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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 3 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Januar 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 3

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

>> Zu Kapitel 2 <<

Lovisa starrte angestrengt aus dem Panoramafenster der SKUNKALLA. Sie hielt das Steuerrad so fest umklammert, dass ihre Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Bernard saß abseits an dem großen Sensorbildschirm und beobachtete kleine Objekte, die planlos durch den Weltraum trieben. Kleine Felsen, Bauteile von Handelsfrachtern, sogar die ausgebrannte Hülle eines Kriegsschiffs waren zu sehen.

Schweiß stand auf Lovisas Stirn. Sie konzentrierte sich vollständig auf das Manöver und wich im letzten Augenblick einer riesigen, frei in der Schwerelosigkeit schwebenden Statue eines Elefanten aus.

“Von Steuerbord kommt ein weiteres Objekt auf uns zu.”, meldete Bernard. “Es sieht aus wie …” Bernard stockte kurz und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. “Es sieht aus wie eine Kutsche.”

Lovisa reagierte sofort und schob das Steuerrad nach vorne, um unter dem Objekt hinwegzutauchen. Kurz erhaschte sie einen Blick auf das Objekt. “Ein Auto.”, murmelte sie und drehte dann das Steuerrad mit einem heftigen Schwung nach links. Die SKUNKALLA vollführte beinahe eine Rolle, doch Dank der Trägheitsdämpfer und der künstlichen Schwerkraft war davon im Inneren des Raumschiffs nichts zu spüren.

Morle huschte über einen der Monitore. “Mein Scan zeigt das Ende des Trümmerfeld an. Die ANDORRA sollte gleich vor uns auftauchen.”

Tatsächlich, da war sie, die Raumstation ANDORRA. Lovisas Pappa hatte die Station manchmal kurz erwähnt, sie aber nie zum Gespräch gemacht. Auch die Datenbank der SKUNKALLA enthielt nur spärliche Informationen, die zudem auch veraltet waren. Lovisa und Bernard wussten nur, dass es eine alte Handelsstation des Kaiserreichs war, die vor dreißig Jahren ein Privatmann kaufte und vor dem Verfall rettete.

Die ANDORRA lag am Rande des Kaiserreichs und hatte innerhalb des Handelskartells keine große Bedeutung. Pappa hatte einmal gesagt, dass sich niemand um ANDORRA scheren würde, denn dort würde nur Dreck gehandelt. Erst viel später verstand Lovisa, dass mit dem Wort “Dreck” kein Erdreich gemeint war. Sie lächelte traurig bei dem Gedanken daran. Damals war der Weltraum noch in Ordnung gewesen.

“Vorsicht!”

Bernards Stimme riss Lovisa aus ihren Erinnerungen. Erschrocken sah sie einen großen Felsbrocken auf das Panoramafenster zufliegen und zog am Steuerrad. Die SKUNKALLA zog die Nase hoch, aber zu spät. Ein metallisches, reißendes Geräusch drang durchs Schiff und ließ alle Erschauern. Lovisa bekam ganz weiche Knie und glaubt kurz, sie müsse sich setzen. Doch das Aufleuchten der Notbeleuchtung blieb aus.

Stattdessen gab Morle Entwarnung. “Ein breiter Riss in der Außenhülle. Die interne Struktur ist intakt. Kein Verlust von Sauerstoff. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Ich empfehle eine Reparatur beim nächsten Halt.” Die künstliche Katze wechselte den Bildschirm und tauchte nun auf Bernards Sensorbildschirm auf. Mit einer ihrer virtuellen Tatzen schnappte sie nach dem Symbol des Felsen, der nun hinter der SKUNKALLA wegtrudelte. Es hatte keine Auswirkung und schmollend zog sich Morle wieder auf ihren eigenen Bildschirm zurück. “Ich empfehle auch den Kauf eines Korbs mit virtuellen Wollknäueln.”

Lovisa lächelte erleichtert. Der Schaden war geringer als sie zuerst dachte. “Falls es virtuelle Wolle gibt, bringe ich dir etwas mit.” Inmitten der Dunkelheit des Weltraums tauchte plötzlich die Raumstation auf. Sie hatten das Trümmerfeld durchflogen, dass die ANDORRA umgab. Endlich.

Die Station war im Vergleich zur SKUNKALLA riesig und ihre zehn Andockpylone ragten in den Weltraum hinaus. Die ANDORRA hatte eine Sternenform, wie Lovisa feststellte. Und sie war gut besucht. Sechs kleine Frachter und Kurierschiffe hatten angedockt. Aber kein einziges großes Schiff. Zudem waren fast alle Raumschiffe in einem schäbigen Zustand und zeigten keinerlei Markierung, von der aus auf die Herkunft oder Zugehörigkeit des Raumschiffs geschlossen werden konnte.

Auch die Station war in einem schlechten Zustand. Die meisten der Positionslichter waren tot oder flackerten wild umher. Einige der Pylone waren zerstört und somit unbrauchbar. Obwohl so viele Schiffe angedockt waren, schien kein Betrieb zu herrschen. Die ANDORRA machte einen gespenstischen Eindruck auf Lovisa. Sie blickte kurz zu Bernard hinüber, doch der Vampyrjunge wirkte mehr neugierig als verängstigt. Das machte auch Lovisa Mut.

Normalerweise nahmen die Stationen Kontakt zu sich annähernden Schiffen auf. Doch die Kommunikation blieb still. Also ergriff Lovisa die Initiative und aktivierte das Kommunikationsterminal. Es rauschte und knackte, dann meldete sich eine verschlafene Männerstimme. Der Kommunikationsbildschirm blieb leer. “Hier ANDORRA? Wer da?”

“Raumhändler SKUNKALLA. Ich übertrage ihnen unsere Daten und …”

Ein wildes Lachen knallte aus den Lautsprechern. “Schätzchen, spar dir das. Hier empfängt eh keiner eure Daten. Ich will nur wissen wer du bist. Hier legen nur Leute an die uns kennen oder die eine Empfehlung haben.”

Lovisa blickte ratlos zu Bernard. Der zuckte nur mit den Schultern. “Vielleicht solltest du Slim Jorgenson erwähnen?” Kaum hatte Bernard den Namen ausgesprochen, da fauchte Morle laut. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

“Morle, Negativeintrag über Slim löschen.” Das virtuelle Kätzchen mauzte schmollend, war dann aber ruhig.

“Slim? Slim Jorgenson?” kam es über die Lautsprecher und nun flackerte auch der Kommunikationsbildschirm auf. Das Bild rauschte zwar stark, blieb aber stabil. Ein dicker Mann war zu sehen, der in einem kleinen Büro saß. Er trug nur ein verschwitztes Unterhemd und kurze Hosen. Er grinste breit und entblößte dabei mehrere Zahnlücken. Ein großer goldener Nasenring wippte dabei auf und ab. “Sag das doch gleich, Schätzchen. Freunde von Slim sind auch meine Freunde. Folgt einfach dem Leitstrahl.” Das Bild erlosch.

“Freunde muss man haben.”, sagte Lovisa glücklich und begann mit dem Andockmanöver. Mit ruhiger Hand steuerte sie die SKUNKALLA auf den zugewiesenen Andockpylonen zu. Dabei kamen sie nahe an einigen der anderen Schiffe vorbei. Lovisa seufzte. Im Grunde passte die SKUNKALLA hierhin. Auch sie hatte überall Kratzer und Schrammen. Hoffentlich konnte Slim weiterhelfen.

Das Andockmanöver verlief problemlos und Lovisa war stolz auf sich. Aufgeregt schnappte sie sich ihren Säbel und rückte die Augenklappe zurecht. Sie wollte einen guten Eindruck hinterlassen. Bernard lächelte und schritt hinter ihr her zur Luftschleuse. “Du siehst gut aus, Lovisa. Diese Entschlossenheit passt zu dir.”

Lovisa lächelte und hoffte, dass Bernard ihre roten Ohren übersehen würde. Immerhin waren die gut unter Haaren und Hut versteckt. Aber einem Vampyr traute Lovisa derzeit alles zu. Auch, dass er rote Ohren bemerkte. Der Gedanke daran ließ sie nun auch um die Nasenspitze ein wenig glühen. Glücklicherweise erreichten sie die Luftschleuse und es galt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren.

Mit einem lauten Zischen öffnete sich das Schott. Vier muskelbepackte Kerle standen im Gang. Einer sah ungepflegter aus als der andere. Sie grinsten breit und tasteten Lovisa mit ihren Augen ab. “Hübsches Ding.”, sagte einer von ihnen und nickte dabei.

Bernard machte einen Schritt nach vorne und stellte sich zwischen Lovisa und den Kerl. “Das hübsche Ding ist Kapitänin Lovisa, Kommandantin der SKUNKALLA.” Der Vampyrjunge dachte kurz nach, dann fügte er lächelnd hinzu: “Und die amtierende Sternenbraut.”

Die Männer sahen sich gegenseitig an. Sie waren verwirrt. Einer von ihnen richtete einen Handscanner auf Bernard und schlug dann mit der flachen Hand auf das Gerät. Es gab keinen Pieps von sich. Der Redeführer spuckte auf den Boden. “Sternenbraut? Was ist denn das für ein Unsinn. Geh aus dem Weg und lass mich mal das Schätzchen betrachten.”

Der Kerl stieß mit seiner schwieligen Hand nach Bernard, um ihn aus dem Weg zu schubsen. Doch der Vamypr blieb einfach stehen. Keinen Millimeter rückte er von der Stelle, besah sich nur mit herablassender Miene die Stelle, an der ihn der Fremde berührt hatte. Der wagte einen zweiten, kräftigeren Versuch. Doch mit dem gleichen Ergebnis. Bernard rückte keine Haaresbreite weg.

Lovisa war beeindruckt von den Fähigkeiten des Vampyrjungen. Insgeheim freute sie sich, dass er sich als Beschützer vor sie gestellt hatte. Aber augenblicklich flammte in Lovisa auch etwas Zorn auf. Immerhin war sie eine Kapitänin und die amtierende Sternenbraut. Sie brauchte keinen Beschützer. Also griff sie nun ohne nachzudenken nach Bernards Schulter und drückte ihn weg, um freie Sicht zu haben.

Der Vampyr stolperte von der Wucht des überraschenden Griffs zur Seite und knallte schwer gegen die Wand des Gangs. “Entschuldigung, Kapitän”, murmelte er und rieb sich die Schulter. “Kommt nicht wieder vor.”

Erstaunt blickte der Redeführer der kleinen Truppe auf seine Hand, sah zu Bernard und dann zu Lovisa hinüber. Er schluckte schwer. “Wir sollen euch zum Kommandanten bringen. Wir zeigen euch den Weg.” Die vier Männer drehten sich um und schritten tuschelnd voran. Sie waren sichtlich verwirrt.

Während Morle die Luftschleuse zur SKUNKALLA schloss, schritten Bernard und Lovisa hinter ihrem Empfangskomitee her. “Was war denn das eben?” fragte Lovisa leise. “Der Kerl hat dich kein bisschen von der Stelle rücken können. Und er hat Muskeln wie ein Bär. Aber ich habe dich ganz leicht wegschubsen können.”

Bernard lächelte verlegen und blickte zu Boden. “Manchmal ist es gut Stärke zu demonstrieren.”, setzte er zu einer Erklärung an.

Lovisa unterbrach ihn. “Schon gut, ich habe verstanden. Die werden nun glauben ich sei noch stärker als du. Gut gemacht, mein Lieber.” Sie hauchte ihm schnell einen flüchtigen Kuss als Dank auf die Wange. Und hätten Bernards Ohren erröten können, sie würden in Flammen stehen.

Die kleine Gruppe trottete durch die Innereien der Raumstation. Die ANDORRA sah Innen kaum besser aus als Außen. Die Läden auf der Promenade waren allesamt geschlossen, doch es gab zwei Kneipen, aus denen laute Musik, raues Lachen und gelegentlich ein Schrei drangen. Überall waren Lampen defekt oder rosteten Streben und Platten vor sich hin. Oft hingen Leitungen aus der Decke oder ragten aus den Wänden, manchmal sprühten Funken aus ihren offenen Enden. Lovisa ahnte, warum ihr Pappa so wenig über ANDORRA gesprochen hatte. Die Raumstation musste eines jener Piratennester sein, die gut verborgen im Weltraum den miesesten Besatzungen Unterschlupf boten. Lovisa hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Und obwohl Bernard einen selbstsicheren Eindruck machte, erging es ihm ebenso.

Schließlich gelangten sie in ein kleines und schmutziges Büro. Hier saß der Mann, den Lovisa bereits auf dem Kommunikationsbildschirm gesehen hatte. Er sah nicht nur verschwitzt aus, sondern roch auch säuerlich. Das galt auch für sein Büro. Zudem mischte sich ein käsiger Duft dazu.

“Willkommen auf ANDORRA.”, eröffnete er das Gespräch. “Mein Name ist Lucius Bent. Ich bin der Besitzer und Manager dieser wunderbaren Raumstation. Und erfreut, eure Bekanntschaft zu machen. Ihr seid Freunde von Slim, wenn ich das richtig verstanden habe?”

Lovisa nickte unsicher, während sich ihre vier Begleiter hinter Bent stellten. Einer flüsterte seinem Boss etwas ins Ohr und der Dicke kniff nachdenklich die Augen zusammen. “Ihr habt bei meinen Leuten Eindruck hinterlassen. Das gelingt nur den wenigstens.” Lucius öffnete die Schublade seines Schreibtisches und holte ein dickes Käsebrot hervor. “Möchtet ihr auch etwas?”

Schnell schüttelte Lovisa den Kopf. Sie wollte alles, nur kein Käsebrot. Vor allem nicht von diesem Mann, der sie innerlich anwiderte. “Wo finden wir Slim?” fragte sie, um das Gespräch zu einem schnellen Ende zu bringen.

“Er kümmert sich um die Technik auf meiner Station. Ein wahres Juwel, aber stets mit seinen Zahlungen hinterher. Ich denke als Freunde von Slim, werdet ihr gerne seinen Schulden begleichen.”

Bernard und Lovisa guckten verblüfft. Damit hatte keiner von beiden gerechnet. “Warum sollten wir?” empörte sich Lovisa. “Slim war mal Besatzungsmitglied der SKUNKALLA und ich will ihn nur besuchen. Für seine Schulden ist er alleine verantwortlich.”

“Auf meiner Raumstation gilt, dass Freunde füreinander einstehen. Wir sind ein äußerst loyaler Haufen.” Lucius Bent biss in sein Käsebrot und grüne Kräutersoße rann an seinen Mundwinkeln herab, während er kaute. “Und das erwarte ich auch von unseren Besuchern. Oh, da wir schon mal dabei sind: Denkt bitte daran eure Liegegebühr zu bezahlen. Ich würde ungern euer Raumschiff beschlagnahmen.”

Lovisa keuchte auf. “Was? Aber …” Lucius Bent lachte und seine Männer grinsten. Lovsia blickte zu Bernard, der sie eindringlich anblickte und schwach den Kopf schüttelte. Obwohl die Sternenbraut den Vampyr erst seit kurzem kannte, wusste sie was er dachte: “Keinen Ärger. Nicht jetzt. Ruhe bewahren.”

“Schicken sie mir eine Aufstellung der Kosten auf die SKUNKALLA. Ich habe einige Waren dabei und bin mir sicher, dass wir uns einige werden. Kann ich nun zu Slim?”

“Natürlich.”, sagte Lucius Bent und winkte einen seiner Männer vor. “Zeig ihnen den Weg. Aber lass dir nicht auf der Nase herumtanzen.”

Der Mann sah zu Bernard und nickte bedächtig. Dann ging er mit gehörigem Abstand an Lovisa und den Vampyrjungen vorbei. “Kommt mit. Ist ein Stück. Slim lebt nahe am Zentrum. Hat er kürzer zu laufen, wenn es mal wieder brennt.”

