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WINTERHELDEN – Leseprobe Teil 2 (4. Kapitel) aus dem gleichnamigen Historischen Roman von Thomas Vaucher (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Winter 2014”)

WINTERHELDEN

Leseprobe Teil 2 (4. Kapitel)

aus dem gleichnamigen Historischen Roman

von

Thomas Vaucher

(sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Winter 2014”)

(zum vorherigen teil 1)
Die Bahrprobe.

Gott, der allmächtige Herr und Richter sollte also nun über mich richten. Gott war allwissend und wusste, dass ich unschuldig war, warum war ich also so nervös?

Ich hatte schon von der Bahrprobe gehört, doch bisher war ich nie Zeuge davon geworden. Man würde mich am frühen Morgen an die Bahre des Erschlagenen führen. Wenn dessen Wunde zu bluten begann, war dies das Zeichen meiner Schuld, ansonsten würde man mich für unschuldig erklären.

Gott der Allwissende wird dafür sorgen, dass die Wunde nicht zu bluten beginnt, redete ich mir ein. Immer und immer wieder.

Wie schon zuvor steckte man mich in das Verlies des Wasserturms. Dieser stand in der Mitte der Kapellbrücke, die vor mehr als hundert Jahren als Wehrgang gebaut worden war und die alte und die mindere Stadt verband, welche durch die Rusa getrennt wurde. Der achteckige Wasserturm war fünfunddreissig Schritt hoch, und das Verlies befand sich im untersten Stock, zu dem man nur über eine Öffnung im Boden des darüber liegenden Raums Zugang hatte. Es hatte weder Fenster noch Türen, und die Mauern waren drei Schritt dick.

Weitere vierundzwanzig Stunden musste ich in stiller und dunkler Einsamkeit zubringen. In dieser Nacht konnte ich kaum ein Auge zu tun.

Ich hatte Angst.

Ich habe viele Schlachten geschlagen und Kämpfe ausgetragen, doch nie zuvor verspürte ich solche Angst wie in jener Nacht. Ich glaube, es war die Tatsache, dass ich nichts dazu beitragen konnte, was den Ausgang dieses Gottesurteils beeinflussen würde. Ich war der Bahrprobe und somit der Gnade Gottes ausgeliefert.

Am frühen Morgen holten mich die Gerichtsknechte aus dem finsteren Loch heraus. Ich wurde bis auf das Unterhemd ausgezogen und gefesselt, ehe sie mich hinausführten. Es war März und obschon kein Schnee mehr in den Strassen lag, war es kalt. Ich zitterte, als ich barfuss durch die Strassen zum Ratsgebäude geführt wurde. Davor hatte sich bereits eine so grosse Menschenmenge versammelt, dass der Ratsrichter beschloss, die Bahrprobe im Freien abzuhalten.

Die Leiche des Zürchers Peter Wyss wurde in der Mitte des Platzes aufgebahrt, die Schöffen, der Gerichtsschreiber, ein Gerichtsknecht und der Ratsrichter nahmen dahinter Aufstellung. Die Zuschauer umstellten den Platz und mussten von weiteren Gerichtsknechten in ihre Schranken gewiesen werden. Ich wurde vor den Leichnam des Zürchers geführt.

«Hans Sturm», begann Heini Buri, «Ihr werdet beschuldigt, diesen Mann, Peter Wyss, getötet zu haben. Das Gericht beschloss an seiner gestrigen Tagung, dass Eure Schuld oder Unschuld mit einem Gottesurteil, dem Bahrgericht, bewiesen werden soll. Dafür haben wir uns heute hier eingefunden!» Der Richter gab ein Zeichen, und ein Mann trat vor. Es war Johannes von Wyl, ein Luzerner Pfarrer. Er begann mit einer kurzen Liturgie, in der er Gott anrief und ihn bat, auf das bevorstehende Gottesurteil zu achten und uns damit seinen Willen kundzutun. Dann befahl er mir, mit der Probe zu beginnen.

Es wurde still auf dem grossen Platz.

Ich näherte mich Peter Wyss langsam. Bis auf ein Tuch, das man ihm um die Hüfte gewickelt hatte, war der Leichnam nackt. Er befand sich mittlerweile in einem starken Stadium der Verwesung. Die Venen und Adern stachen grünlich hervor und liessen den Körper seltsam marmoriert erscheinen. In der Brust, dort, wo der Dolch ihn durchbohrt hatte, war ein Loch. Der Leichnam stank fürchterlich.

Vor der Bahre sank ich, wie mir zuvor befohlen worden war, auf die Knie, und ich begann, den Toten langsam zu umrunden. Die harten Pflastersteine hatten meine blossen Knie schon nach kurzer Zeit aufgeschürft, doch ich liess mir keinen Schmerz anmerken. Stattdessen reckte ich die Arme zum Himmel und schrie: «Allmächtiger Herrgott im Himmel, ich bin diesem Mann gegenüber ohne Schuld, das schwöre ich bei meinem Leben. Meine Hand hat den Dolch nicht geführt, der diesen Mann getötet hat. Ich bin ohne Schuld!»

Dreimal, hatte von Wyl befohlen, dreimal müsst Ihr den Leichnam auf Knien umrunden und vor Gott und dem Leichnam versichern, dass Ihr ohne Schuld seid. Küsst hernach die Wunde, die zum Tode geführt hat. So diese Wunde während der Probe nicht zu bluten beginnt, seid Ihr vor Gott und der Welt von aller Schuld an dem Mord dieses Mannes freigesprochen.

