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Literatur-Blog

Archiv für die 'Science Fiction' Kategorie

Drei Neue Titel aus dem Verlag: Twilight-Line. BEI UNS ALLE DREI IN EINEM PREISRÄTSEL-PAKET!

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. Mai 2012

Dunkle Seiten IV: Horror, Phantastik und Dark-Fantasy [Taschenbuch]

Marc Gore (Autor), Jasmin Schneider (Autor), Christoph Lang (Autor), Vera Klee (Autor), Alexander Knörr (Autor), Micha Rienitz (Autor), Marc Hartkamp (Autor), Heiko Hölzel (Autor), Marcus Borchel (Autor)

Produktinformation

  • Taschenbuch: 100 Seiten
  • Verlag: Twilight-Line GbR; Auflage: 1 (21. Mai 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 394112272X
  • ISBN-13: 978-3941122727
  • Größe und/oder Gewicht: 21 x 14,8 x 0,6 cm

Kurzbeschreibung

Werte Freunde der Dunkelheit, nachdem wir bereits die erfolgreichen Titel Dunkle Seiten, Dunkle Seiten II und Dunkle Seiten III unserer Autorenreihe präsentieren durften, die in die Welt der Dunkelheit, des Todes und des Wahnsinns führten, naht nun der 4. Band aus der Reihe. Wieder einmal haben wir eine Auswahl an düsteren Kurzgeschichten aus den Bereichen Horror, Phantastik und Dark-Fantasy für Sie zusammengestellt. Folgen Sie den Autoren in deren Welten voller Grauen, in denen der Tod auf neue Opfer wartet und der Wahnsinn lauert. Der Weg in die finsteren Abgründe der Hölle ist bereitet. *** Inhalt: Bloodsucking Whore Autor: Marc Gore Eine Death-Metal-Band kostet ihren Erfolg, liefert eine irre Show ab und spielt dabei mit dem Image der Dunkelheit und des Vampirismus. Doch was ist Show und was steckt dahinter? Der Autor Marc Gore macht auch in dieser Geschichte seinem Namen alle Ehre und spielt mit der harten Seite des Grauens. *** Ellingtown Autor: Christoph Lang Emily Watson ist eine erfolgreiche Journalistin, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern Mary und Michael ein großes Haus an der Landonstreet in Boston bewohnt. Eines Tages jedoch trifft sie das Schicksal. Ihr Mann stirbt völlig unerwartet und ihr Leben droht aus den Fugen zu geraten. Und plötzlich tauchen diese seltsamen Stimmen auf… *** Vorräte Autor: Vera Klee Als Vampir muss man sich etwas einfallen lassen, da man die benötigte Nahrung eben nicht in jedem Supermarkt bekommen kann. Das Anlegen von Vorräten ist hier umso wichtiger… *** Kirschen kann niemand widerstehen! Autor: Alexander Knörr Kirschen sind leckere und verlockende Früchte, denen auch Petra nicht widerstehen konnte… *** Haus des schreienden Todes Autor: Jasmin Schneider Zwei Jahre lang stand ein Haus in einem kleinen Ort leer. Eine Familie macht sich dies zunutze und kauft dieses Haus zu einem Schnäppchenpreis, ohne sich mit der Vorgeschichte befasst zu haben. Ein fataler Fehler… *** Der Tunnel Autor: Micha Rienitz Dieser kleine Tunnel, indem man sich gerade einmal kriechend fortbewegen konnte. Dieser Tunnel war hochgradig Einsturzgefährdet, zumindest hatte immer von seinem Vater diese Geschichte gehört, als er noch ein kleiner Junge war. Doch nun will Jeremy Morgan diesem Geheimnis auf den Grund gehen… *** Stück für Stück Autor: Marc Hartkamp Marc betreibt ein florierendes Geschäft als Medium, in dem er Seancen für die Hinterbliebenen von Verstorbenen anbietet. Doch Marc ist ein Schauspieler und die Jenseitskontakte sind gespielt, um seinen Opfern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Doch dann geschieht etwas, womit er selbst nicht rechnen konnte… *** Eine unverhoffte Erbschaft Autor: Heiko Hölzel Eine überraschende Erbschaft birgt ein altes Geheimnis, welches sich enthüllen wird… *** Ware erster Qualität Autor: Marcus Borchel Suchen Sie ein besonders gutes Stück Fleisch oder Wurst in bester Qualität aus deutschen Landen? Im Weserbergland werden Sie sicher fündig…

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Kuss der Regenfrau: 12 sinnlich-erotische Geschichten für Liebhaber von Rubensfrauen [Taschenbuch]

Anett Steiner (Autor)

Produktinformation

  • Taschenbuch: 102 Seiten
  • Verlag: Twilight-Line Verlag GbR; Auflage: 1., Erstausgabe (19. Dezember 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3941122878
  • ISBN-13: 978-3941122871
  • Größe und/oder Gewicht: 21 x 14,8 x 0,7 cm

Kurzbeschreibung

Die Autorin Anett Steiner führt mit dieser Sammlung von 12 sinnlich-erotischen Kurzgeschichten für Liebhaber von Rubensfrauen ihr Werk im Bereich der sinnlichen BBW-Literatur fort, zu welchem sie bereits die Novelle ‘Zimmer Nr. 58′ und Beiträge in den Anthologien ‘Eine runde Sache’ und ‘Eine runde Sache 2′ geschaffen hatte. Mit Kuss der Regenfrau entführt sie den Leser in zwölf verschiedene Episoden, in denen es um Liebe, Lust und Verlangen geht. Runde Literatur der sinnlichen Art, die die erotischen Seiten üppiger Menschen offenlegt. Erleben Sie Menschen jenseits von Diät und Schlankheitswahn, die sich ihren Sinnen hingeben.

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Verborgene Wesen 2: Kryptozoologische Anthologie [Taschenbuch]

Anett Steiner (Autor), Eileanora Eibhlin (Autor), Frank Neugebauer (Autor), Ollivia Moore (Autor), Jacqueline Mayerhofer (Autor), Diandra Linnemann (Autor), Oliver Wehse (Autor), Michael Schneider (Herausgeber)

Produktinformation

  • Taschenbuch: 160 Seiten
  • Verlag: Twilight-Line Verlag GbR; Auflage: 1 (20. Januar 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 394112286X
  • ISBN-13: 978-3941122864
  • Größe und/oder Gewicht: 21 x 14,8 x 1 cm

Kurzbeschreibung

Die KryptoFiction ist eine spezielle Themenbuchreihe des Twilight-Line Verlages, in welchem Romane, Geschichten, Gedichte und sonstige Erzählungen veröffentlicht werden, welche einen kryptozoologischen Hintergrund besitzen. Folgen Sie den Autoren auf den Spuren verborgener Wesen, die sich der wissenschaftlichen Entdeckung entziehen konnten und verborgen vor dem Menschen existieren. Was würden Sie tun, wenn Sie einem überlebenden Urzeitwesen gegenüberstehen? Was, wenn ein erschreckendes Untier durch die Dunkelheit schleicht? Oder wenn Sie auf ein Seeungeheuer stoßen?

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Preisrätsel 1 x 3 Exemplare: Wer diese Exemplare erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Wie heißt der Verlag der drei Titel und wie seine Homepage-Adresse? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 500 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! Eine alternative Teilnahme per Kommentar findet sich hier!

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Siegner, Ingo: Der kleine Drache Kokosnuss im Weltraum. Band 17. – BEI UNS DREIMAL IM PREISRÄTSEL!

Erstellt von Detlef Hedderich am 18. Mai 2012

Siegner, Ingo
Der kleine Drache Kokosnuss im Weltraum

Band 17

Illustriert von Siegner, Ingo
Verlag :      cbj
ISBN :      978-3-570-15283-6
Einband :      gebunden
Preisinfo :      7,99 Eur[D] / 8,30 Eur[A] / 11,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 03.05.2012
Seiten/Umfang :      80 S., Mit fbg. Illustrationen – 21,0 x 15,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      26.03.2012

Medien :
Leseprobe(PDF)

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Der kleine Drache Kokosnuss, Stachelschwein Matilda und Fressdrache Oskar staunen nicht schlecht, als am Strand der Dracheninsel – direkt vor ihren Füßen – ein Raumgleiter mit einem kleinen Außerirdischen landet. Der Besucher aus dem All hat sich auf seinem ersten Alleinflug hoffnungslos verirrt – und jetzt lässt sich sein Raumgleiter nicht mehr starten. Kokosnuss & Co. versprechen, dem gestrandeten Außerirdischen zu helfen und ihn nach Hause zu begleiten. Dabei geraten die drei Freunde wieder in ein spannendes Abenteuer, das diesmal in den Weiten des Weltraums spielt.

Ingo Siegner, 1965 in Hannover geboren, wuchs in Großburgwedel auf. Nach Schule und Zivildienst wurde er Sparkassenkaufmann, ging als Au-Pair nach Frankreich, steckte seine Nase in die Universität und landete schließlich bei Vamos, einem hannoverschen Veranstalter für Familienreisen. Auf vielen Reisen erfand er für die Kinder fantastische Geschichten. Nebenher brachte er sich das Zeichnen bei. Mit seinen Büchern vom kleinen Drachen Kokosnuss, die in mehrere Sprachen übersetzt sind, eroberte er auf Anhieb die Herzen der jungen LeserInnen. Ingo Siegner lebt als Autor und Illustrator in Hannover.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de

Preisrätsel 3 x 1 Exemplar: Wer eines dieser Exemplare erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Ingo Siegner wurde 1965 in welcher Stadt geboren? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 300 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! Eine alternative Teilnahme per Kommentar findet sich hier!

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IM ABSEITS (Teil 2) – Leseprobe 1. Kapitel – aus: “Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 15. Mai 2012

IM ABSEITS (Teil 2)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”

von

Susanne Gavénis

(Zurück zu Teil 1)

Stück für Stück schob sich der Gasriese ins Bild. Die Gambler-Circus war ihm so nahe, dass Danny die Wölbung des Planeten kaum ausmachen konnte. Es war, als wüchse eine Wand aus grellem Licht vom Fuße der Kuppel empor, und er wäre ganz sicher von ihm geblendet worden, wenn nicht ins Material der Halbkugel ein Pigment eingearbeitet gewesen wäre, das sich bei starkem Lichteinfall automatisch verdunkelte, bis das Licht kaum stärker zu strahlen schien, als es die Sterne zuvor getan hatten. Das diamantene Funkeln der fernen Sonnen wurde dadurch leider ebenfalls verschluckt, und so waren die Sterne verschwunden, noch bevor Marble Sphere die Sicht auf sie mit seinem gewaltigen Leib verdeckte.

Völlig regungslos blickte Danny auf den Planeten hinab. Ein Gedanke irgendwo tief in seinem Inneren raunte ihm zu, dass er gerade dabei war, das Versprechen zu brechen, das er seiner Mutter gegeben hatte, da er die Zeit im Sternenblick mehr und mehr ausdehnte, doch er ignorierte ihn. Er konnte seine Augen nicht von Marble Sphere losreißen. Schweigend beobachtete er die Farben und Formen in der Atmosphäre des Gasplaneten. Weiße Bänder wechselten mit beige- und orangefarbenen, kleinere, gelbliche Wirbel sprenkelten die Oberfläche wie verstreute Kieselsteine, und ein blutroter, ovaler Wirbelsturm glotzte wie das Auge eines Dämons zu ihm herauf.

Mit bloßem Auge waren keine Bewegungen sichtbar, trotzdem glaubte er, einen Hauch der Stürme zu spüren, die über den Gasriesen peitschten, seine Atmosphäre in gewaltige Strudel, Jets und thermische Löcher teilten, die heißen Gase mit kalten vermischten und Gewitter heraufbeschworen, die dem Planeten einen ewigen Wandel aufzwangen und ihm von einer Stunde zur anderen ein neues Gesicht verschafften.

Nach einer Weile begann Marble Sphere aus dem Blickfeld der Kuppel herauszuwandern, gleichzeitig verblasste die dunkle Tönung der transparenten Halbkugel allmählich und ließ erneut die fernen Sterne sichtbar werden, die allerdings rasch vom grellen Licht der Sonne Dwarf, dem Zentralgestirn des Systems, überstrahlt wurden.

Danny seufzte schwer, als er sich vorstellte, wie aufgeregt die Besatzung des Raumschiffs gewesen sein musste, als sie Longway, den dritten Planeten dieses Systems, vor nunmehr beinahe hundert Jahren, im November 2270, entdeckt hatte. Longway war erst die elfte Kolonie der Erde, und ebenso viele Planeten kannten die Menschen, die die richtigen Bedingungen für eine Besiedlung boten. Man hatte sie allesamt genutzt.

Deshalb waren noch heute Raumschiffe, mit wagemutigen Pionieren bemannt, unterwegs, um nach weiteren Planeten zu suchen, die Longway oder einer der anderen Welten glichen, auf denen der Mensch bisher Fuß gefasst hatte. Erfolge hatten sie schon lange nicht mehr zu vermelden gehabt, dennoch wünschte sich Danny, er selbst befände sich an Bord eines solchen Forschungsraumschiffs. Es wäre etwas wirklich Besonderes, mit anderen unerschrockenen Abenteurern durch bislang unbekannte Teile der Galaxis zu streifen und der Menschheit neuen Lebensraum zu erschließen, etwas von wahrer Größe und Bedeutung.

Missmutig versetzte er der durchsichtigen Wandung des Sternenblicks einen Stoß, der ihn zu einem anderen Teil der Kuppel treiben ließ. Seine Träume waren groß, doch die Wirklichkeit sah anders aus. Die Gambler-Circus war das einzige Raumschiff, auf das er je seinen Fuß gesetzt hatte, wenn man einmal von den kleineren und größeren Fahrzeugen absah, die allesamt zur Ausstattung des Zirkus gehörten. Er war hier geboren worden und hatte von klein auf nichts anderes getan, als in den Vorstellungen aufzutreten. Fliegen war das einzige, was er gut konnte, und so gab es nichts, was ihn für die Teilnahme an einer Forschungsexpedition qualifiziert hätte, außer vielleicht, deren Leiter suchte nach einem Piloten. Aber selbst falls das im Zuge der Ausrichtung einer neuen Expedition einmal der Fall sein sollte, würden sie kaum auf der Gambler-Circus danach suchen.

Der Hals wurde ihm eng. „Wenn sie es doch nur täten“, flüsterte er leise.

Nur so könnte er dem tristen Alltag an Bord der Gambler-Circus, der mit all seinen Regeln und Beschränkungen so statisch war wie die Verhaltensweisen eines Roboters, entkommen. Solange er hier festsaß, lief das Leben einfach an ihm vorbei, und abgesehen davon, dass er im Verlauf der Jahre graue Haare bekommen würde, würde sich nichts und niemals etwas für ihn ändern.

Unwillkürlich sah er zum Gasriesen hinüber, der noch immer fast ein Drittel des Sichtfeldes ausfüllte, und sofort fiel ihm die dunkle, runde Silhouette, die tief unterhalb der Gambler-Circus über dem Planeten schwebte und die er bislang absichtlich ignoriert hatte, ins Auge. Es war der Schatten eines kleinen Mondes, der auf Marble Sphere fiel. Tief unter der zernarbten Oberfläche des Mondes befand sich eine der insgesamt vierzehn Minenkolonien dieses Systems, in der viele tausend Menschen lebten und arbeiteten, um dort wertvolle Rohstoffe zu gewinnen, die für den Aufbau der noch jungen Kolonie auf Longway benötigt wurden. Nach Dutzenden von Vorstellungen, die sie im Bereich von Longway gegeben hatten, war die Gambler-Circus vor kurzem nach Marble Sphere weitergereist, um auch die Arbeiter der Minenkolonie zu unterhalten.

Nachdenklich kaute Danny auf seiner Unterlippe herum, während er auf die düstere Silhouette herabstarrte. Er würde ebenfalls auftreten und seine Flugkünste zur Schau stellen müssen, doch obwohl er sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als in seinem Gleiter zu sitzen und zu fliegen, sah er der Show stets mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie war ganz anders als das Training. Es gab keinen freien Kurs, nicht einmal eine freie Wahl der Geschwindigkeit oder der Manöver. Sie war derart strikten Beschränkungen unterworfen, dass ihm der Raum, in dem sich sein Gleiter während der Vorstellung bewegte, noch kleiner vorkam als die Kuppel des Sternenblicks. Ein Vogel in einem Käfig besaß mehr Bewegungsfreiheit als er während seines Auftritts.

Für eine Weile versuchte er, nicht an die Show zu denken, aber es gelang ihm nicht. Sein Zeitgefühl teilte ihm unmissverständlich mit, dass die Zeit der Vorstellung beinahe gekommen war, und je näher sie rückte, desto schwerer fiel es ihm, sich zu entspannen. Zunächst überlegte er, ob er noch einige akrobatische Übungen in der Nullschwerkraft ausführen sollte, entschied sich aber dagegen. Im Augenblick hätte ihm das nur noch wenig Freude bereitet. Stattdessen verhielt er ruhig auf der Stelle, presste eine Hand auf den kühlen Kunststoff und wartete ergeben auf das Unvermeidliche.

Keine Minute später fühlte er einen leichten Ruck, der durch das Schiff ging, und gleich darauf noch einen. Die beiden Fähren waren wie schon unzählige Male zuvor gestartet, um die Zuschauer vom Sammelpunkt der Mine abzuholen. Danny richtete seine Augen auf jenen Teil des Alls, an dem sie gleich darauf sichtbar wurden. Wie kleine, wandernde Sterne glitten sie von der Gambler-Circus fort und nahmen Kurs auf den Mond. Er verfolgte ihren Weg mit seinen Augen, bis die Signallampe am Eingang der Kuppel aufleuchtete. Gleichzeitig klang Merwyn Gazes Stimme auf und rief die Artisten zu der kurz bevorstehenden Vorstellung zusammen.

Folgsam, aber mit fest aufeinandergepressten Lippen stieß sich Danny von der Kuppel ab und glitt schwerelos durch den Raum zur Tür hinüber. Er beeilte sich nicht besonders, aber er trödelte auch nicht herum, da er es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, seinen kleinen Raumgleiter vor jedem Auftritt selbst auf seine Funktionstüchtigkeit hin zu überprüfen.

Natürlich misstraute er den Technikern nicht, im Gegenteil. Sie verstanden ihr Handwerk gut, aber er wollte wenigstens in einer Hinsicht das Gefühl für sich beanspruchen, etwas Wichtiges zu tun. So einfach sein Auftritt für ihn auch sein mochte, war er doch gefährlich, zumindest falls sein Fahrzeug nicht hundertprozentig in Ordnung war. Das war allerdings noch nie vorgekommen.

Unwirsch verzog Danny das Gesicht. Auch heute würde es nicht anders sein. Er hatte es noch nie geschafft, einen Fehler zu entdecken, den die Techniker übersehen hatten, und er wusste genau, dass sein Gefühl, einen bedeutenden Beitrag zum Gelingen der Vorstellung zu leisten, lediglich eine schale Illusion war.

Er presste die Lippen noch fester aufeinander. So bitter die Erkenntnis auch war, er vermochte sich keinen Weg vorstellen, der ihn von der Gambler-Circus in die Freiheit führen konnte, die er sich wünschte. Seit er denken konnte, hatte nur ein einziger Mensch an Bord des Schiffes versucht, einen derartigen Weg zu gehen – ohne Erfolg. Er war sehr bald reumütig zurückgekehrt und hatte danach nie wieder die Ambition gezeigt, die Gambler-Circus zu verlassen.

