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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 4 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 30. April 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 4

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Langsam schob sich die SKUNKALLA durch den dunklen Weltraum. Das Raumschiff war arg geschunden. Der Antrieb war nahe einem Totalausfall und die Hülle stand kurz vor einem kritischen Bruch.

Lovisa stand am Steuerrad. Vorsichtig fuhr sie die SKUNKALLA auf einen kleinen Mond zu, der den Planeten ABORION umkreiste. Ihr Ziel war ein großer Krater. In seinem Zentrum befand sich der Eingang zu einem Tunnelsystem, das vor einhundert Jahren Teil einer Weltraummine war. Der Betreiber ging damals pleite und die Mine wurde geschlossen. Sie geriet in Vergessenheit. Fast.

Slim Jorgenson, der alte Mechaniker der Sternenbraut-Mannschaft, wusste von der Mine. Sein Großvater hatte dort einst gearbeitet und Slim abenteuerliche Geschichten erzählt. Geschichten über harte Männer, schöne Frauen, seltene Mineralien und gefährliche Weltraummonster. Die meisten Erzählungen waren natürlich reine Fantasie. Aber die Tunnel und die dazugehörige Minenstation, die gab es wirklich.

Die SKUNKALLA senkte sich nun kerzengerade ab. Sie schwebte förmlich auf die schwarze Öffnung im Boden zu, deren Rand aus gezackten Klippen bestand. Der Eingang glich beinahe einem gigantischen Weltraumwurm, der jeden Augenblick zuschnappen konnte. Lovisa hielt unweigerlich den Atem an.

Bernard spürte die Anspannung der Sternenbraut. Der Vampyrjunge legte seine Hand beruhigend auf ihre Schulter. Diese Berührung und Bernards unerschütterlicher Glaube an ihre Fähigkeiten, beruhigten Lovisa.

„Bereit machen zum Eintauchen“, sagte sie entschlossen. „Segel werden gerafft. Scheinwerfer ein. Morle, achte auf die Sensoren. Ich will eine Meldung bei weniger als einem Meter.“

Eigentlich waren die Tunnel für den Einflug großer Raumschiffe ungeeignet. Aber die SKUNKALLA musste dringend irgendwo festmachen, um überholt zu werden. Deswegen setzte die Sternenbraut-Mannschaft alles auf eine Karte. Selbst mit eingefahrenen Segeln und nur mittels Einsatz der Manövrierdüsen, war es ein riskantes Unternehmen. Es bestand die Gefahr, die Tunnelwand zu streifen und dabei die Hülle gänzlich aufzureißen oder eine Lawine auszulösen und unter Tonnen von Mondgestein begraben zu werden. Und es bestand ganz einfach das Risiko, irgendwo steckenzubleiben.

„Ich wünschte wir hätten eine Karte der Tunnel“, flüsterte Lovisa. Bernards Gehör war fein genug, um selbst die leisesten Worte zu erlauschen. Und wenn Lovisa sprach, dann hörte er besonders genau zu.

„Verlass dich auf deinen Instinkt“ sprach er ihr Mut zu. „Du und die SKUNKALLA, ihr seid eine Einheit. Ihr schafft das schon.“

Lovisa nickte entschlossen. Sie zog am Steuerrad und es ging aufwärts. „Ich folge da hinten dem Tunnel. Auf der linken Seite.“

Morle sprang über den Sensorschirm und fauchte laut. „Weniger als ein Meter! Weniger als ein Meter!“ Die virtuelle Katze jammerte. „Viel weniger als ein Meter.“

Die SKUNKALLA wurde noch langsamer. Dann war von Außen ein schabendes Geräusch zu hören. Stein glitt über Metall. Slim meldete sich besorgt über Interkom. „Was ist da oben los, bei euch? Meine Maschinen drehen beinahe durch. Und die Hülle schreit ja regelrecht um Hilfe.“

„Ich suche einen freien Tunnel“ antwortete Lovisa gepresst. Schweiß stand ihr auf der Stirn. „Hier gibt es keine Markierungen.“

„Das schaffst du schon, Kleines. Nur Mut. Ich werde die Hülle solange ein wenig trösten.“ Auch Slim stand ohne Vorbehalte hinter Lovisa. Er glaubte an seine junge Kapitänin.

Bernard schaute besorgt nach Draußen. Die scharfen Felskanten an den Seiten schoben sich immer weiter zusammen. Es gab kaum noch Platz zum Manövrieren. Doch Lovisa hielt an ihrem Kurs fest.

Beinahe schien die SKUNKALLA vom umliegenden Gestein festgesetzt, da erhöhte die Sternenbraut den Schub und drückte das Raumschiff mit Gewalt weiter. Staub und Steine wirbelten auf. Felsspitzen bohrten sich knirschen in die Raumschiffhülle. Mit einem kleinen Sprung bewegte sich die SKUNKALLA dann plötzlich voran und war wieder frei. Lovisa nahm den Schub zurück.

Der Tunnel hinter ihnen war nun ein Stück verbreitert. Nur langsam setzte sich Staub und Geröll. Die SKUNKALLA selbst schwebte in einer großen Höhle, in der sogar Platz für mehrere Raumschiffe ihrer Größe war. Die Lichtstrahlen der Scheinwerfer fraßen sich wie bleiche Finger durch die Dunkelheit und erfassten, auf der anderen Seite der Höhle, einige Schleusen. Der Eingang zur Minenstation. Sie hatten es geschafft.

Lovisa jubelte. Behutsam fuhr sie die SKUNKALLA an die Schleuse heran. „Morle, bitte an die Schleuse der Station andocken. Versuch den Stationscomputer zu erreichen und lass dir die Umweltdaten geben.“

„Aye, aye, Kapitän Lovisa“, schnurrte Morle und sprang über die Bildschirme. Ein Zittern durchlief das Raumschiff, dann stand die SKUNKALLA vollkommen still. „Die Station hat keinen Avatar. Wir sind alleine.“

„Empfängst du Daten aus der Station?“

„Ja. Die Station verfügt über eine Energiequelle. Ziemlich altes Computersystem. Miau.“ Die virtuelle Katze kam kurz ins Stocken und fauchte dann. Morle flackerte kurz, dann schien alles wieder normal. „Atembare Luft und Schwerkraft wie auf der Erde.“

Lovisa nickte und betätigte dann das Interkom. Sie fühlte sich an ihren Pappa erinnert. Er hatte die Mannschaft auch von der Brücke aus delegiert, wie er es nannte. „Slim, wir haben angedockt. Hier ist alles in Ordnung.“

„Gut gemacht, Kleines“, kam es kratzend aus dem Lautsprecher am Steuerrad. „Ich bereite die Reparaturen an der SKUNKALLA vor. Hoffentlich gibt es hier genug Ersatzteile, um das alte Mädchen wieder auf Vordermann zu bringen.“

„Brauchst du uns dabei?“

„Im Augenblick nicht, Mädchen. Warum? Ist irgendwas los?“

Lovisa warf einen kurzen Blick auf Bernard, der sie nur anlächelte. „Nein. Ich würde mir die Station nur gerne genauer ansehen.“

Slim lachte. „Ganz dein Pappa. Mach schon, Kleines. Guck dir alles an. Wird aber viel Staub und Dreck sein. Kannst ja schon mal schauen, ob du Ersatzteile findest. Ich stoße dann später dazu.“

Bernard nickte zustimmend. „Eine gute Idee, wie es sich für einen Kapitän gehört.“

„Vorher aber umziehen und Sachen packen“, befahl Lovisa lachend. „Immerhin gehen wir auf Expedition. Und Morle übernimmt solange die Brücke. Oder, Morle?“

Morle antwortete mit einem lauten Mauzen. „Immer muss ich an Bord bleiben. Bringt mir wenigstens diesmal virtuelle Wolle mit. Ich brauche etwas zu spielen.“

„Ich gucke mal, was ich finde“, lachte Lovisa gut gelaunt.

Sie und Bernard machten sich nun in ihre Quartiere auf, um sich für die anstehende Expedition umzuziehen. Lovisa wählte ihre übliche dunkle Sternenbrautmontur und schob sich die strassbesetzte  Augenklappe über das linke Auge. Dann steckte sie noch ihren Säbel ein und schlüpfte in die bequemen rosa Stiefel. Die waren ein Geschenk ihres Pappas und vollkommen raumschifftauglich, wie er immer gerne lachend betonte.

Der Vampyrjunge hatte im Lager herumgekramt. Es gab nur wenige Sachen in seiner Größe und kein Kleidungsstück gefiel ihm so recht. Also schnappte er sich einfach einen langen braunen Ledermantel und einen breitkrempigen Hut. Zusätzlich noch mit Taschenlampen ausgestattet, waren die beiden nun bereit, um auf Expedition zu gehen.

Das Schott der SKUNKALLA öffnete sich zischend und die aufbereitete Luft aus dem Raumschiff vermischte sich mit der abgestandenen Luft aus der Station. Ein moderiger Geruch lag über allem. Die Gänge der Station waren tief in den Felsen hineingetrieben und lagen in vollkommener Dunkelheit. Lovisa und Bernard knipsten ihre Taschenlampen an und leuchteten in die Finsternis hinein.

Die beiden folgten dem großen Haupttunnel ein Stück weit in die Station. Obwohl sich Menschen mit Hilfe gewaltiger Maschinen in das Mondgestein hineingegraben hatten, war der Boden oft uneben. Deswegen galt stets große Vorsicht, um einen Sturz zu vermeiden.

„Gespenstisch“, sagte Lovisa, als sie an eine Kreuzung kamen. Sie machte mit Kreide ein X an die Wand, um später leichter den Weg zurück zu finden. „Wir gehen links lang.“

Bernard nickte und folgte der Sternenbraut. Nervös sah der Vampyrjunge über die Schulter zurück. Er fühlte sich beobachtet. Als ob irgendetwas Unsichtbares in der Dunkelheit lauerte. Doch er konnte weder etwas sehen, noch konnte er etwas hören. Bernard vertraute aber auf sein Gefühl und blieb wachsam.

Tiefer und tiefer ging es in die Station hinein. Es gab düstere Mannschaftssäle zu entdecken, nach altem Schweiß riechende Umkleidekabinen, Hallen mit altem Werkzeug und Schrott, Schürfgeräte die auseinanderzufallen drohten und noch vieles mehr.

Irgendwann erreichte die kleine Expedition die Grenzen der Station, die beinahe nahtlos in die Minenschächte und Bohrtunnel übergingen.

„Gruselig.“ Lovisa hob einen kleinen Stein auf und warf ihn weit in die Dunkelheit. Der Stein verließ die künstliche Schwerkraft der Station und flog mehrere Sekunden durch die Leere, bevor er langsam zu Bode schwebte „Aber gleichzeitig auch spannend. Hier haben mal viele Menschen gelebt und ihre Arbeit verrichtet. Und jetzt ist nur noch Schrott und Müll Zeuge ihrer Bemühungen.“

„Das ist der Lauf der Dinge.“ Bernard richtete seine Taschenlampe auf den Boden. „Wir sollten zur SKUNKALLA zurück. Slim müsste alle Vorbereitungen bereits getroffen haben. Je eher wir den Mond verlassen, um so besser.“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen mit dem Ellenbogen leicht in die Seite und grinste. „Ich wusste gar nicht, dass du so ein großer Angsthase bist.“

Bernard lächelte verschmitzt. „Es ist halt eine große und dunkle Station.“ Und vor allem machte er sich Sorgen um Lovisa. Bernard war sich sicher, alleine mit den meisten Gefahren problemlos fertig zu werden. Aber die Sternenbraut war um ein vielfaches verletzlicher als ein Vampyr. Dessen war sich Bernard durchaus bewusst.

Die beiden drehten um und folgten den Kreidezeichen durch die Tunnel Richtung SKUNKALLA. Als sie gerade um die nächste Ecke gebogen waren, flog der kleine, von Lovisa geworfene Stein, aus der Dunkelheit zurück.

***

Irgendetwas kam Bernard auf dem Rückweg merkwürdig vor. Der Vampyrjunge griff an der nächsten Kreuzung Lovisa am Arm. „Warte kurz“, bat er und sah sich die Kreidezeichnung an. „Das ist die gleiche Zeichnung wie an der vorherigen Gabelung.“

Lovisa trat neben Bernard und strahlte das weiße X auf dem Felsen an. „Ja. Damit habe ich den Weg markiert, damit wir uns nicht verlaufen.“

Bernard schüttelte den Kopf. „Wir gehen einen anderen Weg. Ich habe ein gutes Gedächtnis. Und an diesen Tunnel kann ich mich nicht erinnern. Und dann das X an der Wand. Es ist das gleiche Zeichen wie eben. Es ist nicht einfach ein X, das du gemalt hast, Lovisa. Es ist eine exakte Kopie.“

Die Sternenbraut sah Bernard erstaunt an. Dann begriff sie, was der Vampyr andeutete. „Wir sind nicht alleine“, flüsterte sie und schluckte. Vorsichtig drehte sie sich um. Mit der Taschenlampe strahlte sie in die Dunkelheit hinein. Nichts zu sehen.

„Egal wer es ist, er ist sehr leise. Ich habe nichts gehört.“ Bernard lauschte aufmerksam, aber es blieb still. „Kann uns Morle helfen?“

Lovisa nickte und zog ihr kleines Kommlink vom Gürtel. Sie aktivierte mehrmals die Frequenz der SKUNKALLA, doch es blieb still. „Morle antwortet nicht.“

„Vielleicht ist die Verbindung gestört? Wir sind ziemlich weit gegangen und tief in den Tunneln.“

„Nein, die Verbindung steht, Bernard. Morle antwortet einfach nicht. Sie ignoriert meine Rufe. Da stimmt etwas nicht. Hier ist etwas faul.“

Bernard trat näher an Lovisa heran. Sollte jemand ihr zu nahe kommen, würde der Vampyrjunge die Sternenbraut mit seinem Leben beschützen.

Lovisa sah Bernard erstaunt an. „Hey, du Feigling, geh mal wieder auf Abstand. Wenn uns jemand etwas Böses wollte, war die ganze Zeit Gelegenheit dazu.“

Bernard machte einen Schritt zurück. „Entschuldige bitte. Ich wollte nur …“

Lovisa legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Leise. Vielleicht werden wir belauscht. Auf jeden Fall bilden die X eine Spur, der wir folgen sollen.“ Die Sternenbraut legte eine grimmige Entschlossenheit an den Tag, „Also folgen wir ihr auch. Immerhin hat sich jemand große Mühe gemacht.“

„Aye, aye, meine Kapitänin“, murmelte Bernard und folgte Lovisa. Er hoffte die Sternenbraut würde Recht behalten. Er wusste, dass es die merkwürdigsten Lebewesen im Universum gab. Viele von ihnen waren für den menschlichen Verstand nur schwer zu begreifen. Das hatten einst auch die Vampyre schmerzhaft lernen müssen.

***

Der Weg führte noch eine halbe Stunde durch die Tunnel der Minenstation, dann endete er abrupt vor einer gelben, rostigen Metalltüre. Sie waren angekommen.

Lovisa atmete tief durch, dann stieß sie die Türe auf und strahlte mit ihrer Taschenlampe in den Raum dahinter. Es war der Kontrollraum der Station.

Mehrere Terminals waren im Kreis angebracht, darüber unzählige Monitore. In der Mitte des Kontrollraums befand sich ein rundes Terminal, mit dem alle anderen Terminalstationen kontrolliert werden konnten. Dort war einstmals der Platz des Administrators, den nun eine merkwürdige Kreatur eingenommen hatte.

Sie erinnerte an einen Menschen, der aus unzähligen kleinen Maschinen und Ersatzteilen zusammengebaut war. Eine archaischer Androide, eine urtümliche Menschmaschine. Inmitten ihrer Brust, notdürftig von zwei Platinen verdeckt, pulsierte schwach die Energiequelle der Maschine. Hunderte insektenartige Augen öffneten sich und das Wesen sah auf.

Lovisa machte einen forschen Schritt in die Kommandozentrale hinein. Sie schluckte, denn die Menschmaschine machte ihr Angst. Bernard spürte, wie das Herz der Sternenbraut schneller schlug und stellte sich beschützend vor sie.

„Freude. Willkommen auf meiner Station“ sprach die Maschine mit einer summenden, monotonen Stimme. „Dankbar. Sie haben meine Einladung angenommen.“

„Wer sind Sie?“ fragte Lovisa mit unsicherer Stimme. „Was wollen Sie von uns?“

„Traurig. Ich bin einsam. Hoffnung. Aber dann kamt ihr. Freude. Meine Einsamkeit ist beendet. Freundlich. Ich habe keinen Namen. Traurig. Mein Vater starb vorher. Freundlich. Und wer seid ihr?“

Lovisa betrachtete die Menschmaschine eingehend. Sie war verwirrt. Gleichzeitig hatte sie Mitleid mit dieser künstlichen Kreatur, denn die Sternenbraut wusste leider zu gut, wie schmerzlich der Verlust der Eltern war. Bevor sie jedoch was sagen konnte, hatte Bernard das Wort ergriffen.

„Ich bin Bernard. Und das hier ist Lovisa, die Sternenbraut. Wir gehören zur Mannschaft der SKUNKALLA“, erklärte der Vampyr. „Unsere Mannschaft weiß wohin wir gegangen sind und wird bald nach uns suchen.“

Mehrere der Monitore flammten nun auf und zeigten die SKUNKALLA am Dock. „Verstehend. Eine unterschwellige Drohung. Wütend. Niemand darf mir drohen.“ Die Stimme der Menschmaschine blieb stets ohne Emotion. „Zornig. Ich kann euer Schiff jederzeit zerstören.“

Lovisa zog die Augenbrauen hoch. „Entschuldige bitte. Das war keine Drohung. Freundlich. Es ist schön dich kennenzulernen. Freude.“

Bernard blickte die Sternenbraut fragend an.  „Warum redest du jetzt auch so komisch?“

Lovisa knuffte den Vampyrjungen in die Seite. „Das ist eine künstliche Lebensform. Glaube ich jedenfalls. Sie kann keine Gefühle ausdrücken. Aber sie hat sehr wohl Gefühle und drückt das verbal aus, in dem sie einfach sagt, was sie fühlt.“

„Natürlich“, murmelte Bernard und schalt sich einen Narren, nicht selbst darauf gekommen zu sein. „Und vielleicht kann sie unsere Gefühle nicht wahrnehmen. Sie hat also kein Verständnis für Empathie.“

„Vielleicht. Deswegen versuche ich auf der sicheren Seite zu navigieren und passe mich unserem Gastgeber an“, erklärte Lovisa und lächelte. „Neugierig. Warum hast du bei unserer Landung keinen Kontakt aufgenommen?“

„Freude. Ihr versteht mich. Freundlich. Ich war besorgt. Sorge. Ihr seid doch meine Freunde?“

Lovisa dachte darüber nach, bevor sie antwortete. „Freundlich. Bevor wir mit jemandem Freundschaft schließen, wollen wir ihn erst einmal besser kennenlernen.“

„Ernst. Kein Verständnis. Traurig. Kohlenstoffverbindungen gehen leicht kaputt. Freundlich. Wir kennen uns. Freude. Wir können Freunde sein. Angst. Ich will nicht mehr alleine sein.“

„Ich verstehe das. Niemand will alleine sein. Aber Freundschaft muss wachsen. Das kann zwar schnell gehen, aber auch langsam. Freundschaft ist nichts, das jemand erzwingen kann. Freundlich.“

Die Menschmaschine schwieg für einen Augenblick. „Hoffnung. Können wir uns näher kenennlernen?“

„Sicherlich. Die SKUNKALLA muss repariert werden. Solange liegen wir hier vor Anker. Es wird noch einige Tage dauern, bis wir weiterfliegen.“

Mehrere Lichter flammten in und auf der Menschmaschine auf. „Sorge. Niemand darf weiterfliegen. Angst. Er lässt niemanden weiterfliegen.“

Lovisa blickte die Menschmaschine fragend an und drehte dann langsam den Kopf zu Bernard. „Das kapiere ich nicht.“

Der Vampyrjunge machte ein grimmiges Gesicht. „Auf der Station scheint es mehr Leben zu geben, als wir denken. Vermutlich ist da Draußen noch etwas unterwegs. Kannst du mit der SKUNKALLA Kontakt aufnehmen?“

Lovisa schüttelte den Kopf. „Nein, Morle spielt noch immer die sture Miezekatze.“

„Neugierig. Morle?“ Die Menschmaschine stand auf. Dabei gerieten ihre Bauteile in Bewegung und knirschten laut.

„Der Avatar unseres Schiffes. Eine künstliche Intelligenz. So wie du. Als wir eintrafen, hat sie versucht Kontakt mit der Station aufzunehmen.“

„Besorgt. Er mag keine anderen Intelligenzen. Traurig. Deswegen hat er Vater getötet. Wut. Ich hasse ihn. Traurig. Aber er ist alles was ich habe.“

„Wer ist er?“ hakte Lovisa nach. „Noch eine Menschmaschine?“

Ein Lachen hallte aus den Lautsprechern und erfüllte den Kontrollraum. Bernard und Lovisa zuckten zusammen. „Nein. Ich bin der Avatar der Minenstation. Pheistos ist mein Name.“

Auf einem der Monitore zeigte sich der grob aufgelöste Kopf eines wild aussehenden Hundes. Er bellte laut und Lovisa fuhr erschrocken zusammen. Pheistos lachte nun. „Du bist also diese Sternenbraut, von der mir diese Miezekatze erzählt hat.“

„Was hast du mit Morle gemacht?“ schrie Lovisa besorgt. „Wenn du ihr was angetan hast, dann … dann …“

„Dann, was?“ Der virtuelle Hund grinste breit und entblößte dabei gigantische Fangzähne. „Ihr seid mir ausgeliefert. Denn ihr steckt mitten in meinem Revier fest. Und ich habe die Kontrolle über euer Raumschiff. Denn deine Miezekatze kuscht, wenn ich es will.“

Ein weiterer Monitor flammte auf und Morle war zu sehen. Das künstliche Kätzchen saß wie ein Häufchen Elend in der Bildschirmecke und blickte mit flackernden, großen Augen zum Monitor hinüber, auf dem sich Pheistos präsentierte. Der Hund knurrte und Morle versuchte sich noch kleiner zu machen.

