau und mich aufzugießen. Die Tassen standen vor mir auf der blau gesprenkelten Arbeitsplatte der weißen Einbauküche.

Der Kocher war irrsinnig schwer! Es war, als ob meine Hand überhaupt keine Kraft mehr hatte. Mühselig drückte ich den Wasserkocher in Richtung Tassen wie durch einen zähen Schleim.

Meinem Gefühl nach hatte ich Minuten gebraucht, um das Gefäß über die Tassen zu bekommen. Schweißperlen standen mir auf der Stirn.

Noch verrückter verhielt sich das Wasser! Es …”

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“Logbuch
Corina Bomann

Washington Post, 27. Mai 2005
Sensationeller Fund in der Wüste von Nevada

Wie unsere Korrespondenten melden, handelte es sich bei der Kapsel, die Forscher bei Ausgrabungen zutage gefördert haben, wahrscheinlich um eine Botschaft außerirdischer Wesen, die, sofern ihre Echtheit bestätigt wird, unsere Theorien von der Evolution vollständig über den Haufen werfen und eine neue Debatte in der Erforschung der Menschheitsgeschichte entfachen wird. Noch wird die gesamte Angelegenheit top secret behandelt, unseren Reportern ist es allerdings gelungen, einen kleinen Blick auf das Material zu werfen, das unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen von internationalen Expertenteams untersucht wird.

Hier ein Teil der Übersetzung, die mit Hilfe modernster Computertechnologien erstellt wurden.

*
Ausriss aus dem Logbuch der Askareon, Tag 32 des Monats Dekaron, 6. Jahr nach Exodus

Nachdem nun genau fünf Jahresspannen vergangen sind, seit wir unseren Heimatplaneten Terra Numera verlassen haben, möchte ich diesen Tag dazu nutzen, neben den kalten technischen Daten unserer Reise etwas von unserer Geschichte zu erzählen. Der Grund ist simpel: Die Hoffnung, einen geeigneten Planeten zu finden, auf dem wir uns niederlassen können, schwindet mit jedem Tag …”

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

“Tausend Stimmen, längst verstummt
Armin Rößler

Flood fühlte seine Ohnmacht wachsen. Unbedeutend stand er da, ein winziger Punkt, und vor ihm ragte mächtig die Zitadelle auf. Das imposante Bauwerk war viel zu groß, um von einem Menschen in seiner Gesamtheit überblickt werden zu können. Sein Herz pochte laut, doch seine Gedanken waren halb betäubt. Ein lang ersehnter Traum ging in Erfüllung, aber just in diesem Moment erfüllte ihn nur noch Hilflosigkeit. Die unmittelbare Nähe zu seinem großen Ziel ließ ihn fast zurückschrecken. Wie viel einfacher wäre es, diesen letzten Schritt nicht zu tun! Der Antrieb, der ihn seine Zweifel überwinden ließ, kam letztlich aus ihm selbst. Jetzt aufzugeben, hieße, das Sehnen und Bangen beinahe seines ganzen Lebens zu verraten.

Das Tor, breit und hoch, öffnete sich geräuschlos. Nur ein schwacher Lichtschimmer drang aus dem Loch in der schwarzen Mauer. Bewegung kam in die kleine Menschengruppe, die andächtig davor verharrt hatte. Flood folgte den anderen wie ein Schaf seiner Herde. Ein alter Mann erwartete sie. Schon rein äußerlich kein Aurel. Zumindest nicht, wenn die vagen Berichte die Wahrheit erzählt hatten, denen Flood in der Vergangenheit so fasziniert gelauscht hatte. Dennoch musste der Alte offensichtlich ein Mensch sein, der schon seit langer Zeit im Inneren der Zitadelle lebte. Die Farbe seiner …”

Biographie:

Barbara Jung, wohnt und arbeitet in Frankfurt am Main. Die Protagonisten ihrer Bücher und Geschichten rekrutieren sich zumeist aus Vertretern von Minderheiten. Veröffentlichung von Science-Fiction-Romanen und Fantastik-Thrillern (sämtlich auch als eBooks) und Kinderbüchern, ferner zahlreiche Kurzgeschichten und Lyrik in Anthologien und Magazinen sowie Artikel in Literaturzeitschriften.

Bibliographie:

(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Trauermarsch
296 S., 15,24 €, ISBN 3-93482-03-6
Im Buchhandel als Libri Book on Demand
Preis für die eBook-Editionen: 5,09 €

Tattoos
312 Seiten, 15,85 € – ISBN 3-934582-05-2
In jeder Buchhandlung als LIBRI Book on Demand
Preis für die eBook-Editionen: 5,09 €

Kreuzzug des Hasses
297 Seiten, 14,78 € – ISBN 3-934582-00-1
In jeder Buchhandlung als LIBRI Book on Demand
Preis für die eBook-Editionen: 5,09 €

SAKOTA’S PARADISE
LOST PLANETS Bd.1
Book on Demand
BeJot-Verlag Frankfurt am Main, September 2000
Paperback
ISBN 3-934582-07-9 – 530 Seiten – 25,51 €
Preis für die eBook-Editionen: 6,60 €

RRIXSIEH = HOFFNUNG
Lost Planets Bd.2
Book on Demand
BeJot-Verlag Frankfurt am Main, Oktober 2000
Paperback
ISBN 3-934582-08-7 – 600 Seiten – 27,61 €
Preis für die eBook-Editionen: 6,60 €

SPACE ROVERS
Lost Planets Bd.3
Book on Demand
BeJot-Verlag Frankfurt am Main, November 2000
Paperback
ISBN 3-934582-09-5 – 384 Seiten – 19,17 €
Preis für die eBook-Editionen: 6,60 €

PLANETS OF NO RETURN
Lost Planets Bd.4
Book on Demand
BeJot-Verlag Frankfurt am Main, Dezember 2000
Paperback
ISBN 3-934582-10-9 – 386 Seiten – 19,17 €
Preis für die eBook-Editionen: 6,60 €

Welten voller Hoffnung
Hrsg.: Barbara Jung / Olaf Brüschke
Kurzgeschichten aus den Genres
Sciencefiction / Fantasy / Phantastik
BeJot-Verlag Frankfurt am Main 2002
Paperback, 228 Seiten; ISBN: 3-934582-11-7
Preis: 13,00 Euro

DELFINE IM NEBEL
Hrsg.: Udo Mörsch
Geschichten von Emily
Unterhaltsame und fantastische Geschichten aus der Welt eines kleinen Mädchens,
ab ca. 4 J., 100 Seiten,
liebevoll illustriert mit vielen lustigen Zeichnungen.
ISBN 3-934582-04-4,
7,62 Euro Bestellen beim Buchhandel als Book on Demand

Marco Mars
Bd. 1: Die Entführung
BeJot Frankfurt a. Main 2003,
ISBN 3-93458216-8, 124 Seiten,
8.00 EURO

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 2 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 4/2011)

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Oktober 2011

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 2

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve



Sie wusste nicht, wie lange sie ohne Bewusstsein gewesen war. Aber Lovisa fühlte sich ausgeruht. Ihre Ohnmacht war in einen tiefen Schlaf übergegangen, den sie die letzten Tage so sehr gebraucht hatte. Doch um so wohltuender der Schlaf, um so schlimmer das Erwachen.

Sie hatte Zeit verloren. Vielleicht sogar zu viel Zeit. Und da war noch dieser tote Junge, der plötzlich vor ihr stand und den Morle mit den Sensoren der SKUNKKALLA nicht erfassen konnte. Lovisa hatte schon viele Gruselgeschichten von der Erde gehört. Doch die meisten waren als Aberglaube enttarnt oder von schlimmen Weltraumgeschichten abgelöst worden. Trotzdem war sich Lovisa sicher,  dass dieser Junge ein Vampir sein musste.

Lovisa hörte es Rascheln. Jemand war mit ihr im Raum. Vorsichtig öffnete sie die Augen einen Spalt und blinzelte. Sie lag in ihrer Kabine. Jemand hatte sie hergebracht, in ihre Koje gelegt und zugedeckt. Das Licht war gedimmt.

Nur zwei Schritte entfernt saß der Vampirjunge und blätterte in einem alten Buch, dass Lovisa zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Es war uralt und erzählte das Märchen von einem kleinen Jungen, der unbedingt Zauberer werden wollte. Lovisa hatte die Geschichte sehr gut gefallen, doch niemand hatte die fehlenden Bücher der Reihe mehr auftreiben können.

Genau in diesem Buch las der Junge, der sich als Bernard vorgestellt hatte. Lovisa schluckte und ihr Herz ging schneller. Was sollte sie nur machen? Morle war keine Hilfe. Vorsichtig sah sich die angehende Piratin um. Am Ende der Koje lehnte ihr Säbel. Wenn sie schnell genug war, konnte sie den Vampir sicherlich überraschen.

„Du brauchst dich nicht schlafen zu stellen.“ Die Stimme des Jungen klang fröhlich. Er schob das Buch zur Seite und drehte sich um. Sein Gesicht lag im Schatten und wirkte fremdartig und beängstigend. Zu Lovisas Überraschung konnte sie ihn verstehen. „Ich habe gehört, dass du aufgewacht bist. Irgendwie habe ich das Gefühl, zwischen uns beiden gibt es ein Missverständnis.“ Er lächelte und erneut sah Lovisa die beiden spitzen Eckzähne.

„Du bist ein Vampir.“, stieß sie atemlos hervor. „Ein echter Vampir. Du bis tot. Nein. Ich meine, du bist untot.“

Der Vampir strich sich mit dem Zeigefinger über eine der Augenbrauen. „Ich verstehe. Das hat sich also nicht geändert. Ich dachte die Menschen würden heutzutage anders über meine Spezies denken. Ich bin jedenfalls davon ausgegangen. Immerhin sind wir an Bord eines Raumschiffs. Das bedeutet einen großen Sprung in eurer Entwicklung. Dachte ich jedenfalls.“

„Deine Spezies? Ihr seid Monster.“

„Monster? Also erst einmal sind wir keine Monster. Mein Spezies nennt sich Vampyr. Und ich bin erst recht kein Monster, sondern Bernard. Bernard Tailleur, das habe ich dir doch gesagt.“

„Das macht es nicht besser. Der Name Tailleur genießt hier an Bord keinen guten Ruf. Im Gegenteil. Aber das erklärt einiges. Sicherlich ist Gouverneur Tailleur auch ein Vampir.“ Lovisa strampelte mit den Beinen die Decke weg. Glücklicherweise war sie darunter angezogen. Nur ihre Stiefel fehlten. Die standen vor dem Bett.

Bernard legte die Stirn in steile Falten. Etwas bereitete ihm offensichtlich Sorge. „Irgendwie habe ich mir das Aufwachen anders vorgestellt. Ganz anders.“

„Ich mir auch.“ Lovisa tastete mit den Händen ihren Hals ab. Sie fand keine Bissspuren und war erleichtert. „Und damit du es weißt, ich schmecke schrecklich. Und jeden Morgen frühstücke ich Knoblauch und Thymian.“

„Was? Wie kommst du denn jetzt darauf? Oh.“ Seine Miene hellte sich auf und er brach in schallendes Gelächter aus. „Ich verstehe, das hatte ich ja ganz vergessen. Wegen den spitzen Zähnen glaubt ihr ja, wir würden uns von Blut ernähren. Das mit dem Knoblauch habe ich auch gehört, aber die Sache mit dem Thymian ist mir neu.“ Bernard lächelte. „Keine Bange, Vampyre sind keine Blutsauger.“

Sein Lächeln war ansteckend und bisher hatte er keine Anstalten gemacht, Lovisa anzugreifen und seine Zähne in ihren Hals zu schlagen. Sie entspannte sich ein wenig und schwang ihre Beine über den Rand der Koje, um besser zu sitzen. Lovisa legte die Hände in den Schoß und betrachtete Bernard eingehend. „Wo kommst du eigentlich genau her? Wo ist deine Familie? Und warum hast du in einer Kiste geschlafen?“

„Bitte, langsam. Ich beantworte gerne deine Fragen. Aber ich brauche auch ein paar Antworten. Ich fühle mich momentan ziemlich verwirrt.“

Lovisa nickte. „Das geht mir genauso. Also in Ordnung, wie du mir, so ich dir. Du gibst mir Antworten und ich dir dann auch.“

„Einverstanden. Also, meinen Namen kennst du ja schon. Wie ist denn deiner?“

Lovisa wurde rot. Trotz dem großen Schrecken einem Vampir gegenüber zu stehen, hielt sie es plötzlich für unhöflich, sich nicht vorgestellt zu haben. „Lovisa Larsson. Und das Schiff hier, das ist die SKUNKKALLA.“ Sie reichte Bernard ihre Hand, die er ergriff und sanft drückte. Es war ein angenehmes Gefühl. Die Hand war zwar kühl, aber keinesfalls kalt, wie Lovisa befürchtet hatte.