Ein tiefer Seufzer erfüllte seine Brust, doch Danny ließ ihn nicht heraus. Mit hängenden Schultern und dem unschönen Gefühl, schwere Ketten hinter sich her zu schleifen, machte er sich auf den Weg in den Hangar.

*

Als Danny vor dem großen Schott zum Hangar ankam, herrschte dort bereits ein geschäftiges Treiben. Männer, Frauen und auch einige Jugendliche drängten sich vor den Fächern, verstauten ihre Fly-Boards und traten anschließend durch die Tür, die sich angesichts des Ansturms gar nicht mehr zu schließen vermochte. Gesprächsfetzen mischten sich unter das leise Zischen, das die Schotthälften ausstießen, sobald sie sich einander näherten und doch wieder zurückweichen mussten, bevor sie sich berührt hatten, und vom Hangar her erscholl das dumpfe Dröhnen der Wartungsmaschinen und das Vibrieren der Lüftung, die in der riesigen Halle schwere Arbeit leisten musste.

Der Geruch von neuem Plastik wogte ebenso durch die Luft wie der verschiedener Lösungsmittel, mit denen die kleinen Raumschiffe vor jeder Vorstellung auf Hochglanz gebracht wurden, und dazwischen konnte Danny den seltsam süßlichen Duft des besonderen Schmierstoffes wahrnehmen, der für einen reibungslosen Betrieb der Gleiter unerlässlich war. Anders als viele andere Stoffe erstarrte er nicht, sobald er mit der Kälte des Vakuums konfrontiert wurde, sondern wurde lediglich etwas zäher. Tatsächlich erreichte er seine besten Eigenschaften erst unter den Bedingungen, denen die Gleiter im Weltraum ausgesetzt waren.

Eingezwängt zwischen den anderen Artisten der Gambler-Circus trat Danny durch das Schott in den Hangar ein, nachdem er sich seines Fly-Boards entledigt hatte. Die Tür erwies sich dabei wie schon so oft zuvor als Nadelöhr. Danny schnaubte entnervt. Wieso nur brachten es die Artisten immer wieder fertig, allesamt zur gleichen Zeit beim Hangar einzutreffen, obwohl sie alle unterschiedlich lange Wege an Bord des Schiffes zurücklegen mussten?

Leider war die Antwort denkbar einfach, schließlich spürte er selbst stets genau, wie viel Zeit noch bis zur Vorstellung blieb, und wäre nie zu spät gekommen. Viele Abläufe an Bord der Gambler-Circus waren durch das unfehlbare Zeitgefühl, über das jeder von ihnen verfügte, synchronisiert.

Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, dies sei nur auf der Gambler-Circus und auf den anderen Schiffen, deren Besatzungen zur gleichen Bevölkerungsgruppe wie sie gehörten, der Fall. Die anderen Menschen hatten ihnen sogar einen Spitznamen gegeben, der auf ihren angeblichen Besonderheiten beruhte: Gambler.

Dennoch konnte Danny sich nicht recht vorstellen, dass es anderswo nicht ähnlich zugehen sollte wie hier. Menschen wie die Artisten der Gambler-Circus stellten verglichen mit der Gesamtzahl aller Bewohner der Erde und ihrer Kolonien nur eine verschwindend kleine Minderheit dar, und dass ausgerechnet dieses winzige Grüppchen sich auf so seltsame Weise vom Rest der Menschheit unterscheiden sollte, erschien ihm wenig glaubwürdig.

Mit einer heftigen Kopfbewegung schüttelte er den Gedanken fort und sah wieder nach vorn. Unmittelbar hinter dem Schott wuchs der Hangar in die Breite, so dass sich die Artisten zum Glück alsbald verstreuten. In Gruppen oder allein strebten sie den Stellplätzen ihrer Fluggeräte zu. Unter den hellen Scheinwerfern der Deckenbeleuchtung blitzten völlig unterschiedliche Raumfahrzeuge auf, vom kleinen, schnittigen Raumgleiter bis hin zu großen, verwegen wirkenden Schiffen oder gar speziellen Anzügen, die ihren Trägern das Aussehen geheimnisvoller Aliens verlieh.

Der Vergleich war allerdings mehr Ausdruck seiner Phantasie als der Wirklichkeit, denn niemand hatte bislang einen echten „Außerirdischen“ gesehen. Auf keinem der Planeten, die seit dem nunmehr beinahe vierhundertjährigen Bestehen der interstellaren Raumfahrt erforscht worden waren, waren auch nur Spuren intelligenten Lebens entdeckt worden, das in irgendeiner Weise der Zivilisation der Menschen, so wie sie heute existierte oder in früheren Entwicklungsstadien existierte hatte, glich.

Als Danny sich vorstellte, er selbst könnte einmal einer anderen Rasse begegnen, durchrieselte ihn ein aufgeregtes Kribbeln. Doch leider war der Gedanke daran derart abwegig, dass er ihn sofort wieder verwarf und versuchte, seine Konzentration auf die unmittelbar bevorstehende Show zu richten.

Gleich darauf wurde seine Aufmerksamkeit machtvoll abgelenkt. Er hörte hinter sich die Stimmen von fünf Mitgliedern der Familie Doi, ging langsamer, sah sich zu ihnen um und verfolgte ihren Weg durch den Hangar. Ihr Ziel war, wie er nur zu gut wusste, die Challenge, das größte und eigentümlichste Schiff, das in der Vorstellung eingesetzt wurde.

Wie eine erhabene Pyramide ragte der tetraedische Leib der Challenge über dem Boden der Halle auf, und die vier Geschützkanzeln, die an jeder der vier Spitzen des Rumpfes angebracht waren, glitzerten wie geschliffene Diamanten unter den Strahlen der Deckenbeleuchtung. Die Flanken des Schiffes glänzten wie flüssiges Silber, und die kleinen Ausstoßdüsen des Antriebs, die in großer Zahl auf allen vier Seiten des Rumpfes angebracht waren, nahmen sich wie Mosaiksteinchen eines kunstvollen Ornaments aus. Trotz ihrer ungewöhnlichen Form war die Challenge das schönste Schiff, das er je gesehen hatte.

Die Dois achteten nicht darauf. Sie hatten schon lange keinen Blick mehr für die elegante Schönheit der Challenge, sondern legten wie üblich routiniert die Raumanzüge an und bemannten das Schiff. Mit knirschenden Zähnen sah Danny ihnen zu, ein enges Gefühl umschlang seinen Hals wie ein verwickeltes Stahlkabel, und eine kneifende Zange schien ihm den Magen zusammenzupressen. Wenn er doch nur Teil ihres Teams sein könnte!

Nur ein einziges Mal hatte er die Challenge betreten, doch er würde es nie, auch nicht eine einzige Sekunde lang, vergessen. Im Inneren des Schiffes, genau im Schwerpunkt des Tetraeders, befand sich eine weitere Kanzel, die des Piloten. Natürlich hatte er sich die genau angesehen.

Sein Puls beschleunigte sich, als er sich daran erinnerte, wie er sich damals in den Pilotensitz hatte gleiten lassen, wie seine Finger über die komplexen Steuerungsmechanismen getastet waren und wie er selbst im Hangar die Stärke, Schnelligkeit und Wendigkeit der Challenge hatte erahnen können.

Anders als sein Gleiter war die Challenge kaum Beschränkungen unterworfen; sie konnte enger, schneller und geschmeidiger durch den Raum gleiten als jedes andere Schiff, das er kannte, und während er sich vorstellte, in ihrer Kanzel zu sitzen und sie eigenhändig zu steuern, spürte er, wie ihn ein Gefühl unendlicher Freiheit erfüllte. Er spürte das unterschwellige Vibrieren des Antriebs, die glatten Instrumente unter seinen Fingerspitzen und den leichten Widerstand, den sie ihm entgegensetzten. In seiner Phantasie wurde die Challenge zu einer Verlängerung seines eigenen Körpers, zu einem Teil seiner selbst. Allein mit der Kraft seiner Gedanken schien er das Schiff im Weltraum tanzen zu lassen.

Als keine vier Meter rechts von ihm ein Werkzeug lärmend auf den Hangarboden polterte und ein Techniker nicht weniger lautstark zu fluchen begann, zerplatzte seine Vision. Nur die Sehnsucht blieb. Wie gern wäre er die Challenge geflogen!

Es drängte ihn danach, seit der das Schiff zum ersten Mal gesehen hatte. Das Zielschießen reizte ihn weniger – dieses Kunststück überließ er gern anderen -, aber die Challenge zu steuern war ohne Zweifel eine ganz besondere Art des Fliegens. Der Kurs des Schiffes musste so gewählt werden, dass alle vier Geschütze die besten Schussmöglichkeiten auf die von der Gambler-Circus gelenkten Zielobjekte erhielten und sie trotz ihrer Eigenbewegung rasch und präzise zerstört werden konnten. Eine derartige Aufgabe erforderte ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen, denn sobald man in der Challenge saß, gab es kein Oben und kein Unten mehr, man musste sich in allen drei Koordinaten des Raums bewegen können, ohne die Orientierung zu verlieren.

Neiderfüllt blickte er auf den tetraedischen Leib des Schiffes, in dem die Dois inzwischen verschwunden waren. Bereits mehrfach hatte er bei Merwyn Gaze angefragt, ob es nicht möglich sei, noch eine zweite Vorstellung mit der Challenge ins Leben zu rufen, eine Vorstellung, in der er der Pilot sein würde, doch seine Bitte war bisher stets abgelehnt worden.

Vor ein, zwei Jahren hatte er das noch verstanden, da er damals vermutlich noch nicht gut genug gewesen war, um das Schiff sicher bedienen zu können, aber heute sah das anders aus. Soweit er das beurteilen konnte, war er kein schlechter Pilot, natürlich längst nicht so gut wie die erfahrenen Männer und Frauen, die ihm unzählige Flugstunden voraus hatten, doch er traute es sich durchaus zu, die Challenge beherrschen zu können. An seiner Lage änderte das allerdings nichts. Die Challenge blieb für ihn unerreichbar, zumindest solange es nach Merwyn Gaze ging, und an dessen Führung würde sich – wie an allem anderen auf der Gambler-Circus – voraussichtlich auf lange Jahre hinaus nichts ändern.

Verstimmt ging Danny weiter und strebte zu dem Platz im Hangar hinüber, der seinem Raumgleiter zugeteilt war. Es war immer wieder dasselbe: Merwyn Gaze sagte, welche Vorstellungen stattzufinden hatten, er teilte die Artisten den einzelnen Vorführungen zu und zog sie wieder davon ab, falls ihm der Sinn danach stand. Ihm blieb somit nur, sich in seinen Gleiter zu begeben und in stupider Monotonie den Asteroidenkurs zu fliegen, so wie er es schon seit fünf Jahren tat.

Die Asteroiden, zwischen denen er sein Raumschiff während der Show hindurchschlängeln musste, waren natürlich keine echten Felsbrocken, die im All trieben, sondern kleine, künstliche Objekte, die zudem mit einem einfachen Steuerungsmechanismus ausgestattet waren. Auf diese Weise konnten die Zuschauer Einfluss auf die Asteroiden nehmen, sie verschieben und sie ihm sogar während des Flugs in den Weg manövrieren.

Trotzdem war seine Aufgabe nicht sonderlich schwer. Er brauchte nur einen einzigen Blick auf die dreidimensionale Darstellung des Asteroidenfelds zu werfen, die zu den Instrumenten seines Raumgleiters gehörte, um zu erfahren, welchen Kurs er einschlagen konnte. Meist sah er gleich ein Dutzend Möglichkeiten auf einmal.
(…)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I

Der Angriff

Im Buch blättern

Verlag :      AAVAA Verlag UG
ISBN :      978-3-86254-399-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      11,95 Eur[D] / 11,95 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 295 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht :      300 g

Medien :
Leseprobe(PDF)

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Die Menschheit am Scheideweg…

Als im 22. Jahrhundert der erste Mensch mit einer besonderen genetischen Mutation geboren wird, ahnt noch niemand, dass es nur der erste von vielen ist. Die Gambler sind reaktionsschneller und leistungsfähiger als jeder gewöhnliche Mensch, sie besitzen einen unfehlbaren Orientierungssinn und das perfekte Gedächtnis – und werden gerade aus diesem Grund gehasst und gejagt. Isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, fristen sie auf ihren Zirkusraumschiffen ein Leben im Schatten. Doch dann taucht aus den Tiefen des Weltraums eine Bedrohung auf, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Und die politische Führung der Erde muss erkennen, dass nur ein Gambler in der Lage ist, die Menschheit vor ihrer vollständigen Vernichtung zu bewahren.

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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IM ABSEITS (Teil 1) – Leseprobe Kapitel 1 aus: “Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff” von Susanne Gavénis

Erstellt von Susanne Gavénis am 6. Mai 2012

IM ABSEITS (Teil 1)

Leseprobe 1. Kapitel aus:

“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”

von

Susanne Gavénis

Allein und unbeachtet bahnte sich Danny Sims seinen Weg durch den überfüllten Speisesaal an Bord der Gambler-Circus. Rings um ihn herum stiegen die Stimmen der über hundert Menschen im Saal von den meist voll besetzten Tischen auf und vermischten sich zu einem lautstarken, unentwirrbaren Durcheinander, über das sich nur ab und an das helle Lachen eines Kindes, die klaren Worte einer Frau oder der dröhnende Bass eines Mannes erhoben. Wie kleine Eisberge tauchten sie auf der Oberfläche eines Sees auf und tanzten für eine Weile über den Köpfen der Menschen, bevor sie wieder von einem Anschwellen der gesprächigen Geselligkeit verschluckt wurden.

Danny selbst schwieg, und er hob auch nicht den Kopf, um die Blicke der anderen zu suchen. Sein Bemühen würde doch keine Beachtung finden, das hatte er längst gelernt. Seine Schritte fanden wie von selbst den Weg zum Tisch seiner Eltern, die ihn bereits erwarteten. Wie üblich hatte er sich ihnen nicht sofort angeschlossen, als sie zum Essen gingen, sondern war ihnen nachgefolgt. Es lag ihm nicht viel daran, mehr Zeit als nötig im Gemeinschaftsraum der Gambler-Circus zu verbringen.

Ihr Tisch war bei weitem der kleinste im Saal, und das gleiche galt auch für seine Familie. Die Verwandtschaft des Direktors Merwyn Gaze etwa war viel größer, allein ihr engster Kreis, bestehend aus seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern, seinem Bruder Benjamin und dessen Anhang, nahm einen Zwölfpersonentisch voll in Anspruch, und auch alle anderen Ehepaare an Bord des Schiffes zogen zwei, drei oder vier, manche sogar bis zu sechs Kinder auf. Nur Danny hatte keine Geschwister.

Früher hatte er das oft bedauert, oder besser gesagt, die anderen Kinder hatten ihm das Gefühl gegeben, dass er es bedauern müsste, deshalb war er manchmal zu den Tischen der anderen Familien herübergegangen, um in ihr unbeschwertes Lachen und Plaudern einzutauchen. Inzwischen war es schon eine ganze Weile her, seit er das zum letzten Mal getan hatte, da seine Altersgenossen schon vor ein paar Jahren aufgehört hatten, ihn zu fragen, ob er sich ihnen anschließen wollte.

Er nahm es ihnen nicht übel, denn ihm lag seinerseits nicht viel daran, seine Gedanken mit ihnen zu teilen. Als kleines Kind hatte er es getan, aber nie etwas anderes als ungläubige Blicke oder gar ein abfälliges Lachen geerntet, und je älter er wurde, desto größer wurde die Kluft zwischen ihm und den übrigen seines Alters. Alle Kinder der Gambler-Circus gaben sich wie die Erwachsenen gänzlich der Welt des Zirkus hin, liebten die Vorstellung und lebten dafür, er hingegen hatte andere Träume, und seit er vor drei Monaten siebzehn Jahre alt geworden war, erfüllte ihn die Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung drängender als jemals zuvor.

Deshalb vermisste er die Gespräche mit den anderen nicht, sondern gab sich freiwillig dem Schweigen hin, das am Tisch seiner Eltern herrschte. Sie zogen es vor, ihre Gedanken nach dem Essen in aller Ruhe in ihrem Quartier auszutauschen und nicht hier, in dem großen Saal, in dem jeder die Stimme erheben musste, um sich seinem Gegenüber verständlich zu machen.

Danny sah sich mit gerunzelter Stirn um. Manchmal kam es ihm so vor, als hätte der Geräuschpegel in der Messe im Laufe der Zeit dazu geführt, dass jeder viel lauter sprach, als es nötig gewesen wäre, so dass er sich immer weiter hochschaukelte. Ganz ohne Zweifel war der Speisesaal der Gambler-Circus ein Ort des Lebens, der Freude und der Ausgelassenheit, doch ihm war es schon lange nicht mehr gelungen, sich von diesen hellen Stimmungen anstecken zu lassen. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er auch nicht sehr viel Wert darauf legte. Der Lärm, die Gespräche und das Lachen ringsum lenkten ihn von den Gedanken ab, die ihm wirklich wichtig waren.

Ein feines Lächeln kräuselte seine Lippen, als er sich vor der Wahrnehmung seiner Sinne verschloss und den Vormittag vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ. Er war mit seinem kleinen Gleiter draußen im All gewesen und hatte trainiert. Benjamin Gaze, der beinahe unaufhörlich auf der Brücke residierte und auch die Oberaufsicht über das Training führte, hatte ihm, nachdem er seine üblichen Übungen absolviert hatte, einen Sektor zum freien Training zugewiesen, und er hatte den begrenzten Raum, der ihm dort zur Verfügung gestanden hatte, so gut genutzt, wie es ihm möglich war.

Danny ließ halb die Lider sinken, vergegenwärtigte sich seinen Flug und spürte, wie seine Finger erwartungsvoll zu zucken begannen, so als müssten sie auch jetzt wieder komplizierte Steuerungsmanöver ausführen. Und obwohl der Gleiter keine Andruckkräfte durchließ, konnte er wieder mit jeder Faser seines Körpers fühlen, wie sich das kleine Raumfahrzeug unter seinem Willen in Kurven legte, enge Schleifen zog, Schraubenbewegungen vollführte und komplexe Muster wob, die sich wie das Bild eines abstrakten Künstlers vor dem schimmernden Samt des Alls ausgenommen haben mussten.

Die Erinnerung verblasste, als er das Schmunzeln auf den Lippen seines Vaters entdeckte und dessen strahlend graue Augen ihn belustigt, aber auch voller Verständnis musterten. Als sein Vater bemerkte, dass er mit seiner Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart zurückgekehrt war, zwinkerte er ihm zu. Hastig sah Danny zu seiner Mutter, doch sie schien seinen Gesichtsausdruck zum Glück nicht bemerkt zu haben. Ihr Blick weilte irgendwo in der Ferne und in der Vergangenheit.

