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Archiv für die 'Brendle Verlag' Kategorie

Die Welt 2050 – Schüler und Lehrer Bertram Weber von der Walther-Groz-Schule Albstadt trafen sich mit Verlegerin Christine Brendle

Erstellt von Detlef Hedderich am 17. November 2009

Mitte Oktober trafen sich die Schüler und Lehrer Bertram Weber von der Walther-Groz-Schule Albstadt mit Verlegerin Christine Brendle zu einer gemeinsamen Arbeitsbesprechung.

 

·         Die Schüler hatten Flyer vorbereitet und stellten sie zur Wahl. Sie entschieden sich für ein leuchtendes Orange. Dann brachten sie ein Anliegen vor: „Wir möchten die Altersbegrenzung nach oben aufheben.“

·         Mich als Verlegerin hat dieser Wunsch überrascht. Glaubten die Schüler, ältere Autoren würden besser Schreiben? Doch eine Schülerin brachte es auf den Punkt: „Mich interessiert auch, wie eine Frau von 50 oder 60 Jahren über die Welt 2050 denkt.

·         Die Schüler wünschen sich also auch den Dialog mit anderen Generationen. Ich hoffe, dass dieser Einladung noch viele folgen.

·         Eine erste Möglichkeit dazu bietet auch ein Blog, den die Schüler am Wochenende eingerichtet haben. 
 

Auf der Homepage des Verlages gibt es Bilder von der Ar-beitsbesprechung:  www.brendle-verlag.de und weitere Informationen.

 

 

Tip der Redaktion sfbasar.de/Titel zum Thema bei Amazon:

 

Menschheit am Scheideweg
Wie sieht die Welt im Jahr 2050 aus?
Verlag :  Spektrum der Wissenschaft
ISBN :  978-3-938639-40-5
Einband :  Englisch Broschur
Preisinfo :  8,90 Eur[D] / 9,80 Eur[A] / 17,40 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. 
Seiten/Umfang :  82 S. – 28 x 21 cm
Erschienen :  1. Aufl. 17.11.2006
Gewicht :  220 g
Titel bei buch24.de
Titel bei Amazon.de

 

Klappentext:
Die Welt steht vor großen Herausforderungen. Bei allmählich schwindenden Ressourcen müssen wir einen stetig steigenden Energiebedarf decken, ohne dabei das Klima zu gefährden. Noch immer wächst die Weltbevölkerung rapide und die ökonomische Kluft zwischen Nord und Süd vertieft sich. Durch Raubbau an der Umwelt geht in bedrohlichem Maße biologische Vielfalt verloren. Noch haben wir es in der Hand, die Dinge zum Besseren zu wenden. Doch die Zeit wird knapp, da manche Entwicklungen – etwa im Klimabereich – sich dem Punkt nähern, an dem sie nicht mehr umkehrbar sind.

Das Dossier Menschheit am Scheideweg macht eine Bestandsaufnahme der heutigen Situation und zeigt anhand von Hochrechnungen bis zum Jahr 2050 die möglichen Entwicklungen auf. Dabei möchte es jedoch nicht mit apokalyptischen Visionen schockieren. Vielmehr präsentieren Experten auf den jeweiligen Feldern Vorschläge, wie sich verbliebene Spielräume nutzen lassen, um das Ruder herumzureißen. Am Ende steht ein „Aktionsplan für das 21. Jahrhundert“. Dabei geht es nicht um Zwangsmaßnahmen, sondern um die Schaffung von Anreizen für einen verantwortungsvollen Übergang in eine zwar gefährdete, aber noch rettbare Zukunft.

 

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PREISRÄTSEL 5 x 1 Exemplar und LESEPROBE: Phins Lesenacht – Die literarische Antwort auf Feuchtgebiete

Erstellt von Brendle Verlag am 6. November 2009

Phins Lesenacht – von Anne Guillaume

Liebesspiele in Variationen,

zuhause, am See, in rasender Fahrt auf einem Rollbrett, ihre Reiseroute beinhaltet sämtliche Zimmer. Zärtlichkeiten zu dritt, aber auch in der einfachsten aller Stellungen, vereint im spätsommerlich duftenden Gras. Seine sich sachte auf und ab bewegende Silhouette vor dem funkelnden Sternenhimmel, ein lebendiger Scherenschnitt. Phin lässt sich fesseln und hofft ihn festzuhalten. Versuche, Distanz abzutragen. Sie gibt sich hin und beinahe auf.

Für sie ist es Liebe, für ihn ein Spiel. Das wird Phin klar in der einsamen Silvesternacht. Noch einmal liest sie alle Kapitel ihrer Geschichte. Da erkennt sie: Er hat mich missbraucht, dafür soll er sterben. In einem Gewaltakt will sie sich befreien.

Eine starke Geschichte mit überraschendem Ende und zwölf Aktbildern in schwarz-weiß.

Leseprobe Phins Lesenacht von Anne Gullaume als pdf-File
Buchcover Phins Lesenacht von Anne Gullaume als pdf-File

Guillaume, Anne
Phins Lesenacht
Verlag: Brendle, Christine
ISBN: 978-3-9812497-2-9
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: 20,5 x 12,5 cm
Erschienen: 1. Aufl. 04.10.2009

Titel bei Amazon.de

Die Aufgabe zum Preisrätsel 5 x 1 Exemplar: “Phins Lesenacht”.

Preisrätsel 5 x 1 Exemplar: Wer ein Exemplar erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte “Phins Lesenacht”): Wie viele Aktbilder in schwarz-weiß sind in dem Gewinntitel abgebildet? Sobald 20 richtige Mails eingetroffen sind, werden die Gewinner daraus gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! Die Gewinner lauten: Anatolie Seitz, Stephan Kaufmann, Franz Strebel, Dirk Mueller und Andreas Hübenthal! HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

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Ausschreibung – Einsendeschluss 31. Januar 2010: Unsere Welt 2050 – Wie wird es in 41 Jahren sein?

Erstellt von Detlef Hedderich am 3. November 2009

1968  gingen die Studenten auf die Straße. Martin Luther Kind wurde ermordet. Rudi Dutschke erlebt lebensgefährliche Schussverletzungen. Es gab den Prager Frühling und in USA Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. In Paris wird die Sorbonne besetzt. 1968 ist auch das internationale Jahr der Menschenrechte. In Kapstadt gelingt die zweite erfolgreiche Herztransplantation und Jaqueline Kennedy heiratet den Reeder Onassis.

Eine turbulente Zeit.  – Das war vor 41 Jahren.

Wie wird es in 41 Jahren sein – also im Jahr 2050?