„Freut mich dich kennenzulernen, Lovisa. Also, ich bin ein Vampyr und stamme von dem Planeten Illthanséa. Ich bin vor sehr langer Zeit auf euren Planeten gekommen. Damals sind die Menschen ebenfalls mit Schiffen gefahren, doch die hatten gewaltige Segel und dienten dazu, die Meere eures Planeten zu bereisen.“

Lovisa guckte Bernard verblüfft an. „Das ist aber ziemlich lange her. Du bist ja uralt. So siehst du gar nicht aus.“

„Um ehrlich zu sein, so groß ist der Unterschied zwischen und beiden gar nicht. Ich altere beinahe wie ein Mensch. Aber wenn wir schlafen, dann setzt der Alterungsprozess aus. Und manchmal vergessen wir regelrecht aufzuwachen. Ich habe aber wohl länger als jeder andere meiner Art geschlafen. Du hast gesagt, es gäbe einen Gouverneur Tailleur? Das ist sicherlich ein Verwandter von mir. Ich sollte unbedingt mit ihm reden.“

„Nein!“ stieß Lovisa hervor und ihre Stimme überschlug sich dabei fast. „Niemals! Ich kehre niemals wieder in die Nähe dieses Mannes zurück!“

Bernard war unter der dem plötzlichen heftigen Ausbruch zusammengezuckt und sah Lovisa erschrocken an. In seinen Augen wirbelten goldene Punkte umher. „Was hat er dir angetan?“ Aufrichtiges Mitgefühl schwang in Bernards Stimme mit. „Was war so Schreckliches, dass du so viel Angst vor ihm hast?“

„Er, er …“ Lovisa atmete tief durch. Dann begann sie zu erzählen. Erst langsam und stockend, dann immer schneller und schluchzend. Die Tränen rannen ihr übers Gesicht, als sie von Tailleurs Verbrechen erzählte, wie sehr sie ihren Pappa, Nils und die ganze Mannschaft der SKUNKKALLA vermisste. Am Ende saß sie auf der Kante ihrer Koje, nur mehr ein Häufchen elend, mit verweinten Augen, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen.

„Entschuldige, dass wusste ich nicht.“ Bernards Stimme war tonlos. Mitgefühl lag in seinem Blick, als er zu Lovisa hinüberging und sich neben sie setzte. Bernard starrte einige Sekunden zu Boden, dann legte er seinen Arm um sie. „Was dieser Mann getan hat ist schrecklich und entehrt den Namen Tailleur. Egal was geschieht, ich werde dir beistehen, Lovisa. Versprochen. Bei meiner Ehre, ich werde erst ruhen, wenn die Gerechtigkeit wieder hergestellt ist.“

Seine Worte klangen stark und aufrichtig. Tief im Inneren wusste Lovisa, dass es Bernard ehrlich meinte. Es war gut, jemanden zum Anlehnen zu haben und sie legte ihren Kopf an seine Schulter. Obwohl sie den Vampyr erst seit kurzer Zeit kannte, kam er in diesem Augenblick einem Freund am nächsten.

„Und was ist mir dir?“ fragte Lovisa und blickte ihn an.

Bernard lächelte und stupste mit dem Zeigefinger leicht gegen ihre gerötete Nase. „Unwichtig. Wir kümmern uns erst einmal um dich. Einverstanden?“

Lovisa seufzte. „Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll.“

„Ich glaube, das kommt von alleine, sobald du ein Ziel hast. Etwas, auf das du zulaufen kannst, das du erreichen willst. Was ist dein Ziel? Hast du schon eins?“

„Nils, mein kleiner Bruder. Er ist mir als einziges geblieben. Ich will ihn zurück.“

„Ja, das kann ich verstehen. Familie ist wichtig, sie ist Teil des Herzens und Teil der Seele. Sie hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Das ist ein gutes Ziel.“

„Aber wie soll ich ihn finden? Das Universum ist so groß.“

Bernard dachte nach. „Stimmt. Aber wir sind bereits zu zweit. Und das macht dich stärker als noch vor einigen Stunden.“

„Wir sind zu dritt. Morle ist auch dabei.“

Kaum hatte Lovisa Morles Namen ausgesprochen, flammte der Bildschirm an ihrem Bett auf und die virtuelle Katze sprang herbei. „Du hast mich gerufen? Wollen wir spielen?“

Bernard betrachtete die Animation eingehend, während Lovisa über den Bildschirm streichelte. „Morle ist eine künstliche Intelligenz. Sie hilft mir die SKUNKKALLA zu steuern. Ohne Mannschaft ist das ziemlich schwer. Ich weiß auch gar nicht alles. Morle wird immer aktiviert, wenn ich ihren Namen laut ausspreche. Das Programm ist da viel zu empfindlich.“

„Lovisa, bist du krank? Die Sensoren der SKUNKALLA haben merkwürdige Lebenszeichen bei dir festgestellt. Ich kann nichts richtig zuordnen. Mein Lernprogramm spielt verrückt.“ Morle schmollte und verzog sich in eine Ecke des Bildschirms.

„Wie funktioniert das?“ fragte Bernard und versuchte Morle zu berühren. Seine Finger erreichten den Bildschirm und die künstliche Katze fauchte erschrocken auf. Mit einem Satz war sie in der nächsten Ecke. Lovisa lachte.

„Wie ulkig.“, meinte sie. „Das hat sie noch nie gemacht. Das ist neu.“

Morle war offensichtlich verwirrt. „Miau! Warum lachst du? Was ist hier los? Wer spricht hier noch außer uns?“

Jetzt lachte auch Bernard. „Entschuldige, Morle. Mein Name ist Bernard. Ich gehöre zur Spezies der Vampyre. Sensoren können uns nur sehr schwer wahrnehmen. Um mich zu lokalisieren, musst du dich an meiner Stimme orientieren.“

„Ein Vampyr?“ Morle schien erstaunt. Auf dem Bildschirm explodierten plötzlich hunderte von Bällen.

„Morles Programm arbeitet.“, erklärte Lovisa. „Entweder rechnet sie gerade oder fragt eine Datenbank ab. Ah, da ist sie ja wieder.“

Die Bälle verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren. Morle sprang in die Mitte des Bildschirms. „Es gibt keine Spezies mit der Bezeichnung Vampyr. Es gibt nur Vampire in meiner Datenbank. Und dabei handelt es sich um Fiktion.“

Bernard blickte erstaunt auf den Bildschirm. „Ich kenne Computer, aber solche Systeme waren mir bisher unbekannt. Kann Morle nach allen Informationen suchen, die jemand will?“

„Morle kann nach allen Informationen suchen, die Morle will.“, fauchte Morle und zog eine Schnute. Ihre Augen verengten sich dabei zu schmalen Schlitzen. „Morle ist eine künstliche Intelligenz und besitzt als virtuelle Wesenheit sogar Rechte.“ Das Kätzchen war sauer.

„Entschuldige“, meine Bernard. „Ich muss mich erst daran gewöhnen. Hier ist einiges anders als ich es kenne. Aber ich lerne schnell.“

Lovisa nickte. „Das habe ich gemerkt. Du sprichst meine Sprache mit jeder Minute besser. Wie machst du das?“

„Vampyre lernen sehr schnell. Ich habe mich ein wenig in deinem Zimmer umgesehen. Und dann dieses wunderbare Buch gefunden. Vampyre und Menschen sind sich in einigen Dingen recht ähnlich und ich kannte ja noch die alten Sprachen. Deswegen ist es sehr einfach, deine Sprache zu lernen.“

„Verstehe.“ Lovisa blickte sich um. „Und wie hast du mein Zimmer gefunden?“

Bernard strich sich mit dem rechten Zeigefinger über die rechte Augenbraue. „Du musstest ja irgendwohin. Also habe ich dich durch das Schiff getragen. Es gibt an Bord viele Räume. Aber der hier schien zu dir zu passen.“

„Ja. Tailleurs Leute hatten noch keine Zeit, um hier klarschiff zu machen.“

„Ihr Menschen habt zwar den Weltraum erobert, aber ich habe das Gefühl, ihr liebt noch immer eure See.“

Nun war es an Lovisa zu lachen. „Das stimmt. Aber das liegt daran, dass wir gerne alte Sachen auf neue Dinge ummünzen. Das spart Zeit und diese Bildnisse machen es leichter, Sachen zu verstehen. Deswegen pflastern wir den Weltraum mit unseren nautischen Begriffen regelrecht zu. Und bei einem Segler wie der SKUNKKALLA, bieten sich der Vergleich mit einem Segelschiff doch auch an.“

Bernard kam aus dem Staunen kaum heraus. „Die SKUNKKALLA ist ein Segler? Wie funktioniert das?“

Lovisa stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch. Sie kramte in der Schublade und holte das alte Modell des Frachters hervor. „Siehst du, das Raumschiff hat Segel. Sie haben eine Multifunktion. Innerhalb eines Systems setzen wir die Segel und der Sonnenwind fängt sich darin. Er bläst uns regelrecht voran. Gleichzeitig wird so Energie gewonnen und in den Sprungantrieb gespeist. Der ist wichtig, um große Entfernungen zurückzulegen. Das Universum liegt nämlich in Wellen und Falten. Mit genug Energie und einem passenden Sprunggenerator, kann ein Raumschiff das ausnutzen. Allerdings muss der Kurs gut berechnet werden und gute Routen sind teuer.“

„Das klingt ziemlich simpel.“, sagte Bernard skeptisch. „Irgendwie zu simpel.“

„Frag mich lieber nicht. Mit dem Computer kann ich zwar einen Sprung berechnen, aber wie das alles wirklich funktioniert, da habe ich keine Ahnung. Wir hatten an Bord einen Ingenieur, der sich um alles gekümmert hat. Jetzt versucht Morle ihn zu ersetzen.“ Lovisa zeigte auf den Bildschirm.

Morle war gerade dabei und lief einem virtuellen Wollknäuel hinterher, das ständig seine Farbe änderte. „Miau!“

„Aber ein richtiger Ersatz ist das auf keinen Fall.“, erklärte Lovisa weiter.

„Das wird unser nächster Schritt sein.“ Bernard klatschte laut in die Hände. Lovisa und Morle zuckten vor Schreck zusammen. „Du bist eine Kapitänin mit einem Schiff. Jetzt brauchst du noch eine Mannschaft, um Gouverneur Tailleur ein Schnippchen zu schlagen und Nils zu befreien.“

„Stimmt. Eigentlich liegt das auf der Hand. Aber woher soll ich eine Mannschaft bekommen? Sich mit Gouverneur Tailleur anzulegen bedeutet, sich eine Menge Ärger einzuhandeln. Da brauche ich mutige Leute.“

Bernard dachte darüber nach. „Gibt es einen Piratenhafen? Einen Treffpunkt für Schmuggler und Gauner?“

„Sicherlich, aber mir sind die Sprungpunkte unbekannt. Pappa hat solche Stationen gemieden. Wir sind einfache Kauffahrer. Wir waren es jedenfalls.“, erklärte Lovisa mit bedrückter Stimme. „Aber vielleicht kann uns Slim helfen.“ Ihre Miene hellte sich auf. „Er war bis vor zwei Jahren Mechaniker auf der SKUNKKALLA. Dann hatte er Streit mit meinem Pappa und wurde gefeuert.“

Morle tauchte fauchend auf. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung.“ Das virtuelle Kätzchen rollte sich über den Bildschirm, bis es an den Rand stieß und dann mit gesträubtem Fell zurücksprang. „Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

Bernard zuckte mit den Schultern. „Das mag sein. Aber wir sollten mit dem Mann reden. Auch wenn er nicht anheuert oder du dich gegen ihn entscheidest, so hat er doch zur Mannschaft gehört. Er kennt sich an Bord aus, kann dir Tipps geben und weiß vielleicht, wen du an Bord nehmen kannst.“

„Das ist eine gute Idee, Bernard.“ Lovisa gab dem verdutzten Vampyr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Lass uns auf die Brücke gehen und ich setze den Kurs. Ich weiß noch wie Pappa sagte, Slim würde auf ANDORRA arbeiten. Das ist eine kleine Raumstation. Sobald die SKUNKKALLA genug Energie hat, werden wir springen.“

Sie verließen Lovisas Zimmer und marschierten auf die Brücke. Morle folgte ihnen über die Bildschirme an den Wänden und Bernard sah sich staunend die SKUNKKALLA an. Obwohl er Raumschiffe kannte, faszinierte ihn der kleine Frachter.

