Erstellt von Susanne Gavénis am 6. Mai 2012

IM ABSEITS (Teil 1)
Leseprobe 1. Kapitel aus:
“Gambler-Zyklus 1 – Der Angriff”
von
Susanne Gavénis
Allein und unbeachtet bahnte sich Danny Sims seinen Weg durch den überfüllten Speisesaal an Bord der Gambler-Circus. Rings um ihn herum stiegen die Stimmen der über hundert Menschen im Saal von den meist voll besetzten Tischen auf und vermischten sich zu einem lautstarken, unentwirrbaren Durcheinander, über das sich nur ab und an das helle Lachen eines Kindes, die klaren Worte einer Frau oder der dröhnende Bass eines Mannes erhoben. Wie kleine Eisberge tauchten sie auf der Oberfläche eines Sees auf und tanzten für eine Weile über den Köpfen der Menschen, bevor sie wieder von einem Anschwellen der gesprächigen Geselligkeit verschluckt wurden.
Danny selbst schwieg, und er hob auch nicht den Kopf, um die Blicke der anderen zu suchen. Sein Bemühen würde doch keine Beachtung finden, das hatte er längst gelernt. Seine Schritte fanden wie von selbst den Weg zum Tisch seiner Eltern, die ihn bereits erwarteten. Wie üblich hatte er sich ihnen nicht sofort angeschlossen, als sie zum Essen gingen, sondern war ihnen nachgefolgt. Es lag ihm nicht viel daran, mehr Zeit als nötig im Gemeinschaftsraum der Gambler-Circus zu verbringen.
Ihr Tisch war bei weitem der kleinste im Saal, und das gleiche galt auch für seine Familie. Die Verwandtschaft des Direktors Merwyn Gaze etwa war viel größer, allein ihr engster Kreis, bestehend aus seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern, seinem Bruder Benjamin und dessen Anhang, nahm einen Zwölfpersonentisch voll in Anspruch, und auch alle anderen Ehepaare an Bord des Schiffes zogen zwei, drei oder vier, manche sogar bis zu sechs Kinder auf. Nur Danny hatte keine Geschwister.
Früher hatte er das oft bedauert, oder besser gesagt, die anderen Kinder hatten ihm das Gefühl gegeben, dass er es bedauern müsste, deshalb war er manchmal zu den Tischen der anderen Familien herübergegangen, um in ihr unbeschwertes Lachen und Plaudern einzutauchen. Inzwischen war es schon eine ganze Weile her, seit er das zum letzten Mal getan hatte, da seine Altersgenossen schon vor ein paar Jahren aufgehört hatten, ihn zu fragen, ob er sich ihnen anschließen wollte.
Er nahm es ihnen nicht übel, denn ihm lag seinerseits nicht viel daran, seine Gedanken mit ihnen zu teilen. Als kleines Kind hatte er es getan, aber nie etwas anderes als ungläubige Blicke oder gar ein abfälliges Lachen geerntet, und je älter er wurde, desto größer wurde die Kluft zwischen ihm und den übrigen seines Alters. Alle Kinder der Gambler-Circus gaben sich wie die Erwachsenen gänzlich der Welt des Zirkus hin, liebten die Vorstellung und lebten dafür, er hingegen hatte andere Träume, und seit er vor drei Monaten siebzehn Jahre alt geworden war, erfüllte ihn die Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung drängender als jemals zuvor.
Deshalb vermisste er die Gespräche mit den anderen nicht, sondern gab sich freiwillig dem Schweigen hin, das am Tisch seiner Eltern herrschte. Sie zogen es vor, ihre Gedanken nach dem Essen in aller Ruhe in ihrem Quartier auszutauschen und nicht hier, in dem großen Saal, in dem jeder die Stimme erheben musste, um sich seinem Gegenüber verständlich zu machen.
