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Emily Bold – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 12. November 2012

Emily Bold – interviewt von Werner Karl

Die Autorin – geboren 1980 in Mittelfranken, lebt auch heute mit ihrer Familie dort – schreibt historische Liebesromane und publiziert fast ausschließlich E-Books. Gerade aus diesem Grund war und ist sie für mich ein interessanter Interviewpartner. Von ihr sind bisher folgende Titel erschienen:

• Blacksoul – In den Armen des Piraten: ISBN 1477583521 (über http://emilybold.de/ erhältlich!)
• Gefährliche Intrigen, Taschenbuch: ISBN 978-1477588642
• Mitternachtsfalke, Taschenbuch: ISBN 1477593691
• The Curse – Touch of eternity, E-Book: ISBN 1478310383
• The Curse – Vanoras Fluch, E-Book: ISBN 1477678603
• The Curse – Im Schatten der Schwestern: ISBN 978-1479297467 (über http://emilybold.de/ erhältlich!)

Die Bücher gibt es bei Amazon, Weltbild, Kobo, iTunes, Google Play, Thalia, buch.de und vielen weiteren Shops.

http://emilybold.de/

sfbasar: Liebe Emily, historische Liebesromane sind ja nun nicht ein Genre, hinter dem man sich verstecken müsste. Warum also ein Pseudonym?
EB: Neben einem Namen, der mehr Romantik verspricht, als „Lieschen Müller“ (was selbstverständlich auch nicht mein Name ist), ging es mir in erster Linie um den Schutz meiner Privatsphäre sowie der meiner beiden Kinder. Mit Scham wegen des Genres hat das nichts zu tun.

sfbasar: In einer Radiosendung habe ich gehört, dass du von Anfang an den Weg gewählt hast, deine Bücher online als E-Book anzubieten? Warum nicht über einen klassischen Verlag als gedrucktes Buch?
EB: Tatsächlich habe ich es mit „Gefährliche Intrigen“ bei einem Verlag versucht. Von meiner „Schreibe“ war man überzeugt, von Historicals einer Deutschen jedoch nicht – der US-Markt hat in diesem Genre etliche „Größen“ vorzuweisen, auf die man mit mehr Erfolgsaussichten zurückgreifen kann.

sfbasar: Jeder Autor ist in seine Arbeit verliebt; man sträubt sich, einmal getippte Wörter zu streichen. Schlichtweg ist man einfach oft textblind. In einer seriösen Literaturagentur und einem ebensolchen Verlag wird gründlich lektoriert. Und das kostenlos. Warum also schon in diesem Stadium eines Werkes Geld ausgeben, für einen Lektor, den du selbst bezahlen musst?
EB: Wenn die Entscheidung für Selfpublishing gefallen ist, sollte man dies mit all seinen Konsequenzen durchziehen. Dazu gehört eben, dem Leser ein lektoriertes, sauber gesetztes Buch anzubieten, im Idealfall mit einem professionell gestaltetem Cover. Ich denke, diese Investitionen zahlen sich langfristig aus.

sfbasar: Das Gleiche gilt für die notwendigen, unter Umständen sehr umfangreichen, Marketing-Maßnahmen eines Verlages. Auch die bleiben an dir hängen. Unabhängig von der Tatsache, dass ich einmal annehme, dass du keine professionelle Marketing-Spezialistin bist und aufgrund eines begrenzten Budgets und Möglichkeiten dafür sicher Abstriche machen musst. Noch einmal: Warum sich als Autorin diese Kosten auflasten?
EB: Ich halte es für einen Irrglauben, dass man mit einem Verlagsvertrag – und sei es mit einem noch so großen Verlag – automatisch ein gigantisches Werbebudget zugesprochen bekommt. Warum sollte der Autor nicht auch selbst für sich und sein Werk werben? Warum nicht den direkten Kontakt mit Lesern suchen und sich austauschen? Zudem das alles nichts kostet…

sfbasar: Das Gleiche gilt für Arbeiten wie Covergestaltung, Fotorechte, Titellayout, ISBN-Kosten. Einen deiner Romane gibt es sogar in englischer Sprache. Kannst du das alles? Hast du dir dafür kompetente Partner gesucht – die schon wieder Geld kosten – oder dir mit der Zeit diese Fähigkeiten angeeignet?
EB: Ich kann vieles ;) Layout, Covergestaltung usw. mache ich gemeinsam mit meinem Mann. Fotorechte muss man „nur“ kaufen, was absolut Sinn macht bzw. eigentlich unabdingbar ist. Die Übersetzung eines meiner Bücher war ein Versuch, der tatsächlich einen großen Batzen Geld gekostet hat, da ich hier professionelle Hilfe in Anspruch genommen habe. Ob sich das in absehbarer Zeit rechnet, wird sich noch zeigen…

sfbasar: All das Vorgenannte kostet eine Autorin zusätzlich die wichtigste Ressource: Zeit. Ich kenne eigentlich keinen Autor, der nicht über Zeitmangel klagt. Hast du keine Bedenken, dass dich dies von deiner eigentlichen Arbeit – dem Schreiben – abhält? Dir zu viel deiner kostbaren Zeit raubt? Schließlich hast du ja auch noch eine Familie, die auch ihre – berechtigte – Zeit mit dir einfordert.
EB: Hier liegst du völlig richtig: Zeit ist wirklich sehr knapp, gerade mit Familie und Kindern. Dennoch ist alles eigentlich nur eine Sache der Organisation – und organisieren kann ich wirklich sehr gut ;) Ich denke, es ist einfach wichtig, Prioritäten zu setzen – schreibe ich an einem Projekt oder verbringe ich Zeit in sozialen Netzwerken, um mich mit Lesern auszutauschen? Letztendlich gehört für mich beides zum Autoren-Dasein dazu, die richtige Balance macht es aus.

sfbasar: Jetzt mal zum praktischen Teil des Online-Vermarktens. Es ist ja nicht damit getan, eine pdf-Datei zu erstellen und z. B. in Amazon einzustellen. Wie sorgst du dafür, dass dein Name bekannt wird? Wer dich nicht kennt, kann auch keine E-Books von dir finden und schließlich erstehen. Allein über deine Website und Facebook? Welche Multiplikatoren nutzt du?
EB: Ich versuche, vielfältig zu sein – der Rest ist „Betriebsgeheimnis“ ;)

sfbasar: Wie ist das mit der leidigen Mehrwertsteuer? Gedruckte Bücher unterliegen einem ermäßigten Steuersatz von 7 %. Ist das bei E-Books genau so?
EB: „Leidig“ trifft es auf den Punkt. E-Books werden in Deutschland zu 19% versteuert, also anders als gedruckte Bücher. Amazon und Apple mit Sitz in Luxemburg versteuern aufgrund der dort gültigen Steuerbestimmungen jedoch nur mit 3% – ab 2015 wird sich das ändern, da dann auch in Deutschland der geltende Steuersatz entrichtet werden muss. Prinzipiell wäre es richtig, E-Books mit 7% ermäßigt zu besteuern, um sie gedruckten Büchern gleichzustellen.

sfbasar: Überhaupt: Wenn auf verschiedenen Verkaufsplattformen unterschiedliche E-Book-Preise entstehen und damit auch deine Tantiemen für den gleichen Roman verschieden ausfallen, wie rechnet man so etwas mit dem Finanzamt ab? Einfach nach Einnahmen/Ausgaben ohne Angabe einer Stückzahl?
EB: Unterschiedliche E-Book-Preise entstehen nicht, da in Deutschland die Buchpreisbindung gilt. Tatsächlich variieren aber die Tantiemen je nach Autorenmarge. Meine Abrechnung mit dem Finanzamt übernimmt ein Steuerberater, da die Rechnung tatsächlich nicht einfach ist – auch aufgrund der verschiedenen Steuersätze.

sfbasar: Wie kommst du zu Lesungen, die ja ein probates Mittel sind, um gewonnene Fans bei der Stange zu halten und neue zu gewinnen? Was hat ein Buchhändler von einem Autor, der ausschließlich online publiziert? Genügt der Buchhandlung der Eintrittspreis zur Lesung? Wenn der überhaupt hier machbar ist? Druckst du dir deine Bücher aus und hast sie als Loseblattsammlung bei der Lesung dabei?
EB: Bisher habe ich auf Lesungen verzichtet, auch aufgrund meines Pseudonyms. Und mal ehrlich: eine Lesung aus einem Historischen Liebesroman…?

sfbasar: Wie denkst du über illegale Kopien deiner Werke? Es kann jede Datei und jede Sicherung von pfiffigen – natürlich illegalen – Hackern geknackt werden. Diese „Kunden“ entgehen dir. Auch die Gefahr von Plagiaten scheint mir bei E-Books größer zu sein – weil einfacher für den Dieb verfügbar – als bei einem gedruckten Buch.
EB: Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass man meine Bücher illegal anbietet. Rechtlich gesehen ist das wohl einfach Diebstahl, das ist richtig. Dagegen vorgehen ist meistens schwierig, aber nicht unmöglich. Ich glaube, dass diejenigen, die Bücher illegal herunterladen, wohl eh nichts bezahlen wollen – als „Kunde“ entgehen sie mir also nicht wirklich. Traurig ist es dennoch, denn ein Cappuccino kostet dich ca. 3,50€ – und ist in spätestens 30 Minuten ausgetrunken. An meinen Büchern liest es sich um ein Vielfaches länger – also viel mehr Spaß für das gleiche Geld, und das sollte es doch wert sein, oder?

sfbasar: Gedruckte Bücher kann man jemandem schön einpacken und als Geschenk in die Hand drücken. Ein E-Book verschenkt man wie? Per E-Mail dem zu Beschenkenden als pdf-Datei zugeschickt? Auf CD gebrannt oder als Stick überreicht? Vermisst du hier nicht auch als Autorin die Haptik raschelnden Papiers, einen edlen Einband, schlichtweg das Gewicht eines real existierenden Gegenstands (als Geschenk), auch wenn es evtl. „nur“ ein Taschenbuch ist?
EB: Meine Bücher gibt es auch gedruckt ;) Und E-Books kann man mittlerweile auch ganz leicht verschenken, siehe http://www.ebookcards.de/.

sfbasar: In einem anderen Interview sagst du, dass du in einem Jahr 4 Titel mit insgesamt rund 300.000 Wörtern veröffentlicht hast. Das entspricht grob gerechnet mindestens 1.100 Normseiten. Bist du bei all den o. g. Nebenaufgaben auch noch eine sehr schnell arbeitende Autorin? Wie sieht dein normaler Arbeitstag aus?
EB: Wenn mich die Muße küsst, kann ich sehr schnell sein. Bei den vier Titeln war mein Debüt „Gefährliche Intrigen“ bereits fertiggestellt und wurde „nur noch“ veröffentlicht. Mein idealer Arbeitstag beginnt morgens mit E-Mails abrufen und ggf. beantworten und dann schreiben, solange es „rutscht“. Spätestens wenn meine Kinder wieder zuhause sind, sind die „schriftstellerischen Arbeiten“ bis zur Bettgehzeit der beiden Kleinen beendet. Wenn ich Lust habe, geht es dann noch weiter.

sfbasar: 25.000 verkaufte E-Books in 4 (?) Jahren (Stand Juli 2012) sind ein beachtlicher und absolut bewundernswerter Erfolg. Bezieht sich das auf deine „Gesamtauflage“? Nennt man das bei E-Books eigentlich so, da sie ja nicht in einer bestimmten Auflage gedruckt werden, sondern permanent verfügbar sind? Ich sehe hier einen wirklichen Vorteil gegenüber gedruckten Büchern, da nicht die Gefahr besteht, von einer sogenannten Backlist zu verschwinden.
EB: Die Zahl bezieht sich auf knapp 14 Monate („Gefährliche Intrigen“ erschien im Mai 2011) und die Gesamtauflage. Mittlerweile sind es etliche Tausend mehr, auch weil meine Bücher in allen großen Buchshops erhältlich sind. Und ja, ich würde von einer Auflage sprechen :)

sfbasar: Zurück zum Schreiben an sich. Bei allen möglichen Genre pflegen Autoren ein ausführliches Manuskript, ein Exposé oder gar ein detailliertes Kapitelexposé. Überwiegt in deinen Romanen der historische Part oder eher die Liebe? Wenn also die Liebe dein Thema ist, planst du dann einen Roman ebenso durch wie Autoren anderer Genre oder lässt du hier mehr dein Gefühl, deine weibliche Intuition sprechen, deine Hand beim Schreiben führen?
EB: In meinen Romanen überwiegt die Liebe, der historische Part steht im Hintergrund – wobei es mich durchaus mal reizen würde, einen „richtigen“ historischen Roman zu schreiben. Natürlich habe ich bei meinen Projekten einen Plot und sehr oft auch ganz genaue Vorstellungen von einzelnen Abschnitten oder Kapiteln – aber nicht immer. Manchmal verlasse ich mich einfach auf meine Intuition und sehe dann anschließend, ob mich die Muße geküsst hat.

sfbasar: Hast du keine Angst, dass dir die Ideen zu Liebes-Geschichten ausgehen? Wenn du Sie und Ihn schon auf hundert verschiedene Weisen zusammengeführt hast, wird das nicht irgendwann schlichtweg langweilig?
EB: Definitiv nein!

sfbasar: Es heißt im Geschäftsleben quer durch alle Produkte: Sex sells. Inwieweit ziehst du eine Grenze bei erotischen Szenen? Was ist für dich noch Erotik, was schon Pornografie?
EB: Wo Pornografie beginnt, muss jeder für sich selbst entscheiden. In meinen Büchern gibt es Sex – in einer für mich ansprechenden Be- und Umschreibung, die sinnlich sein soll, ohne detailliert zu werden. Der Leser muss die Möglichkeit haben, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.

sfbasar: Was hältst du als Online-Autorin von einer Cloud, also einem externen Datenspeicher, in dem alle Daten eines Kunden – oder von dir als Autorin: sämtliche Werke, zukünftige Projekte, Recherche-Dateien usw. – angeblich hacksicher gespeichert werden sollen? Aktuell gab es durch den Hurrican Sandy in den USA von Cloud-Betreibern die lapidare Empfehlung an ihre Kundschaft, doch lieber selbst ihre Daten zu sichern. Auf Speicherkapazitäten, die man nicht hatte oder sich nicht leisten konnte. Also einem der Gründe, überhaupt eine Cloud nutzen zu wollen/zu müssen?
EB: Zunächst: Online-Autorin ist ein irritierendes Wort, denn ich beschränke mich ja nicht auf das Web. Und tatsächlich sind wir ja schon so weit – alles ist überall verfügbar, die Cloud begleitet dich dank Smartphone überall hin. Deine Bücher liegen bei Amazon auf gigantischen Serverfarmen – fallen die dauerhaft aus, sind diese Bücher – egal ob Autor oder Kunde – im schlechtesten Fall weg. Ich für meinen Teil nutze soweit es geht keine Online-Speicher, sondern nur lokale Sicherungen: USB-Sticks, die klassische Festplatte und ein NAS. Mehr brauche ich momentan nicht.

sfbasar: Wie siehst du deine Zukunft als Autorin? Deine erfreulichen E-Book-Verkäufe als Sprungbrett in einen klassischen Verlag, der die die o. g. Nebenarbeiten endlich abnimmt? Und dir womöglich besser Tantiemen vertraglich garantieren kann? Oder willst du weiterhin deine Freiheit genießen und dir von niemandem ins Geschäft reden lassen?
EB: Das wird sich zeigen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein klassischer Verlag „bessere“ Tantiemen garantieren kann oder wird. Allerdings ist Geld für mich nicht alles, und es gibt trotz aller Vorteile des E-Books doch nichts schöneres, als sein eigenes Werk als Druckwerk in einer Buchhandlung zu finden. Und ganz sicher werde ich weiter so unabhängig wie nur möglich bleiben, gerade weil ich mir bis hierhin alles selbst aufgebaut habe. Deswegen habe ich auch schon einige Angebote von Verlagen und Agenten abgelehnt, aber sollte mal „das Angebot“ kommen, würde ich sicher zustimmen ;)

sfbasar: Gibt es eine evtl. von dir selbst auferlegte Genre-Begrenzung? Oder wirst du unter einem anderen Pseudonym – oder deinem jetzigen – auch Romane anderer Couleur schreiben?
EB: Ich denke, ich werde weiterhin das schreiben, was mir liegt: Geschichten um Liebe, Leidenschaft und Freundschaft, Verrat, Hass und Schmerz. Garniert mit Sinnlichkeit und Spannung werden so hoffentlich noch einige Historicals von Emily Bold erscheinen.

sfbasar: Kannst du schon etwas über dein nächstes Projekt verraten? Wie wird der Titel lauten und wann ist es erhältlich?
EB: Mein nächstes Projekt ist eine mehrteilige Reihe von Novellen. Der erste Teil wird im Dezember erscheinen und den Titel „Vergessene Küsse“ tragen – und – man kann es erraten, es werden natürlich Liebesromane sein.

sfbasar: Liebe Emily, ich danke dir für deine sehr interessanten Antworten und drücke dir für die Zukunft die Daumen. Weiterhin viel Erfolg!
EB: Ich danke Dir für das nette Interview, lieber Karl :)

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Zoran Drvenkar: Der letzte Engel – Werkstattband und Interview

Erstellt von Galaxykarl am 16. September 2012

Zoran Drvenkar
Der letzte Engel – Werkstattband

cbj, 2012
Werkstattband ohne
ISBN
Der Roman: Fantasy, Jugendbuch
Umschlagfoto und Fotos im Innenteil: Corinna Bernburg
Umschlaggestaltung: Atelier Langenfass

www.cbj-verlag.de
www.drvenkar.de

Vorwort:

Eine Rezension zu einem Buch, das eigentlich gar kein Buch ist? Ein Werkstattband?!

Es ist eine der jüngeren und noch seltenen Methoden (auch wenn es in der Vergangenheit schon ab und an Werkstattbände gab), ein Buch und einen Autor schon vor Erscheinen des eigentlichen Werkes ins Gespräch zu bringen. Bei der Masse an Neuerscheinungen kein Wunder. Worüber nicht berichtet wurde, hat nicht stattgefunden, lautet eine alte Journalistenregel, die hier in ihrem Umkehrschluss Anwendung findet. Also berichtet man schon vorher. Besser als gar nicht.

Zum Werkstattband:

Was steht nun drin, in so einem Werk? How I write a bestseller? So ungefähr und auch wieder nicht. Denn niemand kann ja wissen, ob der Text sich zu einem Verkaufsschlager entwickelt. Das Mittel Werkstattband ist aber m. M. nach ein legitimes Mittel für einen späteren Erfolg. Wenn ein Verlag so davon überzeugt ist, dass ein Werk zum Kassenschlager wird und dafür extra Geld für den Druck einer kleinen Auflage Werkstattbände ausgibt, dann … ja, warum braucht es dann diesen Weg überhaupt? Man könnte auch so argumentieren, dass gerade schwächere Texte diese Räuberleiter – Verzeihung, Hilfestellung – benötigen. Aber wenn der Text gut ist?

„Der letzte Engel“ ist alleine schon vom Plot her faszinierend. Wer hat sich nicht schon mit dem Phänomen, der mystischen Gestalt Engel, dem Sein nach dem Tod beschäftigt? Drvenkar tut es und hat eine packende Idee: „Motte“, der eigentlich Markus heißt, bekommt eine anonyme E-Mail mit folgendem lapidaren Inhalt:

sorry für die schlechte nachricht
aber wenn du aufwachst, wirst du tot sein
wir wollten nur, dass du das weißt

Upps, da denkt man gleich an einen schlechten Witz. Wer kann schon aufwachen, wenn er tot ist? Ein Engel eben …

Aber was macht dann den handwerklichen Charakter dieses Werkstattbandes aus? Ist die rund 135 Seiten starke Leseprobe nun ein Rohtext, ein ungeschliffener Diamant, der noch der Feder des Lektorats harrt? In diesem Falle scheinbar nicht. Denn was ich da gelesen habe, ist absolut sauber und auch hinreichend spannend, auch wenn Jugendbuchliteratur nicht gerade mein Ding ist. Aber es macht wirklich neugierig auf die ganze Geschichte.

Aber eine Leseprobe ist kein Werkstattbericht. Da sind die drei Interviews schon treffender, weil sie eben aus dem Schaffen und – teilweise – Leben des Autors Informationen liefern. Trotzdem habe ich noch weitere Fragen gefunden; siehe unten.

Inhalt
3 Interviews:
„Die Flügel ausbreiten und fliegen“ Vom Schriftsteller werden
„Der Moment, in dem ein Satz plötzlich aufrecht dasteht“ Vom Schreiben allgemein
„Hinter jeder Tür lauert eine Überraschung“ Vom Letzten Engel
Eine ausführliche Leseprobe (eben 135 Seiten) zu „Der Letzte Engel“

Was bleibt mir da noch zu fragen übrig? Mein Interview im Anschluss an diese Rezi, die keine ist, sein soll, oder wie. Bin schon ganz wirr. Wahrscheinlich flattern meine Gedanken, bei dem Gedanken, ob ich auch mal Flügel bekomme. So wie Motte …

„Der letzte Engel“ erscheint am 24. September 2012 bei cbj.

Copyright © 2012 by Werner Karl

Interview

WK: Das Erste, was mir ins Auge fiel, als ich den Werkstattband aufschlug, war ein Foto von Ihrem Arbeitsplatz. Bildschirm und Tastatur zeigen einen schwarzen Hintergrund und weiße Buchstaben. Ist das denn ergonomisch? Was sagt denn Ihr Augenoptiker – Sie sind Brillenträger – und evtl. ein Neurologe zu so einer Arbeitsanordnung? Ist das nur cool? Bringt Sie das in die richtige düstere Stimmung? Arbeiten Sie so besser? Und vor allem: Geht das bei dem hellen Gegenlicht aus dem Fenster direkt vor Ihnen nicht schrecklich auf die Augen?
ZD: Als ich 1990 das erste Mal vor einem Monitor saß, dachte ich: Mensch, ist das anstrengend. All das Weiß und ich muss draufkritzeln. Irgendwas hat mich gestört und ich machte mir einen Shortcut und voilà plötzlich war alles in Schwarz getaucht und mein Schreiben leuchtete hervor. Den Augen geht es damit prima, die habe ich mir als Kind durchs Fernsehen ruiniert. Wer auch immer es noch nicht versucht hat: es ist viel entspannender. Kein grelles Weiß, was mich blendet, und dazu die Ruhe der Zeilen und nichts drum herum, was die Geschichte stört. So ist es richtig.

WK: überhaupt der Raum und die Einrichtung. Die sehen aufgeräumt aus, sehr ordentlich. Spiegelt das Ihre Ordnungsliebe und Ihre strukturierte Arbeitsweise wider? War dies dem Fotografen oder einem entsprechenden Image geschuldet?
ZD: Bei mir ist es meistens ordentlich, Chaos ist nicht mein Freund, denn dieses Chaos herrscht bei mir im Kopf, wenn ich an Geschichten herangehe und herauszufinden versuche, was da eigentlich. Wenn dieses Chaos auch noch außen zur Schau tragen würde, könnte man mich bald in eine Klapse einliefern. Eine Ordnung und Ruhe drum herum ist auch für die Seele beruhigend. Ich bin im elterlichen Chaos aufgewachsen, davon will ich nichts mehr wissen.