Lovisa ging zum Kompass hinüber und aktivierte den Astrogationscomputer. Konzentriert suchte sie nach den Koordinaten von ANDORRA und ließ sich von Morle die Sprungparameter anzeigen. Lovisa entschied sich für eine sichere Route über zwei Sprungpunkte. Das sie dann einige Tage länger unterwegs waren, nahmen die junge Kapitänin in kauf.

„Ziel ist ausgewählt und Kurs gesetzt. In einer Stunde ist die SKUNKKALLA bereit zum Sprung.“ Lovisa ging zum großen Panoramafenster hinüber. Mit verschränkten Armen sah sie in den Weltraum hinaus. „Zwei Leute habe ich ja schon. Das ist ein Anfang. Schritt für Schritt auf mein Ziel zu.“ Ihr Stimme hatte an Zuversicht gewonnen.

Lovisa griff sich an die Stirn und schob ihre Augenklappe über das linke Auge. „Ha, hier kommt die Piratenbraut Lovisa mit ihrer furchtlosen Crew!“

„Ich glaube du bist keine Piratenbraut.“, sagte Bernard und lächelte Lovisa an. Dann stellte er sich neben sie und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Du bist mehr. Du bist eine Sternenbraut.“

ENDE


Copyright (c) 2011 by Miriam Kleve

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Gußmack, Norbert K.
Die Ankunft der Lichtbringer

Verlag :      Re Di Roma-Verlag
ISBN :      978-3-86870-268-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,95 Eur[D] / 14,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 18.08.2011
Seiten/Umfang :      ca. 232 S. – 19,0 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 31.08.2011

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»Man nennt uns die Lichtbringer , denn viele Völker lehrten wir die Beherrschung des Feuers und nahmen ihnen so die Furcht vor der Finsternis.« -Mahra, hohe Ratsfrau der Candareen Mit der Ankunft der Lichtbringer scheint für die Menschheit ein neues Goldenes Zeitalter anzubrechen. Die Candareen zeigen sich großzügig, für ihre wundervollen Geschenke verlangen sie keine Gegenleistung. Die Herzen der Menschen fliegen ihnen zu, nur eine kleine Minderheit misstraut den Besuchern. Doch weder die Anhänger der Candareen noch ihre Gegner begreifen, worum es den fremden Wesen wirklich geht.

Kurzbiografie:
Geboren am 30. März 1987 im österreichischen Köflach, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. In seiner Jugendzeit mehrfach Mitarbeit an archäologischen Ausgrabungen. Volontär am Institut für Genomik und Bioinformatik, TU Graz. Studium der Geschichte in Graz (schreibt derzeit an seiner Diplomarbeit), gleichzeitig Ausbildung zum akademischen Medienfachmann (erfolgreich beendet im Sommersemester 2011). Kurzpraktikum bei einer großen österreichischen Tageszeitung. Wintersemester 2011: beginnt mit einem Molekularbiologie-Studium. Am 31. August erschien sein Erstlingswerk mit dem Titel “Die Ankunft der Lichtbringer”.

Zum Interview: 10 Fragen an Norbert K. Gußmack

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 1 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 3/2011)

Erstellt von Miriam Kleve am 28. Juli 2011

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 1

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Die grünen Großsegel entrollten sich vollständig, bevor sich der Sonnenwind in ihnen sammelte. Lovisa Larsson, Kapitänin der SKUNKKALLA, stand in der Pflicht am Steuerstand und hielt mit ihren Händen das Steuerrad des Schiffs fest im Griff. Ihre langen blonden Haare waren zu Zöpfen gebunden und die kleine Stupsnase zuckte nervös in einem Meer aus Sommersprossen. Das linke Auge wurde von einer rosa Augenklappe verdeckt, auf der Strasssteine einen grinsenden Totenkopf bildeten.

Lovisa blickte aus dem Panoramafenster des Cockpits. Die Haltestreben von PORT ESPACE schoben sich mit zunehmender Geschwindigkeit nach hinten weg. Einige große Handelsschiffe und Kreuzer des Kaiserreichs lagen vor Anker und versperrten mit ihren gigantischen und klobigen Rümpfen den Weg.

Am Steuerstand blinkte plötzlich das Flaggensymbol. “Morle?” Die Datenflut auf dem linken Monitor verschwand und eine weiße Katze erschien. Das Fell war struppig und wies goldbraune und schwarze Flecken auf. Ein sanftes Schnurren drang über die Lautsprecher. “Morle, die kaiserliche Marine hat gemerkt, dass die SKUNKKALLA ihren Liegeplatz verlassen hat. Sende bitte ein Störsignal.” Eigentlich war das Signal dazu gedacht Piraten an Kommunikation und Sensorerfassung zu hindern, aber das Signal konnte auch gegen jedes andere Schiff eingesetzt werden.

Morle, die neue künstliche Intelligenz der SKUNKKALLA, bestätigte mit einem leisen Miauen und schon war ein statisches Rauschen zu hören. Die Marine würde ein paar Minuten brauchen, um das Signal zu filtern. In dieser Zeit musste der Antrieb aufgeladen sein oder Lovisa würde einem langen Aufenthalt im Kerker von PORT ESPACE entgegensehen. Gouverneur Luc Tailleur betrachtete die SKUNKKALLA als sein Eigentum, nachdem er Lovisas Vater und die gesamte Mannschaft über die Planke gehen ließ.

Lovisa hatte mit ansehen müssen, wie ihr Pappa und ihre Freunde jenseits der schützende Hülle des Raumhafens elend ums Leben kamen. Der Druck presste ihnen die Luft aus den Lungen, die Kälte ließ sie schockgefrieren und schlussendlich zerplatzten ihre Körper. Seitdem wurde Lovisa jede Nacht von grausigen Albträumen geplagt, in denen sie die letzten Minuten ihres geliebten Pappas immer wieder miterlebte.

Morle gab ein Mauzen von sich. Der Antrieb war aufgeladen und der Kompass zeigte den Kurs an. Lovisa musste nur noch an den Marineschiffen vorbei. Sie reffte die Segel und spielte mit dem Ruder. Ihr Vater hatte sie für ihre Risikobereitschaft oft gescholten, doch nun war er tot und Lovisa auf der Flucht. Um zu entkommen und Nils zu retten, musste sie Risiken eingehen. “Verzeih mir, Pappa.”, kam es leise über ihre Lippen.

Tailleur hatte die SKUNKKALLA aufbringen lassen. An Bord von Kapitän Larssons Schiff fanden die Kontrolleure einige Kisten Irish Ale. Das Getränk war zwar verboten, doch bei den Kauffahrern üblich und gerne getrunken. Die Kontrolleure drückten deswegen eigentlich ein Auge zu und bekamen meist zwei oder drei Flaschen des starken Gebräus zugeschanzt. Doch Tailleur hatte die Flaschen an Bord zum Anlass genommen, um die SKUNKKALLA nach PORT ESPACE schleppen und genau untersuchen zu lassen. Larsson hatte seinen beiden Kindern gegenüber versucht zuversichtlich und unbeeindruckt zu bleiben. Aber Lovisa spürte die Angst ihres Pappas. Und Nils ebenfalls. Nils war zu jung und deswegen hatte der alte Kapitän Larsson, am letzten Tag seines Lebens, nur Lovisa seine privaten Zugangscodes zur SKUNKKALLA verraten.

“Die Kreuzer der kaiserlichen Marine laden ihre Geschütze auf, Kapitän Lo.” Morles Ton war verspielt. Das künstliche Kätzchen war noch jung und unbekümmert. Seine Datenbank enthielt zu wenig Informationen, um Gefahren richtig einschätzen und entsprechend reagieren zu können.

“Ich weiß. Keine Panik.” Die SKUNKKALLA drehte sich stumm unter dem Rumpf eines der Handelsschiffe weg. Nur wenige Meter trennten sie voneinander. Niemand würde das Feuer eröffnen und riskieren den Händler zu treffen. Lovisa riskierte dagegen bewusst eine Kollision. Eine falsche Bewegung und die SKUNKKALLA wäre manövrierunfähig. Aber sie brauchte die Deckung.

“Ich habe keine Panik.” Morle gähnte. “Ich will spielen.” Plötzlich waren bunte Bälle auf dem Bildschirm zu sehen und wirbelten wild umher. In der Energiebalance gab es Schwankungen.

“Bitte nicht jetzt, Morle. Später. Wir müssen erst einmal hier weg und ich habe keine Mannschaft. Du bist deswegen jetzt meine Mannschaft.” Lovisas Stimme zitterte, Tränen standen in ihren Augen. Die Situation überforderte das Mädchen. “Komm schon, Morle, hilf mir noch ein wenig. Wir können später spielen.” Morle blickte vom Monitor aus beleidigt zu Lovisa, aber die Bälle verschwanden und die Energiebalance stabilisierte schlagartig.

Auf Gouverneur Luc Tailleurs Anweisung hin wurden die Kinder voneinander getrennt. Nils hatte gerade einmal angefangen Lesen zu lernen und war deswegen für den Dienst an Bord eines Schiffes noch ungeeignet. Tailleur hatte ihn auf eine Militärakademie geschickt, deren Namen aber verschwiegen. Lovisa sollte Küchendienst auf der MOUETTE verrichten, Tailleurs Schiff. Sie war ihm zu mager und zu widerspenstig, um Dienst zu schieben oder gar als gute Partie verheiratet zu werden. Tailleur konnte ohne weiteres entsprechende Anweisungen erlassen, denn immerhin hatte er die Vormundschaft über die beiden Larsson-Kinder erhalten. Dabei war Lovisa bereits alt genug, um ihren Pappa als Offizierin zu unterstützen. Und sie hatte dem fetten Gouverneur auch mit ihrer Flucht bewiesen, das sie kein Kind mehr war.

Die SKUNKKALLA zog jenseits des Handelsschiffes hoch und reckte den Bug Richtung freien Raum. Morle korrigierte Lovisas Manöver und verhinderte dadurch ein Wegtrudeln. Nun erst kam der schwierige Teil des Manövers. Die SKUNKKALLA musste sich weit genug von PORT ESPACE entfernen, um den Sprungantrieb aktivieren zu können. Von der Station weg und zum Sprungpunkt hin bekamen die Schiffe genug Gelegenheit, um die SKUNKKALLA mit einer Breitseite ihrer Kanonen wegzupusten. In den Abenteuerfilmen, die Lovisa so gerne sah, erschien die Sache immer einfach, doch in der Wirklichkeit war dem Mädchen elend zumute und sie widerstand nur schwer dem Drang sich zu übergeben.

Tailleur und seine Leute auszutricksen war einfach gewesen. Lovisa konnte sich auf der MOUETTE frei bewegen. Die Einen hielten sie für ein dummes Kind, das keine Gefahr darstellte, und die Anderen hatte Mitleid mit ihr und ließen Lovisa viele Freiheiten. Niemand hatte etwas dagegen, dass sie ihre Habseligkeiten von der SKUNKALLA holte. Die Zugangscodes zum Computersystem und Steuerung waren ja immerhin von Gouverneur Tailleur geändert worden. Dass es für den Notfall einen weiteren Satz Codes gab, damit hatte niemand gerechnet. Und selbst wenn, Lovisa hatte keine Mannschaft und die bisherige künstliche Intelligenz des Schiffs, ein übellauniger Hund mit Namen Linus, war gelöscht. Dafür hatte Tailleur gesorgt. Aber Lovisa kannte sich mit der SKUNKKALLA sehr gut aus und lud ihre Morle ins Computersystem des Schiffes. Für das virtuelle Kätzchen glich das alles nur einem Spiel. Und so legte sich Morle tief im Computersystem auf die Lauer, um dort auf Lovisa zu warten.

Das Mädchen drehte hektisch am Steuerrad und sah in den Weltraum hinaus. Sie versuchte einen unvorhersehbaren Kurs zu fahren, um dem Feuer der Kanonen auszuweichen. Aber niemand schoss auf die SKUNKKALLA. “Morle, was ist mit den Waffen der Kreuzer?”

“Geladen und ausgerichtet. Mindestens einhundert Kanonen haben uns im Visier.”