Danny seufzte und blinzelte schweren Herzens die Reste der Erinnerung fort. Das Training, vor allem das freie Training, war für ihn die schönste Zeit des Tages, und es dauerte ihn sehr, dass sie für heute schon wieder vorüber war. Für seinen Geschmack war sie viel zu kurz. Merwyn Gaze gestand jedem Artisten, der an der täglichen Show der Gambler-Circus beteiligt war, zwei Stunden Raumtraining zu. Diejenigen, die gerade keinen Anteil an den Vorstellungen besaßen, durften sogar nur alle zwei Tage und dann auch nur für eine Stunde ins All.

Der Gedanke daran ließ ihn schaudern, und er hoffte inständig, dass er seinen Platz in der Show bis auf weiteres behielt. Nicht, dass ihm der Auftritt an sich wichtig gewesen wäre, im Gegenteil, aber seine Trainingszeit wollte er unter gar keinen Umständen verlieren oder auch nur um einen Deut verkürzt sehen.

Objektiv betrachtet reichte sie natürlich völlig aus, war sogar ausgesprochen großzügig. Er selbst hätte, um seine Vorstellung meistern zu können, nicht einmal einen Bruchteil der Trainingszeit benötigt, und für all die anderen Artisten galt das in gleicher Weise. Somit wäre es eine unnötige Verschwendung von teurer Energie, wenn ein jeder von ihnen so lange im Raum bleiben könnte, wie es ihm beliebte, und so etwas konnte sich die Gambler-Circus nicht leisten. Soweit er das beurteilen konnte, war die Gewinnspanne des Zirkus ohnehin nicht besonders hoch. Merwyn Gaze musste folglich darauf achten, dass keine Reserven vergeudet wurden.

Aber das zu wissen half ihm nicht, das ungestüme Verlangen in seinem Inneren zu bezähmen. Er wollte fliegen, an jedem Tag, in jeder Stunde, außer vielleicht er aß oder schlief gerade. Es gab noch ein paar andere Tätigkeiten, die ihm ebenfalls Spaß machten, doch an das unendliche Gefühl der Freiheit, das er innerhalb seines Gleiters verspürte, sobald er ihn zwischen den Sternen tanzen ließ, kam nichts heran – nicht einmal annähernd.

Leider war seine Zeit für heute vorbei, und so blieb ihm nichts, als mit einem kargen Ersatz vorlieb zu nehmen. Aber das war immerhin besser als gar nichts. Ruhelos beendete er sein Essen und warf seinem Vater einen fragenden Blick zu, kaum dass er sein Besteck beiseite gelegt hatte. Sein Vater nickte ihm zu.

„Geh nur“, sagte er gerade laut genug, um die Gespräche ringsum übertönen zu können.

Unvermittelt sah seine Mutter auf. Ihre langen, braunen Locken, die fast immer ihr Gesicht verdeckten, da sie den Kopf zumeist gesenkt hielt, fielen zurück und gaben ihre hellblauen, stets leicht feucht glänzenden Augen frei. Danny zuckte unwillkürlich zusammen, als ihr Blick ihn traf. Wann immer sie ihn ansah, hatte er das Gefühl, sie würde im nächsten Moment zu weinen beginnen, und oft genug war er es, der ihr den Anlass dafür gab.

Manchmal reichte es, wenn er begeistert über ein neues Manöver berichtete, um den unsäglich bekümmerten Ausdruck in ihren Zügen zu vertiefen, manchmal war es seine Vorfreude auf das Training, die sie betrübte, und am schlimmsten war es, wenn er durch Worte oder seine Haltung andeutete, welche Gedanken ihn von Zeit zu Zeit erfüllten. Dann schauten ihre Augen nicht nur traurig, sondern weiteten sich ängstlich und füllten sich mit einem Schrecken, der von naher Panik kündete.

Deshalb versuchte er schon seit langem, seine Träume in sich zu verschließen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Sie erkannte immer wieder, was ihn bewegte, und je älter er wurde, desto heftiger reagierte sie darauf. Es fiel ihm schwer, angemessen damit umzugehen, vor allem weil er nicht wusste, warum sie so voller Trauer war. Er war nicht die Ursache dafür, das war ihm klar, es schien nur so zu sein, dass er sie ab und an mit seinem Verhalten an ein schmerzhaftes Erlebnis aus ihrer Vergangenheit erinnerte. Aber was sie erlebt hatte, wusste er nicht, weil seine Eltern niemals darüber sprachen, auch dann nicht, wenn er mehr oder weniger direkt danach fragte, und deshalb war es schwierig, alles zu vermeiden, was ihr Kummer bereiten könnte.

Und so musste er sich damit begnügen, einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der ihr nichts von seinen wahren Gefühlen verriet.

„Ich möchte in den Sternenblick“, erklärte er wie beiläufig.

Für eine Sekunde schwieg sie, dann noch für eine weitere, und er konnte hören, wie sie tief Luft holte, so wie sie es stets tat, wenn sie ihm eine Antwort gab. Er hatte fast den Eindruck, als glaubte sie, er könne sie nicht verstehen, wenn sie nicht vorher genug Atem sammelte, um laut und einigermaßen gefestigt mit ihm zu reden.

„Hast du dich für heute nicht bereits genug zwischen den Sternen bewegt?“, fragte sie, und ihre Stimme zitterte wie ein Wimpel im Sog der Ventilation.

„Der Sternenblick ist anders als der Gleiter, Mom“, erwiderte er vorsichtig. Es war ein gutes Argument, aber es ging leider einen Deut zu weit in die richtige Richtung.

Er spürte, wie ihr Blick intensiv auf ihm ruhte, und fühlte, wie die Spannung zwischen ihnen wuchs.

„Sie gleichen sich mehr, als dass sie sich unterscheiden“, antwortete sie tonlos. „Die Bewegungen sind fast identisch.“

„Sie sind viel langsamer.“

„Warum gehst du nicht auf dein Zimmer? Du musst doch sicher noch lernen.“

Als Danny an die Schulstunden dachte, die jeden Morgen noch vor dem Training stattfanden, verzog er unwillig das Gesicht. Er sehnte sich nach einer Zeit, in der er sie nicht mehr besuchen musste, aber bis dahin musste er noch neun Monate warten. „Die Aufgaben sind nicht besonders umfangreich. Ich werde sie nachher erledigen.“

„Wann?“

„Nach der Show.“

„Das halte ich für keine gute Idee. Nach deinem Auftritt wirst du sicher müde sein, deshalb ist es besser, wenn du jetzt nicht in den Sternenblick gehst.“

Danny sah ruckartig auf. Ihr gegenüber besonnen aufzutreten war eine Sache, sich deshalb in Ketten legen zu lassen, eine andere. „Die Vorstellung strengt mich schon lange nicht mehr an. Ich könnte zehn von ihnen am Stück fliegen, ohne zu ermüden!“

Ihre Augen weiteten sich und begannen stärker als gewöhnlich zu glänzen.

„Fünf nacheinander“, schwächte er ab, obwohl fünfzehn der Wahrheit im Grunde am nächsten gekommen wäre.

Plötzlich legte sein Vater seiner Mutter eine Hand auf den Arm. Sie zuckte leicht zusammen, so wie sie es jedes Mal tat, wenn eine unerwartete Berührung sie traf, dann aber wandte sie sich ihm zu. Er lächelte sie an, und da entspannte sie sich wieder.

Verwundert schüttelte Danny den Kopf. Er begriff nicht, wie sein Vater es immer wieder schaffte, sie zu beruhigen. Er musste nicht einmal etwas sagen, ein Blick, ein Lächeln genügte. Er verstand es, sich so zu geben, dass der Kummer in ihren Augen fast verschwand. Danny wünschte, es würde ihm auch gelingen, doch er fühlte, dass er dazu seine tiefsten und persönlichsten Gedanken und Gefühle hätte aufgeben müssen, und das konnte und wollte er nicht. Es kostete ihn bereits genug, sie gänzlich für sich zu behalten und mit niemandem zu teilen.

Seine Mutter sah wieder zu ihm.

„Ich werde nicht lange bleiben“, versprach er ihr.

Sie zögerte, dann lief ein Schauer über ihre schmale Gestalt, der schließlich in ein kaum merkliches Kopfnicken mündete. „In Ordnung.“

Danny schaute überrascht drein, sprang aber sofort auf. „Danke, Mom.“

Sie sagte nichts, sondern bedachte ihn mit einem Blick, den er schon so oft bei ihr bemerkt hatte, wenn sie ihn musterte, einem Blick, in dem sich Sorge und Angst auf eine Weise mischten, die ihn frösteln ließ.

Hastig verabschiedete er sich mit einem Kopfnicken von seinen Eltern, wandte sich ab und strebte eilig auf das Schott zu. Er verstand seine Mutter zwar nicht, aber er wusste genau, dass er sich ihrem Blick schnell entziehen musste, wenn er nicht riskieren wollte, dass sie es sich doch noch anders überlegte.

Die Unberechenbarkeit seiner Mutter war jedoch nicht der einzige Grund für seine Hast, sondern auch die Aufbruchsstimmung, die an einigen der anderen Tische ausgebrochen war. Vor allem die kleineren Kinder waren unruhig geworden und hüpften wie kleine Gummibälle auf ihren Plätzen auf und ab. Wenn er Pech hatte, würden sie ebenfalls in den Sternenblick gehen, obgleich seine Eltern ihm das früher, als er noch klein gewesen war, so kurz nach dem Essen nie erlaubt hätten.

Der Sternenblick war ein besonderer Ort, einer, an dem es unerfahrenen Besuchern gut und gerne einmal den Magen umdrehen konnte. Ihm war das zum Glück nie passiert, und jetzt bestand die Gefahr überhaupt nicht mehr, da ihm die Bewegungsmuster im Sternenblick viel zu vertraut waren, als dass sie ihm auch nur das geringste Unbehagen bereitet hätten. Im Gegenteil – sie waren das einzige, was der Erfahrung im freien Raum zumindest entfernt ähnelte, und er war froh über jede Minute, die er außerhalb seiner täglichen Trainingsflüge dort verbringen konnte. Er hoffte inständig, dass die Kinder sich eine andere Beschäftigung suchten, denn er konnte den Aufenthalt im Sternenblick nur dann richtig genießen, wenn er allein war.

Das Schott des Speisesaals öffnete sich vor ihm und schloss sich hinter ihm wieder, nachdem er mit einem schnellen Schritt hindurchgetreten war. Auf der anderen Seite befanden sich direkt neben der Tür eine Reihe kleiner Fächer, die durch stabile Klappen verschlossen waren. Auf jeder Klappe prangte in leuchtender Schrift der Name des Besitzers gleich neben der Sensorplatte, auf die man die Hand legen musste, um das Fach zu öffnen.

Danny presste die Hand auf den Sensor seines Fachs, spürte, wie sich die Platte für eine Sekunde erwärmte, zog die Hand wieder zurück, und die Klappe glitt auf. Kaum war sie offen, langte er ins Innere des Faches hinein, löste das Fly-Board aus seiner Halterung und legte es vor sich auf den Boden.

Das Fly-Board war etwa fünfzig Zentimeter lang und besaß eine ovale Form. Er setzte beide Füße darauf, ging leicht in die Knie und tippte mit der rechten Fußspitze zweimal auf das metallisch schimmernde Brett. Sofort hob es ein paar Zentimeter vom Boden ab und setzte sich in Bewegung.

Viel rascher, als er zu Fuß gewesen wäre, trug es ihn durch die langen Korridore der Gambler-Circus. Die Markierungen an den Wänden und die Leuchtkörper an der Decke verwandelten sich in verwaschene Schemen, als er das Fly-Board immer mehr beschleunigte, und doch war die Geschwindigkeit immer noch so lächerlich gering, dass sich weder seine Pulsfrequenz erhöhte noch er gezwungen war, mehr als einen winzigen Hauch bewusster Konzentration auf seine Lenkbewegungen zu richten.

Natürlich flog er schneller, als Merwyn Gaze, die anderen Erwachsenen und vor allem seine Mutter es gern gesehen hätten, aber da sich im Augenblick niemand in den Gängen aufhielt, konnte auch keiner mitbekommen, dass er die Regeln heute wieder einmal großzügig interpretierte. In Gefahr geriet er dadurch nicht, denn er beherrschte das Fly-Board mit traumwandlerischer Sicherheit. Durch leichte Körperbewegungen steuerte er es um die Ecken, verlangsamte es, wann immer ein Schott vor ihm auftauchte, so weit, dass die Tür vor ihm aufgleiten konnte, bevor er sie erreichte, und beschleunigte danach sofort wieder.

Jeder an Bord der Gambler-Circus besaß ein Fly-Board, was auch dringend notwendig war, denn das Schiff war in seinen Ausmaßen schlichtweg überwältigend, immerhin war es die einzige Heimat der zwölf Großfamilien und seiner eigenen kleinen, die zusammengenommen beinahe dreihundert Menschen ausmachten. Ihre Wohnungen, der Speisesaal, die Aufenthaltsräume und ein Sportcenter nahmen ein gesamtes Deck in Anspruch, das mittlere und kleinste, wohlgemerkt. Das obere Deck beherbergte die Andockschleusen für die Fähren, den riesigen Kuppelsaal, von dem aus die Zuschauer die Vorstellung verfolgen konnten, die Brücke und einige Räume, die der Verwaltung unterstellt waren.

In den zwei Zwischendecks befanden sich der Antrieb, die Lebenserhaltungs- und Recyclingsysteme und alle anderen Maschinen, auf die man an Bord eines Raumschiffs nicht verzichten konnte, und im unteren und größten Deck waren die Lagerräume, die Reparaturwerkstatt und der riesenhafte Hangar untergebracht, in dem alle Fahrzeuge, die für die Show benötigt wurden, ihren Platz hatten. Mehr als ein Dutzend Lifts verbanden die fünf Ebenen, trotzdem ergaben sich aus der schieren Größe des Schiffes weite Wege, die niemand zu Fuß gehen wollte; zum Glück blieb ihnen das durch die Fly-Boards erspart.

Danny musste auf seinem Weg zum Sternenblick keinen Lift benutzen, denn er lag auf der gleichen Ebene wie der Speisesaal und die Wohnungen, allerdings genau auf der gegenüberliegenden Seite des Schiffes. Mit dem Fly-Board kam er in kürzester Zeit dort an, ließ es am Ziel zu Boden sinken und verstaute es in einem der Fächer neben dem schlichten Schott, das nichts von dem wundersamen Ort erahnen ließ, der sich hinter ihm auftat.

Das Schott wich automatisch vor Danny zurück, als er in den Erfassungsbereich des Sensors trat, und gab den Blick auf eine kleine Schleuse frei. Sofort spähte er zur rechten Wand der Schleuse hinüber, an der sich eine Steuerungstafel befand. Das Signallicht stand auf grün. Das bedeutete, er war der erste. Er nickte zufrieden.

Ohne noch länger zu zögern, trat er ein und streifte den Handlauf, der links und rechts in der Schleuse angebracht war, mit einem flüchtigen Blick, ohne ihn jedoch zu berühren. Das wäre früher vielleicht nötig gewesen, heute nicht mehr. Mit sicheren, vertrauten Bewegungen aktivierte er die Schalttafel und gab eine kurze Codefolge ein. Auf dem Display erschien die Zahl hundert. Sie blinkte zweimal auf, bevor sie im Sekundentakt heruntergezählt wurde, und je kleiner die Zahl wurde, desto mehr schwand die künstliche Schwerkraft dahin.

Danny zählte in Gedanken ungeduldig mit, fühlte gleichzeitig in seinen Körper hinein und spürte, wie sein Gewicht nachließ und eine belebende Leichtigkeit ihn ergriff. Noch bevor die Zählung bei Null angekommen war, war er leicht wie eine Feder, und es drängte ihn danach, im Wind zu tanzen. Natürlich gab es keinen Wind im Sternenblick, aber die Aufhebung der Schwerkraft verschaffte ihm mehr Bewegungsfreiheit, als irgendein Gegenstand, so leicht er auch sein mochte, in der Anziehungskraft eines Planeten jemals erlangen konnte.

Endlich glitt das Innenschott vor ihm zur Seite. Die Handläufe noch immer ignorierend, stieß sich Danny mit wohlberechnetem Schwung ab und trieb sanft in den Sternenblick hinein. Das Licht unzähliger Sterne begrüßte ihn.

Der Sternenblick trug seinen Namen zu Recht. Er war eine große Kuppel, die sich seitlich an die Gambler-Circus schmiegte. Sie besaß einen Durchmesser von etwa fünfzig Metern und war aus einem besonderen Kunststoff gefertigt worden, der stark genug war, um dem Druckunterschied zwischen dem Innenraum und dem Vakuum standhalten zu können, und zudem die lebensfeindliche Kälte des Weltalls fernhielt. Das allein wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, denn es gab viele Stoffe mit derartigen Eigenschaften, aber eins zeichnete den Kunststoff vor allen anderen ähnlichen Materialien aus: Er war durchsichtig. Das einzige Licht, das die Kuppel erhellte, kam von den Tausenden naher und ferner Sonnen, die wie Diamanten in der samtenen Schwärze des Weltraums glitzerten und den Sternenblick in einen weichen Schimmer tauchten.

Als sich das Schott wieder schloss und die Schleusenbeleuchtung von der Dunkelheit verschluckt wurde, jauchzte Danny vor Freude laut auf. Er nutzte seinen Schwung, um mehrere Salti zu schlagen, glitt elegant durch die Kuppel und gab sich der Illusion hin, frei und unbeschwert zwischen den Sternen zu schweben. An der gewölbten Wand angekommen, stieß er sich erneut ab, gab sich dabei einen neuen Richtungsimpuls und segelte frei wie ein Vogel in einer erstklassigen Thermik durch die Luft.

Er zog die Arme an den Körper, um die Rotation zu erhöhen, drehte sich um seine eigene Achse, bog sich in immer neuen Mustern durch den Raum, der schon bald viel zu klein zu werden schien. Jedes Mal, wenn er gegen eine der Wände stieß, zerbiss er einen leisen Fluch zwischen den Lippen, und ein schmerzhafter Stich durchzuckte seinen Magen. Die verdammten Mauern zerstörten die Illusion der Freiheit und zwangen ihn, umzukehren und die Richtung zu wechseln. Derartige Begrenzungen gab es im Weltraum nicht. Deshalb war der Sternenblick trotz allem nur seine zweite Wahl. Die erste würde immer sein Gleiter sein.

Nach einer Weile hörte er damit auf, mit seinem Körper verspielte Figuren in der Nullschwerkraft zu zeichnen, und ließ sich geradewegs auf den Scheitelpunkt der Kuppel zutreiben. Als er ihn erreichte, langte er nach den Handgriffen, die unsichtbar für das menschliche Auge überall auf der Halbkugel verteilt waren. Doch er musste sie nicht sehen, um sie zu finden. Er wusste, wo sie angebracht waren, und er fand sie sofort, ohne auch nur um einen Deut nachfassen oder gar seine bewusste Konzentration darauf lenken zu müssen. Er war schon so oft im Sternenblick gewesen, dass keine der Bewegungen, die er in der Schwerelosigkeit ausführte, einer besonderen Anstrengung oder geistigen Anspannung bedurft hätte.

Jetzt, da er ruhig stand, konnte er erkennen, dass sich die Sterne außerhalb der Kuppel bewegten. Richtiger gesagt war es die Gambler-Circus, die langsam um ihre eigene Achse rotierte. Sehr bald schon würde am Horizont des Sternenblicks der riesige Gasplanet aufgehen, in dessen Nähe die Gambler-Circus schon seit einigen Tagen im Raum schwebte und dem die Bewohner dieses Systems zurecht den Namen Marble Sphere gegeben hatten. Es war ein Anblick, den er ungern versäumt hätte.

