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HAINLEINS EXPERIMENTE – Eine utopisch phantastische Kurzgeschichte von Günther K. Lietz (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2013 – Geteilter Preis)

Erstellt von Günther Lietz am 31. Januar 2013

Hainleins Experiment

Eine utopisch phantastische Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Patrow saß vor den Rechnern der Universität und beobachtete genau, was auf den großen Röhrenmonitoren geschah. Professor Hainleins Experiment lief nun seit mehr als dreißig Tagen, doch erst seit wenigen Stunden lagen tatsächlich messbare Ergebnisse vor. Irgend etwas war anders. Die Computersimulation registrierte eine höhere Aktivität in einer der Galaxien. Um was es sich genau handelte, wusste Patrow nicht zu sagen. Eigentlich war es auch nur eine Nuance, die Patrow bemerkte. Eine winzige Veränderung in den Datenströmen. Eigentlich unbedeutend, aber dennoch signifikant. Im schlimmsten Falle war es ein Fehler im Programm und das Experiment musste abgebrochen werden.

Hainlein und seine Kollegen erhofften sich anhand dieser komplexen Simulation Aufschluss über das Universum. Wie war es entstanden, was machte es aus, wie wirkten die kosmischen Kräfte auf lange Sicht miteinander, könnte es auch auf anderen Planeten intelligentes Leben geben? Die modernen Computer waren in der Lage die nötige Rechenleistung aufzubringen. Viele Jahre waren in der Erstellung der Simulation investiert worden und nun endlich sollte sie Früchte tragen. Für einen Normalbürger waren diese wissenschaftlichen Erkenntnisse allerdings bedeutungslos. In Zeiten von gewaltigen Finanzkrisen sahen sie nur Verschwendungssucht. Aber trotz knapper Finanzdecke hatte Hainlein das Projekt ins Laufen gebracht.

“Neue Ergebnisse?” fragte Professor Hainlein jovial.

Patrow zuckte zusammen. Sein Chef war leise wie eine Maus und machte sich einen Spaß daraus, an die Angestellten heranzuschleichen. “Nein. Keine ungewöhnlichen Aktivitäten. Nur ein kleiner Fehler in einer der Balkengalaxien. Ich habe es aber aus den Daten herausgerechnet, Herr Professor.”

Hainlein runzelte die Stirn. Seine Stimme war leicht ungehalten: “Herausgerechnet? Ohne mich zu konsultieren? Rufen Sie die Galaxie auf und zeigen Sie mir mal, was Sie da einfach herausgerechnet haben.”

Mit zittrigen Fingern tippte Patrow auf der Tastatur herum. Was bildete sich dieser Mann nur ein, ihn so anzufahren?

Auf dem Monitor zoomte das Programm auf eine Galaxie zu. Daten ploppten kurz auf, verschwanden wieder, wurden durch neue ersetzt. “Stop!” rief Hainlein aus und tippte auf den Monitor. “Wann haben Sie die ungefragte Modifikation meiner Simulation vorgenommen?”

“Vor einer halben Stunde.” Patrow war nervös. Falls er doch einen Fehler gemacht haben sollte, würde ihn das seinen Job kosten. Ausgerechnet in diesen Zeiten.

“Spielen Sie das Backup auf, Patrow”, befahl Hainlein und beobachtete, wie Patrows Finger auf die Tastatur des Computers hackten. Dann nickte er zufrieden. “So ist es richtig. Simulation wieder laufen lassen und in die Galaxie rein. Das will ich mir genauer ansehen.”

Patrow nickte. Er hoffte, dass kein Irrtum seinerseits vorlag und Hainlein die Anweisung gab, den Fehler doch wieder herauszurechnen. Stattdessen bekam der Professor große Augen.

“Sehen Sie das, Patrow?” Er drückte seinen dicken Zeigefinger auf den Monitor. Ein Fettfleck blieb auf dem Glas zurück. “Das ist kein Fehler. Das ist ein Ergebnis.”

“Aha”, sagte Patrow mit trockenem Mund. In Gedanken sah er schon die Kündigung auf seinem Schreibtisch liegen. Aber vielleicht war Hainleins Laune auch gut genug, um die Sache einfach unter den Tisch fallen zu lassen.

“Sie wissen, was das bedeutet?” fragte Hainlein begeistert.

“Nein”, kam es Patrow tonlos über die Lippen. Er starrte auf den Bildschirm. Irgendwo in seinen Gedanken wusste er vielleicht, was es bedeutet. Aber seine Gedanken waren gerade mit allem anderen, als diesem Experiment beschäftigt.

Hainlein grinste. “Erst einmal, dass Sie gefeuert sind. Niemand spielt an meinem Experiment herum. Herausrechnen? Sie sind ein Idiot, Patrow. Beinahe hätten Sie mich den Ruhm gekostet, den dieses Ergebnis mitbringt. Ich werde Artikel in Fachzeitschriften veröffentlichen. Sie sind dann nicht einmal mehr eine Fußnote.”

Patrow schluckte schwer. Er hatte es geahnt. In einem ersten Anflug von Widerwillen keimte Zorn in ihm auf, aber dann knickte er wieder ein und der Zorn verebbte. Sich aufzulehnen war einfach gegen Patrows Natur. Da sein Schicksal besiegelt war, konnte er jetzt in Ruhe die Daten und Grafiken betrachten.

Mit einigen Tastendrucken speicherte Hainlein das Projekt zwischen. “Sehen Sie mal, in meiner Simulation hat sich tatsächlich Leben entwickelt. Dort auf diesem kleinen blauen Planeten. Eigentlich ein unbedeutendes Sonnensystem. Interessant, oder?”

“Äh, ja”, stimmte Patrow bei und schaltete auf einem weiteren Monitor in den Beobachtungsmodus. Langsam zoomte er heran. Merkwürdige kleine Kreaturen wimmelten Bakterien gleich auf dem Planeten herum. Er drückte auf den schnellen Vorlauf und beobachtete, wie der Planet ordentlich gebeutelt wurde. Aber die kleinen Kreaturen erwiesen sich als ziemlich widerstandsfähig. Das war aber wie auf jedem anderen simulierten Planeten auch.

Patrow sprang zu dem Zeitindex, den sich jetzt auch Hainlein ansah und verstand, was der Professor so interessant fand. Einige dieser Kreaturen hatten sich weiterentwickelt und zeigten Anzeichen von Intelligenz. Sie benutzten Werkzeug, hüllten sich in Kleidung und bauten Unterkünfte. Lustige kleine Viecher, dachte Patrow bei sich.

“Sehen Sie Patrow, wie schnell die Entwicklung voranschreitet? Das könnte die Antwort auf viele Fragen sein, die wir haben. Vielleicht hat unsere Evolution ebenfalls so stattgefunden”, erklärte Hainlein.

“Vielleicht. Aber funktioniert unsere Simulation wirklich perfekt? Das Verhalten könnte aufgrund der Programmierung entsprechend stattfinden.” Patrow war schon immer ein Zweifler. Hainlein war der Evolutionsbiologe im Team, Patrow der Evolutionsprogrammierer.

Hainlein schüttelte den Kopf. “Wir haben alles richtig gemacht. Was wir hier simulieren, ist echtes künstliches Leben. Sehen Sie nur, Patrow. Hier entwickelt sich eine wahrhaftige Intelligenz. Zwar primitiv, aber dennoch echt. Diese Objekte haben gar keine Ahnung von ihrer Künstlichkeit. Sie leben, so wie wir. Sie sind sich ihrer zwar bewusst, aber sie sind sich nicht unserer bewusst. Das macht meine Simulation ja gerade so perfekt.”

Patrow nickte stumm. Seine Simulation, dachte er. Dabei habe ich die ganze Arbeit erledigt, sogar Überstunden geschoben und die ein oder andere Sache von Hand erledigt, anstatt alles dem Programm zu überlassen. Das war zwar auch gegen die Anweisungen Hainleins, aber Patrow in der Zwischenzeit vollkommen egal.

“Was ist denn das?” fragte Hainlein tonlos und sprang im Zeitindex auf die aktuelle Entwicklungsstufe und verlangsamte das Programm soweit, dass er bequem die Evolution auf dem Planeten beobachten konnte. “Aha, hier haben es. Diese Nuance. Diese eine Kreaturenart ist in den Weltraum vorgestoßen und hat begonnen, innerhalb des Sonnensystems Veränderungen vorzunehmen. Allgemein ein kriegerisches Völkchen, die Kleinen. Wahrscheinlich brauchen sie Ressourcen, um sich weiterhin gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.”

Hainlein lächelte versonnen. In Gedanken verfasste er bereits seinen Artikel. Kleine Objekte schossen nun zwischen den Planeten umher. Der Professor sah plötzlich verdutzt aus. “Was ist denn das?” Er rückte mit den Augen näher an den Bildschirm des Monitors heran. “Sie führen keine Kriege mehr. Anscheinend …”, er stockte kurz. “Anscheinend arbeiten jetzt alle an einem großen Projekt. Die Kleinen verlassen ihr Sonnensystem. Zum Glück wächst das Universum in unserer Simulation mit, sobald es nötig ist. Egal wie weit die Kleinen kommen, unser Universum dehnt sich mit ihrem Voranschreiten aus.”

Patrow nickte. Immerhin hatte er mit seiner Programmierung dafür gesorgt. Neugierig sah er zu, wie die Kreaturen in großen Röhren durch den Weltraum flogen und auf unterschiedlichen Planeten landeten. Und dann – explodierten hunderte der Planeten gleißend. Patrow und Hainlein sahen verdattert aus.

“Was ist das denn?” fragte der Professor, ohne von Patrow eine Antwort zu erwarten. “Das macht doch keinen Sinn.” Der Professor kratzte sich am Ohr. “Warum nur? Da steckt doch was dahinter. Da, weitere Explosionen. Die sprengen ganze Planeten. Wozu? Das ist doch selbstzerstörerisch. Sie machen sich irgendwann selber kaputt. Außer …” Heinlein aktivierte ein weiteres Programm. “Die Anordnung ist doch kein Zufall. Das ist …” Er sah verblüfft aus. “Das ist Mathematik, die universelle Sprache allen intelligenten Lebens.”

“Aber wie sollen die eine Ahnung von unserer Mathematik haben?” fragte Patrow. “Das sind doch nur Ergebnisse eines Programms. Pixel. Algorithmen.”

Hainlein schüttelte den Kopf. “Unsere Mathematik ist Grundlage ihres Lebens. Immerhin haben wir das Programm auf Grundlage unserer Mathematik erstellt und auch die Physik in ihrer Welt definiert. Also sollten wir in der Lage sein, die richtigen Ergebnisse zu erhalten.”

Aufgeregt sah sich Hainlein die Berechnungen an. “Sie versuchen mit uns Kontakt aufzunehmen”, murmelte er.

“Was?” Patrow sah den Professor entgeistert an. “Die Viecher? Die sind doch gar nicht echt.”

Hainlein schüttelte den Kopf. “Nicht ganz richtig, Patrow. Nicht ganz richtig. Natürlich, sie sind künstlich. Aber künstliche Intelligenzen. Faszinierend.” Er sah sich das Ergebnis genauer an. “Sie haben die Planeten gesprengt, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Kleinen sind sich ihrer Künstlichkeit doch bewusst. Sie wissen, dass sie Teil eines Programms sind. Patrow, die Kleinen wissen, dass jemand vor einem Computer sitzt und sie beobachtet. Faszinierend. Das ist ein Meilenstein im Bereich künstlicher Intelligenzen.”

Patrow sah zu Hainleins Monitor hinüber, um sich ebenfalls das Ergebnis anzuschauen, während der Professor auf Pause drückte und abspeicherte. “Schaltet uns nicht ab!” stand auf dem Bildschirm. Patrow grinste. Was für ein Unsinn, dachte er.

“Wir machen Morgen weiter”, sagte Hainlein. “Ich muss noch einige Anrufe machen. Diese Entdeckung ist einfach großartig.” Dann schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. “Ach, Sie sind ja gefeuert. Werfen Sie den Schlüssel in den Briefkasten, wenn Sie gehen, Patrow.” Hainlein eilte aus dem Labor hinaus. “Leben Sie wohl, Patrow. Leben Sie wohl”, rief er noch.

Patrow sah dem Professor verdattert hinterher, dann blickt er auf den Bildschirm. Was soll mir schon passieren, dachte er bei sich. Ich bin ja eh arbeitslos. Unterdrückter Zorn flammte in ihm auf. Er hackte auf einige Tasten und bestätigte dann den Löschbefehl. Dann fang noch mal ohne mich an, du Arsch! Patrow grinste breit, nahm sich seine Jacke und ging ebenfalls. Den Schlüssel warf er beim hinausgehen in den Mülleimer, während hinter ihm ein ganzes Universum im Nichts verschwand.

ENDE

Copyright © 2013 by Günther K. Lietz, all rights reserved

Bildrechte: “Virtuelle Welten” (http://sfbasar.filmbesprechungen.de/wp-content/uploads/virtuelle-welten-cover.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Künstliche Intelligenzen” © 2013 by Karlheinz R. Friedhoff. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite:  http://www.charlys-phantastik-cafe.de/

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DAS MÄDCHEN (Teil 1) – Leseprobe aus dem Fantasy-Roman “Der letzte Engel” von Zoran Drvenkar (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Winter 2012″)

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. Januar 2013

DAS MÄDCHEN (Teil 1)

Leseprobe aus dem Fantasy-Roman

“Der letzte Engel”

von Zoran Drvenkar

Die Männer kamen im Morgengrauen. Sie stiegen über die Klippen zum Haus hoch, nur einer von ihnen nahm die Küstenstraße. Sein Name war Dimitri Lazar und er leitete die Jagd seit vier Jahrzehnten. Lazar war einundsechzig Jahre alt und bewegte sich wie ein Sportler, der täglich trainiert. Er ging betont aufrecht und hielt die Armbrust so selbstverständlich an seiner Seite, als wäre sie ein Teil seines Körpers.

Links von ihm breitete sich die karge irische Felslandschaft aus, rechts lagen die Klippen und eine aufgehende Sonne, die aussah, als hätte sie die Nacht durchgemacht und wäre zu erschöpft, um sich voll und ganz aus dem Meer zu erheben. Jeder andere hätte einen Moment verweilt und sich das angeschaut, Lazar hatte nur Augen für das Haus und die dunklen Fenster. Er suchte nach einem Zeichen, dass ihre Ankunft bemerkt worden war.

Kein Rauch stieg aus dem Kamin auf, es war zu früh, die Fenster blieben schwarz.

Am Vorabend hatte Lazar den Lageplan mit seinen Söldnern ein letztes Mal studiert – zwei Stockwerke, eine Treppe, ein Dachboden, ein Keller und zehn Zimmer. Die Raumaufteilung war ihnen vertraut, es war nicht das erste Haus, das sie stürmten, dennoch wünschte sich Lazar, sie hätten mehr Zeit für die Vorbereitung gehabt. Ein Tag reichte einfach nicht. Dabei war es der Keller, der Lazar am meisten Sorgen machte. Sie würden im Erdgeschoss anfangen und sich hocharbeiten.

Der Keller kam immer zum Schluss.

Lazar brauchte ein paar Sekunden, um die Haustür aufzubrechen. Danach stand er im Vorraum und lauschte in die Stille. Die Armbrust lag schwer in seiner Hand. Lazar spürte den Herzschlag im Hals. Er war ausgelaugt von der Jagd, hätte es aber nie zugegeben.

Das Haus blieb still.

Lazar stellte die Funkverbindung her und gab den Befehl.

Lautlos traten seine Männer ein.

Die letzten zwei Jahrhunderte hatte sich im Haus der Kormorane kaum etwas verändert. Bücher und Kleidung kamen per Post, die Lebensmittel wurden zweimal in der Woche geliefert. Die Bewohner waren nicht rückständig. Sie hatten Fernsehen und Internet. Sie lebten in der Gegenwart, ohne ein Teil von ihr zu sein. Zeit hatte hier eine andere Bedeutung. Wer die Zeit akzeptiert, dem ist die Ungeduld fremd, lautete das eingemeißelte Motto über dem Eingang. Geduld war ihre oberste Pflicht. Sie bewahrten das Erbe, sie boten ihm Schutz, ihre Zahl war immer dieselbe.

Acht Mädchen, acht Gouvernanten und eine Hausherrin.

Sobald die Mädchen neunzehn wurden, nahmen sie den Platz der Gouvernanten ein. Es gab ein Fest, es wurde Abschied genommen und acht neue Kinder kamen dazu. Kein Mädchen im Haus der Kormorane wusste, wohin die Gouvernanten danach verschwanden, so wie auch keine von ihnen wusste, woher die Säuglinge kamen.

Die Mädchen teilten sich einen Schlafraum und hatten tagsüber die Zimmer des Hauses zur Verfügung. Die Gouvernanten waren rund um die Uhr zur Stelle und unterrichteten sie. Niemand wollte, dass die Mädchen weltfremd aufwuchsen, und so wurden ihnen keine Informationen vorenthalten.

Wenn jemand nachfragte, bekam er zu hören, es sei ein Waisenhaus. Aber kaum jemand fragte nach oder wusste, wie sich das Haus auf den Klippen finanzierte. Es lag am äußersten Ende einer Landzunge und blieb von Touristen unberührt. Der Landstrich galt als unwirtlich, nicht einmal Schafe verirrten sich hierher. Es gab keine Anlegestellen, es gab nur die Klippen und das Meer.

Das Haus der Kormorane war ein sicherer Ort für das Erbe.

Lazars Söldner arbeiteten sich vom Erdgeschoss hoch. Sie sprachen kein Wort miteinander, während sie von Zimmer zu Zimmer gingen. Fünf der Mädchen starben an der Seite ihrer Gouvernanten innerhalb der ersten zwei Minuten. Sie wurden im Schlaf überrascht. Die Männer waren lautlos, ihre Bewegungen aufeinander abgestimmt. Auf dem Weg nach oben begegneten sie ihrem ersten Problem.

Stella O’Niven war Mitte vierzig, einen Meter achtzig groß und wog keine sechzig Kilo. Die O’Nivens arbeiteten schon seit Generationen für das Haus der Kormorane und kümmerten sich um den Gemüsegarten, strichen die sturmgepeitschte Fassade im Frühjahr neu und erledigten anfallende Arbeiten. Als Haushälterin machte Stella jeden Morgen dieselbe Runde – heizte ein und setzte Teewasser für das Frühstück auf, holte den vorbereiteten Teig aus dem Kühlschrank und formte Brötchen. Sie deckte dann den Tisch und nahm eine Dusche, während die Brötchen backten und die Mädchen langsam erwachten. Jeder Tag hatte denselben Rhythmus. Nur an den Wochenenden übernahm eine der Gouvernanten die Aufgaben der Haushälterin. In dieser Zeit kümmerte sich Stella um ihre Mutter und ihre zwei erwachsenen Söhne. Sie erledigte Einkäufe, ging spazieren und spielte Karten im Club. Alles in ihrem Leben verlief in einer geordneten Bahn.

Auch dieser Morgen fing so an.

Stella war zwei Minuten vor sechs angezogen, hatte sich das Haar hochgesteckt und verließ ihr Zimmer. Sie hörte das Wasser im Badezimmer laufen, sie hörte flüsternde Stimmen und versuchte zu erraten, welche der Mädchen wach waren.

Im Halbdunkel erinnerte Stellas kerzengerade Gestalt an eine strenge Lehrerin, aber sie war alles andere als streng. Stella war die gute Seele für die Mädchen. Wann immer es Schwierigkeiten gab, kamen sie zu ihr und holten sich Rat. Stella mochte diese Rolle. Sie hatte keine Tochter, und so fühlte es sich an, als wäre sie die Mutter von acht Mädchen.

Am obersten Treppenansatz angelangt, blieb Stella für einen Moment stehen und genoss die Ruhe des Hauses. Sie kannte jede knarrende Diele und jede Ritze, durch die der Wind an den stürmischen Tagen pfiff. Es war so sehr ihr Zuhause, wie es das Zuhause der Mädchen war. Als die Standuhr im Erdgeschoss den sechsten Glockenschlag von sich gab, war Stella bereit, nach unten zu gehen.

Die fünf Männer im Eingangsbereich erstarrten und sahen zu ihr hoch.

»Aber …«

Mehr konnte Stella nicht sagen. Der Schalldämpfer gab ein sanftes Ploppen von sich. Die erste Kugel durchschlug das Herz der Haushälterin, die zweite riss ein Loch in die Hand, die sie schützend vor sich hielt. Stella war auf der Stelle tot.

Zwei der Männer fingen ihren Sturz ab und standen danach wieder still.

Niemand rührte sich.

Sie lauschten, sie hörten das Knarren von Dielen über sich, sie hörten hastige Schritte.

Lazar gab ein Zeichen, die Männer eilten die Treppe hinauf.

Alles musste jetzt schneller gehen.

Vier der Gouvernanten hatten mit Hilfe der Hausherrin die Tür zum Hauptsaal verbarrikadiert. Sie zögerten nicht, sie reagierten sofort, als wären sie auf einen Angriff vorbereitet gewesen. Lazars Männer versuchten nicht, die Tür aufzubrechen. Sie legten eine Sprengladung neben dem Türrahmen an und kamen durch die Wand.