“Was?” Lovisa musste schlucken. Aber ihr Hals zog sich regelrecht zusammen und sie konnte nicht. Wie dumm sie nur war. Wie hatte sie nur glauben können, den Kanonen der Marine zu entgehen? Das Flaggensymbol blinkte wieder. Die Marine hatte das Störsignal vollständig gefiltert. Lovisa ignorierte den Kontaktversuch.

Die Larssons waren einfache Kauffahrer. Trotzdem kannten sie einige geheime Sprungpunkte, die auch von Piraten und Schmugglern genutzt wurden. Mit den persönlichen Codes ihres Pappas hatte Lovisa Zugriff auf diese Informationen. Und ihr Plan stand fest. Sie würde die SKUNKKALLA stehlen, Nils befreien und dann untertauchen. Damit wäre sie natürlich eine Piratin, aber das war Lovisa egal. Sie fühlte sich niemandem verpflichtet und vor allem das Kaiserreich hatte sie enttäuscht, denn bösartige Männer wie Gouverneur Luc Tailleur standen in seinen Diensten.

Lovisa hatte alles ganz genau geplant. Die Arbeiter bereiteten die SKUNKKALLA zum Verkauf vor und brachten dazu das Schiff von der Werft zu den Handelsdocks. Dort waren weniger Soldaten unterwegs. Und deswegen viel weniger Leute, die Lovisa kannten. Bei so vielen Besuchern auf PORT ESPACE ging sie einfach in der Masse unter. Mit ein wenig Glück und Verschlagenheit brachte sie Wertsachen aus Tailleurs Quartier auf die SKUNKKALLA. Der Gouverneur hatte einige Kostbarkeiten gehortet. Lovisa ging davon aus, dass er ebenso in den Besitz dieser Sachen gekommen war, wie er sich auch die Wertsachen der Larssons einverleibt hatte. Lovisa empfand es deswegen nur als gerecht, Tailleur zu bestehlen.

“Bereitmachen zum Sprung!” Lovisa war aufgeregt. Das war ihr erster eigener Sprung. Sie selbst hatte die Berechnungen durchgeführt und das Schiff auf Position geflogen. Eigentlich hätte ihr Pappa sie dabei begleiten und aufpassen müssen. Doch die Dinge lagen nun anders. Lovisa war fest davon überzeugt, dass ihr Pappa zusah und ganz fest seine beiden dicken Daumen drückte.

“Aye.” Morle bestätigte den Befehl und fuhr die Segel vollständig ein. “Waffenfeuer. Zwei Kanonen werden von der MOUETTE entladen.” Ein klagendes Mauzen war über die Lautsprecher zu hören. “Die Berechnung sagt an, dass das Waffenfeuer unsere Fahrrinne kreuzt. Das Handbuch empfiehlt in solchen Situation den Abbruch des Sprungs.”

Lovisa presste fest die Lippen zusammen. Ihr Pappa hatte davon erzählt. Sprang ein Schiff zu spät, glitt es ins Waffenfeuer, wurde getroffen und nahm schweren Schaden oder konnte sogar zerstört werden. Um solch einen Unfall zu verhindern, gab es eine Notabschaltung im Computersystem. Doch Lovisa hatte sie deaktiviert, um nicht durch irgendetwas aufgehalten zu werden. Wenn sie den schwarzen Punkt finden würde, dann käme sie aus dem System weg. Und jeder würde glauben die SKUNKKALLA sei im Waffenfeuer zerstört worden. Das Mädchen erinnerte sich gut an Pappa Larssons Worte, dass es eine großen Portion Glück mit ordentlich Schlagsahne bedurfte, um den schwarzen Punkt zu  finden. Der schwarze Punkt, jener sagenumwobene Augenblick, in dem alles möglich war. “Morle, Sprung!”

Das virtuelle Kätzchen fauchte freudig auf, dann schien sich das Universum um Lovisa zusammenzuziehen und sie in sich einzusaugen, nur um Lovisa wenige Augenblicke später wieder auszuspucken, eingetaucht in bittere Galle und einem ziehenden Schmerz, der unangenehm in jeder Zelle des Körper brannte. Lovisas Sinne waren für einen Augenblick vollständig von Eindrücken überflutet, dann klärte sich ihre Wahrnehmung und der Schmerz ließ nach. Ihre Beine knickten weg und Lovisa plumpste hart auf den Hintern. “Status?” Ihre Stimme war ein heißeres Krächzen. Sie musste husten.

“Alles Systeme online. Der Antrieb ist zwar entladen, aber der SKUNKKALLA geht es gut.”

Lovisa lachte befreit auf. Sie war Gouverneur Luc Tailleur und der kaiserlichen Marine entkommen. “Danke, Morle. Ohne dich hätte ich das nie geschafft.” Lovisa strich über den Monitor und Morle schnurrte zufrieden.

Die nächste Stunde verbrachte Lovisa damit die SKUNKKALLA zu prüfen. Sie setzte erneut die Großsegel, um den Antrieb so schnell wie möglich wieder aufzuladen. Morle kontrollierte dabei den Energiefluss, um ein frühes Ausbrennen der Energiezellen zu verhindern. Sie war jedoch ziemlich unerfahren. Dadurch kam es zu Energieschwankungen. Entweder Morle lernte schnell dazu oder der Antrieb würde nach drei oder vier weiteren Sprüngen kaputt sein.

Während die Segel der SKUNKKALLA die Energieteilchen des Sonnenwindes einfingen, um damit den Antrieb aufzuladen, machte Lovisa klarschiff. Es war einsam an Bord und das Mädchen ließ seiner Trauer und den Tränen freien Lauf. Aufzuräumen würde sie vielleicht etwas ablenken.

Lovisa durchstöberte die Beute, die sie von der MOUETTE mitgenommen hatte. Im Kopf rechnete sie aus, was die einzelnen Posten wert waren. Von einer großen und schweren Holzkiste erhoffte sie sich einen guten Gewinn. Die Kiste war poliert und sah antik aus. Schwere Verschlüsse hielten den Deckel an seinem Platz, der luftdicht abschloss. Zwar gab es ein Vorhängeschloss, aber Lovisa schlug es mit einem großen Kerzenständer einfach ab. Neugierig schob sie ihre Augenklappe hoch, um besser gucken zu können.

Der schwere Deckel kippte nach hinten weg und Lovisa konnte den Inhalt der Kiste begutachten. Sie war überrascht. Mit ihren großen blauen Augen starrte sie auf einen Jungen, vielleicht ein oder zwei Jahre älter als sie. Er lag lang ausgestreckt in der Kiste, die Augen geschlossen, die Hände auf der Brust gefaltet. Seine Haut war bleich, sein Haar dunkel. Der Junge tat keinen Atemzug, denn er war tot. Lovisa schluckte. Gouverneur Luc Tailleur war ein mordender Widerling. Lovisa streckte ihre Hand aus und streichelte mit dem Zeigefinger über die kalte Wange des Jungen. Selbst im Tode sah er süß aus.

Seufzend stand sie auf. Die Holzkiste war eine Stasiseinrichtung und gemacht, um die Verwesung aufzuhalten, dachte sie sich. Es gab keine sichtbaren Bedienelemente. Das Vorhängeschloss hatte wohl diese Funktion innegehabt, aber das lag zerschlagen am Boden. Lovisas Blick glitt suchend durch den Raum. Sie überlegte die Kiste an den Bordcomputer anzuschließen, damit Morle die Überwachung übernahm. Der Gedanke einen Toten an Bord zu haben bereitete dem Mädchen unbehagen. Ihr Blick kehrte zur Kiste zurück. Und die war leer.

Lovisas Herz setzte für einen Augenblick aus, dann begann es wie wild zu rasen. Eine bleiche Hand streckte sich über ihre Schulter und der dazugehörige Zeigefinger strich über Lovisas Wange. Sie machte einen Sprung nach vorne und wirbelte dabei herum. Mit an die Wand gedrücktem Rücken starrte sie den Jungen an, der nun ziemlich lebendig vor ihr stand. Seine Augen waren geöffnet und schwarz wie der Weltraum.

Der Junge lächelte freundlich, dann sprach er. Es war französisch, eine der alten Sprachen des Kaiserreichs. Dabei entblößte er seine weißen Zähne und überrascht stellte Lovisa fest, dass die Eckzähne länger und spitzer waren, als bei einem Menschen üblich. Die Worte des Jungen drangen dumpf an Lovisas Ohr heran, so als ob sie erst einmal durch eine Schicht Watte hindurch mussten. “Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Bernard, Bernard Tailleur. Verzeih mir bitte meine Frage, aber ich bin sehr durstig. Hast du vielleicht etwas zu trinken für mich?”

“Morle, Eindringlingsalarm.” Lovisas Stimme war kaum mehr als ein Piepsen, doch die feinen Sensoren der SKUNKKALLA registrierten die Worte. Einer der Monitore im Raum flammte auf und Morle sprang fauchend herbei. Der Junge runzelte fragend die Stirn.

“Meine Sensoren nehmen keinen Eindringling wahr, Kapitän Lo. Du bist alleine Bord.” Morle machte einen freudigen Purzelbaum. “Ist das ein neues Spiel?.”

Lovisa fühlte ihren Puls rasen, dann wurde ihr schwarz vor Augen. Sie stürzte Richtung Boden und das Letzte was sie fühlte waren zwei starke Arme, die sie auffingen.

Nächstes kapitel

Copyright (c) 2011 by Miriam Kleve

Buchtipp der Autorin:

Brezina, Thomas C.
Ein Fall für dich und das Tiger-Team – Bd. 17

Piraten aus dem Weltall

Konzeption von Kintzel, Caroline / Fearn, Naomi
Verlag :      SchneiderBuch
ISBN :      978-3-505-12872-1
Einband :      gebunden
Preisinfo :      8,99 Eur[D] / 9,30 Eur[A] / 14,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      156 S., 40 schw.-w. Abb. – 18,7 x 12,6 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 08.09.2011

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Die Tiger können es kaum glauben: ein Ufo ist im Gruselwald gelandet! Doch die Außerirdischen, die mit grellen Lichtstrahlen auf die Erde gesandt werden, verschwinden genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind. Biggi, Luk und Patrick ahnen noch nicht, dass die Wesen bald zurückkehren werden. Denn das Tiger-Team weiß zu viel …

Thomas C. Brezina schreibt spannende Krimis, romantische Abenteuer und lustige Familiengeschichten. Dabei erschafft er ganz eigene, unverwechselbare Welten. Er lädt seine Leser ein, ihn dabei zu begleiten und schickt sie auf viele wilde, wunderbar verrückte Reisen! Thomas C. Brezinas Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Er lebt in London und in Wien.

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PLOPP! – Science-Fiction-Kurzgeschichte von Günther Kurt Lietz (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 3/2011)

Erstellt von Günther Lietz am 23. Juli 2011

Plopp!

Science-Fiction-Kurzgeschichte

von

Günther Kurt Lietz


Über den Bildschirm flimmerte das WM-Endspiel. Schneider flankte zu PussY3, der zog ab und versenkte den Ball sauber im Kasten. Die Menge tobte und sprang von den Sitzen auf. Margot tippte ihr Pad an und ein neongelbes “Nice!” flammte auf. Damit hatte die Teenagerin ihre Zustimmung kundgetan. Es wurde Zeit sich mit Anita und Udo zu treffen. Die beiden waren sicherlich bereits im Club.

Der Club war derzeit beliebt in ihrer Stufe und nach der Schule trafen sich fast alle dort. Die Musik war laut, schrill und ein Verbrechen an der Menschheit. Die Drinks wirbelten einem den Verstand durcheinander und die bekanntesten Künstler der Welt trafen im Club zusammen. Für Margot also genau das Richtige.

Anita und Udo standen auf der Galerie des Clubs und sahen den wogenden Massen beim Tanzen zu. Lichtblitze in schrillen Farben zuckten auf und erhellten nur für Augenblicke die Tanzfläche. Auf der Galerie ging es ruhiger zu, hier konnten sich die Leute wenigstens schreiend unterhalten.

“Ich habe was Neues für uns.” Margot zog ihre beiden Freunde mit sich in eines der Hinterzimmer. Sie schloss die Türe und stellte den Raum auf Privatmodus. Dann legte sie eine Schlüsselkarte auf den Tisch. “Mit dem Ding kommen wir problemlos an unsere Schulakten heran, Leute.”

Udo verzog skeptisch die Mine. “Wirklich? Ich weiß nicht. Ich habe andere Probleme.”