In Gedanken zählte er seinen eigenen Countdown, und genau in dem Moment, in dem er mit seiner Zählung bei Null angekommen war, schob sich der erste Lichtstrahl über den Rand der Kuppel, durchstieß sie wie eine feurige Lanze, nur um auf der anderen Seite den transparenten Kunststoff erneut zu durchdringen und sich auf eine lange, ewig währende Reise durch die Unendlichkeit des Alls zu begeben.
(…)

(Weiter zu Teil 2)

Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I

Der Angriff

Im Buch blättern

Verlag :      AAVAA Verlag UG
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Einband :      Paperback
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Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 295 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht :      300 g

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Die Menschheit am Scheideweg…

Als im 22. Jahrhundert der erste Mensch mit einer besonderen genetischen Mutation geboren wird, ahnt noch niemand, dass es nur der erste von vielen ist. Die Gambler sind reaktionsschneller und leistungsfähiger als jeder gewöhnliche Mensch, sie besitzen einen unfehlbaren Orientierungssinn und das perfekte Gedächtnis – und werden gerade aus diesem Grund gehasst und gejagt. Isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, fristen sie auf ihren Zirkusraumschiffen ein Leben im Schatten. Doch dann taucht aus den Tiefen des Weltraums eine Bedrohung auf, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Und die politische Führung der Erde muss erkennen, dass nur ein Gambler in der Lage ist, die Menschheit vor ihrer vollständigen Vernichtung zu bewahren.

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.

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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 4 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 30. April 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 4

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Langsam schob sich die SKUNKALLA durch den dunklen Weltraum. Das Raumschiff war arg geschunden. Der Antrieb war nahe einem Totalausfall und die Hülle stand kurz vor einem kritischen Bruch.

Lovisa stand am Steuerrad. Vorsichtig fuhr sie die SKUNKALLA auf einen kleinen Mond zu, der den Planeten ABORION umkreiste. Ihr Ziel war ein großer Krater. In seinem Zentrum befand sich der Eingang zu einem Tunnelsystem, das vor einhundert Jahren Teil einer Weltraummine war. Der Betreiber ging damals pleite und die Mine wurde geschlossen. Sie geriet in Vergessenheit. Fast.

Slim Jorgenson, der alte Mechaniker der Sternenbraut-Mannschaft, wusste von der Mine. Sein Großvater hatte dort einst gearbeitet und Slim abenteuerliche Geschichten erzählt. Geschichten über harte Männer, schöne Frauen, seltene Mineralien und gefährliche Weltraummonster. Die meisten Erzählungen waren natürlich reine Fantasie. Aber die Tunnel und die dazugehörige Minenstation, die gab es wirklich.

Die SKUNKALLA senkte sich nun kerzengerade ab. Sie schwebte förmlich auf die schwarze Öffnung im Boden zu, deren Rand aus gezackten Klippen bestand. Der Eingang glich beinahe einem gigantischen Weltraumwurm, der jeden Augenblick zuschnappen konnte. Lovisa hielt unweigerlich den Atem an.

Bernard spürte die Anspannung der Sternenbraut. Der Vampyrjunge legte seine Hand beruhigend auf ihre Schulter. Diese Berührung und Bernards unerschütterlicher Glaube an ihre Fähigkeiten, beruhigten Lovisa.

„Bereit machen zum Eintauchen“, sagte sie entschlossen. „Segel werden gerafft. Scheinwerfer ein. Morle, achte auf die Sensoren. Ich will eine Meldung bei weniger als einem Meter.“

Eigentlich waren die Tunnel für den Einflug großer Raumschiffe ungeeignet. Aber die SKUNKALLA musste dringend irgendwo festmachen, um überholt zu werden. Deswegen setzte die Sternenbraut-Mannschaft alles auf eine Karte. Selbst mit eingefahrenen Segeln und nur mittels Einsatz der Manövrierdüsen, war es ein riskantes Unternehmen. Es bestand die Gefahr, die Tunnelwand zu streifen und dabei die Hülle gänzlich aufzureißen oder eine Lawine auszulösen und unter Tonnen von Mondgestein begraben zu werden. Und es bestand ganz einfach das Risiko, irgendwo steckenzubleiben.

„Ich wünschte wir hätten eine Karte der Tunnel“, flüsterte Lovisa. Bernards Gehör war fein genug, um selbst die leisesten Worte zu erlauschen. Und wenn Lovisa sprach, dann hörte er besonders genau zu.

„Verlass dich auf deinen Instinkt“ sprach er ihr Mut zu. „Du und die SKUNKALLA, ihr seid eine Einheit. Ihr schafft das schon.“

Lovisa nickte entschlossen. Sie zog am Steuerrad und es ging aufwärts. „Ich folge da hinten dem Tunnel. Auf der linken Seite.“

Morle sprang über den Sensorschirm und fauchte laut. „Weniger als ein Meter! Weniger als ein Meter!“ Die virtuelle Katze jammerte. „Viel weniger als ein Meter.“

Die SKUNKALLA wurde noch langsamer. Dann war von Außen ein schabendes Geräusch zu hören. Stein glitt über Metall. Slim meldete sich besorgt über Interkom. „Was ist da oben los, bei euch? Meine Maschinen drehen beinahe durch. Und die Hülle schreit ja regelrecht um Hilfe.“

„Ich suche einen freien Tunnel“ antwortete Lovisa gepresst. Schweiß stand ihr auf der Stirn. „Hier gibt es keine Markierungen.“

„Das schaffst du schon, Kleines. Nur Mut. Ich werde die Hülle solange ein wenig trösten.“ Auch Slim stand ohne Vorbehalte hinter Lovisa. Er glaubte an seine junge Kapitänin.

Bernard schaute besorgt nach Draußen. Die scharfen Felskanten an den Seiten schoben sich immer weiter zusammen. Es gab kaum noch Platz zum Manövrieren. Doch Lovisa hielt an ihrem Kurs fest.

Beinahe schien die SKUNKALLA vom umliegenden Gestein festgesetzt, da erhöhte die Sternenbraut den Schub und drückte das Raumschiff mit Gewalt weiter. Staub und Steine wirbelten auf. Felsspitzen bohrten sich knirschen in die Raumschiffhülle. Mit einem kleinen Sprung bewegte sich die SKUNKALLA dann plötzlich voran und war wieder frei. Lovisa nahm den Schub zurück.

Der Tunnel hinter ihnen war nun ein Stück verbreitert. Nur langsam setzte sich Staub und Geröll. Die SKUNKALLA selbst schwebte in einer großen Höhle, in der sogar Platz für mehrere Raumschiffe ihrer Größe war. Die Lichtstrahlen der Scheinwerfer fraßen sich wie bleiche Finger durch die Dunkelheit und erfassten, auf der anderen Seite der Höhle, einige Schleusen. Der Eingang zur Minenstation. Sie hatten es geschafft.

Lovisa jubelte. Behutsam fuhr sie die SKUNKALLA an die Schleuse heran. „Morle, bitte an die Schleuse der Station andocken. Versuch den Stationscomputer zu erreichen und lass dir die Umweltdaten geben.“

„Aye, aye, Kapitän Lovisa“, schnurrte Morle und sprang über die Bildschirme. Ein Zittern durchlief das Raumschiff, dann stand die SKUNKALLA vollkommen still. „Die Station hat keinen Avatar. Wir sind alleine.“

„Empfängst du Daten aus der Station?“

„Ja. Die Station verfügt über eine Energiequelle. Ziemlich altes Computersystem. Miau.“ Die virtuelle Katze kam kurz ins Stocken und fauchte dann. Morle flackerte kurz, dann schien alles wieder normal. „Atembare Luft und Schwerkraft wie auf der Erde.“

Lovisa nickte und betätigte dann das Interkom. Sie fühlte sich an ihren Pappa erinnert. Er hatte die Mannschaft auch von der Brücke aus delegiert, wie er es nannte. „Slim, wir haben angedockt. Hier ist alles in Ordnung.“

„Gut gemacht, Kleines“, kam es kratzend aus dem Lautsprecher am Steuerrad. „Ich bereite die Reparaturen an der SKUNKALLA vor. Hoffentlich gibt es hier genug Ersatzteile, um das alte Mädchen wieder auf Vordermann zu bringen.“

„Brauchst du uns dabei?“

„Im Augenblick nicht, Mädchen. Warum? Ist irgendwas los?“

Lovisa warf einen kurzen Blick auf Bernard, der sie nur anlächelte. „Nein. Ich würde mir die Station nur gerne genauer ansehen.“

Slim lachte. „Ganz dein Pappa. Mach schon, Kleines. Guck dir alles an. Wird aber viel Staub und Dreck sein. Kannst ja schon mal schauen, ob du Ersatzteile findest. Ich stoße dann später dazu.“

Bernard nickte zustimmend. „Eine gute Idee, wie es sich für einen Kapitän gehört.“

„Vorher aber umziehen und Sachen packen“, befahl Lovisa lachend. „Immerhin gehen wir auf Expedition. Und Morle übernimmt solange die Brücke. Oder, Morle?“

Morle antwortete mit einem lauten Mauzen. „Immer muss ich an Bord bleiben. Bringt mir wenigstens diesmal virtuelle Wolle mit. Ich brauche etwas zu spielen.“

„Ich gucke mal, was ich finde“, lachte Lovisa gut gelaunt.

Sie und Bernard machten sich nun in ihre Quartiere auf, um sich für die anstehende Expedition umzuziehen. Lovisa wählte ihre übliche dunkle Sternenbrautmontur und schob sich die strassbesetzte  Augenklappe über das linke Auge. Dann steckte sie noch ihren Säbel ein und schlüpfte in die bequemen rosa Stiefel. Die waren ein Geschenk ihres Pappas und vollkommen raumschifftauglich, wie er immer gerne lachend betonte.

Der Vampyrjunge hatte im Lager herumgekramt. Es gab nur wenige Sachen in seiner Größe und kein Kleidungsstück gefiel ihm so recht. Also schnappte er sich einfach einen langen braunen Ledermantel und einen breitkrempigen Hut. Zusätzlich noch mit Taschenlampen ausgestattet, waren die beiden nun bereit, um auf Expedition zu gehen.

Das Schott der SKUNKALLA öffnete sich zischend und die aufbereitete Luft aus dem Raumschiff vermischte sich mit der abgestandenen Luft aus der Station. Ein moderiger Geruch lag über allem. Die Gänge der Station waren tief in den Felsen hineingetrieben und lagen in vollkommener Dunkelheit. Lovisa und Bernard knipsten ihre Taschenlampen an und leuchteten in die Finsternis hinein.

Die beiden folgten dem großen Haupttunnel ein Stück weit in die Station. Obwohl sich Menschen mit Hilfe gewaltiger Maschinen in das Mondgestein hineingegraben hatten, war der Boden oft uneben. Deswegen galt stets große Vorsicht, um einen Sturz zu vermeiden.

„Gespenstisch“, sagte Lovisa, als sie an eine Kreuzung kamen. Sie machte mit Kreide ein X an die Wand, um später leichter den Weg zurück zu finden. „Wir gehen links lang.“

Bernard nickte und folgte der Sternenbraut. Nervös sah der Vampyrjunge über die Schulter zurück. Er fühlte sich beobachtet. Als ob irgendetwas Unsichtbares in der Dunkelheit lauerte. Doch er konnte weder etwas sehen, noch konnte er etwas hören. Bernard vertraute aber auf sein Gefühl und blieb wachsam.

Tiefer und tiefer ging es in die Station hinein. Es gab düstere Mannschaftssäle zu entdecken, nach altem Schweiß riechende Umkleidekabinen, Hallen mit altem Werkzeug und Schrott, Schürfgeräte die auseinanderzufallen drohten und noch vieles mehr.

Irgendwann erreichte die kleine Expedition die Grenzen der Station, die beinahe nahtlos in die Minenschächte und Bohrtunnel übergingen.

„Gruselig.“ Lovisa hob einen kleinen Stein auf und warf ihn weit in die Dunkelheit. Der Stein verließ die künstliche Schwerkraft der Station und flog mehrere Sekunden durch die Leere, bevor er langsam zu Bode schwebte „Aber gleichzeitig auch spannend. Hier haben mal viele Menschen gelebt und ihre Arbeit verrichtet. Und jetzt ist nur noch Schrott und Müll Zeuge ihrer Bemühungen.“

„Das ist der Lauf der Dinge.“ Bernard richtete seine Taschenlampe auf den Boden. „Wir sollten zur SKUNKALLA zurück. Slim müsste alle Vorbereitungen bereits getroffen haben. Je eher wir den Mond verlassen, um so besser.“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen mit dem Ellenbogen leicht in die Seite und grinste. „Ich wusste gar nicht, dass du so ein großer Angsthase bist.“

Bernard lächelte verschmitzt. „Es ist halt eine große und dunkle Station.“ Und vor allem machte er sich Sorgen um Lovisa. Bernard war sich sicher, alleine mit den meisten Gefahren problemlos fertig zu werden. Aber die Sternenbraut war um ein vielfaches verletzlicher als ein Vampyr. Dessen war sich Bernard durchaus bewusst.

Die beiden drehten um und folgten den Kreidezeichen durch die Tunnel Richtung SKUNKALLA. Als sie gerade um die nächste Ecke gebogen waren, flog der kleine, von Lovisa geworfene Stein, aus der Dunkelheit zurück.

***

Irgendetwas kam Bernard auf dem Rückweg merkwürdig vor. Der Vampyrjunge griff an der nächsten Kreuzung Lovisa am Arm. „Warte kurz“, bat er und sah sich die Kreidezeichnung an. „Das ist die gleiche Zeichnung wie an der vorherigen Gabelung.“

Lovisa trat neben Bernard und strahlte das weiße X auf dem Felsen an. „Ja. Damit habe ich den Weg markiert, damit wir uns nicht verlaufen.“

Bernard schüttelte den Kopf. „Wir gehen einen anderen Weg. Ich habe ein gutes Gedächtnis. Und an diesen Tunnel kann ich mich nicht erinnern. Und dann das X an der Wand. Es ist das gleiche Zeichen wie eben. Es ist nicht einfach ein X, das du gemalt hast, Lovisa. Es ist eine exakte Kopie.“

Die Sternenbraut sah Bernard erstaunt an. Dann begriff sie, was der Vampyr andeutete. „Wir sind nicht alleine“, flüsterte sie und schluckte. Vorsichtig drehte sie sich um. Mit der Taschenlampe strahlte sie in die Dunkelheit hinein. Nichts zu sehen.

„Egal wer es ist, er ist sehr leise. Ich habe nichts gehört.“ Bernard lauschte aufmerksam, aber es blieb still. „Kann uns Morle helfen?“

Lovisa nickte und zog ihr kleines Kommlink vom Gürtel. Sie aktivierte mehrmals die Frequenz der SKUNKALLA, doch es blieb still. „Morle antwortet nicht.“

„Vielleicht ist die Verbindung gestört? Wir sind ziemlich weit gegangen und tief in den Tunneln.“

„Nein, die Verbindung steht, Bernard. Morle antwortet einfach nicht. Sie ignoriert meine Rufe. Da stimmt etwas nicht. Hier ist etwas faul.“

Bernard trat näher an Lovisa heran. Sollte jemand ihr zu nahe kommen, würde der Vampyrjunge die Sternenbraut mit seinem Leben beschützen.

Lovisa sah Bernard erstaunt an. „Hey, du Feigling, geh mal wieder auf Abstand. Wenn uns jemand etwas Böses wollte, war die ganze Zeit Gelegenheit dazu.“

Bernard machte einen Schritt zurück. „Entschuldige bitte. Ich wollte nur …“

Lovisa legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Leise. Vielleicht werden wir belauscht. Auf jeden Fall bilden die X eine Spur, der wir folgen sollen.“ Die Sternenbraut legte eine grimmige Entschlossenheit an den Tag, „Also folgen wir ihr auch. Immerhin hat sich jemand große Mühe gemacht.“

„Aye, aye, meine Kapitänin“, murmelte Bernard und folgte Lovisa. Er hoffte die Sternenbraut würde Recht behalten. Er wusste, dass es die merkwürdigsten Lebewesen im Universum gab. Viele von ihnen waren für den menschlichen Verstand nur schwer zu begreifen. Das hatten einst auch die Vampyre schmerzhaft lernen müssen.

***

Der Weg führte noch eine halbe Stunde durch die Tunnel der Minenstation, dann endete er abrupt vor einer gelben, rostigen Metalltüre. Sie waren angekommen.

Lovisa atmete tief durch, dann stieß sie die Türe auf und strahlte mit ihrer Taschenlampe in den Raum dahinter. Es war der Kontrollraum der Station.

Mehrere Terminals waren im Kreis angebracht, darüber unzählige Monitore. In der Mitte des Kontrollraums befand sich ein rundes Terminal, mit dem alle anderen Terminalstationen kontrolliert werden konnten. Dort war einstmals der Platz des Administrators, den nun eine merkwürdige Kreatur eingenommen hatte.

Sie erinnerte an einen Menschen, der aus unzähligen kleinen Maschinen und Ersatzteilen zusammengebaut war. Eine archaischer Androide, eine urtümliche Menschmaschine. Inmitten ihrer Brust, notdürftig von zwei Platinen verdeckt, pulsierte schwach die Energiequelle der Maschine. Hunderte insektenartige Augen öffneten sich und das Wesen sah auf.

Lovisa machte einen forschen Schritt in die Kommandozentrale hinein. Sie schluckte, denn die Menschmaschine machte ihr Angst. Bernard spürte, wie das Herz der Sternenbraut schneller schlug und stellte sich beschützend vor sie.

„Freude. Willkommen auf meiner Station“ sprach die Maschine mit einer summenden, monotonen Stimme. „Dankbar. Sie haben meine Einladung angenommen.“

„Wer sind Sie?“ fragte Lovisa mit unsicherer Stimme. „Was wollen Sie von uns?“

„Traurig. Ich bin einsam. Hoffnung. Aber dann kamt ihr. Freude. Meine Einsamkeit ist beendet. Freundlich. Ich habe keinen Namen. Traurig. Mein Vater starb vorher. Freundlich. Und wer seid ihr?“

Lovisa betrachtete die Menschmaschine eingehend. Sie war verwirrt. Gleichzeitig hatte sie Mitleid mit dieser künstlichen Kreatur, denn die Sternenbraut wusste leider zu gut, wie schmerzlich der Verlust der Eltern war. Bevor sie jedoch was sagen konnte, hatte Bernard das Wort ergriffen.