Eine Gouvernante fehlte.

Ennis war neunundzwanzig Jahre alt und stand mit zwei der Mädchen im Badezimmer, als Lazars Männer die Wand zum Hauptsaal sprengten. Sie dachte keine Sekunde an Widerstand, sie hatte nur Flucht im Kopf und ergriff die Mädchen bei den Händen. Lautlos stiegen sie über das Balkongeländer und kletterten am Rankengerüst hinunter. Sie trugen noch ihre Schlafanzüge, und als sie unten ankamen, klatschten ihre bloßen Füße auf den Felsen.

Die Mädchen hießen Mona und Jasmin, sie waren zehn Jahre alt und beste Freundinnen. Ennis befahl ihnen, nicht zurückzuschauen. Ihr Ziel waren die Stufen, die zu den Klippen hinunterführten. Ein Pfad lief am Wasser entlang, und wenn sie dem Pfad folgten, würden sie zum Hof der O’Nivens kommen, und dort wären sie sicher, versprach die Gouvernante und schob die Mädchen vor sich her.

Sie hätten Schuhe tragen sollen.

Jasmin rutschte nach zwanzig Metern auf den nassen Stufen aus und fiel. Mona zog sie wieder hoch, als Jasmin aber versuchte aufzutreten, knickte ihr Fuß weg und sie brach in Tränen aus. Ennis nahm sie auf den Arm und hätte beinahe selbst losgeheult, weil sich Jasmin so sehr an ihr festklammerte. Es fühlte sich an, als hätte das Mädchen überhaupt kein Gewicht.

»Keine Sorge«, sagte die Gouvernante. »Wir werden jetzt …«

Das Brechen von Glas war zu hören. Ennis schaute zurück. Sie hätte sich nicht umdrehen sollen. Eine Rauchwolke stieg aus dem Dachstuhl des Hauses auf und wuchs dem Himmel entgegen. Auch Mona blieb stehen. Sie hätten einfach weiterlaufen sollen. Der Pfeil kam aus dem Nichts und durchschlug Jasmins Nacken mit solch einer Wucht, dass die Spitze unter ihrem Kehlkopf wieder hervortrat. Jasmin schaute Ennis ungläubig an und hustete. Ein feiner Nebel aus Blut bedeckte das Gesicht der Gouvernante, dann schloss Jasmin die Augen und ihre Arme lösten sich von Ennis’ Hals und fielen leblos herab.

Die Gouvernante spürte, wie ihre Knie nachgaben. Das Gewicht auf ihren Armen schien sich verzehnfacht zu haben, als hätte das Mädchen all die Tage mit in den Tod genommen, die sie jetzt nicht mehr leben durfte. Ennis konnte Jasmin nicht mehr halten und legte sie auf die Steine. Sie wollte sich setzen und das tote Mädchen festhalten, da riss Mona an ihrem Arm. Ennis taumelte einen Schritt auf sie zu, und der zweite Pfeil zerbrach an dem Felsen, vor dem die Gouvernante eben gestanden hatte.

»Wir müssen weiter«, sagte Mona.

»Aber …«

»Komm!«

Und so sind sie zum Strand runtergerannt und haben die Pfeile ignoriert, die mit einem knallenden Echo von den Felsen wiederhallten und die Kormorane aus ihren Nestern schreckten. Ihr Ziel war das Meer, und sie sahen kein einziges Mal zurück, während hinter ihnen ihr Zuhause in Flammen aufging. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2012 by Zoran Drvenkar. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des cbj/cbt Bertelsmann-Jugendbuchverlag

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer wissen möchte, wie die Geschichte beginnt und wie sie auch endet, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen! Anbei zur Orientierung noch zwei Buchrezensionen:

Zoran Drvenkar
Der letzte Engel

cbj, 2012
ISBN 978-3-570-15459-5
Fantasy, Thriller, History, Jugendbuch
Hardcover mit Schutzumschlag
Umfang 448 Seiten
Umschlaggestaltung: Zeichenpool, München
Das abgebildete Cover zeigt das unkorrigierte Vorab-Exemplar

www.cbj-verlag.de
www.drvenkar.de
www.randomhouse.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Vorwort:

„Motte“, der eigentlich Markus heißt, bekommt eine anonyme E-Mail mit folgendem lapidaren Inhalt:

sorry für die schlechte nachricht
aber wenn du aufwachst, wirst du tot sein
wir wollten nur, dass du das weißt

Dieses Zitat aus dem Roman hat genügt, um meine Neugier anzufachen. Ich war sehr gespannt auf den Werkstattband (und wurde nicht enttäuscht), den wir im sfbasar vor Kurzem vorgestellt haben, dazu ein kleines Interview mit dem Autor. Hier der Link für diejenigen, welche diesen Beitrag vielleicht übersehen haben: http://sfbasar.filmbesprechungen.de/fantasy/zoran-drvenkar-der-letzte-engel-%e2%80%93-werkstattband-und-interview/

Zum Titel:

Wenn man kein gläubiger Mensch ist, tut man sich schwer, an mystische Wesen wie Engel zu glauben. Noch mehr, wenn man ein Teenager von 16 Jahren ist und einem alles Mögliche durch den Kopf geht und das Interesse an Religion, den Tod und Engel – sagen wir mal – gering bis praktisch nicht vorhanden ist. Da ist der Schock, dass es Engel wirklich gibt, enorm. Noch viel mehr, wenn man feststellt, dass man selbst zum Engel geworden ist, komplett mit Flügeln. Nun ja, komplett trifft es nicht ganz: Motte vermisst seine männlichen Geschlechtsteile, schließlich sind echte Engel weder Mann noch Frau.

Doch das ist nicht sein einziges Problem. Motte wird gejagt und weiß nicht von wem und warum. Und auch sein wirklich trauernder Vater verhält sich seltsam: Motte belauscht – tot, wie er ist – ein Telefonat, in dem sein Vater jemandem vorwirft, dass sein Sohn 3 Jahre zu früh gestorben sei. Dad hat also damit gerechnet, nein, erwartet, dass Motte im Alter von 19 Jahren stirbt?

Natürlich ist das nur der Auftakt zu einer Reise durch die Welt … und längst vergangene Zeitalter. Zwei Gruppen zeigen mehr Interesse an Motte, als ihm lieb sein kann. Zum Einen ist da „Die Bruderschaft“, die mordend und brennend durch viele Länder der Erde zieht und besondere Häuser heimsucht, dort alle Bewohner massakriert und dann die Flammen die Spuren verwischen lässt. Zum Anderen „Die Familie“, welche bemüht ist, sich dem Zugriff der Bruderschaft zu entziehen und seit zwei Jahrhunderten ein Ziel verfolgt, dass ein Christ wohl befürworten würde … und das ich hier nicht verrate.

Mein Eindruck:

Ich möchte hier an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Handlung nicht vorwegnehmen, aber so viel sei gesagt: Es gab in den letzten Monaten nur wenige Bücher, die mich gleichermaßen gefesselt haben. Und das meine ich wörtlich. Ich bin kein besonders schneller Leser, aber „Der letzte Engel“ habe ich innerhalb von zwei Tagen verschlungen.

Am Anfang sind die beiden sich abwechselnd verwendeten Schreibstile Gegenwart und Vergangenheit verwirrend, zumal sie aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten die Handlung zeigen. Dazu kommt noch, dass der Autor häufig Zeitsprünge nach vorn und hinten vollführt, die manchmal Stunden, manchmal Jahre auseinanderliegen können. Erst nach und nach verdichtet und klärt sich, was eigentlich passiert. Und das ist nach dem ersten Drittel wirklich suchterzeugend. Also nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, sondern unbedingt dranbleiben!

Den besten Satz, den ich in dem Buch gelesen habe, war auch der Letzte: „Ende vom ersten Buch“. Und was Drvenkar auf der letzten Seite angedeutet hat, lässt mich nur zu dem Schluss kommen, dass der zweite Band mindestens genauso spannend wird wie dieser erste Teil.

Nachwort:

Es ist ein seltsames Gefühl, ein „unkorrigiertes Vorab-Exemplar“ zu lesen. An manchen Stellen fragt man sich: „Bleibt das so oder wird das noch geändert?“ Über kleinere Tippfehler sieht man hier jedoch eher hinweg, als bei einem fertigen Buch, das dann einfach einen schlampig gemachten Eindruck hinterlässt. Nachdem der Verlag cbj allerdings sogar ein Hardcover mit Schutzumschlag auflegt, dürften in der Endfassung sicher alle Kleinigkeiten ausgemerzt sein.

Copyright © 2012 by Werner Karl

… und noch eine Rezension:

Zuerst schenkt Motte der mysteriösen E-Mail keinen Glauben, die seinen baldigen Tod prophezeit. Doch zu vorrückender Stunde wird er zunehmend nervöser. Schlussendlich beschließt er einfach nicht zu schlafen, so kann er ja auch nicht am nächsten Morgen tot sein. Doch Motte verliert den Kampf gegen den Schlaf und schläft beim Lesen eines Comics ein. Am nächsten Morgen erwacht er – leider tot. Kein Puls mehr und mit nichts bekleidet als Boxershorts. Außerdem wachsen seltsame flügelähnliche Gebilde auf seinem Rücken. Motto muss mit erschrecken feststellen, dass er nun ein Engel ist. Auch eine weitere Erkenntnis erschüttert ihn bis ins Mark: Er hat seinen Körper auf seinem Bett zurückgelassen und für seinen Vater ist er unsichtbar. Dieser nimmt die Nachricht von seinem Tod anders auf, als Motte das vermutet hätte, fast erscheint es so, als hätte er seinen Tod erwartet.

Zu seinem Glück kann ihn wenigstens sein bester Freund sehen, den er leider ziemlich schnell aus den Augen verliert. Als dieser Motte dann wiederfindet, ist es für den Engel schon fast zu spät …

Fazit

Die ersten paar Kapitel waren zugegebener Maßen gewöhnungsbedürftig. Schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen den Perspektiven aus denen erzählt wurde, überforderten den Leser, der sich auf eine leichte Kost im Sinne des Jugendromans eingestellt hatte. Hatte man sich jedoch erst einmal an diese recht ungewöhnliche Handhabung des Handlungsstrangs gewöhnt, ließ einen das Buch nicht mehr los und das, obwohl der Autor einen recht neutralen Schreibstil an den Tag legt. Streckenweise kam es einem schon vor, als würde man einen Bericht lesen und nicht einen Roman. Dies dürfte vor allem männliche Leser begeistern, die mit dem zugegebenermaßen gefühlsbetonten Schreibstil von Frauen wenig anfangen können. Wem der Schreibstil nicht liegt, den entschädigt die Handlung um so mehr, schnell wird einem klar, dass hier literarische und gesellschaftliche Grundmotive gut verpackt wurden.

Schnell findet man sich mitten in einem Machtkampf der verschiedenen Glaubenssysteme wieder, ohne sagen zu können, wer den nun “richtig” liegt. Dies macht die ganze Geschichte sehr realistisch, beschäftigt doch die Frage nach dem “richtigen” Glauben die gesamte Welt. So verschwimmen in der Geschichte sehr schnell die Grenzen zwischen gut und böse, richtig oder falsch, der Rettung der Welt und der Herbeiführung ihres Untergangs. Der Roman macht auf jeden Fall Lust auf mehr und ich bin schon sehr gespannt, wie es im Fortsetzungsband weitergeht.

Ein Roman, der einen bis zur letzten Seite überraschen und fesseln kann.

Copyright © 2012 by Yvonne Rheinganz

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DAS ETWAS ANDERE INTERVIEW – Eine Kurzgeschichte von Petra Weddehage (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 1/2013)

Erstellt von Petra Weddehage am 26. November 2012

DAS ETWAS ANDERE INTERVIEW

Kurzgeschichte

(Überarbeitete Fassung 1997/2012)

von

Petra Weddehage

Langsam sank die Nacht herab und bedeckte meine Heimatstadt Paderborn. Ein wundervoller, sternenklarer Himmel wölbte sich über den Dächern der Häuser und Kirchtürme.

Jedenfalls nahm ich das an. Es wurde langsam Zeit für mich aufzustehen. Ich reckte und streckte mich erst einmal ausgiebig, bevor ich langsam den Deckel meines Sarges öffnete.

„Sarg“, denkt ihr, „komische Art sich schlafen zu legen“. Recht habt ihr. Mein Name ist Petra – und NEIN: Ich bin kein Vampir. Außerdem bin ich weder Grufti noch abgefahrener SM-Fan. Ich bin Schriftstellerin und beobachte Vampire, um Stoff für meine Geschichten zu bekommen.

Tja, lange Rede, kurzer Sinn. Ich hatte mich von zu Hause für ein paar Tage verabschiedet. Offiziell war ich bei einer Freundin, die ebenfalls als Schriftstellerin ihr tägliches Brot verdient …und natürlich in meinen verrückten Plan eingeweiht war. Nun lag ich im Spezialgeschäft für Särge, in der Königstraße schräg gegenüber vom Sexshop. Eine zuverlässige Quelle hatte mir den Tipp gegeben, ich sei nicht der einzige Gast in dieser Nacht. Der Inhaber schuldete besagter Person noch ein oder zwei große Gefallen, und so …

Langsam stieg ich aus dem Sarg – übrigens schön weich gepolstert, mit Federkernmatratze und rotem Samt ausgeschlagen – und sah mich vorsichtig um. War ich alleine, oder stimmte die Aussage meines Informanten? Ich huschte, Deckung suchend, von Sarg zu Sarg, um mich dann in einer kleinen Nische zu verstecken. So langsam wurde mir wirklich extrem mulmig. „Nur Mut, Petra“, sagte ich mir, „denk, an was Schönes“

„Der Deutsche Schriftstellerpreis für die beste Horrorstory des Jahres geht an …: Petra Weddehage.“ Scheinwerfer leuchten auf. Ihr Licht erfasst mich und setzt mich prunkvoll in Szene. Urplötzlich stehe ich im Mittelpunkt der Massen. Lächelnd nehme ich die Skulptur entgegen, sage ein paar Dankesworte und genieße das Bad in der Menge. Freunde und berühmte Persönlichkeiten aus aller Welt jubeln mir zu. Die Presse lässt ein wahres Blitzlichtgewitter auf mich los …

Bumm!

Was war das für ein Geräusch? Abrupt wurde ich aus meinen schönen Träumen gerissen und fand mich in der Wirklichkeit wieder. Schade, aber jetzt wurde es spannend. Ich unterdrückte meinen angeborenen Fluchtinstinkt und linste vorsichtig aus meinem Versteck heraus auf die Ursache des Lärms. Neugierig sah ich, wie sich ein weiterer Sarg öffnete. Heraus stieg … der unattraktivste Vampir, den die Welt je gesehen hat.

„Scheiße!“ schrie er. „Wieder verschlafen!“

Oh, Mann, wenn ihr den sehen könntet: nix Smoking oder gepflegte Erscheinung! Blaugefärbte Haare, abgerissene Jeans und – boah ey! – schon mal was von Körperhygiene gehört? Der Vampirpenner holte einen verschlissenen Armeerucksack im Farbton verschießenes Khakigrün aus dem Sarg. Dieser Never-Come-Back-Container sah übrigens auch nicht gerade sehr komfortabel aus. Schien ein Second-Hand-Sarg zu sein …

Derweil wühlte der Typ in seinem Beutel herum und hangelte ein – ihr werdet es kaum glauben! – Deo hervor und nebelte sich damit ein. Puh, was für ein Geruch! Ich musste mich beherrschen, um nicht laut zu lachen. Es stank nach „Spice Girl“.

Unterdessen war mein rechter Fuß eingeschlafen, und ich drehte ihn ein wenig. Ihr kennt das Gefühl? Dieses widerliche Kribbeln? Knirsch, Peng, Klirr!

Verdammte Sch…! So ein Pech, ich war mit meinem Fuß gegen einen Sockel gestoßen. Und was stand natürlich darauf? Richtig, eine Blumenschale; die war natürlich hin.

Der Vampirtyp reagierte unglaublich schnell, wie alle seiner Art. Ehe ich auch nur mit der Wimper zucken konnte, zerrte er mich grob aus meinem Versteck und betrachtete mich neugierig im Mondlicht, das durch das Schaufenster schien. Als ich ihn ebenfalls musterte, verflog der kurze Moment von Panik, der mich befallen hatte. Dies war kein Vampir, wie er in vielen romantischen Groschenromanen beschrieben wird. Nicht geheimnisvoll und sexy und schon gar keine animalische Erregung verursachend, die Frauen bei seinem Anblick durchfahren soll. Ein absoluter Reinfall. Eher wirkte er wie das komplette Gegenteil aufgrund seiner abgerissenen Erscheinung und seinem resignierten, abgestumpften Blick.

„Was treibst du hier?“, fragte er mich und versuchte doch glatt, das Ganze wie eine Drohung klingen zu lassen.

Schnippisch erwiderte ich: „Den schönsten Vampir aller Zeiten. Würdest du wohl endlich meinen Arm loslassen?“ Ich ließ dies eher wie eine Aufforderung klingen. Ich und zu Kreuze kriechen? Nicht mit mir!

Erstaunlicherweise ließ er mich tatsächlich los. Ich rieb meinen schmerzenden Arm; morgen hatte ich da bestimmt einen blauen Fleck. Prüfend sah mich der Typ an, dann grinste er entwaffnend, wobei sein Vampirgebiss zum Vorschein kam (ein Beweis, dass er echt war), und meinte: „Was bist Du, etwa ein Vampirjäger?“

„Aber nein!“, antwortete ich empört. „Ich bin Schriftstellerin und suche neue Ideen für meine Storys.“

Er fing laut an zu lachen. Ich fragte ihn entnervt was an diesem Umstand so lustig sei.

„Gut, Sterbliche“, höhnte er, „ich will dir etwas erzählen. Mein Name ist Thomas von Aberdingen, und. ja, leider bin ich ein Vampir. Glaub nicht, dass die Sache so einfach ist. Erst findet man es toll in Särgen zu schlafen und hübsche Mädchen zu vernaschen – und das im doppeldeutigen Sinn. Das ist kein Mythos, sondern läuft echt so ab. Zu einem Vampir wurde ich vor etwa zweihundert Jahren.“ Zum Beweis zeigte er mir seine Halsschlagader, an der zwei rote Punkte zu sehen waren, winzige Einstichlöcher wie ein verheilter Mückenstich. „Dies ist die einzige Wunde, die nie heilt und mich immer daran erinnert, wie dämlich ich einst war“, sinnierte er.

„Die Dame, die mich zum Vampir machte heißt Diandra. Sie ist ein echtes Biest. Weil ich ihr verfallen war und mich verwandeln ließ, wurde ich ihr Sklave. Vor ungefähr fünfzig Jahren ließ ihr Interesse an mir stark nach. Leider zog dieser Umstand mehr Nachteile als Vorteile nach sich. Ich komme nicht mehr so leicht an Übernachtungsmöglichkeiten, und auch meine Spuren sind nicht mehr so einfach zu verwischen. Das muss ich alles selber machen. Vorher gab es Diandras unsichtbare Helferlein, die alles für uns erledigten. Aber seither werde ich über kurz oder lang überall von Vampirjägern aufgespürt und gejagt.“

Die Neugier packte mich wieder, und so fragte ich: „Wieso ließ sie dich fallen?“

Er maulte: „Weil ich zu der Zeit total übersättigt war, nur noch faul herumlag und absolut keine Lust mehr hatte … auf, sagen wir … Also, ich hatte keinen Bock mehr, mich zu waschen.“

Süüüüß, er wurde rot! Ich wusste gar nicht, dass Vampire das können. Das sah echt lustig aus, von Dramatischweiß zu Tomatenrot. Ich musste mir das Grinsen verkneifen.

Selbstbewusst sah ich ihn an und meinte energisch: „Vielleicht musst du nur ein wenig für dein Äußeres tun, und sie nimmt dich wieder bei sich auf.“

Wagte ich es etwa, einem Wesen der Nacht einen Vorschlag zu unterbreiten? Unternehmungslustig Interessiert schaute er mich an. „Okay, aber du hilfst mir dabei.“

Ehe ich mich versah rauschten wir beide durch die Lüfte. Erst klammerte ich mich ängstlich an ihm fest – und das trotz seiner Körperdünste! Zum Glück verflogen die rasch, und ich dirigierte ihn zur Rosenstraße. Dort gab es teure Geschäfte mit Markenartikeln. Warum nicht in die Vollen gehen? Wenn schon, denn schon, sagte ich mir. Seine Kräfte ermöglichten es uns, durch feste Substanzen zu gleiten. Es fühlte sich an, wie durchs Wasser zu tauchen, allerdings ohne nass zu werden. Kennt ihr die Serie Stargate? Wie wenn man durchs Sternentor gleitet.