WK: Den Interviews konnte ich entnehmen, dass es geschlagene 9 Jahre gedauert hat, von dem Zeitpunkt, den Sie selbst als „ernsthaftes Schreiben“ definieren, bis zum Erscheinungsdatum des ersten Romans. Wie schafft man es, in so langer Zeit nicht das Handtuch zu werfen? Wann sagt man sich: „OK; wenn die alle nicht wollen, dann kann ich nicht gut sein.“ Auch Patrick Süßkind musste jahrelang mit seinem Erfolgsroman „Das Parfum“ Rückschläge und Absagen hinnehmen. Sind Sie hartnäckig oder wussten Sie, dass irgendwann jemand erkennt, dass Ihre Texte wirklich gut sind.
ZD: Damals hatte ich ja gute Rückendeckung: einen Kumpel, der an mein Schreiben glaubte, und ein Ego, das sich von nichts beirren ließ. Dazu eine Handvoll Stipendien und die gnadenlose Lust zu erzählen. Für jemanden zu schreiben oder zu schreiben, um Geld reinzuholen, das ist nicht mein Ding. Lieber harre ich aus und wachse mit dem Schreiben, ehe ich mich verkaufe. Wichtig ist, keine Zweifel zu haben. Natürlich zweifel ich jede neue Idee an und bin bei den ersten Seiten nervös, als hätte ich mein erstes Date. Aber allgemeine auf die ganze Arbeit bezogen, sollte es keine Zweifel geben. Jemand der schreibt, sollte fürs Schreiben leben, da sind Zweifel so nützlich wie ein Furunkel unterm Kinn. Am Anfang musst du dir einen Haufen Quark aus der Seele schreiben, aber wenn du dran bleibst, wenn du weißt, dass da mehr ist, dass es noch andere Geschichte gibt, die keiner erzählt hat und die willst du aufdecken, dann lohnt sich jede Minute und jede verquarkte Seite. Das Kopieren eines Stils oder einer Idee ist einfach, eine Hommage an das Schreiben ist etwas Anderes. Das ist Liebe zur Literatur und ohne eine andere Motivation sollte man nicht schreiben.

PS: Und zum guten Süßkind – ich gehe ja noch immer davon aus, dass der gute Mann das Buch geklaut hat. Die Geschichte kam damals im Playboy (glaube ich). Süßkind ist ja nach Paris verschwunden und hat sich regelrecht vor der Presse versteckt. Die Story war die: Süßkind hat ein Sachbuch über Parfums aus dem Französischen übersetzt und von da die Handlung und Ideen gestohlen. Er hat sogar Passagen wortwörtlich aus dem Sachbuch in seinen Roman eingefügt. Als ich dann die anderen Bücher von Süßkind las – die ich durchweg schrecklich fand, typisches literarisches Gemümmel, das nichts mit dem Stil von Das Parfum zu tun hatte – dämmerte es mir langsam, das an der Plagiat-Geschichte was dran sein könnte. Ich denke, der Mann wird nie wieder einen Roman schreiben, außer er klaut ihn.
Ich fand Das Parfum damals übrigens klasse.

WK: Welchen Eindruck und welches Bild über die Verlagswelt und ihre Mächtigen – Agenten, Lektoren, Marketingleute und Verleger – hinterlässt so eine Durststrecke in Ihnen?
ZD: keinen. Ich bin froh, dass nichts vorher erschienen ist. Alles hat seine Zeit, auch das Schreiben. Und wenn jemand denkt, er wird nie wieder schreiben, bis sein erster Roman herauskommt, dann soll er lieber nicht mehr schreiben.

WK: Sie bedauern das Chaos in Ihrem Kopf, das sich nicht in Fotos oder Bilder fassen lässt. Sind Sie ein komplizierter Mensch? Nach den Darstellungen im Werkstattband hatte ich nicht den Eindruck. Wenn Sie schreiben, haben Sie dann kein Bild der Szene im Kopf?
ZD: Ich bin ein ganz einfacher Typ und stecke beim Schreiben so in der Geschichte, dass keine Zeit für Bilder ist. Dafür ist die Sprache da, dafür habe ich Worte, sie sind mein unterbewusstes Fenster in die Geschichte.

WK: Als Autor bauen Sie einen Charakter auf, die Figur lebt und atmet, leidet und hat Glück. Dann kommt der Moment, den Sie mit „den Lauf der Dinge“ umschreiben: Die Figur muss sterben. Es gibt keine andere Wahl. Wie sehr schreit Ihr Schriftstellerherz – und das Ihres Lektoren – auf: „Nein, lass ihn leben!“?
ZD: Ich denke nicht He, Kumpel, es ist Zeit, dass du den Löffel abgibst. Ich bin in der Geschichte und folge ihr. Wenn dann jemand den Löffel abgeben muss, bin ich meist selbst erschrocken, denke darüber nach, wäge es ab. Meistens lasse ich das Bauchgefühl gewinnen, denn meistens ist es richtig. Es gab auch Situationen, in denen ich mich anders entschieden habe, aber die sind rar. Das Herz hat im Endeffekt die Klappe zu halten. Der Autor will der Geschichte treu sein, da hat sein Herz nichts zu sagen, da ist der Rhythmus der Geschichte wichtig und nur ihr Puls zählt. Ich versuche nie einen Effekt zu erzielen, um den Leser zu schocken. Der Leser hat während des Entstehens des Buches keinen Platz in meinem Kopf. Ich schreibe für die Charaktere, ich lebe für die Geschichte, dann lasse ich sie frei und dann können wir darüber reden. Der Leser und ich.

WK: Wie wehrt man sich als Autor davor, in bestimmte Schubladen der Literaturformen und Genre gesteckt zu werden? Was tun, wenn vor allem der Verlag sagt: „Das ist Fantasy. Und das ist ein Thriller.“ Wenn Sie – was in Ihrem Falle ja stimmt – mehr „auf dem Kasten haben“, als nur ein Genre?
ZD: Man wehrt sich, indem man schreibt, was man will. Aber wirklich was man will. Sicher kannst du das Ohr auf die Schienen legen und lauschen ob Zauberlehrlinge oder sexy Vampire wieder in sind. Dann machst du ganz viel Geld und bist du ein Schriftsteller mit guten Ohren. Da aber tausend Schreiber dasselbe tun, ist es fraglich, ob es dir für dein Karma wirklich etwas bringt. Und sagen wir mal, du glaubst nicht an Karma, dann glaube ein wenig an die Seele des Schreibens, denn die windet sich, wenn man seinen Hintern rausstreckt und den Markt bedient. Behaupte ich zumindest, aber ich behaupte ja eine Menge. Ich stehe auch hinter der Theorie, dass beim Schreiben neue Türen aufgestoßen werden sollten, was aber auch heißt, dass es schiefgehen kann und die Verlage abwinken und sagen: Nee, ich will kein Buch über einen Pinguin lesen, der den Winter gefangen hält und Nee, ich will kein Buch, in dem ein Mann innerhalb von zwei Seiten sechsundzwanzig Leute während eines Staus umbringt und dann entspannt davonfährt. Es gibt Risiken frei zu sein. Aber ohne Freiheit sehe ich kein Schreiben.
Und natürlich kommt man dem Verlag im Endeffekt entgegen. Wenn man einen Thriller geschrieben hat, dann darf das draufstehen. Und wenn ein Buch wie Der letzte Engel alles gleichzeitig ist – Thriller, Historie, Fantasy – dann schreibt man nichts drauf, denn das ist ganz gut fürs Karma.

WK. Herr Drvenkar, ich danke Ihnen sehr für dieses kleine Interview. Ich freue mich auf den ganzen Text von „Der Letzte Engel“.

Copyright © 2012 by Werner Karl und Zoran Drvenkar

Die Rezension zu “Der letzte Engel” erscheint am 01.10.2012 natürlich wie gewohnt im Buchrezicenter.de

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Hans-Ulrich Grimm – interviewt von Monika Meier und Sandra Stockem – JETZT IM PREISRÄTSEL EINES DER DREI GEWINNPAKETE MIT ALLEN VIER TITELN ZU GEWINNEN!

Erstellt von Detlef Hedderich am 7. August 2012

Zum Autor: Dr. Hans-Ulrich Grimm ist Journalist und Autor, er lebt in Stuttgart. Seine jahrelangen Recherchen in der Welt der industrialisierten Nahrungsmittel bewegten ihn, sämtliche Erzeugnisse von Nestle, Knorr & Co. aus den Küchenregalen zu verbannen, zugunsten frischer Ware von Märkten und Bauern. Seine Erkenntnis: Genuss und Gesundheit gehören zusammen. Grimms Bücher sind Bestseller: Die Suppe lügt gilt mittlerweile als Klassiker der modernen Nahrungskritik. Bei Droemer Knaur sind von Hans-Ulrich Grimm erschienen: Die Ernährungslüge, Die Suppe lügt und Leinöl macht glücklich. Hans-Ulrich Grimm betreibt die Homepage www.food-detektiv.de.

Interview mit Hans-Ulrich Grimm

sfbasar (M.M.): Herr Grimm, wenn man sich heutzutage gesund ernähren will, sollte man dann hauptsächlich auf Bioprodukte zurückgreifen?

H.-U. G.:
So halte ich es jedenfalls.  Ich kaufe aber keine “Produkte”, sondern echtes Essen: Tomaten, Artischocken, Himbeeren, Hühner. Bio-Tütensuppen sind auch nicht gesünder als die von Pfanni. Echtes Bio-Essen schon.

sfbasar (M.M.): Meinen Sie, dass Werbeaussagen über die Gesundheitswirkung von Produkten, die neuerdings wissenschaftlich fundiert sein müssen, tatsächlich verhindern können, dass Verbraucher weiterhin an der Nase herumgeführt werden?

H.-U. G.: Nein. Bestes Beispiel: Becel pro.activ. Cholesterin wird nachweislich gesenkt, aber die dafür verwendeten Phytosterine können dem Herzen schaden. Das ist auch wissenschaftlich nachgewiesen. Ich habe daher geschrieben, auf der Basis einer wahren Geschichte: Cholesterin gesenkt, Patient tot.

sfbasar (M.M.): Wie kann der Verbraucher erkennen, ob sich die Backwaren, die er vom Bäcker kauft, tatsächlich von denen aus dem Supermarkt unterscheiden?

H.-U. G.:
Er müsste einen Blick auf die Säcke werfen, mit denen der Bäcker operiert, und dann beurteilen, wie viel Chemie im Spiel ist und wie viel Handwerk.

sfbasar (M.M.): Warum darf die mittlerweile zugelassene Süße “Stevia” nur in geringem Anteil den Lebensmitteln beigefügt werden?

H.-U. G.:
Weil das Stevia-Süßpulver mit Natur nicht mehr viel zu tun hat und wissenschaftliche Nachweise über Unschädlichkeit in größeren Mengen fehlen.

sfbasar (M.M.): Warum werden manche Produkte vom Markt genommen, obwohl sie offensichtlich einem nicht geringen Teil von Verbrauchern zusagen?

H.-U. G.:
Das müssten Sie diejenigen fragen, die die Produkte vom Markt nehmen.

sfbasar (S.S.): Ist Ihnen schonmal Geld angeboten worden damit Sie ihre Ausführungen über die Nahrungsmittelindustrie auch namentlich in Ihren Büchern unterlassen?

H.-U. G.:
Nein.

sfbasar (S.S.): Umgekehrt: Sind Sie diesbezüglich schon einmal verklagt worden?

H.-U. G.:
Nein.

sfbasar (S.S.): Warum werden nur einige spezielle Konzerne in Ihrem Buch genannt, andere nicht?

H.-U. G.:
Ich nenne Beispiele, die interessant und relevant sind für meine Fragestellungen. Da kann naturgemäß nicht alles vorkommen, zwischen zwei Buchdeckeln.

sfbasar (S.S.): Wie würden Sie Lebensmittel kennzeichnen? Was halten Sie vom Ampel-System?

H.-U. G.:
In der Welt der echten Nahrung, Äpfel, Artischocken, Hühner, genügen wenige Informationen: Herkunft, Art der Erzeugung. In der Parallelwelt der industriellen Nahrung könnte die Ampel eine bessere Orientierung bieten, besser wird die Industrienahrung damit allerdings nicht.

sfbasar (S.S.): Was steht denn so auf Ihrem täglichen Speiseplan?

H.-U. G.:
Müsli, Hühnersuppe, Spaghetti Bolognese, Risotto, Gemüse aus dem Wok, Ochsenkotelett, Artischocken mit Aioli, selbstgemacht natürlich.

sfbasar (S.S.): Kochen Sie selbst?

H.-U. G.:
Ja.

sfbasar (S.S.): Welches Thema planen Sie als nächstes zur Veröffentlichung?

H.-U. G.:
Ich arbeite an einem Buch über Zucker. Höchst interessant, was der so alles anrichtet, und wie er weltweit mit Milliarden gefördert wird.

sfbasar (Red.): Herr Grimm, wir danken Ihnen für Ihre interessanten Ausführungen und hoffen, dass sehr viele Menschen dieses Interview und Ihre Bücher lesen werden und sich ihre eigenen Gedanken machen.

H.-U. G.:
Danke, das hoffe ich auch!

Copyright © 2012 by Monika Meier, Sandra Stockem und Hans-Ulrich Grimm

Hans-Ulrich Grimm
Vom Verzehr wird abgeraten

Droemer Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-27556-6
Sachbuch
Erschienen 01.03.2012
Umfang: 320 Seiten, Klappenbroschur HC

www.droemer.de
www.food-detektiv.de

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Besprechung:

Herr Grimm hebt den rechten Zeigefinger  – gegen die Nahrungsmittelindustrie, insbesondere gegen die großen Konzerne, die auch beim Namen genannte werden. Gut vermarktete und chemisch aufbereitetet Lebensmittel sowie Fertiggerichte stehen hier in der Kritik gegen naturbelassene Nahrungsmittel, die man am besten selbst auch so in der eigenen Küche verwertet.

Der Autor teilt sein Buch in mehrere Kapitel auf, die auf seine Art versuchen, dem Leser das Thema über das Schindluder mit den Lebensmitteln näher zu bringen. Hier wird auf versteckte Geschmacksverstärker, eher schädlich wirkende Vitamine sowie ungesunde Fette eingegangen, die als scheinbar gesunde Lebensmittel mit Hilfe der Werbung gut vermarktet verkauft werden. Scheinbar gesund wirkende Lebensmittel können jedoch auch schaden, wenn man sich nicht mit den Inhaltstoffen vertraut macht. Doch herrscht scheinbar gerade in Deutschland großes Vertrauen in die Nahrungsmittelindustrie, selten wird etwas vom normalen Verbraucher in Frage gestellt. Zudem sind fettarme und “Wellness”-suggerierende Lebensmittel sehr im Trend, doch das würde man vermutlich auch mit reiner Rohkost hinbekommen, natürlich ungespritzt.

Grimm prangert hier die schöne heile Welt an, die zwar nicht gut ist, aber funktioniert. Denn meines Erachtens existiert im Land ein Kreislauf: Die große Industrie und die Politiker stecken unter einer Decke, und unterstützen die finanzstarke Wirtschaft. So wird sie am Laufen gehalten. Denn dahinter steht viel Geld in Form von Umsatz aber auch Arbeitsplätze. Sowie eine Kette langer Lieferanten. Und dazu gehört auch: der Landwirt, von dem ich meine Nahrungsmittel am besten gleich selbst hole. Nun ja. Und ohne Arbeitsplätze keine Einkommen, ohne Einkommen kein Geld zum Einkauf. Und jetzt?

Mein Fazit zu diesem Buch ist, dass jeder Einzelne für seine Gesundheit selbst verantwortlich ist. Aus dieser Selbstbestimmung wird oder schränkt man sich selbst ein, sei es durch die finanziellen Hintergründe oder durch die Zeit, die man in seine Gesundheit investiert. Die sollte nicht nur in gesundes Essen, sondern auch in Bewegung und nachhaltigem Leben an sich investiert werden. Doch im Ernst, wer schafft es heutzutage, dies alles umzusetzen? Ich schätze mich persönlich als intelligent genug ein, diese Botschaften zu verstehen, doch in der heutigen Gesellschaft mit allen Anforderungen und zeitweise Druck ist es doch nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Ich denke, mit dem Wissen, was man isst und wie man es mischt ist man persönlich gut beraten.

Auch ich greife nach “ungesundem” Essen, doch nicht nur. Ich denke, die Mischung macht es letztendlich und das Verständnis für gute und schlechte Nahrung. Denn eines ist doch klar: Ohne Chemie schafft man es sicher nicht, Lebensmittel ein halbes Jahr oder länger so konservieren oder haltbar zu machen. Dass dies nicht mit frischen Produkten zu vergleichen ist, kann sich jeder selbst ausrechnen. Und dann noch der Geschmack, der leider ja auch nicht von allein kommt…

Das Buch hat mir die Machenschaften der Nahrungsmittelindustrie etwas näher zu dem gebracht, was man sich zuvor schon durch diverse Medien angelesen oder angesehen hat und unterstreicht dies noch. Ich glaube auch, dass manche Lebensmittel und deren Zusatzstoffe krank machen und bin selbst noch ein bisschen mehr sensibilisiert mit dem Kauf dieser. Kritisch im Buch sehe ich, dass Studien hier nur teils angerissen werden oder nicht komplett durch Zahlen belegt werden und immer nur die gleichen Firmen an den Pranger gestellt werden. Hier hätte ich mir in beiden Punkten mehr gewünscht. Auch waren mir persönlich einige Stellen/ Kapitel zu lang. Durch den Schreibstil wird versucht, das Thema interessanter und flüssiger lesbar aufzubereiten, nach einem kompletten Buch muss ich gestehen, dass mir ein sachlicher Stil lieber gewesen wäre. Die Beschreibung von dem Aussehen diverser Personen und Orte haben meines Erachtens nicht soviel mit dem Thema zu tun und schießen etwas daran vorbei.

Nichts desto trotz kann man das Buch sicher gut für Leser empfehlen, die sich mit der “modernen” Nahrungsmittelindustrie noch nicht allzu viel beschäftigt haben.

Copyright © 2012 by Sandra Stockem

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Preisrätsel 3 x 4 Exemplar (alle oben als Cover aufgeführten Titel in einem Preispaket): Wer eines dieser drei Gewinnpakete erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Wie genau heissen die vier Titel des Gewinnpaketes? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 400 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! Eine alternative Teilnahme per Kommentar findet sich hier!


GEWINNER: Katrina Antonius, Juliana Vegesack und Michael Knollhoff. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND UNSEREM SPONSOREN!

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Nicole Steyer – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 27. Mai 2012

Nicole Steyer – interviewt von Werner Karl

Nicole Steyer ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Idstein. Ihr historischer Roman „Die Hexe von Nassau“ erscheint am 02. November 2012 im Knaur-Verlag. Am 24. Oktober 2012 wird im Gerberhaus von Idstein die Premierenlesung stattfinden. Beginn ist voraussichtlich 19:30 Uhr.

www.literatur-steyer.de
www.knaur.de
http://www.facebook.com/#!/pages/Nicole-Steyer/220034018033832

sfbasar: Liebe Nicole, ich möchte mit der ersten Frage gleich in die Vollen gehen: Historische Romane sind ungeheuer beliebt und die Vergangenheit bietet ja unendlichen Stoff dafür. (Angebliche) Hexen sind darin wiederum eine faszinierende und gern benutzte Personengruppe und ein Henker sowieso. Wie bist du ausgerechnet auf diese Idee gekommen? Oder anders gefragt: Was unterscheidet deine Geschichte von ähnlichen Romanen?
NS: Die Stadt Idstein (Die auch die Hexenturmstadt genannt wird) hat mich inspiriert. Unterhalb des Hexenturms ist eine Tafel angebracht, auf der alle Namen der Opfer stehen, 42 an der Zahl. Ich machte mir Gedanken darüber, was für Schicksale hinter den Namen stehen und wie sehr diese Menschen gelitten haben müssen. Ich begann zu recherchieren und in Idstein sind meiner Meinung nach viele Dinge anders gelaufen als in anderen Städten. Jede Anschuldigung wurde sehr genau geprüft und grundsätzlich wurde keine Frau unter 40 Jahren hingerichtet. Diese Altersgrenze hat Graf Johannes deshalb eingeführt, weil nach dem Dreißigjährigen Krieg noch sehr viele Dörfer wie ausgestorben waren und die Geburtenraten gerade wieder stiegen. Mit seinem Tod im Jahr 1677 endeten die Hexenverfolgungen.
Der Idsteiner Henker war für mich von Anfang an eine faszinierende Persönlichkeit, die ebenfalls sein Schicksal hat. Sein Vater war wie er Henker und wurde im Dreißigjährigen Krieg auf dem Esstisch in seinem Haus grob von Söldnern ermordet, angeblich weil er sein Geld nicht hergeben wollte. Sein Sohn hat alles mit ansehen müssen, was den Jungen gewiss geprägt hat. Hans Leonhard Busch behauptete tatsächlich: Er erkenne eine Hexe, wenn er sie sieht!
Das Henkershaus steht auch heute noch und ist sogar bewohnt. Im Keller wurde bei Umbaumaßnahmen in den Siebziger Jahren Gold aus jener Zeit gefunden.

sfbasar: Historische Romane haben neben ihrer Faszination auch den Anspruch – oder Makel? – dass sie in vielen Dingen korrekt sein sollen. Wo ziehst du hier die Grenze zwischen Tatsachen und Fiktion? Schließlich willst du ja kein Geschichtsbuch schreiben, sondern eine spannende – und fiktive – Geschichte erzählen.
NS: Ja, die Grenze zu ziehen ist nie leicht und natürlich weiß ich viele Dinge, die ich nicht im Buch unterbringen kann, was ich manchmal sehr schade finde. Aber man darf als Autor, trotz der vielen Historie, die Geschichte nicht aus den Augen verlieren. Ich verflechte gerne Realität mit Fiktion und freue mich sehr darüber, wenn so viele Dinge wie möglich tatsächlich geschehen sind. Aber ich möchte die Leser unterhalten und die Geschichte meiner Protagonisten erzählen und da muss die Historie schon mal in den Hintergrund treten oder leicht verbogen werden.

sfbasar: Über die realen Personen kann man – je nach vorhandener Dokumentenlage – mehr oder weniger viel recherchieren. Wie groß ist dabei die Gefahr, sich in Details zu verlieren, die man gar nicht für die Romanhandlung braucht oder einen sogar ablenken?
NS: Wenn ich einen realen Charakter im Buch habe, dann ist es wichtig viele Details über ihn zu wissen und ich verliere mich gerne in historische Berichte und Überlieferungen. Ich muss einem Menschen einen Charakter geben, ein Gesicht, und auch wenn er gelebt hat, kennen wir heute nur ein Gemälde, Aufzeichnungen über seine vermeintlichen Taten oder wie auf der Tafel am Hexenturm nur einen Namen. Da ist es wichtig sich zu verlieren, um irgendwann wieder aufzutauchen und die Ehre zu haben, diesem Menschen einen Platz im Buch zu geben.

sfbasar: Und die erfundenen Charaktere? Sind die leichter zu „beschreiben“? Auch die Interaktion mit den überlieferten Personen stelle ich mir nicht so leicht vor: Hast du nicht Angst, dass Historiker einwenden könnten, dass deine Protagonistin nie und nimmer so gehandelt hätte, wie du es in deiner Geschichte erzählst?
NS: Die erfundenen Charaktere sind nicht leichter. Sie muss ich immer erst kennenlernen und manche von ihnen tun auch nicht das, was ich ihnen anschaffe, was gut ist. Sie entwickeln sich mit der Zeit und ich lerne sie zu begreifen und sie zu lieben mit all ihren Ecken und Kanten. Es ist nicht schwer sie mit den „wirklichen“ Personen agieren zu lassen. Da mir die realen Persönlichkeiten niemals begegnet sind (bei so manchem Zeitgenossen bin ich dafür sehr dankbar) muss ich diesen auch Eigenheiten und Charakterzüge geben,die oftmals nicht überliefert sind.
Historiker arbeiten wissenschaftlich und ich denke, sie können sehr gut zwischen einem Unterhaltungsroman und einer wissenschaftlichen Arbeit zu einem Thema unterscheiden. Ich versuche möglichst viele Details historisch korrekt zu beschreiben. Aber auch dabei gibt es Grenzen.

sfbasar: Hat dich die Recherche in deiner Planung der Romanhandlung beeinflusst? Musstet du Änderungen, Streichungen oder gar den Plot selbst abwandeln, weil die belegten Daten eine andere Realität offenbarten?
NS: Nein, eigentlich nicht. Der Plot stand schon sehr früh und war von Anfang an sehr nah an der Realität und der Weg, den die Hauptdarstellerin geht, war klar gezeichnet.