Das interessiert die Schüler der Seminarklasse der Walther-Groz-Schule in Albstadt.


Unsere Welt 2050


Zu diesem Thema wünschen Sie sich Texte aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Alle über 16 sind eingeladen, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Uns interessieren auch die Gedanken älterer Menschen dazu, erklärten sie in einem Arbeitstreffen am 16. Oktober 2009 in den Verlagsräumen.

Bilder vom Arbeitstreffen

Info zur Ausschreibung

Mit freundlichen Grüßen
Christine Brendle C. M. Brendle Verlag
Auf der Stelle 37
72461 Albstadt

Tel.:  07432 / 9073816
Fax:  07432 / 9073817

 

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Leseprobe zu “Entscheidung in den Bayous” von Michael Romahn

Erstellt von Brendle Verlag am 11. Oktober 2009

Zweites Kapitel

***

María nahm den ersten Bus in Richtung Süden. Für einen Augenblick hatte sie daran gedacht, geradewegs in den Norden zu fahren. Wenn alles gut ginge, könnte sie gegen Mittag in Ciudad Juárez sein. Doch sie war sich sicher, dass ihre Verfolger zuerst an der Grenze nach El Paso nach ihr suchen würden.

Während der Bus sich über die unebene Landstraße quälte, beobachtete sie die Gesichter der anderen Fahrgäste. Obwohl sich niemand um María kümmerte, wuchs doch mit jeder Meile die Angst in ihr, in eine Polizeikontrolle zu geraten. Das monotone Schaukeln des Busses versetzte sie in eine Art Dämmerzustand. Sie spürte kaum noch ihre verschwitzten Kleider und den klebrigen Kunststoffsitz.

Das Land, das an ihrem staubigen Fenster vorbeizog, war karg, eine rotbraune Masse, aus der nur ein paar Agaven, Kakteen und hie und da eine zerfallende Lehmhütte herausragten. Ein leichter Wind kam auf und wehte roten Staub über die aufgesprungene Erde. Der alte Mann neben ihr hatte den Strohhut weit ins Gesicht gezogen und schlief.

Als sie gegen Mittag in Torreon aus dem Bus stieg, spürte sie jeden Knochen, und die Mittagshitze tat ihr übriges, doch sie gönnte sich keine Pause. Sie musste die Grenzstadt Nuevo Laredo erreichen, bevor etwas herauskam. Auf dem Markt kaufte sie soviele Tortillas und Wasser, wie in ihren Rucksack paßten, besorgte sich eine Landkarte aus dem Souvenierladen und setzte sich in den kühlen Schatten einer Hauswand. Sie brauchte nicht lange zu warten, bis sie einen Viehtransporter entdeckte, der bis zum Rand mit Hühnerkäfigen beladen war.

Zwei Männer standen rauchend am Führerhaus und unterhielten sich lautstark. Während der Kleinere von ihnen wild gestikulierend über die fallenden Preise klagte und dass es sich kaum noch lohnen würde, die Viecher durchzufüttern, zuckte der andere nur die Achseln und hielt seinem Gegenüber ein Bündel Geldscheine entgegen. Die Männer besiegelten den Handel mit einem Handschlag und dann fiel das Wort: Lampazos! María warf einen raschen Blick auf ihre Landkarte und entdeckte zu ihrer Erleichterung den Ort im Südosten der Sierra de la Encantada.

Als einer der Männer den keuchenden Dieselmotor anließ, schlich sich María an den Transporter heran und kletterte auf die Ladefläche. Kaum hatte sie sich bis zur Mitte durchgekämpft, als der Mann auch schon mit einem Ruck anfuhr und María gegen einen der Käfige schleuderte. Sie rieb sich die Schulter, aber es würde sicher nicht die einzige schmerzhafte Erinnerung an diese Fahrt bleiben. Unter der dunklen Plane staute sich die Luft und mit ihr der entsetzliche Gestank. Bei jedem Schlagloch flatterten die Hühner gackernd auf und wirbelten kleine, mit Kot verklebte Federn durch die Luft. Die Beine schliefen ihr ein und begannen zu kribbeln, doch es gab keine Chance, sie auszustrecken oder eine andere Haltung einzunehmen. Selbst während eines kurzen Halts in Monclava wagte sie es nicht, ihr Versteck zu verlassen. María zwängte sich zwischen den Käfigen hindurch zur Ladeklappe, um endlich wieder frei atmen zu können, doch die heiße Luft und der aufwirbelnde Staub brachten kaum Linderung. Die flimmernde Luft verzerrte die graslosen Hügel und ließ die Berge des Sierro del Tiahualilo unwirklich erscheinen. Dann krabbelte sie wieder ins Innere des Transporters.

***

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als sie Lampazos erreichten. Es mussten sechs, vielleicht sogar sieben Stunden vergangen sein, seit sie Torreon verlassen hatte. Der Transporter hielt an einer Tankstelle. Sie wartete, bis der Mann im Kassenhäuschen verschwunden war und schlich ins Freie. Sie spürte ihre Beine kaum noch und wäre beinahe gestürzt, als sie wieder festen Boden unter die Füße bekam. Sie brauchte dringend ein paar Stunden Schlaf, um wieder zu Kräften zu kommen.

María warf ihren Rucksack über die Schulter und machte sich auf die Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Sie blieb vor einem schäbigen Motel stehen. Nur vor zwei Zimmern standen Autos; ein rostbrauner Ford und weiter hinten ein Pick-up. Für einen Moment dachte sie daran, einfach hineinzugehen, doch dann entschied sie sich dagegen. Sie war dem Ziel schon so nah, und in einem Dorf wie Lampazos würde sich in Windeseile die Ankunft einer Fremden herumsprechen.

Als sie sich bereits damit abgefunden hatte, im Freien zu übernachten, entdeckte sie am Ortsrand einen verwaisten Schuppen. Im Inneren war nichts außer einem Haufen Stroh und einer alten Viehtränke. Es roch nach Tieren, aber das nahm sie kaum noch wahr. Sie legte sich auf das Stroh und schlief augenblicklich ein.

***

Als María aufwachte, streifte die Morgensonne die Bergkuppen der Sierra de la Encantada. Das Licht war noch weich und streichelte ihr Gesicht. María holte die Landkarte aus dem Rucksack. Von Lampazos aus waren es nur noch 20 Meilen bis Anahuac, einem kleinen Dorf am Rio Saledo und weitere 50 Meilen bis nach Nuevo Laredo. Den Rest musste sie zu Fuß bewältigen.