Danny sah sich mit gerunzelter Stirn um. Manchmal kam es ihm so vor, als hätte der Geräuschpegel in der Messe im Laufe der Zeit dazu geführt, dass jeder viel lauter sprach, als es nötig gewesen wäre, so dass er sich immer weiter hochschaukelte. Ganz ohne Zweifel war der Speisesaal der Gambler-Circus ein Ort des Lebens, der Freude und der Ausgelassenheit, doch ihm war es schon lange nicht mehr gelungen, sich von diesen hellen Stimmungen anstecken zu lassen. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er auch nicht sehr viel Wert darauf legte. Der Lärm, die Gespräche und das Lachen ringsum lenkten ihn von den Gedanken ab, die ihm wirklich wichtig waren.
Ein feines Lächeln kräuselte seine Lippen, als er sich vor der Wahrnehmung seiner Sinne verschloss und den Vormittag vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ. Er war mit seinem kleinen Gleiter draußen im All gewesen und hatte trainiert. Benjamin Gaze, der beinahe unaufhörlich auf der Brücke residierte und auch die Oberaufsicht über das Training führte, hatte ihm, nachdem er seine üblichen Übungen absolviert hatte, einen Sektor zum freien Training zugewiesen, und er hatte den begrenzten Raum, der ihm dort zur Verfügung gestanden hatte, so gut genutzt, wie es ihm möglich war.
Danny ließ halb die Lider sinken, vergegenwärtigte sich seinen Flug und spürte, wie seine Finger erwartungsvoll zu zucken begannen, so als müssten sie auch jetzt wieder komplizierte Steuerungsmanöver ausführen. Und obwohl der Gleiter keine Andruckkräfte durchließ, konnte er wieder mit jeder Faser seines Körpers fühlen, wie sich das kleine Raumfahrzeug unter seinem Willen in Kurven legte, enge Schleifen zog, Schraubenbewegungen vollführte und komplexe Muster wob, die sich wie das Bild eines abstrakten Künstlers vor dem schimmernden Samt des Alls ausgenommen haben mussten.
Die Erinnerung verblasste, als er das Schmunzeln auf den Lippen seines Vaters entdeckte und dessen strahlend graue Augen ihn belustigt, aber auch voller Verständnis musterten. Als sein Vater bemerkte, dass er mit seiner Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart zurückgekehrt war, zwinkerte er ihm zu. Hastig sah Danny zu seiner Mutter, doch sie schien seinen Gesichtsausdruck zum Glück nicht bemerkt zu haben. Ihr Blick weilte irgendwo in der Ferne und in der Vergangenheit.
Danny seufzte und blinzelte schweren Herzens die Reste der Erinnerung fort. Das Training, vor allem das freie Training, war für ihn die schönste Zeit des Tages, und es dauerte ihn sehr, dass sie für heute schon wieder vorüber war. Für seinen Geschmack war sie viel zu kurz. Merwyn Gaze gestand jedem Artisten, der an der täglichen Show der Gambler-Circus beteiligt war, zwei Stunden Raumtraining zu. Diejenigen, die gerade keinen Anteil an den Vorstellungen besaßen, durften sogar nur alle zwei Tage und dann auch nur für eine Stunde ins All.
Der Gedanke daran ließ ihn schaudern, und er hoffte inständig, dass er seinen Platz in der Show bis auf weiteres behielt. Nicht, dass ihm der Auftritt an sich wichtig gewesen wäre, im Gegenteil, aber seine Trainingszeit wollte er unter gar keinen Umständen verlieren oder auch nur um einen Deut verkürzt sehen.
Objektiv betrachtet reichte sie natürlich völlig aus, war sogar ausgesprochen großzügig. Er selbst hätte, um seine Vorstellung meistern zu können, nicht einmal einen Bruchteil der Trainingszeit benötigt, und für all die anderen Artisten galt das in gleicher Weise. Somit wäre es eine unnötige Verschwendung von teurer Energie, wenn ein jeder von ihnen so lange im Raum bleiben könnte, wie es ihm beliebte, und so etwas konnte sich die Gambler-Circus nicht leisten. Soweit er das beurteilen konnte, war die Gewinnspanne des Zirkus ohnehin nicht besonders hoch. Merwyn Gaze musste folglich darauf achten, dass keine Reserven vergeudet wurden.