Letztere Worte waren wohl ernst gemeint, denn auf dem Weg waren öfter Brandspurren und Schmauchflecken zu sehen. Die Raumstation hatte ihre besten Tage bereits hinter sich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie endgültig auseinanderfallen würde.

Nach einem gehörigen Fußmarsch und einer ordentlichen Kletterpartie über einige Leitern, standen Lovisa und Bernard in Slims Quartier. Der Mechaniker war noch unterwegs und sein Heim deswegen verwaist.

“Er kommt gleich zurück. Macht ein paar Reparaturen und gönnt sich einen ordentlichen Schluck, nehme ich mal an.”, erklärte Bents Mann. Er drehte sich ohne weitere Worte um und ging.

Slims Quartier war ein dreckiges, ölverschmiertes und nach Metall müffelndes Loch. Überall lagen Werkzeuge und Ersatzteile. Auf dem Boden standen einige Flaschen mit billigem Fusel und das Bett roch nach Alkohol. “Ich glaube es war ein Fehler, Slim zu suchen.”, sagte Lovisa kleinlaut. “Es scheint schlimmer als je zuvor.”

“Vielleicht.” Bernard machte einen Schritt in den Raum hinein und griff auf den Tisch. Mit seinem scharfen Blick hatte er etwas entdeckt und zog es nun unter einem schmierigen Tuch hervor. “Bist du das?”

Er reichte Lovisa ein Hologramm hinüber. Darauf waren Slim, ihr Pappa, ihre Mamma und Slim zu sehen. Sie winkten alle in die Kamera. Das lag lange zurück. Lovisa war noch ein kleines Mädchen mit Sommersprossen und Zöpfen. Das Hologramm war ein Jahr vor Nils’ Geburt aufgenommen worden.

Jemand räusperte sich leise. Lovisa und Bernard wirbelten herum. Ein kleiner, drahtiger Kerl stand in der Türe. Sein graues Haar war schütter, die Augen lagen tief in den dunklen Augenhöhlen und er trug einen dreckigen, nach Schnaps stinkenden Overall. Die Hände waren voller Maschinenfett, das er nun versuchte notdürftig an seinem Overall abzuwischen. “Lovisa?” kam es ihm ungläubig über die Lippen und Tränen flossen ihm plötzlich über die Wangen. Es war Slim Jorgenson. “Mädchen, Kleines, was machst du denn bloß hier?”

Der Schmutz, der Gestank und die vertrackte Situation waren Lovisa mit einem Mal egal. Slim stand vor ihr, der gute alte Slim. Er war gealtert, aber er war auch ein Stück Zuhause. Mit einem Satz flog sie ihm die Arme und riss ihn dabei beinahe zu Boden. Nur mit Mühe konnte sie sich von ihm losreißen.

“Lovisa, Liebes. Ich bin auch glücklich dich zu sehen. Aber was machst du hier? Wo ist die SKUNKALLA? Wo ist dein Pappa? Aber, was hast du denn?”

“O Slim, weißt du es denn nicht? Hat dir denn keiner davon berichtet?” Lovisa musste schluchzen und Slim nahm sie tröstend in den Arm. “Pappa und die anderen, sie sind alle tot. Nur ich und Nils leben noch. Aber Nils ist weg. Und ich habe die SKUNKALLA gestohlen. Und dann habe ich Bernard getroffen. Und ich wusste nicht was ich machen sollte.” Die Worte sprudelten nur so hervor und Slim lauschte Lovisa eindringlich. Mehr als einmal musste er sich die Tränen aus dem Gesicht wischen und drückte die kleine Sternenbraut tröstend an sich. Als Lovisa alles erzählt hatte, wischten sich beide die Tränen aus dem Gesicht.

“Ich habe deinem Pappa viel zu verdanken.” Slim sah auf das Hologramm. “War schon in Ordnung, dass er mich rausgeworfen hat. Ich habe viel Mist gebaut, Lovisa. Und viel gutzumachen.”

“Was hast du bloß mit diesem Lucius Bent zu schaffen?” wollte die Sternenbraut wissen. “Er ist ein widerlicher Kerl. Und er versucht uns hier festzusetzen.”

“Tut mir Leid, dass ihr in diesen Schlamassel geraten seit. Lucius ist ein fieser Kerl. Selbst wenn du zahlst, wird er mich nicht gehen lassen. Und dich auch nicht. ANDORRA war mal eine schöne und sichere Raumstation, aber Lucius hat sie gänzlich ruiniert. Und aus Angst vor dem was ihn zur Rechenschaft ziehen könnte, hat er dieses Trümmerfeld um die Station zusammengetragen. Ist billiger als jedes Schutzschild und verhindert, dass jemand auf die Idee kommt und in der Nähe der Station springen will. Die Trümmer würden in den Hyperraum hineingezogen und dabei jeden Antrieb in Stücke reißen.”

Bernard dachte nach. “Gibt es denn keine Möglichkeit ungesehen an Bord der SKUNKALLA zu kommen und von hier zu verschwinden?”

Slim lachte heißer auf. “Mein Junge, ich bin Lucius kleines Goldstück. Er braucht mich, um die ANDORRA am laufen zu halten. Ohne mich fällt hier alles auseinander. Deswegen lässt er mich ständig beobachten und macht Stichproben. Aber er unterschätzt mich.” Der alte Mann zwinkerte den beiden zu. “Ich heuere gerne wieder auf der SKUNKALLA an. Falls du mich noch willst, Lovisa. Durch deinen Pappa, da musste ich nachdenken. War ein schwerer Schlag für mich, aber dadurch habe ich mein Leben geändert.”

Lovisa sah sich skeptisch in dem kleinen Quartier um und zeigte auf die Schnapsflaschen. “Ich glaube du trinkst noch immer zu viel, Slim.”

“Ha, das sieht nur so aus. Ich spiele Lucius und seinen Leuten was vor. Die sollen mich unterschätzen. Ich habe seit Jahren keinen Tropfen mehr angerührt. Mein Ehrenwort. Ich gebe zu, sich einen Tropfen zu genehmigen klingt verlockend. Aber ich tu es nicht. Keinen einzigen Schluck mehr. Ist schwer, aber ich halte durch.”

“Slim, ich glaube dir.”, erklärte Lovisa und umarmte den alten Mann herzlich. “Willkommen an Bord.”

“Weiß gar nicht, was ich da sagen soll.” Slim lächelte glücklich. “Na ja, bist ja jetzt mein Käptn. Mein kleines Mädchen wird erwachsen.”

Lovisa sah verlegen auf den Boden. “Mensch, Slim. Die Zeiten haben sich geändert.”

“Freunde, ich will uns die Stimmung nicht verderben, aber wir brauchen einen Plan.” Bernard sah die beiden eindringlich an. “Und zwar einen guten Plan.”

Slim nickte. “Ich denke, ich weiß da etwas. Ist eine riskante Sache und wir müssen ziemlich schnell sein. Ich habe ein paar der Sensoren manipuliert und kann uns durch die Station schleusen. Dann auf die SKUNKALLA und weg von der ANDORRA. Gibt aber ein Problem. Ich muss ungesehen in den Kontrollraum und dort von Hand die Andockvorrichtung lösen. Sind aber überall weitere Sensoren und Kameras. Einige von denen funktionieren noch. Weiß nicht, ob ich das schaffe. Das Alter steckt mir in den Knochen.”

“Ich mache das.”, erklärte Bernard. “Ich muss nur wissen wo der Kontrollraum ist und wie ich die Andockvorrichtung lösen kann.”

“Bist du dir sicher?” fragte Slim, beeindruckt von Bernards Mut. “Ist keine leichte Sache. Musst den Kameras ausweichen und versuchen die Sensoren zu umgehen.”

Lovisa kicherte. “Keine Angst. Bernard ist Spezialist in solchen Sachen.”

“In Ordnung. Dann hör mir gut zu und versuch dir alles zu merken.” Slim nahm ein Datenpad vom Tisch und begann Bernard den Plan genau zu erklären. Er packte zwei Taschen mit Werkzeug, nahm Lovisa bei der Hand und die beiden verschwanden in den Tiefen der Station. Der Vampyrjunge sah den beiden nach, dann machte er sich auf den Weg.

Kameras und Sensoren waren für ihn kein Problem. Das hatte er bereits auf der SKUNKALLA eindrucksvoll bewiesen. Für die Technik war es sozusagen unsichtbar. Er musste nur darauf achten, dass ihn keiner von Lucius Leuten sah. Dank Bernards übermenschlichen Reflexen blieb er stets vor einer Entdeckung verborgen und stand schlussendlich vor der Türe des Kontrollraums.

Wie Slim erwartet hatte, war keiner von Lucius Leuten da. Aber die Türe war verschlossen. Bernard sah sich vorsichtig um, dann packte er den Griff und zog sie mit Gewalt auf. Zischend gab die Türe schlussendlich nach. Schnell huschte der Vampyr in den Raum hinein und suchte das Kontrollpanel, das ihm Slim beschrieben hatte. Auf einem der Monitore sah er die SKUNKALLA.

Sobald er die Andockvorrichtung gelöst hatte, war die SKUNKALLA frei. Lovisa würde das Raumschiff solange in Position halten, bis er in der Luftschleuse war. Dann galt es in einem geschickten Manöver abzulegen und ins Trümmerfeld zu fliegen. Immer auf der Flucht, dachte Bernard. Arme Lovisa.

Die Andockvorrichtung war gelöst und Bernard huschte aus dem Kontrollraum. Er machte sich auf den weg zur SKUNKALLA. Da hört er Stimmen aus einem der Räume seitlich des Gangs. Eine gehörte Lucius Bent, die andere war ihm unbekannt. Sie klang verkratzt. Scheinbar ein Kommunikationsgerät. Lautlos schlich sich Bernard an die halboffene Türe.

Es war tatsächlich Lucius, der vor einem alten Kommunikationsgerät stand. “Doch, ich schwöre es, Major. Der Junge taucht auf keinem Sensor auf. Kein Scanner kann ihn erfassen. Und mein bester Mann hat Angst vor dem Knaben. Und das Mädchen ist von der gleichen Art. Plötzlich haben die Sensoren auch sie verloren. Und meine Leute haben mir berichtet, dass sie auch unbeschreiblich stark ist.”

Nun sprach die andere Stimme, die eindeutig einer Frau gehörte. “Ich warne sie, Bent. Wenn sie lügen, dann schießen wir ihre Station aus dem All. Denken sie an unser Abkommen. Gouverneur Tailleur kann sehr wütend werden. Wir lassen sie in Ruhe, dafür liefern sie uns die Piratenbosse aus. In diesem Fall die kleine Göre und ihren Freund.”

“Ich hatte ja keine Ahnung, dass die beiden so gefährlich sind.” Lucius Bent schnappte nach Luft. “Wie schnell können sie hier sein?”

“Eine Stunde. Halten sie die beiden solange fest. Sie erhalten den üblichen Lohn.”

Bernard hatte genug gehört. Leise huschte er weiter bis zur Andockschleuse. Hier war niemand. Er gab den vereinbarten Code ein und zischend öffnete sich das Schott. Schnell schloss er die Schleuse wieder und rannte auf die Brücke. Lovisa stand bereits am Steuerrad. Sie war froh Bernard unverletzt wiederzusehen.

“Wir müssen los!” rief er aus. “Lucius hat uns an Tailleur verraten. In einer Stunde sind sie erst da, aber ich wette Lucius sucht uns bereits. Er weiß, dass die Sensoren uns nicht mehr erfassen.”

Lovisa guckte grimmig. “Verschwinden wir von hier.” Die SKUNKALLA löste sich sanft vom Andockpylon und schwebte ein kleines Stück von der Raumstation weg. Nun beschleunigte die Sternenbraut das Raumschiff und hielt auf das Trümmerfeld zu. “Slim ist im Maschinenraum. Er und Morle kümmern sich um den Antrieb und behalten den Schaden an der Außenhülle im Auge. Slim kennt auch einen Kurs durchs Trümmerfeld, der ziemlich frei von Trümmern ist. Sozusagen Lucius Fluchtkurs, falls mal etwas schief geht und er ANDORRA verlassen muss.”

Bernard blickte auf den Sensorschirm. “Die Raumstation lädt ihre Laserkanonen und richtet sie auf uns aus.” Seine Stimme klang besorgt. “Die werden schießen.”

“Tailleur will uns doch lebend.”, erklärte Lovisa, da blitzte auch schon der erste Lichtstrahl auf und sprengte einen der kleinen Felsen in die Luft. “Das hat er wohl vergessen diesem Bent zu sagen.”

Die SKUNKALLA beschleunigte und hielt auf eine Lücke im Trümmerfeld zu. Lovisa legte das Schiff seitlich und schrammte in das Feld hinein. Sie vertraute nun vollends auf Slims Angaben, ansonsten würde die SKUNKALLA mit den Trümmern kollidieren und sie alle sterben. Doch Slims Wissen um die ANDORRA und das Feld waren Gold wert. “Im Trümmerfeld sind wir sicher. Zu viele Objekte, um uns noch treffen zu können. Und sobald wir auf der anderen Seite heraus sind, können wir springen.”

Es gab weitere Laserblitze, die im Rücken der SKUNKALLA Felsen und Schrott in eine dampfende und zischende Masse verwandelte. Bernard schüttelte den Kopf. “Bents Leute haben hinter uns das Trümmerfeld in Bewegung gebracht. Der Eingang zur sicheren Strecke ist verschlossen. Bent wird sich wohl mit den Untergebenen des Gouverneurs unterhalten müssen.”

Lovisa atmete befreit auf. “Das ist seine Sache. Wir sind erst einmal in Sicherheit. Die Energie der SKUNKALLA reicht noch für einen letzten Sprung, dann muss das Schiff erst einmal gewartet werden.”

“Und wo springen wir hin?”

“Slim kennt glücklicherweise einige alte Sprungpunkte. Unter anderem eine alte Minenstation mit Raffinerie. Dort können wir uns erst einmal verstecken und neue Kraft schöpfen.”

“Aye, aye, Kapitän.”, rief Bernard fröhlich aus, während Lovisa die SKUNKALLA mit ruhiger Hand in Sicherheit steuerte.

ENDE

Copyright (c) 2012 by Miriam Kleve

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MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 29. Januar 2012

MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON

eine Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy

Niemand hatte mit dieser weißen Pracht gerechnet. Über Nacht waren die Temperaturen gefallen. Immer kälter wurde es, bis der Dauerregen der letzten Tage sich in feine, leichte Flocken verwandelte. Der Winter hatte sich klammheimlich heran geschlichen, gerade rechtzeitig um Danya ihren größten Weihnachtswunsch zu erfüllen.

Danya erwacht schlagartig, wissend, dass sich etwas Wunderbares ereignet hat. Sie reißt die Augen auf und es kribbelt schon in ihrer Nase.

Schnee!“ ruft sie laut und macht damit ihren Bruder wach, der sich grummelnd noch einmal in seinem Bett herum dreht.

Danya springt aus dem Bett und rennt zu dem Fenster hinüber. Überschwänglich reißt sie die hölzernen Läden auf und starrt in eine völlig verwandelte Landschaft hinaus. Noch immer rieselt der weiße Staub vom Himmel herab, bedeckt Häuser, Wege, Bäume und Wiesen.

Selbst die Wintersonne freut sich über das Weihnachtsgeschenk, dass die Nordwolken dem kleinen, vorwitzigen Mädchen gemacht hatten. Sie strahlt und spiegelt sich in den winzigen Schneekristallen und überall glitzert und funkelt es. Einer der Sonnenstrahlen trifft Danya neckend an der Nase, sodass sie niesen muss. Lachend ruft sie nochmal „Schnee!!“ und dreht sich zu ihrem Bruder um.