„Ich bin Bernard. Und das hier ist Lovisa, die Sternenbraut. Wir gehören zur Mannschaft der SKUNKALLA“, erklärte der Vampyr. „Unsere Mannschaft weiß wohin wir gegangen sind und wird bald nach uns suchen.“

Mehrere der Monitore flammten nun auf und zeigten die SKUNKALLA am Dock. „Verstehend. Eine unterschwellige Drohung. Wütend. Niemand darf mir drohen.“ Die Stimme der Menschmaschine blieb stets ohne Emotion. „Zornig. Ich kann euer Schiff jederzeit zerstören.“

Lovisa zog die Augenbrauen hoch. „Entschuldige bitte. Das war keine Drohung. Freundlich. Es ist schön dich kennenzulernen. Freude.“

Bernard blickte die Sternenbraut fragend an.  „Warum redest du jetzt auch so komisch?“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen in die Seite. „Das ist eine künstliche Lebensform. Glaube ich jedenfalls. Sie kann keine Gefühle ausdrücken. Aber sie hat sehr wohl Gefühle und drückt das verbal aus, in dem sie einfach sagt, was sie fühlt.“

„Natürlich“, murmelte Bernard und schalt sich einen Narren, nicht selbst darauf gekommen zu sein. „Und vielleicht kann sie unsere Gefühle nicht wahrnehmen. Sie hat also kein Verständnis für Empathie.“

„Vielleicht. Deswegen versuche ich auf der sicheren Seite zu navigieren und passe mich unserem Gastgeber an“, erklärte Lovisa und lächelte. „Neugierig. Warum hast du bei unserer Landung keinen Kontakt aufgenommen?“

„Freude. Ihr versteht mich. Freundlich. Ich war besorgt. Sorge. Ihr seid doch meine Freunde?“

Lovisa dachte darüber nach, bevor sie antwortete. „Freundlich. Bevor wir mit jemandem Freundschaft schließen, wollen wir ihn erst einmal besser kennenlernen.“

„Ernst. Kein Verständnis. Traurig. Kohlenstoffverbindungen gehen leicht kaputt. Freundlich. Wir kennen uns. Freude. Wir können Freunde sein. Angst. Ich will nicht mehr alleine sein.“

„Ich verstehe das. Niemand will alleine sein. Aber Freundschaft muss wachsen. Das kann zwar schnell gehen, aber auch langsam. Freundschaft ist nichts, das jemand erzwingen kann. Freundlich.“

Die Menschmaschine schwieg für einen Augenblick. „Hoffnung. Können wir uns näher kenennlernen?“

„Sicherlich. Die SKUNKALLA muss repariert werden. Solange liegen wir hier vor Anker. Es wird noch einige Tage dauern, bis wir weiterfliegen.“

Mehrere Lichter flammten in und auf der Menschmaschine auf. „Sorge. Niemand darf weiterfliegen. Angst. Er lässt niemanden weiterfliegen.“

Lovisa blickte die Menschmaschine fragend an und drehte dann langsam den Kopf zu Bernard. „Das kapiere ich nicht.“

Der Vampyrjunge machte ein grimmiges Gesicht. „Auf der Station scheint es mehr Leben zu geben, als wir denken. Vermutlich ist da Draußen noch etwas unterwegs. Kannst du mit der SKUNKALLA Kontakt aufnehmen?“

Lovisa schüttelte den Kopf. „Nein, Morle spielt noch immer die sture Miezekatze.“

„Neugierig. Morle?“ Die Menschmaschine stand auf. Dabei gerieten ihre Bauteile in Bewegung und knirschten laut.

„Der Avatar unseres Schiffes. Eine künstliche Intelligenz. So wie du. Als wir eintrafen, hat sie versucht Kontakt mit der Station aufzunehmen.“

„Besorgt. Er mag keine anderen Intelligenzen. Traurig. Deswegen hat er Vater getötet. Wut. Ich hasse ihn. Traurig. Aber er ist alles was ich habe.“

„Wer ist er?“ hakte Lovisa nach. „Noch eine Menschmaschine?“

Ein Lachen hallte aus den Lautsprechern und erfüllte den Kontrollraum. Bernard und Lovisa zuckten zusammen. „Nein. Ich bin der Avatar der Minenstation. Pheistos ist mein Name.“

Auf einem der Monitore zeigte sich der grob aufgelöste Kopf eines wild aussehenden Hundes. Er bellte laut und Lovisa fuhr erschrocken zusammen. Pheistos lachte nun. „Du bist also diese Sternenbraut, von der mir diese Miezekatze erzählt hat.“

„Was hast du mit Morle gemacht?“ schrie Lovisa besorgt. „Wenn du ihr was angetan hast, dann … dann …“

„Dann, was?“ Der virtuelle Hund grinste breit und entblößte dabei gigantische Fangzähne. „Ihr seid mir ausgeliefert. Denn ihr steckt mitten in meinem Revier fest. Und ich habe die Kontrolle über euer Raumschiff. Denn deine Miezekatze kuscht, wenn ich es will.“

Ein weiterer Monitor flammte auf und Morle war zu sehen. Das künstliche Kätzchen saß wie ein Häufchen Elend in der Bildschirmecke und blickte mit flackernden, großen Augen zum Monitor hinüber, auf dem sich Pheistos präsentierte. Der Hund knurrte und Morle versuchte sich noch kleiner zu machen.

„Entschuldigung, Lovisa. Er hat mich einfach überwältigt“, erklärte Morle kleinlaut mauzend.

Pheistos knurrte drohend und Morle war sofort ruhig. „Euer Sicherheitssystem war einfach zu zerbeißen. Kein Wunder, wenn eine stinkende Miezekatze die Arbeit eines Hundes erledigen soll. Das kann nur schief gehen. Vor allem bei so einem Hund wie mir.“

Lovisa war wütend. „Was willst du von uns überhaupt? Wir haben dir nichts getan.“

„Ha. Na und? Ich bin für die Verwaltung und die Sicherheit auf der Station zuständig, bis mein Herr irgendwann zurückkommt. Solange werde ich warten und entweder jeden vertreiben oder solange einsperren, bis mein Herr zurück ist.“

Bernard zeigte auf die leeren Sitzplätze im Kommandoraum. „Und wann wird jemand zurückkommen? So wie die Sache für mich aussieht, bist du ein herrenloser Streuner.“

Pheistos bellte augenblicklich los. Und zwar von jedem der Monitore. „Was fällt dir ein? Ich und ein Streuner? Dafür werde ich dich bestrafen. Ich werde dich zerbeißen.“

„Und wie willst du das anstellen?“ fragte Bernard. Lovisa stieß ihn warnend mit dem Ellenbogen in die Seite, aber der Vampyrjunge sprach weiter. Er war zu wütend, um sich zu besinnen. „Du bist ein Hund hinter Glas.“

Pheistos knurrte, dann war ein Rumpeln in den Tunneln zu hören. Die Menschmaschine sprach: „Besorgt. Angst.  Er hat die Maschinen aktiviert.“

„Was denn für Maschinen?“ wollte Lovisa wissen.

„Angst. Viele der alten Maschinen funktionieren noch. Besorgt. Ihr hättet ihn nicht verärgern sollen.“

Bernard sah ängstlich zu Lovisa. Das hatte er nicht gewollt. „Stell dich hinter mich, ich werde versuchen sie aufzuhalten.“

Pheistos lachte auf. „Versuch es ruhig. Dann öffne ich halt die Schleusen und lasse die Luft ab. Ich komme ohne Sauerstoff aus. Ihr auch?“

Lovisa starrte auf die Monitore. „Wir können die Sache doch auch friedlich regeln. Wir gehen einfach und das war es. Wir wollten dich nicht stören oder verärgern.“

„Zu spät. Ich habe gesehen, wie ihr meinen Herrn bestohlen habt.“

Slim, dachte Lovisa mit Entsetzen. Sie hatte Slim ganz vergessen. „Was hast du mit Slim angestellt?“ fragte Lovisa ängstlich.

Morle fauchte plötzlich. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Was?“ Pheistos verschwand flimmernd von sämtlichen Bildschirmen und tauchte kurz darauf jaulend auf einem einzelnen Monitor wieder auf. „Was macht ihr da?“

Lovisa war verblüfft und sah zu, wie Morle sich wieder ängstlich in eine der Monitorecken zurückzog. „Slim?“ fragte Sternenbraut in Richtung des virtuellen Kätzchens.

Und erneut fauchte Morle. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Aufhören!“ jaulte Pheistos und flackerte heftig. „Schaltet diesen verdammten Virus ab. Wie habt ihr das gemacht? Ich werde die Miezekatze löschen.“

„Wage es dich und ich werden den Namen unseres Mechanikers schneller und öfter rufen, als du es dir träumst“, drohte Lovisa. Der nicht zu löschende und nervige Eintrag in der Datenbank der SKUNKALLA hatte also doch etwas Gutes. Die Sternenbraut hatte aber keine Ahnung, warum nun auch die Computer der Minenstation auf den Namen Slim reagierten.

„Überrascht. Ihr bietet ihm die Stirn. Erleichtert. Er ist doch nicht allmächtig. Glücklich. Ich kann ihm entkommen.“ Die Menschmaschine stapfte zu einem der Terminals. „Entschlossen. Ich kann mich wehren.“

Pheistos jaulte laut auf und Lovisa rief mehrmals Slims Namen. Sämtliche Monitore flackerten und der virtuelle Wachhund rollte sich wehleidig über die Bildschirme. Morle schüttelte fauchend den Kopf und machte einen Satz hinter Pheistos her. Sie fuhr ihre virtuellen Krallen aus und schlug mit ihrer Pfote auf die Nase des Stationsavatars.

Mit einem Satz brachte sich Pheistos in Sicherheit. Er verkroch sich tief in der Datenbank, vor der sich Morle aufbaute. „Dummer Hund. Komm raus, damit ich dich schlagen und kratzen und beißen kann!“ rief das virtuelle Kätzchen aus.

„Mutig. Kopiere Daten. Glücklich. Das System ist bereinigt.“

Lovisa und Bernard sahen die Menschmaschine fragend an. „Was meinst du damit genau?“ fragte Lovisa nach.

„Freundlich. Ich habe Pheistos auf einen externen Datenträger kopiert und die Datenbank gelöscht. Froh. Seine Schreckensherrschaft ist beendet.“

Tatsächlich. Mit vereinten Kräften war es ihnen gelungen Pheistos zu bezwingen. Dadurch, dass er sämtliche Daten Morles auf die Station transferierte, hatte er auch die Warnung vor Slim kopiert. Lovisas Pappa hatte dafür gesorgt, dass es schwer war diesen Eintrag zu löschen. Die Warnung war ebenso hartnäckig wie ein Computervirus.

***

Slim hörte sich später an Bord die Geschichte genau an. Der alte Mechaniker hatte nichts mitbekommen und sich nur gewundert, dass die anderen Mannschaftsmitglieder solange unterwegs waren. Er war froh, dass es allen gut ging.

„Da hat uns dein Pappa noch einen Bärendienst erwiesen, Mädchen.“ Slim schüttelte der Menschmaschine die Hand. „Hast du gut gemacht, unserer Sternenbraut zu helfen. Solche Freunde können wir gut gebrauchen. Wie ist denn eigentlich dein Name.“

„Gerührt. Wir sind Freunde?“

Lovisa lächelte. „Stolz. Ja, wir sind Freunde.“ Die Sternenbraut dachte kurz nach. „Ich glaube Terminal würde gut zu dir passen. Wegen den ganzen Bauteilen und Platinen.“

Die Menschmaschine erstarrte für einen Augenblick. „Stolz. Freude. Glück. Liebe. Ich bin Terminal. Glücklich. Freundlich. Wir sind Freunde.“

Jubelnd hieß die Sternenbrautmannschaft Terminal an Bord der SKUNKALLA willkommen. Niemand wollte die Menschmaschine auf der verlassenen Station zurücklassen. Und Terminal war überglücklich, an der Seite ihrer neuen Freunde ,Abenteuer erleben zu dürfen. Und diese ließen nach der Reparatur der SKUNKALLA nicht lange auf sich warten. Es galt Nils zu befreien. Und Lovisa hatte einen Plan.

ENDE

Copyright © 2012 by Miriam Kleve

Buchtipp:


Irina Siefert
Zoran – Kind des Feuers

Verlag: Papierfresserchens MTM-Verlag
ISBN: 978-3-86196-125-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 152 S. – 21,0 x 13,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 01.05.2012

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Als der 13-jährige Zoran eine Kreuzfahrt gewinnt, weiß er noch nicht, dass ihn diese Reise in eine völlig andere Welt führen wird. Auch kann er noch nicht ahnen, dass er lernen wird, das Feuer zu beherrschen. Die Macht über das Element macht ihm zum letzten fehlenden Mitglied der TAAF, der Gruppe, deren Aufgabe es ist, das Land vor der Vernichtung zu bewahren.

Dafür muss Zoran die Ablehnung gegenüber seiner Gefährtin überwinden, denn die beiden stellen bald fest, dass sie Entscheidungen zusammen treffen müssen, wenn sie das eigene Leben und das zahlloser anderer retten wollen. Wem können sie vertrauen? Wer wird sie verraten? Doch die schwerste Aufgabe wird es, ihre Menschlichkeit, und damit Liebe und Mitgefühl, zu wahren.

Irina Siefert geboren 1995, war schon immer vom Schreiben und Lesen fasziniert und so verfasste sie schon früh eigene Geschichten.

Mit diesem Roman begann sie mit 15 Jahren. Mittlerweile schreibt sie auch gerne Kurzgeschichten, doch blieb die Vorliebe zu Romanen.

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DIE DUNKELHEIT – Eine Science Fiction Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 30. April 2012

Die Dunkelheit

Science Fiction Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Mehr als alle Wunder dieser Welt wünschte sich Nick ein sorgenfreies und erfülltes Leben. Doch in seinem jetzigen Zustand war er weit davon entfernt, dass eines seiner Luftschlösser auch nur ansatzweise entstehen könnte. Anstatt zu Hause bei seiner Familie zu sitzen und sich mit den Kindern zu beschäftigen, nach ihren Leistungen in der Schule zu fragen oder seine Frau wild und hemmungslos zu lieben, trieb er einsam in seinem Tank.

Der Tank war seit mehr als vier Tagen sein neues Zuhause. Oder waren es bereits fünf Tage? Oder nur einer? Nick wusste es nicht. In der absoluten Dunkelheit hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Die Dunkelheit hatte ihm geflüstert, Tankmenschen würden durch den andauernden Schwebezustand, die Stille und die Dunkelheit, innerhalb weniger Stunden wahnsinnig. Aber Beweise gab es keine. Oder flunkerte die Dunkelheit nur? Nick hatte keine Ahnung.

Er nahm einen tiefen Zug Sauerstoff, der von außerhalb zugeführt wurde. Das Atmen fiel ihm seit einiger Zeit schwerer. Ein Zeichen dafür, dass seine Lunge bereits angegriffen war. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch die anderen Organe ihm ihren Dienste versagten. Jedenfalls nach Meinung der Dunkelheit.

War jetzt nicht der Augenblick gekommen in Panik auszubrechen? Spätestens jetzt? Doch es geschah nichts. Nick wunderte sich darüber, denn immerhin nagte der Tod bereits an seinen Knochen. Doch es blieb bei der Verwunderung.

Was hatten sie mit ihm angestellt? Was hatten sie mit ihm gemacht? Er spürte wie sich ein Fetzen Haut von seinem Rücken langsam abschälte und in der Dunkelheit versank. Doch es bereitete ihm keine Schmerzen. Nur Bedauern – des Verlustes wegen. Mit der Haut war ein alter Freund gegangen.

Etwas schien sich unter ihm zu regen, kroch an seinem Po entlang nach oben, strich über seine Hüfte, floss über das bloße Fleisch und zerplatzte mit einem leisen Knall, als es die Oberfläche der Flüssigkeit durchstieß. Es roch nach faulen Eiern, und Nick fragte sich, ob er ohne Nahrung überhaupt Blähungen haben könne. Doch er vermutete, dass der Tank mit irgendeinem Gas geflutet wurde. Oder mit etwas anderem, hörte er die Dunkelheit wispern.

Nick nahm noch einen weiteren, tiefen Zug nun bitter schmeckenden Sauerstoff und stieß sich mit den Füßen ein wenig ab. Sein Kopf stoppte nach wenigen Zentimetern an der metallenen Tankhülle. Einige Haare und etwas Kopfhaut lösten sich ab. Ein Stück Schädelknochen lag blank.

Sie wissen, schon was sie machen, sprach sich Nick selbst Mut zu. Bald werde ich bei Linda und den Kindern sein. Wir werden lachen, singen und Spaß miteinander haben.

Täuschte er sich oder verabschiedete sich gerade der linke Ringfinger von seinem Körper? Er tastete mit der Rechten nach der Linken und fühlte nichts. Nun, dann waren jetzt wenigstens Ringfinger und Zeigefinger irgendwo im Tank miteinander vereint. Oder auch nicht.

Waren nun Stunden oder Minuten vergangen, seitdem der Finger sich selbstständig gemacht hatte? Oder nur Sekunden? Nick versuchte nachzudenken und rieb sich gedankenverloren sein rechtes Ohr. Doch er griff nur ins Leere, was ihm nichts mehr ausmachte. Die Geräusche waren bisher nur gedämpft zu hören gewesen. Dann hört er jetzt eben gar nichts mehr.

Nick gähnte und fand es nur normal, dass sich sein Kiefer ohne Worte verabschiedete. Es gab ein leise Platschen, dann war er weg. Kann ich so überhaupt überleben, fragte sich Nick. Oder war es die Dunkelheit?  Nick begann müde zu werden. Er wurde schnell müde in letzter Zeit. Oder knipste nur jemand einfach sein Lebenslicht aus? Er wusste es nicht.

Dann geschah es. Geist und Körper wurden voneinander getrennt. Die Dunkelheit seufzte bedauernd.

Nick konnte nun alles ganz genaue sehen und mit seinem Blick das Wasser durchdringen. Dort unten sank sein Körper tiefer ins düstere Nass hinein. Sie hatten seinen Tod wohl bemerkt und die Halterungen gelöst. Der Körper begann zu trudeln und die restlichen Knochen, Sehnen und Muskeln lösten sich langsam auf. Nick konnte die Bakterien fast fühlen, die sich um die Verwertung der Reste kümmerten und Platz für den nächsten Kandidaten schafften.

Ein einsamer, warmer Lichtstrahl durchdrang von oben den Tank und wurde immer größer, bis er Nicks Geist vollkommen erfasste. Es war ein seltsames Gefühl, in dieses Licht getaucht zu werden. Ein angenehmes Gefühl. Nick fühlte sich zu dem Licht hingezogen und ließ sich auf seine Quelle zutreiben. Nicks Geist begann aufzusteigen, verschwand und das Licht erlosch – die Dunkelheit schwieg …

***

“Verdammt!” brüllte Heidler und knallte seine dürre Faust kraftlos gegen den großen Metalltank. “Schon wieder! Der wievielte war es, Brösler?”

Heidlers Assistent rief die Daten auf seinem Pad ab. “Nummer Zehn.”

“Familie?”

“Frau und zwei Kinder. Wir haben ihnen gesagt, er sei unheilbar  krank. Sie kommen jeden Tag und wollen ihn sehen. Wir haben sie immer vertröstet.”

“Die übliche Standardausrede”, wies Heidler Brösler an. Der alte Mann drehte seinen dürren Körper zu dem Tank herum und funkelte die Maschine böse an. “Vielleicht war er zu alt. Bestellen Sie die Kinder zu einer Routineuntersuchung. Faseln Sie etwas von Erbkrankheiten und bereiten Sie einen weiteren Tank vor. Wir steigern das Bakterienniveau und beginnen vor dem Tod mit der Übertragung. Wir nehmen die Kinder von Nummer Zehn. Vielleicht klappt es diesmal.”