sfbasar: Apropos Recherche: Jeder Autor recherchiert Dinge, die ihm wichtig erscheinen. Bei einem historischen Roman stelle ich mir den Aufwand schon sehr groß vor. Wie viel hast du vor der Handlungsplanung recherchiert und wie viel noch während des Schreibens?
NS: Recherchiert wird immer. Vorher und auch während dem Schreiben. Oftmals will ich eine Szene schreiben und alltägliche Dinge kommen mir plötzlich sehr schwierig vor. Bisher konnte ich aber jedes Problem lösen oder charmant umschiffen.

sfbasar: Welche Quellen hast du benutzt? Das Heimatarchiv, die Universitätsbibliothek, das scheinbar unerschöpfliche Internet, Fachleute?
NS: Natürlich sehr viele Quellen. Das Internet ist toll, aber nicht perfekt und manche Dinge stimmen nicht. Ich habe viele Bücher, die ich in Antiquariaten bestelle. Ich besuche die Orte, wenn es sie noch gibt, und gehe in Stadtarchive. Auch Historiker befrage ich, was mir oftmals weitergeholfen oder eine andere Sicht auf die Dinge gegeben hat.

sfbasar: Wie sieht es mit der wörtlichen Rede aus? Zur Zeit der Handlung haben die Leute natürlich anders gesprochen, auch wenn es hier in deinem Roman die deutsche Sprache war. Wortwahl, Satzbau und so weiter dürften sich deutlich von unserem heutigen Sprachgebrauch unterschieden haben. Sicher würde eine der historischen Zeit gemäße Sprache den Roman holprig werden lassen und den Lesern den Spaß verderben.
NS: Ja, dann würde es sehr anstrengend werden den Roman zu lesen. Während meiner Recherche musste ich viele Texte in alter Schrift lesen und habe viele Stunden damit zugebracht Texte regelrecht zu übersetzen. Der Leser lebt im hier und jetzt und soll auf eine Zeitreise mitgenommen und unterhalten werden und sich nicht fragen müssen, ob er den letzten Satz so richtig gelesen und verstanden hat.
 
sfbasar: Fühlt man sich bei so einer aufwendigen Arbeit nicht irgendwann eher wie eine Archäologin, eine Historikerin, statt wie eine Autorin? Oder macht das für dich gerade auch den Spaß aus, den du haben musst, um solch eine Arbeit leisten zu können?
NS: Nein, wie eine Historikerin fühle ich mich nicht. Aber es macht mir unglaublich viel Freude in alte Zeiten einzutauchen und jeden Tag eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen.

sfbasar: Kommen wir mal du deinem realen Umfeld. Wie sieht das aus, wenn du schreibst? Schottest du dich ab? Wohin mit deinen Kindern, deinem Mann? Bist du da in deiner Kemenate und dein Prinz darf dann die Erziehung, Hausarbeit und das Kochen übernehmen? Hast du da eine besondere Vereinbarung mit deiner Familie getroffen?
NS: Nein, Vereinbarungen gibt es nicht und leider übernimmt auch niemand für mich die Hausarbeit. Aber mein Mann unterstützt mich wunderbar und hilft wo er kann. Die Kinder gehen in die Schule und ich nutze die Vormittage zum Schreiben. Das ist wie bei jeder anderen Mutter auch, die halbtags arbeitet. Morgens setze ich mich an meinen Schreibtisch und beginne zu Arbeiten und Mittags koche ich für meine Kinder und kümmere mich um die Hausaufgaben. Aber hin und wieder schreibe ich auch nachmittags oder am Wochenende und dann unterstützt mich mein Mann sehr und sorgt dafür, dass ich nicht gestört werde.

sfbasar: Bist du beim Schreiben eine Planerin, die sich an ihr Skript hält? Oder passiert(e) es dir, dass du im Schreibfluss eine Handlung erschaffst, die so nicht vorgesehen war? Oder ist das bei einem historischen Roman unmöglich?
NS: Es gibt immer ein Exposé. Aber natürlich passiert es mir, dass sich Dinge ändern oder sich eine Figur anders entwickelt als gedacht. Aber es gibt immer einen roten Faden an den ich mich halte und auch das Ende steht immer fest, woran nie gerüttelt wird.

sfbasar: Bei fiktiven Geschichten kann man relativ einfach einen oder mehrere Folgebände nachschieben. So nach dem Motto: „Eine Geschichte ist nie zu Ende.“ Ist Band 1 ein Hit, schreit ein Verlag nach einer Fortsetzung. Wie ist das bei einem historischen Roman?
NS: Ich denke, es kommt bei einem historischen Roman immer darauf an, wie fiktiv die Geschichte ist. Es gibt viele historische Romane in denen die ganze Handlung so hätte sein können und es gibt diejenigen, in denen auch reale Personen auftreten und eine wirkliche Begebenheit in die Geschichte hineingewoben wird. Bei der zweiten Variante ist es natürlich schwieriger eine Fortsetzungsreihe daraus zu machen, denn die Geschichte schreibt einen Teil des Romans und die lässt sich oft nur schwer fortsetzen. Aber manchmal kann dies natürlich gelingen.

sfbasar: Wird dein nächstes Buch wieder ein historischer Roman sein? Ich nehme es mal an. Hast du dafür eine ganz andere Epoche im Auge?
NS: Ja, mein nächster Roman wird auch ein historischer Roman sein. Mehr verrate ich aber noch nicht.

sfbasar: Jetzt mal zum Handwerklichen. Du schreibst die schönsten Buchstaben, die ein Autor je schreiben kann: ENDE. Wie verfährst du dann? Lässt du den Rohtext sacken und erholst dich erst mal? Oder startest du am nächsten Tag die Überarbeitungen? Und wie gehst du dabei vor?
NS: Ja, ich lasse den Text schon eine Weile sacken, denn mir fehlt der Abstand dazu und ich sehe die Fehler nicht mehr. Nach einigen Wochen beginne ich mit der Überarbeitung auf dem Papier und arbeite diese dann ein. In der Regel gibt es zwei bis drei Korrekturgänge, manchmal auch mehr.

sfbasar: Es heißt ja, dass man nie genug korrigieren kann. Wann ist für dich das Stadium erreicht, wo du einen Text abschickst?
NS: Eigentlich nie. Selbst jetzt, wenn ich einen Text aufmache, denke ich: Meine Güte, wie konntest du das nur so schreiben.(lach)

sfbasar: Ich weiß, dass du eine gute Agentur als Partner gefunden hast. Angeblich soll es immer noch möglich sein, ohne eine Agentur einen Verlag zu finden. Wie ist deine Meinung zur Kette Autorin – Agentur – Verlag? Geht es nur so oder auch anders?
NS: Ich denke, dass es ohne Agentur schwierig wird. Die Agenturen leisten eine Menge Vorarbeit für die Verlage und bieten Texte an, die sie vorher geprüft haben. Das nimmt den Verlagen eine Menge Arbeit ab. Und ein Agent betreut die Autoren in Vertragsfragen und organisatorischen Dingen, was mir unglaublich viel hilft, denn ich möchte Geschichten schreiben und nicht Vertragsverhandlungen führen. Mein Agent prüft die Manuskripte sehr genau und unterstützt mich bei der Überarbeitung, wofür ich ihm sehr dankbar bin, denn mir fehlt oft der Blick für Unstimmigkeiten im Text, weil ich immer wieder mit der Geschichte mitschwimme.

sfbasar: Ein(e) Autor(in) muss ein fantasievoller Mensch sein. Wenn du nun eine fulminante Idee in einem anderen Genre hättest, eine umwerfende Idee zu einem Polit-Thriller oder einem Katastrophenroman. Würdest du für das neue Projekt in diesem Verlag kämpfen oder einen anderen Verlag suchen? Ist das nicht immer wieder so, als würde man immer wieder neu starten?
NS: Ich würde die Idee mit meinem Agenten besprechen und wir würden gemeinsam entscheiden, wie wir vorgehen. Ein Pseudonym würde dann aber Sinn machen.

sfbasar: „Die Hexe von Nassau“ ist Anfang November erhältlich. Wir wünschen dir, dass dein Roman auf vielen Weihnachtswunschzetteln stehen und auf noch mehr Gabentischen liegen wird. Wir danken dir herzlich für dieses Interview und wünschen dir viel Erfolg.

Copyright © 2012 by Nicole Steyer und Werner Karl

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Steffen Volkmer – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 16. April 2012

Steffen Volkmer – interviewt von Werner Karl

Herr Steffen Volkmer ist für Presse- und Public Relations im Comic-Bereich der Panini-Verlags GmbH, Stuttgart zuständig. In der zweimonatlich erscheinenden Panini-Vorschau werden Comic-Fans umfassend über alle Neuerscheinungen aus dem Verlagsprogramm informiert. Längst hat die Vorschau die Grenze von reiner hauseigener Vorankündigung gesprengt, sondern bietet Szene-News, Infos zu Filmadaptionen, Events (wie z. B. den Erlanger Comic-Salon, in diesem Jahr vom 07.06. bis 10.06.2012), ganzseitige Leseproben, die Backlist, Händler-Adressen, Sammelfiguren und und und …

www.paninicomics.de
www.paninicomics.de/module/html/static/18/pv43.pdf

sfbasar: Herr Volkmer, Sie sind bekennender und begeisterter Comic-Fan und Sammler und dabei trotzdem – oder erst recht? – ein ernsthafter und erwachsener Mann. Wie nimmt heute Ihre Umgebung, also die Familie, Freunde und Nachbarn, Ihre Arbeit wahr?
SV: Also, ganz ehrlich „ernsthaft und erwachsen“ war eigentlich noch nie mein Ding. Das klingt mir schon viel zu langweilig, um es auch nur ausprobieren zu wollen. „Kreativ und etwas ausgeflippt“ gefällt mir deutlich besser. Von daher bin ich in meinem Umfeld eher ein Sonderfall und werde auch als solcher wahrgenommen. Aber ich verschaffe mir über mein Wissen, mein Auftreten und meine Erfahrung schon den notwendigen Respekt und kann mich in der Regel auch in einer Gruppe von Anzugträgern ganz gut behaupten. Da greift tatsächlich das „erst recht“ Prinzip: Menschen, die in der Comic-Branche arbeiten, werden ganz gerne unterschätzt und punkten dafür umso extremer. Um erfolgreich Comics zu machen und zu vermarkten, braucht man – wie überall in der Unterhaltungsbranche – einiges an Hintergrundwissen. Comics zu mögen und viele davon zu lesen ist wirklich nicht ausreichend.

sfbasar: Waren früher Comics ausschließlich für Kinder und Jugendliche gedacht, gibt es seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten, eine wachsende Fangemeinde im Erwachsenenalter. Trägt dies zur Anerkennung des Comics bei oder werden diese Erwachsenen als ewige Kinder betrachtet?
SV: Genau genommen waren Comics nie für Kinder gedacht. Obwohl es natürlich Comics für Kinder gibt, ist das Medium schon immer ein sehr erwachsenes gewesen. Wenn man sich die frühen Superhelden-Comics oder die Klassiker der franko-belgischen Schule wie zum Beispiel „Tim und Struppi“ anschaut, ist das doch sehr erwachsen. Nicht einmal die frühen Micky Maus-Comics waren wirklich kindgerecht. Aber in Deutschland hat man Comics wegen dem hohen Bildanteil gerne mit Bilderbüchern gleichgesetzt und dazu noch als verdummenden Schund abgetan. Ein national-geschichtliches Problem im Übrigen, da die Comics nach dem Weltkrieg als Kulturgut der Siegermächte zu uns kamen und von der Erwachsenengeneration als solche abgelehnt wurden, weswegen sie nur von der gegen ihre Eltern rebellierenden Jugend gelesen wurden. Comic als Kunstform hat hier erst in den letzten 10 bis 20 Jahren langsam Anerkennung gefunden und ist trotzdem immer noch weit davon entfernt, so akzeptiert zu sein, wie in den USA, Frankreich oder Japan – aber es wird besser.

sfbasar: Wo wir schon bei den Erwachsenen sind. Etliche Alben und Serien sind äußerst brutal (Punisher, Conan, Spawn), blutrünstig (Nekron, American Vampire, Jennifer Blood, The Walking Dead), sexistisch (Mangas, Manara, Black Cat) bis hart an der Grenze zur Pornografie. Und die genannten Beispiele sind nur einige aus der aktuellen Vorschau. Gibt es für Comics keine Altersbeschränkung, eine FSK-Angabe ähnlich wie bei Filmen?
SV: Comics zeigen keine Abbildung des Realen, wie Fotos und haben keine realen Protagonisten, wie Spielfilme. Sie sind die Verbindung von schreibender und bildender Kunst und damit Büchern und Gemälden näher als dem Film. Damit werden sie zurecht auch wie Bücher behandelt, für die es ja auch keine FSK-Angabe gibt, sondern bestenfalls Leser-Empfehlungen. Solche Altersempfehlungen schreiben die Verlage heute in der Regel auch auf ihre Comics, wo notwendig. Zudem wird über den Preis und die Vertriebsart gesteuert, an welche Käuferschaft sich ein Band richtet.  

sfbasar: Viele Comics sind wahre Kunstwerke und die Zeichner sind – zumindest in der Comic-Szene – berühmte Personen, doch außerhalb der Szene völlig Unbekannte. Würde man sie auf der Straße treffen, würde sich kein Mensch nach ihnen umdrehen. Was glauben Sie könnte der Grund dafür sein, dass diese Könner von der „normalen“ Bevölkerung nicht wahrgenommen werden? Leidet das Medium Comic immer noch unter dem Stempel Schund und kann o.g. Anteil an Erwachsenen hier immer noch nichts an diesem Vorurteil ändern?
SV: Wie bereits erwähnt, ist in Deutschland das „Schund“-Denken noch immer ein, wenngleich geringer werdendes, Problem. Aber auch in anderen Ländern werden Comic-Macher eher selten auf der Straße erkannt. Das ist aber kein auf die Comic-Szene bezogenes Phänomen, sondern eine Frage, wie jemand in der Öffentlichkeit steht und wie groß die Fangemeinde ist … Mal ehrlich: Wie viele Buchautoren, Regisseure oder Fotografen gibt es, die auf offener Straße erkannt werden? Erkannt werden die, deren Gesichter von den Medien transportiert werden und die davon leben: Das sind in erster Linie Schauspieler, Musiker und Models. Und selbst bei denen kommt es noch auf die Größe der Fangemeinde an. Und da hat auch die Comic-Szene ihre Superstars: Wenn zum Beispiel Simpsons-Erfinder Matt Groening irgendwo auftaucht, wird er immer erkannt.

sfbasar: Mir ist schon oft aufgefallen, dass viele Cover von den Könnern der zeichnenden Zunft geschaffen werden und wirklich atemberaubende und fantastische Bilder präsentieren, der Inhalt aber – ja, wie soll ich sagen? – von der 2. oder 3. Garde ausgefüllt wird. Sicher geschieht dies aus Kostengründen. Ähnlich war und ist dies bei Walt-Disney-Filmen und anderen Comic-Verfilmungen. Dort fällt es aber nicht auf, da eine gewisse Qualität immer gewahrt wird. Der Unterschied bei den gedruckten Comics ist aber oft gravierend. Ist das nicht Betrug am Kunden? Außen hui und innen pfui?
SV: Covergestaltung und Inhaltsgestaltung bei Comics sind zwei unterschiedliche Kunstformen innerhalb desselben Mediums, die jeweils von Spezialisten ausgeführt werden. Natürlich sind Cover ein Verkaufsargument und sollen bereits beim ersten Hinschauen ansprechen, das ist bei Büchern und Musikalben ja nicht anders. Die Zeichner, die die Innenseiten der Comics machen, sind aber alles andere als 2. und 3. Wahl. Sie haben das Können, Geschichten sequenziell und dynamisch umzusetzen. Wer Covers macht, ist eher ein Kunstmaler. Wann immer Comics ganz in einem solchen Stil gemacht wurden, waren sie zumeist statisch und zum unterhaltenden Lesen eher ungeeignet. Die Innenseiten folgen der Vorgabe, dass Bild, Text und Soundwords zu einer Einheit verschmelzen sollen – das kann ein „Gemälde“, auf dem das Auge betrachtend ruht, zumeist gar nicht erfüllen. Die Bilder sind also genau das, was sie sein sollen. Zudem liegt „gefallen“ ja immer auch im Auge des Betrachters.

sfbasar: Apropos Kosten. Hefte sind ja noch relativ preisgünstig, Alben, Hardcover und Sonderausgaben können aber unter Umständen so richtig ins Geld gehen. Ist dies der Zielgruppe Erwachsene geschuldet oder hat das nur etwas mit dem erzielbaren Gewinn zu tun?
SV: Preise sind zu einem Teil zielgruppenorientiert. Tatsächlich geht es bei den meisten Auflagen aber gar nicht anders, damit überhaupt ein kleiner Gewinn für den Verlag herausspringt. Comics sind wirklich ein aufwändig und teuer zu produzierendes Produkt.

sfbasar: Ein kräftiger Teil der Comics – wenn nicht gar der größte – wird durch Superhelden gestellt. Die Anzahl muskelstrotzender Heroen ist schier unendlich und von vielen gibt es auch noch Varianten. Zählt ein normaler Mensch nichts mehr? Kann ein normal Sterblicher denn keine Identifikationsfigur für Teenager und Erwachsene sein? Konkret: Ist es nur der Anblick dicker Muckies und praller Brüste und nicht mehr eine spannende Story, die einen Käufer zu einem Album greifen lässt?
SV: Da ist eigentlich die gesamte Aussage hinter der Frage falsch: Zum einen decken die Superhelden nicht den größten Teil der Comics ab, zum anderen sind sie selten Identifikationsfiguren für Teenager – da kommen wohl eher Bart und Lisa Simpson oder einige Manga-Helden in Frage, die nun wirklich nicht mit Traummaßen dienen können. Superhelden sind Popkultur und Zeitgeistspiegel. Die Künstler folgen natürlich Trends und Idealen der Gesellschaft. Schaut man sich die Superhelden in den 60er/70er Jahren an, so hatten die komplett andere Körper, andere Klamotten und andere technische Mittel. Außerdem muss einer der Fiktion den Anschein des Möglichen zu gegeben werden, damit sie funktionieren kann: Einem 200 Kilo Spider-Man würde niemand abnehmen, dass er sich am Netz von Hausdach zu Hausdach schwingt.

sfbasar: Dann mal eine Frage zu Handlungssträngen. Ein Superheld stirbt und die ganze Fangemeinde ist entsetzt. Logisch, dass der Held in einer der nächsten Ausgaben auf wundersame Weise wieder auftaucht, unverändert, geläutert, ins Gegenteil verkehrt, was auch immer. Aber er kehrt wieder. Wie oft lässt sich das wiederholen, bis es unglaubwürdig wird. Bis selbst Fans abwinken und sich anderen Helden zuwenden?
SV: Vermutlich nie. Die Fans wollen ja gar nicht, dass ihr Held stirbt. Aber er muss sich wandeln und ändern, damit man immer wieder neue Geschichten mit ihm erzählen kann. Genaugenommen sind Helden-Epen ja nichts anderes als Soaps mit Action.

sfbasar: Ähnlich befürchte ich dies bei Cross-Overn, also Auftritten von Helden in anderen Serien. Das Batman und Superman sich kennen, ist eine alte Sache. Und die Verquickung von Iron Man, Wolverine, Thor, Captain America und Konsorten zu den Avengers hat ja auch den Sprung in die Kinos geschafft. Haben Sie – oder die Zeichner, Verlage und Filmemacher in USA und anderswo – nicht Angst, dass sich das alles zu einem Brei vermanscht, den evtl. recht bald keiner mehr sehen will?
SV: Kaum. Wer in einer WG lebt, muss sich irgendwann begegnen und dann entweder etwas miteinander machen oder gegeneinander. Ob die WG da eine Studentenbude oder ein Universum ist, spielt keine Rolle … Aber es bietet immer Ansätze für neue Geschichten.

sfbasar: Brandaktuell wird in der Panini-Vorschau # 43 (Mai/Juni 2012) ein Relaunch des kompletten DC-Universums als DAS Sensations-Ereignis des Jahres behandelt. Ist das eine Konsequenz aus dem in der vorigen Frage angesprochenen Handlungschaos? Alles neu macht der Mai? Zurück auf Anfang? Konkret: Versprechen sich die Comic-Schöpfer dadurch nur neue Kundschaft oder ist wirklich mit neuen – und übersichtlicheren – Geschichten zu rechnen?
SV: Der Trend ging in den letzten Jahren tatsächlich zu immer komplexeren Geschichten, die immer nerdiger wurden und nur noch von wenigen Fans durchblickt werden konnten. Allerdings hatte sich die Fangemeinde da auch ein wenig isoliert. Dank der zahlreichen guten Verfilmungen hat sich die Leserschaft inzwischen wieder breiter aufgestellt, viele interessieren sich wieder stärker für die Superhelden. Dem trägt der Relaunch Rechnung, indem er Möglichkeiten für Neueinsteiger in die Geschichten bietet. Außerdem wurden die Helden optisch leicht überarbeitet, um zeitgemäßer zu sein und die Kreativen können ihre Geschichten losgelöst von alten Bürden erzählen, was zu wirklich erfrischenden Storylines geführt hat.

sfbasar: Die Synergie-Effekte von Buch/Film/Game/Comic sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden und sicher will sie niemand mehr missen. Ich habe aber den Eindruck, dass gerade hier die 2. oder 3. Garde an Autoren mehr gequält eine Handlung zusammenstrickt, als eine wirklich spannende Story zu erzählen. Stecken die in dem Dilemma fest, dass sie sich an die oft dürren Handlungen von Baller-Spielen halten wollen oder müssen? Ein Fan wird doch akzeptieren, dass die Szene aus dem Spiel stammt, die Story aber eine eigene – und eben möglicherweise fantastischere und spannendere – Geschichte erzählt, als es das Baller-Originial je vermocht hätte.
SV: Die Frage erscheint mir reichlich konstruiert, um die Qualität der Geschichten generell herabzuwürdigen. Das ist sicher nicht der Fall. Es gibt wie in jedem Medium natürlich bessere und schlechtere Storys – dass nun aber Medien übergreifende Geschichten per se schlechter sein sollen, ist soweit ich das beurteilen kann nicht richtig.

sfbasar: Moderne TV-Serien wie LOST, Fringe, sogar 24, die Endlos-Serie Stargate, leiden m. M. nach darunter, dass sie zu keinem Ende kommen. Es ist für Zuschauer schlichtweg unbefriedigend, wenn eine anfangs spannende Serie sich nicht auf irgendeine Art und Weise auflöst, erfüllt. Die Erscheinungsperioden von einer Sendung wöchentlich deckt sich einigermaßen mit dem Erscheinungsmodus von gleichartigen Comicserien. Hier die angepeilte Kundschaft bei der Stange zu halten, wird in Zeiten massenhafter Veröffentlichungen immer schwieriger. Z. B. hat man bei „Game of thrones“ zu dem Trick gegriffen, alle 10 Folgen der ersten Staffel an einem Wochenende zu bringen. Verlage lösen dieses Problem manchmal mit dem gleichzeitigen oder sehr raschen Erscheinen einer Trilogie oder Miniserie. Liegt hier eine Chance, verlorenes Publikum zu einem überschaubaren Kauf zu animieren?
SV: Die Veröffentlichungsart hat in Deutschland eher etwas mit den Vertriebswegen und Verkaufskoordination zu tun. Außerdem ist hierzulande das Tradepaper-Format (gerne auch als Sammelband bezeichnet) die beliebteste Comic-Art bei den Lesern, das hat sich über die Jahre so entwickelt, und die enthält eh schon mehrere Teile einer Serie.

