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VORSICHT, ICH BEISSE! – Shortstory von Irene Salzmann (sfb-Preisträger Platz 1 /geteilter Preis – im Storywettbewerb 3/2015)

VORSICHT, ICH BEISSE!

Shortstory

von

Irene Salzmann

(sfb-Preisträger Platz 1 /geteilter Preis – im Storywettbewerb 3/2015)

Zufrieden betrachtete sich Iris im Spiegel. Ihr Make-up war ein Volltreffer: dramatisch, um nicht zu sagen dämonisch. In der Schule hatten sie ihr den Spitznamen ‚Draculinchen‘ verliehen – das paßte wie die Faust auf die Knollennase.

„Hob-noblin

Wit the goblin

De Goblin Girl

From da mystery world

Hob-noblin

Wit de goblin

She’s black and green

‚Cause it’s Halloween“

So sang sie. Iris liebte die treffenden Texte und die unkonventionelle Musik Frank Zappas.

Mit dem hübschen Gesicht, den schulterlangen, glatten, fast schwarzblauen Haaren und den dunklen Augen, die einen interessanten Kontrast zu ihrer makellos hellen Haut bildeten, war sie ein richtiger Hingucker. Sie genoß es, daß sich die Jungs fast den Hals verrenkten, wenn sie ihr nachstarrten. Iris war mittelgroß und hatte eine gute Figur, die sie vorzugsweise durch hautenge Stretchminis oder Leggings und raffinierte Shirts betonte, in Schwarz natürlich. Es machte Spaß zu beobachten, wie den Kerlen die Hosen zu eng wurden, während die Freundinnen vor Wut schier platzten.

„Raggedy black

Is the way she dress

Little green shoes

‚N her hair’s a mess

On Halloween night

At the costume ball

She’s a Goblin Girl

An‘ she can gobble it all.“

Ihre Mutter schüttelte regelmäßig den Kopf, wenn Iris die Umhängetasche vom Haken der Gaderobe nahm, die Overkneestiefel mit den hohen Bleistiftabsätzen anzog und sich auf den Weg zum Bus machte. Sie wohnten am Stadtrand, und das ‚Whiskey Inn‘, die momentan beliebteste Disco, befand sich in der City.

Iris wusste genau, was ihre Mutter dachte, aber nicht aussprach, da sie es aufgegeben hatte, immer dieselben unerwünschten Ratschläge zu erteilen. Inzwischen war Iris achtzehn, volljährig, erwachsen, sodass sie sich von niemandem mehr etwas sagen ließ.

„Kind, wie läufst du nur herum“, hatte die Mutter bis vor kurzem jedes Mal genörgelt. „Da musst du dich nicht wundern, wenn die Jungs frech werden. Die glauben doch, dass du das willst, wenn du dich so zur Schau stellst.“

„Some girls like to dress like witch

Some girls like to dress like a queen

Best way a girl

Can dress for me

Is in a Goblin Suit

They look so cute …“

Manchmal hatte der Vater eingelenkt. „Iris ist alt genug und muss ihre Erfahrungen machen. Waren wir denn anders? Ich weiß noch, wenn wir zusammen in den Club gingen, hast du dich immer vorher bei einer Freundin umgezogen, weil deine Mutter nicht wissen durfte, dass du dir Bluejeans gekauft hattest.“ Er lächelte bei diesen Erinnerungen, dennoch war er nicht minder besorgt. „Komm nicht so spät nach Hause, Iris. Nicht, dass etwas passiert!“

Was sollte schon passieren? Iris hatte keine Angst. In der Disco war immer viel los. Auch die Straßen waren nie leer. Keiner traute sich an sie ran, wenn einige Schritte weiter Leute gingen. Sie wusste, wo sie sicher war und dass man einsame Nebenstraßen meiden musste. Meist fand sie jemanden, der sie nach Hause fuhr, sodass ihr auch die hundert Meter von der Bushaltestelle durch das schlafende Wohngebiet, die wirklich manchmal unheimlich waren, erspart blieben. Grundsätzlich ließ sie sich nur von Bekannten heimbringen; und damit keiner auf dumme Gedanken kam, gab sie stets einer Freundin Bescheid. Das war eine gute Rückversicherung.