Zuerst nutzten wir die Ausstattung eines seit mehreren Generationen geführten, traditionsreichen Friseurgeschäfts in besagter Straße. Nach dem Duschen und Haareschneiden (Immerhin habe ich eine Ausbildung als Friseurin abgeschlossen!) sowie einer Rasur sah Thomas schon appetitlicher aus. Wir besorgten Unterwäsche, T-Shirt und eine Jeans. Die führte er mir dann vor. Kinder, er sah jetzt echt super aus: Blonde Haare mit kleinen Highlights, blaue Augen, groß, schlank, durchtrainiert, ein Körper wie ein Gott. Seufz, muss ich mehr erzählen?

Mein Puls beschleunigte sich ob dieses Sexappeals, den er nun ausstrahlte. Ich hoffte, er würde mir nichts anmerken. Ablenkung ist alles! Also durchstöberten wir noch diverse Boutiquen. In einem angesagten Geschäft für Lederkleidung erstanden wir eine Jacke, noch eine Hose und Schuhe aus braunem Wildjäger. Einen Laden weiter fand ich ein weißes Hemd für ihn, wie es früher die Musketiere trugen. Ich gestehe: Darauf fahre ich voll ab.

Nach seiner Rundumerneuerung setzte mich Thomas am Paderborner Hauptbahnhof ab. Er winkte mir noch einmal zu und rauschte davon.

Nun stand ich hier um zwei Uhr nachts mutterseelenallein und wartete. Nicht etwa auf einen Zug – die fuhren erst wieder ab sechs Uhr.

Nein, ich hatte da … eine ganz spezielle Verabredung.

Ein leise gerauntes „Petra“ ließ mich zusammenzucken. Ich drehte mich um, und da stand sie, verführerisch wie die Sünde. Ein rotes Kleid betonte ihre Superfigur, grüne Katzenaugen schauten aus einem edlen, schönen Gesicht hervor. Schwarze, lange Haare flossen ihr bis zur Taille und vervollständigten das Bild dieser vollkommenen Schönheit. Die Frau, die in meinen Storys als Deidre schon etliche Fans gewonnen hatte: „Diandra!“

Sie lächelte mich wohlwollend an. „Hallo, Petra. Danke für deine Hilfe. Es wurde Zeit, Thomas zur Besinnung zu bringen. Er ist doch ein leckerer Happen, nicht wahr? Komm, ich fahre dich zu deiner Freundin.“

Wir holten mein Gepäck aus dem Schließfach, gingen zu ihrem roten Porsche und fuhren hinaus in die Nacht. Während wir zu einem Treffen in einem angesagtem Nachtclub gen München brausten, in dem ich meine Freundin treffen würde, erzählte mir Diandra von Thomas und was es Neues in Ihrem Leben gab …

Epilog:

November 2012: Ich war heute mal wieder auf dem Dachboden, um alte Sachen auszusortieren, als mir ein Zeitungsartikel in die Hände fiel.

Paderborn, den 24. August 1998

Geheimnisvolle Einbrüche

In der Nacht zum Sonntag kam es in der Rosenstraße zu mehreren Einbrüchen in diversen alteingesessenen Geschäften. So wurden unter anderem ein Friseursalon, ein Geschäft mit Lederwaren und mehrere Boutiquen durchwühlt. Allerdings konnten keinerlei Fingerabdrücke zugeordnet werden. „Tatsache ist“, erzählt einer der Besitzer, „die Polizei hat keine gefunden.“ Außerdem sahen alle Geschäftsinhaber (nach kurzer Zeit) von einer Anklage gegen Unbekannt ab. Immerhin lagen in ihren Kassen einige Tausend DM-Scheine. Allen Beteiligten ist dieses merkwürdige Vorkommnis ein Rätsel.

Gott, ja, die Sache mit Thomas dem Vampir.

Ich grinste vor mich hin. Heutzutage hatte sich die Innenstadt sehr verändert. Der Sexshop und das Bestattungsinstitut waren umgezogen. Einige Geschäfte, die wir damals nutzten, gibt es nicht mehr, genauso wie die gute alte D-Mark. Das Friseur-Geschäft existiert immer noch, hat aber Konkurrenz bekommen. Hoffen wir, dass der Inhaber es halten kann. Vielleicht sollte ich eine kurze Notiz an Diandra schicken…

Copyright (C) 1997/2012 by Petra Weddehage. Erschien erstmals in den Fanzines „Legendensänger“ und „Dark Tales of Blood and Love“ 1998.

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Lustige Geschichten aus dem sfbasar – subcover-65-minus-60-0.jpg” (Originaltitel: Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Wilk, Janine
Lilith Parker

und der Kuss des Todes

Illustriert von Gibbs, Christopher
Verlag :      Planet Girl
ISBN :      978-3-522-50254-2
Einband :      gebunden
Preisinfo :      14,95 Eur[D] / 15,40 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 05.06.2012
Seiten/Umfang :      400 S. – 20,5 x 14,4 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      28.09.2012
Aus der Reihe :      Lilith Parker 2

Grauweiße Wolken hängen tief über der Insel St. Nephelius und verbreiten eine gruselige Stimmung. Lilith fühlt sich dennoch wohl in ihrer neuen Heimat, nicht zuletzt dank ihrer Tante und ihren Freunden Matt und Emma. Doch es ereignen sich mysteriöse Mordfälle in Bonesdale, bei denen der Verdacht ausgerechnet auf Lilith fällt. Denn sie ist die einzige Banshee auf der Insel – und ein Kuss von ihr kann tödlich sein. Als Lilith sich dem Rat der Vier stellen muss, droht sie für immer von der Insel verbannt zu werden …

Janine Wilk wurde am 07.07.1977 als Kind eines Musikers und einer Malerin in Mühlacker geboren. Schon von Kindesbeinen an war die Literatur sehr wichtig für sie, mit elf Jahren schrieb sie ihre ersten Geschichten. Mit Anfang zwanzig begann sie mit der Arbeit an ihrem ersten Buch und schon bald folgten die ersten Veröffentlichungen im Bereich Lyrik und Kurzprosa. Janine Wilk lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von Heilbronn.

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DIE EWIGEN STUDENTEN – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2013 – Geteilter Preis)

Erstellt von Irene Salzmann am 2. November 2012

DIE EWIGEN STUDENTEN

Eine Kurzgeschichte
von
Irene Salzmann
(1998)

Als Anita die U-Bahn-Station verließ und die Vorhalle der LMU betrat, hatte sie ein flaues Gefühl in der Magengegend. Eigentlich war das idiotisch, denn weder hatte sie Prüfung noch musste sie ein Referat halten. Es lag an der Uni selbst, dabei war das Hauptgebäude natürlich nur ein ganz normales, altes Haus mit vielen Zimmern … Unzählig vielen Zimmern in mehreren Etagen und Seitenflügeln, in denen man sich verlaufen konnte, präzisierte ihre innere Stimme.

Tatsächlich zog Anita den Aufenthalt in den kleinen Instituten vor, wo die meisten Seminare stattfanden, die sie belegt hatte. Bloß diese eine unglücksselige Vorlesung musste ausgerechnet in dem blöden, blöden, blöden Hauptgebäude abgehalten werden – warum nur? Egal, wie oft Anita dort schon zu tun gehabt hatte, wie oft sie nach dem Weg gefragt oder sich anderen angeschlossen hatte – sie konnte sich nie merken, wo sich die bewussten Räumlichkeiten befanden. Jedes Mal schienen die Gänge anders auszusehen, als würde das Gemäuer sie necken wollen. Und als hätte sich der Prof auch noch gegen sie verschworen, wurde die Vorlesung nie im selben Zimmer gehalten, sondern einmal in einer freien Kammer im rechten Flügel, eine Woche später in einer anderen Etage, das nächste Mal wer weiß wo.

Anita ließ sich zunächst einige Schritte vom Strom der Studenten treiben, um nicht ständig angerempelt zu werden. An der Tafel stand: Prof. Vajda, Zimmer 223. Wo, zum Kuckuck, sollte das denn sein?! Vermutlich oben. Aber rechts oder links rauf? Oder …?

Sehnsüchtig hielt Anita nach jemandem Ausschau, den sie schon mal in der Vorlesung gesehen hatte und dem sie einfach nur hinterherlaufen musste. Bittebittebitte, lasst mich nicht im Stich, flehte sie.

Da! Die große Dunkelhaarige. Die hatte letzte Woche eine Reihe hinter Anita gesessen.

Die Dunkelhaarige wandte sich nach rechts und ging die breite Treppe hinauf. Anita schloss sich ihr, innerlich jubilierend, an. Wieder einmal geschafft!

Anita fing einen flüchtigen, erkennenden Blick auf, wurde aber nicht angesprochen. Die Dunkelhaarige lief zielstrebig links an der Wand entlang. Anita folgte mit geringem Abstand an der rechten Wand des Korridors. Noch eine Treppe rauf, den Flur nach links. Hier befanden sich jedoch keine Hörsäle, sondern die Arbeitsräume der Dekane und anderer hoher Uni-Tiere. Um die Ecke gab es Abstellkammern. Plötzlich wurden die Schritte vor Anita zögerlicher. Automatisch passte sie sich dem langsamer werdenden Gang ihrer Führerin an.

Plötzlich blieb die Dunkelhaarige stehen und drehte sich um. „Weißt du, wo 223 ist?“

„Nee, ich dachte, du wüsstest es. Ich bin einfach mitgelaufen.“

„Und ich dachte, du kennst den Weg, und ich könnte dir folgen.“

Sie lachten beide.

Schließlich erkundigte sich die Dunkelhaarige: „Wo sollen wir jetzt suchen?“

Anita war genauso ratlos. „Am besten gehen wir wieder zum Eingang und warten, dass jemand auftaucht, der sich auskennt, bevor wir hier herumirren.“

„Ja, das klingt vernünftig. Übrigens, ich heiße Sabine.“

„Ich bin die Anita.“

Anita und Sabine sprangen gemeinsam die Treppen hinunter, während sie feststellten, dass Anita im ersten und Sabine im dritten Semester war, ihre Heimatstädte gerade mal hundert Kilometer voneinander entfernt lagen – der Dialekt hatte doch gleich so vertraut geklungen – und sich ihre Unterkünfte nur an den jeweils entgegengesetzten Enden Münchens befanden.

Das komische Gefühl, das Anita immer noch nicht hatte gänzlich abschütteln können, ließ etwas nach. Wenigstens war sie nicht mehr allein auf der Suche nach dem Hörsaal, und – das tat wirklich gut! – Sabine outetete sich ebenfalls als zu dumm, um sich im Hauptgebäude zurechtzufinden. Endlich hatte Anita eine Leidensgenossin, die sich nicht über diese lästige Orientierungslosigkeit lustig machte.

Als sie sich am Eingang nach einem Kommilitonen umschauten, hasteten bloß drei verspätete Studenten an ihnen vorbei. Der Dünne mit der Brille sah aus wie ein Mathematiker, der Arrogante mit dem Schal wie ein Jurist, und der dickliche Asiate murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Kein vertrautes Gesicht. Kein Mensch, den sie fragen oder begleiten konnten. Scheiße!

„Die Vorlesung hat bereits begonnen“, stellte Sabine nach einem Blick auf die große Uhr am U-Bahn-Zugang fest. „Nun werden wir doch auf eigene Faust suchen müssen.“

Anita nickte zuversichtlich. Zu zweit würden sie es gewiss schaffen.

Im Erdgeschoß und in der ersten Etage gab es die gesuchte Zimmernummer nicht.

„Bleibt der zweite Stock.“ Sabine nickte zufrieden. „Bloß den richtigen Flügel müssen wir finden. Kann das wirklich so schwer sein?“

Eine Treppe höher standen sie vor 201, gingen den Flur entlang bis 205, um eine Biegung bis 212. Dann die Treppe hinab, die nächste hinauf, 213 bis 222, um eine Ecke, Treppe hinauf, noch eine hinauf, wieder hinunter – 114? Falsch, zu weit unten. Wieder zurück, um die Ecke, Treppe hinauf, 232 bis 224.

„Mist“, schimpfte Anita. „Warum hört der Gang ausgerechnet bei 224 auf? Wo ist 223?“

„Ein letzter Versuch noch“, meinte Sabine. „Wenn wir es dann nicht finden, gehen wir einen Kaffee trinken. Ich habe wirklich keine Lust mehr zu suchen.“

So rasch wollte Anita jedoch nicht aufgeben. „Ich möchte die Vorlesung ungern versäumen. Sie ist sehr interessant und außerdem eine Pflichtveranstaltung. Wir können aber nachher ins Café gehen und noch ein bisschen plaudern, falls du Zeit hast.“

„Es wäre peinlich, so spät noch in eine Vorlesung zu platzen“, beharrte Sabine. „Außerdem kannst du alles im Völkerkundehandbuch nachlesen. Der Vajda erzählt nur, was da drin steht. Er hat es ja selber geschrieben.“

„Wahrscheinlich hast du recht“, lenkte Anita ein. Bevor Sabine kehrt machte und sie im Labyrinth der Uni allein ließ, verzichtete sie lieber auf diese Stunde. „Lassen wir die Vorlesung eben sausen. Was machst du nachher?“

„Ich muss ein Referat schreiben – bäh! – über die Kolonialzeit Vietnams. Das einzige Buch, das nicht ausgeliehen ist, ist ausgerechnet Präsenzbibliothek und in Französisch. Ich hasse Französisch, und ich kann nach drei Jahren Wahlfach auch nicht die Bohne Französisch. Und mit dem dussligen Wälzer sitze ich dann bis zum Abend in der Stabi.“

„Mir geht es genauso mit Latein“, gab Anita zu. „Vielleicht belege ich irgendwann einen Kurs. Du kannst doch in Französisch gehen. Das wirst du bestimmt noch öfters brauchen, und sei es im Urlaub.“

Sabine zuckte mit den Schultern. „Mir langt schon Chinesisch. Halt, da müssen wir runter zum Ausgang.“

„Du machst Chinesisch? Ich bin in Japanisch.“

„Ja, sogar Hauptfach. Das muss ich in einem Anfall geistiger Umnachtung gewählt haben.“

„Ich mache Völkerkunde im Hauptfach, Japanologie und Politikwissenschaften in den Nebenfächern. Sinologie hätte mich auch gereizt, aber zwei solche Sprachen wären mir echt zu viel gewesen. Außerdem überschneiden sich die Kurse zeitlich; das hätte also gar nicht geklappt.“

„Sei froh, dass du nicht in Chinesisch bist. Nach zwei Semestern moderne Sprache lernen wir nun die klassische Schriftsprache. Ich bringe immer alles durcheinander …“ Sabine seufzte. „Vielleicht stecke ich mein Studium nach dem Semester, wenn ich auf keinen grünen Zweig komme. Übrigens, du hast eine coole Jeans an. Wo hast du die denn gekauft?“

Anita schaute stolz auf ihre modischen Schlaghosen, die tief auf den Hüften saßen, so dass ein Streifen Haut zwischen Bund und T-Shirt blitzte. Um den Nabel trug sie ein kleines Tatoo, das allerdings nach einigen Tagen wieder weggewaschen sein würde. „In der Schellingstraße, da ist ein Jeans-Shop, der ganz nette Sachen hat. Ist nicht mal teuer dort. Deine Bluse ist aber auch echt geil.“

Sabine grinste und strich über das bestickte, weit geschnittene Crinkle-Hemdchen. „Erbstück von meiner Mama. Fand ich in einem alten Koffer auf dem Speicher. Kannst du dir deine Mutter als Hippy-Mädchen mit Blumen im Haar und vielleicht einem Joint zwischen den Lippen vorstellen?“

Plötzlich standen sie wieder vor Zimmer 213, und das Gelächter verstummte abrupt.

„Hier waren wir doch gerade“, bemerkte Anita. „Sind wir im Kreis gelaufen?“

„Das kommt vom vielen Reden.“

Die Treppe hinab, den Flur entlang, Zimmer 112, um die Ecke bis Zimmer 107, die Treppe hinauf, die Treppe hinab, wieder um eine Ecke, die Treppe hinauf, die Treppe hinab, den Flur entlang -

„224?“ Sabine schüttelte den Kopf. „Scheiß-Uni! Warum ist hier alles so verbaut?“

Also wieder runter, um die Ecke, die Flure entlang, noch weiter runter.

„Das nächste Mal nehme ich einen Pfadfinder mit“, keuchte Anita.

„Nur einen? Ich komme lieber mit einer ganzen Truppe.“

„Morgen habe ich bestimmt Muskelkater von diesen dämlichen Treppen.“

„Du hast wenigstens Turnschuhe an. Mir tun bereits die Füße weh von den Clogs mit den beschissenen Plateau-Sohlen.“

„Wer schön sein will, muss eben leiden.“ Anita grinste.

Den Flur bis zur Treppe, hinauf, hinunter, um die Ecke, den nächsten Gang entlang, hinunter und hinauf, hinauf und hinab, um die nächste Biegung, und weiter.

„Ich bin tot.“ Sabine lehnte sich an die Wand, schnappte nach Luft und rieb sich stöhnend die Oberschenkel. „So viele Treppen bin ich noch nie hinaufgestiegen.“

„Nicht schlapp machen! Gleich gibt es Kaffee.“

Hinunter, durch den Flur, um die Ecke, hinauf, hinunter und hinunter. Zimmer 113.

„Dass die Uni so riesig ist.“ Unbehaglich zog Anita die Schultern hoch. „Wo ist bloß der Ausgang?“

Die Treppe hinab, um eine Biegung, noch eine Treppe, die nächste Tür: 113?

„Standen wir nicht vor wenigen Minuten hier?“, wunderte sich Anita. „Gerade eben – das war Zimmer 113. Wir sind runter gegangen. Wir können also gar nicht schon wieder vor 113 stehen.“

„Wahrscheinlich waren wir vorhin vor 213. Es sieht alles so gleich aus, und so genau haben wir wohl nicht hingeschaut. Wir sind schon so oft rauf und runter gerannt, ich weiß bald wirklich nicht mehr, ob ich oben, unten oder wer weiß wo bin.“ Die heiteren Worte Sabines konnten eine gewisse Anspannung nicht verbergen.

Es ging rauf, dann wieder runter, durch einen Flur, nochmal runter, vorbei an etlichen Zimmern unterschiedlicher Nummer – bloß der Ausgang blieb ebenso unauffindbar wie Raum 223.

„Das kann doch nicht sein!“ Verzweiflung schwang in Sabines Stimme. „Wohin wir auch laufen, wir kommen einfach nicht ans Ziel. Das ist doch …“

„Verrückt“, ergänzte Anita, die über ihre eigene Ruhe staunte. War sie nur deshalb gelassen, weil sie nicht allein war und wenigstens eine von ihnen zuversichtlich bleiben musste? Wenn sie beide hysterisch wurden und heulend im Gang standen, was würden sie für ein Bild abgeben, wenn nach Vorlesungsende die Studenten aus den Sälen stürmten? Und der Ausgang befand sich wahrscheinlich genau vor ihrer Nase … Nein, das wollte sie nicht zulassen! „Weißt du was?“ kam ihr eine Idee. „Wir setzen uns hier auf die Treppe und warten, bis die Vorlesungen zu Ende sind. Dann gehen wir einfach mit den anderen runter.“

Sabine stimmte zu. „Aber komisch ist das schon. Wir können doch nicht beide zu dumm sein, um den Ausgang zu finden. Oder zumindest einen Seitenausgang. Langsam glaube ich, wir sind in einem Horror-Film gelandet und befinden uns in einem Gebäude, das uns gefangen halten will. Kennst du -“

Über Horror-Filme mochte Anita nicht reden und fiel Sabine eilig ins Wort. „Vielleicht sind wir schon so genervt vom langen Suchen, dass wir einfach am Ausgang vorbeirennen. Als ich letztens mit einer Freundin unten im Bahnhof war, sind wir auch zweimal im Kreis gelaufen, weil wir vor lauter Erzählen den richtigen Ausgang verpassten.“ Doch Sabine hatte recht. Es war sonderbar, und das komische Gefühl ließ Anita schwitzen. Ja, es war wie in einem Horror-Film. Nein, nicht dran denken … Immer, wenn sie ‘Nightmare on Elm-Street’, ‘Hellraiser’, ‘Shining’ oder einen anderen dieser grauenhaften Streifen geschaut hatte, traute sie sich nachts kaum von ihrem Zimmer aufs Klo, denn vielleicht lauerte Freddy Krüger oder der verrückte Jack Nickolson in einer Nische. Nicht dran denken, bloß nicht!

Einen Moment schwiegen sie.