sfbasar: Die Tricktechnik in Filmen ist mittlerweile so fantastisch, dass alles, was sich ein Kreativer vorstellen kann, auch filmisch realisiert werden kann. Bei Zeichnungen – ja, wirklichen Comic-Kunstwerken – war dies schon immer der Fall. Trotzdem erschlägt einen sowohl im Film als auch im Comic das Bild. Die Handlung und eine gute und nachvollziehbare Geschichte scheint immer mehr in den Hintergrund zu treten. Oft ist man geplättet vom Bilderrausch und fühlt sich trotzdem hinterher leer und ausgelaugt. Wie läuft aus ihrer Erfahrung die Zusammenarbeit von Zeichner und Texter? Diskutieren die vorher einen Plot, die Handlung, verschiedene Handlungsstränge, ein Auf und Ab der Story? Oder malt einer drauflos und hofft, dass jemand daraus eine Story strickt?
SV: Die in der Frage enthaltene Kritik kann ich so nicht teilen und ist wieder enorm generalisierend. Sicher ist aber, dass sich die Kreativen im Comic-Business sehr genau und viel absprechen, zumindest soweit ich das kennenlernen dürfte.

sfbasar: Jetzt mal eine Frage, die Ihnen vielleicht nicht gefallen wird: Seit einigen Jahren wird ein Gratis-Comic-Tag veranstaltet. Mit 30 angekündigten Titeln! Ich bin sicher kein Schmarotzer und habe mich gewundert, wie sich die Verlage so etwas leisten können. Ich habe letztes Jahr einen teilnehmenden Comicladen besucht und mir die angebotenen Hefte angesehen … und war maßlos enttäuscht. Anstelle irgendeines kompletten Heftes (auf ein Album hatte ich ja gar nicht gehofft oder es erwartet) fand ich kleine dünne Heftchen vor, die mehr oder weniger erweiterte Werbeprospekte waren. Der Inhalt hatte mitunter einige gute Seiten, trotzdem war es eben nicht mit den üblichen Heften und Alben vergleichbar. Warum macht man sich diese Mühe, enttäuscht manche Kunden und gibt nicht – sagen wir mal – unverkaufte, ältere  Exemplare als Gratis-Heft aus? Meinetwegen pro Kunde nur 1 Exemplar. Das wäre doch fair und sie würden sich die Druckkosten diese Extraheftchen sparen.
SV: Der Gratis-Comic-Tag ist eine Promotion-Aktion der Verlage für den Handel und für die Szene. Dabei geht es auch um die Vorstellung neuer Themen und darum, durch ein konzertiertes Event den Zulauf zu den Comic-Shops anzukurbeln. Das Ganze ist sehr erfolgreich und hat bisher fast nur positive Reaktionen von allen Seiten, insbesondere der Fans hervorgebracht, sonst hätte man den GCT nicht weitergemacht. Aber natürlich kann man es niemals allen recht machen.

sfbasar: Wie stehen Sie, bzw. der Panini-Verlag zur aktuellen Internet-Diskussion um ausgehebelte Urheberrechte und kostenlosen Zugang zu allem? Wenn die Kreativen nicht für ihre Arbeit bezahlt werden, wird es bald keine Kreativen mehr geben; sie werden verhungern. Oder sehen Sie das ganz anders?
SV: Leider wurde das Internet zu Beginn als „Free Content“-Plattform aufgebaut. Daher ist es für die User sehr schwer, sich an Bezahlsysteme zu gewöhnen. Trotzdem vertreten wir natürlich den Standpunkt, dass man für eine erbrachte Leistung auch im Net entlohnt werden sollte. Dabei darf aber die generelle Freiheit im Internet aber nicht beschnitten werden. Es geht nun darum, die Fans nach und nach umzugewöhnen und funktionierende Bezahl- und Sicherungssysteme für die Inhalte zu entwickeln. Staatlich verordnete Verbote und Beschneidungen, die viel zu leicht zu einer generellen Kontrolle führen, sind nach meiner Ansicht der falsche Weg.  

sfbasar: Konkret: Gibt es in Ihrem Genre Comic illegale Internet-Nutzung, Missbrauch und Verbreitung, die Sie rechtlich verfolgen?
SV: Es gibt einzelne Fälle, aber keinen der uns betrifft. Die Comic-Branche allgemein ist davon bislang noch weitestgehend verschont. Zum einen wohl, weil bei der Fangemeinde der Sammelwunsch recht hoch ist, zum anderen gibt einem ein eingescannter Comic nur wenig Lesefreude. Das ist schon anders als bei anderen Medien.

sfbasar: Wie sehen Sie die Zukunft des gedruckten Comics? Interaktive Hefte á la Harry-Potter-Zeitungen mit bewegten Bildern? Oder elektronische Bücher, also E-Books? Überhaupt: Ein E-Book kann ich ohne rechtliche Probleme nicht weiterverkaufen, noch nicht einmal auf einem Trödelmarkt; ein gedrucktes Heft oder Album schon. Geht mein E-Reader kaputt, geht jeglicher Inhalt verloren und ich müsste mir alle meine Comic-Alben neu kaufen. Wer tut sich das ernsthaft an? Ist das wirklich die Zukunft?
SV: Es gibt für Comics noch wenig wirklich gute „Reader“ … um einen Comic richtig genießen zu können, muss man seine eigene Lesegeschwindigkeit haben. Das funktioniert bislang eigentlich nur, wenn man den Comic in der Hand hält und blättern kann. Aber die technische Entwicklung geht weiter und es wird immer mehr e-Comics geben und auch Weiterentwicklungen, die Zwischendinge zwischen klassischem Comic und Animation sind, speziell fürs Net. Und auch die Fangemeinde für digitale Comics wird wachsen, da gibt es keine Zweifel. Persönlich glaube ich aber, dass im Comic-Genre eine funktionierende Koexistenz von Print und Digital möglich ist, sich vielleicht sogar Synergien ergeben. Ansätze dafür gibt es bereits, aber man muss abwarten, was sich da in den nächsten Jahren tut.

sfbasar: Herr Volkmer, herzlichen Dank für Ihre sehr aufschlussreichen Antworten. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft viel Erfolg und alles Gute.
SV: Gerne. Danke.

Copyright © 2012 by Werner Karl und Steffen Volkmer

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Brigitte Pons – interviewt von Iris Gasper

Erstellt von Galaxykarl am 13. Januar 2012

Interview mit Brigitte Pons

sfbasar: Liebe Brigitte Pons, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Zum Einstieg würde es mich interessieren zu erfahren wie du überhaupt zum Schreiben gekommen bist und welche Hürden zu überwinden waren um einen Verlag für eine Veröffentlichung zu finden.
Brigitte Pons: Zum Schreiben kam ich durch meine Einschulung (lächelt) oder zumindest nicht lange danach. Meine Phantasie war schon immer mächtig, ich las was ich kriegen konnte und ich liebte Schreibaufgaben in der Schule. Aufsätze, Referate – das war mein Ding! Auch damals hat mich oft die Recherche begeistert.  Eine Zeit lang schrieb ich Gedichte – es gruselt mich heute noch, wenn ich eines davon wieder finde. Mein Talent liegt offenkundig nicht im Bereich der Lyrik (lächelt) und glücklicherweise habe ich den Versuch auch weitgehend beendet. Mein Traum war immer der eigene Roman. Einige Jahre trat, durch das ganz normale Leben, der Wunsch zu Schreiben in den Hintergrund. Dann entdeckte ich ein angefangenes Manuskript im Schrank und mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte endlich etwas zu Ende bringen. Die Verlage haben darüber nicht mal gelacht, die meistens gar nicht erst geantwortet. Genau wie bei meinem zweiten Projekt, einem Entwicklungsroman mit über siebenhundert Seiten. Ich lernte. Wie man Niederlagen einsteckt, wie man Exposés schreibt und Kurzgeschichten. In der Hoffnung, mir auf diesem Sektor ein bisschen „Ruhm“ erarbeiten zu können, stürzte ich mich an die Kurzform. Ich, die ich nie etwas anderes als megadicke Wälzer produzieren wollte! Aber in gewisser Weise hat es funktioniert. Durch die „Kurzen“ kamen die ersten Lesungen und Veröffentlichungen, ich verfeinerte meinen Stil und übte mich im weglassen überflüssiger Worte. Parallel dazu entstand „Ich bin ein Mörder“. Und dann ging das Absagensammeln weiter. Der Markt ist hart, die Verlage setzen auf Bewährtes. Nach einem Jahr gab ich auf, um nach einem weiteren Jahr, nach dem Hinweis, dass der Sutton-Verlag tatsächlich Krimi-Manuskripte von „No-Names“ sucht, einen letzten Anlauf zu starten. Und ich wurde belohnt. Die Hürden waren also vielfältig. Nichts geht ohne lern- und leidensfähig zu sein, ohne Geduld, Hartnäckigkeit und ein gerüttelt Maß an Starrsinn.

sfbasar: Bei deinem Debütroman „Ich bin ein Mörder“ handelt es sich um einen Kriminalroman. Ist dies das Genre in welchem wir zukünftig noch mehr Bücher von dir erwarten dürfen oder bist du da völlig offen?
Brigitte Pons: Obwohl ich ein friedfertiger Mensch bin, schaffe ich es nur selten beim Schreiben ohne Leichen auszukommen. Die nächsten Projekte sind also ebenfalls Kriminalromane. Wobei ich mich eigentlich gar nicht so gerne auf ein Genre festlegen lasse. Nur leider fordern Verlage, Buchhändler, oder sagen wir das, was man allgemein den „Markt“ nennt, genau das: eine eindeutige Zuordnung in eine Genreschublade. Bei Kurzgeschichten ist es leichter die Grenzen zu sprengen, aber Kurzgeschichten an sich sind ja sowieso eher „Nischenprodukte“.
Insgesamt gesehen halte ich es, was Prognosen betrifft, mit James Bond: „Sag niemals nie.“ Oder auch mit Tobias Stockmann, der mal sagte: „Deine Zukunft ist noch offen.“

sfbasar: Im Buch geht es um einen Schriftsteller, der von sich behauptet selbst ein Mörder zu sein und die Taten, die er in seinen Büchern beschreibt, selbst begangen zu haben. Wie kommt man auf eine solche Idee und steckt auch etwas von dir selbst in deinem Protagonisten Tobias Stockmann?
Brigitte Pons: Meistens kann ich gar nicht so genau sagen, woher eine Idee kommt. In diesem Fall ist das etwas anders. Da kamen einige Faktoren zusammen. Der erste Ansatz war die Frage, ob ich aus der Sicht eines Mörders schreiben könnte. Wie weit ich in der Lage wäre, mich in seine Denkweise hineinzuversetzen. Dann folgte die Überlegung, wieso jemand überhaupt zum Mörder wird. Ich hätte mich ganz sicher nicht auf jeden Mörder in dieser Form einlassen können. Ursprünglich war es nämlich meine Absicht, tatsächlich den ganzen Roman aus seiner Sicht zu schreiben. Rückblickend stimmt mich das schon fast bedenklich, für welche Art Mörder ich mich entschieden habe. Vielleicht sagt das mehr über mich aus, als mir lieb sein kann. Wer weiß? Ich habe definitiv ein Faible für Menschen mit außergewöhnlichen und vielleicht verqueren Denkmustern und eben auch für Autoren (die Schnittmengen sind beachtlich). Daher war der Gedanke einen Autor zum möglichen Mörder zu machen nahe liegend und die Verarbeitung der Morde im Roman auch. Genau genommen ist es ja noch komplizierter – doppelt verschachtelt. Denn Tobias Stockmann sagt nie von sich, dass er ein Mörder ist! Es ist nur der Mörder in seinem Roman, der als Schriftsteller über seine Morde schreibt … Wir haben es hier also noch mit einer zusätzlichen Ebene zu tun. Manchmal wird mir selbst schwindelig, wenn ich drüber nachdenke.
Die Frage „Wie viel vom Autor steckt im Buch“ hat sich sicher fast jeder Leser schon mal gestellt. Ich habe sie hier nur auf die Spitze getrieben.
Wenn ich zum zweiten Teil der Frage Tobias Stockmann zitieren darf, dann mit folgender Aussage: „Ja, es verbindet mich vieles mit meinem Mörder. […] Ein Schriftsteller gibt immer einen Teil seiner selbst, wenn er schreibt.“
Auch wenn man sich große Mühe gibt eigenständige Figuren zu erschaffen, kann man es kaum vermeiden, sich selbst mit einzubringen. Wobei nicht jede Person in gleichem Maße „Autoren-Ego“ enthält – und dieses witzigerweise oft an Stellen vermutet wird, wo es nicht zu finden ist. Ich gebe zu, dass viele der doch streitbaren Überlegungen Tobias Stockmanns mich selbst faszinieren und ich mich regelrecht in einen Rausch formuliert habe. Dennoch ist es nicht meine persönliche Überzeugung, die hinter seinen Worten steckt. Unsere sehr intime Verbindung erklärt sich in der Frage zu Friedrich Dürrenmatt.

sfbasar: Friedrich Dürrenmatt spielt eine große Rolle in deiner Geschichte. Hast du eine besondere Beziehung zu diesem Schriftsteller?
Brigitte Pons: Allerdings. Auch hier könnte ich Tobias zitieren. Denn tatsächlich ist Dürrenmatt die engste Verbindung zwischen ihm und mir. Im Jahr 1986 legte ich meine mündliche Abiturprüfung im Fach Deutsch über das Werk Friedrich Dürrenmatts ab – genau wie er. Ein Vergleich der Romane „Der Richter und sein Henker“ und „Der Verdacht“. Eine Lektüre mit Spätfolgen, wie man sieht. Ich mochte die Bücher nicht wirklich, habe sie in meinem Kopf als schwarz-weiß Film gesehen (was mich wiederum mit Mischa verbindet), aber die Hintergedanken, die Kunstkniffe, die Frage nach dem „perfekten Verbrechen“, der Gedanke des Nihilismus haben mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Bis heute. Meine Deutschlehrerin fand diese Entwicklung im Übrigen höchst amüsant. Ich habe mich rund zwanzig Jahre nach dem Abitur auf die Suche nach ihr gemacht, als ich den Vertrag für das Buch in der Tasche hatte. Sie hat es gelesen – und sie redet immer noch mit mir.

sfbasar: „Ich bin ein Mörder“ ist ja in gewisser Weise auch ein Regionalkrimi. Er spielt in Frankfurt und wer sich dort auskennt oder dort lebt, wird sicherlich viele Ecken im Buch wieder entdecken. Wie regional empfindest du persönlich deinen Krimi?
Brigitte Pons: Prinzipiell bin ich kein hundertprozentiger Freund von Regio-Krimis und eigentlich bin ich mit der Einordnung meines Buches in diese Sparte auch nicht ganz glücklich. Natürlich steckt viel Frankfurt im Buch und ja, es gibt Ecken mit Wiedererkennungseffekt – aber das halte ich für normal bei jeder Geschichte, die in einer realen Stadt angesiedelt ist. Ein paar kleine „Insider“-Hinweise sind natürlich zu finden. Aber ich habe versucht die Balance zu halten und nur dann stärker auf die Umgebung einzugehen, wenn es sich aus dem Kontext ergibt und nicht „auf-Teufel-komm-raus“ Stadthistorie und Besichtigungstouren einzubauen. Das sind Passagen, die ich selbst als Leser schon mal gerne überspringe. Meine persönliche Nähe zu Frankfurt war ausschlaggebend dafür, die Geschichte dort anzusiedeln, weil es die Recherche einfach macht. Die besondere bauliche Konstellation mit den Brücken über den Main, den passenden Reviergrenzen und die Verbindung der Stadt zu Goethe haben mich inspiriert und den Roman geprägt. Wäre eine andere Stadt Ausgangspunkt gewesen – wer weiß, wie meine Figuren sich dann verhalten hätten?

sfbasar: Du bist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern. Was habe ich mir als Leser unter diesem Netzwerk vorzustellen und wie hilft dir deine Mitgliedschaft dort beim Schreiben?
Brigitte Pons: Die „Mörderischen Schwestern“ sind sehr unterschiedliche Menschen, die mindestens zwei Dinge verbinden: Sie sind weiblich und sie lieben Krimis! Und genau darum geht es: Um die Förderung des deutschsprachigen – von Frauen geschriebenen – Krimis. Was trocken klingt, aber nicht ist. Das Netzwerk bietet den Austausch zwischen Fachleute und Laien, Anfängern und Fortgeschrittenen, Autoren, Lesern, Buchhändlern, Verlegern, Ärzten, Juristen, Psychologen … die sich unabhängig machen von der allgemeinen Ellbogenmentalität und sich gegenseitig unterstützen. Sei es bei der Recherche, bei der Verlagssuche oder der Fortbildung. Wir geben einander Tipps zu Ausschreibungen, informieren über rechtliche Belange, veranstalten gemeinsam Lesungen, Seminare und schaffen gemeinsam mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Autorinnen und ihre Krimis. Und nicht zuletzt: Wir geben Halt bei Niederlagen und freuen uns miteinander über Erfolge!
„Ich bin ein Mörder“ ist noch vor meiner Zeit als Schwester entstanden, aber für ein neues Projekt habe ich mir Unterstützung geholt. Einige Schwestern haben eine aktuelle Romanrohfassung gegengelesen und mir wichtige Hinweise gegeben.

sfbasar: Wie gehst du vor, wenn du schreibst? Steht schon zu Beginn ein grobes Konzept fest oder schreibst du einfach drauf los?
Brigitte Pons: Das kann ich nicht so ohne weiteres eindeutig beantworten. Zu Anfang schrieb ich, nun ja, sagen wir mal freestyle (lächelt). Die Ideen kullerten aus meinem Kopf und ich textete wild drauflos – eine Szene vom Anfang, eine vom Ende, ein bisschen für den Mittelteil – bis mir die Puste ausging. Dann fing ich an zu sortieren. Natürlich hatte ich eine grobe, große Idee – aber die war eher vage irgendwo in meinem Bauch angesiedelt. Und nun musste ich die vielen Teile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.
Seit einiger Zeit versuche ich mich soweit selbst zu disziplinieren, dass ich in dem Moment, wenn die Ideen sprudeln, das Gesamtkonstrukt dahinter in Worte zu fassen versuche. Das ist manchmal sehr mühsam, weil ja der Schreibtrieb etwas ganz anderes von mir will. Aber es hilft später sehr bei der Umsetzung, damit man den berühmten „roten Faden“ nicht verliert.
Noch schlimmer ist es, seit ich einen Agenten habe, der jede Idee am liebsten sofort als Exposé und mit detaillierter Kapitelbeschreibung von mir haben will. Fertig durchdacht mit allen Kehrtwendungen und Verstrickungen. Ein bisschen ist das wie Folter – aber ich bin ihm wirklich auch dankbar dafür – schließlich lenkt er so mein kreatives Schreibchaos in einigermaßen geregelte Bahnen.

sfbasar: Hast du schon ein neues Buchprojekt in Planung oder Vorbereitung und darf der Leser mit einer Fortsetzung von „Ich bin ein Mörder“ rechnen?
Brigitte Pons: Nach dem Buch ist vor dem Buch! Wenn ich ehrlich bin, könnte es sofort weitergehen mit der nächsten Veröffentlichung. Ein Krimi ist zur Begutachtung unterwegs in der Verlagswelt, einer zur Hälfte fertig, ein Konzept geschrieben und nebenbei ist als skurriler Selbstversuch (In-achtzig-Tagen-zum-Manuskript) ein schräger Frauenroman entstanden, der auf seinen großen Tag wartet. Und der dicke Entwicklungsroman aus meinen Anfängen, will auch noch irgendwann an die Öffentlichkeit.
Ob es einen weiteren Roman mit den Protagonisten aus „Ich bin ein Mörder“ geben wird, weiß ich noch nicht. Die Story müsste mich schon mit Macht überfallen und ein Kracher sein. Einen müden zweiten Aufguss wird es nicht geben, dass will ich niemandem zumuten. Weder mir, noch den Lesern – oder meinen Figuren, dazu liebe ich sie viel zu sehr.

sfbasar: Zum Abschluss möchte ich dich bitten, die folgenden Satzanfänge zu ergänzen:

Buchstaben sind … ungeschriebene Worte.
Worte sind … ungeschriebene Geschichten
Bücher sind … im besten Fall Freunde, die uns bewegen und lange begleiten.

Copyright © 2012 by Brigitte Pons und Iris Gasper

Rezension des Buches auf www.buchrezicenter.de

http://buchrezicenter.filmbesprechungen.de/genres/krimi/ich-bin-ein-morder/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Weitere Infos über: www.facebook.com/BrigittePons.Autorenseite
Kontakt: brigittepons@web.de

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Klaus Müller – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 15. Dezember 2011

Interview mit Klaus Müller

sfbasar: Herr Müller, leider gibt es in Deutschland sehr viele Männer mit gleichlautendem Namen, was mir die Recherche für dieses Interview nicht gerade leicht gemacht hat. Auch auf der Verlagsseite findet sich eine nur sehr spärliche Vita von Ihnen. Welcher Mensch steckt hinter (diesem) Klaus Müller?
KM: Zum Glück gibt es nur Männer und nicht auch noch Frauen mit diesem Namen! Manchmal kommt es mir fast so vor. Hinter mir steckt eigentlich gar nicht so viel, eher davor. Ich trage mein Anliegen, die menschliche Verkörperung der sozialen Marktwirtschaft geradezu wie ein Banner vor mir her. Daneben bin ich ein Familienmensch, der allerdings als ehemaliger Anwalt und Autor geistig so oft in eigenen Dimensionen unterwegs ist, dass meine Frau gelegentlich in Versuchung gerät, mich als verheirateten Single wahrzunehmen. Tatsächlich gestaltet es sich nicht einfach, in realen und fiktionalen Welten gleichermaßen zu funktionieren, eine Last, die letzten Endes auch meine Kinder austarieren müssen.

sfbasar: Den wenigen Daten kann man entnehmen, dass Sie gelernter Jurist sind und in entsprechenden Fachzeitschriften Rezensionen veröffentlicht haben oder noch tun. Welche Themen interessieren Sie hier besonders?
KM: Mein Themenschwerpunkt als aktiver Anwalt war immer das Handels-, Wirtschafts- und Gesellschaftsrecht mit dem Schwerpunkt auf dem Recht der Kapitalgesellschaften. Im Strafrechtlichen haben mich immer die besondere Intelligenz hinter bestimmten Vermögensstraftaten sowie die menschlichen Motive hinter Kapitalverbrechen interessiert.

sfbasar: Jedes anspruchsvolle Wirtschaftsunternehmen beschäftigt eigene Juristen oder arbeitet mit Fachkanzleien zusammen. Wie sieht Ihr Tagesablauf aus und welche Bandbreite an Aufgaben müssen/dürfen Sie hier bewältigen?
KM: Inzwischen habe ich mich ja aufs Schreiben verlegt. Aber bis dahin war mein Job der eines geschäftsführenden Seniorpartners einer kooperationspartnerschaftlich verzweigten Rechtsanwaltssozietät in Zusammenarbeit mit vorwiegend kapitalgesellschaftlich organisierten Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern. Der Seniorpartner vertritt seine Organisation vorwiegend nach außen, regelt die Zusammenarbeit der Beteiligten und ermittelt in Zusammenarbeit mit ihnen die Richtlinien, nach denen die Kanzlei vorgeht. Dazu gehörte auch die tägliche Konferenz der Partner, in der über den Stand der Dinge unterrichtet, diverse Probleme erörtert und Strategien „ausbaldowert“ werden. Ansonsten hat er – im besten Falle – das letzte Wort und ein besonderes Veto.

sfbasar: Neben dem aktuellen Buch „Deutschland – Deppenland?!“ sind Sie Autor weiterer Bücher. Leider konnte auch hier das angeblich allwissende Internet keine gesichert auf Sie zurückführenden Titel aufzeigen. Wie lauten die Titel Ihrer Bücher und welche Themen behandeln Sie in ihnen? Sind es ausschließlich Sachbücher?
KM: Nein. Allerdings sind meine zuletzt im MEDU Verlag erschienenen Titel „Deutschland – Deppenland?!“ und „Die verkaufte Generation“ so etwas wie populistische Sachbücher, die neben der Faktenlage auch eigene Analysen, Meinungen und Befindlichkeiten wiedergeben. Ganz wie im richtigen Leben! Daneben befasse ich mich mit philosophisch angehauchten Themen, diversen Romanen, und allen möglichen weiteren Themengebieten bis hin zu reinen Spaßbüchern.