Nur einmal hatte ein Junge, ermutigt durch ein Bier zu viel, den Wagen in einen dunklen Feldweg gelenkt und angefangen, ihren Busen zu begrabschen. Er hieß Bernd und war eine Klasse weiter. Daraufhin hatte er eine Überraschung erlebt, dass er schreiend aus dem Auto gesprungen und mit schnellen Schritten weggerannt war. Iris glaubte, dass er sich vor Schreck sogar in die Hosen gemacht hatte. Sie kicherte leise vor sich hin. Seither hatte er einen großen Bogen um sie gemacht, wenn sie sich zufällig in der Schule begegneten. Nein, Iris war nicht leichtsinnig und wusste sich zu verteidigen.

„She’s a goblin

A Goblin Girl

She’s a goblin

A Goblin Girl

I been hobblin‘

‚Cause of the goblin

Goblin Girl … Goblin Girl.“

Der Bus kam pünktlich, da um diese Zeit nicht mehr viele Fahrgäste unterwegs waren. Am Dom stieg sie aus und hörte schon das leise Stampfen der Musik, obwohl das ‚Whiskey Inn‘ zwei Straßen weiter war. Heute war Techno-Night angesagt. Sie spürte, wie die Rhythmen nach ihrem Körper griffen und sie unwillkürlich ihre Füße im Takt setzte.

„Hi“, grüßte Iris nach rechts und links, wenn sie bekannte Gesichter im Dämmerlicht entdeckte. Die Lippen der anderen bewegten sich ebenfalls zu einem Gruß, der sich im Gedröhn verlor.

An der Bar bestellte sich Iris eine Cola. So früh mochte sie noch keinen Alkohol.

Auf der Tanzfläche drängten sich Paare und Solisten, schüttelten sich ekstatisch, sofern sie dafür genügend Platz hatten. Am Rand schauten die anderen Gäste zu, tranken und rauchten und knutschten, weil es für Gespräche zu laut war. Wer sich unterhalten wollte, trieb sich im Eingangsbereich herum, wo man nicht zu schreien brauchte – aber wer kam schon, um sich zu unterhalten, in eine Disco?

Reden und Knutschen mochte Iris nicht, sie war zum Tanzen hier. Den regelmäßigen Discobesuchen verdankte sie eine gute Kondition. Sie konnte eine ganze Nacht durchmachen, ohne, wie einige andere, auf die kleinen, bunten Pillen zurückgreifen zu müssen, die verstohlen von Hand zu Hand wanderten. Sie wusste ziemlich genau, wer auf Speed, Koks, Crash oder XTS abfuhr und von wem man es bekommen konnte; aber sie brauchte das Dreckzeug nicht.

„Charlie’s disgusting brain, well it’s all black

The girl got a very dead brain, it won’t come back

She got dirt all around the hole

Where they dumped her box in

They call it the grave

They call it the grave

They call it the grave.“

Tanzen war die einzige Droge, auf die sie stand. Tanzen, tanzen, all through the night.

Iris ignorierte die Typen, die sie teils neugierig, teils aufdringlich musterten. An das Märchen vom ultimaten Supertyp, den ihre naiven Freundinnen immer noch aufzugabeln hofften, glaubte sie schon lange nicht mehr. Supertypen hingen nur in den Nobeldiscos der Großstädte herum, nicht aber in den Kleinstadthüpfburgen, und dann hatten sie immer eine Tussi in Schlepp. Auf die Anmache eines Blödmanns, den sie von der Schule oder aus dem Bus kannte, konnte Iris verzichten. Bernd, dachte sie nur, Widerling.

Nachdem Iris ihr Glas geleert hatte, mischte sie sich unter die Tanzenden. Nach einer Weile, sobald die Schüchternheit überwunden war, würde sich automatisch ein Partner zu ihr gesellen. Wenn dieser ihr gefiel, blieb sie eine Weile mit ihm zusammen, und wenn nicht, kam irgendwann ein anderer, mit dem sie sich der Musik hingeben konnte.