Aber das zu wissen half ihm nicht, das ungestüme Verlangen in seinem Inneren zu bezähmen. Er wollte fliegen, an jedem Tag, in jeder Stunde, außer vielleicht er aß oder schlief gerade. Es gab noch ein paar andere Tätigkeiten, die ihm ebenfalls Spaß machten, doch an das unendliche Gefühl der Freiheit, das er innerhalb seines Gleiters verspürte, sobald er ihn zwischen den Sternen tanzen ließ, kam nichts heran – nicht einmal annähernd.
Leider war seine Zeit für heute vorbei, und so blieb ihm nichts, als mit einem kargen Ersatz vorlieb zu nehmen. Aber das war immerhin besser als gar nichts. Ruhelos beendete er sein Essen und warf seinem Vater einen fragenden Blick zu, kaum dass er sein Besteck beiseite gelegt hatte. Sein Vater nickte ihm zu.
„Geh nur“, sagte er gerade laut genug, um die Gespräche ringsum übertönen zu können.
Unvermittelt sah seine Mutter auf. Ihre langen, braunen Locken, die fast immer ihr Gesicht verdeckten, da sie den Kopf zumeist gesenkt hielt, fielen zurück und gaben ihre hellblauen, stets leicht feucht glänzenden Augen frei. Danny zuckte unwillkürlich zusammen, als ihr Blick ihn traf. Wann immer sie ihn ansah, hatte er das Gefühl, sie würde im nächsten Moment zu weinen beginnen, und oft genug war er es, der ihr den Anlass dafür gab.
Manchmal reichte es, wenn er begeistert über ein neues Manöver berichtete, um den unsäglich bekümmerten Ausdruck in ihren Zügen zu vertiefen, manchmal war es seine Vorfreude auf das Training, die sie betrübte, und am schlimmsten war es, wenn er durch Worte oder seine Haltung andeutete, welche Gedanken ihn von Zeit zu Zeit erfüllten. Dann schauten ihre Augen nicht nur traurig, sondern weiteten sich ängstlich und füllten sich mit einem Schrecken, der von naher Panik kündete.
Deshalb versuchte er schon seit langem, seine Träume in sich zu verschließen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Sie erkannte immer wieder, was ihn bewegte, und je älter er wurde, desto heftiger reagierte sie darauf. Es fiel ihm schwer, angemessen damit umzugehen, vor allem weil er nicht wusste, warum sie so voller Trauer war. Er war nicht die Ursache dafür, das war ihm klar, es schien nur so zu sein, dass er sie ab und an mit seinem Verhalten an ein schmerzhaftes Erlebnis aus ihrer Vergangenheit erinnerte. Aber was sie erlebt hatte, wusste er nicht, weil seine Eltern niemals darüber sprachen, auch dann nicht, wenn er mehr oder weniger direkt danach fragte, und deshalb war es schwierig, alles zu vermeiden, was ihr Kummer bereiten könnte.
Und so musste er sich damit begnügen, einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der ihr nichts von seinen wahren Gefühlen verriet.
„Ich möchte in den Sternenblick“, erklärte er wie beiläufig.
Für eine Sekunde schwieg sie, dann noch für eine weitere, und er konnte hören, wie sie tief Luft holte, so wie sie es stets tat, wenn sie ihm eine Antwort gab. Er hatte fast den Eindruck, als glaubte sie, er könne sie nicht verstehen, wenn sie nicht vorher genug Atem sammelte, um laut und einigermaßen gefestigt mit ihm zu reden.
„Hast du dich für heute nicht bereits genug zwischen den Sternen bewegt?“, fragte sie, und ihre Stimme zitterte wie ein Wimpel im Sog der Ventilation.
„Der Sternenblick ist anders als der Gleiter, Mom“, erwiderte er vorsichtig. Es war ein gutes Argument, aber es ging leider einen Deut zu weit in die richtige Richtung.
Er spürte, wie ihr Blick intensiv auf ihm ruhte, und fühlte, wie die Spannung zwischen ihnen wuchs.