sfbasar: Nun sind Sachbücher per se nicht unbedingt Bestseller, wenn man einmal von Sarazzins letztem – und wie ich meine schrecklichem – Erguss absieht und auch Reiseführer und Kochbücher ausklammert. Zusätzlich ist Sachpolitik und Selbstkritik nicht jedermanns Sache. War es schwer, für fast 500 Seiten geballte Kritik einen Verlag zu finden?
KM: Erdenklich schwer, da viele Lektoren sich insgeheim zu Höherem berufen fühlen, insbesondere zum Kritiker. Der Wunsch alleine vermag indes die Sachkompetenz nicht zu ersetzen. Besondere Bedeutung in Sachen Erschwernis kam dabei der Selbstbetroffenheit der Lektoren zu, die sich an manchen Stellen selbst übel auf den Schlips getreten fühlten.

sfbasar: Nun wirft man uns Deutschen ja fast weltweit vor, wie seien die ewigen Nörgler und Jammerer. Und tatsächlich möchte man manchmal gut bezahlten Leuten entgegnen, dass sie auf hohem Niveau leben und trotzdem unzufrieden sind. Das Prinzip Prinzessin-auf-der-Erbse. Stimmen Sie diesem Vorurteil zu?
KM: Eine „blonde“ Prinzessin hätte es vielleicht nicht einmal bemerkt, aber schon rein mathematisch geht für viele die monatliche Rechnung nicht auf. Was nützt es, wenn man keine schmutzige Kohle mehr schleppen muss, aber die tolle Gasheizung nicht mehr bezahlen kann? Nicht das Anspruchdenken der Einzelnen an den Lebensstandard ist gewachsen, sondern die finanziellen Ansprüche, die an ihn gestellt werden. Von der Bildung über die Computerisierung bis hin zur Arbeitsplatzmobilität. Für viele Bürger in unserer Gesellschaft ist die Teilhabe daran alles längst unbezahlbar geworden. Und es trifft, von einigen Ausnahmen abgesehen, fast alle, nicht nur die Armen, auch die heutige Mittelschicht. Vor vier Dekaden musste man das 17-fache eines Durchschnittseinkommens erwirtschaften, um dem Einkommenssteuer-Höchstsatz zu unterfallen, heutzutage reicht das 2,5-fache.

sfbasar: Natürlich darf man Korruption, Misswirtschaft, Klüngelei und dergleichen Dinge mehr nicht kleinreden und schon gar nicht ignorieren. Und Sie zeigen ja nicht nur Mängel auf, sondern bieten auch Lösungsvorschläge an. Glauben Sie, dass aus der Riege der Verantwortlichen sich jemand auch nur einen einzigen Ihrer Punkte zu Herzen nimmt?
KM: Privat weiß jeder, was er verbricht. Aber jeder ist in diesem aktiven Verdrängungsprozess sich selbst der Nächste und jeder macht mit im Spiel gegen die Angst. So ähnlich hatten wir das ja schon einmal … Egal, ob in Versicherungen oder Banken, in der Werbung oder in all den Callcentern, ob in der Politik oder der Verwaltung. Jeder bescheißt so gut er kann, entweder direkt für sich oder über den Arbeits- oder Auftraggeber indirekt für sich.

sfbasar: Nun bearbeiten Sie in „Deutschland – Deppenland?!“ mehr oder weniger alles: Politik, Wirtschaft, Militär, Religion. Woher haben Sie die dafür zugrunde liegenden Daten? Aus den Medien? Aus Studien?
KM: Aus Medien, Studien und öffentlichen Statistiken, aus der Gegenüberstellung und Zuordnung dieser Daten, vor allem aber aus anwaltlicher Erfahrung und dem Abgleich des Individuellen mit dem Kollektiven.

sfbasar: Es fällt auf, dass Sie keinerlei Tabellen, Zahlen, Fakten aufführen. Fürchten Sie nicht den Vorwurf, dass Sie dieses oder jenes nur behaupten und nicht belegen können? Wiegt gesunder Menschenverstand Tonnen von – vielleicht absichtlich verwirrendem Zahlenmaterial – auf?
KM: Einer alten Weisheit zufolge sollte man keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefälscht hat. So halte ich es auch. Es geht in der Tat um den gesunden Menschenverstand und damit um das Tendenzielle und nicht um Absoluta. Jeder weiß es, und jeder, der Zahlenspielchen verlangt, hat bereits seine eigenen Fälschungen in der Tasche. Es geht um Gier, nicht um Zahlen. Und ob sie nun von zehn oder zwölf Autos überrollt worden ist, ist für die Leiche auch schon egal.

sfbasar: Ich unterstelle Ihnen ein gerüttelt Maß an hoher Allgemeinbildung, sensibler Aufmerksamkeit und den Scharfsinn, Dinge zu hinterfragen. Aber wie schreibt man so ein Buch? Hat Sie hier die Wut gepackt und Sie haben sich all Ihren Ärger, evtl. auch Frust und Angst von der Seele geschrieben?
KM: Natürlich hat mich die Wut gepackt. Ich habe nicht gerade Schaum vor dem Mund, aber was die deutsche Politik ihren Bürgern zumutet, das ist schon ungeheuerlich. Die Fehler, die „oben“ allüberall täglich fabriziert werden, müssen die ganz „unten“, jeder für sich alleine, Tag für Tag ausbaden. Um die Größenordnung klar zu machen: Circa 90 Prozent der Deutschen weist keine positive Vermögensbilanz aus. Das ist doch mal eine Hausnummer, oder? Als Wirtschaftsanwalt bin ich eigentlich angetreten, um den Kapitalismus und die soziale Marktwirtschaft im Volk zu unterstützen, aber nicht, um ein Unternehmen nach dem anderen abzuwickeln. Aber die Ordnung in diesem Lande sieht vor, dass derjenige, der sich gegenüber seiner eigenen Volkswirtschaft fair verhält, zwangsläufig untergehen muss.

sfbasar: Im Untertitel steht der Hinweis: „… im Lande der Dichter und Denker“. Wenn man Ihr Buch gelesen hat, täglich Nachrichten hört und aus der PISA-Studie erfährt, dass im Durchschnitt jeder Deutsche nur 2,5 Bücher pro Jahr liest, könnte man tatsächlich verzweifeln. Es scheint so, dass immer weniger Menschen wirklich über die Dinge um sie herum nachdenken. Fühlen Sie sich hier einsam und hoffen auf ein kleines Schärflein Mitstreiter?
KM: Die Versäumnisse der Schüler sind in Wahrheit Versäumnisse der Lehrer – sie zeigen sich eben nur bei den Schülern. Und das Verschulden der Erwachsenen ist wohl auch ihrer täglichen Existenzangst zuzuschreiben, der sie mit Verdrängung und Resignation statt mit Aufarbeitung begegnen. Trotzdem bin ich natürlich über jede einzelne Person froh, die sich möglichst unvoreingenommen dem Wohl unseres Landes und seiner Bürger widmet. Leider stellen sie zumeist ihre Fähigkeiten in den Dienst einer Organisation, innerhalb derer sie auf ein schnelles Emporkommen hoffen und so selbst anfällig für „Nettigkeiten“ werden. Ich selbst bin weder Vereinsmeier noch everybodies darling. Als überparteilicher, aber parteiischer Zeitzeuge lasse ich mich – trotz zahlreicher Anfragen – auch vor keinen parteipolitischen Karren spannen. Natürlich hat man mehr Feinde als Fans, wenn man sich in verschiedenen Gebieten mit seiner Kritik austobt und jeder irgendwann mit seinen spezifischen Dummheiten an der Reihe ist. Es ist nun einmal so: Irgendwo trifft man jeden. Weil es einfach so ist, weil das ganze Land mitmacht. Allerdings kann ich nicht in die Rolle des Papstes schlüpfen, der hier zur Exkulpation schreitet, dafür ist es noch viel zu früh. Am Ende stehe ich also zumeist alleine da und ein paar lachende Freunde in der Sache würden mir ganz gut tun.

sfbasar: Wir existieren in einer schnelllebigen Zeit. Oft könnte man meinen, die Zeit rast und die Dinge – meistens die Negativen – überschlagen sich. Die amerikanische Immobilienblase wurde zur Wirtschaftskrise, die Versäumnisse der Vergangenheit, die eigenen Fehler und die unserer europäischen Nachbarn bescheren uns eine hammerharte Finanzkrise, die nicht nur den gesamten Euroraum erfasst, sondern sich wie ein Flächenbrand ausweitet. Müssten Sie nicht schon wieder ein neues Buch schreiben? Die fast täglichen Hiobsbotschaften sind schneller als jede Druckmaschine. Kommen wir mit dem Denken der Realität nicht mehr hinterher?
KM: Heutzutage wird Kompliziertheit mit Kompetenz, Bildung mit Intelligenz, Einfachheit mit Dummheit und Effektivität mit einem Mangel an Intellekt verwechselt. Was will man da erwarten? Im Übrigen haben wir weder eine Finanzkrise noch eine Eurokrise. Dem Euro ist das, was zur Zeit geschieht nämlich völlig egal. Wir haben nur eine Wirtschaftskrise, und zwar da, wo sie in Europa schon immer war. Warum? Weil man wirtschaftlich Äpfel mit Birnen vergleicht und die Birnen nun das Anspruchsdenken der Äpfel angenommen haben. Haben Sie je von irischen, portugiesischen oder griechischen Technik- oder Wirtschaftserfolgen gehört? Warum sollten die sich jetzt einstellen? Wenn die keine Küste, schönstes Urlaubswetter und Tourismus hätten, dann wären die nicht einmal auf der Landkarte. Und die Banken machen dank ihrer, von Lobbyisten eingebrachten, beabsichtigten Gesetzeslücken das Geschäft ihres Lebens. Früher hätte man die beteiligten Politiker samt Bankern wegen Hochverrats an die Wand gestellt. Ansonsten verhalten sie sich wie Kapitalisten. Ein Unternehmer darf zwar sozialistisch denken, muss aber unternehmerisch handeln. Ein Politiker in einem Sozialstaat muss unternehmerisch denken, aber sozialistisch handeln.

sfbasar: Ich bin wahrlich kein Angela-Merkel-Fan, aber ihre bis zu dieser Stunde (15.12.11) noch aktuelle Ablehnung von Euro-Bonds, nach Baroso jetzt „Stabilitäts-Bonds“, scheint mir wie ein vernünftiger Fels in der Brandung. Alle rennen uns Deutschen die Hütte ein und wollen uns in die (finanzielle) Verantwortung für die Schuldenberge der schwachen Euro-Länder nehmen. Was ist Ihre Meinung?
KM: Ich könnte mich totlachen. Erst koppelt man einen Haufen Schwachwährungsländer aneinander in der ebenso dummen wie trügerischen Hoffnung, daraus langfristig eine Starkwährung statt einer Blase zu konstruieren, und dann soll ausgerechnet der hiesige Steuerzahler die miesen wirtschaftlichen Ergebnisse der anderen „Währungspartner“ ausgleichen. Man könnte es fast für einen Scherz halten. Was machen wir denn, wenn sich im Strudel der Ereignisse unsere eigene Leistungskraft erschöpft? Dumm aus der Wäsche gucken?

sfbasar: In so manchen Nachrichten fällt der Passus: „… in der Realwirtschaft“. Ist die Finanzkrise nur ein virtuelles Drama? Aufgeblähte Giga-Umsätze und Gewinne? Spekulativer Unsinn? Warum lassen wir es dann als Volk zu? Sollten wir nicht wie die US-Amerikaner auch eine „Occupy“-Bewegung auf bundesdeutsche Straßen bringen?
KM: Die sogenannte Finanzkrise ist tatsächlich ein virtuelles Drama, allerdings mit verheerenden tatsächlichen Auswirkungen, weil sie ganz reale Zahlungspflichten an die ungefragt Mitwirkenden und regelmäßig Unterlegenen knüpft. Die Logik dahinter: Die Wetten sind mehr als zehn Mal so groß wie die dahinter stehende Realwirtschaft, also sind auch die Wettverluste – weil eben nichts in der gleichen Größenordnung geschaffen wird – so hoch. Klar, dass die Bürger verlieren und die Banken als Initiatoren des Spiels gewinnen. Als Volk lassen wir all diesen Unsinn nur indirekt über die Wahlen und das unperfekte Wahlsystem zu. Die bestechlichen Garanten des großangelegten Betruges sitzen jenseits der Fünfprozentklausel wegen unseres Verhältniswahlrechts immer in unseren Parlamenten, dito in Brüssel. Und die Banken beschäftigen ihre „eigenen!“ Rating-Agenturen nun nicht nur mit der Herabstufung der Unternehmen, sondern gleich ganzer Staaten, um ihre eigenen Zinssätze ins Unermessliche zu treiben – und mit einem fein austarierten System dank bezahlter Politiker die Steuerzahler dafür bluten zu lassen. DAS Geschäft des beginnenden 21. Jahrhunderts. Die „Occupy“-Bewegung ist ja auch längst hierzulande aktiv, ich selbst war nicht selten Gast bei „Occupy-Frankfurt“.

sfbasar: Wenn Sie eine Legislaturperiode Bundeskanzler oder wenigstens Finanzminister wären; welche konkreten Maßnahmen würden Sie veranlassen? Ich bitte um Stichpunkte.
KM: Es ist so erschreckend einfach, ich sehe es geradezu bildlich vor mir. Aber dafür muss man handlungsfähig sein. Zu allererst müsste ein Gesetz seitens des Parlamentes durchgewunken werden, dass die Verknüpfung öffentlicher Ämter mit der Privatwirtschaft unter absolut drakonische Strafen stellte. Und den Rest findet man dann in meinem neuen Sachbuch, welches sich genau mit diesem Thema befasst.

sfbasar: Schreiben Sie an einem neuen Buch? Vielleicht mit dem Titel: „Nach der Weltwirtschaftskrise – Alte Fehler oder neue Wege?“ (Sie dürfen mir gerne diesen Titel abkaufen, haha.)
KM: Womit wir beim o.g. Thema wären. Ja, ein neues Buch zu diesen Themata kommt definitiv. Ich würde den guten Titelvorschlag allerdings in „Nach der Wirtschaftskrise ist vor der Wirtschaftskrise“ umändern. Wobei ich mich in Sachen Weltwirtschaftskrise immer frage, wie man als Nation so dämlich sein kann, sein eigenes, noch dazu mit Steuergeldern gefördertes, technisches Know-how in asiatische Unrechtsstaaten mit Genickschuss-Praktiken für Regime-Gegner zu transferieren? Aber dazu später …

sfbasar: Herr Klaus Müller, ich danke Ihnen für Ihre interessanten Ausführungen und hoffe, dass sehr viele Menschen dieses Interview und Ihr Buch lesen werden. Und sich ihre eigenen Gedanken machen. Herzlichen Dank.
KM: Auch ich bedanke mich für diese recht intelligent gestellten Fragen und erkenne mit Freude, dass sich bereits ein kleines Schärflein Mitstreiter zu entwickeln beginnt.

Copyright © 2011 by Klaus Müller und Werner Karl


Klaus Müller
Deutschland – Deppenland?!
Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Irrungen und Wirrungen im Lande der Dichter und Denker

Medu-Verlag, 2010
Softcover
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang 492 Seiten
ISBN 978-3-941955-31-8
Titelbild: Dieter Schütz

www.medu-verlag.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Zum Autor (Verlagsinfo):

Klaus Müller, Jahrgang 1962, ist mit einer Juristin verheiratet, Vater von vier Kindern und lebt und arbeitet nach diversen Tätigkeiten in der freien Wirtschaft seit mehr als 15 Jahren in Frankfurt am Main. Neben seiner früheren Tätigkeit als Seniorpartner in einer im Wesentlichen auf Wirtschafts- und Scheidungsrecht ausgerichteten Rechtsanwaltskanzlei veröffentlichte er Rezensionen in juristischen Fachzeitschriften und ist Autor diverser Buchtitel.

Zum Buch:

Deppenland?! Um es kurz zu machen: Ja, definitiv. Und das bezieht sich nicht auf uns, das Volk – in dem es selbstredend und zweifellos auch genügend Deppen gibt. Aber hier bekommen Vertreter von Politik und Wirtschaft so richtig einen vor den Latz geknallt. Und zwar zu Recht!

Mein Lieblingskapitel VIII 2: „Der Techniktransfer ins Ausland“:
Ich habe selbst in meiner Branche mehrfach Beispiele für bodenlose Dummheit von Management erlebt. Ein Beispiel: Einer der Marktführer eines bestimmten Produktes (das Ich hier leider nicht nennen darf, sonst weiß jeder, was und welche Firma ich meine) hatte in Bayern eine florierende Auftragslage. Top Qualität zu einem gerechtfertigten Preis sicherten über 150 Mitarbeitern Lohn und Brot. Irgendwann Anfang der 80er Jahre verfiel die Firmenleitung auf die geniale Idee Kosten sparen zu wollen und verlegte einen Teil der Kunststoffproduktion in ein osteuropäisches Ausland. Klar, in den ersten Jahren Null Steuern, mickrige Grundstückspreise, Arbeitssicherheit völlig unbekannt und Sklavenlöhne. So wurde produziert. Dass man dazu auch jahrelang Techniker, Meister, Manager und Spezialisten hinüberschicken musste, um dort Tugenden wie Qualität, Effektivität, Termintreue einzuführen, wurde unter den Tisch gekehrt. Von Innovationsfähigkeit und umweltgerechter Produktion einmal ganz zu schweigen. Die Kosten für Reisen, Spesen und Arbeitsausfall in Deutschland für alle die genannten Fachleute wurden nicht in die neuen Produktionskosten einkalkuliert. Man rechnete sich selbst die Zahlen schön.

Bald erkannten die Neueuropäer, dass sie auch Rechte und Ansprüche hatten und die Lohnkosten stiegen. Um es kurz zu machen: Der Betrieb verlagerte in den Folgejahren die Produktion von einem Land in das nächste; immer weiter nach Osten, in immer vermeintlich billigere Länder, schließlich landete er wo? Natürlich in China.

Und jetzt wird´s richtig lustig. Die Chinesen lächelten und übernahmen die Kunststoffteileherstellung. Kurz darauf die saubere Entgratung, danach den Zusammenbau. Immer schön mithilfe der deutschen Fachleute. Nach Jahren wachsender Verlagerung von einem Prozessschritt nach dem anderen nach China fehlte nur noch die abschließende farbige Dekoration. Als auch die – und damit die komplette Herstellung – in China einigermaßen zufriedenstellend lief, passierte Folgendes: Die chinesischen „Partner“ legten dem größten Kunden des ursprünglichen Herstellers ein fertiges Produkt auf den Tisch und sagten, es koste die Hälfte des bisherigen Preises. Die Folge? Der deutsche Mutterbetrieb kämpfte mit drohender Insolvenz und musste ein Drittel der Belegschaft entlassen, nicht „freistellen“ (zum Kotzen das Wort). Und was glauben Sie, wie hat der Kunde reagiert? Na klar, er hat gekauft. Und zwar von den Chinesen!

Wir blöd sind Manager und Politiker, die solche Joint Ventures ermöglichen und um ihren eigenen kurzfristigen Vorteils (scheinbarer politischer Erfolg und Cash-in-die-eigene-Tasche) tagtäglich durchführen?

Fazit

Klaus Müller legt mit gnadenloser und absolut nachvollziehbarer Logik solchen – und anderen – Schwachsinn an vielen Stellen unserer Gesellschaft offen. Und das ohne unverständliche Anglizismen und verschleierndem Wirtschaftsgebabbel. Ein weiteres Müssen-Sie-lesen-Kapitel: VI 7: „Folter als Mittel der Gefahrenabwehr am Beispiel Daschner“

„Deutschland – Deppenland?!“ müsste Pflichtlektüre an allen Gymnasien, Hochschulen und Universitäten sein. Leider wird dies das Kultusministerium zu verhindern wissen. Aber Ihre Wahl dieses Buch zu lesen, kann es nicht verhindern. In vielen Ländern dieser Welt wäre so ein Buch unmöglich. Machen wir täglich drei Kreuze, dass wir bei aller Bemängelung unseres Staates in einer freien Gesellschaft, in einer der besten Demokratien leben können, die dies ermöglicht.

Einen der wenigen Punkte, in dem ich dem Autor nicht zustimmen kann, möchte ich hier nicht unerwähnt lassen. In Kapitel III 8 „Das Leid mit dem geheimen Wahlrecht“. Er stellt eine geheime Wahl gleich mit einer Heckenschützen-Mentalität. Jeder solle für die möglicherweise negativen Folgen seines Wahlverhaltens belangt werden können. Hier irrt er natürlich und beweist damit, dass auch er von Irrungen nicht gefeit ist. Er ist halt auch nur ein Mensch.

Trotzdem würde ich dieses Sachbuch jedem empfehlen, der den täglichen Blödsinn um sich herum beobachtet und am Verzweifeln ist. Sei beruhigt, Unbekannter, es gibt mehr Menschen als dich, die fähig sind, 1 und 1 zusammenzuzählen und sogar ein korrektes Ergebnis erhalten. Und sich nicht von täglichen Nebelkerzen unserer Politiker und Supermanagern eigenes Nachdenken verbieten lassen. Klaus Müller ist so ein Mensch.

Copyright © 2011 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

ZUM SFBASAR.DE-PREISRÄTSEL/GEWINNSPIEL: 5 x 1 (KOSTENLOSES!) EXEMPLAR: Klaus Müller – Deutschland – Deppenland?! Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Irrungen und Wirrungen im Lande der Dichter und Denker.