Als der dicke Holger auftauchte, verdrehte Iris prompt die Augen und wandte ihm den Rücken zu. „Verzieh dich, Stinky!“, zischte sie, obwohl es im Getöse unterging. Dass der seine Fettmassen ausgerechnet ihretwegen zum Schwabbeln bringen musste! Obendrein roch er unangenehm.

„Hey! Do you know what you are?

You’re an asshole! An asshole!“

Plötzlich schien alles um Iris zu erstarren. Weder hörte sie die ohrenbetäubende Musik, noch nahm sie das grelle, rhythmisch flackernde Licht wahr. Sie spürte auch nicht, dass sie angerempelt wurde. Die Zeit schien einfach stillzustehen, Iris‘ Atmung und Herzschlag auszusetzen.

Er stand vor ihr! Kurzgeschnittenes, leicht gewelltes, dunkles Haar. Schmales Gesicht, gerade Nase, sensible Lippen. Blaue Augen. Wenngleich die Lichtverhältnisse über die tatsächlichen Farben täuschten, wusste sie genau, diese Augen waren blau. Groß und schlank. Ein Superbody. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit ‚X-Files‘-Logo und eine verwaschene Jeans. Das war der ultimate Supertyp – ihr ultimater Supertyp!

Der Techno-Sound hämmerte weiter, und auch Iris bewegte sich weiter. Sie hatte überhaupt nicht innegehalten. Nur ihr selbst war der taxierende Blick wie eine Ewigkeit vorgekommen.

Was machte der Supertyp im ‚Whiskey Inn‘? Sie hatte ihn noch nie hier gesehen, sonst wäre er ihr längst aufgefallen. Vermutlich war er zu Besuch und von Freunden mitgenommen worden.

Inzwischen hatte er sie entdeckt und tanzte etwas näher zu ihr heran. Iris war sich bewusst, dass sie fabelhaft aussah, und auch er war einfach fantastisch. Sie passten …, nein, sie gehörten zusammen wie … wie … ein paar Lippen. Wie mochte er sich nennen? Iris und Alex. Iris und Bill. Iris und Chris. Iris und Dave. Iris und … Ihre Augen trafen sich, und Iris war sich sicher, dass er sie ebenso anstarrte und dasselbe dachte.

Sie tanzten miteinander, wortlos; wie lange, das konnte Iris nicht abschätzen. Irgendwann tranken sie an der Bar einen Gin-Fizz. Dann tanzten sie wieder. Der Schuss Alkohol im Blut machte Iris leicht wie eine Feder, und sie schwebte förmlich an der Seite ihres Supertypen. Die restliche, langweilige Welt existierte nicht mehr.

„When they’re a goblin

There ain’t a problin

When they’re a goblin

I start a-wobblin‘

Pink all over

Some is tan

Goblin Girls

From every land

They look good

From any which-a-way

Every Halloween

You can hear me say:

‚Goblin Girl, take it away …'“

Als sie keine Lust mehr hatten, traten sie hinaus auf die Straße. Iris empfand die frische Nachtluft als eine Wohltat. Der sanfte Wind kühlte ihr erhitztes Gesicht. Gedämpft drang die Musik an ihre Ohren, als sie ein paar Schritte weiterschlenderten. Das Schweigen hielt schon zu lange an. Worüber sollte sie nur mit ihm reden?

„Ich heiße Fred“, stellte sich der Supertyp vor. „Eigentlich Frederick, aber so ruft mich keiner.“

„Iris“, quetschte Iris atemlos hervor und fühlte sich unheimlich dumm. Da ging sie neben ihrem Supertyp und brachte kaum einen vernünftigen Ton hervor. Wo war ihre Selbstsicherheit geblieben?

„Ein schöner Name“, erwiderte Fred ungezwungen. „Wohnst du hier in der Nähe?“

„Etwas außerhalb“, antwortete sie. „Und du?“

„Ich bin nur zu Besuch. Bei meinem Bruder.“

Wie Iris vermutet hatte. Schade! Dann würde sie ihn wohl nur ab und zu sehen oder gar nicht mehr. Sie versteifte sich unwillkürlich. Supertyp oder nicht, für einen One-Night-Stand war sie sich zu schade. Oder was erwartete er? Erwartete er überhaupt etwas?

