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ZEITVERSCHIEBUNG – eine Kurzgeschichte von Bella C. Moremo

Zeitverschiebung

Eine Kurzgeschichte

von

Bella C. Moremo

Zufrieden saß das Ehepaar Michaela und Thomas B. auf der Terrasse ihres Hotels, indem sie vor einigen Tagen ein Zimmer bezogen hatten. Zugegeben, unter absoluter Ruhe hatten sie sich etwas anderes vorgestellt. Thomas hatte vergessen, sich die Bilder des Hotels und dessen Lage genauer anzusehen. Sonst hätte er sicherlich bemerkt, dass der günstige Preis daher rührte, dass das Hotel direkt an einer stark befahrenen Straße lag. Doch auch diese Tatsache hätte sie am Ende nicht davon abhalten können, die Reise zu buchen. Seit Jahren hatten sie auf einen schönen Urlaub in der Sonne gespart und der wurde nun wahr, mit oder ohne Blick zum Strand.

Gerade goss sich Michaela einen Kaffee nach, während Thomas interessiert in einer deutschen Zeitung las, als sie von einem lauten Knallen aufgeschreckt wurde. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein Unfall geschehen. Ein kleiner Corsa war gegen einen steinernen Blumenkübel geprallt.

Michaela wandte sich Thomas zu, der noch immer ganz vertieft einen Artikel las und scheinbar nichts mitbekommen hatte.

Gerade wollte sie ihm von dem Unfall erzählen, als er ihr ins Wort fiel: „Michaela, Sachen gibt es. Hier steht, dass die Deutschen, die in Ibiza Urlaub machen, zu bequem seien, um sich um die Belange der Einheimischen zu kümmern. Als Beispiel wird hier ein Fall von unterlassener Hilfeleistung angegeben.“

Thomas Stimme klang empört als er fortfuhr: „Gestern geschah auf einer vielbefahrenen Straße mitten in Kleinibiza ein Unfall. Der Einheimische Javier Rodriguez fuhr mit 50 Sachen gegen einen Steinkübel am Straßenrand. Da er nicht angeschnallt war, prallte er mit dem Kopf gegen das Armaturenbrett und wurde bewusstlos.“

Michaela lauschte Thomas Redestrom nur mit halben Ohr. Ihr Blick richtete sich erneut auf den kleinen Corsa, der mit verbeulter Haube am Straßenrand stand. Gespannt wartete sie darauf, dass der Fahrer ausstieg, doch es rührte sich nichts. Normalerweise herrschte hier immer reger Verkehr, doch ausgerechnet jetzt war die Straße wie leergefegt. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie wie eine alte Frau, aus einem Fenster schaute und gleich darauf wieder verschwand.

„Michaela, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Thomas, während er aufsah und ihrem Blick in Richtung des Unfalls folgte. Desinteressiert wandte er sich wieder seiner Lektüre zu und las laut vor: „Niemand eilte ihm zu Hilfe, obwohl gegenüber auf der Hotelterrasse ein deutsches Paar saß. Die Frau sah scheinbar nur zu, während ihr Mann gemütlich in einer Zeitung las.“

Hier stoppte Thomas, sein Gesicht lief rot an, als er Michaela, die sich ihm aufgeschreckt zuwandte, ins Ohr brüllte: „Unglaublich, da saßen doch tatsächlich Leute in der Nähe und reagierten nicht. Typisch, dass es in den Augen der einheimischen Presse mal wieder Deutsche sein müssen. Aber das war ja klar. Denk nur an unsere Landsleute, die sich hier als König über alles und jeden aufspielen, oder an den Typen, der sich mit stolzgeschwellter Brust, König von Mallorca schimpfen lässt. Kein Wunder, dass unser Ruf ruiniert ist und Urlauber wie wir, die nur ihre wohlverdiente Ruhe genissen möchten, es ausbaden müssen.“

Michaela wollte ihren Mann gerade dazu überreden, die Zeitung beiseite zu legen um nach dem Fahrer des Corsa zu schauen, als sie beobachtete wie die alte Frau in Begleitung eines jungen Mannes aus dem Haus trat. Dieser lief zu dem Auto, öffnete die Tür und zog den Fahrer an den Straßenrand. Schon hörte Michaela die Sirene eines Krankenwagens. Erleichtert sank sie in ihren Stuhl zurück.