„Entschuldigung, Lovisa. Er hat mich einfach überwältigt“, erklärte Morle kleinlaut mauzend.

Pheistos knurrte drohend und Morle war sofort ruhig. „Euer Sicherheitssystem war einfach zu zerbeißen. Kein Wunder, wenn eine stinkende Miezekatze die Arbeit eines Hundes erledigen soll. Das kann nur schief gehen. Vor allem bei so einem Hund wie mir.“

Lovisa war wütend. „Was willst du von uns überhaupt? Wir haben dir nichts getan.“

„Ha. Na und? Ich bin für die Verwaltung und die Sicherheit auf der Station zuständig, bis mein Herr irgendwann zurückkommt. Solange werde ich warten und entweder jeden vertreiben oder solange einsperren, bis mein Herr zurück ist.“

Bernard zeigte auf die leeren Sitzplätze im Kommandoraum. „Und wann wird jemand zurückkommen? So wie die Sache für mich aussieht, bist du ein herrenloser Streuner.“

Pheistos bellte augenblicklich los. Und zwar von jedem der Monitore. „Was fällt dir ein? Ich und ein Streuner? Dafür werde ich dich bestrafen. Ich werde dich zerbeißen.“

„Und wie willst du das anstellen?“ fragte Bernard. Lovisa stieß ihn warnend mit dem Ellenbogen in die Seite, aber der Vampyrjunge sprach weiter. Er war zu wütend, um sich zu besinnen. „Du bist ein Hund hinter Glas.“

Pheistos knurrte, dann war ein Rumpeln in den Tunneln zu hören. Die Menschmaschine sprach: „Besorgt. Angst.  Er hat die Maschinen aktiviert.“

„Was denn für Maschinen?“ wollte Lovisa wissen.

„Angst. Viele der alten Maschinen funktionieren noch. Besorgt. Ihr hättet ihn nicht verärgern sollen.“

Bernard sah ängstlich zu Lovisa. Das hatte er nicht gewollt. „Stell dich hinter mich, ich werde versuchen sie aufzuhalten.“

Pheistos lachte auf. „Versuch es ruhig. Dann öffne ich halt die Schleusen und lasse die Luft ab. Ich komme ohne Sauerstoff aus. Ihr auch?“

Lovisa starrte auf die Monitore. „Wir können die Sache doch auch friedlich regeln. Wir gehen einfach und das war es. Wir wollten dich nicht stören oder verärgern.“

„Zu spät. Ich habe gesehen, wie ihr meinen Herrn bestohlen habt.“

Slim, dachte Lovisa mit Entsetzen. Sie hatte Slim ganz vergessen. „Was hast du mit Slim angestellt?“ fragte Lovisa ängstlich.

Morle fauchte plötzlich. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Was?“ Pheistos verschwand flimmernd von sämtlichen Bildschirmen und tauchte kurz darauf jaulend auf einem einzelnen Monitor wieder auf. „Was macht ihr da?“

Lovisa war verblüfft und sah zu, wie Morle sich wieder ängstlich in eine der Monitorecken zurückzog. „Slim?“ fragte Sternenbraut in Richtung des virtuellen Kätzchens.

Und erneut fauchte Morle. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

„Aufhören!“ jaulte Pheistos und flackerte heftig. „Schaltet diesen verdammten Virus ab. Wie habt ihr das gemacht? Ich werde die Miezekatze löschen.“

„Wage es dich und ich werden den Namen unseres Mechanikers schneller und öfter rufen, als du es dir träumst“, drohte Lovisa. Der nicht zu löschende und nervige Eintrag in der Datenbank der SKUNKALLA hatte also doch etwas Gutes. Die Sternenbraut hatte aber keine Ahnung, warum nun auch die Computer der Minenstation auf den Namen Slim reagierten.

„Überrascht. Ihr bietet ihm die Stirn. Erleichtert. Er ist doch nicht allmächtig. Glücklich. Ich kann ihm entkommen.“ Die Menschmaschine stapfte zu einem der Terminals. „Entschlossen. Ich kann mich wehren.“

Pheistos jaulte laut auf und Lovisa rief mehrmals Slims Namen. Sämtliche Monitore flackerten und der virtuelle Wachhund rollte sich wehleidig über die Bildschirme. Morle schüttelte fauchend den Kopf und machte einen Satz hinter Pheistos her. Sie fuhr ihre virtuellen Krallen aus und schlug mit ihrer Pfote auf die Nase des Stationsavatars.

Mit einem Satz brachte sich Pheistos in Sicherheit. Er verkroch sich tief in der Datenbank, vor der sich Morle aufbaute. „Dummer Hund. Komm raus, damit ich dich schlagen und kratzen und beißen kann!“ rief das virtuelle Kätzchen aus.

„Mutig. Kopiere Daten. Glücklich. Das System ist bereinigt.“

Lovisa und Bernard sahen die Menschmaschine fragend an. „Was meinst du damit genau?“ fragte Lovisa nach.

„Freundlich. Ich habe Pheistos auf einen externen Datenträger kopiert und die Datenbank gelöscht. Froh. Seine Schreckensherrschaft ist beendet.“

Tatsächlich. Mit vereinten Kräften war es ihnen gelungen Pheistos zu bezwingen. Dadurch, dass er sämtliche Daten Morles auf die Station transferierte, hatte er auch die Warnung vor Slim kopiert. Lovisas Pappa hatte dafür gesorgt, dass es schwer war diesen Eintrag zu löschen. Die Warnung war ebenso hartnäckig wie ein Computervirus.

***

Slim hörte sich später an Bord die Geschichte genau an. Der alte Mechaniker hatte nichts mitbekommen und sich nur gewundert, dass die anderen Mannschaftsmitglieder solange unterwegs waren. Er war froh, dass es allen gut ging.

„Da hat uns dein Pappa noch einen Bärendienst erwiesen, Mädchen.“ Slim schüttelte der Menschmaschine die Hand. „Hast du gut gemacht, unserer Sternenbraut zu helfen. Solche Freunde können wir gut gebrauchen. Wie ist denn eigentlich dein Name.“

„Gerührt. Wir sind Freunde?“

Lovisa lächelte. „Stolz. Ja, wir sind Freunde.“ Die Sternenbraut dachte kurz nach. „Ich glaube Terminal würde gut zu dir passen. Wegen den ganzen Bauteilen und Platinen.“

Die Menschmaschine erstarrte für einen Augenblick. „Stolz. Freude. Glück. Liebe. Ich bin Terminal. Glücklich. Freundlich. Wir sind Freunde.“

Jubelnd hieß die Sternenbrautmannschaft Terminal an Bord der SKUNKALLA willkommen. Niemand wollte die Menschmaschine auf der verlassenen Station zurücklassen. Und Terminal war überglücklich, an der Seite ihrer neuen Freunde ,Abenteuer erleben zu dürfen. Und diese ließen nach der Reparatur der SKUNKALLA nicht lange auf sich warten. Es galt Nils zu befreien. Und Lovisa hatte einen Plan.

ENDE

Copyright © 2012 by Miriam Kleve

Buchtipp:


Irina Siefert
Zoran – Kind des Feuers

Verlag: Papierfresserchens MTM-Verlag
ISBN: 978-3-86196-125-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 152 S. – 21,0 x 13,5 cm
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 01.05.2012

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Als der 13-jährige Zoran eine Kreuzfahrt gewinnt, weiß er noch nicht, dass ihn diese Reise in eine völlig andere Welt führen wird. Auch kann er noch nicht ahnen, dass er lernen wird, das Feuer zu beherrschen. Die Macht über das Element macht ihm zum letzten fehlenden Mitglied der TAAF, der Gruppe, deren Aufgabe es ist, das Land vor der Vernichtung zu bewahren.

Dafür muss Zoran die Ablehnung gegenüber seiner Gefährtin überwinden, denn die beiden stellen bald fest, dass sie Entscheidungen zusammen treffen müssen, wenn sie das eigene Leben und das zahlloser anderer retten wollen. Wem können sie vertrauen? Wer wird sie verraten? Doch die schwerste Aufgabe wird es, ihre Menschlichkeit, und damit Liebe und Mitgefühl, zu wahren.

Irina Siefert geboren 1995, war schon immer vom Schreiben und Lesen fasziniert und so verfasste sie schon früh eigene Geschichten.

Mit diesem Roman begann sie mit 15 Jahren. Mittlerweile schreibt sie auch gerne Kurzgeschichten, doch blieb die Vorliebe zu Romanen.

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DIE DUNKELHEIT – Eine Science Fiction Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 30. April 2012

Die Dunkelheit

Science Fiction Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Mehr als alle Wunder dieser Welt wünschte sich Nick ein sorgenfreies und erfülltes Leben. Doch in seinem jetzigen Zustand war er weit davon entfernt, dass eines seiner Luftschlösser auch nur ansatzweise entstehen könnte. Anstatt zu Hause bei seiner Familie zu sitzen und sich mit den Kindern zu beschäftigen, nach ihren Leistungen in der Schule zu fragen oder seine Frau wild und hemmungslos zu lieben, trieb er einsam in seinem Tank.

Der Tank war seit mehr als vier Tagen sein neues Zuhause. Oder waren es bereits fünf Tage? Oder nur einer? Nick wusste es nicht. In der absoluten Dunkelheit hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Die Dunkelheit hatte ihm geflüstert, Tankmenschen würden durch den andauernden Schwebezustand, die Stille und die Dunkelheit, innerhalb weniger Stunden wahnsinnig. Aber Beweise gab es keine. Oder flunkerte die Dunkelheit nur? Nick hatte keine Ahnung.

Er nahm einen tiefen Zug Sauerstoff, der von außerhalb zugeführt wurde. Das Atmen fiel ihm seit einiger Zeit schwerer. Ein Zeichen dafür, dass seine Lunge bereits angegriffen war. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch die anderen Organe ihm ihren Dienste versagten. Jedenfalls nach Meinung der Dunkelheit.

War jetzt nicht der Augenblick gekommen in Panik auszubrechen? Spätestens jetzt? Doch es geschah nichts. Nick wunderte sich darüber, denn immerhin nagte der Tod bereits an seinen Knochen. Doch es blieb bei der Verwunderung.

Was hatten sie mit ihm angestellt? Was hatten sie mit ihm gemacht? Er spürte wie sich ein Fetzen Haut von seinem Rücken langsam abschälte und in der Dunkelheit versank. Doch es bereitete ihm keine Schmerzen. Nur Bedauern – des Verlustes wegen. Mit der Haut war ein alter Freund gegangen.

Etwas schien sich unter ihm zu regen, kroch an seinem Po entlang nach oben, strich über seine Hüfte, floss über das bloße Fleisch und zerplatzte mit einem leisen Knall, als es die Oberfläche der Flüssigkeit durchstieß. Es roch nach faulen Eiern, und Nick fragte sich, ob er ohne Nahrung überhaupt Blähungen haben könne. Doch er vermutete, dass der Tank mit irgendeinem Gas geflutet wurde. Oder mit etwas anderem, hörte er die Dunkelheit wispern.

Nick nahm noch einen weiteren, tiefen Zug nun bitter schmeckenden Sauerstoff und stieß sich mit den Füßen ein wenig ab. Sein Kopf stoppte nach wenigen Zentimetern an der metallenen Tankhülle. Einige Haare und etwas Kopfhaut lösten sich ab. Ein Stück Schädelknochen lag blank.

Sie wissen, schon was sie machen, sprach sich Nick selbst Mut zu. Bald werde ich bei Linda und den Kindern sein. Wir werden lachen, singen und Spaß miteinander haben.

Täuschte er sich oder verabschiedete sich gerade der linke Ringfinger von seinem Körper? Er tastete mit der Rechten nach der Linken und fühlte nichts. Nun, dann waren jetzt wenigstens Ringfinger und Zeigefinger irgendwo im Tank miteinander vereint. Oder auch nicht.

Waren nun Stunden oder Minuten vergangen, seitdem der Finger sich selbstständig gemacht hatte? Oder nur Sekunden? Nick versuchte nachzudenken und rieb sich gedankenverloren sein rechtes Ohr. Doch er griff nur ins Leere, was ihm nichts mehr ausmachte. Die Geräusche waren bisher nur gedämpft zu hören gewesen. Dann hört er jetzt eben gar nichts mehr.

Nick gähnte und fand es nur normal, dass sich sein Kiefer ohne Worte verabschiedete. Es gab ein leise Platschen, dann war er weg. Kann ich so überhaupt überleben, fragte sich Nick. Oder war es die Dunkelheit?  Nick begann müde zu werden. Er wurde schnell müde in letzter Zeit. Oder knipste nur jemand einfach sein Lebenslicht aus? Er wusste es nicht.

Dann geschah es. Geist und Körper wurden voneinander getrennt. Die Dunkelheit seufzte bedauernd.

Nick konnte nun alles ganz genaue sehen und mit seinem Blick das Wasser durchdringen. Dort unten sank sein Körper tiefer ins düstere Nass hinein. Sie hatten seinen Tod wohl bemerkt und die Halterungen gelöst. Der Körper begann zu trudeln und die restlichen Knochen, Sehnen und Muskeln lösten sich langsam auf. Nick konnte die Bakterien fast fühlen, die sich um die Verwertung der Reste kümmerten und Platz für den nächsten Kandidaten schafften.

Ein einsamer, warmer Lichtstrahl durchdrang von oben den Tank und wurde immer größer, bis er Nicks Geist vollkommen erfasste. Es war ein seltsames Gefühl, in dieses Licht getaucht zu werden. Ein angenehmes Gefühl. Nick fühlte sich zu dem Licht hingezogen und ließ sich auf seine Quelle zutreiben. Nicks Geist begann aufzusteigen, verschwand und das Licht erlosch – die Dunkelheit schwieg …

***

“Verdammt!” brüllte Heidler und knallte seine dürre Faust kraftlos gegen den großen Metalltank. “Schon wieder! Der wievielte war es, Brösler?”

Heidlers Assistent rief die Daten auf seinem Pad ab. “Nummer Zehn.”

“Familie?”

“Frau und zwei Kinder. Wir haben ihnen gesagt, er sei unheilbar  krank. Sie kommen jeden Tag und wollen ihn sehen. Wir haben sie immer vertröstet.”

“Die übliche Standardausrede”, wies Heidler Brösler an. Der alte Mann drehte seinen dürren Körper zu dem Tank herum und funkelte die Maschine böse an. “Vielleicht war er zu alt. Bestellen Sie die Kinder zu einer Routineuntersuchung. Faseln Sie etwas von Erbkrankheiten und bereiten Sie einen weiteren Tank vor. Wir steigern das Bakterienniveau und beginnen vor dem Tod mit der Übertragung. Wir nehmen die Kinder von Nummer Zehn. Vielleicht klappt es diesmal.”

“Vielleicht”, entgegnete Brösler und schaltete das Pad ab.

“Wir haben das Genom entschlüsselt. Wir haben Krankheiten besiegt. Wir haben uns Bakterien und Viren untertan gemacht. Wir sind die Herren und Meister der modernen Technologie.” Brösler klopfte auf den metallenen Korpus des Tanks. „Körper, Verstand, Geist und Seele sind auch nur Bauteile einer Schöpfung. Und ich werde diese Bauteile separieren und neu arrangieren. Irgendwann jedenfalls.“

Brösler verließ wortlos das Labor und bereitete sich in Gedanken auf seinen eingeübten Text vor. Hoffentlich würden die Angehörigen nicht weinen. Das hielt immer unnötig auf.

Nachdem Brösler gegangen war, streichelte Heidler über das Gehäuse des Tanks und lächelte. Die Dunkelheit sang ihm ein Lied.

ENDE

Copyright © 2001 by Günther K. Lietz, all rights reserved.

Buchtipp:


Alexander Kröger
Fundsache Venus

Verlag: Projekte-Verlag Cornelius
ISBN: 978-3-86237-846-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 352 S. – 19,6 x 13,8 cm
Erscheinungsdatum: 2. Aufl. 19.04.2012

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In „Fundsache Venus“ entdeckt Wally 327 Esch als Überlebende einer Rettungsexpedition das geborstene Raumschiff, und sie findet Dirk, ihren Lebensgefährten, aus dessen toter Hand sie ein Souvenir entnimmt, das, so glaubt sie, für sie bestimmt ist. 18 Jahre hütet sie das Geheimnis dieses Geschenks. Dann berichtet sie dem Sohn Mark von der Operation in einem verlassenen Urwaldhospital und von Bea, einem Mädchen mit Tigeraugen … Sie bürdet damit dem jungen Mann eine Verantwortung auf, die er allein nicht tragen kann.

Maren 021 Call kämpft leidenschaftlich gegen die Entstehung von „Anderen“ auf der Erde und dem Mars. Sie fürchtet auf lange Sicht den Untergang des ursprünglichen Menschen.

Alexander Kröger richtet in einer mitreißenden Handlung – in Sicht auf heutige Realitäten und Tendenzen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung – das Augenmerk des Lesers auf die Verantwortung der Menschen für ihre Zukunft.

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EIN NEUER FRÜHLING – Leseprobe aus dem Roman: Im Schatten der Dämonen. Weltennebel 3 – von Aileen P. Roberts

Erstellt von Aileen P. Roberts am 25. April 2012

EIN NEUER FRÜHLING

Leseprobe aus dem Roman:

Im Schatten der Dämonen – Weltennebel 3

von Aileen P. Roberts

In Gedanken versunken stand Darian vor dem düsteren Felsmassiv an der Grenze zum Zwergenland und dachte schaudernd an die Zeit, als er allein und verloren in den Gängen des Unterreichs umhergeirrt war. Aus eigener Kraft hätte er dort nie wieder herausgefunden, doch eine Gruppe von Tiefengnomen hatte sich seiner angenommen und ihm die Rückkehr ans Tageslicht ermöglicht. Nun wollte er sein Versprechen einlösen und ihnen die versprochene Belohnung zukommen lassen. Gestern Abend hatte er eigenhändig einen Rehbock geschossen, und dieser lag nun fertig zerlegt vor dem versteckten Zugang ins Unterreich. Schon seit einiger Zeit wartete Darian darauf, dass eines der kleinen pelzigen Wesen erschien.

»Wer weiß, wann diese Tiefengnome ins Freie kommen«, gab Hauptmann Torgal wieder einmal zu bedenken, so wie öfters in den letzten Stunden. »Ihr habt Euren guten Willen bewiesen, Darian, wir sollten wirklich zurück zum Lager gehen.«

»Nein«, erwiderte er bestimmt, »ich habe diesen Wesen mein Leben zu verdanken und möchte mich erkenntlich zeigen. Wenn ich das Fleisch einfach so hier liegen lasse, schleppt es am Ende ein Bär oder Wolf fort, und das wäre nicht richtig.«

Seufzend ließ sich der alte, grauhaarige Hauptmann auf den Boden sinken und schickte sich an, sein vom häufigen Gebrauch schon recht schartiges Schwert zu polieren.

Die Dunkelheit brach herein, und die beiden Männer setzten sich ans Lagerfeuer, wo sie sich leise über Darians Zeit im Reich der Dunkelelfen unterhielten. Die Verwunderung über viele der Dinge, die Darian aus dem Unterreich und der Dunkelelfehauptstadt Kyrâstin erzählte, stand Torgal noch immer offen ins Gesicht geschrieben. Sein ganzes, nun schon über sechzig Sommer dauerndes Leben hatte er Dunkelelfen für skrupellose, mörderische Wilde gehalten, und auch Darian war dieser Auffassung gewesen. Erst die Begegnung mit Mias Vater Zir’Avan und einigen anderen Dunkelelfen hatte den jungen König schließlich dazu bewegt, seine Meinung zu revidieren.

Funken sprühten auf, als Darian einen weiteren Ast ins Feuer warf, und auf einmal nahm er am Rande des Felsmassivs eine kleine, annähernd kniehohe Gestalt wahr, die neugierig ihren pelzigen Kopf ins Freie streckte.

Langsam, um den Tiefengnom nicht zu erschrecken, erhob er sich. »Fleisch – für euch«, sagte er in der knurrenden, abgehackten Sprache der Unterreichbewohner. Der kleine Tiefengnom mit den kugelrunden dunklen Augen, die aus einem pelzigen, bräunlich schwarzen Gesicht heraus starrten, blieb stocksteif stehen.

»Drrraggrann?«, knurrte er dann.

Darian nickte, denn so sprachen die Tiefengnome seinen Namen aus. Das kleine Wesen drehte seinen Kopf wieder in Richtung der Höhle, brummte etwas, und kurz darauf wuselten weitere fünf Tiefengnome aus der Öffnung heraus.

Darian machte Torgal, der mit gezogenem Schwert aufgesprungen war, ein beruhigendes Zeichen. Er wusste, dass der Hauptmann, im Gegensatz zu ihm, die Sprache der Tiefengnome nicht verstand und die dunklen Wesen mit den spitzen Zähnen als Bedrohung ansah.

Langsam und mit misstrauischen Blicken kamen die Tiefengnome näher, schnappten sich dann rasch die Fleischbrocken und verschwanden wieder in ihren dunklen Gängen.

»Gut, morgen früh können wir zurück zum Lager«, stellte Darian fest.