Anita suchte krampfhaft nach einem Gesprächsthema, mit dem sie sich ablenken konnten. „Du hast vorhin gesagt, dass du eventuell das Studium aufgeben willst? Was möchtest du dann anfangen?“

„Am liebsten etwas ganz anderes. Informatik würde mich interessieren. Oder Kunst. Sinologie habe ich nur genommen, weil da kein NC drauf ist. Mein Abi war nicht so toll, so dass ich keine großen Wahlmöglichkeiten hatte.“ Da Anita nicht gleich eine Antwort einfiel und Sabine das Gespräch ebenfalls nicht abreißen lassen wollte, stellte sie die Gegenfrage: „Und wie bist du auf deine Fächer gekommen?“

„Die Kulturen anderer Völker haben mich schon immer interessiert, vor allem die der Asiaten.“

Anita hätte dazu noch viel zu erzählen gehabt, aber Sabine schien das Thema zu langweilen. Sie schaute die Treppe hinunter, als würde es dort etwas besonders Interessantes zu sehen geben und sagte:„Es ist bestimmt schon bald Mittag. Was es wohl in der Mensa gibt?“

„Der Student geht so lange in die Mensa, bis er bricht. Wie wäre es stattdessen mit dem McDonald’s daneben? Miesberger ist immer noch besser als der Freitags-Eintopf aus den Resten der ganzen Woche.“

„Gern“, erwiderte Sabine, „wenn wir nur endlich aus unserem Gefängnis herauskämen.“

Nun war es wieder in ihren Köpfen. Sie saßen fest und wussten nicht, wo sich der Ausgang befand. Irgendwie war das unmöglich, und doch …

„Eigentlich müssten die Vorlesungen gleich vorbei sein“, überlegte Anita. „Hast du eine Uhr?“

„Schon, aber sie ist mit heute früh runter gefallen und stehen geblieben. Hast du keine?“

„Habe ich zu Hause vergessen.“

Das Warten zerrte an den Nerven.

Sabine trommelte unruhig mit einem Clog auf den Boden. „Lass uns weitersuchen. Wenn wir ausgerechnet vor einem uralten Archiv hocken, in dem bloß einmal im Jahr die Spinnen aufgescheucht werden, können wir ewig warten, bis uns jemand begegnet.“

„Ich weiß etwas Besseres: Wir setzen uns ganz einfach in den nächstbesten Hörsaal, und wenn die Vorlesung zu Ende ist, gehen wir mit den anderen raus.“

Anita und Sabine stiegen die Treppen hinab, um die Ecke und zur nächsten Tür.

„223!“ Sabine griff sich an den Kopf. „Jetzt, wo wir den Ausgang suchen, finden wir endlich unseren Hörsaal. Und du kommst doch noch in den Genuss deines wichtigen Vortrags.“

Anita drückte lautlos die Klinke nieder. Die Tür gab nach und schwang nach innen. Drinnen herrschte Stille. Mit hochrotem Kopf, weil wohl Prof. Vajda seinen Vortrag ihretwegen unterbrochen hatte, lugte Anita hinein. Aber nein, dar Zimmer war leer – bis auf einen Studenten mit langen, schwarzen Haaren und einem ulkigen Bärtchen. Er saß allein in einer Bank über einem Buch und machte sich Notizen. Als er die beiden bemerkte, blickte er auf.

„Äh …“, Anita war ganz verlegen. „Wir wollen nicht stören.“ Was sollte sie nur sagen, damit der Student sie nicht für dumme Gänse hielt?

Sabine war es nicht minder peinlich. „Wir … wir besuchen die Vorlesung, die hier gleich stattfindet.“

Der Student nickte nur und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.

Leise glitten Anita und Sabine auf zwei Sitzplätze in der hintersten Reihe und schauten sich an.

„Was nun?“ fragte Anita kaum hörbar. „Offenbar sind wir länger herumgelaufen, als gedacht. Die Veranstaltung ist schon eine Weile vorbei. Den da habe ich noch nie gesehen.“ Wieso hatten sie dann nicht den Lärm der Studenten gehört, die in andere Räume eilten? Weshalb war ihnen niemand in den Gängen begegnet?

„Jetzt warten wir eben auf die nächste Vorlesung“, wisperte Sabine zurück. „Das macht der auch.“

„Ob wir ihn fragen …?“

„Ich frage ihn nicht. Der hält uns doch für bescheuert.“

Anita musterte ihn. Er trug ein schreiend buntes Hemd und perlenverzierte Schlaghosen, die sie ganz toll fand, dazu ein paar klimpernde Kettchen und Jesus-Latschen. Neben ihm lagen eine alte, zerschrammte Aktentasche und ein Stapel Bücher, dessen oberstes auf dem Titelbild irgendein Gesicht zeigte. War doch wurst, was der von ihnen dachte; wahrscheinlich liefen sie sich kein zweites Mal mehr über den Weg oder würden sich gar nicht wiedererkennen. Nach einer Weile drehte sich der Student verstohlen nach ihnen um, und beide blickten schnell weg.

„Es macht euch doch sicher nichts aus, wenn ich eine rauche, oder?“ erkundigte er sich höflich.

Igitt, ein Raucher. Damit sank sein Ansehen in Anitas Augen. Außerdem war Rauchen in den Hörsälen verboten!

„Nee“, sagte Sabine.

Mit geschickten Fingern drehte er sich eine zerknautschte Zigarette und inhalierte zwei tiefe Züge, nach denen er sich deutlich entspannte. „Wollt ihr auch?“

Anita schüttelte sofort den Kopf. Das Zeug stank widerlich. Sie musste ein Husten unterdrücken. Bestimmt würden ihre Augen gleich zu tränen beginnen.

Sabine starrte ihn an. „Du … rauchst Gras?“

„Ist doch nichts dabei. Jeder raucht Gras. Du fühlst dich gut. Das ist alles. Willst du mal ziehen? He, ihr beiden habt es wohl noch nie probiert?“

„Nein, danke!“ sagte Sabine.

Anita bemerkte, dass sie bei dem Gespräch nur noch Zuhörerin war. Sabine war wesentlich selbstbewusster und hatte die Aufmerksamkeit gleich auf sich gezogen. Ihre Begleiterin schien sie ganz vergessen zu haben. Anita wusste nicht, ob sie sich darüber ärgern oder erleichtert sein sollte. Ein Haschbruder. Auf dessen Aufmerksamkeit konnte sie ganz gut verzichten. Hatte der keine Angst, dass er Schwierigkeiten bekam? Aber dass Sabine sie wegen dem Typen plötzlich wie Luft behandelte …

„Ich heiße Frank“, stellte er sich vor.

„Oh, wie Frank Zappa“, meinte Sabine. „Du siehst auch so aus. Ich bin Sabine …“, leiser, „… und das ist Anita.“

Eine dümmliche Konversation, fand Anita gehässig.

„Ja, wie Frank Zappa.“ Frank grinste breit. „Seine Songs sind absolut tierisch. Kennst du sein Album ‘Hot Rats’?“ Er sprang auf, wiegte sich in den Knien, simulierte ein Gitarrensolo und schmetterte lauthals einige Zeilen, aber da Anita die Lieder nicht kannte, konnte sie nicht beurteilen, wie gut er die Show hinbekam.

Sabine klatschte Beifall. „Nee, ich kenne nur ‘Bobby Brown’ von ihm, weil sie das ab und zu im Radio spielen, meist an seinem Todestag.“

„‘Bobby Brown’? Todestag? – Da hast du dich sicher verhört. Ich kenne so ziemlich alles von ihm, aber dieser Titel ist nicht dabei. Und Zappa lebt.“

„Quatsch, der ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Aber vor lauter Studium kriegt man nicht immer alles mit. Geht mir auch oft so.“

Frank zuckte mit den Schultern. Über sowas brauchte man nicht zu streiten. Er nahm wieder einen Zug von seinem Joint. „Kommt ihr nachher mit auf die Demo? Ich wollte mich mit ein paar Kumpels treffen, aber irgendwie haben wir uns verpasst. Erst habe ich sie nicht gefunden, und dann waren sie schon weg. Nächstes Mal bin ich schlauer und verabrede mich am Eingang und nicht in einem beknackten Zimmer, das man ewig suchen muss. Na ja. Nun warte ich halt, bis es draußen los geht.“

„Was für eine Demo?“

„Na, wegen dem neuen Gesetz, das den Verkauf von harmlosem Stoff verbietet. Bei Heroin und so finde ich das okay, aber Gras ist doch total harmlos. Stattdessen sollten sie besser Alkohol verbieten. Dass die Leute hiervon genauso süchtig werden wie von Heroin, interessiert jedoch keinen.“

Anita schüttelte kaum merklich den Kopf. Weder hatte sie von solch einem Gesetz noch von einer Demo gehört. War nicht mal im Gespräch gewesen, den Kauf von Softdrogen zu legalisieren, um auf diese Weise der Kriminalität entgegenzuwirken, die immer schlimmere Auswüchse annahm, da die Abhängigen gezwungen waren, sich durch Raub, Prostitution und ähnlichem die horrenden Summen für das Zeug zu beschaffen? Von ihr aus konnte alles verboten werden, was schädlich war: Drogen, Alkohol, Zigaretten …

Während Sabine mit Frank flirtete, betrachtete Anita die Bücher, die er las. Das oberste zeigte das Gesicht eines bärtigen Mannes, der ihr vage bekannt vorkam. Sie las den Titel: Ernesto Guevara – ‘Guerilla – Theorie und Methode’. Dann schaute sie das nächste Buch an. Es hatte denselben Verfasser; ‘Bolivianisches Tagebuch’. Darunter wieder der gleiche Autor; ‘Venceremos! Wir werden siegen!’ Guevara? Von einem Che Guevara hatte Anita einmal gehört. Das war ein Revolutionär gewesen, den man ermordet hatte. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger war er eine Art Kultfigur der Studentenbewegung gewesen. Ob Ernesto ein Bruder von Che Guevara war?

„Das sind ganz neue Bücher“, erklärte Frank erfreut, als er Anitas Interesse bemerkte. „Wenn du willst, leihe ich sie dir gern. Diese Schweine haben ihn umgebracht.“ Politik war offenbar Franks Lieblingsthema.

Anita fühlte sich tatsächlich ein wenig geschmeichelt, dass sich Frank nun an sie wandte, da Sabines Smalltalk alles andere als intellektuell war. „Es gab mal einen Che Guevara“, bemühte sie sich, nicht gänzlich unwissend zu wirken. „Hat der etwas mit dem Autor zu tun?“

Frank betrachtete sie mit einem Gesichtsausdruck, als käme Anita von einem anderen Planeten. „Ernesto ‘Che’ Guevara. Sag mal, seid ihr beiden vom Dorf, wo es keine Zeitung, keine Fernseher und keine Klos mit Wasserspülung gibt?“

„Der Typ war vor meiner Zeit“, gab Anita kratzbürstig zurück, „und er ist genauso tot wie Zappa. Vielleicht kommst du aus einem Ort, wo es keine Zeitung, keinen Fernseher und keine Toiletten gibt. Oder du kiffst zu viel.“

„Dann bist du wohl gerade erst aus dem Ei geschlüpft und wie eine Stubenfliege gealtert?“ Frank japste vor Lachen. „Das ist echt heiß. Vor meiner Zeit … Ihr seid schon zwei urige Bienen.“ Beschwichtigend hob er die Hände. „Schon gut. Make love und peace, not war.“

Blödmann, dachte Anita, leck mich. Sie trat ans Fenster und blickte hinunter in den leeren Innenhof.

Plötzlich klopfte es an der Tür.

Alle drehten sich um und starrten den Neuankömmling an, der ebenso erstaunt zurückguckte. Er trug einen dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd mit steifem Kragen und eine Fliege. Sein Haar war kurz und lag glatt am Kopf an. Er erinnerte Anita an die alten Schwarz-Weiß-Fotos ihrer Urgroßeltern. Im ersten Moment schien er augenblicklich wieder die Tür schließen zu wollen, doch dann gab er sich einen Ruck.

„Verzeihung, meine Herren … und …“, er stutzte, „… Damen …? Ich suche seit geraumer Weile Zimmer 223, wo eine Lesung über Darwins neues Buch ‘Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl’ stattfinden soll. Offensichtlich bin ich viel zu spät gekommen, und die Veranstaltung ist längst vorbei. Ich möchte Sie auch nicht lange stören. Modernes Theater, nicht wahr? Doch hätte jemand von Ihnen die Freundlichkeit, mir den Ausgang zu zeigen? Es ist mir höchst peinlich, dies zuzugeben, aber ich habe mich tatsächlich verlaufen.“

Sabine fing hysterisch zu lachen an.

„Ich will hier raus“, murmelte Anita.

Frank blinzelte verständnislos.

ENDE

Copyright (C) 1998 by Irene Salzmann

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus10-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


Buchtipp der Redaktion:

Krengel, Martin
Der Studi-Survival-Guide

Erfolgreich und gelassen durchs Studium

Verlag :      Uni-Edition
ISBN :      978-3-942171-81-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,90 Eur[D] / 13,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 01.08.2012
Seiten/Umfang :      ca. 252 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      4. Aufl. 01.08.2012

Hast du ein Motivationsproblem, bis du ein Zeitproblem hast? Oder arbeitest du den ganzen Tag und verspürst dennoch das Gefühl, nichts geschafft zu haben? Ist der Begriff “Freizeit” zum Fremdwort geworden?

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SYLVESTERFEIER – Eine Kriminalkurzgeschichte von Barbara Wegener (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 4/2012)

Erstellt von Barbara Wegener am 11. Oktober 2012

SYLVESTERFEIER

Eine Kriminalkurzgeschichte

von

Barbara Wegener

Vier Stunden hab ich in der Küche gestanden und das Essen gekocht. Zwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie es in sich hineingeschaufelt haben.

Der Mund wurde abgewischt, man hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht und lässt sich von mir weiter bedienen. Kein „Danke“, kein „das hat gut geschmeckt“. Ich könnte…

Naja, egal. Ich muss erst einmal den Tisch abräumen, das Geschirr in die Spülmaschine packen, das Chaos in der Küche beseitigen und dann werde ich mir auch etwas Ruhe gönnen.

Was murmelt Schwiegermutter ihrem Mann da zu? Ich sehe aus, als wenn ich zu oft feiern gehen würde? Und meine Kleidung ist für eine Frau meines Alters zu jugendlich?

Warum sehe ich wohl so müde aus? Weil ich seit drei Tagen, seit mein Mann freudestrahlend erklärt hat, dass seine Eltern mit uns Sylvester feiern wollen, herumgewirbelt bin, um das Haus so sauber zu haben, dass Schwiegermutter nichts zu meckern hat.

Und meine Kleidung? Die geht sie doch wohl überhaupt nichts an. Soll ich mich etwa in ein Korsett zwängen und in einem engen Schneiderkostüm rumlaufen? So alt bin ich doch wirklich noch nicht. Und mein Mann tut so, als ob er nichts gehört hätte. Typisch!

So. Die Küche ist wieder sauber. Jetzt werde ich mir ein gutes Glas Wein gönnen.

„Liebling, meine Eltern haben grade beschlossen, heute Nacht hier zu bleiben. Ist das nicht toll?“

Mein Mann steht fröhlich neben mir in der Küche. Er ist glücklich und ich stehe am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Also kein Glas Wein, stattdessen auf in die obere Etage und die Gästebetten frisch beziehen und zusätzliche Handtücher ins Bad hängen.

„Habt ihr noch kaltes Bier?“ Schwiegervater steht unten an der Treppe. Warum fragt er nicht seinen Sohn? Der ist näher am Kühlschrank als ich. Und warum kann er nicht selbst die fünf Schritte gehen und sich ein Bier aus dem Kühlschrank holen. Also runter in die Küche.

„Bringst du mir ein Glas Mineralwasser?“ Natürlich hat Schwiegermutter gewartet, bis ich mich hingesetzt habe.

Wieder ab in die Küche, Mineralwasser und ein Glas geschnappt, ein Lächeln aufgesetzt und vor Wut an der Wohnzimmertür stehen geblieben.

Schwiegermutter fährt mit ihren Fingern über die obere Kante des Wohnzimmerschranks und überprüft, ob ich da oben Staub gewischt habe.

Sie sieht enttäuscht aus. Ihre Finger sind sauber geblieben.

Sie hat gesehen, dass ich ihre Aktion bemerkt habe, trotzdem scheint sie kein schlechtes Gewissen zu haben. Seelenruhig setzt sie sich neben ihren Mann und wartet, dass ich ihr das Wasser reiche.

Kurz vor elf. Endlich kann ich mich hinsetzen. Meine Füße brennen und langsam bekomme ich Kopfschmerzen. Trotzdem versuche ich weiter, meine Gäste anzulächeln. Mit mir unterhält sich niemand. Stattdessen werde ich gefragt, ob es nicht noch kleine Häppchen gibt.

Schwiegermutter meint mit belehrendem Ton, dass das doch wohl zu einer Sylvesterfeier gehört.

Ich koche vor Wut. Die Drei glauben wohl, dass ich hier nur die Bedienung wäre. Gut. Sie sollen ihre Häppchen bekommen. Ich habe da etwas ganz besonderes für sie.

Um kurz nach elf bin ich wieder im Wohnzimmer und stelle eine Platte mit Canapés auf den Tisch. Wie ausgehungert stürzen sie sich auf die Häppchen, dabei haben sie beim Abendessen auch schon mächtig zugeschlagen.

Niemanden fällt auf, dass ich mir nichts nehme.

„Ich hole schon einmal den Sekt und die Gläser, damit wir nachher auf den Jahreswechsel anstoßen können.“ Nur Schwiegervater nickt, die Übrigen vertilgen die letzten Brotscheiben.

Einige Minuten später kommt Schwiegervater in die Küche. Er ist sehr bleich.

„Krankenwagen“, stammelt er. „Herzinfarkt.“ Dann bricht er zusammen.

Ich steige über seinen Körper und gehe ins Wohnzimmer. Schwiegermutter und mein Mann liegen, mit weit offenen Augen, auf dem Teppich.

Ich beuge mich hinunter und untersuche sie. Kein Puls.

Auch Schwiegervater ist nicht mehr am Leben. Die drei haben mit den Häppchen so viel Digitalis zu sich genommen, dass auch ein ausgewachsener Elefant einen anaphylaktischen Schock bekommen und daran gestorben wäre.

Die Fingerabdrücke der Schwiegermutter sind schnell auf der Schüssel mit dem Thunfischaufstrich, dem Kochlöffel und dem Herzmittelfläschchen verteilt, das offene Fläschchen lege ich auf das Küchenboard über der Arbeitsfläche, so dass die letzten Tropfen in die Schüssel fallen.

Nun noch die mit weniger Digitalis präparierten Canapés gegessen und dann kann ich den Notarzt anrufen.

„Müller, Rotenstraße 12. Hilfe! Bitte kommen sie schnell! Vier Personen sind…“ Dann lege ich auf.

Ah! Mitternacht. Ich öffne die Haustür, nehme mein Glas Sekt und proste mir vor dem Spiegel lächelnd zu.

„Ein frohes neues Jahr.“

Dann lege ich mich mit dem Telefon in der Hand neben die geöffnete Tür, schließe die Augen und warte.

Copyright © 2012 by Barbara Wegener

Wer mehr von dieser Autorin lesen möchte sollte sich mal dieses eBook anschauen:

Ewige #1
von Barbara Wegener

eBook
Medium: EPUB
Sofort per Download lieferbar.

Produktdetails
ISBN-10: 3-8450-0592-0
EAN: 9783845005928
Erschienen: 10.01.2012
Verlag: Satzweiss.com-chichili agency
Einband EPUB
Sprache(n): Deutsch
Erschienen bei: Satzweiss.com-chichili agency
Medium: EPUB

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DIE VERMÄHLUNG – Leseprobe Teil 1 aus dem Roman: “Grave Mercy – Die Novizin des Todes” von Robin L. LaFevers (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2012″ – Geteilter Preis)

Erstellt von Detlef Hedderich am 28. September 2012

DIE VERMÄHLUNG

Leseprobe Teil 1 aus dem Roman:

“Grave Mercy – Die Novizin des Todes”

von Robin L. LaFevers

Ich habe eine dunkelrote Narbe, die sich von meiner linken Schulter zu meiner rechten Hüfte zieht. Es ist die Spur, die das Gift der Kräuterhexe hinterlassen hat, mit dessen Hilfe meine Mutter versucht hat, mich aus ihrem Schoß zu vertreiben. Dass ich überlebte, ist nach Meinung der Kräuterhexe kein Wunder, sondern ein Zeichen dafür, dass ich vom Gott des Todes selbst gezeugt wurde.

Man hat mir erzählt, mein Vater habe einen Wutanfall bekommen und die Hand gegen meine Mutter erhoben, noch während sie schwach und blutend in den Nachwehen lag. Bis die Kräuterhexe ihn darauf hinwies, dass der Gott des Todes, wenn meine Mutter tatsächlich sein Lager geteilt habe, gewiss nicht untätig zusehen würde, wie mein Vater sie schlüge. Ich werfe einen Seitenblick auf Guillo, meinen zukünftigen Ehemann, und frage mich, ob mein Vater ihm von meiner Abstammung erzählt hat. Ich schätze, er hat es nicht getan, denn wer würde drei Silbermünzen für das bezahlen, was ich bin? Außerdem wirkt Guillo viel zu selbstzufrieden, als dass er von meinem wahren Wesen hätte Kenntnis haben können. Wenn mein Vater ihn überlistet hat, wird das nichts Gutes für unsere Verbindung bedeuten. Dass wir in Guillos Hütte vermählt werden statt in einer Kirche, verstärkt mein Unbehagen noch.

Ich spüre den bohrenden Blick meines Vaters auf mir ruhen und schaue auf. Der Triumph in seinen Augen macht mir Angst, denn wenn er triumphiert, dann habe ich gewiss auf irgendeine Weise verloren, die ich noch nicht verstehe. Trotzdem lächele ich, weil ich ihn davon überzeugen will, dass ich glücklich bin – denn nichts widerstrebt ihm mehr als mein Glück.