Sieh doch, Endres, alles ist weiß, als wäre der Hof voller Puderzucker!“

Nun ist es dem armen Kerl viel zu hell, um noch weiter schlafen zu können. Mühsam windet er sich aus seinem Bett, das Holz quietscht und die strohblonden Haare fallen ihm missmutig ins Gesicht. Er ist geblendet von dem Licht, dass durch die vollkomme weiße Fläche wieder und wieder gebrochen und reflektiert wird, bis es voller Enthusiasmus auf sein Gesicht trifft. Dort tanzen nun kleine, helle Pünktchen und spielen Fangen miteinander.

Schlaftrunken reibt er sich die Augen, die nur mühsam auf gehen wollen, bis er einen blinzelnden Blick aus dem Fenster wirft und staunt. Gestern war noch alles braun und schlammig gewesen, als er die Hühner in den Stall getrieben hatte.

Schnee…“ wiederholt er unbewusst die Worte seiner Schwester und bewundert andächtig, mit offenem Mund, die vollendet weiße Schönheit.

Währendessen schleicht sich seine Schwester Danya aus dem Zimmer und rast, schnell wie eine Schneewehe, aus dem Haus. Auf der anderen Seite des Fensters wartet sie darauf, dass Endres sich zeigt. Als er genauso klingt, wie sie selbst gerade, muss sie leise kichern. Erschrocken schlägt sie beide Hände vor den Mund. Verflixt, fast hätte sie sich verraten.

Im Schatten des Daches schleicht sie näher heran und unter ihren Füßen knirscht herrlich der Puderzuckerschnee. Mutter würde schimpfen, wenn sie jetzt hier wäre, denn Danya ist noch im Nachthemd und barfuß. Doch gleich werden sich die frostigen Nadelstiche in ihren Füßen lohnen.

Sie zielt sorgfältig.
Da ihr Bruder, immernoch hingerissen von dem unerwarteten Geschenk der Nordwolken, nichtsahnend am Fenster steht, kann sie sich damit Zeit lassen.

Platsch!

Der Schneeball ist nicht fest und zerschellt an dem dümmlich drein blickenden Gesicht ihres Bruders. Danya lässt sich rückwärts in den Schnee fallen und verschluckt sich an ihrem eigenen Lachen. Überschwänglich rudert sie mit ihren Armen und Beinen, wie ihre Mutter es ihnen vor Jahren gezeigt hatte, um einen Schneeengel zu machen.

Durch den Schnee hindurch hört sie ihren Bruder brüllen und lachen.

Na warte! Dir werde ich es zeigen, du Biest. Ich…
Doch die kleinen Schneebrocken in seiner Nase bringen ihn zum Niesen bevor er den Satz beenden kann.

Auch er hält sich nicht großartig mit Anziehen auf, denn schließlich kann man es sich als großer Bruder nicht leisten, sich so von seiner kleinen Schwester vorführen zu lassen.

Ich werde dich einseifen, bis dir der Schnee aus den Ohren rauskommt.“, brüllt er fröhlich von der Vordereite des Hauses, als er aus der Tür stürmt.

Na, da musste mich erstmal fangen.
Danya kichert und rappelt sich auf. Ohne zu überlegen rennt sie los, weg vom Haus, um dessen Ecke gerade ihr Bruder spurtet. Ihre Füße machen deutlich sichtbare Spuren in den Schnee. Immer wieder blickt sie über ihre Schulter zurück, um diese kleinen Unvollkommenheiten inmitten der Perfektion der Natur zu bewundern. Es ist einfach ein herrlicher Tag. Das beste, beste, beste, besteste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten, wie sie findet.

Bald schon ist Endres ihr knapp auf den Fersen, denn er ist schneller und wird von seinem Stolz angetrieben. Doch sie darf sich nicht von ihm fangen lassen, dies würde er ihr wieder ewig vorhalten, der große Bruder. Sie steht vor der Wahl: entweder am Fluss entlang und in einem weiten Bogen zurück zum Haus zu rennen, aber da wird er sie früher oder später einfangen oder über die umgefallene Eiche balancieren. Über den Fluss wird Endres ihr nicht folgen. Das weiß sie sicher, denn er hat Angst hinein zu fallen. Im Balancieren ist sie viel besser als er, viel besser sogar als die großen Jungen aus dem Dorf.

Langsam bemerkt Danya die Kälte und ihre Füße sind leuchtend rot im Kontrast zu dem grell weißen Schnee, aber sie will sich nicht die Blöße geben. Vorsichtig setzt sie einen Fuß auf die Eiche, die ebenso von den Wolken gepudert wurde, wie alles andere. Hinter sich hört sie ihren Bruder rufen und sie dreht herum, um ihn siegessicher anzulächeln.

Danya nicht!
In der Stimme von Endres klingt Angst und der Schreck verdrängt das zarte Rosa von seinen Wangen.

Der macht er sich doch nur Sorgen, dass er verliert, wenn er nicht hinterher kommt.“, murmelt sie und versucht sich zu überzeugen, dass ihren eigene Angst unnötig ist, obwohl es nicht leicht ist, auf dem rutschigen Holz zu stehen.

Endres bemührt sich Danya einzuholen, bevor sie zu weit auf dem Baumstumpf steht. Ihm ist ganz mulmig zumute. Es fühlt sich an, als hätte er einen dicken Eisklumpen verschluckt. Und es ist fürchterlich kalt. In seinen Füßen puckert und pocht es unzufrieden.

Er ist fast da.
Danya schluckt ihre Angst hinunter. Jetzt steht sie schon auf dem Baum, da wird sie es auch hinüber schaffen. Langsam hebt sie einen Fuß und setzt ihn ein bisschen weiter vorn vorsichtig wieder ab.

Na das ging doch ganz gut.
Noch einmal hebt sie einen Fuß, den anderen diesmal. Sie verlagert das Gewicht und “…Fuß wieder abstellen.”

Ha!“, ruft sie stolz, doch ihre Zähne klappern und sie bekommt kaum den Mund auf. Hände und Füße schmerzen, doch zurück ist nun genau so weit, wie das andere Ufer. Als ihre Knie zu schlottert beginnen, steigt Panik in ihr auf. Eine kleine Windböe reißt an ihrem Kleid und die Haare wehen ihr ins Gesicht.

Der wunderschöne Schnee ist jetzt nur noch eine Qual und die Eiche ist plötzlich erschreckend rutschig.

Endres? … … Endres! Ich...“
Ihre Stimme zittert, vor Entsetzen klingt sie so schrill wie klirrende Eiszapfen. Das Klappern ihrer Zähne macht es schwer sich zu konzentrieren. Über die Schulter hinweg sucht sie ängstlich ihren Bruder, doch sie kann ihn nicht sehen. Dabei verliert sie das Gleichgewicht.

Der Schrei seiner Schwester ist voller Grauen und Endres steht noch immer wie angewurzelt vor dem umgestürzten Baum. Das furchtbare Geräusch, als Danya auf das Wasser auftrifft und in den eisigen Fluten versinkt, befreit ihn aus seiner Starre. Das durfte unmöglich sein, das durfte nicht passieren.

Der Fluss ist nicht breit, aber es ist Danya nicht möglich darin zu stehen. An schwimmen ist bei der Kälte nicht zu denken. Die friesst sich in ihren Körper, in den Kopf und in ihr Herz.
ENDRES!“

Immer wieder taucht ihr Gesicht an der Oberfläche auf und Endres kann sie schreien hören. Sie ruft seinen Namen. Hektisch sucht er nach etwas, dass ihm helfen kann, sie aus dem Wasser zu ziehen. Doch der Schnee deckt alles zu. Während er zusieht, wie seine Schwester im Fluss mitgerissen wird, bleiben seine Tränen als Perlen in seinen Wimpern hängen.
So gerne würde er ihr helfen, sich zu ihr in das Wasser stürzen, aber seine Angst zu groß. Dabei sollte ein großer Bruder doch mutig sein.

Aus dem Winter-Wunderland ist schlagartig eine frostige Einöde geworden.

Danya!“
Eine junge Frau stürmt herbei und reißt Endres von dem gefährlichen Ufer zurück. Er hatte gar nicht bemerkt, wie nah er schon dem tödlich kalten Wasser gekommen ist.

Meine Güte, Endres!
Ihre tastenden Hände erkunden das Gesicht ihres kleinen Bruder, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut geht. Dann dreht sie ihn in Richtung Haus und gibt ihm einen Schubs.

Such Decken zusammen und leg Holz nach, so viel du kannst.
Sie ist schon weiter den Fluss entlang, während sie die Anweisungen gibt. Ihre Augen suchen hektisch nach den blonden Haaren der Kleinen, dem Nesthäcken der Familie.

Kleines, …

Die dunklen Haare der jungen Frau flattern im Wind und sie streicht sie sich hektisch aus dem Gesicht.
Du muss die Arme bewegen. Beweg dich! Hörst du?

Doch als sie Danya entdeckt, ist diese schrecklich blass und ihre Lippen haben eine unheilvolle Farbe. Die blauen Augen der jungen Frau blicken sorgenvoll in den Fluss. Vorne an der Biegung, könnte sie ins Wasser steigen, dort wäre es flach genug. Noch auf dem Weg dahin, wirft sie das Wolltuch und ihr Überkleid in den Schnee. Es kostet Überwindung in das klirrend kalte Wasser zu steigen. Wie tausende Stricknadeln, die ihr in die Beine geschlagen werden, fühlt es sich an. Im ersten Moment bleibt ihr einfach die Luft weg, wie ein Faustschlag schnürt ihr die Kälte den Brustkorb zu. Die Dunkelhaarige bemerkt kaum die Tränen, welche der Schmerz ihr in die Augen treibt.

Mit zitternden Händen greift sie nach dem Kind. Sie zerrt Danya an dem Nachthemd heraus aus dem Wasser. Es ist mühsam, aber sie schafft es und dabei muss sie unaufhörlich schluchzen.
Meine Kleine, sag etwas…  So sag doch etwas.

Aber es ist nur Stille und das Knischen des Schnees zu hören.

Die junge Frau reißt Danya mit zitternden Fingern das triefend nasse Nachthemd vom Körper. Der Stoff macht ein furchtbares Geräusch, als es zerreißt. Es klingt fast wie ein Schrei. Nun verflucht sie, dass sie ihren Umhang einige Schritt weiter fallen ließ. So muss sie Danya für kostbare Augenblicke im kalten Schnee liegen lassen. Mit jedem weiteren Wimpernschlag fließt das Leben aus dem kleinen Mädchen.

So schnell sie kann, wickelt sie das Wolltuch und das Überkleid um denn leblos wirkenden Körper und beginnt ihn mit steifen Fingern zu reiben. Sie selbst kann die Kälte bis in ihre Knochen spüren. Sie ist sich sicher, dass ihr nie wieder im Leben warm werden kann.

Sie dreht Danya zur Seite und versucht ihr das Wasser aus dem Magen zu drücken. Verzweifelt wirft sie einen Blick zurück zum Haus, denn dorthin muss sie das Kind bringen. Danya ist für sie viel zu schwer, um sie so weit zu tragen. Schluchzend beugt sie sich über die Kleine.

Du darfst jetzt nicht aufgeben. Hörst du mich?

Aber Danya atmet nicht, sie scheint schon jetzt wie eingefroren. Sanft berühren die Lippen der jungen Dunkelhaarigen die des Kindes.
Mein Atem für dein Leben.“, flüstert sie und verschließt Danyas Mund mit ihrem. Heißer Atem strömt in den jungen, leblosen Körper, denn das ist die einzige Möglichkeit Wärme in ihre Schwester zu bekommen. Immer wieder haucht sie Danya Leben ein, während ihre Tränen auf das bleiche Gesicht fallen. In ihren Ohren rauscht das Blut, als wäre sie noch immer in dem Fluss Es rauscht so laut, dass sie die schnellen Schritte hinter sich nicht hört.

Karin? Enders sagte…
Der junge, hochgewachsene Mann erstarrt in seiner Bewegung, als er Danya in den Armen der gemeinsamen Schwester sieht.

Ist sie?
Es ist unmöglich für ihn, die Frage zu beenden, die Worte zu sprechen, die er nichteinmal denken kann.

In diesem Augenblick beginnt das Kind zu husten und bäumt sich auf.

Danya… Atme!
Karin sieht auf.
Fass mit an, Arndt.
Sie greift erleichtert nach der Hand ihres Bruders.
Ich bin so froh, dass du da bist.

Bringen wir unsere kleine Danya nach Hause.
Mühelos hebt der junge Mann das hustende Kind hoch.
Und dich müssen wir auch ins Warme kriegen. Deine Haare sind gefroren.

Endres und die kleine Bine stehen schon Händchen haltend vor der Haustür und starren konzentriert auf ihre Geschwister, als wenn ihre Blicke sie schneller laufen lassen könnten.

Ein kleines Wölkchen hatte die großen Nordwolken überredet, der Sonne Platz zu machen. Wärmend streichelt die Sonne nun Danyas Gesicht und das Wölkchen flüstert Danyas Namen. Auch Marina kommt zur Tür und zieht sich das Wolltuch enger um die Schultern, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Kommt herein, oder wollt ihr euch erkälten?
Wie eine Glucke scheucht das große Mädchen die beiden anderen Kinder wieder hinein. Bevor auch sie zurück ins Haus geht, schaut sie für einen Moment besorgt auf die nahenden Umrisse vor der tief stehenden Sonne.

Was genau passiert war, konnte sie aus den wirren Erklärungen ihres kleinen Bruders, als dieser in das Haus gestürmt kam, nicht heraus hören. Doch dann hatte sie ihn in die Arme genommen und ihm beruhigend zugeflüstert. Danya war in den Fluss gefallen, das konnte sie aus dem Schluchzen entnehmen. Und aus den Augenwinkeln sah sie, wie Arndt war sofort los gerannt war, als er das hörte.

Das Feuer im Haus brennt hell und heiß und Claudia Marina will noch ein paar Decken mehr herbei holen. Dieser hinterhältige Fluss hatte schon einmal ein Opfer gefordert. Mit den selbst gestrickten Decken in der Hand verlieren sich ihre Gedanken in der Zeit. Erst das kektisches Treiben an der Tür schreckt sie auf.

Marina…“, beginnt Karin mit gebrochender Stimme.

Ist sie?
Das große Mädchen unterbricht ungeduldig ihre große Schwester und auch ihr fehlen die Worte, um die Frage zu beenden.

Die feste Stimme des jungen Mannes unterbricht die beiden Schwestern.
Nein.“

Mit großen Schritten geht er in den Wohnraum und legt Danya auf das provisorische Bett. Sein Blick ist verschlossen, er ist es nicht gewohnt seine Gefühle zu zeigen. Er zeigt mit verbissenem Gesicht auf den kleinen Stapel Holz neben dem Kamin und murmelt:
Ich geh Holz hacken.

Als er geht, lässt er zwei verdutzt blickende Schwestern im Haus zurück. Marina blickt in Karins erschöpftes Gesicht und bemerkt dann die Pfütze zu ihren Füßen.

Meine Güte, Liebes. Du bist tropfnass. Geh dich umziehen, ich kümmere mich um die Kleine.
Sie schiebt Karin in die Richtung ihres Zimmers, dann sieht sie sich suchend um. Bei all der Aufregung hat sie die anderen Kinder ganz vergessen. Endres und Bine hocken aneinander geklammert und verstört in der Ecke des Zimmers. Sie breitet die Arme aus und schluchzend stürmen die beiden auf sie zu.