Kopfschüttelnd blickte Hauptmann Torgal zu der Stelle, wo die Tiefengnome verschwunden waren. »Wir leben wahrlich in seltsamen Zeiten.«

In nahezu verschwenderischer Pracht hatte der Frühling sein buntes Kleid über Albany gelegt, als Darian, seine Gefährtin Mia und der Zauberer Nordhalan erneut aufbrachen, nur wenige Tage, nachdem Darian seine Schuld bei den Tiefengnomen beglichen hatte. Von ihrem Lagerplatz am Rannocsee reisten sie nach Westen, um Darians und Mias kleine Tochter Leána abzuholen. Sie hofften, dass das Mädchen durch das geheime Eichentor auf der Nebelinsel bereits direkt aufs Festland, an die Westküste, gelangt war. Sollte dies nicht gelungen sein, stand ihnen eine längere Reise auf die im Westen liegende Insel der Nebelhexen bevor.

»Was ist, wenn sie irgendwo sonst raus kommt und nicht bei Cadman?« Darian machte sich große Sorgen um Leána, und auch an Mia bemerkte er leichte Anzeichen von Unruhe, selbst wenn sie sich bemühte, diese nicht zu zeigen.

»Tagilis hat gesagt, Lilith wird sie begleiten, ganz sicher kommen sie zurecht.«

Trotzdem drängte Darian seine Gefährten zur Eile. In der Ferne konnten sie einen Weiler erkennen, der sich in den Schutz uralter Bäume schmiegte. Kräftige Männer arbeiteten emsig am Bau einer neuen Straße.

»Wenn das Portal erst geschlossen ist, solltet ihr euch zu erkennen geben«, riet Nordhalan. »Sicher werden sich die Menschen dir und Atorian mit Freuden anschließen.«

»Atorian vielleicht schon, mir eher nicht«, gab Darian zu bedenken und dachte mit Grauen daran, wie er vor einigen Sommern sein Königreich hatte verkommen lassen, als er von einem teuflischen Dunkelelfenpilz abhängig gewesen war.

»Wir werden ihnen alles erklären«, meinte Mia aufmunternd und beobachtete lächelnd, wie Schwärme von Schmetterlingen über die Wiese vor ihnen flogen und in der Sonne die wildesten Tänze ausführten. Auch die Bäume waren bereits erblüht, überall tollten junge Hasen, Rehe, und hier und da sogar die scheuen Waldgnome umher.

Mia blieb stehen, schloss kurz die Augen und wenig später schwirrte eine große Gruppe von Heidefeen um sie herum. Die winzigen geflügelten Frauengestalten verharrten kurz, dann stoben sie auch schon wieder davon.

»Ich habe sie gebeten, nach Leána und Lilith zu suchen.« Sie hob bedauernd die Arme. »Ob sie das allerdings wirklich tun werden, weiß ich nicht. Sie lassen sich leicht ablenken, und wenn irgendwo eine besonders hübsche Blume blüht, kann es sein, dass mein Auftrag sofort wieder vergessen ist.«

»Trotzdem finde ich es beachtlich, dass du Elementarwesen beschwören kannst«, warf der große Zauberer mit dem langen grau-schwarzen Bart ein. »Keinem meiner Gilde ist das jemals gelungen.«

Mia lächelte zaghaft. Die Gabe, Elementarwesen zu beschwören, war ihr ausgeprägtestes Talent. Ansonsten beschränkten sich ihre magischen Fähigkeiten auf sehr einfache Zauber.

Ein lautes Geräusch ließ Darians Hand zu seinem Schwert fahren, aber dann entspannte er sich. In der Ferne stapfte nur eine Gruppe Waldtrolle durch das Unterholz, und die drei Gefährten eilten rasch weiter. Sie wollten sich nicht auf einen Kampf mit den groben Wesen einlassen, die sich zwar meist friedlich verhielten, jedoch zur Paarungszeit eine deutliche Neigung zu aggressiven Handlungen zeigten. Es dauerte nicht lange, und einige kleine Heidefeen kamen zurückgeschwirrt und tanzten aufgeregt vor Mia auf und ab.

»Sie sind ganz in der Nähe!« Sofort rannte Mia los, wobei ihr langer schwarzer Zopf wild hin und her pendelte. Selbst Darian, der wieder gut in Form und ein ausdauernder Läufer war, konnte sie kaum einholen. Nordhalan zählte bereits an die zweihundert Sommer und ging ihnen daher langsamer hinterher.

Ein strahlendes Lächeln überzog Mias Gesicht, als sie sah, wie zwei kleine Gestalten auf einem verhältnismäßig großen Pferd über die blumenübersäte Lichtung vor ihnen trabten. Ein Paar winziger brauner Wurzelgnome sprang erschrocken zur Seite, als das gräulich-braune Pferd mit der wallenden schwarzen Mähne angaloppierte und mit donnernden Sprüngen näher kam. Ein zweites dunkelbraunes Pferd, welches am Sattel angebunden war, folgte.

»Mutter!« Noch bevor der imposante Hengst richtig zum Stehen kam, war das schwarzhaarige Mädchen aus dem Sattel gesprungen und umarmte Mia stürmisch. Wenig später wurde auch Darian mit überschwänglicher Freude begrüßt und schloss seine kleine Tochter glücklich in die Arme.

Lilith, die zierliche blonde Frau mit der etwas eigenartig anmutenden Knollennase stieg langsam aus dem Sattel. »Aramia, Darian, ich bin so froh, dass ihr wohlbehalten aus dem Unterreich zurückgekehrt seid.«

Mit einem Lächeln umarmte Mia ihre Nebelhexenfreundin, während Leána Darian aufgeregt erzählte, dass sein Hengst Menhir nicht durch das Portal hätte gehen wollen, sie ihn aber dazu überredet habe. Ein schwarzer Blitz, der von links auf Leána zusprang, ließ Darian zusammenzucken. Dann jedoch erkannte er die schwarze Wölfin Fenja, die ihre kleine Freundin mit feuchten Küssen bedeckte.

»Fenja wollte unbedingt mitkommen«, sprudelte Leána los. »Und sie hat sich nicht so angestellt wie Menhir!«

»Ist denn alles gutgegangen?«, erkundigte sich Mia.

Lilith nickte und deutete auf das zweite Pferd, einen braunen Hengst, der etwas schmaler und eleganter als der kräftige Menhir war. »Liah konnte ich nicht mitnehmen, sie ist inzwischen hochträchtig, daher habe ich dir Lavos mitgebracht.«

Langsam ging Mia zu dem Pferd, das sie aus klugen Augen freundlich ansah.

»Er ist noch recht jung, aber gut ausgebildet. Ich denke, ihr werdet euch mögen.«

Zufrieden klopfte Mia dem Tier den Hals.»Ja, das denke ich auch.«

Leána hatte Darian an der Hand gefasst und zog ihn nun zu ihrer Mutter, wobei sie ununterbrochen vor sich hin plapperte.

»Hast du ihr schon erzählt, was ihre Aufgabe ist …«, begann Darian zögernd, aber Lilith schüttelte rasch den Kopf.

»Wir werden es später tun, wenn sie nicht mehr ganz so aufgeregt ist«, meinte Mia leise und streichelte ihrer quirligen Tochter über die dichten dunklen Haare.

»Was wollt ihr mir erzählen?«

»Du wirst bald deinen Großvater kennenlernen.« Mia beugte sich hinab und Leána sah sie mit ihren großen blauen Augen an.

»Ich habe einen Großvater?«

»Ja, er sieht allerdings etwas … nun ja … anders aus als wir. Er ist ein Dunkelelf und …«

Bevor sie ausgeredet hatte, erschien Nordhalan auf der Lichtung, und Leána rannte sofort freudig auf ihn zu.

»Bist du mein Großvater? Warum hast du denn gar kein Schwert? Haben alle Dunkelelfen so lange Bärte?«

Nach einem Augenblick der Überraschung nahm Nordhalan die Kleine auf seinen Arm. »Nein, ich bin kein Dunkelelf und sie tragen gar keine Bärte. Ich bin Nordhalan, ein Zauberer und Freund deiner Eltern.«

»Ach so.« Zuerst wirkte Leána enttäuscht, aber dann strahlte sie schon wieder. »Willst du auch mein Freund sein? War dein Vater vielleicht ein Zwerg, weil du so viele Haare im Gesicht hast?« Sie runzelte grübelnd ihre glatte Stirn. »Aber dafür bist du viel zu groß, es sei denn, deine Mutter war ein Bergtroll.«

»Leána, nicht alle Wesen sind aus verschiedenen Rassen entstanden«, erklärte Mia geduldig, »Nordhalan ist ein Mensch, und du wirst noch viele reinrassige Menschen kennenlernen.«

»Oh!« Nun schien sie sich ein wenig vor dem Zauberer zu fürchten und ging lieber rasch zu Darian zurück, dem sie ihre Arme um die Hüfte schlang.

»Keine Angst, Leána«, versicherte Nordhalan freundlich, »nicht alle Menschen sind schlecht.«

Sie nickte zustimmend, versteckte aber trotzdem schutzsuchend ihren Kopf an Darians Rücken.

»Komm, Leána, dein Onkel Atorian freut sich schon darauf, dich wiederzusehen, genauso wie Tagilis«, forderte Darian sie auf.

»Sie sind auch hier?« Leána begeisterte dies sichtlich, und sie fragte, ob sie auf Menhir reiten dürfe, was ihr Darian auch erlaubte. Jedoch bestand er darauf, die Zügel zu führen.

Glücklich thronte Leána auf dem großen Pferd und sah sich neugierig um, stellte dann jedoch enttäuscht fest: »Auf dem Festland sieht es gar nicht viel anders aus als auf der Nebelinsel.«

»Wo stand denn das Tor, welches aufs Festland führt?«, wollte nun Nordhalan wissen und musterte die kleine Nebelhexe Lilith unauffällig.

»Gar nicht weit von unserem Dorf entfernt«, erklärte sie mit heller, jedoch energischer Stimme. »Zwei ineinander verschlungene Eichen haben es bezeichnet, und auch auf der anderen Seite waren sehr ähnliche Bäume zu sehen. Es war faszinierend. Ich spürte nur ein kurzes Kribbeln, dann waren wir auf der anderen Seite.«

»Ich habe Cadman getroffen«, erzählte Leána und wippte im Takt von Menhirs ausgreifenden Schritten auf und ab. »Er hat sich gefreut, weil Fenja so ein hübscher großer Wolf geworden ist.«

»Wollte er nicht mitkommen?« Mia sah sich suchend um.

»Nein«, Lilith verzog ihren Mund, »ich denke, der alte Mann hat sich vor mir gefürchtet, weil ich eine Nebelhexe bin.«

Allmählich verstummten die Gespräche, und nachdem sie den ganzen Tag lang geritten waren, erreichten sie am Abend den geheimen Lagerplatz, der verborgen in einem schwer zugänglichen Tal an den Ufern des Rannocsees lag. Zusätzlich hatte Nordhalan noch einen Schutzzauber über die Siedlung gelegt, welche dem flüchtigen Betrachter vorgaukeln würde, die Halbinsel sei völlig unbewohnt. Mehrere mit Stroh oder Heidekraut gedeckte Holzhütten schmiegten sich in den Schutz hoher Bäume und Hecken; rund um das Dorf waren einige Felder angelegt worden, mit denen sich die knapp zwanzig Bewohner ihren nötigen Lebensunterhalt sicherten. Zunächst verhielt sich Leána ungewohnt ängstlich wegen der fremden menschlichen Männer, aber als sie ihren Onkel und Tagilis sah, legte sich ihre Scheu, und vor allem den Zwerg Edur schien sie sofort in ihr Herz zu schließen, denn er machte alle möglichen Scherze mit ihr und ließ sie auf seinen breiten Schultern reiten.

Nach dem Abendessen, als sich alle am Feuer in der größten Hütte versammelten, saß Leána bereits vertrauensvoll auf Nordhalans Schoß und lauschte halb schläfrig den Gesprächen der Erwachsenen, von denen sie vermutlich nicht allzu viel verstand.

Als Nordhalan ein wiederholtes Zupfen an seinem buschigen langen Bart spürte, sah er hinab zu dem kleinen Mädchen.

»Was machst du denn da?«, fragte er empört.

Leána hielt stolz seinen zu mehreren Zöpfen geflochtenen Bart in die Höhe. »Das sieht hübsch aus, außerdem hängt er dir dann nicht so leicht in der Suppe.«

Alle Anwesenden begannen laut zu lachen, während Nordhalan die Kleine mit säuerlicher Miene auf den Boden setzte.

»Mein Bart hat noch niemals in der Suppe gehangen«, betonte er.

»Vater, lässt du dir auch so einen Bart wachsen?«, bettelte sie. »Es macht Spaß, Zöpfe hineinzuflechten.«

Kopfschüttelnd und noch immer grinsend kniff Darian sie spielerisch in die zierliche Nase. »Nein, ich möchte keinen Bart tragen, und bitte lass den von Nordhalan in Zukunft in Ruhe. Ich glaube, er ist da etwas empfindlich.«

Leána seufzte abgrundtief. »Menschen verstehen einfach keinen Spaß, dass sagt Murk auch immer.«

Nur sehr mühsam gelang es Nordhalan, seine strenge Miene aufrecht zu erhalten, und als er zusah, wie die Kleine rasch auf Darians Schoß kletterte und an seiner Schulter einschlief, musste er sich eingestehen, dass er Darians Tochter schon jetzt in sein Herz geschlossen hatte.

Während Darian sich mit Torgal und Edur unterhielt, betrachtete Nordhalan ihn und Leána eingehend. Das Mädchen hatte die filigranen Züge und auch die rabenschwarzen Haare ihrer Mutter geerbt, wenngleich die von Aramia seidiger und glatter waren, Leánas Haar etwas dicker und leicht gelockt. Die großen blauen Augen hingegen stammten eindeutig von Darian, und auch ihr Lächeln erinnerte an den jungen Erben von Northcliff.

Diese kleine Familie wird es nicht einfach haben, überlegte der Zauberer bedrückt.

Noch an diesem Abend brachen hitzige Diskussionen aus, wie sie weiter vorgehen sollten, denn endlich schien die Ausführung ihres Auftrages, den sie von Merradann bekommen hatten, nicht mehr ganz unmöglich zu sein. Das Orakel – in Darians früherer Welt auch bekannt unter dem Namen Merlin – hatte sie aufgefordert, sämtliche Weltenportale in Albany zu schließen, damit Samukal keine weiteren Dämonen mehr durch diese beschwören konnte. Drei Zauberer von zwei unterschiedlichen Rassen bedurfte es, um diese Aufgabe zu bewerkstelligen. Doch erst im Dunkelelfenreich hatten sie dank Mias Urgroßvater Ray’Avan herausgefunden, dass Leána vermutlich eine Portalfinderin war. Heute beschlossen sie, in spätestens zwei Tagen zum Stein von Alahant aufzubrechen.

Doch selbst, wenn sich Leánas Fähigkeit wirklich zeigte – ob sie die Weltentore dann tatsächlich schließen können würden, schien eher fraglich. Denn noch hatten sie keine Nachricht von den Elfen erhalten, die versprochen hatten, im Frühling einen Zauberer zu schicken.

»Vielleicht wartet der Elfenmagier bereits am Stein«, mutmaßte Hauptmann Torgal und fuhr sich durch die kurzgeschnittenen grauen Haare. Darian wusste, dass Torgal all diese Magie ebenso suspekt war wie den anderen Männern, und umso höher rechnete er es ihm an, dass er zu seinem Versprechen stand, an seiner Seite um Northcliff zu kämpfen.

Langsam zerstreute sich die Menge, und die Männer zogen sich in die umliegenden Hütten zurück.

Darian hielt seine kleine Tochter im Arm und starrte grüblerisch ins Feuer. Nachdem Mia sich noch kurz und mit leise mit Lilith unterhalten hatte, trat sie zu ihm.

»Was hast du? Du wirkst so nachdenklich.«

Darian blickte zu ihr auf und betrachtete zärtlich, wie sich das Licht in ihren dunkelgrünen Augen fing und einen sanften Glanz auf ihr ebenmäßiges Gesicht zauberte.

»Leána wird niemals die Welt sehen, in der ich aufgewachsen bin«, sagte er mit leisem Bedauern. »Weißt du, vorher habe ich nicht wirklich daran gedacht, aber wäre es nicht vielleicht besser, wenn wir alle durch das Portal gingen und in der anderen Welt ein neues Leben anfingen?«

Mia zog ihren Stuhl näher zu ihm heran und streichelte ihm über die halblangen dunkelblonden Haare. »Willst du wirklich Samukal euer Königreich überlassen?«

»Nein, natürlich nicht«, gab er zu und schämte sich plötzlich seiner eigennützigen Gedanken. »Aber Leána ist noch so klein. Vielleicht wäre sie in der anderen Welt sicherer.«

»Ich weiß nicht, Darian, ich habe einige Zeit dort gelebt, und ich fand die andere Welt nicht sonderlich sicher.« Dann lachte sie plötzlich auf. »Und kannst du dir Tagilis, deinen Bruder oder Torgal und Nassàr vielleicht als normale Angestellte in einem Büro in London oder Edinburgh vorstellen? Mal abgesehen davon wären wir auch dort immer auf der Flucht, denn wir alle werden sehr viel älter als normale Menschen, und das würde irgendwann auffallen.«

»Du hast schon Recht.« Die Worte seiner Gefährtin hatten ein Lächeln auf sein Gesicht gezaubert. »Die drei würden vielleicht einige Zeit als verkappte und schrullige Antiquitätenhändler durchgehen«, scherzte Darian, wurde aber sogleich wieder ernst und seufzte tief. »Ich weiß, unsere Aufgabe liegt hier, und wir werden sie meistern!«

Aufmunternd drückte Mia seine Hand, dann nahm sie ihm ihre tief und selig schlafende Tochter aus dem Arm und legte sie sanft in eines der einfachen Holzbetten.

Nachdem es dunkel geworden war, erschien Zir’Avan, Mias Vater, in der Hütte. Aus dem Schatten jenseits des Feuerscheins kristallisierte sich die hochgewachsene, schlanke Gestalt des Dunkelelfen heraus, dessen Haut von deutlich dunklerer Farbe war als die der Menschen. Seine langen anthrazitfarbenen Haare hingen ihm bis beinahe zur Hüfte. Mal wieder beeindruckte Darian Zir’Avans eigenartige Aura aus Unerbittlichkeit, Würde und Stolz, wie er hochaufgerichtet, mit gestrafften Schultern dort in der Tür stand, und alles und jeden mit seinem durchdringenden Blick musterte. Dieses Wesen war ganz sicher der tödlichste Gegner, den man sich vorstellen konnte mit ganz eigenen, für Menschen häufig kaum nachvollziehbaren Moralvorstellungen. Jetzt trat der Dunkelelf leise und behutsam an Leánas Bett.

»Dies ist meine Enkeltochter?«, fragte er kaum hörbar und ein zärtlicher Ausdruck trat auf sein sonst so beherrschtes und meist unbewegtes Gesicht.

Mia lächelte stolz, und Darian war froh, dass sie sich jetzt besser mit ihrem Vater verstand. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie Zir’Avan nur Verachtung und Hass entgegengebracht, aber seitdem er ihr und ihren Gefährten im Unterreich sehr geholfen hatte, begann sie ihm langsam zu vertrauen.

»Ich bin von großem Stolz erfüllt. Dieses kleine Wesen ist wundervoll.«

»Warte nur, bis sie wach ist und anfängt, deine Haare zu Zöpfen zu drehen oder ähnlichen Unsinn«, warnte Darian schmunzelnd, was Zir’Avan jedoch nicht davon abhielt, sie weiterhin fasziniert zu betrachten.

Nur sichtlich ungern riss er sich von ihr los.

»Die Nacht bricht herein, wir sollten mit dem Training beginnen«, wandte er sich dann an Darian.

Ebenso wie die anderen Männer hier, übte dieser sich nun schon seit geraumer Zeit mit Zir’Avan im Schwertkampf, denn der Dunkelelf war ein Meister darin und konnte ihnen allen wertvolle Ratschläge geben. Torgal und seine Männer hatten zwar noch immer Vorbehalte gegen den Dunkelelfen, doch da er ihnen bislang keinen Anlass gegeben hatte, der ihr Misstrauen bestätigt hätte, nutzten sie diesen unerwartete Gelegenheit.

Da Zir’Avan das helle Tageslicht unangenehm war, warteten sie meist bis zum Einbruch der Nacht, entzündeten dann Feuer in dem verborgenen Tal und trainierten mit hölzernen Übungswaffen – mit richtigen Waffen wäre der Kampf gegen Mias Vater viel zu gefährlich gewesen. Auch heute ließ Zir’Avan sie Angriff und Verteidigung gegen die den Dunkelelfen eigenen wirbelnden Schläge üben. Obwohl Darian wusste, dass Zir’Avan nur mit halber Kraft angriff, sah er, dass Torgal, Nassàr und Fendor schon nach kurzer Zeit völlig erschöpft waren.

Darian selbst hielt sich ein klein wenig besser, da er bereits mit Bas’Akir geübt hatte, aber auch er wusste, dass er noch viel zu lernen hatte. Der Beste von ihnen war Atorian, dessen Klinge nur so durch die Luft zischte und der Zir’Avans Attacken meist zielsicher parierte. Leichte Eifersucht machte sich in Darian breit, und er nahm sich vor, härter zu trainieren. Allerdings hatte Atorian auch schon über zweihundertfünfzig Sommer und Winter Zeit gehabt, um seine Kriegskunst zu perfektionieren. Rein äußerlich wirkte er dabei nicht viel älter als Darian, der Anfang dreißig war. Die Erben von Northcliff konnten durchaus bis zu fünfhundert Jahre alt werden, wenn sie nicht vorher getötet wurden, und alterten auch rein äußerlich entsprechend langsam.