Aber während ich meinen Vater mühelos belügen kann, ist es schwerer, mir selbst etwas vorzumachen. Ich habe Angst, große Angst vor diesem Mann, dem ich jetzt gehören werde. Ich betrachte seine massigen, breiten Hände. Genau wie mein Vater hat er Dreckkrusten unter den Fingernägeln und Schmutz in den Falten seiner Haut. Wird die Ähnlichkeit da enden? Oder wird auch er diese Hände schwingen wie Knüppel?

Es ist ein neuer Anfang, versuche ich mir zu sagen, und trotz all meiner Befürchtungen kann ich einen winzigen Funken der Hoffnung nicht ersticken. Guillo will mich genug, um drei Silbermünzen zu zahlen. Wo Begehren ist, ist doch bestimmt auch Platz für Freundlichkeit? Das ist das eine, was meine Knie daran hindert gegeneinanderzuschlagen und meine Hände zu zittern. Das andere ist der Priester, der gekommen ist, um die Messe zu lesen. Denn obwohl er nicht mehr ist als ein Dorfpfaffe, lässt mich der verstohlene Blick, den er mir über sein Gebetsbuch hinweg zuwirft, glauben, dass er weiß, wer und was ich bin.

Während er die letzten Worte der Zeremonie murmelt, starre ich auf die Gebetsschnur aus grobem Hanf mit den neun Holzperlen, die ihn als einen Anhänger der alten Sitten ausweist. Selbst als er die Schnur um unsere Hände schlingt und unsere Vereinigung mit dem Segen Gottes und der neun alten Heiligen besiegelt, halte ich den Blick gesenkt, voller Angst, die Selbstgefälligkeit in den Augen meines Vaters zu sehen oder das, was das Gesicht meines Ehemannes vielleicht zeigt.

Als der Priester fertig ist, tappt er auf schmutzigen Füßen davon, und seine groben Ledersandalen klatschen laut auf dem Boden. Er nimmt sich nicht einmal die Zeit, um einen Humpen auf unsere Vereinigung zu trinken. Ebenso wenig tut es mein Vater. Bevor sich der Staub hinter seinem abfahrenden Karren gelegt hat, gibt mir mein neuer Ehemann einen Klaps auf den Hintern und zeigt grunzend Richtung Dachboden.

Ich balle die Fäuste, um das Zittern meiner Hände zu verbergen, und gehe durch den Raum zu der wackeligen Treppe hinüber. Während Guillo sich mit einem letzten Humpen Bier stärkt, steige ich zum Dachboden hinauf und zu dem Bett, das ich jetzt mit ihm teilen werde. Ich vermisse meine Mutter schmerzlich, denn obwohl sie Angst vor mir hatte, hätte sie mir doch für meine Hochzeitsnacht gewiss einen weiblichen Rat gegeben. Aber sowohl sie als auch meine Schwester waren vor langer Zeit geflohen – eine zurück in die Arme des Todes und die andere in die Arme eines wandernden Kesselflickers.

Ich weiß natürlich, was zwischen einem Mann und einer Frau geschieht. Unsere Hütte ist klein und mein Vater laut. Es gab so manche Nacht, in der rhythmische Bewegungen, begleitet von Stöhnen, unsere dunkle Hütte erfüllten. Am nächsten Tag wirkte mein Vater immer eine Spur weniger übellaunig, meine Mutter dafür umso mehr. Ich versuche mir einzureden, dass das Ehebett, wie abscheulich es auch sein mag, gewiss nicht schlimmer sein kann als das grobe Temperament und die harten Fäuste meines Vaters.

Der Dachboden ist ein enger, muffiger Raum, der so riecht, als würden die rauen Fensterläden an der Stirnseite nie geöffnet. Ein Bettgestell aus Holz und Seil trägt eine Matratze aus Stroh. Davon abgesehen gibt es nur einige Haken, um Kleider aufzuhängen, und eine schlichte Truhe am Fußende des Bettes.

Ich setze mich auf die Kante der Truhe und warte. Es dauert nicht lange. Ein schweres Knarren der Treppe warnt mich, dass Guillo auf dem Weg ist. Mein Mund wird trocken und Übelkeit steigt in mir auf. Da ich ihm nicht den Vorteil der überlegenen Größe geben will, stehe ich auf.

Als er den Raum erreicht, zwinge ich mich, ihm ins Gesicht zu sehen. Seine Schweinsaugen weiden sich an meinem Körper und wandern von meiner Stirn hinunter zu meinen Knöcheln und dann zurück zu meinen Brüsten. Die beharrliche Forderung meines Vaters, mein Gewand ganz eng zu schnüren, erfüllt ihren Zweck, da Guillo kaum etwas anderes ansehen kann. Er deutet mit seinem Humpen auf mein Mieder, und Bier schwappt über den Rand und tropft auf den Boden. »Zieh es aus.« Seine Stimme ist belegt von Begehren.

Ich starre auf die Wand hinter ihm, und meine Finger zittern, als ich die Bänder zu lösen versuche. Aber ich bin nicht schnell genug. Unmöglich, schnell genug zu sein. Er macht drei riesige Schritte in meine Richtung und schlägt mich heftig auf die Wange. »Sofort!«, brüllt er, als mein Kopf zurückzuckt.

Galle steigt mir in die Kehle, und ich fürchte, dass ich mich übergeben werde. So wird es also zwischen uns sein. Das war der Grund, warum er bereit war, drei Silbermünzen zu zahlen.

Meine Bänder sind endlich offen, und ich lege mein Mieder ab, sodass ich in Rock und Leibchen vor ihm stehe. Die abgestandene Luft, die noch Sekunden zuvor zu warm war, streift jetzt kalt meine Haut.

»Dein Rock«, blafft er schwer atmend.

Ich löse die Bänder und trete aus meinem Rock. Als ich mich umdrehe, um ihn auf die nahe Truhe zu legen, greift Guillo nach mir. Er ist überraschend schnell für einen so massigen und dummen Menschen, aber ich bin schneller. Ich habe jahrelange Übung darin, den Wutanfällen meines Vaters zu entfliehen.

Ich zucke zurück, wirbele aus seiner Reichweite und erzürne ihn damit. Dabei denke ich gar nicht darüber nach, wohin ich laufen könnte, sondern wünsche mir nur, das Unausweichliche noch ein Weilchen länger hinauszuschieben.

Ein lautes Krachen ertönt, als Guillos halbleerer Humpen die Wand hinter mir trifft, und Bier spritzt durch den Raum. Guillo knurrt und macht einen Satz, aber irgendetwas in mir will – kann – es ihm nicht so leicht machen. Ich hechte aus seiner Reichweite.

Aber nicht weit genug. Ich spüre ein Ziehen, dann höre ich ein Reißen von Stoff, als er mein dünnes, abgetragenes Leibchen zerfetzt.

Stille erfüllt den Dachboden – lähmende Schockstille, selbst Guillos erregtes Atmen setzt aus. Ich spüre, wie sein Blick meinen Rücken hinunterwandert und er die roten Schwielen und Narben sieht, die das Gift hinterlassen hat. Ich schaue über die Schulter und sehe, dass sein Gesicht kreidebleich geworden ist und seine Augen sich geweitet haben. Als unsere Blicke sich treffen, weiß er, dass er übertölpelt wurde. Dann brüllt er, ein langer, tiefer Laut des Zorns, in dem sich zu gleichen Teilen Wut und Furcht mischen.

Einen Augenblick später kracht seine grobe Hand gegen meinen Schädel, und ich falle auf die Knie. Der Schmerz sterbender Hoffnung ist schlimmer als Guillos Fäuste und Stiefel.

Als sein Zorn verraucht ist, bückt er sich und packt mich am Haar. »Jetzt werde ich einen richtigen Priester holen. Er wird dich verbrennen oder dich ertränken. Vielleicht beides.« Er schleift mich die Treppe hinunter, und meine Knie schlagen schmerzhaft gegeneinander. Er zerrt mich weiter durch die Küche, dann stößt er mich hinunter auf die gestampfte Erde des kleinen Kellers, schlägt die Tür zu und verschließt sie.

Mit blauen Flecken und möglicherweise gebrochenen Knochen liege ich auf dem Boden, meine zerschundene Wange in den kühlen Dreck gepresst. Außerstande, mich daran zu hindern, lächele ich.

Ich bin dem Schicksal entgangen, dass mein Vater für mich geplant hatte. Am Ende bin ich diejenige, die gewonnen hat, nicht er. (…)

(Zur Fortsetzung)

Copyright (c) 2012 by Robin L. LaFevers – Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Robin L. LaFevers
Grave Mercy – Die Novizin des Todes

Übersetzt von Link, Michaela
Verlag :      cbj
ISBN :      978-3-570-40156-9
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,99 Eur[D] / 15,50 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 11.09.2012
Seiten/Umfang :      544 S. – 20,6 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      10.09.2012

Auftragsmörderin mit Herz:

Die 17-jährige Ismae flüchtet vor einer Zwangsheirat und findet Zuflucht im Kloster von St. Mortain, wo die Schwestern noch den alten Gottheiten dienen. Doch um selbst ein neues Leben beginnen zu können, muss sie das Leben anderer zerstören: Der Gott des Todes hat ein Schicksal als Auftragsmörderin für sie vorgesehen …

Ismaes erster Auftrag führt sie an den Hof der bretonischen Herzogin, wo sie mit einem unlösbaren Gewissenskonflikt konfrontiert wird: Wie kann sie den Auftrag des Todes ausführen, wenn das Opfer ihr Herz gestohlen hat?

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
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LESERATTEN – Phantastische Kurzgeschichte von Günther K. Lietz (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 4/2012)

Erstellt von Günther Lietz am 27. September 2012

Leseratten

Phantastische Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

1. Platz im RATTUS LIBRI Kreativwettbewerb (2012)
1. Platz im sfbasar.de-Storywettbewerb (4/2012)

Hubertus flitzte über das rostige Rohr, das knapp unter der Decke befestigt war. Seine Krallen kratzten über das feuchte Metall, und mit den Schnurrhaaren fand er sicher seinen Weg. Hubertus’ Mantel flatterte während dem Laufen, an der Seite baumelte eine stockige Stofftasche. Mit seinen kräftigen Hinterbeinen stieß sich Hubertus von dem Rohr ab und landete an der Wand. Geschickt drückte er sich durch einen Spalt, und schon stand er in der großen Kammer.

Seine Brüder waren bereits eingetroffen und hatten sich um eine brennende Tonne versammelt. Die ewige Flamme der Bruderschaft erleuchtete mit ihrem warmen Licht die Kammer. Zwei Brüder erklommen die Rampen seitlich der Tonne und warfen Abfälle hinein. Das ewige Feuer stürzte sich gierig auf die dargebrachten Opfer. Und dann erschien der große Alte, der Meister, Abt Xavier – Xavier Seitenschnüffler.

Das Fell der alten Ratte war grau und schütter, die Augen halbblind, der Mantel der Bruderschaft fleckig weiß. Xavier erklomm die Bühne über der Tonne. Wärme und Licht ließen ihn mystisch erscheinen. Alle Ratten der Bruderschaft schwiegen und lauschten den Worten des großen Alten.

„Brüder!” Aus den hinteren Reihen war ein vorwurfsvolles Räuspern zu hören. „Und Schwestern! Unsere Spione haben erfahren, dass die Sippe aus dem siebten Stock ein Buch der Ahnen in ihrem Besitz hat. Sie fanden es tief in den Mauern und versuchten, es vor unseren Augen zu verbergen. Doch nichts bleibt vor den Augen unserer Sippe verborgen, denn wir sind die Sippe aus dem zwölften Stock, die Bruderschaft der Bücher!”

Ein zustimmendes Murmeln drang zur Bühne hinauf. Abt Xavier wartete noch einen Augenblick, bis wieder Ruhe einkehrte, dann fuhr er fort. „Deswegen habe ich beschlossen, dass drei unserer Brüder aufbrechen, um bei den Siebten einzudringen und das Buch für die Zwölften zu stehlen. Denn wir sind die Bruderschaft der Bücher!”

Zustimmende Rufe wurden laut. Erneut wartete Xavier, bis sich die anderen Ratten beruhigt hatten. „Für diese wichtige Mission habe ich drei Brüder ausgesucht, die sich noch einen Namen machen müssen.” Erneut war aus den hinteren Reihen ein Räuspern zu hören, diesmal jedoch mehr wütend als vorwurfsvoll.

Beschwichtigend hob Abt Xavier seine linke Vorderpfote. „Ja, ja, ich weiß. Ruhe jetzt. Die Namen der Brüder, und der Schwester, lauten Sepp, Wally und Hubertus.” Ein lautes Jubeln wurde laut, und die Sippe schob vereint die drei namentlich genannten Ratten vor, bis diese vor der Tonne standen. Vor Aufregung sträubten sich ihnen die Felle.

Xaviers strenger Blick war nach unten gerichtet. „Ihr drei seid auserwählt, um uns das Buch der Siebten zu holen, das Buch, das uns vorenthalten werden soll. Wie ihr das anstellt, das ist eure Sache. Doch wir wollen keinen Krieg mit der siebten Sippe riskieren. Deswegen wird die Bruderschaft jegliche Kenntnis dieser Mission abstreiten.”

Sepp, Wally und Hubertus nickten. Sie waren sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst. Und Stolz erfüllte ihre Brust. Die Bruderschaft des Buchs pinkelte sich gegenseitig an, dann machten sich die drei Auserwählten auf den Weg.

Zuerst rannten sie zu den äußeren Mauern mit den großen Löchern. Einige der Löcher waren von den Ahnen mit durchsichtigen Mauern versiegelt, andere lagen offen und ließen die Luft hinein. In solchen Gebieten mussten die Ratten besonders vorsichtig sein, denn Raubvögel nutzten manchmal die Gelegenheit und suchten sich hier ihre Opfer. Zudem wurden die offenen Zugänge in den Mauern auch von anderen Räubern genutzt.

Sepp, Wally und Hubertus hatten sich eine der Öffnungen als Ziel auserkoren. Sie nahmen es lieber mit einem Raubtier auf, als von den Siebten entdeckt zu werden. Es war dunkel außerhalb der Mauern, und es wehte ein starker Wind. Fremdartige Gerüche eroberten die Mauern von Außen. Hubertus machte den Anfang. Mit einem weiten Sprung erreichte er eines der Rohre und krallte sich daran fest. Wally war ein Stück kleiner, machte diesen Umstand aber mit Eifer und Können wieder wett. Sie sprang zwar zu kurz, drehte sich aber im freien Fall ein Stück zur Wand und machte einen weiteren Satz, um damit ebenfalls das Rohr zu erreichen. Einige Sekunden später hatte Hubertus zu ihr aufgeschlossen. Sepp, ein wahrer Gigant von einer Ratte, machte eher einen Hopser und hing dann ebenfalls am Rohr.

Den Wind im Fell rannten die drei Ratten am Rohr hinab, bis zum siebten Stock. Sie wurden vorsichtiger, denn sicherlich kannten die Siebten diesen Zugang. Hubertus hielt Ausschau und gab seinen Kameraden dann ein Zeichen. Nur wenige Sprünge unter ihnen lag ein Wächter auf der Lauer. Die Ratte hatte ein verfilztes Fell und ein vernarbtes Gesicht. Tief kauerte sie in der Dunkelheit, doch für die scharfen Augen von Hubertus war kein Versteck gut genug.

Sepp nickte, er würde die Angelegenheit übernehmen. Vorsichtig schob er sich nach unten und ließ sich dann einfach fallen. Die Schwerkraft zog ihn hinab. Geschickt steuerte Sepp den Sturz und traf mit den Krallen zuerst den Wächter. Der Aufprall der schweren Ratte presste dem Siebten die Luft aus den Lungen, dann gab es nur noch einen kurzen Schmerz im Nacken und absolute Dunkelheit. „Schnell und sicher.” Wally war ganz angetan von Sepps Angriff auf den Wächter. „Wenn wir zurück sind und unsere Namen haben, sollten wir einen Wurf zeugen.”

Sepp stolperte beinahe, dann rannte er mit stolz geschwellter Brust weiter. Sein Wurf würde sicherlich aus vielen schönen und starken Ratten bestehen. Schön wie Wally und stark wie …

Hubertus blickte voller Bedauern auf Sepps Leiche. Der Schnappbügel hatte die Ratte mitten im Laufen erwischt und genau das Genick getroffen. Jede andere Stelle wäre für die dicke Ratte wohl ungefährlich gewesen, aber der Genicktreffer war tödlich. Wally schnupperte traurig an Sepps Fell und bepinkelte ihn dann. „Das werden die Siebten büßen.”

Hubertus nickte. „Das werden sie, Schwester.” Er übernahm nun die Führung und verlangsamte den Schritt. Die Siebten waren klug und hatten Fallen aufgebaut. Es galt nun, größere Wachsamkeit walten zu lassen.

Nach einer halben Stunde erreichten Hubertus und Wally die große Kammer der Siebten. Sie hielten sich im Dunkeln verborgen und beobachteten die fremde Sippe. Sicherlich würden sie das neu entdeckte Buch an einem gut bewachten Ort verstecken. Nun hieß es herauszufinden wo genau, bevor die Siebten den Tod ihres Wächters bemerkten.

Es dauerte nur kurz, dann flitzten Hubertus und Wally los. Hubertus hatte sich für eines der Rohre auf der rechten Seite entschieden, das tief in die Eingeweide der Mauern führte. Dort lagen zwei Wachen der Siebenten auf der Lauer. Sie auszuschalten musste schnell gehen. Leider war Sepp tot, aber Hubertus vertraute auf die Fähigkeiten von Wally.

Lautlos schlichen sie sich von oben an die Wachen heran. Sie warteten einen günstigen Augenblick ab, in dem niemand in ihre Richtung sah. Dann, auf ein Zeichen von Wally hin, sprangen die beiden Ratten der Bruderschaft des Buches hinab.

Wally landete zwischen den Wächtern und kratzte ihnen mit den Krallen über die Augen. Blut spritzte hervor und machte alle Kämpfer rasend. „Geh, such das Buch, ich halte sie auf!” Wally drückte einen der Wächter mit ihrem Körper gegen die Wand und bearbeitete den zweiten mit den Hinterpfoten. Würde Hubertus ihr helfen, dann könnten sie die Wächter sicherlich überwältigen und fliehen. Doch die Aufgabe, die ihnen Xavier gegeben hatte, war wichtiger. Hubertus nickte seiner kleinen Schwester dankend zu, dann rannte er los. Hinter ihm wurden Rufe laut, und er beschleunigte das Tempo.

Das Rohr führte in einen kleinen Raum. In der Mitte hatten die Ratten einen rostigen Farbeimer platziert, und darauf lag das Buch. Hubertus sah sofort, dass es für ihn alleine zu groß war. Ohne Sepp oder Wally gab es keine Möglichkeit, das Buch zu stehlen. Außerdem schälten sich weitere Wächter aus dem Dunkeln. Sie grinsten höhnisch und bleckten ihre Zähne.

„Wen haben wir denn da? Ein Mitglied der Zwölften. Was für eine Diebesbande. Aber diesmal habt ihr Pech, diesmal seid ihr gescheitert. Es wird keine Beute geben.”

Hubertus wusste, nun würde sein Leben enden. Doch eines würde er noch machen, bevor er sein Leben aushauchte. Mit einem wilden Schrei stieß er sich vom Boden ab und landete mit allen Vieren voran auf dem Buch. Bevor sein Leben endete, würde er noch den Titel erfahren. Dieses Wissen würde ihm niemand mehr nehmen können. Und so las er den Titel, der da lautete: „Rattus Libri – Gesammelte Ausgaben”.

Ende

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz, all rights reserved

Buchtipp der Redaktion:

Hammelmann, Lydia
Linse Ratz und ihre Freunde

Von Puppen und Ratten – Eine Fabelmär für Jung und Alt

Verlag :      HÖLLverlag
ISBN :      978-3-928564-62-5
Einband :      Paperback
Preisinfo :      10,00 Eur[D] / 10,30 Eur[A]
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Letzte Preisänderung am 07.08.2012
Seiten/Umfang :      ca. 220 S. – 19,0 x 13,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.09.2012

Dachböden sind dem Himmel näher als der Erde. Es sind geheimnisvolle Orte. In alten Truhen ruhen vergessene Dinge, alte Zeitungen, Puppen und Teddybären. Hier fühlt sich die Stadtratte Linse Ratz sehr wohl. Doch soll das Haus mit dem heimatlichen Dachboden schon bald einem Hotel weichen. Auch ihrer Base, der Bachratte Schwabsy, droht Unheil. Sie lebt in einem Talgrund unweit der Stadt, dort soll eine Straße gebaut werden. Damit ist auch dieser Lebensraum in Gefahr. Auf dem Weg in die Stadt lernt Schwabsy die Kanalratte Otolf kennen und gemeinsam erreichen sie die Stadt. Der Bürgermeister der Stadt will dem Minister und den Bürgern die Planungen bekanntgeben. Doch es regt sich Widerstand in der Bevölkerung.