Sie musste es schaffen! Sie konnte es nicht riskieren, sich an die Straße zu stellen und zu warten, bis jemand anhielt. In ihrer Lage konnte sie niemandem trauen. Unwillkürlich griff sie an das Medaillon, das sie an einer dünnen Gliederkette um den Hals trug und betrachtete das Abbild der Mutter Gottes. Sie schloss die Augen und presste das Medaillon fest an die Stirn. Sie legte den Kopf in den Nacken und ballte die Hände zu Fäusten, als wollte sie die Kraft zurück in ihren Körper pressen. In diesem Teil des Landes gab es kaum Schutz vor der brütenden Sonne. Die Stunden vergingen langsam. Plötzlich schossen ihr Paulos Worte durch den Kopf. Wie würde José Hernández auf den Tod seines Bruders reagieren? So wie Paulo ihn beschrieben hatte, gab es nur eine Antwort. Sie hatte Angst, dass er plötzlich hinter ihr stehen und seine schwitzenden Hände um ihren Hals pressen könnte. Sie merkte nicht mehr, wie oft sie sich umdrehte und doch nichts weiter sah als Ocotillo-Sträucher und Feigenkakteen.

***

Am Ufer des Rio Salado versuchte sie, ein wenig Schlaf zu finden, doch sie bekam kein Auge zu. Sie schnappte nach Luft, doch die Hitze brannte sich nur noch tiefer in ihre Lunge. Sie nahm sich vor, sich im Schutz der Dunkelheit zu verkriechen. Bis dahin wollte sie möglichst viele Meilen hinter sich bringen. Maria hastete, ihre Angst wuchs. Nur hin und wieder hielt sie an, um einen Schluck Wasser zu trinken.

Sie ließ alles zurück: ihre Heimat, ihre Eltern und ihre Kindheit. Sie wusste, dass die Grenzen immer schärfer bewacht wurden. Erst vor ein paar Wochen wurde in allen Zeitungen darüber geschrieben, dass aus dem in der Sierra Madre angepflanzten Schlafmohn ein Drittel des in die USA geschmuggelten Heroins gewonnen wird.

Maria blickte wiederholt zurück, um sich überzeugen, dass ihr niemand folgte. Sie spürte, wie die flirrende Hitze ihr den Atem nahm und wie sich die fernen Berge vor ihren Augen auflösten. Ihr T-Shirt klebte vom Schweiß durchtränkt wie eine zweite Haut an ihrem Körper. Sie spürte aufsteigende Übelkeit. Seit zwei Tagen hatte sie sich von Wasser, Tortilla und Kaktusfeigen ernährt. María rieb sich den steifen Nacken. Eine Blase an ihrem rechten Fuß war aufgerieben und bereitete ihr höllische Schmerzen. Sie durfte jetzt nicht aufgeben. In einer Stunde würde sie die Grenze erreicht haben und später im Schutz der Dämmerung nach einem der coyotes Ausschau halten. Es war ihre einzige Chance.

In der Ferne, jenseits der Hügel, vernahm sie den Signalton eines Zuges. María konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie betete, dass man sie dort suchen würde, in dem Zug Richtung Norden, den schon so viele vor ihr bestiegen hatten.

Als sie schließlich Nuevo Laredo erreichte, waren ihre Tränen versiegt. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie hatte den ganzen Tag über fast nichts gegessen und es war kaum noch Wasser übrig.

Nach Einbruch der Dunkelheit suchte sie diese Männer. Es dauerte nicht lange, bis sie sich zu erkennen gaben. Die polleros oder coyotes, wie sie auch genannt wurden, schienen es von den Gesichtern der Menschen abzulesen wer Hilfe suchte. Beinahe unbemerkt trat ein Mann aus dem Häuserschatten. Zunächst folgte er María, ohne sich ihr zu nähern, dann beschleunigte er seine Schritte, bis er neben ihr herging. Er war einen Kopf größer als sie und muskulös. Er trug einen breit gekrempten Hut, ein beiges, in den Achselhöhlen durchgeschwitztes Hemd und eine khakifarbene Hose. Er hieß Carlos, und das war das Einzige, was sie von ihm erfuhr.

»Du kennst den Preis?«

»Si!« sagte Maria, trat näher an ihn heran und drückte ihm die zusammengerollten Scheine in die Hand.

Er führte María zielstrebig durch die schwarze Nacht, als würde er einem ausgewiesenen Pfad folgen. Irgendetwas schien Carlos zu beunruhigen. Er brummte etwas Unverständliches und erhöhte nochmals das Tempo, so dass Maria ihm schließlich nicht mehr folgen konnte. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Als er über seine Schulter hinweg bemerkte, dass Maria immer weiter zurückfiel, blieb er stehen und wartete mit verbissener Miene, bis sie wieder zu ihm aufgeschlossen hatte.

»¡Vamos, más rápido! Wir haben keine Zeit zu verlieren!« Carlos’ fordernde Stimme drang kaum noch zu ihr durch. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn und vor ihren Augen verschwamm alles. Während sie vorwärts stolperte, rauschten Bilder der Vergangenheit an ihr vorbei. Sie sah ihre Mutter, wie sie die Kerze auf dem Fensterbrett anzündete, ihre Brüder Arturo und Miguel und ihren Vater. Wie benommen wankte sie weiter. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, doch sie riss sich zusammen. Tränen liefen ihr über die Wangen, doch Carlos nahm keine Rücksicht darauf. »¡Vamos! Vamos!« Er trieb sie vor sich her, immer weiter, durch das dichter werdende Schilf. Der Boden unter ihr wurde schlammiger. Plötzlich vernahm sie ein Rascheln im Gras. Sie hielt den Atem an und wagte sich nicht von der Stelle. Noch bevor sie begriff, was geschehen war, drückte der Mann sie nach unten. Er presste seine Hand auf ihren Mund. Sie war voller Schwielen und roch nach Schweiß und kaltem Rauch. Nur mit Mühe konnte Maria den aufsteigenden Ekel unterdrücken.

»¡La policía! Bájate de ahíDie Stimme des Coyoten überschlug sich. »Los, runter mit dir!« Für Augenblicke verschwamm die Welt um sie, dann spürte sie einen stechenden Schmerz. Das Schilf unter ihrem Körper knickte ab und stach in die Haut ihrer Knie und Hände. Das gleißende Licht der Suchscheinwerfer zerschnitt die Dunkelheit und bohrte sich durch das Schilf. Ihre Anspannung wuchs. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie aufgeregte Stimmen hörte, dann Schreie. Nur einen Steinwurf von ihnen entfernt, sprangen zwei Gestalten auf und rannten die Uferböschung herab. Schüsse zerrissen die Dunkelheit, danach der durchdringende Befehl der Grenzpolizisten.