„I’m a beautiful guy

And you have walked by

And I gave you the eye

But you pretend to be shy

But I’m a beautiful guy

You know what I mean? You know what I mean?“

Als sie die Haltestelle erreichten, fuhr der Bus gerade ab.

„Scheiße!“ Iris schimpfte, obwohl es ihr ganz recht war, dass sie dadurch noch ein wenig mit Fred plaudern konnte. Der nächste Bus kam erst in einer Stunde. Bis dahin wollte sie Fred den Kopf so verdrehen, dass sie sicher sein konnte, dass er immun war, wenn ihn eine andere zu krallen versuchte. Sie wollte ihn unbedingt wiedersehen.

„Gehen wir noch einen trinken?“ schlug Fred vor.

Iris schüttelte den Kopf. „Unterhalten wir uns ein wenig, ja?“

Er legte sanft den Arm um ihre Schultern, und sie spazierten durch den Dompark. Zu so später Stunde waren sie die einzigen Besucher, und die Scheinwerferkegel beleuchteten das imposante Sandsteinmonument und den sprudelnden Springbrunnen nur für sie beide. Unter hohen Platanen und zwischen gepflegten Blumenrabatten erinnerten Gedenktafeln an historische Persönlichkeiten, die hier seit Jahrhunderten begraben lagen: Fürsten, Bischöfe, Gelehrte, Reiche.

Iris fand es echt romantisch und kümmerte sich nicht um die Mücken, die sich in der schwülen Luft tummelten und auf Blut aus waren. Dann hatte sie eben am nächsten Tag ein paar juckende Stiche, wenn schon! Sie setzten sich auf eine Bank, die von duftenden Heckenrosen umgeben war.

Sie redeten über die Schule, Ausbildungsplätze, Musik, Bücher, alles Mögliche.

„Ich bin froh, dass wir uns begegnet sind“, sagte Fred. „Treffen wir uns morgen wieder?“

Ja! „Vielleicht.“ Iris zuckte mit den Schultern. Wie ein reifer Apfel vom Baum wollte sie ihm nicht in den Schoß fallen. „Bist du oft bei deinem Bruder?“

Er lächelte ein wenig. „Er lässt mich bei sich wohnen, wenn ich es will.“

Sie saßen eine Weile still nebeneinander und betrachteten die hohen Türme des romanischen Doms.

Fred beugte sich zu Iris herunter und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Die Umarmung wurde etwas fester, als sie ihn gewähren ließ. Seine Lippen fanden ihren Hals, er begann zu saugen und zu lecken.

„I lay awake nights sayin‘, ‚Thank you, Fred!‘

Oh God, Oh God, I’m so fantastic!

Thanks to Freddie, I’m a sexual spastic.“

Iris stieß ihn zurück. „Spinnst du?“ Fred erwartete also etwas, und das sogar recht schnell. Auch wenn sie im Prinzip nichts dagegen einzuwenden hatte – ihre Jungfräulichkeit hatte sie schon vor zwei Jahren im Ferienlager eingebüßt -, wollte sie nicht, dass er glaubte, sie so schnell aufs Kreuz legen zu können. Was wusste sie schon von ihm? Fred und wie weiter? Wo wohnte er? Was machte er?

„Entschuldige!“ Ruhig erwiderte er ihren zornigen Blick. „Ich dachte, du würdest das mögen.“

Mit einem Mal fiel Iris auf, wie still und finster es hier war. Das Licht schien unendlich weit weg zu sein. Ihr Herz begann heftig zu schlagen. Was war nur los? Die Worte der Mutter kamen ihr in den Sinn:

„Du musst dich nicht wundern, wenn die Jungs frech werden. Die glauben doch, dass du das willst, wenn du dich so zur Schau stellst.“

„Lass das!“, fuhr Iris ihn an. „Glaubst du etwa, ich mach’s mit jedem gleich?“

Fred rückte ein Stück von ihr ab. „Warum hast du plötzlich Angst?“ Sein Gesicht war im Dunkeln kaum zu erkennen; nur die Augen blitzten.