Auch die drei Ratten schmieden einen Plan, um das Vorhaben der Zerstörung des Auengebiets zu verhindern. Wie wird die Entscheidung zum Wohle und Wehe des Auengebiets ausfallen? Könnte es vielleicht einen Kompromiss geben?

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 5 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 3/2012)

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Juli 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 5

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Lovisa saß in der Messe der SKUNKALLA. Vor ihr schwebte ein Holopuzzle des Zerstörers TITAN in der Luft, dem Kriegsschiff des Sternenkaisers. Lindt hatte es ihr geschenkt. Er liebte Kriegsschiffe und ging davon aus, dass alle an Bord diese Liebe teilten. Dem war natürlich nicht so. Aber Lovisa wollte Lindt eine Freude machen und tat, als würde ihr das Puzzle große Freude bereiten.

Der Pappa des Schiffs, Lovisas Vater Jost Larsson, stand in der kleinen Kombüse neben dem dicken Smutje Jens. Die beiden stritten lautstark darüber, ob nun der Pappa oder der Smutje eines Schiffes mehr Räucheraal in der Suppe bräuchte. Lovisa lachte und sah zu, wie ihr Pappa mit seinen Händen wild in der Luft gestikulierte.

Da plötzlich riss die Seitenwand der SKUNKALLA auf.  Gouverneur Luc Tailleurs grinsende Fratze erschien in der Öffnung. Sein Kopf war übergroß. Er schwebte ohne Körper im bedrohlich dunklen All. Tailleur öffnete weit den Mund und holte Luft. Die ganze Besatzung der SKUNKALLA wurde zu ihm hingewirbelt und verschwand in seinem Rachen. Zuletzt Nils und Pappa. Beide klammerten sich noch kurz an die Zähne, dann verschwanden sie ebenfalls im weit offenen Rachen des Gouverneurs. Alle waren weg. Alle, bis auf Lovisa.

Gouverneur Tailleur schloss lachen den Mund, schluckte einmal kurz und rülpste dann laut. Lovisa schrie, schrie und schrie und …

… dann wachte sie auf. Ihr Körper war schweißgebadet. Sie zitterte. Ihr Atem ging stoßweise. Deutlich erinnerte sie sich an den Albtraum, barg ihr Gesicht in ihren Händen und begann zu weinen. Sie fühlte sich alleine. So alleine.

***

Die SKUNKALLA flog mit halber Geschwindigkeit durch den Darianebel. Lovisa hatte eine Karte des Sektors aufgerufen, die über dem Navigationstisch schwebte. Morle flitzte als halbtransparente Animation zwischen den Sternen herum. Besonders gerne spielte das virtuelle Kätzchen mit Asteoridengürteln. Mit ihren kleinen Tatzen brachte sie die Planeten zum Tanzen und die Gürtel zum Drehen. Begeisternd Miauend bestaunte Morle ihr Werk.

Bernard, Slim und Terminal hatten sich zu Lovisa gesellt. Sie sahen sich den Kurs der SKUNKALLA an. Einige Stationen und Planeten waren rot markiert, andere grün.

„Ich verstehe nicht, was dieser Gouverneur Luc Tailleur für ein Interesse an uns hat, Lovisa. Die Mannschaft kannte ihn doch gar nicht.“ Slim runzelte die Stirn. Er knabberte mit seinen wackligen Zähnen an einem harten Keks.

Lovisa zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist das nur ein großer Zufall? Wir haben ihm nichts getan. Er hat mir aber alles genommen.“ Traurig markierte sie eine weitere Raumstation rot. „Von PANTY habe ich ebenfalls eine Meldung erhalten, dass sich dort kaiserliche Truppen befinden. Da können wir auch nicht hin.“

„Erkenntnis. Uns werden alle Wege abgeschnitten. Bedrückt. Wir stecken in der Klemme. Hoffnung. Aber wir finden einen Ausweg.“ Terminal ließ einige Lichter am Kopf blinken, um die Stimmung aufzulockern.

Lovisa lächelte die Menschmaschine an. „Danke.“ Dann sah die Sternenbraut wieder auf die Karte. „Uns zu jagen kostet den Gouverneur ein Vermögen. Warum macht er das?“

„Vielleicht wegen mir?“ Bernard sah fragend in die Runde. „Immerhin tragen der Gouverneur und ich den gleichen Namen. Wir sind eine Familie. Das macht die Sache persönlich.“

Slim nickte beifällig. „Schon. Stimmt. Ja. Genau. Aber die Sache war vorher schon persönlich, mein Junge. Das Lovisa dich versehentlich entführte, das hat nur Öl ins Feuer gegossen.“

„Öl ins Feuer gegossen?“ fragte der Vampyrjunge. „Was bedeutet das?“

„Die Sache schlimmer machen, als sie vorher war“, erklärte ihm Slim. „Der Gouverneur hatte es vorher schon auf die SKUNKALLA abgesehen. Das er seinen Launen nachgegeben hat und aus purer Bosheit so hart gegen Lovisas Pappa und die Mannschaft vorgegangen ist, das mag noch Zufall sein.  Luc Tailleur ist ja für seine üble Art bekannt und gefürchtet. Aber was er dann mit Nils und Lovisa angestellt hat, das geht darüber hinaus.“

Bernard nickte. „Aber warum? Was sollte er für einen Grund haben?“

„Ich habe keine Ahnung“, gab Lovisa zu. „Ich weiß nur, dass ich Nils zurückhaben will. Er ist der Einzige, der mir von meiner Familie noch geblieben ist. Ich vermisse meinen kleinen Bruder. Und ich habe Angst um ihn.“

„Nachdenklich. Kenne deinen Feind wie dich selbst. Tröstend. Das wird schon wieder. Zuversicht. Wir sind alle bei dir.“ Irgendwo in Terminals Körper war ein leises Rattern zu hören.

Slim sah Bernard nachdenklich an. „Wenn du ein Vampyr bist, dann ist der Gouverneur doch auch ein Vampyr, oder?“

Bernard dachte nach. „Ich glaube nicht. Das wäre sicherlich jemandem aufgefallen. Ich halte es für wahrscheinlich, das der Gouverneur aus der menschlichen Ahnenreihe unserer Familie stammt. Einige von uns haben sich nämlich in Menschen verliebt und Familien gegründet.“

„Aber wird ein Mensch dann nicht auch zum Vampyr? Wenn ein Vampyr sein Blut trinkt?“ fragte Lovisa neugierig und Bernard lachte. Dabei entblößte er seine spitzen Eckzähne.

„Ihr mit euren Schauermärchen. Nein. Das habe ich doch schon gesagt. Wir trinken kein Blut.“ Bernard tippte einige Koordinaten in die Konsole ein und die Sternenkarte veränderte sich. „Ich habe in den letzten Tagen die Datenbank der SKUNKALLA gründlich durchsucht. Es gibt keinen Eintrag über Vampyre. Jedenfalls keinen Eintrag, in dem die Wahrheit über uns steht.“

Bernard sah seine Freunde eindringlich an. „Ich habe lange geschlafen. Sehr lange. In der Zwischenzeit muss etwas Schreckliches geschehen sein, dass niemand von uns Vampyren weiß.“ Bernard schluckte. „Meine Heimat,  Illthanséa, ist in keiner Sternenkarte eingetragen.“ Er zeigte auf eine leere Stelle auf der Sternenkarte.

„Wäre meine Spezies vernichtet worden, gäbe es sicherlich irgendeinen Eintrag in der Datenbank. Aber da ist nichts. Ich denke, das alles hängt zusammen. Das ist kein Zufall. Und deswegen ist der Gouverneur so wütend auf dich, Lovisa. Er hat irgendeinen Plan, in dem die SKUNKALLA, du und ich eine Rolle spielen. Es muss eine Verbindung geben.“

Lovisa dachte über die Worte des Vampyrjungen gut nach. „Mir fällt nichts ein. Was soll es denn da für eine Verbindung geben?“

Terminal ratterte und gab einen hohen Piepton von sich. „Betrübt. Wir habe keine Idee. Zuversicht. Aber wir werden es schaffen. Freude. Es gibt eine Gemeinsamkeit.“

Bernards und Lovisas Köpfe fuhren zu Terminal herum. „Was für eine?“ kam es beiden gleichzeitig über die Lippen.

„Erstaunen. Ihr natürlich.“ Terminal zeigte auf die leere Stelle inmitten der Sternenkarte. „Entschlossen. Die Sternenbraut und der Vampyr. Aufgeregt. Schiff und Koordinaten.“

Lovisa sah Terminal verblüfft an. „Das ist zwar verdammt niedriges Fahrwasser, aber ein guter Kurs. Vielleicht sollten wir erst einmal herausfinden, warum niemand von den Vampyren weiß. Und wir müssen herausfinden, in was für einer Beziehung Bernard und  Gouverneur Tailleur zueinander stehen. Und wir müssen herausfinden, warum die SKUNKALLA mit drin steckt.“

Slim nickte. „Aye. Lass uns den Kurs setzen und dann in See stechen, Kleines.“

Bernard rief die Navigation auf und setzte die Parameter fest. Lovisa ging zum Steuerstand auf die Brücke hoch. Morle wartete bereits auf sie. Die beiden überprüften ganz genau die Koordinaten.

„Lo“, mauzte Morle und stupste mir ihrer Nase eine Ziffer an die richtige Position. „Glaubst du es gibt auf  Illthanséa Wolle?“

Lovisa verharrte und sah eindringlich auf den Monitor. „Wie kommst du denn darauf, Morle?“

„Weil ich nichts über Vampyre weiß. Und die SKUNKALLA auch nicht. Ich kann Bernard nicht einmal sehen. Nur hören.“ Morle schmollte. „Das ist unfair. Terminal kann Bernard sehen.“

Lovisa war verblüfft. „Stimmt. Warum eigentlich? Ihr beide seid doch künstliche Intelligenzen.“

Morle fauchte empört. „Ich bin eine virtuelle Intelligenz. Terminal ist eine Maschinenintelligenz. Das ist ein gewaltiger Unterschied.“

„Meinst du?“ Lovisa biss sich auf die Unterlippe. „Ich werde Bernard fragen. Sicherlich weiß er, woran das liegt.“

„Glaubst du er sagt dir immer die Wahrheit?“

Lovisa war überrascht, das Morle plötzlich eine so tiefgründige Unterhaltung führte. Scheinbar wurde sie erwachsen. Morles Programm schien sich immer besser mit der SKUNKALLA zu verbinden und dem Kätzchen die Lausen auszutreiben. „Ich denke schon. Es gab noch keinen Grund an ihm zu zweifeln. Und ich vertraue Bernard. Das ist am wichtigsten.“

Morle miaute zufrieden. „Gut. Ich will nämlich wissen, ob es Wolle auf  Illthanséa gibt.“

Lovisa starrte überrascht auf Morle, dann lachte sie laut. Sie lachte solange, bis ihr der Bauch wehtat. Morle war noch immer ein kleines und verspieltes Kätzchen.

Bernard kam auf die Brücke und sah sich irritiert um. „Was ist denn hier los? Habt ihr über mich gesprochen?“

Lovisa riss sich zusammen. Bernard hatte ein unheimliches Gespür, um Situationen zu erfassen. „Ja“, sagte Lovisa fröhlich und streckte ihm frech die Zunge entgegen. „Ätsch. Und ich werde dir nicht sagen, um was es ging.“

„Püh!“ stieß Bernard hervor. „Sicherlich ging es um Wolle.“

Lovisa verstummte und sah ihn eindringlich an. Das war wirklich unheimlich. „Wie kommst du darauf?“

„Wenn Morle dabei ist, geht es immer um Wolle“, erklärte Bernard und stellte sich neben Lovisa. „Immer.“

Die Sternenbraut atmete auf. Das stimmte. Da hatte der Vampyrjunge recht. „Kurs nach  Illthanséa berechnet und gesetzt. Bereit um die Segel zu hissen und zu springen.“

Bernard tippte auf den Monitor und Morle machte einen erschrockenen Satz zur Seite. Sie hatte Bernard einfach nicht gesehen. Für die Sensoren der SKUNKALLA war er wie unsichtbar. Und dadurch auch für Morle.

„Keine Angst, kleines Kätzchen. Auf Illthanséa gibt es Wolle. Versprochen.“

Lovisa schluckte. Das er neben der Wolle auch Illthanséa zur Sprache brachte, machte ihn erneut unheimlich.

***

Mit einem Tritt gegen das Euxalrelais beendete Slim seine Arbeit am Jinikikgeneratormodul. Mehrere Dioden flammten auf und blinkten ungleichmäßig. „Geschafft.“ Der alte Mechaniker kicherte zufrieden.

„Beeindruckt. Du kennst dich gut mit der Maschine aus.“ Terminal saß auf der Abdeckhaube des Skunpelleroszylinder und sah zu, wie Slim die Maschine der SKUNKALLA wartete. Die Menschmaschine griff nach vorne und zog einen der Hinnmannkolben vor. „Freundlich. Den hast du übersehen.“

„Ah, Danke Mädchen.“ Slim hielt inne. „Du bist doch ein Mädchen, oder?“

Terminals Neuralstragenzen waren für einen Augenblick ausgelastet. „Unsicher. Ich bin eine Menschmaschine und habe kein Geschlecht. Entschlossen. Mein Name ist Terminal. Stolz. Ich bin ein Mädchen und die Freundin der Sternenbraut.“

Slim grinste breit und klopfte auf den metallenen Oberschenkel von Terminal. „Du triffst deine Entscheidungen ja flott. Das gefällt mir. Und du hast Ahnung von Maschinen. Ha. Kein Wunder. Du bist ja auch eine Menschmaschine.“

Ein heißeres Kichern löste sich aus Slims Kehle und Terminal stimmte mit einem Piepen aus ihrem Tranzakkom ein. Die beiden verstanden sich gut. Slim mochte Terminals offene Art und das sie so schnell begriff, wenn er ihr etwas erklärte. Terminal wiederum mochte Slims Geschichten und das er ihr so viel beibringen konnte. Vor allem im Umgang mit Menschen.

„Neugierig. Ich bin gespannt, was uns auf Illthanséa erwartet. Erstaunt. Wenn ich richtig gerechnet habe, ist Bernard das älteste Besatzungsmitglied an Bord der SKUNKALLA.“

Slim sah Terminal fragend an. „Der Junge? Der ist doch noch ganz grün hinter den Ohren. Wie soll der älter sein als ich?“

„Wissend. Bernard ist einige Jahrhunderte alt. Informierend. Er legte sich schlafen, als es noch Segelschiffe auf der Erde gab. Freundlich. Ich habe die Datenbank der SKUNKALLA befragt.“

„Das schlägt doch der Hemmelwinde die Persuionskurbel aus der Quartanwelle. Stimmt ja, Mädchen. Daran habe ich gar nicht gedacht. Das ist leicht zu vergessen, so jung wie Bernard aussieht. Der ist ja gar nicht im gleichen Alter wie Lovisa.“

Terminal nickt und reichte Slim eine Brettlingbohrer der Größe Drei. „Aufgeregt. Ich glaube die beiden mögen sich sehr. Geheimnisvoll. Das ergeben die Messungen meiner Sensoren, wenn ich in ihrer Nähe bin.“

Slim hörte kurz auf zu schrauben und sah Terminal an. „Du misst ihre Biodaten? Das ist aber nicht die feine Art, Mädchen. Sei anständig und lass das lieber sein. Das ist nämlich so, als würdest du jemanden belauschen, wenn er denkt ganz privat zu sein. Das müssen die beiden unter sich ausmachen.“

„Dankbar. Du bist ein guter Lehrmeister, Slim.“

Der Alte nickte. „Stimmt. Und jetzt mal die Flinxschrauben unter uns verteilt, was haben denn deine Messungen ergeben?“

„Freundlich. Ich habe sämtliche Biodaten vor einem Augenblick gelöscht. Lehrend. Das ist nämlich so, als würdest du jemanden belauschen, wenn er denkt ganz privat zu sein. Das müssen die beiden unter sich ausmachen.“

Slim gluckste vor sich hin. „Richtig so. Bring mir ruhig bei, was ich dir beigebracht habe.“ Mit einigen Drehungen saß der Viepalflansch wieder fest. „Wir sind hier gleich komplett fertig, Mädchen.“

„Erfreut. Schneller als gedacht“, sagte Terminal gewohnt emotionslos und sprang von  der Abdeckhaube des Skunpelleroszylinder herunter.

„Stimmt. Wir sind ein gutes Team. Und weißt du, so viel älter ist Bernard doch gar nicht. Vielleicht in Jahren, aber nicht an Leben. Da fehlt ihm so einiges. Aber das kann ihm Lovisa ja beibringen.“

„Erfreut. Das Stimmt.“

Slim klatschte ein letztes Mal auf den Lammulmenröhrer. „Fix und fertig. Geben wir unserer kleinen Sternenbraut das Okay. Bereit für den letzten Sprung.“

***

Mit einem Mal tauchte die SKUNKALLA im Normalraum auf. Von einem Augenblick zum Nächsten war sie im Illthanséa-System. Genau an der Stelle, an der auf der Sternenkarte nur leerer Raum war. Und tatsächlich, sie befanden sich scheinbar im Nichts.

Lovisa starrte aus aus dem Panoramafenster des Cockpits hinaus. Ihr war mulmig zumute. „Da ist nichts“ hauchte sie und klammerte sich ans Steuerrad. „Da sind noch nicht einmal Sterne. Und keine Sonne. Wir sind gestrandet. Ohne Sonnenwind sitzen wir fest.“

Slim, Terminal und Bernard traten neben Lovisa und blickten ebenfalls hinaus. Was sie sahen, war reine Finsternis, absolute Dunkelheit.

Bernard lächelte. Seine seinen Augen blitzten plötzlich golden auf und Lovisa starrte ihn fassungslos an. In Augen blitzen kleine Bilder auf, nur um sofort wieder zu verschwinden. Der Vampyrjunge schien vollkommen abwesend. Lovisa bekam Angst.

Mit einem Fauchen meldete sich Morle auf der Konsole. „Die Sensoren können nichts wahrnehmen. Aber jemand versucht mein System zu hacken.“

„Von wo?“ fragte Lovisa erschrocken. „Versuch ihn auszusperren. Niemand darf Zugriff auf den Computer der SKUNKALLA bekommen.“

„Vom Steuerstand aus. Ich glaube es ist Bernard“, mauzte Morle.

Slim und Lovisa starrten den Vampyrjungen erstaunt an. Der lächelte und sein Blick veränderte sich erneut. Noch immer war ein goldenes Funkeln zu sehen, aber die Bilder fehlten. „Keine Angst. Das ist ein Schutzmechanismus Illthanséas. Was die Schiffssensoren nicht erfassen, können sie nicht beschießen.“

„Aber wir sehen auch nichts“, erklärte Lovisa und zeigte nach Draußen. Da ist nichts, Bernard. Nichts!“

„Doch. Dort ist Illthanséa. Ich habe gerade mit meiner Großmutter gesprochen. Die Königin von Illthanséa erwartet uns.“

Mit einem Male fiel das Nichts und die Dunkelheit löste sich auf, als würden Myriaden von Insekten sich erheben und eine geballte Wolke aus Schwärze explodieren. Illthanséa zeigte sich der Besatzung der SKUNKALLA.

ENDE

Copyright © 2011, 2012 by Miriam Kleve

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DIE GLÄSERNE STADT – Romanauszug (Teil 1) von Christa Kuczinski (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 3/2012)

Erstellt von Christa Kuczinski am 12. Juli 2012

DIE GLÄSERNE STADT

Romanauszug

(Teil 1)

von

Christa Kuczinski

1.

Nora war an diesem Abend früh zu Bett gegangen, doch die Kopfschmerzen, die sie über den ganzen Tag hinweg begleitet hatten, ließen sie dennoch nicht zur Ruhe kommen.

Klack, Klack, Klack.

Das immer wiederkehrende Geräusch weckte sie aus ihrem Dämmerschlaf. Nur zögerlich stand sie auf und tappte barfuß zum Fenster hinüber.

Kühle Nachtluft wehte ihr beim Öffnen des Fensterflügels entgegen, ließ sie in ihrem dünnen T-Shirt frösteln und verstärkte das dumpfe Pochen hinter ihrer Stirn.

Wenige Meter unter sich entdeckte sie Josh, der in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen war. Er stand auf dem Weg, und war gerade im Begriff einen weiteren Stein in ihre Richtung zu werfen, als er sie bemerkte.

„Ich dachte du würdest schon schlafen.“

Seine Stimme klang merkwürdig gepresst und ließ sie aufhorchen. Um ihn besser sehen zu können, beugte sie sich weiter vor und überging den stechenden Schmerz, der durch ihren Kopf schoss.

„Zumindest lag ich schon im Bett. Was gibt es denn so Wichtiges, das nicht Zeit bis morgen hätte?“

„So wie es aussieht hatten wir beide Recht. Im Arbeiterviertel braut sich tatsächlich etwas zusammen.“

Nora verstand nicht, auf was er hinaus wollte. Was hatten sie mit den Lohnarbeitern zu schaffen und wieso wurde sie den Eindruck nicht los, dass sie darüber Bescheid wissen sollte?