“Vielleicht”, entgegnete Brösler und schaltete das Pad ab.

“Wir haben das Genom entschlüsselt. Wir haben Krankheiten besiegt. Wir haben uns Bakterien und Viren untertan gemacht. Wir sind die Herren und Meister der modernen Technologie.” Brösler klopfte auf den metallenen Korpus des Tanks. „Körper, Verstand, Geist und Seele sind auch nur Bauteile einer Schöpfung. Und ich werde diese Bauteile separieren und neu arrangieren. Irgendwann jedenfalls.“

Brösler verließ wortlos das Labor und bereitete sich in Gedanken auf seinen eingeübten Text vor. Hoffentlich würden die Angehörigen nicht weinen. Das hielt immer unnötig auf.

Nachdem Brösler gegangen war, streichelte Heidler über das Gehäuse des Tanks und lächelte. Die Dunkelheit sang ihm ein Lied.

ENDE

Copyright © 2001 by Günther K. Lietz, all rights reserved.

Buchtipp:


Alexander Kröger
Fundsache Venus

Verlag: Projekte-Verlag Cornelius
ISBN: 978-3-86237-846-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 352 S. – 19,6 x 13,8 cm
Erscheinungsdatum: 2. Aufl. 19.04.2012

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In „Fundsache Venus“ entdeckt Wally 327 Esch als Überlebende einer Rettungsexpedition das geborstene Raumschiff, und sie findet Dirk, ihren Lebensgefährten, aus dessen toter Hand sie ein Souvenir entnimmt, das, so glaubt sie, für sie bestimmt ist. 18 Jahre hütet sie das Geheimnis dieses Geschenks. Dann berichtet sie dem Sohn Mark von der Operation in einem verlassenen Urwaldhospital und von Bea, einem Mädchen mit Tigeraugen … Sie bürdet damit dem jungen Mann eine Verantwortung auf, die er allein nicht tragen kann.

Maren 021 Call kämpft leidenschaftlich gegen die Entstehung von „Anderen“ auf der Erde und dem Mars. Sie fürchtet auf lange Sicht den Untergang des ursprünglichen Menschen.

Alexander Kröger richtet in einer mitreißenden Handlung – in Sicht auf heutige Realitäten und Tendenzen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung – das Augenmerk des Lesers auf die Verantwortung der Menschen für ihre Zukunft.

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RENO – Kapitel 3 – Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 25. April 2012

Reno

Kapitel 3

Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte

von

Michael Bahner

Was bisher geschah …

Reno rappelte sich auf und machte aus Gewohnheit eine Geste, als wollte er den Schmutz abwischen. Natürlich half es nichts, der Anzug stand vor Dreck und Schlamm. Aber es half ihm, sich nach dieser sinnlosen Rauferei einen Hauch von Würde zu erhalten – trotz seines derangierten Äußeren, trotz ihres zu Klump geflogenen Raumbootes und trotz seiner wütenden Pilotin, die sich gerade keuchend und schwitzend aus dem Griff der schäbig grinsenden Wache befreit hatte.

Misstrauisch beobachteten die Soldaten, wie Reno seine Waffe aufhob. Er schob sie langsam ins Holster zurück. Sie wirkten entschlossen und erweckten nicht den Eindruck, als wäre ihnen körperliche Gewalt zur Erfüllung ihrer Aufgaben fremd – oder unerwünscht. Dann machte er einige Schritte auf den Soldaten zu, den Tschang als Neurofeedback-Sklaven benutzte. Sofort verstellten ihm zwei der anderen den Weg. Sie hielten ihre Waffen gesenkt, aber er rechnete sich keine Chancen gegen sie aus, jetzt, wo er kein Überraschungsmoment ausnutzen konnte. Es lag auch nicht in seiner Absicht, den Sklaven anzugreifen, obwohl er innerlich kochte. Er brannte darauf, sich an irgend etwas oder irgend jemandem abzureagieren, gerade weil Tschang überhaupt Sklaven benutzte.

Dieser Mistkerl.

Einen Augenblick hielt er inne, um sich zu sammeln und seine Erregung unter Kontrolle zu bringen.

„Herr Tschang! Sie sind widerrechtlich in den Orbit von Aladin I eingedrungen”, verkündete er laut und so offiziell wie es ihm möglich war angesichts seines Gegenübers, das immer wieder von spastischen Zuckungen geschüttelt wurde und in einem irren, nicht menschlichen Grinsen seine Zähne fletschte. Entweder war sein Neurofeedback-Implantat defekt oder die Verbindung gestört. Reno leierte schnell alle Verstöße herunter, an die er sich erinnern konnte. Lange konnte er den Anblick nicht mehr ertragen.

„Rrrch … gut … gut … aarrrchh”, röchelte der Sklave, sabberte zwischen zusammengebissenen Zähnen, schnarchte und verdrehte die Augen, bis man nur noch das Weiße sah. „Ich bekenne mich schuldig und werde ihnen selbstverständlich vorbehaltlos folgen. Wollen Sie mich jetzt festnehmen?”

Er schwenkte den Kopf suchend wie eine Radarschüssel hin und her, bis er das Wrack anvisiert hatte.

“Oh, wie ich sehe, bedarf Ihr Shuttle offensichtlich der einen oder anderen … äh … Reparatur.” Ein Röcheln stahl sich aus seinem Mund, das ursprünglich ein Lachen gewesen war.

“Darf ich Ihnen einstweilen meine Gastfreundschaft anbieten? Die Eskorte wird Sie beide zu meinem Landeplatz begleiten. Dort gibt es alles, was Sie in Ihrer jetzigen Situation benötigen und was Ihnen vermutlich verloren oder in den diversen Teilen Ihres Shuttles zu Bruch gegangen ist. Verpflegung, Kleidung, vielleicht eine Dusche? Nein, nein, das ist keine Bestechung, glauben Sie mir. Wie gesagt, lassen Sie es sich gut gehen und vergnügen Sie sich. Sie sind meine Gäste.”

Er brach ab und sackte zusammen, als hätte jemand den Stecker gezogen. Reno starrte ihn argwöhnisch an.

Gerade als er dachte, das Gespräch wäre beendet, schnellte der Sklave wie an Fäden gezogen in die Höhe und verkündete laut plärrend: “All… allerdings fürchte ich, dass weder mein Schiff noch die Kommunikationsanlage zurzeit betriebsbereit sind. So gerne ich sie Ihnen zur Verfügung gestellt hätte. Ich habe gerade mit dem Kapitän gesprochen, beides benötigt dringend Wartung. Es gibt offenbar auch irgendwelche magnetischen oder elektrischen Störungen. Sie vergeben mir, damit kenne ich mich nicht aus. Genaueres erfahren Sie von meinen Offizieren.”

Dann ertönte ein Laut wie aus einer verbeulten Orgelpfeife, während sich der Sklave vorbeugte, als müsste er sich übergeben.

„SCHLUSS JETZT!”, entfuhr es Reno, „Nur noch persönliche Kommunikation!”

“Ok, Großer, lassen wir ihn”, sagte Lena, die neben ihn getreten war.

Die Soldaten, die den Sklaven flankierten, schien dessen Zustand nicht im Geringsten zu stören. Der Sklave keuchte schwer, während Speichelfäden in seinen Mundwinkeln wippten. Dann gab er etwas von sich, was entfernt an ein Kichern erinnerte, wankte ein paar Schritte und kippte kopfüber zwischen die Büsche.

Tschang hatte die Verbindung unterbrochen.

***

“Ich gehe auf Kontrollgang”, sagte Mom Chao.

Der Kapitän wandte seine Aufmerksamkeit beiläufig vom Fernglas ab und nickte, während einer der Wachoffiziere dienstbeflissen salutierte und rief: “Kommandantin verlässt Brücke.”

Ohne sich um das Deckpersonal zu kümmern, ging Mom Chao auf den Gang hinaus, der entlang der Längsachse die oberen Beobachtungsräume der Himmelsglanz mit der Kommandokanzel verband. Ein Offizier und zwei seiner Leute folgten ihr. Als sie die Druckschleuse betraten, stülpten sie sich wortlos die Atemmasken über. Sie kletterten hinab zum oberen Waffendeck, vorbei an Munitionskammern und Gefechtsständen; weiter hinunter zu den Schleusen der Mannschaftsdecks, durch das untere Waffendeck, bis sie vor den Schotts standen, die zu den Kielräumen und den Seilkammern führten. Das Surren der Wellen und das tiefe Brummen der nahen Dampfkerne war hier viel stärker als auf dem Kommandodeck.

Die Fahrthöhe der Himmelsglanz betrug jetzt mehr als zehntausend Ellen. Die Luft war dünn und kalt, vor allem hier in den unteren Decks, wo es weder Heizung noch Luftdruckregulatoren gab. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen.

Mom Chao zog die Wattierung ihres Kragens höher, bis sie den unteren Rand der Atemmaske bedeckte.

“Hier?” fragte sie stirnrunzelnd, zu leise, um die Schiffsgeräusche zu übertönen.

Hauptmann Hrinkel las es ihr von den Augen ab. Er überragte Mom Chao um einen guten Kopf, brachte es aber trotz seiner Größe, seiner massigen Gestalt und seiner wilden Erscheinung zustande, ihrem Blick unterwürfig zu begegnen.

“Ja, Herrin”, antwortete er, sein breites Gesicht nahe an ihren geröteten Wangen – zu nah.

Mom Chao widerstand jedoch dem Reflex, vor ihm zurück zu weichen. Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine faltigen Augenwinkel.

“Dort lagern normalerweise Enterwerkzeug und Ballast.”

Dieser Tölpel soll sich unterstehen, mich in Gegenwart anderer mit Herrin anzureden. Für ihn wie für alle anderen bin ich die Kommandantin! Die Dienerin Kaiser Nangklaos, meines Vaters – dieses Heuchlers! Ich weiß von Spionen, die von den Lippen ablesen können. Wenn einer der beiden da hinten von dieser Sorte ist, wüssten sie sofort, dass der Hauptmann mir ergeben ist – und nur mir. Und wenn, ja, wenn die Atemmasken nicht unsere Worte verbergen würden.

Hrinkel schien die Gedanken der Kommandantin zu erraten, denn er beeilte sich zu erklären, die beiden Soldaten seien ihm treu ergeben und gäben ihr Leben für ihn und seine Herrin. Er wusste auch, sollte Prinzessin Mom Chao nur den leisen Verdacht hegen, er hinterginge sie, eine ihrer Klingen wäre nicht mehr als eine Schrecksekunde von seiner Kehle entfernt. Jederzeit. So, wie er dastand – groß und wuchtig wie ein Fels vor ihrer schlanken zerbrechlichen Gestalt – könnte sie ihn innerhalb eines Augenzwinkerns niederstrecken.

Er schluckte trocken, als sie sich zum Weitergehen wandte.

Während Hrinkels Männer das Schott sicherten, stiegen Mom Chao und der Hauptmann in die warmglänzende Tiefe. Der Lärm der Maschinen drang jetzt nur noch gedämpft zu ihnen herunter. Gut versteckt war achtern zwischen den kupfernen Wänden eine Stallung eingerichtet. Heizwasser gluckerte in behelfsmäßig verlegten Rohren und verbreitete mollige Wärme. Es roch nach Stroh und Ton und blutigem Fleisch, und über allem lag der schwere modrige Geruch der Exkremente und Ausdünstungen von Libellen. Vier große Tiere schabten und zuckten im Halbdunkel, die Flügel eng an die langen Körper geschmiegt. Die Facetten ihrer großen Augen warfen den Schein der wenigen Lampen vieltausendfach zurück, sie glitzerten wie riesige Diamanten. Ihre Mandibeln begannen zu klackern und schnappten leer in Richtung der Menschen, als sie ihre Witterung aufnahmen.

An der Seite befanden sich vier mit Leder überzogene metallene Zylinder festgeschnürt in Gurtzeug, mit dem sie an den Libellen befestigt werden konnten.

Vier Futterale für vier Himmelsmenschen.

“Werden sie groß genug sein für die Fremden? Und die Libellen, können sie die Last tragen bis zu den Grünen Zinnen?”

“Sicher, Herrin”, grollte der Hauptmann. “Die Späher und die Medien sind sich sicher, dass die Fremden in Gewicht und Größe uns entsprechen. Die Libellen werden es schaffen.”

Uns entsprechen? Mir oder dir, mein lieber getreuer Hrinkel, der du doppelt so viel wiegst wie ich in meiner stärksten Panzerung.

“Verbürgst du dich dafür?”

Hrinkel straffte sich und erwiderte entschlossen: “Mit meinem Leben!”

Womit sonst?

Mom Chao nickte, während sie eins der Futterale öffnete. Wie erwartet, befand sich in seinem gepolsterten Innern ein Neuroserph am Kopfende, dehydriert und durch eine Membran geschützt. Die Berührung mit einem lebendigen Organismus sollte das dünne Häutchen auflösen, und die kleine Meduse würde sich in der Luftfeuchtigkeit regenerieren. Sie war dann imstande, Angreifer oder Wesen, die ihr zu nahe kamen, mit ihren Giften zu töten oder ihnen viele Stunden unruhiger Träume zu verschaffen.

“Werden die Fremden das hier überleben?” Sie wies vage über die Gerätschaften.

Hrinkel stutzte. Keiner der Späher und keines der Medien konnte solche Informationen beschaffen.

“Wir werden sehen”, murmelte Mom Chao. Sie schloss das Futteral und atmete tief und zischend durch die Maske.

“Und um die restlichen Himmelsmenschen, die den Arachniden bis dahin nicht zum Opfer gefallen sind, wirst du dich persönlich kümmern. Bei solchen Einsätzen kommt es unweigerlich zum Kampf – muss es zum Kampf kommen! Mit den Fremden, den Arachniden … und leider wird keiner der Fremden dabei überleben.”

Sie blickte ihrem Hauptmann in die Augen.

“Keiner, von denen der Kaiser je erfahren wird.”

***

Der Soldat mit dem Neurofeedback-Implantat hatte sich wieder halbwegs erholt und bildete mit einem seiner Kameraden die Nachhut.

Das Gelände war hügelig, was sie aber wegen des mannshohen Bewuchses nicht unmittelbar erkennen konnten. Nur der Pfad, den die Soldaten von ihrem Lager eingeschlagen hatten und dem sie jetzt wieder zurück folgten, wies deutliche Steigungen und Gefälle auf.

An einer mit lockerem Kies bedeckten Stelle rutschte Reno über die Böschung und landete kaum zwei Meter tiefer in einem schmalen algengrünen Gewässer. Lena schlidderte hinterher, konnte sich aber gerade noch halten.

Um einen Bach handelte es sich offenbar nicht. Es war keinerlei Strömung auszumachen. Reno stand bis zur Hüfte im Wasser und versuchte, nachdem er die erste Überraschung überwunden hatte, sich an Wurzeln und knorrigen Geäst nach oben zu ziehen. Wer konnte schon wissen, welche Art Parasiten sich in dieser Brühe tummelten – und was sonst dort auf der Lauer lag.

“Hilf mir”, raunte er Lena zu.

“Wie soll ich das machen, ohne selbst rein zu fallen?”

Sie reckte den Kopf und rief den Soldaten zu: “Und was ist mit Euch, ihr starken Jungs? Könntet ihr vielleicht mit anpacken?”

Über ihnen auf dem Pfad grinsten die Söldner hämisch. Sie unterließen es allerdings, ihnen zu helfen. Es sei denn, sie dachten, zu kichern oder mit den Waffen zu fuchteln wäre hilfreich.

Plötzlich erstarrten sie.

Ein dumpfes Grollen weit unterhalb der Hörschwelle ließ den Boden erzittern, erzeugte ein Muster kleiner Wellen auf der Oberfläche des Tümpels. Ganz kurz nur hielt es an, dann war es schlagartig wieder verschwunden und die Kräuselungen des Wassers verebbt. Der Pfuhl lag still und modrig da wie zuvor, vielleicht noch stiller – aber jetzt schien er zu lauern.

Tier oder Maschine? Ein Erdbeben? fuhr es Reno im ersten Moment durch den Kopf. Aber als im nächsten Augenblick ein seltsames hohes Klackern und Zirpen zu hören war – fernes und nahes, wie Signale, Meldung und Antwort? – war diese Frage schnell vergessen, und sie machten, angestachelt und fokussiert vom Adrenalin, dass sie auf den Pfad zurück kamen.

Das Klackern und Zirpen verlor sich bald in Geräuschen, die in diesem Buschland offensichtlich normal waren und Wind, Flora und scheuer Fauna zuzuschreiben waren.

Die einzige Orientierung lieferten die Orter der Soldaten – Lenas und Renos waren seit ihrer Bruchlandung hinüber – und die Sonne, die aber schon die obersten Äste der verkrüppelten Bäume erreicht hatte.

In der Ferne – Reno hatte ja keine Ahnung, in welcher Entfernung sie tatsächlich standen – ragten riesige unregelmäßig geformte Spitzen in den Himmel. Was zuerst noch blaugrau und vibrierend von Dunst und Hitze kaum erkennbar gewesen war, erstarrte in der abkühlenden Luft und entflammte allmählich im Feuer der Abendsonne. Sie leuchteten wie die Zähne eines Riesen vor dem dunklen Osthimmel.

Auf vielen Welten gab es ähnlich merkwürdige Erscheinungen. In den meisten Fällen waren sie natürlichen Ursprungs. Reno fragte sich, ob diese Gebilde dort nicht vielleicht künstlich waren. Aber von wem erschaffen?

Das war allerdings nicht die einzige Frage, die ihm im Kopf herum ging. Ihr Landungsboot lag zerbröselt irgendwo im Morast, und sie beide, Lena und er, waren im Schlepptau der Soldaten auf dem Weg in das Lager dieses geheimnisumwitterten Magnaten Tschang. Mehr oder weniger als seine Gefangenen. Aber nur dort konnten sie mit der Orbitalstation Kontakt aufnehmen. Zumindest mussten sie es versuchen. Denn eins war Reno klar, dass sowohl Schiff als auch Kommunikation ausgefallen sein sollte, war nichts anderes als eine taktische Lüge. Tschang war nicht einer jener Typen, die sich ohne Zwang irgendeiner Obrigkeit unterwarfen. Sie konnten also nur hoffen, dass sich im Lager eine Gelegenheit ergab, das Kommando über das Schiff zu erlangen oder zumindest einen Funkspruch abzusetzen. Falls nicht, mussten sie beten, von den automatischen Trackern gescannt zu werden, die im tiefen Orbit ihre Bahnen zogen.

Als die Dämmerung hereinbrach, sie waren bereits über eine Stunde unterwegs, trieben die Soldaten plötzlich zur Eile. Entweder wussten sie nicht, was ihnen in der Dunkelheit begegnen könnte oder sie wussten es nur zu gut. In jedem Fall erschien es auch Reno und Lena vernünftig zu sein, so schnell wie möglich in den Schutz des Lagers zu kommen.

Nach einer weiteren Viertelstunde machten sie das bläuliche Schimmern eines Wallfeldes aus. Das Feld hatte einen Durchmesser von mindestens hundert Metern. Es war vollkommen undurchsichtig. Außer seiner ölig schillernden Oberfläche und dem sich darin spiegelnden dämmerungsgrauen Busch konnte man nichts erkennen. Links hinter dem Wall ragte der Umriss von Tschangs Raumschiff über dem schwarzen Buschland empor. Dicht an den Wall geschmiegt schien es diesen zu durchdringen. Und er bemerkte die heißen Triebwerksgase, in denen die dunklen Schemen der Vegetation flimmerten.