Ja, sie hatte wirklich Angst, Angst vor Fred. Sie konnte sich nicht erklären, warum sich ihre Gefühle so abrupt verwandelt hatten. In der Disco und beim Spazierengehen war er ihr wie der Supertyp vorgekommen, freundlich, unaufdringlich, witzig; doch seit sie hier saßen und er sie geküsst hatte, erschien er ihr irgendwie … anders, unheimlich. Sie behauptete immer, dass sie sich vor nichts und niemandem fürchtete. Aber Fred war nicht Bernd, nicht Stinky oder ein anderer dümmlicher Kleinstadtgigolo, der ein bisschen fummeln wollte, wenn man ihn bloß ließ, und den sie problemlos einschüchtern konnte, zeigte sie nur die Zähne. Unter Freds Gelassenheit schien etwas zu lauern; Erregung, Gier, und er wusste genau, was er wollte.

„Du brauchst dich nicht zu fürchten.“ Fred legte seine Hand zögernd auf Iris‘ Arm.

„Lass mich los“, stieß sie hervor, „oder -“

„Oder was?“

„Oder ich beiß‘ dir die Eier ab!“

Iris riss den Mund auf und fletschte die Zähne. Sie besaß ein gleichmäßiges, weißes Gebiss, aus dem große, spitze Eckzähne ragten.

„Hob-noblin

Wit de goblin

De Goblin Girl

From da mystery world.“

Überrascht zog Fred die Hand zurück, sah aber nicht sonderlich erschrocken aus. Dann lachte er und murmelte: „Fast hätte ich’s geglaubt.“ Sein Lächeln wurde breiter. Und er zeigte dieselben spitzen Zähne.

Offenbar war Iris‘ fantastische Idee in der Großstadt längst ein alter Hut. Scheiße!

In Panik drückte sie sich in die äußerste Ecke der Bank. Weglaufen konnte sie nicht mir diesen Beinen aus Gummi, und selbst wenn, Fred hätte sie gewiss eingeholt, noch bevor sie die Straße erreichen und um Hilfe rufen konnte. Unfähig, sich zu wehren, ließ sie sich von ihm in die Arme nehmen. Er war sanft und behutsam und wollte ihr nicht wehtun, flüsterte er in ihr Ohr, nur küssen – das andere später, wann immer sie wollte.

„My heart

Is burning with love

And I want you tonight.“

Als Iris wieder klar denken konnte und die Angst sie nicht länger lähmte, war Fred verschwunden. Er hatte sie nicht vergewaltigt, hatte ihr überhaupt nichts getan. Sie war bloß von ihrer Panik übermannt worden, sodass sie auf seine Bemühungen, sie zu beruhigen, nicht reagiert hatte. Wie ein Brett hatte sie stumm und starr in seinen Armen gehangen, nichts von seinen Worten gehört, keine Antworten gegeben, sich einfach in sich selbst verkrochen – bis es ihm zweifellos zu dumm geworden war und er es aufgegeben hatte.

„See you later“, hatte er gesagt, doch bestimmt nicht so gemeint. Vielleicht glaubte sie auch nur, dass er es gesagt hatte. Hoffte es.

Allein und verwirrt hockte Iris auf der Parkbank. Alles war in Ordnung. Und sie war so blöd.

Scheiße! Bestimmt kam Fred nie wieder und suchte sich eine, die weniger zickig war. Einmal war ein toller Typ aufgetaucht, und schon drehte sie durch, nur weil er ihr einen Kuss hatte geben wollen – einen harmlosen, zärtlichen Kuss. Das andere später, wann immer sie wollte. Ausgerechnet sie hatte Angst gehabt, eine irrationale Panik, die so plötzlich verflogen wie aufgekommen war.

Ein Schluchzen unterdrückend, schlich Iris zur Haltestelle.

„Broken hearts are for assholes

Broken hearts are for assholes

Are you an asshole?

