Die Leipziger Buchmesse 2013 oder: Wer hat gesagt, Leipzig sei klein?
Erstellt von Galaxykarl am 21. März 2013
Über die Frankfurter Buchmesse habe ich ja schon zwei Mal berichtet. Ergo lag es auf der Hand, einmal den Weg zum zweiten großen Bücher-Event eines Jahres einzuschlagen: der Leipziger Buchmesse. http://www.leipziger-buchmesse.de/
Vor 1945 war Leipzig die Bücherstadt Deutschlands. Aber das ist eine andere Geschichte, die schon oft erzählt wurde. Auf jeden Fall hat nach 1945 Leipzig an Bedeutung verloren … zumindest für die westliche Buchbranche. Erst nach der Wiedervereinigung belebte sich Leipzig wieder auch für die internationale Bücherwelt erfreulich und gewinnt von Jahr zu Jahr wieder an Bedeutung. Trotzdem haftet der Leipziger Buchmesse immer noch das Etikett des kleinen Bruders an. Attribute wie gemütlicher, kleiner, überschaubarer kursieren in Buchkreisen und Vertreter der westdeutschen („Heh, es gibt gottseidank nur noch ein Deutschland!“) Buchbranche neigen dazu, Leipzig nicht ganz ernst zu nehmen. Doch weit gefehlt.
Das Gelände ist modern, die Straßen und Beschilderungen schlichtweg top und die Messemitarbeiter überaus freundlich und hilfsbereit. Am Südtor den Presseausweis hochhalten und man wird auf einen schnuckligen Presseparkplatz geleitet, der direkt an den Empfang und die Halle 1 anschließt. Die Mädels am Empfang schalten den Code frei, man erhält einen kostenlosen Parkplatzausweis, Messekatalog, Messeplan und das Programm von „Leipzig liest“. http://www.leipzig-liest.de/ Aber dazu später mehr.
4 von 5 vorhandenen Messehallen sind propper vollgestopft mit allen Verlagen, die man auch aus Frankfurt kennt. Vielleicht erscheinen einem manche Stände ein wenig kleiner und jetzt könnte man anführen, in Frankfurt wären alle Hallen – und dazu mit großen oder sehr großen Ständen – belegt. Wenn man sich aber den Ansturm der Menschen ansieht, vergisst man sofort alle abwertenden Bemerkungen. Leipzig liest! Und wer das zu einem überraschend großen Teil ist, wird sofort klar, wenn man vom Eingang West (nomen est omen) Zugang zu den Hallen anstrebt. Der Eingang West ist eine halbrunde Glashalle, von der man in die einzelnen Messehallen gelangt. Hier findet man auch zig Stände mit der üblichen Messeverpflegung, zu, nun ja … Messepreisen.
Mich traf fast der Schlag, als ich sah, wie dicht gedrängt die Lesehungrigen auf das Öffnen der Tore warteten. Ich war früh dran und hatte ausgiebig Gelegenheit, die Bücherfreunde zu beobachten: Darunter massenhaft Jugendliche, ob mit oder ohne Manga-Verkleidungen. Diese Cosplayer sind eine Fraktion für sich und sie genießen sichtlich das Event zur Selbstdarstellung und Pflege ihres Hobbys. Ich habe aus zweierlei Gründen auf direkte Fotos verzichtet. Zum Einen, weil die meisten Kostüme weniger toll gelungen waren und die dazugehörigen Mädchen – es sind eben überwiegend Mädchen – auch nicht immer die Figur hatten, die dem Original gerecht wurde. Zum Zweiten aus dem Grund, weil eben ein kleiner Teil der Mädels schlichtweg atemberaubend gut aussah und jedweder Fotowunsch meinerseits vielleicht zu Missverständnissen geführt hätte. Aber die Teenager haben sich selbst ohnehin ständig fotografiert und sicher wird das Internet eine neue Schwemme guter und weniger guter Aufnahmen erleben.
Sicherlich sind nicht alle Cosplayer gekommen, um sich über Bücher zu informieren oder sie zu kaufen, sondern sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und einfach zu feiern. Wenn man den Fehler macht – und ich habe ihn gemacht -, sich in die Halle 2 zu begeben – dort steppt der Manga-Bär -, dann steckt man fest zwischen Orks und Elfen, Zauberern und Nymphen, Japan-Girlies und Schwertkämpfern. Die einschlägigen Verlage müssen sich eine goldene Nase an den Teenagern verdienen, denn die Stände waren nicht von Menschentrauben, sondern von Menschenmassen umlagert.
Zurück zur Größe der Messe und der Stände im Vergleich zu Frankfurt. Ja, bei manchen Verlagen hatte man das Gefühl, sie seien mit kleinem Gepäck angereist, andere hatte ihre bekannten und beeindruckenden Stände mitgebracht und zeigten damit durchaus, dass sie Leipzig mit Frankfurt auf einer Ebene sehen. Allein die Fantasy-Lesesinsel bot Platz für locker mehr als 100 Zuhörer. Und das unabhängig, ob ein jüngerer, älterer, bekannter oder noch nicht so bekannte/r Autor/in las. Die überwiegend jugendlichen Zuhörer hingen gebannt an den Lippen der AutorInnen. Und das allerorten.