«Ich bin ohne Schuld!», schrie ich, als ich den toten Peter Wyss zum zweiten Mal umrundete. Meine Knie hatten zu bluten begonnen, doch ich spürte den Schmerz nicht. «Meine Hand hat den Dolch nicht geführt, der diesen Mann getötet hat. Ich bin ohne Schuld!»

Als ich den Leichnam das dritte Mal umrundet hatte, hielt ich inne und erhob mich ächzend. Nicht nur meine Knie schmerzten, sondern auch mein in Murten verwundetes Bein machte sich nun wieder bemerkbar. Ich taumelte an den Toten heran. Die Wunde sah unverändert aus. Doch nun kam der schwierigste Teil. Ich blickte zum Pfarrer hinüber, und der deutete mit dem Kopf auffordernd auf die Leiche. Langsam näherte ich meinen Mund dem Loch in der Brust des Toten. Der Gestank wurde unerträglich, und ich musste mich zusammennehmen, um nicht zu erbrechen. Ein Dutzend Fliegen stob davon und umschwärmte mein Gesicht. Ich hielt den Atem an, senkte meinen Kopf noch weiter, schloss die Augen und presste schliesslich meine Lippen auf das Loch, das Peter Wyss zum Verhängnis geworden war.

Der Leichnam war kalt, das Fleisch rund um die Wunde weich und nachgiebig. Ekel stieg in mir hoch, doch ich verharrte einige Augenblicke, die mir wie Stunden vorkamen, in dieser Stellung, ehe ich mich erhob und den Leichnam ängstlich betrachtete. Johannes von Wyl, Heini Buri und die Schöffen waren näher getreten. Auch die Menge drängte und drückte. Die Gerichtsknechte hatten Mühe, sie zurückzuhalten. Jeder wollte die Wunde sehen, wollte sehen, wie sie wieder zu bluten begann.

Ich hielt den Atem an. (…)

Copyright © 2013 by Thomas Vaucher

Vaucher, Thomas – Autorenporträt

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog


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Vaucher, Thomas
Winterhelden

Historischer Roman

Verlag :      Stämpfli Verlag
ISBN :      978-3-7272-1361-8
Einband :      gebunden
Preisinfo :      25,00 Eur[D] / 25,70 Eur[A] / 29,00 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 19.07.2013
Seiten/Umfang :      210 S.
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 07.2013

Winter 1478, die Burgunderkriege sind vorbei. Doch schon befindet sich die Eidgenossenschaft im nächsten Konflikt: Das grosse Herzogtum Mailand rückt mit einem riesigen Heer gegen Yrnis (heutiges Giornico, Leventina TI) vor, wo sechshundert Eidgenossen und Liviner ihre Heimat zu verteidigen suchen. Hoffnungslosigkeit macht sich breit, doch ein Mann stellt sich der lombardischen Armee entgegen: der Luzerner Söldner Frischhans Teiling.

Winterhelden ist nicht nur die Geschichte einer Schlacht, es ist auch die Geschichte von Sturmhans und Teiling. Die beiden Reisläufer erhalten vom Luzerner Gericht den Auftrag, zwei flüchtige Mörder zu suchen, und gelangen so nach Yrnis. Dort stehen sie wenig später einer Übermacht gegenüber, die ihre Vorstellungskraft zu sprengen droht.

Und es ist auch die Geschichte zweier Freunde, die sich in dieselbe Frau verlieben und so ihre Freundschaft auf die Probe gestellt sehen …

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4 Comments

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  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Giornico

    Das ist schon der Hammer und erinnert an den Film 300 der Schlacht der Griechen gegen das riesige Herr der Araber …

  2. Hier nochmal zur Erinnerung einer alten Leseprobe des Romans:

    Thomas Vaucher sagt:
    Donnerstag 1. August 2013 um 00:07 e

    Gerne, danke für das Angebot.
    Noch zu deiner Frage, wie der Roman entstanden ist: Ich hatte ja schon drei Jahre zuvor einen historischen Roman über einen Teil der eidgenössischen Geschichte geschrieben (“Der Löwe von Burgund”, behandelt die Burgunderkriege). Danach wollte ich eigentlich was ganz anderes machen (mir schwebte ein historischer Roman über einen recht unbekannten Piraten vor). Jedoch kam ich nie so richtig in die Gänge und beim Recherchieren dafür stiess ich plötzlich auf die (mir bis dahin unbekannte) Schlacht von Giornico, wo 600 Eidgenossen und Liviner einer Übermacht von 10000 Mailändern gegenüberstanden … und ich wusste sofort: das wird mein nächster Roman.
    So gesehen habe nicht ich das Thema ausgesucht, sondern das Thema hat mich ausgewählt 😉
    Begonnen hatte ich dann anfangs 2011, schob dann aber noch einen phantastischen (Kurz-)Roman dazwischen (“Hutätä”), der sozusagen eine Auftragsarbeit war, ehe ich die Arbeit zum “Winterhelden”-Roman Mitte 2012 wieder aufnahm und den Roman dann in einem halben Jahr bis Ende 2012 zu Ende führte.

  3. Ja, mich hat die Geschichte auch sofort stark an „300“ erinnert. Die ersten beiden Leseproben beschreiben den Anfang des Buches, der zur Schlacht hin führt. Die nächsten beiden Leseproben finden dann kurz vor der Schlacht statt …

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