„Sie gleichen sich mehr, als dass sie sich unterscheiden“, antwortete sie tonlos. „Die Bewegungen sind fast identisch.“
„Sie sind viel langsamer.“
„Warum gehst du nicht auf dein Zimmer? Du musst doch sicher noch lernen.“
Als Danny an die Schulstunden dachte, die jeden Morgen noch vor dem Training stattfanden, verzog er unwillig das Gesicht. Er sehnte sich nach einer Zeit, in der er sie nicht mehr besuchen musste, aber bis dahin musste er noch neun Monate warten. „Die Aufgaben sind nicht besonders umfangreich. Ich werde sie nachher erledigen.“
„Wann?“
„Nach der Show.“
„Das halte ich für keine gute Idee. Nach deinem Auftritt wirst du sicher müde sein, deshalb ist es besser, wenn du jetzt nicht in den Sternenblick gehst.“
Danny sah ruckartig auf. Ihr gegenüber besonnen aufzutreten war eine Sache, sich deshalb in Ketten legen zu lassen, eine andere. „Die Vorstellung strengt mich schon lange nicht mehr an. Ich könnte zehn von ihnen am Stück fliegen, ohne zu ermüden!“
Ihre Augen weiteten sich und begannen stärker als gewöhnlich zu glänzen.
„Fünf nacheinander“, schwächte er ab, obwohl fünfzehn der Wahrheit im Grunde am nächsten gekommen wäre.
Plötzlich legte sein Vater seiner Mutter eine Hand auf den Arm. Sie zuckte leicht zusammen, so wie sie es jedes Mal tat, wenn eine unerwartete Berührung sie traf, dann aber wandte sie sich ihm zu. Er lächelte sie an, und da entspannte sie sich wieder.
Verwundert schüttelte Danny den Kopf. Er begriff nicht, wie sein Vater es immer wieder schaffte, sie zu beruhigen. Er musste nicht einmal etwas sagen, ein Blick, ein Lächeln genügte. Er verstand es, sich so zu geben, dass der Kummer in ihren Augen fast verschwand. Danny wünschte, es würde ihm auch gelingen, doch er fühlte, dass er dazu seine tiefsten und persönlichsten Gedanken und Gefühle hätte aufgeben müssen, und das konnte und wollte er nicht. Es kostete ihn bereits genug, sie gänzlich für sich zu behalten und mit niemandem zu teilen.
Seine Mutter sah wieder zu ihm.
„Ich werde nicht lange bleiben“, versprach er ihr.
Sie zögerte, dann lief ein Schauer über ihre schmale Gestalt, der schließlich in ein kaum merkliches Kopfnicken mündete. „In Ordnung.“
Danny schaute überrascht drein, sprang aber sofort auf. „Danke, Mom.“
Sie sagte nichts, sondern bedachte ihn mit einem Blick, den er schon so oft bei ihr bemerkt hatte, wenn sie ihn musterte, einem Blick, in dem sich Sorge und Angst auf eine Weise mischten, die ihn frösteln ließ.
Hastig verabschiedete er sich mit einem Kopfnicken von seinen Eltern, wandte sich ab und strebte eilig auf das Schott zu. Er verstand seine Mutter zwar nicht, aber er wusste genau, dass er sich ihrem Blick schnell entziehen musste, wenn er nicht riskieren wollte, dass sie es sich doch noch anders überlegte.
Die Unberechenbarkeit seiner Mutter war jedoch nicht der einzige Grund für seine Hast, sondern auch die Aufbruchsstimmung, die an einigen der anderen Tische ausgebrochen war. Vor allem die kleineren Kinder waren unruhig geworden und hüpften wie kleine Gummibälle auf ihren Plätzen auf und ab. Wenn er Pech hatte, würden sie ebenfalls in den Sternenblick gehen, obgleich seine Eltern ihm das früher, als er noch klein gewesen war, so kurz nach dem Essen nie erlaubt hätten.
Der Sternenblick war ein besonderer Ort, einer, an dem es unerfahrenen Besuchern gut und gerne einmal den Magen umdrehen konnte. Ihm war das zum Glück nie passiert, und jetzt bestand die Gefahr überhaupt nicht mehr, da ihm die Bewegungsmuster im Sternenblick viel zu vertraut waren, als dass sie ihm auch nur das geringste Unbehagen bereitet hätten. Im Gegenteil – sie waren das einzige, was der Erfahrung im freien Raum zumindest entfernt ähnelte, und er war froh über jede Minute, die er außerhalb seiner täglichen Trainingsflüge dort verbringen konnte. Er hoffte inständig, dass die Kinder sich eine andere Beschäftigung suchten, denn er konnte den Aufenthalt im Sternenblick nur dann richtig genießen, wenn er allein war.