Schhhh… schhhh… ist ja gut.
Sie hockt sich hin und sieht ihnen ins Gesicht. Zärtlich streichelt sie den beiden über die geröteten Wangen.
Geht zu Danya und rubbelt ihr die Haare trocken, macht ihr das für mich? Ich koch uns inzwischen einen schönen heißen Tee.

Mit Honig?“, fragen beide im Duett.

Marina nickt und ein Lächeln erhellt die kleinen Gesichter. Schnell wuseln sie hinüber zu ihrer Schwester, froh endlich helfen zu können. Marina erhebt sich müde. In der Küche stellt sie Wasser für den Tee auf das Herdfeuer. Diese Handbewegungen sind vielfach wiederholt, sie kann sie im Schlaf und ihre Gedanken haben Zeit für Tagträumereien. Für einen Moment lehnt sie sich gegen die Wand und schließt die Augen. Sie lauscht dem Geplapper der Kleinen und hört auf das Schlagen der Axt, Karins leises Weinen und das Schlagen ihres eigenen Herzens. Als sie das Blubbern des Wassers hört, holt sie noch einmal tief Atem
Steh mir bei, Mama… mach, dass sich unsere kleine Danya wieder erholt.

Auf einem großen Tablett stellt sie die dampfenden Tassen und ein wenig Gebäck. Das Rascheln des Gebäckbeutels lockt Nini hervor. Die kleine, flinke Hausmaus fiepst fröhlich und ihre Knopfaugen hängen an den buttrig, süßen Knabbereien. Schmunzelnd reicht Marina ihr einen besonders großen Krümel herunter und trägt das Tablett dann in die Stube.

Karin ist zurück und sie streichelt Danyas Kopf, der in ihrem Schoß liegt.

Bine hat Danyas Lieblingspuppe aus dem Schlafzimmer der Kinder geholt.
Eine kleine Stoffpuppe mit großen weißen Flügeln, weshalb sie von Danya „Flügelchen“ genannt wurde. Im Sommer war sie immer mit ihr über die Wiesen gewirbelt. Nini war schon vor geeilt und krabbelt gerade an dem Deckenhaufen hinauf. Das kluge Hausmäuschen trippelt hektisch zu dem roten Gesicht Danyas und rubbelt die kleine Schnauze an ihrer Wange. „Fiiieps“, betroffen rollt sich Bini auf der sich kaum bewegenden Brust zusammen.

Marina stellt das Tablett ab und gibt jedem eine heiße, süße Tasse Tee. Schweigend legt sie ihrer großen Schwester die Hand auf die Schulter. Beide lächeln sich aufmunternd zu. Während Karin dem fiebrigen Kind immer wieder über die Stirn streichelt, legt ihr Marina eine ihrer selbst gestrickten Decke über die Schulter. Die hatte Mutter noch mit ihr zusammen gestrickt. Beide an verschiedenen Seiten und immer wenn sie sich in der Mitte trafen, hatten sie die Nasen aneinander gerieben und fröhlich gelacht. Marinas Kichern scheucht Karin aus düsteren Gedanken auf.
Woran denkst du? Ich glaube, ich könnte auch ein wenig Frohsinn gebrauchen.

Marina streichelt mit den Fingerspitzen über die weiche, braune Wolldecke.
„Ich dachte an Mama und wie viel wir gelacht haben, als wir diese Decke zusammen strickten.“

Eine schöne Erinnerung.
Beide nicken, das Lächeln auf ihren Gesichtern schon etwas tiefer. Karin widmet sich wieder der kleinen Danya und Marina nimmt den Geschwistern Endres und Kubine die Tassen aus den Händen. Beide liegen zusammen gerollt, wie die Ninimaus, neben Danya und schnarchen ganz ganz leise, auch genau so wie die Ninimaus. Sie sind so zerbrechlich und so voller Leben.

Marina holt noch ein paar Decken. Wie gut, dass sie so gerne strickt. Und Arndt hatte sie immer belächelt, wenn sie an dunklen Winterabenden am Kamin gesessen hatte und neben dem Knistern des Feuers nur noch das Klappern der Stricknadeln zu hören war.

Arndt!“, murmelt das Mädchen. Schnell deckt sie ihre jüngeren Geschwister zu und nimmt eine Tasse in die Hand. Eine Decke und warmer Tee würde auch dem großen Bruder gut tun, findet sie.

Karin sieht ihrer Schwester hinter her. Ihre Stimme ist leise und zärtlich, wie ihre Hand, die immer wieder die heiße Stirn kühlt.
Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon. Das hat Mutter immer gesagt, wenn einer von uns Kindern weinend zu ihr gelaufen kam, weil wir uns das Knie aufgeschlagen hatten oder Bauchschmerzen uns plagten. Dann küsste sie ganz sacht die schlimme Stelle und erzählte uns von Engeln, die über uns wachen und unsere Sorgen Stück für Stück aus unseren Herzen heraus holen. Sie binden sie an Federn ihrer Flügel und dann fliegen die Sorgen davon. Um so größer die Sorge, um so länger dauert es, aber Engel werden niemals müde und irgendwann kann man dann wieder lachen.“

Karin grübelt kurz, dann beginnt sie das alte Kinderlied zu singen, dass ihre Mutter immer mit ihnen gesungen hatte, damit sie zu weinen aufhörten. Es klappte jedes Mal.

„Engel Flügel schlagen leise,

klingen wie die schönste Weise.

streicheln sanft sie dein Gesicht,

mögen sie doch Tränen nicht.

Niemals sind die Engel weit,

schenken dir bald schöne Zeit.“

Karin lacht. Es war so lange her, dass sie dieses Lied gesungen hat.

Ein Flüstern erregt ihr Aufmerksamkeit. Danya bewegt die Lippen und kaum hörbar haucht sie den Refrain des Kinderliedes:
Danya hat die Augen aufgeschlagen.