Ich fresse meine Stiefel, wenn Lena es nicht fertig brächte, das Ding sofort und auf der Stelle in Gang zu bringen und loszuzischen.

Aber solche Gedanken waren Makulatur, solange sie nicht an die Steuerung kamen.

Sie entfernten sich vom Schiff und gingen einige Meter am Feld entlang. Reno war beeindruckt, obwohl er es nie zugegeben hätte. Ein Feld dieser Klasse in dieser Größe hatte er noch nie gesehen.

Oder doch?

Ja, einmal. Aber das war sehr lange her.

Früher – in einem anderen Leben – hatte er ein Match in einem Hangar ausgetragen, dessen raumwärtige Öffnung durch ein ähnliches Feld geschützt gewesen war. Ein Spiel in den Docks der Hauptstreitkräfte von Hogg in einem hohen Orbit um den Hauptplaneten. Eine ganze Schar von Generälen und hohen Würdenträgern, die hohe Prominenz von Hogg und zugereiste VIPs waren unter den Zuschauern. Die Tore hätten genauso gut geschlossen werden können, aber dann wäre der Effekt, der Nervenkitzel, den man diesem erlesenen Publikum angedeihen lassen wollte, dahin gewesen. Natürlich hatte sich jede Person, auf deren Meinung auch nur das kleinste bisschen Wert gelegt wurde, gebührend beeindruckt gezeigt. Aber nichtsdestotrotz war es reine Prahlerei gewesen, eine Zuschaustellung ihrer technischen Möglichkeiten, ihrer Überlegenheit. Und für ihn und sein Team hatte es ein weiteres Neuro-Extend erfordert und letztlich, wegen der schnellen und unzureichenden Integration, auch beinahe den Sieg gekostet.

Aber seine Zeit beim Spinball war längst vorüber.

Als sie sich dem Wallfeld näherten, begann sich auf dessen Oberfläche ein Portal abzuzeichnen, wurde transparent und gab den Blick ins Innere einer Sicherheitsschleuse frei.

Außerhalb des Walls war die Luft noch erfüllt gewesen vom auffrischenden Wind und seinen fremden Gerüchen, von den Geräuschen ersterbender Tag- und erwachender Nachtaktivität. Im Inneren war alles wie verwandelt: die Kuppel, die das Wallfeld bildete, wurde von einem anderen, sehr fernen Blick in die Galaxis erhellt, von farbig schimmernden Nebeln und gleißend hellen Sternhaufen im Hintergrund, und einem exotischen und überaus beeindruckenden Planetenaufgang im Vordergrund. Der projizierte Planet war erst zur Hälfte aufgegangen, überdeckte aber beinahe zehn Grad am Himmel und setzte mit seinem Schein das Treiben unter der Kuppel effektvoll in Szene.

Auf der entfernten Seite ragte der goldene Rumpf der Kyrie Hyperion durch den Wall. Gestützt auf filigrane gebogene Stelzen sah er aus wie ein abgeschnittener glitzernder Käfer. Der gepfeilte Bug mit seiner gewölbten Pilotenkanzel, der vordere Teil der elegant geschwungenen Tragflächen für den Atmosphärenflug und die schmalen Zylinder der beiden Lifte, die beidseitig am Rumpf angebracht waren, befanden sich diesseits. Jenseits rauchten unsichtbar die Triebwerke.

Auf dem Platz vor dem Raumschiff standen mehrere Dutzend Menschen in Gruppen. Sie unterhielten sich und lachten, aßen und tranken und promenierten zwischen farbenprächtigen Pavillons und Zelten. Girlanden aus Lampions schmückten die Fassaden, bunte Wimpel und Fahnen an Stangen und langen Masten gaben dem Ganzen das Aussehen eines exotischen Basars. Das Treiben wurde untermalt von den fröhlichen Klängen einer Jazz-Kapelle. Hier war eine regelrechte Party im Gange.

Als sie die Wachen am Portal hinter sich gelassen hatten und bereits auf dem Weg an den geschmückten Zelten vorbei zum Raumschiff waren, wurden sie plötzlich von einer schrillen Stimme gestoppt.

“Halt, halt, warten Sie!”

Aus einer Gruppe vor einem der Pavillons hatte sich eine Frau gelöst. Sie war füllig, mit steil aufgetürmten silbernen Locken und wurde von einer bodenlangen Toga umweht, die ihre Proportionen mehr als dürftig verhüllte. Das leichte, durchscheinende Tuch ließ einen ungehinderten Blick auf ihren nackten Körper zu: die vollen wogenden Brüste, die bei jeder Bewegung erzitternden Falten ihres Bauches und die kegelförmigen Beine. Energisch und so schnell es für ihren Stand schicklich war eilte sie auf den Trupp zu – in der einen Hand ein kristallenes Gefäß, aus dem bei jedem Schritt Flüssigkeit schwappte, mit der anderem ihr Gewand raffend.

Die Soldaten sahen sich unschlüssig an.

“Habe ich Sie noch erwischt, Matrose”, schnaufte die dicke Frau völlig außer Atem und blickte einen der Soldaten, den sie für den Anführer hielt, zornig an.

“Frau Tekanawa, lassen Sie uns weiter gehen. Wir sind auf dem Weg zu Herrn Tschang.”

“Werden Sie bloß nicht frech, Matrose”, knurrte sie ihn an. Ihre Brüste reckten sich angriffslustig in die Höhe.

Schien es nicht so, als ob ihre Brustwarzen zu glitzern anfingen? Als ob das, was gerade noch tiefrosa war, jetzt metallisch schimmerte? Reno rieb sich die Augen, und Lena puffte ihn heftig in die Seite.

“Männer und ihr Testosteron induzierter Tunnelblick”, zischte sie.

“Nichts für ungut, aber solche Pilotenoveralls habe ich noch nie gesehen”, flüsterte er zurück. “Aber darum geht es gar nicht. Hast du nicht bemerkt, dass ihre … äh … ihre …”

“Für Sie ist mein Name immer noch Lady Tekanawa DeHogg”, herrschte sie den Söldner an. “Wenn Sie sich das nicht merken können, dann lassen Sie es sich in Ihr … Ihr Implantat drucken.” Das Wort spuckte sie regelrecht aus. “Und außerdem ist Lord Tschang überhaupt nicht mehr hier. Er ist fort, ausgeflogen und kommt erst sehr spät nach Hause. Inzwischen soll ich mich um unsere lieben neuen Gäste kümmern!”

Sie machte eine gezierte Geste mit der Hand und stellte eine unschuldige Miene zur Schau. Das schien den Soldaten kurzzeitig aus dem Konzept zu bringen. Geschickt nutzte Lady Tekanawa den Moment der Verwirrung, um dem Anführer ihr mittlerweile leeres Glas in die Hand zu drücken.

Der runzelte nur die Stirn, unterdrückte jedoch weitere Bemerkungen und konsultierte stattdessen sein Kommgerät.

“Und jetzt zu Ihnen …”

Mit einer erstaunlich behänden Drehung wandte sie den Soldaten den Rücken zu, flocht ihren Arm um Renos und umhüllte ihn mit ihrem betäubend süßen Parfüm.

“… Sie großer und ausgesprochen gut aussehender Kerl. Wie ich höre sind Sie Pirat und sie …”, sie warf einen kurzen, jedoch nicht ungnädigen Blick auf Lena, “… sie ist Ihre kleine Piratenbraut?”

“Ich bin nicht … wir sind keine …”, schnappte Lena aufgebracht.

Lady Tekanawa klimperte mit den Augen und formte entschuldigend einen Kussmund. “Nicht doch, Kleines, das war doch nicht so gemeint. Ich weiß doch, wen ich hier eingefangen habe”, damit blickte sie wieder zu Reno empor. “Sie sind Ritzo, der Recke von Parastar.”

“Mein Name ist Reno, Lady … äh …”

“Sage ich doch”, fuhr sie im Plauderton fort. “Und Sie, Matrose”, sie wandte sich wieder zornfunkelnd den säuerlich dreinblickenden Soldaten zu, “nehmen Sie endlich Ihre Küchenburschen und machen Sie, dass Sie an Ihre … Maschinen kommen … oder was auch immer. Aber halten Sie hier nicht Maulaffen feil.”

Damit zog sie Reno mit sich fort und winkte Lena, ihr zu folgen. Die Soldaten trollten sich murrend.

“Frau Tekanawa, wir müssen mit Herrn Tschang sprechen und vor allem …”

“Despina. Für euch, meine Hübschen, bin ich nur Despina. Wir sind schließlich Freunde, und ihr seid jetzt meine Mitverschwörer gegen diese erbärmliche Meute unsäglich tumber Toren.” Sie klimperte listig mit ihren Augen und ließ dann ein glockenhelles Lachen ertönen.

Fasziniert bemerkte Reno, wie der metallene Glanz ihren Brüsten entwich und diese, statt kampfbereit die Warzen zu recken, ihnen lustig wippend ihr Ziel wiesen.

“Ach jaa”, sang Despina gedehnt, “der Signore Tschang, unser aller zauberischer Zeremonienmeister”, wieder entfuhr ihr vor Entzückung ein klingendes Lachen. “Er ist einfach so verschwunden, stellt euch vor, ohne uns über seine Absichten in Kenntnis zu setzen. So ein alter Geheimniskrämer. Er sollte jedoch bald wieder hier sein! Das einzige, was er uns versprochen hat, ist eine Überraschung. Haach, seine Überraschungen, ihr Süßen”, sie fasste Lenas Arm und zog beide in verschwörerischer Eintracht zu sich heran, “die sind immer von ganz herrlich aufregender Art.”

Ihr massiger Leib zitterte vor Erregung.

“Aber vorher, müsst ihr euch stärken. Also, auf zur Gulaschkanone, ihr seht ja ganz blass aus.”

Das Grüppchen schlenderte auf einen Pavillon zu, der mit Fress-Fähnchen beflaggt war und in dessen Schutz Stewards mit turmhohen Kochmützen herrlich duftende Speisen kredenzten.

“Gibt es eine Möglichkeit, eine Kommverbindung … nach draußen zu machen?” Lena nagte skeptisch an etwas, das aussah wie eine Hähnchenkeule.

“Nach draußen! Was wollt ihr denn draußen? Papperlapapp, schaut euch um”, Despina breitete die Arme aus, “hier ist die Feier.”

In diesem Moment erschollen helle Fanfarenklänge. Die Musik der Kapelle verstummte. Das Partygeplauder und das Lachen erstarben. Alle Aufmerksamkeit war nach Osten gerichtet. Dort, wo vorher der virtuelle Planet über den Horizont gestiegen war, verschwamm die Projektion, das Wallfeld wurde durchsichtig und gab den Blick auf das im Flutlicht schmachtende Buschland frei.

Sechs mächtige Schimmel bahnten sich ihren Weg durch das Gehölz, kraftstrotzend und ungestüm an ihrem Geschirr zerrend. Die Leute reckten die Hälse, Ahs und Ohs waren zu hören. Die aufgeschreckte heimische Fauna keckerte, schrie und brüllte, duckte sich ängstlich oder floh panisch vor den fremden leuchtenden Wesen. Unter wildem Gewieher und mit sichtlicher Anstrengung zogen die Pferde einen glänzenden Streitwagen ins Licht, auf dem ein kleiner Mann stand. Aufrecht, das Kinn stolz erhoben, selbstgefällig lächelnd, hielt er die Zügel lässig in der Linken, hob triumphierend die Rechte und lenkte sein Gespann direkt auf die Versammlung zu. Sein markantes herrisches Portrait wurde auf beide Flanken der Öffnung im Wallfeld projiziert.

Aristoteles Robert Tschang.

Nette Inszenierung, dachte Reno, der zusammen mit Lena und Despina ein wenig abseits dem Schauspiel beiwohnte.

Hinter Tschangs Wagen brach von starken Tauen gezogen noch etwas aus dem Dunkel des Busches in den Kreis der Scheinwerfer: ein riesenhafter Berg aus Fleisch und Horn, drei säulenartige Beine im Dreck, drei schlaff aus der Seite baumelnd. Eine monströse Chimäre teils Büffel, teils Elefant. Staub wirbelte auf, als das Tier auf die trockene Lichtung vor dem Wallfeld gezerrt wurde und nebelte sowohl das Ungetüm, als auch den Streitwagen ein.

Einige Gäste hielten sich geziert Schnupftücher vor Nase und Mund, als der süßliche Geruch frischen Blutes heranzog. Ein Spalier aus Tschangs Soldaten hielt die Menge zurück und bildete eine Gasse bis unter den Scheitel des Wallfeldes.

“Sehr schön”, konstatierte Lena zu Reno gewandt, “jetzt kommt noch Wilderei dazu.”

“Wir werden uns darum kümmern, wenn wir wissen, wie wir hier raus kommen.”

Despina jauchzte “Huuh”, die leuchtenden Augen auf das tote Tier gerichtet.

Als die Pferde den Bereich des Wallfeldes erreichten, wurden ihre Konturen diffus und die Illusion löste sich auf. Ihr Wiehern verlor sich im Aufheulen des E-Grummans von Tschangs Kettenfahrzeug, das hinter dem kaum noch sichtbaren Hologramm des Streitwagens erschien.

Die Menge und die Soldaten wichen zurück, als Tschang aufdrehte und mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Gasse brauste, den riesigen Kadaver im Schlepptau. Sein zufriedenes Lachen prangte von den Projektionen, war aber erst zu hören, nachdem das Heulen des Elektrotriebwerks verstummt war.

Beifall und Jubelgeschrei brandete auf, Hochrufe ertönten. Einen Moment sonnte er sich darin, dann hob er die Arme wie ein Dirigent und bat sich Ruhe aus.

Tschang begann mit seiner Rede. Bevor er aber den ersten Satz vollendet hatte, gab es einen scharfen Knall außerhalb der Kegel der Scheinwerfer. Dann wieder einen. Und noch einen! Berstendes Holz und peitschende Äste! Und mit einem Mal fing der Untergrund an zu beben, Teller und Tassen schepperten auf den Tischen. Die Partygäste sahen sich zunächst verwirrt um, und ergriffen dann die Flucht. Da sie allerdings nicht wussten, wohin sie flüchten sollten, hatte das Ganze etwas Regelloses an sich, etwas Verzweifeltes.

Reno und Lena und Despina tanzten mit im Reigen allgemeiner Panik, versuchten aber, nahe an die Innenseite des noch intakten Wallfeldes zu kommen. Dort erschien es ihnen am sichersten – wovor auch immer. Die Soldaten hatten sich unterdessen an der Öffnung des Wallfeldes gesammelt und spähten, die Waffen im Anschlag, angestrengt auf die Wand der hell erleuchteten Blätter und Hölzer. Ein paar machten sich hektisch an einem Feldprojektor zu schaffen und versuchten, die Öffnung wieder zu schließen.

Was Reno zuerst wahrnahm, war eine Walze aus undurchdringlichem Staub und Sand, Steinchen und Holzsplittern. Der Lärm wurde ohrenbetäubend. Dann brach die Stampede aus dem Dickicht, dutzende, hunderte der sechsbeinigen Kolosse, keuchend, mit hängenden Zungen, die weißen weit aufgerissenen Augen stur geradeaus gerichtet, strömten durch die Öffnung und überrannten das Wallinnere.

Im Grunde war der Ort nicht schlecht, den sich Reno, Lena und auch Despina zu ihrem Schutz ausgesucht hatten. Aber bevor die Tiere die Wallprojektoren zertrümmert hatten und so ihrer Falle wieder entkommen konnten, rannten einige von ihnen kreuz und quer durch das Lager, so auch dorthin, wo sich die Gruppe aufhielt.

Die verschmelzenden Schemen riesiger sechsbeiniger Büffel und der betäubende Gestank nach Moschus, Despinas schriller Schrei, Lenas vorgehaltene Pistole, die, neben der seinen, Salven dünner Laserblitze in die Schatten der heranstürmenden Tiere spuckte: die letzten Eindrücke brannten sich wie Schlaglichter in Renos Bewusstsein. Dann waren die Kolosse da. Ihr heißer Atem und der Staub drückten ihm die Kehle zu. Lena wurde zur Seite gestoßen, sie wirbelte herum und ihre Waffe traf Reno an der Schläfe.

Er nahm noch wahr, wie die kräftigen Hufen neben seinem Kopf aufschlugen, dann schwanden ihm die Sinne.

Fortsetzung folgt …

Copyright © 2012 by Michael Bahner

Leseempfehlung des Autors:


Brosowski, Melanie
Gestrandet in der weißen Hölle

Verlag : Mohlberg, H
ISBN : 978-3-942079-72-3
Einband : Paperback
Seiten/Umfang : 215 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform : B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum : 15.03.2012
Aus der Reihe : Ad Astra 15

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Chet Morrow und seine Begleiter sind auf dem Weg zu der Heimatwelt der Makis. Da das Transmittersystem der Außerirdischen eine begrenzte Sprungweite hat, müssen die Menschen und die sie begleitenden Makis immer wieder Zwischenstation auf teilweise mehr oder weniger unwirtlichen Welten einlegen. Und so kommt es, wie es kommen muss – sie stranden auf einer Eiswelt!!!

Ohne technische Hilfsmittel und die Möglichkeit, über Funk Hilfe anzufordern, scheinen sie dem Tode nahe – aber dann treffen sie auf einen ebenfalls Gestrandeten. Dieser Sternenmischling hilft ihnen nach anfänglicher Zurückhaltung und für Chet Morrow eröffnet sich ein neues Kapitel in der Geschichte menschlicher Zusammenarbeit.

Sollte die Geschichte dieser Mischlinge und die Erkenntnis daraus der Menschheit eine neue Richtung aufzeigen…?

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SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Invasionsgeschichten”

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. April 2012

“Invasionsgeschichten”

sfbasar.de-Anthologie Band 13

mit Beiträgen der Community-Autoren

des Literatur-Blogs “sfbasar.de”

Editorial: Liebe Freunde, liebe Besucher und liebe Leser: Heute möchte ich Euch diese Anthologie vorstellen, die nach und nach mit immer weiteren Beiträgen und Kurzgeschichten unserer Autoren gefüllt werden soll, die den Themenschwerpunkt “Invasionsgeschichten” zum Inhalt haben.

Woran denken wir unbewusst beim Stichwort „Alien“? Richtig. Ridley Scott schlachtet unsere Urangst vor dem Fremden nur bildgewaltig aus. Erfunden hat er sie nicht. Es geht nicht nur um das Monster aus unseren Albträumen. Es geht vielmehr um den andersartigen Lebensentwurf, der uns durch seine bloße Möglichkeit den unseren streitig macht. Weil er sich als der überlegene erweisen könnte. Es geht um die Auseinandersetzung um den verfügbaren Lebensraum und seine Ressourcen.