Das Schott des Speisesaals öffnete sich vor ihm und schloss sich hinter ihm wieder, nachdem er mit einem schnellen Schritt hindurchgetreten war. Auf der anderen Seite befanden sich direkt neben der Tür eine Reihe kleiner Fächer, die durch stabile Klappen verschlossen waren. Auf jeder Klappe prangte in leuchtender Schrift der Name des Besitzers gleich neben der Sensorplatte, auf die man die Hand legen musste, um das Fach zu öffnen.
Danny presste die Hand auf den Sensor seines Fachs, spürte, wie sich die Platte für eine Sekunde erwärmte, zog die Hand wieder zurück, und die Klappe glitt auf. Kaum war sie offen, langte er ins Innere des Faches hinein, löste das Fly-Board aus seiner Halterung und legte es vor sich auf den Boden.
Das Fly-Board war etwa fünfzig Zentimeter lang und besaß eine ovale Form. Er setzte beide Füße darauf, ging leicht in die Knie und tippte mit der rechten Fußspitze zweimal auf das metallisch schimmernde Brett. Sofort hob es ein paar Zentimeter vom Boden ab und setzte sich in Bewegung.
Viel rascher, als er zu Fuß gewesen wäre, trug es ihn durch die langen Korridore der Gambler-Circus. Die Markierungen an den Wänden und die Leuchtkörper an der Decke verwandelten sich in verwaschene Schemen, als er das Fly-Board immer mehr beschleunigte, und doch war die Geschwindigkeit immer noch so lächerlich gering, dass sich weder seine Pulsfrequenz erhöhte noch er gezwungen war, mehr als einen winzigen Hauch bewusster Konzentration auf seine Lenkbewegungen zu richten.
Natürlich flog er schneller, als Merwyn Gaze, die anderen Erwachsenen und vor allem seine Mutter es gern gesehen hätten, aber da sich im Augenblick niemand in den Gängen aufhielt, konnte auch keiner mitbekommen, dass er die Regeln heute wieder einmal großzügig interpretierte. In Gefahr geriet er dadurch nicht, denn er beherrschte das Fly-Board mit traumwandlerischer Sicherheit. Durch leichte Körperbewegungen steuerte er es um die Ecken, verlangsamte es, wann immer ein Schott vor ihm auftauchte, so weit, dass die Tür vor ihm aufgleiten konnte, bevor er sie erreichte, und beschleunigte danach sofort wieder.
Jeder an Bord der Gambler-Circus besaß ein Fly-Board, was auch dringend notwendig war, denn das Schiff war in seinen Ausmaßen schlichtweg überwältigend, immerhin war es die einzige Heimat der zwölf Großfamilien und seiner eigenen kleinen, die zusammengenommen beinahe dreihundert Menschen ausmachten. Ihre Wohnungen, der Speisesaal, die Aufenthaltsräume und ein Sportcenter nahmen ein gesamtes Deck in Anspruch, das mittlere und kleinste, wohlgemerkt. Das obere Deck beherbergte die Andockschleusen für die Fähren, den riesigen Kuppelsaal, von dem aus die Zuschauer die Vorstellung verfolgen konnten, die Brücke und einige Räume, die der Verwaltung unterstellt waren.
In den zwei Zwischendecks befanden sich der Antrieb, die Lebenserhaltungs- und Recyclingsysteme und alle anderen Maschinen, auf die man an Bord eines Raumschiffs nicht verzichten konnte, und im unteren und größten Deck waren die Lagerräume, die Reparaturwerkstatt und der riesenhafte Hangar untergebracht, in dem alle Fahrzeuge, die für die Show benötigt wurden, ihren Platz hatten. Mehr als ein Dutzend Lifts verbanden die fünf Ebenen, trotzdem ergaben sich aus der schieren Größe des Schiffes weite Wege, die niemand zu Fuß gehen wollte; zum Glück blieb ihnen das durch die Fly-Boards erspart.