Anita legte tröstend ihre Hand auf seine Schulter. “Er hat eben den Status seiner Eltern abgerufen. Die beiden lassen sich scheiden.”

“Ich habe das ja schon geahnt.” Udo setzte sich. Seine Mundwinkel zeigten nach unten, er sah traurig aus. “Paps hat kaum noch in Mams Gästebuch geschrieben. Dann haben sie sich gegenseitig aus ihren Streams geworfen und gestern Abend konnte ich lange Flames von ihnen lesen. Opa hält natürlich zu Paps und hat ihm ein ‘Nice!’ gegeben, während Mam eine Abstimmung in der Familie gestartet hat. Die meisten waren für Scheidung und jetzt ist es halt passiert. So ein Scheiß!”

“Die Welt wird immer verrückter.” Margot setzte sich neben ihn. “Wenn du jemanden zum Reden brauchst oder einfach nur etwas Ablenkung, Mann, ich kenne da einen guten Stream im Netz. Der bringt dich auf andere Gedanken.”

Anita nickte und starrte auf ihr Pad. “Das solltest du machen. Hat mich auch auf andere Gedanken gebracht. Ihr wisst doch, letztes Jahr, die Sache mit meinem Frauenarzt.” Margot und Udo nickten. “War schon ärgerlich, dass der Kerl das Häkchen vergessen hat und das Untersuchungsvideo auf ‘Öffentlich’ stand. Ich meine, so was gehört sich doch nicht. Mir sind auf meinem Channel die ganzen Klicks verloren gegangen. Als ich das Material endlich selber hochladen konnte, da hat sich niemand mehr darum gekümmert.”

Die Teenager schwiegen kurz und fuhren mit den Fingern über ihre Pads. “Ich überlege eine Beziehung anzufangen.” Udo klang etwas gefasster. Anita und Margot hatten ihm ein “Nice!” gegeben. “Ich habe eben meine Songliste erweitert und da hat sich eine Übereinstimmung mit jemandem von unserer Schule ergeben. Sie hat ein wirklich süßes Bild von sich im Stream.” Udo teilte den Stream mit seinen Freundinnen und alle sahen sich das süße Mädchen an.

“Die hat persönliche Daten und Bilder gesperrt.” Margot rief den Stream eines Sellers auf, schob ein paar Bits in den Warenkorb und ging dann wieder zurück zum Ursprungsstream. “Ich schalte mich mal auf Premium.” Die Ansicht auf ihrem Pad veränderte sich. “Sieht ja ganz nett aus. Tatsächlich, die loggt sich auf unsere Schule ein. Da habt ihr ja schon was gemeinsam.”

Udo schickte die Anfrage raus. “Ich bin ganz nervös.” Es gab einen Signalton. “Da, sie hat akzeptiert. Wahnsinn. Sie will Morgen mit mir in einen Musical-Stream. Ihr Paps hat da wohl noch einige Karten frei.” Anita und Margot gaben ihr ‘Nice!’ dazu.

Die drei versanken wieder in der Betrachtung ihrer Pads. Ihre Finger fuhren über die Bildschirme, ihre Augen saugten die Informationen förmlich auf – beinahe eine Stunde lang. Es herrschte Schweigen im Raum, keiner sprach und dennoch war Kommunikation. Udo teilte einen witzigen Stream mit ihnen, Margot schickte ihm ein Lach-Icon und Anita bestätigte mit einem “Nice!”, bevor sie in den nächsten Stream abtauchte und dort ein schlüpfriges Bild von Udos Freundin veröffentlichte. Die reagierte prompt und versuchte Anitas Pad zu hacken, dann lieferten sich die beiden Mädchen im Stream ein hitziges Wortgefecht, um anschließend in der Arena gegeneinander anzutreten.

Udo verfolgte gespannt wie Anita seine neue Freundin mit explodierenden Fröschen eindeckte und aus dem Ring schoss. Zwanzig ihrer Klassenkameraden gaben ihr ‘Nice!”, in einem anderen Stream wurde die Scheidung rechtsgültig, Spam überwand die Firewall und bot billige Huren aus der Ukraine an, die USA verloren Streams in Nahost an China und Chinas Regierungsstreams waren hinterrücks aus Indien infiltriert worden. Terrorhacker von AnyoneRuleZDaWorld hatten russische Streams lahmgelegt und in Deutschland gab es immer mehr Montagsstreams, die gegen schlechte Arbeitsbedingungen auf Energiestreams demonstrierten.

Margots Pad piepste leise. “Verdammt, kaum noch Batterie. Ich muss eh nach Hause.” Sie drückte ihre beiden Freunde, dann verließ sie das Hinterzimmer. Auf der Galerie saßen noch immer die Punks mit ihren bizzarren Frisuren, während auf der Tanzfläche das Orchester Klassiker von Lady Gaga spielte. Einige weiße Tauben flogen durch den Club. Heute war kaum jemand hier.

Es machte plopp.

***

Kathrin rieb sich mit den Fingern über die Augen. Sie war müde, das Spiel hatte lange gedauert und am Ende war es ein wenig langweilig. Die Tauben hatten ihr gefallen, aber der Preis war doch zu hoch für so eine kleine Änderung im Programm.

Die junge Frau versuchte sich im Rollstuhl ein wenig aufzurichten, aber es misslang ihr. Sie hatte Hunger und steuerte zur Küche. Der Kühlschrank schwang auf und sie nahm sich eine Dose raus. EnergyBoostYou – schmeckte nach Gummibärchen, steckte voller Koffein und weckte die Lebensgeister auf. Kathrin ließ noch ein weiteres Päckchen Koffein hineinrieseln, um die Wirkung zu verstärken, dann rollte sie wieder an ihren Schreibtisch zurück. Arbeit wartete auf sie. Das Spiel hatte sie aber gebraucht, um ihre Gedanken wieder frei zu bekommen.

Margot, Anita und Udo hatten es einfacher, für sie lief alles rund. Aber sobald im Spiel ein bestimmter Punkt erreicht wurde kam Langeweile auf. Ob es für die Figuren ebenfalls langweilig war? Ob sie ahnten, dass sie nur Teil eines Spiels waren, eines viel größeren Ganzen? Kathrin kicherte und vom Saft sickerte ihr etwas aus den Mundwinkeln.

Sie schaltete sich ins System und begann mit der Arbeit. Die Katze kam herangelaufen und sprang auf Kathrins magere, gefühllose Beine. Sie schnurrte und forderte Zärtlichkeit ein. Mit ihren klugen Augen blickte sie zu ihrem Frauchen hoch. Es klingelte und die Katze sprang fauchend auf. Sie versteckte sich mit gesträubtem Fell hinter einer Bodenvase, während Kathrin zur Haustüre fuhr. Es war spät und sie fragte sich, wer da jetzt noch klingelte.

Die Türe schwang auf und ein muskulöser Mann stand vor ihr. Kathrin war erstaunt, denn es war der erste Mensch den sie sah, der auf zwei gesunden Beinen stand. Er trug eine alte Jeans, ein schmutziges Shirt, Sonnenbrille und Maschinengewehr. Seine Muskeln spannten sich an und der Satz “Ich spritz in dein Gesicht du Schlampe!” begleiteten die Feuerstöße.

Es machte plopp.

***

Wütend sprang Idris auf und stürmte an ihren beiden Miezen vorbei aus dem Zimmer. “Mamma! Kasper hat sich schon wieder in mein Spiel gehackt. Jetzt muss ich von vorne anfangen.”

Kasper sah aus seinem Zimmer den Flur hinab und streckte seine beiden Zungen heraus. “Ätsch! Musst du halt öfter mal Zwischenspeichern.”

“Außerdem hat er mich als Schlampe bezeichnet.” Idris Stimme sprühte voller Triumph. “Und das habe ich gespeichert.”

“Schlampe!” zischte Kasper wütend und die Stimme seiner Mutter wurde laut, die in der Brutkammer lag und sich um die Eier kümmerte.

“Was habe ich dir wegen deiner Schwester gesagt? Ihr sollt euch vertragen oder ich fresse euch beide auf. Keine Streitigkeiten mehr, ihr beiden!”

Grummelnd zog sich Idris in ihr Zimmer zurück und schloss die Türe. Immer das Gleiche mit Kasper. Wäre sie nur größer, dann könnte sie ihn einfach mit einem Hieb ihres Schwanzes umhauen. Bumms, einfach so. Sie lächelte. Das würde ihr gefallen. Sie fuhr das System hoch und sah nach neuen Nachrichten. Keine da. Papa war wohl noch immer unterwegs und musste diesen langweiligen Sektor kartographieren.

Idris überlegte, ob sie das Spiel nochmals starten sollte. Immerhin hatte sie noch einen alten Speicherstand. Vielleicht sollte sie diesmal anstatt einer Katze eine Schildkröte als stummen Beobachter wählen und alle Leute mit Flügeln ausstatten. Das würde ihr gefallen – Humanoide Schmetterlinge in einer grauen Stadt. Idris kicherte. Ob die Figuren im Spiel ahnten, dass sie künstlich waren und kein echtes Leben besaßen?

Es machte plopp.

***

Dimitri sah vom Monitor auf. Sein Dienst begann in zehn Minuten, also war es besser die Simulation zu beenden. Er liebte das Programm und lachte in sich hinein. Diese dummen künstlichen Intelligenzen hatten keine Ahnung, dass sie nur Teil eines großen Ganzen waren, dass sie keinen wahren Einfluss hatten und dass sie mit sich selbst spielten. Dimitri grinste und …

… es machte plopp!

ENDE

Copyright 2011 by Günther Kurt Lietz

Buchtipp der Redaktion:

Völker, Clara
Mobile Medien

Zur Genealogie des Mobilfunks und zur Ideengeschichte von Virtualität

Im Buch blättern

Verlag :      transcript
ISBN :      978-3-8376-1372-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      29,80 Eur[D] / 30,70 Eur[A] / 41,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 29.04.2011
Seiten/Umfang :      378 S. – 22,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 04.2010
Gewicht :      534 g
Aus der Reihe :      Kultur- und Medientheorie

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Mobile Medientechnologien wie Handys und Laptops sind allgegenwärtig geworden. Zugleich werden digitale Medien verdächtigt, als Virtualitätstechnologien die »Realität« zu bedrohen. Das wirft Fragen auf: Was hat es mit »Virtualität« auf sich? Und in welchem Zusammenhang stehen mobile Medientechnologien und ihre Informationsräume hierzu?

Clara Völker betrachtet Ideen des Virtuellen aus der Antike, der Neuzeit und dem 20. Jahrhundert. Damit verbunden rekonstruiert sie, wie mobile Medien als Folgetechnologien von optischer Telegrafie, elektrischer Telefonie und Radiotechnologie entstanden sind. Es zeigt sich, dass Wirklichkeit schon immer von Vorstellungen des abwesenden Anwesenden geprägt wurde und mobile Medien als Potentialitäten diese Form weiter wandeln.

Pressestimmen:
“Mobile Medien ist ein hochinteressanter und fundierter Einstieg in das Forschungsgebiet der Cell Phone Studies. Neben der exzellenten technologischen Recherche bietet das Buch einen tiefen Einblick in die Ideengeschichte der Virtualität.” Christian Alt, www.negativ-film.de

Clara Völker (Dr. phil.) lebt in Berlin und arbeitet im Bereich Musiktechnologien.

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FEINDGEBIET – eine Kurzgeschichte von little_wonni (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 3/2011)

Erstellt von little_wonni am 17. Juli 2011

Feindgebiet

eine

Kurzgeschichte

von

little_wonni


Es herrschte eine gedrückte Stimmung bei der abendlichen Zusammenkunft.
Sie hatten wieder jemanden geholt. Diesmal nur wenige Behausungen von der ihren entfernt.

Jedes Jahr um diese Zeit begann das Morden. Sie kamen nicht bei Nacht, wie man es von mordlüsternen Monstern erwartet hätte. Sie kamen zu allen Zeiten, in der Morgendämmerung, bei hellstem Mittagslicht, im Abendrot und brachten dabei stets den Tod, Schrecken und Verzweiflung. Manchmal löschten sie ganze Familien aus, ein anderes Mal hatten sie es nur auf den Nachwuchs abgesehen. Sie ließen bei ihren stetigen Angriffen einfach kein Muster erkennen.