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Ralf Isau – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 24. Oktober 2011

Interview mit Ralf Isau

sfbasar: Schon während Ihrer Lehrzeit zum Datenverarbeitungs-Kaufmann haben Sie ein Sachbuch zur Programmiersprache COBOL und später Ihr erstes belletristisches Buch („Der Drache Gertrud“) für Ihre Tochter Mirjam geschrieben. Parallel dazu arbeiteten Sie an einem Werk, dass man heute als die „Neschan-Trilogie“ kennt und schätzt. Sind Sie ein Naturtalent oder Autodidakt?
RI: Vielleicht beides. Bei mir stand damals im Zeugnis von der ersten Klasse: „Beim bildnerischen Gestalten zeigte er fantasiereiche Einfälle.“ Also die Fantasie, die war schon sehr früh zu beobachten. „Bei dem jungen Schüler“ später standen dann in Aufsätzen so (Bemerkungen) wie etwa: „Du hast eine rege Fantasie.“ Also darin zeigte sich vielleicht das Naturtalent. Ich habe immer gerne Aufsätze geschrieben, das gehört ganz bestimmt auch dazu. Ja, das Schreiben hat sich im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt. Auch in meinem früheren Beruf durfte/musste/konnte ich viel schreiben. Natürlich (sind) Computerhandbücher nicht so spannend und ich wollt schon gerne für meine Tochter etwas Spannendes schreiben. Und so kam es dann, dass ich anfing die Geschichte zu schreiben.

sfbasar: Schreiben ist zu einem Teil Handwerk, zu anderen Teil Talent. Wie hat sich Ihre Schreibtechnik – vor allem in den ersten Jahren – verändert und inwieweit tut sie das auch heute noch?
RI: Na, da kommt jetzt der Autodidakt zum Tragen. Wenn man eine Geschichte abgibt beim Verlag, dann sollte ja ein Lektor da sein, der die Geschichte liest und Verbesserungsvorschläge macht. Und ich habe diese Verbesserungsvorschläge nie nur als Kritik an dem einzelnen Manuskript gesehen, sondern immer auch überlegt, was kannst du da jetzt mitnehmen, um dich zu verbessern in deinem Schreibstil. So hat sich das im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt und da ja wir in der Zeit auch voranschreiten – also die Leser mögen heute eher Stoffe, die schneller fließen, sag´ ich mal, die Handlung, die Sätze, sollten vielleicht etwas kürzer sein, als wie sie vor 15 Jahren noch waren. Also, man merkt im Leseverhalten auch ´ne gewisse Veränderung. Und wenn der Autor nicht zurückfallen will, dann muss er sich natürlich bis zu einem gewissen Grade auch anpassen. Insofern ist auch heute nach wie vor ein Lernprozess da. Wenn ich Worte sehe, die mir gefallen, dann versuche ich mir die zu merken und Wörter zu verwenden und auch auf diese Weise eben ständig dazuzulernen.

sfbasar: Bei einer Lesung Michael Endes im Jahr 1992 haben Sie ihm einen selbst gefertigten Prototyp von „Der Drache Gertrud“ überreicht und damit einen Volltreffer gelandet. Sowohl bei Herrn Ende als auch beim Thienemann-Verlag. War das Naivität oder Frechheit-siegt?
RI: Ja, vielleicht ein bisschen von Beidem. Also meine Frau hat ja damals gesagt, bevor wir zu der Lesung von Michael Ende gegangen sind: „Du, schenk dem doch den Drachen Gertrud.“ Ich hab dann natürlich den Mut aufbringen müssen, um auf den großen Kollegen zuzugehen; man hat ja auch Ehrfurcht vor so einem bekannten Namen und hab ihm das dann in die Hand gedrückt. Ich hab in dem Moment aber noch gar keine großen Hintergedanken gehabt, einfach weil mir seine Geschichten so gut gefallen haben und der Drache Gertrud so´n bisschen vom Tonfall her, den Jim-Knopf-Geschichten ähnelte, dachte ich, schenkst du ihm das. Ja, und dann der Rest der entwickelte sich dann einfach.

sfbasar: Vorherige Versuche, Ihren Erstling einem Verlag schmackhaft zu machen, endeten mit monotonen Ablehnungsschreiben. Wie gehen Sie mit Niederlagen um? Gibt es diese heute überhaupt noch für Sie? Haben Sie gedacht, dass der Text verkannt wird? Und haben Sie sich an Ihren Schreibtisch gesetzt und am Text gefeilt?
RI: Also, an dem Text gefeilt habe ich eigentlich nicht, weil ich dachte, der ist schon ganz gut so. Und ich war früher bei einem Computerunternehmen, das Textverarbeitungssysteme verkauft hat. Und ich wusste daher sehr gut, was ein Textbaustein ist. Und ich hab´ gesehen, 99 % der Briefe, die ich bekommen hab´, waren Textbausteine. Da hat entweder einer gar nicht richtig gelesen oder er hat einfach gesagt: „In unser´m Programm, da passt es so nicht rein und dann greif ich eben zum Textbaustein 4711 und klicke mir einen Brief zusammen und den schick´ ich dann dem Herrn Isau.“ Ich hatte ja nie den Riesendrang danach, Schriftsteller zu werden; ich hab´ das einfach akzeptiert. Iss´ halt nicht, muss also auch nicht sein. Dass es danach anders kam, nach Michael Ende, das war dann einfach ein Glücksfall. Aber heute gibt’s natürlich auch Kritiken. Mittlerweile habe ich glaube ich gelernt, ein bisschen locker mit Kritiken umzugehen. Aber grad´ am Anfang hab´ ich mir das schon sehr zu Herzen genommen. Dass z. B. auch der Lektor am Anfang bestimmte Passagen kritisiert hatte, dass er empfohlen hatte, es anders zu machen. Da hatte ich dann einmal zu meiner Frau gesagt: „Also, ich schreib jetzt überhaupt keine Bücher mehr.“ Ich war da erst Mal ein, zwei Stunden lang so demotiviert, dass ich dachte, ich lasse das jetzt. Aber gut, man lernt natürlich nicht, wenn man so denkt, sondern man lernt nur, wenn man versucht das Gute mitzunehmen und sich selber daran zu verbessern.

sfbasar: Apropos Feilen am Text: Wie gestalten Sie Ihre Überarbeitungen? Haben Sie besondere Durchgänge/Kriterien/Schemata nach denen Sie diese durchführen?
RI: Meine Überarbeitungen sind in der Regel so, das ich mir nach dem Schreiben eines Tagewerkes am nächsten Tag den Text noch mal angucke. Gleichzeitig um auch im wieder reinzukommen in …, ja … in den Fluss. Von dort an schreibe ich dann weiter. Wenn der Text fertig geschrieben ist, der Rohtext, dann wird der noch mehrmals, so mindestens zwei Mal, maximal bis zu sieben Mal überarbeitet. Ich hab´ eine Geschichte geschrieben „Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte“. Da ging es um Sprache. Da war es mir sehr wichtig, dass wirklich jedes Wort 100 %ig sitzt. Das ist ein Roman, wo ich mir vorgenommen hab´, das ein „daß“ mit Esszett, heute würde man sagen mit Doppel-s, dass es das in diesem Buch nicht geben darf. Außer bei einem Zitat: „Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstielzchen heiß.“ Da kam´s dann gleich zwei Mal vor. Aber nur an diesen beiden Stellen.

sfbasar: Wie halten Sie es Zuhause? Schotten Sie sich zum Schreiben – auch vor der Familie – ab oder brauchen Sie deren Feedback, Kritik evtl. sogar deren Inspiration?
RI: Wenn ich schreibe, dann zieh´ ich mich schon sehr in mich selbst zurück und natürlich auch in mein eigenes Arbeitszimmer. Oder einmal im Jahr mache ich so eine Schreibklausur. Dann fahr ich nach Mallorca in ´ne Finca. Da setzt ich mich dann von morgens bis nachts hin und schreibe so 15, 16 Stunden am Tag. Sehr intensiv, und da ist natürlich jede Störung dann, ja, ein Rausreißen aus meiner Welt. Also versuch ich dann möglichst wenig Störungen zu haben. Die Familie liest eigentlich erst, wenn ich dann fertig bin. Es kommt schon vor, dass man manchmal zwischendurch über dieses und jenes Problem diskutiert, manchmal hab´ ich auch knifflige technische Probleme, wo ich z. B. die Fachkenntnisse meiner Frau im Kochen brauche oder in anderen Dingen. Oder manchmal liest sie bestimmte Bücher für mich, wo ich sage: „Schau, oder achte mal auf diesen und jenen Punkt. Dass sie also dann da beim Recherchieren mithilft, dass sie den Klebezettel rein macht und ich dann die Passagen, die dann für die Geschichte von Interesse sein könnten, verdichtet lese. Aber ansonsten ist es schon ein sehr abgeschlossener Prozess, wo dann erst, wenn der Rohtext fertig ist, ich es dann einen Schritt weiter gebe und in der Regel dann meine Frau und dann der Lektor die Geschichte lesen.

sfbasar: Haben Sie die Ideen zu Ihren Büchern immer selbst gefunden oder kam auch schon mal ein Verlag zu Ihnen und sagte: „Lieber Herr Isau, wir haben hier eine tolle Idee. Machen Sie doch daraus einen noch tolleren Roman.“ Kam das vor und wenn ja, wie gehen Sie mit Auftragsarbeiten um? Wenn nicht, wir würden Sie reagieren? Mit Feuereifer oder mit Ablehnung?
RI: Also, das gab´s bisher noch nicht. Bisher waren immer meine eigenen Ideen farbig, interessant, spannend genug, um zu sagen, daraus machen wir Geschichten. Was Verlage manchmal machen, das sie sozusagen eine Richtung vorschlagen. Mein früherer Jugendbuchverlag hatte mal gesagt: „Schreib doch mal einen Roman aus deinem Metier, du bist doch Computerfachmann. Wieso nicht mal das verbinden, Computer mit einer spannenden Geschichte?“ Und so ist dann „Das Netz der Schattenspiele“ entstanden. Also, die Idee war völlig meine, aber sozusagen die grobe Richtung ist vorgeschlagen worden. Das mag´s schon mal geben, aber ansonsten sind alle Ideen, alle Stories, auf meinem Mist gewachsen. Wie ich damit umgehen würde? Hhm, ich glaub´ es hängt auch von dem Stoff ab. Also, wenn er sehr, sehr spannend ist, dann könnt´ ich mir auch vorstellen, dass ich das mal mache. Das müsste dann wirklich im Einzelfall mal überlegen.

sfbasar: Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Laut Ihrer Website sammeln Sie sehr lange, basteln sich ein Exposé von manchmal 30 oder 40 Seiten und strukturieren Kapitel und Handlungsablauf schon ausgiebig vor. Bis zu welchem Grad praktizieren Sie das konsequent und halten sich an Ihren Plan und wie viel Spontanität gestehen Sie sich dann noch bei der Arbeit zu?
RI: Also diese ausführlichen Konzepte sind bei mir Standard. Für meinen nächsten Jugendroman hab´ ich gerade ein 40-Seiten-Konzept fertiggestellt. In diesem Konzept sind dann auch schon grobe Recherchen mit eingeflossen. Weil das gehört einfach dazu, wenn man einen historischen Hintergrund hat oder einen wissenschaftlichen. Da muss man im Groben schon mal Bescheid wissen, um dann die Geschichte auch an der Realität entlang zu entwickeln. Beim Schreiben gibt’s dann einmal von den Fakten her Feinrecherche. Manchmal entwickeln bestimmte Figuren auch ein so starkes Eigenleben, dass sie sich nicht so schnell abschütteln lassen. Also, den Fall hatte ich erst jüngst wieder. Da sollte sich diese Figur eigentlich viel früher wieder ausklinken. Hat aber nicht geklappt. Sie ist mit dran geblieben. Soviel Freiheit gehört dann auch dazu, weil ich denke, diese Spontanität die merkt vielleicht auch der Leser. Das was mich in dem Moment überzeugt hat, die Figur mitzunehmen, ist vielleicht auch das, was den Leser überzeugt.

sfbasar: Nach der „Sammlung von Ideen, Zeitungsartikeln, Lektüre von passenden Büchern, Meldungen in Rundfunk und Fernsehen“ sagen Sie, dass jetzt die Arbeit im Team beginnt. Ein Team? Wer ist das? Sie, der Lektor, der Agent, Ihre Frau? Sie sagen, dass Sie die Vorschläge „wohlwollend überdenken, fallen lassen oder in modifizierter Form übernehmen.“ Wie stark lassen Sie sich Ihre Grundidee, Ihren Plot davon beeinflussen?
RI: Diese Ideen muss man runterbrechen, oder diese Aussage muss man runterbrechen auf verschiedene Bücher. Es gab z. B. bei dem „Kreis der Dämmerung“ – einer Tetralogie -, die auf der Geschichte des 20. Jahrhunderts basiert, sehr viel Input auch von Seiten der Familie, das eben Zeitungsschnipsel gesammelt wurden, alles was Highlights des 20. Jahrhunderts waren. Es war viel Input da. Der Plot selbst aber, die Story, die hab´ ich alleine entwickelt. Teamarbeit hat man aber natürlich bei jedem Buch, weil bis ein Buch letztlich im Buchhandel auf dem Tisch liegt, da muss ja viel gemacht werden: Da muss ein Umschlag entwickelt werden, da ist der Lektor, der den Text liest, da sind Marketing- und Werbemaßnahmen erforderlich. Das meine ich auch mit Teamarbeit. Die Geschichte ist ganz allein von mir. Aber bis das fertige Produkt dann da ist, da müssen sehr viele Leute ran. Und da versuch´ ich auch immer, sehr verzahnt zu arbeiten, d. h. ich möchte z. B. von meinem Umschlagentwürfen sehr früh Skizzen sehn, um dann vielleicht mit Anregungen zu geben. Und vielleicht auch mal zu sagen: „Das gefällt mir nicht so.“ Da kommt´s auch mal vor, das ich sage: „Nee, das geht jetzt gar nicht.“ Da hab´ ich dann auch das Interesse dran, an dem Gesamtprodukt, an dem Gesamtkunstwerk Buch, was dann zum Schluss rauskommt, ganz mitzuwirken.

sfbasar: Inwieweit haben Sie als Autor Einfluss auf die Covergestaltung? Ist hier gerade ein so starker Verlag so dominant, das er sagt: „Wir wollen das Cover aber so haben, weil es in diese Serie, dieses Genre hineinpasst. Aber so – nach jetzt glaube ich 30 Büchern, die Sie veröffentlicht haben -, ist ihr „Stand“ so gut, dass sie sagen können, sie haben ein deutlichen Mitspracherecht am Cover?
RI: Ja. Man muss unterscheiden von der vertraglichen Situation, die bei den meisten Autoren wohl die ist, dass der Verlag den Titel und das Cover bestimmt. Aber die Praxis ist die – auch bei Randomhouse/cbj -, dass wir sehr eng zusammenarbeiten, dass das Mitspracherecht nach wie vor groß ist und ich – wie gesagt – auch schon Umschläge abgelehnt habe, wo der Verlag hätte sagen können: „Nö, wir haben jetzt das Recht, wir drücken das durch.“ Aber wenn ich dann sag´: „Nee, damit kann ich nicht mit leben, mit diesem Buch lass´ ich mich nicht fotografieren.“, dann freut die das natürlich auch nicht. Und dann hat man bisher immer den Weg gefunden, mit dem letztlich alle zufrieden waren.

sfbasar: Wurden Sie schon mal von einem eigenen Text überrumpelt, dass dieser sich anders entwickelte, als Sie zu Beginn geglaubt haben? Konkret: Lief es beim Schreiben mal so gut und deutlich besser als in Ihrem eigenen Exposé, dass Sie selbst überrascht waren?
RI: Das ist immer phasenweise. Wenn man eine Geschichte schreibt, dann ist das wie ein Fluss. Es gibt Stromschnellen, wo es sehr schnell fließt, also auch das Schreiben, manchmal regelrecht ekstatisch schreibt man. Da kommen am Tag mal 25 Seiten heraus als Output. Und dann gibt´s Tage, an denen schreibt man nur vier Seiten. Von einer ganzen Geschichte möchte ich nicht sagen, dass sie mich so überrascht hat. Es gibt natürlich Bücher, wo ich im Rückblick sagen kann: „Das ist jetzt so´n tolles Buch geworden, das ist auch so erfolgreich gewesen, und wenn ich überlege, in wie kurzer Zeit ich das geschrieben habe, dann staune ich heute noch.“ Aber woran das liegt, da müsste man mal eine wissenschaftliche Untersuchung drüber machen, ich kann es nicht erklären.

sfbasar: Sie haben mittlerweile einen Agenten und arbeiten mit verschiedenen Verlagen. Sie sprechen auf Ihrer Website „von einem Freund“, der Sie dabei unterstützt hat. Ist er Ihr Agent geworden oder haben Sie sich – wann? – einen Profi gesucht? Ist man ohne irgendeine Hilfe schutzlos den Verlagen ausgeliefert oder war das wieder ein Glücksfall?
RI: Ja, man kann schon sagen, es war ein Glücksfall. Weil mein heutiger Literaturagent ist der ehemalige Lektor von Michael Ende, der ihn 17 Jahre lang betreut hat. Und er war der erste im Verlag, der meinen Drachen Gertrud, mein Kinderbuch, in die Hand bekommen hat. Von daher ist es also schon in meinem literarischen Leben eine Bindung, die sozusagen von Geburt an bis heute besteht. Sie begann so richtig intensiv zu werden, wo ich anfing, auch Erwachsenenbücher zu schreiben, so 2002 rum war das. Und mittlerweile vertritt mich Roman Hocke (Literaturagentur AVA international)  auch im Jugendbuchbereich, also d. h. bei allen Büchern die ich schreibe.

sfbasar: Die Liste der deutschen „Vollschriftsteller“, also der Schriftsteller, die ausschließlich von ihrer Schreibarbeit leben können, ist relativ kurz. Auch andere Kreative wie Schauspieler, Maler, Bildhauer stehen wahrscheinlich vor einem gleichen Problem: Sie müssen sich selbst um ihre Rente kümmern. Denn Erfolg ist auch in der Literatur keine lebenslange Garantie. Man kann plötzlich „weg-vom-Fenster“ sein. Haben Sie für diesen Fall einen Plan B oder entsprechend jetzt in „guten Zeiten“ vorgesorgt?
RI: Natürlich kümmert man sich um seine Altersvorsorge und zum Glück gibt´s ja mittlerweile eine Künstler-Sozialversicherung. Die gab´s vor einigen Jahren noch nicht, bzw. wurde auch nicht so intensiv propagiert. Der Staat hat wegen der vielen Schauspieler und Autoren, die bettelarm waren gesagt, da müssen wir mehr tun. Von daher bin ich auch für den Lebensabend abgesichert. Es ist natürlich so, man weiß nie, wie sich das weiter entwickelt. Vorgenommen hab´ ich mir, bis ins hohe Alter zu schreiben, weil, ich hab´ ja mein Hobby zum Beruf gemacht und ein Hobby kann man auch im Alter noch weiter betreiben. Also, wenn ich meine Leser finde, werd´ ich das noch lange weiter machen. Aber es ist auch noch so, das ich nach wie vor Bücher schreibe, um davon zu leben. Also, ich schwimme noch nicht im Geld (lacht).

sfbasar: Oder ist es so, dass wenn man rund drei Dutzend Bücher veröffentlicht hat, es leicht ist, auch nach einer längeren Pause oder im Alter – sagen wir mal mit 70 oder noch später – ohne Weiteres einen Verlag für ein neues Buch zu finden? Ich bin da ein wenig skeptisch.
RI: Ja, mittlerweile hat es ganz gut geklappt. Wenn mal die Frage da war, was für einen Verlag nimmt man. Es ist allerdings so, dass sich das natürlich ändern kann und zwar die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit ist da der Knackpunkt. Meine ersten Thienemann-Bücher, die waren 10 Jahre lang und länger in der Backlist drin. Heutzutage gibt´s im Erwachsenenbuchbereich oft Bücher, die nach 6 Wochen im Buchhandel abverkauft sind, dann werden sie nicht mehr nachbestellt. Es ist sehr brutal geworden und deswegen kann man sich auch – wenn man nicht wirklich den ganz, ganz großen Namen hat, nicht darauf ausruhen, das man sagt, im Alter habe ich dann soundsoviel Bücher geschrieben und das ernährt mich dann. Man muss heute leider oder auch zum Glück, je nach dem, – ich find´s eigentlich ein bisschen bedauerlich – ständig am Ball bleiben. Bedauerlich deshalb: Man hat ja sehr viel Herzblut in die Bücher gesteckt, und das die dann oft nach relativ kurzer Zeit – ich rede jetzt auch von anderen Kollegen – einfach wieder weg sind von der Bildfläche, das ist eigentlich schade, das haben die Bücher nicht verdient.

sfbasar: Sie publizieren unter Ihrem echten Namen Ralf Isau. Genau wie Markus Heitz, Andreas Eschbach, Kai Meyer, Frank Schätzing. Gerade bei deutschen Autoren wurden noch vor einigen Jahren gerne angloamerikanisch klingende Pseudonyme verwendet. Gerade wenn man wie Sie in verschiedenen Literaturwelten (Kinderbuch, Jugendbuch, Erwachsene, ggf. verschiedenen Genre) veröffentlicht. Hatten Sie nie von Seiten der Verlage diese „Vorgabe“ oder gar selbst den Wunsch sich mit einem Pseudonym abzugrenzen?
RI: Bis jetzt sind bis auf eine Ausnahme alle meine Bücher im Genre der Phantastischen Literatur angesiedelt. Nicht alles Fantasy, aber doch Phantastik. Und das hat dann bisher immer noch gepasst. Sollte ich mich je entscheiden, einen Liebesroman zu schreiben oder irgend etwas völlig anderes, dann denke ich, müsste man auch über ein Pseudonym nachdenken. Weil das Schubkastendenken heute tatsächlich sehr stark ausgeprägt ist. Nicht nur Verlage, teilweise auch Leser, erwarten einfach von einem bestimmten Namen etwas ganz Spezifisches und die würden dann vielleicht gar nicht dazu greifen, zu dem Buch, weil sie denken: „Der schreibt mir zu fantastische Sachen, ich bin aber Realist. Also nee, mach ich lieber nicht.“ Aber bisher war das noch nicht nötig.

sfbasar: Oder anders gefragt: Wenn Sie jetzt plötzlich mit einem Krimi oder Science-Fiction Roman ankämen. Würde Ihr Agent automatisch und selbstverständlich einen anderen Verlag suchen und Ihr jetziger (Fantasy) Verlag die Hände über den Kopf zusammenschlagen und fürchten, Sie wanderten ab?
RI: Das ist natürlich eine hypothetische Frage und deswegen kann ich darauf schwer was sagen, wie das sein würde. Da müsste man dann abwarten, bis ich die Krimi-Idee hätte und dann sehen, was dabei herauskommt. Und dann machen wir noch mal ein Interview, OK?

sfbasar: Oder ist es mittlerweile so, dass ein Autor eher seine Vielseitigkeit damit dokumentiert, dass er eben alle seine Werke unter seinem Realnamen veröffentlicht? Sind Verlage und die Kunden dazu bereit oder reif?
RI: Ich denke, da ist ein Lernprozess im Gange, der durchaus noch im ersten Drittel steht. Also, das was ich gerne als Phantagon bezeichne, ein Buch, das eben nicht in eine Schublade passt, sondern das von jedem Leser auch unterschiedlich gewichtet wird, in verschiedenen Genres wahrgenommen wird. Denn jeder Leser nimmt den Roman nun einmal anders wahr – das macht ein Phantagon aus. Das ist etwas, was man dem Buchhandel nicht so leicht vermitteln kann wie ein genre-reines Buch, also ein reiner historischer Roman beispielsweise. Dann haben die ihr Regal dafür und fühlen sich ganz wohl, wenn sie das Buch in dieses Regal stellen können. In dem Moment, wo es in zwei, drei Regale rein müsste, da haben manche dann … ich will nicht sagen, was sie nicht haben, aber sie tun´s dann eben nicht. Es gibt einzelne Buchhandlungen, die machen´s dann tatsächlich; die stellen das dann in mehrere Regale ein und andere, die zögern dann eben einfach. Deswegen hat man´s da vielleicht etwas schwerer, aber mir kommt´s immer auch darauf an, dass die Geschichte packend und überzeugend ist und das sie mir selber gefällt. Und da hab´ ich dann auch lieber für die Geschichte und gegen den Kommerz entschieden. Dass mir die runde, die tolle Geschichte wichtiger war, als dass ich sag´ jetzt verkauf ich noch mal soundso viel Tausend mehr.

sfbasar: Überhaupt fällt auf, dass in den letzten Jahren mehr und mehr deutsche Autoren eine Chance bekommen, die sie vorher nur in Ausnahmefällen erhielten. Hängt das mit den gestiegenen Kosten der angloamerikanischen Autoren/Verlage/Lizenzen zusammen oder schlichtweg mit der gestiegenen Qualität deutscher Texte?
RI: Ich denke, die deutschen Texte waren auch schon früher gut, nur ist es oft nicht so wahrgenommen worden. Wenn wir es historisch betrachten – wir kommen aus dem 2. Weltkrieg, wir hatten da die USA, die Deutschland vom NS-Regime befreit hat – und die USA waren das große Vorbild in allem, auch eben Hollywood im Film, dazu gehört sicherlich dann auch die Unterhaltungsliteratur. Das Sichfreischwimmen ist einfach ein zeitlicher Prozess gewesen, der gar nicht mal so sehr mit der Qualität zu tun hatte, sondern einfach mit der Mündigkeit des Lesers, der jetzt immer mehr deutsche Autoren auch für sich entdeckt hat und mit der Bereitschaft der Verlage auch wieder mehr auf Originalautoren aus Deutschland zu vertrauen.

sfbasar: Auf welche Projekte dürfen sich Ihre Fans denn in nächster Zeit freuen? Wie viel dürfen und wollen Sie hier darüber verraten?
RI: Man kann vielleicht soviel verraten, dass ich bei cbj einen fantastischen Roman schreibe, wo wieder Geschichtliches mit einem fantastischen Stoff verbunden wird. Der Roman spielt Ende des 18. Jahrhunderts in England und in Frankreich, also es ist die Zeit der französischen Revolution. Und da passieren auch wieder sehr fantastische Dinge. Ebenso im Erwachsenenbereich. Da geht´s bei mir um die Suche nach dem ewigen Leben. Und auch hier gibt´s wieder eine Vermischung von Realem mit Fantastischem – mein Markenzeichen, wenn man so will. Ich habe mich in meinen Recherchen intensiv mit alten Legenden vom Lebenswasser, dem Jungbrunnen und anderen mitteln zur Erlangung der Unsterblichkeit beschäftigt. Wer sich für diese Thematik interessiert, wird manch Bekanntes wiederfinden, das mit einer fantasievollen, spannenden Geschichte verwoben wird.
 