»¡Alto! ¡Detéganse!« Nun bleibt endlich stehen, schoss es María durch den Kopf, verdammt, bleibt stehen! Der Coyote kauerte neben ihr im hohen Schilf und atmete schwer. Maria spähte ängstlich durch die Schilfspitzen zu den Männern. Einer der beiden versuchte zu fliehen, aber als ein weiterer Warnschuss durch die Nacht hallte, erstarb seine Gegenwehr. Er wankte noch ein, zwei Schritte nach vorn, dann blieb er erschöpft stehen und reckte seine Arme in die Höhe.

In der Dunkelheit konnte María die Gesichter der Männer nicht erkennen, aber sie ahnte ihre Verbitterung. Oft genug hatte sie gesehen, wie Träume zerbrachen. Sie sah zu Carlos. Er wusste, dass die anderen in die Falle gelaufen waren. Marias Beine schmerzten, aber sie wagte nicht, ihr Gewicht zu verlagern. Nach weiteren endlosen Minuten waren die Männer von einer Gruppe Grenzpolizisten umringt und ließen sich widerstandslos abführen.

»Glück muss man haben!«, flüsterte der coyote hinter ihr.

Sie warteten, bis die Männer außer Sichtweite waren, dann setzten sie ihre Flucht fort.

Langsam tasteten ihre Füße nach festem Untergrund, bevor sie ihr Gewicht auf die andere Seite verlagerte. Wenn ihr jetzt etwas zustieß, konnte sie von niemandem mehr Hilfe erwarten.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie knöcheltief im schmutzigen Wasser des Rio Grande standen.

»¿Cómo te llamas?« fragte der Coyote plötzlich.

»María …«

Carlos deutete auf ein schwaches Licht am anderen Ufer. »Okay María, schwimm direkt darauf zu. Es ist die beste Stelle, um einigermaßen sicher ans Ufer zu kommen. Ganz in der Nähe findest du einen schmalen Pfad, der dich direkt zu einem verlassenen Bootshaus führt. Dort kannst du deine Kleider trocknen und dich ein wenig ausruhen. Bueno, pues !mucha suerte! María.« Sie war so überrascht von seiner unerwarteten Gefühlsregung, dass sie nichts erwidern konnte.

»Ja, ich brauche alles Glück dieser Welt«, dachte Maria und bekreuzigte sich. Dann ging sie weiter, bis ihre Füße keinen Halt mehr fanden und das dunkle Wasser ihren schmerzenden Körper umschloss.

***

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als María die Hütte verließ. Auf dem Marktplatz von Laredo herrschte um die Mittagszeit kaum Betrieb. Ein paar Straßenstände boten handgefertigten Silberschmuck, duftende Burritos und Tortillas an, doch niemand schien sich dafür zu interessieren. Nur eine Horde von Kindern lungerte herum und bettelte die wenigen Touristen um Münzen an. Die Jungen waren nicht älter als sieben oder acht. Sie waren so dürr, dass sich ihre Haut um die Knochen spannte.

María wandte ihre Augen von ihnen ab und ließ ihren Blick über die Plaza kreisen. Sie wollte Ramón anrufen, aber schließlich entschied sie sich dagegen. Sie fürchtete, dass man den Anruf zurückverfolgen konnte. Sie zweifelte nicht daran, dass man Manuel Hernández längst gefunden hatte. Sie musste Laredo noch während des Tages verlassen!

Sie entdeckte einen anthrazitfarbenen Truck, der am Rande der Plaza vor einem Drugstore parkte. Auf dem Trittbrett vor der offenen Beifahrertür hockte ein dickleibiger Typ mit zottigen Haaren und verspeiste genüsslich einen Hamburger. Sein Vollbart bedeckte mehr als die Hälfte seines Gesichts. Er trug eine ausgebeulte Jeans und ein Harley-Davidson-T-Shirt. Sie musste es riskieren. María atmete tief durch, ging auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.

»Hi!« Etwas Besseres wollte ihr nicht einfallen. Der Mann sah von seinem Hamburger auf und musterte sie von oben bis unten.

»Hi!«, erwiderte er gelangweilt. »Wohin soll’s denn gehen?« In diesem Moment war sich María sicher, dass er nicht zum ersten Mal angesprochen wurde.

Sie sah aus den Augenwinkeln auf das Kennzeichen des Trucks und antwortete: »Louisiana.«

Der Mann schürzte nachdenklich die Lippen.

»Es ist eine verdammt lange Strecke nach Louisiana.« María zog ihren letzten Hundert-Dollar-Schein aus der Tasche und hielt ihn dem Mann entgegen. Er zögerte einen Augenblick. Dann nahm er das Geld an sich, stopfte es in die Gesäßtasche seiner Jeans und wischte sich mit dem Handrücken die Krümel vom Mund.

»Sieht so aus, als hätten Sie Ärger gehabt, Miss.«

María nickte. Plötzlich kam Bewegung in seinen Körper. Er stemmte sich mit den Händen hoch und deutete über ihre Schultern hinweg zum Drugstore. »Haben Sie Hunger? Ich könnte noch ein Sandwich vertragen!«

»Ja, ein wenig.«

Der Mann schlurfte zum Laden und kehrte kurze Zeit später mit einer braunen Papiertüte zurück. Er setzte sich aufs Trittbrett und griff in die Tüte.

»Hühnchen oder Thunfisch?«

»Hühnchen, bitte.«

Er reichte ihr das Sandwich, nahm sich das zweite und zerknüllte die Tüte.

»Übrigens, ich bin Jim!« Er wischte sich eine Hand an der Hose ab und reichte sie ihr.

»María«, sagte sie und dann versank ihre Hand in Jims Riesenpranke.

»María«, wiederholte er, wobei er jeden Buchstabe in die Länge zog. »Ein schöner Name.« Er sah sie eine Weile an, bevor er sich mit einem Stöhnen erhob. »Wissen Sie, was ich glaube?«

»Nein, sagen Sie es mir.«

»Nun, ich glaube, dass es Zeit ist, von hier zu verschwinden! Meinen Sie nicht auch, Miss?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, biss er in sein Sandwich und deutete ihr mit einer knappen Handbewegung, einzusteigen.

María atmete auf. Offenbar zählte er nicht zu den Menschen, die sich viel um das Leben anderer kümmerten.