Es waren die schrecklichsten Kreaturen, die einem begegnen konnten. Feuerrotes Haar am ganzen Körper, spitze, krallenartige Klauen, messerscharfe Zähne und Augen wie Kohle.
Die Behausungen konnten einem auch keinen Schutz bieten. Meist brachen sie bei ihren Angriffen die Wände auf, zerfetzten sie, als seien sie aus Papier.
Jedes Knacken ließ einen zusammenfahren und jagte einem den Puls in die Höhe. Windige Tage wie der Heutige waren für Jedermann die Hölle. Denn dann hörte man sie nicht kommen. Die Schreie der Wachen gingen im Wind unter und stetiger Blätter und Blütenregen raubte einem die Sicht. Wenn dann auch noch Regen einsetzte, kam wahre Weltuntergangsstimmung auf.
Aber trotz der stetigen Gefahr musste man sich den Widrigkeiten des Lebens stellen. So war seine Schwester heute wild entschlossen auszugehen.

“Ich werde nicht hier sitzen und auf meinen vielleicht eventuell baldigen Tod warten!”, schnauzte sie gerade meine Mutter an, die völlig verzweifelt in der Ecke hockte. “Du bist noch nicht so weit”, wisperte sie mit ihrer piepsigen Stimme. “Und ob ich so weit bin! Bis zu Blue sind es nur 5 Meter und all meine Freundinnen sind auch schon unter der Haube”, schimpfte sie und zupfte an ihrem blauen Kleid herum. “Nicht so laut”, ermahnte sie meine Mutter, “Du wirst noch deinen kleinen Bruder wecken.” “Wecken? Wie sollte man den denn wecken? Der ist doch noch stocktaub. Außerdem solltest du ihn nicht immer wie ein rohes Ei behandeln”, zeterte sie weiter. “Aber er ist doch…” setzte meine Mutter an, kam aber nicht dazu, den Satz weiterzuführen.

Denn in diesem Moment war meine Schwester schon im böigen Wind gefangen, auf dem Weg zu ihrem Liebsten.

Also blieb es einmal mehr mir überlassen meine Mutter zu beruhigen. Ich setzte gerade zum Sprechen an, als es kam. Es brach durch die Wände und fletschte seine fürchterlichen Zähne. Verzweifelt versuchte ich, es von seinem widerlichem Treiben abzuhalten. Das Blut meiner Mutter glänzte auf seinem weißen Latz im Sonnenlicht, das durch das Loch hereinfiel und helle Lichtpunkte in das triste Schlachtfeld malte. Ich erstarrte und stellte mich in meiner Not einfach tot. Ich musste dabei zusehen, wie es mit meinem Bruder in seinem blutigen Maul abzog und fiel in Ohnmacht.

“Schau mal Papa, was macht denn das Eichhörnchen da oben in dem Nest von den Blaumeisen”, sagte das kleine Mädchen, das gerade durch den Park lief.
“Hmpf, wird sich wohl ein Vogelei holen”, antwortete der Vater.

ENDE


Copyright (c) 2011 by little_wonni

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Schwarze-Katzen-400×600-41-minus-150-41.jpg” (Originaltitel: 20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

Noël, Alyson
Riley – Das Mädchen im Licht -

Roman

Im Buch blättern

Übersetzt von Laszlo, Ulrike
Verlag :      Page & Turner
ISBN :      978-3-442-20383-3
Einband :      gebunden
Preisinfo :      12,99 Eur[D] / 13,40 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 03.05.2011
Seiten/Umfang :      192 S. – 20,6 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      08.02.2011

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Titel bei Libri.de

Witzig, frech und einzigartig – Riley nimmt es mit jeder verlorenen Seele auf!

Riley Bloom hat einen ganz neuen Lebensabschnitt vor sich – den Tod. Durch einen Autounfall wurde sie aus dem Leben gerissen und von ihrer Schwester Ever getrennt. Ein Abschied, der ihr so schwerfiel, dass sie noch eine Weile als Geist auf der Erde blieb. Aber da auch das schönste Geisterleben einmal ein Ende haben muss, überquerte Riley schließlich die Brücke ins Jenseits. Nur kann sie dort leider auch keine Ruhe finden, denn vom großen Rat wird ihr eine besondere Aufgabe zugeteilt: Sie soll auf der Erde verlorene Seelen einfangen. Und ausgerechnet der langweiligste Junge, dem sie je begegnet ist, wird ihr dabei zur Seite stehen. Riley hat sich das irgendwie anders vorgestellt. Zum Glück hält der Tod noch so einiges für sie bereit …

Witzig, frech und einzigartig – Riley nimmt es mit jeder verlorenen Seele auf.

Alyson Noël ist eine preisgekrönte Autorin, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat. Mit ihrer auf inzwischen sechs Teile angelegten Serie »Evermore« stürmte sie auf Anhieb nicht nur die internationalen sondern auch die deutschen Bestsellerlisten und eroberte unzählige Leserinnenherzen. Die Übersetzungsrechte für ihre Bücher wurden bisher in 35 Länder verkauft und auch die Filmrechte schnell vergeben. Alyson Noël lebt in Laguna Beach, Kalifornien.

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AELLO – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 2/2011)

Erstellt von Simone Wilhelmy am 30. April 2011

AELLO


eine
Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy
2010

Besorgt betrachte ich den Himmel. Ein Sturm zieht auf. Zu spät hatte ich mich auf den Heimweg gemacht. Nun würde ich nicht nur in die Nacht kommen, sondern musste auch noch vor dem Sturm fliehen. Ich schließe die Augen und gebe mich für einen Moment der verhängnisvollen Versuchung hin den Wind zu fühlen. Die immer stärker werdenden Böen werfen sich gegen meinen Körper und spielen mit meinem Haar. In den Tagen nach dem Schnee und vor dem Frühling, wenn die Natur Kraft sammelt, um die Welt wieder mit Farben zu füllen, kommen die Stürme. Sie bringen Wasser und Energie. Sie fegen mit ihrem Zorn die letzten Reste des Winters davon. Ich liebe diese ersten Stürme des Jahres.

Diese unbändige Stärke. Die Luft schmeckt süß, voll von Lebenskraft und Verheißung des kommenden Frühlings. Ich lasse mich treiben, fühle wie der Wind an meiner Kleidung zerrt. Es ist gefährlich, sich zu lange der Wut der Natur hinzugeben und sich von den Farben des Windes gefangen zu nehmen. Doch der Himmel in diesen Sturmnächten verzaubert mich und ich kann mich nicht abwenden von dieser Schönheit. Nach dem Weiß des Winters erscheinen mir die vielen farbigen Akzente verschwenderisch bunt und es kribbelt in meinen Fingern vor Ungeduld und Vorahnung. Ich fühle mich, als könnte ich aus dem Stand in den Himmel springen und nach den Sternen greifen, die sich hinter den getriebenen Wolken verstecken und wie Edelsteine glitzern.
Wenn ich mich jetzt nicht nach einer Unterkunft für die Nacht umsehe, wird es für mich gefährlich. Niemand sollte sich der temperamentvollen Wut einer Sturmnacht entgegenstellen, doch noch immer hält mich der Sturm in seinem Bann. Ich bin trunken von der Stärke. Mit geballten Fäusten stelle ich mich dem Wind in den Weg und schreie ihm meinen Mut entgegen.

Meine Unverfrorenheit facht die Rage des Sturmes noch an. Wie kann ich es wagen mich hier mit ausgestreckten Armen in den Wind zu stellen, anstatt mich verängstigt in Hütten oder Höhlen zu verkriechen und bangend das Wüten abzuwarten. Die Natur brüllt mich an und das Fauchen des Windes ist so laut, dass ich davon taub werde.
Nebel steigt auf und verhüllt den Boden, verschleiert den Weg hinaus. Jetzt bin ich gefangen und mein Schicksal liegt nicht mehr in meinen Händen. Doch ich habe keine Angst, denn ich fühle mich in den unsichtbaren Armen der Luft zuhause. Aello – Windsbraut – nannten mich die Alten des Dorfes und schüttelten die Köpfe. Schon immer hat es mich in den Sturmnächten hinaus getrieben. Ich wollte inmitten des Aufruhrs der Elemente stehen und die Kraft spüren und die Leidenschaft der Natur. In Nächten, in denen der Sturm um das Haus polterte, träumte ich davon auf Wolken zu reiten.

Der Regen fällt wie Tränen auf mein Gesicht. Vielleicht weine ich auch, vor Glück, weil ich endlich erfahren werde, was mich erwartet, wenn ich dem Drängen nachgebe, einfach in den Himmel zu springen. Der Wind hat plötzlich gedreht und ich verliere den Halt. Für einen Moment schwebe ich von Donnergrollen eingehüllt. Ein einschlagender Blitz vervollständigt die magische Verbindung der vier Elemente. Etwas wird passieren. Ich kann regelrecht spüren, wie sich die Härchen im Nacken aufstellen, doch es ist nicht Furcht, die mich durchflutet. Angelockt von dem Trommeln des Regens kringeln sich Regenwürmer auf der lockeren Erde. Sie sind ineinander verschlungen wie Zuckerstangen und tanzen im kühlen Mondlicht einen Fruchtbarkeitstanz. Ich kann sie genau sehen, denn ich schwebe noch immer dicht über den Boden. Der Geruch der feuchten Erde ist betörend. In diesem Augenblick wünsche ich mir, ich könnte mich in sie hinein graben, doch ich gehöre nicht hierher. Denn ich bin Aello - die Braut des Sturms.

Ein starker Luftstoß treibt mich ein Stück hinauf und mein Körper ist den Wellen des Sturms ausgeliefert. Atemlos sehe ich, wie sich der Erdboden immer weiter von mir entfernt, bis ein Windzug mich herumreißt und ich dem Himmel entgegen sehe. Ich spüre, wie der Sturm meinen Körper liebkost, über meine Wange und mein Haar streichelt. Der Regen bedeckt meine Haut mit tausenden zarter Küsse, bis ich mich atemlos der Leidenschaft hingebe. Die Kaft des Sturm dringt tief in mich ein und mein Blut kocht vor Verlangen mich endlich mit dem ungezähmtesten Element der Natur zu vereinigen. Die allerletzte Verbindung zum Boden - zu meinem alten Leben - reißt, als ich meine Vernunft verliere.  Nun werde ich nicht mehr von den Böen getragen, sondern bestimme selbst wohin ich fliege. Die Arme ausgebreitet wie Flügel krächze ich vogelartig und stoße mich von einer Böe ab.
Ich stürme dem Himmel entgegen und durchstoße die puderigen Wolken, weiß wie Zucker und verliere mich im Glitzern der Sterne.

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen20110122082624-7f63d0a3-100-112-100.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

(in Vorbereitung!)

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SYRIA UND BAIRAL – eine dystopische Geschichte von Chiara Kaiser (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 2/2011)

Erstellt von Chiara Kaiser am 20. April 2011

SYRIA UND BAIRAL

eine

dystopische Geschichte

von

Chiara Kaiser

To live doesn´t mean you are alive -
- Zu leben, bedeutet nicht, am Leben zu sein -

Der Beat ließ die Kiesel auf der Straße vibrieren. Der Club 24 H hatte Happy Hour. 12 Uhr. Mitternacht.  Laute Absätze auf der  Straße. Laute Stimmen in der Luft. Der Schrei einer Frau. Eine Gruppe Männer sprang auf und ab, fuchtelte mit den Händen und sang laut das Lied mit, das gerade lief. Im zweiten Stock: Vollkommene Stille.

Die Frau mit den kräftigen roten Haaren saß auf einem Stuhl. Gerade mal 23 Stunden altes Blut pumpte durch ihre porös gewordenen Venen. Das kaputte Herz schlug schwach und holprig. Erschöpft seufzte sie.

„Syria?“

Die tiefe Stimme Bairals wuchs durch den Raum. Durch das Alter war sie noch harziger geworden. Sie lächelte schwach. Langsam stand sie auf und ging durch den Raum. Das Straßenlicht drang durch die halboffenen Jalousien und beleuchtete ihr faltiges Gesicht. Nur noch vereinzelt waren rote Strähnen zu sehen.

Ihr langes schon silbergraues Haar fiel auf die mittlerweile schwache Brust Bairals. Sie setzte sich behutsam neben ihn. Das Bett seufzte schwer. Bairals dunkelgrünen Augen leuchteten vor Vergnügen, auch wenn sie die tiefen Schatten darunter kaum noch überstrahlen konnten.

„Du bist schön. Weißt du das?“

Sie lachte und strich ihm die noch blonden Locken aus der Stirn.

„Und du bist ein Spinner.“

Ihre dünne Stimme zitterte bereits. Er hustete schwer. Er machte ihr Platz, sie legte sich neben ihn und schloss die Augen. Ihre rechte Hand nahm seine linke.