Danny musste auf seinem Weg zum Sternenblick keinen Lift benutzen, denn er lag auf der gleichen Ebene wie der Speisesaal und die Wohnungen, allerdings genau auf der gegenüberliegenden Seite des Schiffes. Mit dem Fly-Board kam er in kürzester Zeit dort an, ließ es am Ziel zu Boden sinken und verstaute es in einem der Fächer neben dem schlichten Schott, das nichts von dem wundersamen Ort erahnen ließ, der sich hinter ihm auftat.
Das Schott wich automatisch vor Danny zurück, als er in den Erfassungsbereich des Sensors trat, und gab den Blick auf eine kleine Schleuse frei. Sofort spähte er zur rechten Wand der Schleuse hinüber, an der sich eine Steuerungstafel befand. Das Signallicht stand auf grün. Das bedeutete, er war der erste. Er nickte zufrieden.
Ohne noch länger zu zögern, trat er ein und streifte den Handlauf, der links und rechts in der Schleuse angebracht war, mit einem flüchtigen Blick, ohne ihn jedoch zu berühren. Das wäre früher vielleicht nötig gewesen, heute nicht mehr. Mit sicheren, vertrauten Bewegungen aktivierte er die Schalttafel und gab eine kurze Codefolge ein. Auf dem Display erschien die Zahl hundert. Sie blinkte zweimal auf, bevor sie im Sekundentakt heruntergezählt wurde, und je kleiner die Zahl wurde, desto mehr schwand die künstliche Schwerkraft dahin.
Danny zählte in Gedanken ungeduldig mit, fühlte gleichzeitig in seinen Körper hinein und spürte, wie sein Gewicht nachließ und eine belebende Leichtigkeit ihn ergriff. Noch bevor die Zählung bei Null angekommen war, war er leicht wie eine Feder, und es drängte ihn danach, im Wind zu tanzen. Natürlich gab es keinen Wind im Sternenblick, aber die Aufhebung der Schwerkraft verschaffte ihm mehr Bewegungsfreiheit, als irgendein Gegenstand, so leicht er auch sein mochte, in der Anziehungskraft eines Planeten jemals erlangen konnte.
Endlich glitt das Innenschott vor ihm zur Seite. Die Handläufe noch immer ignorierend, stieß sich Danny mit wohlberechnetem Schwung ab und trieb sanft in den Sternenblick hinein. Das Licht unzähliger Sterne begrüßte ihn.
Der Sternenblick trug seinen Namen zu Recht. Er war eine große Kuppel, die sich seitlich an die Gambler-Circus schmiegte. Sie besaß einen Durchmesser von etwa fünfzig Metern und war aus einem besonderen Kunststoff gefertigt worden, der stark genug war, um dem Druckunterschied zwischen dem Innenraum und dem Vakuum standhalten zu können, und zudem die lebensfeindliche Kälte des Weltalls fernhielt. Das allein wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, denn es gab viele Stoffe mit derartigen Eigenschaften, aber eins zeichnete den Kunststoff vor allen anderen ähnlichen Materialien aus: Er war durchsichtig. Das einzige Licht, das die Kuppel erhellte, kam von den Tausenden naher und ferner Sonnen, die wie Diamanten in der samtenen Schwärze des Weltraums glitzerten und den Sternenblick in einen weichen Schimmer tauchten.
Als sich das Schott wieder schloss und die Schleusenbeleuchtung von der Dunkelheit verschluckt wurde, jauchzte Danny vor Freude laut auf. Er nutzte seinen Schwung, um mehrere Salti zu schlagen, glitt elegant durch die Kuppel und gab sich der Illusion hin, frei und unbeschwert zwischen den Sternen zu schweben. An der gewölbten Wand angekommen, stieß er sich erneut ab, gab sich dabei einen neuen Richtungsimpuls und segelte frei wie ein Vogel in einer erstklassigen Thermik durch die Luft.