Die Männer und Mia hatten bereits eine ganze Weile trainiert und langsam, aber sicher erlahmten besonders die Schläge von Torgal und den älteren Männern. Gerade wollte Darian vorschlagen, das Training zu beenden, als die Männer ohnehin innehielten, denn plötzlich stand Leána vor ihnen, nur in ein dünnes Hemdchen gekleidet und mit zerzaustem Haar.

»Darf ich auch mitmachen?«, fragte sie begeistert, dann fiel ihr Blick auf Zir’Avan und sie ging ohne Scheu auf ihn zu. »Du hast dunkle Haut, so ähnlich wie eine Sumpfnyade«, stellte sie fest.

Zunächst schien Zir’Avan der Vergleich mit einer Sumpfnyade zu missfallen, dann zeichnete sich allerdings ein Schmunzeln auf seinem Gesicht ab. »Mein Name ist Zir’Avan, und ich bin dein Großvater.«

»Bringst du mir bei, auch so gut mit dem Schwert zu kämpfen?«, bat sie und fasste an den Griff seiner schlanken Elfenklinge.

»Natürlich, meine Kleine.« Sichtlich erfreut über das Interesse seiner Enkeltochter versprach er: »Ich werde dir ein kleines Schwert aus starkem Holz schnitzen.«

»Sie ist erst sechs, das kann noch warten«, mischte sich Darian jetzt ein und fasste seine Tochter an den Schultern.

»Kinder meines Volkes erhalten bereits in ihrem dritten Sommer ein Schwert.« Unverständnis stand in Zir’Avans Zügen.

»Leána ist aber keine Dunkelelfe.«

Beruhigend legte Mia ihrem Gefährten eine Hand auf die Schulter. »Auch auf der Nebelinsel hat sie schon spielerische Kämpfe mit den anderen Kindern ausgetragen, es wird ihr nicht schaden.«

»Mia, sie ist ein kleines Mädchen, das kann doch nicht dein Ernst sein!«

Mia nahm Darian an der Hand und führte ihn etwas abseits. »Es ist wichtig, dass Leána lernt, sich zu verteidigen. Sie hat Dunkelelfenblut in sich und wird sicher eine gute Kriegerin werden.«

»Sie ist …«, er fuchtelte wild in ihre Richtung, »klein und zart. Leána kann warten, bis sie meinetwegen fünfzehn oder sechzehn ist.«

»Sie soll ja noch nicht in einen richtigen Kampf ziehen. Aber jetzt lernt sie leichter und spielerisch, und Zir’Avan ist ein hervorragender Lehrmeister.«

Darian behagte die Vorstellung, dass Leána eine Kriegerin werden sollte überhaupt nicht, aber da er sich freute, dass Mia ihren Vater zu akzeptieren begann, willigte er schließlich ein. Nach längerem Nachdenken musste er sich auch eingestehen, dass es gut war, wenn Leána schon jetzt mit dem Training begann. Sicher, sie war ein kleines Kind, aber in dieser Welt war es wichtig, von Kindesbeinen an mit dem Schwert vertraut zu sein. Er selbst hatte den Umgang mit der Waffe erst mühselig und unter großer Anstrengung erlernen müssen, als er mit fünfundzwanzig hierher gekommen war.

Sie wird es leichter haben als ich, dachte er, wenngleich er sich kaum auszumalen wagte, dass dieses niedliche kleine Mädchen eines Tages gezwungen sein würde, jemanden zu töten. Aber das wäre wohl immer noch besser, als selbst getötet zu werden.

Im Augenblick sprang Leána wild um Edur herum und versuchte, ihn am Bart zu fassen.

»Musst du nicht eigentlich längst schlafen?«, keuchte der Zwerg irgendwann entnervt.

»Nein, ich habe Dunkelelfenblut in mir, ich kann viel länger wach bleiben«, erwiderte sie selbstbewusst, und setzte ihre Jagd fort.

Schließlich gab sich der junge Zwerg geschlagen. »Gut, aber ich bin kein Dunkelelf und muss ins Bett.«

»So, und wir haben jetzt noch das Vergnügen, Wache zu halten«, meinte Nassàr, eine Grimasse schneidend, zu seinem Freund Fendor. Als Mia und ihr Vater anboten, dies für sie zu übernehmen, schoben die beiden Männer trotzig ihr Kinn vor und schüttelten die Köpfe. Kurz drauf löste sich die Gruppe auf, und jeder verschwand in die umliegenden Hütten.

Langsam schritten Nassàr und Fendor zwischen den in Dunkelheit liegenden Holzhütten hindurch und überquerten den schmalen Damm, der aufs Festland führte. Ihr Lager, das während der letzten sechs Sommer und Winter zu einem kleinen Dorf angewachsen war, war nahezu perfekt vor feindlichen Blicken geschützt. Diese Insel lag am Rande eines Sees, war von Bäumen und Büschen bewachsen, und das Tal war nur durch einen Pass in den Bergen zugänglich.

»Besser wir halten selbst Wache als ein – Dunkelelf«, sprach Fendor Nassàrs Gedanken aus.

»Da hast du Recht.« Der alte grauhaarige Krieger fuhr sich über den Dreitagebart. »Seine Kampfkunst ist beeindruckend, aber ich würde ihm nicht mein Leben anvertrauen.«

Einträchtig umrundeten die Männer den See, um zu dem Pass zu gelangen, der hinauf in die wilden Berge führte.

»Ich wünschte, die kleine Kaya käme wieder vorbei«, begann Fendor irgendwann und blickte sehnsüchtig in den sternenübersäten Frühlingshimmel. Die junge Frau hatte vor einigen Monden den verletzten Tagilis von Ilmor zum Rannocsee begleitet und war kurze Zeit geblieben – nicht ohne mit ihrer quirligen und unkomplizierten Art allen Männern den Kopf zu verdrehen. Leider war sie dann jedoch wieder nach Ilmor abgereist.

»Meinst du nicht, sie ist etwas zu jung für dich?«, entgegnete Nassàr grinsend.

»Ach was, ich bin noch gut in Form.« Fendor fuhr sich durch das noch immer volle braune Haar. »Außerdem sehe ich jünger aus.«

»Ha, ha, wenn, dann kommt sie eher wegen dieses Halbelfen zurück. Sie hat ihm ganz schön glühende Blicke zugeworfen.«

»Was?« Fendor sah seinen Freund entsetzt an, bemerkte dann aber, dass dieser ihn nur aufziehen wollte.

»Blödsinn, Tagilis ist …« Der Krieger beendete seinen Satz nicht, sondern deutete schaudernd auf den nahen See, wo der Halbelf am Ufer saß, eine durchscheinende Gestalt vor sich, mit der er sich offensichtlich unterhielt. Die schwachen Strahlen des Mondlichts genügten, um die Umrisse der schwebenden Frau auf geisterhafte Weise nachzuzeichnen. »Das ist aber schon gruselig, oder?«

Mit einem Gefühl der Beklemmung nickte Nassàr. Als erfahrenen Krieger von über sechzig Sommern erschreckte ihn so schnell nichts, aber ein Halbelf von der Nebelinsel, der einen Geist als Gefährtin hatte, war doch etwas zu viel.

»Das sind eigenartige Zeiten, Fendor. Wir sind mit Nebelhexen, Dunkelelfen und anderen Halbwesen verbündet, am Ende wird noch ein Bergtroll zu unseren Gefährten zählen.«

Belustigt schlug Fendor seinem Freund auf die Schulter, und sie machten sich an den Aufstieg, um den Zauberer Nordhalan und ihren Gefährten Markat abzulösen, die am Eingang zum Tal Wache gehalten hatten…

Ende (von Kapitel 1)

Copyright (c) 2011/2012 by Aileen P. Roberts

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, eine Rezension zur Unterstüzung anbei, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Aileen P. Roberts
Im Schatten der Dämonen
Weltennebel 3

Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1. Auflage: 02/2012
TB 47590, Urban Fantasy
ISBN 978-3-442-47590-2
Titelgestaltung von UNO Werbeagentur, München unter Verwendung eines Motivs von Jürgen Gawron
Karte von Andreas Hancock

www.goldmann-verlag.de
www.aileen-p-roberts.de
www.andreas-hancock.de

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Als der Student Darian von Mia, einer Kommilitonin, erfährt, dass er in Wahrheit der lange verschollene Königssohn von Albany ist, glaubt er ihr zuerst kein Wort. Doch schneller, als es dem jungen Mann lieb ist, wird die für ihn fiktive Welt, von der Mia erzählt, zur Wirklichkeit. Zu seinem Entsetzen entpuppt sich sein Adoptivvater Samukal als Mörder seiner Eltern und als mächtiger Zauberer. Fehenius der Bruder Samukals, schafft es zudem, dass Darian bei seinem Volk in Ungnade fällt. Mit Mias Hilfe gelingt es Darian, seinen tot geglaubten Bruder Atorian zu befreien, der in einem unterirdischen Gefängnis vor sich hinvegetierte. Der Zauberer Nordhalan schließt sich ihnen an. Gemeinsam reisen die Brüder mit Mia ins Reich der Dunkelelfen. Mias Vater will ihnen helfen, einen Zauberer unter den Dunkelelfen zu finden, denn nur so können sie Samukal besiegen.

Samukal hat sich mit mächtigen Dämonen eingelassen. Während Atorian und Darian den Widerstand gegen Fehenius und Samukal organisieren, verliert der Zauberer nach und nach die Kontrolle über die Wesenheiten, die er herbeigerufen hat. Diese richten fürchterliches Unheil unter der Bevölkerung an. Darian bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss die verschwundenen Drachen finden und nach Albany zurückbringen; bloß dann haben die Gefährten eine Chance, Samukal und seine Schergen zu besiegen.

Der dritte Teil ist noch düsterer als seine beiden Vorgänger. Die Autorin verschärft den Ernst der Lage zusehends. Ihre Protagonisten beginnen, sich weiter mehr zu entwickeln. Allen voran der mächtige Zauberer. Samukal, der Gegenspieler und Erzfeind Darians, verliert an Boden, als ihm die Kontrolle über die Geister bzw. Dämonen, die er rief, entgleitet. Der große Zauberer fängt allerdings an zu begreifen, dass eine viel mächtigere Figur die Fäden hinter den fürchterlichen Aktionen zieht, die diese Schreckgespenster ausführen. Ein Sinneswandel setzt bei diesem machtbesessenen Mann ein. Darian ist ihm ans Herz gewachsen, und da er ihn wie einen Sohn großgezogen hat, liebt er ihn auch wie einen Sohn. Das wird dem Zauberer klar, als er selber nicht mehr in der ersten Reihe mitspielt.

Atorian findet endlich die Wiedergeburt seiner großen Liebe. Das entspannt die Situation zwischen ihm und Mia. Diese ist einfach froh, dass der Bruder ihres Liebsten endlich aufhört, ihr Avancen zu machen. Das Verhältnis zwischen Mia und ihrem Vater wird immer besser. Dieser gesteht der jungen Frau, dass er ihre Mutter aufrichtig geliebt hat. Die Umstände ihrer Trennung ergeben endlich Sinn für Mia. Der Groll, den sie die ganze Zeit in ihrem Herzen pflegte, beginnt, sich aufzulösen. Darian ist froh, dass Atorian noch lebt, denn nun muss er nicht mehr auf den Thron zurückkehren. Er will bei Mia bleiben und mit ihr und ihrer beider Tochter zusammenleben. Die Protagonisten, die nur als Nebenfiguren auftreten, sind mit ihrem Handeln genauso agil und real eingebunden wie die Hauptfiguren des Dreiteilers. Durch viele kleine Aktionen und einigen Situationen, in der die Autorin ihre Figuren wirken lässt, bekommen diese mehr Tiefe. Natürlich hat Aileen P. Roberts reichlich Fallstricke für ihre Protagonisten aufgespannt und nicht jeder bekommt das, was er eigentlich verdient. Sei es denn im Guten oder im Bösen.

Mit dem dritten und letzten Teil der „Weltennebel“-Trilogie verabschiedet sich die Autorin mit einem fulminanten Abenteuer und Finale von ihren Figuren. Das Ende ist derart offen gesetzt, das eins sicher sein dürfte: Dies ist bestimmt nicht der letzte Besuch von Aileen P. Roberts in Albany. Wenn sie wieder einen Weg dorthin findet, dürfen die Leser sie bestimmt begleiten, um bekannte Gestalten wie Darian oder Mia ein Stück weit ihres Weges zu begleiten. Wer „Thondras Kinder“, ebenfalls von der Autorin, oder die Trilogie „Die Gilde der schwarzen Magier“ von Trudi Carvan, schätzt wird sich mit diesem Buch spannende Lesestunden schenken.

Copyright der Rezension © 2012 by Petra Weddehage (PW)

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RENO – Kapitel 3 – Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Michael Bahner

Erstellt von Michael Bahner am 25. April 2012

Reno

Kapitel 3

Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte

von

Michael Bahner

Was bisher geschah …

Reno rappelte sich auf und machte aus Gewohnheit eine Geste, als wollte er den Schmutz abwischen. Natürlich half es nichts, der Anzug stand vor Dreck und Schlamm. Aber es half ihm, sich nach dieser sinnlosen Rauferei einen Hauch von Würde zu erhalten – trotz seines derangierten Äußeren, trotz ihres zu Klump geflogenen Raumbootes und trotz seiner wütenden Pilotin, die sich gerade keuchend und schwitzend aus dem Griff der schäbig grinsenden Wache befreit hatte.

Misstrauisch beobachteten die Soldaten, wie Reno seine Waffe aufhob. Er schob sie langsam ins Holster zurück. Sie wirkten entschlossen und erweckten nicht den Eindruck, als wäre ihnen körperliche Gewalt zur Erfüllung ihrer Aufgaben fremd – oder unerwünscht. Dann machte er einige Schritte auf den Soldaten zu, den Tschang als Neurofeedback-Sklaven benutzte. Sofort verstellten ihm zwei der anderen den Weg. Sie hielten ihre Waffen gesenkt, aber er rechnete sich keine Chancen gegen sie aus, jetzt, wo er kein Überraschungsmoment ausnutzen konnte. Es lag auch nicht in seiner Absicht, den Sklaven anzugreifen, obwohl er innerlich kochte. Er brannte darauf, sich an irgend etwas oder irgend jemandem abzureagieren, gerade weil Tschang überhaupt Sklaven benutzte.

Dieser Mistkerl.

Einen Augenblick hielt er inne, um sich zu sammeln und seine Erregung unter Kontrolle zu bringen.

„Herr Tschang! Sie sind widerrechtlich in den Orbit von Aladin I eingedrungen”, verkündete er laut und so offiziell wie es ihm möglich war angesichts seines Gegenübers, das immer wieder von spastischen Zuckungen geschüttelt wurde und in einem irren, nicht menschlichen Grinsen seine Zähne fletschte. Entweder war sein Neurofeedback-Implantat defekt oder die Verbindung gestört. Reno leierte schnell alle Verstöße herunter, an die er sich erinnern konnte. Lange konnte er den Anblick nicht mehr ertragen.

„Rrrch … gut … gut … aarrrchh”, röchelte der Sklave, sabberte zwischen zusammengebissenen Zähnen, schnarchte und verdrehte die Augen, bis man nur noch das Weiße sah. „Ich bekenne mich schuldig und werde ihnen selbstverständlich vorbehaltlos folgen. Wollen Sie mich jetzt festnehmen?”

Er schwenkte den Kopf suchend wie eine Radarschüssel hin und her, bis er das Wrack anvisiert hatte.

“Oh, wie ich sehe, bedarf Ihr Shuttle offensichtlich der einen oder anderen … äh … Reparatur.” Ein Röcheln stahl sich aus seinem Mund, das ursprünglich ein Lachen gewesen war.

“Darf ich Ihnen einstweilen meine Gastfreundschaft anbieten? Die Eskorte wird Sie beide zu meinem Landeplatz begleiten. Dort gibt es alles, was Sie in Ihrer jetzigen Situation benötigen und was Ihnen vermutlich verloren oder in den diversen Teilen Ihres Shuttles zu Bruch gegangen ist. Verpflegung, Kleidung, vielleicht eine Dusche? Nein, nein, das ist keine Bestechung, glauben Sie mir. Wie gesagt, lassen Sie es sich gut gehen und vergnügen Sie sich. Sie sind meine Gäste.”

Er brach ab und sackte zusammen, als hätte jemand den Stecker gezogen. Reno starrte ihn argwöhnisch an.

Gerade als er dachte, das Gespräch wäre beendet, schnellte der Sklave wie an Fäden gezogen in die Höhe und verkündete laut plärrend: “All… allerdings fürchte ich, dass weder mein Schiff noch die Kommunikationsanlage zurzeit betriebsbereit sind. So gerne ich sie Ihnen zur Verfügung gestellt hätte. Ich habe gerade mit dem Kapitän gesprochen, beides benötigt dringend Wartung. Es gibt offenbar auch irgendwelche magnetischen oder elektrischen Störungen. Sie vergeben mir, damit kenne ich mich nicht aus. Genaueres erfahren Sie von meinen Offizieren.”

Dann ertönte ein Laut wie aus einer verbeulten Orgelpfeife, während sich der Sklave vorbeugte, als müsste er sich übergeben.

„SCHLUSS JETZT!”, entfuhr es Reno, „Nur noch persönliche Kommunikation!”

“Ok, Großer, lassen wir ihn”, sagte Lena, die neben ihn getreten war.

Die Soldaten, die den Sklaven flankierten, schien dessen Zustand nicht im Geringsten zu stören. Der Sklave keuchte schwer, während Speichelfäden in seinen Mundwinkeln wippten. Dann gab er etwas von sich, was entfernt an ein Kichern erinnerte, wankte ein paar Schritte und kippte kopfüber zwischen die Büsche.

Tschang hatte die Verbindung unterbrochen.

***

“Ich gehe auf Kontrollgang”, sagte Mom Chao.

Der Kapitän wandte seine Aufmerksamkeit beiläufig vom Fernglas ab und nickte, während einer der Wachoffiziere dienstbeflissen salutierte und rief: “Kommandantin verlässt Brücke.”

Ohne sich um das Deckpersonal zu kümmern, ging Mom Chao auf den Gang hinaus, der entlang der Längsachse die oberen Beobachtungsräume der Himmelsglanz mit der Kommandokanzel verband. Ein Offizier und zwei seiner Leute folgten ihr. Als sie die Druckschleuse betraten, stülpten sie sich wortlos die Atemmasken über. Sie kletterten hinab zum oberen Waffendeck, vorbei an Munitionskammern und Gefechtsständen; weiter hinunter zu den Schleusen der Mannschaftsdecks, durch das untere Waffendeck, bis sie vor den Schotts standen, die zu den Kielräumen und den Seilkammern führten. Das Surren der Wellen und das tiefe Brummen der nahen Dampfkerne war hier viel stärker als auf dem Kommandodeck.

Die Fahrthöhe der Himmelsglanz betrug jetzt mehr als zehntausend Ellen. Die Luft war dünn und kalt, vor allem hier in den unteren Decks, wo es weder Heizung noch Luftdruckregulatoren gab. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen.

Mom Chao zog die Wattierung ihres Kragens höher, bis sie den unteren Rand der Atemmaske bedeckte.

“Hier?” fragte sie stirnrunzelnd, zu leise, um die Schiffsgeräusche zu übertönen.

Hauptmann Hrinkel las es ihr von den Augen ab. Er überragte Mom Chao um einen guten Kopf, brachte es aber trotz seiner Größe, seiner massigen Gestalt und seiner wilden Erscheinung zustande, ihrem Blick unterwürfig zu begegnen.

“Ja, Herrin”, antwortete er, sein breites Gesicht nahe an ihren geröteten Wangen – zu nah.

Mom Chao widerstand jedoch dem Reflex, vor ihm zurück zu weichen. Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine faltigen Augenwinkel.

“Dort lagern normalerweise Enterwerkzeug und Ballast.”

Dieser Tölpel soll sich unterstehen, mich in Gegenwart anderer mit Herrin anzureden. Für ihn wie für alle anderen bin ich die Kommandantin! Die Dienerin Kaiser Nangklaos, meines Vaters – dieses Heuchlers! Ich weiß von Spionen, die von den Lippen ablesen können. Wenn einer der beiden da hinten von dieser Sorte ist, wüssten sie sofort, dass der Hauptmann mir ergeben ist – und nur mir. Und wenn, ja, wenn die Atemmasken nicht unsere Worte verbergen würden.

Hrinkel schien die Gedanken der Kommandantin zu erraten, denn er beeilte sich zu erklären, die beiden Soldaten seien ihm treu ergeben und gäben ihr Leben für ihn und seine Herrin. Er wusste auch, sollte Prinzessin Mom Chao nur den leisen Verdacht hegen, er hinterginge sie, eine ihrer Klingen wäre nicht mehr als eine Schrecksekunde von seiner Kehle entfernt. Jederzeit. So, wie er dastand – groß und wuchtig wie ein Fels vor ihrer schlanken zerbrechlichen Gestalt – könnte sie ihn innerhalb eines Augenzwinkerns niederstrecken.

Er schluckte trocken, als sie sich zum Weitergehen wandte.

Während Hrinkels Männer das Schott sicherten, stiegen Mom Chao und der Hauptmann in die warmglänzende Tiefe. Der Lärm der Maschinen drang jetzt nur noch gedämpft zu ihnen herunter. Gut versteckt war achtern zwischen den kupfernen Wänden eine Stallung eingerichtet. Heizwasser gluckerte in behelfsmäßig verlegten Rohren und verbreitete mollige Wärme. Es roch nach Stroh und Ton und blutigem Fleisch, und über allem lag der schwere modrige Geruch der Exkremente und Ausdünstungen von Libellen. Vier große Tiere schabten und zuckten im Halbdunkel, die Flügel eng an die langen Körper geschmiegt. Die Facetten ihrer großen Augen warfen den Schein der wenigen Lampen vieltausendfach zurück, sie glitzerten wie riesige Diamanten. Ihre Mandibeln begannen zu klackern und schnappten leer in Richtung der Menschen, als sie ihre Witterung aufnahmen.