Thomas, der völlig aufgewühlt weiter las, wurde immer lauter, je näher der Krankenwagen kam. Am Ende schrie er, um die Sirene zu übertönen: „Eine alte Frau, die den Unfall bemerkte, eilte dem Verletzten zu Hilfe. Während ihr Enkel erste Hilfe leistete und den Bewusstlosen aus dem Auto zog, rief sie bereits im Haus den Notruf. Das deutsche Paar reagierte weder auf den offensichtlichen Verletzten noch auf den Krankenwagen, der innerhalb weniger Minuten zur Stelle war.“

Hier schwoll Thomas Stimme in unbekannte Höhen an: „Das ist doch wirklich eine Unverschämtheit, vielleicht bemerkten die Leute den Unfall wirklich nicht. Immerhin fahren hier den ganzen Tag über Krankenwagen durch die Straßen.“

Zur Bestätigung warf er dem Krankenwagen ihm gegenüber einen wütenden Blick zu und schrie seiner Frau den letzten Absatz, geradezu ins Ohr: „Unglaublich, hier steht noch, das eine aufgebrachte Gruppe Einheimischer, ihre aufgestaute Wut über die überhebliche Haltung vieler Urlauber, an genau diesem Deutschen Paar ausgelassen hätte.“

Dann warf er mit einer solchen Wucht die Zeitung auf den Tisch, dass Michaela zusammenzuckte. Ihr Blick fiel auf das Datum der Zeitungsausgabe, ihre Hand legte sich beruhigend auf den Arm ihres Mannes: „Ach Thomas, glaub doch nicht alles was in der Zeitung steht. Sieh doch, sie haben sich geirrt, der 29. ist doch erst Morgen…“

Doch sie verstummte, als sie sah, wie der Krankenwagen abfuhr und den Blick auf eine dahinterliegende Gasse freigab, aus der immer mehr wütend aussehende Einheimische, direkt in ihre Richtung strömten.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Bella C. Moremo

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Kaufempfehlung der Redaktion:

Niffenegger, Audrey
Die Frau des Zeitreisenden

Roman

Im Buch blättern

Übersetzt von Jakobeit, Brigitte
Verlag :      Fischer Taschenbuch
ISBN :      978-3-596-50983-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      10,00 Eur[D] / 10,30 Eur[A] / 14,90 CHF UVP
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Letzte Preisänderung am 14.05.2012
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Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      10. Aufl. 19.01.2012
Aus der Reihe :      Fischer Taschenbibliothek 50983

»Die Frau des Zeitreisenden« ist der literarische Überraschungserfolg aus den USA. Selten wurde so aufwühlend, so anders und neu über die Liebe geschrieben.

Clare ist Kunststudentin und eine Botticelli-Schönheit, Henry ein verwegener und lebenshungriger Bibliothekar. Clare fällt aus allen Himmeln, jedes Mal aufs Neue, wenn Henry vor ihr steht. Denn Henry ist ein Zeitreisender, ohne jede Ankündigung verstellt sich seine innere Uhr. Plötzlich und unerwartet stürzt er los, nie ist sicher, aus welcher Zeit er kommt und in welcher Zeit er bei Clare landet, aber immer ist sicher, dass er wieder bei ihr landet. Als sie sich das erste Mal begegnen, ist Clare sechs und Henry 36, aber in Wahrheit ist Henry nur acht Jahre älter als sie und schon lange mit ihr verheiratet. Absurdes wird zur Normalität. Seine Zeitreisen sind das brennende Geheimnis, das Henry und Clare mit jeder Trennung noch inniger vereint.

Audrey Niffenegger ist es gelungen, über die Schönheit der Dauer und das Staunen der Sehnsucht zu schreiben, von der Liebe wie zum ersten Mal zu erzählen. Meisterhaft verknüpft Niffenegger die originelle Idee der Zeitreise mit der einzigartigen, tief bewegenden Liebesgeschichte. Genial inszeniert, mitreißend erzählt.

Audrey Niffenegger lebt als Schriftstellerin und bildende Künstlerin in Chicago. Ihr erster Roman ‚Die Frau des Zeitreisenden‘ steht seit Erscheinen 2004 auf den Bestsellerlisten und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Niffenegger liebt ‚Alice im Wunderland‘ und Rilke, sammelt Schmetterlinge, Bücher und Comics.

Brigitte Jakobeit, Jg. 1955, lebt in Hamburg und übersetzt seit 1990 englischsprachige Literatur, darunter die Autobiographien von Miles Davis und Milos Forman sowie Bücher von John Boyne, Paula Fox, Alistair MacLeod, Audrey Niffenegger und Jonathan Safran Foer.

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7 Comments

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  1. Wisst ihr eigentlich wie man diese Einheimischen tatsächlich nennt? Wer weiss das? 😀

  2. Hört sich der Buchtitel: „Meisterhaft verknüpft Niffenegger die originelle Idee der Zeitreise mit der einzigartigen, tief bewegenden Liebesgeschichte.“ nicht äusserst interessant an? Was eint Ihr?

  3. Und wie gefällt Euch Bellas Geschichte überhaupt? 😀

  4. Erinnert mich irgendwie an meinen letzten Urlaub.

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