„Irgendwie hätte ich gerne mehr gehabt als nur 24 Stunden.“

Syria nickte.  Ihre Wirbel knackten. Schon bei dieser kleinen Bewegung. Nur dieser einen Bewegung. „Aber es war wirklich sehr schön. Manchmal auch schwer und traurig, aber es war es auf jeden Fall wert.“

„Kannst du dich erinnern?“, wisperte Bairal. „An was?“

„An die Schule. Ich mochte die Geschichten von der alten Welt. Vor dem Unfall.“

Syria schwieg.

„Nicht“, sagte sie kaum hörbar.

Glaubst du,  dass es noch andere gibt?“ Bairal stützte den Kopf auf einen Arm und sah sie eindringlich an. Seine Haut hing von den Knochen wie Gummi. Vor wenigen Stunden  war er noch so kräftig gewesen.

„Natürlich. Und wage es nicht, das eine Millisekunde zu bezweifeln.“

Noch mehr Falten gruben sich in seine Stirn. Syria hob die Hand. Die Venen waren deutlich zu sehen, der Handrücken mit Altersflecken übersät. Sie legte ihre Hand auf sein Gesicht.

„Ich liebe dich.“

Bairal küsste sie vorsichtig und die Falten verschwanden. Dann legte er sich wieder neben sie.

„Ich bin so müde.“

„Ich auch.“

Ruhige Atemzüge nebeneinander. Die Herzen schlugen schwer.

„Unser Hochzeitstanz war echt spitze.“

Er lachte. „Und das obwohl wir nur 39 Sekunden geübt haben. Und du warst die schönste Braut, Syria.“

Sie nickte.

„Tut mir leid, dass ich so eifersüchtig war.“

Er hüstelte.

„Hoffentlich hat unsere Tochter das nicht von dir. Sonst hat sie alle deine Vorzüge geerbt.“

Syria grinste.

„Hoffentlich wird sie nicht so unmusikalisch wie du. Dein Ständchen war absolut furchteinflößend.“ Sie konnte spüren wie Bairal lächelte. Sie drehte den Kopf und sah ihn an.  Dann schloss sie ihre Augen.

„Manche Menschen haben ein ganzes Leben. Und erleben trotzdem nicht so viel wie wir“ , flüsterte Bairal.

Sie versuchte die Augen zu öffnen, um sein Gesicht zu sehen und konnte es nicht. Zu schwach. Mühevoll legte er den Arm um sie.

„Syria?“

Sie brummte zum Zeichen, dass sie ihn hörte.

„Ich bin blind.“

Sie legte ihre Hand, sehr langsam und behutsam auf seine Brust.

„Macht doch nichts.“

Er hustete heftig. Sein Torso bebte.

„Aber deine Augen sind tiefblau. Und dein Mund ist kirschrot und deine Haare brennen wie Feuer.“ Sie erhob drohend die Stimme.„Das will ich aber auch hoffen. Vergiss ja nicht, wie ich einmal aussah! Früher - , sie hob mühsam den Arm und sah auf ihre Uhr, vor vier Stunden!“

Ihre Hand wanderte langsam nach oben und kam auf seiner Brust zu liegen. Sie spürte sein Herz nicht mehr. Langsam fand seine Hand die ihre. Er küsste ihre Fingerspitzen und vor ihrem inneren Auge sah sie, wie sich die Lachfalten um seine Augen vertieften, sich langsam ausbreiteten und die Grübchen an seinem Mund erschienen, wie immer,  wenn er sie berührte. Sie war glücklich. Genau in diesem Moment.

Seine und ihre Hand ruhten auf seinem Herz. Ihr eigenes zog sich ein letztes Mal zusammen.  So langsam wie sich der Stundenzeiger ihrer Uhr auf die 12 bewegte. 24 Stunden Sommer.  Eine einzige Umdrehung. Eine Lebensspanne.

Bairal hatte die Augen geschlossen. Seine Stimme versagte, doch sein noch immer schöner, voller Mund formte die letzten Worte.

„Wir hatten kein wirkliches Leben, aber wir haben wirklich gelebt.“

Syria lächelte. Im Sterben verzog sich ihr Mund zum letzten Mal. Er wusste es sofort. Aber der Sekundenzeiger seiner Lebensuhr näherte sich ebenfalls der 12.  Der Stunde Null.

„Syria und Bairal“, dachte er ein letztes Mal.

„ Die Eintagsmenschen  1088 und 1513 haben ihre Lebenszeit verbraucht. Wir nehmen Ihnen nun ihre Uhren ab und bringen sie zur Verbrennungsanlage.“

Gabrielle nickte zustimmend zu ihrer nüchternen Berichterstattung, die ihr Diktiergerät aufnahm. Ihr schwarzer Anzug ließ sie in dem dunklen Raum fast unsichtbar werden.

Dann konnte sie nicht mehr länger an sich halten.

„Was ist mit dem Kind, Professor?“

Er sah sie mit ernsten grauen  Augen an. Das Grau war zu hell, fast durscheinend.

„Aliah wird nicht für die Fehler büßen müssen. Sie hat nicht das fehlerhafte Chromosom.“

Erleichterung durchschoss Gabrielle. „Darf sie dann zu mir? Ich kümmere mich gut um sie. Sie ist ja keine Eintagsfliege.“

Schockiert schlug sie sich die Hände vor den Mund. Sie hatte das Wort gebraucht. Wie taktlos von ihr. Der Professor sah sie nur traurig an.

„Entschuldigen Sie bitte.“

Sie senkte den Kopf.

„Gehen Sie jetzt.“

Die raue Stimme des Professors trieb sie aus dem Raum. Gabrielle durchschritt schnell den Gang des zweiten Stocks im 24 H Club.

Brutstätte und Grab dieser anderen Menschen.

Im Babyzimmer wartete die Kleine auf sie. Aliah. Kein Unname.  Kein Name, der sie als Büßerin brandmarkte. Als hätte die Mutter gewusst, dass ihre Tochter leben würde.  Lange leben. Vielleicht wussten Mütter so etwas. Die kleine Faust des Babys schloss sich um ihren Finger, als Gabrielle ihn in Aliahs Hand legte. Dann nahm sie das Kind auf den Arm.

Sie stockte kurz, als sie an dem Zimmer der beiden Toten vorbei kam.

„Deine Eltern haben alles erlebt, was man erleben kann“, sagte sie ernst zu dem Baby.

„Sie sind zu glücklichen Menschen geworden.“

Aliah bewegte das Köpfchen, als wollte sie nicken.

Ein ganzes Leben in einem Tag und einer Nacht. 24 Stunden Leben. 24 Stunden ein schlagendes Herz.

ENDE

Copyright © 2011 by Chiara Kaiser

Bildrechte: “Liebesgeschichten” (Liebesgeschichten.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Subcover-Liebesgeschichten-minus-100-minus-60-100.jpg” (Originaltitel: Liebesgeschichten.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


Kaufempfehlung der Redaktion:

Brater, Jürgen
Warum haben wir Sand in den Augen und Schmetterlinge im Bauch?

24 Stunden im Leben des menschlichen Körpers

Illustriert von Hartmann, Jörg
Verlag :      Beltz, J
Website: http://www.beltz.de
ISBN :      978-3-407-75354-0
Preisinfo :      17,95 Eur[D] / 18,50 Eur[A] / 27,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 14.04.2011
Seiten/Umfang :      248 S., Mit Illustrationen von Jörg Hartmann – 24,5 x 16,8 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      1., Originalausgabe 24.01.2011
Gewicht :      721 g

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Den ganzen Tag vollbringt unser Körper sensationelle Leistungen – von manchen wissen wir, andere nehmen wir überhaupt nicht wahr. Dabei gibt es jede Menge interessanter Fragen zu beantworten, wenn wir mal genau hinschauen.

Morgens nach dem Aufstehen erstmal strecken. Doch wieso eigentlich? Weil die Muskeln im Schlaf schlecht durchblutet und träge werden. Das Strecken regt den Sauerstofftransport an, auch den zum Gehirn, mit dem Ergebnis, dass wir uns wacher fühlen. Am Beispiel der Geschichte von Leonie und Daniel, zwölfjähriger Zwillinge, führt Jürgen Brater durch einen ganz normalen Tag und erklärt unterhaltsam, kenntnisreich und witzig, was der Körper von Jungen und Mädchen zu unterschiedlichen Tageszeiten alles leistet. Fragen und Erklärungen zu manchmal ganz schön alltäglich erscheinenden Dingen rund um den Körper führen die Leser leichtfüßig durchs Buch. Junge Leser (aber nicht nur die) erfahren, was sie schon immer mal wissen wollten – oder von Dingen, die immer ganz selbstverständlich erschienen.

Aus dem Inhalt:
- Warum wachen wir morgens auf?
- Warum müssen wir morgens so dringend aufs Klo?
- Warum haben wir Schamhaare?
- Warum frieren Mädchen stärker als Jungen?
- Warum versprechen wir uns?
- Warum ziehen wir die Augenbrauen hoch, wenn wir erstaunt sind?
- Warum öffnen wir den Mund, wenn wir Leises besser hören wollen?
- Warum kratzen wir uns, wenn es juckt?

Jürgen Brater, geb. 1948, schloss sein Studium der Medizin und Zahnmedizin mit der Promotion ab und praktizierte bis 1996 in eigener Niederlassung. Seitdem ist er als Seminarleiter in der Aus- und Weiterbildung medizinischer Fachkräfte sowie als Fachautor tätig und schreibt unter anderem populäre medizinische Bücher. Jürgen Brater lebt im baden-württembergischen Aalen.

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DER ERSTE MORGEN – eine Fantasy-Horror-Geschichte von Leon Ferri (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2012)

Erstellt von Leon Ferri am 13. April 2011

Der erste Morgen

Eine

Fantasy-Horror-Geschichte

von

Leon Ferri


2011


Der erste Moment war der schwierigste.

Natürlich war Daryl nervös. Sie spürte wie klamm und kalt ihre Hände auf dem Türknauf lagen, während sie drückte. Als sie vor die schwere Holztür ins Licht des frühen Morgens trat, kniff sie vor Schreck die Augen zusammen und versuchte, durch die Tränen hindurch die Umrisse des Jungen zu erkennen.

„Los doch, koohom“, brüllte es vom Vorplatz herauf. „Wer als letztes beim Baumhaus ankommt, ist ein lahmes Ei!“

Schnell wischte sie sich mit dem Ärmel übers Gesicht, sodass sie in einem kurzen klaren Moment Figor ausmachen konnte, der pfeilschnell durch das Gras zu den dunklen Schatten der Bäume wetzte.

Mit einem Satz sprang sie die paar Stufen auf den knirschenden Schotter hinunter. Beim Loslaufen rutschte sie jedoch aus und schlug der Länge nach hin. Sie fiel so unglücklich auf die Steine, dass sie sich am Knie aufschürfte. Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie, und sie war drauf und dran zu jammern, loszuheulen wie ein junger Wolf und ins Haus zurück zu laufen. Aber sie riss sich zusammen und wartete einen Augenblick mit angehaltenem Atem.

In den letzten Monaten hatte sie viel Schmerz ertragen müssen, aber es war immer schnell wieder gut gewesen; Stiche von Spritzen und Nadeln; Bänder, die in die Haut schnürten und die gerippte, langsam verblassende Muster auf Armen und Beinen hinterließen. Das hier tat ganz anders weh – viel andauernder.

Das ist nur der Schreck. Es ist wird schon besser, gleich ist es gut. Aber die Hitze! Der Boden ist so heiß – und die Sonne ist so hell. Schnell, ich muss aufstehen!

Das Sonnenlicht brannte so auf ihrer Haut, dass Daryl den Schmerz in ihrem Knie ganz vergaß. Die langen Ärmel halfen nicht gegen das Brennen und auch nicht die Arzneien und Crèmes, mit denen man sie behandelt hatte. Dabei war es noch früh am Morgen. Die Sonne war erst vor Kurzem über die Mauer im Osten geklettert und ihr Licht noch durchbrochen von den Schatten der Blätter.

Ich kann kaum etwas sehen, der Vorplatz ist so hell. Gleich fängt mein Blut an zu kochen, meine Augen sind glühende Kohlen. Ich werde bei lebendigem Leib verbrennen. Bloß weg hier, schnell!

„Daryl, meine kleine Prinzessin, ist alles in Ordnung?“ Hinter ihr kam eine der Schwestern die Treppe herunter.