An der Seite befanden sich vier mit Leder überzogene metallene Zylinder festgeschnürt in Gurtzeug, mit dem sie an den Libellen befestigt werden konnten.

Vier Futterale für vier Himmelsmenschen.

“Werden sie groß genug sein für die Fremden? Und die Libellen, können sie die Last tragen bis zu den Grünen Zinnen?”

“Sicher, Herrin”, grollte der Hauptmann. “Die Späher und die Medien sind sich sicher, dass die Fremden in Gewicht und Größe uns entsprechen. Die Libellen werden es schaffen.”

Uns entsprechen? Mir oder dir, mein lieber getreuer Hrinkel, der du doppelt so viel wiegst wie ich in meiner stärksten Panzerung.

“Verbürgst du dich dafür?”

Hrinkel straffte sich und erwiderte entschlossen: “Mit meinem Leben!”

Womit sonst?

Mom Chao nickte, während sie eins der Futterale öffnete. Wie erwartet, befand sich in seinem gepolsterten Innern ein Neuroserph am Kopfende, dehydriert und durch eine Membran geschützt. Die Berührung mit einem lebendigen Organismus sollte das dünne Häutchen auflösen, und die kleine Meduse würde sich in der Luftfeuchtigkeit regenerieren. Sie war dann imstande, Angreifer oder Wesen, die ihr zu nahe kamen, mit ihren Giften zu töten oder ihnen viele Stunden unruhiger Träume zu verschaffen.

“Werden die Fremden das hier überleben?” Sie wies vage über die Gerätschaften.

Hrinkel stutzte. Keiner der Späher und keines der Medien konnte solche Informationen beschaffen.

“Wir werden sehen”, murmelte Mom Chao. Sie schloss das Futteral und atmete tief und zischend durch die Maske.

“Und um die restlichen Himmelsmenschen, die den Arachniden bis dahin nicht zum Opfer gefallen sind, wirst du dich persönlich kümmern. Bei solchen Einsätzen kommt es unweigerlich zum Kampf – muss es zum Kampf kommen! Mit den Fremden, den Arachniden … und leider wird keiner der Fremden dabei überleben.”

Sie blickte ihrem Hauptmann in die Augen.

“Keiner, von denen der Kaiser je erfahren wird.”

***

Der Soldat mit dem Neurofeedback-Implantat hatte sich wieder halbwegs erholt und bildete mit einem seiner Kameraden die Nachhut.

Das Gelände war hügelig, was sie aber wegen des mannshohen Bewuchses nicht unmittelbar erkennen konnten. Nur der Pfad, den die Soldaten von ihrem Lager eingeschlagen hatten und dem sie jetzt wieder zurück folgten, wies deutliche Steigungen und Gefälle auf.

An einer mit lockerem Kies bedeckten Stelle rutschte Reno über die Böschung und landete kaum zwei Meter tiefer in einem schmalen algengrünen Gewässer. Lena schlidderte hinterher, konnte sich aber gerade noch halten.

Um einen Bach handelte es sich offenbar nicht. Es war keinerlei Strömung auszumachen. Reno stand bis zur Hüfte im Wasser und versuchte, nachdem er die erste Überraschung überwunden hatte, sich an Wurzeln und knorrigen Geäst nach oben zu ziehen. Wer konnte schon wissen, welche Art Parasiten sich in dieser Brühe tummelten – und was sonst dort auf der Lauer lag.

“Hilf mir”, raunte er Lena zu.

“Wie soll ich das machen, ohne selbst rein zu fallen?”

Sie reckte den Kopf und rief den Soldaten zu: “Und was ist mit Euch, ihr starken Jungs? Könntet ihr vielleicht mit anpacken?”

Über ihnen auf dem Pfad grinsten die Söldner hämisch. Sie unterließen es allerdings, ihnen zu helfen. Es sei denn, sie dachten, zu kichern oder mit den Waffen zu fuchteln wäre hilfreich.

Plötzlich erstarrten sie.

Ein dumpfes Grollen weit unterhalb der Hörschwelle ließ den Boden erzittern, erzeugte ein Muster kleiner Wellen auf der Oberfläche des Tümpels. Ganz kurz nur hielt es an, dann war es schlagartig wieder verschwunden und die Kräuselungen des Wassers verebbt. Der Pfuhl lag still und modrig da wie zuvor, vielleicht noch stiller – aber jetzt schien er zu lauern.

Tier oder Maschine? Ein Erdbeben? fuhr es Reno im ersten Moment durch den Kopf. Aber als im nächsten Augenblick ein seltsames hohes Klackern und Zirpen zu hören war – fernes und nahes, wie Signale, Meldung und Antwort? – war diese Frage schnell vergessen, und sie machten, angestachelt und fokussiert vom Adrenalin, dass sie auf den Pfad zurück kamen.

Das Klackern und Zirpen verlor sich bald in Geräuschen, die in diesem Buschland offensichtlich normal waren und Wind, Flora und scheuer Fauna zuzuschreiben waren.

Die einzige Orientierung lieferten die Orter der Soldaten – Lenas und Renos waren seit ihrer Bruchlandung hinüber – und die Sonne, die aber schon die obersten Äste der verkrüppelten Bäume erreicht hatte.

In der Ferne – Reno hatte ja keine Ahnung, in welcher Entfernung sie tatsächlich standen – ragten riesige unregelmäßig geformte Spitzen in den Himmel. Was zuerst noch blaugrau und vibrierend von Dunst und Hitze kaum erkennbar gewesen war, erstarrte in der abkühlenden Luft und entflammte allmählich im Feuer der Abendsonne. Sie leuchteten wie die Zähne eines Riesen vor dem dunklen Osthimmel.

Auf vielen Welten gab es ähnlich merkwürdige Erscheinungen. In den meisten Fällen waren sie natürlichen Ursprungs. Reno fragte sich, ob diese Gebilde dort nicht vielleicht künstlich waren. Aber von wem erschaffen?

Das war allerdings nicht die einzige Frage, die ihm im Kopf herum ging. Ihr Landungsboot lag zerbröselt irgendwo im Morast, und sie beide, Lena und er, waren im Schlepptau der Soldaten auf dem Weg in das Lager dieses geheimnisumwitterten Magnaten Tschang. Mehr oder weniger als seine Gefangenen. Aber nur dort konnten sie mit der Orbitalstation Kontakt aufnehmen. Zumindest mussten sie es versuchen. Denn eins war Reno klar, dass sowohl Schiff als auch Kommunikation ausgefallen sein sollte, war nichts anderes als eine taktische Lüge. Tschang war nicht einer jener Typen, die sich ohne Zwang irgendeiner Obrigkeit unterwarfen. Sie konnten also nur hoffen, dass sich im Lager eine Gelegenheit ergab, das Kommando über das Schiff zu erlangen oder zumindest einen Funkspruch abzusetzen. Falls nicht, mussten sie beten, von den automatischen Trackern gescannt zu werden, die im tiefen Orbit ihre Bahnen zogen.

Als die Dämmerung hereinbrach, sie waren bereits über eine Stunde unterwegs, trieben die Soldaten plötzlich zur Eile. Entweder wussten sie nicht, was ihnen in der Dunkelheit begegnen könnte oder sie wussten es nur zu gut. In jedem Fall erschien es auch Reno und Lena vernünftig zu sein, so schnell wie möglich in den Schutz des Lagers zu kommen.

Nach einer weiteren Viertelstunde machten sie das bläuliche Schimmern eines Wallfeldes aus. Das Feld hatte einen Durchmesser von mindestens hundert Metern. Es war vollkommen undurchsichtig. Außer seiner ölig schillernden Oberfläche und dem sich darin spiegelnden dämmerungsgrauen Busch konnte man nichts erkennen. Links hinter dem Wall ragte der Umriss von Tschangs Raumschiff über dem schwarzen Buschland empor. Dicht an den Wall geschmiegt schien es diesen zu durchdringen. Und er bemerkte die heißen Triebwerksgase, in denen die dunklen Schemen der Vegetation flimmerten.

Ich fresse meine Stiefel, wenn Lena es nicht fertig brächte, das Ding sofort und auf der Stelle in Gang zu bringen und loszuzischen.

Aber solche Gedanken waren Makulatur, solange sie nicht an die Steuerung kamen.

Sie entfernten sich vom Schiff und gingen einige Meter am Feld entlang. Reno war beeindruckt, obwohl er es nie zugegeben hätte. Ein Feld dieser Klasse in dieser Größe hatte er noch nie gesehen.

Oder doch?

Ja, einmal. Aber das war sehr lange her.

Früher – in einem anderen Leben – hatte er ein Match in einem Hangar ausgetragen, dessen raumwärtige Öffnung durch ein ähnliches Feld geschützt gewesen war. Ein Spiel in den Docks der Hauptstreitkräfte von Hogg in einem hohen Orbit um den Hauptplaneten. Eine ganze Schar von Generälen und hohen Würdenträgern, die hohe Prominenz von Hogg und zugereiste VIPs waren unter den Zuschauern. Die Tore hätten genauso gut geschlossen werden können, aber dann wäre der Effekt, der Nervenkitzel, den man diesem erlesenen Publikum angedeihen lassen wollte, dahin gewesen. Natürlich hatte sich jede Person, auf deren Meinung auch nur das kleinste bisschen Wert gelegt wurde, gebührend beeindruckt gezeigt. Aber nichtsdestotrotz war es reine Prahlerei gewesen, eine Zuschaustellung ihrer technischen Möglichkeiten, ihrer Überlegenheit. Und für ihn und sein Team hatte es ein weiteres Neuro-Extend erfordert und letztlich, wegen der schnellen und unzureichenden Integration, auch beinahe den Sieg gekostet.

Aber seine Zeit beim Spinball war längst vorüber.

Als sie sich dem Wallfeld näherten, begann sich auf dessen Oberfläche ein Portal abzuzeichnen, wurde transparent und gab den Blick ins Innere einer Sicherheitsschleuse frei.

Außerhalb des Walls war die Luft noch erfüllt gewesen vom auffrischenden Wind und seinen fremden Gerüchen, von den Geräuschen ersterbender Tag- und erwachender Nachtaktivität. Im Inneren war alles wie verwandelt: die Kuppel, die das Wallfeld bildete, wurde von einem anderen, sehr fernen Blick in die Galaxis erhellt, von farbig schimmernden Nebeln und gleißend hellen Sternhaufen im Hintergrund, und einem exotischen und überaus beeindruckenden Planetenaufgang im Vordergrund. Der projizierte Planet war erst zur Hälfte aufgegangen, überdeckte aber beinahe zehn Grad am Himmel und setzte mit seinem Schein das Treiben unter der Kuppel effektvoll in Szene.

Auf der entfernten Seite ragte der goldene Rumpf der Kyrie Hyperion durch den Wall. Gestützt auf filigrane gebogene Stelzen sah er aus wie ein abgeschnittener glitzernder Käfer. Der gepfeilte Bug mit seiner gewölbten Pilotenkanzel, der vordere Teil der elegant geschwungenen Tragflächen für den Atmosphärenflug und die schmalen Zylinder der beiden Lifte, die beidseitig am Rumpf angebracht waren, befanden sich diesseits. Jenseits rauchten unsichtbar die Triebwerke.

Auf dem Platz vor dem Raumschiff standen mehrere Dutzend Menschen in Gruppen. Sie unterhielten sich und lachten, aßen und tranken und promenierten zwischen farbenprächtigen Pavillons und Zelten. Girlanden aus Lampions schmückten die Fassaden, bunte Wimpel und Fahnen an Stangen und langen Masten gaben dem Ganzen das Aussehen eines exotischen Basars. Das Treiben wurde untermalt von den fröhlichen Klängen einer Jazz-Kapelle. Hier war eine regelrechte Party im Gange.

Als sie die Wachen am Portal hinter sich gelassen hatten und bereits auf dem Weg an den geschmückten Zelten vorbei zum Raumschiff waren, wurden sie plötzlich von einer schrillen Stimme gestoppt.

“Halt, halt, warten Sie!”

Aus einer Gruppe vor einem der Pavillons hatte sich eine Frau gelöst. Sie war füllig, mit steil aufgetürmten silbernen Locken und wurde von einer bodenlangen Toga umweht, die ihre Proportionen mehr als dürftig verhüllte. Das leichte, durchscheinende Tuch ließ einen ungehinderten Blick auf ihren nackten Körper zu: die vollen wogenden Brüste, die bei jeder Bewegung erzitternden Falten ihres Bauches und die kegelförmigen Beine. Energisch und so schnell es für ihren Stand schicklich war eilte sie auf den Trupp zu – in der einen Hand ein kristallenes Gefäß, aus dem bei jedem Schritt Flüssigkeit schwappte, mit der anderem ihr Gewand raffend.

Die Soldaten sahen sich unschlüssig an.

“Habe ich Sie noch erwischt, Matrose”, schnaufte die dicke Frau völlig außer Atem und blickte einen der Soldaten, den sie für den Anführer hielt, zornig an.

“Frau Tekanawa, lassen Sie uns weiter gehen. Wir sind auf dem Weg zu Herrn Tschang.”

“Werden Sie bloß nicht frech, Matrose”, knurrte sie ihn an. Ihre Brüste reckten sich angriffslustig in die Höhe.

Schien es nicht so, als ob ihre Brustwarzen zu glitzern anfingen? Als ob das, was gerade noch tiefrosa war, jetzt metallisch schimmerte? Reno rieb sich die Augen, und Lena puffte ihn heftig in die Seite.

“Männer und ihr Testosteron induzierter Tunnelblick”, zischte sie.

“Nichts für ungut, aber solche Pilotenoveralls habe ich noch nie gesehen”, flüsterte er zurück. “Aber darum geht es gar nicht. Hast du nicht bemerkt, dass ihre … äh … ihre …”

“Für Sie ist mein Name immer noch Lady Tekanawa DeHogg”, herrschte sie den Söldner an. “Wenn Sie sich das nicht merken können, dann lassen Sie es sich in Ihr … Ihr Implantat drucken.” Das Wort spuckte sie regelrecht aus. “Und außerdem ist Lord Tschang überhaupt nicht mehr hier. Er ist fort, ausgeflogen und kommt erst sehr spät nach Hause. Inzwischen soll ich mich um unsere lieben neuen Gäste kümmern!”

Sie machte eine gezierte Geste mit der Hand und stellte eine unschuldige Miene zur Schau. Das schien den Soldaten kurzzeitig aus dem Konzept zu bringen. Geschickt nutzte Lady Tekanawa den Moment der Verwirrung, um dem Anführer ihr mittlerweile leeres Glas in die Hand zu drücken.

Der runzelte nur die Stirn, unterdrückte jedoch weitere Bemerkungen und konsultierte stattdessen sein Kommgerät.

“Und jetzt zu Ihnen …”

Mit einer erstaunlich behänden Drehung wandte sie den Soldaten den Rücken zu, flocht ihren Arm um Renos und umhüllte ihn mit ihrem betäubend süßen Parfüm.

“… Sie großer und ausgesprochen gut aussehender Kerl. Wie ich höre sind Sie Pirat und sie …”, sie warf einen kurzen, jedoch nicht ungnädigen Blick auf Lena, “… sie ist Ihre kleine Piratenbraut?”

“Ich bin nicht … wir sind keine …”, schnappte Lena aufgebracht.

Lady Tekanawa klimperte mit den Augen und formte entschuldigend einen Kussmund. “Nicht doch, Kleines, das war doch nicht so gemeint. Ich weiß doch, wen ich hier eingefangen habe”, damit blickte sie wieder zu Reno empor. “Sie sind Ritzo, der Recke von Parastar.”

“Mein Name ist Reno, Lady … äh …”

“Sage ich doch”, fuhr sie im Plauderton fort. “Und Sie, Matrose”, sie wandte sich wieder zornfunkelnd den säuerlich dreinblickenden Soldaten zu, “nehmen Sie endlich Ihre Küchenburschen und machen Sie, dass Sie an Ihre … Maschinen kommen … oder was auch immer. Aber halten Sie hier nicht Maulaffen feil.”

Damit zog sie Reno mit sich fort und winkte Lena, ihr zu folgen. Die Soldaten trollten sich murrend.

“Frau Tekanawa, wir müssen mit Herrn Tschang sprechen und vor allem …”

“Despina. Für euch, meine Hübschen, bin ich nur Despina. Wir sind schließlich Freunde, und ihr seid jetzt meine Mitverschwörer gegen diese erbärmliche Meute unsäglich tumber Toren.” Sie klimperte listig mit ihren Augen und ließ dann ein glockenhelles Lachen ertönen.

Fasziniert bemerkte Reno, wie der metallene Glanz ihren Brüsten entwich und diese, statt kampfbereit die Warzen zu recken, ihnen lustig wippend ihr Ziel wiesen.

“Ach jaa”, sang Despina gedehnt, “der Signore Tschang, unser aller zauberischer Zeremonienmeister”, wieder entfuhr ihr vor Entzückung ein klingendes Lachen. “Er ist einfach so verschwunden, stellt euch vor, ohne uns über seine Absichten in Kenntnis zu setzen. So ein alter Geheimniskrämer. Er sollte jedoch bald wieder hier sein! Das einzige, was er uns versprochen hat, ist eine Überraschung. Haach, seine Überraschungen, ihr Süßen”, sie fasste Lenas Arm und zog beide in verschwörerischer Eintracht zu sich heran, “die sind immer von ganz herrlich aufregender Art.”

Ihr massiger Leib zitterte vor Erregung.

“Aber vorher, müsst ihr euch stärken. Also, auf zur Gulaschkanone, ihr seht ja ganz blass aus.”

Das Grüppchen schlenderte auf einen Pavillon zu, der mit Fress-Fähnchen beflaggt war und in dessen Schutz Stewards mit turmhohen Kochmützen herrlich duftende Speisen kredenzten.

“Gibt es eine Möglichkeit, eine Kommverbindung … nach draußen zu machen?” Lena nagte skeptisch an etwas, das aussah wie eine Hähnchenkeule.

“Nach draußen! Was wollt ihr denn draußen? Papperlapapp, schaut euch um”, Despina breitete die Arme aus, “hier ist die Feier.”

In diesem Moment erschollen helle Fanfarenklänge. Die Musik der Kapelle verstummte. Das Partygeplauder und das Lachen erstarben. Alle Aufmerksamkeit war nach Osten gerichtet. Dort, wo vorher der virtuelle Planet über den Horizont gestiegen war, verschwamm die Projektion, das Wallfeld wurde durchsichtig und gab den Blick auf das im Flutlicht schmachtende Buschland frei.

Sechs mächtige Schimmel bahnten sich ihren Weg durch das Gehölz, kraftstrotzend und ungestüm an ihrem Geschirr zerrend. Die Leute reckten die Hälse, Ahs und Ohs waren zu hören. Die aufgeschreckte heimische Fauna keckerte, schrie und brüllte, duckte sich ängstlich oder floh panisch vor den fremden leuchtenden Wesen. Unter wildem Gewieher und mit sichtlicher Anstrengung zogen die Pferde einen glänzenden Streitwagen ins Licht, auf dem ein kleiner Mann stand. Aufrecht, das Kinn stolz erhoben, selbstgefällig lächelnd, hielt er die Zügel lässig in der Linken, hob triumphierend die Rechte und lenkte sein Gespann direkt auf die Versammlung zu. Sein markantes herrisches Portrait wurde auf beide Flanken der Öffnung im Wallfeld projiziert.

Aristoteles Robert Tschang.

Nette Inszenierung, dachte Reno, der zusammen mit Lena und Despina ein wenig abseits dem Schauspiel beiwohnte.

Hinter Tschangs Wagen brach von starken Tauen gezogen noch etwas aus dem Dunkel des Busches in den Kreis der Scheinwerfer: ein riesenhafter Berg aus Fleisch und Horn, drei säulenartige Beine im Dreck, drei schlaff aus der Seite baumelnd. Eine monströse Chimäre teils Büffel, teils Elefant. Staub wirbelte auf, als das Tier auf die trockene Lichtung vor dem Wallfeld gezerrt wurde und nebelte sowohl das Ungetüm, als auch den Streitwagen ein.

Einige Gäste hielten sich geziert Schnupftücher vor Nase und Mund, als der süßliche Geruch frischen Blutes heranzog. Ein Spalier aus Tschangs Soldaten hielt die Menge zurück und bildete eine Gasse bis unter den Scheitel des Wallfeldes.

“Sehr schön”, konstatierte Lena zu Reno gewandt, “jetzt kommt noch Wilderei dazu.”

“Wir werden uns darum kümmern, wenn wir wissen, wie wir hier raus kommen.”

Despina jauchzte “Huuh”, die leuchtenden Augen auf das tote Tier gerichtet.

Als die Pferde den Bereich des Wallfeldes erreichten, wurden ihre Konturen diffus und die Illusion löste sich auf. Ihr Wiehern verlor sich im Aufheulen des E-Grummans von Tschangs Kettenfahrzeug, das hinter dem kaum noch sichtbaren Hologramm des Streitwagens erschien.

Die Menge und die Soldaten wichen zurück, als Tschang aufdrehte und mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Gasse brauste, den riesigen Kadaver im Schlepptau. Sein zufriedenes Lachen prangte von den Projektionen, war aber erst zu hören, nachdem das Heulen des Elektrotriebwerks verstummt war.

Beifall und Jubelgeschrei brandete auf, Hochrufe ertönten. Einen Moment sonnte er sich darin, dann hob er die Arme wie ein Dirigent und bat sich Ruhe aus.