„Mit den Flügeln der Zeit

fliegt die Traurigkeit davon.“

~~~

Copyright © 2009 by Simone Wilhelmy

Quelle Bilder: Chanelorn
Danke dir :)

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FAHRRADTOUR ZUM GOETHETURM – eine Kurzgeschichte von M.-Ellen Meyer

Erstellt von Meyer am 22. Januar 2012

FAHRRADTOUR ZUM GOETHETURM

eine

Kurzgeschichte

von

M.-Ellen Meyer

Es war Mitte der 60er Jahre. Ein heißer Sommer. Ich heiße Silvia und war 10 Jahre alt. Mein 8jähriger Bruder Ralph und ich wollten gerne mit unseren Fahrrädern, die wir von unserem Papa vor drei Wochen geschenkt bekommen hatten, zum Goetheturm in den Stadtwald fahren. Meine Mama schaute uns fragend an und meinte:

„Schön aber nur wenn Bärbel und Ingrid mitfahren!“

Die beiden Nachbarskinder aus dem 7. Stock waren nämlich schon 11 und 13 Jahre alt!

Wir willigten ein und so rief meine Mami dort an und fragte die Mutter der beiden Kinder. Die war sofort einverstanden, und so schaute Klaus, der Papa der beiden, nach den Rädern und pumpte die Reifen auf, stellte die Bremsen ein und schraubte noch dies und das daran fest. Unsere beiden Räder brauchten keine solche Inspektion denn unsere waren praktisch nigelnagelneu!

Als wir abfahrbereit waren gab uns Klaus noch ein wenig Geld, damit wir uns am Goetheturm etwas kaufen konnten, eine Limo oder so. Außerdem bekam Ingrid, die älteste von uns, einen Zettel mit den Telefonnummern von unseren beiden Familien und einige Groschen, die in diesem Zettel eingewickelt waren. Ingrid verstaute das Notfallpäckchen in die obere Tasche ihrer Latzhose. Klaus faltete noch eine Karte von Frankfurt auf, in der auch alle Radwege eingezeichnet waren, selbst die, die im Stadtwald zum Goetheturm führten. Die Karte steckte er in meine Fahrradtasche, die auf meinem Gepäckträger befestigt war, in der sich auch unsere Jacken befanden. Da mein Fahrrad das schnellste war und sogar eine Dreigangschaltung hatte, bekam ich die Aufgabe, unsere Sachen zu transportieren, worauf ich ein wenig stolz war.

Wir fuhren also zu viert  los und benutzen so gut wie immer einen Fahrradweg, auch wenn das manchmal einen Umweg bedeutete. An einigen Stellen fuhren mein Bruder und ich auch mal auf dem Gehweg und die beiden Mädchen auf der Strasse. Immerhin durften die beiden das, weil sie ja schon über 10 Jahre alt waren und mein Bruder und ich durften auf dem Gehweg fahren, weil wir noch nicht über 10 Jahre alt waren. Aber fast immer gab es einen Radweg und so schafften wir die Strecke bis zum Main auch in weniger als einer Stunde. Das war von Frankfurt Hausen bis dorthin für uns Kinder kein schlechter Schnitt.

Am Main machten wir eine kurze Pause und sahen uns die Maindampfer an, in die die Leute stiegen um dort Kaffe zu trinken und den Tag zu genießen. Wir fuhren schließlich über eine der Mainbrücken, welche weiß ich nicht mehr. Wir konnten aber von dort aus den Eisernen Steg sehen. Also waren wir ziemlich in der Mitte von Frankfurt.

Als wir auf der Sachenhäuser Seite angekommen waren, beobachteten wir einige Leute, die mit Tretbooten unterwegs waren und wir Kinder sprachen darüber, unsere Eltern zu fragen, ob wir das nicht auch mal machen könnten. In Sachsenhausen, das vor vielen Jahren in Konkurrenz zu Frankfurt stand und praktisch eine eigene Stadt war, waren die Häuser im Schnitt ziemlich klein zu denen auf der anderen Mainseite. Am niedlichsten waren die Häuser in Altsachsenhausen durch die wir unsere Räder bewegten, meist schiebend, denn hier waren die Straßen, passend zu den alten Häusern, noch alle mit Pflastersteinen versehen, worauf man sehr schlecht mit dem Fahrrad fahren konnte.

Nachdem wir die Altstadt hinter uns gelassen hatten, konnten wir schon den Henninger Turm sehen, der das höchste Gebäude in Frankfurt darstellte und dereinst ein Getreidesilo der Brauerei Henninger war. Diesen hatten wir schon mal mit unseren Elter und Oma und Opa besucht, waren sogar bis ganz oben auf der Aussichtsplattform gewesen. Das ist ganz schön hoch kann ich auch sagen, da bekommt man schnell Schwindelgefühle. Anschließend haben wir zusammen im Drehrestaurant Bockwürstchen und Florida Boy bekommen, was uns Kindern richtig gut gefallen hatte.

Als wir an der Strasse, die direkt zum Henninger Turm führt, angekommen waren, mußten wir wieder schieben, denn die Straße war einfach zu steil. Selbst mit meiner Dreigangschaltung wäre das sehr schwierig geworden. Doch ich konnte ja nicht einfach die anderen stehen lassen. Also hieß es wieder „schieben“…

Nachdem wir den Henninger Turm hinter uns gelassen hatten, hielten wir kurz an der Henninger Brauerei, wo einige Pferdekutschen standen, die große Pferdewagen mit Bierfässern zogen und wir Kinder freuten uns sehr, dass man uns erlaubte, einige der Tiere zu streicheln. Einer der Kutscher gab uns Zuckerwürfel, die wir den Pferden auf der flachen Hand hinhielten, die diese gierig wegfraßen und dabei unsere Handflächen ableckten, was fürchterlich kitzelte.

Schließlich ging es wieder leicht bergab und wir konnten schon den Stadtwald sehen. Als wir den Wald endlich erreicht hatten, waren wir schon ganz schön müde, aber im Wald waren die Wege sehr gut gepflastert und man konnte wunderbar radeln. Außerdem war es schön kühl und wir Kinder sangen einige Lieder und strampelten langsam in Richtung Goetheturm. Der Weg war auch toll mit Schildern ausgestattet und so mußten wir nicht mal in den Stadtplan schauen.

Endlich waren wir am Goetheturm angekommen und schoben unsere Räder in den Abstellplatz und schlossen alle vier mit unseren Schlössern zusammen. Da wir sehr durstig und auch hungrig waren, gingen wir zu dem Verkaufskios und bestellten uns Limo und Milky-Way, Mars und Bounty. Nachdem wir satt waren und die Flaschen abgegeben hatten und dafür das Pfandgeld zurück erhielten, waren wir so gestärkt, dass wir die vielen Treppen des Turm erstiegen und es so richtig spannend war dann von ganz oben auf den Stadtwald zu schauen.

Nachdem wir herabgestiegen waren und einige der Schaukeln und Karusselle ausprobiert hatten war es auch schon Zeit sich auf den Nachhauseweg zu machen. Wie schlossen unsere Räder auf und schauten uns zusammen im Stadtplan an, wie wir zurückfahren könnten, ohne den selben Weg wie hin zu nehmen. Wir versuchten uns den neuen Rückweg zu merken und radelten los. Als wir in den Weg einbogen, den wir noch nicht kannten, fiel uns auf, dass es ziemlich düster war, weil die Bäume hier wesentlich dichter standen als auf dem Hinweg.

Wir fuhren den Weg so lange entlang, bis wir auf einmal aus dem Wald heraus kamen und vor uns Felder waren mit irgendwelchem Bewuchs, den wir aber nicht kannten. Wir benutzen den Weg, der um den Wald herum führte und schließlich mußten wir uns eingestehen, dass wir uns verfahren hatten. Wir packten den Stadtplan aus und versuchten heraus zu finden, wo wir waren, aber das gelang uns irgendwie nicht.

So fuhren wir so lange um den Wald herum, bis es eine Abzweigung gab, die wieder in den Wald führte. Wir schauten uns an und beschlossen, diesen Weg zu versuchen. Irgendwie mußten wir ja zurück kommen. Als wir einige Meter zurückgelegt hatten, merkten wir, dass es inzwischen ziemlich dunkel geworden war. Wir fuhren daher etwas zügiger aber der Weg schien endlos und führte uns immer tiefer in den Wald, der inzwischen so dunkel war, dass wir unsere Lampen anschalteten.

Als wir irgendwann an einer Kreuzung ankamen, wußten wir nicht, welche Abzweigung wir nehmen sollten und so machte ich den Vorschlag, dass wir uns ja in zwei Gruppen aufteilen könnten, so dass wenigstens zwei von uns einen Rückweg fanden. Die anderen sahen mich entsetzt an und schüttelten nur den Kopf. So blieben wir also zusammen und auf dem Weg und ließen die Kreuzung hinter uns. Als dieser eine leichte Linkkurve machte, hielten wir an, denn in der Ferne sahen wir etwas im Düsteren am Wegesrand, das sich hin und her zu bewegen schien. So schoben wir vorsichtig unsere Räder darauf zu, doch plötzlich flatterte etwas ganz heftig von diesem Hindernis auf uns zu, so dass wir Kinder schreiend die Räder umdrehten und wie der Teufel zurückfuhren, bis wir atemlos wieder die Kreuzung erreicht hatten.

Mein Bruder Ralph war kreidebleich im Gesicht. Auch die beiden anderen Mädchen sahen nicht gerade glücklich aus. Und als Bärbel Ingrid fragte, ob das ein Waldgeist gewesen wäre, worauf diese nur ängstlich mit den Schultern zuckte, sah Ralph aus, als würde er gleich losheulen. Daher sagte ich zu ihnen: „Nein, Waldgeister gibt es nicht! Das waren bestimmt nur Vögel oder eine alte Plane, die im Wind flatterte!“

Wir einigten uns schließlich darauf, eine der Abzeigungen zu versuchen. Inzwischen war es ziemlich dunkel geworden, so dass wir schon sehr viel Angst hatten und bei jedem Knacken oder anderen Geräuschen fast vom Fahrrad fielen. Endlich schien es in der Ferne ein Licht zu geben und wir fuhren schneller. Als wir jedoch eine riesige Gestalt vor das Licht in der Ferne treten sahen, so das diese Licht verdeckte wurde, stoppten wir. Die Gestalt war nicht richtig zu erkennen, wurde aber von dem Licht in der Ferne von hinten beleuchtet. Sie war riesig und bewegte sich nicht, stand einfach nur da, als würde sie mitten auf dem Weg auf uns warten. Die Gestalt machte uns so eine Angst, das wir beschlossen, zurück zur Kreuzung zu fahren und die andere Abzweigung, die wir bisher her noch nicht versucht hatten, zu benutzen.

Als wir wieder an der Kreuzung angekommen waren, meinte mein Bruder, dass er ganz sicher sei, das dies ein Riese oder riesiger Waldgeist gewesen sei. Ich war inzwischen ebenfalls so verunsichert, dass ich ihm darauf nichts erwiderte. Die beiden Mädchen schauten ebenfalls ziemlich besorgt aus und schwiegen. Wir nahmen daraufhin die letzte Möglichkeit an der Kreuzung. Wenn das auch wieder nichts wurde, dann mußten wir den gesamten Weg zurück zum Turm und dort das Telefon benutzen, denn unsere Eltern waren sicherlich schon besorgt, dass wir noch nicht zurück waren von unserer Fahrradtour.

Wir fuhren also die andere Abzweigung und irgendwann kamen zwei Männer in Regenmänteln auf uns zu, die Taschenlampen in den Händen hielten. Auf der einen Seite waren wir froh, endlich wieder andere Menschen zu treffen, auf der anderen Seite sahen die Männer ziemlich unheimlich aus. Und als uns der größere von den beiden fragte: „Na, Ihr Kleinen, was macht Ihr denn noch so spät im Wald?“, da zitterten wir alle am ganzen Körper, denn der Kleinere von den Beiden leckte sich die Lippen mit einer Zunge, die fast schwarz war und wir bekamen es fürchterlich mit der Angst zu tun und Ralph fing sogar zu weinen an. Da kramte der Kleinere etwas aus seiner Tasche und hielt es meinem Bruder hin. Es war eine Laktritzschnecke, deshalb hatte der Mann also so eine schwarze Zunge!

Nach dem mein Bruder die Schnecke angenommen und ein Stück davon in den Mund geschoben hatte, holte der Größere von den beiden ein schmutziges Taschentuch aus seiner Tasche und wischte Ralph die Tränen vom Gesicht. Schließlich erklärten wir den Männern, die sich als Waldarbeiter herausstellten, dass wir uns verfahren hatten. Die Männer zeigten in die Richtung in die wir fuhren und meinten, dass nach 2 Kilometern ein Autoparkplatz mit einem Kiosk und einer Telefonzelle auf uns warten würde. Wir bedankten uns und fuhren so schnell wir konnten bis wir endlich die Straßenlaternen des Parkplatzes sehen konnten.

Als wir uns am Kiosk ein heißes Würstchen und eine Tasse heißen Kakao teilten, beschlossen wir, unsere Eltern von der Telefonzelle aus anzurufen. Als wir die Mutter der beiden Mädchen am Telefon hatten, war diese total aufgeregt und ließ sich von uns die Adresse von dem Parkplatz geben, die wir vom Kioskbesitzer erfragt hatten. Bärbel und Ingrids Mutter sagte, dass auch unsere Mutter schon mehrfach bei ihr angefragt habe, ob sie was von uns gehört hätte. Schließlich bedeutete die Mutter der Mädchen uns, dort am Parkplatz auszuharren, da uns  Klaus, der Papa der beiden Mädchen, mit seinem Fordtransitbus abholen würde, in den wir alle samt Fahrräder reinpassen würden. Wir waren sehr froh das zu hören, so dass wir nicht noch im Dunkeln durch Frankfurt irren mußten…

Copyright (c) 2012 by M.-Ellen Meyer

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The Spirit of Trees

Gespielt von Hageneder, Fred
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Der instrumentale Reigen zur Ehre zehn einheimischer Baumarten erscheint hiermit neu bei Earth Heart Music – im label-typischen Deluxe-Outfit (Karton statt Plastik) und endlich mit Booklet. Die Musik ist dieselbe – schön und entspannend wie seit dem ersten Erscheinen 2001.

Die Musik der CD, wie vom Autoren von »Der Geist der Bäume« und dem »Baum-Engel-Orakel« nicht anders zu erwarten, entspringt aus dessen sprudelnder Freude über unsere einheimischen Bäume und ihre Mythen und Geschichte. Das Album ist zehn Baumarten gewidmet, die in der spirituellen Geschichte Nordwesteuropas seit Jahrtausenden von großer Bedeutung sind.

Alle Kompositionen sind um die Harfe zentriert, die den Hörer in Dialogen mit Flöte, Geige oder Saxophon oder in Arrangements mit Streichquartett oder Perkussion und Kontrabaß bezaubert. Sämtliche Mitspieler bestechen durch großes Einfühlvermögen genauso wie durch ihre Virtuosität, die immer dem Ganzen dient: einer musikalischen und mystischen Reise, die besinnlich und rhythmisch zugleich ist, die voller Bewegung ist und doch eine tiefe Ruhe atmet.

Seit 1980 erforscht Fred Hageneder mit Hingabe die Bäume und Archäologie. Fred ist ein führender Autor auf dem Gebiet der Ethnobotanik und der kulturellen und spirituellen Bedeutung der Bäume.

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The Joy of Books

Erstellt von Günther Lietz am 20. Januar 2012

Abgelegt unter Allgemein, Film und TV, News, Youtube | 1 Kommentar »

DAS GNADENGESUCH – eine Bittschrift von Ariana Lazar

Erstellt von Ariana Lazar am 20. Januar 2012

DAS GNADENGESUCH

eine Bittschrift

von

Ariana Lazar

Durchlauchtigster Fürst!

Untertänigst erbitte ich Ihr Gehör für die Sache des Sonnenwirtes Christian Wolf. Demselben droht jetzt der Galgen, gleichwohl bitte ich Euch, in diesem Fall Gnade walten zu lassen.

Um dies zu vermögen, ist es indes von Belang, dass Ihr den Werdegang des Sonnenwirtes von einem unbescholtenen Mann zum Verbrecher und Mörder kennenlernt.

Der Mensch Christian Wolf ist nicht schlecht, aber ein unglückliches Schicksal haftet ihm von Kindheit an.

Christian Wolf ist Halbwaise und musste darum früh seiner Mutter in deren schlechtgehender Wirtschaft helfen. Da er zudem von der Natur mit einer schwächlichen Statur und einem unangenehmen Äußeren ausgestattet wurde, hatte er von klein auf die Hänseleien der anderen Kinder zu ertragen.

Wie mein Fürst sicher verstehen wird, war dies kein angenehmer Start ins Leben.

Wolf’s widerliches Äußeres versuchte dieser durch Witz und Frechheit bei seinen Schulkameraden wettzumachen, was ihm die Bewunderung der Jungen einbrachte. Die Mädchen jedoch fürchteten ihn, und er war ihnen aufgrund seiner Hässlichkeit zuwider.

Sicher könnt Ihr Euch vorstellen, wie dieser junge Mensch unter der Ablehnung des weiblichen Geschlechtes gelitten hat, warum er nichts unversucht ließ, diesem zu gefallen.

Er traf auf Hamchen, die sich zwar seinen Beteuerungen verschloss, aufgrund ihrer Armut jedoch nicht seinen Geschenken. Um ihr diese Geschenke machen zu können, suchte er aus Dummheit und Bequemlichkeit den scheinbar leichtesten Weg, die Wilddieberei.

Eure fürstliche Hoheit möge einem jungen Manne verzeihen, der seiner Liebsten zuliebe zum Wilddieb wurde. Möget Ihr es seinem jugendlichen Leichtsinn zugutehalten und ihn nicht zu hart beurteilen.

Nachdem der Jäger Robert, den die Eifersucht trieb, da er dasselbe Mädchen begehrte, Christian Wolf als Wilddieb überführt hatte, verlor dieser durch die strenge Gerechtigkeit das wenige Vermögen, das er noch besaß. Am meisten traf ihn aber der Verlust der Geliebten, und die Eifersucht nagte an ihm.