»Jetzt steig endlich ein, bevor ich’s mir anders überlege«, hörte sie ihn sagen. Er ließ den Motor an und legte den Gang ein. »Auf nach Louisiana!«

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„Unsere Welt 2050“ – Ein Verlag macht Schule – Schüler machen ein Buch

Erstellt von Brendle Verlag am 8. August 2009

Ein engagierter Verlag und eine aufgeschlossene Schulleitung, entschlossen sich dieses Frühjahr zu einem spannenden Projekt. Zusammen mit den Abiturienten des Jahrgangs 2009/10 der Walther Groz Schule Albstadt-Ebingen, soll im kommenden Schuljahr ein Buchprojekt verwirklicht werden.

39 Schüler meldeten sich spontan zu diesem neuen Seminarangebot an. 15 Schüler wurden von der Schule ausgewählt. Diese saßen am 28. Juli 2009 erwartungsvoll vor mir, der Verlegerin. Sie wollten dabei sein, bei der Entstehung eines neuen Buches. Sie sollen selbst schreiben, vor allem aber auch andere Jugendliche dazu motivieren, Texte einzureichen. Sie sollen eingehende Texte lesen, zusammen mit dem Lehrer Bertram Weber und mir, der Verlegerin Christine Brendle besprechen, bewerten und auswählen für ein Buch. Sie sollen redigieren, einen Buchblock und ein Buchcover gestalten, den endgültigen Titel festlegen. Kennen lernen wo und wie Bücher angemeldet werden. Sie sollen den Buchpreis kalkulieren und erfahren wie das fertige Buch dann in den Handel und zum Leser kommt.

Das von mir zur Inspiration in den Raum geworfene Thema „Deutschland 2050“, wurde von den Schülern begeistert aufgegriffen, doch es sollte „Unsere Welt 2050“ heißen. Damit bewiesen die Schüler, dass sie bereits global denken und, dass es auch die heutige Jugend interessiert, wie ein Buch entsteht.

Bitte tragen auch Sie dazu bei, dass möglichst viele Jugendliche von dieser Ausschreibung erfahren.

Ausschreibung: Unsere Welt 2050

dazu können junge Leute zwischen 16 und 26 Jahren Texte einreichen, gerne auch aus anderen Ländern. (Die Texte sollten aber in deutscher Sprache geschrieben sein, bzw. übersetzt.) Die besten Texte werden in einem Buch veröffentlicht.

Bitte einreichen beim:
C. M. Brendle Verlag
„Unsere Welt 2050“
Auf der Stelle 37
72461 Albstadt

Text: bitte dreifach einreichen – eine bis maximal acht Seiten, Schriftgröße 12 bis 14 Punkt, Zeilenabstand 1,5 Zeilen, Seitenzahlen nicht vergessen.

Den Text bitte anonym einreichen: also mit einem Kennwort versehen.

Bitte fügen Sie Ihrer Einsendung ein Kuvert bei, das mit dem gleichen Kennwort  beschriftet ist. Es sollte eine kurze Vita des Autors enthalten, die Bestätigung, dass der Einreicher auch der Urheber des Textes ist. Und die Einverständniserklärung, dass Sie, im Falle dass Ihr Text ausgewählt wird, mit einer Veröffentlichung in dem geplanten Buch einverstanden sind.

Bitte nennen Sie auch Ihre vollständige Anschrift, eventuell die Telefonnummer und soweit vorhanden, die e-Mail Adresse (die Daten werden selbstverständlich nicht weiter gegeben).

Die Teilnehmer, deren Texte in das Buch aufgenommen werden, erhalten ein Freiexemplar und weitere Bücher zum Autorenrabatt (30 %).

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Leseprobe: Wolfgang Kirschner: Die Nacht, in der ich verschwand.

Erstellt von Brendle Verlag am 30. Juni 2009

Die Nacht, in der ich verschwand

Wenn Sie gestatten, möchte ich eine Geschichte loswerden – die Geschichte meines Verschwindens. Einige Leute werden sich nämlich fragen, wo ich in den letzten beiden Jahren abgeblieben bin. Ich kann es ihnen aus Gründen, die sie am Ende der Geschichte verstehen werden, leider nicht näher erläutern. Aber sie werden dann wenigstens wissen, weshalb ich verschwunden bin. Für alle anderen mag es eine Warnung sein, denn meine Art des Verschwindens fängt eher harmlos an. Und sie kann jedem widerfahren. So oder ähnlich, möglich ist alles…

Vielleicht haben Sie sich bisweilen auch schon mal gefragt, was wohl mit den Männern los sein mag, die zum Zigarettenholen aus dem Haus gehen und – sagen wir -: zwanzig Jahre später wieder auftauchen. Ich hatte mir diese Frage schon häufiger gestellt, und eines Tages sollte ich eine mögliche Erklärung dafür erhalten. Und die war nicht besonders lustig.

Es geschah, wie Sie schon ahnen, beim Zigarettenholen. Ein Päckchen Lucky Strike, um genau zu sein. Vielleicht war es der Name, der mir an diesem Nachmittag wie die Faust der Erkenntnis ins Bewusstsein knallte, obwohl er das unzählige Male nicht getan hatte. Lucky heißt glücklich und Strike bedeutet Streik. Aus welcher Fügung heraus ich mir auf der Bank neben dem Automaten zum ersten Mal Gedanken über die Bedeutung dieser beiden Worte machte und sie ausgerechnet in Zusammenhang mit meinem Leben brachte, ist mir bis heute schleierhaft. Möglich, dass es an meinem Geburtstag lag, meinem neununddreißigsten, und somit an der vertrackten Midlife-Crisis oder einfach nur an der Tatsache, dass die Zeit nun endlich reif für einschneidende Veränderungen war. Keine Ahnung, was schließlich der wahre Grund gewesen sein mochte. Vielleicht war es auch bloß Schicksal. Jedenfalls wurde mir urplötzlich bewusst, dass mich mein Leben in seiner Gleichförmigkeit zu ersticken drohte. Was für eine Erkenntnis, werden Sie spotten, so ergeht es den meisten von uns. Ja, antworte ich da, aber irgendwie muss man eben beginnen. Und ein Zipfel Selbsterkenntnis ist sicher nicht der schlechteste Anfang. Nur sollte man dann auch bereit sein weiterzugehen und ähnliche Erfahrungen zu machen, wie ich sie machte – und bis zum heutigen Tag machen muss. Warten Sie’s also lieber ab.