Tschang begann mit seiner Rede. Bevor er aber den ersten Satz vollendet hatte, gab es einen scharfen Knall außerhalb der Kegel der Scheinwerfer. Dann wieder einen. Und noch einen! Berstendes Holz und peitschende Äste! Und mit einem Mal fing der Untergrund an zu beben, Teller und Tassen schepperten auf den Tischen. Die Partygäste sahen sich zunächst verwirrt um, und ergriffen dann die Flucht. Da sie allerdings nicht wussten, wohin sie flüchten sollten, hatte das Ganze etwas Regelloses an sich, etwas Verzweifeltes.

Reno und Lena und Despina tanzten mit im Reigen allgemeiner Panik, versuchten aber, nahe an die Innenseite des noch intakten Wallfeldes zu kommen. Dort erschien es ihnen am sichersten – wovor auch immer. Die Soldaten hatten sich unterdessen an der Öffnung des Wallfeldes gesammelt und spähten, die Waffen im Anschlag, angestrengt auf die Wand der hell erleuchteten Blätter und Hölzer. Ein paar machten sich hektisch an einem Feldprojektor zu schaffen und versuchten, die Öffnung wieder zu schließen.

Was Reno zuerst wahrnahm, war eine Walze aus undurchdringlichem Staub und Sand, Steinchen und Holzsplittern. Der Lärm wurde ohrenbetäubend. Dann brach die Stampede aus dem Dickicht, dutzende, hunderte der sechsbeinigen Kolosse, keuchend, mit hängenden Zungen, die weißen weit aufgerissenen Augen stur geradeaus gerichtet, strömten durch die Öffnung und überrannten das Wallinnere.

Im Grunde war der Ort nicht schlecht, den sich Reno, Lena und auch Despina zu ihrem Schutz ausgesucht hatten. Aber bevor die Tiere die Wallprojektoren zertrümmert hatten und so ihrer Falle wieder entkommen konnten, rannten einige von ihnen kreuz und quer durch das Lager, so auch dorthin, wo sich die Gruppe aufhielt.

Die verschmelzenden Schemen riesiger sechsbeiniger Büffel und der betäubende Gestank nach Moschus, Despinas schriller Schrei, Lenas vorgehaltene Pistole, die, neben der seinen, Salven dünner Laserblitze in die Schatten der heranstürmenden Tiere spuckte: die letzten Eindrücke brannten sich wie Schlaglichter in Renos Bewusstsein. Dann waren die Kolosse da. Ihr heißer Atem und der Staub drückten ihm die Kehle zu. Lena wurde zur Seite gestoßen, sie wirbelte herum und ihre Waffe traf Reno an der Schläfe.

Er nahm noch wahr, wie die kräftigen Hufen neben seinem Kopf aufschlugen, dann schwanden ihm die Sinne.

Fortsetzung folgt …

Copyright © 2012 by Michael Bahner

Leseempfehlung des Autors:


Brosowski, Melanie
Gestrandet in der weißen Hölle

Verlag : Mohlberg, H
ISBN : 978-3-942079-72-3
Einband : Paperback
Seiten/Umfang : 215 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform : B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum : 15.03.2012
Aus der Reihe : Ad Astra 15

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Chet Morrow und seine Begleiter sind auf dem Weg zu der Heimatwelt der Makis. Da das Transmittersystem der Außerirdischen eine begrenzte Sprungweite hat, müssen die Menschen und die sie begleitenden Makis immer wieder Zwischenstation auf teilweise mehr oder weniger unwirtlichen Welten einlegen. Und so kommt es, wie es kommen muss – sie stranden auf einer Eiswelt!!!

Ohne technische Hilfsmittel und die Möglichkeit, über Funk Hilfe anzufordern, scheinen sie dem Tode nahe – aber dann treffen sie auf einen ebenfalls Gestrandeten. Dieser Sternenmischling hilft ihnen nach anfänglicher Zurückhaltung und für Chet Morrow eröffnet sich ein neues Kapitel in der Geschichte menschlicher Zusammenarbeit.

Sollte die Geschichte dieser Mischlinge und die Erkenntnis daraus der Menschheit eine neue Richtung aufzeigen…?

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DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON? – Eine Kurzgeschichte von Martina Müller

Erstellt von Müller am 24. April 2012

DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON?

Eine Kurzgeschichte

von

Martina Müller

Ich hatte mir einen Wandertag gegönnt. Jetzt saß ich im Speiseraum Zur Alten Post und wollte zu Abend essen. Ich winkte die Kellnerin herbei und bestellte “einmal Schweinelende mit Erbsen und Kartoffeln”. Als Nachtisch bestellte ich “Rhabarber mit Honig”. Die Bedienung brachte mir noch einen Orangensaft. Ich nahm ein Zimmer in dem Gasthof und legte mich sofort ins Bett, da ich vom Wandern erschöpft war.

Am nächsten Tag holte mich mein Geselle Kurt mit dem Pferdewagen ab und wir fuhren direkt zum Kinderheim. Kurt begann mein Handwerkszeug im Hof des Heims aufzubauen und der Hausmeister half: einen Stuhl, eine kleine Bank und zwei Holzblöcke für die Füße, die Wanne mit dem Ton und natürlich die Drehscheibe. Kurt brachte mir einen Topf mit Wasser, legte Schwamm und Abschneidedraht auf der Bank zurecht. Ich folgte dem Hausmeister ins Gerätehaus, damit ich mich dort umziehen konnte. Als ich herauskam, wurden die ersten Kinder auf den Hof geführt. Während ich mich auf den Stuhl setzte, waren einige fesche dabei, die an meiner Drehscheibe drehten und kicherten.

Nachdem ich die Kinder aufgefordert hatte, sich so aufzustellen, dass die kleineren vorne und die mittleren dahinter und ganz hinten die großen standen, begann ich mit der Arbeit. Nun stellte mich der Heimleiter den Kindern vor. Als ich bereit war, fragte ich ein kleines Mädchen, was ich herstellen solle. Sie antwortete: “Eine schöne Vase bitte”, und hielt sich anschließend verlegen die Hände vor den Mund.

“Also eine Vase”. Ich holte einen feuchten, grauen Tonklotz aus der Wanne und legte los: “Zuerst kommt der Ton auf die Scheibe, und zwar genau in die Mitte”. Mittlerweile hatte ich mit den Füßen die untere Scheibe in Schwung gebracht, und auch die obere Scheibe kreiste mit. Als endlich genügend Umdrehungsgeschwindigkeit vorhanden war, warf ich den Tonklotz darauf, spritzte ordentlich Wasser darüber und drückte ein paar Sekunden mit den Händen dagegen, damit die Tonmasse gleichmäßig verteilt wurde.

“Zuerst forme ich mit den Daumen den Vasenboden. Er darf nicht zu dünn werden. An den Seiten bilde ich mit den Fingern die Würste, die ich zu den Wänden hochziehen werde.” Schnell tauchte ich die Hände ins Wasser, dann ließ ich zwischen Daumen und Zeigefinger die Tonwülste hochlaufen. Ich drückte mit dem Zeigefinger, der die Innenseite formte, gegen den Ton, wodurch eine bauchige Wand entstand. Die Kinder klatschten in die Hände als sie das sahen und freuten sich und jauchzten und quitschten.

Nachdem ich die Scheibe angehalten hatte, fragte ich die Kinder, ob sie meinten, dass die Vase schön werden würde, worauf sie freudig bejahten. Ich lächelte zurück und griff nach dem Schwamm, der auf der Bank lag und stieß die Scheibe wieder an. Ich hielt den Schwamm an die Außenseite der Vase und zog damit den Ton schräg zur Mitte hin. Es formte sich eine mäßig große Öffnung und schon klatschten die Kinder wieder in die Hände und freuten sich, denn jetzt sah das Ganze schon nach einer richtigen Vase aus.

Ich forderte einen der Jungen auf, vorsichtig an die Außenseite der Vase zu fassen wobei ich leicht an der Scheibe drehte. “Das fühlt sich gut an und richtig gleichmäßig”, sagte er erstaunt. Ich erklärte ihm, dass das so sein muß, damit die Vase beim Brennen nicht reißen oder ungleichmäßig werden würde. Nachdem der Junge auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahm ich den Abschneidedraht. Ich zog ihn stramm und trennte damit die Vase von der Scheibe.

Nachdem ich die Vase von der Scheibe auf die Bank gesetzt hatte, fragte ich die Kinder, was sie davon hielten, wenn wir eine richtige Kanne herstellen würden. Sie brüllten „ja“. Auf meine Frage, ob mir einer von ihnen helfen möge, streckten sich alle Kinderhände in die Höhe. Ich wählte ein etwa elfjähriges Mädchen aus. Es kam zu mir und ich setzte es vor mich auf den Hocker. Mein Geselle hatte schon einen vorbereiteten Tonklotz aus dem Wasser gefischt und warf ihn mir auf die Scheibe. Ich begann die Scheibe zu drehen, spritzte Wasser auf den Klotz und nahm die Hände des Mädchens, um damit den Boden des Objektes zu formen. Anschließend zog ich mit seinen Händen eine ovale Form nach oben. Erneut wurde geschwammelt und kaum dass man hinschaute, war die Grundform der Kanne fertig.

Auf diese Weise stellte ich genauso viele Objekte her wie Kinder da waren. Mit jedem Kind formte ich mit deren Händen die von ihnen gewünschten Gegenstände. In der Zwischenzeit hatte mein Geselle Kurt den Ofen auf Temperatur gebracht und wir begannen die schon trockenen Rohlinge zu brennen. Die Kinder staunten nicht schlecht als ihre Werke aus dem Ofen ans Tageslicht geholt wurden. Ich fragte sie, was sie davon hielten, den Beruf des Töpfers zu erlernen. Alle waren begeistert und meldeten sich, um in die Liste eingetragen zu werden, die Kurt vorbereitet hatte.

Nachdem ich mich von den Kindern verabschiedet hatte, trat der Leiter des Kinderheims an mich heran, um Weiteres in die Wege zu leiten. Zusammen schauten wir die Liste an, auf der ich eingetragen hatte, wie ich die Fähigkeiten und das Talent eines jeden einzelnen Kindes eingeschätzte. Der Leiter schaute mich sorgenvoll an. Er meinte, dass ich von den dreißig Kindern die Zwölf heraussuchen sollte, von denen ich meinte, dass sie für den Beruf des Töpfers in der staatlichen Manufaktur des Reiches taugten. Ich traf meine Wahl und übergab ihm die Liste.

Nachdem mein Geselle alle Teile unserer kleinen mobilen Töpferei auf den Pferdewagen geladen hatte, setzte ich mich neben ihn. Er ließ die Zügel schnalzen, sodass unser Gefährt vom Hof rollte. Als wir auf die Straße einbogen, kam uns eine schwarz glänzende Limousine mit SS-Emblemen auf den Wimpeln entgegen. Kurz dahinter tuckerte der Diesel des grauen Personenbusses mit der Aufschrift der staatlichen Fabrik für Töpferwaren. Kurt fragte mich, was mit den Kindern geschehe. Worauf ich ihm antwortete: “Ein Dutzend Kinderseelen haben wir gerettet. Die müssen zwar hart in der Töpferei des Reiches arbeiten, aber sie dürfen leben!”

“Und die restlichen Achtzehn?”, wollte er wissen.

Ich schaute ihn kurz an und in Kurts Augen spiegelte sich die Angst und Sorge um die restlichen Kinder wider. Er schien zu ahnen, was ich ihm sagen würde: “Nicht alle Kinder aus diesem Heim sind für das Reich von Wert. Alle Reichsfabriken haben jetzt offenbar wieder ihren Soll-Stand an Arbeitern erreicht…”

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Martina Müller

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus60-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

Peschke, Franz
Ökonomie, Mord und Planwirtschaft

Die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich

Verlag :      Projekt
ISBN :      978-3-89733-259-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      34,00 Eur[D] / 35,00 Eur[A] / 53,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 10.04.2012
Seiten/Umfang :      797 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 02.04.2012
Gewicht :      1006 g
Aus der Reihe :      Aspekte der Medizinphilosophie 10

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Franz Peschke beschreibt in seinem Buch die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich im Zeitraum von 1932/ 1933 bis 1950. Vor allem in der Zeit bis zum Beginn des 2. Weltkriegs spielten die Auswirkungen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses auch in der Anstalt Wiesloch eine große Rolle.

Nach einer chaotischen Anfangsphase arbeitete Wiesloch mit den neu eingerichteten Gesundheitsämtern und Erbgerichten eng zusammen und hielt sich an die gesetzlichen Vorgaben. Sterilisierungen fanden bis 1944 statt. In Wiesloch wurde bei Beginn des 3. Reiches eine eigene erbbiologische Abteilung unter Dr. Schiffmann eingerichtet und 1939 unter Dr. Overhamm erneuert. Der Schriftwechsel dieser Abteilung, wie er sich in den Sippentafeln spiegelt, wird hier ausführlich rezitiert.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges treten die Sterilisierungen zurück. An ihre Stelle treten Verschubungen von Patienten, die als „planwirtschaftliche Maßnahmen“ geführt wurden und die der „Euthanasie“, also der Ermordung der Patienten dienten. Der Autor schildert das Schicksal der Sicherungsverwahrten, der Juden, der Ost-, und Zwangsarbeiter, der Kinder, aber auch die Geschichte der so genannten Forschungsabteilung Wiesloch und der zur Euthanasie verlegten Patienten.

Das Kriegsende, die Rückgewinnung von Gebäuden für die Anstalt, die rückgekehrten Patienten, die z.B. nach Stephansfeld oder Hadamar verschubt worden waren, und die Wiedergutmachungsleistungen an in Wiesloch sterilisierten Patienten werden abschließend thematisiert.

Dr. med. Franz Peschke, ist seit 1998 in München als Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse niedergelassen; seine medizingeschichtliche Promotionsarbeit ist unter dem Titel “!Ausländische Patienten in Wiesloch. Schicksal und Geschichte der Zwangsarbeiter, Ostarbeiter, ‚Displaced Persons‘ und ‚Heimatlosen Ausländer‘ in der Heil- und Pflegeanstalt, dem Mental Hospital, dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch und dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden” veröffentlicht worden; Er schrieb außerdem eine Geschichte der Pflegeanstalt Rastatt, “Schreck’s Anstalt: Eine Dokumentation zur Psychiatrie und ‚Euthanasie‘ im Nationalsozialismus am Beispiel der Pflegeanstalt” (1993); Seit 2005 ist er Mitherausgeber und Autor in der Reihe “Aspekte der Medizinphilosophie”.

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ISOLA LUCRETIA – Leseprobe aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Kurzroman von Michael Pick

Erstellt von Michael Pick am 24. April 2012

Isola Lucretia

Leseprobe zu:

Isola Lucretia

Science Fiction-Kurzroman

von

Michael Pick

Das Laternenlicht auf der Via del Pellegrino war in dichten Nebel gehüllt. Sirius Savic schlug den Kragen seines Mantels hoch und hämmerte ein zweites Mal gegen das schwarzlackierte Gitterportal am St.-Anna Tor. Endlich steckte ein Schweizer Leibgardist sein rundes, übermüdetes Gesicht durch eine der Zinnen.

„Sirius Savic, MSP.“

Der Ermittler schlug die linke Seite seines Mantels zurück, in dessen Innenrevers seine silberne Dienstmarke in Form des Weltglobus` befestigt war.

Der Wachposten musterte ihn unbeeindruckt. Die aufkommende Dämmerung liftete die Schatten der Nacht über der Straße.

„Besser, Sie verschwinden schleunigst.“

Das Esperanto des Gardisten war stark akzentuiert; Sirius tippte auf eine deutsche Muttersprache.

„Ein ausgezeichneter Rat.“

Der Ermittler tastete die Taschen seines Mantels ab, als suche er etwas.

„Bedauerlicherweise hat ein gewisser …“, Sirius schien gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte und zerrte ein nachlässig gefaltetes Papier hervor. Er blätterte es umständlich auseinander, wanderte mit den Augen darüber, bis er den gesuchten Passus gefunden hatte.

„… Kanzler Valgregor … ist Ihnen der Name ein Begriff?“

Der Wachposten verengte die Augenlider zu Schlitzen. Misstrauen war die vorderste Eigenschaft eines Ermittlers. Bezeichnend, dachte Sirius, und fand es unbequem, sich fragen zu müssen, wo sein eigenes Misstrauen war.

„Hier“, er wedelte mit dem Papier in der Hand, „besser, Sie lesen es selbst.“

Ohne den Blick von Sirius zu wenden, nahm der Gardist den Brief. Sirius grub derweil die Hände in die Manteltaschen. An den Rändern der Via del Pellegrino liefen hellgrüne Pipelines wie eine Reihe dicker Raupen. Der Vatikan besaß eine eigene Dampfversorgung. Sie gehörte zu einem System von Versorgungseinrichtungen, denen die Vatikanstadt ihre Selbstständigkeit verdankte.

Der Schweizer Leibgardist verschwand, wahrscheinlich, um seinen Vorgesetzten zu informieren. Im Abstand von zehn Metern befanden sich Druckventile an den Pipelines; zu jedem Haus zweigte ein Versorgungsrohr ab.

„Sie können passieren, Savic.“

Der Gardist war zurück. Drei weitere Soldaten der Vatikanarmee besetzten die inneren Zinnen und den Einlass. Sirius vernahm das Klicken von Ventilen, das Rauschen von Dampf, als er die Leitungen füllte, die Kraft, die er sammelte, um endlich herausgelassen zu werden. Am oberen Ende des Tores regulierten drei Drehventile die Geschwindigkeit, mit der der gusseiserne Einlass im St.-Anna-Portal geöffnet wurde.

Doch noch durfte Sirius die Vatikanstadt nicht betreten. Vier Gardisten schlüpften durch die halb offene Pforte und sicherten die Umgebung. Ein Unteroffizier folgte ihnen, spuckte geflissentlich vor Sirius auf den Gehsteig und musterte den Ermittler von oben bis unten.

„Nehmen Sie die Arme hoch.“

Die kleinen, runden Augen des Unteroffiziers flackerten vor Unruhe, während er andererseits bemüht war, sachliche Routine auszustrahlen. Sirius fragte sich, ob er an seiner Stelle genauso reagieren würde. Langsam, mit der linken Hand, zog Sirius seine Dienstwaffe, eine Kirilenko 13, ließ das Magazin aufschnappen und hielt den leeren Lauf in das Laternenlicht. Zwischen zwei Fingern empfing der Unteroffizier die Waffe und verstaute sie zusammen mit dem Magazin in einem durchsichtigen Beutel, wie sie Sirius zur Beweissicherung kannte.

Kurze Zeit später betrat der Ermittler zum ersten Mal in seinem Leben die Vatikanstadt.

Vom St.-Anna-Tor nehmen zwei Hauptstraßen ihren Ursprung. Der Via del Pellegrino obliegt es, den südlichen Teil der Vatikanstadt zu erschließen, während die Via di Belvedere durch den Norden und Westen der Enklave führt.

Der Unteroffizier und vier Leibgardisten geleiteten Sirius. Genauso gut hätte er ihr Gefangener sein können. Auch an den Ufern der Via di Belvedere liefen grüne Dampfpipelines.

Unmittelbar hinter dem Rohrsystem stießen gewaltige Steinquader aus dem Boden, die die Fundamente noch großartigerer Gebäude bildeten. Wie das Bett eines Flusses, der sich im Laufe der Evolution einen Weg durch die Granitblöcke gefressen hatte, schlängelte sich die Straße an Kirchen, der Banco di Vaticano, einigen kasernenartigen Unterkünften und anderen Gebäuden vorbei und lief zielstrebig auf einen Palazzo zu, zu dessen Eingang breite Marmortreppen führten.

„Palazzo del Cancelliere“, schnorrte der Unteroffizier.

Die rechte Flanke seines Schnurrbartes zitterte, während die aufgehende Sonne Sirius` Rücken wärmte.

„Worauf warten wir noch?“, rief er dem Schnurrbärtigen zu.

Jede Zeit hat ihr Ende.

Der Palazzo del Cancelliere lag am Cortile di Belvedere und glich zu dieser Stunde einem erwachenden Bienenstock. Tausend Geräusche lagen in der Luft, obgleich nicht eines von ihnen eindeutig zu definieren war. Sie glichen einem aufgeregten Flüstern, das jederzeit zu einem reißenden Strom anschwellen konnte.

Die hohen Decken im Erdgeschoss, Sirius schätzte den Abstand zum Boden auf drei Meter, entfalteten aus ihrer Fläche heraus eine Wuchtigkeit, die folgerichtig nicht durch Wandschmuck zu bändigen versucht wurde. Einzig an den Verbindungen zu den Decken fing Stuckwerk die Schlichtheit auf.

Die vier Leibgardisten blieben in der Eingangshalle zurück; der Unteroffizier begleitete Sirius durch ein Dutzend Räume, die in der Art eines Labyrinthes angeordnet waren. Einige von ihnen dienten als Schreibstuben, einige als Aufenthalte.

Sie gelangten in ein schlauchähnliches Zimmer, dessen Wände lindgrün schimmerten. Der Schnurrbart des Unteroffiziers knatterte hier so heftig wie ein Geigerzähler beim Anblick eines Brennstabes. Der Unteroffizier verlangsamte seine Schritte, als wäre er sich seines Weges nicht mehr sicher. Der Raum führte zu einer schwedischgelben Tür, die mit hellgrünen Intarsien verziert war.

Auf der Hälfte des Weges jedoch bog der Unteroffizier ab und lief gegen die Wand. So schien es Sirius im ersten Augenblick. Dann erkannte er die Schlitze, die eine Tür in die Wand zeichneten. Der Palazzo begann, Sirius zu gefallen.

Als Sirius den Raum hinter der Geheimtür betrat, salutierte sein Begleiter einer Person, die im Licht der aufgehenden Sonne hinter einem großen Schreibtisch saß. Der Leibgardist machte eine akkurate Kehrtwende und ließ Sirius zurück.

Der Mann am Schreibtisch lehnte sich nach hinten. Die Sonne blendete Sirius.