Drückende Not, Eifersucht und verletzter Stolz ließen ihn zum zweiten Mal zum Wilddieb werden.

Eure fürstliche Gnaden mögen bedenken, dass sich schon edlere Herren wegen einer Geliebten ins Unrecht setzten. Edlen Herren wird doch auch Verständnis zuteil, und so bitte ich um Verständnis für Christian Wolf, der Nachsicht bei Euch finden möge.

Doch vernehmt, wie die Geschichte weitergeht.

Der Jäger Robert entdeckte den Wilddieb zum zweiten Mal, und dieser erfuhr nun die ganze Härte des Gesetzes. Diesmal musste er für ein Jahr in das Gefängnis, denn er hatte keine Mittel mehr, sich freizukaufen.

Nach Verbüßung seiner Strafe kehrt er in seine Heimat zurück, um von nun an ein redliches Leben zu führen. Verzweifelt sucht er eine Stellung, um gegen Tagelohn zu arbeiten, doch niemand will ihn nehmen. Selbst sein letzter Versuch, die Stelle eines Schweinehirten zu bekommen, scheitert, da niemand mehr dem angeblichen Taugenichts Christian Wolf seine redlichen Absichten glauben will.

Enttäuscht und von der Not getrieben, denn seine Wirtschaft gehört den Gläubigern, wildert er zum dritten Mal. Wieder fällt er der Wachsamkeit des Jägers Robert zum Opfer.

Ihre fürstliche Gnaden beachte bitte den unbedingten Willen Wolfs zur Redlichkeit, sowie das Misstrauen und die Ablehnung seiner Mitmenschen, die dem Sonnenwirt keine Chance mehr auf ein redliches, arbeitsames Leben ließen.

Euer Gnaden mögen weiterhin geneigt den Gang der Ereignisse verfolgen.

Durch die folgende dreijährige Festungshaft wurde Christian Wolf ein anderer. Das enge Zusammensein mit Mördern und Schwerverbrechern färbte mit der Zeit auf ihn ab, sodass er einer von ihnen wurde. Aus dem verirrten Schaf wurde ein reißender Wolf.

Nach seiner Entlassung wollte in seiner Heimatstadt niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben, und so ging Christian Wolf wieder wildern. Diesmal aber auch aus Hass auf die Obrigkeit, die ihn in diese Lage gebracht hatte.

Groß war sein Hass auch auf den Jäger Robert, den er bei passender Gelegenheit erschoss.

Bei seiner anschließenden Flucht lernte er den Anführer einer Räuberbande kennen und wurde nach einiger Zeit selbst der Anführer der Bande, da er dort zum ersten Mal freudig aufgenommen und sogar geachtet wurde.

Sein Räuberdasein ekelt ihn bald und er erkennt, wie tief er gefallen ist. Von da an beseelt ihn der Wunsch, wieder rechtschaffen zu werden.

Euer durchlauchtigster Fürst erinnere sich höflichst an die an Eure Hoheit gerichteten Bittschriften des Christian Wolf, die seinen Wiedergutmachungswillen aufs Kräftigste bezeugen.

Auch sein freiwilliges Geständnis bei dem Oberamtmann zeugt von dem ehrlichen Willen, seinem Fürsten und seinem Land aufrichtig zu dienen.

So richte ich an Eure fürstliche Hoheit noch einmal die untertänigste Bitte, Gnade walten zu lassen im Falle des Christian Wolf.

Mit den hochachtungsvollsten und untertänigsten Grüßen verbleibt Euer

Adrian von Zantar

Copyright Text und Eingangsbild unter Titel © by Ariana Lazar 2012

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Erscheinungsdatum :      01.2012

Weltliteratur erleben – spannend, emotional und vielschichtig
Johann Christoph Friedrich von Schiller gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker. Lassen Sie sich mitreißen von den großen Dramen Schillers, die Geschichte geschrieben haben:

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DER HUND – Science Fiction Story von Ralf Boldt

Erstellt von Ralf Boldt am 18. Januar 2012

DER HUND

Science Fiction Story

von

Ralf Boldt

“Du  musst jetzt noch die Kerzen auspusten“, meinte die Mutter zu ihm. Heute war endlich der zehnte Geburtstag von Falko und der Tag begann wie in den letzten Jahren, soweit er sich erinnern konnte, mit der morgendlichen Bescherung in der Küche. Zusammen mit seinem Vater war auch schon „Happy Birthday“  gesungen worden und nun kam der große Augenblick: das Auspacken der Geschenke.

Charly, sein Hund – eine gut gelungene Mischung aus Shepherd und Border – war auch schon ganz aufgeregt. Er hechelte noch ein wenig mehr als sonst und stupste den Jungen mit seiner feuchten Nase an. Falko sollte sich doch endlich ans Öffnen der Pakete machen, denn der Hund liebte es, mit dem zerknüllten Geschenkpapier zu spielen, es zu zerreißen und die vielen kleinen Fetzen im ganzen Haus zu verteilen. Also tat Falko ihm den Gefallen, nahm das erste Päckchen, schüttelte es vorsichtig und entfernte das Papier. Das zusammengeknüllte Papier warf er auf den Küchenboden, wo Charly es sofort an sich nahm. Zwischen die Vorderpfoten geklemmt, begann er, es genüsslich zu zerfetzen. Für Falko war natürlich der Inhalt viel interessanter als das bunte Verpackungspapier und so öffnete er den kleinen Karton und zog ein blaues Halsband, an dem eine Hundeleine gleicher Farbe über einen Karabinerhaken befestigt war, heraus.

„Ein neues Halsband!“, freute sich Falko.

„Schau einmal Charly, das passt dir bestimmt und die Farbe ist auch die richtige.“

Falko freute sich immer, wenn er seinem Hund eine Freude machen konnte.

„Komm her, Charly. Lass es uns gleich anprobieren.“

Geduldig ließ sich der Hund das Halsband anlegen, schüttelte ich einmal, um das Fell wieder in die richtige Lage zu bringen und setzte sich brav neben den Stuhl. „Die Leine brauchen wir aber nicht.“ meinte Falko, denn sein Hund lief immer schön neben ihm her und kam sofort, wenn der Junge ihn rief.

„Du weißt doch, dass du ihn immer an die Leine nehmen sollst!“, ermahnte ihn seine Mutter, „Viele Menschen haben Angst vor so großen Hunden und wollen nicht angesprungen werden. Und er hat doch immer so dreckige Pfoten!“

Da war sie wieder, die ewige Diskussion. Charly sprang keine Fremden an. Doch das mit den dreckigen Pfoten war schon richtig, da hatte die Mutter Recht.

Falko hatte heute aber keine Lust auf Streitgespräche und meinte deshalb nur lakonisch:

„Ja. Mama, ich weiß das doch.“

Dann widmete er sich wieder den angenehmen Dingen seines Geburtstages zu und griff sich das nächste Paket. Schnell war auch dieses ziemlich große Geschenk ausgepackt und Charly freute sich über ein weiteres Stück Papier, an dem er seine freudige Zerstörungswut auslassen konnte.

Im Karton selbst befanden sich viele kleine Pakete und durchsichtige Tüten mit kleinen Seilen und vielen anderen Teilen. Doch Falko wusste sofort, was es mit dem Geschenk auf sich hatte. Es war der originalgetreue Bausatz der Burgberg-Seilbahn.

„Und es ist sogar ein richtig funktionierender Dampfgenerator dabei“, meinte sein Vater stolz.

Der Vater von Falko war nämlich Betriebsingenieur bei der „Harzburger Seilbahn Gesellschaft“ und zuständig für den sicheren Betrieb dieses dampfbetriebenen Beförderungsmittels. Schon oft hatten Falko und Charly ihn auf der Arbeitsstelle besuchen können und mit großen Augen den riesigen Generator bestaunt. Mehrfach waren der Junge und sein Hund auch in eine der kleinen Gondeln gestiegen und auf den Großen Burgberg gefahren. Aber nur, wenn wenige Touristen auf den Berg fahren wollten. Dann sind der Vater, Charly und Falko ganz alleine in eine Gondel gestiegen und waren in wenigen Minuten nach oben gefahren. Die Aussicht von dort war wirklich unbeschreiblich. Charly waren die Gondeln anfangs nicht ganz geheuer gewesen, doch nun schien auch er das leichte Schwanken während der Fahrt zu genießen. Oben hatte Frau Bruns für die beiden im Café immer eine Kleinigkeit zum Naschen bereitstehen. Einen Schokorigel für Falko und eine Hundekeks für Charly.

Falko hatte sich das Modell schon lange gewünscht, doch sein Vater meinte bisher immer, er sei noch zu klein, für den Zusammenbau einer solch komplizierten Maschine. Denn es sei ja eigentlich kein Spielzeug, so der Vater. Doch nun war Falko wohl groß genug.

„Können wir die Bahn zusammenbauen?“ fragte Falko.

„Heute Abend; nach der Arbeit“ versprach der Vater.

„Ich werde pünktlich Feierabend machen und dann können wir ganz in Ruhe unser Projekt Seilbahn starten.“

Falko wusste schon, dass sich für ihn der Tag in die Länge ziehen würde, doch alleine traute er sich den Zusammenbau noch nicht zu. „Gut, wann bist du wieder zuhause?“

„Um vier Uhr und dann können wir gleich starten. Pack doch noch die anderen Geschenke aus.“

Doch die waren nicht ganz so spannend. Es gab noch zwei paar T-Shirts mit Aufdrucken von Figuren aus „Steam Wars“ und eine kurze Hose, die er gut gebrauchen konnte, denn Falko hatte am Vortag bei einer Exkursion im nahe gelegenen Wald schon wieder eine zerrissen.

„Bist du zufrieden mit deinen Geschenken?“, wollte die Mutter wissen und das war er wirklich.

„Kann ich vor der Schule noch einmal mit Charly in den Wald, er möchte unbedingt sein neues Halsband ausprobieren.

“Bitte!“

Das „Bitte“ zog Falko absichtlich in die Länge und setzte seinen liebsten Gesichtsausdruck auf. Dem konnte seine Mutter nicht wiederstehen.

„Aber du bist bis spätestens halb acht wieder hier und mach dich bitte nicht schmutzig.“

Falko klickte die Leine am Halsband fest. Dies tat er nur für die Mutter, denn er wollte heute keinen Streit, und die beiden zogen los. Draußen hielten sie kurz vor dem Werkstattraum des Vaters an, die Tür war wie immer verschlossen. Der Vater ließ niemanden in diesem Raum hinein, warum auch immer. Doch Falko hatte sich daran gewöhnt und brachte auch nicht mehr die Neugierde auf, um heraus zu bekommen, was sich hinter der grau gestrichenen dicken Stahltür verbarg.

Kurze Zeit später waren beide im Wald. Falko ließ Charly von der Leine und der Hund nutzte diese Freiheit, um in den kleinen Bach zu springen und von dem munter plätschernden Wasser zu trinken. Sie machten dann ihre kleine Runde und waren pünktlich um halb acht wieder im Haus. Es blieb für Falko also noch genügend Zeit, ohne Eile den Bus zur Schule zu erreichen.

*

Falkos Vater war inzwischen schon bei der Arbeit und kontrollierte die große Dampfmaschine. Ruhig und regelmäßig arbeitete sie vor sich hin. Diese modernen Maschinen hatten nichts mehr gemein mit den lauten, dampfenden und dreckigen Aggregaten noch vor 20 Jahren. Deutsche Ingenieure hatten viel Arbeit in die Weiterentwicklung dieser Technik investiert, denn es war dem Land nach der Kapitulation 1945 von den Alliierten nicht erlaubt worden, Verbrennungsmotoren zu betreiben, zu produzieren oder auch nur zu importieren.  Also hatte man aus der Not eine Tugend gemacht und die dampfgetriebenen Maschinen immer weiterentwickelt. Aus immer kleineren Geräten war immer mehr Leistung erzielt worden. Der Wirkungsgrad der Maschinen wurde immer besser. Man hatte mit vielen Materialien experimentiert und konnte nun auf eine Schmierung völlig verzichten. Die Emissionen wurden ebenfalls immer geringer und es ging das Gerücht, dass an einer komplett emissionslosen Variante gearbeitet werde, von der es schon erste Prototypen geben soll.

Die Dampfmaschine wurde zwangsweise auch für Fahrzeuge wiederentdeckt und vor allem die schweren LKWs wurden direkt damit angetrieben. Für den Individualverkehr wurden über Batterien oder Brennstoffzellen betriebene Fahrzeuge eingesetzt.

Das Verbot der Alliierten hatte dafür gesorgt, dass in Deutschland die Umwelt deutlich entlastet werden konnte. Viele der benachbarten Staaten wollten nun aus Umweltgründen auch auf diese Antriebsmöglichkeiten zurückgreifen und so durfte Deutschland seit fast zehn Jahren wieder Technologie in das Ausland exportieren, was der inländischen Wirtschaft einen gewaltigen Aufschwung verschafft hatte. Die Inflationsrate war geringer denn je und es gab schon fast wieder eine bundesweite Vollbeschäftigung.

„Liegt heute etwas Besonderes an?“ fragte der Kollege Günther.

Falkos Vater konnte das verneinen, die vorgeschriebene Wartung hatte sie gestern durchgeführt. Alles war in bester Ordnung.

„Ich muss heute pünktlich nach Hause. Falko hat Geburtstag und wir wollen seine Seilbahn zusammenbauen.“

„Hast du die Modifikation beim Dampfantrieb fertigbekommen?“

„Klar, der Prototyp läuft ja schon seit zwei Jahren ohne Probleme!“

*

Falko hatte es schwer in der Schule. Vor lauter Aufregung konnte er dem Unterricht kaum folgen. Er stellte sich die ganze Zeit vor, wie der Vater und er an der Seilbahn bauten und er sie stolz seinen Freunden vorstellen konnte. Die Schulfreunde waren für den nächsten Sonnabendnachmittag zu seiner Geburtstagsparty eingeladen. Er hoffte, dass bis dahin alles so funktionierte, wie er es sich vorstellte.

*

Nach der Schule hatte Falko es eilig, zum Schulbus zu kommen. Nach einer schier endlosen halben Stunde war er an seiner Haltestelle angekommen. Nur noch ein kurzer Fußweg trennte ihn dann von zuhause. Als Falko in seine heimatliche Straße einbog, sah er, dass Charly ihm schon auf der anderen Straßenseite entgegenlief. Der Hund spürte schon Minuten bevor der Bus ankam, dass Falko nach Hause kommen würde und lief ihm meist entgegen.

Heute war Falko unaufmerksam und so schaute er nicht nach links und rechts, als er der Straße überqueren wollte. Das Letzte, was er sah, war ein großer Schatten und ein Fellbündel, das ihm entgegensprang und irgendetwas flog durch die Luft.

*

Falko wachte in einem fremden Bett auf und wusste im ersten Moment nicht, wo er war. Was war passiert?
Neben dem Bett saß seine Mutter. Sie hatte wohl viel geweint, denn die Augen waren nass und gerötet.

„Da bist du ja endlich wieder!“

Erleichtert nahm sie ihn in den Arm. Ein heftiger Stich zuckte durch seinen Kopf. Überall tat es weh!

„Ein Lastwagen hat dich gestreift! Dank Charly hat er dich nicht voll erfasst.“

„Wo ist Charly? Wie geht es ihm?“, fragte Falko bange.

Die Mutter schwieg. Dieses Schweigen sagte aber mehr als alle Worte.

„Ist Charly was passiert?“

Die Mutter schwieg immer noch. Mit stockender Stimme und Tränen in den Augen sagte sie dann doch:

„Der Lastwagen hat ihn voll erwischt.“

Ein Schrecken durchführ Falko. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der geliebte Hund, sein Hund! nicht mehr mit ihm herumtollen könnte!

„Vater ist zuhause geblieben und kümmert sich um Charly.“

Charly war noch nie krank gewesen und auch noch nie beim Tierarzt. Falkos Freunde beschrieben manchmal, dass sie mit einer Katze oder auch einem Hund zum Impfen mussten. Falko hatte den Vater gefragt, ob Charly nicht auch mal zum Impfen müsste, doch der hatte immer abgewiegelt, dass das nicht notwendig sei. Schließlich hatte er auch nicht weiter nachgebohrt.

*

Einen Tag später konnte Falko das Krankenhaus schon wieder verlassen. Er habe Glück gehabt, meinte der Arzt mit dem weißen Kittel. Er habe keine Gehirnerschütterung und nur ein paar Schürfwunden, die ein wenig wehtun würden.

Womit er wahrlich Recht hatte!

Zuhause angekommen, stürmte Charly auf ihn zu und warf Falko fast um.

„Hallo Charly! Dir ist ja nichts passiert! Gottseidank!”

Der Arzt hatte gemeint, dass er noch etwas Ruhe bräuchte und so machte er es sich auf dem Sofa bequem. Charly fläzte sich brav davor. Und so begannen ein paar Tage ohne Spaziergänge im Wald, aber mit viel Fernsehen, Milch und Schokokeksen.

*

„Geht’s deinem Jungen wieder gut?“, fragte Günther.

„Ja, er hat alles gut überstanden.“

„Hast du den Hund wieder hinbekommen?“

„War eine Menge Arbeit, aber so ein Prototyp hält schon eine Menge aus“, meinte der Vater zufrieden.

-Ende-

Copyright © 2011 by Ralf Boldt

Buchtipp der Redaktion:

Slade, Arthur
Mission Clockwork

Angriff aus der Tiefe

Übersetzt von Plorin, Eva. Umschlaggestaltung von Steinhöfel, Dirk
Verlag :      Thienemann
ISBN :      978-3-522-20132-2
Einband :      gebunden
Preisinfo :      14,95 Eur[D] / 15,40 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      400 S. – 21,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      21.02.2012