So richtig angefangen hatte es rückblickend wohl damit, dass Jenny meinen Geburtstag vergessen hatte. So etwas konnte mich zutiefst kränken. Jenny – ach ja, die Vergessliche. Sie ist meine Frau. Zumindest ist mir bis heute nichts Gegenteiliges bekannt. Sie vergaß ständig etwas, fast täglich, könnte man sagen. Meistens belanglose Dinge wie das Bügeleisen ausstellen, wenn sie sich mit der Nachbarin unterhielt, Waschpulver in die Maschine geben, den Braten rechtzeitig aus dem Ofen nehmen oder überhaupt für das Abendessen einkaufen. Wie gesagt, eher belanglose Dinge. Nur einmal hatte sie vergessen, im verstopften Waschbecken den Wasserhahn zuzudrehen, als ich vom Büro aus anrief, und das war weniger belanglos gewesen. Ich rief jeden Tag vom Büro aus an und erkundigte mich nach dem Befinden meiner Familie. Aus Interesse und aus Gewohnheit. An diesem Tag hätte ich es besser bleiben lassen. Jenny hätte vermutlich vergessen, dass mein Anruf ausblieb, aber so vergaß sie den Wasserhahn, und am Abend, als sie vom Frauenarzt kam, war die Wohnung überschwemmt und die darunter liegende feucht wie ein Sumpfgebiet. Der Wasserschaden ging bis ins Kellergeschoss und die Kosten in schwindelerregende Höhen. Seit damals hatten wir Schimmel in der Wohnung. Doch es blieb die einzige gravierende Folge von Jennys Vergesslichkeit. Und dabei ist es meines Erachtens nicht einmal echte Vergesslichkeit, eher ist es so eine Art Desinteresse an den alltäglichen Dingen des Lebens. Jenny ist eine Träumerin. Sie lebt mit ihrem Körper in der hiesigen Welt und mit ihren Gedanken in Bereichen, die mir bis heute verschlossen sind. Aber dafür fiel ich in eine Welt, die Jennys Fantasien bei weitem übertreffen dürfte…

Ich warf also das Geld ein und zog am Automaten, aber es tat sich nichts. Das Fach mit den Lucky Strikes war frisch aufgefüllt, das konnte man sehen, doch das stählerne Schubfach wollte ums Verrecken nicht aufgehen. Es streikte ganz einfach. Es sperrte sich. Weiß der Himmel warum. Es wollte anscheinend nicht mehr das tun, was es schon tausendfach gemacht hatte. Alles Ziehen, Reißen, Rütteln und Hämmern nützte nichts, Lucky streikte, und das Geld blieb ebenfalls drin. Ich probierte es mit einer anderen Marke, und – siehe da – es klappte auf Anhieb. Eine Marke, die mir nie im Leben in den Sinn gekommen wäre, kam mir fast entgegengesprungen. Das gab mir zu denken. Ich setzte mich kopfschüttelnd auf die Bank an der Bushaltestelle zwei Meter neben dem Automaten und riss die Silberfolie der Packung auf. Die Kippe schmeckte nicht übel, nach dem ersten Zug. Nach dem zweiten schmeckte sie schon richtig gut und nach dem dritten fantastisch. Ich wurde leicht benommen. Es war stärkerer Tobak als der gewohnte, aber es brannte so herrlich angenehm auf der Lunge, dass mir zu meiner Schwindeligkeit ein wohliges Gefühl von Stärke in die morschen Glieder zu strömen schien. Ich kam mir plötzlich wie ein Siebzehnjähriger vor, dem der Strom des Frühlings durch die Adern schoss. Eine junge Frau stand neben dem metallenen Papierkorb beim Fahrplan und wartete auf den Bus. Sie sah auf den ersten Blick nicht überwältigend hübsch aus, aber am liebsten hätte ich sie angesprochen. Noch nie hatte ich eine Frau angesprochen. Nicht so. Nicht einmal Jenny. Das hatte sie besorgt, als sie noch häufiger im Diesseits weilte.

Ich sprach also die Frau nicht an. Dafür dachte ich über meine gewohnte Marke nach. Als Siebzehnjähriger hatte mich ein GI nach dem Weg gefragt. Ich hatte ihm den Weg erklärt, und zum Dank hatte er mir die Lucky Strike geschenkt. Danach hatte ich das Rauchen angefangen. Immer die gleiche Marke. Ich liebte diesen Namen. Lucky – klar, wer wollte kein Glück haben? Und Strike betonte die rebellische Komponente eines siebzehnjährigen Jungengemüts. Es war die perfekte Mischung. Dass es daneben noch etwas anderes geben könnte, kam mir nie in den Sinn. Ich liebte auch Jenny und meine Töchter Lena und Larissa. Die eine war fünfzehn und die andere elf. Jenny war fünfunddreißig – gerade geworden, vor vier Wochen. Ich hatte ihren Geburtstag nicht vergessen. Ich hatte auch den Geburtstag meiner Töchter nie vergessen. Doch als ich an diesem Tag nach Hause kam, war bis auf den Kanarienvogel alles ausgeflogen. Keine Geburtstagstorte empfing mich, kein Blumenstrauß oder wenigstens ein Küsschen von einer meiner »drei Frauen«. Es war Mittwoch. Jenny war mit Regula, der Frau aus dem Sumpfgebiet unter uns, beim Squash, immerhin, und Lena und Larissa waren weiß der Kuckuck wo. Ich stand alleine im Wohnzimmer und stellte fest, dass die Luckies aus waren. Also ging ich los und landete auf der Bank. So weit so gut. Aber das war ja noch nicht alles.

Die Frau neben dem Papierkorb sprach mich an. Ganz direkt und ohne zu zögern.

»Ganz schön spät dran, würde ich sagen – was meinst du?«

Sie duzte mich, das war in Ordnung, weil es bedeutete, dass sie mich nicht als Gruftie einstufte. Andererseits, die Bezeichnung Gruftie war meines Wissens auch schon wieder veraltet oder zumindest ziemlich uncool. Aber ich verstand sowieso nicht, was sie meinte.

»Ähm, bitte was? Spät dran? Was meinen Sie damit?«

Sie blickte mich an, als ob sich mein Kopf gerade rechteckig verforme, sagte aber nichts weiter. Stattdessen verzog sie das Gesicht und starrte wieder die Straße hinunter.

Spät dran? Allerdings war ich spät dran. Neununddreißig war siebzehn plus zweiundzwanzig. Jahre wohlgemerkt. Sie war vielleicht zweiundzwanzig, es trennten uns also immer noch siebzehn Jahre. Ein Klassenkamerad von mir hatte mit siebzehn seine sechzehnjährige Freundin geschwängert. Sie hätte also rein theoretisch meine Tochter sein können. Aber lassen wir die Rechnerei, war sowieso nie meine Stärke.