Broken hearts are for assholes

Are you an asshole too?“

Sie hatten nicht lange auf der Bank gesessen. Der Bus stand mit offener Tür in der Parkbucht, der Fahrer las in einer Zeitung und wartete auf seine Gäste. Er schaute flüchtig auf, als sie ihm den Ausweis zeigte. Dann sah er sie nochmal mit zusammengekniffenen Augen an.

„Sie blute, Frollein.“

„Was?“ Iris verstand nicht.

„Am Hals. Sin die verdammte Migge. Mei Fraa wurd a vun äna gstoche. Erst hots blute, dann hot se so än Ding am nächste Morsche kapt. Kummt vum Gift. Die Migge krepiere net, wern nur aggressiva. Dun Se sich zu Haus nen kalte Umschlach druff, dann werds net so dick.“

Verwirrt bedankte sich Iris für den Tipp. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie gestochen worden war.

Sie musste einige Minuten warten, bis der Busfahrer die Tür schloss und losfuhr. Auch nach den nächsten Haltestellen blieb sie der einzige Fahrgast.

Das künstliche Gebiss drückte. Scheißidee! Bestimmt lachte sich Fred schief über ihr blödes, blödes Benehmen. Sie wollte die Plastikzähne herausnehmen und angewidert in den Aschenbecher am Vordersitz stecken. Mutter hatte recht gehabt! Künftig würde sie nur noch mit einer Freundin zusammen die Disco besuchen, nicht so lange bleiben und vorsichtiger sein.

Warum nur gingen diese blöden Zähne nicht ab?

Scheißzähne! Scheißzähne! Scheißzähne!

Iris beobachtete, dass sich der Busfahrer am Hals kratzte. Mit der Zunge tastete sie über die spitzen Zähne. Es war heiß. Ob sie Fred wiedersehen würde? Vor ihr der Busfahrer, der so merkwürdig sprach. Sie hatte Durst. Wie konnte sie Fred ihr albernes Benehmen nur erklären?

Der Busfahrer.

Was war sie durstig!

Sie hatte keine Angst mehr vor Fred, egal, was er tun wollte.

Der Hals.

Durst.

Süßer Fred.

Durst.

„Talkin‘ ‚bout the bad girls

All the Goblin Girls

Talkin‘ ‚bout the bad, bad girls

The little Goblin Girls.“

(Songtexte © by Frank Zappa)

-ENDE-

Copyright © Kranzberg, 1996/2015 by Irene Salzmann für Text und Bild (Songtexte © by Frank Zappa, mit freundlicher Genehmigung!)

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Dunkler Wolf (Kartoniert)
Roman. Die Karpatianer, Bd. 25
von Feehan, Christine

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Verlag:  Lübbe
Medium:  Buch
Seiten:  558
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Februar 2015
Originaltitel:  Dark Wolf
Maße:  126 x 187 mm
Gewicht:  471 g
ISBN-10:  3404171497
ISBN-13:  9783404171491


Beschreibung
Die junge Skyler kennt ihr Schicksal. Es hat einen Namen: Dimitri. Schon vor Jahren hat sie begriffen, dass sie die Seelengefährtin des einsamen Karpatianers ist, die Einzige, die ihn von dem dunklen Hunger seiner Art befreien kann. Doch sie war zu jung, zu unerfahren, zu verletzlich, um diese Verbindung einzugehen. Jetzt ist das anders. Jetzt wird sie sich von nichts aufhalten lassen, um Dimitri beizustehen. Auch nicht von den gefährlichen Lykanern, die ihn gefangen halten …

Autor
Christine Feehan wurde in Kalifornien geboren, wo sie heute noch mit ihrem Mann und ihren elf Kindern lebt. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und hat seit 1999 mehr als dreißig Romane veröffentlicht, die in den USA mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden und regelmäßig auf den Bestsellerlisten landen.

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  1. VORSICHT, ICH BEISSE! – Shortstory von Irene Salzmann (sfb-Preisträger Platz 1 /geteilter Preis – im Storywettbewerb 3/2015)

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