Figor! „Lahmes Ei“, quietschte sie leise, rappelte sich eilig auf und folgte verbissen und mit wehenden Zöpfen ihrer fliehenden Beute über die Wiese. Ihr Knie pulsierte schmerzhaft, aber der kühlende Luftzug tat gut, und das Brennen klang immer mehr ab, je länger sie unterwegs war. Während ihr der Wind in den Ohren rauschte und sie gierig den kühlen Atem einsog, wurde ihr wohler. Bald trugen sie ihre Füße wie von selbst, ganz ohne ihr Zutun, als wären sie selbstständige Wesen. Schließlich nahm sie nur noch den Rhythmus ihres Atmens und das regelmäßige Auf und Ab der Welt um sie herum wahr – einer rauschenden luftigen und wunderbar farbigen Welt. Wie auf Flügeln glitt sie dahin – wie eine Eule in der Nacht.

Ja, ich bin eine gefährliche Eule, die auf geschmeidigen und lautlosen Schwingen auf ihr Opfer zufliegt – und erbarmungslos zuschlägt. Nein! Keine Eule – nie wieder! Ich bin ein Falke und fliege bei Tag unter dem blauen Himmel.

So rannte sie durch das hohe Gras und die Sommerblumen zum Eichenhain nahe der Mauer, den sie aus schmalen Augenschlitzen gerade noch wahrnahm. Dort angekommen, ließ sie sich japsend ins Gras fallen und fixierte blinzelnd und zufrieden die dunkle Baumkrone über ihr.

Ich lebe noch! Die Sonne hat mich nicht erwischt. Kann sie mir wirklich nichts mehr anhaben?

Figor lehnte am Stamm einer Eiche und war ebenso atemlos wie Daryl. Aber er grinste so breit wie es ihm möglich war und winkte zu ihr herüber. „Lahmes Ei,“ stieß er keuchend hervor.

„Idiot!“

Es war ihr erster Tag draußen – ihr erster Morgen. Bisher hatte sie erst nach Einbruch der Abenddämmerung im Freien spielen dürfen. Aber die Ärzte sagten, dass ihre Behandlung fast abgeschlossen wäre, und das Sonnenlicht für sie deswegen keine Gefahr mehr darstellte. Trotzdem fürchtete sie sich noch davor; es war eine tiefe schwarze Furcht, doch den ersten Schritt hatte sie überstanden. Beim Spurt hierher hatte sich ihre Nervosität auf wunderbare Weise verflüchtigt, ihre Angst zurück gezogen in eine angenehm dicke Blase aus Watte – und sie entdeckte eine neue Welt.

Über ihr im Geäst zwitscherten die Vögel, die nachts nicht existierten, raschelten bisweilen durch das Laub und flogen hierhin und dorthin ohne erkennbares Ziel; die ersten Insekten stiegen auf und setzten sich auf Gräser und Blumen; Bienen einer weit verstreuten Gesellschaft flogen unermüdlich umher, krochen in Blüten und tauschten nach unergründlichen Regeln immer wieder die Plätze. Eine große Hummel brummte Daryl entsetzlich nahe am Gesicht vorbei. Mit beinahe hypnotischer Faszination blickte sie ihr hinterher wie sie ihre Stationen auf den Kleeblüten ansteuerte und dann mit großer Geschwindigkeit in den hellen Sonnenschein flog, bis ihr Pelzchen zu glühen begann.

Glühen. Die Sonne!

Daryl wusste, dass die Sonne noch höher steigen und noch heller und heißer strahlen würde.

Die Sonne erhitzt die Luft, die Luft fängt an zu glühen und wird vor Hitze flimmern. Dann entfacht sie ein Inferno, dem kein Wesen entkommen kann. Ich werde verbrennen, und meine glühende Asche wird vom Wind fortgetragen – wie die verlorenen Funken eines Lagerfeuers.

„Was ist denn? Träumst du? Ich bin schon fast oben und erster sowieso.“

Erst jetzt bemerkte Daryl, dass sie sich zusammengekauert hatte und ihre Beine krampfhaft umschlungen hielt. Sie schmeckte Blut auf ihren Lippen. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich mit ihren nadelscharfen Eckzähnen geritzt hatte. Sie warf einen schuldbewussten Blick zurück zum Haus und dann hinauf zu Figor. Der war bereits oben auf der Plattform angekommen und machte sich gerade daran, einen bunten Stofffetzen auf eine Wäscheleine zu spannen.

In diesem Moment, da sie sich unbeobachtet glaubte, nahm sie einen kleinen Blutstropfen von ihrer Lippe und betrachtete ihn nachdenklich.

Kann etwas so harmloses mein Leben verändern? Aber ich bin doch geheilt. Alle haben gesagt, dass ich ein Mädchen bin wie alle anderen hier auch – dass mir die Jungs irgendwann scharenweise hinterher laufen. Ich kann nach draußen gehen und brauche keine Angst mehr zu haben, dass ich …

„Yeaaah“, grölte Figor von der Festung herab. Er hatte die Westflügelflagge gehisst, und jetzt stolzierte er an der Brüstung entlang, den Dreispitz tief ins Gesicht geschoben. „Yeaaah, wir werden die Piraten in die Flucht schlagen.“ Bei diesen Worten drosch er heftig mit einem Stecken auf den Festungs-Gong, eine geschundene Bratpfanne an einer Schnur. Wie auf ein Zeichen ging im Ostflügel eine Tür auf und gab eine Schar ausgelassener Kinder frei.

Frühstückspause.

Daryl wischte sich hastig den Mund ab und kletterte Figor hinterher.

Vom Baumhaus hatten sie einen prächtigen Rundumblick. Hinter ihnen ragte die Mauer empor, die das Grundstück umgab und vor neugierigen Blicken verbarg, aber von hier oben konnten sie mühelos ein Stück des Feldwegs dahinter sehen und die daran angrenzenden Wiesen. Vor ihnen lag die Klinik mit ihrer mondänen Front.

Unten hatten sich die Kinder schnell auf der Wiese verteilt und bildeten fröhlich lachende Grüppchen. Eine dieser Gruppen rannte schon zielstrebig auf die Festung zu – die Piraten aus dem Ostflügel! Am Baum angekommen, hielten sie sich nicht damit auf, mit Kapitän Figor zu debattieren, sondern begannen sofort, die Festung zu entern; die schnellsten kamen über die Hühnerleiter und die Äste und andere – etwas langsamer – über den Strick, der von der Plattform herab hing. Plötzlich stieß Daryl einen durchdringenden schrillen Schrei aus.

Figor fuhr erschrocken herum, und die ersten räuberischen Piraten, die gerade ihre Köpfe über die Plattform streckten, erstarrten in der Bewegung.

Kleine Blumen in Karmin erblühten auf Daryls hellem Rock und bildeten zarte rote Stängel, die langsam nach unten wuchsen. Ihr Gesicht wirkte jetzt noch bleicher mit dem dünnen roten Rinnsal, das ihr aus dem Mundwinkel sickerte, dort, wo sie sich die Lippe aufgebissen hatte. Aber sie achtete nicht darauf; ihre Aufmerksamkeit war auf die Szene jenseits der Mauer gerichtet.

Drüben, auf der anderen Seite des Weges, hockte ein Pärchen auf einer Decke, ein junger Mann und eine junge Frau. Sie hielten sich zärtlich umarmt in den tanzenden Schatten der Birken und waren zu sehr mit sich beschäftigt, als dass sie spielende Kinder hinter einer Mauer bemerkt hätten – Kinder aus einer anderen Welt.

Die Sonne habe ich besiegt, aber das Blut lässt mich nicht los. Sie sind älter als ich, aber nicht zu alt. Lieber Gott, hilf mir, ich fühle mich so anders. Was geht in mir vor? Sie sind so schön anzusehen, ihre Haare, ihre Haut …

„Schnell, ihr Doofköpfe“, brüllte Figor mit sich überschlagender Stimme nach unten. „Holt jemanden!“ Als er sich umdrehte, wollte er Daryl packen, aber sie entwand sich seinem Griff, fiel gegen die hölzerne Brüstung und fauchte ihn böse an.

… ihre Rundungen, ihre Kurven, ihr Fleisch …

Jetzt kam die ganze Piratenbrut in Bewegung. Aus ihrem Entsetzen war Faszination geworden. Erinnern – wie bei einem verstaubten, beinahe vergessenen Spiel, das man aus einer Ecke des Speichers zieht. Sie kamen raunend mit gierigen Augen, dennoch vorsichtig auf die Plattform. Ein paar Kinder rasten unten über die Wiese zurück zur Klinik.

Was soll ich tun? Sie sind wie ich, und ich bin ein Teil von ihnen. Habe ich sie verraten, den Schmerz, den sie erleiden und die Entbehrungen, die sie erdulden mussten? Habe ich mich verraten?

Inzwischen war sie geschickt mit entblößten Krallen und von Speichel glänzenden Lefzen über einen dicken Ast in Richtung Mauer geklettert und mit einem beherzten Sprung auf deren Krone gelandet. Während Figor sich noch auflehnte und rebellierend den Kopf schüttelte, folgten ihr einige der Kinder winselnd und knurrend.

Blut! Nein, es ist alles gut. Wir haben die Sonne überwunden, aber unsere Wurzeln können wir nicht verleugnen.

Dann waren sie nur noch ein disziplinloser Haufen hungriger Kinder, der sich in einer rasanten und brutalen Attacke auf die vor Schreck gelähmten Menschen stürzte. Daryls Welt versank in einem Rot, das sie noch nie so leuchtend und lebendig empfunden hatte – ein warmes, süßes, köstliches Rot.

Jetzt bin ich ein Falke – aber immer noch trinke ich Blut.

ENDE

Copyright © 2011 by Leon Ferri

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Kaufempfehlung des Autors:

Hockensmith, Steve
Stolz und Vorurteil und Zombies
Aufstieg der lebenden Toten

Verlag :      Panini
ISBN :      978-3-8332-2148-4
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,95 Eur[D] / 13,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
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Seiten/Umfang :      320 S. – 13,5 x 21,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      19.10.2010

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Die Bennet-Schwestern genießen in vollen Zügen ihre friedliche und behütete Jugendzeit auf dem idyllischen Landsitz ihrer Familie im viktorianischen England. Sie verbringen ihre Tage mit Lesen, Gärtnern und Tagträumereien über ihre künftigen Ehegatten – bis eine Beerdigung in der örtlichen Gemeinde einen unerwarteten Verlauf nimmt. Plötzlich graben sich überall im Land lebende Leichen aus der lockeren Erde, ausgestattet mit einem unstillbaren Verlangen nach menschlichen Gehirnen – und es gibt nur eine Familie, die den grausigen Invasoren aus dem Grab Paroli bieten kann. Elizabeth Bennet wird im Feuer der unmenschlichen Verteidigungsschlacht von einem sorglosen Teenager zu einer erbarmungslosen Jägerin der Untoten geschmiedet. Ihr zur Seite stehen zwei mutige Männer, die der unheimlichen Bedrohung auf recht unterschiedliche Art Herr werden wollen und nebenbei der bezaubernden Elizabeth ihre Aufwartung machen: Master Hawksworth ist der mutige Krieger, der sie in jeglicher Form der Kampfkunst unterrichtet, während der begabte Dr. Keckilpenny den Untoten mit Wissenschaft und Technik zu Leibe rücken will. Wird einer von ihnen das Herz der jungen Miss Bennet erobern oder werden die Herzen der Männer als Mahlzeit für eine Horde blutrünstiger Zombies dienen? Die Antwort gibt es in diesem ausgesprochen unterhaltsamen Werk voller Action, Romanzen, Satire und Zombies, das vermutlich die ehrenwerte Jane Austen dazu veranlassen wird, sich im Grabe herumzudrehen – oder aber eben jenem zu entsteigen.

Jane Austen wurde 1775 in Steventon (Hampshire) als Tochter eines Landpfarrers geboren. Sie ist die Schöpferin bedeutender klassischer Werke der englischen Literatur. Nach Meinung ihres Bruders führte sie “ein ereignisloses Leben”. Sie starb 41-jährig, unverheiratet und kinderlos, an Tuberkulose. Ihre literarische Welt war die des englischen Landadels, deren wohl kaschierte Abgründe sie mit feiner Ironie und Satire entlarvte. Psychologisches Feingefühl und eine lebendige Sprache machen ihre scheinbar konventionellen Liebesgeschichten zu einer spannenden Lektüre.

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