Ich schaute sie mir genauer an. Sie trug extrem hohe schwarze Plateauschuhe mit Sohlen, die dick wie Matratzen waren. Das war gerade mal wieder modern. Aber die wenigsten wussten wahrscheinlich, dass Robert Crumb, der amerikanische Undergroundzeichner, schon in den Sechzigern solche Monsterdinger gezeichnet hatte. Crumb war übrigens mein Vorbild. Immer schon. Ich war nämlich ebenfalls Zeichner. Eigentlich. Wegen Lena und Larissa hatte ich meine Künstlerpläne verschoben und bei Tiefdruck Tiegel & Scheuermann als Retuscheur angefangen. Und dabei war es geblieben. Bis heute. Crumb zeichnete weiter dralle Szenen aus dem Leben, während ich für die Schmuddelheftchen in den oberen Regalreihen schwarze Höschen über die dunklen Dreiecke gespreizter Schenkel retuschierte. Was für ein Job für einen Künstler! Insbesondere wenn man bedenkt, dass die handwerkliche Seite meines Berufes ohnehin schon weitgehend vom Computer verdrängt war. Tja, der Computer. Er wird unser aller Leben verändern, und sei es noch so erbärmlich.

Über den Plateauschuhen trug sie eine enge schwarze Hose, Stretch oder so etwas. Ein fantastischer runder Hintern zeichnete sich darin ab. Ein Hintern, der das pralle Leben versprach. Prollmann, bist du blöd, was soll das…?

Ach ja, Prollmann, das bin ich. Peter Prollmann. Von Freunden auch Piet Proll genannt. Piet Proll ist außerdem mein Künstlername – für die Zeit, da Lena und Larissa aus dem Haus sein werden.

Prollmann, sagte ich wieder im Stillen, was soll das? Du betrachtest den Hintern eines Mädchens, das deine Tochter sein könnte. Das war doch nicht in Ordnung, oder? Ich meine, so was tat man einfach nicht. Dann wieder ein anderer Zensor, der Miesmacher diesmal: Gott, Proll – Piet Proll (haha!), was glaubst du, würde Crumb machen? Du bist viel zu verklemmt, um ihm das Wasser reichen zu können. Deine „Aquarelle“ sonntagnachmittags sind ja ganz nett, aber ein Crumb wird aus dir nie… Ja, das ahnte ich auch schon. Und das Mädchen ahnte wohl, dass ich es beobachtete. Sie wechselte ungeduldig die Beinstellung, so dass ihre Pobacken in der engen Hose in Bewegung kamen. Crumb hätte seine Freude daran gehabt. Er liebte Hinterteile.

Ich schaute fasziniert hin. Ich war sicher, sie machte es extra für mich. Sie spürte, dass ich ein dankbarer Zuschauer war. Rein beruflich natürlich. Im Geiste zog ich sie nämlich schon mal aus und überlegte, welches Höschen ich ihr überretuschieren könnte. Es gab da eine ganze Kollektion von Dessous, die ich mittlerweile draufhatte. Bei Jenny hatte ich schon lange nichts mehr überretuschiert. Das war auch nicht nötig, sie retuschierte sich selber. Sie trug lange Röcke, meistens schrecklich bunte, und Gesundheitssandalen an den langen hellen Füßen. Seit zehn Jahren schaute ich nicht mehr hin. Mindestens.

Das Mädchen trug ein enges schwarzes Oberteil, das die Brust betonte und den Bauchnabel wie ein drittes Auge neugierig in die Welt blicken ließ. Busen musste ich übrigens nie retuschieren, die waren salonfähig. Bauchnabel ebenfalls. Ich schaute also in ihr Gesicht. Es war auffällig geschminkt, vor allem der kirschrote Mund, aber es war, wie gesagt, nicht übermäßig hübsch, nicht auf den ersten Blick. Doch es hatte etwas. Etwas Träumerisches. Oder besser etwas Traumhaftes. Nicht so wie bei Jenny, nicht dieser ewige Blick in die Ferne. Dieses Gesicht hier hatte etwas Träumerisches für die Nähe. Für die nahe Zukunft. Es versprach einem traumhafte Blicke, ein traumhaftes Lächeln, traumhafte Küsse, traumhafte Einfälle… Sie wissen schon.

Ihre schwarzen Haare waren vermutlich echt. Sie waren kinnlang, zum Kinn hin leicht gekringelt, durch einen braven Seitenscheitel geteilt und von einem schwarzen Spängchen gehalten. Alles an ihr war schwarz, bis auf ihre Haut. Sie hätte eine schwarze Witwe sein können, wenn sie nicht so jung gewesen wäre. Vielleicht war sie eine schwarze Waise. Jedenfalls stand ihre kindliche Frisur im krassen Gegensatz zu ihrer Figur. Und die sprach eher für eine Mädchenfrau. Eine Märchenfrau. Eine Traumfrau. Für Enddreißiger.

Sie lächelte mir zu. Bildete ich mir jedenfalls ein. Aber ich weiß, dass Mann sich da ganz schön täuschen kann. Dann kam der Bus. Der Bus, der mich aus meinem Leben mit Jenny, mit Lena und Larissa entführen würde. Ich ahnte es bereits dunkel.

Der eckige gelbe Stadtbus fuhr fast geräuschlos vor, die hydraulischen Türen gingen mit einem leichten Zischen auf. Das Mädchen trat aufs Trittbrett vorne beim Fahrer und drehte sich um.

»Was ist«, rief sie mir zu, einen Haarkringel aus dem Gesicht streichend, »willst du noch später ankommen, wo immer du hin willst?«

Das traf meinen Nerv. Ich stand auf, fragen Sie mich nicht warum, schnippte die Kippe von mir und ging auf den Bus zu. Ungefähr mit neunzehn hatte ich zum letzten Mal eine Kippe weggeschnippt. Danach hatte ich sie ausgetreten. Ordentlich mit dem Schuh. Jenny hasste es, wenn man Kippen wegschnippte.

Ich löste einen Fahrschein beim Fahrer und setzte mich ganz hinten im Bus auf den roten Kunststoffsitzen dem Mädchen gegenüber. Sie schlug die schlanken Beine übereinander und lächelte mich wieder an. Sie musste mich meinen, da war ich mir diesmal sicher: wir waren die einzigen Fahrgäste. Ich hatte keinen Schimmer, wohin der Bus fuhr. Ich wusste nur, dass ich im Begriff war, etwas zu tun, was ich normalerweise nie tat. Aber ich wusste nicht, ob es richtig war. Ich weiß es bis heute nicht. …

Die Nacht, in der ich verschwand
Autor: Wolfgang Kirschner
C. M. Brendle Verlag
ISBN 978-3-9810329-6-3
9,90

Bei Amazon.de
Die Nacht, in der ich verschwand

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Preisrätsel: 5 x Soren Preschers: Superior

Erstellt von Detlef Hedderich am 16. Juni 2009

Mein Name ist Michelle Doris Carda und ich bin sicher, Sie haben schon einmal von mir gehört. Das glauben Sie nicht? Doch, ich bin mir sogar sicher, dass Sie mein Gesicht sofort erkennen würden, wenn ich Ihnen ein Foto von mir zeigen würde.