Mit Kopfschmerzen einen Salto rückwärts zu schlagen und darüber nachzudenken, ob ihr in den letzten Tagen etwas entgangen sein könnte, war eine Disziplin in der sie nicht besonders gut war. Danach fragen konnte sie nicht mehr. Das ganze Grundstück wurde von einem gleißenden Licht überflutet.

Irgendwo in der Nähe fiel eine Tür ins Schloss. Hastig trat sie einen Schritt vom Fenster zurück.

„Okay, Zeit zu verschwinden, bevor dein Vater mit seiner Knarre vor meiner Nase herumfuchtelt. Ich werde dich später auf dem Handy anrufen. Pass auf dich auf!“

Für einen kurzen Moment konnte sie sein blasses Gesicht erkennen, der gehetzte Ausdruck in seinen Augen erschreckte sie zutiefst.

Mit gemischten Gefühlen beobachtete sie, wie Josh quer über den gepflegten Rasen rannte und in den Schatten der Hecken eintauchte, die das Anwesen wie eine Mauer umgaben. Behutsam verriegelte sie das Fenster und hoffte, dass ihr Vater nichts von dem nächtlichen Besuch mitbekommen hatte.

Er mochte Josh nicht besonders, schlimmer noch, er hielt ihren Freund für einen Taugenichts, der seine Tochter früher oder später in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würde. Seine Ansicht, die jeglicher Grundlage entbehrte, hatte bereits des Öfteren zu einem heftigen Streit zwischen Nora und ihrem Vater geführt. Das Letzte was sie jetzt gebrauchen konnte, war eine weitere Konfrontation mit ihm.

Nora legte ihr eingeschaltetes Handy direkt neben sich auf das Kopfkissen. Doch sie wartete vergeblich auf Joshs Anruf.

Während der Nacht schreckte sie mehrmals aus dem Schlaf, und jedes Mal fühlte sie sich aus den dunklen Ecken ihres Zimmers heraus beobachtet. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus, schaltete die Nachttischlampe ein und ließ sie brennen.

*

Am nächsten Morgen waren ihre Kopfschmerzen zwar verschwunden, doch mit ihnen hatte sich auch die gerahmte Fotografie von Josh, die auf ihrem Nachtisch gestanden hatte, in Luft aufgelöst. Den Verlust bemerkte sie jedoch erst am späten Nachmittag.

Zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung machte sie sich bereits große Sorgen. Josh war weder zum Unterricht erschienen noch über sein Handy telefonisch zu erreichen. Nora hatte ihm unzählige Nachrichten auf seiner Mailbox hinterlassen und bei ihrem letzten Versuch meldete sich eine monotone Computerstimme, die ihr mitteilte, dass die Nummer niemanden zugeordnet werden konnte.

Sein Verhalten am Vorabend und die Tatsache, dass er plötzlich nicht mehr erreichbar war, versetzten sie in Unruhe.

Perplex starrte sie eine gefühlte Ewigkeit auf die leere Stelle neben ihrem Wecker.

Ihre erste Annahme, dass einer der Hausangestellten das Foto versehentlich an einen anderen Platz gestellt haben könnte, zerschlug sich, da ihr Zimmer aufgeräumt und somit überschaubar war. Als sie das Bild weder im Bücherregal noch auf dem Schreibtisch entdeckte, richtete sich ihr Verdacht gegen ihren Vater. Scheinbar war ihm das nächtliche Date doch nicht verborgen geblieben. Normalerweise war ihr Vater jemand, der offen aussprach, was ihn störte. Einen solch cleveren Schachzug, die Fotografie zu entwenden, nur um Nora auf diese Weise aus der Reserve zu locken, hätte sie ihm niemals zugetraut.

Selbst auf die Gefahr hin eine Diskussion auszulösen, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn zur Rede zu stellen.

Sie lief die gewundene Marmortreppe hinunter, übersprang die beiden letzten Stufen und rannte durch die lichtdurchflutete Empfangshalle. Eine Ledersitzgruppe, der dazugehörige Glastisch und ein dunkler Perserteppich, der einen Großteil des Steinbodens bedeckte, erweckte den Anschein von Gemütlichkeit.

Hinter einer der zahlreichen geschlossenen Türen erklang geschäftiges Klappern von Geschirr und die gedämpften Stimmen der Angestellten. Die Vorbereitungen für das Abendessen waren bereits im vollem Gange, doch Nora empfand alles andere als Hunger.

Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, den Blick auf die Ahnengalerie zu meiden. Die eindrucksvollen Porträts ihrer Vorfahren, die mit zeitlosen, strengen Mienen den Saal bis in den letzten Winkel auszuspähen schienen, riefen in ihr seit jeher einen starken Widerwillen hervor.

Nora versuchte ihren Unmut zu unterdrücken und verlangsamte ihre Schritte.

Das Büro ihres Vaters lag der Treppe direkt gegenüber. Die Tür war wider erwarten geschlossen, obwohl zu dieser Zeit die offizielle Sprechstunde längst vorüber war.

Nach kurzem Anklopfen betrat sie den Raum und blieb direkt an der Tür stehen.

Wie immer saß ihr Vater hinter Stapeln von Aktenordnern, und blickte erst auf, als sie wiederholt ungeduldig hüstelte. An seinem Gesichtsausdruck konnte sie erkennen, dass er sich gestört fühlte. Sein halbherziges Lächeln erwiderte sie sehr verhalten.

„Hallo! Schön dich auch mal wieder zu Gesicht zu bekommen.“

Nora verstand die Welt nicht mehr.

Erst gestern hatte sie mit ihrem Vater zu Abend gegessen. Ihre gemeinsamen und überaus schweigsamen Mahlzeiten beschränkten sich ausschließlich auf die Abendstunden und selbst dann aß Nora oftmals alleine in der Küche.

War es möglich, dass der heftige Kopfschmerz des gestrigen Tages bei ihr zu einer vorübergehenden Amnesie geführt hatte?

Da sie sich nicht sicher war, ignorierte sie den fragenden Blick ihres Vaters und kam gleich zur Sache.

„Könnte es sein, dass du das Foto von Josh, das auf meinem Nachtisch stand, an dich genommen hast?“

Das ihrer Meinung nach passendere Wort entwendet, verkniff sie sich gerade noch rechtzeitig.

„Seit wann steht ein Bild auf deinem Nachtisch und wer ist Josh?“

Nora verschlug es die Sprache.

Ihr Vater saß in seinem maßgeschneiderten, schwarzen Anzug, der ebenso perfekt wirkte wie alles an ihm, völlig entspannt in seinem Bürosessel und benahm sich, als wüsste er tatsächlich nicht, was sie meinte. Schlimmer noch, als würde es Josh gar nicht geben.

Irritiert über sein merkwürdiges Verhalten strich sich Nora eine ihrer langen, roten Haarsträhnen hinter das Ohr und blinzelte hektisch.

„Ich bin mir darüber im Klaren, dass du ihn nicht magst, aber das geht nun wirklich zu weit. Könntest du deinen absonderlichen Humor für jemand anderen aufheben und mir meine Frage beantworten?“

Seine unerwartete Reaktion auf ihre Streitlust brachte sie vollends aus dem Konzept. Normalerweise wäre jetzt der Zeitpunkt gewesen, an dem ihr Vater sie barsch zurechtgewiesen hätte. Stattdessen warf er ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu und forderte sie mit einer einladenden Geste auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Gerade so, als sei sie eine seiner stinkreichen Klienten, die es zu beschwichtigen galt, und nicht seine Tochter, die wutschnaubend an der Tür stand und eine simple Antwort verlangte. Geflissentlich übersah sie sein fragwürdiges Angebot und blieb, wo sie war.

„Kind, ich weiß wirklich nicht, worüber du dich so aufregst. Geht es dir nicht gut? Vielleicht sollte ich Dr. Faller anrufen. Wie ich aus den Nachrichten erfahren habe, grassiert zurzeit ein hartnäckiger Virus …“

Entgeistert verfolgte sie, wie die Hand ihres Vaters zum Telefon ging. Das beklemmende Gefühl, das sie bereits den ganzen Tag begleitete, verstärkte sich zusehends.

„Äh, nein, lass nur. Ich bin nur müde und deshalb etwas durcheinander.“

Nora flüchtete zurück in die Empfangshalle. Das dringende Bedürfnis laut zu schreien schnürte ihr die Kehle zu.

Dr. Faller war doch tot! Erst vor drei Wochen hatte sie, wenn auch nur widerwillig, mit ihrem Vater an dessen Beerdigung teilgenommen.

Der Hysterie nahe hastete sie unter den strafenden Blicken ihrer Ahnen die Treppenstufen hinauf. Rannte durch den langen Flur in ihr Zimmer, und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.

Sie musste unbedingt wissen, ob ihre Befürchtung, die sich wie eine beängstigende Wand in ihrem Kopf aufbaute und ihr den nüchternen Blick auf die zurückliegenden Ereignisse versperrte, der Wahrheit entsprach.

Nachdem ihr Computer betriebsbereit war, öffnete sie die Bildergalerie, mit ihren persönlichen Fotos. Mit Entsetzen stellte Nora fest, dass alle Aufnahmen auf denen Josh zu sehen war, nicht nur aus der Sammlung verschwunden, sondern anscheinend von der Festplatte gelöscht worden waren. Tränen der Wut und der Ohnmacht pulsierten hinter ihren Augenlidern und nahmen ihr die Sicht.

Hektisch loggte sie sich ins Internet ein und suchte nach der Facebook-Seite ihres Freundes.

Wie befürchtet, war diese ebenfalls nicht mehr auffindbar.

Mittlerweile panisch, wechselte sie auf ihre eigene Seite, die glücklicherweise dort war, wo sie hingehörte. Mit fliegenden Fingern hämmerte sie auf die Tastatur ein, schrieb eine kurze Anfrage und schickte diese an ihre Freunde. Ihren Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, wartete Nora auf die ersten Rückmeldungen, die ihre düsteren Vorahnungen bestätigten.

Wie es aussah hatte sich ihr Vater keinen makaberen Scherz mit ihr erlaubt. Nicht nur er, auch ihr kompletter Freundeskreis, der Josh ebenfalls bestens kannte, reagierte mit völligem Unverständnis auf ihre Frage, wann sie ihn das letzte Mal gesehen hatten. Nicht einer von ihnen ließ erkennen, dass es Josh jemals gegeben hatte. Niemand erinnerte sich an ihn!

War etwa sie diejenige, die langsam verrückt wurde?

Zum ersten Mal kam ihr der schreckliche Gedanke, dass es durchaus im Bereich des Möglichen lag, dass sie sich, wie ihr Vater andeutete, einen grässlichen Virus eingefangen hatte. Die heftigen Kopfschmerzen ebenso wie ihre momentane Verwirrtheit könnten darauf hindeuten.

*

Sie stand kurz davor genau das zu glauben, doch ein zufälliger Blick auf das Bücherregal, änderte ihre Meinung.

Ihre Hand glitt die Reihen der Buchrücken entlang und stoppte bei einem schmalen, unscheinbaren Band. Seit jeher hatte sie ein Faible für die Architektur dieser Stadt. Josh wusste als Einziger von ihrer heimlichen Passion und hatte ihr erst vor einigen Monaten, dieses Buch zugesteckt. Ihre Handflächen wurden feucht, als sie das Buch aus dem Regal nahm und den Umschlag entfernte. In der oberen, rechten Ecke befanden sich die eingestanzten Initialen: N. und J.

Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Sie umklammerte den Bildband, als könnte er sich ebenfalls jeden Moment in Luft auflösen.

Endlich hatte sie den Beweis, dass mit ihr alles in bester Ordnung war und gleichzeitig die Gewissheit, dass etwas Schreckliches mit den Menschen in ihrer Umgebung passierte.

Ihr Freund, der seine Nase mit Vorliebe in Dinge steckte, die ihn nichts angingen, musste auf irgendeine Weise an bestimmte Informationen gekommen sein. Er hatte Nora warnen wollen und war seltsamerweise davon ausgegangen, dass sie darüber Bescheid wusste. Doch was genau war es, was sie scheinbar vergessen hatte?

Dass sie sich plötzlich nicht mehr daran erinnerte, bereitete ihr wahnsinnige Angst. Der einzige Hinweis über Joshs momentanen Aufenthaltsort, führte sie mitten in den fragwürdigsten Teil der Stadt.

2.

Zahlreiche Einwohner strömten wie ein Bienenschwarm aus ihren Wohneinheiten und schlossen sich stillschweigend einer wachsenden Menschentraube an. Offenbar bemühten sich die Menschen leise zu sein und nur ab und zu war ein Flüstern zu hören. Irgendwie fand es Nora gespenstisch, den stillen, fast apathisch wirkenden Menschen zu folgen. Als eine kleine Gruppe in eine Seitengasse abbog, schloss sie sich ihr an und achtete darauf, Abstand zu halten und niemandem zu nahe zu kommen. Zum ersten Mal befand sie sich in diesem heruntergekommenen Stadtviertel mitten unter namenlose Arbeitern, über die ihr Vater so abschätzig sprach.

Nora hatte seine Warnungen vor diesen fragwürdigen Gestalten stets beachtet und sich von diesem Bezirk ferngehalten. Es hatte für sie bisher auch keinen Grund gegeben sich mit diesem Gesindel abzugeben.

Doch nun war sie verzweifelt. Das plötzliche Verschwinden ihres Freundes Josh und die Tatsache, dass sich niemand mehr an ihn zu erinnern schien, ließen Noras Ängste gegenüber diesen Menschen in den Hintergrund treten.

Wie konnte jemand einfach so aus den Erinnerungen der ihm nahestehenden Personen verschwinden? Wie konnte er einfach weg sein und weshalb war sie die Einzige, die noch an ihn dachte?

Sie musste unbedingt herausfinden, was sich hinter all diesen Andeutungen und seltsamen Vorkommnissen verbarg. Und vor allem musste sie Josh wiederfinden!

Etwas streifte ihren Arm und riss Nora abrupt aus ihren trüben Gedanken. Automatisch wich sie aus, strauchelte und wäre fast mit jemandem zusammengestoßen.

Obwohl sie einen schlichten, dunklen Umhang trug und ihre roten Haare unter der Kapuze verbarg, hatte sie die Leute, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielten, nicht lange täuschen können. Ihr blasser Teint und ihre zwei blau – grünen Augen verrieten eindeutig ihre Herkunft. Die überraschten und mitunter misstrauischen Blicke der Vorbeieilenden verstärkten Noras Drang, dieses düstere Stadtviertel so schnell wie möglich zu verlassen um in ihre gewohnte Umgebung zurückzukehren.

Doch ohne plausible Antworten auf all ihre Fragen, die ihr nur eine einzige Person geben konnte, würde sie nicht umkehren.

Endlich hatte sie das Ende der Gasse erreicht. Vor ihr breitete sich der Marktplatz aus, der trotz seiner beeindruckenden Größe überfüllt war. Erste schwache Sonnenstrahlen drangen durch die aufreißende Wolkendecke und dennoch lag eine bleierne Schwere über dem Platz.

Anstelle der von ihr erwarteten überladenen Obst- und Gemüsestände gab es vereinzelt, nachlässig zusammengeschobene Kisten, in denen nur wenige Frischwaren angeboten wurden. Einige der Holzkisten dienten sogar als Sitzgelegenheit, wie Nora überrascht feststellte.

Es musste einen weiteren Grund geben, warum die Menschen sich ausgerechnet an diesem trostlosen Ort eingefunden hatten.

Einige blieben vor den provisorischen Ständen stehen, andere formierten sich zu großen Gruppen. Und wie zuvor wurde nur geflüstert, als hätten die Menschen Angst ihre Meinungen frei zu äußern. Sie schlich zwischen ihnen umher und musterte sie so unauffällig wie möglich.

Je länger Nora jedoch ziellos umherstreifte, umso nervöser wurde sie.

Plötzlich bekam das Wort Paranoia eine völlig neue Bedeutung. Inzwischen glaubte sie unzählige, feindselige Blicke auf sich gerichtet zu spüren, die jede ihrer Bewegungen kontrollierten und nur darauf lauerten, dass sie einen Fehler beging.

Sie stand kurz davor ihre Suche abzubrechen und in eine der Seitengassen zu flüchten. Dass sie Josh innerhalb einer Ansammlung verwahrloster Gestalten erspähte, war reiner Zufall. Tränen der Erleichterung schossen ihr in die Augen, die sie nur mit Mühe zurückhalten konnte. Dem Gefühl der Befreiung folgte Verunsicherung.

Jetzt, da sie ihn endlich gefunden hatte, zögerte sie plötzlich, sich ihm gegenüber zu erkennen zu geben.

Josh wirkte verändert, er strahlte etwas Neues, Befremdliches aus. Ebenso wie die Anderen trug auch er schmutzige, zerschlissene Kleidung. Die ehemals gepflegten, schwarzen Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und seine normalerweise gebräunte Haut wies einen ungesunden Grauton auf.

Unschlüssig verfolgte sie jede seiner Bewegungen, die ihr vertraut waren.

Während sich Josh seinen Weg zwischen den Menschen hindurch bahnte, bildeten die Leute fast schlafwandlerisch vor ihm eine schmale Gasse, die sich direkt hinter ihm wieder schloss. Niemand schien bewusst auf den jungen Mann zu reagieren oder ihn überhaupt wahrzunehmen.

Und plötzlich begriff sie. Niemand außer ihr konnte ihn sehen!

Schockiert über diese Erkenntnis, zog Nora die Kapuze vom Kopf, hielt inne bis sie sicher war, dass ihr Freund sie entdeckt hatte, und verschwand unauffällig im Schutz eines zurückgesetzten, düsteren Hauseingangs.

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2012 by Christa Kuczinski

Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-minus-114-minus54.jpg ” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchtipp der Redaktion:

Jänchen, Heidrun
Willkommen auf Aurora

Verlag :      Wurdack Verlag
ISBN :      978-3-938065-80-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,95 Eur[D] / 15,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      320 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.02.2012
Gewicht :      393 g
Aus der Reihe :      SF-Reihe 16

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»Ist das ihr Sohn?« Der Zollbeamte deutete auf das Kinderbett.

Maria nickte.

»Wir müssen ihn wegen Verstoßes gegen das Gesetz zum Schutze geistigen Eigentums beschlagnahmen. Er enthält die Gensequenz G93s4 und verstößt damit gegen das Patent WO 91174901. Über die eventuelle Vernichtung entscheidet der Patentinhaber.«

Sie sind Soldaten, Bergleute, Leihkörper, Piloten, Ärzte und Polizisten. Sie haben das Kleingedruckte nicht gelesen, verlieben sich zur Unzeit, verfügen über eine völlig unnütze Resistenz gegen Maiszünsler oder hören die Gedanken anderer Menschen. Sie stecken bis zum Hals in Ärger, und sie haben eines gemeinsam: Sie finden sich nicht damit ab.

In 17 Storys erzählt Kurd Laßwitz Preisträgerin Heidrun Jänchen, was aus der Welt werden könnte, wenn wir einfach so weitermachen – und was man dagegen tun kann.

Heidrun Jänchen wurde 1965 im Landkreis Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte in Jena Physik und promovierte auf dem Gebiet der Dünnschichtoptik. Seither arbeitet sie als Optikentwicklerin.

Ihre erste Buchveröffentlichung hatte sie 1983 mit einem Gedicht. Nach einem Theaterstück und einem Krimi-Drehbuch folgten zwei Fantasy- und ein Science-Fiction-Roman. Science-Fiction-Storys erschienen seit 2003 bei Wurdack, Shayol, NOVA und in der Computerzeitschrift c’t.

Die Autorin arbeitete am futurologischen iknow-Projekt der EU mit, das sich mit Wild Cards, nicht sehr wahrscheinlichen, aber potenziell folgenschweren Ereignissen, beschäftigte.

Seit 2003 betreut sie mit Armin Rößler und Dieter Schmitt die Science Fiction-Reihe des Wurdack Verlags.

Kurd Laßwitz Preis für die beste Kurzgeschichte 2009, darüber hinaus achtzehn Nominierungen für den Deutschen Science Fiction Preis, Kurd Laßwitz Preis und Deutschen Phantastik Preis.

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ALEXANDER LAROCHE – Leseprobe Kapitel 1 aus dem Roman: “Irrlichter” – Ein Worpswede-Krimi von Helga Beyersdörfer – Mit einem Vorwort der Autorin. (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Sommer 2012″)

Erstellt von Detlef Hedderich am 18. Juni 2012

ALEXANDER LAROCHE

Leseprobe Kapitel 1 aus dem Roman:

“Irrlichter” – Ein Worpswede-Krimi

von Helga Beyersdörfer

Mit einem Vorwort der Autorin

An die Leserin, den Leser.

Fragen Sie sich eventuell, warum der vorliegende Roman (wie zuvor schon die Moornächte) erneut in Worpswede spielt?

Meine Antwort darauf führt Sie ein klein wenig hinter die Kulissen dessen, was passieren kann, während die Idee zu einem Buch reift. Am Beginn stand eine klare pragmatische Aussage: Nachdem ich die Moornächte geschrieben hatte und damit offen war für neue Eindrücke, war für mich klar, dass die nächste Geschichte nicht in Worpswede spielen sollte. Ich hatte einen anderen Spielort entdeckt, bereiste und beguckte ihn wie üblich, begeisterte mich dafür wie üblich, begann mich einzulesen wie üblich.