Die tiefsitzende Angst vor dem Fremden ist eine Frucht der Evolution und alle naiven Vertreter von Multikulti sollten sich diese Wurzel vergegenwärtigen: Die Xenophobie als Reflex auf eine uralte Erfahrung in der Konkurrenz um Nahrung und Fortpflanzung, in der sich jede Lebensform bewähren muss oder verdrängt wird. Und sie pflanzt sich bis in den Clash of Cultures fort. Diese Angst zu überwinden bedarf größerer Anstrengung als die Vorstellung, es sei für alle und überall genug da und man könne doch hinter die Menu-Vorschläge des Lebens wahlfrei sein Häkchen machen. Die Botschaft „Wir kommen in Frieden“ haben wir uns nämlich selbst nie geglaubt. Deshalb glauben wir sie auch anderen nicht.

Die Anthologie INVASION gibt allen Auseinandersetzungen mit diesem Thema Raum, angefangen von der Viren-Invasion über die berechtigte Angst der Anderen vor uns bis hin zu den Begegnungen, die schließlich zur friedlichen Symbiose führen. Ich freue mich auf eure Beiträge! Folgende Geschichten stehen bereits zur Verfügung. Viel Spass beim Lesen:

500 PFUND KARTOFFELSALAT – Science-Fiction-Story von Werner Karl

DIE EROBERUNG – Science Fiction-Story von Carl Reiner Holdt

EWIGE – Fantasyroman von Barbara Wegener (Leseprobe)

INVASION – eine Kurzgeschichte von Yvonne Rheinganz

Liebe Community-Autoren: Weitere Beiträge sind erwünscht und sollen diese Anthologie ergänzen. Wir planen bei genügend Beiträgen, diese Anthologie hier auch als PDF-File zusammen mit einem Spendenbutton (für kleine Beträge zum jeweiligen Storywettbewerb) anzubieten. Ausserdem planen wir davon ein ebook und am Ende vielleicht sogar eine Printausgabe erscheinen zu lassen! Es liegt ganz an euch und eurer Teilnahme an den Anthologien! Wer also teilhaben möchte, der schreibt eine Geschichte oder einen Sachbeitrag zum Thema und stellt ihn bei uns als Artikel oder Story ein. Bei einer Story kann diese auch an den Storywettbewerben teilnehmen, muss das aber nicht zwingend! Wir hoffen auf eure Hilfe!

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Spende über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Das sfbasar.de-Team
i.A. Carl Reiner Holdt

Bildrechte: Coverillustration “Invasionsgeschichten1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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ISOLA LUCRETIA – Leseprobe aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Kurzroman von Michael Pick

Erstellt von Michael Pick am 24. April 2012

Isola Lucretia

Leseprobe zu:

Isola Lucretia

Science Fiction-Kurzroman

von

Michael Pick

Das Laternenlicht auf der Via del Pellegrino war in dichten Nebel gehüllt. Sirius Savic schlug den Kragen seines Mantels hoch und hämmerte ein zweites Mal gegen das schwarzlackierte Gitterportal am St.-Anna Tor. Endlich steckte ein Schweizer Leibgardist sein rundes, übermüdetes Gesicht durch eine der Zinnen.

„Sirius Savic, MSP.“

Der Ermittler schlug die linke Seite seines Mantels zurück, in dessen Innenrevers seine silberne Dienstmarke in Form des Weltglobus` befestigt war.

Der Wachposten musterte ihn unbeeindruckt. Die aufkommende Dämmerung liftete die Schatten der Nacht über der Straße.

„Besser, Sie verschwinden schleunigst.“

Das Esperanto des Gardisten war stark akzentuiert; Sirius tippte auf eine deutsche Muttersprache.

„Ein ausgezeichneter Rat.“

Der Ermittler tastete die Taschen seines Mantels ab, als suche er etwas.

„Bedauerlicherweise hat ein gewisser …“, Sirius schien gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte und zerrte ein nachlässig gefaltetes Papier hervor. Er blätterte es umständlich auseinander, wanderte mit den Augen darüber, bis er den gesuchten Passus gefunden hatte.

„… Kanzler Valgregor … ist Ihnen der Name ein Begriff?“

Der Wachposten verengte die Augenlider zu Schlitzen. Misstrauen war die vorderste Eigenschaft eines Ermittlers. Bezeichnend, dachte Sirius, und fand es unbequem, sich fragen zu müssen, wo sein eigenes Misstrauen war.

„Hier“, er wedelte mit dem Papier in der Hand, „besser, Sie lesen es selbst.“

Ohne den Blick von Sirius zu wenden, nahm der Gardist den Brief. Sirius grub derweil die Hände in die Manteltaschen. An den Rändern der Via del Pellegrino liefen hellgrüne Pipelines wie eine Reihe dicker Raupen. Der Vatikan besaß eine eigene Dampfversorgung. Sie gehörte zu einem System von Versorgungseinrichtungen, denen die Vatikanstadt ihre Selbstständigkeit verdankte.

Der Schweizer Leibgardist verschwand, wahrscheinlich, um seinen Vorgesetzten zu informieren. Im Abstand von zehn Metern befanden sich Druckventile an den Pipelines; zu jedem Haus zweigte ein Versorgungsrohr ab.

„Sie können passieren, Savic.“

Der Gardist war zurück. Drei weitere Soldaten der Vatikanarmee besetzten die inneren Zinnen und den Einlass. Sirius vernahm das Klicken von Ventilen, das Rauschen von Dampf, als er die Leitungen füllte, die Kraft, die er sammelte, um endlich herausgelassen zu werden. Am oberen Ende des Tores regulierten drei Drehventile die Geschwindigkeit, mit der der gusseiserne Einlass im St.-Anna-Portal geöffnet wurde.

Doch noch durfte Sirius die Vatikanstadt nicht betreten. Vier Gardisten schlüpften durch die halb offene Pforte und sicherten die Umgebung. Ein Unteroffizier folgte ihnen, spuckte geflissentlich vor Sirius auf den Gehsteig und musterte den Ermittler von oben bis unten.

„Nehmen Sie die Arme hoch.“

Die kleinen, runden Augen des Unteroffiziers flackerten vor Unruhe, während er andererseits bemüht war, sachliche Routine auszustrahlen. Sirius fragte sich, ob er an seiner Stelle genauso reagieren würde. Langsam, mit der linken Hand, zog Sirius seine Dienstwaffe, eine Kirilenko 13, ließ das Magazin aufschnappen und hielt den leeren Lauf in das Laternenlicht. Zwischen zwei Fingern empfing der Unteroffizier die Waffe und verstaute sie zusammen mit dem Magazin in einem durchsichtigen Beutel, wie sie Sirius zur Beweissicherung kannte.

Kurze Zeit später betrat der Ermittler zum ersten Mal in seinem Leben die Vatikanstadt.

Vom St.-Anna-Tor nehmen zwei Hauptstraßen ihren Ursprung. Der Via del Pellegrino obliegt es, den südlichen Teil der Vatikanstadt zu erschließen, während die Via di Belvedere durch den Norden und Westen der Enklave führt.

Der Unteroffizier und vier Leibgardisten geleiteten Sirius. Genauso gut hätte er ihr Gefangener sein können. Auch an den Ufern der Via di Belvedere liefen grüne Dampfpipelines.

Unmittelbar hinter dem Rohrsystem stießen gewaltige Steinquader aus dem Boden, die die Fundamente noch großartigerer Gebäude bildeten. Wie das Bett eines Flusses, der sich im Laufe der Evolution einen Weg durch die Granitblöcke gefressen hatte, schlängelte sich die Straße an Kirchen, der Banco di Vaticano, einigen kasernenartigen Unterkünften und anderen Gebäuden vorbei und lief zielstrebig auf einen Palazzo zu, zu dessen Eingang breite Marmortreppen führten.

„Palazzo del Cancelliere“, schnorrte der Unteroffizier.

Die rechte Flanke seines Schnurrbartes zitterte, während die aufgehende Sonne Sirius` Rücken wärmte.

„Worauf warten wir noch?“, rief er dem Schnurrbärtigen zu.

Jede Zeit hat ihr Ende.

Der Palazzo del Cancelliere lag am Cortile di Belvedere und glich zu dieser Stunde einem erwachenden Bienenstock. Tausend Geräusche lagen in der Luft, obgleich nicht eines von ihnen eindeutig zu definieren war. Sie glichen einem aufgeregten Flüstern, das jederzeit zu einem reißenden Strom anschwellen konnte.

Die hohen Decken im Erdgeschoss, Sirius schätzte den Abstand zum Boden auf drei Meter, entfalteten aus ihrer Fläche heraus eine Wuchtigkeit, die folgerichtig nicht durch Wandschmuck zu bändigen versucht wurde. Einzig an den Verbindungen zu den Decken fing Stuckwerk die Schlichtheit auf.

Die vier Leibgardisten blieben in der Eingangshalle zurück; der Unteroffizier begleitete Sirius durch ein Dutzend Räume, die in der Art eines Labyrinthes angeordnet waren. Einige von ihnen dienten als Schreibstuben, einige als Aufenthalte.

Sie gelangten in ein schlauchähnliches Zimmer, dessen Wände lindgrün schimmerten. Der Schnurrbart des Unteroffiziers knatterte hier so heftig wie ein Geigerzähler beim Anblick eines Brennstabes. Der Unteroffizier verlangsamte seine Schritte, als wäre er sich seines Weges nicht mehr sicher. Der Raum führte zu einer schwedischgelben Tür, die mit hellgrünen Intarsien verziert war.

Auf der Hälfte des Weges jedoch bog der Unteroffizier ab und lief gegen die Wand. So schien es Sirius im ersten Augenblick. Dann erkannte er die Schlitze, die eine Tür in die Wand zeichneten. Der Palazzo begann, Sirius zu gefallen.

Als Sirius den Raum hinter der Geheimtür betrat, salutierte sein Begleiter einer Person, die im Licht der aufgehenden Sonne hinter einem großen Schreibtisch saß. Der Leibgardist machte eine akkurate Kehrtwende und ließ Sirius zurück.

Der Mann am Schreibtisch lehnte sich nach hinten. Die Sonne blendete Sirius.

„Ermittler Savic …“

Der andere war sehr jung; unverbrauchte Stimme, im Übrigen akzentfreies Esperanto.

„Was für ein Zufall“, murmelte Sirius.

„Wie?“

„Ich hätte niemals angenommen, dass Sie den gleichen Namen wie ich tragen und zudem ebenfalls Ermittler sind.“

Auch wenn Sirius das Gesicht des Mannes nicht genau erkennen konnte, vermochte er sich dessen blöde Miene vorstellen. Es brauchte einige Augenblicke, bis der andere verstand.

„Ein Scherz.“

„Mein Name ist nicht Savic.“

„Nicht?“

Der Mann erhob sich und kam auf Sirius zu.

„Martinius, ich bin der Sekretär von Kanzler Valgregor.“

Der Sekretär machte eine Bewegung, als wollte er Sirius die Hand geben, zog sie aber hastig wieder zurück. Ein Aussätziger hatte ausgezeichnete Chancen auf eine bessere Behandlung.

„Ich bin froh, dass Sie nicht Savic heißen. Es hätte dauernd Verwechslungen gegeben.“

Martinius schwieg, wahrscheinlich erwog er die Möglichkeit, dass Sirius ihn auf den Arm nahm.

„Ich bringe Sie gleich zu Kanzler Valgregor. Wir warten noch auf jemanden.“

Der Sekretär kam einen Schritt näher. Über die glatt rasierten Wangen lief ein öliger Schimmer. Die hellblauen Augen passten weder zu den schwarzen Haaren noch der dunklen Kutte. Das Lächeln auf den blassen, dünnen Lippen wirkte fade.

Es polterte gegen die Tür. Bevor der Sekretär die Erlaubnis geben konnte, stürmte eine Frau in den Raum.

„Können Sie mir erklären, was das Ganze zu bedeuten hat?“

Sie trug eine weiße Haube, ansonsten bestand die Kleidung aus einer ebensolchen Kutte, wie sie Martinius übergezogen hatte.

„Wie, bei allen Heiligen, kann man nur auf die Idee kommen, diesen verfl…, diesen Ungläubigen die Erlaubnis zu geben, bei uns herum zu schnüffeln.“

„Das hätte ich auch gerne gewusst“, pflichtete Sirius bei und erntete einen giftigen Seitenblick.

Der Sekretär strich sich mit der Hand über sein Haar, verbindlich lächelnd.

„Ich bin sicher, der Kanzler wird Ihnen alle Fragen beantworten.“

Das Mädchen grummelte wie ein Bär. Martinius öffnete eine zweiflügelige Tür, die in einen saalähnlichen Raum führte. An der Ostseite des Zimmers flutete das Sonnenlicht durch große Fenster und traf auf der anderen Seite auf deckenhohe Bücherregale. Sirius hatte noch nie in seinem Leben eine solche Anzahl von Büchern gesehen.

Der Raum breitete sich über zehn Meter aus, doch seine Länge übertraf die Breite um das Fünffache. Aus dem Horizont des Zimmers schälte sich ein nussbrauner Schreibtisch heraus, hinter dem ein kahlköpfiger Mann in violetter Robe saß. Der Mann schrieb mit der Hand; flüssig, ohne Pause, ohne aufzusehen.

Martinius hüstelte in seine Faust. Das Mädchen warf dem Sekretär einen verächtlichen Blick zu, schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen der Stühle, die vor dem Schreibtisch standen. Es war jener, der am weitesten von Sirius entfernt stand.

Der Mann in der violetten Robe mochte siebzig Jahre alt sein. Mit seinen schmalen Fingern musste er ausgezeichnet Klavierspielen, dachte Sirius. Das Mädchen stampfte mit dem Fuß. Der Sekretär blickte abwechselnd zum Schreiber und zur Nonne.

„Kanzler Valgregor …“

In dem Ton des Mädchens schwang unverhohlene Ungeduld.

„Ich verlange eine Erklärung!“

Zur Bekräftigung knallte sie die Faust auf den Tisch. Unbeeindruckt fuhr der Mann hinter dem Schreibtisch mit dem Geschreibe fort.

„Auch gut“, rief das Mädchen und stand auf. Sie hatte die mandelförmigen Augen zu schmalen Schlitzen verengt und presste die Lippen zu einem dünnen Strich. Dann drehte sie sich um und streifte Sirius mit einem verächtlichen Blick.

Es dauerte eine Weile, bis das Mädchen die ganze Länge des Raumes durchschritten hatte. Als die Tür zuschlug, zuckte der Sekretär zusammen.

In diesem Augenblick sah der Mann am Schreibtisch auf, drehte die Kappe auf den Füllfederhalter und lehnte sich zurück.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Ermittler Savic. Ich habe Gutes über Sie gehört.“

Lob, fand Sirius, war ein süßer Stachel mit giftigem Inhalt.

„Mein Name ist Valgregor. Meine Aufgabe in der Vatikanstadt ist vergleichbar mit der eines Managers; oder anders ausgedrückt: Ich bin das Mädchen für alles.“

Der Mann lächelte, ohne Sirius aus den Augen zu lassen.

„Eine Berufung, um die man beneidet wird, die aber nicht beneidenswert ist.“

Valgregor hörte auf zu lächeln.

„Sie werden alle Unterstützung erhalten, die erforderlich ist, um den Fall zu lösen. Mein Sekretär“, der violett ummantelte Arm zeigte auf Martinius, „steht Ihnen zur Verfügung. Außerdem habe ich Ihnen unsere beste Ermittlerin zugeteilt. Sie haben sie gerade kennengelernt.“

„Danke“, sagte Sirius nach kurzer Bedenkzeit, „danke, aber nein, danke.“

(…)

© Michael Pick, 2012

Wie die Geschichte weiter geht erfährt man hier:

Michael Haitel (Hrsg.)
ELECTI. STORY CENTER 2011.3
AndroSF 22
ISBN 9783942533355
März 2012, 224 Seiten, Taschenbuch, EUR 13,90 (DE)

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Europa, irgendein Jahrhundert, irgendein Jahr. Der Vatikan ist die letzte kulturelle Hochburg Europas, das letzte Bollwerk von Demokratie, Menschenrechten und funktionierendem Gemeinwesen, umgeben von Dekadenz, Verfall, Verbrechen und Sünde. Irgendwo auf der Welt mag es noch Enklaven geben, die dem entsprechen, was der Vatikan in Europa repräsentiert – aber von ihnen erfährt man nur auf Umwegen, nur in Form vager Informationen und Nachrichten, fast ausnahmslos in Form von Gerüchten.
Und dann geschieht ein Verbrechen …

Friedhelm Rudolph: Electi
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Bernd Illichmann: Die mathematische Formel der Liebe
Isabella Benz: Die Augen der Priester
Arno Endler: Hinter der Barriere
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Steampunk-Geschichten aus anderen Zeiten …

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DIE GRANATE – eine kurze Geschichte von Martin Ott

Erstellt von Martin Ott am 23. April 2012

Die Granate

eine kurze Geschichte

von

Martin Ott

Er stand neben dem Bett in voller Montur.

Als sie aus dem Bad auf ihn zukam, fühlte er ihre Augen auf seiner Hose. Er schob den Hut ins Gesicht und raunte, “Das ist keine Knarre, das ist eine Granate!” Sie setzte sich auf die Bettkante, schaute zu ihm auf und ergriff seine Gürtelschnalle.

Am Morgen tastete er das Bett neben sich ab. Sie war nicht da und aus dem Bad war nichts zu hören. Hatte er geträumt? Oder hatte er es endlich geschafft, die Frau fürs Leben zu finden. Er stand auf und sah erwartungsvoll in die Küche. Doch dort war sie nicht.

Schließlich bemerkte er einen Zettel auf dem Nachttisch und dann las er in unbekannter Handschrift: “Rohrkrepierer”. Er rannte ins Bad und grub heulend das Gesicht in die Hände.

Nach einer Weile nahm er vom Toilettenpapier und wischte die Tränen weg, atmete tief durch und fing an zu suchen.

Im Arzneischrank nach Aspirin. Leer.

In der Wohnzimmerbar griff er nach der Wodkaflasche. Leer.

In der Küche zog er das kleine Messer aus dem Holzblock. Er hielt inne.

Ruhig ging er zurück ins Schlafzimmer und setzte sich auf die Bettkante. Dorthin, wo sie in der Nacht gesessen hatte. Er beugte sich nach seiner Hose, nahm die Granate heraus und zog den Stift.

- Ende -

© Martin Ott, 2011

Buchtipp des Autors zur Literaturform Microfiction:

Markus Walther: Kleine Scheißhausgeschichten
68 kurze Geschichten

Verlag: Acabus
ISBN-13: 9783941404649
Einband: broschiert
Preisinfo: € 11,90 [D]
Umfang: 155 Seiten, 20 x 14 cm
Erscheinungsdatum: 1. Auflage, 20.09.2010

Kurzbeschreibung
Warum verschwinden immer wieder Socken in Waschmaschinen? Was hat man mit Godzilla gemacht, nachdem er besiegt wurde? Warum gibt es die Zahnfee und den Weihnachtsmann nicht mehr? Zu welcher genauen Uhrzeit ist das Ende der Welt? Dies Zwischendurchlektüre beantwortet in 68 Kurz- und Kürzestgeschichten die wirklich wichtigen Fragen dieser Welt und ganz nebenbei auch einige der Unwichtigen.

Über den Autor
Markus Walther, geboren 1972 in Köln, lebt seit 2006 mit seiner Frau und zwei Töchtern in Rösrath. Der Schwerpunkt seiner schriftstellerischen Arbeit liegt in der Gattung der Kurz- und Kürzestgeschichte.

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