Vor einigen Jahren gab es eine Zeit, da war ich auf dem Titelbild jeder Zeitung. Eigentlich wollte ich nicht ins Licht der Öffentlichkeit und auf keinen Fall wollte ich das Thema für eine dicke Schlagzeile auf Seite Eins liefern. Ich habe es trotzdem getan.

Geben Sie zu, jetzt glauben Sie, meinen Namen schon einmal gehört zu haben.

Superior

Michelle erzählt die Geschichte ihrer großen Liebe, die wenige Jahre danach in einem blutigen Drama endet. Als sie Jonas begegnet ist sie 17 Jahre alt und Schülerin. Er ist ein Jahr älter und steht kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung zum Mechaniker. Heimlich träumt er jedoch von einer Karriere als Star auf den Bühnen dieser Welt.


Beklemmend real schildert der Autor Sören Prescher die Geschichte des jungen Paares und vor allem die Entwicklung von Michelle. Man begleitet sie, kennt bald jeden ihrer Gedanken, man fühlt das drohende Grauen, ahnt den Abgrund und weiß doch: Es gibt kein Entkommen.

Preisrätsel: 5 x Superior:

Um ein Exemplar in die Finger zu bekommen, sind nur wenige Schritte zu gehen. Wir möchten einfach nur wissen, wie alt die Protagonistin zu Beginn der Romanhandlung ist.

BITTE LÖSUNGEN ZUSENDEN AN: gewinnspiele (at) sfbasar.de
Das (at) bitte durch @ ersetzen (Spamschutz), Danke.

Im Betreff-Feld bitte “Preisrätsel Superior” angeben. Achtung: Diese E-Mail-Adresse gilt *nur* für Lösungen zum Bücherpreisrätsel.

Sobald 20 E-Mails mit richtiger Antwort vorliegen, werden die Gewinnexemplare unter diesen Einsendern verlost.

Bitte neben der Lösung auch die eigene Postanschrift nicht vergessen!

(Es nehmen nur Mitspieler teil, die Ihre Lösung plus komplette Postanschrift an diese E-Mail-Adresse mailen; Zusendungen an andere E-Mailadressen von sfbasar.de nehmen NICHT teil!) Gewonnen haben: Annette Brenner, Britta Gutowski, Anje  Hofstätter, Frank Kranetzki und Samir Engele-Hafner, herzlichen Glückwunsch!


ISBN  978-3-9810329-9-4
EUR   14,90

Titel bei Amazon.de
Superior

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Preisrätsel: 5 x Die Roccos: Verwandte und andere Katastrophen

Erstellt von Detlef Hedderich am 10. Juni 2009

Preisrätsel: 5 x Die Roccos: Verwandte und andere Katastrophen

Francesca rümpfte die Nase, als sie die Schnitzel in der Pfanne sah, enthielt sich jedoch nach einem Blick auf das Gesicht ihrer Mutter eines Kommentars. Cristina rief: »Was, nur eines für jeden? Das reicht mir nicht, ich habe Hunger!«, Fabio jubelte vor Freude.

Während Ulla sich wortlos zur Pfanne umdrehte und sich mit der Beschwörungsformel: »Ganz ruhig, bleiben, Ulla, es dauert höchstens noch 20 Jahre, dann bist du sie alle los« zu beruhigen versuchte, hörte sie schon Francesca zu ihren Geschwistern sagen: »Jetzt redet sie schon mit den Schnitzeln, ich glaube es einfach nicht!«

Lachend, dann wieder sich die Haare raufend, bewältigt Ulla ihren Job und den alltäglichen Wahnsinn in einem Haushalt mit zwei pubertierenden Töchtern, dem kleinen Kronprinzen Fabio und ihrem sizilianischen Ehemann. Als das Fest der Liebe naht und sich die sizilianische Schwiegermutter nebst Ehemann und Sohn ankündigt, um das Regiment im schwäbisch/italienischen Haushalt der Familie Rocco an sich zu reißen, da prallen Welten aufeinander, Linsen auf Spaghetti, Espresso auf Obstler, denn auch der schwäbischen Verwandtschaft mangelt es nicht an Temperament.

Die Aufgabe zum Preisrätsel 5 x je ein Titel:

Dazu einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte “Preisrätsel Die Roccos” angeben): An welchem Ort bginnt die Handlung des Romans? Die 5 Gewinner lauten: Richard Specht, Bernhard Becker, Dietmar Silbereisen, Herbert Schorrmann, Victor Krenz.

ISBN  978-3-9810329-7-0
EUR   12,50
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Die Roccos: Verwandte und andere Katastrophen

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Outdoor-Preisrätsel auf www.brendle-verlag.de

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. April 2009

Outdoor-Preisrätsel

Hoppla, da sind beim Frühjahrsputz im C. M. Brendle Verlag einige Inhaltsangaben durcheinander geraten. Welche Titel sind im unten stehenden Text durcheinander geraten?

Als in einer Zeitungsanzeige junge Gesangstalente zu einem Casting aufgerufen werden, da prallen Welten aufeinander, Espresso auf Obstler, Linsen auf Spaghetti und die sizilianische Schwiegermutter. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Piet Proll, der sich selbst schon oft gefragt hat, warum Männer plötzlich verschwinden, ist auf einmal weg. Er wollte nur Zigaretten holen. Es war eines der Vorhaben, das er schon lange plante. Er weiß, wenn er diesen Weg gehen will, dann jetzt. Am 29. März bricht er in Begleitung seiner Partnerin auf nach Roncesvalles. Es ist sein 39. Geburtstag. Er wandert, sie fährt voraus. Doch dann verliert sich seine Spur. Doch dann erscheinen Bilder in Zeitungen. Sie zeigen ihn als Star auf den Bühnen dieser Welt. Sie wäscht und trocknet die Pilgerkleidung. Lachend, dann wieder sich die Haare raufen, bewältigt Ulla ihren Job. …

Christine Brendle
C. M. Brendle Verlag
Auf der Stelle 37
72461 Albstadt
info@brendle-verlag.de

Die ersten fünf Teilnehmer, die das Rätsel auflösen, erhalten eines der beteiligten Bücher kostenlos.

Hinweise finden Sie auf der Homepage des Verlages:

www.brendle-verlag.de

(bitte Adresse nicht vergessen und den gewünschten Titel nennen).

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