Er zog die Arme an den Körper, um die Rotation zu erhöhen, drehte sich um seine eigene Achse, bog sich in immer neuen Mustern durch den Raum, der schon bald viel zu klein zu werden schien. Jedes Mal, wenn er gegen eine der Wände stieß, zerbiss er einen leisen Fluch zwischen den Lippen, und ein schmerzhafter Stich durchzuckte seinen Magen. Die verdammten Mauern zerstörten die Illusion der Freiheit und zwangen ihn, umzukehren und die Richtung zu wechseln. Derartige Begrenzungen gab es im Weltraum nicht. Deshalb war der Sternenblick trotz allem nur seine zweite Wahl. Die erste würde immer sein Gleiter sein.
Nach einer Weile hörte er damit auf, mit seinem Körper verspielte Figuren in der Nullschwerkraft zu zeichnen, und ließ sich geradewegs auf den Scheitelpunkt der Kuppel zutreiben. Als er ihn erreichte, langte er nach den Handgriffen, die unsichtbar für das menschliche Auge überall auf der Halbkugel verteilt waren. Doch er musste sie nicht sehen, um sie zu finden. Er wusste, wo sie angebracht waren, und er fand sie sofort, ohne auch nur um einen Deut nachfassen oder gar seine bewusste Konzentration darauf lenken zu müssen. Er war schon so oft im Sternenblick gewesen, dass keine der Bewegungen, die er in der Schwerelosigkeit ausführte, einer besonderen Anstrengung oder geistigen Anspannung bedurft hätte.
Jetzt, da er ruhig stand, konnte er erkennen, dass sich die Sterne außerhalb der Kuppel bewegten. Richtiger gesagt war es die Gambler-Circus, die langsam um ihre eigene Achse rotierte. Sehr bald schon würde am Horizont des Sternenblicks der riesige Gasplanet aufgehen, in dessen Nähe die Gambler-Circus schon seit einigen Tagen im Raum schwebte und dem die Bewohner dieses Systems zurecht den Namen Marble Sphere gegeben hatten. Es war ein Anblick, den er ungern versäumt hätte.
In Gedanken zählte er seinen eigenen Countdown, und genau in dem Moment, in dem er mit seiner Zählung bei Null angekommen war, schob sich der erste Lichtstrahl über den Rand der Kuppel, durchstieß sie wie eine feurige Lanze, nur um auf der anderen Seite den transparenten Kunststoff erneut zu durchdringen und sich auf eine lange, ewig währende Reise durch die Unendlichkeit des Alls zu begeben.
(…)
(Weiter zu Teil 2)
Copyright (c) 2012 by Susanne Gavénis
Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-20-minus20jpg.jpg” (Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.
Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Gavénis, Susanne
Gambler-Zyklus I
Der Angriff
Im Buch blättern
Verlag : AAVAA Verlag UG
ISBN : 978-3-86254-399-1
Einband : Paperback
Preisinfo : 11,95 Eur[D] / 11,95 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 13.02.2012
Seiten/Umfang : ca. 295 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform : B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum : 1. Aufl. 13.02.2012
Gewicht : 300 g
Medien :
Leseprobe(PDF)
Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de
Die Menschheit am Scheideweg…
Als im 22. Jahrhundert der erste Mensch mit einer besonderen genetischen Mutation geboren wird, ahnt noch niemand, dass es nur der erste von vielen ist. Die Gambler sind reaktionsschneller und leistungsfähiger als jeder gewöhnliche Mensch, sie besitzen einen unfehlbaren Orientierungssinn und das perfekte Gedächtnis – und werden gerade aus diesem Grund gehasst und gejagt. Isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, fristen sie auf ihren Zirkusraumschiffen ein Leben im Schatten. Doch dann taucht aus den Tiefen des Weltraums eine Bedrohung auf, die alles bisher Dagewesene übersteigt. Und die politische Führung der Erde muss erkennen, dass nur ein Gambler in der Lage ist, die Menschheit vor ihrer vollständigen Vernichtung zu bewahren.
Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. Der Gambler-Zyklus ist ihre zweite Veröffentlichung nach „Shaans Bürde“, einem Fantasy-Roman, der 2008 erschienen ist. Sie ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet und teilt mit ihrem Mann die Begeisterung für SF- und Fantasy-Literatur.
Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de
Titel erhältlich bei Libri.de
ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!