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Wer manipuliert wen?

Ein toter Agent in New York. Schiffe, die vor Island spurlos verschwinden. Ein Feind, der unsichtbar ist. Modo und Octavia, getarnt als junges Ehepaar, beginnen zu recherchieren. Doch ihr Schiff wird gerammt und Modo gerät in Gefangenschaft auf der “Ictíneo”, einem riesigen Unterwasserseeboot. Welche Pläne verfolgt die Kapitänin Monturiol? Welche Rolle spielt der französische Geheimdienst? Und in wessen Auftrag handelt der Unsichtbare? Während Octavia zusammen mit Mr Socrates über Wasser ermittelt, ist Modo fasziniert von einer hoch technisierten Welt in den schwarzen Tiefen des Atlantiks.

Band 2 der neuen Steampunk-Serie.

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ZEIT ZU GEHEN – Shortstory von Susan Ott

Erstellt von Susan Ott am 18. Januar 2012

ZEIT ZU GEHEN

Shortstory

von

Susan Ott

Schon wieder dieser fürchterliche Lärm. Können die nicht einmal Rücksicht nehmen? Klar. Ich bin nur ein Untermieter. Noch dazu mit einem befristeten Mietverhältnis.
Aber, muss das sein?

Warm ist die Wohnung ja. Aber ich habe das Gefühl, dass der Raum immer enger wird.
Naja, ich habe hier freie Kost und Logis. Sogar eine Art Pool ist vorhanden, in dem ich mich die ganze Zeit aufhalte.

Aber ich habe keinen Einfluss auf das servierte Essen. Was ich gestern Abend vorgesetzt bekommen habe… Ich sollte wirklich bald ausziehen.
Und jetzt hat jemand draußen auch noch eine fürchterlich helle Lampe angemacht.

Das ist Folter.
Mir reicht es nun endgültig.
Ich will hier raus!

Bisher habe ich noch keine Tür in meiner Behausung entdeckt. Und drehen kann ich mich nicht mehr. Der Raum ist viel zu eng. Seit heute morgen kommen die Wände ständig näher und dehnen sich dann wieder aus. Das ist eine Zumutung!

Da!
Eine Öffnung!

Sie ist zwar nur sehr klein, fast winzig, aber ich werde versuchen mich hindurchzuquetschen.
Wieder stoßen diese dummen Wände mich an.

Vorsicht, die Ohren. Ha! Mit dem Kopf bin ich durch.
Was ist das?

Oh, Mann. Hier ist es ja noch enger. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ordnungsamt solch einen Notausgang genehmigt.

Also weiter.  Und dunkel ist das hier. Irgendwo muss es doch hier raus gehen.

Ah. Da vorne ist Licht. Also weiter.

Autsch! Meine Schultern. Ich glaub, ich muss mich etwas drehen.

Ja. So geht’s.
Jetzt geht’s leichter. Da drückt einer von hinten.
Oh! Mit dem Kopf bin ich durch. Der Rest kommt nach.

Geschafft. Hab meine Unterkunft verlassen.

„Wääääääh!“

Toll. Ich kann Töne von mir geben.

„Wäääääh!“

Kalt. Es ist kalt hier. Ich will wieder zurück! Wo geht’s wieder rein?

Mist. Da trägt mich einer von meiner Wohnung weg.

„Wääääh!“

Jetzt lieg ich auf etwas weichem. Wo bin ich? Was ist das?
Den Herzschlag kenn ich doch. Den hab ich in den letzten Monaten ständig gehört.

Ist ja doch nicht so schlecht hier.

Da schaut mich jemand an.

Diese Augen! Ich hab mich verliebt.

Mutti!

Hier bleib ich. Hier fühl ich mich wohl.

Welt, ich bin da! Ich werde dich erobern!
Aber nicht jetzt.

Morgen.

Jetzt bin ich müde…

Copyright © 2012 by Susan Ott

Buchtip der Autorin:



Janus, Ludwig
Der Seelenraum des Ungeborenen

Pränatale Psychologie und Therapie

Verlag :      Patmos-Verlag der Schwabenverlag AG
ISBN :      978-3-8436-0057-6
Einband :      kartoniert
Preisinfo :      14,90 Eur[D] / 15,40 Eur[A] / 21,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      ca. 240 S. – 2,0 x 1,3 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      2. Aufl. 31.05.2011

Erkenntniss der Pränatalen Psychologie zeigen, dass Ungeborene über ein eigenständiges elemantares Gefühlsleben verfügen und die Zeit der Schwangerschaft sowie der Geburt affektiv miterleben. Ludwig Janus präsentiert die neuesten Forschungsergebnisse der Pränatalen Psychologie, die immer mehr bestätigen, dass vorgeburtliche Erlebnisse einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung und das spätere Leben eines Menschen haben können. Der Autor zeigt dabei anschaulich, wie die Kenntnisse der Prä- und Perinatalen Psychologie für die psychotherapeutische Behandlung nutzbar gemacht werden können.

Dr. med. Ludwig Janus ist Psychoanalytiker und ärztlicher Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg seit 1975, außerdem Lehranalytiker am Institut für Psychoanalyse Frankfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen von ihm widmen sich vor allem der pränatalen Psychologie und der Psychohistorie.

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DIE KLAVIERSPIELERIN – Historischer Kriminalroman von Nicole Steyer (Leseprobe)

Erstellt von Schreibwüterich am 17. Januar 2012

Die Klavierspielerin

Historischer Kriminalroman

von Nicole Steyer

(Leseprobe)

Prolog:

Der kalte Wind trieb vereinzelt ein paar Schneeflocken vor sich her.  Sie wirbelten wie Watte durch die Luft und wirkten fast ein wenig unentschlossen darüber, wo ihre Reise enden sollte. Es war ein grauer Tag, der voller Tristes begonnen hatte und wohl auch so enden würde. Die Straße war menschenleer. Der Frost trieb die Menschen in die Häuser und zauberte Eiskristalle an die Äste der Linde, unter der er saß. Wie lange schon, wusste er nicht mehr. Seine Hände waren kalt gefroren, ihm war es egal. Sein Blick war nach oben gerichtet, zu dem hübschen Fenster mit den Flügeltüren, die jetzt verschlossen, mit zugezogenen Vorhängen in die Welt blickten. Doch trotzdem breitete sich in ihm diese besondere Art von Wärme aus. Dieses Gefühl, das er festhalten wollte, in sich trug, um es niemals gehen zu lassen.

Er schloss die Augen und plötzlich war es Sommer. Die Linde war grün und durch ihre Blätter schimmerte die Sonne, malte Kreise, die hin und herzutanzen schienen, auf den Pflastersteinen. Der milde Wind trug den Duft von Blumen in sich. Kinderlachen war zu hören und Spaziergänger flanierten lachend an ihm vorüber. Viele blieben stehen und blickten, wie er zu dem Fenster hinauf, welches jetzt nicht verschlossen war. Weit waren die Flügeltüren geöffnet und der wunderschöne Klang von Klaviermusik erfüllte den winzigen Hof, hallte von den düsteren Hauswänden wieder, um alles zu verzaubern, gefangen zu nehmen, um einen Moment inne zu halten.

Die Menschen gingen weiter, manch einer klatschte Beifall, andere hörten nur stumm zu. Das junge Mädchen am Klavier reagierte nicht. Sie saß dort oben wie ein Wesen aus einer anderen Welt, wie eine Fee oder Elfe aus dem Märchen, so erschien es ihm. Ihr Haar war kastanienbraun und fiel in schimmernden Locken auf ihre schmalen Schultern herab. Ihr schwanenhaft wirkender Hals, das spitze Kinn, die wenigen Grübchen um den Mund, wenn sie doch einmal lächelte, faszinierten ihn. Sie spielte mit Leidenschaft und Liebe, auf ganz andere Art, als all die anderen, die er gehört hatte. An manchen Tagen hatte er das Gefühl, sie würde nur für ihn allein spielen. Dann waren die flanierenden Fußgänger und all die anderen fort und sie beide allein. Dann würde er neben ihr am Klavier stehen, ihr zuhören und mit seinen Händen über ihr weiches Haar streichen.

Er öffnete die Augen, der Traum verflog. Seufzend blickte er auf das geschlossene Fenster mit seinen roten, samtenen Vorhängen, die jetzt schon so lange geschlossen waren. Sie spielte nicht mehr, niemals wieder würde sie das tun. Nicht für ihn oder für andere. Die Schneeflocken wurden jetzt mehr. Sacht fielen sie neben ihn auf den Boden, kitzelten ihn an der Nase. Er erhob sich, warf einen letzten Blick zu dem Fenster hinauf, atmete tief durch und wandte sich ab. Die verwinkelten Gassen und Fachwerkhäuser versanken in der Dämmerung eines späten Januartages. Kutschen fuhren an ihm vorüber, zwei Knaben spielten Fußball, der eine oder andere Händler schloss bereits sein Geschäft. Er lief über den Römerberg und schlug den Weg zum Mainufer ein. Der Fluss lag weiß und zugefroren vor ihm. Die letzten Schlittschuhläufer saßen noch am Ufer bei einem heißen Grog zusammen, den man an den Holzbuden bekam, die hier jeden Winter aufgebaut wurden. Hier draußen am Fluss zeigte der Winter stets sein schönes Gesicht. Alles wirkte wie erstarrt, schlafend und ruhig. Das Eis zwang alle zur Ruhe und nahm die Geschäftigkeit und Hektik des Alltags.

Er wich nach rechts ab, schlüpfte durch ein winziges, in der Mauer eingelassenes Tor und betrat den engen Hinterhof, in dem seine Wohnung lag. Die Gerüche von Urin und verfaultem Essen schlugen ihm entgegen. Fauchend flohen zwei Katzen vor dem ihnen unbekannten Eindringling. Er lief die wenigen, schiefen Stufen zu seiner winzigen Wohnung nach oben und schlüpfte in die kalte Wohnstube, die ihn umfing, mit ihrer Trostlosigkeit, die in allen Wänden zu hängen schien. Doch etwas war anders, anders als sonst.

Er schlüpfte aus seinen Schuhen und ging ins Schlafzimmer, entzündete die wenigen Kerzen, die neben dem Bett standen und vertrieb damit die Dunkelheit, tauchte den Raum in goldenes Licht. Da lag sie, wunderschön und einzigartig. Ihr braunes Haar glänzte im Licht der Kerzen und ihre roten Lippen, die heute keine Grübchen umgaben, ruhten so still. Er legte sich vorsichtig neben sie und strich mit seinen Fingern behutsam über ihre kalten, zierlichen Hände, die niemals wieder spielen würden. Aber das war nun ohne Bedeutung, egal und unwichtig. Nur hier sollte sie sein, bei ihm bleiben für immer. Das zählte jetzt – und sonst nichts.

(Fortsetzung in Vorbereitung!)

Copyright © 2012 by Nicole Steyer

Buchtipp der Autorin:

Elisabeth Büchle
Goldsommer

Gerth Medien, 2011
ISBN 978-3-86591-581-8
Historischer Roman
Umschlaggestaltung: Hanni Plato
Umschlagillustration: Mary Iverson/CORBIS
Hardcover
Umfang 480 Seiten

www.gerth.de
www.elisabeth-buechle.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Amrei lebt auf einem Bauernhof im Schwarzwald. Im Jahr  1940 muss sie bereits lernen Verantwortung zu übernehmen, weil Vater und Bruder in den Krieg ziehen. Sie muss sich um den Hof, ihre Schwägerin und den fünfjährigen Micky kümmern, ihren kleinen Neffen. Zusätzlich nimmt sie noch Oma Wanner auf, die geistig verwirrt ist und allein in ihrem Haus nicht mehr zurechtkommt. Eines Tages versteckt sich auch noch ein britischer Soldat in ihrem Stall. Doch Amrei verrät den Mann nicht und kümmert sich um ihn. Als sie beinahe vergewaltigt wird, rettet er sie und flieht vom Hof. Auch Margot verschwindet eines Tages Hals über Kopf und sie bleibt mit Micky und Oma Wanner allein zurück. Die Nachricht, dass ihr Bruder in Kriegsgefangenschaft geraten, vielleicht sogar tot ist, trifft sie schwer.

Nach dem Krieg versucht sie sich mühevoll ein neues Leben aufzubauen und beginnt damit, eine Reitpension aufzubauen. Sie bekommt Hilfe von Angela, einer Tierärztin, die sogar zu ihr auf den Hof zieht und sie unterstützt.

Die Pferde-Amrei, wie sie in der Umgebung von Triberg überall genannt wird, ist eine faszinierende Persönlichkeit, mit einem weichen Kern hinter einer harten Schale. Beharrlich baut sie ihre Reitpension auf und lässt sich trotz einiger Rückschläge nicht entmutigen und auch die Liebe taucht in Form eines jungen Mannes, der der Sohn eines Reiseveranstalters ist, in ihrem Leben auf. Doch gedemütigt und gekränkt wie sie ist, will sie ihre Gefühle nicht zulassen. Eines Tages kommt ihr Bruder, gezeichnet vom Krieg, wieder zurück auf den Hof und versteht die Welt und seine Schwester nicht mehr, wie viele Männer damals. Und auch Margot, seine Frau, hütete ein Geheimnis, das Amrei und besonders Micky in große Gefahr bringt.

Amrei spiegelt viele Frauen jener Zeit wieder. Die zwischen Eigenständigkeit und Einsamkeit ums Überleben kämpfen mussten. Die nicht wussten, wie es weitergehen sollte und ob die Männer jemals wieder heimkamen. Und wenn der Mann nach Hause kam, dann war noch lange nicht alles gut. Michael ist nur ein Beispiel für viele, die ausgezehrt, verändert und vom Krieg seelisch und körperlich gezeichnet zurückkehrten und die Welt und ihr zu Hause nicht mehr verstanden.

Goldsommer entführt einen in den Schwarzwald, in wildromantische Natur und ein ursprüngliches Leben. Elisabeth Büchle hat liebevolle Charaktere geschaffen, die ans Herz gehen und einen manchmal auch nachdenklich stimmen. Mit Oma Wanner, die immer ihre Schuhe sucht und die gute Seele des Hauses ist, ist hier nur einer von ihnen zu nennen. Der Leser ist zu Gast in einer Reitpension, die noch etwas chaotisch, aber durchaus liebevoll geführt wird. Der Autorin gelingt es einen mitzureißen und auch an Spannung mangelt es nicht.  Ich  war gerne im Schwarzwald und würde jederzeit wieder einziehen, in die gemütliche Reitpension irgendwo in der Nähe von Triberg.

Copyright © 2012 by Nicole Steyer

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Weiterer Titel der Autorin:
Das Mädchen aus Herrnhut ISBN: 978-3-865-91456-9

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EWIGE – Fantasyroman von Barbara Wegener (Leseprobe)

Erstellt von Barbara Wegener am 15. Januar 2012

Ewige

Fantasyroman

von

Barbara Wegener

(Leseprobe)

Prolog

Zwei rote Monde tauchten das Lager in ein beklemmendes Dämmerlicht.

Es war endlich soweit. In dieser Nacht würde das Weibchen sich zusammen mit einem Diener auf den Weg machen.

Sie war fast zwei Köpfe größer als die beiden Männchen und auch ihre grünen Hautschuppen leuchteten heller im fahlen Licht der Monde. Natürlich würde ein Weibchen gehen. Ihre Magie war stärker und sie war für diese Aufgabe bestens vorbereitet.

Aber zunächst wollte sie sich noch stärken.

Zwei Schendal liefen diensteifrig zwischen den mit Ramphorenhaut bedeckten braunen Zelten und dem Lagerfeuer hin und her, brachten Schalen mit verschiedenen Speisen und Getränken, die ihnen wortlos von den drei Abyssern abgenommen wurden.

„Was glaubst du, wie lange du brauchen wirst?”, fragte eines der Männchen und sein Blick ruhte ehrfürchtig auf ihr. Ihm war die große Ehre bewusst, hier mit ihr speisen zu dürfen.

Und schon bald würde das Weibchen dafür sorgen, dass die neue Welt erobert werden konnte.

„Das wird nicht lange dauern. Unser Spitzel wird mir Morgen schon Informationen geben, wie ich diese Auserwählte finden kann. Das wird ein Kinderspiel.” Sie schnaubte verächtlich. „Was für minderwertige Kreaturen.”

„Du hat Recht”, antwortete das Männchen, das ihr gegenüber am Feuer saß und sich genüsslich eine Scheibe rohes Rhamphorenfleisch in den Mund schob. „Es gibt nur wenige unter ihnen, die über Magie gebieten. Und die, die es können, verbergen sich.”

Das Weibchen schloss kurz ihre Augen. „Ich spüre, dass der Spalt zwischen den Welten fast so weit aufgerissen ist, dass ich hinüberwechseln kann. Du!”, schrie sie einen der kleinen Schendal an und zeigte mit ihrer Krallenhand auf den kleinen Dämon. „Hol unser Gepäck. Es geht los.”

Der Schendal nahm seine langen, behaarten Arme beim Gehen zur Hilfe und eilte zu einem der Zelte. Er wollte seine Herrin auf keinen Fall erzürnen. Augenblicke später erschien er mit zwei großen Lederbündeln, die er sich auf seinen Rücken geschnürt hatte.

Gemeinsam traten sie an den See, in dessen Mitte der Spalt zwischen den Welten immer weiter aufklaffte.

Neubrandenburg

Beverly wuchtete zwei schwere Tüten, in denen sich die Einkäufe fürs Wochenende befanden, aus ihrem grünen BMW-Kombi.

Es war wieder einmal mehr geworden, als beabsichtigt. Sie seufzte. Aber an einigen der Sonderangebote konnte sie einfach nicht vorbeigehen.

Sie stellte die bunten Plastiktüten neben den Wagen auf den Betonboden der Garage ihres Einfamilienhauses und drückte auf die Fernbedienung. Ein leises Klicken ertönte und die Türen des Wagens waren verschlossen.

Seit zwei Jahren hatte sie die Möglichkeit, zuhause zu arbeiten. Das Anwaltsbüro, für das sie als Sekretärin arbeitete, schickte ihr ihre Arbeit ins Haus und ließ die bearbeiteten Akten auch wieder abholen. So sparte die Kanzlei einen Computerarbeitsplatz und sie konnte ihre Zeit frei einteilen und zwischendurch ihre Hausarbeit erledigen.