Ich war von o.g. Vorurteilen beeinflusst und bildete mir ein, ein Tag Leipzig genüge und nahm mir Zeit. Später sollte ich es bereuen. Gegenüber meiner üblichen (Frankfurter) Gewohnheit hatte ich dieses Mal gänzlich auf Termine und Interviews verzichtet und wollte mich völlig auf meine Belange konzentrieren und Fragen beantwortet bekommen, für die in Frankfurt wohl nicht immer Gelegenheit war. Allein unter der Bezeichnung „autoren@leipzig“ (http://www.indie-autor-preis.de/) wurden viele Vorträge angeboten. Einige davon habe ich mir angehört, Fragen gestellt und auch Antworten bekommen. Leider die, die ich erwartet hatte und nur wenige, die für mich neu waren. Andere Zuhörer schienen aber völlig unbedarft das Gehörte aufzunehmen. An ihren Fragen konnte ich feststellen, dass immer noch viel Unwissen und Unsicherheit vorherrschen, wie der Buchmarkt mittlerweile funktioniert.
Im Einzelnen hörte ich folgende Vorträge:
„Verlage suchen und Verlage finden oder: Brauche ich überhaupt einen Verlag?“ von Wolfgang Tischer http://www.literaturcafe.de
Laut Auskunft des Redners gibt es immer noch Autoren (und solche, die es werden wollen), die sich tatsächlich nicht einmal die Mühe machen nachzusehen, ob ihr Manuskript/Genre zu dem ausgewählten Verlag passt. Auch unverlangt eingesandte Manuskripte werden scheinbar immer noch zuhauf abgeschickt und landen zum größten Teil im Papierkorb. Hart, aber es ist so. 50 Manuskripte oder Leseproben mit Exposé pro Tag sollen hier der Mittelwert sein. Wer soll das alles lesen? Apropos Manuskripte lesen: Dies tun immer weniger festangestellte Verlags-Lektoren, sondern freie Lektoren (siehe dazu auch weiter unten).
Die Frage im Vortragstitel führt einen schnell zum Thema Selfpublishing. Auch dazu später mehr. Im Grunde hat mich die Naivität und Unwissenheit eines Teils der Zuhörer erschüttert. Trotz Internet, massenhaft Blogs und Foren scheint hier immer noch ein frappierender Kenntnismangel vorzuherrschen. Es ist also leider notwendig, immer und immer wieder hier für Klarheit zu sorgen.
„Was bietet ein Autorenverband?“ Diskussion mit den Mitgliedern T.A. Wegberg, Birgit Burkey, Moderation Inge Beer.
Die – wie bei allen Vorträgen – halbe Stunde Redezeit erschien mir hier von Anfang an als sehr knapp. Und dazu noch eine Diskussion? Sicher kann man auf einer Messe nicht in die Tiefe gehen, nicht einmal ansatzweise. Aber was dann hier kam, war dann doch mehr als enttäuschend. Vier Personen präsentierten sich. Und zwar genau so, wie ich es hier erwähne: Sie präsentierten sich selbst, nicht den Verband und nicht die Aktionen, Tätigkeiten, Veranstaltungen oder was auch immer dieser Regional-Verband tat oder tun will. Ein älteres Pärchen – sie im hohen Rentenalter, er vielleicht noch älter, dafür aber mit leiser und fistelhoher Stimme – hatten mehr ihren Weg zum Verband erzählt, anstatt auf die Tätigkeiten des Verbandes einzugehen. Ein anderes Mitglied, ein Autor jüngeren Alters, hat nur erzählt, dass er seit wenigen Jahren Mitglied ist. Was er tut? Fehlanzeige.
Ich bin mir sicher, dass es genügend Autorenverbände gibt, die aktiv sind, ideenreich, hilfreich für neue und schon anerkannte Autoren, die etwas leisten und es wert sind, ihnen beizutreten. Aber dieser Auftritt war definitiv keine Positiv-Werbung. Chance vertan. Sehr schade. Nichtsdestotrotz werde ich „meinem“ regionalen Autorenverband beitreten.
„In 3 Schritten zum eigenen Buch“ Redner von epubli
(Name weder im Programm noch von ihm selbst verständlich hörbar; trotz funktionierendem Mikrofon in der Hand)
Soso, 3 Schritte sollen also genügen, um ein eigenes Buch zu erstellen? Ich erinnere hier an oben erwähnte Naivität. Für wie blöd halten eigentlich solche Anbieter die angehenden Autoren? Genau dafür! Hier wird suggeriert, dass man nur wenige Mausklicks von (s)einem Buch entfernt sei. Ab dem Moment, als der Redner – ja, beinahe schon stolz – aufführte, dass er, bzw. seine Firma schon 100.000 Veröffentlichungen auf den Markt gebracht habe, war für mich klar: 100.000 Bücher ohne professionelles Lektorat, Korrektorat, Coverlayout, Coverbild und vor allem ohne jegliches Marketing. Dafür aber die Kosten auf die Autoren abgewälzt. Wie heißt das heute? Richtig: Druckkostenzuschussverlag.