sfbasar: Herr Isau; herzlichen Dank für Ihre Zeit und die interessanten Einblicke in Ihre Arbeit. Wir wünschen uns noch viele, viele herrliche Bücher von Ihnen.

http://www.isau.de/index.html
http://www.ava-international.de/startseite.php

Copyright © 2011 by Ralf Isau und Werner Karl

Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte, ISBN 978-3404154128
Das Netz der Schattenspiele, ISBN 978-3-522-17257-8 als HC
Das Netz der Schattenspiele, ISBN 978-3-551-35323-8 als PB
Kreis der Dämmerung I, ISBN 978-340415318
Kreis der Dämmerung II, ISBN 978-3522173353
Kreis der Dämmerung III, ISBN 978-3522174015
Kreis der Dämmerung IV, ISBN 978-3-522-17474-9

 

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Hubert Haensel, PERRY RHODAN-Autor – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 22. September 2011

Interview mit PERRY RHODAN-Autor Hubert Haensel

Das Interview führte Werner Karl

sfbasar: Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum 50-jährigen Jubiläum der größten Science-Fiction-Serie der Welt!
HH: Ich sage herzlichen Dank im Namen aller an PERRY RHODAN beteiligten Mitarbeiter, und das sind nicht gerade wenige.
Ja, man muss sich die Zahl schon auf der Zunge zergehen lassen: fünfzig Jahre – ein halbes Jahrhundert. Schon in unserer realen Welt ist das ein geschichtlicher Zeitraum, in dem sich sehr viel zugetragen hat. Umso mehr in den mittlerweile über drei Jahrtausenden PERRY RHODAN-Historie. Für etliche unserer Leser ist die Serie mittlerweile nicht mehr nur ein sehr schönes Hobby, ein angenehmer Zeitvertreib oder auch Ablenkung vom Alltag, sondern ein Stück eigene Lebensgeschichte. Mir ergeht es selbst genauso.

sfbasar: Die Gretchenfrage zuerst: Wie sind Sie zu PR gestoßen und wie leicht oder schwer war Ihr eigener Einstieg in die Serie? Haben Sie das Perry-Rhodan-Lexikon zurate gezogen?
HH: ›Lächelt.‹ Nein, ich habe kein PERRY RHODAN-Lexikon zurate gezogen. Zur Zeit meines Einstiegs als Leser und Fan gab es noch gar kein Lexikon. All jenen, die heute zwar mit PERRY RHODAN liebäugeln, aber möglicherweise davor zurückschrecken, nach mehr als 2600 Heften, etlichen Spin-offs, Taschenbüchern usw. einzusteigen, möchte ich allerdings sagen, dass es so schwer nicht ist. Die wichtigsten Voraussetzungen sind der Wille, Neues kennenzulernen und ein klein wenig Durchhaltevermögen und Begeisterungsfähigkeit.
Mein erstes PERRY RHODAN-Heft war die Nummer 143 »Für Menschen verboten«. Eigentlich ein schöner Roman, doch warum ich nicht sofort infiziert wurde, kann ich heute nicht sagen. Vielleicht, weil das Heft schon am Zyklusende lag, vielleicht wegen äußerer (schulischer) Umstände. Trotzdem war die Faszination da. Bei Heft 209 »Im Banne der Scheintöter« griff ich wieder zu, und diesmal war es um mich geschehen. Von da an konnte ich das jeweils nächste Heft kaum mehr erwarten, ebenso die bald darauf startende zweite Auflage, die es mir ermöglichte, von Nummer 1 an mitzulesen.

sfbasar: Das bringt mich gleich zur drängendsten Frage: Bei so hohen Band-Nummern schreckt mancher SF-Fan zurück. Die, die es doch mittendrin wagen, sind aufgrund mangelnden Durchblicks überfordert und frustriert und retten sich in abwertende Urteile. Ist dieser erstaunliche Langzeiterfolg Fluch oder Segen?
HH: Egal, wo jemand einsteigt: Anfangs unbekannte Begriffe erklären sich nach und nach aus dem Kontext selbst. Der Neuleser muss nur ein klein wenig Stehvermögen mitbringen, dann erschließt sich die Faszination PERRY RHODAN. Natürlich sind lexikalische Werke wie die Perrypedia hilfreich, aber es geht auch ohne.
Eine hohe Band-Nummer wie z. B. 2614 ist doch kein Hindernis. Aufschlagen und lesen, mehr muss man nicht tun. Allerdings muss man ein durchs Fernsehen antrainiertes Gefühl ignorieren, nämlich das, schon nach zwei Minuten Vorspann eine Zigaretten- oder Toilettenpause von acht Minuten nötig zu haben. Ein klein wenig mehr Konzentrationsfähigkeit sollte schon da sein. Aber genau das ist weiß Gott nichts Schädliches, oder?
Einen Fluch sehe ich in der Hinsicht also keineswegs. Eher einen Segen. Denn welche Romanserie außer PERRY RHODAN kann auf einen ähnlich umfangreichen Kosmos aufbauen, bei dem man gleichzeitig auf Neues wie auf Altbekanntes stößt und sich immer neue Verknüpfungen ergeben? Ich liebe solche Aha-Erlebnisse beim Lesen, das ist Leben und Evolution gleichermaßen.

sfbasar: Schon zu Gründerzeiten scheinen sich K. H. Scheer und Clark Darlton – die beiden Urautoren – dessen bewusst gewesen zu sein. Nach einigen Mini-Reihen von Band 1 bis 99 folgten bis weit über Band 1.000 jeweils Zyklen mit 100 Heften zu einem komplexen Handlungsrahmen. Je weiter die Serie gedieh, desto mehr wurde dieses erfolgreiche Konzept aufgelöst. War diese Abkehr dem rasch wechselnden Zeitgeist oder wirtschaftlichen Interessen – also des einfacheren Einstiegs neuer Fans – geschuldet?
HH: Ein kleiner Wermutstropfen? Nein. Die Kontinuität ist doch nach wie vor vorhanden. Und wenn zu dem einen oder anderen Zyklusende bis dahin Vertrautes verschwunden ist – oder sollte ich besser sagen: verschwunden zu sein scheint? – dann heißt das keineswegs, dass es sich um einen endgültigen Prozess handelt. Dass allerdings mancher Zyklusanfang einsteigerfreundlich, also ohne Vorwissen zu lesen ist, das bietet schon eine ideale Möglichkeit, einfach und schnell in die Serie einzusteigen und sich darin zurechtzufinden.

sfbasar: Eine Möglichkeit des Einstiegs von Anfang an boten die Neuauflagen. Ich selbst hatte mir parallel zur 1. Auflage auch die Hefte der 2. und 3. gekauft, um Lücken zu schließen und kontinuierlich lesen zu können. Die 5. wurde gerade eingestellt, die 6. Auflage wird nicht mehr gedruckt, sondern erscheint als E-Book. Statt dessen gibt es einen völligen Neubeginn mit abgewandelter Handlung. Perry landet nicht im Jahr 1971 auf dem Mond, sondern im Jahre 2036. Fürchten Sie nicht, dass Sie hier vor einem neuen Problem stehen? Entweder Sie erzählen die bekannte Geschichte mit neuen Worten und man wirft Ihnen »aufpolieren« vor oder Sie entfernen sich vom bekannten Ablauf und man wirft Ihnen vor, sich nicht an das Original zu halten?
HH: Nein, ich sehe die Gefahr nicht. Gehe ich von mir als Fan aus – und das bin ich, auch wenn ich »die Seiten gewechselt« habe, seit 46 Jahren –, dann interessiert mich sogar, wie die Serie heute neu erzählt werden wird. Wir haben eine andere Zeit und dem wird Rechnung getragen. Für mich als Autor ist PERRY RHODAN Neo ohnehin eine Herausforderung. Außerdem bin ich der Meinung, dass beides sehr wohl nebeneinander bestehen kann. Neo ist doch auch für die Leser, die neu von Anfang an dabei sein wollen ohne das Gefühl, möglichst bald mehr als 2600 Hefte nachlesen zu müssen oder zu wollen.

sfbasar: Mussten Sie der Realität (Mondlandungen der Amerikaner, Raumstationen Skylab, MIR, ISS, Hubbleteleskop, Marssonden und zahlreichen anderen Sonden) Rechnung zollen? Haben Sie deswegen das »Startjahr« des Neubeginns in unsere allernächste Zukunft verlegt?
HH: Natürlich kann man heute nicht mehr mit der ersten Mondlandung beginnen. Das ließe sich beliebig fortsetzen mit Blick auf PCs, Handys, den Zustand der Weltwirtschaft, die Umwelt … Den Beginn ins Jahr 2100 oder später zu verschieben, das wäre wiederum zu weit vom Heute entfernt. Nein, ich denke, das passt genau so, wie es ist. Lasst euch einfach überraschen.

sfbasar: Perry Rhodan hat ja zu Beginn seiner Beutetour durchs All alles getan, um die Position der Erde geheim zu halten. Zumindest solange, bis er sich und die Terraner so gewappnet hatte, um wenigstens die ersten zu erwartenden Angriffe abwehren zu können. Einer der erfolgreichsten, ja fast schon legendären Zyklen, war der mit den »Meistern der Insel«. Er war wirklich düster. Ein Ambiente wie ein Film Noir, wie einer der besseren Batman-Filme. Mir läuft es allein bei manchen Hefttiteln auch heute noch kalt den Rücken hinunter. Wird der Neubeginn diese Chance auf ein wirklich düsteres Kapitel nutzen?
HH: Das greift vielleicht ein wenig weit vor. Ohnehin wäre das eine Frage für den Exposéautor. Aber ich kann mir vorstellen, dass diese Chance genutzt werden wird.

sfbasar: Apropos back-to-the-roots: Eine m. M. nach wirkliche Top-Idee war es, die immer weiter führenden Reisen selbst in entfernteste Galaxien abzubrechen. Je weiter PR kam, desto mehr hob er sich von seinem Volk und seinen Fans ab. Der Leser fragte sich – wahrscheinlich wie alle Terraner – was will PR dort? Wie kann ein Geschehen in Millionen Lichtjahren Entfernung Einfluss auf die Menschheit haben? Der Zusammenbruch der intergalaktischen Raumflüge hob dieses Dilemma auf. Gab es hier eine Parallelität zur Einstellung des realen Shuttle-Programms der Amerikaner?
HH: Auf gewisse Weise war Perry Rhodan immer ein Spiegel seiner Zeit. Ich lasse allerdings offen, ob gewollt oder zufällig. Das sind wohl Einflüsse, die sich niemals ganz vermeiden lassen, denn wir alle sind Kinder unserer jeweiligen Zeit. Die Einstellung des realen Shuttle-Programms war allerdings für die Erhöhung der Hyperimpedanz nicht ausschlaggebend, diese Entscheidung hatte andere Gründe.

sfbasar: Auch die dimensionale Steigerung in der Raumschiffstechnik von Zyklus zu Zyklus wahr irgendwann zu entfernt, zu abstrakt, fast schon esoterisch, statt physikalisch. Eine 5. Dimension (Hyperraum) zählt ja mittlerweile in der SF zum guten Ton und ist Standard, auch wenn wir sie in der Realität leider noch nicht entdeckt haben. Dann eine 6. Dimension (Pararaum), dann noch eine 7., 8., 9. usw. Irgendwann konnte der Leser nicht mehr folgen. Was halten Sie von diesen Dimensionen?
HH: Ich habe und hätte kein Problem mit weiteren Dimensionen, allerdings muss ich fragen, was damit bewirkt werden sollte. In der Serie spielt hauptsächlich die 5. Dimension eine tragende Rolle. Mit der sechsten werden wir hin und wieder konfrontiert, aber alles Weitere ist doch wirklich nicht tragendes Gestaltungsmerkmal. Niemand muss Angst davor haben, dass seine Fantasie überfordert wird. PERRY RHODAN ist in erster Linie Unterhaltung.

sfbasar: Wir haben in der Realität Raketen als Form für Raumschiffe. Hier gilt Form-follows-function. Bei einer Science-Fiction-Serie wie PR hat man diese Grenzen nicht. Alles war schon da: Weit vor den Borgs aus Star Trek flogen die Posbis mit ihren Fragmentraumern in Würfelform durchs All, die Gurrads hatten Birnenschiffe, die Terraner und Arkoniden Kugelraumer, die berühmte SOL in Hantelform, sogar lebende Raumschiffe (Dolans) gab es und auch die klassischen Disken allerlei anderer Völker kommen zuhauf vor. Es gibt kaum eine geometrische Form, die nicht in der Serie verwendet wurde. Was kommt als nächstes?
HH: Soll ich’s sagen? Nein. Als Koordinator der Risszeichnungen kann ich allerdings ausplaudern, dass ein wirklich schönes Fremdraumschiff in Arbeit ist, das mir ausnehmend gut gefällt. Aber zurück zur Frage: Perry Rhodan ist in erster Linie geschriebenes Wort. Kugelraumschiff oder Diskus umschreibt kurz und prägnant, was sich der Leser vorstellen darf. Jede bizarre Form bedarf deshalb einer eingängigen Benennung. Und bei der Konstruktion von Raumschiffen spielen ohnehin in erster Linie technische und wirtschaftliche Voraussetzungen eine Rolle. Die Kugel hat nun einmal den größten Rauminhalt bezogen auf die Oberfläche und damit wiederum auf Materialaufwand, Kosten usw. usf. Nur wäre es fad, wenn alle Völker die gleiche Bauweise benützten, ein wenig Individualismus wird sogar in der Zukunft das Zünglein an der Waage sein. Wir fahren auch nicht alle eine Automarke.

sfbasar: Auch dass die ewigen Freunde – die Arkoniden – plötzlich zu erbitterten Feinden wurden, gab der Serie Würze und Spannung zurück. Dieser Plot erinnerte mich ein wenig an den Aphilie-Zyklus, in dem einer der besten Freunde, Reginald Bull, zum Oberhaupt der gefühllosen Regierung wurde und alle gnadenlos jagte, die zu Recht gegen ihn rebellierten. Dieser Punkt – aus Freund wird Feind – hatte sogar schon etwas von George Orwells »1984«. Übrigens eine Tatsache, die von Kritikern gern übersehen wird. Niemand traut PR so viel Tiefgang zu. Wie gehen Sie überhaupt als Autor und Teammitglied mit dem Vorwurf der Trivialität – die, wie ich meine, längst nicht mehr gegeben ist – um?
HH: Wer der Serie Trivialität vorwirft, sollte wenigstens mal ein paar Romane lesen. Wenn derjenige den Begriff generell für Unterhaltungsliteratur verwendet, ist das für mich okay. Will er aber damit herabsetzen, habe ich ein Kopfschütteln für ihn. Perry Rhodan schildert eine kontinuierliche Geschichte, die Entwicklung und den Weg der Menschheit in die Zukunft. Dabei beschränken wir uns nicht auf einen Standpunkt, sondern beleuchten die Szene von vielen Seiten und schildern die Entwicklung von Charakteren, auch wenn das nicht immer innerhalb weniger Romane ersichtlich wird. Wer behauptet, das sei trivial, der muss dann wohl zugeben, dass sein Leben ebenfalls triviale Wurzeln hat.

sfbasar: Noch eine Befürchtung: Durch den unglaublichen Erfolg der »Star-Wars«-, »Star Trek«-, »Alien«-Filme und Kassenknüllern wie »Independence Day«, »Iron-Man«, »X-Men« usw. läuft Ihnen zumindest das Science-Fiction-Genre im Film voraus. Das Qualitätslevel – und die Erwartungshaltung der Fans – ist unglaublich hoch. Nachdem die ewige Frage nach einem PR-Film in den 60ern mit einem Fiasko endete, zuckten jahrzehntelang alle guten Regisseure und Geldgeber vor einem neuen Versuch zurück. Heute ist die Technik da, all das Fantastische zu zeigen, was damals unmöglich war. Heute ist es auch scheinbar kein Problem mehr, Millionen von Euro und Dollar aufzutreiben, wenn denn nur Drehbuch und Ideen überzeugen können. Zumindest an Ideen mangelt es PR nicht. Was tut sich in Sachen PR-Film konkret?
HH: Abwarten und hoffen. Wie schon James Bond wusste: Sag niemals nie! Die heutige Tricktechnik machte es sicherlich immer besser möglich, PERRY RHODAN zu verfilmen und unsere vielen Fremdintelligenzen gut darzustellen. Ich würde einen Film sehr gerne sehen, bin mir aber trotzdem sehr deutlich der Tatsache bewusst, dass PERRY RHODAN eine Romanserie ist. Jeder Leser hat seine ganz persönliche Vorstellung von den Protagonisten und Schauplätzen, da wird es enorm schwierig, wenn nicht unmöglich, alle Vorstellungen und Sehnsüchte zu erfüllen.
Wie viel leichter tut sich da z. B. Star Trek. Von vornherein hat jeder Zuschauer das gleiche fixe Bild vor Augen: So und nicht anders sehen die Personen, die Planeten usw. aus. Das ist ein Handicap. Wenn ich auch der Meinung bin, dass in PERRY RHODAN weit mehr Fantasie steckt.

sfbasar: Es gibt auch Gerüchte um eine PR-Fernsehserie. Über 2.600 Heftfolgen = 2.600 1-h-TV-Folgen? Bei »Raumschiff Enterprise« hat das erst im dritten Anlauf geklappt und danach ist die Serie in Spin-offs («Deep Space Nine«, »The Next Generation«, »Voyager«, »Star Trek«) zersplittert. Oder sehen Sie eine Folge von Spielfilm-Abenteuern – wiederum ähnlich wie die Star-Trek-Kinofilme – als bessere Lösung an?
HH: Jedes Romanheft eine Filmstunde? Nein, damit könnte ich mich nicht anfreunden. Allerdings wären zyklenbezogene Spielfilme prallvoll mit Handlung und würden der Sache ebenso wenig gerecht werden. Zum Glück muss ich mir aber darüber nicht den Kopf zerbrechen.

sfbasar: Bei den Filmen gibt es für eine Folge das Limit 1 Stunde, bei einem Spielfilm rund 2 Stunden. Ein Heft hat seit jeher 64 Seiten. Ich habe mich schon immer gefragt, wie das geht? Wie kann eine Teilgeschichte immer genau nach 64 Seiten zu Ende sein? Wird hier wild gestrichen oder haben Sie und Ihre Kollegen so eine Art »Innere Schreibuhr«, die Ihnen sagt: »Stopp, Seite 64 erreicht.«?
HH: Diese innere Uhr funktioniert zumeist nicht, die schreit viel zu spät »Stopp!«. Natürlich ist die Seitenzahl in jedem Heft konstant, aber zum Glück weder die Satzgröße noch die Zeilenanzahl. Aber vor allem gibt es die Möglichkeit, einen Text auch zu kürzen. Und das ist keineswegs die schlechteste Möglichkeit.

sfbasar: Dort wo Perry Rhodan hingeht, ist auch sein Mutantenfreund Gucky nicht weit. Er stand zumindest in den ersten Jahrzehnten als humoristischer Part zur Verfügung. Nun gibt es die sehr, sehr große Fraktion der Hardcore-SF-Fans, die so gar nichts mit humoristischer SF á la Douglas Adams anfangen kann. Der Grat zwischen echtem Witz, Humor und Lächerlichkeit ist hier sehr schmal. Nichts ist schwieriger, als echten Humor zu erschaffen; die Witzeschreiber der aktuellen Comedians können davon ein (Leid)Lied singen. Wird der Mausbiber Gucky im Neubeginn oder möglicherweise in einem Film, einer Serie, wieder der Hampelmann sein oder eher der paranormal hochbegabte Alien, der an den Menschen einen Narren gefressen hat?
HH: Ich weiß es nicht – und wenn ich es wüsste, würde ich es nicht ausplaudern. Ich habe über lange Jahre hinweg das Bankgeheimnis so verinnerlicht, dass ich nichts verrate, egal was kommen mag.

sfbasar: Schon lange wird der Heftmarkt totgesagt und doch gibt es ihn immer noch. Wie sehen Sie das Medium Heft in den nächsten Jahren? Neben Taschenbuch, Hardcover-Silberbänden und E-Books?
HH: Totgesagte leben länger. Ich glaube, dass das Heftmedium noch eine Vielzahl von Jahren überleben wird. Es ist handlich, überallhin mitzunehmen, man kann es überall lesen, sogar ohne Strom. Und wenn es zerfleddert aussieht und man dennoch eine tadellose Sammlung haben will, dann kauft man eben ein zweites Exemplar. Das ist dann das Scherflein, das viele beitragen können, um das Medium Heftroman zu erhalten.

sfbasar: Der Science-Fiction wird nachgesagt, sie sei ein Genre für Männer. Der Frauenanteil an Leserinnen und auch Autorinnen ist tatsächlich klein. In der Vergangenheit schrieben Susan Schwartz alias Uschi Zietsch, Marianne Sydow und Claudia Kern für Perry Rhodan. Momentan gibt es nur Uschi Zietsch und Verena Themsen. Finden sich keine Weiteren oder trifft das vorgenannte Klischee tatsächlich zu? Wie sehen Sie Frauen in der SF und bei PR?
HH: Ich kenne einige Frauen im näheren Umfeld, die Perry Rhodan und SF lesen. Dass sie in der prozentualen Minderheit sind, liegt aber wohl immer noch an verschiedenen Faktoren, die nicht zuletzt familiärer und beruflicher Natur sind.

sfbasar: Herr Haensel, was tun Sie, wenn denn mal wirklich Aliens auf der Erde landen? Stellen Sie dann die PR-Serie ein und machen so eine Art Tatsachenberichte über die Besucher?
HH: Dann liefern wir zumindest PERRY RHODAN Neo auf jenen Heimatplaneten aus. Neo deshalb, damit die Fremden von Anfang an mitlesen können. Und natürlich ist ziemlich sicher, dass sie sowohl in der Erstauflage als auch in Neo sehr bald als Handlungsträger auftauchen würden. Im Report gibt es dann bebilderte Reiseberichte, und den eBooks hängen jeweils kurze Datenfiles an, die über das Leben der Fremden informieren.

sfbasar: Allein schon, wenn es gelänge, Kontakt mit einer anderen realen Zivilisation aufzunehmen: Wie würde sich das Ihrer Meinung nach auf unsere Gesellschaft, unsere Zivilisation auswirken? Zukunftsforscher haben in der Vergangenheit immer mit ihren Prognosen massiv daneben gelegen. Hat hier ein SF-Autor mehr Fantasie, eine höhere Trefferquote für Voraussagen?
HH: Ich fürchte, PERRY RHODAN hat recht. Der Kontakt mit fremden Intelligenzen würde wohl einige Völker auf unserer guten alten und charakterlich rückständigen Erde gegeneinander aufbringen. Wer gönnt dem anderen schon eine solche Begegnung? Vielleicht lassen die Fremden deshalb auf sich warten, weil sie genau das erkannt haben.
Ein SF-Autor, und das gilt natürlich auch für unsere PERRY RHODAN-Leser, würde weder versuchen, die Fremden aus Furcht oder Habgier umzubringen, noch würde er dem Wahn verfallen, sie als Götter anzusehen und vor ihnen auf den Bauch zu sinken. Ich wünschte, wir bekämen bald die Gelegenheit, das zu beweisen. Eine solche Begegnung hätte auch das Potenzial, wie in PERRY RHODAN bewiesen, die Menschheit endlich in Frieden zu vereinen. Wenn all das zu diesem Punkt zuerst Gesagte vermieden werden könnte.

sfbasar: Herr Haensel, wir bedanken uns herzlich für Ihre Zeit und sehr interessanten Antworten. Viel Glück weiterhin mit der größten SF-Serie der Welt. Wir glauben, dass Ihnen diese Auszeichnung auch in ferner Zukunft keiner wird abjagen können.
HH: Ich bedanke mich für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit. PERRY RHODAN bleibt die größte SF-Serie der Welt, davon bin ich überzeugt. Ich wünsche allen unseren Lesern und Freunden noch viele und schöne Leseerfahrungen mit unserer Welt der Zukunft, in der Hautfarbe und Religion längst kein Grund mehr sind, sich gegenseitig den Kopf einzuschlagen. Ad Astra!