Es war ein heißer Sommernachmittag. Nur vereinzelte Schäfchenwolken zeigten sich am ansonsten hellblauen Himmel.

Beverly sah auf ihre viereckige Cartier-Uhr aus Gold. Ihr Mann Florian hatte sie ihr im letzten Jahr zum 15. Hochzeitstag geschenkt, kurz nachdem er zum Oberstaatsanwalt befördert worden war.

Noch eine Stunde, dann würde Dennis vom Schwimmtraining nach Hause kommen. Zeit genug, um das Abendessen vorzubereiten.

Dennis war neun Jahre alt und besuchte die vierte Klasse der Grundschule “Uns Hüsung” in Neubrandenburg. Er war eine wahre Wasserratte. Beverly war sich sicher, bei einer Kontrolle seiner Hände wären Schwimmhäute zwischen seinen Fingern zu finden.

Sie nahm die Tüten vom Boden auf und verließ die Garage.

Das Rolltor der Garage war fast geschlossen, als die Haustür plötzlich aufschwang und Florian mit besorgter Miene erst zu ihr herübersah und dann die Straße aufmerksam absuchte.

Wieso war ihr Mann jetzt schon zuhause?

Warum sah er so beunruhigt aus?

Sie dachte an die letzten Wochen zurück. Florian hatte sich äußerst merkwürdig verhalten. Er schlief unruhig, träumte schlecht, aß sehr wenig, ließ sich von ihr immer erklären wie sie sich ihren Tagesablauf vorstellte, wollte wissen wohin sie gehen wollte und mit wem.

Sie erklärte sein Verhalten mit dem Stress, den seine Arbeit momentan mit sich brachte.

Na, einen Vorteil hatte sein frühes Erscheinen. Sie brauchte den schweren Einkauf nicht alleine ins Haus tragen.

„Wo warst du? Du hast mir heute Morgen nicht gesagt, dass du zum Einkaufen willst. Ich habe mir Sorgen gemacht”, fuhr er sie merkwürdig gereizt an.

„Was hast du denn jetzt schon wieder? Muss ich jetzt über alle meine Schritte Rechenschaft ablegen? Ich bin doch kein kleines Kind. Hilf mir lieber. Die Hähnchen müssen schnell in die Gefriertruhe. Bring sie bitte gleich runter!”

Beverly war etwas verärgert. Trotz allem Verständnis für seine berufliche Situation fand sie, dass ihr Mann jetzt etwas zu weit ging.

Gemeinsam brachten sie alles ins Haus. Beverly drückte Florian den Transportbeutel mit den beiden Hähnchen in die Hand und er stieg die Kellertreppe hinab, um die gefrorenen Lebensmittel zu verstauen.

Beverly stellte die Taschen auf den Küchentisch und ließ sich dann erschöpft vom Einkauf und der Hitze des Tages erst einmal auf einen Küchenstuhl nieder.

Ihre Beine schmerzten und sie streifte die Schuhe ab. Ah, die kühlen Fliesen des Küchenfußbodens waren eine Wohltat für ihre geschwollenen Füße.

Mit ihren 47 Jahren fühlte sie sich heute sehr, sehr alt. Früher hätte mir die Sommerhitze bestimmt nichts ausgemacht, dachte sie und nahm sich vor, sich für einige Minuten unter den riesigen Sonnenschirm auf die Terrasse zu legen.

Florian kehrte in die Küche zurück. Er trug eine schwarze Stoffhose und ein weißes Hemd, dessen Ärmel er bis über die Armbeugen hochgeschoben hatte. Die oberen zwei Knöpfe hatte er geöffnet und die obligatorische Krawatte hing an der Garderobe.

Beverly fand, dass er trotz seiner 49 Jahre noch sehr sportlich und jugendlich aussah. Zumindest jugendlicher, als sie sich im Augenblick fühlte.

„Tut mir leid”, sage er und reichte ihr eine kühle Dose Cola light aus dem Kühlschrank. „Ich wollte dich nicht anschreien.”

Er trat hinter sie und massierte liebevoll ihren Nacken.

„Ich hab mir einfach nur Sorgen gemacht, weil du nicht hier warst und keiner unserer Freunde wusste, wo du dich aufhältst.”

Beverly drehte sich verärgert herum. „Du hast hinter mir her telefoniert? Was soll das denn schon wieder?”

„Sei bitte nicht wieder böse auf mich, aber man hört in letzter Zeit so viel von Überfällen und solchen Sachen. Ich bin wahrscheinlich überängstlich. Vergessen wir die ganze Sache, ja?”

Sie sah ihrem Mann zu, wie er die Lebensmittel in den Küchenschränken verstaute.

„Weist du was? Wir lassen uns heute eine Pizza kommen. Dann musst du nicht jetzt noch in der heißen Küche stehen und kannst dich einmal ganz und gar verwöhnen lassen. Was hältst du davon?”

„Das ist die beste Idee seit Tagen”, antwortete Beverly erfreut. Sie strahlte ihren Mann über das ganze Gesicht an. Ihr Ärger über sein Verhalten war fürs Erste verflogen.

„Na, dann leg dich mal ins Wohnzimmer auf die Couch. Ich werde mich um Dennis Hausaufgaben kümmern, bestelle das Essen, decke den Tisch und du kannst ganz entspannt lesen.” Er küsste sie sanft auf die Stirn.

„Das ist lieb von dir. Ich werde die Krimis, die mir Sylvana empfohlen hat, endlich lesen. Aber bei dem schönen Wetter gehe ich wohl doch lieber auf die Terrasse.”

Beverly wollte sich gerade auf den Weg dorthin machen, als Florian erschrocken rief: „Nicht auf die Terrasse! Bleib bitte im Haus!”

Beverly drehte sich um und sah ihren Mann verwirrt an.

„Was ist denn jetzt schon wieder daran auszusetzen, dass ich mich bei dem schönen Wetter auf die Terrasse setze? Du hast doch irgendetwas? Ist etwas los? Du benimmst dich in letzter Zeit wirklich sehr merkwürdig.”

„Aber Schatz, nichts ist los! Ich möchte nur nicht, dass du dir einen Sonnenbrand holst wenn du beim Lesen einschläfst. Bitte, tu mir den Gefallen und bleib im Haus, ja?”

Beverly zuckte mit den Schultern. Sie fühlte sich zu wohl bei der Aussicht den restlichen Nachmittag nur zu entspannen und sich ganz und gar den Krimis zu widmen, als dass sie Lust hatte mit ihm zu streiten.

„Na schön, wenn dein Seelenheil davon abhängt, bleibe ich halt drinnen”, seufzte sie, legte sich auf die Couch, nahm ihren ebook-Reader und klickte auf den Krimi Haruspex von Tina Sabalat, den ihr ihre Freundin schon vor Monaten ans Herz gelegt hatte.

„Sams Atem stockte, er erbleichte stärker – wahrscheinlich stellte er sich bildhaft vor, wie ich ihn umbrachte, aufschlitzte und wirre Worte in sein freigelegtes Gedärm murmelte. Dieser Gedanke ließ auch mich leicht schwindeln und ich beschloss, uns beide zu erlösen…“

Nach einer Weile hörte sie Dennis das Hause betreten. Anscheinend hatte Florian ihm gesagt, dass er sie nicht stören soll, denn Dennis lief ganz leise hoch in sein Zimmer.

Schön, wenn mich meine Männer heute mal verwöhnen wollen, mir soll es recht sein, dachte sie und klickte auf den nächsten Krimi:  Meret Vacano III von Andrea Meyer.

„Carlos rollte mit den Augen. Tränen liefen ihm die Schläfen hinunter. Ich strich ihm mit dem Latexhandschuh über die Stirn. „Es ist gleich vorbei“, sagte ich sanft. Das satte Gelb vermischte sich im Schlauch mit dem Rot zu einem Sonnenuntergangsorange. Aus Carlos Lunge stiegen Blasen durch die Farbe nach oben. Als nächstes nahm ich Lila…“

Die Krimis waren wirklich gut. Sylvana hatte nicht zu viel versprochen.
Beverly vergaß vollkommen die Zeit.

Erstaunt blickte sie auf, als Florian vor ihr stand, um sie zum Essen in die Küche zu holen. Sie hatte noch nicht einmal gehört, dass der Pizzabote geklingelt hatte.

Dennis war dabei den Küchentisch zu decken, als sie die Küche betrat.

Mein Gott, hab ich unseren Hochzeitstag vergessen?

Nein der war schon im Juni. Die Geburtstage sind auch schon vorbei…

„Hat irgendjemand ein schlechtes Gewissen? Haben wir etwas zu feiern, oder wieso werde ich heute von meinen beiden Männern so verwöhnt?”

„Können wir dir nicht auch mal ohne besonderen Anlass etwas Gutes tun?”

Florian lächelte verschmitzt.

„Sicher könnt ihr das. Ich freue mich ja auch riesig.”

Sie wollte sich setzen und Dennis rückte ihr, wie ein vollendeter Gentleman, den Stuhl zurecht.

„Wisst ihr, wir machen das jetzt jeden Tag. Ich pflege mich und ihr macht die Hausarbeit.”

Sie stibitzte eine lange, grüne Peperoni von Florian Teller.

„Typisch! Reicht man ihr den kleinen Finger, will sie gleich die ganze Hand! He, das ist meine Peperoni. Du hast deine eigene.”

„Du weißt doch: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und, schon vergessen? Ich werde heute von euch verwöhnt.”

Während Florian mit seinen Augen rollte, schob Beverly genüsslich ein Stück Pizza in ihren Mund.

Sie fand, dass der Tag ruhig so weiter gehen konnte. Mit Heißhunger verschlang sie ihr Abendessen.

„Sind die Hausaufgaben schon fertig?”, wollte sie nach einiger Zeit wissen.

„Alles erledigt. Papa hat sie kontrolliert. Ach so, morgen muss ich 4 Euro für den Wandertag nächste Woche mitnehmen. Nicht vergessen.”

„Ich leg dir das Geld in die Federtasche. Wo geht’s denn hin?”, fragte Florian.

„Wir fahren mit dem Zug nach Burg Stargard. Dort machen wir dann Picknick und gehen in den Tierpark. Das wird bestimmt ganz lustig. Ich nehme noch etwas Kleingeld mit. Dann kann ich Ziegenfutter aus dem Automaten ziehen. Mein Freund Tu sagt, das kitzelt, wenn die Ziegen einem das Futter aus der Hand lecken.”

Er hatte sein Abendessen bis auf den letzten Krümel vertilgt.

„So, bist du mit deiner Pizza fertig? Dann waschen, Zähne putzen, beten und ab ins Bett mit dir.”

Dennis gab seinen Eltern einen Gutenachtkuss und lief nach oben. Sie hörten den Wasserhahn im Badezimmer rauschen.

„Hast du Stress im Büro? Du benimmst dich in letzter Zeit so merkwürdig.”

Beverly sah ihren Mann forschend an.

Florian wand sich unter ihrem Blick.

„Es ist nichts. In ein paar Tagen ist alles wieder normal. Versprochen! Willst du noch etwas lesen, oder fernsehen?”, wich er ihr aus.

Beverly lies es seufzend dabei bewenden.

„Ich glaub ich rauch noch eine Zigarette und geh dann auch schlafen. Ich hab zwar den ganzen Nachmittag auf der Couch gelegen, aber diese unerträgliche Hitze macht einen ganz fertig. Was ist mit dir?”

„Ich muss noch eine Akte bearbeiten und komm dann auch nach oben.”

Er gab Beverly einen Kuss und verließ den Raum.

Sie zündete sich eine Zigarette an, räumte Teller, Gläser und Besteck in die Spülmaschine, faltete die Pizzaschachteln zusammen und drückte sie in den Müllbeutel.

„Schatz, kannst du morgen vor der Arbeit noch den Müll raus bringen?”, rief sie ihrem Mann zu.

Aus dem Arbeitszimmer war ein Murmeln zu hören, dass sie als Zustimmung deutete.

Die Küche war aufgeräumt, die Zigarette aufgeraucht und Beverly begab sich ins obere Stockwerk.

Im Bad wusch sie sich, putzte sich die Zähne und zog ihr kurzes, hellblaues Nachthemd an.

Gähnend verließ sie das Badezimmer und sah, dass unten im Arbeitszimmer noch Licht brannte.

„Mach nicht mehr so lange!”, rief sie nach unten.

„Ich komme gleich hoch, nur noch ein paar Seiten”, hörte sie ihn sagen.

In Dennis Zimmer war das Licht gelöscht. Sie blickte durch den Spalt der Kinderzimmertür, sah ihren Sohn friedlich schlafen, schloss leise die Tür, ging ins Schlafzimmer und legte sich in ihr Bett.

Müde, wie sie war, schlief sie sofort ein.

Copyright © 2012 by Barbara Wegener

Wie die Geschichte weitergeht erfährt man hier:

Ewige #1
von Barbara Wegener

eBook
Medium: EPUB
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Produktdetails
ISBN-10:     3-8450-0592-0
EAN:     9783845005928
Erschienen:     10.01.2012
Verlag:     Satzweiss.com-chichili agency
Einband     EPUB
Sprache(n):     Deutsch
Erschienen bei:     Satzweiss.com-chichili agency
Medium:     EPUB

Inhalt:
In einer fernen Dimension überwinden Dämonen die Barriere zwischen den Welten. Sie wollen auf der Erde die einzig Auserwählte finden, die allein in der Lage ist, die geplante Invasion zu verhindern. Derweil führt Beverly ein gutbürgerliches Familienleben. Das ändert sich schlagartig, als sie eines Nachts erfährt, dass ihr Mann ein Zaubermeister ist und sie selbst als die Auserwählte Magie erlangen soll, um die Welt vor den Dämonen zu retten.

Rezension:
Dämonen wollen eine Frau mit magischen Kräften töten, damit sie weiterhin die Welten wechseln können. Dann wechselt die Szene. Für Beverly, eine Mutter aus Neubrandenburg, ändert sich alles. Sie soll die Auserwählte sein – das ist doch unmöglich, oder? Wieso sind plötzlich so viele Leute hinter ihr her? Wer sind die Ewigen und was ist ihre Aufgabe? All diese Fragen stellt man sich. Damit ist der grandiose Auftakt zu einem neuen Fantasy-Roman der Autorin von Socken, Götter, Katzen und Dämonen gelegt. (Kundenrezension/Thalia.de)

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SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Fremdwesen”

Erstellt von Galaxykarl am 14. Januar 2012

“Fremdwesen”

sfbasar.de-Anthologie Band 5

mit Beiträgen der Community-Autoren

des Literatur-Blogs “sfbasar.de”

Editorial

Liebe Besucher, liebe Leser, liebe Community-Autoren

Wieder startet eine weitere Anthologie auf sfbasar.de. Auch hier sind sämtliche Community-Autoren und solche, die es werden wollen, aufgerufen die Anthologie mit zahlreichen Beiträgen zu bereichern. Rückmeldungen in Form von Lob, Kritik oder Verbesserungsvorschlägen sind auch diesmal ausdrücklich erwünscht.

Der Titel der neuen Anthologie: FREMDWESEN

Und dieser Begriff bezieht sich nicht nur auf Aliens im Genre Science-Fiction, sondern gilt ausdrücklich für alle Wesen, die nicht menschlich sind, also auch Vampire, Werwölfe, Drachen usw. Manche Männer – mich eingeschlossen – sind ja der Meinung, dass Frauen definitiv nicht von dieser Welt sind, aber für diese Anthologie möchte ich sie doch zur Spezies Mensch zählen. Frauen sind einfach göttlich. Ergo fallen sie NICHT in die Kategorie, die hier behandelt werden soll. Auch irdische Tiere würde ich nicht unbedingt zu Fremdwesen zählen, Ausnahme Drachen und ähnliche Fabelwesen, das sie bis dato nicht historisch und archäologisch nachgewiesen werden konnten.

Ich bin trotzdem begeistert von Lothar Bauers Bild. Diese Femme Fatale, mit düsteren, unheimlichen Katzenaugen und blasser Haut trifft den Nagel auf den Kopf. Sie kann Vampir, Catwoman, Sirene oder sonst was sein. Sie soll alle in die Stimmung versetzen, hier mit richtig tollen FREMDWESEN-Beiträgen teilzunehmen.

Grundsätzlich ist hier jeder Beitrag, der sich mit dem Thema befasst, willkommen. Wir suchen nicht nur Geschichten sondern auch Gedichte, Leseproben und Artikel. Das Copyright der eingereichten Beiträge, unabhängig von der Art des Beitrags, muss wie immer beim jeweiligen Autor liegen.

Die zahllosen Beiträge unserer Community-Autoren erwarten wir ebenso gespannt, wie die Kommentare unserer Leser.

Mit galaktischen Grüßen
euer galaxykarl ;-)

Und jetzt zu den Beiträgen:

DAS LIED DER SIRENE  – Science-Fiction-Story von Werner Karl

DER ERSTE MORGEN – eine Fantasy-Horror-Geschichte von Leon Ferri

HOTEL, HOTEL – Auszug (Kapitel) aus dem Roman: “Es gibt kein Ende …” von Vera Anschütz

KEIN SPIEGELBILD – Vampir-Story von Alfred Bekker

PLASMAABWEISEND – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

NEU = RÜCKKEHR MIT HINDERNISSEN – eine Fantasy-Kurzgeschichte von little_wonni

SCHICKSAL – Fantasy-Story von Barbara Wegener

SCHWARZ & WEISS – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

WESEN DER NACHT – Horror-Leseprobe aus der Titelstory aus der Anthologie “Wesen der Nacht” Hrg. Wilfried A. Hary von Vera Anschütz

(wird weiter fortgesetzt!)

Liebe Community-Autoren: Weitere Beiträge sind erwünscht und sollen diese Anthologie ergänzen. Wir planen bei genügend Beiträgen, diese Anthologie hier auch als PDF-File zusammen mit einem Spendenbutton (für kleine Beträge zum jeweiligen Storywettbewerb) anzubieten. Ausserdem planen wir davon ein ebook und am Ende vielleicht sogar eine Printausgabe erscheinen zu lassen! Es liegt ganz an euch und eurer Teilnahme an den Anthologien! Wer also teilhaben möchte, der schreibt eine Geschichte oder einen Sachbeitrag zum Thema und stellt ihn bei uns als Artikel oder Story ein. Bei einer Story kann diese auch an den Storywettbewerben teilnehmen, muss das aber nicht zwingend! Wir hoffen auf eure Hilfe!

Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Spende über den unten stehenden Button per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

Das sfbasar.de-Team
i.A. Werner Karl

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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