„Wie finde ich den richtigen Lektor?“ mit André Hille und Wolfgang Tischer (Moderation)
Alleine die Frage impliziert schon, dass hier der Selfpublishing-Autor angesprochen wird und nicht der Autor, der das Glück hatte bei einem Verlag unter Vertrag genommen zu werden. Denn dort wird dem Autor ein/e Lektor/in zugewiesen. Was nicht abwertend gegenüber freien Lektoren verstanden werden soll. Die leisten sicher hervorragende Arbeit, auch wenn Herr Hille – selbst freier Lektor – hier zugibt, dass es wie in jeder Branche auch hier schwarze Schafe und einfach Dilettanten gibt. Leider klang in seinen Worten auch durch, dass es sehr beratungsresistente Autoren gibt, die jede Anmerkung des Lektors als Angriff auf ihr Leben verstehen und nicht als das, als was sie gedacht sind: als Hilfe, dem Text seine Mängel zu nehmen und seine Verkaufbarkeit zu steigern. Aber genau das kennen wir ja zur genüge.
Herr Hille nannte Preise von 6,– bis 10,– €, also als Mittelwert 7,– € pro Normseite als übliches Lektorenhonorar. Er selbst verhandele mit Autoren bei kompletten Werken auch schon mal über einen Paketpreis. Allerdings erst nach einem Lektorat der ersten 50 Seiten. Hier können Autor und Lektor sich gegenseitig beurteilen, was die Qualität des Rohtextes und des Aufwandes der Lektorenarbeit betrifft. Hier berechnet Herr Hille in meinen Augen eben sehr vernünftige 350,– €. Für mich einer der informativsten Beiträge des Forums „autoren@leipzig“; vor allem Herrn Tischers Moderation war fachkundig, locker und professionell.
Wenn sich ein Autor zu einer Selbstvermarktung entscheidet, dann sollte er vor professioneller Hilfe nicht zurückschrecken. Ein sehr gutes Lektorat ist hier der erste Schritt. Wie viel weitere man sich gönnen will oder leisten kann, ist eine ganz andere Frage.
Den letzten Beitrag dieses Tages habe ich mehr oder weniger im Vorbeigehen entdeckt und leider den Anfang verpasst. Doch die Dame hatte so gekonnt verschiedene Internet-Marketing-Maßnahmen präsentiert, dass ich einfach zuhören musste. Das Thema schien zu lauten: „Was kann ich im Netz tun, um mein Werk bekannt zu machen“ … oder so ähnlich. Neben den Klassikern Autorenwebsite und Facebook-Präsenz verwies sie auf Youtube-Trailer/Präsentationen und selbstverständlich Rezensionen, Nutzung frei zugänglicher und legaler Bilder/Filmchen, die man auf seine Bedürfnisse anpasst, siehe Gangnam-Style mit anderen Botschaften, Grumpy-Cat usw. Wie gesagt, habe ich leider die Hälfte des Vortrages verpasst. Es zeigt aber doch, dass es mehr Wege des Selfpublishing gibt als nur Flyer, Lesezeichen und Poster für die nächste Lesung.
Das Thema Selbstvermarktung/Selfpublishing werde ich in meinen nächsten Schreibtipps ausführlich behandeln.
Den Abschluss meines Leipzig-Buchmesse-Tages bildete der NOEL-Abend in der soziokulturellen Einrichtung „Villa Leipzig“. Zunächst präsentierte Frau Link vom Noel-Verlag das aktuelle Winter/Frühling-Programm, danach kamen die Siegerehrungen der Gewinner des letzten Weltentor-Wettbewerbes und die Überreichung der Siegerprämien. Als Teil des Riesenprogrammes „Leipzig liest“ mit über 700 Lesungen fanden sich auch hier über 50 Gäste ein und genossen ein sehr freundliches, fast schon familiäres Abendprogramm: Schokoleckereien auf den Stühlen, Sekt und andere Getränke bis zum Abwinken, kleine Knabbereien und die Gelegenheit, sich mit anderen Autoren im Gespräch auszutauschen. Und natürlich die Lesungen der Gewinner und … auch meine kleine Story „Das goldene Licht des ewigen Lebens“, die es in die Anthologie Weltentor 2012 geschafft hat. http://www.noel-verlag.net/siegerbuch-2012.html
Fazit: Leipzig ist – mindestens! – einen Messetag wert; vielleicht nicht jedes Jahr, aber doch eine sinnvolle Ergänzung zur Frankfurter Buchmesse.
Copyright © 2013 by Werner Karl
P.S. Ich hatte gehofft, vom Verlag Fotos der Lesungen zu erhalten, wollte aber jetzt nicht länger mit dem Bericht warten. Vielleicht trudeln die Fotos ja noch ein …
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