Copyright © 2011 by Hubert Haensel und Werner Karl

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Aileen P. Roberts und Stephan Lössl – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 15. August 2011

Interview mit Aileen P. Roberts und Stephan Lössl

Das Interview führte Werner Karl

sfbasar: Herzlich willkommen Claudia und Stephan Lössl. Oder soll ich lieber Aileen P. Roberts sagen? Denn schließlich publizierst du, Claudia, unter diesem Pseudonym. Und warum benutzt du, Stephan, keines?
SL: Ich habe mir bislang zu einem Pseudonym ehrlich gesagt nur wenige Gedanken gemacht und die waren eher von der lustigen Art. Deshalb kam außer Esswerkzeug (z. B. Stephen T. Löffl) wenig dabei raus. Somit werde ich wohl einfach bei meinem richtigen Namen bleiben, obwohl ich ein Pseudonym auch nicht gänzlich ausschließen möchte.
APR: Ich höre auf beides.

sfbasar: Ihr beiden teilt viele Dinge miteinander, lebt sie zum Teil sogar: Die Liebe zu Schottland, Pferden – ihr habt sogar welche –, Fantasy und das Schreiben von Romanen. Waren es diese Gemeinsamkeiten, die euch zusammengeführt haben, oder haben sich diese erst nach eurem „Aufeinandertreffen“ gezeigt?
APR: Eines unserer ersten Aufeinandertreffen war meine Pferdebürste, die ich gezielt auf Stephans Kopf geworfen habe *räusper* und die anderen Gemeinsamkeiten? Na ja, die kamen erst nach und nach. Vor allem nach unserem ersten England/Schottlandurlaub Ende September, als es hier in Strömen gegossen hat und uns alle einstimmig für verrückt erklärt haben, mit dem Zelt in ein “kaltes Land“ zu fahren, in dem es vermutlich nicht mal sanitäre Anlagen oder Bäcker gibt?
SL: Wusstet ihr, dass Bürste und Brüste besonders für „Nichtmuttersprachler“ schwer auseinander zu halten sind? Aber nee, die Angaben oben sind korrekt, nur um Missverständnissen vorzubeugen.

sfbasar: Ihr seid beide in Bayern geboren und lebt auch hier. Andere Menschen schwärmen für die Südsee, einsame Inseln und ähnlich romantische Orte. Wie kam es zu eurer Leidenschaft ausgerechnet für Schottland? Ein Land außerhalb des Kontinentes und i. d. R. kühler und regnerischer als eure Heimat. Ist es die Magie, die sich dort scheinbar in jedem Fels, in jedem Baum finden lässt?
SL:  Der Pingelige würde jetzt auf Franken bestehen, aber wir sind da ja nicht so. Aber mal im Ernst: Schottland, ja, tatsächlich könnte man meinen, die Magie aus uralten Tagen schwelt noch heute im Nebel, verweilt in den Tälern oder träumt in den Tieren, die die Highlands bevölkern. Wenn man dann von einer prähistorischen Höhle aus Hochlandhirsche beobachtet, die dem Berggipfel nahe dahinziehen, ihre Geweihe teils verborgen in den tiefhängenden Wolken, dort wo sich Traum und Wirklichkeit vereinen, dann beginnt man an Magie zu glauben.
APR: Ich bin weder in Bayern noch in Franken geboren, sondern in Düsseldorf. Bin aber schon als kleines Kind hierher gezogen. Sagen wir´s mal so, ich gehöre zu der seltenen Spezies, der es in Deutschland im Sommer zu warm ist (okay, dieser nicht). Als “Heimat” im eigentlichen Sinne sehe ich D eigentlich nicht an. Es ist soweit ganz okay, aber als ich die ersten Male in den Highlands war, wusste ich, wo ich wirklich leben möchte!

sfbasar: Ihr habt beide Berufe gelernt, die auf den ersten Blick wenig mit magischen Welten, unerschrockenen Helden und zauberhaften Feen zu tun haben. Betrachtet ihr das Schreiben von Fantasy als Realitätsflucht – was ja generell der gesamten Zunft fantastischer Autoren unterstellt wird – oder was fasziniert euch an diesem Genre?
SL:  Fantasy als Realitätsflucht bekommt man tatsächlich oft zu hören. Ich behaupte genau das Gegenteil: Fantasy bedeutet, sich der Realität zuzuwenden, oder diese zu erweitern! Schreibt man, taucht man in eine andere Welt ein und oft enthüllen sich Dinge über einen selbst, Dinge, die mitnichten surreal sind, sondern Wahrheiten über die eigene Persönlichkeit zeigen können.
Es ist so eine Art Sehnsucht, die einen antreibt, sich auf eine phantastische Reise zu begeben und eine Welt samt ihrer Wesen und Charaktere entstehen zu lassen, die irgendetwas in uns widerspiegelt, eine tiefere Realität sogar. Dem Leser geht es da sicher meist ähnlich: er liest und manche Geschichten bewegen etwas in ihm, etwas Verborgenes im Unbewussten, für den Verstand bis dahin nicht greifbar, dennoch ist es präsent.
Mir fallen da gerade meine oben erwähnten Hirsche wieder ein. Während ihre Beine fest auf dem schottischen Boden fußen, so tragen sie doch mit Stolz ihr Geweih, auch wenn es im selben Moment für den Betrachter von den Wolken verhüllt bleibt.
Oder mit anderen Worten: Wohin könnten wir schon fliehen, sei es körperlich oder mit dem Geist, wo die Realität uns nicht folgt?
APR: Ich glaube auch, dass verdammt viel Realität in Fantasyromanen steckt – nur etwas anders verpackt. Und mal abgesehen davon, wenn einen die Realität manchmal nervt – was ganz sicher bei jedem von uns irgendwann der Fall ist – was spricht dagegen mal für ein paar Stunden zu fliehen?

sfbasar: Aileen: Du hast 2006 auch einen eigenen Verlag – Cuillin – gegründet. Dort sind bisher fast ein Dutzend Pferderomane und mehrere Fantasybücher erschienen. Inwieweit spiegelt das deine oben erwähnte Liebe zu Land und Tier wider, bzw. inwiefern hattest du weibliche Teenager als Zielgruppe im Auge? Scheinbar ist das ja ein unverwüstliches Thema: (Pubertäre) Mädchen und Pferde.
APR: Die spiegelt sich sehr deutlich in Rhiann und Deana wider und ganz sicher sind weibliche Teenager die Hauptzielgruppe, obwohl ich auch schon jede Menge Emails von begeisterten Müttern bekommen habe, denen die Bücher ebenfalls gefallen. Ich wollte mal etwas anderes schreiben, ein Buch, das ich mit 15, 16 oder 17 selbst gern gelesen hätte. Nicht das typische: Mädchen kauft Pferd, gewinnt nach kurzer Zeit jedes Turnier und bekommt am Ende den Sohn des Stallbesitzers noch mit dazu.
Rhiann dreht sich um Probleme in der Pubertät, Stress mit den Eltern, davon seinen eigenen Weg zu gehen, ja, Pferde kommen auch vor, aber eben keine “tollen Turnierpferde” sondern die in Deutschland sehr seltenen Highlandponies. Außerdem natürlich Schottland, Land und Leute – und klar – ein bisschen Romantik, das muss einfach sein.
SL: Und die Highlandponies geben durchaus brauchbare Turnierpferde ab.

sfbasar: Stephan: Du bist im Hauptberuf selbstständiger Lehrer für Tai-Chi-Chuan und Qi-Gong, darüber hinaus TCM-Ernährungsberater. Beides, meditatives Körpertraining und bewusste Ernährung, erhalten mehr und mehr Zulauf. Zum einen als Gegengewicht zu unserer hektischen Berufswelt und zum anderen wegen permanenter Lebensmittelskandale. Fast hat man den Eindruck, dass intelligentere Menschen – und Haushalte, die sich nicht mit Fast Food begnügen wollen und müssen – in beidem ein Leben wie zu früheren Zeiten erhoffen und dies eben damit wenigstens zum Teil ermöglichen. Stimmst du dieser Einschätzung zu oder liege ich hier völlig falsch?
SL:  Leider muss ich gestehen übe ich die gesundheitsorientierten Berufe nicht hauptberuflich aus. Dennoch kann ich sagen, es gibt zwar den Trend zu gesundheitsbewusstem Leben, aber es herrscht häufig noch die „Ich zahle, also sorgst du gefälligst dafür, dass es mir gut geht“–Mentalität vor. Bewusste Ernährung und Bewegungskünste wie Tai-Chi erfordern aktives Tun, der Praktizierende muss sich häufig umstellen und bewusst und regelmäßig an sich selbst arbeiten. Daran scheitert es häufig – leider, denn in der TCM Ernährung oder auch 5-Elemente Ernährung vermag man durchaus ein Leben wie in früheren Tagen zu finden. D.h. sich beispielsweise im Rhythmus der Jahreszeiten zu ernähren, möglichst naturbelassene Lebensmittel dann zu essen, wenn sie tatsächlich draußen wachsen, also keine Erdbeeren aus Spanien im Winter oder mit Vitamin C versehene Orangenmilch.

sfbasar: Noch einmal Stephan: Gesunde Ernährung und respektvoller Umgang mit dem eigenen Körper gehen an vielen Gesellschaftsschichten völlig vorbei. Sei es, weil sie es sich nicht leisten können, sei es, weil sie es nicht ernst nehmen oder einfach, weil viele Couch-Potatoes zu bequem geworden sind. Siehst du eine Gefahr für die Gesundheit der Menschheit, vor allem dann, wenn du an verfettete Amerikaner und Bürger anderer Industrienationen denkst?
SL: Ja, die sehe ich durchaus. Gesund sein bedeutet ja nicht nur, sich gesund zu ernähren oder den Körper mit regelmäßiger Leibesertüchtigung zu erfreuen, sondern setzt auch eine entsprechende Geisteshaltung voraus. Letztere erachte ich persönlich sogar als das wichtigste Element und da macht es uns unser Gesellschaftsystem schwer. Wir leben in steter Hektik, oft geben Firmen den Takt vor, der, einem Flächenbrand gleich, auf unser Privatleben übergreift.  So fällt es schwer, Zeit für sich zu finden und die Stille zu erfahren, in der unser Geist Heilung finden könnte. Die Folge: immer mehr Menschen brennen aus und das bewusst gekochte Essen fällt Fastfood, Mikrowelle und Tiefkühlkost zum Opfer. Aber: Ich glaube auch an den Wandel, und der wird vieles ändern.
APR: Da muss ich leider mal wieder widersprechen, was mich in Anbetracht der folgenden Frage zum Schmunzeln bringt. Die verfetteten Amerikaner – wobei man u.U. gar nicht unbedingt über den großen Teich schauen muss – wird ganz sicher die Einsicht nicht treffen und wenn, dann erst nach einem Tsunami, der es krachen lässt, dem Yellowstone der in die Luft geht oder einem dezenten Meteoriteneinschlag … Von selbst? Das wird wohl leider nur ein sehr kleiner Teil der Menschheit bleiben.
SL: So, schon ist der Ehekrach perfekt. Aber Tsunamis und Erdbeben sind ja gerade der Wandel von dem ich spreche.  Nichts anderes geschieht gerade in der Welt, so in Japan und der Bewusstseinswandel folgt ja auch. Zugegeben: in Amerika wird’s noch dauern.

sfbasar: Ihr beide wirkt auf mich als Paar völlig in sich stimmig, wenn ich mich so ausdrücken darf: Stephans Tätigkeiten, eure Liebe für ein mythisches Land und faszinierende Tiere, dazu eben Fantasy als Genre, in dem ihr beide schreibt. Das ist so wie aus einem Guss. Seht ihr euch selbst auch so oder müsst ihr hier lächeln?
SL: Ein Stück weit könnte man das sicher so beschreiben, aber auch wir kämpfen mit den alltäglichen Herausforderungen, wie zum Beispiel liegen gelassene Socken, deren Spuren man bis zur Einfahrt des Nachbar verfolgen kann.
APR: Kleine Anmerkung: Es handelt sich um meine Socken *g* und nicht zu vergessen die Rübenschnitzel im Fußraum des Autos.

sfbasar: Aileen: Du hast mittlerweile auch im Fantasybereich bei Goldmann einige Romane veröffentlicht und mit der „Weltennebel“-Trilogie haust du einen neuen Kracher auf den Tisch. Wie lange schreibst du an einem Buch und ab welchem Punkt weißt du, das wird ein Einzelroman und das wird ein Mehrteiler?
APR: Das ist jetzt nicht so ganz einfach zu beantworten, weil ich teilweise 2 Sachen parallel schreibe/geschrieben habe bzw. ein Buch noch korrigiert/lektoriert wird und das andere gerade in der Entstehung ist. Aber Weltennebel habe ich zum Beispiel 2009 begonnen. Also knapp 2 Jahre für 3 Teile.

sfbasar: In der Gerüchteküche hört man, dass nach Abschluss und Veröffentlichung aller drei Weltennebel-Romane bei euch ein gemeinsames Projekt – auch Fantasy – in Angriff genommen werden soll. Stimmt das Gerücht und wenn ja, was könnt ihr beide darüber schon den Fans verraten?
APR: Allzu viel können wir da noch nicht verraten, weil auch noch gar nicht raus ist, ob es jetzt wirklich High Fantasy oder doch eher in die historische Richtung geht. Sicher ist erst mal ein Fantasy/Zeitreise-Roman von mir, der voraussichtlich im September 2012 erscheint. Was danach kommt – mal sehen.
SL: Psst !
APR: Schon gut, die brave Ehefrau schweigt gehorsamst (wäre auch das erste Mal, *hihi*)

sfbasar: Ich habe auch einmal mit einem Freund eine Co-Produktion eines Science-Fiction Romans begonnen. Er sollte aus Alien-Sicht schreiben, ich aus Sicht der Menschen. Trotzdem haben wir uns nach einigen Kapiteln sozusagen auseinandergeschrieben und das Projekt vorerst auf Eis gelegt. Wie bekommt ihr das hin?
APR: Wir haben mehrere Schaukampfschwerter im Haus – also können wir das “ausdiskutieren”.
Nein, mal im Ernst, manchmal kracht es schon, aber irgendwie haben wir uns bisher immer geeinigt. Meist haben wir kapitelweise geschrieben und jeder das durchgelesen, was der andere zuvor geschrieben hat. Und das Grundgerüst haben wir gemeinsam erstellt.
SL: Da kann ich mich nur anschließen. Wichtig ist auch, sich vorher ein wenig abzusprechen, was in der Szene, die geschrieben werden soll, passieren muss.

sfbasar: Wenn ihr – jeweils für euch – einen neuen Roman beginnt, wie viel Vorarbeit macht ihr und in welchem Stadium beginnt ihr mit dem eigentlichen Schreiben? Vor allem: Hat jeder hier seine eigene Methode, Technik oder pflegt ihr hier eine ähnliche Arbeitsweise?
APR: Also ich für meinen Teil überlege mir den groben Plot. Anfang, Mittelteil, Ende (wobei bei Weltennebel das Ende relativ lange offen für mich war) und einige wichtige Stationen innerhalb des Buches. Dann natürlich die einzelnen Charaktere, die in einer Liste festgehalten werden, die sich nach und nach füllt. Dann lasse ich mir aber relativ viele Freiheiten, wie sich alles entwickelt. Haargenau planen liegt mir nicht …
SL: Nun, ich mache mir auch eine grobe Vorstellung, von dem was passieren soll und wie die Geschichte enden soll. Ich finde es gut, vorab schon ein Exposé zu erstellen, so dass man einen Leitfaden hat. Allerdings sehe ich das Exposé nicht als zwingend an, da eine Geschichte ihre ganz eigene Dynamik entwickelt und man einfach Raum braucht. Ich finde, man merkt einem Buch auch an, ob dessen Verlauf ganz genau geplant, oder besser gesagt konstruiert ist. Manchmal nimmt das der Geschichte die Lebendigkeit und das Leben selbst ist ja auch nicht wirklich planbar.

sfbasar: Ich nehme an, dass ihr euch gegenseitig als Kritiker nutzt und zu Ideen, Szenen und Handlungsabläufen austauscht. Wenn einer von euch dem anderen sagen muss, dieses oder jenes sei nicht gelungen, belastet das eure Partnerschaft? Könnt ihr als Ehepaar mit Kritik umgehen oder klammert ihr das aus und überlasst die Kritik anderen, z. B. Agenturen und Lektoren?
SL: Wir lesen gegenseitig die Bücher (deswegen werden meine Werke ja dauernd ausgebremst), aber bisher gab es hier noch keine Probleme mit Kritik. Gewiss, es brechen Diskussionen aus, aber es fliegen keine Bürsten mehr. Was Kritik im Allgemeinen anbelangt, so finde ich es immer nur schade, wenn die Geschichten mit anderen, in der Regel sehr bekannten Büchern verglichen werden, anstatt die Geschichte nur ganz allein für sich zu betrachten. Jedoch gibt es das bei uns in der Ehe nicht.
APR: Dem schließe ich mich mal an – wobei ich ja auch deine Bücher lese und mich selbst ausbremse.

sfbasar: Wie haltet ihr das mit dem komplexen Aufbau eines Romans? Plant ihr hier Kapitel für Kapitel und haltet euch mehr oder weniger dran oder lasst ihr euch – und eure Fantasie – „gesteuert“ treiben (hah, ein Oxymoron!) und seid selbst am Ende überrascht, wo ihr gelandet seid?
APR: Wie schon oben erwähnt, eigentlich eine Mischung aus beidem. Grobe Planung und dann “treiben lassen”.
SL: Genau, es muss wachsen, manchmal zur Sonne, manchmal in die Dunkelheit. Und tatsächlich, die Überraschung wartet häufig auf einen, wenn das Buch beginnt zu enden. (Ist das nicht noch so ein Oxy-dings-bums? Wäre auch ein guter Name für einen Ork)

sfbasar: Jeder Autor scheut sich davor, Textstellen, evtl. sogar ganze Abschnitte oder Nebenpersonen zu streichen, wenn sie für die Handlung nicht relevant sind und der Lektor mit dem Zeigefinger droht und unmissverständlich auf die Löschtaste deutet. Trifft euch das hart oder bleibt ihr hier cool und professionell? Und macht es dann auch so?
APR: Textstellen zu streichen ist ein Stück weit normal, und auch wenn man meist zuerst schlucken muss, gewöhnt man sich daran. Ehrlich gesagt bin ich meiner Lektorin sogar dankbar, weil es mir selbst ausgesprochen schwer fällt zu streichen und ich ohnehin zu dicken Wälzern neige.
2 Personen “musste” ich in Weltennebel streichen, aber die waren nicht wirklich wichtig und damit konnte ich ganz gut leben. Wären es jetzt Hauptcharaktere oder Figuren, die mir besonders am Herzen liegen, hätte ich vermutlich schon ein Problem damit.
SL: Ist mir mangels Veröffentlichungen noch nicht passiert, sollte aber nicht so das Problem sein. Manchmal ist es ja gut, wenn der Lektor das Geschriebene etwas distanzierter betrachtet und da Tipps gibt.

sfbasar: Überhaupt: Wie macht ihr eure Überarbeitungen? Wann habt ihr das Gefühl oder die Sicherheit „Ich bin fertig.“ Und wie lange plagen euch Zweifel? Oder verlasst ihr euch – ab welchem Zeitpunkt? – auf das Lektorat der Agentur oder des Verlages?
APR: Ich glaube, man hat nie das Gefühl, wirklich fertig zu sein, aber irgendwann muss man sein Buch einfach “gehen lassen”, denn im Endeffekt ist die Gefahr größer, etwas schlechter zu machen wenn man zu lange überlegt, was man noch anders oder besser machen könnte. Bei jedem meiner Bücher würde ich vermutlich im Nachhinein zumindest eine Kleinigkeit anders machen.
SL: Ich denke auch, man muss es irgendwann sein lassen, obwohl ich dazu neige, die Geschichte immer anzupassen, zu modifizieren oder sprachlich zu verbessern.

sfbasar: Auch wenn Schottland und das Genre Fantasy recht ergiebig für Romanstoffe sind, habt ihr Ideen oder zukünftige Projekte in petto, die andere Themen aufgreifen, evtl. sogar die Grenzen der Fantasy sprengen?
SL: Ja, da gibt es einige Ideen, aber bislang sind das eben nur Ideen. Sicher kann man das Thema Schottland verlassen, aber ich glaube die Phantasie niemals. Wie heißt es so schön in Michael Endes unendlicher Geschichte: Phantasien hat keine Grenzen, sprach zumindest der Gmork, und der muss es ja wissen.
APR: Vorstellbar ist so ziemlich alles, aber ich habe noch so viele Ideen, dass ich wohl vorerst bei Schottland/Fantasy bleiben werde.

sfbasar: Auf einer Autorenlesung habe ich euch beide in entsprechender Kleidung angetroffen. Sind solche Rollenspiel-Treffen ein Teil eurer Freizeit oder Teil des Autorengeschäftes? Verbindet ihr hier das Angenehme mit dem Nützlichen?
APR: Gelegentlich gehen wir schon auf Mittelaltermärkte und ähnliche Veranstaltungen. Teil des Autorengeschäfts – ich weiß nicht … Man muss sich ja nicht gewanden. Aber ich für meinen Teil tue es ganz gerne und ich finde, es passt gerade zu Fantasylesungen gut.
SL: Da schließe ich mich einfach mal an.

sfbasar: Ich hätte noch tausend weitere Fragen, aber leider würde das zu viel von eurer Zeit fürs Schreiben rauben und schließlich hoffen wir auf viele neue fantastische Geschichten von euch. Ich bedanke mich im Namen des sfbasars herzlich für eure Antworten und wünsche euch weiterhin viel Erfolg.
APR: Dir vielen Dank für deine interessanten Fragen und Gruß an den sfbasar
SL: Auch von mir Vielen Dank und einen herzlichen Gruß.

Copyright © 2011 by Aileen P. Robert, Stephan Lössl und Werner Karl

Aktueller Lesungstermin: 20.08.2011 umd 15:00 Uhr in der Buchhandlung Thalia in Erlangen

Autorenporträt Aileen P. Roberts im sfbasar
Autorenporträt Stephan Lössl im sfbasar

Bibliografie:

- 2011: “Weltennebel 3 – Im Schatten der Dämonen” (Dezember)
- 2011: “Weltennebel 2 – Das Reich der Dunkelelfen”
- 2011: “Weltennebel 1 – Das magische Portal
- 2010: Kurzgeschichte: “Kapitän Norwinns Rumkuchen” in der Fantasyanthologie “Die Köche – Bis(s) zum Mittagessen” vom Ulrich Burger Verlag
- 2010: Kurzgeschichte “Das Herz eines Kriegers” in der Fantasyanthologie “Weltentor” vom Noel Verlag
- 2010: „Im Schatten der Xashatâr“
- 2009: „Thondras Kinder – Am Ende der Zeit“
- 2009: „Thondras Kinder – Die Zeit der Sieben“
- 2009: „Deana und der Feenprinz: Ciarans Geheimnis“
- 2008: „Deana und der Feenprinz: “Highlandsommer”
- 2008: „Jenseits des Nebelmeers“
- 2008: „Dìonàrah – Das Geheimnis der Kelten: Band 2“
- 2007: „Dìonàrah – Das Geheimnis der Kelten: Band 1“
- 2007: „Die Tochter des Mondes“
- 2007: „Rhiann – Verschlungene Pfade“
- 2006: „Rhiann – Sturm über den Highlands“
- 2006: „Rhiann – Nebel über den Highlands“

Vorschau:
2012: Voraussichtlich September: Ein Fantasy/Zeitreiseroman wird bei Goldmann erscheinen

Bibliografie Stephan:
Synnivan – Das Buch der Flammen (noch unveröffentlicht)
Synnivan – Der Ruf des Blutes (noch unveröffentlicht)
Die Feuer von Erenor (noch unveröffentlicht)
Weitere Romane in Planung

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