„Ermittler Savic …“

Der andere war sehr jung; unverbrauchte Stimme, im Übrigen akzentfreies Esperanto.

„Was für ein Zufall“, murmelte Sirius.

„Wie?“

„Ich hätte niemals angenommen, dass Sie den gleichen Namen wie ich tragen und zudem ebenfalls Ermittler sind.“

Auch wenn Sirius das Gesicht des Mannes nicht genau erkennen konnte, vermochte er sich dessen blöde Miene vorstellen. Es brauchte einige Augenblicke, bis der andere verstand.

„Ein Scherz.“

„Mein Name ist nicht Savic.“

„Nicht?“

Der Mann erhob sich und kam auf Sirius zu.

„Martinius, ich bin der Sekretär von Kanzler Valgregor.“

Der Sekretär machte eine Bewegung, als wollte er Sirius die Hand geben, zog sie aber hastig wieder zurück. Ein Aussätziger hatte ausgezeichnete Chancen auf eine bessere Behandlung.

„Ich bin froh, dass Sie nicht Savic heißen. Es hätte dauernd Verwechslungen gegeben.“

Martinius schwieg, wahrscheinlich erwog er die Möglichkeit, dass Sirius ihn auf den Arm nahm.

„Ich bringe Sie gleich zu Kanzler Valgregor. Wir warten noch auf jemanden.“

Der Sekretär kam einen Schritt näher. Über die glatt rasierten Wangen lief ein öliger Schimmer. Die hellblauen Augen passten weder zu den schwarzen Haaren noch der dunklen Kutte. Das Lächeln auf den blassen, dünnen Lippen wirkte fade.

Es polterte gegen die Tür. Bevor der Sekretär die Erlaubnis geben konnte, stürmte eine Frau in den Raum.

„Können Sie mir erklären, was das Ganze zu bedeuten hat?“

Sie trug eine weiße Haube, ansonsten bestand die Kleidung aus einer ebensolchen Kutte, wie sie Martinius übergezogen hatte.

„Wie, bei allen Heiligen, kann man nur auf die Idee kommen, diesen verfl…, diesen Ungläubigen die Erlaubnis zu geben, bei uns herum zu schnüffeln.“

„Das hätte ich auch gerne gewusst“, pflichtete Sirius bei und erntete einen giftigen Seitenblick.

Der Sekretär strich sich mit der Hand über sein Haar, verbindlich lächelnd.

„Ich bin sicher, der Kanzler wird Ihnen alle Fragen beantworten.“

Das Mädchen grummelte wie ein Bär. Martinius öffnete eine zweiflügelige Tür, die in einen saalähnlichen Raum führte. An der Ostseite des Zimmers flutete das Sonnenlicht durch große Fenster und traf auf der anderen Seite auf deckenhohe Bücherregale. Sirius hatte noch nie in seinem Leben eine solche Anzahl von Büchern gesehen.

Der Raum breitete sich über zehn Meter aus, doch seine Länge übertraf die Breite um das Fünffache. Aus dem Horizont des Zimmers schälte sich ein nussbrauner Schreibtisch heraus, hinter dem ein kahlköpfiger Mann in violetter Robe saß. Der Mann schrieb mit der Hand; flüssig, ohne Pause, ohne aufzusehen.

Martinius hüstelte in seine Faust. Das Mädchen warf dem Sekretär einen verächtlichen Blick zu, schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen der Stühle, die vor dem Schreibtisch standen. Es war jener, der am weitesten von Sirius entfernt stand.

Der Mann in der violetten Robe mochte siebzig Jahre alt sein. Mit seinen schmalen Fingern musste er ausgezeichnet Klavierspielen, dachte Sirius. Das Mädchen stampfte mit dem Fuß. Der Sekretär blickte abwechselnd zum Schreiber und zur Nonne.

„Kanzler Valgregor …“

In dem Ton des Mädchens schwang unverhohlene Ungeduld.

„Ich verlange eine Erklärung!“

Zur Bekräftigung knallte sie die Faust auf den Tisch. Unbeeindruckt fuhr der Mann hinter dem Schreibtisch mit dem Geschreibe fort.

„Auch gut“, rief das Mädchen und stand auf. Sie hatte die mandelförmigen Augen zu schmalen Schlitzen verengt und presste die Lippen zu einem dünnen Strich. Dann drehte sie sich um und streifte Sirius mit einem verächtlichen Blick.

Es dauerte eine Weile, bis das Mädchen die ganze Länge des Raumes durchschritten hatte. Als die Tür zuschlug, zuckte der Sekretär zusammen.

In diesem Augenblick sah der Mann am Schreibtisch auf, drehte die Kappe auf den Füllfederhalter und lehnte sich zurück.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Ermittler Savic. Ich habe Gutes über Sie gehört.“

Lob, fand Sirius, war ein süßer Stachel mit giftigem Inhalt.

„Mein Name ist Valgregor. Meine Aufgabe in der Vatikanstadt ist vergleichbar mit der eines Managers; oder anders ausgedrückt: Ich bin das Mädchen für alles.“

Der Mann lächelte, ohne Sirius aus den Augen zu lassen.

„Eine Berufung, um die man beneidet wird, die aber nicht beneidenswert ist.“

Valgregor hörte auf zu lächeln.

„Sie werden alle Unterstützung erhalten, die erforderlich ist, um den Fall zu lösen. Mein Sekretär“, der violett ummantelte Arm zeigte auf Martinius, „steht Ihnen zur Verfügung. Außerdem habe ich Ihnen unsere beste Ermittlerin zugeteilt. Sie haben sie gerade kennengelernt.“

„Danke“, sagte Sirius nach kurzer Bedenkzeit, „danke, aber nein, danke.“

(…)

© Michael Pick, 2012

Wie die Geschichte weiter geht erfährt man hier:

Michael Haitel (Hrsg.)
ELECTI. STORY CENTER 2011.3
AndroSF 22
ISBN 9783942533355
März 2012, 224 Seiten, Taschenbuch, EUR 13,90 (DE)

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Europa, irgendein Jahrhundert, irgendein Jahr. Der Vatikan ist die letzte kulturelle Hochburg Europas, das letzte Bollwerk von Demokratie, Menschenrechten und funktionierendem Gemeinwesen, umgeben von Dekadenz, Verfall, Verbrechen und Sünde. Irgendwo auf der Welt mag es noch Enklaven geben, die dem entsprechen, was der Vatikan in Europa repräsentiert – aber von ihnen erfährt man nur auf Umwegen, nur in Form vager Informationen und Nachrichten, fast ausnahmslos in Form von Gerüchten.
Und dann geschieht ein Verbrechen …

Friedhelm Rudolph: Electi
Michael Pick: Isola Lucretia
Bernd Illichmann: Die mathematische Formel der Liebe
Isabella Benz: Die Augen der Priester
Arno Endler: Hinter der Barriere
M. E. Rehor: Die elektrische Madonna

Steampunk-Geschichten aus anderen Zeiten …

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DIE GRANATE – eine kurze Geschichte von Martin Ott

Erstellt von Martin Ott am 23. April 2012

Die Granate

eine kurze Geschichte

von

Martin Ott

Er stand neben dem Bett in voller Montur.

Als sie aus dem Bad auf ihn zukam, fühlte er ihre Augen auf seiner Hose. Er schob den Hut ins Gesicht und raunte, “Das ist keine Knarre, das ist eine Granate!” Sie setzte sich auf die Bettkante, schaute zu ihm auf und ergriff seine Gürtelschnalle.

Am Morgen tastete er das Bett neben sich ab. Sie war nicht da und aus dem Bad war nichts zu hören. Hatte er geträumt? Oder hatte er es endlich geschafft, die Frau fürs Leben zu finden. Er stand auf und sah erwartungsvoll in die Küche. Doch dort war sie nicht.

Schließlich bemerkte er einen Zettel auf dem Nachttisch und dann las er in unbekannter Handschrift: “Rohrkrepierer”. Er rannte ins Bad und grub heulend das Gesicht in die Hände.

Nach einer Weile nahm er vom Toilettenpapier und wischte die Tränen weg, atmete tief durch und fing an zu suchen.

Im Arzneischrank nach Aspirin. Leer.

In der Wohnzimmerbar griff er nach der Wodkaflasche. Leer.

In der Küche zog er das kleine Messer aus dem Holzblock. Er hielt inne.

Ruhig ging er zurück ins Schlafzimmer und setzte sich auf die Bettkante. Dorthin, wo sie in der Nacht gesessen hatte. Er beugte sich nach seiner Hose, nahm die Granate heraus und zog den Stift.

- Ende -

© Martin Ott, 2011

Buchtipp des Autors zur Literaturform Microfiction:

Markus Walther: Kleine Scheißhausgeschichten
68 kurze Geschichten

Verlag: Acabus
ISBN-13: 9783941404649
Einband: broschiert
Preisinfo: € 11,90 [D]
Umfang: 155 Seiten, 20 x 14 cm
Erscheinungsdatum: 1. Auflage, 20.09.2010

Kurzbeschreibung
Warum verschwinden immer wieder Socken in Waschmaschinen? Was hat man mit Godzilla gemacht, nachdem er besiegt wurde? Warum gibt es die Zahnfee und den Weihnachtsmann nicht mehr? Zu welcher genauen Uhrzeit ist das Ende der Welt? Dies Zwischendurchlektüre beantwortet in 68 Kurz- und Kürzestgeschichten die wirklich wichtigen Fragen dieser Welt und ganz nebenbei auch einige der Unwichtigen.

Über den Autor
Markus Walther, geboren 1972 in Köln, lebt seit 2006 mit seiner Frau und zwei Töchtern in Rösrath. Der Schwerpunkt seiner schriftstellerischen Arbeit liegt in der Gattung der Kurz- und Kürzestgeschichte.

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KONSUMVERWEIGERUNG – Eine Kurzgeschichte von Anna Breitzke

Erstellt von Anna Breitzke am 14. April 2012

KONSUMVERWEIGERUNG

Eine

Kurzgeschichte

von

Anna Breitzke

„Ich will, dass jeder erfasst ist – jeder, verstehen Sie?“ Desmond Clarke, der Generaldirektor von Buycom Unlimited schnauzte seinen Stellvertreter an und warf die Folie mit der Gesamtaufstellung der weltweiten Kunden zornig auf den Tisch. „Es gibt immer noch gut drei Prozent der Weltbevölkerung, die weder eine Kreditkarte haben, noch unsere Bonusprogramme nutzen. Drei Prozent, Smith, wissen Sie, was das heißt? Das sind rund zweihundert Millionen Menschen, die wir mit unseren gezielten Werbemaßnahmen nicht erreichen können. Wissen Sie, was das noch heißt? Unsere Kunden weigern sich, den Werbeetat zu erhöhen, weil es noch zu viele Leute gibt, die aus dem Raster fallen. Und als letztes heißt es, Smith, dass unsere Gehälter noch längst nicht ihre volle Höhe erreicht haben. – Also, wie wollen Sie diese drei Prozent in unser System integrieren? All das ist – Konsumverweigerung.“ Das letzte Wort brüllte er förmlich hervor und schlug mit der Faust auf den Tisch.

William Smith, der Stellvertreter, stand kerzengerade da und schluckte schwer. Er arbeitete nun schon seit fünf Jahren für und mit Clarke und hatte in dieser Zeit manchen Wutausbruch stoisch ertragen. In dieser Zeit hatten sie aber auch hervorragende Erfolge vorzuweisen. Die Buycom Unlimited kontrollierte jeden Einkauf, der mit einer Kredit- oder Bonuskarte getätigt wurde. Aus den Käufen wurde für jeden Kunden ein Profil erstellt, aus dem nicht nur hervorging, was wann wo konsumiert wurde, auch die Reisegewohnheiten, die Vorlieben und natürlich die Laster ließen sich aus diesem Programm ablesen. Die Menschen selbst schien es nicht zu stören, dass sie zu gläsernen Kunden mutierten, viele freuten sich sogar darüber, dass die Werbebotschaften deutlich weniger geworden waren. Nur einigen wenigen war bekannt, dass die Werbung jetzt subtil und passend auf den Einzelnen abgestimmt erfolgte – häufig genug nahmen die Menschen die versteckten Werbebotschaften gar nicht mehr wahr. Aber sie reagierten in der gewünschten Weise darauf. Die Gewinne der großen Konzerne, die das Bonusprogramm ursprünglich ins Leben gerufen hatten, waren in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Offenbar reichte das aber noch nicht, so dass der „Boss“ einen Wutanfall bekommen hatte. Der Druck von oben lastete schwer auf ihm.

Was sollte Smith tun? Es lief bereits eine weltweite Kampagne, um auch die letzten Konsumverweigerer zu bekehren, die tatsächlich noch immer Bargeld in der Tasche trugen, und die kostenlosen Karten – wie auch die kleinen Geschenke – einfach ablehnten. Offenbar gab es sogar in der Regierung einige von ihnen, denn trotz aller Bitten und Aufforderungen hatte sich der Finanzminister dem Druck der Werbeindustrie nicht gebeugt – das Bargeld wurde nicht abgeschafft. Auch war es den Geschäften untersagt worden, Kunden, die mit Bargeld statt Karte zahlen wollten, wegzuschicken. Aber halt, da konnte man vielleicht ansetzen.

„Sir, ich verstehe Ihre Empörung“, sagte Smith beschwichtigend. „Leider weigern sich Teile der Regierung, mit uns zu kooperieren, so dass wir das Geld noch immer nicht abschaffen konnten. Aber ich sehe da gerade eine gigantische Kampagne vor mir, die nur ein Minimum kostet, die Konsumverweigerer aber scharenweise in unser System treiben wird.“

„Ich höre“, grollte Clarke wenig überzeugt.

„Wir lassen einige der hartnäckigen Konsumverweigerer beschatten, um zunächst alles über sie zu erfahren. Dann werden sie vom Sender CNI eingeladen und quasi an den Pranger gestellt. Wir nehmen ihnen das Bargeld weg, sie bekommen nur eine einzige Karte mit eingeschränkter Funktion und müssen sich damit mindestens einen Monat selbst am Leben erhalten. Das wird sie die Vorteile der Bonusprogramme lehren, denn damit lässt sich auf der ganzen Welt alles kaufen, was ihnen jetzt natürlich verwehrt ist. Bei alledem sind selbstverständlich unsere mobilen Kameras im Einsatz, und die Werbung kann in diesem Fall konzentriert einsetzen. Man könnte den Probanden zum Beispiel untersagen, diese oder jene Waren zu kaufen – wie auch immer, Sir, die genaue Ausarbeitung können unsere Strategen übernehmen.“

„Was ist, wenn die Leute sich weigern?“, stellte Clarke eine wichtige Frage in den Raum. „Wenn ich richtig informiert bin, nehmen diese Leute auch nicht an Preisausschreiben oder Wettbewerben teil. Sie werden also auch kein Interesse daran haben, weltweit über unsere Sender zu gehen.“

Smith lächelte sardonisch. „Ich denke doch, dass sie mitmachen werden. Denn sehen Sie, Sir, es liegt tatsächlich in unserer Macht, diesen Menschen sonst alles zu nehmen, was ihnen lieb und teuer ist – ihre Arbeit, ihr Haus, ihre Existenz. Doch, Sir, ich bin überzeugt, sie alle werden hocherfreut sein, sich an unserer Aktion beteiligen zu dürfen.“

Clarke blickte noch ein wenig skeptisch drein, nickte dann aber. „Bereiten Sie alles vor, Sie haben drei Tage, dann werden wir die Aktion starten.“

Das war sehr knapp, wie Smith bei sich selbst feststellte, aber sie lebten nun einmal in einer schnelllebigen Zeit, er war sicher, dass er es schaffen würde. Zufrieden verließ er das Büro.

Desmond Clarke starrte seinem Assistenten nachdenklich hinterher. Der Mann war gut, sehr gut sogar. Aber immer noch nicht gut genug. Solange er selbst vom System noch nicht erfasst worden war, gab es noch immer Hoffnung, dass sich außer ihm selbst einige Menschen der allgemeinen Erfassung entziehen konnten. Er saß hier in der Schaltzentrale der Macht, trieb das System immer weiter voran, und entzog sich ihm trotzdem selbst. Er lächelte zufrieden, auch mit dieser Aktion bestand, seiner Meinung nach, noch keine Gefahr, dass er sich integrieren lassen musste. Mit einem guten Gefühl betastete er das Geld in seiner Tasche.

Zwei Tage später erhielt Desmond Clarke die Aufforderung, an der neuen sensationellen Unterhaltungsshow von CNI teilzunehmen. Selbstverständlich war die Teilnahme freiwillig, doch eine Weigerung würde unter Umständen schwer wiegende Folgen nach sich ziehen, da diese Sendung im Sinne der Allgemeinheit stattfand. Clarke kapitulierte, sein Stellvertreter hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Am nächsten Tag übernahm William Smith den Posten des Generaldirektors der Buycom Unlimited.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Anna Breitzke

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HEILE WELT – eine Science-Fiction-Story von Wilfried Hary

Erstellt von W. A. Hary am 10. April 2012

HEILE WELT

Science-Fiction-Story

von

Wilfried Hary

Raimond Scott stand breitbeinig In der Zentrale seines gigantischen Raumschiffs. Zu seinen Füßen befand sich der Panoramaschirm. Als öffnete sich dort ein Loch in die Unendlichkeit. Ein Planet war zu sehen Scott betrachtete den Planeten und wog ab, ob sich eine Landung lohnte.

Raimond Scott war unermeßlich reich. Er war in wallende Stoffe gekleidet, von erlesener Art. Auf Brust und Rücken waren die Embleme seines Wirtschaftsimperiums von Hand eingestickt. Er regierte diese Machtballung mit der Härte eines römischen Imperators. Außer ihm waren nur noch zehn Männer der Besatzung anwesend. Sie waren seine besten Freunde, wenn er Freunde brauchte, und seine ergebenen Sklaven, falls ihn danach gelüstete. Niemand würde es wagen, sich ihm zu widersetzen oder ihm auch nur zu Widersprechen. Er war der unumschränkte Herr über Leben und Tod.

“Landung!” befahl er knapp. Seine Wangenmuskeln spielten. Er gefiel sich in der Rolle des Mächtigen, der eisenhart regierte. Die Natur hatte ihn mit beeindruckender Größe und enormen Kräften ausgestattet. Seine körperliche Konstitution war die eines Supermanns. Ein Umstand, den er gern und bei allen Gelegenheiten betonte. Raimond Scott prahlte – und alle anderen klatschten Beifall. Daran hatten sie sich gewöhnen müssen, sonst wären sie nicht mehr am Leben.

Sein Befehl wurde befolgt. Das gigantische Schiff senkte sich der Planetenoberfläche entgegen. Raimond Scott war zum ersten Mal in diesem  Winkel der Galaxis und darum besonders neugierig. Normalerweise landete niemand mit einem solchen Schiff direkt auf einem Planeten. Das war nicht nur aufwendig und kostspielig, sondern auch gefährlich. Nicht für Scott, aber für die Planetarier.

Einer seiner Offiziere näherte sich in unterwürfiger Haltung.

“Was dienerst du?” fragte Raimond Scott theatralisch. “Straffe deinen gebeugten Körper, erhebe dein stolzes Haupt. Bedenke, daß dich das Schicksal und Raimond Scott zum Kommandanten des größten und besten Raumschiffs gemacht haben, das es im Universum gibt. Das sollte dich nicht mit Demut, sondern mit Stolz erfüllen.”

Der Kommandant strahlte. Er freute sich offensichtlich über das besondere Wohlwollen seines Herrn und Meisters. “Mit Verlaub, ich wollte melden, daß der Präsident des Planeten persönlich zu Eurem Empfang kommt. Seine Tochter befindet sich in Begleitung erlauchter Gesellschaft, die für Euch eine Empfangsdelegation bildet. Ich soll Euch nach Sonderwünschen befragen und auch danach, ob alles in Eurem Sinne geschieht.”

Raimond Scott lachte überheblich. “Richte den Planetenläusen aus, daß sie tun sollen, was sie für richtig halten. Ich werde danach erst urteilen, ob es mir gefällt oder nicht, und wehe, wenn sie in Ungnade fallen.” Er spuckte aus. “Herrscher über einen Planeten. Als ob das etwas wäre.” Er runzelte die Stirn. “Hm, sagtest du etwas von Tochter? Wie sieht die denn aus?”

Der Kommandant antwortete so leise, als wäre es nur für die Ohren seines Herrn bestimmt. Er beugte sich dabei vor und blickte vorsichtig in die Runde. “Sie gilt als das schönste Mädchen dieses Planeten, und das soll schon was heißen, mächtiger Scott.”

“Verdammt, gehe er mir aus den Augen. Ich kann es nicht leiden, wenn er mich mächtigen Scott nennt. Es galt vorhin noch, aber von nun an bin ich der ehrenwerte Gönner oder so. Verstanden?”

Der Kommandant verbeugte sich tief und bewegte sich rückwärts von Scott weg. Als er über die Projektion schritt, sah es so aus, als würde er den Planeten mit Füßen treten.

Aber das war ja einzig und allein einem Raimond Scott vorbehalten.

Das Raumschiff senkte sich nieder. Brüllend wich die so vergewaltigte Atmosphäre dem Ungetüm, dessen Flug von Antigravfeldern stabilisiert wurde. Die Luftmassen donnerten und röhrten und entfachten einen Sturm, der über die Oberfläche raste und vielerorts Dächer abdeckte oder Bäume entwurzelte.

Raimond Scott kümmerte das nicht. Er registrierte es nur am Rande. Viel interessanter war der Gedanke, daß es jetzt wohl niemanden mehr gab, der nichts von seiner Ankunft bemerkt hatte. Er liebte den Aufwand, das Theater und die spektakulären Auftritte.