Und dann? Dann hielt ich auf der Rückfahrt von Bremen nach Hamburg für einen kurzen Zwischenstopp in Worpswede an. Und verwarf alle meine Pläne. Warum?

Weil das Dorf mir eine neue, eine ganz andere Seite zeigte: Planen flatterten über abgetragenen Dächern, Baugruben wurden ausgehoben, auf dem Platz vor der Gästeinformation stand ich plötzlich vor Sandhäufchen – ein Schild belehrte mich, dass es sich dabei um Muster für eine Materialerprobung handele.

Nachdem ich einen Moment darüber nachgedacht hatte, ob ich darin eine Aufforderung sehen sollte, mit meinem handfesten, moortauglichen Schuhwerk ordentlich in den Sand hineinzuwalken, wurde mir allmählich klar, was hier passierte: Worpswede rüstete sich für den Aufbruch in die Moderne. Es hatte jetzt, erfuhr ich, einen Masterplan, der die traditionelle Pflege seiner historischen Künstlerkolonie endlich mit den Angeboten seiner aktuell in Worpswede lebenden Künstler verknüpfen soll.

Worpswede ist im Umbruch. Es wird umgebaut, umstrukturiert, Altes weicht Neuem oder präsentiert sich neu. Das alles geht nicht ohne Diskussionen, Interessenkonflikte, Wirrungen und Irrungen. Eine spannende Phase.

Ich konnte mich dem nicht entziehen. Und so bin ich nach dem kurzen Zwischenstopp mehrmals nach Worpswede zurückgekehrt, um zu schauen, zu hören und den unterschiedlichen Strömungen nachzuspüren. Und ehe ich michs versah, befand ich mich mitten in den Recherchen für die Irrlichter.

Irrlichter ist ein Roman, das heißt, Personen und Handlungen sind frei erfunden. Das gilt auch für die Park-Residenz, die es so nicht gibt, aber geben könnte. Wer weiß.

Nicht fiktiv hingegen ist die Umgebung, in der dieser Roman spielt – das etwas andere Worpswede, das sich gerade neu erfindet, das aber dennoch seine Geschichte wahren will, die eng mit der Künstlerkolonie um Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker verbunden ist. Auch dieser schwierige Spagat wird in dem Roman zum Thema.

Sollten Sie in nächster Zeit Worpswede besuchen, so werden Sie feststellen, dass einige der im Roman beschriebenen Neugestaltungen bereits fertiggestellt sind. Der Brunnen zum Beispiel mit den Namensziegeln der Sponsoren, vielleicht auch das Haus im Schluh. Anderes wird vielleicht gerade erst begonnen.

Was hoffentlich unverändert bleibt, ist der auch im Roman erwähnte samstägliche Markt, der nicht nur dem Verkauf einheimischer Produkte dient, sondern auch ein beliebter Treffpunkt ist. Bei verträglichem Wetter sitzen hier die Worpsweder gerne auf ein Glas zusammen, um sich den neusten Schnack zu erzählen.

Ich nutze die Gelegenheit, mich dafür zu bedanken, dass ich gelegentlich an diesen »Marktsitzungen« teilhaben durfte. Und da ich schon beim Bedanken bin: Die Gespräche mit vielen der dort lebenden jüngeren und älteren Künstler haben mich nicht nur bereichert, sondern mir darüber hinaus die Überzeugung vermittelt, dass es in Worpswede auch jenseits der alten Künstlerkolonie viele und vieles zu entdecken gibt.

Ebenfalls bereichernd war meine Zusammenarbeit mit dem zwölfjährigen Hamburger Gymnasiasten David. Er hat kritisch die Entwicklung und Sprache des elfjährigen Julian in meinem Roman begleitet und mich mehr als ein Mal stirnrunzelnd korrigiert. Mit welch sprachlichem Feingefühl und welchem Einsatz er das getan hat, war nicht nur hilfreich, sondern ließ mich auch so manche pauschale Kritik an der Verdummung unserer Schüler überdenken.

So wie ich ihm Einblick gab in meine Arbeit, so erlaubte er mir Einblick in seine. Ich war beeindruckt.

Meine Bibliothek zu Worpswede, seiner Geschichte, seiner Künstlerkolonie, seinen Menschen ist inzwischen einige Meter lang. Ohne das Hintergrundwissen aus all diesen Büchern hätte ich weder die Moornächte noch die Irrlichter schreiben können. Denn ein Roman ist zwar fiktiv, er kann aber nicht auf reelle Wahrheiten als Hintergrund verzichten.

1.

Endlich. Alexander Laroche schob seine Sonnenbrille von der Nase auf die Stirn und blinzelte durch die Windschutzscheibe hindurch zum Himmel hoch. Bewölkt, wie er erwartet hatte. Er war im Norden angekommen, mehr noch, er war mitten im Moor, im Teufelsmoor. Manche nannten dieses Stück Erde die traurigste Gegend der Welt.

Er konzentrierte sich wieder auf die Straße und drosselte das Tempo. Mochten andere denken, was sie wollten. Das platte Land, die Wolken, die Weite, die den Augen keine Grenzen setzte – ihm gefiel das.

Sieben Stunden war es her, seit er die Hochhaus-Schluchten von Frankfurt hinter sich gelassen hatte. Die letzte nennenswerte Erhebung, die er passiert hatte, waren die Kasseler Berge. Und nun dies: eine schmale Straße, die auf direktem Wege auf den Horizont zuzulaufen schien, gesäumt von Birken, deren Stämme sich dem Wind beugten. In wenigen Minuten würde er in Worpswede sein und wiederum wenige Minuten später in der Wohnung, die ihm ein Refugium werden sollte für zwei friedvolle Monate. Ein Rückzugsort ohne Lärm, Gestank, Streit und Eile.

Seit mindestens fünf Minuten war ihm kein Auto mehr begegnet. Die schnurgerade Allee, die über seinen Kopf hinwegeilenden Wolken, die Stille machten ihn schläfrig. Selbstkritisch und ein wenig wehmütig gestand er sich ein, dass er die siebenhundert Kilometer noch vor zehn Jahren besser weggesteckt hätte. Aber da war er auch erst Mitte vierzig gewesen und hatte noch keinen Gedanken daran verschwendet, sich eine Pause von seinem bisherigen Leben zu verordnen. Jetzt würde er genau das tun. Für eine Weile und mit hoffentlich brauchbarem Ergebnis. Die Frankfurter Freunde hatten ihn skeptisch verabschiedet. Nun erst recht, dachte er und bestätigte sich zum wiederholten Male selbst, dass er richtig entschieden hatte.

Es ging auf sechs Uhr zu an diesem kühlen Juninachmittag. Alexander Laroche lehnte den Kopf gegen die Nackenstützen und ließ sein Seitenfenster nach unten schnurren. Diese Luft, diese Lautlosigkeit. Er war müde.

Ein dumpfer Knall schreckte ihn auf. Instinktiv rammte er den Fuß auf die Bremse, bis sie fauchend und knirschend die Räder zum Stillstand brachte. Er brauchte eine Weile, ehe er sich steifnackig umwandte. In seiner Heckscheibe zeigten sich feine Risse, die sternenförmig auseinanderliefen. Alexander hätte an einen Steinschlag geglaubt, wäre da nicht ein paar Meter hinter ihm ein Auto quer gestanden, das offensichtlich aus einem Feldweg gekommen war, den er erst jetzt wahrnahm. Hatte er in einem Anfall von Sekundenschlaf die Kontrolle verloren und dieses Auto gerammt? Waren deshalb die Insassen, ein Mann und eine Frau, so aufgebracht? Er konnte ihre aufgeregten Stimmen hören. Stritten sie? Die Fahrertür war weit geöffnet, dahinter stand der Mann. Er hielt etwas in die Höhe, was ihm die Frau offenbar entreißen wollte. Ein Stück Holz? Einen Stock? Alexander kniff die Augen zusammen. Oder war das ein Gewehr? Erschrocken rutschte er tiefer in seinen Sitz. Durch das geöffnete Fenster drangen Wortfetzen. Die Stimme des Mannes wütend, die der Frau energisch, sehr hell, sehr spitz. Und seltsam vertraut. Ein Bild tauchte aus der Vergangenheit auf: ein zierliches Mädchen. Blondes, sehr blondes Haar, das Erbe der schwedischen Mutter. Wie auch der Name: Siri. Wie lange hatte er diesen Namen nicht mehr gehört, nicht mehr hören wollen. Es war ärgerlich, dass er sich von der Stimme einer fremden Frau beunruhigen ließ. Absurd.

Er lauschte. Stritten sie noch? Aus der Deckung zu kommen traute er sich nicht, setzte sich aber so, dass er in den Rückspiegel sehen konnte. So bekam er mit, wie der Mann – ein untersetzter, bulliger Typ, an dem das Markanteste eine graue Strickmütze war, unter der halblange, beige-braune Haare herauszottelten – sich am Kofferraum zu schaffen machte. Die Frau stand halb verborgen hinter der offenen Fahrertür, die Arme wie einen Schutzschild aufgestützt auf den Türrahmen. Mürrisch wirkte sie auf Alexander und trotz der sehr blonden Haare nicht mehr ganz jung. Einen Stock oder gar ein Gewehr konnte er nicht mehr entdecken.

Die beiden sahen in seine Richtung. Bedrohlich wirkte das nicht, allenfalls übellaunig. Ihm blieb keine Wahl, er musste mit ihnen sprechen, um herauszufinden, was eigentlich geschehen war. Langsam richtete er sich auf, holte tief Luft und stieg aus.

Ein Fehler. Denn kaum machte er Anstalten, auf die beiden zuzugehen, ballte der Vierschrötige die Fäuste und rannte los. Die Frau schnellte hinter ihm her.

»Lass das!«, rief sie ihm zu und krallte sich, als sie ihn endlich erreicht hatte, an seinem Pullover fest. »Du Idiot, Himmel, Arsch.«

Alexander starrte sie ungläubig an, fasste sich aber schnell und deutete an den beiden vorbei auf einen Traktor, der sich langsam, aber unbeirrt dem quer stehenden Auto näherte. »Der diskutiert nicht lange. Wetten?«

Die beiden drehten sich erwartungsgemäß um. Alexander nutzte die Gelegenheit, flüchtete sich in sein Auto, verriegelte die Türen und fuhr los.

Im Rückspiegel sah er, wie der Mann auf die Motorhaube schlug, während die Frau armwedelnd auf den Traktor zulief. Die echte Siri war kleiner, dachte Alexander, auch schlanker, jünger sowieso. Also bitte, daran sah man doch schon, dass die Fremde nicht Siri sein konnte. Andererseits hatte diese Frau hier nicht nur Siris helle, schneidende Stimme, sie benutzte auch deren Lieblingsfluch. Himmel, Arsch. Das Letzte, was Alexander nach ihrem ultimativ letzten Krach von ihr gehört hatte, war ebendieser Fluch gewesen.

Danach hatten sie sich nie wiedergesehen. Wie lange war das her? Zwanzig Jahre, ach was, länger, dreißig bestimmt. Er war jetzt siebenundfünfzig und hatte damals nach dem Studium seine erste Stelle angetreten. Siri war nur ein paar Jahre jünger. Klar, man verändert sich im Lauf der Jahre.

Aber nicht so, dass man sich nicht wiedererkennt. Oder doch? Nein, beschloss Alexander, das war nicht Siri. Er wollte nicht mehr daran denken, nicht an diesen blöden Zwischenfall und auch nicht an sie.

Als er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte, war es kurz vor sechs gewesen. Seither waren zu seiner Verwunderung erst fünfzehn Minuten vergangen, in denen er die meiste Zeit einfach geradeaus gefahren war. Wo genau er sich befand, wusste er nicht, vermutete aber, dass er bereits in Worpswede war. Die Straße wurde nicht mehr gesäumt von Birken und Feldern, sondern verjüngte sich in eine Dorfstraße. Wahrscheinlich hatte er das Ortsschild übersehen, weil er immer wieder in den Rückspiegel sah. Seine Befürchtung, das seltsame Pärchen könnte ihm folgen, bestätigte sich zum Glück nicht, so dass er es wagte, rechts ranzufahren und seinen Wagen zu inspizieren. Nichts. Rein gar nichts. Keine Beule, keine Schramme. Der Befund bestätigte seine Vermutung: Es hatte keinen Zusammenstoß gegeben, die beiden hatten bewusst auf seine Heckscheibe gezielt, womit auch immer, und einen Volltreffer gelandet. Aber warum? Er versuchte, sich die Sekunden vor dem Knall in Erinnerung zu rufen, und dass ihm das nicht gelang, lieferte ihm die einzig mögliche Erklärung: Er war tatsächlich am Steuer eingeschlafen, hatte die beiden fast erwischt und damit eine gewaltige Wut ausgelöst. Genau. Alexander setzte sich wieder hinter sein Steuer und stellte das Radio lauter. Die würden den Teufel tun und ihm folgen. Vermutlich waren sie zur Vernunft gekommen und hatten sich ausgerechnet, was sie eine neue Heckscheibe kosten würde.

Er musste keine Haken schlagen deswegen, sondern konnte endlich sein Häuschen im Park ansteuern. Allerdings musste er es erst noch finden.

Er näherte sich dem Ortskern. Die niedrigen Häuser standen nun dichter beieinander, in den Vorgärten Schilder mit der Aufschrift FREMDENZIMMER. Er entdeckte die ersten Geschäfte, ebenerdig und einladend dekoriert mit allerlei Trödel, eine Ecke weiter machte sich ein Supermarkt samt Parkplatz breit. Dahinter wies ein Wegweiser nach rechts zum Rathaus und zum Kunstcentrum Alte Molkerei Worpswede. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte ein Bäcker trotz der kühlen Witterung Tische und Stühle vor seinem Laden aufgestellt. Alexander widerstand der Verlockung, sich einen Kaffee zu genehmigen und eine dieser unglaublich opulenten Torten zu probieren, die er hinter der Scheibe entdeckte. Später vielleicht. Im Augenblick fühlte er sich noch nicht ausreichend präpariert, um bei sechzehn Grad Außentemperatur im Freien Kaffee zu trinken. Die Norddeutschen, hatten Freunde gefrotzelt, die sitzen bei jedem Wetter draußen, außer wenn’s Backsteine hagelt. Klugscheißer, dachte Alexander, für manche von denen war Hannover Hauptbahnhof schon das Nördlichste, was sie kannten.

Er ließ die Bäckerei hinter sich, eine Buchhandlung, eine Teestube und entdeckte endlich ein Straßenschild, Findorffstraße, aha. Gleich darauf erkannte er, dass er in der falschen Richtung unterwegs war. Nicht Richtung Osterholz solle er sich halten, hatte man ihm telefonisch eingeschärft, sondern entgegengesetzt, nach Hüttenbusch hin.

Allmählich reichte es ihm. Die Augen brannten, er war hundemüde, hungrig, durstig, seine Heckscheibe war im Eimer, und er war knapp einem durchgeknallten Pärchen entkommen. Wieso führte ihn diese Scheißstraße jetzt auch noch einen Hügel hinauf zwischen zwei hochragende Gemäuer? Links oben, das war eine Kirche, danach war ihm nun gar nicht. Und rechts, das sah nach Stadtmauer aus. War es aber nicht. Keine Stadtmauer verfügte über eine Auffahrt. Das hier war ein Hotel, mit Auffahrt, Parkplatz und Wendemöglichkeit und hoffentlich irgendeinem menschlichen Wesen, das er nach dem Weg fragen konnte. In allzu dichten Rudeln, das war ihm auf der Fahrt bis hierher aufgefallen, liefen die nicht gerade rum.

Er fand einen Platz zwischen einem Fahrradständer und einem kleinen Pavillon, unter dessen Dach ein Tisch und ein paar Stühle standen. Offenbar handelte es sich um das hoteleigene Raucherasyl, denn an dem Tisch hatten zwei Männer in blauer Arbeitskluft Platz genommen, vor sich einen halbvollen Aschenbecher. Alexander ging auf die beiden zu.

»Entschuldigen Sie. Ich suche die Park-Residenz. Sie sehen so aus, als müssten Sie die kennen.«

»Müssten wir?« Die beiden sahen sich an, als hätte dieser Tourist gerade einen gar nicht mal so schlechten Witz gerissen.

Alexander verstand nicht. Hatte er was falsch gemacht? Sich missverständlich ausgedrückt?

»Jo«, setzte der Dickere der beiden an, »müssen nicht, aber kennen schon.«

»Macht ja genug Ärger«, fügte der andere hinzu, »die Residenz.«

»Kann er ja nich für«, warf der Dicke dazwischen, »immer da längs.« Er deutete in die Richtung, aus der Alexander gekommen war. »Und kurz vor dem Hinweisschild Neu Sankt Jürgen scharf links rein. Denn noch ein kleines Stück geradeaus, bis es nicht mehr weitergeht. Sind Sie vielleicht von der Initiative oder von der Kripo?«

War das norddeutscher Humor? Alexander war nicht in der Verfassung, der Frage heute Abend noch nachzugehen.

»Sehe ich so aus?«, antwortete er deshalb so locker, wie er es gerade noch hinbekam. »Nein, ich habe dort schlicht ein Apartment gemietet, das ist alles.«

»Oha.« Der Dicke erhob sich und klopfte Alexander freundschaftlich auf die Schulter. »Denn alles Gute. Man sieht sich.«

Ende (von Kapitel 1)

Copyright (c) 2012 by Helga Beyersdörfer – Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, eine Rezension zur Unterstüzung anbei, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Helga Beyersdörfer
Irrlichter

Knaur Verlag, München, 11/2011
PB, Worpswede-Krimi
ISBN 978-3-426-50862-6
Titelgestaltung von ZERO Werbeagentur München unter Verwendung
eines Fotos von Helmut Halweg, FinePic, München

www.knaur.de
www.helga-beyersdoerfer.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Im Vorwort erklärt Helga Beyersdörfer warum nach ihrem Krimi „Moornächte“ auch dieser in Worpswede, dem etwas anderen Worpswede, das sich gerade neu erfindet, handelt.

Alexander Laroche (57) kommt nach Worpswede, um für zwei Monate auszuspannen, nachdem er nach dreißig Jahren den Schuldienst beendet hat. Anstelle eines Freundes steigt er in der neuen Park-Residenz ab, die aber ansonsten erschreckend unbewohnt ist. Mehr noch: Alexander erfährt, dass er der erste Bewohner der Ferienanlage ist. Begrüßt wird er von Peter Chamiso, dem Hausmeister der Residenz, dem er auch einiges über die Anlage entlockt. Zum Beispiel, dass die Besitzer in Insolvenz gegangen sind und einer der beiden – Falko Schell – an einem Baum gebaumelt und sich wohl das Leben genommen hat. Danach blieben die Gäste aus.

Chamiso glaubt nicht an den Selbstmord von Schell, den Alexander aus Studentenzeit kannte. Er und seine Freunde hatten eine Band. Zufall? Die Frage stellt sich Alexander schon bald nicht mehr, als der zweite Besitzer der Park Residenz – Bruno Maron – ebenfalls tot aufgefunden wird. Ebenfalls kein Unbekannter für Alexander. Und auch Moritz Fitzek, an Stelle dessen Alexander in Worpswede gelandet ist, war Mitglied dieser Studentenband. Kurze Zeit später taucht Fitzek auch auf, und es stellt sich heraus, dass Bruno Maron, ihr Ex-Pianist Bobo war und dass seine Witwe die Vermutung geäußert habe, dass die Morde mit der damaligen Band zu tun haben. Nur warum? Alexanders teils sehr rabiate Ex-Freundin Siri und Sängerin der Band scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen; auch sie befindet sich in Worpswede.

Auf jeden Fall scheinen Alexander und Moritz nun ebenfalls in Gefahr zu schweben. Warum wurden Falko Schell und Bruno Maron umgebracht? Was verbindet die beiden Männer? Ist die Ursache für die Morde wirklich in der Zeit der Studentenband zu finden? Falls ja, warum geschahen die Morde dann so viele Jahre später? Wer ist der undurchsichtige Umweltschützer Hannes B., mit dem sowohl Siri, als auch die attraktive Hebamme Sofie Albers, die Alexander nicht mehr aus dem Kopf geht und mit deren Sohn Julian er sich auf Anhieb versteht, in Verbindung stehen? Fragen, auf die „Irrlichter“ Antworten gibt – und noch mehr!

Helga Beyersdörfer verstand es schon in „Moornächte“ einen kurzweiligen Krimi zu erzählen, der geschickt Lokalkolorit in die Handlung einbindet, keinerlei Längen aufweist und wunderbar unterhält. Auch die Aufmachung des vorliegenden Bandes, ist wie bei allen Knaur-Taschenbüchern, ohne Fehl und Tadel. „Irrlichter“ ist beste Unterhaltung, die beweist, dass ein Buch nicht episch sein muss, um Qualität zu bieten: kurzweiliger, gut erzählter Krimi mit Lokalkolorit!

Copyright © 2012 by Alisha Bionda (AB)

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