Der riesige Raumhafen war in aller Eile für ihn geräumt worden. Andernfalls wäre es nicht möglich gewesen, mit einem so großen Raumschiff hier zu landen. Normalerweise blieben Schiffe von dieser Größenklasse im Raum und entsandten kleinere Beiboote. Raimond Scott jedoch wäre es niemals eingefallen, mit einer für ihn viel zu kleinen Landeeinheit irgendwo zu erscheinen. Man sollte gleich sehen und spüren, mit wem man es zu tun hatte.

Wenige Meter über der Fläche aus gehärtetem Betonplastik verharrte das Schiff freischwebend in der Luft. Noch immer wurde es von den Antigravfeldern stabilisiert. Bevor Raimond Scott ausstieg, warf er einen Blick auf die Panoramagalerie. Auf dem weiten Feld stand eine einsame, irgendwie verloren wirkende Gruppe von Menschen: die avisierte Delegation. Raimond Scott rümpfte die Nase: Wo waren denn die jubelnden Massen?

Kaum hatte er daran gedacht, stürmten auch schon Tausende von Menschen aus den umliegenden Gebäuden, gewaltsam den Absperring der Polizei sprengend. Der stabile Umgrenzungszaun des Raumhafens wurde ebenfalls von der Menschenmasse niedergetrampelt. Es dauerte nicht lange, und schon gab es eine Ansammlung, die erst am fernen Horizont ein Ende nahm. Der gesamte Planet schien auf den Beinen zu sein.

Raimond Scott lächelte. Er wandte sich zum Ausgang. Ein paar hündisch ergebene Offiziere begleiteten ihn.

Als Raimond Scott in der offenen  Schleuse sichtbar wurde, brandete  orkanartiger Beifall auf. Die Menschen waren völlig außer sich.

Ein einziger Ruf kristallisierte sich  heraus und wurde von Millionen  Kehlen  wiederholt: “Göttlicher!  Göttlicher! Göttlicher!” Der Ruf brauste so übermächtig heran, daß Raimond Scott beinahe Gefahr lief, davon hinweggefegt zu werden. Aber er war ein Mann, der sich in einem solchen Ruf höchstens sonnte und sich keineswegs unter dermaßen demonstrierter Macht der Masse ängstlich duckte.

Mit geschwellter Brust und angewinkelten Armen trat er vor. Seine Offiziere blieben unschlüssig zurück. Da er ihnen kein Zeichen gab, folgten sie ihm auch nicht.

Raimond Scott wurde von einem separaten Feld ergriffen, das er mit seinen Gedanken lenken konnte. Er schwebte in der Luft und stieß die Arme in die Höhe. Es war weithin sichtbar.

“Göttlicher!” Das wollte nicht mehr verebben.

Bis Raimond Scott die Arme langsam sinken ließ. Die Millionen gehorchten. Es kehrte wieder Ruhe ein. Das Antigravfeld ließ Raimond Scott zu Boden schweben. Zu Fuß ging er der Delegation entgegen. Es machte ihm Spaß, die Muskeln seiner nackten Oberarme spielen zu lassen und damit Blicke darauf zu lenken. Raimond Scott lachte in den Wind, der dieses Lachen zu den Ohren seiner grenzenlosen Bewunderer trug. Aber der Wind tat noch etwas, und das erregte Scotts Aufmerksamkeit: Er zauste an den Haaren einer blonden Schönheit, die inmitten der Delegation stand.

Scott verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. Trotz der Entfernung war es ihm möglich, Einzelheiten auszumachen. Es war die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte. Sie war schön und – stolz. Mit einer energischen Bewegung warf sie das Haar in den Nacken. Ihr Blick erfaßte die Gestalt des “Göttlichen”. Was sie sah, schien ihr zu gefallen.

Scott wunderte sich nicht darüber. Dies also war die Tochter des Weltpräsidenten? Sie würde in seinen Armen schmelzen wie Butter in der Sonne. Raimond Scott hatte es noch niemals erlebt, daß ihn eine Frau abwies. Auch diese Frau würde ihm gehören. Er brauchte es nur zu verlangen.

Dies war jedoch der Augenblick, wo es sich zeigte, daß Raimond Scott unter all den Millionen, die ihn hier empfingen, nicht nur Freunde hatte. Es gab auch Feinde – zumindest einen einzigen. Mit ohrenbetäubendem Lärm raste ein kleines Fluggefährt über die versammelte Menschenmasse hinweg. Gewaltsam durchbrach das Gefährt die Schallmauer und erzeugte eine Druckwelle, die die Wartenden umwarf. Das Fluggefährt hielt genau auf Raimond Scott zu.

Der “Göttliche” blieb lässig stehen. Er stemmte die Arme in die Seite und blickte dem Fluggefährt mißbilligend entgegen. Schon war das Ding heran. Ein sonnenheller Energiestrahl löste sich von der Bugspitze, raste mit Lichtgeschwindigkeit auf Raimond Scott zu – und traf auch mit großer Präzision. Raimond Scott war sich seiner Sache zu sicher gewesen. Raimond Scott hätte niemals mit einem solchen Frevel an seiner Person gerechnet. Und Raimond Scott konnte diesem Energiestrahl nicht mehr ausweichen. Dazu war er zu langsam.

Aber Raimond Scott hatte auch gar kein Interesse daran, auszuweichen. Er wurde in eine Gluthölle gehüllt, heiß wie im Innern einer Sonne. Dieser Hölle konnte kein Lebewesen entrinnen – kein gewöhnliches Lebewesen. Raimond Scott indessen breitete die Arme aus. Heiliger Zorn erfüllte ihn. Das Fluggefährt donnerte über ihn hinweg. Doch es kam nicht mehr weit. Raimond Scott steuerte mit seinen Gedanken die Supertechnik seines überlegenen Raumschiffs, das ihn nicht nur vor dem Tode bewahrte, sondern ihm sogar half, die furchtbaren Energien zu beherrschen. Sie strahlten von ihm weg und holten den Flüchtenden ein.

Das Flugboot wurde getroffen. Es widerfuhr ihm genau das, was der Pilot Raimond Scott zugedacht hatte. Der Ansturm der vernichtenden Energien riß es höher in den Himmel, damit es für jeden der Millionen sichtbar wurde. Ein Raunen ging durch die Versammelten, als sich das Fluginstrument mitsamt seinem Piloten in eine künstliche Sonne verwandelte. Sie expandierte rasch, schickte ihre sengenden Strahlen auf die Millionen hinab, war tausendmal heller als die natürliche Sonne am Himmel und fiel wieder in sich zusammen.

Die Luft flimmerte noch von der ungeheuren Hitze, eine Schockwelle raste nach allen Seiten, hoch über die Köpfe der Menschen hinweg und ohne großen Schaden anrichten zu können, aber von dem Fluggefährt war nichts mehr zu sehen. Sekundenlang herrschte atemlose Stille, als das Inferno verklungen war. Doch dann begann ein unbeschreiblicher Jubel – lauter noch als zuvor. Im Orkan des frenetischen Beifalls schritt Raimond Scott weiter auf die Delegation zu.

Der Weltpräsident löste sich von der Gruppe und taumelte Raimond Scott entgegen. Er schien am Ende zu sein und erwartete die furchtbare Strafe des “Göttlichen”. Scott betrachtete ihn ungerührt. Als er dem Präsidenten gegenüberstand, hob er die Arme und ließ die Massen verstummen.

“Für – für diese Schande gibt es keine Entschuldigung”, murmelte der alte Mann. “Göttlicher, wähle die furchtbarste Strafe, die dir in den Sinn kommt. Ich werde für diese Gemeinheit büßen.”

“Wer war der Attentäter?” fragte Raimond Scott knapp.

“Der – der Verlobte meiner Tochter. Er drehte durch und wußte nicht mehr, was er tat. Hätte ich es doch nur vorausgesehen und…”

“Er hat für sein Vorhaben gebüßt. Aber wie steht deine Tochter dazu?”

Raimond Scott blickte an dem Präsidenten vorbei, der keine Worte mehr fand. Er hatte das Schlimmste erwartet, und nun sah es so aus, als würde ihn der “Göttliche” verschonen. Er konnte es nicht fassen. Oder hing es jetzt von seiner Tochter ab?

Raimond Scott schob den zitternden Mann einfach beiseite und näherte sich der Frau, die allein schon mit ihrem Anblick seine Sinne berauschte. Hatte er es jemals für möglich gehalten, einem solchen Geschöpf zu begegnen? Und der Stolz, den sie zeigte, machte sie zu etwas Besonderem. Und nur er, der göttliche Raimond Scott, würde diesen Stolz brechen können.

Dieser Verlobte hatte gezeigt, daß auch er aus einem besonderen Holz geschnitzt war. Kein Duckmäuser, kein Jammerlappen wie dieser Weltpräsident, der jeden Augenblick in Ohnmacht fallen konnte. Der Verlobte war nur an den Falschen geraten. Nur logisch, daß eine so schöne und so stolze Frau sich dem Sieger zuwandte. Und Raimond Scott hielt sich für den besten Sieger aller Zeiten, weil er sich für den Größten hielt.

Da spürte er ihren bewundernden Blick. Sie hatte ihren Verlobten vergessen, nutzte sein Vorgehen und Scheitern vielleicht nur, um ihr Selbstbewußtsein noch zu steigern. Ja, das war eine Frau genau nach Scotts Geschmack. Eine, die genau wußte, was gut für sie war.

Er hatte sie noch nicht erreicht, und schon schmolz sie förmlich dahin. Er lächelte sie an, und dieses Lächeln brachte sie um den Verstand. Sie hatte nichts dagegen, als er sie in die Arme schloß. Ganz im Gegenteil. Sie klammerte sich an ihn, bog ihren Kopf zurück und sah ihn mit glutvollen Augen an…

Raimond Scott vergaß alles um sich herum. Das Universum begann sich um den kirschroten Mund zu drehen – immer schneller und schneller. Ein feuriges Rad, in dem Gestirne explodierten und die Welt im Inferno verging. Nur noch der Funkenregen spritzte nach allen Seiten, in seinem Zentrum die Schwärze des absoluten Untergangs erzeugend. Die Schwärze überfiel Raimond Scott, und diesmal war er nicht gegen das Ende gefeit.

Es war ein furchtbares, marterndes, quälendes, himmelschreiendes Ende, als alle Herrlichkeit verschwand. Mit aller Gewalt hielt er zwar an seinem Leben als der mächtige, reiche, herrliche Raimond Scott fest. Er spürte noch die Schöne in seinen Armen. Ihr Körper war so weich, so warm – und schmolz zu einer unförmigen Masse, die keinerlei Bedeutung mehr hatte – wie alles.

Aus  der  sich  ausbreitenden Schwärze der Apokalypse drangen plötzlich schrille Geräusche. Sie kreischten in seinem Innern, ließen noch einmal Wellen von Schmerz durch seine Adern jagen. Die Pein drängte Schreie über seine Lippen, bis sämtliche Wahrnehmungen wie eine Seifenblase zerplatzten. Was blieb, war die nüchterne Wahrheit. Was blieb, war die Erkenntnis der eigentlichen Existenz.

Raimond Scott blickte sich um. Die Überlebensmaschine hatte sich geöffnet, und der Traumzylinder hatte seinen Schädel freigegeben. Er richtete sich auf. Die Schwindel vergingen rasch, nachdem das kreislaufstabilisierende Medikament seine Wirkung voll entfaltet hatte. Abgesehen von den furchtbaren Entzugserscheinungen, die sich augenblicklich einstellten, fühlte er sich gesund und munter und ausgeruht. Dafür hatte die perfekt konstruierte Überlebensmaschine gesorgt, die nicht nur für seine körperliche Erholung, sondern auch für seine umfassende Ernährung gesorgt hatte – während der langen Traumphase. Das war auch dringend erforderlich, damit er die Strapazen der noch längeren Wachperiode überhaupt lebend überstehen konnte.

“Bitte verlassen!” schnarrte die Automatenstimme. “Bitte verlassen, Traumzeit ist abgelaufen. Bitte verlassen, Traumzeit ist abgelaufen. Beginn der Wachperiode… jetzt!”

Die Worte wurden so oft wiederholt, bis Raimond Scott ganz aufgestanden war. Die Wand teilte sich. Alles sträubte sich in ihm dagegen, doch er hatte keine Wahl. Er mußte die Traummaschine verlassen. Seine Zuteilung war abgelaufen. Den nächsten Traum mußte er sich erst mühsam verdienen.

Und gemeinsam mit all den anderen, deren Traumzeit abgelaufen war, schlurfte er gebeugt seinem eigentlichen Alltag entgegen. Es ging durch endlos erscheinende Gänge, über Förderbänder, durch Lifts. Er fand den Weg im Schlaf, wenn es sein mußte. Man hatte ihn zu einem gutfunktionierenden Weltbürger erzogen, der genau wußte, wie man es schaffte, das nötige Geld zu verdienen, um die nächste Traumzeit antreten zu können.

Er war wie alle anderen süchtig nach den Träumen. Raimond Scott war Minenarbeiter. Das war einer der härtesten Berufe, die es gab. Aber dafür war die Bezahlung so gut, daß er eine viel größere Zeit seines Lebens in einer Traummaschine verbringen durfte. Viel größere Zeit im Verhältnis zu anderen. Zunächst jedoch warteten Wochen schlimmster Strapazen in der Hölle unter der Erde auf ihn.

Er ließ sie verstreichen, wie er es immer getan hatte, ließ sich am Ende der Periode Samen für die Samenbank entnehmen, um den Nachwuchs für die Weltbevölkerung zu sichern, und erlebte den bedeutsamen Tag, da sich die Tür der Traummaschine erneut vor ihm öffnete – und hinter ihm schloß.

Er hatte den Alptraum mit Namen reales Leben hinter sich. Der Traum, der auf nun ihn wartete, war längst zum WAHREN Leben für ihn geworden.

Halbwegs belustigt gedachte er vergangener Tage, da der Alltagsmensch noch auf die Entspannung durch Kino, Fernsehen, Computer, Theater und Bücher angewiesen gewesen war. Inzwischen gab es längst etwas, was viel perfekter war. Besser sogar als sämtliche Drogen zusammengenommen. Weil die einen zerstörten, aber die Traummaschine ließ einen gesunden. Zumindest körperlich, damit man die schwere Arbeit packte – dort, wo man als Mensch immer noch billiger und effektiver als Automaten war. Weil man nicht mehr für Geld fleißig arbeitete, sondern nur noch… für Traumeinheiten.

Raimond Scott legte sich nieder und wartete voller Ungeduld auf den Traumzylinder, der sich selbsttätig über seinen Schädel stülpte. Und dann war es wieder soweit: Raimond Scott war mächtig und reich, unermeßlich reich. Und er vergaß, daß im Grunde genommen nur die reich und mächtig waren, denen seine Arbeitskraft und… die Traummaschinen gehörten!

ENDE

Erstveröffentlicht in anderer Fassung:
Pabel Verlag 1984
Reihe: TERRA ASTRA Nr. 598


Copyright (C) 2010 by Wilfried Hary

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen20110122082624-7f63d0a3-100-30-100.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchvorschlag des Autors:

Tödliche Träume

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Autor: Alfred Wallon und W. A. Travers

Titelbild: Gerhard Börnsen

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MORGENGRAUEN – eine Kurzgeschichte von little_wonni

Erstellt von little_wonni am 6. April 2012

Morgengrauen


eine


Kurzgeschichte


von


little_wonni


Es war noch früh am Morgen, Tau lag auf den Grashalmen der Wiese und die ersten Sonnenstrahlen brachen sich golden ihren Weg durch das dichte Blätterdach. Sie trafen auf die Tautropfen, die daraufhin glitzerten wie Diamanten und das Licht in allen Farben des Regenbogens aufleuchten ließ. Die ersten Frühblüher reckten ihre Köpfe über das Gräsermeer und öffneten ihre Blüten der aufgehenden Morgensonne. Insekten erwachten mit Brummen und Flügelschlagen und begannen die Wiese zu beleben. Vogelgezwitscher wurde von Baumkronen heruntergetragen zusammen mit kleinen weißen Blütenblättern, die nun einen Teppich über der Wiese ausbreiteten. Sie sog die Luft ein, die so wunderbar nach Frühling roch und schon den Gedanken an einen heißen Sommer aufkeimen ließ. Ihr Blick erreichte nicht den Himmel sondern streifte das grüne Gräsermeer, das nun immer lebendiger wurde. Das Rascheln im Gras bemerkte sie über dem Schlagen der Insektenflügel nicht.

Dies war der mit Abstand grauenhafteste Mordschauplatz, dem sie sich jemals hatte stellen müssen. Dies lag aber nicht an der Leiche oder am Geruch von  Blut, der kupfrig frisch zu ihr herübergetragen wurde, sondern schlicht und ergreifend an der Szenerie, die sich vor ihr auftat. Den Blick abgewandt steckte sie Metallstäbe durch die grüne Grasdecke, verankerte sie in der Erde rund um den Tatort und befestige daran das flatternde gelbe Absperrband der Polizei. Erst dann raffte sie sich dazu auf, mit ihrem Kollegen das Mordopfer zu begutachten.

Sie war wunderschön in ihrem weißen Kleid, wie sie dort im Gras lag, umgeben von Frühlingsblumen, die gerade erst ihre Blüten geöffnet hatten. Ihr schwarzes Haar lag, wie ein dichter schwarzer Fellteppich hinter ihr ausgebreitet im grünen Gras. Ihre Hände waren unter ihren Kopf gebettet und sie lag auf der linken Seite in Embryonalstellung. Wenn man das Ganze von der anderen Seite betrachtete hätte man meinen können, sie hätte sich dort zu einem Schläfchen in das morgendliche Sonnenlicht gebettet. Aber von dieser Seite aus sah man, dass ihre grünen Augen weit offen standen und alles Leben daraus gewichen war. Sie blickte nur noch mit dem stumpfen Blick der Toten in die Ferne und ihre Haut glich weißem Marmor, durchzogen mit leuchtend blauen Linien. Überall hingen kleine rote Tupfer. In ihrem Gesicht, auf ihrem Kleid und auf den umliegenden Grashalmen. Dort leuchteten die roten Blutstropfen wie Rubine in der Morgensonne.

Ihr Kollege Sam fing ihren Blick auf und hielt in fest. Nun durfte sie keine Schwäche zeigen. Dies war zwar nicht ihr erster Tatort, aber die Kollegen warteten bei einem weiblichen Opfer immer noch darauf, dass sie in Tränen ausbrach oder sich erbrach. Also schluckte sie den Klos in ihrem Hals herunter und begann mit der Bestandsaufnahme.

Das Opfer war noch sehr jung. Laut dem Ausweis, den sie in ihrer Handtasche fanden, war sie gerade erst sechzehn geworden. Ihr Name war Eva Dawn und sie lebte nicht weit entfernt in einem dieser entzückenden kleinen Häuschen mit den weißen Gartenzäunen im Dahlienweg. Noch nie war es in dieser Gegend zu einem derartigen Vorfall gekommen. Vielmehr galt hier alles als sehr ruhig und idyllisch. Sie betrachtete die Wunde des jungen Mädchens und wandte sich an den herbeigerufenen Kollegen aus der Gerichtsmedizin.

“Todesursache und Zeitpunkt?”, fragte sie den weißhaarigen Kollegen, der gerade mit der Begutachtung der Leiche fertig geworden war.

“Nun ja liebe Kollegin, der vordere Teil ihrer Kehle fehlt gänzlich. Ich kann ihnen aber nicht sagen, ob sie verblutet oder erstickt ist. Auf jeden Fall hat sie noch gelebt, als man ihr die Kehle aufgerissen hat. Im umliegenden Gras sind viele kleinen Blutstropfen verspritzt. Sie hat wohl versucht weiterzuatmen und …”.

“Ich werde das Ganze ja dann in ihrem Bericht lesen”
, unterbrach sie in rüde, “Todeszeitpunkt?”

“Das Blut ist noch nicht eingetrocknet, also ist es nicht lange her. Auf einen Zeitpunkt möchte ich mich aber noch nicht festlegen. Die Wunde sieht aus, als hätte sie ein Tier gerissen. Allerdings kann es kein einheimisches Tier gewesen sein. Dazu ist die Wunde zu groß. Wir haben hier gerade mal Füchse, wenn’s hochkommt. Die rennen eher weg, wenn sie Menschen sehen”, stellte der Gerichtsmediziner mit einem Schulterzucken fest.

Stöhnend rieb sie sich die Schläfen. Dieser Fall würde komplizierter werden, als sie vermutet hatte …

WIRD FORTGESETZT…

>> Zum nächsten Teil <<

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Produktform : B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum : 02.04.2012

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Auch Träumen kann gefährlich sein …

Jess ist ein impulsives und toughes Mädchen. Doch als sie plötzlich von merkwürdigen Träumen heimgesucht wird, ist sie zunächst verunsichert. Haben diese Träume etwas damit zu tun, dass sie kurz zuvor vom Blitz getroffen wurde? Und warum schwirren ihr plötzlich die Aufenthaltsorte vermisster Menschen im Kopf herum? Aber Jess schüttelt ihre Verwirrung schnell wieder ab und weiß, was zu tun ist: Die vermissten Menschen müssen gerettet werden! Dass das manchmal nicht so einfach ist und dass auch noch das FBI Wind von der Sache bekommt – damit hat sie nicht gerechnet …

Meg Cabot stammt aus Bloomington, Indiana, und lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Katzen in New York City und Key West. Nach dem Studium hoffte sie auf eine Karriere als Designerin in New York und arbeitete währenddessen u. a. als Hausmeisterin in einem Studentenwohnheim. Mit großem Erfolg, denn immerhin ließ dieser Job ihr genügend Zeit, ihr erstes Buch zu schreiben. Inzwischen hat Meg Cabot mehr als 40 Romane verfasst und ist eine der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen der Welt. Ihre Plötzlich-Prinzessin-Romane wurden von Hollywood verfilmt.

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